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Auf zu neuen Horizonten

Über den Autor

Frank Adam ist das Pseudonym von Prof. Dr. Karlheinz Ingenkamp. Er hat Geschichte und Psychologie studiert und als Erziehungswissenschaftler ein bekanntes Forschungsinstitut geleitet. Im Ruhestand wandte er sich seinem Hobby, der Geschichte der britischen Flotte, zu. Außer den seehistorischen Romanen hat er marinegeschichtliche Aufsätze und Bücher geschrieben, darunter auch das 1998 erschienene deutschsprachige Standardwerk über die britische Flotte mit dem Titel HERRSCHERIN DER MEERE.

Frank Adam

Auf zu neuen
Horizonten

Sven Larssons Abenteuer im
amerikanischen Unabhängigkeitskrieg

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Inhalt

Vorwort

Hinweise für marinehistorisch interessierte Leser

Verzeichnis der Abbildungen

Personenverzeichnis

Der Weg zum Frieden (November und Dezember 1782)

Die Zeit der Feiern (Dezember 1782 bis März 1783)

Kämpfe im Frieden (März 1783)

Das große Schiff (April bis Oktober 1783)

Auf zu neuen Horizonten (November 1783 bis Februar 1784)

Der unbekannte Ozean (Februar bis Mai 1784)

Im Land der Wunder (Juni bis Oktober 1784)

Die Rückkehr (März und April 1785)

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Vorwort

Mit diesem Band verabschiede ich mich von meinen Lesern. Es ist der achtzehnte Seekriegsroman, den ich neben zwei Sachbüchern über die Flotten um 1800 in den zwanzig Jahren nach meiner Pensionierung geschrieben habe. Ich konnte nach Eintritt in den Ruhestand nicht mehr in meinem Beruf arbeiten, da ich dazu auch die Hilfsmittel gebraucht hätte, die nun meinem Nachfolger zur Verfügung standen. Es wäre nicht fair gewesen, ihm dadurch das Gefühl zu geben, dass ich ihm dauernd über die Schulter schaue.

So griff ich auf die angenehmen Erinnerungen zurück, die ich mit der Lektüre der Hornblower-Romane während meiner Jugend verband. Mit dem Sachbuch »Hornblower, Bolitho & Co.« (Ullstein 1987) hatte ich mich in die Romane und die Fachliteratur über die Seekriege Ende des 18. Jahrhunderts eingearbeitet, um dann 1992 den ersten Band der »David-Winter-Serie« vorzulegen. Mancher Leserbrief hat mich ermuntert, fortzufahren, bis die Serie mit 14 Bänden über das ereignisreiche Leben eines Seemannes ihren Abschluss fand. Danach besaß ich noch Kraft genug, um die vier Bände der »Sven-Larsson-Serie« anzufügen.

Es war eine schöne und aufregende Aufgabe, sich anhand der Erlebnisse von Zeitzeugen und mithilfe historischer Quellen in diese Zeiten hineinzufinden, in denen die Menschen noch viel stärker als heute Naturgewalten, Krankheiten und mächtigen Herrschern ausgeliefert waren. Viele Details erregten meine Aufmerksamkeit, die nie Aufnahme in die Geschichtsbücher fanden. Eine ereignisreiche Vergangenheit erschloss sich mir, und ich versuchte, sie in den Romanen zum Leben zu erwecken.

Mancher kluge Leserbrief, viele kenntnisreiche Bibliothekare und auch kompetente Historiker haben mir bei meinem Ruhestandshobby geholfen, am meisten Herr Rainer Delfs, der als mein Lektor viel von meiner Begeisterung für den geschichtlichen Hintergrund mit mir teilte.

Dass ich nun meinen letzten Seekriegsroman vorlege, ist nicht mit nachlassender Faszination für den Gegenstand zu erklären, sondern nur durch die Altersbeschwerden, unter denen auch ein gesunder Mann im Alter von 85 Jahren zu leiden hat.

So verabschiede ich mich von meinen Lesern und danke ihnen für das wohlwollende Interesse, mit dem sie meine Romane begleitet haben.

Leinsweiler in der Pfalz

Frank Adam

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Hinweise für marinehistorisch interessierte Leser

Zur Information über Schiffe, Waffen und Besatzungen der britischen und anderen Flotten dieser Zeit verweise ich auf mein Buch mit zahlreichen Abbildungen und Literaturangaben:

Adam, F.: Herrscherin der Meere. Die britische Flotte zur Zeit Nelsons. Hamburg: Koehler 1998

Über die britischen Kolonien in Amerika und ihr Ringen um Unabhängigkeit findet der Leser unserer Zeit viele Hinweise im Internet.

In der gedruckten Literatur verweise ich auf folgende Einführungen:

Raeithel, Gert: Geschichte der nordamerikanischen Kultur. Band 1: Vom Puritanismus bis zum Bürgerkrieg 1600–1860. Weinheim: Quadriga 1987

Gipson, Lawrence Henry: The Coming of the Revolution, 1763–1775. New York: Harper and Row 1962

Zum maritimen Aspekt nenne ich aus der Fülle nur folgende Werke:

Das Standardwerk:

Clark, William Bell, et al. (Hrsg.): Naval Documents of the American Revolution, Naval Historical Center, Department of the Navy, Washington 1986 ff.

Zum Einstieg in das Thema kann man sich informieren bei:

Coggins, Jack: Ships and Seamen of the American Revolution. Harrisburg: Promotory Press 1969

Gardiner, Robert (Hrsg.): Navies and the American Revolution 1775–1783. London: Chatham Publishing 1996.

Chapelle, Howard I.: The History of the American Sailing Navy. New York: Bonanza Book 1949

Viele Details führt folgende Dissertation an:

Paulin, Charles Oscar: The Navy of the American Revolution: New York: Haskell House 1971

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Verzeichnis der Abbildungen

Chesapeake Bay

Die dreizehn Kolonien

Übersichtskarte Indischer Ozean

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Personenverzeichnis

Familie

Sven Larsson

Sabrina Larsson, geb. Wilbur, Svens Ehefrau

Lilian Astrid, beider Tochter, geb. 1776

Einar Edgar, beider Sohn, geb. 1777

Henry Richard, beider Sohn, geb. 1779

Astrid Wilbur, verw. Larsson, Svens Mutter

Dr. Edgar Wilbur, Svens Stiefvater und Sabrinas Vater

Ingrid Kellaghan, geb. Larsson, Svens Schwester

Dr. Henry Kellaghan, Svens Schwager

Edgar Humphrey Kellaghan, beider Sohn, geb. 1777

Astrid Kellaghan, beider Tochter, geb. 1779

Personal

Martha, Köchin

Hanna, Putzfrau

Erst Henrietta, dann Elizabeth, Kindermädchen

John, Hausdiener

Jack Jackson, Kutscher

Freunde

Mr Richard Bradwick, Reeder, und seine Frau Anne

Mr Jonathan Smith, Mitglied des Marinekomitees

Hauptmann Wolfgang von Neuenburg

Kapitän Karl Bauer und seine Frau Hanna

Joshua Petrus und seine Frau Adeline

Fregatte Defence

Sven Larsson, Kapitän

Tom Potter, Erster Leutnant

John Bergson, Zweiter Leutnant

Frank Waller, Dritter Leutnant

Billy Walton, diensttuender Vierter Leutnant

Abraham Will, Leutnant der Seesoldaten

George White, Master

Dr. Albert Bader, Schiffsarzt

Clark Huston, Zahlmeister

Tim Albus, Bootsmann

Samuel Root, Maat und Begleiter des Kapitäns

Martin, Svens Bursche

Nathaniel Zander, Svens Schreiber

Karl Solder, Maat

Tom Nadzik, Maat

Ben Alton, Matrose

Kid Galter, Matrose

Bert Karici, Matrose

Walter Jungmann, Matrose

Ben Gibson, Matrose

Alfred Holt, Matrose

Jerry Sobas, Sergeant der Seesoldaten

Hans Maier, Pulverjunge

Albert Salton, Midshipman

Henri Mountain, Midshipman

John Brigger, Midshipman

Charly Wilberg, Midshipman

Kanonenbrigg Hudson

John Brent, Commander

Matt Wheland, Leutnant

Joseph Grey, Midshipman

Brigg Star

Robert Blair, Kapitän

Schoner Hunter

Achille Grieve, diensttuender Leutnant

Ostindiensegler Spirit of Philadelphia

Sven Larsson, Kommodore

Karl Bauer, Kapitän

John Bergson, Erster Leutnant

Frank Waller, Zweiter Leutnant

Billy Walton, Dritter Leutnant

Achille Grieve, Vierter Leutnant

Dr. Albert Bader, Schiffsarzt

Edward Wheler, Master

Clark Huston, Zahlmeister

Greg Geston, Bootsmann

Samuel Root, Bootsmannsmaat und Begleiter des Kommodore

Martin, Bursche des Kommodore

Nathaniel Zander, Schreiber des Kommodore

Tim Cantel, Matrose

Walter Jungmann, Matrose

Ben Gibson, Matrose

John Balko, Matrose

Herb Miller, Matrose

Ben Kent, Matrose

Edwin Lewis, Matrose

Harry Whipple, Matrose

Hans Maier, Pulverjunge

John Brigger, Midshipman

Charly Wilberg, Midshipman

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Der Weg zum Frieden

(November und Dezember 1782

Gelächter und Rufe schallten aus der Offiziersmesse. Hauptmann von Neuenburg, ein in Gefangenschaft geratener Hesse, feierte mit den Offizieren im Kasino der Fregatte Defence seinen Abschied. General Washington benötigte ihn nicht länger, um mit den in Yorktown belagerten Hessen zu verhandeln. Briten und Hessen hatten am 19. Oktober 1781 kapituliert und waren in die Gefangenschaft abmarschiert. Hauptmann von Neuenburg konnte seinen Wohnsitz nun frei wählen, da er sein Ehrenwort gegeben hatte, in diesem Krieg nicht mehr gegen die amerikanischen Bundesstaaten zu kämpfen.

»Für Sie ist der Krieg vorbei!«, rief Mr Potter, Erster Leutnant der Fregatte Defence, und hob sein Glas. Die anderen drehten sich dem hessischen Hauptmann zu, den sie schätzen gelernt hatten, und prosteten ihm zu.

Sven Larsson, Fregattenkapitän, fiel in dieser Runde nicht weiter auf. Er war mittelgroß, muskulös wie fast alle jüngeren Seeoffiziere, hatte mittelbraunes Haar, braune Augen und einen länglichen Kopf mit hoher Stirn. Aber in seinem Verhalten prägten sich Aufmerksamkeit und Willenskraft aus.

»Denken Sie dann an uns, Herr von Neuenburg«, meldete er sich jetzt zu Wort. »Wir müssen noch kämpfen. Ich habe den Befehl erhalten, ein Geleit aus Baltimore zu holen, und muss wahrscheinlich noch an den Küsten Georgias britische Schiffe und Truppen bekämpfen.«

»Sind das nicht eher Aufräumarbeiten, Sir?«, fragte Mr Bergson, der Zweite Leutnant, lachend.

Der Kapitän schmunzelte. »Nicht zu übermütig, Mr Bergson. Das kann auch harte und blutige Arbeit werden. Aber ich stimme Ihnen ja darin zu, dass der Kampf entschieden ist und der Weg nur noch zu unserer Unabhängigkeit führen kann. Und Herr von Neuenburg, den wir in Baltimore absetzen sollen, wird uns dabei helfen können. Er will ja Farmer im Hinterland werden.«

Die anderen applaudierten und hoben ihre Gläser.

»Dann soll er gleich ein Gästehaus mit anbauen, damit wir ihn im Urlaub mit unseren Frauen besuchen können«, rief Dr. Bader, der Schiffsarzt, lachend und Herr von Neuenburg nickte eifrig.

Mr Bergson hatte sich aus der fröhlichen Runde davongestohlen und war an Deck gegangen. Er musste Frank Waller, den Dritten Leutnant, ablösen, der Wache gehabt hatte.

Nach Austausch der dienstlichen Informationen über besondere Vorkommnisse, Windrichtung und -stärke, Kurs und Geschwindigkeit wechselten sie noch ein paar persönliche Worte.

»Euer Geschrei hat man ja bis hier oben gehört«, spottete Mr Waller. »Worum ging es denn?«

»Ach, das übliche! Ob Yorktown direkt zum Frieden führt oder ob uns noch lange und harte Kämpfe bevorstehen«, antwortete Mr Bergson.

Frank Waller winkte ab. »Dann weiß ich schon. Der Kapitän meint, dass der Krieg praktisch gewonnen sei, und Mr White, der Master, hält dagegen, dass wir um die Südstaaten noch lange kämpfen müssten.«

»Nein. Mr White kam heute nicht richtig zu Wort, da der Kapitän uns informierte, dass Hauptmann von Neuenburg Farmer werden wolle.«

»Na, dann besorgt ihm Mr Larsson auch das Land – bei seinen Beziehungen.«

Bergson nickte lachend. »Kann schon sein. Dr. Bader hat bereits den Bau eines Gästehauses angemahnt, damit wir mit unseren Frauen zu Besuch kommen können.«

Waller fiel ihm ins Wort. »Für einige muss er aber dann ein besonders breites Doppelbett einbauen, denk nur an Abraham Will, unseren Seesoldaten.«

Aber Mr Bergson wollte anscheinend nicht mehr plaudern. »Geh nur runter und sag es ihm selbst! Ich will nur noch wissen, wann wir nach deiner Schätzung vor Baltimore stehen, und dann mach ich meine Runde.«

Frank Waller antwortete etwas enttäuscht: »Morgen Mittag, wenn du den Kahn nicht auf eine Untiefe setzt.« Dann machte er sich davon, denn Bergson drohte ihm scherzhaft.

Die Nacht war bewölkt und sehr dunkel. Es war auch relativ kühl, und Leutnant Bergson fröstelte, wenn die Brise auffrischte. Er war müde und nahm die Meldungen der Wachen eher mechanisch wahr. In einer halben Stunde würde seine Ablösung kommen. Dann konnte er schlafen.

Eine Stimme meldete: »Sieben Glasen (dreieinhalb Uhr früh)!«

»Die Zeit geht ja doch vorbei«, flüsterte ein Matrose zum Rudergänger. Der nickte und prallte plötzlich mit der Brust gegen das Ruder. Der Matrose riss den Mund auf. Aber er konnte nichts sagen, denn eine unbekannte Kraft schleuderte ihn an Deck.

Vorn am Bug krachte es. Dann riefen Menschen. Es klang Hilfe suchend oder erschrocken. Andere Stimmen tönten fragend und schienen direkt von vorn aus dem Wasser zu kommen.

»Kollision mit großem Ruderboot!«, meldete ein Posten auf der Defence. Leutnant Bergson war auf einmal hellwach. »Alle Mann an Deck!«, befahl er und andere Stimmen nahmen den Ruf auf. Pfeifen schrillten.

Vor Kapitän Larssons Kajütentür hörte der Posten den Befehl, öffnete die Tür und gab die Meldung weiter. Martin, Sven Larssons Bursche, rannte auf die Schlafkammer des Kapitäns zu, eine brennende Öllampe in der Hand.

Der Kapitän hatte sich aufgerichtet und rieb sich die Augen. »Sieben Glasen der Hundewache, Sir. Kollision mit unbekanntem Ruderboot, Sir. Leutnant Bergson ist Wachhabender.«

Kapitän Larsson stand auf. Ein großer Schäferhund drückte sich an seine Beine. »Wir gehen ja gleich an Deck, Rocky«, fuhr der Kapitän ihn etwas genervt an, strich ihm aber über den Kopf. Er griff nach seiner Jacke. »Martin, bitte Pistole und Schwert! Und bring mir dann einen warmen Pott Kaffee an Deck!«

Als Sven Larsson mit hastigen Schritten an Deck kam, erleuchteten schon zwei Raketen die Szene. Knapp ein Dutzend barkassenähnlicher Ruderboote trieb auf dem Wasser. Um ihn herum rannten Männer zu den Kanonen. Ein Gewimmel, das schnell der Ordnung wich. Die Männer hatten ihre Posten erreicht. Leutnant Bergson trat auf Sven zu. »Sir! Kollision mit unbekanntem Ruderboot. Keine Sichtung vorher. Schaden unbekannt, aber eher gering. Zehn weitere Ruderboote auf See. Englischsprachige Besatzungen.«

Sven fasste dankend an seinen Hut. »Boote anrufen!«, ordnete er an. Dann wandte er sich an den Bootsmann: »Schaden unter Deck ermitteln! Weiter Leuchtraketen abfeuern!«

Ein Midshipman kam mit der Sprechtrompete angelaufen und reichte sie Sven. Der nickte dankend, hob sie an den Mund und rief: »Hier ist die kontinentale Fregatte Defence! Kommandant der Boote bitte melden!«

Als Antwort schossen viele Feuerzungen auf die Fregatte zu. Die Musketenschüsse prasselten wie Hagelkörner auf ein Holzdach auf die Defence ein. Für die Matrosen war eine derartige Reaktion nicht ganz unerwartet, da viele unbekannte Boote immer eine Gefahr darstellten. Fast alle hatten sich vorsichtig hinter der Bordwand geduckt. Trotzdem wurden Schmerzensschreie laut, und Matrosen schleppten einige Kameraden unter Deck.

»Feuer frei!«, befahl Sven. »Nachladen mit Trauben!«

Leutnant Bergson als Batterieoffizier und die Maate wiederholten den Befehl, und schon krachten die ersten Kanonen. Zwischen den Booten wuchsen die Wassersäulen empor, und die schweren Eisenkugeln zerfetzten zwei Booten die Bordwände. Unter den dunklen Abschussdonner mischte sich das helle Krachen der Drehbassen, jener Kleinkanonen, die vorwiegend zur Abwehr von Enterern dienten. In mehreren Booten fetzten sie in die Besatzungen.

Samuel Root, der den Kapitän seit Jahren begleitete, schoss mit anderen Gewehrschützen auf die Bootskommandanten.

Die beiden Midshipmen Albert Salton und Henri Mountain, als Melder auf das Achterdeck kommandiert, tauschten flüsternd ihren Eindruck aus. »Was für ein blutiges Gemetzel! Da möchte man nicht in den Booten sitzen.«

Aber es wurde noch schlimmer, als ihre Kanonen Traubengeschosse feuerten. Die »Trauben« waren schwere Eisenkugeln, die in Segeltuch so verpackt waren, dass sie nach dem Abfeuern die Verpackung sprengten und wie ein Hagel streuten, fast wie die kleineren Schrapnelle, nur wuchtiger. Sie zerstückelten ganze Bootsmannschaften.

Viele Boote trieben führungslos im Wasser umher. Hilfeschreie wurden lauter. Aber unaufhörlich donnerten die Kanonen der Defence weiter, bis schließlich auf einem Boot weiße Tücher geschwenkt wurden.

»Feuer einstellen!«, befahl Sven und die Maate gaben den Befehl weiter. Wieder wurde Sven die Sprechtrompete gereicht. »An Boote! Wer sich ergibt, stellt die Ruder auf, schwenkt weiße Tücher und kommt langsam an unsere Seite! Auf die anderen wird weiter geschossen!«

Ein bisher fast unbeschädigtes Boot wollte zwischen zwei Leuchtraketen entfliehen. Leutnant Potter sah es zuerst, schoss selbst eine Leuchtrakete in Richtung des Bootes und fragte Sven: »Feuer frei auf die Flüchtigen, Sir?«

Sven antwortete laut: »Für Kanonen zehn bis zwölf: Feuer frei!«

Bereits die erste Runde zerschmetterte das Boot. Es war vorbei.

Auf der Defence wurden alle Boote zu Wasser gelassen. Je vier Seesoldaten stiegen zusätzlich in ein Boot. Sie würden die Waffen einsammeln und die Kapitulanten überwachen. Die Matrosen hatten Fackeln bei sich. Jedes fremde Boot musste eine am Bug befestigen und sich unter die Backbordseite der Defence legen. Dann würde sich der Schiffsarzt um die gefangenen Verwundeten kümmern.

Sven schien tief in Gedanken versunken, als Mr Potter zu ihm trat: »Sir! Wir haben zwei Tote und sechs Verwundete, davon keiner schwer. Sie sind versorgt im Lazarett. Der Sachschaden ist unerheblich.«

Der Kapitän fragte nur: »Warum war der Hund nicht an Deck, Mr Potter?«

Den Ersten Leutnant traf die Frage völlig unvorbereitet. Er setzte mehrmals an, ehe er antwortete: »Es war nicht befohlen, Sir.«

»Reden Sie keinen Unsinn, Mr Potter! Wir hatten den Routinebefehl, dass bei schlechter Sicht der Hund an Deck schläft und alle halbe Stunde zum Horchen und Schnuppern umhergeführt wird.«

Mr Potter schwieg.

»Nun, Mr Potter?«, beharrte Sven auf seiner Frage.

Der Erste war sehr verlegen. »Als wir während Ihrer Gefangenschaft vor Yorktown lagen, Sir, bestand kein Bedarf für den Hund. Wir waren umringt von eigenen Schiffen. Die Mannschaften wurden immer wieder in der Nacht abwechselnd zum Schanzen an Land kommandiert. Als die Briten kapitulierten, wurde der alte Befehl bis heute vergessen.«

Sven blickte kopfschüttelnd in die Runde. »Wir alle sind schuld am Tod unserer zwei Männer und indirekt an den Toten auf den Booten. Auch das waren Menschen, die den Frieden mit uns gestalten sollten. Wir haben uns von unserem Erfolg blenden lassen und nicht auf unsere Verantwortung geachtet. Mich belastet das sehr. Ich werde darauf zurückkommen. Aber jetzt lassen Sie bitte alle Offiziere der fremden Truppen an Bord der Defence schaffen.«

»Aye, aye, Sir«, bestätigte Mr Potter mit gepresster Stimme und ließ sich die Sprechtrompete reichen.

Zwei der Offiziere trugen britische Uniformen, die anderen vier die roten Jacken mit braunen Aufsätzen der Miliz aus Maryland. Einer der britischen Offiziere bot seinen Degen als Zeichen der Kapitulation an, aber Leutnant Potter verweigerte die Annahme als übliches Zeichen der Achtung vor dem Gegner. Unabhängig von diesem Höflichkeitsbeweis forderte er jedoch alle Offiziere auf, Pistolen und Messer abzugeben. Dann führte er sie in Svens Kajüte.

Der älteste britische Offizier stellte sich als Major vor. Die anderen waren Hauptleute und Leutnants. Sie sollten Männer der Miliz aus dem Marylander Gebiet um Chesterton nach Virginia führen, um die britischen Verluste auszugleichen.

»Herr Kapitän«, meldete sich der britische Major zu Wort, »entschuldigen Sie mein Vordrängen, aber ich muss die Bitte äußern, dass Ihr Schiffsarzt sich unserer vielen Verwundeten annimmt. Bitte lassen Sie Menschlichkeit walten!«

Sven sah ihn groß an. »Das ist doch selbstverständlich, Herr Major. Unser Arzt ist ganz sicher schon bei seiner Arbeit. Aber warum haben Sie in dieser aussichtslosen Situation das Feuer eröffnen lassen? Viele Menschen könnten noch leben.«

»Ich habe keinen Befehl gegeben, Herr Kapitän. Die Soldaten haben von selbst geschossen. Sie sind jung und unerfahren und waren überrascht und ängstlich. Mich bestürzt dieses Gemetzel ebenso wie Sie.«

Sven sah ihn nachdenklich an. »Das tut mir leid, Herr Major. Der Krieg bringt uns immer wieder in sinnlose Situationen. Lassen Sie uns ein Glas auf den baldigen Frieden trinken, und dann besprechen wir die nächsten Maßnahmen.«

Die Gefangenen gaben alle Waffen ab und räumten die vorderen Ruderbänke für die Verwundeten. Boot an Boot legte sich längsseits der Defence in einem gewissen Abstand, sodass die Kanonen der Defence die Boote noch treffen konnten, wenn ihre Rohre geneigt wurden.

Die amerikanischen Sanitäter stiegen von Boot zu Boot, verbanden die leichter Verwundeten und legten die schwer Verwundeten auf die vorderen Bänke. Dr. Bader operierte sie dann oder ließ sie in sein Schiffslazarett schaffen, wenn er die dort vorhandenen Hilfsmittel benötigte. Er würde wohl die ganze Nacht operieren müssen. Der Koch hielt Kaffee warm und der Bootsmann sorgte für Leuchten.

Sven hatte dem Major erklärt, dass die Offiziere an Bord der Defence bleiben müssten. Die Toten könnten in einem gemeinsamen Gottesdienst am frühen Morgen dem Meer übergeben werden. Die Defence werde dann die Boote nach Baltimore geleiten und den örtlichen Milizen übergeben. Wer von den Offizieren sich um die Schwerverletzten kümmern wolle, könne sich beim Schiffsarzt melden.

»Ich habe Erfahrung als Sanitäter, Sir. Wo finde ich den Schiffsarzt?«, meldete sich ein junger Leutnant eifrig.

Sven blickte ihn freundlich an. »Bitte teilen Sie Ihren Wunsch dem Korporal der Seesoldaten mit. Der gibt ihn weiter.« Ein anderer Brite schloss sich dem Wunsch an.

Dr. Bader konnte im Morgengrauen nicht mehr aus eigener Kraft an Bord der Defence klettern, so ausgelaugt war er. Drei der gefangenen Soldaten halfen ihm hoch. Ihre Kameraden klatschten und schließlich klatschten alle Gefangenen. Dr. Bader verstand erst nicht, was da los war. Aber als Leutnant Waller ihn darauf hinwies, trat er zurück an die Reling, verneigte sich und winkte.

Kapitän Larsson betrat gerade das Deck und schaute sich erstaunt um. Dann begriff er und ging auf Dr. Bader zu. »Herzlichen Dank, Doktor. Sie machen wieder gut, was wir Soldaten immer zerstören.«

Dr. Bader nickte und taumelte an ihm vorbei. Ein Sanitäter führte ihn den Niedergang hinunter.

Sven winkte Leutnant Waller heran und sagte: »Bitte veranlassen Sie, dass wir mit langsamer Fahrt Kurs auf Baltimore nehmen. Die Boote sollen uns in Dreierreihen folgen.«

»Aye, aye. Sir«, bestätigte Waller und griff zur Sprechtrompete.

Als Baltimore in Sicht kam, schickte Sven Leutnant Potter mit einem Boot voraus. Er sollte veranlassen, dass Vorbereitungen getroffen wurden, um die Verwundeten zu versorgen und die Gefangenen abzutransportieren.

Der britische Major bedankte sich sehr herzlich und umarmte Dr. Bader mit Tränen in den Augen.

Der Garnisonskommandant wartete persönlich mit zwei Zügen seiner Soldaten am Strand. Er begrüßte Sven freundlich. »Gratulation zu Ihrem Erfolg, Kapitän! Sie haben uns ganz schön unter Druck gesetzt. So viele Gefangene wollen erst einmal versorgt sein. Aber meine Soldaten bauen schon die Zelte auf, und alle unsere Köche rühren die Suppe. Das Hospital ist alarmiert, und fünf Ärzte warten mit mir und haben Transportwagen dabei.«

Svens Blick schweifte über die Soldaten zu den Ärzten in weißen Kitteln, neben denen Männer mit Tragen warteten. »Vielen Dank, Herr Oberst. Ich bewundere Ihre überlegten Vorbereitungen. Wie ich sehe, wartet auch schon der Konvoi auf uns, den wir geleiten sollen.« Und er zeigte mit der Hand auf ein knappes Dutzend Briggs und Barken.

»Da müssen Sie noch etwas warten, Herr Kapitän. Die meisten Matrosen sind noch in den Gefängnissen, nachdem sie in den letzten Nächten im Suff Spelunken und Bordelle zertrümmert haben.«

»Ich fürchte, für solche Tätigkeit bringe ich neue Anwärter mit, Herr Oberst.«

Beide lachten und schüttelten sich die Hände.

Die Boote landeten. Die Gefangenen stellten sich am Strand auf. Die Verwundeten wurden zu den Ärzten gebracht, die sie kurz untersuchten und auf die Wagen verteilten. Dr. Bader ging zwischen ihnen umher und gab Kommentare zu einzelnen Verletzten.

Kapitän Larsson hatte den Oberst mit in seine Kajüte genommen und ihm ein Glas Wein angeboten. Sie plauderten über den Zusammenstoß der Defence mit den Booten der königstreuen Miliz. Sven erkundigte sich nach den Ereignissen in Baltimore während der vergangenen Jahre.

»Baltimore ist recht gut weggekommen«, berichtete der Oberst. »Natürlich sind immer wieder Spähtrupps der Tories an unserer Küste gelandet. Selbstverständlich gab es anfangs auch Streit zwischen Patrioten und Königstreuen in der Stadt. Aber im Großen und Ganzen hat der Krieg die Stadt verschont, und wir hoffen, dass es jetzt so bleibt bis zum Frieden.«

Sven schilderte dem Obersten kurz seine Erlebnisse und war gerade bei seiner Gefangenschaft vor Yorktown, als der Adjutant des Obersten meldete, dass alle Gefangenen und Verwundeten abtransportiert seien.

»Dann muss ich mich verabschieden, Herr Kapitän, aber ich lade Sie ein, mit mir zu fahren. Ich weiß, dass Sie zur Hafenkommandantur müssen. Mein Wagen steht Ihnen dann auch für die Rückfahrt zur Verfügung.«

Der Empfang auf der Hafenkommandantur war recht frostig. Sven war anderes gewohnt und konnte es sich erst kaum erklären. Erst als der Hafenkommandant im Laufe des Gesprächs fragte, ob Svens Fregatte nicht früher zur Staatsflotte von Maryland gehört habe und an ein Reederkonsortium verkauft worden sei, an dem sich die Reederei Bradwick dann die Mehrheit gesichert habe, ahnte er den Grund.

»Sie sind doch Teilhaber dieser Reederei, nicht wahr, Herr Larsson?«, fragte der Hafenkommandant schließlich ganz direkt.

»Ja, und ich habe eine kontinentale Fregatte kommandiert, ehe ich die Fregatte Defence übernahm.«

»Damit haben Sie sich in Baltimore eine ganze Reihe Feinde gemacht, Kapitän Larsson, denn der Sohn einer sehr bekannten und geschätzten Familie sollte nach Meinung der Bürger dieser Stadt den Posten erhalten.«

»Das habe ich nicht gewusst, Sir, und ich zweifle, ob es meine Entscheidung geändert hätte. Die Reederei und ich hatten sehr schwerwiegende Gründe für dieses Kommando.«

»Nun, ich habe Sie informiert, und Sie laufen ja auch morgen schon wieder aus.« Sven bestätigte und verabschiedete sich sehr kühl.

Ein Mann, der die Kleidung eines Hausdieners trug, betrat eine Hafenkneipe, sah sich kurz um, ging zu einem Mann an der Theke, flüsterte ihm etwas ins Ohr und verließ die Kneipe wieder. Der Mann an der Bar winkte einen Gast zu sich und tuschelte mit ihm. Kurze Zeit später ging der Angesprochene hinaus. Dieser Mann war groß und kräftig.

Er schlenderte scheinbar ziellos die Straße entlang und betrat vor der nächsten Straßenecke einen Hausflur. Im Hof wartete ein vornehm gekleideter Mann, den der Ankömmling sehr unterwürfig begrüßte.

»Hast du etwa zehn kräftige und verschwiegene Kerle zur Hand, Tom?«, fragte der vornehme Herr.

»Aber ja, mein Herr.«

»Dann hol sie heute Nacht zusammen. Du hast sicher die Fregatte gesehen, die heute eingelaufen ist. Wenn nachts eines ihrer Boote die Landgänger zurückholt, sollt ihr das Boot zertrümmern und die Matrosen zusammenschlagen. Sie dürfen aber keinen von euch erwischen. Morgen gibt es dann zwei Golddollar pro Mann.«

Der Schläger nickte beeindruckt. »Wird erledigt, mein Herr.«

Sven wurde durch Geschrei und Getrampel an Deck aus seinem Schlaf gerissen. Ein Melder kam gerannt. »Sir, ein Boot mit heimkehrenden Landgängern wurde am Ufer überfallen. Die Bordwand wurde eingeschlagen, die Männer verprügelt.«

»Ich komme sofort!« Sven warf sich einen Mantel über und ging an Achterdeck. Der Wachhabende informierte ihn, dass einem ihrer Männer ein Auge ausgeschlagen und einem anderen der Arm gebrochen worden war. »Alle anderen haben die üblichen Beulen und Prellungen, Sir.«

Sven überlegte kurz. »Bis alle heimgekehrt sind, sollen zehn unserer Soldaten die Anlegestelle bewachen. Die beiden dienstältesten Landgänger sollen sich morgen um sechs Glasen der Morgenwache (sieben Uhr früh) bei mir melden.«

In seiner Kajüte beauftragte Sven seinen Diener, er möge Sam sofort zu ihm bringen. Maat Samuel Root, ein großer, kräftiger Neger, war seit Jahren enger Vertrauter und Begleiter Svens.

»Hast du gehört, was passiert ist?«, fragte ihn Sven.

Als Sam bejahte, befahl er: »Nimm dir drei vertrauenswürdige Matrosen mit Pistolen und Messern. Schnüffelt umher, ob jemand was gesehen hat oder Namen nennt. Du darfst Geld für Nachrichten geben. Kommt zu mir, wenn ihr was habt.«

Sam kam mit seinen Freunden eine halbe Stunde früher zu Sven als zwei der Überfallenen. Seine Nachrichten waren interessant. Zwei Zeugen hatten unabhängig voneinander Tom Sadkiwici benannt, einen bekannten Räuber und Schläger. Sam hatte ihn in der Hafenkneipe »Zum letzten Glas« gesehen. »Ein finsterer Typ, Sir. Aber nicht besonders groß und kräftig.«

»Nach deinem Maßstab«, scherzte Sven. »Also einen Kopf größer als ich und doppelt so breit.«

»Na ja, Sir. So etwa«, gab Sam zu.

Die Überfallenen erinnerten sich, dass der Anführer der Schläger Tom gerufen wurde. Das Bild wurde deutlicher.

»Sir«, schlug einer der Überfallenen vor. »Sollten wir ihn nicht zum Dienst pressen und auf unserer nächsten Reise ein bisschen rannehmen?«

»Das würde er nicht überleben. Die Stadt soll ihn bestrafen. Ich werde den Bürgermeister informieren.«

Sven marschierte mit zehn Soldaten, die er mit seinem Geld eingekleidet hatte, zum Rathaus. Er wollte, dass die Soldaten und der Klang der Trommeln und Querpfeifen genug Aufmerksamkeit erregen würden.

Der Bürgermeister bedauerte, dass so etwas in der Stadt passiert war, die so sehr von der Schifffahrt abhing, und beauftragte seinen Polizeichef sofort, diesen Tom Sadkiwici festzunehmen und den Vorfall aufzuklären.

Der Polizeichef kannte Sadkiwici von früheren Schlägereien. Seine Konstabler hatten den Kerl bald geschnappt und führten ihn vor.

»Sadkiwici«, fuhr ihn der Polizeichef an. »Ich habe dich gewarnt. Warum legst du dich mit unserer Marine an? Für diese Tat wurden hundertvierzig Stockhiebe verhängt. Du kannst sie allein empfangen und dabei draufgehen oder du nennst deine Kumpane und ihr teilt euch die Hiebe.«

»Aber, Sir«, wandte der Beschuldigte ein, doch der Chef unterbrach ihn: »Keine Diskussion! Jetzt sind es schon hundertfünfzig Hiebe. Nenne Kumpane, sonst steigt die Strafe immer weiter und du musst sie allein ausbaden.«

Sadkiwici sprudelte vier Namen heraus.

Der Polizeichef sah ihn strafend an und schüttelte den Kopf. »Wir wissen, dass es zehn oder elf waren. Also weiter.«

Sadkiwici nannte weitere vier Namen und beteuerte: »Die anderen drei Namen kenne ich nicht. Ich kann die Männer aber zeigen.«

Als das Geleit am nächsten Mittag auslief, standen an der Hafenkante elf Gerüste, an denen die Schläger festgeschnallt waren. Elf Constabler warteten mit Peitschen hinter ihnen. Als die Pistole des Polizeichefs knallte, begannen sie mit ihren Schlägen.

An Bord der Defence standen viele Matrosen und schauten zu. Sie lachten verächtlich, als schon nach den ersten Schlägen Schmerzensschreie zu hören waren. »Diese Landeier halten auch gar nichts aus. Kein Seemann schreit vor dem achten Schlag!«

Die Fregatte Defence näherte sich dem Konvoi, den sie nach Norfolk an der Mündung der Chesapeake Bay geleiten sollte. Ein Ruderboot legte am Kai ab. Leutnant Waller richtete sein Teleskop routinemäßig auf das Boot. Dann stutzte er und wandte sich an Leutnant Will, der die Seesoldaten an Bord kommandierte. »Abraham, du hast die besseren Augen. Schau doch mal durch! Ich glaube, da im Boot sitzt Mr Smith, der vom Marineausschuss des Kongresses.«

Leutnant Will spähte aufmerksam durchs Fernrohr. »Du hast recht, John. Das ist Mr Smith. Das solltest du gleich dem Kapitän melden.«

»Das werde ich auch tun. Danke, Abraham.«

Mr Waller ging auf dem Achterdeck die paar Schritte zu Kapitän Larsson, der gerade die Schiffe des Konvois musterte. Er hielt im Blickfeld des Kapitäns an und nahm die Hand an seinen Hut.

»Hallo, Mr Waller, was gibt es zu melden?«

»Sir, im Ruderboot, das vom Kai auf uns zuhält, sitzt Mr Smith, Mitglied des Kongresses.«

Kapitän Larsson holte sein Teleskop aus der Tasche, zog es auseinander und blickte zum Boot. »Tatsächlich! Das bedeutet neue Befehle. Hoffentlich können wir heim. Bitte informieren Sie Mr Potter und den Master.«

Obwohl die Defence keine kontinentale Fregatte war, also nicht zur Marine aller nordamerikanischen Staaten gehörte, sondern Privateigentum einer Reederei, mithin ein Kaperschiff war, hatte Kapitän Larsson dafür gesorgt, dass sie über eine uniformierte Ehrenwache verfügte. Er hatte kontinentale Fregatten kommandiert, die immer eine Abteilung Seesoldaten an Bord hatten. Das hatte er schätzen gelernt und daher auf seiner Fregatte der Reederei Bradwick von vornherein einen Teil der Besatzung für diese Aufgaben vorgesehen. Für den Einsatz an Land hatten sie dunkelgrüne Uniformen, für Ehrenwachen dagegen blauweiße. Wie bei Seesoldaten üblich, brauchten sie an Bord nicht in die Takelage aufzuentern, dafür wurden sie für den Kampf mit Gewehr und Bajonett geschult.

Die Seesoldaten standen jetzt in zwei Reihen und präsentierten ihre Gewehre, während Pfeifer und Trommler mit ihrer Melodie den Gast begrüßten. Mr Smith ging mit dem Hut in der Hand durch ihre Reihen, bis er am Ende des Spaliers den Kapitän sah. Beide lachten sich an, breiteten die Arme aus und umarmten sich. Sie waren im Verlauf des Krieges Freunde geworden.

»Willkommen an Bord, Mr Smith! Welch eine freudige Überraschung, Sie hier zu sehen!«

»Die Überraschung ist ganz auf meiner Seite, Herr Kapitän. Ich nahm an, Sie kreuzten an der Mündung der Bay. Aber ich habe gute Nachrichten von Ihrer Gattin.«

»Dann lassen Sie uns schnell in meine Kajüte gehen, Mr Smith.«

Martin, Kapitän Larssons Bursche, hielt den starken Kaffee bereit, wie ihn Mr Smith liebte, und auch seine Nusskekse. Mr Smith lachte ihn an und sagte: »Gut siehst du aus, Martin. Mrs Larsson lässt dich grüßen. Ach ja, den Kapitän natürlich auch.«

Martin schüttelte lächelnd den Kopf. »Immer müssen Sie Ihre Späße mit dem Herrn Kapitän machen, Mr Smith. Was sollte wohl ein Fremder dabei denken?«

Mr Smith schaute sich um. »Ich sehe keinen Fremden, Martin. Und nun bring mir meinen Kaffee, sonst verdurste ich.«

Sven zog einen Stuhl herbei. »Nehmen Sie bitte Platz, Mr Smith, und erzählen Sie, wie es meiner Familie geht. Sie wissen, wie schwer es mir fällt, so nahe bei meiner Familie zu sein und sie nicht besuchen zu dürfen.«

Mr Smith nickte. »Ihrer lieben Sabrina geht es genauso, mein Lieber. Aber sie hat ja immerhin drei gesunde und liebe Kinder von Ihnen um sich. Allen geht es gut und alle haben Sehnsucht nach Ihnen. Sie waren in der vorletzten Woche zum Kaffee bei meiner Frau und mir. Ich musste ihnen das Versprechen geben, Sie zum Fest nach Hause zu schicken.«

Der Kapitän war sichtlich überrascht. »Sie sind wirklich ein guter Freund, Mr Smith. Hoffentlich kann ich es Ihnen einmal danken.«

Mr Smith winkte ab und griff nach seiner Tasse. »Lassen Sie uns trinken und dann über die Lage sprechen. Sie haben einen Konvoi, und ich muss zum Gouverneur.« Zu Martin gewandt fügte er hinzu: »Sag noch nichts zu den anderen!«

Martin nickte und ging aus dem Raum.

»Dann können wir uns ja der militärischen Lage widmen«, sagte Mr Smith. »Eine Frage vorab: Wo ist die Brigg Hudson, die ich Ihnen damals zugeordnet habe?«

»Sie wurde von General Washington abgeordnet, um die Buchten und Flussmündungen nach feindlichen Kapern abzusuchen. Vor Norfolk treffen wir uns wieder.«

»Gut! Ich hatte schon Sorge, der erfolgreiche Kapitän hätte vor dem Frieden noch einen Verlust erlitten.«

»Mr Smith, jetzt sprechen auch Sie vom Frieden. Wo bleibt er denn nun?«

Mr Smith schlug die Hände zusammen. »Sie reden ja wie unsere Milchfrau. Dabei müssten Sie doch Verwaltungen und Regierungen kennen. Die verhandeln erst einmal darüber, ob sie wirklich miteinander verhandeln dürfen. In den amerikanisch-französischen Bündnisverträgen steht ja, dass wir beide nur einvernehmlich mit den Briten Frieden schließen dürfen. Nun hat ein Ausschuss unseres Kongresses nach einer Woche Diskussion beschlossen, dass wir aber mit den Briten schon vorher über Friedensbedingungen reden dürfen. Damit fangen wir nun an. Und die Briten wollen eher noch schneller Frieden haben. Im Unterhaus planen sie einen Antrag, der diese Absicht feststellen soll. Im kommenden Jahr wird der Frieden kommen und wir können unseren eigenen Staat gründen.«

»Hoffentlich«, bekräftigte Sven. »Und haben Sie eine Vermutung, was dann aus unserer kontinentalen Flotte werden wird?«

Mr Smith lachte trocken. »Ich weiß gar nicht, wovon Sie reden. Wir haben noch zwei ganze kontinentale Fregatten und zwei Leihfregatten der Franzosen. Sie merken das doch selbst am eigenen Dienst. Haben Sie noch die Freiheiten eines Kaperschiffes und jagen Prisen? Sie helfen doch bei Belagerungen und machen Geleitdienst wie früher mit kontinentalen Fregatten. Eine eigene Flotte müssen wir erst wieder aufbauen, und Sie wissen ja, wie wenig Interesse unsere Bundesstaaten daran haben. Immerhin haben wir uns endlich auf einen Beauftragten des Kongresses für die kontinentale Marine geeinigt, auf Mr Johnson. Aber offiziell wird die Ernennung erst im neuen Jahr. So, und nun berichten Sie mir einmal, wie es mit der Kaperei in der Chesapeake Bay aussieht.«

Sven nahm erst einen Schluck Kaffee und berichtete dann, dass die britischen Kaper im Frühjahr 1781 in Scharen in die Chesapeake Bay eingefallen seien, nachdem die britischen Truppen unter den Generälen Phillips und Arnold die Küste Virginias besetzt hatten. »Sie haben an Land und in der Bay viel verwüstet und fast noch mehr erbeutet. Fast alle Werften und Lagerhäuser wurden zerstört, die Vorräte meist abtransportiert. Wir haben einen Teil der Kaper erobert, aber unsere Verluste an Material sind ungeheuer. Eine Wende trat erst ein, als wir Yorktown belagerten und die Franzosen die Bay mit ihren Schiffen abschnitten. Jetzt räumen wir die Bay von versteckten Kapern und sie entwickelt sich wieder zum wichtigsten Wasserweg Amerikas. Auch in Maryland und Virginia können sich britische Truppen nur noch in einzelnen Städten halten. Sie sind am Ende.«

Mr Smith nickte nachdenklich. »Sie könnten die Bay noch halten, aber dann müssten sie die Westindischen Inseln aufgeben. Und da machen die englischen Kaufleute nicht mit. Sie verdienen dort viel mehr als durch den Handel mit Amerika. Das wird sich ändern, aber sie setzen auf die Gegenwart. Wenn wir nur eine starke Flotte hätten! Aber die werden uns unsere Bürger auch in den nächsten Jahren nicht bewilligen«, schloss Mr Smith nachdenklich.

»Eines Tages werden sie es tun müssen, Mr Smith. Unser Handel wird wachsen und dann werden sie ihn nicht ohne Schutz lassen können.«

»Hoffentlich erleben wir es noch!«

Sie sprachen noch abschließend über die Heimkehr der Defence, über Vorbereitungen für den Ostindienhandel und über die nächsten Schritte zum Frieden. Dann verabschiedeten sie sich hastig und dennoch herzlich.

Sven ließ die Flaggen setzen, die die Kapitäne der zu geleitenden Schiffe an Bord baten. Seinen Diener Martin fragte er noch: »Wieso hat Mr Smith eigentlich gewusst, dass wir in Baltimore sind? Ich habe vergessen zu fragen.«

»Er konnte nicht schlafen, Sir, und ließ sich im Hotel noch einen Schlaftee bringen. Da hat ihm der Kellner erzählt, dass unser Beiboot zertrümmert wurde.«

»Aha«, sagte Sven. »Vor dem nächsten Gefecht werde ich dich nach den Plänen des Gegners fragen.«

Dann empfing Sven die Kapitäne, erläuterte ihnen die Signale sowie den geplanten Kurs und beantwortete ihre Fragen. Dann begann ihre letzte Reise vor der Heimkehr.

Tim Albus, der Bootsmann, und Samuel Root, Svens Freund und Begleiter, begegneten sich an Deck. »Na, Sam, das wird wohl endlich mal eine Routinereise! Freust du dich auch auf zu Hause?«

»Ein Zuhause wie du habe ich ja nicht, Tim. Ich schlafe bei den Larssons. Aber das Personal ist freundlich zu mir und in der Stadt wartet eine blonde dralle Witwe auf mich. Du siehst, ich kann mich auch freuen.«

»Du begleitest aber doch häufig den Kapitän.«

»Ach, Tim. Der Kapitän ist am liebsten zu Hause. Und wenn er fahren muss, ist oft seine Frau dabei. Oder ich wechsle mich mit Walter und Alfred ab. Das ist mehr Unterhaltung als Arbeit.«

»Da hast du ja ein feines Leben, Sam. Aber jetzt musst du zum Kanonendrill. Da drüben wartet Mr Bergson, der Batterieoffizier, schon auf dich.«

Sam quetschte einen Fluch zwischen den Zähnen hervor und lief auf seinen Posten beim Drill.

Die Mannschaft musste in diesen Tagen viel Drill über sich ergehen lassen. »Ihr seid richtig eingerostet und faul und wartet nur auf den Frieden!«, schimpfte Mr Potter, der Erste Leutnant.

Und so folgten Segelübungen auf Kanonendrill und die Abwehr von Enterangriffen auf Fechten mit dem Entermesser. Sehnsüchtig blickten die Seeleute zu den Ansiedlungen am Ufer.

»Da warten jetzt bestimmt geile Weiber auf einen richtigen Rammer«, klagte der eher schmächtige Jimmy.

»Na, dann bist du ja nicht gemeint«, spottete der kräftige Mac und zeigte seine Muskeln.

»Steuerbord voraus! Ruderboot nähert sich dem Schiff!«, rief der Ausguck und zog alle Aufmerksamkeit auf sich.

Sven ging an die Steuerbordreling, um bessere Sicht auf das Ruderboot zu haben. Es war eine kleine Nussschale mit zwei Ruderern in Matrosenhemden und einem bürgerlich gekleideten Herrn an der Pinne.

»Der tut uns nichts«, raunte Tom Winner zu Mr White, dem Master.

»Der will was, Tom«, antwortete der. »Hoffentlich bedeutet das nicht nur Arbeit und Ärger für uns.«

Der bürgerlich gekleidete Mann war ein Kaufmann aus Cove Point. Er beklagte sich bei Sven, dass sich ein britischer Kaper seit Wochen in einer Bucht der Barren-Insel verstecke. Er traue sich nicht, seine Brigg auslaufen zu lassen. »Ich habe wertvolle Fracht, Sir. Eine Kaperung würde mich ruinieren, Sir.«

Sven erkundigte sich nach der Bewaffnung des Kapers.

»Fünf Kanonen an jeder Seite und etwa siebzig Mann Besatzung, Sir.«

Sven strich sich über das Kinn. »Wir ankern über Nacht in der Mündung des Patuxent. Können Sie unser Boot zur Erkundung begleiten?«

Der Kaufmann bejahte, und sie verabredeten die Zeit.

Um Mitternacht wurde Sven geweckt, weil Mr Waller von der Erkundung zurückkehrte.

»Eine Zweimastbrigg, Sir, sehr schnittig. Fünf Kanonen abgedeckt an jeder Seite, wahrscheinlich auch Bug- und Heckkanone. Die Brigg liegt in einer schmalen Bucht an der Nordseite der Barren-Insel, sehr gut getarnt. Bug- und Heckanker waren zu erkennen. Kein Wachboot. Mindestens fünf Wachen an Deck. Disziplinierter Eindruck. Überraschender Bootsangriff möglich, Sir.«

Der Kapitän schob Mr Waller ein Blatt Papier hin: »Zeichnen Sie mal die Lage der Brigg in der Bucht ein.«

Dann sah sich der Kapitän die Zeichnung an, stellte einige Rückfragen und überlegte, wie man die Boote einsetzen könne. Wie immer stellte er seinen Vorschlag zur Diskussion. Mr Waller war erstaunt, dass er zwei Boote an der dem Ufer abgewandten Breitseite angreifen lassen wollte.

»Wir entern doch sonst meist über Bug oder Heck, Sir?«

»Ja, Mr Waller. Aber meist wäre ein Angriff auf die Breitseite auch länger Sicht und Feuer ausgesetzt. Das ist in der engen Bucht nicht der Fall. Und die Breitseite ist leichter zu entern und man ist schneller an zentralen Positionen des Schiffes.«

In einer halben Stunde waren vier Boote der Defence mit achtzig Mann unterwegs zur Brigg. Leutnant Potter führte das Kommando und war vom Kapitän genau eingewiesen worden. Er saß mit Mr Waller im selben Boot, das die Erkundung durchgeführt hatte.

Mr Potter hatte selbst eine gute Nachtsicht und spähte oft durch das Nachtglas. Etwa zehn Minuten vor dem Ziel fasste er einen Matrosen neben sich am Arm und flüsterte: »Drei Reiher!« Der Matrose holte Atem und ließ dann dreimal hintereinander den krächzenden Schrei eines Reihers hören. Augenblicklich stellten die anderen das Rudern ein und lauschten in die Nacht.

Leutnant Potter zeigte mit seiner linken Hand nach backbord querab. Die meisten horchten und spähten in diese Richtung. Aber keiner meldete eine Wahrnehmung.

Mr Potter gab es auf und sagte seinem Nachbarn: »Eine Möwe!«

Ein einzelner Möwenschrei hallte über das Wasser. Die Ruderer bewegten wieder die Riemen. Nach kurzer Zeit deutete Mr Waller voraus und flüsterte Mr Potter ins Ohr. Der spähte voraus und sagte: »Ein Reiher!«

Ein Reiherschrei ertönte und die Ruderer schalteten auf allen vier Booten auf halbes Tempo. Niemand würde noch etwas hören können, denn die Ruder waren dort, wo sie im Rundeisen, dem Szepter, lagen, mit Tuch umwickelt. Die vier Boote lagen jetzt dicht hintereinander und fuhren am Ufer dahin.

Vor dem ersten Boot tauchte im fahlen Licht der Nacht ein dunklerer Schatten auf. Mr Waller griff nach Leutnant Potters Arm. Der wandte sich zu seinem Nachbarn und flüsterte: »Eine Möwe!« Als der Möwenschrei ertönte, verlangsamte das vierte Boot sein Tempo weiter und steuerte näher am Ufer das Heck der Brigg an.

Das zweite Boot tauschte mit dem ersten die Position und würde am Bug angreifen. Alle lauschten. Aber der Angriff wurde nicht bemerkt. Mr Potter suchte auch das andere Ufer ab. Nichts.

Dann lagen die Boote auf Position. Matrosen hielten die Enterdraggen bereit. Die meisten tasteten nach ihren Waffen. Ein Reiherschrei ertönte, gefolgt von einem Möwenschrei. Jetzt flogen die Enterdraggen. Die Boote wurden an die Brigg herangezogen. Die Männer sprangen an Deck. Alarmschreie ertönten und erstickten im Todeskampf. Die Angreifer der Defence schwärmten über das Deck, brachen jeden Widerstand und rannten die Niedergänge hinab.

Dort wartete die Überraschung auf sie. Sie rissen die Vorhänge zu den einzelnen Kammern herab, aber die meisten waren leer. Einzelne Feinde ergaben sich, andere wurden niedergeschlagen, aber insgesamt waren es sehr wenige.

»Lampen an!«, rief Leutnant Potter. Licht erleuchtete das Unterdeck. Etwa zehn Gefangene wurden festgehalten, ein paar Tote lagen herum, aber sonst war kein Mensch zu sehen. »Leer! Leer!«, riefen die den einzelnen Räumen zugeteilten Männer.

»Stöbert hinter den Schränken und Lasten!«, forderte Leutnant Potter seine Männer auf. Aber wieder kam nur die Meldung: »Leer!«

»Verdammt!«, fluchte Mr Potter. »Habt ihr einen Offizier?«, fragte er.

Zwei seiner Leute riefen: »Hier, Sir!« Sie stießen einen Gefangenen zu Potter.

Der Gefangene war nur mit Hemd und Hose bekleidet und barfuß. Leutnant Potter stellte sich vor, und der Gefangene nannte seinen Namen: »Adam Sterling, Untersteuermann der Brigg Sophie

»Wo sind Ihre Leute?«, fuhr ihn Potter an.

»Zu einem Landangriff auf Lusby am Westufer, Sir.«

Als Potter ihn ungläubig anstarrte, ergänzte er: »Das hat sich bewährt, Sir. Es bringt nicht nur Verpflegung, sondern auch mitunter echte Wertgegenstände, Sir.«

»Und wann erwarten Sie die Leute zurück?«

»In drei Stunden etwa, Sir.«

Mr Potter war wie elektrisiert. »Alle Mann an Deck! Setzt die Segel! Vertäut die Boote am Heck! Gefangene aufs Vorderdeck! Kurs auf die Defence

Er rannte wie ein Wilder hin und her und bellte Befehle. Erst als die Kaperbrigg unter vollen Segeln dahinglitt und die Gefangenen gefesselt am Vordeck saßen, ging er zu Leutnant Waller.

»Wir müssen die Defence alarmieren. Sie soll die britischen Boote auf der Rückkehr abfangen. Inspizieren Sie die Kanonen und laden Sie sie mit Kugeln.«

Waller holte sich die Kanoniere zusammen und befahl, die Abdeckungen zu entfernen. Aber dann stutzte er. »Was sind denn das für Kanonen?«, rief er überrascht. Er blickte auf klobige Kanonen mit deutlich verkürztem Rohr.

Ein Maat rief: »Das sind Karronaden, Sir. Ich kenne die von einer britischen Sloop, auf der ich gefangen war.«

Waller winkte den Mann zu sich. »Was sind das?«

»Karronaden, Sir. Sie sind leichter als unsere langen Kanonen und haben ein größeres Kaliber, wenn sie auf das gleiche Gesamtgewicht kommen.«

Waller sah ihn zweifelnd an. »Geh zu den Gefangenen und bring mir den Batterieoffizier her!«

Der Mann kam mit dem Untersteuermann zurück, den Waller schon kannte.

»Mr Sterling, erklären Sie mir bitte, welchen Vorteil diese Karronaden gegenüber herkömmlichen Kanonen haben.«

»Sir, die Karronaden sind fantastisch. Sie brauchen weniger Männer zur Bedienung, haben bei gleichem Kaliber nur etwa ein Drittel des Gewichts der langen Kanonen und sind mehr als die Hälfte kürzer. Sie werden ›Smasher‹, also ›Zerschmetterer‹ genannt.«

Mr Waller schüttelte den Kopf. »Sie können doch nicht nur Vorteile haben. Die müssen doch mit irgendwelchen Nachteilen erkauft werden, Mr Sterling.«

»Ihre maximale Reichweite ist auch nur fast ein Drittel der alten Kanonen. Aber auf diese Entfernung trifft ja doch keiner. Das Wichtigste ist wohl, dass die Rohre genauer gebohrt werden, dass dadurch weniger Pulverdruck zwischen Rohrwand und Geschoss unnütz verpufft und dass die Rohrwand dünner ist. Die effektive Reichweite ist fast so groß wie bei langen Kanonen.«

»Und wie viele Karronaden führen Sie auf dieser Brigg?«

»Zehn Achtzehnpfünder, Sir, und zwei lange Achtpfünder an Bug und Heck. Anstelle der Achtzehnpfünder hätten wir sonst nur zehn Sechspfünder-Kanonen mit uns führen können. Für Kaperschiffe sind die Karronaden ideal.«

Waller ließ sich noch erklären, wie die drei oder vier Mann zur Bedienung stehen mussten und welche Funktionen sie zu erfüllen hatten. Seine Zweifel an diesen neumodischen Erfindungen schwanden langsam. Nachdem seine Leute die Karronaden geladen hatten, berichtete er Mr Potter schon recht begeistert von den neuen Waffen. Der besprach sich dann noch mit Mr Sterling und sagte Mr Waller: »Wir müssten mindestens vier Karronaden auf die Defence bringen als Ersatz für unsere Sechspfünder. Dreifaches Geschossgewicht, überlegen Sie doch mal!«

Alle Matrosen der Defence, die auf der Brigg waren, sahen sich nun die Karronaden an, sobald der Dienst ihnen Zeit ließ.

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Als die Brigg den Konvoi erreichte, ließ Mr Potter das Signal setzen: »Habe eilige Meldungen«, und segelte so dicht an die Defence heran, dass er sie bald streifte.

»Sie haben’s aber eilig«, stellte Sven Larsson zur Begrüßung fest. »Was gibt es denn?«

»Sir, fünfzig Mann der Besatzung des Kapers sind zu einem Landangriff an der westlichen Uferseite. Sie werden etwa in zwei Stunden zurückerwartet. Die Defence könnte sie abfangen.«

Der Kapitän überlegte nur kurz. »Mr Potter, sagen Sie bitte dem Wachhabenden der Defence: segelfertig in zehn Minuten! Mr Waller soll mit vierzig Mann auf dem Kaper beim Geleit bleiben. Die Gefangenen soll er an Land bringen.«

Mr Potter ließ erkennen, dass er noch eine Nachricht hatte. »Sir, der Kaper hat zehn neue Kanonen an Bord, sogenannte Karronaden.«

Zu Mr Potters Überraschung war der Kapitän nur mäßig überrascht. »Ach, da kann ich sie endlich mal selbst ausprobieren.«

»Sie sind über diese Kurzkanonen informiert, Sir?«

»Ja, Mr Potter.«

»Aber ich wusste nichts davon, Sir.«

Sven lächelte. »Mr Potter, es gibt geheime Mitteilungen des Marinesekretariats, die nur Kapitänen übermittelt werden. Aber nun kommen Sie! Wir müssen uns auf den Weg machen.«

Vier Stunden später kehrte die Defence zum Geleit zurück, das auf ihr Signal hin unverzüglich die Segel setzte. Die gekaperte Brigg schloss sich ihnen an, und Sven sah amüsiert, dass Leutnant Waller die Matrosen an den Karronaden exerzieren ließ.

»Mr Potter«, informierte er seinen Ersten Leutnant, »ich setze mit fünf Gefangenen auf die Brigg über und nehme auch Mr Bergson, unseren Batterieoffizier, mit. Mr Waller schicke ich Ihnen dann zurück. Ich will die Karronaden einmal ausprobieren und werde auch einige scharfe Schüsse abgeben lassen. Sie haben in der Zeit das Kommando über das Geleit.«

Mr Waller schien nicht erfreut, dass er auf die Defence zurückmusste, aber er ließ sich möglichst wenig Enttäuschung anmerken und stellte seinem Kapitän den Untersteuermann Sterling als Experten für die Karronaden vor.

»Danke, Mr Waller. Ich habe noch einen Obersteuermann und vier Kanoniere mitgebracht. Da werden wir wohl genug erfahren.«

Anscheinend hatte sich der Kapitän schon ausreichend beim Obersteuermann informiert, denn er ließ sofort die britischen Kanoniere die Praxis des Drills demonstrieren. Nachdem diese Laden, Richten und Abfeuern einige Male simuliert hatten, nahmen vier amerikanische Kanoniere ihre Plätze ein, und die Briten korrigierten ihre Handgriffe, bis sie saßen. Dann kam das nächste amerikanische Quartett dran.

Vor dem Scharfschießen fragte Sven noch den britischen Obersteuermann: »Warum haben Sie vorn und achtern noch die Langkanonen?«

»Das Buggeschütz als Jagdkanone, das Heckgeschütz, um Verfolger auf Distanz zu halten, Sir. Da kommt es auf möglichst große maximale Reichweite an. Die langen Achtpfünder haben eine maximale Reichweite von 1650 Metern. Unsere Karronaden feuern nur maximal 950 Meter weit. Wenn wir nur Karronaden hätten, könnte sich ein Gegner in 1200 Meter Entfernung legen und uns zusammenschießen, und wir würden ihn nicht einmal erreichen.«

Sven wandte ein: »Theoretisch stimmt das, aber ich habe es auch erlebt, dass bei Gefechten auf große Reichweiten die Kugeln in der Bordwand stecken blieben, weil sie keine Durchschlagskraft mehr hatten.«

»Das stimmt, Sir. Aber die Achtpfünder-Kanonen haben ihre stärkste Durchschlagskraft auf 270 Meter, die dreimal so schweren Karronadenkugeln auf 250 Metern. Die zwanzig Meter Differenz sind in der Praxis nicht so wichtig.«

Sven nickte. »Sagen Sie, Ihre Flotte hat nach meiner Information erst etwa hundertfünfzig Schiffe mit Karronaden bestückt. Wieso kommen Sie als privates Kaperschiff da schon an zehn Karronaden?«

Der Obersteuermann grinste. »Unser Schiff gehört einem Konsortium von vier reichen und einflussreichen Londoner Kaufleuten. Man sagt, denen gehöre auch die halbe Regierung.«

»Dann werden Sie ja wohl auch bald gegen unsere Gefangenen ausgetauscht. Da werden wir uns mit dem Scharfschießen beeilen müssen.«

Samuel Root, Svens Begleiter, und Nathaniel Zander, sein Schreiber, saßen am Abend noch auf ein Bier zusammen. »Freust du dich auch auf Gloucester, Sam?«, fragte der Schreiber.

»Aber ja, Nat. Am meisten freue ich mich auf Marthas Kochkünste und auf das gute Bett.«

»Ohne Arbeit werden wir aber nicht sein. Der Kapitän will das Schiff umrüsten.«

»Was meinst du damit, Nat?«

»Das bleibt aber unter uns, Sam.«

Sam nickte.

»Der Kapitän hat einen Brief an Mr Bradwick diktiert, in dem er ihn bittet, sich nach guten Gießereien zu erkundigen, die kurzfristig zehn Karronaden liefern können. Er will anscheinend auch, dass die Reederei die gekaperte Brigg ankauft.«

»Also, Nat, mir wird er den Urlaub damit nicht verderben.«

»Aber du hilfst mir doch beim Schreiben?«, fragte Nathaniel augenzwinkernd.

»Ich kann doch gar nicht schreiben«, lachte Sam.

»Du Schwindler! Das erzähle ich Martha, dann kriegst du deine Lieblingsspeise nicht mehr.« Und sie klopften sich gegenseitig auf die Schulter.

Als sich Kapitän Larsson nach der Erprobung der Karronaden wieder auf die Defence übersetzen ließ, schickte er Mr Waller auf die Kaperbrigg zurück. »Segeln Sie immer am Schluss des Konvois! Die Signale kennen Sie ja. Haben Sie eigentlich die Brigg schon gründlich durchsuchen lassen?«

Mr Waller verneinte, da er sich erst um die Karronaden gekümmert habe, weil er bei dem Einsatz der Defence gegen die Besatzung des Kapers eventuell nicht nur sich, sondern auch den Konvoi hätte verteidigen müssen.

»Das leuchtet ein, Mr Waller. Aber nehmen Sie die Durchsuchung jetzt gleich vor. Ich schicke Ihnen Samuel Root mit meinem Hund. Lassen Sie ihn zurückbringen, wenn Sie ihn nicht mehr brauchen.«

Leutnant Waller beorderte Sam mit dem Hund gleich zur Untersuchung der Mannschafts- und Laderäume ins Unterdeck. Der britische Untersteuermann Sterling und zwei Matrosen der Defence begleiteten ihn. Mr Waller nahm sich mithilfe seines Burschen die Kapitänskajüte vor.

Sam blickte in den ersten Raum, in dem vorübergehend Gefangene untergebracht gewesen waren. Die Schränke waren in aller Eile ausgeräumt worden. Einzelne Kleidungsstücke hingen herum. Unter der Decke baumelten noch Hängematten. Der Fußboden starrte vor Dreck. Hier lag all der Schmutz, den man von Füßen, Kleidern, aus Taschen, von Tellern und Körben verlieren konnte. Der Hund drehte angewidert seine Nase weg.

»Mein Gott, was für ein Dreck!«, schimpfte Sam. »Wenn ich das Kommando hätte, müsste der hier säubern und schrubben, der die Gefangenen an Land brachte. Aber Geheimnisse finden wir hier nicht.«

Er ging mit Rocky zum nächsten Raum. Das war die Kabelkammer. Hier lagen alle Taue und Seile, die im Augenblick nicht gebraucht wurden, sowie die dicken Kabel, die der Kammer den Namen gaben. Sie waren je nach Dicke zu großen oder kleinen Kreisen zusammengerollt.

Rocky fing am Eingang an zu schnuppern. Besonderen Eifer zeigte er nicht. Die beiden Matrosen, die mit Sam von der Defence gekommen waren, guckten innerhalb der Kreise zum Boden hinunter. Sven folgte ihnen zur Bordwand. Dort sträubten sich Rockys Haare und er begann zu knurren.

Sofort holten die Matrosen die Entermesser heraus. »Ist da jemand? Herauskommen, sonst stechen wir dich ab! Rocky, such!«

»Nun macht mal nicht so ein Theater!«, brummelte Sam. »Rocky, wo ist was?«

Rocky näherte sich einem Haufen, in dem Seile vermischt mit Segeltuch übereinanderlagen. Rocky stieß mit der Nase an den Haufen und bellte einmal.

Sam stieß mit seinem Entermesser einen Teil der Seile weg und rief: »Kommt raus, sonst steche ich zu!« Dann sprang er jäh zurück, denn eine Katze sauste mit lautem Miau aus dem Haufen, schoss hoch und brachte sich vor Rocky auf einem Balken in Sicherheit. Rocky jagte sofort hinterher, richtete sich am Balken hoch und bellte nach oben.

Sam rief laut: »Aus! Rocky, bei Fuß!« Er hatte seinen ersten Schreck überwunden.

Rocky schwieg und drängte sich an sein Knie. Dann drehte er den Kopf und bellte wieder den Haufen mit den Seilen an. Sam kniff die Augen zusammen, richtete sein Entermesser wieder auf den Haufen und zog mit der linken Hand Seile aus dem Haufen.

Rocky knurrte. Ein Kinderfuß kam zum Vorschein. Sam starrte einen Moment erstaunt. Dann berührte er den Fuß mit der blanken Scheide des Messers. »Komm raus, sonst muss ich dir den Fuß abhacken!«

Im Haufen bewegte sich etwas, dann streckte sich ein Jungenkopf aus dem Gewirr. »Verdammt! Das ist doch der Pulverjunge Jacky«, stieß der Untersteuermann Sterling hervor. »Was machst du hier?«

»Ich hab mich versteckt, als unser Schiff geentert wurde, Sir«, antwortete Jacky.

»Dann bist du ja schon etwa acht Stunden hier. Bist du nicht verdurstet?«, fragte Sam.

Jacky antwortete: »Ich habe mir eine Flasche von nebenan geholt, als alles ruhig war.«

»Dann sag mir mal, wie alt du bist und seit wann du auf der Sophie Dienst tust.«

Der Pulverjunge legte den Fingerknöchel an die Stirn, wie er es im Dienst gelernt hatte. »Sir, ich bin zwölf Jahre alt und bin vor sechs Wochen in Plymouth an Bord gekommen, als die Sophie auslief.«

»Warum hast du auf einem Schiff angeheuert?«

»Sir, mein Vater ist gestorben. Meine Mutter hatte nicht genug Essen für mich. Ein Onkel von mir war schon als Maat an Deck.«

Sam brummte. Dann wandte er sich an einen Matrosen der Defence. »Josef, bring den Jungen zum Wachhabenden! Sag ihm, wie wir ihn fanden. Die werden schon wissen, was mit ihm geschehen soll.«

Sie suchten weiter und fanden eine versteckte Schnapsflasche, eine Pistole und einen Beutel mit etwas Geld, aber sonst nichts. Sam ging mit Rocky und seinem Trupp an Deck und meldete sich bei Leutnant Waller.

Der hörte nur halb hin und starrte weiter auf ein Papier, das er in der Hand hielt, und sprach leise vor sich hin, während er las. »… haben alles geladen, was in den zwei Werften von Wert war. Balken, Planken, Rahen, Seile, Nägel, Schrauben usw. Wir verstecken uns jetzt …« Leutnant Waller wurde lauter: »Verdammt! Bark Jennifer II. Wer kennt denn die?«

»Ich kenne sie, Sir. Sie lag in New York neben uns. Kapitän Bear kennt unseren Käpt’n, Sir.«

Mr Waller schaute erstaunt auf den kleinen Burschen, der vor ihm stand. »Wer bist du denn?«

Der Matrose Josef antwortete an seiner Stelle: »Sir, das ist ein Pulverjunge der Sophie, der sich in der Kabelkammer versteckt hatte. Maat Root hat ihn gefunden. Ich sollte ihn zum Wachhabenden bringen.«

»So, so«, brummte Leutnant Waller. »Dann komm mal mit. Ich muss noch mal in die Kajüte. Wie heißt du denn?«

»Jacky, Sir.«

»Dann setz dich mal dort hin. Möchtest du ein Glas Saft?«

»Gern, Sir.«

Leutnant Waller rief seinen Burschen. »Andree, das ist Jacky. Bring ihm mal ein Glas Saft. Ach, bring mir auch gleich eins mit.«

»Aye, aye, Sir«, bestätigte Andree und verschwand.

Mr Waller setzte sich auf einen Stuhl und legte seinen Hut auf den Tisch. Scheinbar beiläufig fragte er: »Du kennst also die Bark Jennifer II

»Ja, Sir. Als wir in New York ankamen, haben wir neben ihr geankert. Sie gehört einem der Eigentümer unserer Brigg. Unser Kapitän kannte den von der Jennifer

Der Saft kam. Andree verteilte die Gläser, wünschte »Zum Wohl!« und verschwand wieder.

»Und dann haben die Kapitäne sich noch einmal in der Chesapeake Bay getroffen, hat man mir gesagt«, knüpfte Mr Waller an das vorige Gespräch an. Jacky hatte nicht das Gefühl, ausgefragt zu werden. Der fremde Leutnant wusste ja schon alles.

»Ja, Sir. Als wir einliefen, kam uns die Jennifer entgegen.«

»Ich weiß«, antwortete Mr Waller. »Die sind dann beide in ein Boot gestiegen. Aber ich habe den Ort vergessen.«

Jacky wollte zeigen, dass sein Gedächtnis besser war. »Es war ein Mädchenname, Sir. Irgendwas mit Su. Hier nahe am Westufer.«

Waller tat, als ob ihm alles einfiel. »Natürlich! Susan hieß der kleine Ort an der Bucht.«

Jacky stimmte fröhlich zu. »Ja, das war es!«

»Dann hol mal Sam hierher in die Kajüte des Kapitäns. Er lässt den Hund da schnuppern, ob sich noch jemand versteckt hat.«

Jacky guckte unsicher, aber Mr Waller lachte und klopfte ihm auf die Schulter.

Leutnant Waller trat in die Kajüte des Kapitäns ein und berührte zum Gruß seinen Hut.

»Na, bringen Sie Neuigkeiten, Mr Waller?«

»Ja, Sir, ich habe Informationen über den Liegeplatz einer britischen Bark.«

»Donnerwetter! Wie kommen Sie denn daran?«

»Ich fand im Schreibtisch des Kapitäns den Brief eines Kapitäns der Bark Jennifer II, der die geplünderten Materialien unserer Werften geladen hatte und sich verstecken wollte. Außerdem entdeckten wir einen Pulverjungen, der sich in der Kabelkammer verkrochen hatte. Aus ihm habe ich herausgelockt, wo sich die Bark versteckt hat.«

»Sehr gut, Mr Waller. Wo?«

»In einer Bucht bei Susan, Sir«

»Das haben Sie sehr gut gemacht, Mr Waller! Wenn wir die Bark kapern, erhalten Sie zusätzlich zu Ihrem Prisengeld eine Prämie von einhundert Dollar. Schicken Sie jetzt bitte Mr Potter zu mir.«

»Ergebensten Dank, Sir.«

Mr Potter schickte ein Boot mit Midshipman Grieve voran. Nach seinen Beobachtungen schickten sie dann vier Boote mit sechzig Mann in die Bucht, während die Defence am Eingang der Bucht quer zur Fahrrinne ankerte und alle Kanonen ausrannte.

Der Kapitän der Bark Jennifer II erkannte sofort, dass er nicht den Hauch einer Chance hatte, ließ schnell und unauffällig die Schatulle mit Geheimsignalen über Bord werfen und die Flagge einholen.

Er erwiderte den Gruß Leutnant Potters, der das Prisenkommando an Bord führte, und sah mit versteinerter Miene zu, wie die Amerikaner unter Bord die wertvolle Fracht entdeckten und freudestrahlend an Deck davon berichteten.

»Woher wussten Sie, wo wir uns versteckt hatten, Herr Leutnant?«

»Wir haben Gespräche der Besatzung der von uns gekaperten Brigg Sophie belauscht, Herr Kapitän.«

»Verdammt, man kann nicht vorsichtig genug sein!«, fluchte dieser.

Potter ließ die britischen Matrosen sorgfältig nach Waffen untersuchen und sperrte sie in zwei Räume im unteren Deck. Dann nahm er Kurs auf die Defence, die unverzüglich mit dem Konvoi in Richtung Norfolk segelte.

Sven Larsson hatte den Konvoi vor Portsmouth in den Hampton Roads ankern lassen. Mit Erleichterung verfolgte er, wie amerikanische Seeleute und Milizsoldaten die Prisen übernahmen. Ein Boot kam zur Defence, und der Agent seiner Prisenagentur stellte sich vor. Sven ging mit ihm in seine Kajüte.

»Meinen herzlichen Glückwunsch, Sir, und vielen Dank, dass sie einen Kutter zu unserer Information vorausgesandt haben. Ich habe mich erkundigt. Die Ladung der Bark können Sie hier günstiger verkaufen, da fast alle Werften an der Chesapeake Bay ausgeplündert wurden und dringend Ersatzteile brauchen. Die Bark selbst werden sie günstiger in Philadelphia absetzen können.«

Sven kniff die Lippen zusammen und überlegte. »Das schafft ein Problem, mein Herr. Die Mannschaft und ich wollen schnellstmöglich heim und nicht eine Woche auf den Verkauf der Ware warten.«

»Darf ich einen Vorschlag machen, Sir? Ich kann ganz in der Nähe eine Halle mieten. Ich habe zwanzig Hafenarbeiter zur Hand. Wenn ein Teil Ihrer Mannschaft uns einen Tag hilft, haben wir die Ware in zwei Tagen entladen. Die Nachricht über den Verkauf steht morgen früh in allen relevanten Zeitungen. In einer Woche ist alles verkauft und Sie können das Geld in Philadelphia ausgeben.«

Sven klatschte in die Hände. »Das ist eine hervorragende Planung. Ich werde Sie in der Zentrale Ihrer Agentur gebührend loben und danke Ihnen. Wir machen es so. Ich schicke den Ersten Leutnant zu Ihnen, damit Sie mit ihm vereinbaren können, wo die Jennifer II zur Entladung anlegen soll und wann wie viele unserer Leute helfen müssen.«

Als Sven vor die Mannschaft trat und um Freiwillige zum Entladen bat, denen ein Tag Sonderurlaub versprochen wurde, meldeten sich fast alle freiwillig. Der Bootsmann suchte die geeignetsten Männer heraus. Alle waren glücklich.

Inzwischen war Commander Brent von der Kanonenbrigg Hudson bei Sven und berichtete, was er nach seiner Trennung von der Defence erlebt habe. Die Hudson hatte mehrere erfolgreiche Duelle mit britischen Kapern bestanden, hatte zwei versenkt und drei erobert.

»Ob die Mannschaften noch etwas von dem Abschlagsgeld besitzen oder schon alles in Norfolk oder Portsmouth versoffen haben, weiß ich nicht, Sir. Aber die meisten freuen sich auf die Heimkehr nach Philadelphia. Ich bin sicher, auch im nächsten Jahr bleibt genug zu tun, um unseren Handel in der Bay zu sichern.«

Sven lächelte. »Vielleicht schickt man uns wieder her, Mr Brent. Aber erst einmal lade ich Sie heute Abend mit Ihren und meinen Offizieren zum Dinner ein. Das Lokal werde ich noch benennen. Bis dann.«

Brent bedankte sich und ging.

Es blieb Svens einziger Abend in Portsmouth. Alle, die teilnahmen, wollten nach langer Feindfahrt zum Weihnachtsfest daheim sein. Aber diesen Abend genossen alle. Die Gasträume waren gemütlich und dennoch gediegen. Die Speisen schmeckten von der Vorspeise bis zum Dessert ausgezeichnet, und keiner fand etwas an den Getränken auszusetzen.

Als Sven seinem abwesenden Zahlmeister für dessen Empfehlung dieses Restaurants dankte, klatschten alle Beifall. Sie kannten sich alle und verstanden sich gut. Joseph Grey, einziger Midshipman auf der Hudson, war froh, dass er heute mit gleichrangigen Gefährten von der Defence scherzen konnte. Sam Root, Walter Jungmann und Alfred Holt sorgten für die Sicherheit. Ihren Anteil an den Speisen erhielten auch sie, aber bei den Getränken hatte Sven für die drei Männer Maßhalten befohlen, und die Kellner hielten sich daran.

Die Gäste diskutierten anfangs über wichtige politische Themen, über Friedensverhandlungen oder die Zukunft der amerikanischen Flotte, dann wurden die Gespräche persönlicher und beschäftigten sich mit den Zukunftsplänen der Einzelnen und kamen schließlich zu lustigen Begebenheiten während der letzten Feindfahrt.

Leutnant Bergson musste für Kultur sorgen und eine beliebte Weise mit seiner Violine spielen, und Dr. Bader ließ sich nicht abhalten, eine Ballade vorzutragen.

Als Martin am nächsten Morgen seinen Kapitän weckte, stöhnte Sven: »Mein Gott, hoffentlich haben die Männer, die heute entladen müssen, nicht auch so aufgelassen gefeiert wie wir gestern.«

Schäferhund Rocky war ungehalten, dass sich sein Herrchen erst so spät um ihn kümmerte, und rannte ohne weitere Schmuseeinheiten zur Schütte, um sich zu entleeren.

Mr White, der Master, hatte Wache. Als Sven ihn scherzhaft fragte, ob die Mannschaft eine Meuterei vorbereite, weil die Offiziere so viel feierten, winkte Mr White ab: »Unser Essen ist für die doch noch keine Feier. Da waren doch keine Weiber dabei! Und die Burschen wissen genau, dass wir im Sturm auch Wache um Wache gehen, während sie alle Pausen einhalten und schlafen können.«

Sven hatte auch Verpflichtungen am Vormittag. Der Kommandeur der Milizeinheiten hatte sich mit zwei Artillerieoffizieren zu einer Besichtigung der Karronaden angesagt. Sven hatte Leutnant Waller vorgewarnt und seinen Burschen Martin auf die Sophie vorausgeschickt, um ein kleines Frühstück vorzubereiten.

Die Herren waren sehr beeindruckt und staunten, als Sven ihnen sagte, dass zwei Gießereien in Pennsylvania vor einem Monat auch mit der Herstellung von Karronaden begonnen hatten.

»Meine Herren«, fasste einer der Artillerieoffiziere seinen Eindruck zusammen, »das Gewicht der Geschütze ist für uns nicht entscheidend. Eine Sechspfünder-Kanone und eine Achtzehnpfünder-Karronade wiegen etwa gleich und fordern dieselbe Zahl an Pferden zum Transport. Aber die Munition wiegt das Dreifache. Sie muss transportiert und oft genug längere Strecken getragen werden. Das hindert den Einsatz von Karronaden bei der Landarmee.«

Sven leuchtete das ein, und er sah nicht ein, dass er die Konkurrenz um die geringe Zahl angefertigter Karronaden durch einen Widerspruch verschärfen sollte.

Am Abend stand Sven dann auf dem Achterdeck und empfand nur Freude über die bevorstehende Heimreise. Er würde Frau und Kinder wiedersehen können, die er so liebte. Er würde in den Räumen leben, die ihm so vertraut waren. Da merkte er schon, wie lange er von der Heimat getrennt war. Waren sie schon in das neue Haus umgezogen, das er mit Sabrina geplant hatte?

Mr White war wohl mit ähnlichen Gedanken beschäftigt, denn er sagte unvermittelt: »Wir Seeleute sind schon ein komisches Volk. Sind wir eine Weile an Land, dann halten wir es vor Sehnsucht nach Wind und Wellen nicht mehr aus. Sind wir einige Monate auf See, verzehren wir uns nach dem Heimathafen.«

Aber es hörte sich wohl anders an, wenn ein anderer es aussprach. Sven presste die Lippen zusammen und gab dann den Befehl, die Segel zu setzen und Kurs auf die Mündung des Delaware zu nehmen. Die drei anderen Schiffe segelten in der Reihenfolge Sophie, Jennifer II und Hudson im Windschatten der Defence hinaus in die sinkende Nacht.

Sven hatte eine erstaunlich ruhige Nacht hinter sich, als er im Morgengrauen erwachte. Er hatte die halbe Morgenwache verschlafen und sprang aus dem Bett.

»He, Martin, warum hast du mich nicht geweckt?«

»Es war nichts Besonderes, Sir. Alles nur Routine. Rocky habe ich schon rausgeführt. Warum sollte ich Sie wecken, Sir?«

»Weil ein ordentlicher Kapitän morgens an Deck sein sollte, wenn die Dämmerung kommt.«

»Sir, Ihrer Gattin ist es lieber, wenn Sie ausgeschlafen nach Hause kommen.«

Sven lachte. »Mach mir jetzt ein ordentliches Frühstück, Martin. Ich komme gleich wieder rein.«

Natürlich wollte Rocky wieder mit an Deck, und Sven nahm ihn mit. Er begrüßte den Wachhabenden, sah sich um, schnupperte in den Wind und ging beruhigt wieder zur Kajüte.

Auf dem Weg drehte er sich noch einmal um und fragte den Wachhabenden: »Was haben Sie zuletzt an Land gesichtet?«

»Chincoteague vor einer halben Stunde, Sir.«

Sven nickte. »Dann müssten wir heute Abend in den Delaware einlaufen.«

Midshipman Salton, der alles mitgehört hatte, fragte flüsternd seinen Kameraden Mountain: »Was meinst du? Segeln wir nachts flussaufwärts?«

Henri Mountain überlegte und schüttelte den Kopf. »Warum sollten wir das Risiko eingehen? Wir wissen nicht, welche neuen Hindernisse sie in den letzten Wochen angelegt haben, und auch schwere Eisschollen könnten schon treiben. Wir verlieren doch höchstens drei bis vier Stunden.«

Die Mannschaften schrubbten das Deck heute besonders sauber, und der Bootsmann war noch pingeliger als sonst, dass in der Takelage jedes Segel und jedes Seil richtig festgezurrt war. Aber auch seine Genauigkeit konnte den Matrosen nicht die Stimmung verderben. Sie lachten und scherzten häufiger als sonst, und alles schien ihnen ein wenig schneller von der Hand zu gehen.

Doch als der Ruf des Ausgucks erscholl: »Steuerbord voraus, sieben Meilen mehrere Segel!«, erstarrten alle und schwiegen. Einigen kam die Hoffnung auf eine große Prise kurz vor der Haustür. Andere fürchteten, ein feindlicher Verband lauere auf sie.

Sven kam eilends an Deck und schickte Midshipman Salton mit dem Teleskop auf den Mast.

Minuten vergingen. Die Matrosen schrubbten das Deck nur noch zum Schein. Ihre Besen berührten die Planken gar nicht mehr, sondern fuhren nur hin und her, während die Matrosen horchten. »Dauert das lange!«, schimpfte einer zum Nachbarn.«

»Deck!«, tönte es von oben, und alle lauschten. »Drei Segel! Kreuzen unseren Kurs. Drei Dreimaster!«

Es war totenstill geworden an Deck. Als Mr Salton seine Meldung beendet hatte, blieb er oben, um genauere Einzelheiten erkennen zu können.

An Deck rätselten sie. »Und wenn das drei Kriegsschiffe sind, dann sehen wir blass aus«, sagte einer.

»Warum denn?«, opponierte ein anderer. »Wir haben auch drei Kriegsschiffe, die Defence, die Hudson und die Sophie

»Haha!«, schallte es ihm ironisch entgegen. »Und wie viele davon sind Dreimaster? Und wie viele haben die volle Besatzung?« Da wurde der Opponent still.

»Deck!«, rief Mr Salton wieder. »Ein Schiff ist eine Sloop, die beiden anderen sind Handelsschiffe!«

Nun lachten sie erleichtert an Deck. Auch die Offiziere blickten sich fröhlich an. Das war keine Gefahr mehr. Das war vielleicht sogar Beute.

Sven sagte zum Wachhabenden: »Lassen Sie unsere Flagge und das Geheimsignal setzen.«

Nun mussten die Fremden Farbe bekennen. Mr Salten meldete nach einiger Zeit: »Schiffe setzen Flagge des Kongresses.« Zum Geheimsignal sagte er nichts, denn dafür hätte er das Heft mit den Geheimsignalen der amerikanischen Schiffe haben müssen. Das hatte aber der Signalmaat an Deck, der sich eben von Midshipman Grieve Zahlen nennen ließ, die dieser mit dem Teleskop erkennen konnte. Dann rief der Signalmaat: »Sloop ist die Valley Forge, Kapitän Karl Bauer, die beiden Handelsschiffe sind Prisen.«

Diejenigen, die auf Prisen gehofft hatten, sahen sich missmutig an. Die anderen, die einen überlegenen Feind erwarteten, waren erleichtert und fragten die Enttäuschten: »Kriegt ihr den Hals nie voll?«

Sven blickte lachend zu Mr Potter: »Haben Sie gehört, mein alter Freund Karl Bauer kommt uns entgegen!«

»Ich freue mich, Sir. Auch ich habe Kapitän Bauer lange nicht gesehen.«

Sven ließ das Signal »Kommandant zum Report« hissen und blickte durch das Teleskop zur Sloop. Dort sah er seinen Freund Karl Bauer, mit dem er auf seinem ersten Schiff als Schiffsjunge gedient hatte. Was waren sie für ein Quartett verschworener Freunde gewesen: Adam Borg, Karl Bauer, Joshua Petrus und er? Jetzt fuhren nur noch Karl Bauer und er zur See. Adam Borg war tot und Joshua bei Sabrinas und Svens Stiftung an Land.

Sven erkannte Karl, wie er das Boot bestieg und sich zur Defence rudern ließ. Er würde ihn an der Reling begrüßen, aber die uniformierte Ehrenwache auch antreten lassen.

Sie umarmten sich beide herzlich. »Seit Charleston haben wir uns nicht gesehen. Wie geht es dir, Karl? Und wie geht es Frau und Kind?«

»Uns geht es allen gut. Und in der vorigen Woche habe ich deine Sabrina noch gesehen. Ihr und euren Kindern geht es auch gut. Die Stiftung und euer neues Haus sind fast fertig. Du wirst zur Einweihung gerade recht kommen.«

Karl erblickte Tom Potter und begrüßte auch ihn noch, ehe er mit Sven in dessen Kajüte ging. »Wir haben wieder einmal nicht viel Zeit, aber für eine Tasse Kaffee muss es reichen«, sagte Sven. »Wohin bist du jetzt unterwegs?«

Karl berichtete, dass keine Fregatte mehr für ihn verfügbar war und er sich daher mit einer Sloop begnügen musste. Er sollte die Lage an der Küste bis vor Savannah erkunden. Die beiden Barken hatte er vor der Mündung des Delaware kapern können, weil ihn ein Sturm weiter hinausgetrieben hatte, als er eigentlich segeln wollte. Und nun hatte er das Problem, wo er sie abliefern sollte.

»Am besten wäre es natürlich in Philadelphia, aber eine Rückkehr sehen meine Befehle nicht vor.

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