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Aufgekratzt durchs Leben

Für Werner

Meine Sauerstofflasche,

mit der ich jeden Achttausender des Lebens locker bezwinge;

Meine Bowlingkugel,

mit der ich täglich alle Neune des Lebens abräume;

Mein Fußball,

mit dem ich jeden Tag einen Volltreffer ins Tor des Lebens lande.

Vorwort

Vom Segeln habe ich keine Ahnung.

Umgekehrt sagt Ihnen vielleicht der Begriff „Neurodermitis“ ebenso wenig.

Mit diesem Buch möchte ich das ändern.

Dabei halten Sie kein medizinisches Lehrbuch in Händen, das Ihnen fachkundige Ratschläge erteilt oder Therapieanleitungen liefert. Sollten Sie Therapievorschläge herauslesen, beruhen sie einzig und allein auf meinen subjektiven Erfahrungen. Insofern kann ich Ihnen auch keine Garantie für die Wirksamkeit der beschriebenen Therapien geben.

Ich möchte Sie, die mit keiner Hautkrankheit belastet sind, einladen, für einige Zeit in meine Haut zu schlüpfen.

Betroffenen möchte ich ein „Ja, genau, das kenne ich so gut!“ entlocken, sie mögen sich in meinen Beschreibungen ein Stück weit selbst erkennen.

Besonders aber möchte ich es den Eltern mit Neurodermitiskindern an die Hand geben, die versucht sind, mit dem praktischen Kortison das Problem aus der Welt zu räumen. Hier lesen Sie, was sie Ihrem Kind vielleicht ersparen können.

Dies ist kein larmoyanter Krankenbericht, sondern eine erfrischende Auseinandersetzung mit der eigenen Krankheit. Letztendlich ist es eine Konfrontation mit einer schwierigen Situation, die auch auf jegliche andere Krise im Leben anwendbar ist. Insofern mögen auch andere, vom Schicksal gebeutelte, von den Tools profitieren, die mir selbst bei der Überwindung halfen.

Mein Beispiel macht deutlich, dass man diese Krankheit und auch andere Schwierigkeiten mit Humor und hin und wieder einem Schuss Sarkasmus sehr wohl „überleben“ kann.

Von der Haut ausgebremst

Hier lag ich wie eine ägyptische Mumie: auf dem Rücken, die Arme fest an den Körper gepresst. So hat man die königlichen Gemahlinnen der Pharaonen bestattet. Ob sie allerdings auch die Hände zu Fäusten geballt und die Augen fest zugepresst hatten, weiß ich nicht.

Wenn ich mich jetzt nicht rührte, dann könnte ich mir vorstellen, alles wäre normal. Ich bräuchte nur die Bettdecke zurückzuschlagen, aus dem Bett zu hüpfen und in den neuen Tag zu starten. Doch allein der Versuch, die Augen aufzuschlagen, würde mir wieder einmal bewusst machen, dass da etwas mit meiner Haut nicht stimmen konnte. Ich bräuchte schon eine helfende Hand, um nur die verklebten Augenlider auseinanderzubringen. Also ließ ich sie lieber geschlossen.

Eigentlich sollte ich jetzt in der Schule sein. Besonders, weil heute der erste Tag nach den großen Sommerferien war. Noch dazu der Start in die Kollegstufe. Zeitlich müsste ich jetzt gerade meine erste Stunde Latein-Leistungskurs haben.

Dieser überraschende Krankenhausaufenthalt wäre für klassische Drückeberger ein echtes Meisterstück gewesen. Erst die gesamten Sommerferien auf Kur in Davos und kaum zwei Tage zu Hause, gleich ein neuer Hautschub, der für Ferienverlängerung sorgte. Wahrscheinlich fällt es jedem normal Denkenden schwer, sich vorzustellen, dass ich mich mit heller Begeisterung den ganzen Vormittag durch diverse lateinische Schriftsteller und Philosophen geackert hätte. Mein Eifer wäre nicht zu bremsen gewesen.

Stattdessen lag ich jetzt hier rum.

Diesmal bin ich im Schwabinger Krankenhaus gelandet. Das war ein Neues auf meiner Liste.

Meiner Mutter habe ich auch schon wieder zusätzlichen Ärger gemacht. Immerhin konnte sie sich jetzt zweiteilen. Nach seinem Schlaganfall vor einem guten halben Jahr lag nämlich mein Vater zeitgleich mit mir in der Reha am anderen Ende der Stadt. Mein Bruder war auch keine wirkliche Entlastung, weil er zu dieser Zeit seine Bundeswehrzeit im Offizierskasino absaß und nur abends stinkend wie ein leibhaftiges Pommes Frites nebenan ins Bett fiel. Und meine Oma saß obendrein unbeaufsichtigt daheim und konnte jederzeit in dementer Verwirrung eine Spritztour zur nächsten Autobahn machen, um sich begeistert mit den Händen winkend auf die Fahrbahn zu werfen.

Und ich lag hier unnütz rum und verursachte noch mehr Sorgen.

Am meisten ärgerte mich, dass jetzt mein ganzer schöner Plan umsonst war. Immerhin hatte ich die Sommerferien in der Davoser Hochgebirgsklinik ausgeharrt, um ordentlich fit für den Schulstart im September zu sein, und jetzt war ich hier schon wieder als Notfall eingeliefert worden.

Ich war ein absolutes Wunschkind. Zumindest für meine Mutter. Nach meinem dreieinhalb Jahre älteren Bruder Rudi schoss ich als kleiner Wonneproppen namens Elisabeth hinterher und machte das ersehnte Pärchen komplett. Als sich aber bereits nach einem halben Jahr an meinen Handgelenken und Armbeugen rote Flecken zeigten und sich abzeichnete, dass ich eine steile Neurodermitis-Karriere hinlegen könnte, stellten meine Eltern erschrocken die weitere Produktion ein. Außerdem hatte mein Vater schon die Fünfzig überschritten und beschied sich deshalb gerne mit zwei überschaubaren Sprösslingen. Meine Mutter hingegen hätte nach eigener Aussage auch ein halbes Dutzend verkraftet.

Nach Auftreten der ersten geröteten Hautflecken konsultierte meine Mutter mit mir einen Arzt, der zunächst Pflegesalben verschrieb. Später wurde Kortison beigemischt. Außerdem legte man meiner Mutter eine sorgfältige Hautpflege nahe; eine Aufforderung, der sie gewissenhaft nachkam. Überhaupt wurde alles vermieden, was meinen Hautzustand hätte verschlechtern können.

Wir wohnten in einem Einfamilienhaus mit großem Garten, in dem wir Kinder uns ganzjährig vergnügten. Mein Bruder übernahm hierbei das Kommando. Er ersann ausgeklügelte Wettkämpfe wie Speerwerfen mit selbstgeschnitzten Wurfgeschossen aus Bambus oder Zeitrennen auf Langlaufskiern kreuz und quer durch den Garten, bei denen er bei sich gerechterweise immer einige Sekunden oder Zentimeter abzog oder dazuzählte, um faire Wettkampfbedingungen mit der kleinen Schwester zu schaffen. Trotzdem unterlag ich meistens, was mich aber keineswegs frustrierte. Die Hauptsache war, ich durfte überhaupt mitmachen.

Mit anderen Kindern spielten wir kaum, was mich überhaupt nicht störte, denn ich hatte ja meinen Bruder, mit dem es nie langweilig wurde. Obendrein bot der Garten immer genug Abwechslung. Erst viel später wurde mir bewusst, dass dieses Glück möglicherweise recht einseitig empfunden wurde, denn sicherlich war es für Rudi oft mehr als lästig, ständig die Schwester im Schlepptau zu haben, was aber wiederum von meinen Eltern gern gesehen und unterstützt wurde. Allzu oft wurde ich meinem Bruder gegen seinen Willen aufs Auge gedrückt.

Wieder eilten meine Gedanken ein paar Stunden zurück, als mich meine Mutter in der dermatologischen Abteilung des Schwabinger Krankenhauses abgeliefert hatte. Ich trug meinen bewährten alten Schlafanzug unter der normalen Kleidung. Der x-mal gewaschene Stoff schmiegte sich einigermaßen erträglich an die offene und nässende Haut. In den üblichen Wartezimmern fiel man in diesem Aufzug und mit fleckigem Gesicht meist unangenehm auf und so schlug ich gewohnheitsmäßig die Augen beim Eintreten nieder, um nicht den Blicken der Wartenden ausgesetzt zu sein. Hier aber nahm niemand Notiz von mir. Wie angenehm!

Nach einigem Warten wurde ich von einer sehr netten Krankenschwester ins Arztzimmer geschoben. Professor Doktor soundso ließ meist auf sich warten. In der Zwischenzeit saß ich wie ein Häufchen Elend zusammengesunken auf meinem Stuhl, meine Mutter daneben. In zwei Monaten wurde ich zwar 18, aber in solchen Situationen klebte ich meist wie ein flügellahmes Küken am Rock meiner Mutter.

Endlich rauschte ein weißgewandeter Herr ins Zimmer, überflog kurz die unübersehbaren Makel meiner Haut und bat mich, den Körper frei zu machen. Das war es, was ich am meisten fürchtete. Wenn einer mal das Gefühl ausgekostet hatte im grellen Scheinwerferlicht einer Neonröhre, das gnadenlos die roten Flecken und Schuppen der malträtierten Haut in Szene setzt, den prüfenden Blicken eines Mediziners ausgesetzt zu sein, der hätte eigenhändig sämtliche Glühbirnen aus der Fassung geschraubt.

Schon als Kind vermied ich es tunlichst, mich bei eingeschaltetem Licht unter die Dusche zu wagen. Das Bad wurde einen Spalt geöffnet, damit ich drinnen alles schemenhaft erkennen konnte und nicht unversehens irgendwo am Beckenrand einen Salto schlug. Dann konnte es losgehen mit der Körperpflege.

Ich legte im Halbdunkel schnell meine Kleider ab und hüpfte unter die Dusche, um mich danach in Windeseile abzutrocknen und einzucremen. Es war mir immer schon unangenehm, über meine Haut zu streichen, was leider zum Eincremen unerlässlich war. Als kleines Kind stellte ich mich deshalb mit geschlossenen Augen vor meine Mutter, streckte die Arme zu beiden Seiten aus und kommandierte: „Eincremen“.

Auch Spiegel fanden bei mir keinerlei Verwendung. Hing einer wirklich gerade so unpassend platziert, dass ich mich beim Vorbeilaufen unweigerlich darin sehen musste, dann starrte ich auf den Boden und schob mich geschwind in Todesverachtung an ihm vorbei.

Später löste sich das Spiegelproblem dadurch, dass sich die Dioptrienzahl meiner Augen parallel zu meinem Lebensalter entwickelte. Angekommen bei sieben Dioptrien, verschwimmt selbst ein zerklüftetes Gesicht zu einer angenehm rosafarbigen Masse. Ich setzte also erst die Brille auf die Nase, sobald ich mit der Morgentoilette fertig war.

Bis zum heutigen Tag sind mir im Übrigen Spiegel mit grellen Außenspots in Badezimmern ein Gräuel, die jeden Pickel zur Monsterwarze anschwellen lassen. Da bevorzuge ich doch eine schummrige Badezimmeratmosphäre, die einen gnädigen Schleier über zerklüftete Hautreliefs breitet. Sicher würde mir jede Frau im fortgeschrittenen Alter da zustimmen.

Da stand ich nun wie eine frierende Schaufensterpuppe, die man bei Eiseskälte versehentlich vor dem verschneiten Laden vergessen hatte. Trotz der auf Hochtouren laufenden Heizungen ließen mich die Entzündungen der Haut innerlich vor Kälte schlottern.

Dies alles schien den Mediziner nicht sonderlich zu beeindrucken, immerhin sah er stündlich derartige Fälle. Er umrundete mich eher mit wissenschaftlichem Interesse. „Akuter Schub“, ließ er mit Kennerblick vernehmen.

Welch bahnbrechende Erkenntnis!

Er ordnete stationären Aufenthalt mit hochkonzentrierter Kortisonbehandlung an. Dann würde man weitersehen. Also das Übliche. Ich hatte es mal wieder mit einem abgeklärten Mediziner zu tun, dem meine Not nicht sonderlich aufs Gemüt zu drücken schien. Wenige ließen einen Hauch Menschlichkeit durchschimmern, wenn sie mich zumindest mit einem mitleidigen Blick zur Türe begleiteten.

Unmittelbar später fand ich mich – nackt bis auf die Unterhose – im Behandlungszimmer auf einem Papierdeckchen platziert wieder. Man hätte mich für eine besonders exquisite Praline halten können. Dort kleisterten mich zwei behandschuhte Krankenschwestern flächendeckend dick mit Kortisoncreme ein, die sie großzügig aus einer Familienpackung drückten. Die Portionen hätten auch zur Oberflächenbehandlung einer Flugzeugtragfläche gereicht. Parallel dazu kippten sie mir in der Größe einer Ketchupflasche Kortison in flüssiger Form über den Kopf, massierten es hinter verklebten Ohren und am Nacken ein. Nach dieser Behandlung steckten sie mich in ein Operationshemd und verfrachteten mich in ein Einzelzimmer, wo ich mich in besagter Mumienstellung wiederfand.

So traf mich dann kurz darauf auch meine Mutter an, als sie nach einem Besuch bei meinem Vater wieder bei mir vorbeischaute. Inzwischen befand ich mich in einem Zustand, in dem sich wohl Schlangen befinden, die kurz vor der nächsten Häutung stehen: Ich kam mir vor, als würde ich gleich aus der Pelle platzen. Erklärenderweise muss ich hinzufügen, dass ich bis zu diesem Klinikaufenthalt meine Haut täglich mit Massen von Fett in jeglicher Form beschmiert hatte. Angefangen von Linola-Fett bis hin zu reinem Schweinefett hatte ich an Dickmachern für die Haut nichts ausgelassen. Galt es doch immer als oberstes Gebot, die knochentrockene Haut von außen mit Fett zu versorgen. So hatten es mich immerhin die zahllosen Hautärzte gelehrt, die ich bis dato konsultiert hatte.

Nun befand sich meine Haut plötzlich in einem unerträglichen Spannungszustand. Offenbar hatte ich es dieses Mal mit Kortison ohne Fettzugabe zu tun. Ich traute mich kaum, die Augen aufzuschlagen. Gleich würde die oberste Hautschicht platzen.

Erstaunlicherweise lag ich relativ relaxed unter der Decke. Normalerweise hätte mich dieser hilflose und untätige Zustand in tiefste Verzweiflung gestürzt. Doch kurze Zeit vorher hatte mir eine nette Schwester putzige rosa Pillen gebracht, die sie mir einverleibte und die – wie ich später erfuhr – Psychopharmaka waren. Ich nannte sie nur meine Glücksperlen, denn sie ließen mich den ganzen Tag sorglos dösen. Selbst eine nebenan hochgehende Bombe hätte ich weggelächelt. Irgendwie waren sämtliche Horrorszenarien über verpasste Unterrichtsstunden unter einer seligmachenden Wolkendecke verschwunden.

So schwebte ich die nächsten Tage durch den Klinikpark, schenkte den dreimal pro Tag ihren Schmierdienst erfüllenden Krankenschwestern einen dankbaren Blick und war angenehm überrascht, dass sich unter der großflächig abschuppenden Haut eine neue, fleckenfreie gebildet hatte. Nach einer Woche konnte ich wieder in die Schule.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich für die Zukunft zumindest eine Erkenntnis gewonnen: Ich würde meine Haut nie wieder derart mit Fett zukleistern, dass sie darunter nicht mehr nach Luft schnappen konnte. Unter der Fettschicht entzündete sich die Haut nur umso schneller und wegen des von außen zugefügten Fettes stellte sie außerdem ihre eigene Produktion irgendwann vollends ein. Jahrelang hatten mich die Hautärzte mit rückfettenden Bädern und aus Fett und Kortison zusammengepanschten Salben eingedeckt. Die fettfreie Behandlung besserte das Hautbild grundlegend.

Zu Hause erwartete mich die übliche Misere.

Vor einem halben Jahr hatte ein Hirnschlag meinen fast 70-jährigen Vater beinahe vollständig aus dem Verkehr gezogen. Während ich anfangs die Vorstellung unerträglich fand, mein Vater bräuchte fortan zum Laufen einen Stock, hätte ich mich darüber ein halbes Jahr später wie ein Schneekönig gefreut. Die Realität sah so aus, dass mein Vater es nie mehr schaffen würde, ohne fremde Hilfe zu laufen. Wenigstens konnte er sprechen.

Nach wochenlangen Krankenhausaufenthalten hatte meine Mutter seine Unterbringung in einer Rehaklinik durchgekämpft. Trotzdem blieb er bettlägerig. Danach wurde er zu Hause betreut, wo die ganze Familie mit anpacken musste und später durch etliche Tagesschwestern unterstützt wurde.

Mein Vater verbrachte den Hauptteil des Tages im Bett liegend, den linken Arm spastisch eingezogen auf der Bettdecke drapiert. Diverse Versuche, ihm eine größere Beweglichkeit im Rollstuhl schmackhaft zu machen, scheiterten kläglich. Spätestens nach einer halben Stunde zappelte er unruhig mit dem gesunden Bein und schielte sehnsüchtig in Richtung Bett. Da halfen kein gutes Zureden meiner Mutter, keine sonstigen Anreize, keine Tricks und auch kein strenger Ton.

Unser Familienleben änderte sich drastisch.

Meine Mutter betrieb damals schon seit Jahren eine eigene Steuerkanzlei, die in einem Raum unseres Hauses untergebracht war. Zusätzlich hatte sie noch ein weiteres Büro gleich neben dem Wohnzimmer, sodass sie ständig zwischen ihrer eigenen Arbeit und der Betreuung meines Vaters hin und her pendelte.

Ihre eigene Mutter, damals auch schon 85 Jahre alt, wohnte auch mit im Haus und versorgte nach ihren Kräften den Haushalt.

Ich war ein fröhliches und pflegeleichtes Kind. Während sich mein Bruder in einem stillen Eckchen verträumt stundenlang seinem Spielzeug widmete, rumpelte ich tatendurstig und grobmotorisch durchs Kinderzimmer. Angeblich war das erste Wort, das mir einigermaßen verständlich über die Lippen kam, ein entrüstetes „leine!!!“ (das „A“ verschluckte ich wohl im Eifer des Gefechtes), als ich energisch die helfenden Händen beiseiteschob, die mir zur Seite stehen wollten. Ich packte die Dinge schon immer gerne selbst an.

Äußerlich unterschied ich mich kaum von anderen Dreikäsehochs, mein Bruder hingegen entwickelte sich schon in frühester Zeit von einem äußerst schnuckeligen Baby zu einem noch smarteren Bübchen. Rudi geriet dabei mit seinem schmalen, fast römisch geschnittenen Gesicht und den schwarzen Haaren ganz nach meiner Mutter, während ich den pausbäckigen Eierkopf samt den runden Gesichtszügen meines Vaters geerbt hatte. Charakterlich wie auch äußerlich waren wir kaum als Geschwister auszumachen.

Ich gestehe, dass mein Bruder kein leichtes Leben mit mir hatte. Einerseits war ich zwar willige Vollstreckerin seiner Vorschläge, andererseits aber verlor ich schnell die Laune, wenn die Sache nicht nach meinen Vorstellungen lief – vor allem, wenn ich nicht gewann. Obendrein war ich schwer zu körperlicher Anstrengung zu motivieren, wenn nicht ein offensichtlicher Nutzen dabei raussprang. Mangelnde körperliche Kraft ersetzte ich durch unlautere Kampfmittel wie Zwicken und Beißen, wogegen Rudi stets heftig, aber dennoch wirkungslos protestierte. Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich Rudi dermaßen geärgert hatte, dass er mich zu Kitzeln anfing und ich mir dabei unglücklicherweise den Kopf an einer Tischkante stieß. Ein anderer Bruder hätte mir wohl an den Kopf geworfen, dass es mir recht geschähe, er hingegen lief völlig panisch im regennassen Garten auf Strumpfsocken herum, weil er die Sanktionen meiner Mutter fürchtete.

Umgekehrt hing ich mit abgöttischer Liebe an meinem Bruder und versuchte, es ihm in allem gleichzutun. Er blieb mein großes Vorbild, dem es nachzueifern galt und dem ich unbedingt gefallen wollte.

Inzwischen hatte mich wieder vollständig der Schulalltag eingeholt.

Ich hatte selbstverständlich die Fächerkombination meines Bruders gewählt – Latein und Griechisch. Darin machte ich auch mein Abitur. Ich liebte die alten Sprachen und knobelte gerne an Übersetzungen.

Daneben beschäftigten wir uns im Unterricht ausführlich mit Philosophie und Ethik. All das interessierte mich sehr. Fragen nach dem Sinn des Lebens wurden gestellt, Weltanschauungen genauer unter die Lupe genommen und es wurde um Antworten gerungen – eine Herangehensweise, die ich von zu Hause in dieser Form nicht kannte. Dort gab es feste Regeln und Schwarz-Weiß-Standpunkte; hier durften alle Meinungen vertreten werden, um sie hinterher gegeneinander abzuwägen.

Englisch hingegen behagte mir überhaupt nicht. Besonders abstoßend fand ich die Lehrmethode, bei der in comicmäßiger Aufmachung dümmliche Konversationen zwischen fiktiven Personen stattfanden. Stundenlang wurden leiernde Kassettenrekorder angeworfen, aus denen in einen öden Dialog verwickelte piepsige Frauenstimmen in Kombination mit dröhnendem Männerbass schallten. Höhepunkt der Demütigungen waren allerdings die Sitzungen im Sprachlabor, wo jeder Schüler wie im Hühnerkäfig, mit Kopfhörern bestückt, krampfhaft bemüht war, die vorgegebenen Sprachmuster nachzuleiern. Ein vernehmliches Klicken in der Leitung signalisierte das Zuschalten der Lehrkraft und spornte zu Höchstleistungen und vermehrten Schweißausbrüchen an.

Als dreijährige Göre sah ich mich an der Hand meiner Mutter fröhlich die Wege im herbstlichen Krankenhauspark entlanghüpfen. Nach der anfänglichen Neurodermitis-Diagnose und schulmedizinischer Behandlung mit Pflege-und Kortisonsalben fand meine Mutter den Erfolg dieser Therapien jedoch äußerst unbefriedigend. Durch diverse Allergietests hatte man bei mir außerdem Allergien gegen Tierhaare, Hausstaubmilben und Blütenpollen festgestellt. Das volle Allergikerprogramm. Trotz Behandlung der Haut nach Vorschrift der Ärzte, trotz hautfreundlicher Baumwollkleidung und viel frischer Luft war meine Haut immer mehr oder weniger an den bekannten Körperstellen wie Gesicht, Hals, Armbeugen und Kniekehlen gerötet, aufgekratzt und schuppend. Hinzu kam ein quälender Juckreiz, der mich ständig unbewusst an mir herumschaben ließ.

Oft versuchte meine Mutter, meine Hände festzuhalten, um mich so vom Kratzen abzuhalten. Das hatte zur Folge, dass ich mich wütend losriss und mir die Nägel mit vermehrter Gewalt in die Haut rammte. Erst wenn Blut floss, trat Erleichterung ein. Ganz besonders aggressiv reagierte ich, wenn meine Mutter anfing, sanft über meine Haut zu streicheln, um meine Kratzattacken abzumildern. Diese Berührungen empfand ich als so unangenehm wie Stromschläge. Jedes Mal stieß ich wutentbrannt meine Mutter von mir. Dann kratzte ich mich umso energischer.

Schließlich suchte meine Mutter nach alternativen Behandlungsmöglichkeiten. Bei ihren Nachforschungen stieß sie auf das Krankenhaus für Naturheilweisen in München, dessen Behandlungsmethoden aus klassischer Homöopathie bestanden.

Der dortige Professor hatte mich für vier Wochen stationär aufgenommen, wobei offiziell meine Mutter als Patientin eingetragen war, weil eigentlich keine Kinder behandelt werden durften. So teilten die ersten zwei Wochen meine Mutter und ich ein Krankenzimmer, die nächsten beiden leistete mir mein Vater Gesellschaft. Das Einzige, was mir von dieser Zeit angenehm in Erinnerung blieb, war das Gefühl, endlich einmal im Mittelpunkt zu stehen. Kein Bruder im Umkreis, der mir die Show stahl, kein Büro, mit dem ich meine Mutter teilen musste. Ich genoss es in vollen Zügen, der kleine Star der Abteilung zu sein, denn als einzigem Kind wurde mir von allen Seiten Aufmerksamkeit und Zuwendung entgegengebracht.

Die Behandlung beschränkte sich im Wesentlichen auf die Einnahme von kleinen Kügelchen, sogenannter Globuli, die ich auf der Zunge zergehen lassen sollte. Zunächst tat sich nicht viel, dann aber trat eine deutliche Verschlechterung des Hautzustandes ein, welche uns der Arzt als völlig normale Körperreaktion bereits angekündigt hatte. Wie bei jeder homöopathischen Behandlung trat zunächst eine Erstverschlechterung ein, bevor die Heilung einsetzen sollte. Meine Haut verlangte nach ihrem gewohnten Kortison und war äußerst gereizt, als sie begriff, dass es damit vorbei war.

Trotzdem wurde keinen Millimeter von der Behandlung abgerückt. Nach dem vierwöchigen Krankenhausaufenthalt wurde die Behandlung zu Hause ambulant weitergeführt, wobei der behandelnde Arzt meiner Mutter harte Zeiten angekündigt hatte.

Die nächsten Wochen und Monate bewiesen, dass der Arzt nicht zu viel versprochen hatte.

Meine Eltern hatten sich beide aus eigener Kraft aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet und es zu Wohlstand gebracht. Mein Vater stammte aus Thüringen und hatte sich dort als Kind einer alleinerziehenden Mutter – was zur damaligen Zeit kein leichter Stand war – von der Schuhfabrik zum Wirtschaftsprüfer hochgearbeitet. Aus einer ersten Ehe flüchtete er Anfang der Fünfzigerjahre nach München und heiratete meine Mutter. Als Landpomeranze aus der Oberpfalz war sie in der Großstadt München ebenfalls herablassender Behandlung und Häme ausgesetzt. Bei ihrem Vater hatte sie durchgesetzt, als Einziges von vier Kindern ihr Abitur machen zu dürfen. Danach absolvierte sie eine Lehre bei einer Treuhandgesellschaft in München. Dort lernte sie meinen Vater kennen und lieben und schon bald vereinte beide der Ehrgeiz, es im Leben weiter zu bringen als ihre Eltern. Mit Unterstützung meines Vaters studierte meine Mutter noch erfolgreich Betriebswirtschaft. Nachdem die Karriereziele erreicht waren, wollten sie sich gemeinsam ein schönes Heim schaffen. Sie erwarben ein Grundstück, errichteten ein Eigenheim und brachten dort auch die Steuerkanzlei unter, die meine Mutter eröffnet hatte.

Auf als Möbelersatz dienenden Obstkisten wurde der erste Hausstand begründet. Die Wochenenden verbrachten sie in Buchungsjournale vertieft oder bei Mandantenbesuchen. Obwohl mein Vater hauptberuflich für die Treuhandgesellschaft wegen größerer Wirtschaftsprüfungen in ganz Deutschland unterwegs war, unterstütze er meine Mutter am Wochenende in ihrer Kanzlei. In ihrer Freizeit legten sie zusammen den Zierobst- und Gemüsegarten an, der sich auf etlichen Quadratmetern um das Grundstück zog.

Trotz des Altersunterschiedes von 14 Jahren bestand meine Mutter auf eigenen Kindern. Wäre es nach meinem Vater gegangen, hätte er gut und gerne darauf verzichtet.

Die große Leidenschaft meines Vaters waren die Berge, und viel lieber verbrachte er mit meiner Mutter die karge Freizeit in den Bergen, als sich um den quengelnden Nachwuchs zu sorgen. Er war selber als Einzelkind groß geworden und hatte außer seiner Mutter kaum Verwandtschaft – und wenn, befand sich diese in der damaligen DDR, die für meinen Vater als Landesflüchtling verbrannte Erde bedeutete.

Meine Mutter hingegen hatte sich gegen sämtlichen Widerstand ihrer erzkonservativen, katholischen Familie für einen geschiedenen, erheblich älteren und zu allem Überfluss auch noch evangelischen Mann entschieden. Das Missfallen ließ man sie auch von allen Seiten spüren.

Sie sah sich schon seit Kindesbeinen an von einer Schar eigener Kinder umgeben, und sosehr sie sich auch den Wünschen und Vorstellungen meines Vaters unterwarf, am Kinderwunsch hielt sie eisern fest.

Der ausgehandelte Kompromiss gestand ihr die Kinder zu, ohne dass mein Vater seine Bergwanderungen vernachlässigen musste. An den Wochenenden verschwand mein Vater oft mit seinen Bergkameraden auf ausgiebige Touren, während meine Mutter mit uns zu Hause blieb.

Obwohl meine Mutter von ihrem Wesen her eine sensible Person ist, hatte sie sich im Laufe ihres Lebens einen Überlebenspanzer angelegt, auf den ich als Kind in Form unnachgiebiger Strenge stieß. Als große, sportliche Frau verströmte sie nur in besonderen Momenten mütterliche Wärme oder Herzlichkeit, was ich aber als Kind nicht sonderlich vermisste, denn ich war nicht besonders anschmiegsam. Mir genügten der Gute-Nacht-Kuss oder eine flüchtige Umarmung.

Vor meinem Vater hingegen hatte ich nicht nur große Scheu und Respekt, sondern richtiggehende Angst. Meine Strategie lautete, möglichst keine Aufmerksamkeit zu erregen. Das klappte meist auch recht gut. So selten, wie ich meinen Vater sah, konnte ich ihm leicht aus dem Weg gehen.

Zu der Zeit nämlich, als ich ein Kleinkind war, arbeitete mein Vater außerhalb von München und verbrachte dementsprechend die Wochentage in seinem Bungalow, den er in der Nähe seiner Arbeitsstelle in Niederbayern gebaut hatte. Wir Kinder hatten also einen Wochenendpapi, der entweder mit hochrotem Kopf im Garten werkelte oder in die Berge verschwand. Vor unserem Erscheinen hatten meine Eltern offensichtlich ein ausschweifendes Sozialleben geführt und stets ein gastfreundschaftliches Haus gepflegt. Mein Vater war streckenweise ein äußerst geselliger Mensch und fühlte sich in großer Runde wohl. Meine Mutter hingegen schätzte die Zweisamkeit und ein intensives Familienleben, was zur Folge hatte, dass nach unserer Geburt Freundschaften mit Paaren überwiegten, die ebenfalls Kinder in unserem Alter hatten.

Zu unserem Haushalt gehörte außerdem meine Oma, die Mutter meiner Mutter, die sie nach dem Tod ihres Vaters aus ihrer oberpfälzischen Heimat nach München geholt hatte. Meine Oma, eine resolute und in meinen Augen wenig herzliche Person, schmiss den Großteil des Haushaltes, vor allem oblag ihr das Kochlöffelressort. Wochentags führte meine Oma das Kommando im Haushalt, kam mein Vater allerdings am Wochenende heim, musste sie sich zähneknirschend seinem Kommando beugen. Meine Mutter machte gute Miene zum bösen Spiel und versuchte, nach allen Seiten die Wogen zu glätten.

In eine klassische Streitsituation gerieten sie stets am Vormittag des Heiligen Abends. Mit schöner Regelmäßigkeit gerieten meine Oma und mein Vater an diesem Tag aneinander, woraufhin meine Oma sich heulend in ihr Zimmer zurückzog und sich weigerte, den Heiligen Abend gemeinsam mit uns zu verbringen. Derweil polterte mein Vater unten im Wohnzimmer.

Das Ergebnis war, dass sich beide Kontrahenten nach einer nervenaufreibenden Vermittlungsaktion meiner Mutter des Abends vor dem Weihnachtsbaum einfanden, meine Oma hörbar vor sich hin schniefend, mein Vater leise grummelnd.

Nach meinem Krankenhausaufenthalt begannen nervenaufreibende Wochen. Vor allem in den Nächten wurde mein Juckreiz unerträglich. Wenn ich des Nachts vom Kratzen wach wurde, tappte ich schlaftrunken aus dem Kinderzimmer und wackelte schnurstracks vors elterliche Ehebett, in dem wochentags meine Mutter alleine lag.

Jammernd rüttelte ich sie wach und bekniete sie so lange, bis ich zu ihr ins Bett schlüpfen durfte. Erst im Rückblick erkenne ich den Automatismus dieser Aktion, denn auf diese Weise sicherte ich mir immer den begehrten Platz im Ehebett. Letztendlich setzte bei mir wie von selber in der Nacht das Kratzen ein, was mir einen alibimäßigen Grund lieferte, das Bett meiner Mutter aufzusuchen. Ich wage fast zu behaupten, dass ich die Nächte wesentlich kratzfreier verbracht hätte, wenn sich meine Mutter nicht hätte erweichen lassen und mich ins eigene Bett zurückgeschickt hätte.

Nach einiger Zeit begann meine Mutter, mir über Nacht die Arme bis zu den Ellbogen mit elastischen Binden einzuwickeln, damit meine Kratzaktionen nicht in kürzester Zeit von Erfolg gekrönt wären. Allerdings stellte sich schnell die Untauglichkeit dieser Maßnahme heraus, denn durch die Hitze, die sich unter den Binden entwickelte, trat der Juckreiz noch viel stärker auf und ich zerrte und riss so lange wütend an den Binden herum, bis die Arme wieder freigelegt waren und ich noch erbitterter meine Krallen einsetzen konnte.

Erstaunlich, dass meine Mutter diesen Zustand über einige Monate durchhielt. Immerhin hatte sie trotz erheblichen Schlafdefizits durch mein nächtliches Unterhaltungsprogramm einem Vollzeitjob nachzugehen, ihre eigene Mutter in Schach zu halten, damit sie nicht den gesamten Haushalt und die Kontrolle an sich riss, und nebenbei auch noch meinen Bruder im Auge zu behalten. Nach einem guten halben Jahr streckte sie allerdings die Waffen und brach die Behandlung ab.

Damit sich meine Haut von ihrem katastrophalen Zustand erholen konnte, riet ihr der Kinderarzt, mit mir ans Meer zu fahren. Den Hinweis, dass für meine Haut entweder ein Aufenthalt in den Bergen oder am Meer sehr förderlich wäre, hatte sie nun schon von einigen Ärzten erhalten, und sie beschloss letztendlich, diesem Rat nachzugehen.

Um meinen Vater ans Meer zu locken, musste einiges an Überzeugungsarbeit geleistet werden. Da ihm ein permanenter Aufenthalt nicht zuzumuten war, wurde er dazu verdonnert, wenigstens den Chauffeurdienst zu übernehmen.

Als Verstärkung holte meine Mutter eine ältere Nichte ins Boot, die zu unserer Betreuung abgestellt wurde; eine Aufgabe, mit der sie sich nicht sonderlich anfreunden konnte und die sie auch nicht gewissenhaft erledigte. Sie schäkerte lieber mit den Kellnern vor Ort.

So verbrachten wir zwei mehr oder minder harmonische Wochen im italienischen Bibione beim Strandurlaub.

Ich kann mich nur noch erinnern, dass ich das Wasser scheute wie der Teufel das Weihwasser, denn der Kontakt mit Salzwasser brannte wie Feuer. Das Spielen im Sand, die vielen anderen Kinder und neuen Entdeckungen am Strand waren aber so aufregend, dass ich mich nicht weiter von dieser Einschränkung beeindrucken ließ. Ich pflügte trotzdem eifrig durch den Sand und baute mit Rudi Sandburgen und Bewässerungskanäle.

Die Haut stabilisierte sich einigermaßen und nach Ablauf der Ferien startete ich ein fast normales Leben, auch wenn phasenweise wieder Verschlechterungen an der Haut auftraten und mit Kortisonsalben in Schach gehalten werden mussten.

Wie gewohnt nahm mich die Schule völlig in Anspruch, sodass ich von der wenig angenehmen Lage zu Hause kaum Notiz nahm. Ich richtete mein volles Augenmerk darauf, möglichst gute Noten daheim abzuliefern.

Obwohl das Abitur nahte, verschwendete ich keinen einzigen Gedanken daran, was danach kommen sollte. Mein Planungshorizont reichte maximal bis zur nächsten Klausur. Besondere Interessen oder Fähigkeiten konnte ich bei mir auch nicht ausmachen. Aufgrund dieser Ungewissheit starrte ich auf das bevorstehende Abitur wie das Kaninchen auf die Schlange.

Die Aufmerksamkeit meiner Mutter wurde zu dieser Zeit zum großen Teil von anderen Aufgaben in Anspruch genommen, was mir im Grunde genommen äußerst gelegen kam. Ich empfand die Gespräche am Mittagstisch, zu denen sich meine Mutter extra Zeit nahm – wie ich mit einer Prise schlechten Gewissens zugeben muss –, als bedrängend und beklemmend. Meist drehte sich das Thema um Schulaufgaben, die als Nächstes anstanden, oder um Noten, die wir gerade erhalten hatten. Ich vermied es, von irgendwelchen Vorkommnissen aus der Klasse zu berichten, denn ich wusste, dass meine Mutter mit ihrer konservativen Einstellung die meisten Äußerungen meiner Mitschüler inakzeptabel gefunden hätte.

Offenbar hatten meine Eltern bei der Auswahl unseres Gymnasiums völlig übersehen, dass es sich hierbei um eine Bildungseinrichtung handelte, die den überwiegenden Prozentsatz des Lehrapparates aus Alt-68-Beständen rekrutierte. Ebenso stammten die meisten Schüler aus Elternhäusern, die einem alternativ-intellektuellen Lebensstil frönten. Ich hatte also schon allein deshalb einen schweren Stand, weil ich stets mit gebügelten Cordhosen, braven Halbschuhen und Flanellblusen durch die Schulgänge schlich, während sich die anderen in löchrigen Jeans und ausgelatschten Turnschuhen über meinen biederen Aufzug das Maul zerrissen. Meine erste, weiße Jeans bekam ich auf längeres Drängen hin um meinen 18. Geburtstag herum. Eine richtige Bluejeans besaß ich zu Schulzeiten überhaupt nicht. Mein Bruder im Übrigen ebenso wenig.

Einmal in der Woche, wenn der Sportunterricht stattfand, tauschte ich außer Sichtweite des Hauses meine Turnschuhe gegen meine Straßenschuhe. Diese Tage schwebte ich fast durch die Gänge, denn ich bekam den Hauch eines Eindrucks davon, wie toll es war, mit einem ansatzweise standesgemäßen Outfit in der Schule aufzuschlagen.

Sobald ich das Mittagessen in Anwesenheit meiner Mutter hinuntergeschlungen hatte, verzog ich mich auf mein Zimmer. Dort brütete ich den Rest des Nachmittags über den Hausaufgaben. Zwischendurch las ich immer Bücher, die ich schnell unter dem Schreibtisch verschwinden ließ, wenn meine Mutter die Treppe heraufkam.

Dann gab es immer eine Kaffeepause, in der mein Vater im Rollstuhl an den Tisch geschoben wurde und seinen Kuchen verdrückte. Diese Angewohnheit blieb ihm bis in seine letzten Tage erhalten. Da mein Vater mit der thüringischen Kuchenkultur aufgewachsen war, galt bei uns zu Hause ein Tag ohne Kuchen als verlorener Tag. Wir alle stürzten uns mit Begeisterung auf Mohnstreusel und Käsekirsch und ließen notfalls eher das Mittagessen ausfallen, als auf ausgedehnte Kuchengelage zu verzichten.

Ich selber war schon immer ein rechter Süßschnabel. Dummerweise hatte meine Mutter gemerkt, dass sich erhöhter Zuckerkonsum negativ auf meinen Hautzustand auswirkte, sodass ich besonders von Schokolade und Co. weitgehend ferngehalten wurde.

Dieser unfreiwillige Verzicht ließ mich in der Nacht von wagenradgroßen Nutellabroten phantasieren.

Die ersten Monate seiner Krankheit verbrachte mein Vater überwiegend in Spitälern. Bis zum Schluss hoffte meine Mutter, sein Zustand würde sich verbessern. Mühsam schlurfte er in kleinen Tippelschrittchen an der Hand meiner Mutter eine halbe Zimmerlänge weit, bevor er schon wieder sehnsüchtig auf die nächste Sitzgelegenheit schielte. Nie entwickelte er selbstständig irgendeinen Ehrgeiz, seine Übungen regelmäßig zu absolvieren. Ich hatte oft den Eindruck, mein Vater war felsenfest davon überzeugt, eines Tages aufzustehen und wieder normal laufen zu können. Eifrig schmiedete er Pläne, was er dann mit mir alles unternehmen wollte. Wir anderen schauten uns dann meist untereinander betreten an und ließen meinen Vater in seinem Glauben. Keiner wagte, seine Aussagen in Frage zu stellen.

Wenn man meinen Vater aus früheren Zeiten kannte – einen energiegeladenen, willensstarken Menschen –, erinnerte an dem schwächlichen, anhänglichen Greis, der meiner Mutter wie eine Klette am Rockzipfel hing und zwischen weinerlichen Gefühlsausbrüchen und erbittertem Starrsinn schwankte, nichts mehr an den Mann von früher. Die äußerliche Veränderung war eklatant. Früher ein gut genährter, immer knackig brauner Typ, war er nun innerhalb eines Jahres zu einem schmächtigen, hinfälligen, bleichen Gespenst zusammengeschrumpft, das mit weit aufgerissenen Augen, die sich mir bis in die Seele bohrten, um sich starrte. All die Tränen, die er in früheren Jahren niemals vergossen hatte, stürzten nun aus seinen Augen, wenn er in lautlosem Weinen den Mund aufriss.

Sein Anblick quälte mich unsäglich. Oft wünschte ich mir meinen „alten“ Vater zurück. Auch wenn wir nie eine besonders herzliche Beziehung hatten. Oft fürchtete ich seine Strenge und spürte, dass er im Grunde kein besonderes Interesse an mir hatte.

In meiner Kindheit verbrachten wir die Sommerferien im Bungalow meines Vaters mit großem Garten und Schwimmbad im Freien. Ringsum des Geländes erstreckten sich Wälder und Äcker, die uns als großer Freiluftspielplatz dienten.

Meistens waren wir vier Kinder, denn oft durften die Söhne meiner Tante mit uns die Ferien verbringen.

Die jüngere Schwester meiner Mutter war meine Lieblingstante und ich fühlte mich besonders zu ihr hingezogen, weil sie viel nachgiebiger und weicher als meine Mutter war. Wie ich war auch sie ihr Leben lang bemüht, die Zuneigung meiner Mutter zu erringen. Allerdings mit kläglichem Erfolg, denn ich hatte nie das Gefühl, dass meine Mutter sie voll akzeptiert hatte. Sie hatte in jungen Jahren einen in den Augen meiner Mutter „falschen“ Mann geheiratet und war in einem kleinen Kaff im bayrischen Wald als Friseuse versauert – eine recht zweifelhafte Karriere.

Trotzdem versuchte meine Mutter stets, meiner Tante Vergünstigungen zukommen zu lassen. Sie nahm sie beispielsweise mit in die Stadt, wenn sie sich selber etwas zum Anziehen kaufen wollte, und schenkte dann meiner Tante das gleiche Kleidungstück, das sie sich selbst gekauft hatte.

Weil die Finanzlage im Hause meiner Tante meist etwas angespannt war, durften ihre beiden Söhne oft mit uns ihre Ferien verbringen. Dann begleitete uns ihre Schwiegermutter, die wir nur als Tante Marie kannten. Sie führte dort den Haushalt.

Die beiden Cousins waren jeweils etwas jünger als mein Bruder und ich; insofern war die Konstellation ideal. Ganz natürlich bildeten sich zwei Pärchen, die wie zwei Kletten zusammenhingen: mein Bruder und Cousin Markus, ich und mein Cousin Willi. Mit Willi hatte ich eine gute Wahl getroffen, denn er war ein äußerst williger Spielkamerad, der sich selten meinen Wünschen widersetzte.

Wenn mein Vater morgens das Haus verließ, hatten wir sturmfreie Bude. Am Mittag sahen wir ihn dann im Anzug an der Außenmauer entlanglaufen und wussten, ab jetzt hieß es: Klappe halten! Tante Marie fütterte dann die ganze Bande ab und danach zog sich mein Vater zum Mittagsschlaf in sein Arbeitszimmer zurück. Wehe, eines von uns Kindern wäre auf die Idee gekommen, jetzt ungestüm durchs Haus zu poltern. Wenn mein Vater danach von seinem Chauffeur abgeholt wurde, konnten wir wieder ungestört ausschwärmen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Vater mit uns begeistert auf dem Boden herumgerutscht wäre. Das Einzige, was ich äußerst an ihm schätzte, waren Geschichten aus seiner Jugend. Immer, wenn sich die Gelegenheit bei einer Wanderung oder bei einem Spaziergang ergab, bettelte ich so lange, bis mein Vater wieder einen Schwank aus seiner Jugend zum Besten gab. Besonders in diesen Momenten nannte er mich dann zärtlich „Knötchen“. Dieser Name stammte noch aus einer Zeit, in der ich genauso hoch wie breit war. Es war wohl seine Art, mich als kleinen Knirps zu bezeichnen. Diesen Namen liebte ich und wenn er mich damit ansprach, wusste ich, er hatte gute Laune.

Er hatte einen unerschöpflichen Fundus der wildesten Geschichten auf Lager, die allesamt bewiesen, dass er in seiner Jugend ein ziemlich heißer Feger gewesen sein musste. Ich lauschte stets hingerissen seinen Streichen, wäre aber selber nie auf die Idee gekommen, ihm nachzueifern. Das hätte ich mich aus Angst vor elterlichen Sanktionen nie getraut. Im Grunde seines Herzens war mein Vater wesentlich liberaler und toleranter als meine Mutter, was sich aber wenig in unserer Erziehung niederschlug, weil sich mein Vater die meiste Zeit außer Haus aufhielt. Im Übrigen wurde diese Nachgiebigkeit durch seinen absoluten Leistungsanspruch überlagert, der meinen Bruder und mich vor ihm zittern ließ.

Die häusliche Situation wurde angespannter. Das Zusammenleben mit meinem Vater wurde mit den Monaten immer unerträglicher für mich. Meine Mutter verbrachte nach dem Mittagessen die Nachmittage bei meinem Vater im Krankenhaus. Dazu kam noch die Belastung mit meiner Hautkrankheit. Sie ließ sich mit Kortisonsalben noch einigermaßen in Schach halten, geriet aber zunehmend außer Kontrolle.

Obwohl meine Mutter nie klagte, war ihr anzumerken, dass sie am Limit lief. Rudi und ich versuchten zwar, ihr ein wenig Druck abzunehmen, doch im Endeffekt waren wir hilflos. Das Einzige, womit wir sie effektiv entlasten konnten, waren Besuche im Krankenhaus, damit sie selber ein wenig früher nach Hause gehen konnte.

Die ganze Angelegenheit wurde dadurch erschwert, dass ich anfangs keinen Führerschein besaß. Obwohl ich in dem Jahr, als mein Vater erkrankte, bereits 18 wurde, war angesichts der häuslichen Situation nicht an Fahrstunden zu denken.

Eines Tages sollte ich meinen Vater mit dem Fahrrad im Krankenhaus besuchen. Als ich verschwitzt und am ganzen Körper juckend das Krankenzimmer betrat, schlug mir ein entsetzlicher Gestank entgegen. Mein Vater hing nur mit einem weißen OP-Hemd bekleidet vornübergebeugt im Nachtstuhl. Die dünnen Beine in weißen Stützstrümpfen schleiften völlig verdreht am Boden. Rotz lief in breiten Bahnen bis auf die Armplatte des Stuhles. Die längeren Haare vom Hinterkopf hingen wirr bis über die Nase. Dieser Anblick verfolgte mich lange.

Als er mühsam versuchte, den Kopf zu heben, traf mich ein stierer, resignierter Blick. In diesem Moment zerschnitt es mir das Herz vor Mitleid und Pein. Ich konnte förmlich spüren, wie sein Stolz gebrochen über der Lehne hing. Am liebsten hätte ich ihn im Arm gewiegt wie ein kleines Kind und ihm den Rotz von der Nase gewischt. Aber ich konnte nicht. Ich stand wie angewurzelt in der Tür.

Dann lief ich nach draußen, um eine Schwester zu holen. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Hätte ich ihn alleine aus seiner misslichen Lage befreien müssen? Mein schlechtes Gewissen plagte mich. Ich wusste doch, dass er sich von uns wesentlich lieber versorgen ließ als von fremden Personen. Trotzdem konnte ich einfach nicht auf ihn zugehen, konnte nicht seine Hand nehmen, scheute mich vor jeder Berührung. Gleich darauf piesackte mich erneut das schlechte Gewissen. Was war ich für eine undankbare und grausame Tochter!

Es zerriss mich vor Scham und vor Mitleid. Trotzdem hockte ein verstockter Teil in mir, der all die Zurückweisungen und die Strenge meines Vaters aus früherer Zeit nicht vergessen konnte. Gleichzeitig schalt ich mich, dass ich nicht vergessen und verzeihen konnte. Ich vermied den Blickkontakt mit meinem Vater und dennoch zogen mich seine Augen magisch an. Ich wollte ihn oft fragen, wie er sich fühlte, ob er mit seinem jetzigen Zustand zufrieden wäre, ob man ihm irgendeine Freude machen könnte. Ich blieb stumm.

Noch immer sah ich in ihm die Respektsperson, die er über all die Jahre für mich gewesen war. Unangreifbar und hart gegen sich selber und andere. Nie eine Träne verdrückend, nie um Mitleid bittend, nie um eine Antwort verlegen. Jetzt das Kontrastprogramm. Ich musste feststellen, dass sich mein Vater auch charakterlich verändert hatte. Er, der unabhängige, freiheitsliebende Mensch, war nun ein abhängiges, hilfloses Wesen. Dies machte ihn aggressiv und ungerecht. Dabei nahm er keinerlei Rücksicht auf die Befindlichkeit oder Belastbarkeit seiner Familie. Vor allem von meiner Mutter verlangte er unerbittlich 24-stündige Anwesenheit. Kaum war sie eine halbe Stunde aus dem Haus, tyrannisierte er sein Umfeld so lange, bis sie wieder an sein Bett trat. Und falls sie mal länger als eine Stunde abwesend sein musste, verlangte er, mit ihr zu telefonieren.

Ich sah seine Hilflosigkeit, fühlte fast körperlich die Demütigung, die er jeden Tag über sich ergehen lassen musste, wenn er gewaschen und aufs Klo gebracht wurde. Er, der furchtlose, unerschrockene Mann von früher, zitterte jetzt vor jedem Luftzug. Ich litt mit ihm wegen seiner Unbeweglichkeit.

Ich war mir nicht sicher, ob sein verändertes Wesen wirklich von der Krankheit herrührte, wie meine Mutter immer wieder betonte, oder ob sein Verhalten uns gegenüber reine Bosheit war. Ob da irgendeine Schlechtigkeit in ihm schlummerte, die nun an die Oberfläche trat. Ich kam zu keinem befriedigenden Ergebnis. Ich erlaubte mir nie, allzu schlecht über meinen Vater zu denken, aber ich konnte nicht umhin, mir einzugestehen, dass es Momente gab, in denen ich meinen Vater für all das hasste, was wir mit ihm Tag für Tag erleben mussten. Oft wünschte ich mir, er wäre gleich beim Schlaganfall verstorben. Erwischte ich mich bei derartigen Gedanken, duckte ich mich im selben Augenblick vor dem Keulenschlag meines schlechten Gewissens. Ich fühlte mich charakterlich schlecht und schwach, weil ich mit seinem Zustand nicht besser umzugehen wusste.

All diese Zerrissenheit und Seelenpein spiegelte sich auf meiner Haut wider. Ich brauchte immer größere Mengen Kortison.

In der Schule zog ich mich noch mehr zurück. Oftmals hatte ich Mühe, dem Unterricht zu folgen, denn meine „Glücksperlen“, die ich täglich einwarf, machten mich müde und antriebslos. Nach gut eineinhalb Jahren der „neuen“ Zeitrechnung beschlossen meine Mutter und ich gegen Ende der Sommerferien, für eine Woche nach Griechenland zu fahren. Zu Hause hatten wir inzwischen Caritasschwestern, die den Haushalt, meine Oma und meinen Vater versorgten. Die Ärzte hatten meiner Mutter ans Herz gelegt, ein wenig auszuspannen, und für meine Haut würde das Meerwasser sicher auch eine Erleichterung bringen. Damit mein Vater nicht die Möglichkeit hatte, ständig hinter meiner Mutter herzutelefonieren und damit umgekehrt auch meine Mutter nicht die Möglichkeit hätte, bei jedem Telefonat meines Vaters an sofortigen Urlaubsabbruch zu denken, hatten wir ein weit entferntes Ziel gewählt.

Es war keine geringe Herkulesaufgabe für die Ärzte, meinen Vater von der Notwendigkeit zu überzeugen, dass meine Mutter ein paar Tage Erholungsurlaub nötig hätte. Nur mit äußerstem Widerwillen ließ er sich seine Zustimmung abringen. Zumindest mussten ihm die täglichen Telefonate zugesichert werden.

Somit stand unserem Urlaub nichts mehr im Wege.

Die ersten amourösen Abenteuer

Wir wählten in Griechenland eine kleine Insel, die uns Bekannte empfohlen hatten. Unsere kleine Pension erwies sich als einfach, aber völlig ausreichend für unsere Bedürfnisse. Der Ort Nea Styra bestand aus einer „Hauptstraße“ aus festgetretenem Lehm, die etwa 300 m lang sämtliche Sehenswürdigkeiten des Ortes mit einschloss. Diese bestanden aus einer Bäckerei, einem kleinen Restaurant und einem Tante-Emma-Laden mit einem Angebot, das sich von frischem Knoblauch bis zu importiertem Duschgel erstreckte.

Statt dem lauten Schotterstrand vor der Pension wählten wir ein lauschiges Plätzchen in den Dünen. Dort verbrachten wir meist mehrere Stunden, was für meine Mutter eine reife Leistung war. Sie mied normalerweise die Sonne und war überdies keine begnadete Schwimmerin.

In ihrer Kindheit hatte sie in irgendeinem Weiher notdürftig gelernt, sich über Wasser zu halten. Ihr spektakulärer Schwimmstil war von weitem zu erkennen, wenn sie mit hochgerecktem Kopf in hektischen Brustzügen durchs Wasser pflügte. Es war keine gute Idee, sie dabei aus ihrem Takt zu bringen oder sich an ihren Hals klammern zu wollen, denn dann drohte sie vollends abzusaufen. Mit ihrem unkonventionellen Schwimmstil hatte sie bei meinem Vater nicht unbedingt Pluspunkte gesammelt, der umgekehrt bereits in seiner Jugend ein passionierter Schwimmer gewesen war.

Aus besagtem Grund wurde die Aufgabe, uns Sprösslingen das Schwimmen beizubringen, vertrauensvoll meinem Vater in die Hände gelegt. Zunächst hatten Rudi und ich einmal die Woche einen Schwimmkurs besucht, den Feinschliff hingegen erhielten wir von unserem Vater. So wurde in den Sommerferien der kleine Pool zum Übungsgelände umfunktioniert. Dabei ging mein Vater unerbittlich zu Werke.

Eines Tages stand Kopfsprung auf dem Trainingsprogramm. Während sich Rudi leidlich geschickt anstellte, zog ich mich jedes Mal wie ein Klappmesser zusammen, wenn ich mich vom Beckenrand abstoßen sollte. Gefühlte Stunden verbrachte ich am Rande der Verzweiflung bei dem Versuch, doch noch ein kopfsprungähnliches Manöver hinzulegen. Mein Vater dirigierte das Ganze vom Beckenrand aus und ließ mich immer wieder auf den Beckenrand krabbeln, wenn ich nach einem verunglückten Versuch im Wasser zappelte. Doch trotz unzähliger Erklärungsversuche meines Vaters schaffte ich es nie, mich im entscheidenden Moment zu strecken, um im eleganten Kopfsprung ins Wasser zu tauchen. Aber ungeachtet meiner blauen Lippen und allmählich zwischen den Fingern wachsenden Schwimmhäuten, gab mein Vater nicht auf. Selbst vorsichtige Ablenkungsmanöver seitens meiner Mutter bewirkten keine Unterbrechung der Trainingseinheit.

Als ich irgendwann zu schlapp war, um noch Versagen oder einen neuen Wutausbruch zu fürchten, stieß ich mich mit dem Mut der Verzweiflung vom Beckenrand ab und mir glückte der erste, fehlerfreie Kopfsprung.

Wie üblich blieben wir unter uns. In der Regel kommt man im Urlaub schnell mit Leuten ins Gespräch, doch solche Versuche blockte meine Mutter mit einer nüchternen, nicht besonders kommunikativen Art ab, sodass wir meist nach einiger Zeit nicht mehr behelligt wurden. Das störte mich unheimlich, denn ich war in dieser Beziehung eher wie mein Vater gestrickt. Meine Mutter hingegen zog mich schnell in eine andere Richtung, wenn potentielle Gesprächspartner auf uns zusteuerten. Sie ist und bleibt ein Familienmensch, der sich einzig und allein darauf konzentriert – heute wie damals –, die Familie um sich zu scharen.

Abends liefen wir manchmal noch etwas die große „Strandpromenade“ entlang, die höchstens von ein paar streunenden Hunden frequentiert wurde nebst ein paar Dorfbewohnern, die sich auf Klappstühlchen vor dem Haus postiert hatten. Neben diesem beschaulichen Strandleben waren die einzigen Highlights des Urlaubs einige Ausflüge, die von unserem Pensionswirt organisiert wurden. So hatten wir mit einem kleinen Fischerboot entfernte, einsame Buchten angesteuert, wo wir abends wieder abgeholt wurden. Auch eine Busfahrt zur Ausgrabungsstätte von Olympia stand auf unserem Programm.

Schon die ersten Tage war uns ein Ehepaar mit Sohn aufgefallen, das offenbar im selben Ort untergekommen war, die Reise aber mit dem eigenen Auto angetreten hatte – das ließ zumindest der Katamaran auf ihrem Hänger vermuten. Wir sahen sie öfter am Strand herumwerkeln, um das Gefährt zu Wasser zu lassen. Sie schienen auch ein eher zurückgezogenes Leben zu führen und nur manchmal begegnete uns der Sohn, der ein paar Jahre älter zu sein schien als ich, auf der Strandpromenade mit dem Fotoapparat in der Hand. Mehr als ein freundlicher Gruß fiel nie.

An der Busfahrt nach Olympia nahmen die drei ebenfalls teil und zufälligerweise saßen wir im Bus hintereinander. Viel war aus den Gesprächen nicht zu entnehmen, es war nur klar, dass es Österreicher waren, was wir aber dem Grazer Autokennzeichen schon vorher entnommen hatten. In Olympia schlenderten wir ebenfalls aneinander vorbei und wechselten ein paar Worte miteinander.

So verstrichen die Tage und eines späten Nachmittags, als meine Mutter bereits gegangen war und ich allein in den Dünen lag und ein Buch las, tauchte auf einmal Helmut, der Sohn, auf und setzte sich zu mir in den Sand. Furchtbar peinlich war mir das schon allein aus dem Grund, weil ich oben ohne in der Sonne lag, um möglichst die ganze Haut von der Sonne bescheinen zu lassen. Das hatte ihr in den letzten Tagen in Kombination mit dem Meerwasser sehr gut getan.

Also drehte ich mich auf den Bauch und wir quatschten gut eine Stunde lang über Gott und die Welt, bis mir die aufgestützten Ellbogen einschliefen und ich ziemlich abrupt zum Aufbruch drängte. Naiv, wie ich mit meinen inzwischen 19 Lenzen war, kapierte ich immer noch nicht, dass sich der Typ eventuell stärker für mich interessierte. Ahnungslos erzählte ich meiner Mutter von der Begegnung und sie war es, die mich auf diesen Gedanken brachte. Trotzdem war ich von dieser Erkenntnis nicht sonderlich beeindruckt. Immerhin sollten wir am nächsten Tag die Heimreise antreten und was sollte sich da schon in der Kürze der Zeit ergeben?

Als wir aber dann am nächsten Tag mit gepackten Koffern an der Anlegestelle der Fähre standen, die uns zum Festland übersetzen sollte, tauchte auf einmal Helmut mit einer Fotokamera bewaffnet auf und erklärte, er wolle uns auf die Fähre begleiten. Die Flammen am Horizont ließen auf einen Waldbrand schließen, den er sich genauer anschauen und von dem er gegebenenfalls auch einige Fotos schießen wollte. So verbrachten wir noch eine vergnügliche Überfahrt, bevor wir die Busfahrt nach Athen zum Flughafen antraten. Beim Abschied drückte mir Helmut seine Adresse in die Hand, mit der Bitte, ihm doch einmal zu schreiben.

Dieser Aufforderung kam ich auch sofort nach, als ich zu Hause ankam, denn ich schrieb gerne Briefe, oder besser gesagt, ich bekam gerne Post. Wenn ich mich also als Erste ins Zeug legte, bestand die große Wahrscheinlichkeit, dass ich auch ein solches Exemplar zurückbekam. Ich verfasste also einige nette Zeilen, mit Anekdoten unserer Rückkehr gewürzt, und siehe da, wie zu erwarten wartete nach einigen Tagen ein Brief auf mich. Reichlich von den Socken war ich allerdings, als ich darin eine ziemlich klare Liebeserklärung fand. Nun war ich von solchen Ergüssen bisher noch nie in meinem Leben verwöhnt worden, weshalb diese Nachricht in meinem Gemüt wie eine Bombe einschlug. Wenn ich von einer kleinen Geschmacksverirrung auf dem Gymnasium absah, hatte sich noch nie ernsthaft ein männliches Wesen für mich interessiert.

Während meiner Kindheit war es mir reichlich egal, wie ich aussah. Außerdem war es oftmals wenig ersichtlich, ob ich nun ein hübsches oder weniger hübsches Gesicht hatte, denn meist prangten rote Flecken und aufgekratzte Stellen an Hals, Wangen und Stirn, die ein eindeutiges Urteil diesbezüglich erschwerten. Es war mir jedenfalls völlig egal, wie ich auf meine Umwelt wirkte, denn ich hatte meist sowieso nur mit meinem Bruder zu tun, der meinen wechselnden Hautzustand kannte.

Erst im Kindergarten registrierten mich die ersten anderen Kinder und zeigten mit dem Finger auf mich, was ich aber nicht besonders ernst nahm. Hartnäckiger wurden dann allerdings die Fingerzeige in der Grundschule. Im Besonderen tauchte ein frecher Bengel ständig vor mir auf und behauptete, ich hätte die Krätze. Denselben Jungen sah ich oftmals beim sonntäglichen Kirchgang, wenn er mit brav gezogenem Scheitel neben seinem Vater stand und recht scheinheilig tat. Spätestens ab diesem Zeitpunkt waren mir allzu große Frömmler suspekt.

Um meine Frisur schwelte ein ständiger Kampf mit meiner Mutter. Ich wollte immer lange Haare haben, besonders aber einen Pony, der mir möglichst bis auf die Nase reichen sollte. Am liebsten wäre es mir gewesen, er hätte das gesamte Gesicht verdeckt. Ich bemerke im Rückblick, dass dies nicht von besonderem Selbstbewusstsein zeugte.

Meine Lieblingstante, die zusammen mit ihrem Mann im bayrischen Wald ein Friseurgeschäft betrieb, geriet ständig zwischen die Fronten, weil sie einerseits meinem Wunsch entsprechen wollte, andererseits aber die Anweisung meiner Mutter erfüllen musste. Das hieß in meinem Fall, dass der Pony bis einen Fingerbreit über den Augenbrauen gestutzt wurde. Was, gelinde gesagt, bescheuert aussah.

Als wir einmal in den Sommerferien bei meinem Vater waren und mein Onkel, der Friseur, uns vier Kindern die Haare schneiden sollte, bat ich ihn, mir dieselbe Frisur zu verpassen wie meinem Bruder und den Cousins: raspelkurz. Anfangs etwas verunsichert, tat mir mein Onkel den Gefallen, und so erfreute ich mich des schockierten Blickes meiner Mutter, als ich ihr mit meiner „Protestfrisur“ unter die Augen trat. Da war nun nichts mehr rückgängig zu machen.

Ein einziges Mal durfte ich mir dir Haare wachsen lassen, was nach einem quälend langen Jahr zu zwei mageren Mäuseschwänzchen geführt hatte, die etwas kläglich von überdimensionalen Haarspangen gehalten an meinen Backen baumelten. Da musste sogar ich einsehen, dass sich meine feinen, fusseligen Haare nicht zu einer Pracht à la Rapunzel eigneten. Obendrein stellte sich ziemlich schnell heraus, dass bei Ekzemen auf der Kopfhaut ständig Schuppen in den Haaren hingen. Ich lief also weiterhin mit Kurzhaarfrisur und gestutztem Pony durch die Gegend.

Während meiner Grundschulzeit stellte sich dann eine rasant zunehmende, quasi galoppierende Kurzsichtigkeit ein, die mir ein entzückendes Hornbrillenmodell einbrachte, was meine Chancen auf eine Modelkarriere weiter schmälerte.

Das erste Mal, dass ich mir der Wirkung meines Erscheinungsbildes auf andere Leute schmerzlich bewusst wurde, war bei der alljährlichen Weihnachtsfeier im Betrieb meines Vaters. Auf diesen Anlass freute ich mich bereits die ganze Adventszeit, denn mein Vater hatte eine Kinderweihnachtsfeier für Betriebsangehörige ins Leben gerufen, bei der ein kindgerechtes Theaterstück zur Aufführung kam, in dessen Anschluss sich jedes Kind einen Beutel mit Süßigkeiten abholen durfte. Nachdem bei uns zu Hause außer dem nachmittäglichen Kuchen keine Süßigkeiten auf den Tisch kamen, wartete ich alter Süßschnabel schon wie ein Flitzebogen auf den Tag, an dem ich mir meinen Beutel mit heiß ersehnten Köstlichkeiten unter den Nagel reißen durfte.

Wir strömten ins Theater, wo schon sämtliche Mitarbeiter und Geschäftspartner meinen Vater mit unterwürfiger Höflichkeit und schleimigem, österreichischem Schmäh begrüßten. Die Firma war eine deutsch-österreichische Kooperation, weshalb zu gleichen Teilen Deutsche und Österreicher vertreten waren. Alle hatten sich in festtäglichem Putz aufgebrezelt und überhäuften sich mit Nettigkeiten. Mir war der ganze Aufwand zuwider, zumal ich schnell registrierte, dass man uns nur besondere Aufmerksamkeit schenkte, weil wir die Kinder vom Chef waren.

An diesem besagten Tag allerdings wanzte sich eine besonders aalglatte Dame an meine Mutter und deutete mit folgenden Worten auf meinen Bruder: „Ach, was für ein ENTZÜCKENDER kleiner Junge ihr Rudi geworden ist, so ein hübsches Kind!“ Dann streifte sie mich mit einem vernichtenden Seitenblick, während ich mich etwas zerknautscht und mit fleckigem Gesicht an meinen Bruder drückte. Ihrem Gesichtsausdruck konnte ich mühelos entnehmen, dass ich dieses Kompliment nicht auch für mich in Anspruch nehmen durfte. Es versetzte mir einen Stich, was auch meine Mutter registrierte und mich geistesgegenwärtig von der Dame wegzerrte, um meine Aufmerksamkeit auf die langen Reihen von bunten Papiertüten zu richten, in denen das geballte Glück für ein siebenjähriges Mädchen schlummerte.

Schnell war das unangenehme Erlebnis wieder vergessen, als ich voller Aufmerksamkeit das Theaterstück verfolgte und dann mit stolzgeschwellter Brust die Papiertüte wie einen kostbaren Schatz mit beiden Händen zum Auto schleifte. Es gab nichts Schöneres, als beim matten Licht der Rückbank meine Hände in die Tiefen der Tüte zu versenken und eines nach dem anderen die Schätze des Inhalts ans Tageslicht zu fördern. Da gab es Lebkuchen, Kinderschokolade, Gummibärchen, Kaugummi und Schachteln mit Schokotäfelchen, Schokoriegeln und Nikoläusen. Ich fühlte mich wie im Himmel.

Zurück aber zu meinen männlichen Eroberungen.

Nach den bisherigen Schilderungen dürfte eigentlich inzwischen klar sein, dass es sich bei mir um einen extremen Fall von einem Spätzünder handelte. Bis weit ins Gymnasium interessierte ich mich überhaupt nicht für Männer, es sei denn, sie waren als Spielkameraden zu gebrauchen. Ich umgab mich sogar sehr gerne mit Jungen, denn die Mädchen zickten mir zu sehr, kletterten selten auf Bäume und waren auch sonst eher Spaßbremsen. Außerdem war ich die Gesellschaft meines Bruders und der beiden Cousins gewohnt.

Völlig verdutzt war ich dementsprechend, als ich ungefähr in der sechsten Klasse den ersten heimlich zugesteckten Liebesbrief eines Klassenkameraden erhielt, der mich in höchsten Tönen anhimmelte. Einerseits war ich geschmeichelt, andererseits war ich stets auf der Hut, dass seine Briefchen nicht von meiner Mutter entdeckt wurden. Ich versteckte also die gesammelten Werke in einer kleinen Blechdose auf dem Speicher. Zum Wegschmeißen konnte ich mich doch nicht sogleich entschließen, da mir schwante, dass ich nicht so schnell einen ähnlich geschmacksverirrten Jungen treffen würde. Wer wusste schon, ob ich nicht sehr lange vom Lesen dieser netten Zeilen würde zehren müssen?

Natürlich ging mir betreffender Junge überwiegend aus dem Weg und hätte nie im Traum gewagt, das Wort an mich zu richten. Die Sache wurde dann abrupt beendet, als unsere Kunstlehrerin einen an mich verfassten Brief abfing und durchlas.

Ich setzte sofort zu meiner Verteidigung an und sagte, dass ich nichts mit der Sache zu tun hätte und dass dieser Typ sowieso nicht ganz dicht wäre. Ich hatte aber nicht damit gerechnet, dass ich an eine Alternativtante geraten war, die mir allen Ernstes ins Gewissen redete, dass ich die Liebe ernst zu nehmen hätte und nicht die Gefühle des anderen verletzten dürfte. Außerdem sollte ich mich darüber freuen, dass mir jemand solche Gefühle entgegenbrächte. Ich versuchte ihr dann zu erklären, dass ich es lächerlich fände, wenn dieser Typ von Liebe reden würde, weil ich überhaupt nichts damit anzufangen wüsste. Bevor sie mir einen vertieften Einblick in ihr Liebesverständnis geben konnte, erlöste mich zum Glück der Pausengong von weiteren Peinlichkeiten. Lange nach dem Abitur erfuhr ich, dass besagter Junge ins Kloster gegangen war. Ich denke mal nicht, dass ich ihm dauerhaft das Herz gebrochen habe.

Der Briefwechsel zwischen Helmut und mir versüßte mir fortan den öden Schulalltag und die unsägliche Situation zu Hause. Sehnsüchtig wartete ich auf den wöchentlich eintreffenden Brief. Ich erzählte ihm von der Schule, mischte kleine Anekdoten und Geschichten dazwischen, berichtete von Gelesenem oder Gehörtem.

Helmut war vier Jahre älter als ich, studierte in Graz Tiefbau und wohnte bei seinen Eltern. Ein solider, angenehmer Mensch, gegen den meine Mutter kaum etwas einwenden konnte. Außerdem hatte sie ja Helmut samt seinen Eltern gesehen und sich selbst davon überzeugen können, dass Helmut ein grundehrlicher Typ war, der mir sicher nicht übel mitspielen würde.

Das Kennenlernen mit Helmut während des Griechenlandurlaubs schien mir eine Ewigkeit her. Inzwischen rückte Weihnachten immer näher und wie üblich wollte ich die zwei Wochen Schulferien in Davos verbringen.

Nach den eher eingeschränkten Badefreuden in Bibione und angesichts der Tatsache, dass sich mein Vater als bergaffiner Typ niemals auf regelmäßige Badeferien einlassen würde, suchte man nach einer Ferienwohnung in den Bergen. Mein Vater hatte schon die ganzen Jahre zuvor mit dem Engadin geliebäugelt, aber die Mieten bzw. Kaufpreise für dortige Objekte waren für meine Eltern unerschwinglich. Außerdem hatten uns die Ärzte geraten, einen möglichst hochgelegenen Ort in den Bergen zu wählen, denn ab einer gewissen Höhe haben auch die kleinen fiesen Hausstaubmilben, die mir zu Hause zusetzten, keine Überlebenschance. Anscheinend geht den kleinen Plagegeistern dort oben die Puste aus.

Schließlich ergatterten meine Eltern eine Ferienwohnung in Davos.

Wir übernahmen sämtliches Mobiliar und Einrichtungsgegenstände und verbrachten fortan jeden Urlaub dort oben.

Obwohl ich als Kind in der frischen Höhenluft regelrecht aufblühte und die Symptome der Haut wesentlich zurückgingen, war ich von den ständigen Ferienaufenthalten dort oben alles andere als angetan. Das hatte gewichtige Gründe. Im Sommer hieß die Devise Bergsteigen bzw. Bergwandern, im Winter wurden wir auf die Skier geschnallt.

Ich war zwar ein bewegungsfreudiges Kind, aber die täglichen Wanderungen gingen mir gelinde gesagt ziemlich auf den Zeiger. Ich möchte nicht wissen, wie oft ich meine Eltern nervte, wenn ich sie nach den Gründen fragte, warum wir uns den Berg hinaufquälten, um dann danach doch wieder hinunterzulaufen. Ich erhielt nur unbefriedigende Antworten. Vor allem hatte ich auch noch einen denkbar schlechten Stand in der Familie, denn mein Bruder entpuppte sich schon bald als begnadeter Bergwanderer, der mindestens so enthusiastisch wie meine Eltern die Berge raufstürmte.

Da half nichts, ich musste mit. Maulend stapfte ich hinter den dreien her. Was mich besonders auf die Palme brachte, war der Umstand, dass nie darauf Rücksicht genommen wurde, wenn ich mal am Wegesrand ein Blümchen oder einen Stein begutachten wollte. Mein Vater zog immer in stetem Tempo den Berg hoch und hielt nicht eher, als er auf dem Gipfel oder vor einer Weggabelung stand. Es war manchmal zum Verzweifeln. Einzig die Gipfelrast konnte mich einigermaßen für erlittene Strapazen entschädigen. Schon in der Früh packte ich mit Feuereifer die bewährte Brotzeitbüchse, die mit Tomaten, Gurke, Salami und Käse nebst Brot und – dem Allerwichtigsten – einer Tafel Schokolade bestückt wurde. Gab es weiße Toblerone, war es ein besonderer Festtag. Dies war mein kleiner Gipfel, der mich vorwärtstrieb. Kaum hatte mein Vater einen geeigneten Rastplatz bestimmt, ließ ich geduldig das Käse- und Salamiessen über mich ergehen, bis als Belohnung endlich die Schokolade ausgepackt wurde, die in ein Stück Semmel verpackt zum Festessen wurde.

Sosehr ich auch in meine Trickkiste griff, beim Aufstieg war meinen Eltern kein Laut zu entlocken. Nicht mal ein Lied wollten sie anstimmen. Ich verstand das alles nicht. Zu gerne hätte ich mir die langweilige Zeit des Aufstiegs mit Quatschen verkürzt, aber statt ordentlichen Antworten bekam ich von beiden nur ein keuchendes Schnaufen oder Prusten zu hören. So konnte wahrlich kein ordentliches Gespräch in Gang kommen.

Der Abstieg allerdings entschädigte mich für vieles. Da musste meine Mutter in den sauren Apfel beißen und mit mir in voller Lautstärke die spärlichen Lieder schmettern, die sie aus ihrer Kindheit vorgekramt hatte. Die Texte vom Jäger aus Kurpfalz und sonstigen Schnulzen ihrer Jugend konnte ich auswendig. Leider war unser Repertoire reichlich eingeschränkt. Nach drei Stücken mussten wir zum Wiederholen ansetzen. Später wurde mir klar, warum sich mein Vater und mein Bruder stets eiligst über die Wiesen davonmachten, wenn wir unser Liedgut auspackten.

Fiel meinem Vater dann aber auf halbem Weg noch ein kleiner Abstecher ein, der uns wieder eine geschlagene Zusatzstunde kostete, wurde ich mit einem zugesicherten Eisbecher am Ziel bei Laune gehalten. Dieses Versprechen wurde auch stets von meinen Eltern eingelöst. Hier tauchte ich selig in Vanille- und Heidelbeereisbecher ein und der Stress der letzten Stunden war vergessen. Zumindest bis zum nächsten Morgen, an dem mir die nächste Bergtour bevorstand.

In Davos gab es auch ein schönes Freibad, das inmitten eines kleinen Parks lag. Inständig bekniete ich meine Eltern, dort einen ganzen Tag verbringen zu dürfen. Weil sich aber meine Eltern kaum länger als eine halbe Stunde auf einem Handtuch parken ließen, wurde vereinbart, dass nur einmal die Woche ein Schwimmbadtag eingelegt wurde. Das war zwar in meinen Augen kein großes Zugeständnis, aber immerhin besser als sieben Tage die Woche Bergwandern.

Rückte ein solcher Tag heran, war ich die Einzige, die bestgelaunt ihr Ränzlein schnürte und zielstrebig dem Schwimmbad entgegensteuerte. Meine Mutter war kaum zu bewegen, einen Zeh ins Wasser zu halten, mein Vater hingegen ließ sich eher zu einem Sprung ins Nass verleiten. Statt aber mit uns herumzuplanschen, zog er mit dem nötigen Ernst Bahn um Bahn, falls er nicht von anderem, spielwütigem Nachwuchs daran gehindert wurde. Wir spielten Federball auf dem Rasen und waren kaum aus dem Wasser zu bekommen. Highlight des Tages blieb aber zweifellos der gigantische Eisbecher auf der Terrasse, der des Nachmittags behaglich geschlabbert werden durfte. Wenn doch nur jeder Tag ein Schwimmbadtag gewesen wäre!

Schlimmer als die langweiligste Bergtour war das winterliche Urlaubsprogramm. Dann wurden wir nämlich auf die Skier geschnallt. Nachdem sich meine Eltern beide in Eigenregie mehr oder weniger erfolgreich das Skifahren beigebracht hatten, bestanden sie bei ihrem Nachwuchs auf dem Standpunkt, die Sache von Grund auf professionell anzugehen. Wir Kinder wurden also beide in die Skischule geschickt. Rudi war natürlich mit seinen drei Jahren Vorsprung in einer höheren Klasse als ich. Während er schon auf richtigen Bergen loslegen durfte, verbannte man mich auf den Idiotenhügel.

Rudi wurde von meinen Eltern mit zur Bergbahn genommen, ich hingegen wurde unter die Obhut meiner Oma gestellt und von ihr zum Idiotenhügel geschleift. Schon da ging das Gezeter bei mir los. Da hatte ich aber bei meiner Oma keine Chance, denn die Mütze tief in die Stirn gezogen, zog sie mich im Schlepptau bis zum Skilift. Dort wurden wir in Gruppen eingeteilt und es begann das lästige Aufwärmen: an den Händen fassen und Kniebeugen machen. Nach der dritten Kniebeuge spätestens siegte die Erdanziehung und ich musste von den Umstehenden mit vereinten Kräften wieder in die Senkrechte gezogen werden. Stets war ich die Kleinste, die in einen signalroten Skianzug gepresst, drei rote Wollkugeln ihrer Skimütze vor der Nase bommelnd, mit steifen Beinchen hinter dem Skilehrer her rutschte. In der Mittagspause wurde ich bereits von Oma am Hang abgefangen und ins kleine, rappelvolle Restaurant verfrachtet, wo wir uns in eine Ecke gezwängt Suppe und Wienerwürstchen reinzogen. Stets von einer kichernden Kinderschar belächelt, die mir später am Hang wieder reindrückte, was ich für ein Baby sei, weil meine Oma mich noch füttern müsste.

Das war allerdings nichts gegen spätere Attacken, als ich mich als Jugendliche im Skikurs von hämischen norddeutschen Rotznasen umringt sah, die mir das Leben zur Hölle machten. Erst wurde mir auf dem Skihelm mit den Skistöcken rumgehämmert. Als ich dann mittags den Skihelm abnahm, war ich erst recht ins Zentrum allgemeiner Bosheiten gerückt, denn in den höchsten Tönen wurde mein sagenhaftes Aussehen kommentiert. Ganz zu schweigen von der mittelalterlichen Skiklamotte. Vollends outete ich mich mit meinen braven Spaghetti und meiner Limo, während sich die anderen nur Pommes und Cola reinzogen, was mir von zu Hause strikt verboten war. An den Katzentisch gedrängt, würgte ich in Windeseile mein Essen runter und musste aufpassen, dass mir nach einem Gang aufs Klo nicht die Spaghetti versalzen und die Limo ausgekippt war.

Niemals hatte ich auch nur den Hauch einer Chance, auf der Piste einen Platz hinter dem Skilehrer zu ergattern. Wie die Berserker stachen die Jungs und Mädels auf Kommando hinter dem Lehrer her, kaum dass dieser seine Skier wieder in Richtung Abfahrt positioniert hatte. Mir blieb nur der Job des Lumpensammlers, der als Letzter der Truppe hinter den anderen her hechelte. Ich brauche nicht extra zu erwähnen, dass sich die meisten weigerten, mit mir Schlepplift zu fahren.

Zu Hause wunderten sich meine Eltern, dass ich mich mit Händen und Füßen gegen die täglichen Skischulbesuche wehrte und morgens mit Trödeln versuchte, den Skibus zu verpassen. Es gelang mir nie, meinen Peinigern zu entkommen und niemals wagte ich es, meinen Eltern davon zu berichten. Mir wurde ja immer Rudi als leuchtendes Vorbild vor Augen gehalten, der ohne zu Murren, ja vielmehr mit andächtiger Begeisterung, täglich zu seiner Skigruppe pilgerte. Er war selbstverständlich in der höchsten Skiklasse angelangt, während ich es nie bis ganz in den Rennkurs schaffte. Wahrscheinlich wäre es auch für Rudi nicht zumutbar gewesen, wenn er auf einmal in seiner etablierten Gruppe mit seiner kleinen Ramboschwester im Schlepptau aufgeschlagen wäre.

Weihnachten rückte näher und Helmut fragte vorsichtig an, wie ich denn zu einem Treffen stünde. Rudi und ich wollten wie jedes Jahr die Weihnachtszeit in Davos verbringen. Rudi hatte dort seine Freunde vom Skikurs und ich musste unbedingt an die Bergluft, denn die Zeit von den Sommerferien bis zu Weihnachten war für meine Haut sowieso jedes Jahr eine harte Belastungsprobe. Den Sommer über verbrachte ich so viel wie möglich an der Sonne und an der frischen Luft. Da hielt sich die Haut einigermaßen im Lot. Wenn aber die kühle Jahreszeit begann, mit der steigenden Feuchtigkeit und der Heizungsluft in den Räumen, konnte man fast zusehen, wie sich meine Haut von Woche zu Woche verschlechterte. Ich wartete also immer schon sehnsüchtig auf die Weihnachtszeit, wenn ich dem ganzen Dilemma für zwei Wochen entfliehen konnte.

Natürlich waren wir früher immer mit der ganzen Familie nach Davos gefahren, hatten dort oben sogar den Heiligen Abend verbracht. Seit der Krankheit meines Vaters war es damit vobei. Vor allem war es unmöglich, meine Mutter länger als zwei Tage von meinem Vater loszueisen. Inzwischen war er ohne die permanente Anwesenheit meiner Mutter dermaßen unleidlich geworden, dass solche Experimente tunlichst vermieden wurden. Weil auch meine Oma inzwischen mit ihren knapp 90 Lenzen den Anstieg zur Davoser Wohnung schnauftechnisch nicht mehr bewältigen konnte, durften Rudi und ich alleine fahren. Helmut wurde eingeladen, uns zu begleiten. Er sagte begeistert zu. Auf dieses Angebot meiner Mutter hatte ich nie zu hoffen gewagt.

Helmut kam mit dem Zug aus Graz nach München, dort luden wir ihn zu uns ins Auto. Schnell zeichnete sich ab, dass Rudi und Helmut nicht die dicksten Freunde werden würden. Man hielt höfliche Distanz.

Ich vermutete stark, dass Rudi vor unserer Abfahrt von Mami schärfste Verhaltensregeln eingetrichtert bekam; kaum waren wir in Davos eingetroffen und wollten zur Zimmerverteilung schreiten, verkündete Rudi die schon vorab mit meiner Mutter getroffene Vereinbarung, dass Helmut im Schlafzimmer meiner Eltern zu schlafen hätte, ich im Zimmer meiner Oma und Rudi in unserem Kinderzimmer. Helmut fügte sich maulend in sein Schicksal.

Nur zur Erinnerung: Wir waren 19 und 23 Jahre alt. Zwischen uns kam es in den nächsten Tagen zu vorsichtiger Annäherung. Da waren zwei liebestechnische Greenhorns aufeinander gerumpelt. Obwohl mich Helmut trotz Rudis Anweisung, das Zimmer nicht zu verlassen, des Morgens in meinem Zimmer besuchte, blieb es bei schüchterner Knutscherei. Mich erstaunte, dass Rudi Helmut mit einem fast kindischen Misstrauen begegnete und ihn bei jeder Gelegenheit taxierend beäugte. Helmut ließ diese offensichtlich kühle Behandlung mehr als kalt. Wir gingen zusammen Ski fahren und bemerkten immer mehr Gemeinsamkeiten, teilten die Liebe zu den ...

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