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Aufatmen

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Zitat
  8. Sommer
  9. Herbst
  10. Winter
  11. Frühling

Über dieses Buch

Julia wächst im Mittleren Westen der USA in einer Pension auf, die den Charme der Jahrhundertwende besitzt und bevölkert ist mit Langzeitgästen, die das Leben hierher verschlagen hat. Eine bunte Welt. Eine zerrissene Welt: mit der Tyrannei von Stiefvater und Geschwistern, mit der Mutter, die die Wahrheit über den rätselhaft verschwundenen Vater verheimlicht. Die bewegende Geschichte einer schwierigen Jugend, der eindrucksvolle Roman einer Reifung. Der Weg einer heranwachsenden Frau in die Freiheit.

Über die Autorin

Anita Krüger wurde als Nachfahrin deutscher und schottischer Einwanderer in Chicago (Illinois) geboren. Nach einigen Jahren als Model und Schauspielerin wechselte sie von dem Platz vor der Kamera hinter die Kamera und widmete sich vor allem der Reisefotografie. Ihre Bilder erschienen in zahlreichen Zeitschriften und Zeitungen und bereicherten in den drei Bänden Weltenbummler die Reiseerzählungen von Hardy Krüger, mit dem sie seit rund drei Jahrzehnten verheiratet ist. Im Gustav Lübbe Verlag ist von Anita Krüger der liebevoll gestaltete Reisebildband erschienen »Der Hai, der Hummer und ich - Von Küchen und Kombüsen aller Frauen Länder«.

Denn jeder Anfang
ist nur Fortsetzung,
und das Buch der Ereignisse
ist immer aufgeschlagen, mittendrin.

Wisława Szymborska

Sommer

Dunstiges, warmes Sonnenlicht, durchtanzt von einer Million schwebender Staubpartikel, fiel durch ein schmales, rechteckiges Fenster und glitzerte auf dem klaren, gurgelnden Wasser, das über glatte graue Kieselsteine sprudelte. Die Luft in dem höhlenartigen Raum war mit einer Mischung aus verschiedensten Gerüchen gesättigt. Überreife Pfirsiche in einem Tragekorb am Rand des Wasserlaufs verströmten einen schweren, süßen Duft. Erdiges, feuchtes Moschusaroma, ähnlich dem wilder Pilze, die tief in einem dunklen Wald wachsen, drang aus einem neben dem Obst in sich zusammengefallenen Kartoffelsack. Meine Fußsohlen nahmen die kalte Feuchtigkeit des Zementbodens in sich auf, und ein angenehmer Schauer zog von unten über meine nackten Beine. Aus einer entlegenen Ecke war noch mehr Rauschen von Wasser zu hören, lauter als der Bach vor mir. Sprudelnd blubberte es aus unsichtbaren Tiefen und floss in Windungen durch den Raum. Zwischen den Kurven und Biegungen des Wasserlaufs lagen große, unebene Zementplatten, von Nässe und Alter aufgesprungen. An den Stellen, an denen der Zement weggebrochen war, säumten scharfe Kanten den kleinen Bach. Dieser Wasserlauf, der den Raum durchquerte, bevor er unter der südlichen Hauswand verschwand, ließ mich unaufhörlich staunen. Mich fesselte nicht nur seine unsichtbare Quelle, der Mini-Mississippi brachte mich außerdem jedes Mal, wenn ich die Treppe aus der Küche hinunterging, zum Lachen. Einen solchen Bach im Keller hatte ich noch bei niemandem gesehen. Nicht nur kannte ich keinen anderen Keller wie diesen, ich kannte auch niemanden in der Stadt, der in einem Hotel wohnte. Mein Haus ist ein Hotel. Es heißt »Beach House«.

Neben dem Kartoffelsack stand ein Holzeimer. An seinem Deckel war ein Trichter mit einem langen, T-förmigen Griff befestigt. Er sah beinahe aus wie eine altmodische Waschmaschine, war aber eine Apfelpresse, eine sehr alte Maschine. Die Presse war faszinierend und ziemlich raffiniert konstruiert, denn sie konnte Äpfel schälen und auspressen. An den Wänden des höhlenartigen Raums standen Regale mit rotweißen Büchsen in unterschiedlichen Größen. Die meisten fassten eine Gallone, die kleinsten einen halben Liter. Alle trugen den Namen »Sexton« in kühnen schwarzen Lettern auf ihrem Etikett. Darunter war der Inhalt der Büchse aufgeführt: Baked Beans, Apfelsoße, brauner Bratensaft, Jell-O mit Limonengeschmack, French Dressing, Ketchup, Senf, Schokoladensoße – eine sehr breit gefächerte Auswahl an Nahrungsmitteln.

Gerald Sexton war einer meiner Klassenkameraden. Er wohnte mit seiner Mutter am Ende meiner Straße. Sein Vater, Besitzer der Lebensmittelfirma, die unsere Vorräte produzierte, lebte in einer Villa am anderen Ende der Stadt. Die Kinder aus der Nachbarschaft machten sich über Gerald lustig. Sie unterstellten ihm, er gehe wie ein Kleinkind mit seiner Mutter zusammen in die Badewanne. Ich habe nie herausbekommen, woher sie das wussten. Als ich nachfragte, ob jemand schon einmal mit Gerald und seiner Mutter im Badezimmer war, erntete ich nur finstere Blicke. Im Sommer hatte mich Gerald mehrfach zum Lunch in das Haus seiner Mutter eingeladen. Wir machten uns Sandwichs mit Erdnussbutter, auf die wir Marshmallows legten. Ich mochte Geralds Mutter. Sie trug tagsüber ein Spitzennachthemd, ihre Füße steckten in winzigen, mit Plüsch besetzten Stöckelschuhen, und sie rauchte mit einer Zigarettenspitze aus Elfenbein.

Außer den Büchsen von »Sexton« enthielten die Regale große Einmachgläser mit Gewürzgurken, selbst gemachter Pflaumen- und Erdbeermarmelade, eingelegten Maiskölbchen und Paprika-Relish, Blumenkohl, Spargel, dunkelroten Kirschen – die reiche Ernte eines Sommers, eingekocht und konserviert.

Der Bach in meinem Keller war, wenn auch nicht gerade atemberaubend, so doch zumindest bezaubernd. Wurde das Haus gebaut, bevor man die Quelle entdeckte? Oder sprudelte das Wasser aus dem Untergrund, nachdem das Haus errichtet war, was zu den Aufwerfungen im zementierten Fundament geführt hatte? Ich setzte mich an eine Stelle, an der das Wasser knöcheltief war, hielt meine sonnengebräunten, staubigen Füße in das eiskalte Wasser und überlegte, wann und wie das unterirdische Wunder wohl entdeckt worden war. Wusste der Erbauer des Hauses davon, oder hatte er einfach die Tatsache ignoriert, dass es in dem Gebiet unterirdische Quellen zuhauf gab? Viele andere Gebäude um den Crystal Lake – so heißt der See, an dem ich wohnte – müssen vor meinem Haus erbaut worden sein. Schließlich erhielt der See seinen Namen aufgrund des klaren, reinen Quellwassers, aus dem er gespeist wurde. Was immer der Erbauer damals wusste oder nicht wusste, das murmelnde Plätschern des eiskalten Quellwassers auf meinen Füßen inspirierte mich zu einer Erfindung: ein Rohrsystem, mit dem das eiskalte Wasser durch das Haus geleitet und so zu einer effizienten, sparsamen Klimaanlage wurde.

Wie oft hatte George Pope im Winter gerufen: »Mach die Tür zu! Die ganze Wärme strömt nach draußen. Wärme kostet Geld. Oder bist du eine Rockefeller?« George Pope, der Mann meiner Mutter, ging in den Wintermonaten regelmäßig durch das Haus und prüfte, ob auch alle Fenster und Türen fest verschlossen waren.

»Tiefes Einatmen von sauerstoffreicher Nachtluft verhindert Erkältungen, vertreibt die bösen Bakterien und den Staub aus den Winkeln und Spalten unseres Gehirns!«, verkündete mein Lehrer in Naturwissenschaften nachdrücklich, Mr. Denton, auch bekannt als Dellenkopf. Mr. Denton hatte eine große Delle direkt über der rechten Augenbraue. Eine tiefe Einkerbung, die seine Schüler zu tausend Spekulationen darüber anregte, wie sie wohl dorthin gekommen war. Da ich mir Dellenkopfs Vortrag über die Notwendigkeit von frischer Luft sehr zu Herzen nahm, ließ ich mein Zimmerfenster eines Abends nur einen Spaltbreit offen stehen, knapp zwei Zentimeter. Obwohl in meinem Zimmer bereits eisige Temperaturen herrschten, war ich davon überzeugt, dass böse Bakterien um mein Bett herumschwirrten. Schließlich war Winter, also Grippezeit. Es dauerte keine fünf Minuten – ich hatte nicht einmal die Chance einzuschlafen –, da schoss Mr. Pope sich auch schon auf die Zugluft ein und stellte fest, dass sie unter meiner Zimmertür hindurchwehte. Die Tür flog auf. Ich warf die Bettdecke ab, sprang aus dem Bett und erklärte stammelnd, wie notwendig es sei, meine Gesundheit zu schützen. Er wolle kein Wort davon hören, sagte er, keinen Pieps mehr von mir, und knallte das Fenster herunter.

Vor dem Einschlafen wünschte ich mir inbrünstig, zur wohlhabenden Familie der Ölmagnaten zu gehören.

In den stickigen Sommermonaten bot die Kellergrotte einen himmlischen, unterirdischen Zufluchtsort. Sollte man also die kostenlose Energie nicht für den Rest des Gebäudes nutzen?, dachte ich und meinte schon George Pope zu hören: »Mach die Fenster zu! Du lässt die Kälte entweichen.«

Dann müsste er wohl oder übel über seinen unfreundlichen Schatten springen und mich loben, nur ein freundliches Wörtchen über meine Erfindung der Klimaanlage verlieren, die ihm das Leben in der schweißtreibenden Sommerhitze sehr angenehm gemacht hätte, eines Rockefellers also würdig gewesen wäre.

Eine Erfindung, die in meinem Leben fehlte, war ein Zauberstab, so wie der glänzende Stab der guten Hexe im »Zauberer von Oz«. Ein Handstreich, und – schwuppdiwupp! – hätte ich mich in ein Familienmitglied der reichen Familie verwandelt. Die Rockefellers hätten mir bestimmt sehr geholfen, meine Quellwasserklimaanlage patentieren zu lassen. Meine Erfindung bedurfte natürlich eines Patents. So war an die Seite der Apfelpresse ein Metallschild geschraubt, »PATENT NR: 84362«. Im Wörterbuch schlug ich die Bedeutung des Wortes »Patent« nach. Mit dem Einkommen aus meiner geschützten Erfindung wäre ich in der Lage, im Zug durch Indien zu reisen, so wie die Abenteurerin und Autorin Agatha Christie.

Die Feuchtigkeit des Zementbodens neben dem Kellerbach zog allmählich in den Madras-Stoff meiner neuen Bermudashorts. Madras war ein kariertes Baumwollgewebe aus Indien. Es war in jenem Jahr bei den Teenagern ganz groß in Mode. Nicht, weil der Stoff aus Indien kam, sondern weil es allen so gefiel, wie sich die Farben vermischten, wenn das Gewebe nass wurde. Das Ergebnis war eine ziemlich schmuddelig aussehende Wasserfarbe aus Purpur, Blau und Grün mit einem leichten Hauch Rot. Je länger ich auf dem nassen Boden saß, umso interessanter würde meine kurze Hose von hinten aussehen. Ich hatte sie gerade von meinem eigenen Geld gekauft, das ich mir als Babysitter verdient hatte, als Aufpasserin für den neuesten Erdenbürger in meinem Haus mit Namen Baby Sue. Da ich keine geborene Rockefeller war, verdiente ich mir gern mit verschiedenen Gelegenheitsarbeiten etwas Geld nebenher. Irgendwo musste man schließlich anfangen, auch wenn es auf der untersten Sprosse der Leiter war – und von da aus konnte es nur nach oben gehen. Baby Sues Mutter, Ida, hatte mir diesen Rat gegeben.

Während die Farben des Stoffes ineinander verliefen, lauschte ich auf Schritte über mir. Das Stampfen wurde schneller, und die Füße begannen über die Holzdielen zu rennen. Zwischen dem lauten Ächzen und Stöhnen des Holzes vernahm ich deutliche Rufe aus dem Zimmer oben. Schritte und Stimmen hatten sich auf das Fenster zubewegt, das auf den Crystal Lake hinausging.

Ich trug eine kleine Stufenleiter ans Kellerfenster, stieg auf die zweite Sprosse und schaute hinaus. Unter dem hellgrau gestrichenen Holz, der Unterseite der rings um das Haus verlaufenden Veranda, hatte man nur einen Meter freie Sicht auf den See. Dichtes, samtiges Gras bedeckte wie ein Teppich das Gelände vom Rand der Veranda bis hinunter an die großen Felsen am Ufer. Neben dem Stamm einer gewaltigen Eiche raschelte das Innere meines Ballerinabaums in der heißen Nachmittagsbrise. Andere Menschen nannten den Baum eine Trauerweide, für mich aber war er ein Ballerinabaum, weil sein glockenförmiges Blätterkleid die Form eines langen Tüllrocks hatte, ganz genau so, wie ihn Balletttänzerinnen tragen. Rechts neben dem Baum standen acht Paar milchig bleicher Beine. Drei Paar dieser farblosen Gliedmaßen waren mit wuscheligen goldenen Haaren bedeckt. Bunte Shorts glitten über die haarigen Beine zu Boden. Von den anderen Beinen, glatt und alabasterfarben, sah ich Röcke und seidene weiße Unterhosen ins Gras fallen.

Aus dem Zimmer über mir hörte ich die verärgerte Stimme meiner Mutter: »Du lieber Himmel, da sind schon wieder welche! Jemand muss sie zur Ordnung rufen, und das bin vermutlich wieder einmal ich!«

Ida, die Mutter von Baby Sue, erwiderte in ihrem gedehnten Tennessee-Dialekt: »Gute Güte, ich hoffe, diesmal sprechen sie wenigstens ein paar Wörter Englisch. Was ist bloß los mit diesen Ausländern? Sind das denn alles Exhibitionisten?«

Im Nu sprang ich von der Leiter und stieg die wackeligen Holzstufen, zwei auf einmal nehmend, aus dem Keller nach oben. Die Erfindung der Kaltwasserleitung musste warten. Es war viel interessanter, mit anzusehen, wie sich Menschen entkleideten, die aus einem fernen Land zu uns gekommen waren.

Drückende Feuchtigkeit, vermischt mit hellem Sonnenlicht, das mir in den Augen stach, verlangsamte meinen Schritt für den Bruchteil einer Sekunde. Ich schirmte mein Gesicht mit hohlen Händen ab und hüpfte behutsam über den brennend heißen Pfad. Ich verkroch mich hinter einem großen Lorbeerbusch, außer Sichtweite meiner Mutter, denn von dort hatte ich einen vollständigen Blick auf die entkleideten Körper der Fremden.

»Soll das hier dieses Jahr zu einem regelrechten Stripteasetreff werden?«, rief Ida aus dem Fenster.

Sie fragte nicht ohne Grund. Erst in der Woche zuvor war eine dänische Familie bei uns zum Schwimmen aufgetaucht. In Dänemark, so musste ich ihrem Verhalten entnehmen, war das Leben wohl ganz anders als in den Vereinigten Staaten. Wenn wir an den Strand gehen, ziehen wir schon zu Hause unsere Badeanzüge unter der Kleidung an. Die Dänen kamen in ihren hübschen Sommerkleidern an unseren See, mitten auf dem Rasen, vor dem Haus, zogen sie sich aus, und zwar splitternackt, bevor sie in ihre Badeanzüge stiegen.

Fred und Joe, unsere ältesten Bewohner, die behaupteten, sie seien in dem Hotel geboren, schaukelten auf den weißen Rohrstühlen der vorderen Veranda, lachten und lästerten lauthals über Nudisten. Andere Gäste, die an Eiswaffeln leckten, starrten mit weit aufgerissenen Augen aus dem Fenster und schüttelten die Köpfe.

Fasziniert sah ich mit an, wie eine schlanke, hellhäutige blonde Frau ihren narzissengelben Badeanzug über schneeweiße Brüste nach oben zog. Einen Vergleich anstrebend, öffnete ich meine Baumwollbluse und betrachtete den eigenen Busen, der so klein wie im Jahr zuvor geblieben war und den ich auf Anordnung meiner Mutter in einem weißen Büstenhalter verbergen musste. Meine Freundinnen rätselten immer wieder darüber, wie ihre Brüste wohl aussehen würden, wenn sie erwachsen wären. Ich zog den Kopf ein, denn neben die schneeweißen Brüste stellte sich ein Mann. Sein baumelnder Penis hing über blond behaarte Hoden. Das sah bizarr aus, wenn nicht sogar schlichtweg unansehnlich. Meine Brüder nannten die Dinger »Eier«. Als ich das Wort im Wörterbuch nachschlug, fand ich, dass sie einen Ausdruck aus der Umgangssprache benutzten. Ich setzte die beiden darüber in Kenntnis, das korrekte Wort dafür sei »Hoden«, woraufhin sie stinkwütend wurden und mir sagten, ich solle mich lieber um meine Mädchenangelegenheiten kümmern.

Von der Treppe an der vorderen Veranda kam mit forschen, schnellen Schritten die Besitzerin des Hauses zum See hinunter: June Pope, meine Mutter. Ihr kirschroter Baumwollrock streifte an meinem Versteck vorbei. Voller Schreck kroch ich tiefer in den Busch hinein. Würde Mutter mich entdecken, wäre dies das Ende meines anatomischen Anschauungsunterrichts. Hüllenlose Körper, ob auf Fotos oder von berühmten Malern in Öl dargestellt, waren nämlich tabu, kamen im Mittleren Westen nicht ins Haus, wurden niemals toleriert. Ein Bikini – so wie die kleinen, rotweiß gepunkteten Teile, die ich in einem Bericht über die französische Riviera im Life Magazine gesehen hatte – galt als unanständige, unmoralische und skandalöse Kleidung, die nur Franzosen trugen. Die fremden Frauen auf dem Rasen hatten einteilige Badeanzüge angelegt, keine französischen Bikinis. Ich überlegte, welche Frauen freizügiger zu nennen waren, jene, die ihre Reize mit einem winzig kleinen Tuch bedeckten, oder diese hier, denen es nichts ausmachte, sich auf einem Rasenvorplatz hüllenlos zu zeigen.

»Direkt hinter dem Hotel steht ein Badehaus«, ließ sich June Pope vernehmen, »gehen Sie um die Veranda herum, und Sie sehen es! Die Kabinen darin sind zum Umkleiden geeignet, also bitte, benutzen Sie diese auch.«

Mutter sprach das Wort »bitte« laut und deutlich und mit großem Nachdruck aus. Ich war überrascht, dass Mutter sich überhaupt dazu hergegeben hatte, eine Höflichkeitsfloskel zu benutzen.

Die Bleichgesichter sahen sich an, zuckten mit den Schultern und schüttelten verwirrt den Kopf. Die Blonde mit dem gelben Badeanzug antwortete als Erste. »Oh, natürlich. Wir wussten nicht, dass es hier entsprechende Einrichtungen gibt. Freunde von uns waren vor ein paar Tagen zum Schwimmen bei Ihnen und haben ganz begeistert von dem klaren Wasser hier erzählt. Das Wasser in Ihrem See soll so rein wie das der Fjorde in Norwegen sein!« Ihre Stimme hatte einen hellen Klang, freundlich und mit hinreißendem Akzent.

Mit einem Ruck drehte Mutter ihre Füße in die entgegengesetzte Richtung, ohne ein weiteres Wort an die Badenden zu verlieren. Sie ging rasch auf die Treppe zu, warf einen kurzen Blick auf meinen Lorbeerbusch und rief: »Lady Jane, komm raus aus dem Versteck! Ende der Vorstellung. Im Haus gibt es mehr als genug für dich zu tun!«

»Als hätte ich ’s geahnt …«, murmelte ich vor mich hin und kroch aus meinem untauglichen Schlupfwinkel. Die Fremden schlenderten durch das Gras zu unseren Mietbooten, die sauber aufgereiht am Ufer lagen. Laut flüsternd wollte ich von der Gestrengen wissen: »Mama, warum hast du sie nicht gefragt, woher sie kommen? Ist es ungehörig, wenn ich sie frage, ob sie Dänen sind oder womöglich aus Schweden oder Finnland kommen?«

Ich stemmte die Hände in die Seiten, so wie ich es bei meiner Mutter immer wieder gesehen hatte. »Du hättest ihnen von unserem Quellwasser erzählen können. Europäer trinken gern ein solches Wasser, Mom. Quellwasser heilt ihre Leberkrankheiten.«

Mutter drehte sich energisch um und sah mich an. »Ungehörig? Lady Jane, was für ein komischer Ausdruck in diesem unpassenden Augenblick!« Mit diesen Worten ging sie die Treppe zur Veranda hinauf.

Ungehörig oder nicht, es stimmte. Unzählige Geschichten hatte ich über Menschen gelesen, die in luxuriösen Kurorten Urlaub machten, ob das nun in Frankreich war, Deutschland oder Ungarn, und sich dort wochenlang aufhielten, um Krankheiten gleich welcher Art auszukurieren. Die Europäer brauchten keinen Arzt. Vielmehr tranken sie ganz einfach Wasser, und das aus Marmorquellen. Diese Berichte erweckten in mir die Vermutung, dass die Menschen jenseits des Atlantiks von schwacher gesundheitlicher Konstitution sein mussten. Deshalb hätte es die Skandinavier vor unserem Haus ganz sicher interessiert, etwas über unser einzigartiges Quellwasser zu erfahren. Der Bach, der aus dem Keller kam, floss direkt rechts von der Stelle, an der sie sich umgezogen hatten, an den Strand hinunter.

Vor langer Zeit hat einmal ein kleines Zementbecken dieses Quellwasser kurz vor dem Ufer aufgefangen. Jetzt lag das Becken unter Kies und Moos begraben, aber damals, um die Jahrhundertwende, hatten elegant gekleidete Damen ihr Gesundheitswasser daraus geschöpft, bevor sich der Bach in den See ergoss. An einer Wand bei mir im Zimmer hing ein vergilbtes Foto, auf dem diese Damen der Jahrhundertwende sich geziert über das Becken beugten und Porzellanbecher in Händen hielten, in Händen, die mit Spitzenhandschuhen bekleidet waren. Auf der Rückseite des Fotos hatte die Universität von Illinois ihre Laborergebnisse aufgestempelt, nachdem man die Flüssigkeit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts getestet hatte. Ein fast unleserlicher Zeitungsartikel aus dem Crystal Lake Herald klebte neben dem Laborstempel. Die Reinheit des Wassers und sein Mineralgehalt führten dazu, dass Menschen von nah und fern an unser Ufer kamen, um das Quellwasser zu probieren. Sie füllten Kanister oder tranken gleich auf der Stelle aus mitgebrachten Gläsern. Dies sollte nicht nur gut für die Heilung der Leber sein, sondern auch gegen Nierenkrankheiten, Kopfschmerzen und allgemeine Unpässlichkeit helfen.

»Die Idee eines Kühlsystems für das Haus ist vielleicht ohne die Hilfe der Rockefellers ein bisschen kompliziert. Ich kann mir genauso gut ein Vermögen mit dem Verkauf von eiskaltem Heilwasser verdienen. Ein Kinderspiel! Wir werden Millionäre!«, jubelte ich mir im Stillen zu und klatschte in die Hände.

Lady Jane ist nicht mein richtiger Name. Je nach meinem aktuellen Benehmen wurde ich mit »Sarah« oder »Lady Jane« angesprochen. Im Alltag, wenn ich keine Gelegenheit fand, ein lebhafteres, extravaganteres und übertrieben ausgelassenes Betragen an den Tag zu legen, wurde einfach nur »Lady Jane« benutzt. Die Schauspielerin Sarah Bernhardt war verantwortlich für meinen anderen Namen. Den konnte man hören, wenn meine Mutter der Meinung war, ich sei melodramatisch oder altklug. Ob Mutter wirklich etwas anderes über Sarah Bernhardt wusste, als dass sie sehr temperamentvoll war, blieb im Dunkeln. Ob sie überhaupt ahnte, dass die Schauspielerin Französin war und eigentlich Rosine Bernard hieß, habe ich sie nie gefragt. Ich hatte meine Informationen aus einer Biografie in der Schulbibliothek bezogen. Meine Mutter las keine Bücher, vielleicht weil sie mit ihren unzähligen Pflichten alle Hände voll zu tun hatte. Das einzige Buch, in dem ich sie habe lesen sehen, war »Wendekreis des Krebses«. Ida hatte ihr gesagt, das Buch sei »auf jede Weise … schlüpfrig«. Auf jeden Fall war Mutter bekannt, dass Sarah der Ruf vorausging, tragische Frauenrollen auf außergewöhnlich blumige, sensationelle Weise zu spielen. Meine Mutter sagte, die Kunst, alltägliche Situationen übermäßig zu dramatisieren, sei meine Spezialität.

»Sarah!«, schimpfte Mom neulich noch mit mir, als sie sah, dass ich mit völlig unbekannten Leuten vor dem Supermarkt parlierte und das mit eleganten Armbewegungen unterstrich. Ich hätte im Auto auf sie warten sollen, während sie die Einkäufe erledigte. Doch statt allein und ohne Unterhaltung zu bleiben, hatte ich mir am Eingang zum Laden ein freundliches Publikum gesucht.

Die Tankstelle war eine weitere ideale Gelegenheit, mit anderen Frauen zu plaudern. In der Damentoilette gab es immer wieder neugierige und bereitwillige Zuhörerinnen. Während Mutter tankte, probierte ich in verschiedenen Tonlagen dramatische Stimmen aus, um die Geschichte unseres Familienlebens damit untermalen zu können. Jede Dame, die sich neben mir die Hände wusch, kam in den Genuss, meine von der berüchtigten Sarah geerbten Charakterzüge kennenzulernen. Meine Erzählungen wurden unweigerlich unterbrochen, wenn Mutter auftauchte und ich ihre verärgerte Stimme zu hören bekam: »Sarah! Es reicht! Du musst wirklich kein Toilettendrama aus unseren dunkelsten Geheimnissen machen.«

Mein Leben glich einem Theaterstück. Das Leben eines jeden Menschen enthält die eine oder andere Geschichte, wobei manche verwickelter und spannender sind als andere. Diese Erkenntnis gewann ich nicht nur aus meinem Leben im Hotel, sondern auch aus den Romanen und Familiensagas, die ich so gern las. Auch die Bühne, auf der das Drama des Lebens gegeben wurde, führte nie das Gleiche auf. Und in jedem Haus spielten Menschen das Unterschiedlichste an Lustspiel, Drama oder Langeweile.

Mein eigenes Haus hatte eine Vergangenheit in bunten und schillernden Farben. Verwirrende, doch zugleich interessante Menschen schufen eine ideale Atmosphäre, die meiner Neigung zu übertriebenen Gefühlsregungen sehr entgegenkam. Mir stand eine riesige Bühne für die extravagante Sarah zur Verfügung und ein verblüffendes Spektrum von Herausforderungen für die mildere Lady Jane.

Der Name, auf den ich getauft wurde, der richtige, möglicherweise der farblosere, ist auf einem zerknitterten, cremefarbenen Stück Pergament dokumentiert. Über meinen Fußabdrücken vom zarten rechten und zarten linken Fuß heißt es in meiner Geburtsurkunde mit Buchstaben, die aus der Zeit des britischen Königs Edward zu entstammen schienen:

Julia Marie James.

Geboren: 1. Mai 1944.

Mutter: June Iris James, geborene Meier, Vater: William Christian James. Geburtsstunde: 9.09 Uhr

Ort: St. Anne’s Hospital, Chicago, Illinois. Behandelnder Arzt: Dr. Scully, assistiert von Schwester Mary Catherine.

Der Vater, William Christian James, war zugegen.

»William Christian James war zugegen?«, lautete eine Frage, die ich meiner Mutter stellte, als ich etwas über die Funktionen und die detaillierten biologischen Eigenschaften des weiblichen Körpers lernte. »Ist das denn erlaubt, dass Männer neben ihren gebärenden Frauen stehen, Mama?«

»Julia, dein Vater musste hinter einer Trennwand bleiben. Nein, Männer, außer dem Arzt natürlich, waren in dem Raum nicht zugelassen. Aber dein Vater war der Erste, der dich im Arm hielt. Ich war von den Schmerzen ohnmächtig geworden. Als ich wach wurde, trug dein Vater dich auf seinen Armen. Ein gut aussehender junger Mann. Das Baby hatte er in eine rosa Decke gewickelt. Und: Er hat geweint. Du nicht.«

»Mama, hat er geweint, weil du bei der Geburt Schmerzen leiden musstest?«

»Nein, dein Vater vergoss Tränen, weil du ein Mädchen warst! Er war vollkommen hingerissen. Schließlich hatten wir bereits zwei Söhne. Er wünschte sich sehnlichst ein kleines Mädchen mit blauen Augen. Und sein Wunsch ging in Erfüllung!«

Gleich um die Ecke von diesem Krankenhaus befindet sich der Geburtsort von unserem berühmten Schriftsteller Ernest Hemingway. Sein Elternhaus im Stadtteil Oak Park in Chicago steht noch immer. Mit meiner Schulklasse durfte ich es einmal besichtigen, weil es nunmehr ein Museum ist.

Auch spektakuläre architektonische Bauwerke stehen in der Nähe meines Krankenhauses, Häuser, die von keinem Geringeren als dem berühmten Frank Lloyd Wright entworfen wurden.

Bestimmt lag es an meinem Geburtsort, dass Ernest Hemingway einer meiner Lieblingsschriftsteller geworden ist. Seit dem Tag, an dem Bernadette, die Kusine meiner Mutter, mir sein Buch »Wem die Stunde schlägt« schenkte, verehre ich den Dichter. Um ehrlich zu sein, habe ich das Buch damals nicht verstanden. Ich war dreizehn und schwor mir, es noch einmal zu lesen, wenn ich sechzehn wäre, und ich habe mein Versprechen eingelöst.

Was Frank Lloyd Wright betrifft, so wollte ich schon immer mal in einem seiner schlanken, modernen Gebäude wohnen. Sein Haus mit einem Fluss vor großen Fenstern ist ein wahrer Traum. Die Zeitschrift Life Magazine hatte eine Sondernummer darüber herausgebracht.

Ich hätte nicht zufriedener sein können, wenn ich auf dem Empire State Building in New York zur Welt gekommen wäre. Wegen Ernest und Frank sehe ich die Tatsache, im Oak Park geboren zu sein, als einen wahren Glücksfall an. Und ich war nicht nur davon überzeugt, dass mein Leben überaus dramatisch verlief, sondern dass ihm auch dieses Haus, in dem ich wohnte, Tag für Tag neue, lebhafte Geschichten hinzufügte, einige amüsant, manche eher armselig.

Auf dem Podest der Freiheitsstatue steht ein Gedicht geschrieben:

Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,
Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten.
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen:
Hoch halt’ ich mein Licht am gold’nen Tore!

So lauten die letzten Zeilen aus »Der neue Koloss« von Emma Lazarus. Mein Großvater James war mit fünfzehn Jahren mutterseelenallein von Schottland aus über den Atlantik gekommen. Das Gedicht am Fuß der Statue muss ihm wie ein Versprechen für sein neues Leben vorgekommen sein. Er ließ die Sätze rahmen und hängte sie über sein Sofa, das mit Plastik überzogen war. Dieser Plastiküberwurf sollte das teure Brokatpolster vor der rußigen Luft über der Innenstadt von Chicago in Schutz nehmen.

Meine Lehrerin in Gesellschaftskunde bat mich, einen Aufsatz über Großvaters Gedicht zu schreiben. Sie benotete mein Werk nur mit einem »C« und schrieb unten auf die Seite, ich hätte mich zu sehr an der Bedeutung der »geknechteten Massen« aufgehalten und den Rest des Gedichts vernachlässigt. Ich war zutiefst enttäuscht, als ich ihre Worte las.

Ich selbst hatte noch nie Gelegenheit gehabt, die Freiheitsstatue aus der Nähe anzusehen, doch Großvater hat sie mir sehr anschaulich beschrieben und mir erzählt, welche besondere Bedeutung sie für viele Heimatlose und Auswanderer hatte. Immer wenn ich ein Foto von dieser riesigen Statue sah, die ein Geschenk Frankreichs an die Menschen in den Staaten war, lief es mir kalt über den Rücken. Ich stellte mir die Entrechteten aus Großvaters Geschichten vor, sah, wie sie an der schönen Frau vorübersegelten, wie den Sturmgetriebenen mit den Worten von Emma Lazarus ein Neubeginn in goldener Zukunft verheißen wurde.

Natürlich stellte ich meinen Großvater in Gedanken auf ein prächtiges Schiff, auf dem er winkte und Kusshände warf, als er unter der Fackel der Freiheit hindurch nach Ellis Island fuhr. In Wirklichkeit war er auf einem verrosteten Frachter über den großen Teich gekommen und hatte sich seine Überfahrt als Kohlenschaufler im Maschinenraum erarbeitet.

Auch in mein Haus waren sie eingezogen, diese Müden, Armen, Geschundenen, Verletzten, die ein Leben, das sie sich ersehnten, nie gefunden hatten. Sie alle, Junge, Alte, Freunde, Fremde, sie schliefen, aßen, tranken, lachten, stritten und gingen durch die Tür meines Hauses ein und aus.

An dem Tag der nackten Skandinavier blieb mir nichts anderes übrig, als Mutters Anordnung zu befolgen, doch bevor ich ins Hotel ging, lief ich noch ans Ufer zu der Stelle, an der sich der Untergrundbach aus dem Keller mit dem Crystal Lake verbindet. Wasser schoss aus einer samtig schwarzen, von grünem Moos überwucherten Öffnung. Ich kniete nieder und streichelte die seidigen Fäden der Algen, die den schmalen Wasserlauf säumten. Mit verwirrtem, starrem Blick lugte ich in die dunkelgrüne Öffnung und lachte. Diese Bewegungen hatte ich bereits im Alter von sieben Jahren gemacht, als mich der unterirdische Bach zum ersten Mal in seinen Bann gezogen hatte. Das durchsichtige, strömende Silber floss dahin, spülte über glatte Kiesel und fiel kaskadenartig mit fröhlichen, frivolen Spritzern in einen Felstümpel am Rand des topasgrünen Sees. Bei jedem Aufplatschen des Quellwassers bildeten sich rasch erweiternde Kreise, bevor sie den Abhang hinuntergurgelten und in dem großen See verloren gingen. Silberne Wellen glitten über die schwimmenden Seegräser weiter ans Ufer. Als sich die leuchtenden Wellen zurückzogen und mit der nächsten Reihe von Schaumkronen verschmolzen, erhob ich mich. Ich war wie verzaubert vom Auf und Ab des glitzernden Wassers. Unendliche, ungebrochene glänzende Ringe wurden immer größer und verschwanden, indem sie sich zu einer leuchtenden Masse im Tümpel vereinten. Die Bewegung des Wassers vollführte einen Kreistanz. Ein verzauberndes Ritual, ähnlich wie bei Indianern, die sich in unverbrüchlicher Einigkeit bewegen und in ihren Mokassins durch das Präriegras schleichen, während ihre hypnotischen, leisen Stimmen zum gleichförmigen Rhythmus einer Trommel eine uralte Sprache singen. Bei einer Wildwestshow am Navy Pier in Chicago hatten mein Großvater James und ich Indianer gesehen, die einen solchen Tanz vorführten.

Ich trocknete mir die tropfnassen Hände an meiner karierten, kurzen Hose ab und lief zur Treppe der vorderen Veranda, um meine Gummisandalen zu holen, die ich unter den grau gestrichenen Holzstufen in Sicherheit gebracht hatte. Als ich das Beach House betrat, bogen die Skandinavier, in ihrer exotischen Sprache lachend und plaudernd, um die Ecke der Veranda und gingen hinter das Haus, wo das Badehaus lag. Da sie ja nun schon die freie Natur benutzt hatten, um ihr Badezeug anzuziehen, schien die Ungestörtheit des kleinen grauen, mit Aquamarin verzierten Schuppens nicht mehr vonnöten, in dem die Umkleidekabinen, Toiletten und Duschen untergebracht waren. Daher dachte ich, sie müssten entweder auf die Toilette oder wollten einfach nur das Grundstück inspizieren wie viele andere Gäste auch.

Ich hatte es mir immer schon gedacht, aber niemandem gesagt, dass die Tür zu meinem Haus in eine Diele führte, die ich nicht sonderlich begeisternd fand. Jedenfalls dachte ich das bei mir, als ich zum ersten Mal im »Drake« gewesen war. Dieses »Drake« ist ein prächtiges Hotel, das sich in Chicago über das nördliche Ende der Michigan Avenue erhebt. Das große, elegante Haus stammt aus der Zeit, die ich in Büchern als »wilde Zwanziger« gefunden habe. In seiner weitläufigen Halle rieselt funkelndes Licht aus Kristallkronleuchtern zu einem Springbrunnen hinab, der von extravaganten Blumengebinden eingerahmt ist. Marmorböden führen auf eine Terrasse zu, vor der sich der Michigansee erstreckt. Ich träume oftmals vom »Drake«. Großmutter James hatte mich an meinem zehnten Geburtstag zum Nachmittagstee dorthin eingeladen. Bildschön angezogene, frisch ondulierte Damen saßen auf satinbezogenen Stühlen. Auf dunklen Marmortischen glitzerte silbernes Teegeschirr. Großmutter sah genauso aus wie die anderen Frauen im Garten des Hotels: Sie trug ein elegantes, mitternachtsblaues Kostüm. Ein kleiner, farblich passender Hut aus Samt mit einem Schleier, der sich zart über ihre perfekten silbergrauen Locken legte, saß keck auf ihrem Kopf. An ihren schlanken Beinen – sie waren spindeldürr, um ehrlich zu sein – trug sie schöne, ebenfalls mitternachtsblaue Wildlederpumps. Obwohl auch ich aus Chicago war, immerhin aus dem berühmten Stadtteil Oak Park, sah ich nicht so modisch aus wie Großmutter James oder die anderen Frauen. Mein Kleid war hübsch, beige mit zarten orangefarbenen Blüten um den Ausschnitt und einem Rock, der waagerecht abstand, wenn ich eine Pirouette drehte. Dieses Kleid war perfekt, meine Schuhe hingegen nicht. Ich trug abgelaufene dunkelbraune, alltägliche Schulschuhe an den Füßen. Es kostete viel Mühe, das abgewetzte Leder unter meinem Plüschstuhl zu verbergen, und ich weiß auch noch genau, wie schwierig es war, die teuren rosa Küchlein zu genießen, ohne an die furchtbaren Schuhe zu denken.

Im Gegensatz zum Foyer vom »Drake« war das Foyer in meinem Haus betrüblich anders. Mir ging es damit ähnlich wie mit meinen hässlichen Schulschuhen: Es war nur schwach beleuchtet und eigentlich recht armselig. Obwohl an unserem See wilde Blumen wuchsen, kam niemand auf die Idee, eine Vase mit Gänseblümchen und Vergissmeinnicht auf den Empfangstresen zu stellen. Unser Foyer war nur ein kleiner Raum.

In einer Chronik stand, dass die Eröffnungsfeier glänzend abgelaufen ist. 1900 fand sie statt, in demselben Jahr, in dem die Weltausstellung in Paris eröffnet wurde. Die Sensation auf jener Ausstellung war die neu erfundene Rolltreppe. Es muss die Besucher verblüfft haben, als sie zum ersten Mal eine rollende Treppe sahen. Sie konnten nicht wissen, dass diese rollenden Treppen eines Tages beliebter sein würden als Aufzüge. Ich musste lachen, als ich mir die Besucher der Messe vorstellte, die beim Betreten und Verlassen der Wunderstufen über ihre eigenen Füße stolperten.

Die Treppe in meinem Haus rollte nicht und war aus Holz. Sie ist von vielen Füßen ausgetreten worden. Ihr Geländer war in der Mitte rau. Wenn ich die Treppe hinaufging, gab ich acht, nicht mit der Hand über das spröde Holz zu fahren, um mir ja keine Splitter einzureißen.

Im Jahr der Eröffnung meines Hauses fand sogar eine Olympiade statt. In Paris. Und 1900 war es auch, dass Ferdinand von Zeppelin sein erstes Luftschiff startete. Drei Jahre danach hatten die Gebrüder Wright in Kitty Hawk ihre Flugmaschine in die Luft gebracht. Und die erste Brownie-Kamera war für die breite Öffentlichkeit zum unglaublichen Preis von einem Dollar erhältlich gewesen! Ich bin mir sicher, dass einer der Gäste, die an der Eröffnungsfeier des Beach House teilgenommen hatten, eine dieser neuen Kameras benutzt hatte, um das Ereignis festzuhalten.

In der »Encyclopedia Britannica« habe ich alles nachgelesen, was im Jahr 1900 geschehen ist. Eine Liste von besonders interessanten Erfindungen zu führen wurde zu meinem Hobby. Statt Briefmarken zu sammeln wie mein Bruder Frederick, suchte ich mir Erfindungen und Ereignisse heraus, die um die Jahrhundertwende lagen. Außerdem stellte ich Listen zusammen mit besonderen Wörtern, deren Bedeutung meine Mutter sicherlich nicht kannte.

Das Datum der Eröffnung meines Hauses ist mit dem 7. Mai 1900 angegeben. Die geladenen Gäste wurden am Bahnhof Crystal Lake abgeholt und mit Pferdekutschen zu den Eröffnungsfeierlichkeiten des Hotels gefahren. Ein Zwölfmannorchester spielte auf der vorderen Veranda flotte Weisen, während elegante Menschen auf ihren Korbliegestühlen eisgekühlte Kräuterlimonade tranken, mit der das Wunderwasser unserer Quelle zu genießen war. Zum Lunch wurde mit Waldpilzen gefüllter Truthahn aus Illinois und Wildreis gereicht. Die Pilze hatten Indianer im Norden des Michigansees gesammelt. Der Tanz auf der Veranda ging so lange weiter, bis der kristallklare Frühlingshimmel sich mit einem hauchzarten rosa Schleier überzog.

Auf dem Dachboden hatte ich in einer Truhe aus Zedernholz brüchige, vergilbte Zeitungen entdeckt, in die kostbares Porzellan verpackt gewesen war. Tagelang rief ich meiner Mutter immer wieder zu, wie überrascht ich sei, die Artikel zu finden, in denen die Eröffnung beschrieben wurde. Ich sagte ihr, die Zeitungen seien ein wunderbarer, verborgener Schatz, der nur auf mich gewartet hatte, auf mich, die ich entdecken sollte, wie es war, als das Hotel zum ersten Mal seine Pforten öffnete und die Massen bei dem Fest nicht mehr entrechtet waren. Mutter entgegnete: »Sarah, dich hat nicht zufällig ein Geist aus der Vergangenheit direkt zur Truhe geführt?«

Im Eingangsraum des Beach House stand eine Telefonzelle aus Holz, die eine Falttür hatte. Unter dem Telefon war ein randvoller, nach alten Zigaretten stinkender Aschenbecher an die Wand geschraubt. In der oberen Hälfte der Tür hatten die Vorbesitzer ein kleines Fenster eingelassen. Bei geschlossener Tür ging in der Telefonzelle eine Glühbirne an, sodass man immer sehen konnte, wer da stand. An der Seite unserer Treppe gegenüber befand sich der hohe Empfangstresen. Eine kleine Silberglocke, eine, auf die man leicht mit der Handfläche zu schlagen hatte, stand am Rand des Tresens und wartete darauf, benutzt zu werden. Ich kann mich nicht erinnern, jemals ihr leichtes Klingeln gehört zu haben, denn niemand musste auf die Klingel schlagen, um bedient zu werden. Wenn ein Besucher oder Mieter etwas von meiner Mutter wollte, gingen die Leute ganz einfach durch die verglaste Doppeltür, über der auf einem weißen Schild »The Coffee Shop« zu lesen war.

Nachmittags, wenn so gut wie kein Gast hinter der Glastür zu sehen ist, kommt für mich die Zeit des Geschirrspülens, doch als ich mich an diesem Nachmittag an die Arbeit machen wollte, sah ich eine Frau am Ende der langen, schellackgestrichenen Theke sitzen: Ida, meiner Mutter liebste Mieterin, drehte sich, auf einem Barhocker sitzend, hin und zurück, in halben Kreisen. Sieben weitere Hocker neben ihr waren unbesetzt. Ich winkte Ida meinen Gruß entgegen, ging zum Spülbecken und sah, dass sich das Geschirr in dem Becken wieder einmal stapelte.

An Idas Unterlippe klebte eine Zigarette. Ihr welliges kastanienbraunes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie trug noch ihre Arbeitskleidung, Bluejeans und einen dunkelblau karierten Kittel. Die Ärmel des Kittels waren bis über die harten, kleinen Muskeln ihrer Arme aufgerollt. Ida schuftete in der »American Terra Cotta and Ceramic Company«, wo Vasen, Schalen und Nippes hergestellt wurden.

Meine Mutter hatte eine Schwäche für alle schwer arbeitenden jungen Frauen, ganz besonders dann, wenn sie ein Kind hatten, dessen Vater keine Unterstützung zahlte. Neben Ida lag Baby Sue in einem tragbaren Kinderbett und strampelte mit ihren Beinchen in der Luft. Braune Locken, feucht von der dampfenden Sommerhitze, ringelten sich um ihren kugelrunden Kopf. Da sie das einzige Kind im Haus war, wurde sie »Baby Sue« genannt. Wir alle bewunderten ihr hübsches Porzellangesicht und machten ihrer Mutter ständig Komplimente, wie lieb Baby Sue doch sei. Das Kind schrie oder quengelte nur selten, nicht einmal trotz der sommerlichen Schwüle tat sie das. Die meisten Mieter schenkten dem Kind ihre Aufmerksamkeit. Einige männliche Mieter hingegen, besonders Abraham Barnes, sahen das Baby als Störenfried im Hause an.

Dieser Abe, der behauptete, ein Nachfahre Abraham Lincolns zu sein, war Dachdecker von Beruf. Bereits Monate bevor das Baby überhaupt zur Welt gekommen war, murrte Abe, während er seinen Kaffee aus einem Plastikbecher schlürfte und zu seinem Laster ging, laut vor sich hin: »Ich denk nicht dran, mir mitten in der Nacht das Geschrei von einem Balg anzuhören! Ich brauche meinen Schönheitsschlaf. Nur eine falsche Bewegung, nur ein Ausrutscher auf den Dachziegeln, und ich falle runter vom Dach! Das könnte mein Ende sein! Und alles nur wegen einem gottverdammten Balg!« Die Beschwerden des Dachdeckers waren zahlreich und gipfelten in der Feststellung: »Das ganze Treppenhaus wird nach Kacke und Babypuder stinken!« Wer von uns seine lauthals zum Ausdruck gebrachte Unzufriedenheit mitbekam, dachte allerdings im Stillen, dass Abe eher infolge von zu viel »Black Russian« vom Dach fallen würde. »Schiller’s Bar«, die Bar um die Ecke, schenkte eine Mischung aus Kaffeelikör und Wodka aus, die Abe in ziemlicher Zahl wegkippte, bevor er mit seinem Laster in Schlangenlinien die Straße entlang zurück zum Beach House fuhr. Mrs. Schiller, die Besitzerin der Bar, kam regelmäßig zu Kaffee und Kuchen in unseren Coffee Shop und erstattete meiner Mutter haarklein Bericht darüber, was Abe am Abend zuvor in ihrem Lokal alles angestellt hatte.

Abe war jedoch nicht der einzige Mieter, der sich wegen Baby Sue beklagte. Mrs. Virginia Johnson regte sich auf, weil das Kind im Waschbecken der Damentoilette gebadet wurde. Obwohl der Powder Room allen weiblichen Bewohnern offenstand, hielt sie diese Einrichtung für ihre Privatdomäne. Nachlässig gekleidet, mit verblassend rotem Haar, stellte sich die fünfzigjährige Sekretärin neuen Mietern immer mit »Mrs. Virginia Johnson« vor. Sie sagte nie »Hallo, ich bin Mrs. Johnson« oder »Hi, ich bin Virginia«. Daher redeten auch wir sie alle mit vollem Namen an: Mrs. Virginia Johnson.

Idas Baby war vor sechs Monaten im Elgin State Hospital zur Welt gekommen. Ich habe die ganze Geschichte von Idas misslicher Lage nie zusammenbekommen, da man über das Wieso und Weshalb für gewöhnlich nur hinter vorgehaltener Hand sprach, sobald ich in Hörweite geraten war. Gedämpfte Stimmen reizten mich natürlich erst recht, genauer hinzuhören. Wenn eine Geschichte im Flüsterton erzählt wurde, war sie bestimmt interessant, enthielt vielleicht sogar etwas Verbotenes, was für meine Rolle der Sarah von enormer Bedeutung war.

Der Vater von Baby Sue arbeitete im selben Terracotta-Betrieb wie Ida. Wir hatten ihn nie kennengelernt, wussten aber, dass er Idas Traum vom Einzug in ein kleines Haus auf der anderen Seeseite nicht teilte. Sie hatte es sich angewöhnt, nach Feierabend in unserem Coffee Shop zu sitzen. Die unvermeidliche Zigarette hing zwischen ihren Lippen, Rauch stieg in Kringeln vor ihren grünen Augen auf, während sie ihre Vermieterin um Rat hinsichtlich ihrer misslichen Lage bat.

»Eine Kollegin erzählte mir, er gehe zu seiner Frau zurück, der Hurensohn!« Das Wort »Hurensohn« war geflüstert worden. »Was um alles in der Welt soll ich nur machen, June? Ich habe gerade noch so viel Geld, um mich durch den Sommer zu schlagen. Es gehen Gerüchte um, dass die Firma im Herbst Leute entlassen muss. Wenn ich zu denen gehöre, weiß ich nicht, wo ich den nächsten Job finde. Sollten Mütter eigentlich nicht zu Hause bei ihren Kindern bleiben? Ich wünschte, ich könnte länger mit meiner Tochter zusammen sein. Hinzu kommt noch, dass die Frau, die sie tagsüber betreut, ihr fünftes Baby erwartet. Über kurz oder lang muss ich mich nach einem neuen Babysitter umsehen.«

»Du hättest auf mich hören sollen, Ida. Ich hab es dir doch gesagt. Hab ich dir nicht prophezeit, dass es zu nichts führt, sich mit einem verheirateten Mann einzulassen? Zwischen zwei Stühlen, genau da sitzt du jetzt. Du hast dich sehenden Auges in diesen Liebeskummer verrannt! Wie wäre es denn, wenn du wieder runter nach Memphis gingest?«, fragte meine Mutter.

Aus den Bruchstücken, die ich ihren leisen Unterhaltungen entnommen hatte, wusste ich bereits, dass Ida Memphis vor ein paar Jahren verlassen hatte. Sie war auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann in den Norden gekommen. Durch wen sie den Weg zu unserer Tür fand, habe ich nie erfahren. Ich erinnere mich allerdings noch genau, wie sie zum ersten Mal am Empfangstresen gestanden hatte, an einem heißen Augusttag, mit rot verweinten Augen, braunen Haaren, dem wilden Schopf einer Halloween-Hexe, mit blauen Flecken am Hals, an ihren Armen.

Am liebsten hätte ich gefragt, wo denn da der Unterschied sei, wenn Ida sich auf einen verheirateten Mann eingelassen habe, schließlich war sie ja auch verheiratet, doch ich unterdrückte den Wunsch, mich in die Unterhaltung einzumischen.

Ida, auf ihrem Barhocker, drehte sich und drehte sich und drehte sich und warf nur einmal kurz einen Blick zu mir vor meinem Becken. Ihr Gesicht hellte sich erst auf, als sie ihre Freundin June durch die Glastür kommen sah.

»Soll ich dir einen Beach Burger machen, Ida?« Mutter begann Reste von einem Backblech zu kratzen. »Oder bleibst du zum Essen oben in deiner Wohnung?«

Ich verhielt mich still, wusch die Teller ab und hoffte, unsichtbar zu werden. Neben mir waberte Hitze über dem Öl in einer Fritteuse. An der Wand stand eine riesige weiße Kühltruhe, die wir »Beluga« nannten, nachdem wir im Aquarium von Chicago einen solchen ausgestopften weißen Wal gesehen hatten.

In der Truhe lag gehackte Lende. Dicke, dralle Hotdogs, hergestellt von einem deutschen Metzger in Chicago, befanden sich in einem anderen Fach. Brötchen für Hotdogs und Hamburger klemmten neben eingefrorenen Portionen Chili con Carne und verschiedenen Suppen. Den restlichen Raum nahmen Schachteln mit Schokoladen-, Vanille- und Erdbeereis ein. An Wochenenden und Feiertagen wurde den Kunden das Essen auf Papptellern in roten Plastikhaltern serviert. Hätte es die Pappteller nicht gegeben, wäre der Abwasch an diesen speziellen Tagen nicht zu bewältigen gewesen.

Unser Coffee Shop war eine Welt für sich. An den Wänden hingen Fischernetze. Zwischen den großmaschigen Öffnungen steckten japanische Kugeln aus buntem Glas. Hier und da hatte meine Mutter rotweiße Rettungsringe aufgehängt. »Sie geben der Atmosphäre am See die besondere Note«, sagte sie, als sie die Ringe an die Wand nagelte.

An dem Tag, an dem sie in der alten Scheune auf eine verstaubte Kiste mit ausgestopften und präparierten Blue Marlins stieß, war Mutter außer sich vor Freude. Ganz davon abgesehen, dass diese Fische Geschöpfe des Meeres und nicht in einem See beheimatet waren, fanden sie zwischen den Netzen und Rettungsringen einen idealen Platz. Ein großer, ausgestopfter Pelikan, der auf einem verwitterten, alten Pfosten am Eingang zum Coffee Shop hockte, war ihre Lieblingsdekoration. Der Pelikan hatte glatte graue Federn. Seinem Gesicht mit dem großen Schnabel haftete etwas Dümmliches an. Jeden Abend, bei Einbruch der Dämmerung, wurden Sturmlaternen angezündet. Ihr flackerndes Licht beleuchtete einen Teller mit Muscheln verschiedenster Farbe und in allen Größen. Besonders die bunten mussten wir ständig ersetzen, denn die Gäste ließen die Dinger verstohlen in ihren Taschen oder Badebeuteln verschwinden.

Es kam vor, dass Leute, die den Coffee Shop aufsuchten, June Pope Komplimente über ihre Dekoration machten.

An diesem einen Nachmittag aber waren wir zu dritt allein zwischen Mutters maritimen Wänden. In null Komma nichts hatte ich den Abwasch fertig, tat aber so, als sei noch Geschirr im Becken, denn ich wollte ja im Coffee Shop bleiben, wurde aber fortgeschickt: »Julia, steh nicht da rum und fege mit den Händen durch ein leeres Spülbecken, als hättest du sonst nichts zu tun. Geh raus und wisch die Tische ab!« Mutter dachte gar nicht daran, »bitte« zu sagen. Ihre Worte und der Tonfall waren ein Befehl. Mein Trick mit dem Abwasch war nicht von Erfolg gekrönt.

Ida, ihre Zigarette noch immer fest in den linken Mundwinkel geklemmt, vollzog eine letzte Drehung auf dem Hocker, nahm ihren Augenstern von der Theke auf und sagte, sie mache sich und Baby Sue jetzt erst mal frisch und beide kämen später dann zum Abendessen runter.

Ida bewohnte eine Wohnung gleich oben an der Treppe, zwei kleine Räume, an den Wänden Tapeten mit roten und pfirsichfarbenen Rosen. Die Tapeten waren alt und verblasst, in gedämpften Farben, und nichts an ihnen sah harmonisch aus. Die Küche war eng, mit einem uralten Gasherd und einem noch älteren Eisschrank. Eine nicht allzu große rosa Essecke stand vor einer Wand. Von der Küche gelangte man durch eine Tür auf den Korridor hinaus und von dort in die besagte Damentoilette. An der gegenüberliegenden Seite der Küche ging es ins zweite Zimmer, das sich Ida jetzt mit ihrem Kind zu teilen hatte. Bunte Flickenteppiche lagen, und das in beiden Zimmern, auf einem gelblichen Linoleum herum.

Ich denke, am Eröffnungstag im Jahre 1900 hatten die zwei Zimmer als elegant gegolten. Im Lauf der Jahre waren sie jedoch zu »einem Paradebeispiel für die Heilsarmee verkommen«. Mit diesen Worten hatte Großmutter White es ihrer Tochter gegenüber einmal ausgedrückt, woraufhin Mutter ihr entgegnete: »Du kannst ja im ›Drake‹ absteigen, wenn dir meine Zimmer nicht gefallen.«

Auf demselben Flur, genau gegenüber von Ida, wohnte Mr. Happ, Mr. Bert Happ. Als er bei uns eingezogen war, habe ich ihn gefragt, ob hinten an seinem Namen nicht etwa ein Buchstabe fehlen würde.

»Möchtest du ein Ypsilon ans Ende hängen, junge Dame? Die meisten meiner Studenten haben das schon vorgeschlagen. Die Idee ist also nicht sonderlich originell.«

»Oh, ich wollte mich über Ihren Namen nicht lustig machen, Mr. Happ. Aber, bedenken Sie: Das Ypsilon bei ›happy‹ gäbe doch einen wunderschönen Namen her.«

Wochen später hat Mr. Happ einmal zu mir gesagt: »Meine Eltern sind aus Deutschland nach Amerika gekommen. Ein Hotel auf der anderen Seite des Crystal Lake hat ihnen einmal gehört, jedenfalls so lange, bis ein Tornado das Haus wie eine Streichholzschachtel plattmachte. Meine Mutter hat den furchtbaren Tag überlebt, Vater aber ist unter den Trümmern umgekommen.«

»Das ist schlimm, Mr. Happ! Es tut mir leid«, hatte ich geflüstert, aber dann hinzugefügt: »Meine Großeltern stammen auch aus Deutschland, und wie viele Tornados es in dem Jahr gegeben hat, als sie hier angekommen sind, das schlage ich im Dachboden einmal nach. Da oben stehen nämlich Kisten mit alten Briefen und Zeitungsartikeln. Mama will, dass ich mir immer die Hände schrubbe, wenn ich etwas in ihnen nachgeschlagen habe.«

Mr. Happ hat mir oft über sein Leben erzählt. An fünf Tagen in der Woche fuhr er mit dem Zug nach Chicago, zu seiner Universität, und an jedem Abend kam er mit der Eisenbahn zurück. Er lehrte europäische Geschichte. Seine Mutter, Mrs. Emma Happ, wohnt in einem Dorf nicht weit von uns entfernt, es nennt sich »Lake in the Hills«. Mrs. Happ teilt sich dort ein kleines Haus mit ihrer Schwester Irmtraud, aber wenn Professor Happ seine Mutter in unser kleines Restaurant zum Abendessen bringt, bleibt Irmtraud meist zu Hause.

Diese Mutter von Mr. Happ ist eine Dame von der robusten Art. Sie angelt und schwimmt gern und viel, und Wandern, sagte sie, sei ihre Leidenschaft. Gleich am ersten Tag, als ihr Sohn sie zum Supper brachte, bat sie uns alle hier im Haus, sie mit »Mrs. Emma« anzureden, wenn nicht, würden wir ihr das Gefühl vermitteln, eine alte Frau zu sein, für die sie sich nicht hielt, noch nicht.

Ein Sommertag in Illinois ist lang, ganz besonders wenn Ferien sind und Hausarbeit die Schularbeit ersetzt. Mit dem Tuch in der Hand ging ich, Mutters Befehl noch immer in den Ohren, zur Veranda, Tische putzen. Kaum hatte ich damit begonnen, stürmten die fröhlichen Skandinavier vom Garten her die Treppe hoch. Sie wischten Schweißperlen von ihren Sonnenbrandgesichtern und setzten sich auf unsere Holzstühle mit den hohen Lehnen. In den Sommermonaten sitzen die meisten Gäste gern auf der Veranda, weil die Fenster Fliegengitter haben und dafür sorgen, dass die Mücken draußen blieben.

Eichen und Ulmen, ringsum vor dem Haus aufsteigend, tauchen den Raum in ein zartes, grünes Licht, und eine Brise, die vom See her kommt, lässt ihr Rascheln in den Blättern hören.

»Hallo, Kleine«, ließen sich die Fröhlichen vernehmen, »wie heißt du? Darfst du in deinem Alter schon Arbeiten gegen Geld verrichten? Wie alt bist du, dreizehn, vierzehn? Mehr doch sicher nicht.« Sie riefen alles durcheinander, und ein Mädchen fragte: »Dürfen wir zwei Tische zusammenschieben, damit wir alle an einem großen sitzen können?«

Ich musste über die Bande lachen. Und gab ihnen Antwort: »Nein, ich arbeite nicht in diesem Haus, ich wohne hier« und fuhr höflich fort: »Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Sie frage, woher Sie kommen? Und warum Sie ›hallo‹ sagen und nicht ›hello‹, so wie wir?«

Die blauen Augen der Besucher leuchteten, als sie antworteten: »Aus Dänemark kommen wir! Wir machen hier ein Sabbatical, ein Jahr Urlaub von der Universität. Und wir werden üben, ›heeello‹ zu sagen!«

»Selbstverständlich können wir die Tische zusammenrücken«, sagte ich. »Alles geht, solange Sie sich nicht auf dem Hof umziehen. Meine Mutter mag das nicht. Sie hält sich gern an die Gesetze. In der Stadt existiert eine Verordnung gegen Nacktheit. Wäre Ray Flores vorbeigekommen, als Sie alle splitternackt auf unserer Wiese standen, hätte es sein können, dass er nicht nur Sie alle, sondern auch noch meine Familie festgenommen hätte!«

Beim Scharren und Rücken der Stühle lachten sie und fragten auf Englisch mit ihrem dänischen Akzent: »Woher weißt du das, wie alt bist du, und wer ist Ray Flores?«

»Meine Großmutter James sagt, eine Dame darf ihr Alter nie preisgeben, aber um ehrlich zu sein, ich persönlich sehe nicht ein, warum man aus dem Alter ein solches Geheimnis machen sollte. Ich bin vor zwei Monaten sechzehn geworden. Ich bin Stier, das beste Sternzeichen überhaupt. Das hat mir eine Zigeunerin letztes Jahr im Zirkus gesagt. Meine Brüder sind siebzehn und achtzehn, und dann haben wir noch Snookie, die neun ist. Snook ist ein Mädchen. Sheriff Flores ist unser Polizist, der fast jeden Morgen hier seinen Kaffee trinkt. Er ist auch der Boy Scout Leader meines Bruders. Sehen Sie den großen roten Ziegelbau da hinten am See? Das ist ein Strandhaus mit einer Snackbar und Umkleidekabinen drin, und mit Duschen. So um 1920 herum wurde es erbaut, für die Leute aus Chicago, wenn die hierher zum Schwimmen kamen, damit sie sich umziehen konnten, aber was soll ich Ihnen sagen? Die Leute sind mit ihren Autos direkt an den Strand gerollt und haben sich in ihren Autos die Badesachen angezogen! Die Türen ihrer »Ford Model T’s« standen sperrangelweit offen, und dann sind sie schnurstracks vom Auto in den See gesprungen. Die Bürger von Crystal Lake waren von dem Benehmen der Städter über alle Maßen schockiert, und der Bürgermeister hat eine Verordnung durchgesetzt, die besagt, Badende haben die Umkleidekabinen im Strandhaus zu benutzen. Wenn man sich also im Auto nicht umziehen darf, liegt die Vermutung nahe, dass das Auskleiden auf unserem Rasen ebenfalls gegen das Gesetz verstößt.« Ich holte tief Luft, fuchtelte übertrieben mit den Armen, wobei das Geschirrtuch durch die Luft segelte, und fügte hinzu: »Ich weiß das alles, weil wir in Staatsbürgerkunde die Geschichte unserer Stadt durchnehmen.« Ich glaube, dass die jungen Leute aus Europa von meinem Wissen ziemlich beeindruckt waren, und habe sie schon fragen wollen, ob sie denn wohl auch an der Freiheitsstatue vorbeigefahren seien, auf dem Weg zum Hafen von New York, doch zu der Frage bin ich nicht gekommen, weil meine Mutter mich vom Coffee Shop her daran hinderte.

»Sarah«, rief sie, »langweile die Leute nicht mit deinen Geschichten.« Sie schien den Leuten ihr europäisches Benehmen noch immer nicht verziehen zu haben, denn als sie sich vor den langen Tisch stellte, war sie auch kurz angebunden: »Im Coffee Shop steht eine Kreidetafel, auf der die Gerichte von heute aufgeschrieben sind. Im Sommer reichen wir hauptsächlich Hotdogs und Beach Burger. An Wochenenden allerdings gibt es zusätzlich noch Steaks vom Holzkohlegrill, Ofenkartoffeln, eine Tagessuppe oder Salat. Oh, fast hätte ich es vergessen: Mein gegrilltes Cheddar-Sandwich mit Äpfeln oder Pfirsichen ist sehr beliebt.«

»Mama, du hast unsere berühmten Malts vergessen. Wir machen wirklich verführerische Malzmilchgetränke«, sagte ich den neuen Gästen. »Ich werde Ihnen unsere geheime Zutat nicht verraten, probieren Sie doch ganz einfach mal.«

»Amerikanisches aus der Küche? Und verführerisch?«, warf der Mann mit dem Bürstenhaarschnitt ein. »Das ist ja ganz was Neues …«

»Oh, unsere Malts kann man so nennen, wenn Sie die mal probiert haben, kommen Sie bestimmt wieder. Das Wort ›verführerisch‹ passt zu dieser Beschreibung«, sagte ich. Niemand gab eine Antwort, die Gäste sahen mich verwirrt an. Ich fragte mich, ob ihre Englischkenntnisse einer Aufbesserung bedurften, und fuhr mit unserer Speisekarte fort.

»Unser Gebäck der Woche ist Haferflockenkeks mit Kokosnuss. Am Ende des Tresens steht ein großes Glas. Stecken Sie einfach die Hand hinein, und nehmen Sie sich ein paar. Wir backen jede Woche eine neue Sorte. Die Gäste verschlingen sie regelrecht, wenn sie bei uns Kaffee trinken. Letzte Woche habe ich Zitronenriegel gemacht, die waren in einer Stunde vertilgt.«

Bevor sie das Essen bestellten, sagte eine von ihnen, und zwar jene, die einen narzissengelben Badeanzug getragen hatte, sie seien von unserem Beach House und dem Strand sehr angetan, und am Independence Day, bei ihrem Ausflug, kämen sie ganz sicher wieder.

»Wie schön! Sie wären aber gut beraten, wenn Sie schon frühmorgens kämen. Der vierte Juli ist einer der Feiertage, an denen bei uns am meisten los ist«, erwiderte meine Mutter. Sie zog einen Bleistift aus ihrer Schürze und notierte die Bestellung. Beach Burger, frittierte Zwiebelringe und frische Maiskolben hatten sich die Frauen der Gruppe ausgesucht. Zum Dessert wollten sie die verführerische Schokomalzmilch probieren. Einer der goldblonden Männer ging zum Coffee Shop, um einen Blick auf die Kreidetafel zu werfen. Ein anderer lief ihm hinterher und brabbelte einen unverständlichen Satz in ihrer rätselhaften Sprache. Sein Freund ließ ein paar Münzen in seiner kurzen Hose klingeln und stellte sich an die Musicbox.

»How deep is the ocean« sang ein weiblicher Chor, untermalt von seufzenden Violinen. Der nächste Refrain kam von Ray Charles: »How much do I love you? I’ll tell you no lie!«, begleitet von den hellen Akkorden seines berühmten Jazzklaviers. Der blinde schwarze Sänger aus Florida schmetterte den Hit des Sommers: »How deep is the ocean, how high is the sky?« Alle Bewohner des Beach House kannten das Lied in- und auswendig. Wenn ein Gast bei der Musicbox nicht die Tastenkombination »B 24« drückte, dann tat es meine Mutter. Sie bewunderte Ray Charles und seinen Gesang. Für gewöhnlich trällerte sie mit, hoch und falsch, sie nannte das ihre Sopranstimme. Wenn ich ihren Gesang nicht mehr ertragen konnte, hielt ich mir beide Ohren zu und rieb sie mit den Händen, sodass ich stattdessen eine Art Unterwassermusik hörte.

Wenn einmal eine Negerfamilie zum Beach House kam, Angelruten und Köder in der Hand, mit einer Eistruhe voll Sprudelwasser und Moon Pie, einem klebrigen Schokokuchen mit einer Schicht Marshmallows, angelten sie an einem entlegenen Platz des Grundstücks am Ufer, in einer schattenlosen Ecke, in der die Weißen sich wegen der brennenden Sonne niemals niederlassen würden. Die Negermütter legten karierte Decken für ihre Kinder aus. Die Gruppe wiegte sich dann zu den Klängen von Ray, klatschte in die Hände und tanzte. Jeder Sender in ihren Transistorradios spielte Rays Musik oder Gospels.

Meine Brüder und ich wurden von Mutter instruiert, unsere schwarzamerikanischen Mitbürger »Neger« zu nennen. Sie kamen nur sehr selten an den Crystal Lake. Und wenn, dann gingen die Familien nie in den Coffee Shop, um zu essen. Sollte es vorkommen, dass eine Mutter Kleinkinder mitbrachte, von denen sie immer zwei, drei oder vier hatte, sah ich meiner Mom zu, wie sie hinausging, die Kinder hochhob und sie in den Armen wiegte. Sie juchzte und ließ die Eltern wissen, wie bezaubernd ihre Kinder seien. Zurück im Coffee Shop erzählte sie uns, um wie vieles schöner als die weißen Bälger diese schwarzen Babys seien. Mit ihren riesigen, glänzenden braunen Augen, sagte sie, der schokoladefarbenen Haut und dem lockigen schwarzen Haar müsse man sie einfach knuddeln. Die Eltern von Mutters Lieblingen angelten fröhlich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.

Wenn es nicht gerade Sommer war und ein paar schwarze Familien zu uns in das Beach House kamen, sah ich Neger nur, wenn Mutter mit uns nach Chicago fuhr, vierzig Meilen ostwärts von unserem See. In die Schule von Crystal Lake gingen nur weiße Kinder, mit Vorfahren, die aus Polen, Deutschland oder Italien stammten. Immer wieder, in der Schule, hörte ich andere weiße Kinder das Wort »Nigger« sagen, wenn sie von schwarzen Menschen sprachen. Einmal, vor vielen Jahren, hat mein Bruder Frederick dieses schlimme Wort nach Haus gebracht, und – o Gott! – meine Mutter ist fuchsteufelswild geworden: »Wer von euch in meiner Gegenwart dieses verletzende Wort benutzt, bekommt den Mund mit Seife ausgewaschen, merkt euch das!«

So ein Stück Seife bekam von June Pope auch mal der eine, mal der andere meiner Brüder in den Mund, der Wörter wie »verdammt«, »Scheiße« oder »Arschloch« von sich gab. Ich habe Mutter mal gefragt, ob die Hersteller von Seife wussten, wie nützlich ihr Produkt bei der Erziehung amerikanischer Kinder geworden sei, doch auf Mutters Antwort warte ich noch heute.

Die Dänen hatten durchweg Beach Burger als Bestellung aufgegeben, und im Handumdrehen brutzelten die auf dem schweren Grill im Coffee Shop. Unsere Burger hatten nichts mit denen von »Billy’s Burgers« zu tun, einem Lokal für Fast Food, das vor Kurzem auf dem historischen Highway 14 eröffnet worden war. Diese Strecke war bei Historikern im Mittleren Westen beliebt, weil sie einstmals ein Indianerpfad gewesen war, ein Weg, der zu den Jagdgründen der Ureinwohner unseres Landes führte.

In unserem Coffee Shop waren einmal Männer zu Gast gewesen, die sich Pionier-Kleidung angezogen hatten, weil sie die Gründung des Staates Illinois feiern wollten. Als sie die Begegnung mit Rothäuten in ihr historisches Spiel einbrachten und dabei ein gewaltiges Indianergeheul anstimmten, wurden meine Brüder und ich aus dem Raum geschickt.

Die Burger in »Billy’s Burgers« am ehemaligen Indianerpfad waren mickrige Dinger, die mit Ketchup, Senf und einem sauren Stück Gurke zwischen zwei weichen Brötchenhälften lagen und 15 Cent kosteten. Wer Besseres haben wollte, gab 25 Cent aus und bekam dafür einen dürftigen Hamburger, ein Tütchen fettiger Pommes und eine »Coca-Cola«.

Direkt neben »Billy’s Burgers« stand ein Lokal der Kette »Tastee-Freez«. Sie boten gutes Eis für zehn Cent. Eine vierköpfige Familie gab also bei »Billy’s Burgers« vier mal 25 Cent für Burger aus und bei der Eisbude noch mal 40, was bedeutet, Lunch oder Dinner war schon für einen Dollar vierzig zu haben, wozu Mutter sagte, diese Konkurrenz werde sie noch ruinieren. Die Beach Burger in unserem Coffee Shop aber, so versicherten ihr die Gäste, waren so gut wie ein Steak, vielleicht sogar noch besser, und wenn sie das zu hören kriegte, war Mutter wieder froh.

Jeder Beach Burger war aus einem Viertelpfund gehackter Lende gemacht, mit unserer geheimen Würzmischung angereichert und auf einem Grill gebraten. Eine dünne Schicht aus bestem Salz wurde auf das heiße Backblech gestreut. Sobald das Salz leicht angebräunt war, wurden die Burger darauf gelegt. Es brauchte nur vier Minuten auf jeder Seite, um saftig und schmackhaft zu sein. Unsere Burger waren erschwinglich: fünfzig Cent. Darüber gab es nichts zu meckern.

Beim Warten auf die zweiten vier Minuten Grillen in unserem Coffee Shop polierte ich unsere Mixer, bis ich mich darin spiegeln konnte. Sie standen dem Beluga-Wal gegenüber auf einer Platte aus Resopal, zwei Hochleistungsmaschinen für unsere verführerischen Milchmixgetränke. Der Motor saß oben auf einem Mixstab aus Stahl, darunter wurde ein Metallbehälter gestellt. Die wichtigsten Zutaten für Schokomalzmilch waren Schokoladeneis, geschmolzene Schweizer Zartbitterschokolade, Gerstenmalzextrakt oder, wenn uns der Malzextrakt ausgegangen war, ein paar Löffel »Ovomaltine«. Das Ganze wurde dann mit einer Tasse cremiger Milch verrührt. Ich hatte außerdem gesehen, dass Mutter für besonders gute Freunde einen ordentlichen Schuss »Bailey’s« in die Schoko-Shakes gab.

Wenn es frische Beeren gab, wurden Shakes aus Erdbeeren und Himbeeren gerührt. Himbeer-Shakes wurden im Sommer am meisten gewünscht. Wälder oder Wiesen, in denen Beeren wuchsen, gab es überall in Illinois. Dicke, aromatische, dunkelrote Himbeeren wuchsen auf der anderen Straßenseite, dem Beach House gegenüber.

Mir war nie in den Sinn gekommen, dass ich im Beach House »arbeitete«, wie die Dänen gesagt hatten. Ich dachte, arbeiten bedeutet, in eine Fabrik zu gehen wie Ida oder, wie George Pope, mit dem Zug nach Chicago zu seinem »Printed String« zu fahren. Dies hier war das Haus, in dem ich wohnte, und was immer im Laufe eines Tages zu tun war, gehörte einfach nur zu meinen alltäglichen Beschäftigungen.

Niemand sonst aus meiner Schule wohnte in einem Haus wie meinem, niemand. Keine meiner Freundinnen kam von der Schule nach Hause und erledigte so viele Pflichten, wie meine Brüder und ich es taten.

An jenem Morgen, als uns bei den Girl Scouts eine Liste von Aufgaben ausgegeben wurde, die wir im Verlaufe eines Monats zu verrichten hatten und die von den Eltern zu unterschreiben war, habe ich gesehen, dass mein Umfang an Haushaltsarbeiten im Vergleich zu anderen Mädchen ungewöhnlich war. Die Fülle meiner Aufgaben, die sich mir im Beach House stellte, war an den Fingern meiner Hände kaum abzuzählen: Kartoffelschälen, Spülen, Staubsaugen, Staubwischen, Unkrautjäten, Kuchenbacken, Rasenmähen, Treppewischen, Bettenmachen, Fensterputzen. Das alles und noch mehr erledigte ich in einer Woche. Meine Mutter unterschrieb die Liste, und ich gab sie bei den Girl Scouts ab. Die Führerin unserer Gruppe ist Mrs. Ovine, und als die meine Liste nicht annehmen wollte, war ich entsetzt.

»Hör mal, Julia«, hatte Mrs. Ovine gesagt, »diese Aufgaben sind im Laufe eines Monats zu erledigen, nicht innerhalb einer Woche! Du nimmst das Papier wieder mit nach Hause und legst es mir zum Monatsende wieder vor. Wie, um Gottes willen, sollen sich denn die anderen Mädchen fühlen, wenn sie erfahren, dass du in einer Woche schaffst, wozu ich ihnen einen ganzen Monat Zeit lasse?«

Was sie da sagte, verstand ich nicht, und als ich den Vorschlag machte, die anderen Mädchen sollten mal ein paar Tage lang zu mir nach Hause kommen, da könnten sie nämlich lernen, was man alles in einer Woche schaffen kann, schrieb Mrs. Ovine meiner Mutter eine Notiz, in der es hieß, die Äußerungen ihrer Tochter würden zuweilen an Frechheit grenzen.

Ich glaube, dass Mrs. Ovine meine Familie nicht verstand. Wir hielten uns nicht für etwas Besonderes, nur weil wir das Privileg hatten, in einem Haus mit vielen Pflichten zu wohnen oder gar in einem Haus mit einem Bach quer durch unseren Keller. Nein, ich behielt die Tatsache, dass wir kein Einfamilienhaus mit Vorgarten und weißem Staketenzaun bewohnten, so gut es eben ging, für mich.

Als ich den Dänen ihre Burger serviert hatte, ließ ich mir beim Abwischen der anderen Tische Zeit, weil ich in ihrer Nähe bleiben wollte. Sie redeten in ihrer Muttersprache, die ich im Tonfall lustig fand. Ich musste mir auf die Zunge beißen, um nicht zu fragen, welches Thema sie am Wickel hatten, doch hätte das sowieso zu nichts geführt, denn Mutter steckte ihren Kopf durch die Anrichte vom Coffee Shop und rief: »Lady Jane, Zeit für dich, dein Badezeug anzuziehen. Sam kommt in einer Viertelstunde zum Anleger und holt dich ab!«

Nachmittagswolken zogen sich über dem See zusammen und kühlten die Hitze dieses Hochsommertages ein wenig ab. Sam Firestone ließ sein poliertes »Chris Craft« im Leerlauf ans Ende unseres Anlegers tuckern. Sechs meiner Freunde lagen, dicht gedrängt wie Ölsardinen, in dem Boot. Eine Heckwelle sprang am Namen »Jeeze Louise« hoch, der in eleganter Schrift am Heck geschrieben stand. Qualmwolken aus dem Auspuff vermischten sich mit einem warmen Wind, der über den See herüberwehte. Nervös-zittrige Vorfreude nahm von mir Besitz. Angetan mit meinem Lieblingsbadeanzug, pinkfarben, und mit einem Rettungsring um den Bauch, stand ich am Steg und hielt Sam meinen klobigen Wasserski entgegen. Sam war der Besitzer des größten Reifenladens am Ort, und sein Name passte zum Beruf: Der Nachname von Sam war Firestone.

»Dieser Ski sieht mir ein bisschen zu wuchtig für dich aus. Ich habe einen kleineren, wenn du willst«, übertönte der breitschultrige, untersetzte Mann den Motorenlärm seiner »Jeeze Louise«. Er deutete auf den See, wo ein Tender mit unserer Ausrüstung auf den Wellen hüpfte.

»Oh nein, danke«, sagte ich. »Dieser hier hebt mich schön schnell aus dem Wasser, und ich stehe ziemlich fest darauf, selbst bei kabbeligem See.« Ich sprang ins Boot und zwängte mich zwischen zwei Mädchen. Rechts neben mir saß Rosie Orlando. Rosie war wunderbar auf ihrem Brett. An jedem Tag im Sommer, bei Regen oder Sonnenschein, konnte ich sie hinter einem rasenden Boot Slalom fahren sehen. Zu meiner Linken saß Melanie Puckett, eine schlanke, anmutige junge Frau, die Einzige von uns, die den Mut besaß, in einem zweiteiligen Badeanzug Wasserski zu laufen. Melanie und Rosie waren beste Freundinnen. Beide hatten gerade die Crystal Lake High School abgeschlossen und würden am Ende des Sommers fortgehen, an die Purdue University.

Von den anderen im Boot, vier muskulösen jungen Männern, waren aufgeregte Rufe zu hören: »Die Sonne hat sich versteckt! Das Wasser ist ruhig! Sam, gib dem Boot die volle Pulle!«

Mir war weich in den Knien. Aber ich sah dem entgegen, was ich »ein neues Abenteuer« nannte.

Sam drückte den Gashebel nach vorn und steuerte sein Boot in den See hinaus.

»Sieh dir das an«, rief ich Rosie zu, »ausgerechnet heute müssen diese Banditen schwimmen gehen! Ausgerechnet heute, wenn wir üben!« Etwa hundert Meter vom Ufer entfernt lag das Floß des Beach House. Am Ende des Sprungbretts saß mein blonder Bruder Daniel.

Hinter ihm stand mein Bruder mit schwarzem Haar, Frederick. Der Schwarzhaarige war der ältere der beiden. Seine hochgereckten Arme fuhren durch die Luft: »Was du da vorhast, schaffst du nie! Wir besuchen dich im Krankenhaus, wenn du dir den Hals gebrochen hast!« Auf dem Floß lagen noch zwei andere Burschen: Rosies Bruder Stewart und mein Nachbar Byron LaFortune. Byron wohnte nicht weit von meinem Haus entfernt, und die Orlandos schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite.

»Ihr zwei Gehirnamputierte seid zu feige, das zu tun, was eure Schwester tut«, brüllte Sam. Dann gab er Gas und warf das Boot herum. Eine hohe Heckwelle spülte die vier vom Floß.

Mit einem breiten Grinsen stand Rosie auf und hielt ihrem Bruder die geballte Faust entgegen. Ich tat so, als wären meine Brüder Luft für mich.

In den Sommerferien der vergangenen Jahre hatten meine Versuche, mich den vier Burschen anzuschließen, mit nichts anderem geendet als mit meinen Tränen. Ihre rauen, rüpelhaften Streiche verletzten mich zutiefst. Mit meinen Brüdern und ihren Freunden schwimmen zu gehen wurde zur Tortur. Wenn es nicht der eine war, dann war’s der andere, der mir den Kopf unter Wasser presste, bis meine Lungen bersten wollten. Ich musste mich stets ihrer starken Arme erwehren.

Mein Flehen, mich auf Angeltouren mitzunehmen, hätte fast zu meinem Tod geführt. Was ich nämlich nicht wusste, war dies: Angler haben eine Methode, sich kostenfrei Köder zu besorgen. Sie stecken einen Eisenstab in den Boden, der mit einem Elektrokabel verbunden ist. Wenn 110 Volt dann durch den Boden rasen, winden sich die schockierten Würmer an die Oberfläche. Von dieser Art des Köderfangens hatte ich noch nie etwas gehört, und Stewart, mit seinem Charme, verstand es, mein Vertrauen zu erwecken. Er sagte, meine Elektroenergie als Frau würde aus dem Eisenstab im Boden eine Art Blitzableiter machen und Hunderte von Würmern an die Oberfläche jagen. Stewart überredete mich, meine Hände um den eingegrabenen Stab zu legen. Ich stand barfuß in dem nassen Gras und erfuhr am eigenen Leib, was ein Blitzableiter ist. Meine Brüder lachten, brüllten, johlten und steckten das Ende eines Kabels in die Dose. Ein gewaltiger Schlag jagte durch meinen Körper. Ich schrie auf und verlor die Sinne. Als ich wieder zu mir kam, war ich allein. Ich lag vor unserem Badehaus im Gras, der Blitzableiter war nirgends mehr zu sehen, ich fühlte mich wie gelähmt und brauchte lange, bis ich wieder auf den Beinen stand. Den Versuch von Stewart und meinen Brüdern, mich hinzurichten, hatte ich überlebt.

Es war an einem anderen Morgen in den Sommerferien, als das raue Gelächter der vier Burschen meine Neugier weckte. In ihren ausgestreckten Händen hielten sie milchig weiße, undurchsichtige Ballons. Ich wunderte mich, weil an diesem Tag niemand Geburtstag hatte. Für gewöhnlich gab es bei uns immer nur dann Ballons, wenn es etwas zu feiern gab. Frederick sagte: »Steh nicht rum, hilf mal mit, hilf uns beim Aufblasen der Ballons.« Ich nahm ein paar labberige Gummidinger aus den ausgestreckten Händen und holte tief Luft, füllte meine Lungen, und weil ich meinen Brüdern imponieren wollte, gelang es mir tatsächlich, einen Ballon mit meiner Luft zu füllen, doch ließ ich das milchige Ding gleich wieder erschlaffen. Ich hatte nämlich ihr brüllendes Gelächter hören müssen und war misstrauisch geworden.

Danach, als ich noch am selben Nachmittag Suzette, der Schwester von Byron LaFortune, einen dieser labberigen Dinger entgegenhielt, klärte sie mich darüber auf, was Kondome sind und in welchen Stunden ein Mann sie zu benutzen hat. Suzette ging bei den Jungs der Ruf voraus, dass sie »leicht zu haben« sei. Es wurde erzählt, dass sie ohne Umstände ihre Bluse aufzuknöpfen weiß und lächelnd ihre festen, runden Brüste sehen lässt. Suzette war stolz darauf, ihre Geheimwaffen, wie sie ihre Brüste nannte, in einem Badeanzug zur Schau stellen zu können, wenn dieser ein paar Nummern zu klein geraten war. Einmal, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, hat sie von ihrem Traum gesprochen: Sobald sie achtzehn ist, wird sie sich nackt für den »Playboy« fotografieren lassen. »Julia«, sagte sie, »die Männer werden dir zu Füßen liegen, sie werden dich mit Geschenken überhäufen und dir jeden Wunsch von den Augen ablesen, solange deine Titten groß und fest anzufassen sind, merk dir das!«

Suzette LaFortune hielt sich für eine Expertin, wenn es um männliches Begehren und weibliche Liebeskünste ging.

Als meine eigenen Geheimwaffen Form annahmen, wenn auch nie so wie die beneidenswerten von Suzette, begannen die Freunde meiner Brüder, mich mit anderen Augen zu betrachten. Sie gaben es auf, mich zum Opfer grausamer Handlungen zu machen. Wie durch ein Wunder regte sich in ihnen der Wunsch, mich ihren Freunden, auf dem Beifahrersitz eines Cabrios, im Autokino vorzuführen.

»Liebling, das kann nicht dein Ernst sein«, lautete meine hochmütige Absage, die ich in meiner besten Bette-Davis-Imitation loszuwerden wusste, wenn Stewart oder Byron mich bei Schulfesten zum Tanzen aufforderten. Mit weit ausholenden Gesten unterstrich ich die charaktervollen Sätze. Ich hatte zwar nicht Bettes unnachahmliche Stimme, doch die Zeile aus ihrer mit einem Oskar belohnten Darstellung verfehlte ihre Wirkung trotzdem nicht. »Alles über Eva« war mein damaliger Lieblingsfilm, obwohl ich mir über den eigentlichen Sinn der Handlung nicht so ganz im Klaren war.

An jenem einen Tag, auf dem See, im Boot des Reifenhändlers, war Bette Davis sehr weit fort. Ihr Bild lief nicht durch meinen Kopf. Ich musste mich auf den Kunstkniff konzentrieren, den ich üben wollte. Sam murmelte: »Ein Zurück gibt es jetzt nicht mehr« und gab dem Motor volle Kraft.

Die Jungs im Boot jubelten: »Juhuu! Crystal Lake, wir kommen!« Die Jeeze Louise war das stärkste Boot auf dem See. Und so was wurde auch gebraucht für unsere Nummer auf dem Wasserski, die wir den Leuten am Independence Day bieten wollten.

Sam steuerte das westliche Ende des Sees an und begann, uns Anweisungen zuzurufen.

»Der Tender fährt hinter uns her. Am Ende des Sees geht ihr auf Position. Auf dem Teil des Sees sind keine anderen Boote. Ihr alle – und wenn ich alle sage, dann meine ich es auch – könnt die Schwimmwesten anziehen, wenn wir in Startposition sind. Den neuen Holm habe ich für euch schon eingeklinkt.«

Ich drehte mich um und sah mir die lange Stange an, von der er sprach. Statt der üblichen kurzen Griffe war ein Holm von mindestens sechs Fuß Länge an dem Schleppseil festgemacht. An beiden Enden, rechts und links daran, hingen zwei Seile mit Haltegriffen.

»Sam, bei diesen vielen Extra-Schleppseilen … wie schaffst du es da bloß, die Leinen ins Wasser zu lassen, ohne dass sie sich in deiner Schraube verheddern?«, fragte Melanie.

Sam tat ihre Frage mit einer wegwerfenden Handbewegung ab. »Jahrelange Übung«, grinste er.

Die Wolkendecke war noch immer dicht. Ein heißer Wind kam aus Südost. Als Sam die Fahrt stoppte, kam der Tender längsseits. Ski wurden ins saphirblaue Wasser geworfen.

Sam sagte: »Jeder geht noch mal alles in Gedanken durch, bevor er ins Wasser springt. Die vier Jungs gehen in Position links und rechts, Mel und Rose in die Mitte, Julia rechts von Rosie. Julia, denk dran, dass du deinen Ski erst dann fallen lässt, wenn Mel und Rose dir durch ein Nicken sagen, dass sie dich aufnehmen können. Und, Julia, mach alles ganz genau so, wie wir es seit Tagen üben.«

»Ich will’s versuchen«, sagte ich.

Rosie rief: »Julia macht das schon«, bevor sie ins Wasser sprang. Wir anderen taten es ihr gleich. Unsere Schwimmwesten ließen uns in den leichten Wellen wie Korken auf und ab hüpfen, während wir zu unseren Positionen schwammen.

Am Tag zuvor hatte unser letztes Treffen auf dem Rasen vor dem Beach House stattgefunden. Wir waren unser ganz persönliches Feuerwerk noch einmal durchgegangen: eine Wasserskipyramide, unser Beitrag zur Feier der Geburt der Nation. Die traditionelle Wasserskivorführung am vierten Juli sollte noch beeindruckender, noch extravaganter werden als je zuvor.

Sam hatte anstelle eines normalen Handgriffs speziell für unsere Pyramide einen Holm aus hartem Eichenholz gemacht, einen, der so lang und stabil war, dass er uns alle gleichzeitig aus dem Wasser ziehen konnte. Die vier Jungs mussten, den Holm in den Händen haltend, sich weiter durchs Wasser ziehen lassen, während Melanie und Rosie ihre Ski wegzuwerfen hatten und an den Jungs hochklettern sollten. Oben, auf den Männerschultern angekommen, und einen festen Stand gefunden habend, würden mir Melanie und Rosie zunicken. Dann schlug meine Stunde: Ich war die Auserwählte, die ganz nach oben klettern sollte, als strahlender Stern an der Spitze unserer Pyramide!

Dieses ganze Kunststück zu vollbringen war uns an Land wunderbar gelungen. Niemand rutschte ab oder fiel von den Schultern der anderen. Das war gestern und an Land gewesen. Jetzt aber war heute, und es fand auf dem Wasser statt. Wir waren alle sehr aufgeregt, aber von ganzem Herzen entschlossen, das zuwege zu bringen, was wir »eine sensationelle Glanznummer« nannten.

Da hüpften wir also nun wie Korken im Wasser auf und ab. Aller Augen waren auf Sam gerichtet. Der bekreuzigte sich und gab Gas. Ohne Fehl und Tadel holte er uns aus dem See. Die Jungs, jeweils zwei, schwangen ihre Ski zu den Außenseiten. Melanie, Rosie und ich fuhren in der Mitte. Auf ein Zeichen hin ließen die beiden Mädchen ihre Ski fallen, stellten sich auf die Bretter der Jungs und kletterten an den Muskelmännern hoch. Auf den Schultern, oben angekommen, holten sie tief Luft, sahen mich aus aufgeregten Augen an, und Melanie rief: »Good luck, Julia!« Ich trennte mich von meinem Brett und stellte meine nassen Füße ein paar Sekunden lang auf die Ski rechts und links von mir. Die Leine zu Sams Boot wurde schlaff. Ich schob den Griff der Leine über meinen Unterarm und begann zu klettern. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Der Körper des Mannes, an dem ich hochzuklettern hatte, war nass von Gischt und Schweiß. Die Körper der beiden Frauen über mir fühlten sich weich an, weich und rutschig, nass. Ich zog mich zwischen den beiden hoch. Sobald mein Kopf neben ihren Hüften war, packte Melanie meinen Ellenbogen, Rosie griff nach dem anderen, und als wär’s die selbstverständlichste Sache von der Welt, hievten sie mich auf ihre Schultern. Ich zitterte am ganzen Körper. Eine Stimme lief durch meinen Kopf, hart und schnell: »Halte durch! Du kannst es! Du schaffst es!« Da nahm ich die Leine zu Sams Boot wieder in die Hand, spürte, wie sie sich straffte, und stemmte mich dem heißen Wind entgegen. Alles lief nach Plan. Als ich oben stand, war ich nicht einmal erstaunt. Was mich erstaunte, war zweierlei: der Wind, der mir um die Ohren pfiff, und ein schwarzer Fleck im Himmel vor mir. Der schwarze Fleck war eine Krähe, haarscharf wirbelte sie an meinem Kopf vorbei. Ich war noch nie im offenen Cockpit eines Flugzeuges geflogen, stellte mir aber vor, dass so ein Flug ganz ähnlich war. Als Nächstes überlegte ich, wie das wohl von Weitem aussah, weil ich doch jetzt der strahlende Stern auf unserer Pyramide war, doch dieses Sterngefühl zerfiel so schnell, wie es gekommen war, weil es keine Minute gedauert haben konnte, dass ich in dem Fahrtwind stand und Rosie zu mir nach oben rief: »Komm runter, wir können dich nicht länger tragen.« Ich warf die Leine fort und ließ mich, grad so wie es ein Affe in einem schlanken Baum macht, an den Körpern der beiden Frauen unter mir zu den Schultern der Männer rutschen.

Sam drosselte den Motor, und langsam, ganz allmählich, versank die Pyramide, aufrecht stehend, in dem kristallklaren Wasser unter uns.

»Himmlisch!«, rief ich einem der sonnengebräunten Jungs zu, der neben mir versank.

»Das war gottverdammt fantastisch!«, rief er zurück. »Wir haben es geschafft!«

Lauter als wir sieben von der Pyramide konnten auf der ganzen Welt kein Junge und kein Mädchen sein, wie wir nun so, einer nach dem anderen, an die Oberfläche kamen. Aber es konnte auch niemanden geben auf der ganzen Welt, der glücklicher war als wir sieben von der Pyramide, die zu Sam in seine Jeeze Louise geklettert sind.

Die Fahrt zurück im Boot ging viel zu schnell vorüber, und vor dem Floß bei meinem Haus traf mich der Schreck. Auf dem Rasen stand, seine Fäuste auf breite Hüften gestemmt, George Pope, Haushaltsvorstand, Mann meiner Mutter und gestrenger Maßregler der Kinder! Sein Hemd war weiß, die Ärmel hochgekrempelt, eine Krawatte hing einfarbig vorm Hals, seine Hose sah tadellos gebügelt aus, womit ich sagen will: Der Mann meiner Mutter steckte in der Arbeitskleidung, wie er sie in Chicago tragen musste.

Ich bat Sam, vor unserem Floß abgesetzt zu werden, und im Schutz seiner hohen Tonnen, tief im Wasser liegend, sah ich aus sicherer Entfernung mit an, wie Mr. Pope verärgert einen Arm hin und her wirbeln ließ, wie er auf einen kleinen Haufen Abfall deutete, wie er mit der anderen Hand eine Zigarette zum Mund führte und wie zwei Säulen Rauch aus seiner Nase kamen. Sein Ärger richtete sich gegen meine Brüder, die vor ihm, und das knietief, im Wasser standen. Beide hielten Harken in den Händen. Unter dem Kommando unseres Disziplinierers zogen sie ihre Rechen hinter sich her und brachten ganze Klumpen Seetang an den Strand.

Ich stellte mir vor, wie er jetzt zu den Söhnen seiner Frau sagte: »Das Zeug hättet ihr Hohlköpfe schon vor Stunden wegschaffen sollen.« Mr. Pope brauchte nur mit einem von uns unzufrieden zu sein, und schon kriegten wir alle unser Fett weg. Ich sagte mir, bleib im Wasser, wenn du im Wasser bleibst, kriegst du ausnahmsweise mal vom Fett nichts ab.

Unser Haushaltsvorstand war ehemaliger Marineinfanterist, Major bei den Green Berets, ein Überlebender des Koreakrieges, »ein Held«,

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