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Die Amtsschimmelflüsterer II: Aufbruch

Marie von Stein

Die

Amtsschimmelflüsterer II

Aufbruch

Der Kalletalkrimi

Ein Seufzen, das schallt durch die Stille –

da ist der lebensgroße Wille,

zu fragen, ob man helfen darf.

Doch wieder ist dort kein Bedarf.

Die Angst, die sitzt ganz fest im Nacken,

der Typ kriegt’s einfach nicht gebacken,

erdrückt den letzten Lebensmut.

Doch weiß ich genau, bald wird es gut.

© Klara Westhoff

Hinweis in eigener Sache: Die beschriebenen Landschaften, Orte und die Straßen sind real – nur einer der Ortsnamen entspringt der Fantasie der Autorin. Die Geschichte und die handelnden Personen sind frei erfunden.

PROLOG

Er zog die Strickjacke aus und hängte sie in den Schrank, griff nach seinem Mantel, zog ihn über, schlug den Kragen hoch, rückte den Seidenschal zurecht und klappte den Kragen wieder runter. Die Mappe unter dem Arm machte er sich eilig auf den Weg ins stille, klamme Treppenhaus. Die Kollegen waren sicher alle schon zu Tisch.

Lass sie doch reden. Das interessiert mich doch gar nicht. Ich weiß selbst am besten, was richtig ist. Wann der Zeitpunkt ist, entscheide ich, ich ganz allein. Da braucht mir keiner reinquatschen. Ich habe wirklich Wichtigeres zu tun. Wofür habe ich die ganzen Jahre geschuftet, da lass ich mich doch jetzt nicht von so ein paar Widrigkeiten aufhalten. Völlig zu vernachlässigen. Diese blöde Zicke, die kann mich mal. Disziplinarverfahren? Von wegen.

Ah! Er griff an seine Schulter und rieb vorsichtig. Au! Die Hand zuckte zurück.

Mistkerl, dem werde ich es zeigen.

Was? Was ist das? Schande, auch! Was passiert mit mir? Hilfe! Nein, nein! Die Hände griffen ins Leere.

*

»Los, Nadine, nun schließ doch endlich die Tür auf. Sonst ist die Mittagspause gleich vorbei und die Leute stürmen die Anmeldung. Passt der Schlüssel nicht mehr?«

Lachend stupst sie ihrer Kollegin an die Schulter. Doch Nadine schiebt und drückt. Nichts zu machen. Irgendetwas liegt im Weg. Mit Schwung versuchen sie es gemeinsam. Ein Ordner rutscht den Gang entlang zum Bürgerbüro. Ein Fuß verklemmt die Tür. Sie drückt auf den Alarmknopf an der Tür. Stiller Alarm. Und Nadine schreit.

1

Der Blick über den Winterberg begeisterte Katja täglich aufs Neue. Egal bei welchem Wetter. Und ganz besonders, wenn der Tag ein so richtig schönes Exemplar war – so wie heute. Die letzten wärmenden Sonnenstrahlen des Tages blitzten durch die Bäume und hinterließen wunderschöne Schattenbilder auf den Ackerflächen. Saftiggrüne Wiesen, grüne Halme auf den Äckern und im Hintergrund der leuchtend gelbe Raps vorm Winterberg. Eine Idylle zum Entspannen nach ihrem aufreibenden Berufsalltag.

Der Umzug nach Kalldorf in das Elternhaus ihrer Mutter war für Katja die richtige Entscheidung gewesen. Nach Jans Tod brauchte sie eine Veränderung, da war es wie ein Fingerzeig des Schicksals, dass das frühere Haus von Pauline Pörtner, Katjas Großmutter, zum Verkauf stand.

Auf dem Weg nach Hause war sie die Detmolder Straße in Badenhausen entlanggekommen und wollte sich etwas zum Abendessen mitbringen. Tja, und nebenan, bei Friedemann-Immobilien, fiel ihr Blick auf eines der Hausangebote. Gelegen im idyllischen Kalletal, ein Fachwerkhaus mit Ausbaupotential. Sie hatte näher hingeschaut und erschrocken die Luft angehalten. Omas Haus! Ohne Zögern griff sie zu.

Gemeinsam mit Jakob hatte sie die notwendigen Renovierungen erledigt und nun hatte sie ihr eigenes kleines Refugium für sich allein. Das große Bauernhaus in Lüdenhausen, in dem Jan und sie mit Jakob gewohnt hatten, war einfach zu groß geworden. Es hingen zu viele Erinnerungen daran.

Jan und sie hatten ja eigentlich das neue Baugebiet auf dem Bollenbrink für sich auserkoren. Jakob war noch ein Vorschulkind und für die junge Familie war das kleine Dorf mit genügend Einkaufsmöglichkeiten, der rührigen Dorfgemeinschaft und dem hervorragenden Kindergarten einfach perfekt.

Die Neubauplanung war schon abgeschlossen, das Baugrundstück finanziert und die Erwerbsvormerkung im Grundbuch stand kurz bevor. Doch dann war irgendetwas schief gelaufen. Die Erschließungsfirma ging pleite, dann auch noch Probleme mit dem Holzhaus-Hersteller. Der Traum vom Bollenbrink war ausgeträumt. Katja hatte alle Hände voll zu tun und viel zu organisieren, um alle Verträge rückgängig zu machen. Jan war damals auch keine große Hilfe. Er war viel an seinem Arbeitsplatz in der Düsseldorfer Staatskanzlei.

Dann kam das perfekte Angebot. Ganz in der Nähe des Bollenbrinks sollte ein alter Hof verkauft werden. Frisch renoviert, idyllisch gelegen und nicht allzu weit vom Ortskern entfernt. Jan und Katja hatten sofort zugegriffen. Viele Jahre hatten sie sich gemeinsam mit Jakob dort sehr wohlgefühlt.

Und jetzt, da steckte Jakob mitten im Studium an der Hochschule Lemgo und es zog ihn auch immer weiter in die Welt. Auch er musste sich abnabeln. Und das gelang ihm richtig gut.

Stolz schob Katja ihren Spaghettiteller nach vorne und schaute von der Terrasse, auf der sie sich mit Jakob gemütlich zum monatlichen Spaghettiessen getroffen hatte, in die Küche. Der große junge Mann hatte schon viel von seinem Vater, nicht nur die sportliche Figur, auch die leicht gelockten, dunklen Haare. Doch seine Augen, die waren eine wunderschöne Mischung von Jan und ihr selber. Dunkelbraun vom Vater und grüne Sprenkel von der Mutter.

»Mama, was starrst du mich so an? Keinen Appetit mehr auf unseren heißgeliebten Gurkensalat mit Mozzarella?«

»Doch, doch. Ich freue mich einfach, dass ich es hier so gut getroffen habe.« Sie nahm die Arme weit auseinander, als wolle sie die Gegend umarmen, schaute über die Terrasse, sah ihren schwarzen Kater Amadeus um die Ecke schleichen und einen sehnsuchtsvollen Blick auf den gedeckten Tisch werfen, und blickte erneut zu ihrem Sohn. »Und, dass ich so einen klasse Sohn habe, der sogar noch freiwillig von Zeit zu Zeit mit mir zu Abend isst.«

»Ha, ha, ha! Mensaessen ist halt nicht so gut wie futtern bei Muttern.« Jakob grinste sie spitzbübisch an. Schon kam die Stoffserviette auf seinen Arm geflogen.

»Hey, kleiner Scherz, edelmütige Mutter!«, meinte er und verbeugte sich spaßeshalber demütig vor ihr.

»Okay, Kleiner. Salat her, ich brauche jetzt was Frisches.« Katja nahm ihrem Sohn die Schüssel ab und stellte sie auf den Tisch. Und prompt klingelte das Festnetztelefon. Sie zwinkerte ihrem Sohn zu. »Warte kurz, wird sicher nicht lange dauern.«

»Katja Sollig. Guten Abend.«

»Guten Abend, Frau Sollig. Bitte entschuldigen Sie die Störung. Hier ist Isabella Gurany.« Die Stimme im Telefon klang gepresst. »Wissen Sie noch? Ich habe damals den Bericht über das Verfahren gegen den Lehrer und die Schulleitung des Kamp-Gymnasiums für Badenhausen aktuell geschrieben.«

»Ah, Frau Gurany, richtig. Ich kann mich erinnern. Was kann ich für Sie tun?«

»Haben Sie von dem Vorfall heute im Jugendamt Badenhausen gehört?«, begann die Journalistin und weckte gleich das Interesse von Katja.

»Von welchem Vorfall sprechen Sie?«

»Der Tod des Jugendamtsleiters Ewald Dohmann, er soll die Treppe heruntergestoßen worden sein. Den Vorfall meine ich.«

»Nein, das ist mir nicht bekannt.« Katja lehnte sich bequem auf ihrem Stuhl zurück und kreuzte ihre Füße. »Erzählen Sie, Frau Gurany. Wobei kann ich Ihnen helfen?«

»Ich weiß nicht mehr weiter. Meine Freundin wurde als Tatverdächtige festgenommen. Sie wird beschuldigt, Herrn Dohmann gestoßen zu haben. Doch sie war das nicht, niemals. Sie würde nie etwas tun, was sie und ihren Sohn auseinanderbringen würde.« Isabella Gurany schnappte nach Luft. »Und jetzt ist sie in Untersuchungshaft.«

»Wenn Sie weitere Erkenntnisse haben, die der Aufklärung dienen können, dann müssen Sie sich an die Kollegen der Mordkommission wenden. Ich wüsste nicht, wie ich Ihnen helfen könnte. Die Soko Sozial wurde nicht dazugerufen, Frau Gurany. Ich kann mich nicht in die Ermittlungen der Kollegen einmischen, auch nicht, wenn ich es wollte.« Katja setzte sich wieder gerade hin und fuhr fort: »Da müsste uns schon die Staatsanwaltschaft einen Auftrag geben.«

»Danke, Frau Sollig. Daran soll es nicht scheitern. Wir hören voneinander.« Und schon legte sie auf.

*

Dohmann ist tot. In den letzten fünf Jahren hatte er gut für Nachschub gesorgt. Sie brauchten sich nie Sorgen machen, dass sich ihre Arbeit erübrigen würde. Gerade in diesen Zeiten konnte das schnell passieren. Zuwenig Leute und schon wurde geschlossen. Dagegen hatte sie gemeinsam mit Dohmann gekämpft. Bei ihr wurde nicht geschlossen, denn sie wurde gebraucht. Sie machte doch auch gute Arbeit, wer wollte das bestreiten. Bei ihr, da lief alles nach Plan. Kleine Kosten, großer Nutzen. Genauso musste es sein.

Und das kleine Zubrot, das war auch nicht zu verachten. O ja, sie liebte ihr hübsches Cabrio. Ihren kleinen Flitzer, wie sie ihren nagelneuen weißen Audi TT liebevoll nannte. Nein, auf solche kleinen Nettigkeiten wollte sie wahrlich nicht verzichten. Immerhin musste sie hier in der Pampa leben, nichts los. Da musste so ein Ausgleich aber wirklich sein.

Dohmann ist tot. Was soll jetzt nur werden?

*

Die komische Frau mit den Fischaugen hatte den Raum verlassen und ihn allein gelassen – mit einem Zeichenblock und ganz vielen Filzern. Sie hatte ihn von zu Hause mitgenommen und er konnte Mama nicht mehr sehen. Mama war weg und alles war still.

Er hatte sich Toddy, seinen Lieblingsteddy geschnappt, die Frau hatte ihn am Arm aus seinem Zimmer gezogen und ihm dabei geholfen, die Jacke für draußen anzuziehen.

Dann war Paul mit der Frau mitgegangen. Sie hatte ihm gesagt, dass sie Mama hinterherfahren würden. Und er müsse dann warten. So genau hatte Paul das nicht verstanden, denn sie sprach so schnell und so ungenau, dass er nicht folgen konnte. Und dann nahm sie auch immer wieder den Kopf zur Seite und Paul verstand gar nichts mehr.

Und nun saß er hier in diesem kalten Raum und sollte malen. Ausmalen. So ein Babykram. Er schob die Stifte und das Malbuch von sich weg, schnappte sich Toddy und legte seinen Kopf auf ihn ab. Er war einfach nur müde und wollte nach Hause. Wollte zu Mama, wollte hier weg. Weg aus diesem komischen Gebäude, das so alt roch, nach nassem Laub.

Seufzend machte er es seinem Kopf etwas bequemer und nickte ein.

Und dann öffnete sich langsam die Tür. Paul schreckte aus dem Dämmerschlaf auf und presste Toddy fest an sich. »Tante Bella, Tante Bella!« Toddy landete auf dem Boden und Paul rannte auf die Gestalt zu, die im Türrahmen stand und ihm die Arme entgegenstreckte. »Tante Bella. Du machst, dass alles gut wird, ja?« Paul umarmte Isabella Guranys Oberschenkel und presste sein tränennasses Gesicht daran.

Isabella beugte sich zu ihrem kleinen Patensohn herunter und strich im über das strubbelige Haar. Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände und hob es sanft zu sich. »Komm, Paul. Du kommst jetzt mit zu mir. Und dann sehen wir weiter, okay?«

Paul nickte voller Überschwang, griff nach Toddy und seiner Jacke und nahm Isabellas Hand in seine. »Nach Hause, zu dir nach Hause, Tante Bella, o ja!«

2

Katja seufzte zufrieden auf. Schön, so ein Tag am Schreibtisch. Endlich mal Zeit, bei einer Tasse Ingwertee, die Akten durchzuarbeiten und die letzten Fälle abzuschließen. Fahrraddiebstahl in der Innenstadt von Badenhausen nach einem Handtaschenraub in der Klosterstraße. Ganz schön dreist, doch Strafe muss sein. Zwei Straßenecken hat der Dieb geschafft, … und ist prompt am Schweinebrunnen in eine Verkehrskontrolle geschlittert. Tja, mein Lieber. Hättest du besser mal die Zeitung gelesen oder Lokalnachrichten gehört. Den ganzen Tag Radfahrerkontrolle im Stadtgebiet, speziell in den Fußgängerzonen. Dumm gelaufen. Man sollte gewitzte Wachtmeister nicht unterschätzen. Katja griff zu der Schale mit den Schaumzuckermäusen und hielt mitten in der Bewegung inne.

Aber klar, Abschlussbericht noch nicht ganz fertig, schon klingelte das Diensttelefon. Ein Blick auf das Display genügte. »Sollig …, was gibt es, Chef?«

Tja, manche Journalisten scheinen die richtigen Knöpfe zu kennen. Katja verzog ihr Gesicht zu einem Schmunzeln, denn was hatte ihr Chef, Kriminalrat Bernd Neitmann, gesagt?

Ungeklärter Sturz mit Todesfolge und dann auch noch eine Strafanzeige wegen Nötigung und Vorteilsnahme im Amt. Auf zum Jugendamt!

*

Körperverletzung mit Todesfolge – Anja Updahl konnte einfach nicht glauben, was man ihr vorwarf. Sie soll Ewald Dohmann, den Fachbereichsleiter des Jugendamtes Badenhausen umgebracht haben? Wie kamen die nur darauf? Wer hatte so einen schlechten Eindruck von ihr, dass er ihr so etwas zutraute?

Anja saß in ihrer Zelle und grübelte vor sich hin. Ob es Paul wohl gut geht? Isabella hatte ihn gestern Abend mit zu sich genommen.

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