Logo weiterlesen.de
Auferstanden

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung.
  8. Zitate
  9. 1. Kapitel - Freitag, 6.00 Uhr
  10. 2. Kapitel - Freitag, 6.35 Uhr
  11. 3. Kapitel - Freitag, 6.50 Uhr
  12. 4. Kapitel - Gestern
  13. 5. Kapitel - Freitag, 7.00 Uhr
  14. 6. Kapitel - Freitag, 7.05 Uhr
  15. 7. Kapitel - Freitag, 7.15 Uhr
  16. 8. Kapitel - Freitag, 7.45 Uhr
  17. 9. Kapitel - Jack
  18. 10. Kapitel - Freitag, 8.15 Uhr
  19. 11. Kapitel - Cristos
  20. 12. Kapitel - Freitag, 8.45 Uhr
  21. 13. Kapitel - Zwei Tage zuvor
  22. 14. Kapitel - Freitag, 9.00 Uhr
  23. 15. Kapitel - Joy
  24. 16. Kapitel - Freitag, 10.30 Uhr
  25. 17. Kapitel - Freitag, 11.00 Uhr
  26. 18. Kapitel - Mia
  27. 19. Kapitel - Freitag, 12.30 Uhr
  28. 20. Kapitel - Freitag, 13.00 Uhr
  29. 21. Kapitel - Freitag, 13.45 Uhr
  30. 22. Kapitel - Freitag, 15.30 Uhr
  31. 23. Kapitel - Freitag, 16.15 Uhr
  32. 24. Kapitel - Nowaji Cristos
  33. 25. Kapitel - Freitag, 18.00 Uhr
  34. 26. Kapitel - Suresh
  35. 27. Kapitel - Freitag, 20.00 Uhr
  36. 28. Kapitel - Cristos
  37. 29. Kapitel - Freitag, 20.25 Uhr
  38. 30. Kapitel - Freitag, 20.45 Uhr
  39. 31. Kapitel - Freitag, 21.00 Uhr
  40. 32. Kapitel - Freitag, 21.10 Uhr
  41. 33. Kapitel - Freitag, 23.05 Uhr
  42. 34. Kapitel - Freitag, 23.15 Uhr
  43. 35. Kapitel - Freitag, Mitternacht
  44. 36. Kapitel - Samstag, 00.30 Uhr
  45. 37. Kapitel - Samstag, 1.00 Uhr
  46. 38. Kapitel - Samstag, 1.15 Uhr
  47. 39. Kapitel - 1.25 Uhr
  48. 40. Kapitel - Samstag, 2.00 Uhr nachts
  49. 41. Kapitel - Samstag, 2.05 Uhr nachts
  50. 42. Kapitel - Samstag, 3.15 Uhr
  51. 43. Kapitel - Samstag, 4.10 Uhr
  52. 44. Kapitel - Samstag, 5.05 Uhr
  53. 45. Kapitel - Samstag, kurz vor der Morgendämmerung
  54. Epilog
  55. Danksagungen

Über das Buch

Als der New Yorker Staatsanwalt Jack Keeler morgens aufwacht, fehlt ihm jede Erinnerung. Sein Körper ist mit Wunden übersät, und ein Blick in die Zeitung verwirrt ihn vollends: Er und seine Frau Mia sollen bei einem Autounfall ums Leben gekommen sein. Doch dann erhält er einen Anruf: Mia wurde entführt – von einem Mann, der vor einem Jahr hingerichtet wurde. Als Lösegeld fordert dieser die Herausgabe von Beweisen zu einem laufenden Mordfall. Jack bleibt nur wenig Zeit, das Leben seiner Frau zu retten. Eine fieberhafte Jagd beginnt: nach Jacks Erinnerungen – und einem Mann, der eigentlich tot sein müsste ...  

Über den Autor

Richard Doetsch ist Inhaber einer Immobilienfirma. Während andere Autoren nur aufregende Thriller schreiben, führt er auch ein aufregendes Leben:Er ist Extremsportler und springt mit Fallschirmen und Gummibändern von Brücken, Klippen und Hochhäusern. In ruhigen Stunden spielt er Gitarre und Klavier. Er ist seit über zwanzig Jahren mit seiner Jugendliebe verheiratet und hat drei Kinder. Seine Thriller um den Meisterdieb Michael St. Pierre waren große Erfolge in den USA und begeistern viele Fans. Die Filmrechte wurden an 20th Century Fox verkauft. Die Übersetzungen der Bücher sind in einem guten Dutzend Länder erschienen, unter anderem Russland, Italien, Brasilien, China, Polen, Japan und den Niederlanden. Richard Doetsch arbeitet an seinem nächsten Thriller.

Richard Doetsch

Auferstanden

Thriller

Aus dem Englischen von
Karin Meddekis

Für Virginia,
meine beste Freundin.
Ich liebe dich
von ganzem Herzen.

Jeder ist seines Glückes Schmied.

APPIUS CLAUDIUS

Ich habe es mir nicht ausgesucht,
ein Abenteurer zu sein,
sondern das Schicksal hat mich dazu gemacht.

VINCENT VAN GOGH

Das, was ein Mensch von sich selbst denkt,
bestimmt sein Schicksal.

HENRY DAVID THOREAU

1. Kapitel
Freitag, 6.00 Uhr

Vor einer halben Stunde war der Tag angebrochen, und die Welt erwachte allmählich zum Leben. Die Sonne kroch über das frisch gemähte Gras, über das Spielzeug, das auf der Wiese hinter dem Haus verstreut herumlag, und durch die Fenster auf der Rückseite des bescheidenen Kolonialhauses. Die Landhausküche wurde von dem Morgenlicht erhellt, als die Sonnenstrahlen über die cremefarbenen Fliesen und den Dielenfußboden aus Eichenholz huschten.

Ein großer, schlanker Mann mit einem muskulösen Körper und zerzaustem schwarzem Haar betrat in einem blauen Bademantel die Küche. Er hatte ein markantes, intelligentes Gesicht, und ihm haftete eine gewisse Abgeklärtheit an. Ein Blick in seine dunkelbraunen Augen ließ vermuten, dass er in den neununddreißig Jahren seines Lebens schon eine Menge gesehen hatte.

Ein Berner Sennenhund lief neben ihm her. Der Mann beugte sich hinunter, strich mit den Händen durch das lange schwarz-braun-weiße Fell und kraulte den Hund am Bauch und hinter den Ohren. »He, Fruck«, flüsterte er. Es gefiel ihm, seinen Haustieren sonderbare Namen zu geben, was immer wieder dazu führte, dass er schnell mit Fremden ins Gespräch kam.

Der Mann griff in den Kühlschrank, nahm eine Cola heraus, riss die Lasche auf und trank sie halb leer, als handelte es sich um dringend benötigte Luft für seine Lunge. Er war kein Kaffeetrinker, war es nie gewesen und zog es vor, sich das Koffein durch ein süßes Kaltgetränk zuzuführen. Als er sich in der Küche umschaute, fiel sein Blick auf den immer größer werdenden Stapel Rechnungen neben dem Telefon und auf den überquellenden Abfalleimer. Sein schlechtes Gewissen meldete sich, denn er hatte seiner Frau vor über einem Tag versprochen, den Müll hinauszutragen. Und schließlich sah er, dass auf der Küchenzeile keine Bagels, kein Frischkäse und keine Zeitung lagen.

Kurz entschlossen lief er durch den Flur des kleinen Hauses, öffnete die Tür und sah die Zeitung auf der Treppe aus Schiefergestein liegen. Er hob sie auf, klemmte sie sich unter den Arm und atmete tief ein. Die Luft an diesem Sommermorgen war frisch und klar und voller Hoffnung. Fruck rannte an ihm vorbei durch die Tür und auf den Rasen. In der Hoffnung, dass sein Besitzer schon am frühen Morgen mit ihm herumtoben würde, sprang der Hund ausgelassen umher. Doch das musste warten.

Jack kehrte in die Küche zurück, warf die Zeitung auf die Küchenzeile und öffnete die Tür, die zur Garage führte. Als er den frisch gewaschenen blauen Audi seiner Frau dort stehen sah, schüttelte er den Kopf. Das konnte eigentlich nur eins bedeuten. Mit einem gequälten Lächeln ging er auf den Wagen zu und schaute auf die Tankanzeige. Der Tank war leer. Das erklärte, warum sein weißer Chevy Tahoe nicht in der Garage stand. Es war ein ständiges Streitthema, dass sie erst zur Tankstelle fuhr, wenn kaum noch ein Tropfen Sprit im Tank war. Am nächsten Tag nahm Mia immer, ohne ein Wort zu sagen, seinen Wagen und überließ es ihm, auf gut Glück mit ihrem Auto zur Tankstelle zu fahren und sich eine Ausrede einfallen zu lassen, warum er mal wieder zu spät zur Arbeit kam.

Mia war seit jeher ein Morgenmensch. Um sechs Uhr stand sie auf, kaufte um Viertel nach sechs beim Bäcker heißen Kaffee und Bagels, kehrte nach Hause zurück, schmierte Sandwiches, brachte die Mädchen um sieben Uhr zum Bus und fuhr zur Arbeit. Vermutlich war Mia schon um halb sechs aufgestanden und jetzt auf dem Weg in die Stadt. Inzwischen hatte sie tausend Dinge erledigt, für die andere einen ganzen Tag brauchten.

Um diese Zeit ging Jack Keeler oft erst ins Bett und betete, dass die Sonne an diesem Tag nicht aufgehen möge. Oft bekam er gegen neun Uhr abends einen zweiten Energieschub. Dann arbeitete sein Gehirn auf Hochtouren, und plötzlich fand er Lösungen für alle Probleme, die sich in Bezug auf seinen Job und sein Leben stellten. Doch morgens um halb sieben wachte er immer auf, ob er nun acht oder nur zwei Stunden geschlafen hatte. Der Leidensdruck entschied, ob es ein Morgen mit einer oder mit zwei Dosen Coca-Cola war.

Jack nahm eine zweite Dose aus dem Kühlschrank, stieg die Treppe hinauf und spähte in das Zimmer von Hope und Sara. Die rosaroten Betten waren gemacht, und das Spielzeug war weg­geräumt – das Zimmer sah ordentlicher aus als seit Wochen. Den unzertrennlichen Schwestern, die fünf beziehungsweise sechs Jahre alt waren, machte es große Freude, abends, wenn Jack von der Arbeit nach Hause kam, auf ihm herumzuklettern. Es war ein Ritual, seitdem sie krabbeln konnten, und sie liebten nichts anderes so sehr, außer Strandausflügen ans Meer.

Von seinem Schlafzimmer aus ging Jack ins Badezimmer. Während er sich die Zähne putzte, dachte er über den Tag nach und überlegte, was ihn im Büro erwartete und um was er sich kümmern musste. Als er sich über das Waschbecken beugte, warf er einen Blick in den Spiegel, und das, was er sah, verwirrte ihn.

Über dem rechten Auge war eine mit Schorf überzogene Wunde, von der er nicht wusste, woher sie stammte. Jack strich mit dem Finger über die Wunde und erschrak, als er den stechenden Schmerz spürte. Er beugte sich näher zum Spiegel vor, um die Wunde zu untersuchen, und entdeckte die anderen Schrammen auf der Wange und auf dem Hals. Sie waren nicht so dramatisch, aber auf jeden Fall hätte er sich erinnern müssen, wie er sie sich zugezogen hatte.

Während er versuchte, sich ihrer Herkunft zu entsinnen, erregte etwas auf seinem linken Handgelenk seine Aufmerksamkeit. Ein dunkles Bild auf der Haut guckte unter dem Ärmel des Frotteebademantels hervor. Jack, der eine weitere Wunde befürchtete, schob den Ärmel schnell hoch und sah etwas, womit er am wenigsten gerechnet hatte.

Es war ein formvollendet gestaltetes, von Künstlerhand angefertigtes Tattoo. Das Bild aus einfarbiger, fast schwarzer Tinte bedeckte den gesamten Unterarm und erstreckte sich vom Handgelenk bis zum Ellbogen. Auf den ersten Blick sah das Tattoo aus wie ein kompliziertes Muster aus ineinander verschlungenen Weinranken und Kordeln. Doch als Jack es genauer betrachtete, erkannte er Schriftzeichen einer ihm unbekannten Sprache. Er hatte fast das Gefühl, einer optischen Täuschung zu erliegen.

Während er den Schriftzug intensiv betrachtete, dachte er angestrengt nach, und die fehlende Erinnerung machte ihm Angst. Jack erinnerte sich nicht daran, Nadeln auf der Haut gespürt oder eine Verrücktheit begangen zu haben oder betrunken gewesen zu sein. Das Tattoo eines tanzenden Skelettes zierte seine rechte Hüfte, und darüber ärgerte er sich seit über zwanzig Jahren. Er hatte es sich als Achtzehnjähriger mit zwei Freunden morgens um drei am Jersey-Strand stechen lassen, als sie alle betrunken gewesen waren – eine im Alkoholrausch begangene Jugendsünde. Bis zum heutigen Tage wussten nur Mia und vier Exfreundinnen von diesem Tattoo. Selbst seine Eltern hatten nie davon erfahren. Während das kleine Skelett auf seiner Hüfte weitestgehend ein Geheimnis blieb, konnte er das Tattoo auf dem Unterarm unmöglich lange verbergen.

Jack drehte den Heißwasserhahn auf und hielt den Unterarm unter das kochend heiße Wasser. Die Haut unter dem Tattoo färbte sich rot, woraufhin das Kunstwerk noch deutlicher hervortrat. Er rieb mit einem Stück Seife über den Unterarm, nahm den Waschlappen und schrubbte die Haut so fest, dass er sie fast wund scheuerte. Es nutzte alles nichts. Es war ein richtiges, in die Haut gestochenes Tattoo. Mia würde einen Wutanfall bekommen.

Doch die Verwunderung über das Tattoo und die Wunden im Gesicht waren schnell vergessen, als er den Bademantel auszog.

Der Anblick schockierte ihn so sehr, dass er in Panik geriet und beinahe auf dem Fliesenboden zusammengebrochen wäre. Eine solche Wunde hatte er noch nie gesehen. Sie war ungefähr so groß wie eine Zehncentmünze und mit schwarzen, stümperhaften Stichen zusammengenäht worden. Die Haut ringsherum hatte sich dunkelblau verfärbt.

Jack drehte sich so, dass er die Wunde im Spiegel sehen konnte. Er spürte Übelkeit in sich aufsteigen. Etwas hatte seine Schulter genau unterhalb des linken Schlüsselbeins durchbohrt, aber er erinnerte sich nicht daran. Auf jeden Fall stand fest, dass kein Arzt diese dilettantischen Stiche gesetzt hatte. Vorsichtig strich er mit dem Finger über die Wunde und krümmte sich sofort vor Schmerzen, als hätte er soeben gespürt, dass die Kugel in seinen Körper eingedrungen war.

Ohne zu überlegen, griff Jack in den Spiegelschrank, nahm die Flasche Wasserstoffperoxid heraus, träufelte etwas davon auf die Wunde und klebte eine breite Mullkompresse darauf. Anschließend rannte er zu seinem Schrank und zog schnell eine Jeans und ein langärmeliges Button-Down-Hemd an. Als Jack seine Schuhe anzog, sah er eine dreckige, nasse Anzughose zusammengeknüllt in einer Ecke liegen. Nachdem er sie in die Hand genommen hatte, stand er noch ratloser da, denn die Hose war zerrissen und nicht mehr zu gebrauchen. Jack konnte sich nicht erinnern, sie getragen zu haben. Als er in die Taschen griff, fand er seine persönlichen Dinge, die bewiesen, dass er die Hose kürzlich noch angehabt hatte, auch wenn er sich nicht entsinnen konnte, wann das gewesen sein mochte.

Jack zog sein Portemonnaie aus der nassen Hosentasche und überprüfte den Inhalt. Es fehlte nichts. Außerdem fand er noch zwanzig Dollar, ein paar Münzen und die kleine blaue Schmuckschachtel, die Mia ihm in der vergangenen Woche geschenkt hatte. Als Jack sie öffnete, sah er, dass sie nicht das Kreuz enthielt, das sie für ihn gekauft hatte, sondern die Perlenkette – sein Geschenk zu ihrem Geburtstag vor drei Monaten. Ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, stopfte er alles in die Hosentaschen und rannte die Treppe hinauf.

Er nahm das Telefon in die Hand und wählte Mias Handynummer. Jack, der normalerweise für seine ruhige Art und seinen klaren Kopf in Krisensituationen bekannt war, spürte ungeheure Panik in sich aufsteigen. In diesem Augenblick stand er kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Er hatte nicht die geringste Ahnung, warum sein Körper an mehreren Stellen Wunden aufwies. Jack erinnerte sich auch nicht daran, was in der letzten Nacht und überhaupt am gestrigen Tag geschehen war, wenn er recht darüber nachdachte. Er hatte das Gefühl, den Verstand zu verlieren, und es gab nur einen Menschen, an den er sich wenden konnte.

Mias Handy klingelte drei Mal, ehe die Mailbox ansprang. Als Jack gerade eine Nachricht hinterlassen wollte, fiel sein Blick auf die Küchenzeile … und die Zeitung, die dort lag.

Er starrte auf das große Foto in der Mitte, eine von künstlichem Licht erhellte Nachtaufnahme einer Brücke. Das Geländer fehlte, und schwarze Reifenspuren auf der Straße hörten am Rand der Brücke auf.

Darüber stand in fett gedruckten Buchstaben die Schlagzeile:

Bezirksstaatsanwalt Jack Keeler aus New York City tot.

2. Kapitel
Freitag, 6.35 Uhr

Obwohl Frank Archer erst vor drei Monaten in den Ruhestand getreten war, vermisste er sein altes Leben bereits. An einem Freitagmorgen um sechs Uhr fünfunddreißig hätte er sich gewünscht, Köder auf einen Haken zu spießen, Golfbälle zu schlagen oder an seinem Schreibtisch zu sitzen. Er hätte sich alles Mögliche vorstellen können, nur nicht, im Garten seiner Frau hinter dem Haus Begonien zu pflanzen. Sein Leben bestand nun aus regelmäßigen lästigen Pflichten, und das war nicht seine Entscheidung, sondern die seiner Frau. Damit entpuppte sich sein dreißigjähriger Traum, im Ruhestand zu angeln und zu golfen, als der Traum eines Narren. Ihm kam es so vor, als wäre sein Leben mit fünfundfünfzig Jahren zu Ende.

Frank würde sich nicht bei Lisa beklagen. Er liebte sie noch genauso wie am Tag ihrer Hochzeit – meistens jedenfalls. Natürlich gab es wie in jeder anderen Ehe auch Streit, aber das fiel für Frank nicht ins Gewicht, wenn er eine Bilanz seiner Ehe zog. Sie hatte ihn oft rausgeworfen, weil er betrunken war, und war oft zu ihrer Mutter gelaufen, wenn es handfesten Krach gab. Und wenn er ihren Geburtstag vergaß, strafte sie ihn oft, indem sie wochenlang nicht mit ihm sprach und ihm Sex verweigerte. Doch alles in allem war sie seine Frau fürs Leben. Er hatte sich vorzeitig von einem guten Job verabschiedet, nur um häufiger bei ihr zu sein.

Als er die letzte Blume eingepflanzt hatte, stand er auf und begutachtete seine Arbeit der letzten Stunde. Er war nur knapp eins siebzig groß, aber mit den breiten Schultern und den noch immer muskulösen Armen wirkte er größer und wurde mindestens zehn Jahre jünger geschätzt. Wie schon sein ganzes Leben trieb Frank fast täglich Sport. Er joggte, stemmte Hanteln und machte noch vieles mehr, um dem Alterungsprozess entgegenzuwirken. Auf gar keinen Fall wollte er dem typischen Bild eines Ruheständlers entsprechen.

Um diese friedliche Zeit war es ruhig in der Nachbarschaft, das Leben erwachte erst allmählich an diesem neuen Tag. Frank schaute auf die Uhr und wunderte sich, dass er Lisa noch nicht gesehen hatte. Normalerweise hielt sie sich hier draußen auf, gab ihm Anweisungen und bat ihn in nachdrücklichem Ton, alle Blumen, die er gerade gepflanzt hatte, umzusetzen. Obwohl Frank die ganze Arbeit übernahm, war der Garten ihr Werk, und sie kassierte immer das Lob dafür, wenn Freunde die schönen Anlagen rühmten. Ihn störte das nicht, denn er wies Anerkennung gerne zurück. Frank verlangte für seine schweißtreibende Arbeit nur, dass er am Nachmittag zum Golfspielen gehen konnte.

Da Erde an seinen Händen klebte, strich er sich mit dem Unterarm über sein grau meliertes Haar und betrat dann durch die Hintertür das kleine Haus mit dem Giebeldach. Lisa saß mit verweinten Augen am Esszimmertisch. Franks Magen verkrampfte sich, und Angst stieg in ihm auf. Er spürte, nein, er wusste, dass jemand gestorben war. Er wusste auch, ohne dass seine Frau ein Wort gesagt hatte, dass es jemand sein musste, der ihnen nahestand.

Schließlich sah er vor ihr auf dem Tisch die Zeitung liegen und schloss schockiert die Augen. Die Schlagzeile bewies, dass seine Furcht berechtigt gewesen war.

Trauer überwältigte ihn. Als kurz darauf das Handy in seiner Gesäßtasche vibrierte, fuhr er zusammen. Seitdem Frank im Ruhestand war, rief niemand um diese Zeit an. Es gab auch niemanden, mit dem er sprechen wollte, als er versuchte, die Nachricht vom Tod seines Freundes zu begreifen. Er zog das Handy aus der Tasche, um es abzuschalten …

Als Frank den Namen des Anrufers las, setzte beinahe sein Herzschlag aus.

Jack legte das Handy aus der Hand und starrte auf die Zeitung, deren Schlagzeile sein Ableben verkündete. Als der Ernst der Lage in sein Bewusstsein drang, konnte er sich kaum noch konzentrieren. Seine Hände zitterten. Er wusste nicht, ob sie zitterten, weil jemand auf ihn geschossen hatte und er sich nicht daran erinnerte, oder weil er die Nachricht von seinem eigenen Tod auf der Titelseite las. Schließlich nahm Jack die Zeitung mit zitternden Händen in die Hand und begann zu lesen.

Er las den Artikel drei Mal, und mit jedem Satz wurde sein Entsetzen größer. Die Beschreibung seines Todes, die Wunden auf seinem Körper und die sonderbare Zeichnung auf seinem Arm traten in den Hintergrund, als die Worte in sein Bewusstsein drangen. Es kam ihm so vor, als hätte ihm jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Jack hatte niemals an so etwas gedacht, obwohl sie in diesem Job arbeitete. Der Gedanke an eine solche Tragödie war ihm bis jetzt niemals in den Sinn gekommen. ­Irgendwie war sein schlimmster Albtraum Wirklichkeit geworden.

Seine Frau Mia war tot.

Wenn Mia Keeler einen Raum betrat, wandten sich ihr alle Blicke zu, und niemand vergaß diese beeindruckende Frau so schnell wieder. Ihr langes, dickes braunes Haar war von Natur aus mit rotbraun schimmernden Strähnen durchzogen. Mia hatte die Figur einer Tänzerin, nicht die einer spindeldürren Ballerina, sondern die einer kraftvollen, schlanken, lateinamerikanischen Tänzerin mit perfekten weiblichen Rundungen. Ihre großen braunen Augen waren sehr ausdrucksvoll, und das wusste sie ebenso in ihrem Job einzusetzen wie auch zu Hause, wenn sie ihre Kinder böse anfunkelte, weil sie etwas ausgefressen hatten. Mia war eine klassische Schönheit mit einem leicht gebräunten Gesicht, das trotz der Sorgen, die bei zwei kleinen Kindern nicht ausblieben, noch keine Falten aufwies.

Jack Keeler und Mia Norris hatten sich im zweiten Studienjahr an der Fordham Law School kennengelernt. Jack befand sich an einem beruflichen Wendepunkt. Er war vier Jahre lang Detective bei der Polizei gewesen, wollte nun aber nach dem tragischen Tod seines Partners noch einmal neu durchstarten. Mia hingegen hatte immer ein ganz klares Ziel vor Augen gehabt: das FBI. Dieser Job übte einen ungeheuren Reiz auf sie aus, ebenso wie einst auf ihren Stiefvater. Sie hatte großes Interesse daran, für die Durchsetzung der Gesetze zu sorgen, und eine Begabung dafür, Rätsel, Krisen und Probleme zu lösen. Zudem verfügte sie über eine gute Intuition, die ihr dabei half, die Hilflosen zu beschützen und für Wahr­-heit, Gerechtigkeit und die guten alten amerikanischen Werte zu kämpfen.

Bei ihrer ersten Verabredung hatten sie sich ein Eis bei einem italienischen Straßenverkäufer gekauft und waren dann durch die Upper West Side von Manhattan spaziert. Als sie schließlich auf der Bow Bridge im Central Park gelandet waren, hatten sie sich stundenlang unterhalten, während ihre Beine über dem See baumelten. Am nächsten Tag kauften sie sich Hotdogs und spazierten am Hudson River entlang. Und am darauffolgenden Tag, einem Freitag, verabredeten sie sich tatsächlich offiziell zum Essen im Shun Lee Palace in der Fünfundfünfzigsten Straße.

Jack und Mia lachten darüber, dass sie beide bis zur letzten Klasse der Highschool keine fleißigen Schüler waren, weil sie lieber Sport trieben und sich mit Freunden trafen. Sie teilten ihre Begeisterung für die Rolling Stones, Aretha Franklin und Buddy Guy und wären beide überallhin in der Welt geflogen, wenn Led Zeppelin noch einmal aufgetreten wäre.

Nach ein paar Wochen spielten sie dienstagabends Baseball und verbrachten die Wochenenden damit, mit Seilen auf dem Rücken und Haken, die an ihren Hüften hingen, in den Shawangunk Mountains bei New Paltz, New York, zu klettern. Jack brachte ihr bei, mit seinem Motorrad zu fahren, und wie man eine Gerichtsverhandlung gewinnt, die sie zu Übungszwecken inszenierten. Beim Tontaubenschießen waren sie beide gleich gut, aber sie schenkten sich nichts.

Nach einem Monat saßen sie beide in Gespräche vertieft in Jacks kleiner Wohnung in der Bleecker Street, während im Hintergrund Claptons »Layla« lief. Mia gestand Jack, dass ihre kühle, unnahbare Art nur ein Schutzpanzer sei. Sie öffnete ihm ihr Herz und erzählte ihm von ihren Ängsten im Leben, und vor allem davor zu versagen, und von den Erwartungen ihrer Eltern an sie, immer die Beste zu sein. In der Pubertät hatte sie sich gegen sie aufgelehnt. Doch ab der zwölften Klasse bemühte sie sich, sie zufriedenzustellen, ihren Idealen zu entsprechen und ihre enttäuschten Blicke zu vermeiden, wenn sie nur ganz gewöhnliche Leistungen erbrachte.

Als Clapton seine letzten gefühlvollen Gitarrenklänge spielte, sprach Mia über ihr Leben als junges Mädchen und über Dinge, über die sie seit Jahren nicht gesprochen hatte. Sie erzählte Jack von dem furchtbaren Kummer, der tief in ihrem Herzen vergraben war und den ein Ereignis ausgelöst hatte, das kein Kind jemals erleben sollte. Als sie vierzehn Jahre alt war, war ihr Vater in ihren Armen gestorben.

Mia ließ es zu, dass die Erinnerungen lebendig wurden, während Jack durch seine freundlichen Worte, seine Gegenwart und seine Herzenswärme ein Verständnis ausdrückte, das sie nie gekannt hatte. Als sie sich leise flüsternd alles von der Seele redete, war es für sie so befreiend, als hätte sie ihre Sünden gebeichtet. Mia erzählte ihm von dem entsetzlichen Leid, das ihr Leben für immer verändert und sie auf einen Weg geführt hatte, der nicht immer geradlinig verlaufen und mitunter fast zu einer fixen Idee geworden war.

Obwohl sie mit aller Kraft gegen die Gefühle ankämpfte, traten ihr Tränen in die Augen. Jack strich sanft über ihren Arm, und diese Berührung drückte seine Zuneigung und sein Mitgefühl aus. Ihre Blicke trafen sich, die Zeit blieb stehen, und sie fühlten beide, ohne ein Wort zu sagen, den Wunsch, einander nahe zu sein. Jack nahm Mia in die Arme, und sie ließ ihren Tränen freien Lauf.

Als der Kummer sich gelegt und das Zittern nachgelassen hatte, wussten beide, wie es um sie stand. Mia hob den Kopf von Jacks Schulter. Ihre Gesichter waren nur Zentimeter voneinander entfernt, und sie spürten den Atem des anderen auf ihrer Haut. Ihre Lippen berührten sich fast, während die Lust auf Sex in ihnen immer mächtiger wurde. Der Augenblick dauerte an, und sie ­atmeten im Gleichklang, bis alle Hemmungen von ihnen abfielen.

Nie zuvor hatte Jack so etwas erlebt. Mia küsste ihn leiden­schaftlich mit ihren vollen, warmen Lippen. Sie nahmen die Seele des anderen in sich auf, bis sie miteinander verschmolzen. Dann rissen sie sich gegenseitig die Kleider vom Körper, fielen mit verschlungenen Armen und Beinen auf die Couch und gaben sich einander hin. Es war triebgesteuerter, aber gefühlvoller, sinn­licher und ehrlicher Sex, ein perfekter Moment, den sich keiner von ihnen jemals hätte träumen lassen. Alle Gedanken und Sorgen trieben von ihnen fort. In den Armen des anderen fühlten sie sich sicher, und sie vergaßen alles um sich herum. Die Musik spielte noch immer, doch die Klänge drangen aus immer weiterer Ferne zu ihnen. Sie waren in ihre eigene Welt eingetaucht, wo es nur die Geräusche ihres leidenschaftlichen Seufzens der Begierde und der Freude, ihres schnellen Atems und ihrer klopfenden Her­zen gab.

Und als sich ihr Herzschlag in der anschließenden Stille beruhigte und der Schweiß ihre erhitzten Körper kühlte, begriffen sie, was geschehen war.

Sie wussten es, ohne dass ein einziges Wort notwendig gewesen wäre.

Wenn die Liebe einschlägt, steht der andere plötzlich im Mittelpunkt des Interesses. Die Liebe motiviert zu Opferbereitschaft, sie stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und verleiht das Selbstbewusstsein, alles schaffen zu können. Sie füllt das Herz mit Hoffnung und eröffnet neue Möglichkeiten. Und sie richtet den Blick auf die Freuden des Daseins, die sich mitunter hinter Pro­blemen und Tragödien verbergen, denen wir auf der Reise durch das Leben begegnen.

So hatte sich aus einem Spaziergang mit einem Eis von einem italienischen Straßenverkäufer, bei dem sie eine Viertelstunde über die Reform des Schadenersatzrechts und das geltende Recht diskutiert hatten, eine Beziehung entwickelt, die nun schon sechzehn Jahre währte. Dazu gehörten zwei Kinder, Berge von Rechnungen und viel Stress, aber eine tiefe Zufriedenheit und ein Leben voller Liebe belohnte sie.

Jack schaute noch ein letztes Mal auf den Artikel:

Der Bezirksstaatsanwalt Jack Keeler und seine Frau Mia kamen gestern um kurz nach Mitternacht ums Leben, als ihr Wagen von der Rider’s Bridge stürzte. Ihre Leichen müssen noch aus dem Byram River geborgen werden. Der Versuch, sie in den nach dem Unwetter stark gestiegenen, reißenden Fluten des Flusses zu bergen, schlug bisher fehl.

Unbestätigte Berichte über Patronenhülsen am Tatort haben Gerüchte genährt, dass es sich um ein Verbrechen handelt und dass der Unfall als Mord behandelt wird.

Jack verdrängte den Kummer und bemühte sich, logisch zu denken. Er gehörte nicht zu den Leuten, die den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Ihn zeichnete die Fähigkeit aus, anhand des Beweismaterials die Wahrheit herauszufinden, wenn andere nur die Tatbestände sahen, ohne die Zusammenhänge zwischen ihnen zu erkennen.

Die Sensationsgier der Zeitungen, denen jede Schlagzeile recht war, solange sie eine hohe Auflage versprach, erregte immer wieder Jacks Wut. Wie konnte die Zeitung ihn für tot erklären, wenn es noch kein Gerichtsmediziner getan hatte und sein Leichnam gar nicht aufgefunden worden war (was de facto auch nicht passieren würde)?

Und wenn er hier stand, vielleicht …

Mia war zäher als jede andere Frau, die Jack jemals gekannt hatte. Wenn es auch nur den Hauch einer Möglichkeit gab …

Als er dort in der Küche stand, sah er einen Hoffnungsschimmer am Horizont, doch dann stieß er sofort auf ein Hindernis. Es schien so, als wäre die Erinnerung an den Abend zuvor hinter einer Mauer verborgen, die er nicht durchdringen und nicht überwinden konnte. Jack war ungeheuer enttäuscht, als er begriff, dass ihm ein Teil seiner Erinnerungen fehlte.

3. Kapitel
Freitag, 6.50 Uhr

Frank Archer, der in der Küche der Keelers stand, hatte eine Hand auf Jacks Schulter gelegt. In seinen Augen spiegelten sich gleichzeitig Verwirrung und Erleichterung, und er sah aus, als würde er auf einen Geist starren.

Die beiden hatten mehr als drei Minuten schweigend am Tisch gesessen und zu begreifen versucht, was geschehen war. Jack erzählte Frank alles, was er wusste. Er zeigte ihm seine Verletzungen, die Wunde in der Schulter, die Schrammen im Gesicht und auf dem Hals. Er zeigte ihm auch seine total verdreckte, nasse Hose. Daraufhin öffnete er den Manschettenknopf seines Hemdes und krempelte den Ärmel hoch, bis das dunkle Tattoo, das seinen Unterarm bedeckte, zum Vorschein kam.

Frank betrachtete das Tattoo einen Moment, und dann wanderte sein Blick zwischen dem makabren Kunstwerk und Jacks verwirrter Miene hin und her. Langsam rollte Jack den Ärmel wieder herunter und wartete, dass sein Freund etwas sagte.

»Wie kann es sein, dass du dich nicht an gestern Abend erinnerst?«, fragte Frank ihn schließlich. »Du hast dich seit Wochen davor gefürchtet. Du warst total sauer, weil du deine Karten für das Spiel der Yankees abgeben musstest, das übrigens wegen Regen ausfiel. Jedenfalls musstest du den Geburtstag eines Mannes feiern, der dir noch nie den geringsten Respekt entgegengebracht hat. Erinnerst du dich nicht, dass du das Geschenk für ihn selbst gemacht hast? Zehn Abende hast du damit verbracht, an dem Ding zu arbeiten und es ohne Vorlage aus diesen ganzen Einzelteilen zusammenzubauen. Du bist ein besserer Mensch als ich. Ich hätte dem nicht einmal eine Flasche Wein gekauft.«

»Es ist nichts da«, sagte Jack. »Kein Bild, kein Gedanke. Es ist fast so, als hätte jemand einen Eimer weißer Farbe auf mein Gehirn gegossen. Der gestrige Tag ist weg.«

»Denk nach. Um wie viel Uhr hast du mit Mia die Party verlassen? Seid ihr zusammen gegangen? Du bist doch nicht einfach von dieser Brücke heruntergefahren, nicht wahr? Und die Schusswunde?« Frank zeigte auf Jacks Schulter. »So etwas kriegt man nicht einfach so. Ist jemand hinter dir her? Das wäre immerhin möglich. Die meisten Kriminellen geben dem Mann, der sie ins Gefängnis geworfen hat, die Schuld an den Problemen in ihrem Leben. Und du hast schon eine Menge Leute in den Knast gebracht.«

Jack zerbrach sich den Kopf, doch er erinnerte sich an nichts.

»Denk an die letzten Tage zurück«, forderte Frank ihn auf. »Welches ist deine letzte Erinnerung vor heute Morgen? Du erinnerst dich an mich, nicht wahr? Ich bin auch nicht der Typ, den man so schnell vergisst.«

Jack dachte so intensiv nach, dass ihm fast der Schädel platzte. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen, als er versuchte, sich an sein Leben vor diesem Morgen zu erinnern. Es war so anstrengend für sein Gehirn, als würde er ein Gewicht stemmen, dem er nicht gewachsen war.

Plötzlich tauchten verschwommene Erinnerungen an den letzten Freitag vor einer Woche auf. In seinem Büro. Die Bilder wurden deutlicher. Er überprüfte mit seiner Assistentin Joy laufende Fälle. Doch keiner von ihnen hatte eine besondere Bedeutung. Er war später als üblich zur Arbeit gekommen. Er hatte das Mittag­essen ausfallen lassen und mit Mia und den Mädchen früh zu Abend gegessen … Und dann legte sich wieder ein Nebelschleier auf seine Erinnerung.

»Okay«, sagte Jack schließlich und hob den Blick. »Ich erinnere mich an den letzten Freitag.«

»Gut.« Frank lächelte. »Immerhin ein Anfang.«

Jack dachte schon wieder an Mia und das entsetzliche Gefühl, jetzt allein auf der Welt zu sein, an die Trauer und die Frage, wie er seinen Töchtern beibringen sollte, dass ihre Mutter tot war. Er würde es nicht ertragen können, ihnen in die Augen zu sehen. Er würde nicht wissen, wie er die Frage beantworten sollte: »Daddy, ich verstehe nicht. Warum kommt sie nicht zurück?«

»He«, rief Frank. »Ich sehe dir an, dass du dir irgendwelche Geschichten ausdenkst, wie es gewesen sein könnte. Konzentriere dich. Denk nach. Irgendetwas muss deine Erinnerung wecken. Ein Song, ein Kleidungsstück.«

Jack strich sich übers Gesicht. Alles erinnerte ihn an Mia. Der Küchentisch, an dem sie saßen und den sie bei einem Freund gekauft hatte. Er hatte ihn in seiner Werkstatt abgeschliffen und poliert, und sie war so stolz, dass er jetzt hier bei ihnen stand. Die Küche, die sie entworfen hatte, die Tapete und die gerahmten Fotos von ihr und den Kindern auf der Fensterbank. Alles in seinem Leben erinnerte ihn an Mia. Sie war Teil seines Lebens, und er brauchte sie wie die Luft zum Atmen.

In der Hoffnung, dass ihm irgendetwas auffiel und die Lücken in seiner Erinnerung füllte, lief Jack durchs Haus. Als er am Wohnzimmer vorbeikam und auf das Klavier schaute, blitzte ein Bild seiner Töchter auf, die jammerten, weil sie dienstags immer bei Mrs Henry Unterricht hatten. Als er am Esszimmer vorbeikam, wurden nur Erinnerungen an Mias selbst kreiertes Thanksgiving-Dinner für achtundzwanzig Personen geweckt. Im Eingangs­bereich: nichts. Allmählich kam Jack sich schon vor wie ein Idiot, doch als er in die Küche zurückkehrte und an dem kleinen Badezimmer vorbeikam, stutzte er. Der schwache Duft ihres Parfums hing noch in der Luft … vom vergangenen Abend. Mia legte dieses Parfum von Chanel schon seit dem College immer auf. Es war sozusagen ihre persönliche Note. Mias Duft. Er erinnerte Jack an seine Frau, bevor er einschlummerte, und er roch dieses Parfum auf ihrem Kissen, an ihrer Kleidung und auf ihrem Nacken, wenn er sie in den Armen hielt.

Jack stand reglos vor der Tür des Badezimmers und versuchte, die Erinnerung an die vergangene Nacht aus den dunklen Winkeln seines Gehirns hervorzulocken. Doch sie entglitt ihm immer wieder und trieb in unerreichbare Ferne davon.

Frank streckte den Kopf aus der Küche heraus und schwieg, als er Jack dort in Gedanken verloren stehen sah.

Und dann tauchte sie vor Jacks geistigem Auge auf, als sie in voller Schönheit dort stand und in den Spiegel schaute. Sie bürstete noch ein letztes Mal ihr langes dunkles Haar und ermahnte ihn, sich endlich anzuziehen, weil sie sonst wieder einmal zu spät kommen würden.

Es war so, als würde eine Quelle zu sprudeln beginnen und Bilder, Gedanken und Geräusche ans Licht bringen. Jack sah die Szenen deutlich vor Augen, aber er hatte das Gefühl, sie gehörten zu einem anderen Leben. Nach und nach drang alles an die Oberfläche, die Freude und der Lärm der Party, der unaufhörliche Regen, das Essen von einem Cateringunternehmen. Ein Film lief vor seinem geistigen Auge ab.

Jack brach beinahe zusammen. Er griff an die Wand, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, rutschte langsam auf den Boden und begann zu zittern. Die Gefühle überwältigten ihn. Die Momente der Freude und Vorfreude des vergangenen Abends wurden zerstört, als Wut und Zorn in ihm aufstiegen. Er spürte den strömenden Regen auf seinem Gesicht. Sein Körper war durchnässt und blutig. Und schließlich stürmten die Erinnerungen auf ihn ein, als wäre er aus einem Leben erwacht und in ein anderes hineingeworfen worden, wo die Schatten dunkler und überall Schmerzen waren und wo die Existenz an einem seidenen Faden hing.

Mit Tränen in den Augen hob Jack den Blick zu Frank. Seine Erinnerung an den gestrigen Abend war zurückgekehrt.

Er wusste, was geschehen war.

4. Kapitel
Gestern

Mia trug ein langes, elegantes schwarzes Kleid. Mit ihren geschmeidigen Beinen schwebte sie buchstäblich über den Marmorboden, als sie Arm in Arm mit Jack die Eingangshalle ihres Elternhauses durchquerte. Es war ein herrschaftliches, aus Ziegelsteinen gebautes Haus mit großen Räumen und hohen Decken, das aus den Zwanzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts stammte. Hausangestellte liefen mit Tabletts umher, stellten die Blumenarrangements so hin, dass sie am besten zur Geltung kamen, und bereiteten die Party vor.

Jack hatte seinen linken Arm um das Geburtstagsgeschenk geschlungen. Die sperrige, quadratische Kiste mit einer Seitenlänge von fünfundvierzig Zentimetern war ein wenig ungeschickt in Geschenkpapier mit Anglermotiven eingewickelt und schwierig zu tragen.

Sie öffneten eine Doppeltür und betraten ein kleines, gemütliches Arbeitszimmer. Auf dem überdimensional großen Schreibtisch vor dem Erkerfenster waren nur ein Briefbeschwerer in Form eines Messingelefanten und ein kostbarer Zigarrenkasten zu sehen. In den Regalen standen Bücher, die sich im Laufe eines Lebens angesammelt hatten, überdies schmückten zahlreiche Bilder der Familie den Raum: Mia mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater neben einem weißen Leuchtturm, am Strand, beim Skifahren, Fotos von Freunden, der Familie, dem Leben und von Mia neben einem Offizier mit stattlicher Statur in einer Paradeuniform.

»Ich weiß, dass es erst morgen ist, aber herzlichen Glückwunsch«, sagte Mia.

Auf der roten Ledercouch im Chesterfield-Stil saß ein Herr mit weißem Haar und breiten Schultern, der trotz seines offensichtlichen Alters noch eine imposante Erscheinung war. Er trug ein blassgrünes Sakko und eine dunkle Hose. Sein anspruchsvoller Stil passte zu seinem Auftreten. Langsam hob er den Kopf und musterte Jack und Mia mit einem kühlen, abschätzenden Blick.

»Deiner Mutter ist jeder Vorwand recht, um eine Party zu geben«, sagte der Mann mit tiefer Stimme. Es war ihm anzumerken, dass ihm nicht der Sinn nach einer Feier stand.

Jack reichte dem Mann das in buntes Papier eingewickelte Paket. Der alte Herr kniff seine dunklen Augen zusammen, als er auf das zerknitterte Papier schaute, mit dem das Geschenk ein wenig ungeschickt eingepackt war.

»Die Mädchen haben das Papier ausgesucht. Es hat lange gedauert, bis sie das richtige gefunden haben«, sagte Mia und zeigte auf den Barsch mit dem breiten Maul und die Angelrute. »Mach es auf«, drängte sie ihn.

Der Mann lehnte sich auf der Ledercouch zurück und legte das Paket auf den Couchtisch. Dann schob er die Zeitungen zur Seite und stellte den Ton des Fernsehers ab.

Er war am ersten Juli geboren worden. Seine Mutter hatte ihn Samuel genannt, da sein errechnetes Geburtsdatum der vierte Juli gewesen war und ihr der Name gefallen hatte – anders als ihm. Sam Norris hasste seinen Namen und hörte seit der Grundschule nicht mehr darauf.

Sam beugte sich vor, legte seine großen Hände auf das Paket und riss das Geschenkpapier auf. Zum Vorschein kam eine große, mit Wachs auf Hochglanz polierte Kiste. Er öffnete den Deckel des sorgfältig gearbeiteten Kästchens und entdeckte eine Vielzahl kleiner, einzeln verpackter Päckchen, die Kinder mit schiefen Schleifen verziert hatten: eine Angelrolle zum Fliegenfischen, Kunstfliegen, Streamer und Angelschnur.

»Die Mädchen warten noch immer darauf, dass du dein Versprechen einlöst und sie zu einer deiner Angeltouren mitnimmst.«

Mias Stiefvater hob die Kiste lächelnd hoch und betrachtete die perfekten Fugen und die versenkten Scharniere.

»Jack hat die Kiste selbst gebaut«, sagte Mia.

»Eine Kiste?«, erwiderte Sam in freundlichem, ein wenig spöttischem Ton und schaute Jack fragend an.

»Hm«, begann Jack, der sich auf gar keinen Fall verteidigen wollte. »Im Grunde ist es eine …«

»Dad«, mischte Mia sich ein. »Er hat viel Zeit dafür geopfert.«

»Danke«, sagte Sam lächelnd und ging auf die Tür zu.

Und als er an Jack vorbeikam, beugte er sich zu ihm vor und flüsterte ihm ins Ohr, ohne dass Mia es hören konnte: »Ich habe gehört, es ist ein harter Wahlkampf.«

»Nun«, sagte Jack. »Wenn es nicht klappt, kann ich immer noch Kisten bauen, um unseren Lebensunterhalt zu bestreiten.«

Sam blickte mit skeptischer Miene auf die Kiste. »Mit Schreinerarbeiten kenne ich mich nicht aus, aber wenn du Hilfe beim Wahlkampf brauchst, lass es mich wissen.«

Jack lächelte. »Herzlichen Glückwunsch, Sam.«

Als Norris die Tür öffnete, sahen sie, dass die große Party schon in vollem Gange war. Der Lärm der Menge drang ins Arbeitszimmer, als Sam es verließ.

Jack schaute Norris nach, der in der Schar der Gratulanten verschwand, die ihm auf den Rücken oder die Schultern klopften, seine Hand schüttelten und ihn begrüßten, als wäre er eine bekannte Persönlichkeit.

»Er hätte niemals in den Ruhestand treten dürfen«, sagte Mia. »Was hat er gesagt? Hat er über deine Umfragewerte gespottet?«

»Mia.« Jack lachte. »Er hat nur seine Anerkennung ausgedrückt.«

Das Paar drehte sich um, trat durch die Tür und stürzte sich in das fröhliche Partygetümmel.

»Das glaube ich dir nicht. Das ist nicht lustig«, sagte Mia. Sie nahm zwei Gläser Champagner von dem Tablett eines Kellners und reichte ihrem Mann eins. »Ich hätte mir gewünscht, dass er einmal danke sagt, ohne irgendwelche Kommentare hinzuzufügen.«

»Mia, für den ehemaligen Direktor des FBI ist es schwer loszulassen. Manchmal müssen Leute wie er noch deutlich machen, wer sie sind.«

»Nicht den Menschen, die einem am Herzen liegen, nicht der Familie gegenüber.«

Jack beugte sich vor und blickte seiner Frau in die Augen. »Er ist ein Vater. Wenn er mich sieht, stichelt er gerne. Immerhin bin ich der Mann, der ihm sein kleines Mädchen, sein einziges Kind, weggenommen hat.«

»Nach sechzehn Jahren wird es Zeit für ihn, darüber hinwegzukommen.«

»Meinst du, es wird bei unseren Mädchen anders sein?«, fragte Jack sie lächelnd.

»Ja, das glaube ich.« Mia lächelte auch. »Du wirst noch schlimmer sein.«

»Ganz genau«, erwiderte Jack und schnitt eine Grimasse.

»Was machen deine Kopfschmerzen?«, fragte Mia ihn. »Bei dem Krach hier wird es bestimmt nicht besser.«

»Nicht mehr so schlimm. Zwei Aspirin und zwei Dosen Cola, und jetzt sind sie fast weg.«

»Ja? Ich glaube, jetzt bekomme ich welche …«

»Hallo, Mia«, zischelte plötzlich jemand in ihr Ohr.

Mia drehte sich zu einem älteren Mann mit einer Brille um.

»Mr Turner«, begrüßte Mia ihn. »Mit Ihnen habe ich heute Abend am wenigsten gerechnet.«

»Und ich werde der Erste sein, der wieder geht«, sagte Turner. »Ihren Vater habe ich schon begrüßt. Ich wollte Ihnen unbedingt guten Tag sagen und Sie daran erinnern, dass Sie wirklich auf die Bühne der Welt gehören. Die Möglichkeiten beim FBI sind sehr begrenzt.«

Mia lächelte. »Wenn der Zeitpunkt für eine Veränderung gekommen ist, werden Sie der Erste sein, den ich anrufe.«

Turner nickte mit brummiger Miene und steuerte auf die Tür zu.

Stuart Turner war in der Tat als taktisches Genie bekannt, und das nicht nur in der Welt des Geheimdienstes, sondern in ganz Washington. In den vergangenen drei Jahren war er der Direktor der CIA gewesen und die sechs Jahre davor stellvertretender Direktor. Zuvor hatte er im Dienst des Außenministeriums verschiedene Posten in der ganzen Welt bekleidet. Jeder wusste, dass er schnell auf den Punkt kam und Entscheidungen traf. Sein aggressives Verhalten jagte allen, die ihn nicht kannten, Angst ein. Mia, die ihn schon seit achtzehn Jahren kannte, musste über sein eigentümliches soziales Verhalten lächeln.

»Jack.« Ein braunhaariger Mann mit einem perfekten Scheitel und in einem tadellos gebügelten Anzug näherte sich. Er klopfte Jack freundschaftlich auf die Schulter und drückte ihm die Hand.

»Peter«, sagte Jack.

»Hallo, Mia.« Peter beugte sich vor und gab ihr einen Kuss.

»Hallo, Peter. Ist Katherine auch hier?«

»Nein, ich bin allein gekommen. Sie ist mit den Kindern in den Hamptons. Ich dachte, ich muss hier auftauchen, um deinem Vater die Ehre zu erweisen.«

»Er ist im Ruhestand, Peter. Niemand muss ihm mehr Ehre erweisen oder ihm in den Hintern kriechen«, erwiderte Mia mit einem wissenden Lächeln.

»Du weißt doch, dass es meine Spezialität ist, jemandem in den Hintern zu kriechen, um mich einzuschmeicheln.«

»Du sprichst wie ein wahrer Politiker.«

Peter Womack war Bundesanwalt und mit sechsunddreißig Jahren der jüngste US-Staatsanwalt, der jemals für den Southern District von New York zuständig war. Er leitete die wichtigste Regierungsbehörde, die in besonderem Maße im Fokus der Öffentlichkeit stand. Er und Jack arbeiteten gelegentlich zusammen, und ihre Frauen hatten sich bei einer der zahllosen politischen Veranstaltungen angefreundet.

»Special Agent Keeler?«, rief eine tiefe Stimme.

Mia wirbelte herum und erblickte den neuen Direktor des FBI, den Boss ihres Bosses, Lance Warren, der auf dem Gang hinter ihr stand. Er hatte im Dienst des Staates Karriere gemacht und schon beim Militär, der CIA, der NSA und dem Außenministerium gearbeitet, und ihm waren – was selten vorkam – beide politischen Parteien gewogen. Das hatte nicht nur mit seiner Cleverness zu tun, zwischen ausländischen und amerikanischen Geheimdiensten zu vermitteln, sondern auch mit seiner Hartnäckigkeit und seinem Anspruch, alle Aufgaben möglichst umgehend zu erledigen. Er war ein gut aussehender, großer Mann in einem blauen Sakko. Mia reichte ihm die Hand, worauf er sie schüttelte, als wollte er ihr gratulieren.

»Sie haben so viele Fälle gut gelöst, Mia«, lobte Warren sie.

»Danke, Sir.«

»Mia …«, sagte Warren in vorwurfsvollem Ton.

»Lance.« Mia gab zögernd nach. »Mein Dad hat mich so erzogen, dass ich Vorgesetzten gegenüber eine formelle Anrede benutze.«

Sie kannten einander schon, seitdem Mia zur Highschool gegangen war und Warren und ihr Vater zusammen in Washington gearbeitet hatten. Er hatte ihr weit mehr als ihr Vater geholfen, ihre Karriere voranzutreiben.

»Jack.« Warren drehte sich um. »Wie ist es Ihnen ergangen?«

»Hervorragend, Lance. Und Ihnen?«

»Großartig. Wie läuft es im Büro des Bezirksstaatsanwalts? Jemals daran gedacht, es zu verlassen?«

»Jeden Tag.« Jack lächelte. »Okay, ich lasse Sie mal allein, dann können Sie sich in Ruhe unterhalten. Ich besorge mir etwas zu essen.«

Als Jack und Peter sich zu einem Kellner umdrehten, der gerade vorbeikam, und sich mit Schinken umwickelte Jakobsmuscheln vom Tablett nahmen, wurde Warren ernst. »Ich habe gehört, dass eine Beweismittel-Kassette fehlt.«

»Fehlt?« Mia lächelte.

»Ich habe einen Anruf von Gene Tierney über einen Mordfall Anfang der Woche in einem Hotel bekommen.«

»Ja, im Waldorf.«

»Er erwähnte, dass eine Reihe von Leuten interessiert daran sind, den Fall noch einmal zu überprüfen und die Beweisstücke zu sichten.«

»Von meinem Fall?« Mia gehörte nicht zu den Leuten, die ihre Gefühle verbargen, auch nicht vor ihren Vorgesetzten.

»Mia.« Warren hob beschwichtigend die Hände und versuchte, sie zu besänftigen. »Es ist Ihr Fall, aber ich habe den Anruf bekommen. Ich will nicht auf meiner Autorität beharren, vor allem nicht jemandem wie Tierney gegenüber.«

»Danke.«

»Mal ganz im Vertrauen, Sie haben die Beweismittel-Kassette doch nicht verloren, oder?«

»Nur verlegt.« Mia schüttelte lächelnd den Kopf. »Wir arbeiten in diesem Fall mit der New Yorker Polizei zusammen. Die Kassette wurde von den Kollegen unter dem falschen Namen abgelegt. Niemand gibt gerne zu, wie oft so etwas passiert.«

»Ah«, sagte Warren erleichtert. Er hob sein Glas und brachte einen Toast aus. »Auf die verdammte Bürokratie in den Behörden, bei denen wir angestellt sind.«

Kurz nach Mitternacht gab Mia ihrer Mutter und ihrem Vater einen Abschiedskuss, ehe sie mit Jack still und heimlich die Party verließ, die allmählich dem Ende zuging. Sie liefen durch den strömenden Regen, stiegen in den weißen Tahoe und schlugen die Türen zu. Als sie im Wagen saßen, atmeten sie auf und genossen einen Augenblick die Stille.

»Das hätten wir hinter uns«, sagte Jack erleichtert. Er zog sein nasses Sakko aus und legte es über die Mittelkonsole zwischen ihnen. »Ich wusste schon vor zwei Stunden nicht mehr, worüber ich mich mit den Leuten unterhalten sollte.«

Mia nahm eine Strickjacke von der Rückbank und zog sie an. Sie knöpfte sie zu und schüttelte sich den kalten Regen aus dem Haar.

Dann lehnte sie sich auf dem Beifahrersitz zurück, umfasste Jacks Hand und schenkte ihm ein warmes, liebevolles Lächeln. »Danke. Ich weiß, wie sehr du diese Dinge hasst.«

Jack beugte sich zu ihr hinüber und küsste sie zärtlich auf die Wange. »Für dich würde ich viel schlimmere Dinge als deinen Vater über mich ergehen lassen.«

»Das sagst du nur, weil du auf eine heiße Nacht hoffst.«

»Und funktioniert es?«, fragte Jack lachend. Er startete den Wagen und fuhr in die verregnete Nacht hinein.

»Nein«, erwiderte Mia mit einem strengen Blick, der bald einem Lächeln wich. »Nun … die Kinder schlafen bei deiner Mutter. Ich finde, es wäre eine furchtbare Verschwendung, wenn wir den Abend einfach so verstreichen ließen.«

»Es wäre wirklich ein Jammer. Du weißt doch, was man über verpasste Gelegenheiten sagt, nicht wahr?«

»Ich nehme an, das bedeutet, dass deine Kopfschmerzen weg sind«, sagte Mia und strich ihm durchs Haar.

»Kopfschmerzen? Welche Kopfschmerzen?« Jack lächelte.

Als sie auf die Route 22 auffuhren, fiel Mia auf, dass die Brusttasche von Jacks Sakko, das über der Mittelkonsole lag, leicht ausgebeult war. Sie griff in die Tasche und zog eine blaue Schmuckschachtel heraus.

Mia drehte sich um, runzelte die Stirn und öffnete die kleine Schachtel. Sie enthielt ein goldenes Kreuz an einer schlichten Goldkette, die in dem Schlitz des schwarzen Samtbodens steckte.

»Du hast sie nicht einmal aus der Schachtel herausgenommen«, sagte Mia.

»Ich weiß.« Jack lachte schuldbewusst. »Das mach ich noch.«

»Das Kreuz habe ich schon vor Wochen für dich gekauft. Ein etwas stärkerer Glaube würde dir nicht schaden, Jack. Ich erinnere mich nicht einmal mehr, wann du das letzte Mal in der Kirche warst.«

»Du kennst mich doch. Solange du an mich glaubst und ich an dich glaube, brauche ich keinen anderen Glauben. Und außerdem weißt du genau, dass ich keinen Schmuck trage. Ich trage nicht einmal eine Uhr.«

»Wenn du das hier trägst …«, Mia hielt die Schachtel wie in einem Werbespot hoch und nahm das Goldkreuz heraus, »… kannst du an mich denken.«

Sie lehnte sich über die Mittelkonsole und hängte Jack die Kette um den Hals.

»Ich brauche keinen Schmuck, der mich an dich erinnert. Wie wäre es, wenn du die Kette trägst?«

»Ich habe sie für dich gekauft.«

In einer abgelegenen Gegend gelangten sie an eine rote ­Ampel. Das rote Licht erhellte Jacks lächelndes Gesicht. »Wenn es so ist …« Jack nahm ihr die Schachtel aus der Hand und hob den Samtboden hoch, worauf eine zweite Kette zum Vorschein kam.

Mia beugte sich vor und betrachtete sie. »Sie ist schön.«

An der Kette aus Platin hingen in gefälliger Anordnung eine Vielzahl verschiedener blauer Edelsteine: Topase, blaue Onyxe und kleine Saphire. Blaue Lichtreflexe leuchteten im kristallinen Inneren der geschliffenen Steine auf und schienen die Halskette zum Leben zu erwecken.

»Und was ist der Grund?«

»Verwöhne mich«, sagte Jack. Er nahm die Kette aus der Schachtel und beugte sich zu ihr vor.

Mia senkte zögernd den Kopf. Jack legte ihr die Kette um und machte den Verschluss zu. Behutsam nahm er die einreihige Perlenkette ab, die er ihr zum Hochzeitstag geschenkt hatte, legte sie in die Schmuckschachtel und steckte sie in seine Tasche.

Jack betrachtete die Kette mit den Edelsteinen, die das Licht reflektierten. Er öffnete die Knöpfe von Mias Strickjacke, sodass ihr Dekolleté zu sehen war und die blauen Steine auf ihrer Haut richtig zur Geltung kamen. Jack strich über die zarte, weiße Haut auf ihrem Hals, und dann glitt sein Finger hinunter zu ihrer Brust. »Die Kette steht dir großartig.«

»Ich glaube, du schaust gar nicht auf die Kette.« Mia schmunzelte. Die Ampel sprang auf Grün um. Sie zeigte auf die Ampel und räusperte sich, um ihn darauf hinzuweisen.

Grinsend wandte Jack seine Aufmerksamkeit wieder der Straße zu und setzte die Fahrt auf dem Highway fort.

»Weißt du, dass ich dir auch so eine heiße Nacht beschert hätte?«, sagte Mia. »Du hättest das Geschenk für einen Tag aufbewahren sollen, an dem ich sauer auf dich bin.«

»Das kommt so oft vor, dass ich gar nicht gewusst hätte, für welchen Tag ich mich entscheiden soll.«

Mia strich Jack zärtlich über die Wange. »Danke.«

Sie fuhren auf der Route 22 Richtung Byram Hills und waren beide in Gedanken versunken. Der Regen, der auf die Windschutzscheibe prasselte, übertönte beinahe das Klicken der Scheibenwischer. Als sie sich der Rider’s Bridge näherten, sahen sie fünfzehn Meter tiefer den aufgewühlten Fluss, der weit über die Ufer getreten war und dessen wirbelnde Wassermassen alles mitrissen.

Als der Geländewagen auf die Brücke auffuhr, verloren die Hinterräder auf dem nassen Asphalt die Haftung. Der Tahoe geriet ins Schleudern und schlidderte von links nach rechts. Jack umklammerte das Lenkrad mit beiden Händen und versuchte leicht gegenzulenken, um die Kontrolle über den Wagen zurückzuerlangen. Mia hielt sich krampfhaft an dem Haltegriff über der Tür fest. Ihnen stockte beiden der Atem, als der Tahoe direkt auf das Brückengeländer zuraste.

Endlich gewann Jack die Kontrolle über den Wagen zurück, und sie atmeten beide erleichtert auf. Er drehte sich zu Mia um und lächelte zerknirscht, als wollte er sagen: »Das war knapp.« Und genau in diesem Augenblick leuchtete im Rückspiegel ein Blaulicht auf, das den hinteren Teil des Tahoes erhellte.

»Ich hoffe, du hast nicht mehr als zwei Gläser getrunken«, sagte Mia, die noch immer nach Atem rang.

»Mein Gott, das war knapp«, murmelte Jack und fuhr an den Rand der Brücke, die sich über den rauschenden Byram River spannte. »Ich bin vollkommen nüchtern, aber dieses kleine Manöver hat mich, glaube ich, fünf Jahre meines Lebens gekostet.«

Der Wagen mit dem Blaulicht auf dem Dach fuhr langsam an ihnen vorbei. Es war ein Chevy Suburban, und er hielt genau vor ihnen an.

Jack öffnete das Fenster, worauf der strömende Regen sofort seinen Arm und die Innenverkleidung der Tür durchnässte, was ihm vollends die Laune verdarb. »So ein Mist.«

»Pst, immer schön die Ruhe bewahren«, sagte Mia und strich ihm übers Bein. »Trag’s mit Fassung, wenn sie dir gleich ein Bußgeld verpassen. In zehn Minuten sind wir zu Hause, und dann kannst du wieder mit meiner neuen Halskette spielen.«

Sie saßen schweigend in dem Wagen, starrten in die Ferne und lauschten dem rhythmischen Klicken der Scheibenwischer. Als ein Mann in einem schwarzen Anzug sich ihnen näherte, spähte Jack auf die blaue Halskette auf Mias Dekolleté und rollte mit den Augen.

Mia verstand den Wink und knöpfte die Strickjacke zu.

Jack bekam einen mächtigen Schreck, als der Mann ihm plötzlich eine Waffe ins Gesicht hielt. Der schwarze, stählerne Lauf war nur wenige Zentimeter von seinem linken Auge entfernt.

»Hände aufs Lenkrad«, befahl ihm der Mann, dessen nasses blondes Haar auf seinem Schädel klebte, in ruhigem Ton. Er wandte sich Mia zu. »Hände aufs Armaturenbrett.«

Langsam legte Mia ihre Hände über dem Handschuhfach auf das Armaturenbrett und drehte sich nach rechts um, wo ein zweiter Mann in einem schwarzen Anzug stand und eine Waffe auf ihren Kopf richtete. Er war mager und hatte eine lange spitze Nase.

Im selben Augenblick wurden die Türen aufgerissen. Die Männer zerrten die Eheleute brutal aus dem Auto in den strömenden Regen hinaus. Der dürre Mann schleuderte Mia gegen den Wagen.

»Was zum Teufel hat das zu bedeuten?«, stammelte sie.

»Halten Sie den Mund«, fuhr der dürre Typ sie an, dessen rotes Haar durchnässt war.

»Sie haben keine Ahnung, mit wem Sie sich hier anlegen«, sagte Mia drohend. Der Regen rann ihr übers Gesicht. »Vielleicht öffnen Sie mal meine Handtasche und schauen sich meine Dienstmarke an, denn ich schwöre bei Gott …«

Der Mann richtete die Waffe genau auf ihr Auge und brachte sie so zum Schweigen. Er war furchtbar dünn, sein Hals und die Wangen sahen beinahe knöchern aus. Dieser Typ, der in dem strömenden Regen stand und keine Miene verzog, kam ihr vor wie eine Gestalt aus einem Albtraum.

Der blonde Mann schleuderte Jack gegen den Wagen und bedeutete ihm, die Beine zu spreizen, indem er gegen die Innenseiten seiner Füße trat. Als Jack sich nun wie ein Verbrecher am Dach des Tahoes abstützte, tastete der Typ ihn von oben bis unten ab, wobei er auf die blaue Schmuckschachtel in Jacks Tasche stieß. Er öffnete sie und entdeckte die Perlenkette. Sie schien ihn nicht zu interessieren, denn er machte die Schachtel wieder zu und warf sie in den Wagen. Dann packte er Jack am Kragen, schlug ihm mit der Faust in die Nieren und warf ihn auf den nassen Bürgersteig.

Der dürre Angreifer wirbelte Mia herum und tastete sie ab. Er strich mit den Händen über ihren Oberkörper, ihre Beine, die durchnässte Strickjacke und das schwarze Kleid. Unterdessen öffnete ein dritter Mann, der die Statur eines Quarterbacks hatte und einen schwarzen Anzug trug, den Kofferraum ihres Tahoes.

Das Dreierteam arbeitete mit militärischer Effizienz, als wäre jeder Schritt geplant und als müssten sie ein bestimmtes Ziel in einer knapp bemessenen Zeit erreichen.

»Wo ist die Kassette?«, fragte der dürre Mann.

Mia starrte ihn schweigend an.

»Die Kassette sieben/eins/drei/acht?« Als der dürre Mann sich zu ihr vorbeugte, stieg ihr sein unangenehmer Atem in die Nase.

Mia warf Jack einen Blick zu und flüsterte etwas.

»Ich hab sie«, rief der dritte Mann und hob einen langen, schwarzen Metallkasten aus dem Kofferraum des Tahoes.

Als der dürre Mann durch den strömenden Regen auf seinen Partner schaute, rammte Mia ihm ein Knie in den Schritt und stieß ihm sofort darauf den Ellbogen auf die Nase. Ihr FBI-Training war ihr zwar in Fleisch und Blut übergegangen, doch das verhinderte nicht, dass der Mann mit einem kräftigen Schlag auf ihr Kinn konterte. Dann schlug er ihr mit der Pistole auf die Stirn, woraufhin sie gegen den Wagen knallte.

Im selben Augenblick hob Jack, der auf der Brücke lag, den linken Fuß und trat seinem Angreifer die Beine weg. Der Fremde stürzte nieder und prallte mit dem Kopf auf den Boden, wobei ihm die Waffe entglitt. Jack warf sich auf ihn. Er holte aus, schlug mit der Faust auf die Kehle des Mannes und setzte ihn außer Gefecht. Als er mit den Fingerknöcheln auf das Gesicht des Mannes hämmerte, schlang ihm einer der beiden anderen den Arm um den Hals und riss ihn weg. Der dritte Mann war viel kräftiger, brachte vermutlich an die einhundertvierzig Kilogramm auf die Waage. Er verpasste Jack einen so harten Faustschlag auf die Schläfe, dass er beinahe die Besinnung verlor. Sicherheitshalber schlug er noch zwei Mal zu und fügte ihm eine Platzwunde auf der Stirn und eine auf der Wange zu.

Plötzlich löste sich ein Schuss. Der Knall hallte durch die verregnete Nacht. Jack brach zusammen. Die Kugel war genau unterhalb der Schulter in seinen Körper eingedrungen. Er hob den Blick und schaute in das blutige, wütende Gesicht des blonden Mannes, den er verprügelt hatte. Dieser funkelte Jack wutentbrannt an, bis der Muskelprotz ihn wegzog.

Als der dürre Mann Mia zu dem schwarzen Suburban zerrte, trat sie schreiend um sich und mobilisierte all ihre Kräfte, um sich loszureißen und zu ihrem verwundeten Ehemann zu laufen.

Jack hatte so starke Schmerzen, dass es ihm schwerfiel, sich zu konzentrieren. Es brach ihm das Herz, untätig zusehen zu müssen, wie Mia von den Männern weggezerrt wurde, doch er konnte sich kaum bewegen.

»Lassen Sie sie gehen!«, schrie Jack, dessen Mund blutete. »Nehmen Sie mich, nehmen Sie mich, bitte …« Als seine Worte verhallt waren, wurde er hochgerissen und auf den Beifahrersitz seines Wagens geworfen.

Der Muskelprotz setzte sich auf den Fahrersitz, stellte den Leerlauf ein, trat aufs Gas und jagte den Motor hoch. Mit letzter Kraft versuchte Jack, aus dem Wagen zu fliehen, aber der Mann schlug mit der Faust auf die Schusswunde, worauf stechende Schmerzen durch seinen Körper schossen.

Der Mann trat noch immer mit dem Fuß auf das Gaspedal, sodass der Motor laut aufheulte, und dann legte er den Gang ein.

Die Räder drehten auf dem Wasserfilm der nassen Brücke durch und begannen zu quietschen. Als sie schließlich Bodenhaftung hatten und bereits qualmten, raste der Geländewagen ins Brückengeländer. Der Muskelprotz sprang durch die offene Fahrertür, stürzte auf die Fahrbahn und rollte sich schnell zur Seite.

Verzweifelt drehte Jack, der in dem Wagen saß, sich zu Mia um, die sich losriss und hinter dem Tahoe herlief. Dabei fiel sein Blick auf die kleine Schmuckschachtel, die auf dem Sitz neben ihm lag. Instinktiv nahm Jack sie in die Hand, und ehe er sie in seine Tasche steckte, hielt er sie einen Augenblick fest, als wäre sie die letzte Verbindung zu Mia, die er jemals in Händen halten würde.

Der Wagen schoss durch das Brückengeländer, segelte ein paar Meter über den Fluss, doch dann siegte die Schwerkraft, und der Tahoe flog in weitem Bogen auf das Wasser zu. Als er in die aufgewühlten Fluten stürzte, spritzte das Wasser fast bis zur Brücke hoch. Er wurde von dem brodelnden Gewässer mitgerissen und hin und her geworfen, bevor er langsam versank. Als er sich der Biegung des Flusses näherte, verschwanden die Rücklichter in den Wellen. Das rote Licht schimmerte noch einen kurzen Moment unter der Wasseroberfläche, ehe es erlosch.

Trotz des strömenden Regens und der tosenden Wassermassen herrschte eine fast ehrfürchtige Stille über dem Byram River, denn das laute Prasseln des Regens überdeckte alle anderen Geräusche. Die Sturmböen peitschen das Wasser des Flusses auf, und die Ufer wurden überschwemmt.

Und dann stieg Jack in der dunklen Nacht aus dem schwarzen Wasser ans Ufer und zog sich mühsam die Böschung hinauf. Sein Hemd war zerrissen. Die Fetzen klebten an seinem Körper, und aus der Schusswunde in der Schulter rann Blut.

Er kroch durch den Schlamm, brach schließlich zusammen, rang nach Atem und rollte sich auf den Rücken. In seinem Kopf herrschte Leere, Dunkelheit und Schwärze wie in der Nacht ringsumher. Jack versuchte zu begreifen, was geschehen war. Er presste eine Faust auf die Schusswunde in der Schulter, und allmählich löste sich seine Benommenheit auf. Die Erinnerung kehrte zurück, und er geriet in Panik, als er begriff …

Mia war verschwunden.

5. Kapitel
Freitag, 7.00 Uhr

Als er dort in der Küche stand und realisierte, dass Mia entführt worden sein musste, schoss ihm ein noch schlimmerer Gedanke durch den Kopf.

»Wo sind meine Töchter?«, stieß Jack verzweifelt hervor und rannte an Frank vorbei die Treppe hinauf und in ihr Zimmer. Er schaute sich um und sah, dass alles an seinem Platz war. Jack öffnete Schubladen und Schränke, als suchte er nach Anhaltspunkten. Obwohl er gar nicht genau wusste, was er suchte, warf er sogar einen Blick unter ihre Betten. Schließlich hielt er inne und betrachtete diese unschuldige Welt ringsherum, ihre Spielsachen, ihre Bücher, ihre Stofftiere und ihre Betten.

Während Jack sich auf die vergangene Nacht und auf Mia konzentriert hatte, hatte er seine Töchter ganz vergessen. Er wähnte sie in Sicherheit und nahm an, dass ihnen keine Gefahr drohte. Panik stieg in ihm auf, ein Gefühl, das Eltern bekommen, wenn ein Kind verletzt ist und unter Schmerzen leidet oder wenn man es im Supermarkt einen Augenblick lang aus den Augen verliert – aber das hier war viel schlimmer.

Frank, der seinem Freund gefolgt war, stand im Türrahmen und musterte ihn. Er wusste keine Antwort auf die Frage, und auf seinem Gesicht spiegelte sich ebenfalls Panik.

Plötzlich hörten sie, dass eine Tür zuschlug. Jack blickte aus dem Fenster und sah einen dunkelblauen Wagen am Bordstein stehen. Ein Mann ging auf die Eingangstür zu.

»Wo hast du geparkt?«, fragte Jack schnell.

»Hinterm Haus«, erwiderte Frank, der aus dem Fenster spähte. Die beiden rannten die Treppe hinunter, stürmten in die Küche und beobachteten den Mann mit dem dunklen Haar durch das Seitenfenster.

»Ein Reporter?«, überlegte Jack laut, als der Mann vor der Eingangstür ankam.

»Auf gar keinen Fall. Sieht aus wie ein Jurist. Bin mir aber nicht sicher, von welcher Seite.«

Es klopfte laut an der Tür.

Jack und Frank verharrten reglos und warteten.

Jetzt hämmerte der Mann gegen die Tür und klingelte.

Die Sekunden vergingen, doch er klopfte nicht mehr. Kurz darauf wurde die Tür geöffnet.

Jack und Frank verständigten sich wortlos. Sie wandten sich vom Fenster ab und schlichen leise in das kleine Badezimmer. Durch den Türspalt sahen sie, dass der Mann das Haus betrat. In der Diele blieb er stehen, lauschte und schaute sich um … und verschwand aus ihrem Blickfeld. Langsam zog Frank seine Waffe.

Sie hörten, dass der Mann hin und her lief, die Küche betrat und die Garagentür öffnete. Er tauchte wieder in der Diele auf, ehe er das Arbeitszimmer betrat. Jack hörte, dass er die Schubladen seines Schreibtisches aufzog, den großen Schrank und den Aktenschrank öffnete. Papier raschelte, ein paar Dinge fielen vom Schreibtisch und vom Regal. Dann trat Stille ein.

Der Mann stürmte aus dem Arbeitszimmer heraus und stieg hastig die Treppe hinauf.

Jack und Frank verließen das Badezimmer und durchquerten leise die Küche. Sie hockten sich jeweils auf eine Seite der Treppe, sodass der Fremde sie nicht sehen konnte, und warteten.

Als der Eindringling die Treppe wieder hinunterstieg, hielt er in jeder Hand etwas.

Ohne eine Sekunde zu zögern, schleuderte Jack ihn gegen die Wand und verpasste ihm einen Faustschlag in den Magen. Der Mann ließ alles fallen, ballte die Faust und holte zum Gegenschlag aus. Doch Frank war schneller und rammte ihm die Faust aufs Kinn, woraufhin der Fremde zu Boden stürzte. Frank beendete den Kampf, indem er seine Waffe auf das Gesicht des Mannes richtete.

Jack funkelte den Eindringling wütend an, aber sofort darauf wanderte sein Blick zu den Dingen, die er hatte fallen lassen. Es war eine dicke Akte, auf deren Deckel mit Kugelschreiber und Bleistift geschriebene Notizen standen und auf dem ein Etikett mit dem Namen Keeler klebte.

Jack hob die Akte auf.

»Was ist das?«, fragte Frank.

»Nichts.« Jack lief ins Arbeitszimmer und räumte die Unterlagen weg.

»Eine interessante Akte«, sagte der Eindringling. »Gibt es Dinge, die Sie geheim halten?«

»Was ist in der Akte?«, fragte Frank noch einmal.

»Nichts«, erwiderte Jack. »Nur private Dokumente.«

Als Jack sah, was der Mann aus dem Kinderzimmer mitgenommen hatte, dachte er nicht mehr an die Papiere.

»Warum zum Teufel wollten Sie das mitnehmen?«, brüllte Jack den Dieb an.

Sie lagen unschuldig auf dem Boden. Jack kochte vor Wut. Er hatte sie vor fast einem Jahr gekauft, Geschenke, ohne dass es einen besonderen Anlass gab, die dennoch eine große Bedeutung hatten. Hope und Sara liebten die beiden Teddybären. Einer war blau und einer braun, und sie zauberten immer ein Lächeln auf ihre Gesichter.

Jack packte den Mann am Kragen, zog ihn hoch und schlug seinen Kopf gegen die Wand. »Warum?«

»Die sind für Ihre Mädchen«, sagte der Eindringling. »Um sie glücklich zu machen, um sie zu trösten, damit sie etwas haben, womit sie spielen können.«

»Wer zum Teufel sind Sie?«

Der Eindringling starrte ihn schweigend an.

»Wo sind meine Töchter?« Jack zog den Mann nahe zu sich heran. Er musste sich verdammt zusammenreißen, um ihn nicht auf der Stelle zu töten.

»Warum? Haben Sie sie verloren?«, fragte der Mann mit einem höhnischen Grinsen. »Haben Sie sie verlegt?«

»Wo sind sie?« Jack starrte ihm in die Augen. »Haben Sie sie entführt? Wer hat sie entführt?«

Frank trat näher an den Mann heran und richtete die Waffe auf ihn. Dann legte er eine Hand auf Jacks Arm, damit er sich beruhigte und ein wenig zurückhielt.

Jack tastete den Mann ab und entdeckte unter seiner Anzugjacke eine Waffe in einem Schulterholster. Er nahm sie heraus, zog das Magazin heraus und warf beides auf den Boden. Daraufhin griff Jack in seine Taschen, in denen er nur ein Handy fand.

Er klappte es auf und überprüfte die Anruflisten. Sie waren leer.

»Es ist neu«, sagte Frank, nachdem Jack ihm das Handy gegeben hatte. »Ein Wegwerfhandy, das nicht zurückverfolgt werden kann.«

Jack riss Frank das Handy aus der Hand und warf es mit voller Wucht gegen die Wand, sodass es zerbrach. »Für wen arbeiten Sie? Wo sind meine Frau und meine Kinder?«

Der Mann musterte Jack mit neugierigem, fragendem Blick. »Die ganze Welt glaubt, Sie sind tot.«

»Beantworten Sie meine Frage.«

»Wie haben Sie das überlebt?«, fragte der Mann. »Wenn er herausfindet, dass Sie leben …«

»Wer?«, brüllte Jack ihn an.

»… wird Ihre Frau nicht einmal mehr den nächsten Tag erleben.«

»Was soll das heißen?« In Jacks Stimme schwang Angst mit.

»Er verlässt morgen in aller Frühe das Land. Warum sollte er sie leben lassen, wenn er Sie haben kann?«

Und plötzlich begriff Jack, dass niemand erfahren durfte, dass er lebte und nicht auf dem Grund des Flusses lag. Mia würde mit Sicherheit sterben, wenn sie es erfahren würden.

»Wo ist sie?«, brüllte Jack. Als er den Mann am Kragen packte, zitterten seine Arme vor Wut.

Der Mann schwieg und schaute trotzig in die Ferne.

»Wir müssen ihn an die Polizei übergeben …«, sagte Frank.

»Das können wir nicht machen«, fuhr Jack ihn an und ließ den Mann los. »Was ist, wenn er recht hat? Wir können den Mann nicht laufen lassen, sonst erfährt die Presse, dass ich lebe. Was ist, wenn derjenige, der Mia in seiner Gewalt hat, erfährt, dass das, was in den Zeitungen steht, gar nicht stimmt? Was hält ihn dann auf, sie und sogar meine Kinder zu töten?«

Wutentbrannt drehte Jack sich wieder zu dem Mann um und packte ihn am Revers. »Es sind Kinder! Wie können Sie es wagen?«

»Jack …«, sagte Frank, der versuchte, seinen Freund zu be­ruhigen.

»Was zum Teufel sollen wir mit ihm machen?« Jack drehte sich wieder zu dem Mann um. »Wo sind sie?«, brüllte er ihn an.

Frank dachte kurz nach. »Wir bringen ihn zu einem Freund.«

»Was? Wohin?«

»Zu jemandem, dem ich noch mehr vertraue als dir. Er wird ein Auge auf ihn haben, bis wir uns überlegt haben, wie er uns am besten nutzen kann. Dieser Freund hat übrigens Übung darin, Leute zum Sprechen zu bringen, notfalls auch mit Gewalt. Wenn dieser Typ weiß, wo Mia und die Kinder sind, werden wir es he­rausfinden.«

Sie fesselten die Hände des Mannes mit Klebeband und warfen ihn auf die Rückbank von Franks Jeep. Ehe Frank die Tür schloss, drückte Jack an beiden Türen auf die Schalter für die Kindersicherung. Dann setzte er sich auf den Beifahrersitz, und Frank fuhr los.

Jetzt am frühen Morgen, einen Tag vor dem Wochenende des Nationalfeiertags am vierten Juli, herrschte auf den Seitenstraßen von Byram Hills kaum Verkehr. Die Leute waren entweder schon auf dem Weg zur Arbeit oder im Urlaub.

»Sie haben wirklich keine Ahnung, was vor sich geht, nicht wahr?«, fragte der Mann, der aus dem Fenster starrte.

Jack warf einen Blick über die Schulter. »Warum sagen Sie mir nicht einfach, was vor sich geht?«

Der Mann schwieg.

»Keine Sorge«, sagte Frank zu Jack. »Wir werden unsere Ant­worten bekommen.«

Zwei Minuten später blieben sie auf einer menschenleeren, mit Bäumen gesäumten Straße vor einer roten Ampel stehen. Die Sekunden wurden zur Ewigkeit, als sie schweigend warteten, dass die Ampel auf Grün umsprang.

Plötzlich rollte der Mann sich auf der Rückbank auf den Rücken und trat mit den Füßen die Fensterscheibe ein. Er sprang aus dem Wagen, stürzte, rappelte sich auf und rannte davon. Jack und Frank sprangen aus dem Wagen und jagten ihm hinterher.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Auferstanden" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen