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Auflösung

Kapitel I

Ein alter Mann ruft an.

Wie sich das wohl anfühlt? Wenn man sich nicht ständig fragen muss, was man mit seinem Leben anstellen soll?

Diese beiden Sätze standen ein wenig verwackelt übereinander. Anna blickte auf die Schrift in ihrem schwarzen Notizbuch, einem Moleskine, das sie wie einen Kultgegenstand stets bei sich trug. Sie rauchte, die Asche fiel herunter, auf die beiden Sätze, die sie gerade geschrieben hatte, in ihren Schoß, sie streifte die Asche weg. Sie saß im Auto auf dem Beifahrersitz neben Mike, der Pressefotograf war und eigentlich Mehmet hieß. Es war Sommer, heiß, stickig, der Asphalt glühte vor Hitze, die durch die geöffneten Seitenfenster von Mikes Golf ins Wageninnere drang. Mike und Anna waren unterwegs von einem ihrer Aufträge zurück in die Redaktion der auflagenstärksten Tageszeitung des Landes, früher Abend, zäher Verkehr auf den Straßen der Innenstadt Wiens. Mit Gleichmut hörten die beiden die knacksenden und knarrenden Meldungen des Polizeifunks ab. Mike hatte seinen alten Golf mit einem Empfangsgerät für den Polizeifunk ausgerüstet, er und Anna waren dadurch sehr oft vor dem Eintreffen konkurrierender Branchenkollegen am Ort eines Geschehens. Mike fuhr und hielt das Lenkrad verdrossen, er war müde, verschwitzt, es war ein langer Arbeitstag gewesen, nichts Aufregendes, Alltagsroutine eines Pressefotografen und einer Reporterin. Schließlich hörten sie aus den Meldungen des Polizeifunks eine heraus, die interessant zu sein versprach:

Am Karmeliterplatz, im zweiten Bezirk, war in einer Wohnung die Leiche eines jungen Mannes gefunden worden, Ausländer, niedergestochen. „Ich weiß, wo das ist, Mike“, sagte Anna ungeduldig und trieb ihn an: „Los, fahr schon!“

Mike wusste selbstverständlich, dass es in ihrer Welt der perfekten medialen Abdeckung keine Geheimnisse mehr gab. Der marginale Zeitvorsprung, den sie durch das Abhören des Polizeifunks erlangten, um zuerst am Tatort zu sein, war unwichtig, denn am nächsten Tag würden die Konkurrenzblätter dieselben Meldungen gedruckt haben. Mike hätte nicht weniger fotografieren können, Anna hätte für ihre Reportage nicht weniger Informationen bekommen, wären sie später als die Konkurrenz angekommen, um Ermittlungsbeamte und Zeugen auszufragen. Und doch barg dieser kleine zeitliche Vorteil eine abstrakte Verwertbarkeit, die Stimmung am Tatort war anders, jungfräulicher und unverdorbener, die Verwandten der Opfer waren noch weidwund und ohne Panzer, der ihnen Schutz gewährte vor der Unhöflichkeit der Journalisten, die Polizei war noch zu sehr damit beschäftigt, den Tatort abzuschirmen, um mögliche Spuren zu sichern. Es ging Mike und Anna nie um die bessere Recherche, wenn sie sich eilten, um so früh wie möglich am Tatort zu sein, der zeitliche Vorsprung hatte immer nur ihrer persönlichen Befriedigung gedient.

Ramon traf gleichzeitig mit ihnen am Tatort ein. Er war der ermittelnde Polizeibeamte. Anna hatte ihn einmal sehr gut gekannt, aber das hatte keine Bedeutung mehr. Er und sie waren einander nach wie vor sympathisch, sie ergänzten einander beruflich, gaben einander Tipps, um jeweils weiterarbeiten zu können. Ramons Eltern waren Einwanderer gewesen, er war schon als Österreicher hier geboren.

„Hallo Ramon“, sagte Anna und reichte ihm die Hand. Er sah sie gründlicher als sonst an, vielleicht gefiel ihm ihr eng anliegendes schwarzes Shirt. Dann befragte er einen jungen Mann, wie sich herausstellte der ältere Bruder des Toten. Anna sah sich in der Wohnung um, ging durch die wenigen übervoll möblierten Zimmer, machte Notizen, sprach leise in ihr Diktaphon. Sie stellte Fragen, bekam Antworten, manche harsch, manche gleichgültig. Mike schoss Fotos, versuchte, sich dabei unsichtbar zu machen. Er blieb unauffällig, im Hintergrund. Anna flüsterte mit Mike, während sie eine kleine Pause machte: „Jede Beobachtung ist eine Veränderung des Beobachteten, das ist heutzutage keine neue Erkenntnis.“ Mike sagte: „Chaostheorie, alles was du tust, hat irgendeinen Einfluss auf irgendetwas, die neuen Erkenntnisse der Physik. Auch wenn du noch so objektiv sein willst, beim Beobachten und beim Berichten.“ Anna: „Ich könnte unser Bemühen um Objektivität ja als Ehrenkodex darstellen...“ Mike: „... wenn das nicht zu hochgestochen wäre...“ Anna: „... wenn das unserer Tätigkeit nicht eine Ehre verliehe, die sie nicht hat.“ Mike fotografierte konzentriert weiter. Wenn er nicht arbeitete, gab er gern mit seinem Beruf an, prahlte ein bisschen, schmückte seine Erlebnisse aus. Man konnte leicht glauben, er hielte sich für den Aufdecker der Nation. „So fängt man sich die Hasen“, grinste er, wenn Anna sein Balzverhalten kommentierte. Er musste vielleicht wettmachen, dass er schlecht bezahlt war und sein rostender Golf eher einem schrottreifen Lada glich als dem schicken Schlitten eines Playboy-Fotografen. Ob Anna eifersüchtig war? Auf Mikes Tändeleien? Mike wusste es nicht mit Bestimmtheit, er nahm aber an, dass es nicht so war. Er selbst betrachtete sich als frei jeder Eifersucht, das war nötig, denn Annas Liederlichkeit, wie er ihr Verhalten für sich nannte, hätte bei ihm bestimmt missliche Gefühle hervorrufen können.

„Kaffee!“, Ramon befahl es mehr, als dass er darum bat. Fünf Minuten später verbreitete sich in den Räumen herrlicher Kaffeeduft. Eine junge Frau, die Schwester des toten jungen Mannes, brachte ein kupfernes Tablett mit kleinen Gläsern. „Na, kommt schon“, Ramon reichte Mike und Anna gönnerhaft jeweils eines davon, mit einer dicken schwarzen Brühe, und nickte ihnen zu. Dann wandte er sich an die Schwester des Toten. Mike verstand kein Wort von dem folgenden Dialog, ihn und Ramon verband neben der gemeinsamen Zuneigung zu Anna auch die gemeinsame Herkunft, gleichermaßen stark war auch beider Abneigung gegen jedwede Stereotypisierung der Türkei und der Türken. Mike dachte kurz an seinen Vater, Istanbuler, der bei seiner Einwanderung nach Österreich, nachdem er die Türkei für immer verlassen hatte, den eisernen Vorhang der absoluten Verdrängung hochgezogen hatte. Er hatte jedes türkische Wort innerhalb der Familie verboten, ausschließlich gebrochenes Deutsch gesprochen und seinen Sohn Mehmet nur mehr Mike genannt. In dem Schwall von fremden Lauten, der sich fast greifbar zwischen Ramon und seiner Gesprächspartnerin bewegte, ortete Mike ein paar Flüche, er wusste nicht, worum es ging, aber Flüche waren unverkennbar, Ramons Verve war unmissverständlich, die Frau konterte mit derselben Aggression.

Schließlich kam Ramon zu Mike und Anna, erzählte ihnen, worum es ging, wie sich die Tat seiner Meinung nach gestaltet hatte, sein Entgegenkommen lohnte sich für ihn: In der auflagenstärksten Tageszeitung Österreichs lief die PR-Maschinerie zu seinen Gunsten.

Ramon, Mike und Anna funktionierten in einer ausgewogenen Symbiose miteinander. Ramon musste aufklären, um dem Gesetz Genüge zu tun, Mike und Anna mussten recherchieren, um ihrem Job gerecht zu werden, die beiden Presseleute konnten sich auf Hinweise von Ramon verlassen, Ramon, im Gegenzug, nutzte ihre Recherchen für seine Arbeit. Mike und Anna boxten sich an Orte vor, die Ramon, als offizieller Staatsbeamter, nicht ohne offizielle Erlaubnis betreten durfte. Er wiederum hatte Zugang zu Plätzen, die den Zeitungsleuten verwehrt waren.

Man verabschiedete sich voneinander, Mike und Anna verließen den Tatort, schweigend gingen sie das Treppenhaus hinunter, betraten die Straße.

Mike war ein wenig beleibt, ruhigen Gemüts, ein paar Jahre älter und einen Kopf größer als Anna. So hätte sie zu ihm aufsehen können, was sie aber nicht tat. Anna war eitel, blond, sauber und sie machte keinen sonderlich heiteren Eindruck. Er der Reporter des Bildes, sie die Reporterin des Wortes, kannten die beiden einander zu gut, um sich noch mit neutralen Augen zu sehen.

Mike und Anna hatten fast zeitgleich bei der Auflagenstärksten zu arbeiten begonnen. In den Redaktionsräumen waren sie sich über den Weg gelaufen und hatten zu ihrem gegenseitigen Erstaunen festgestellt, dass sie sich von früher kannten, von Kindheits-Sommermonaten auf dem Lande. Die Zufälligkeit ihres gemeinsamen Arbeitsbeginns bei der Tageszeitung hatte sie einander näher gebracht. Vielleicht, weil sie beide in dem Glauben waren, der Wahrheit durch ihre Tätigkeit dienlich sein zu können, hatten sie aneinander Gefallen gefunden. Nun, nach jahrelanger Zusammenarbeit, erfühlten sie einander, wussten um die Befindlichkeit des anderen, auch, wenn der gerade nicht anwesend war. Ein zusammengeschweißtes Berufsteam, tägliche und nächtliche Reportagen verschiedenster Belange miteinander erarbeitend.

„Anna“, hatte Mike sie gefragt, „warum bist du so, wie du bist?“ Sie hatte geantwortet: „Ich habe mir angewöhnt, mich nicht von meinen Emotionen leiten zu lassen.“ Mikes Anhänglichkeit Anna gegenüber war spontan und intensiv bei seinem ersten Treffen mit ihr entstanden, deshalb akzeptierte er diese Äußerung, ohne brüskiert zu sein. Er hatte nur eine schemenhafte Kindheitserinnerung von ihr behalten und hatte sie deshalb ein wenig ausgefragt. Er erfuhr, dass sie ihren Vater nicht kannte, in ihrer Geburtsurkunde stand „Vater unbekannt“, ihre Mutter Elisabeth hatte eine Art Hippie-Leben geführt, mit ihr hatte Anna ein derart überworfenes Verhältnis gehabt, von klein auf, dass sie noch nicht einmal 13jährig freiwillig und selbständig in ein Jugendheim gezogen war. Als ihre Mutter ein Jahr später überraschend an fortgeschrittenem Brustkrebs starb, empfand Anna den Todesfall wie ein abgekartetes Spiel ihrer Mutter, quasi aus Rache war die gestorben, um Anna mit einer nie einlösbaren Schuld zurückzulassen. Mike schob Annas kaltblütige Unantastbarkeit auf Begleiterscheinungen ihres Lebenslaufs als verwaistes Einzelkind, als Folge des Fehlens eines beständigen Nestes. Er selbst kam aus einer kinderreichen Familie, seine Eltern lebten noch, außerhalb Wiens in Neulengbach. Er konnte auf seine Familie zurückgreifen, wenn er Wärme brauchte, Anna hatte diese Möglichkeit nie gehabt.

Mike und Anna schlenderten über den hitzeschwangeren Karmeliterplatz zur Hollandstraße, gegenüber dem jüdischen Restaurant betraten sie eines der einstmals stolzen Patrizierhäuser der Jahrhundertwende, welche die Hollandstraße säumen. Im Eingangsbereich in der Kühle des alten Hauses setzten sie sich auf die unteren Stufen der Steintreppe, um ihre Arbeit zu beenden. Es herrschte Stille, fast wie in einer Kathedrale, während Mike seine Kamera auf seinem Schoß hielt und die Dateien öffnete, er machte eine Vorab-Auswahl seiner Aufnahmen. Währenddessen hielt Anna ihr Diktaphon an die Lippen und diktierte druckreif, fließend und ohne zu stocken, dann tippte sie das, was sie diktiert hatte, wortgenau in ihr Notebook und setzte die Zahl der Anschläge unter den Artikel. Sie reichte Mike die kleine Kassette aus ihrem Diktiergerät und bat: „Nimm’s mit in die Redaktion, wie immer, zu meinen anderen in die Schublade.“ Mike machte sich ein wenig lustig über sie, indem er sie „Fräulein Nummer Sicher“ nannte, er kannte ihre Gewohnheiten, er wusste, dass sie der Technik misstraute. Anna nickte und ging nicht auf seine Bemerkung ein, er hatte sie schon des Öfteren so genannt, außerdem hatte sie, wie sie selbst oft betonte, wenig Sinn für Humor.

Mike fragte: „Was wirst du machen?“ Anna zuckte mit den Schultern. Er schlug vor: „Gehen wir was essen? Hinüber ins jüdische Restaurant? Oder zum Kebab-Stand? Das wäre passend: türkische Story, türkisches Essen.“ Anna lehnte ab: „Nein, keine Lust, ich muss noch die Geschichte für die Wochenend-Beilage fertig machen.“ Essen zu gehen mit Mike war normalerweise für Anna in Ordnung, darum ging es nicht, aber die beiden hatten die vergangenen Tage durchgearbeitet, an diesem Tag schon drei Geschichten hinter sich. Anna war müde, sie wollte sich weder in ein Restaurant unter fremde Menschen setzen, noch an einer Straßenecke stehen und Junk essen, sie wollte nach Hause. Mike: „Ich fahre noch in die Redaktion, ich gebe die Fotos lieber persönlich ab, dann kann ich gleich auf meine Favoriten beharren.“ Anna: „Du nimmst das zu ernst.“ Mike: „Du nimmst gar nichts mehr ernst.“ Er packte seine technischen Gerätschaften zusammen, während Annas Telefon läutete, sie schüttelte unwillig den Kopf, sah auf dem Display einen unbekannten Teilnehmer. Ihre Neugier siegte, sie nahm das Gespräch an.

Mike ging die Treppe hinunter, dem Haustor zu. Er drehte sich um, nickte Anna zu, die beiden würden sich morgen in der Redaktion sehen. Anna blieb sitzen, hielt ihr Telefon ans Ohr, sah Mike nach und hörte den Anrufer fragen: „Wo steht die Zeitung, für die Sie arbeiten, politisch?“ Sie antwortete aufgebracht: „Da, wo dieses ganze verkommene blöde Land steht, wo denn sonst.“ Mike war schon unten angekommen, er sah befremdet zu ihr hinauf, sah sie fragend an. Nachdem er Annas abwinkende Geste registriert hatte, ging er weiter, aus ihrem Bereich. Sie zündete eine Zigarette an und beobachtete den Rauch, der sich in dem kühlen Treppenhaus kräuselnd von ihr wegbewegte, langsam und bedächtig. Am anderen Ende der Leitung eine alte Stimme, ein Anna unbekannter Mann: „Und wo stehen Sie und Ihr politisches Gewissen?“ Anna antwortete mit einem fassungslosen Kraftausdruck. Der alte Mann: „Junge Frau, Ihr Ton lässt zu wünschen übrig.“ „Mein Ton? Oder die Tatsache, wo diese idiotische Zeitung und dieses verkommene Land stehen? Samt verblödeter Leserschaft? Was lassen Sie sich über mein Wie aus“, sagte sie gereizt, „ich denke eher, dieser Sachverhalt an sich lässt zu wünschen übrig.“

Und dann fragte er sie, ob sie auf eine Tasse Tee zu ihm kommen wollte, jetzt gleich. Es war nicht weit entfernt von der Adresse, wo Anna sich befand, also nahm sie die Einladung an, während sie dorthin ging, stellte sie fest, dass sie sich von ihrer eigenen Neugier hatte überrumpeln lassen.

Kapitel II

Anna erhält ein Job-Angebot.

Inmitten seines Wohnzimmers residierte ein Flügel, nahezu überall standen, lagen, stapelten sich Bücher. Schwere Teppiche, man könnte bei jedem Schritt versinken, gedämpftes Licht, sachte Geräusche, zurückhaltende Kultur. „Ein bisschen Höflichkeit würde Ihnen nicht schaden“, eröffnete er das Gespräch. Er stand Anna gegenüber, groß, hager, alt. „Wozu?“, meinte sie. Sie fühlte sich ausgebrannt und leer, beinahe schon gelöst. „Damit man Sie nicht gleich für einen widerborstigen Dummkopf hält“, sagte er. Anna: „Und was hätte ich davon?“ Der alte Mann: „Man könnte Ihnen zumindest besser zuhören, dem Inhalt von dem, was Sie sagen. Anstatt sich durch die äußere Form so brüskiert zu fühlen, dass man gar nicht verstehen will, worum es Ihnen geht.“ „Ich habe nichts zu sagen, das mitzuteilen mich interessiert. Und die Meinung der anderen zu ändern, daran liegt mir auch nichts.“ Der manipulative Charakter ihres Jobs hatte in ihr jegliche diesbezügliche Bestrebungen erstickt.

„Was sind Sie? So eine Art Anti-Missionarin?“ Er schien interessiert, ihre Ansichten kennen zu lernen. „Keine Ahnung.“ Sie hatte wirklich keine Ahnung, trotzdem sagte sie: „Das könnte es schon treffen.“ „Tee?“, fragte er. „Ein Glas Wasser tut es auch“, sagte sie.

Der alte Mann ging in die Küche und ließ das Wasser eine Weile laufen, Anna hörte es, es war ein Geräusch, das sie liebte, fließendes Wasser. Sie überlegte, wie alt er wohl sein mochte, was er von ihr wollte, sie schaute sich um, ruhig, entspannt. Es war ihr klar, dass er noch nicht lange hier wohnte, die Möbel sahen ihr zu sehr hingestellt aus, unpersönlich angeordnet, nicht durch jahrelanges Leben und Wohnen an den Stellen, wo sie nach den ästhetischen Vorstellungen eines Innenarchitekten vielleicht nicht wirklich hingehörten, aber aus praktischen Erwägungen schließlich doch landeten. Der alte Mann kam aus der Küche zurück, reichte Anna das Glas, schön kalt, erfrischend, er fragte unvermittelt: „Und wie stehen Sie nun politisch?“ „Um Himmels Willen“, entfuhr es ihr, „lassen Sie mich mit Politik in Ruhe.“ „Lassen Sie den Willen des Himmels außer Acht. Ich will nur wissen, ob Sie so etwas wie ein politisches Gewissen haben.“ Das fehlte ihr gerade noch: „Mir reicht es, mich mit den alltäglichen Gewissensfragen herumzuärgern.“ „Die da wären?“ „Soll ich Bio-Milch kaufen? Hätte ich den Schmäh-Brief an den Musikantenstadl doch nicht abschicken sollen? Will ich wirklich Prada- Handschuhe haben?“ „Ja, Sie haben Recht“, ging er darauf ein, „das sind alles nicht gerade weltbewegende Gedankengänge.“ „Natürlich habe ich Recht“, bestätigte Anna, „wenn sich jeder den Kopf über derlei Banalitäten zerbräche, würde die Menschheit mitsamt allen Rassen und Nationalitäten in friedvoller Koexistenz leben.“ „Danke für das schöne ‚zerbräche’. Die Grammatik ist korrekt. Aber der Inhalt ist natürlich absoluter Schwachsinn. Wie können Sie“, sagte er zu ihr, „es für wünschenswert erachten, dass die Menschheit aus einer Herde dummer Schafe besteht?“ „Ach, Schafe sind doch ausgesprochen liebenswerte Tiere“, stellte Anna fest, „aber abgesehen davon, mit welchen umwälzenden philosophischen Betrachtungen schlagen Sie sich herum? Wenn Sie nicht gerade Journalisten bei ihrer Arbeit belästigen?“

Er erklärte ihr, dass er ein Job-Angebot für sie hätte: „Ich buche Sie, um mit mir nach Pragzu fahren, in meine alte Heimat. Sie sind eine exzellente Journalistin, ich lese Ihre Reportagen, Sie können gut recherchieren, Sie können gut schreiben. Sie müssen mir helfen, meine Memoiren zu schreiben.“ Anna: „Ich denke nicht daran.“ Er gab ihr seine Visitenkarte, meinte, dass sie sich sein Angebot durch den Kopf gehen lassen sollte, er würde sie selbstverständlich als eine Art Privatsekretärin anstellen, sie hätte keine bürokratischen Nachteile. Er reichte ihr die Hand: „Ich bin erschöpft. Ich bin 88 Jahre alt. Es ist Hochsommer, heiß, das macht mir zu schaffen. Auf Wiedersehen, denken Sie über mein Angebot nach.“ Anna trank den letzten Schluck Wasser, schüttelte ihm die Hand, verließ ihn, ging nach Hause, in ihre kleine Wohnung in der Zieglergasse.

Sie betrachtete seine Visitenkarte. Charles Broker. Ein gediegenes kleines Stück, keine Frage, erhabener Druck auf edlem Papier, kein billiges Copy-Shop-Produkt. Auf der Vorderseite eine Adresse in New York, auf der Rückseite handschriftlich die Wiener Adresse sowie eine Telefonnummer. Anna legte die Karte auf ihren Couchtisch, ging in die Küche, zum Kühlschrank, öffnete die Tür, hockte sich im Schneidersitz davor, das sanfte Innenlicht erhellte die kleine Küche, sie nahm die halbleere Sektflasche vom Vorabend heraus, trank einen Schluck direkt aus der Flasche. Sie naschte ein paar Oliven und ein bisschen von dem angetrockneten Fladenbrot vom gestrigen Naschmarkt-Kurzbesuch, das sollte als Abendessen genügen. Sie nahm die Sektflasche, in der sich noch ein Rest befand, mit ins Wohnzimmer, stellte sie auf den Couchtisch vor ihrem Sofa, schaltete den Fernseher ein, eine Weile sah sie zwei konkurrierenden Präsidentschaftskandidaten bei ihrer Wahlkampfarbeit zu, dann schaltete sie den Ton des Fernsehers ab, beobachtete die Mimik der beiden Männer, wie sie ihre Lippen in den luftleeren Raum der Sprachlosigkeit stülpten.

Was die Politiker in diesem Stummfilmszenario sagten, würde sie morgen von Mike erfahren, er liebte es, Dialoge nahezu Wort für Wort wiederzugeben und zu interpretieren, sein Spott über die Würdelosigkeit der Politik erheiterte Anna immer wieder. „Wo ist denn eigentlich mein politisches Gewissen?“, fragte sie laut, stand auf, ging zu einer großen schwarzen Truhe und entnahm der eine Mappe, in der sich Fotos befanden. Sie setzte sich wieder aufs Sofa und blätterte die wenigen Fotografien durch. Nach ihrer Volljährigkeit hatte sie ohne langes Federlesen nahezu alles weggeworfen, was sie an ihre Mutter erinnern konnte, weniges war dieser Entrümpelung entgangen. Anna sah sich ein Foto ihrer Mutter Elisabeth an, auf deren Gesicht spielte kaum merklich ein Lächeln, mit dem sie ein kleines Mädchen auf ihrem Arm bedachte, Anna als Dreijährige, hinter ihnen der Stephansdom. Dann fragte Anna das Foto ihrer Großeltern: „Und wo war euer politisches Gewissen?“ Unbeirrt sahen die beiden alten Leute zu ihr auf, schweigend, ohne zu lächeln. Anna hatte ihre Großeltern nie kennen gelernt, sie waren gestorben, als sie noch nicht auf der Welt war. Anna war tatsächlich, so wurde ihr wieder einmal ohne jegliche Sentimentalität bewusst, gänzlich allein auf dieser Welt.

Der nächste Tag, Mike stand in dem riesigen Redaktionsgebäude im Zwischenstock bei dem Kaffeeautomaten, einem beliebten Treffpunkt der Journalisten, der Automatenkaffee schmeckte besser als der in der Kantine. Mike lehnte mit dem Rücken an der Wand, hielt in der einen Hand einen Plastikbecher mit Kaffee, in der anderen Hand eine Zigarette, über seinem Kopf hing ein „Rauchen-Verboten“-Schild, um das sich niemand kümmerte, auch sein Kollege nicht, mit dem er sich unterhielt. Anna kam hinzu, Mikes Gesprächspartner ging zu zwei anderen, die auf der gegenüberliegenden Seite standen. Anna erzählte Mike von dem vergangenen Abend, sie zeigte ihm die Visitenkarte Brokers und erklärte ihm ihr Telefonat mit dem alten Mann über das verkommene blöde Land, kam auf die verkommene blöde Zeitung zu sprechen, für die sie beide tätig waren, die abseits Stehenden sahen zu ihnen herüber, indifferent. Mike: „Ist der ein Nazi? Charles Broker? Will der in Prag irgendein Unrecht wieder gut machen? Das würde altersmäßig passen. Er ist über 80, sagst du. Dann wäre er zur Zeit des Zweiten Weltkrieges Mitte Zwanzig gewesen.“ Anna: „Nazi? Ich habe ihn das auch gefragt. Er hat mir geantwortet: Nein, das Gegenteil.“ „Sehr kryptisch.“ Anna weiter: „Dann hat er gesagt, ich soll es dabei belassen und einfach mit ihm mitkommen, bei seinem Abschied von der schönsten Stadt der Welt.“ Mike wusste nicht, was er mit Anna anfangen sollte, so kannte er sie nicht. Da sie ihm so ausführlich von Charles Broker erzählte, wurde er nachdenklich, er hielt es erstaunlicherweise für durchaus möglich, dass sie das Angebot des alten Mannes annehmen könnte.

Als Anna in ihr Büro im darüber liegenden Stockwerk ging, sah Mike ihr nach, verfolgte mit seinen Augen ihre wackelnden Pobacken, die Stufen hinauf. Der Anblick erinnerte ihn wieder einmal an die Affäre, die sie gehabt hatten, ganz zu Beginn, wobei er das Wort Affäre nicht benutzte, es kam ihm abgeschmackt vor. Mike wusste, dass Annas Wesen verschieden von dem war, das man zu kennen glaubte, wenn man sie zum ersten Mal traf. Er hatte eine Weile gebraucht, um ihr schamloses Benehmen als das zu deuten, was es tatsächlich war, nämlich eine Antithese seiner selbst. Er maßte sich an zu sagen, dass er ihr Herz kannte, denn er war an dem ihren eingeschlafen. „Das Körperliche eines anderen zu erfahren“, hatte sie zu ihm gesagt, „gehört für mich zur Kommunikation dazu. Einen Menschen kann man nur dann durchschauen, wenn man ihn sich zuerst körperlich mitteilen lässt. Nachher erst, nicht währenddessen, zeigt sich für mich, ob er als Mensch taugt.“ Mike hatte mit einer Frage geantwortet: „Alles vorher, alles davor, das, was sie früher Hofmachen genannt haben, ist für dich nur Schauspielerei unter Hormoneinfluss?“ Sie: „Ja, es ist nicht echt. Es ist nur Chemie.“ Mike: „Was einer wirklich drauf hat, das weißt du erst, wenn er seinen Druck losgeworden ist.“ „Ja“, hatte sie gesagt. Mike war sich damals, nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht, entblößt vorgekommen, als sie ihm das gesagt hatte.

Am Abend kam Sophie in die Redaktion, Annas beste Freundin. Die beiden jungen Frauen beabsichtigten, gemeinsam Abendessen zu gehen. Sie schlenderten Arm in Arm in ein nahe gelegenes italienisches Lokal, das üblicherweise als Pizzalieferant für nächtliche Redaktionssitzungen fungierte. Sophie bestellte Spaghetti, Anna Salat und Fisch. Während sie auf ihre Mahlzeiten warteten, tranken sie Rotwein und aßen dazu Weißbrot. Sophie erzählte von ihrem Freund Bob, mit dem auch Anna bekannt war. Bob war bei einem Konkurrenzblatt angestellt, als Redakteur in der Chronikabteilung, demselben Ressort, für das auch Anna bei der Auflagenstärksten tätig war. Anna berichtete Sophie von dem absonderlichen Angebot, das ihr Mr. Broker gemacht hatte und dass sie wirklich in Erwägung zog, es anzunehmen, hauptsächlich aus finanziellen Gründen. Sophie: „Wie lange wird das dauern?“ Anna: „Ein paar Wochen, nehme ich an. Warte mal, ich rufe ihn an.“ Anna wählte Mr. Brokers Telefonnummer, die handschriftlich notierte auf der Rückseite seiner Visitenkarte. Sie stellte ihr Handy auf Lautsprecher um, Sophie hörte den folgenden Dialog mit. Anna: „Für welche Zeitspanne wäre das denn, dieses Memoiren-Schreiben in Ihrem Heimatland?“ „Mein Heimatland gibt es nicht mehr, junge Frau. Die Tschechoslowakei existierte von 1918 bis 1938 und von 1945 bis 1992. Wenn Sie mitkommen, dann fahren Sie mit mir lediglich in meine Heimatstadt Prag.“ „Du liebe Güte“, sagte Anna, „können wir etwas weniger kleinlich sein?“ Mr. Broker: „Die Dauer des Aufenthalts hängt ganz von Ihnen ab.“ „Von mir?“, fragte sie erstaunt. „Ja“, meinte er nur. „Mehr wollen Sie mir nicht sagen? Immerhin muss ich mir entweder Urlaub nehmen oder kündigen.“ „Tun Sie letzteres“, sagte er, „Sie werden es nicht bedauern.“ „Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass Sie mehr wissen, als Sie mir sagen?“ „Ist das eine Frage?“, wollte er wissen. „Ja und nein“, meinte sie, „ich muss zugeben, dass ich anfange, Gefallen an dem Gedanken zu finden.“ „An welchem, zu kündigen oder mit mir nach Prag zu fahren?“, fragte er. „An beidem.“ „Nun gut, lassen Sie mich wissen, wie Sie sich entscheiden werden. Auf Wiederhören.“ Anna nickte Sophie zu, als erwartete sie einen Kommentar, sie sahen einander an, wortlos.

Sophie und Anna waren wie Schwestern miteinander verbunden. Als Anna damals ihre Mutter verlassen hatte, um den nie enden wollenden Streitgesprächen mit ihr und ihrem inkonstanten Freundeskreis zu entgehen, hatte sie in einem Jugendheim gewohnt, in dem Sophies Mutter als Betreuerin gearbeitet hatte. In weiterer Folge waren Sophies Eltern für Anna fast so etwas wie eine Ersatzfamilie geworden. In Neulengbach, wo Sophies Vater ein Wochenendhaus besaß, in dem nun Sophie mit ihrem Freund Bob lebte, hatte Anna als Mädchen auch Mike kennen gelernt. Dieser erste pubertäre Kontakt war allerdings ein wortloser gewesen. Wenn Sophies Mutter das störrische Mädchen gelegentlich am Wochenende aus der Großstadt Wien mit aufs Land nahm, hatte Anna über das Gebüsch, das die Grenze zwischen den Grundstücken von Mikes und Sophies Eltern bildete, das Treiben der ausländischen Nachbarn beobachtet. Mit nicht mehr kindlichem und noch nicht erwachsenem Blick folgten ihre Augen dem Tun des ältesten Sohnes der Nachbarsfamilie, Mehmet nannten ihn seine Geschwister, sein Vater aus ihr unerklärlichen Gründen nur Mike. Anna dachte sich damals, dass Mehmet ein schöner Name war.

Charles Broker ging in seiner Wohnung auf und ab. Das Mobiltelefon, mit dem er Annas Gespräch entgegen genommen hatte, legte er auf den Flügel, nahm dann Platz, ließ seine Hände auf der Klaviatur liegen, den Kopf in den Nacken gelegt, mit geschlossenen Augen, saß er da. Er wartete darauf, dass Anna noch einmal anrufen würde, um sein Angebot anzunehmen, um ihm Sicherheit zu geben, dass das, wofür er nicht mehr allzu viel Zeit hatte, baldigst geschehen würde. Er blickte zurück auf sein Zögern, jahrelang, jahrzehntelang, das Richtige hinausschiebend, was sonst nicht seine Art war, als fortschrittsgewohnter Geschäftsmann hatte er die Unentschlossenen nie gemocht. Anna rief nicht nochmals an, er begann eine Melodie, seine Finger glitten über die Tasten, er wollte der Phrase des selbstvergesseneren Spielens nachkommen, aber es gelang ihm nicht.

Sonntag, frühmorgens, die Redaktion war fast ausgestorben, abgesehen von den Mitarbeitern, die an den aktuellen Ausgaben für Montag und Dienstag arbeiteten. Anna ging ihre E-Mails durch und rief Mike an, er klang verschlafen. Um elf Uhr war eine friedliche Demonstration auf dem Heldenplatz angesagt, man erwartete keine Ausschreitungen, aber das konnte man nie genau voraussehen. „Also, hol mich um halb elf in der Redaktion ab, ich warte unten“, und Anna legte auf. Die Routine gehörte zu ihrem Beruf, Passanten befragen, Demonstranten interviewen, aus belanglos dahin geworfenen Sätzen eine Story basteln.

Anna fuhr mit dem Lift in den Zwischenstock und ging zum Kaffeeautomaten, schaute dann, mit dem Plastikbecher in der Hand, im Büro von Edgar Kölbler, dem Chefredakteur, vorbei. „Hast du schon ein Layout für meine Seite?“, fragte sie ihn, auch er ein Frühaufsteher. Er sah sie müde an. „Kannst du um zwölf deine Demonstrations-Story abliefern? Sonst geht es sich mit denen vom Auslands-Ressort nicht mehr aus.“ „Klar“, meinte sie, „ich geb’s dir zeitgerecht durch.“ Er sah sie an: „Ich kenne außer dir niemanden, der eine druckreife Version aus dem Stegreif abliefern kann, während du noch am Ort des Geschehens bist.“ Sie lächelte, setzte sich auf Kölblers Schreibtisch, ließ die Füße baumeln, wartete, bis er auf seinem Bildschirm ihr Seiten-Layout abgerufen hatte. „Hier ist es“, sagte er, Anna warf einen Blick darauf, merkte sich die Anzahl der Anschläge: „In Ordnung, du kriegst es pünktlich.“ Sie überlegte, ob sie noch ein bisschen plaudern sollte, ob sie ihn auf ihre mögliche Beurlaubung oder gar Kündigung ansprechen sollte, da meinte er: „Sei so nett, geh von meinem Schreibtisch runter, wenn Martha kommt, kriegt sie einen Anfall.“ Er deutete ein Augenverdrehen an, vor ein paar Wochen hatte der blasse Chefredakteur eine Liebschaft mit seiner Assistentin angefangen, die ihn nun mit ihrer Eifersucht quälte. Anna warf ihm ganz gegen ihre Gewohnheiten ein Kusshändchen zu und verließ hüftschwingend sein Büro, sie hatte kein Mitleid mit ihm, er war verheiratet, und das Chaos seiner wirren Beziehungen ging sie nichts an.

Mike fuhr durch die Wiener Innenstadt, sie hatten ihre Arbeit bei der Demonstration erledigt, fuhren in die Redaktion zurück. Er arbeitete sich durch das Labyrinth der Einbahnstraßen, wechselte sprunghaft die Fahrbahn, überholte rechts und links. In dem verworrenen Geflecht von Seitenstraßen und engen Gassen schlängelte er sich weiter, seinem Instinkt folgend, jahrelang gesammelte Werte evaluierend, zu welcher Tageszeit und an welcher Kreuzung wie viel Verkehr zu erwarten sei. Die Ampel zeigte Rot, Mike sah Anna von der Seite her an. „Da ist was, was ich an dir nicht kenne“, sagte er, ließ den Motor hochtourig laufen, damit er bei Grün losschießen konnte. „Wenn du Hilfe brauchst, bei deiner Entscheidung….“, sagte er, tat abwesend, so, wie wenn er zerstreut wäre. „Kann schon sein.“ Anna war, soweit das ihre Disziplin erlaubte, gerührt von seiner Besorgnis, sie wählte Edgar Kölblers Telefonnummer und sagte ihm den Text ihrer Reportage durch und schließlich, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, bat sie ihn um eine zweimonatige Beurlaubung, was fast schon einer Kündigung gleichkam.

Als Anna von Mike wie selbstverständlich wissen wollte, was er am Abend machen würde, fragte er sich, ob sie nicht zu anhänglich miteinander umgingen. Sie fingen an, einer Neigung nachzugeben, einander vielleicht zu sehr zu vereinnahmen. Wahrscheinlich deshalb machte er sich alleine auf den Weg: „Fußball-Party in der Sportredaktion“, antwortete er. „Halbfinale. Die Jungs sind immer noch beleidigt, weil sie nicht mitfliegen durften. Unterlinge sind wir. Was soll’s. Der Chef fliegt zur Europameisterschaft, wir bleiben da und machen Alltagskram.“ Die Angestellten der Sportredaktion hatten einen Großbildprojektor gekauft, schauten sich die Spiele an die Redaktionswand projiziert an, Bier, Wein, Cola im Kühlschrank, Pizza vom Italiener um die Ecke. Johanna, die Sekretärin der Sportredaktion, würde auch dabei sein, ebenso ein Mädchen aus der Fotoredaktion und die ehrgeizige Susa, eine karriereentschlossene Publizistik-Studentin auf Sommer-Volontariat. Susa war Anna in der Redaktion mehrfach aufgefallen, mit einem gewissen Neid konstatierte sie den Anfangseifer der Studentin. Anna erinnerte sich, auch sie war einmal begeistert gewesen, bei der Auflagenstärksten arbeiten zu können, der Enthusiasmus war ihr im Lauf der Jahre aber vollkommen abhanden gekommen. „Und du?“, wollte er von Anna wissen, er hatte kein schlechtes Gewissen, warum denn auch. Ihre Affäre war kein Irrtum gewesen, weder in seinen Augen noch in ihren, sondern eines der sinnlichen Erlebnisse, die man in seinen Gedanken bewahrt. „Mr. Broker hat mich eingeladen, bei ihm das Halbfinale anzusehen“, antwortete Anna. „Bei ihm zuhause?“, fragte Mike, „lass dich nicht befummeln von dem alten Tatterer.“ „Dazu ist er zu anständig“, sagte sie, „und ich zu herzlos.“

Anna läutete unten, bei diesem seltsamen Haus im dritten Wiener Gemeindebezirk. Während sie darauf wartete, dass Charles Broker die Tür öffnete, las sie die Namen neben den Klingelknöpfen, sie registrierte ein verwirrendes religiöses, kulturelles und ethnisches Durcheinander. Broker benutzte nicht die Gegensprechanlage, drückte nur den Türöffner. „Warum wohnen Sie hier? In diesem Bezirk? In diesem Haus?“, fragte sie ihn, als sie in seiner Wohnung ihre Mitbringsel auf den Couchtisch im Wohnzimmer stellte, sie hatte ihren Sektkühler mitgenommen sowie zwei Flaschen, zur Sicherheit auch Sektflöten, aus Sektschalen trank sie nicht gerne. „Das war als erste Wohnung gelistet, auf dem Ausdruck von dem Immobilienmakler“, antwortete er, „als ich nach Wien gekommen bin, vor einem knappen Jahr, aus Amerika.“ „Das Erstbeste …“, begann Anna. „… ist manchmal das Beste“, setzte er ihren Satz fort. „Wenn sich alle Welt so friedvoll unter einem Dach einfinden könnte, wie hier …“, meinte er, „ … dann hätten wir ‚a dream come true’“, schloss sie.

Er hatte, abgesehen von Salzmandeln und Pralinen, nichts zum Essen da, Anna knurrte der Magen: „Was halten Sie davon, wenn wir uns Sushi bestellen?“ Er reagierte unwirsch, meinte, dass alle Welt auf einmal Sushi essen würde, sie ließ sich nicht beirren. Der Fernseher lief leise, das Spiel hatte noch nicht angefangen, Anna ging während ihrer telefonischen Sushi-Bestellung zum Fenster, sah hinunter, die Straßen menschenleer, offenbar saß ganz Wien vor dem Fernseher. Sie überprüfte dann die Temperatur des Sekts, entkorkte ihn, schenkte beide Gläser ein, reichte ihm seines. „Wen favorisieren Sie? Bringt es Unglück, wenn wir jetzt schon anstoßen, auf wen auch immer?“ Sie ließen ihre Gläser leicht aneinander klingen und sahen eine Weile den Fußballern zu, das Stadion dampfte und grölte, der Ton des Fernsehers noch immer ganz leise, vibrierte die Masse der Zuseher, die Kommentatoren gestikulierten vor der Kamera. „Der kleine David Griechenland sagt dem Goliath Tschechien den Kampf an“, meinte er, „das ist es, worauf es hinausläuft.“ „Das beantwortet meine Frage nicht, wem Sie den Sieg gönnen würden“, entgegnete Anna. „Würde mich freuen, wenn ich Ihnen eine klare Antwort geben könnte. Aber in diesem Fall bin ich kein Nationalist.“ Anna: „Was soviel heißt wie….“ Broker: „…dass es mir egal ist. Tschechien als meine Heimat, wenn Sie so wollen, ist klein, unbedeutend, da würde es mich freuen, wenn sie gewinnen. Und die Griechen? Außenseiter, und darum gönne ich es ihnen genauso.“ Da klingelte es und die Sushi kamen.

Mr. Broker nahm die Lieferung mit in die Küche, Anna schenkte Sekt nach und zündete sich eine Zigarette an. Der alte Mann hörte das Klicken des Feuerzeuges und brachte einen Aschenbecher, nahm eine Zigarette aus der auf dem Tisch liegenden Packung, zündete sie an, sog den Rauch ein. Er sagte: „Wenn es etwas gibt, das mich an den USA ärgert, dann, dass man dort nicht mehr rauchen darf.“ „Mir fällt sehr viel ein, das mich an den Amerikanern ärgert“, meinte Anna.

„Sagen Sie nur, Sie haben doch ein Moralgefühl, Politik betreffend?“, fragte er spöttisch. Sie rauchten, plauderten Belanglosigkeiten, dann stand Broker auf, ging nochmals in die Küche. Er kam mit einem Holzbrett zurück, das er Anna reichte, darauf die Sushi arrangiert, gab ihr eine weiße Stoffserviette sowie Stäbchen. Sie tranken Sekt, aßen Sushi, währenddessen schickte Tschechien sich an, die Anfangseuphorie in ein Strohfeuer zu verwandeln. „Und? Haben Sie sich schon entschieden, ob Sie mit mir nach Prag fahren? Wenn Sie Ihre Entscheidung noch lange hinauszögern, dann werde ich das nicht mehr erleben“, sagte Broker. „Ich zögere, weil ich mich schon entschieden habe“, antwortete Anna. „Und was zögern Sie hinaus?“ „Es mir selbst einzugestehen. Und, es Ihnen zu sagen. Wer weiß, vielleicht trifft Sie der Schlag, wenn Sie erst merken, was Sie sich damit angetan haben, mich mitzunehmen. Ich bin nicht so leicht zu verkraften“, sagte sie. „Keine Angst“, entgegnete er, „ich bin nicht minder unerträglich.“ „Soll das ein erfolgreiches Verkaufsgespräch sein“, fragte sie, ohne eine Antwort zu erwarten, „bei dem jeder seine Vorzüge so positiv wie möglich zurechtzurücken versucht?“

Dann vertrieben sie sich die Zeit damit, allerhand fachliche Bemerkungen über das laufende Match von sich zu geben, sie unterhielten sich, wenn das Spiel sie langweilte, sie schwiegen, wenn es spannend wurde. Als die Griechen gewonnen hatten, saß Anna noch eine Weile schweigend, während Broker den Aschenbecher leerte, die beiden Sektgläser in Papier einschlug, damit sie nicht zerbrechen konnten, und in den Sektkühler steckte. Anna beobachtete seine Handgriffe, war mit ihren Gedanken aber schon beim nächsten Tag. Sie machte sich innerlich bereit, eine kurze Nacht lang zu überdenken, was sie Kölbler sagen würde, damit er ihr einen unbefristeten Urlaub genehmigte. Es war Zeit, der muffigen Routine zu entfliehen, höchste Zeit. Broker gab Anna die Hand, begleitete sie zur Tür, wartete, bis sie ganz unten im Treppenhaus angekommen war, dann erst hörte sie, wie er seine Wohnungstür ins Schloss drückte.

Kapitel III

 

 

Chefredakteur Kölbler verliert eine Angestellte.

 

 

Anna saß im Taxi, fuhr zur Pressekonferenz einer Aktivisten-Gruppe, die für die Reduzierung des Schadstoff-Ausstoßes einer plastikverarbeitenden Fabrik kämpfte. In den vergangenen Nächten war es zu Sabotage-Akten auf dem Fabrikgelände gekommen, die Aktivisten-Gruppe schien dafür verantwortlich zu zeichnen. Anna hatte Kölbler beim Kaffeeautomaten getroffen und ihn um eine Unterredung gebeten, er hatte keine Zeit gehabt, so legten sie einen Termin für den nächsten Vormittag fest, sie wollte ihre Angelegenheit nicht nur im Vorbeigehen mit ihm besprechen.

 

Mike begleitete Anna diesmal nicht, die Veranstalter der Pressekonferenz hatten für jeden Redakteur eine Pressemappe mit Fotomaterial zusammengestellt. Die Journalisten der verschiedenen konkurrierenden Blätter begrüßten einander vorsichtig, einer die Position des anderen abschätzend, gegenüber Anna als Boulevard-Reporterin kehrten die meisten eine herablassende Haltung heraus, ihr selbst war das egal. Journalismus bedeutete für sie inzwischen nur Seitenfüllen, damit die Anzeigen besser zur Geltung kamen, sie gab ihrem Beruf nicht mehr den Stellenwert, den Außenstehende dem Zeitungswesen normalerweise beimessen.

 

Eine junge Frau in Latzhose bahnte sich ihren Weg durch die Sitzreihen der Reporter. Sie verteilte Pappbecher mit frisch-gepresstem Apfel-Karotten-Saft und bot Vollwert-Kekse aus Dinkel-Mehl an. „Warum“, fragte Anna die junge Frau, „haben die nicht einen Mann mit dem Imbiss losgeschickt, was ist denn nun mit dem überholten Rollenbild von Mann und Frau?“ Ihr kam das Ganze wie eine schlecht inszenierte Satire vor, aber die junge Latzhosen-Frau schien Annas Frage nicht gehört zu haben, sie ging weiter durch die Reihen. Bob, Annas Sitznachbar und der Lebensgefährte ihrer Freundin Sophie, Redakteur bei der intellektuelleren Tageszeitung, sagte: „Na, da bin ich aber gespannt, wie die das aufziehen wollen.“ „Rein privat und persönlich stehe ich auf deren Seite, wenn sie mir auch mit ihrem besserwisserischen Getue fürchterlich auf die Nerven gehen. Ist doch alles nicht echt, das hier“, antwortete Anna. Bob sagte: „Wusste gar nicht, dass du so rebellisch bist.“ Anna: „Manchmal würde ich am liebsten alle in die Luft sprengen, blasierte Idioten.“ Bob sah sie erstaunt an. Sie erklärte: „Machen sich wichtig, weil sie glauben, einer guten Sache dienlich zu sein, dabei sind sie nur auf der Flucht vor ihrem eigenen schlechten Gewissen, dem sind sie nur einen Millimeter voraus, den Abstand wollen sie halten, das ist der einzige Grund für ihre Alibitätigkeit.“ Bob: „Wenn ich dich so höre, frage ich mich wieder mal, warum du bei deinem blöden Blatt bleibst, anstatt zu uns zu wechseln, da wäre deine bissige Haltung erwünscht.“ Nach einem einstündigen Vortrag eines Redners, den Anna für den Pressesprecher der Öko-Gruppe hielt und der wie ein gestylter Dressman aussah, begann das Publikum nervös herumzuscharren, ein paar hoben die Hand, stellten Fragen, schließlich entwickelte sich eine Diskussion, bei der es um das Thema der rechtlichen Situation solcher Sabotage-Akte ging. Der Vortragende entpuppte sich als Rechtsanwalt, der sich auf solche Fälle spezialisiert hatte.

 

Bob schlug nach dem Ende der Diskussionsrunde einen Kaffee im Segafredo in der Nähe der Kärntnerstraße vor. „Gern“, sagte Anna und sie verließen den Saal, den die Öko-Gruppe gemietet hatte. Bei Caffè Latte überflogen die beiden die Pressemappen, Anna rief Kölbler an, fragte ihn: „Wie viel Platz habe ich für die Öko-Geschichte?“ „Achtel Seite, inklusive Foto“, teilte er mit. „Nicht gerade viel“, erwiderte sie, „und wann brauchst du es? Genügt es dir, wenn ich es in einer Stunde durchgebe? Das Foto aus der Pressemappe maile ich, ich scanne es bei mir zuhause ein.“ Kölbler antwortete: „Nicht nötig, die haben auf ihrer Homepage Material zum Downloaden.“ „Gut. Und wir zwei reden morgen in der Früh miteinander, ja?“, und sie klappte ihr Handy zu. „Bobby-Liebling“, sagte Anna, „wohin fährst du denn dieses Jahr auf Urlaub?“ Ihr war nach purer Unterhaltung zumute, sie wusste, Bob würde eine Polyglott-reife Reisebeschreibung hören lassen, er war einer, der sich auf seine Reisen gut vorbereitete. Jamaika, südwestliche Küstengegend, Anna horchte leichten Herzens zu und ließ sich in eine fremde Kultur entführen. „Wie kommst du auf Jamaika?“, wollte sie wissen, „Kiffen und Reggae?“ Bob: „Sei nicht so herablassend. Jamaika ist seit meiner Jugend mein Traum.“ „Sag mal, hat dein Name vielleicht was mit Bob Marley zu tun?“, meinte sie und fragte sich, ob ein intellektueller Journalist wie Bob, abgebrüht und abgestumpft, wirklich leicht erröten konnte, oder ob sie sich nur täuschte, plötzlich kam er Anna fast verletzbar ehrlich vor. „Und du? Was machst du diesen Sommer?

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