Logo weiterlesen.de
Aufklärung oder Idealismus?

Rolf Friedrich Schuett

Aufklärung oder Idealismus?

Kant und Fichte auf Freuds Couch


für Bernd S.


BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Kants aufgeklärter und Fichtes subjektiver Idealismus auf Freuds Couch

Versuch einer tiefenpsychologischen Deutung von Kants Kritizismus

 

 

Es fällt zu leicht, den Menschen Immanuel Kant als analen Charakter wegzuanalysieren, um dann im transzendentalen Idealismus und Selbstkritizismus der reinen Vernunft ein anankastisches Zwangssystem ritueller Abwehrmechanismen (gegen die Rückkehr verdrängter "Erkenntnis"-Wünsche ins Bewußtsein) zu entdecken. Gewiß, Kant war so pünktlich, daß die Leute nach seinen Spaziergängen ihre Uhren stellten, und gewissenhaft bis zur Pedanterie der Architonik seiner Werke. Er liebte die "Reinheit" über alles, wusch Vernunft und Anschauung frei von aller mater-ialen Befleckung, "getraute sich nach eignem Bekunden nicht, einer Frau, die ihm gefiel, sich mit diesem " groben und einfältigen Gefühl" zu nähern, ordnete das Chaos der Weltreize so weit weg, daß nur noch physikalisch purifizierte Welt und preußische Pflichterfüllung übrigblieb. Seine Schüchternheit vor dem Ding-an-sich, seine Bescheidenheit vor der Scheide der Mutter Natur, diese Mischung aus bedauernder Resignation und rationalisierter Angst - und Verzicht auf die Freßgier gegenüber der Welt - zeigen schon sympathisch das Scheitern der idealistischen Weltusurpation des Subjekts an seiner eigenen infantilen Maßlosigkeit.

 

Immer fiel auf, wie wenig sich die epochale Tragweite seiner Grundgedanken von der Dürftigkeit seiner engen Lebensverhältnisse relativieren ließ, wie sehr sein Genie gerade darin bestanden hat, weiter zu denken, als er selbst biographisch reichte. Und doch: Kam nicht die menschliche Subjektivität bei Kant aus ihrer Immanenz so wenig heraus wie er selbst zeitlebens je aus seiner Vaterstadt Königsberg und seinem Junggesellenstand ?

 

Seine zwangsneurotisch hypochondrischen Anwandlungen regten ihn zur Abfassung einer Schrift an, auf deren Psychoanalyse man sich beschränken könnte, wollte man ein Psychogramm der Privatperson Kant entwerfen: " Von der Macht des Gemüts, durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein". Noch der Marast sah wie ein Jüngling aus mit 80 Jahren.

 

Seine Ehescheu rationalisierte er so, "daß unverehelichte ... alte Männer mehrenteils länger ein jugendliches Aussehen erhalten, als verehelichte ... Sollten wohl die letzteren an ihren härteren Gesichtszügen den Zustand eines getragenen Jochs verraten?" Unzufriedenheit, Unruhe und Angst brachen auf, sobald Kant die geordnete Regelmäßigkeit seiner Lebensführung gefährdet sah; alles Spontane, Unvorhergesehene, Ungeplante drohte sein Abwehrsystem sofort zu erschüttern. Der Angewiesenheit der reinen Vernunft auf sinnliche Erfahrung hat er in seinem System eher ein Denkmal gesetzt, als daß er sich den kategorial unpräformierten qualitativen Sinnesreizen wirklich ausgesetzt hätte ohne Überich-Filter. Er hat die Leere der „Begriffe ohne Anschauung" eher auf den Begriff gebracht als sie anschaulich gefüllt. "Die Metaphysik, in welche ich das Schicksal habe verliebt zu sein", verglich er mit dem babylonischen "Turm, der bis an den Himmel reichen sollte".

 

Aber Kant scheute zurück vor dem Konflikt mit dem phallischen Turm des Vaters und kroch in ein präödipal-uterines "Wohnhaus", das "zu unseren Geschäften auf der Ebene der Erfahrung gerade geräumig und hoch genug ist". Aber nach Kant ist das metaphysische Bedürfnis des Menschen, eine von den Elternimagines freie und unsterbliche narzißtische Allmacht, die Identität mit dem Vater und die "Erkenntnis" der Mutter Natur zu erreichen, ebenso unausrottbar wie unerfüllbar: die Idee bewahrt auf, was der Begrif sich verbietet, die „Träume eines Geistersehers“ überleben die Selbstkastration einer unbefleckten Vernunft, die jene verspottet.

 

Jeder sieht die Welt nur durch seine Brille, alles ist subjektiv. Wir kennen Objekte nur so, wie sie uns erscheinen, wissen nur, was sie für uns, nicht was sie für sich selbst sind. Das "Ding an sich" bleibt uns verborgen hinter der persönlich gefärbten Fassade, die es uns zukehrt. Das ist es, was der gesunde Menschenverstand des durchschnittlichen Halbbildungsbürgers von Kant weiß und an ihm so schätzt. Praktisch gewendet: Ich sehe die Gegenstände daraufhin an, ob und wie sie mir nützen können oder nicht. In meinen Augen sind sie das, was ich von ihnen habe, ist das Gegebene das, was es mir gibt oder verweigert. Wenn ich einen Sachverhalt aber nicht so beurteile, wie er ist, sondern wie ich bin und will, nicht so, wie es sich verhält, sondern wie ich mich (zu ihm) verhalte, dann werde ich der Maßstab für die Wahrheit meines Urteils, das sich an mir bewähren muß um den Preis, daß mir die wirkliche Wirklichkeit verschlossen bleiben muß, aber auch gleichgültig sein kann, ist sie doch nur Rohmaterial meiner Bearbeitung. Für sie wird wichtig, was ich aus ihr mache, und in der Erkenntnis paßt und schmiegt mein Urteil sich nur einem Objekt an, das ich bereits auf meine Zwecke und Absichten hin zurechtgestutzt, mir auf den Leib zugeschnitten habe, damit es mir recht in den Kram passt. Die Dinge sollen so sein, wie sie schmecken; ich höre nicht auf sie, sondern sie gehören mir? Was "an" einer Sache ist, bestimmen meine Bedürfnisse, der Rest ist unverwertbar; die Welt ist das, was sie mir wert ist. Das 'Ding an sich' ist alles, was der Abfall ist? Das Bedürfnis danach kommt erst auf, sobald das Gegebene nicht genug herzugeben scheint und unbefriedigt läßt, sobald das, was ich an einer Sache finde, als Abfindung empfunden wird, die mir das Eigentliche vorenthält? Kratzen wir nur resignierend an einer zu harten Schale herum oder werfen wir mit dem Ding-an-sich nur den ohnehin unverdaulichen Kern der Frucht weg, den Knochen unterm abgenagten Fleisch, oder sind wir gar froh, der Welt gar nicht auf einen schauerlichen oder kränkenden Grund kommen zu können, wollen wir nur nicht auf Granit oder in einen Wurm beißen?

 

Nach Freud ist das Erkenntnisvermögen eine späte, mit neutralisierter Triebenergie vollbrachte Ichleistung, das Denken ein inneres, ökonomisches Probehandeln mit minimaler Energiebesetzung. Steht die Wahrnehmung psychischer Selbst- und Objektrepräsentanzen ontogenetisch zu Beginn der menschlichen Entwicklung fast ganz unter der Herrschaft des (quasi prä-subjektiven) Lustprinzips, so zwingt im Zuge weiterer Entwicklung eben dieses Lustprinzip uns zunehmend zu generalisierter "Realitätsprüfung“. Die Welt, so wie sie wirklich ist, muß ja vom Subjekt, das seine Lust in ihr sucht, in genau dem Maße berücksichtigt und richtig eingeschätzt werden, in dem es reale Unlustquellen und Hindernisse seiner Lustsuche als solche erkennen muß, um ihnen aus dem Wege gehen oder sie beseitigen zu können. Dem Lustprinzip folgen heißt also nicht nur, von der Welt selektiv nur das zur Kenntnis nehmen, was Spaß macht, und den Rest übersehen, sondern auch und gerade das ins Auge fassen, was sich den eigenen gebieterischen Wünschen widersetzt, um noch größere Unlust zu vermeiden, die aus der Fehleinschätzung des realen Widerstandskoeffizienten der Dinge erwachsen kann. Gerade die fortschreitende "Realitätskontrolle", das Interesse an dem, was wirklich da und zu gewärtigen ist, womit also zu rechnen ist, steht bei Freud im Dienst des Lustprinzips, ohne es aufzuheben. Das Wissen darum, daß und wann die Welt nicht so will, wie ich wohl will, die gesicherte Erkenntnis dessen, was an sich und nicht für mich, sondern für andere da ist, wird Instrument eines klug gewordenen Wunschdenkens, statt es abzulösen. An anderer Stelle begegnet Freud dem radikalen erkenntnistheoretischen Skeptizismus mit dem entwicklungspsychologischen Hinweis, daß unser gesamter "Erkenntnisapparat" ja doch durch graduelle Ausdifferenzierung der Realität selbst entstammt, die er zu erkennen hat, daß es also nicht zwischen Subjekt und Objekt eine solche substantielle Kluft gibt, die zu sophistischen Zweifeln an der Existenz einer Außenwelt überhaupt berechtigen könnte.

 

Scheuen wir uns nicht, die kantische "Unerkennbarkeit" des Dinges-an-sich in biblischem Sinne zu verstehen. Kant hat an einer Stelle selbst einmal von den Gründen etwas durchblicken lassen, die ihn ledig bleiben ließen, Gründe für die Unerreichbarkeit des Dinges-an-sich, die "Unerkennbarkeit" seiner Dulcinea, der femme introuvable: „Man schätzt manchen viel zu hoch, als dass man ihn lieben könne. Er flößt Bewunderung ein; aber er ist zu weit über uns, als dass wir mit der Vertraulichkeit der Liebe uns ihm zu nähern getrauen." "Ein sehr verfeinerter Geschmack dient zwar dazu, einer ungestümen Neigung die Wildheit zu benehmen und, indem sie solche nur auf sehr wenige Gegenstände einschränkt, sie sittsam und anständig zu machen; allein sie verfehlt gemeiniglich die grosse Endabsicht in der Natur, und da sie mehr fordert oder erwartet, als diese gemeiniglich leistet, so pflegt sie die Person von so delikater Empfindung sehr selten glücklich zu machen ... Daher entspringt der Aufschub und endlich die völlige Entsagung auf die eheliche Verbindung ... "

 

Wir unterstellen, daß die Gründe, aus denen er nach langem Zaudern zweimal sich wieder entlobte, um wie Kierkegaard als Junggeselle und wahrscheinlich sogar als "Jungfrau" zu sterben, die gleichen waren wie die, die ihn die berühmte 'Unerkennbarkeit' des Dinges-an-sich postulieren ließen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Aufklärung oder Idealismus?" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen