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Auf verwegener Fahrt: Unter Piraten und Seewölfen: 10 Romane auf 1500 Seiten (Alfred Bekker präsentiert, #30)

Auf verwegener Fahrt: Unter Piraten und Seewölfen: 10 Romane auf 1500 Seiten

Alfred Bekker präsentiert, Volume 30

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker, 2017.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Auf verwegener Fahrt: Unter Piraten und Seewölfen: 10 Romane auf 1500 Seiten | von Alfred Bekker, W.A. Hary & Alfred Wallon & Glenn Stirling & Larry Lash & Robert E. Howard & Horst Weymar Hübner

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Copyright

Heldenhafte Seemänner | Band 1 | DAS FLAGGSCHIFF DES TEUFELS | Ein Roman von Glenn Stirling

Klappe

Roman

Karibische Flüche | Eine Erzählung um Piraten & Geister von Alfred Bekker

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Der Sohn des Piratenkapitäns | ROBERT MORGAN Band 1 | von Alfred Wallon

Vorwort

Kapitel 1: Wegelagerer

Kapitel 2: Der Verräter

Kapitel 3: Jeffreys Ergreifung

Kapitel 4: Der Plan

Kapitel 5: Begegnung im Sturm

Flucht aus dem Todeskerker | ROBERT MORGAN Band 2 | von Alfred Wallon

Kapitel 1: In den Kerkern des London Tower

Kapitel 2: Im Feindesland

Kapitel 3: Meuterei

Kapitel 4: Ein riskanter Plan

Kapitel 5: Unerkannt unter Feinden

Kapitel 6: Stunde der Entscheidung

Kapitel 7: Waghalsige Flucht

Kapitel 8: In letzter Minute

Heimtückische Intrigen | ROBERT MORGAN Band 3 | von Alfred Wallon

Kapitel 1: Gallaghers Ende

Kapitel 2: Warten auf Rettung

Kapitel 3: Hinterhalt auf hoher See

Kapitel 4: Tage des Glücks

Kapitel 5: Ein verräterischer Plan

Jagd auf die Meuterer | ROBERT MORGAN Band 4 | von Alfred Wallon

Kapitel 1: Flucht ins Ungewisse

Kapitel 2: Schicksalhafte Begegnung

Kapitel 3: In karibischen Gewässern

Kapitel 4: Spurensuche

Kapitel 5: Ein Begräbnis auf hoher See

Kapitel 6: Gefahr am Horizont

Kapitel 7: Kampf um Leben und Tod

Fluch der Meere | von Alfred Bekker und W.A. Hary | Prolog

In der Neuen Welt | Im Jahre des Herrn 1564

JAGD AUF DIE WITCH BURNING | Zwei Jahre zuvor. | Am Hof zu London.

Das Meer der Sehnsucht

Das Piraten-Nest

Wirrungen

Treffen im Nebel

DER PLAN

Sechs Monate später...

Bruderschaft der Piraten

Copyright

Vorwort

Die Rote Bruderschaft

Black Vulmeas Rache

HELDENHAFTE SEEMÄNNER | Band 3 | Nat Shannons tollkühner Plan | Ein Piratenroman von Larry Lash

HELDENHAFTE SEEMÄNNER | Band 5 | Der Falke von Cartagena | Ein Roman von Horst Weymar Hübner

Further Reading: 14 Sommermörder - 14 Super Strand Krimis

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About the Author

About the Publisher

Auf verwegener Fahrt: Unter Piraten und Seewölfen: 10 Romane auf 1500 Seiten

von Alfred Bekker, W.A. Hary & Alfred Wallon & Glenn Stirling & Larry Lash & Robert E. Howard & Horst Weymar Hübner

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1500 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Glenn Stirling: Das Flaggschiff des Teufels

Alfred Bekker: Karibische Flüche

Alfred Wallon: Der Sohn des Piratenkapitäns

Alfred Wallon: Flucht aus dem Todeskerker

Alfred Wallon: Heimtückische Intrigen

Alfred Wallon: Jagd auf die Meuterer

Alfred Bekker/ W.A. Hary: Fluch der Meere

Robert E. Howard: Bruderschaft der Piraten

Larry Lash: Nat Shannons tollkühner Plan

Horst Weymar Hübner: Der Falke von Cartagena

Historische Abenteuer um die einstmaligen Schrecken der sieben Meere. Pralles Abenteuer mal sechs – über tausend Seiten Urlaubslektüre.

Mit einem Titelbild von Firuz Askin.

Heldenhafte Seemänner

Band 1

DAS FLAGGSCHIFF DES TEUFELS

Ein Roman von Glenn Stirling

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Firuz Askin und Katalinks/123RF, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Das ist die Geschichte eines Piratenschiffes - und es ist eine wahre Geschichte. So geschehen im Jahre 1870 drüben vor der Küste Amerikas. Es ist zugleich die Geschichte der berühmten „Sweet Mary“, jener legendären Dreimastbark, die, von Geheimnissen umwittert, mitten im Frieden auf Kaperfahrt fuhr. Und es ist die Geschichte des Kapitäns Lars Detlevsen, der die „Sweet Mary“ führte. Unterwegs in geheimem Auftrag mit einer Besatzung, wie sie wilder und zusammengewürfelter nicht sein konnte. Unterwegs in die Hölle, und der Teufel selbst gab die Kommandos ...

Roman

Orkan in der Brandungshölle von Cape Cod!

Die Luft war erfüllt von einem alles durchdringenden Getöse. Die Wogen brandeten zu gigantischer Höhe empor. Der Sturm peitschte die Gischt über die Wellenkämme, die zu kochen schienen. Wie Schlünde gähnten die Wogentäler. Eine Hölle war aufgebrochen. Und inmitten dieser Hölle ein Schiff!

Der Gaffelschoner „Harmony“ kämpfte sich durch diese Hölle. Wie ein Spielball wurde er auf die Wogenkämme emporgehoben, um unmittelbar danach wieder in ein Wellental hinabgerissen zu werden.

Bis auf das Klüwersegel war alles übrige Tuch geborgen. Aber der Wind riss, zerrte, schlug in das schmale Klüwersegel hinein und war drauf und dran, es zu zerfetzen.

Der Gaffelschoner hatte fünf Männer an Bord, Fischer, die von Island kamen und die Küste von Massachusetts anliefen. Achtzig Meilen waren es noch bis Boston. Hier an der Stelle, wo sich der Meeresgrund des Atlantik von tiefster Tiefe zur Küste von Massachusetts erhob, herrschte selbst unter normalen Umständen eine Brandung, die schon vielen Schiffern zum Verhängnis geworden war. Die Männer der „Harmony“ kannten die Gefahr der Brandungshölle bei Cape Cod. Aber dieses Kennen nutzte ihnen nichts, nicht jetzt im Hurrikan.

Die Männer hatten sich an ihrem Schiff festgezurrt, um nicht vom Deck gerissen zu werden. Der Steuermann und Bootsmann klammerten sich beide an das Ruderrad und zwangen das Schiff weiter auf Westkurs. Ein Beidrehen war jetzt unmöglich. Dafür war der Sturm viel zu stark. Geriet der Schoner dwars zum Wind, würde die glitschige Ladung, die aus Tausenden von Fischleibern bestand, überkommen, also verrutschen, was ein sicheres Kentern zur Folge haben würde.

Noch hielt das Klüwersegel den Schoner im Wind. Aber dann kam, was die ganze Zeit schon von allen erwartet wurde, was sie befürchteten, weshalb sie immer wieder bange Blicke in Richtung Klüwersegel sandten: Ein mörderischer Knall erfolgte, der sogar das Brüllen des Orkans übertönte. Mit diesem Knall flog das Klüwersegel davon, verschwand in dieser Wand sprühenden Gischtes, den der Sturm vor sich hertrieb.

Jetzt war nun der letzte Fetzen Segeltuch zum Teufel. Das Schiff rollte, stampfte, taumelte und gierte auf die sich immer mehr nähernde Küste zu. Und damit drohte auch die Gefahr der Riffe und Untiefen.

Joe Linton, der Bootsmann, stand zusammen mit dem Steuermann am Ruder, versuchte etwas von dem zu erkennen, was sich vor dem Schiff tat. Aber er hatte Mühe, überhaupt zu sehen, was auf dem Vorschiff vorging.

Zwei der Männer hatten sich dort festgebunden. Aber nun, da das Klüwersegel weg war, brauchte der Kapitän jede Hand, um einen Treibanker auszuwerfen. Es war die einzige Möglichkeit, das Schiff jetzt auf Kurs zu halten, da der Wind von achtern kam, und die „Harmony“ immer öfter aus dem Ruder geriet.

Der Käptn brüllte die Befehle nach vorn, und der Wind trieb die Worte den Männern zu.

Die Männer versuchten sich loszubinden. Und sie hatten es gerade geschafft, als eine schwere See von achtern überkam und den Rumpf des Schiffes sekundenlang völlig

unter Wasser drückte.

In diesem Moment geschah es!

Die Untiefen vor Cape Cod waren näher gewesen, als Kapitän und Mannschaft in diesem brodelnden Hexenkessel hatten annehmen können. Ein furchtbarer. Stoß erschütterte das Schiff. Die beiden Männer auf dem Vorschiff wurden wie von Geisterhand davongetragen.

Joe Linton versuchte vergeblich am Ruderrad Halt zu finden. Aber eine viel größere, viel mächtigere Kraft packte ihn und riss ihn weg, schleuderte ihn gegen die Wanten, wirbelte ihn über Deck, und er hatte nicht ein einziges Mal die Möglichkeit, sich irgendwo festzuhalten. Dann prallte er mit voller Wucht mit der Schulter gegen die Back, meinte, das Bewusstsein zu verlieren vor Schmerz, aber dann entdeckte er über sich eine mächtige Brechersee, die sich berghoch neben dem Schiff auftürmte, um nun wie vom Himmel herunter auf das Deck zu schlagen.

Joe Linton begriff und handelte sofort. Er konnte sich frei machen, sprang auf, und war mit einem Satz in den Wanten des Großmastes. Trotzdem schluckte er noch Wasser, und die Woge, die über ihm zusammengeschlagen war, nahm ihm sekundenlang den Atem. Als sich das Wasser verlief, war das Deck dort leer, wo sich vorher Joe Lintons beide Kameraden befunden hatten.

Der Steuermann hatte mit Mühe wieder das Ruder erreicht. Aber es war sinnlos. Es gab keinen Kurs mehr zu steuern. Das Schiff war aufgelaufen, hing auf einem der Riffe vor Cape Cod fest. Und was das bedeutete, wussten der Kapitän und Joe Linton. Nur der Steuermann schien es nicht zu begreifen. Er war wie von Sinnen. Er versuchte, das Ruder herumzuschlagen. Er schrie und tobte, und das Haar hing ihm wirr im Gesicht.

In diesem Augenblick senkte sich abermals ein schwerer Brecher wie die Faust eines Riesen auf das Schiffsdeck herab.

Bruchteile von Sekunden später war alles eine einzige brodelnde, schäumende, brüllende Wassermasse, in der Sparren, Taue und Segelfetzen herumgewirbelt wurden ... und der Steuermann.

Joe Linton sah ihn noch dicht an sich vorbeifliegen, ohne ihm helfen zu können. Das Meer hatte ihn losgerissen, trug ihn fort, nahm ihn mit, zog ihn hinab in seinen Schlund.

Der Schrei des Kapitäns übertönte noch das Brüllen des Meeres und des Hurrikans.

Joe Linton riss den Kopf herum und sah den Kapitän, der jetzt als schlaffer Körper in den Wanten hing. Und erst auf den zweiten Blick erkannte Joe den zerschmetterten Schädel des Schiffsführers.

Bis jetzt hatte Joe Linton keine Angst empfunden. Sie waren immer mehrere gewesen in der Not. Und irgendwie gab ihm das Halt.

Doch nun befand er sich allein an Bord, an Bord eines Wracks, das am Felsen hing, über das die See herfiel wie ein wütendes Tier und das zerschlagen wurde von dem Meer, geschunden vom Sturm, die Küste nahe und doch endlos weit.

Joe war bis zum Kajütendach geklettert und hatte sich dort an den Ringbolzen festgezurrt. Die Brechseen hoben das Schiff an, um es dann mit noch mehr Wucht erneut auf den harten Grund des Riffes aufzusetzen. Im Sturm schmetterten die in der Luft baumelnden Blöcke, schlugen die abgerissenen Stahldrähte wie Peitschen und schließlich kam, was kommen musste: Der Besanmast brach und ging mitsamt der Takelage steuerbords in die See.

Das so erleichterte Achterschiff hob sich an, und für ein paar Augenblicke lang schien es, als gelänge es dem Wrack, sich vom felsigen Untergrund zu lösen. Doch eine neue See schmetterte es wieder zurück auf die alte Stelle, und der ganze Schiffsrumpf dröhnte, krachte, splitterte, dass Joe Linton meinte, der Rumpf müsste in zwei Teile brechen.

Der Nordost wehte jetzt einen eigenartig warmen Regen über das sterbende Schiff.

Joe Linton krümmte sich zusammen, als es wie aus Eimern auf seinen Rücken schüttete. Er blickte nach Westen, wo irgendwo unsichtbar für ihn die Festlandsküste sein musste. Vierzig Meilen, zwanzig? Oder war es näher? Er versuchte, das Leuchtturmfeuer zu erkennen. Irgendwo dort vorn musste doch das Leuchtfeuer von Cape Cod sein. Aber er sah nichts als diese Waschküche des tobenden Orkans. Darüber ein nahezu nächtlicher Himmel. Ringsum alles grau in grau und noch immer vom tosenden Gebrüll des Orkans erfüllt.

Jetzt erwischte es den Großmast. Bis unterhalb der Saling splitterte er auf, barst und kippte nach Lee in die See.

Abermals machte das Schiff den Eindruck, als wollte es sich vom Felsen lösen. Es wurde angehoben, schwamm frei, schlug dann dwars zum Sturm, krängte, und in diesem Augenblick verrutschte die glitschige, silbrige Ladung aus Tausenden von Fischleibern.

Der Sturm hob die „Harmony“ an, und schon schien es, als wollte er sie über die Untiefen hinweg zur sicheren Küste tragen. Doch dann schmetterte er den aufgerissenen Leib des Schoners gegen einen zweiten, noch höher aus dem Meer aufragenden Felsen.

Der Schlag war einfach zuviel für die „Harmony“. Ihr gequälter Leib zersprang, zersplitterte, zerplatzte regelrecht in zwei Teile. Und während das Vorschiff, von den Fluten mitgerissen, davongetragen wurde, kippte das Achterschiff neben dem Riff in die Tiefe, so dass nur der aufgerissene Teil nach oben ragte. Doch als wollte das Meer rasch nachholen, was es versäumt hatte, ergossen sich gewaltige Brecher in die aufgerissene Stelle und füllten diesen halben Rumpf wie eine Tasse auf.

Joe Linton war bei dem Aufschlag von einem herumwirbelnden harten Gegenstand am Kopf getroffen worden und in tiefe Ohnmacht gesunken. Als er jetzt aufwachte, ergossen sich schwere Seen über ihn, und er brauchte eine ganze Weile, um zu begreifen, was ihm geschah. Noch immer war er am Kajütendach festgezurrt. Aber es war eine Frage der Zeit, das begriff er, wann das noch immer festhängende Achterschiff am Riff herabrutschen und mit Joe versinken würde.

In diesem Augenblick näherte sich ein riesiger Brecher. Wie ein gewaltiger Turm schob er sich heran, geradewegs auf das Schiff zu, wie ein Vollstrecker, der gekommen war, um zu vernichten, was sich ihm da noch in den Weg stellen wollte.

Voller Entsetzen starrte Joe Linton diesem riesigen Ungetüm eines Wellentitanen entgegen.

Sekundenlang war er nicht fähig, etwas zu tun. Doch dann verstand er, begriff diese ganze drohende vernichtende Gefahr, der er sich da stellte. Mit hastigen Handgriffen löste er den Tampen, mit dem er sich an die Ringe gebunden hatte, warf sich herum, stürzte auf den Niedergang der Kajüte zu, stürmte voraus, schlug gegen die Tür, die nachgab, und da war er schon drin.

In diesem Augenblick donnerte diese gewaltige Woge auf das Schiff nieder.

Unten, in der Kajüte, war Joe Linton gegen den angeschraubten Tisch getaumelt, krallte sich nun verzweifelt und voller Panik daran fest, während dieser gewaltige Brecher das Schiff zu zertrümmern suchte.

Ein Splittern und ein Krachen und explosionsartige Knalle übertönten alle anderen Geräusche. Auf einmal klirrte es über Linton, wurde heller, und er sah in der Öffnung, wo das Skylight vom Brecher weggerissen worden war, den sturmzerfetzten grauen Himmel.

Unmittelbar danach ergoss sich eine Wasserflut in die Kajüte und überschüttete Linton, der vergeblich am Tisch Halt suchte, und von dieser Flut regelrecht weggespült wurde. Es schwemmte ihn in eine Ecke, wo er mit dem Kopf anschlug. Für Sekunden war er nicht mehr imstande, klar zu denken.

Auf einmal löste sich der Schiffsrumpf vom Riff, drehte sich wie ein Kreisel, schoss in die Tiefe, wurde wieder emporgeschleudert, drehte sich in der Luft und krachte berstend auf die Oberfläche des Meeres zurück.

Joe Linton wurde von einem Schwall Wasser gepackt, herumgewirbelt, mitgerissen und regelrecht aus der Kajüte herausgespült. Er fand sich wieder in der kochenden See inmitten zersplitterter Rahen und Planken, und er hatte Not, nicht von einem dieser Holzstücke erschlagen zu werden.

Linton entdeckte vor sich einen Rettungsring. Der tanzte wie ein Spielzeug auf der Oberfläche einer Woge herum, schien greifbar nahe, und doch gelang es Linton nicht, ihn zu erreichen. Er schwamm, gab seine letzte Kraft, und wäre um ein Haar noch von einer Rahe erschlagen worden, die auf dem Kamm einer Woge herunterschoss und haarscharf neben Linton ins Wasser stürzte.

Aber Joe Linton hatte sich in seiner Verzweiflung in den Kopf gesetzt, diesen Rettungsring zu erreichen. Er sah ihn immer wieder. Mal tauchte er auf, mal war er verschwunden. Linton biss die Zähne zusammen und schwamm beharrlich in der Richtung, wo er den Ring zum letzten Mal gesehen hatte.

Er wusste nicht, wie lange er versucht hatte, den Ring einzuholen, doch schließlich gewahrte er ihn keine Armlänge von sich. Und noch einmal, als er schon versucht war, aufzugeben und der immer stärker werdenden Müdigkeit nachzugeben, nahm er alle Kräfte zusammen und konnte den Ring packen. Er krallte seine Hände in die Leine, die um den Ring herumlief, riss den Ring zu sich und zog ihn sich über den Oberkörper, streckte die Arme darüber und konnte für ein paar Sekunden lang Luft schöpfen.

Sein Schwimmen hatte ihn aus der größten Gefahr herausgebracht. Dort, hinter ihm, wo er vorhin noch gewesen war, wirbelten noch immer in der kochenden See die Wrackteile herum. Reste des Schiffsrumpfes waren sonst nicht mehr zu erkennen. Der Sturm schien das Achterschiff völlig zerschmettert zu haben.

Erst jetzt empfand Linton die eisige Kälte des Wassers. Aber die Erschöpfung, die ihn umfing, war so stark, dass er einzuschlafen drohte. Die Furcht davor ließ ihn sich auf die Lippen beißen. Er rieb sich die Augen, die ohnehin schon vom Salz brannten. Aber die Schwäche wurde immer größer. Als er sich mit der Rechten über den Kopf fuhr, empfand er einen brennenden Schmerz. Und dann, als er mit der Hand vor die Augen geriet, sah er das Blut an seinen Fingern. Doch schon die nächste Welle hatte es ihm wieder weggespült.

Er schwamm, und er lebte!

Irgendwo dort vorn musste die Küste sein! Irgendwo da vorn lag Cape Cod.

Der Sturm ließ immer noch nicht nach. Brecher ergossen sich über Linton, dass er fürchtete, ertränkt zu werden. Und er bekam Hustenanfälle, würgte und erbrach das geschluckte Wasser.

Aber plötzlich war da vorn ein Licht. Nur einen Augenblick lang sah er es. Dann war es wieder hinter einem Wellenberg verschwunden. Doch wenig später schon wurde er auf die Höhe eines Wellenkammes getragen, sah von der Woge herab dieses Licht in derselben Richtung.

Das Leuchtfeuer von Cape Cod!

Es konnte gar nicht weit sein. Aber er war nicht imstande, zu schätzen, wie groß die Entfernung sein mochte. Der Gedanke an das Licht, an die nahe Küste, an die mögliche Rettung gab ihm neue Energie. Und die Hoffnung war eine Kraft, die ihn wach hielt. Er begann trotz seiner Erschöpfung zu singen - ein Krächzen, ein Würgen, kein Gesang. Aber ihm selbst kam es wie ein Siegesschrei vor. Derselbe Wind, der die „Harmony“ zerschlagen hatte, trieb ihn jetzt der rettenden Küste entgegen. Ein Hurrikan in diesen Breiten! So etwas gäbe es nicht, hatte der Kapitän noch gesagt, als der Sturm begonnen hatte. Der Kapitän musste es jetzt besser wissen. Aber er hatte diese Erkenntnis mit ins nasse Grab genommen.

Die Tatsache, seine Kameraden verloren zu haben, war Joe Linton noch gar nicht richtig klargeworden. Doch jetzt, wo er in dieser brodelnden See trieb, wo es ihn regelrecht auf die Küste zuschwemmte, da begann er zu begreifen, was überhaupt geschehen war.

Je näher sich Linton der Küste zu bewegte, um so wilder gebärdete sich das Meer. Die geringere Wassertiefe war die Ursache für diese harten, kurzen Seen, die hier im Sturm verursacht wurden. Die Brecher schlugen zu wie Äxte. Das Meer war an der Oberfläche fast nur noch weiß. Überall Gischt. Es sah aus wie ein Schneegebirge.

Aber da war der Sturm, der trieb. Und so oft er auch Joe Linton untertauchte, die Zähigkeit des hageren Südstaatlers ließ ihn überleben. Doch mit einem Mal sah er vor sich eine schwarze zerklüftete Wand aufwachsen, und zugleich hob es ihn empor, als sollte er diesen Felsklotz vor sich von oben bewundern dürfen. Die Woge, die ihn hochtrug, schleuderte ihn mit einer Wucht ohnegleichen in Richtung auf das schroffe, zerklüftete Gestein.

In panischer Angst schrie Linton mit überschnappender Stimme. Er ruderte mit Händen und Füßen. Er spürte, wie der Rettungsring an seinen Hüften niederging, über seine Oberschenkel rutschte und schließlich an den Füßen hängenblieb.

Er hörte sich entsetzt noch immer schreien, flog durch die Luft und sah einen schwarzen Felsschlund auf sich zuschießen, gewahrte noch etwas, das aussah wie ein Strauch, dann flog er schon in diesen Schlund hinein.

Hart streifte es seinen Rücken, dann prasselte etwas gegen seine Schulter, und auf einmal meinte er mit Ruten geschlagen zu werden, bevor ein harter Stoß seinen Kopf traf und ihm die Besinnung nahm.

Die Woge flutete auf den Felsen, riss zurück, aber sie nahm Joe Linton nicht mit. Er war in diesem Strauch hängengeblieben, der dort in der Felsspalte vegetierte. Wie ein Stofffetzen hing dieser Mensch innerhalb der Felsspalte in der Umklammerung des Strauches, während noch immer Wasser vom Felsen in die Tiefe floss.

Neue Brecher brandeten gegen den Felsen, aber sie waren schwächer, spülten nicht bis in diese Höhe hinauf.

Waren es Sekunden oder Minuten, die vergangen waren, bis wieder ein gigantischer Brecher eine Wasserflut in die Felsspalte schleuderte, und diese Wasser brandeten um den Körper des Bewusstlosen herum. Die Eiseskälte des Wassers aber war es, die Joe Linton wieder ins Bewusstsein zurückrief. Verwirrt und von Zwangsvorstellungen geplagt, wachte er auf und begriff nicht, wo er sich befand, bis abermals eine Woge emporgeschleudert wurde und sich über ihn ergoss.

Er schnatterte mit den Zähnen vor Kälte, spürte, wie sein ganzer Körper zu erstarren schien, bis der Lebenswille, bis die Angst vor dem Tod seine anderen Empfindungen überwand. Mit einem Mal ging es ihm nur noch darum, am Leben zu bleiben. Er sah nach unten, wo das Meer kochte, wo es sich hob und senkte und wo die größeren Brecher bis zu ihm empor wuchteten.

Als er nach oben blickte, erkannte er, dass sich der Felsriss verbreiterte, und dass es dort noch mehr solcher Sträucher gab wie jenen, in dem er festhing.

Hand über Hand zog er sich nach oben, und es störte ihn nicht, dass seine Hände aufgerissen waren, dass er sich an den Felsen die Fingernägel abbrach, sich die Arme aufriss und die Schultern stieß. Seine Knie waren zerschrammt, vom scharfen Felsenstein aufgeschnitten, aber es ging ums Überleben. Höher und höher zog er sich empor, und bis hier herauf reichte die Macht des Meeres nicht mehr. Nur der Sturm schleuderte seine Kraft in diesen Felsen hinein, presste Linton förmlich an das Gestein.

Aber das konnte ihm nur recht sein. Als er dann höher kam und sich der Felsen etwas abflachte, gerieten seine Hände sogar in Gras. In Gras, das bis in die Felsspalte hineinwuchs. Er zog sich höher und höher. Und dann lag er da wie ein geprellter Frosch, atmete schwer, musste sich abermals erbrechen, wälzte sich zur Seite und entdeckte jetzt, was vor ihm lag.

Grünes Land, Gras vom Sturm gebeugt, aber kein Busch, kein Baum, nur flaches Land.

Als seine Kraft etwas zunahm, kroch er wie ein Tier auf allen Vieren landwärts, immer weiter zum Landinneren hin. Und er schaute nicht zurück zum Meer, zu diesem brandenden Tod, der hinter ihm war.

Er richtete sich auf, torkelte ein Stück, brach zusammen, stemmte sich abermals empor, torkelte weiter, immer landeinwärts.

Und plötzlich sah er es. In einer Mulde lag es, geschützt und kaum von der See her zu erkennen: Ein Haus, aus Feldsteinen gebaut, trotzig und fest wie ein Stück des Felsens selbst.

Ein Haus, in dem Menschen lebten!

Linton wollte schreien, aber mehr als ein Krächzen kam nicht aus seinem Hals. Er torkelte weiter, fiel hin, immer wieder auf die aufgeschlagenen schmerzenden Knie. Aber er spürte es gar nicht. Doch seine Kräfte ließen nach.

Da vorn war dieses Haus, waren Menschen, war die Rettung.

Er torkelte, fiel abermals, und jetzt hatte er nicht mehr die Kraft, auf die Beine zu kommen. Als er versuchte, wenigstens zu knien und auf allen Vieren dahin zu rutschen, da war der Schmerz in den aufgeschlagenen Knien so stark, dass er mit einem Aufschrei abermals hinfiel und dann reglos liegenblieb.

Noch einmal hob er den Kopf, starrte sehnsüchtig zum Giebel des Hauses hinüber, aber niemand war dort, der ihn erspäht hätte, der gekommen wäre, um ihm aufzuhelfen. Resigniert stöhnte er auf, und seine Stirn sank in das weiche Gras.

*

Er war ein kleiner schwarzer Bastardhund. Der Wind trug ihm die Witterung eines fremden Menschen in die Nase. Er stand draußen an diesem Schutzwall, der nach der Seeseite hin um das Haus errichtet worden war. Und immer noch war diese Witterung. Der kleine Schwarze lief los, folgte der Richtung, aus der diese Witterung kam.

Und dann sah er den Menschen, der reglos im Gras lag.

Furchtlos lief er hin, beschnupperte ihn von allen Seiten, und sein Instinkt sagte ihm, dass der Mensch noch lebte.

Der kleine Schwarze reckte den Kopf empor und bellte. Danach spähte er zum Haus hin. Doch da rührte sich nichts. Nun lief der kleine Schwarze auf das Haus zu, hetzte, als sei der Teufel hinter ihm her, und war dann an der Haustür. Die hatte man verschlossen. Er bellte wieder, kratzte an der Tür, scharrte, und endlich wurde die Tür aufgerissen. Aber eine Hand griff nach dem kleinen Schwarzen und eine zweite schlug ihm übers Hinterteil. Dazu sagte eine barsche Männerstimme schimpfend:

„Wie oft habe ich dir gesagt, dass du dieses Gekratze lassen sollst! Die ganze Tür machst du mir kaputt, verdammter Köter!“

Der Hund jaulte auf, drehte sich im Kreis und lief wieder hinaus.

„Jetzt kommst du rein!“, brüllte der Mann. Aber der Hund blieb sitzen, als wollte er, dass der Mann zu ihm käme.

Es war ein mittelgroßer, breitschultriger Mann, dem die Haare bis über die Ohren zum Hals fielen, rotblonde Haare. Sein Gesicht war kantig, zerfurcht, die Nase breit und zerschlagen, die Augen unter buschigen, wulstigen Brauen.

„Was hast du, zum Teufel? Was ist mit dir?“, fuhr er den Hund an. Der kleine Schwarze lief los, blieb dann wieder stehen, sah sich um, wartete, als hoffte er, der Mann werde ihm nachkommen. Aber der Mann kam nicht. Er blieb in der Tür stehen. „Was willst du, zum Teufel?“

Und der Hund lief wieder los, kam wieder zurück, und endlich begriff der Mann.

Er rief über die Schulter ins Haus hinein: „Der Schwarze hat irgendwas. Vielleicht hat er Strandgut entdeckt. Ich sehe mal nach.“

Der Mann schmetterte hinter sich die Tür zu, und dann ging er los. Er trug nur seine Holzpantoffel, hatte eine Fellweste über dem großkarierten Hemd, und die Hosenbeine seiner groben Drillichhose waren hochgekrempelt bis zu den Knien. Behaarte sehnige Waden lugten darunter hervor.

Der Hund lief voraus, blieb wieder stehen und schaute über die Schulter zurück, ob sein Herr auch wirklich folgte. Aber der Mann schlurfte dem Hund nach, und wenig später sah er selbst, was sein Schwarzer gefunden hatte.

Er wälzte den Bewusstlosen auf den Rücken, blickte diesen jungen Mann an, kniete sich neben ihn, fühlte den Puls, und als er sicher war, dass dieser brünette, gutaussehende junge Mann noch lebte, da hob er ihn auf die Arme und trug ihn wie ein Kind.

Joe Linton war kein Leichtgewicht, aber für den untersetzten, muskulösen Dick Pitchard stellte er keinerlei Gewichtsproblem dar. Pitchard hatte mit seiner bulligen Kraft schon ganz andere Leute und Lasten geschleppt.

Wenig später brachte Dick Pitchard den noch immer Ohnmächtigen ins Haus.

Drinnen erhellte eine hell brennende Karbidlampe die Wohnstube. Wie meist in dieser Gegend, war sie der Wohnraum jener Menschen, die hier lebten, und barg die Küche ebenso wie die Schlafstätten der Bewohner. Das Herz des Raumes war ein etagenartig aus Feldsteinen gebauter Ofen, der auf der einen Seite ein Kaminfeuer enthielt und auf der anderen Seite eine Herdstätte.

Im Rauchfang über dem Herd hingen Schinken, deren verlockender Duft das ganze Zimmer erfüllte.

Das Feuer auf der Herdfläche brannte, und die Flammen erhellten das derbe Gesicht einer etwa fünfunddreißigjährigen Frau. Sie hatte ihr rotblondes Haar straff zum Knoten gebunden. Aus grünen Augen blickte sie dem Fremden entgegen, den Dick Pitchard auf den Armen hielt. Ihr waschblaues Kleid reichte bis zum Boden, und im Augenblick rieb sie sich ihre Hände an der geblümten Schürze ab, die sie vorgebunden hatte.

„O du mein Gott!“, rief sie bestürzt und kam ihrem Mann entgegen. Sie half ihm, den Bewusstlosen auf die Ofenbank zu legen, stopfte ihm ein Kissen unter den Nacken und sagte: „Er sieht aus, als hätte ihn die See angespült.“

Dick Pitchard nickte: „Natürlich, er ist von einem Schiff. Der Sturm hat wieder seine Opfer gehabt. Hol den Tee!“

Die Frau nickte nur, ging zum Herd und brachte die Teekanne, die dort zum Wärmen bereitstand. Sie goss in einen Blechbecher, von denen einige an der Ofenwand am Haken hingen.

Dick Pitchard rieb die Schläfen, dann aber auch den Puls des Bewusstlosen. Und dies schien Wirkung zu haben. Joe Linton kam zu sich. Er stöhnte, krächzte dann etwas, und das Salzwasser, das er geschluckt hatte, stiess ihm auf. Verwirrt sah er sich um.

Erst jetzt löste sich die Anspannung in Dick Pitchards zerfurchtem Gesicht. Ein Lächeln stahl sich um seine Lippen, und in den Augen blitzte so etwas wie Freundlichkeit auf, das gar nicht zur Härte der ganzen Erscheinung passte, die dieser Mann bot.

Der kleine schwarze Hund saß neben dem Lager des Fremden, hatte den Kopf zur Seite geneigt und schaute interessiert zu jenem Menschen empor, den er entdeckt hatte. Er wartete auf ein Lob seines Herrn, aber der hatte sich um seinen Hund bis jetzt noch nicht gekümmert.

Als sei es Gedankenübertragung, warf Dick Pitchard nun einen Blick auf den kleinen Schwarzen und meinte: „Du warst brav, Kleiner. Komm mal her!“

Die mächtige Pranke Pitchards näherte sich dem kleinen Schwarzen, strich ihm über Kopf und Hals, kraulte ihm an der Kehle, und der kleine Schwarze jaulte vor Freude und Stolz.

Indessen hatte Joe Linton seine Befangenheit überwunden. Er begann zu begreifen, dass er gerettet war, dass die See ihn nicht behalten hatte. Und zugleich erschien ihm all das, was hinter ihm lag, wie ein böser unwirklicher Traum. Er spürte, wie eine Hand seinen Oberkörper aufrichtete, wie ihm etwas Heißes an die Lippen gesetzt wurde, und er schluckte fast automatisch. Mit jedem Schluck heißen Tee, der seinen Hals hinunterrann, schien neues Leben in ihn zurückzukehren.

Er hielt jetzt die Tasse selbst, und blickte, nachdem er getrunken hatte, in das Gesicht der Frau. Er betrachtete ihre dünnen, kaum sichtbaren Augenbrauen, die grünen Augen, die kurze, ein wenig nach oben geneigte Nase, den volllippigen Mund, die breiten Backenknochen, die übersät waren mit Sommersprossen. Etwas in dem Gesicht zog ihn an. Er fand es sympathisch und freundlich.

Nun wandte er sich dem Mann zu. Gesichter dieser Art hatte er schon oft genug auf den Schiffen erlebt. Es war ein hartes Gesicht, das Gesicht eines Mannes, der viel an der frischen Luft war, tief gebräunt und von den Runen eines arbeitsreichen Lebens gezeichnet. Vielleicht das Gesicht eines Seemannes. Hellblaue Augen, leuchtend fast im Schein der Karbidlampe, ein breites, wulstiges Kinn, die Nase aus der Form und zerschlagen wirkend. Nach Joe Lintons Schätzung musste der Mann Mitte oder Ende Vierzig sein.

„Wo bin ich hier?“, fragte er.

„Fragen wir lieber einmal, woher du kommst, lieber Freund“, entgegnete Dick Pitchard.

„Ich bin der Bootsmann des Gaffelschoners Harmony.“

Pitchard machte schmale Augen. In seinem Blick war deutliches Misstrauen. „Woher kommt das Schiff?“, fragte er.

„Charleston“, erwiderte Joe Linton. „Wir hatten Order, unseren bei Island gefangenen Fisch in Boston abzusetzen. Ist dieses Land hier Cape Cod?“

Pitchard nickte. „Der Sturm hat euch zu weit nach Süden getrieben. Statt in die Bostoner Einfahrt seid ihr auf die Riffe von Cape Cod geraten. Die Brandung hat euch zerschmettert. Wo sind die anderen?“

Joe Linton schüttelte den Kopf. „Da sind keine anderen“, erklärte er. „Wir waren fünf. Ich bin der einzige, der es überlebt hat.“

Die Frau presste entsetzt die Faust vor den Mund. „O du lieber Gott!“, hörte Linton sie stöhnen.

„Du bist also allein“, sagte Pitchard und warf der Frau einen kurzen Blick zu. „Du hast gehört, Sheila, er ist allein. Und nun mach etwas zu essen für ihn!“

Die Frau erwiderte den Blick, und Joe Linton war es, als sei sie erleichtert. Pitchard aber wandte sich wieder Joe Linton zu und sagte: „Du bist also ein Südstaatler, einer von diesen verdammten Rebellen, was?“

Er lachte hart, aber es klang gar nicht freundlich.

„Ja, ich bin ein Südstaatler“, erwiderte Joe, „aber der Krieg ist vorbei. Es sind schon fünf Jahre Frieden.“

Pitchard schüttelte den Kopf. „Mach dir nichts draus. Ich habe nichts gegen die Rebellen.“

Joe Linton antwortete nicht, sondern blickte zu der Frau hinüber, die wieder am Feuer stand und dort hantierte. Der Duft von gebratenem Speck drang Linton in die Nase und rief Empfindungen in ihm hervor, die er, ob er nun wollte oder nicht, einfach nicht unterdrücken konnte. Der Hunger meldete sich. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Als er aber Dick Pitchard anblickte, hatte er nicht unbedingt das Gefühl, einen Freund anzusehen.

„Ich kann ja wieder gehen, wenn ihr mir sagt, wo ich hin muss. Sicher gibt es hier einen Küstenschutz. Ich muss auch der Küstenwache melden, was bei uns passiert ist...“

Zu Lintons Überraschung schüttelte Pitchard den Kopf. „Kommt nicht in Frage, Junge. Du bleibst hier!“, erklärte er entschieden. „Das mit der Küstenwache, das regele ich. Du brauchst niemandem etwas zu melden. Und außerdem ist es weit von hier zum nächsten Haus. Ein gutes Stück bis nach Chatham sind es fünfzehn Meilen. Außerdem bist du noch viel zu schwach“, fügte er leichthin seinen Worten hinzu.

„Aber ich will euch keine Umstände machen“, erklärte Joe Linton und nannte seinen Namen.

„Was sind Namen?“, rief Dick Pitchard. „Namen sind Schall und Rauch. Ich werde dich Reb nennen. Du kannst Dicky zu mir sagen. So nennt sie mich. Und sie heißt Sheila. Sag Sheila zu ihr! Das genügt.“

Joe fand es merkwürdig, dass sie ihren Nachnamen nicht nennen wollten, aber vielleicht hatte es nichts weiter zu bedeuten. Er mochte sie auch nicht danach fragen. Jetzt konnte er froh sein, bei ihnen leben zu können, nach all dem, was hinter ihm lag.

Die Frau hatte ihm Eier in die Pfanne geschlagen, und er aß sie wenig später direkt aus der Pfanne heraus. Ihm kam es vor, als wäre das die beste Mahlzeit seines Lebens. Dicky und Sheila sahen ihm dabei zu. Offensichtlich verspürten sie keinen Hunger. Als er dem kleinen Schwarzen, der ihn gefunden hatte, etwas abgeben wollte, sagte Pitchard schroff: „Du musst ihn nicht verwöhnen. Auch wenn er dich gefunden hat, braucht er keine Sonderration.“

Linton gab ihm dennoch etwas, und der kleine Schwarze quittierte das mit einem freudigen Bellen.

Sheila lächelte dazu, während Pitchard aufstand, zu dem kleinen Fenster ging, das zur Seeseite hin lag und nach draußen blickte. Ohne sich umzudrehen, sagte er von dort: „Der Sturm lässt nach. Ich will mal hinausgehen. Wenn da ein Schiff gesunken ist, spült es mitunter die Trümmer bis auf die Felsen empor. Wenn ihr auch bloß Fisch geladen hattet, so könnte doch allerlei dabei sein, was wir brauchen können. Komm, Schwarzer, du gehst mit! Du hilfst mir suchen!“

Pitchard zog sich sein Ölzeug über, stülpte sich den Südwester auf das lange rotbraune Haar, und dann war er draußen. Hinter ihm knallte die Tür zu, als sei ein Schuss gefallen.

Joe Linton sah die Frau dankbar an, als sie ihm noch ein Stück Brot reichte. Es war hartes, von Maismehl gebackenes Brot, und Joe Linton kam es vor wie das beste und feinste Gebäck.

„Ich möchte Ihnen und Ihrem Mann nicht zur Last fallen“, erklärte Joe. „Wenn Sie mir den Weg zeigen, gehe ich bald.“

Die Frau schüttelte lächelnd den Kopf. „O nein, legen Sie sich hin und schlafen Sie! Sie brauchen Erholung. Sie sind ja völlig erschöpft. Sie werden sehen, wenn Sie jetzt gegessen haben, sind Sie auch bald müde. Machen Sie sich keine Gedanken. Sie fallen uns nicht zur Last. Ich werde Ihnen drüben ein Lager bereiten. Ein Bett können wir Ihnen nicht bieten. Aber es ist ein großer Heusack da. Den werde ich Ihnen stopfen.“

„Machen Sie sich doch nicht solche Mühe. Ich kann es tun. Ich möchte nicht, dass Ihr Mann das Gefühl hat, ich machte Ihnen noch Arbeit“, erklärte Joe.

Sie war schon auf dem Weg zu einem selbstgezimmerten, wuchtigen Schrank, der drüben an der Wand stand. Nun drehte sie sich um, sah ihn lächelnd an und sagte: „Er ist nicht mein Mann! Aber fragen Sie jetzt nicht. Fragen Sie möglichst überhaupt nicht. Es ist für uns nicht gut, dass er Sie gefunden hat. Ich möchte nicht, dass er auf verzweifelte Ideen kommt.“

Joe Linton begriff kein Wort. Er sah sie ratlos an und fragte schließlich: „Wieso auf verzweifelte Ideen?“

„Sie sollten nicht fragen. Je weniger Sie wissen, umso besser für Sie, glauben Sie mir! Ich meine es gut mit Ihnen. Sie bekommen alles, was Sie brauchen. Wir helfen Ihnen weiter. Aber fragen Sie nicht! Und vor allen Dingen drängen Sie nicht darauf, zu den Behörden zu gehen. Sie dürfen nicht zu den Behörden gehen, verstehen Sie!“

„Aber warum ...?“, wollte Joe Linton fragen. Doch sie schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab.

„Fragen Sie nicht! Wir sind gut zu Ihnen. Wir versuchen Ihnen zu helfen und Ihnen alles zu geben, was Sie brauchen. Ich habe Ihnen meine letzten Eier gegeben. Und Sie bekommen auch trockene Sachen von mir. Da drüben liegen sie. Ich hoffe, sie passen Ihnen. Sie stammen von meinem Mann.“

Joe Linton sah sie überrascht an. „Ihrem Mann?“, fragte er.

Sie nickte nur. „Er ist tot. Er braucht die Sachen nicht mehr, und Dicky passen sie nicht. Sie können sich davon nehmen, was Sie wollen.“

Joe Linton hatte eine Ahnung, eine bange Ahnung, wie er sich sagte.

„Hat der Tod Ihres Mannes etwas mit Dicky zu tun?“, erkundigte er sich.

Jetzt war sie es, die überrascht dreinblickte. „Mit Dicky? Nein, mit Dicky nicht - ach so, jetzt begreife ich, was Sie meinen.“ Sie lachte leise auf. „O nein“, erklärte sie, „so ist es nicht. Im Gegenteil. Er hat versucht, meinen Mann zu retten. Mein Mann ist vorne an der Steilküste abgestürzt. Er war sofort tot. Dicky hat das aber nicht gewusst. Er ist trotzdem unter Lebensgefahr hinuntergeklettert, um ihn heraufzuholen. Aber er hat nur einen Toten gefunden und heraufgebracht. Wir haben ihn hinter dem Haus begraben.“

„Ist es schon länger her?“, fragte Joe und erschrak insgeheim über sein plötzliches Interesse.

Sie schien bei der Frage nichts zu finden, und erwiderte arglos: „Es ist schon gut einen Monat her. Seitdem sind wir hier allein. Niemand weiß von Dicky.“ Sie legte die Decke beiseite, setzte sich neben Joe auf die Ofenbank. „Ich habe Angst“, sagte sie. „Er will natürlich nicht, dass jemand herkommt. Sie dürfen ihm nichts sagen, was ich Ihnen erzählt habe. Sagen Sie es ihm nicht, aber sagen Sie es auch keinem anderen.“

„Warum haben Sie es mir dann erzählt?“, fragte er.

Sie blickte ihn voll an. „Wollen Sie mir helfen?“

Er war ein wenig ratlos und fragte irritiert: „In welcher Form könnte ich Ihnen helfen?“

„Bleiben Sie hier! Bleiben Sie bei uns!“

Joe Linton begann zu ahnen, dass sie sich vor Dicky Pitchard fürchtete. „Haben Sie Angst, dass er Ihnen etwas antut?“, wollte er wissen.

„Wir leben zusammen wie Mann und Frau“, erwiderte Sheila. „Was sollte ich denn machen? Ich war allein, allein mit ihm. Und er war ein Freund meines Mannes. Er ist hier zu uns geflüchtet.“

„Geflüchtet?“ Joe Linton sah sie verblüfft an. „Geflüchtet? Wovor?“

„Aus dem Gefangenenlager. Er ist ein Strafgefangener. Es ist nichts Schlimmes, was er getan hat. Er hat geschmuggelt. Das tun viele hier, und woanders sicher auch. Sie haben ihn eingesperrt.“

Erleichtert meinte Joe Linton: „Wenn es weiter nichts ist.“

„Aber bei seiner Flucht“, fuhr sie fort, „hat er einen Wachtposten erschlagen. Sie haben ihn lange gesucht. Nur hierher sind sie nicht gekommen. Aber ich bin sicher, sie suchen ihn noch. Wenn irgendwer erführe, dass er hier ist, dann wird es schlimm für ihn. Verstehen Sie? Ich möchte nicht, dass sie ihn finden. Aber möchte auch nicht mit ihm immer allein sein. Bleiben Sie hier.“

„Aber wovon leben wir denn? Ich habe kein Geld. Ich habe nichts. Und er wird auch nichts haben.“

„Das stimmt“, gab sie zu. „Und ich habe mein letztes Geld vorige Woche in den Ort getragen, nach Chatham. Die Lebensmittel und all das, was ich dort geholt hatte, sind längst verbraucht. Wir besitzen nur noch Mehl für Brot und ein paar Schinken. Das ist alles.“

Bevor er etwas dazu sagen konnte, wurde die Tür geöffnet, und zusammen mit einem Windstoß trat Pitchard in den Raum.

Er zog sich den Südwester vom Kopf, blickte erst die Frau, dann Joe Linton an und sagte mit einer barschen, drohend klingenden Stimme: „Es ist wahr. Ein Schiff ist draußen an den Riffen zerschellt. Stücke davon habe ich sehen können. Aber nichts von Wert wurde bis jetzt angeschwemmt. Das Meer ist auch noch viel zu heftig.“ Er kam zwei, drei Schritte auf Joe Linton zu und fuhr fort: „Hast du Geld bei dir?“

Joe schüttelte den Kopf. „Nichts. Ich habe nur mein Leben gerettet. Das ist alles.“

„Schlecht für dich, Reb. Wovon sollen wir leben? Sheila, hast du ihm gesagt, was wir noch besitzen?“ Sie nickte. „Ach, wir werden schon irgendwie durchkommen. Dann müssen wir uns eben etwas besorgen. Notfalls bei Nacht.“

„Bei Nacht? In dieser Gegend, wo jeder drei, vier Hunde hat? Wo einer auf den anderen aufpasst? Oder etwa in Chatham, wo es mehr Zöllner und Polizisten gibt als Bürger?“

„Irgendwie werden wir das schon hinkriegen“, meinte Sheila.

Dicky setzte sich neben Joe auf die Ofenbank und meinte: „Frauen glauben immer, dass wir Männer zaubern können. Aber ich kann nicht zaubern. Du brauchst sie auch nicht so anzusehen. Sie gehört mir, Reb. Hast du verstanden? Mir gehört sie.“

„Ich sehe sie ja gar nicht irgendwie an. Was willst du denn?“, meinte Joe Linton.

Drohend erwiderte Dicky: „Ich wollte es dir nur sagen. Wollte dir sagen, dass sie mir gehört. Vergiss es nicht!“

„Vielleicht ist es am besten, wenn ich gehe“, erklärte Joe. „Zeig mir den Weg zur Stadt! Ich werde verschwinden. Und ich rede auch mit niemandem.“

Dicky warf Sheila einen forschenden Blick zu, aber sie wandte sich ab, und er konnte nicht erraten, ob sie Joe alles gesagt hatte oder nicht. Schließlich fragte er: „Hast du mit ihm gesprochen?“

„Sie hat mir gesagt“, erklärte Joe, „dass es besser wäre, wenn ich nicht mit den Leuten redete. Sie will mir nicht erklären, warum. Aber vielleicht sagst du mir’s.“

„Einen Teufel werde ich tun! Und du bleibst hier! Ich will nicht, dass herumgequatscht wird! Du hättest ihm das gar nicht sagen dürfen“, fuhr er die Frau an. Dann stand er auf, baute sich breitbeinig und mit den Fäusten in den Hüften vor Joe auf und sagte: „Du lässt die Finger von ihr, und du starrst sie auch nicht an! Du bleibst hier, und wir beide werden sehen, wo wir etwas zu essen bekommen. Das ist alles.“

Joe nickte, als sei er einverstanden, beschloss aber, bei der ersten sich bietenden Gelegenheit aus diesem Haus wegzugehen. Das alles war ihm unheimlich. Einesteils froh, überlebt zu haben, fürchtete er in einen neuen Schlamassel hineingeraten zu sein. Trotzdem überwog die Dankbarkeit für seine Rettung. Und als er sich später auf den Heusack legte, war sein letzter Gedanke, dass er trotz allem für das Geschenk eines neuen Lebens sehr glücklich sein könnte.

Erschöpft schlief er fast ohne Übergang ein.

Dicky und Sheila waren noch angekleidet, sahen auf den schlafenden Mann, der drüben im Winkel lag, und Sheila sagte: „Er ist ein anständiger Kerl. Tu ihm nichts zuleide.“

„Warum soll ich ihm etwas zuleide tun?“, erwiderte Dicky, aber es klang nicht sehr glaubwürdig. Die Frau hatte das Gefühl, dass er zu überlegen schien, wie er diesen unerwünschten Fremden beseitigen konnte.

Dicky selbst offenbarte seine Gedanken nicht, sondern wandte sich ab, ging zur Tür und sagte über die Schulter hinweg: „Schwarzer, komm mit! Wir gehen noch ein Stück hinaus. Ich brauche frische Luft. Hier drin ersticke ich.“

*

Das Heulen des Sturmes um das Haus hatte sich gelegt. Als Pitchard die Tür öffnete, kam nicht, wie vorhin noch, ein eisiger Hauch herein. Im Gegenteil, es war unwirklich still draußen. Das Rauschen des Meeres schien so fern, so weit weg, dass auch Sheila den Kopf hob und sagte: „Wie herrlich, der Sturm ist vorbei. Es ist ganz still.“

Pitchard, der schon draußen stand, hob den Kopf und blickte zum Himmel. „Man kann die Sterne sehen“, sagte er. Dann aber vernahm er Geräusche vom Land her, die seine ganze Aufmerksamkeit bannten.

Als er in die Richtung blickte, aus der diese Geräusche kamen, entdeckte er auf einmal Lichtschein. Und wenig später sah er über dem Hügelkamm eine ganze Kette von Lichtern wandern: Fackeln.

Der Fackelzug näherte sich dem Haus an der Küste. Wie es schien, folgten die Fackelträger genau dem Weg, der hierher führte. Das Klappern vieler Hufeisen schallte in Dick Pitchards Ohren wie dröhnendes Meißeln.

Ein paar Augenblicke lang stand er wie gelähmt. Dann aber wandte er sich um, lief ins Haus, schloss hastig die Tür und blickte Sheila in panischer Verzweiflung an. „Sie kommen. Viele, mit Fackeln.“

Sheila presste die Hand vor den Mund, warf dann einen entsetzten Blick auf den Mann in der Ecke, der tief und fest schlief.

„Geh weg!“, sagte sie dann. „Nimm deine Sachen und verschwinde! Sie werden dich bei Nacht nicht finden. Du könntest dich an der Küste verbergen. Er ist ja hier. Ich werde ihnen erzählen, was passiert ist mit ihm, und von dir kein Wort.“

„Und der Hund?“, fragte Dick Pitchard und blickte den kleinen schwarzen Bastard an, der zu ihm aufschaute. „Der läuft dann meiner Spur nach und führt sie zu mir, was?“

„Dann nimm ihn doch mit. Wenn er bei dir ist, kann er nicht bellen.“

„Und dann verrät er mich, wenn ich es nicht mehr erwarte. Sperr ihn ein! Oder besser noch, ich nehm ihn doch mit.“

„Aber tu ihm nichts! Dass du ihm nichts tust!“, rief Sheila, der eine plötzliche Ahnung kam.

Auch der kleine Schwarze schien etwas zu ahnen und erwartete wohl nichts Gutes von Pitchard. Er lief hinten in die Ecke, wo Joe lag, sprang über ihn hinweg und schmiegte sich an seine Hüfte an, als gehöre er zu ihm.

„Er wird dich nicht suchen. Geh schnell, geh! Noch ist Zeit. Wo sind sie denn?“

„Oben am Knick“, erwiderte Pitchard. Er raffte seine Sachen zusammen, auch den Südwester, zog ihn sich wieder über und griff dann nach einem doppelläufigen Schrotgewehr, das in der Ecke stand.

„Wo ist das Pulver?“, fragte er, und Sheila deutete auf den Schrank. Er holte sich die Pulverflasche, die Bleizange und etwas Blei heraus, stopfte es sich in die Taschen und rief Sheila zu: „Dreh das Licht kleiner. Sie können mich ja sehen, wenn ich die Tür öffne.“

Kurz darauf war er verschwunden. Sheila löschte die Karbidlampe, öffnete die Tür und spähte hinaus in die Nacht. Drüben waren die Fackelreiter jetzt so gut zu sehen, dass sie die Fackeln zählen konnte. Einundzwanzig waren es, und sie näherten sich rasch. Das Geklapper der Hufeisen zeigte, wie rasch die Reiter vorankamen. Der Lichtschein geisterte gespenstisch durch die Nacht. Von See her ertönte das Rollen der Brandung, ein ständiges Wummern und Rauschen, das zu Sheilas Alltag gehörte, seit sie hier lebte.

Von Dick Pitchard hörte und sah sie nichts. Sie wandte sich ab, ging ins Haus hinein, schloss die Tür und stieß den Riegel vor. Dann zündete sie die Karbidlampe wieder an und leuchtete im Haus, ob nicht noch irgend etwas war, das auf Pitchard hindeutete. Sie fand seine Pfeife und verstaute sie im Schrank. Sonst schien nichts mehr an ihn zu erinnern.

Kurz darauf sprang der kleine Schwarze von seinem Lager auf und begann zu bellen. Er lief zur Tür, rannte hin und her, bellte wieder, und kurz danach erscholl draußen ein Kommando. Ein Pferd wieherte, ein anderes schnaubte, und eine barsche, schnarrende Männerstimme rief:

„Sheila, hier ist Commander Smith. Sheila, mach uns auf!“

Sheila öffnete die kleine Klappe an der Tür und sah draußen im Licht der vielen Fackeln die uniformierten Polizisten, und in ihrer Mitte den korpulenten, wuchtigen Commander Smith, dessen breites, schnauzbärtiges Gesicht sie unter Tausenden herausgefunden hätte.

Sie öffnete die Tür, stemmte die Hände in den Türrahmen und blickte den Männern entgegen.

Zwei der Polizisten waren abgesessen und kamen nun auf die Haustür zu. Der bullige Commander selbst stieg ächzend vom Pferd und kam dann ein wenig steifbeinig hinter seinen Polizisten her. Alle drei blieben sie vor Sheila stehen und sahen sie an.

„Wo ist dein Mann, Sheila?“, fragte Commander Smith.

„Er ist tot“, erwiderte Sheila. „Drüben hinterm Haus ist er begraben. Abgestürzt ist er.“

„Und du verständigst keinen Sheriff und niemanden?“, fragte der Commander und zwirbelte sich seinen Schnurrbart.

„Ich bin noch nicht dazu gekommen. Es ist ein weiter Weg bis Chatham. Und ich muss ihn zu Fuß gehen. Ich kann nicht mit einem Pferd kommen wie ihr.“

„Du hättest es dem Postboten sagen können.“

„Den habe ich seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Was wollt ihr noch?“

„Hast du einen Mann in deinem Haus? Es ist jemand, der einen fremden Mann gesehen hat!“

„Wer ist dieser Jemand?“, fragte Sheila.

„Das brauche ich dir nicht zu sagen. Ich kenne dich sehr lange, Sheila. Und ich weiß, was ich weiß. Ich frage dich noch einmal. Hast du einen Mann im Haus, einen fremden Mann?“

Völlig überraschend für Smith erwiderte Sheila: „Ja, den habe ich im Haus. Aber er ist nicht schon länger in meinem Haus. Und es kann ihn auch niemand gesehen haben, jedenfalls nicht vor heute Abend. Es ist ein Seemann. Sein Schiff ist gestrandet. Er ist der einzige von fünf Männern, der es überlebt hat. Sein Schiff hieß Harmony und stammte aus Charleston. Ein Gaffelschoner, ein Fischer. Er liegt in meinem Zimmer und schläft, so erschöpft, dass er noch nicht einmal von dem Lärm, den ihr macht, wach geworden ist. Ihr könnt ihn euch ansehen.“

Das breite Seehundsgesicht von Commander Smith entspannte sich zu einem Lächeln, und dabei erschien Sheila der Kopf noch breiter als zuvor. Smith strich sich über seinen Bart und sagte dann, als hätte ihm Sheila einen amüsanten Witz erzählt, eine nette Geschichte: „Sehr interessant! Sehr interessant! Man merkt richtig, wie du dir dein Köpfchen angestrengt hast.“

„Aber ich ...“

Smith war mit einem Mal ernst geworden, warf aus den Augenwinkeln heraus einen Blick auf die beiden Konstabler an seiner Seite, blickte dann aber wieder fest auf Sheila und sagte: „Ich will dir etwas sagen, Mädchen. Wie ich schon bemerkt habe, kenne ich dich schon sehr lange. Du warst schon beizeiten ein lebenslustiges Ding. Man könnte auch sagen, dass du ein ziemlich zügelloses, ungehemmtes Frauenzimmer gewesen bist, schon als junges Mädchen. Daran scheint sich nichts geändert zu haben. Wir suchen Richard Pitchard. Sie nennen ihn Dicky. Ich sehe dir an, dass du weißt, von wem ich spreche. Wo ist er?“

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst“, behauptete Sheila. „Hier im Haus ist keiner, der Richard oder Dicky Pitchard heißt.“

„Er muss nicht hier im Haus sein. Hör einmal!“

Commander Smith drehte sich halb herum, deutete in die Nacht hinaus und nun hörte auch Sheila das Rumpeln eines Wagens.

„Weißt du, was wir mit dem Wagen bringen?“, fragte der Commander. Er blickte Sheila mit einem schiefen Grinsen an. „Du errätst es nicht. Auf diesem Wagen sind Hunde, fünf hervorragende Bluthunde. Sie werden den Mann finden, den ich suche. Aber jetzt erst einmal zu dem, von dem du behauptet hast, er wäre mit einem Schiff gestrandet. Wahrscheinlich ist es einer von den Komplizen Pitchards oder einer der Schmuggler, denen wir schon lange auf der Spur sind. Auch dein Mann war einer. Deswegen hat sich Pitchard hierher geflüchtet. Die beiden kannten sich. Mach Platz, Sheila! Lass mich ins Haus!“

Der kleine Schwarze kam, kläffte und wollte den Commander ins Bein beißen. Aber so dick der Commander auch sein mochte, er war behende und gab dem Hund einen Tritt, dass er ein Stück weit durch die Luft flog. Sheila schrie auf und nahm den kleinen Schwarzen rasch in die Arme, bevor er einen Schlag mit einem Gummiknüppel bekam, denn einer der Konstabler hatte schon ausgeholt, dann aber ergossen sich die Polizisten wie ein Schwall Wasser ins Haus.

„Ihr Teufel!“, schrie Sheila.

Keiner kümmerte sich um sie, und im Handumdrehen versammelten sich sechs von ihnen um den noch immer schlafenden Joe Linton.

Aber nun wurde er doch allmählich munter. Er schien unruhig, wälzte sich auf den Rücken, aber da war das Licht der Laterne, mit der sie ihn anleuchteten. Die Helligkeit störte ihn im Schlaf. Er rollte sich auf die Seite.

Draußen war inzwischen der Pferdewagen angekommen. Jemand hatte die Tür geöffnet, um die Hunde herauszulassen. Und mit einem Mal übertönte das Gebell der Tiere alle anderen Laute.

Smith, der noch vor Joe Linton stand, wandte sich um und rief einem seiner Männer zu: „Sergeant, unterstützen Sie mit sechs Mann den Hundeführer. Und nicht lange fackeln. Wenn er nur andeutungsweise Widerstand leisten will, dann macht von der Schusswaffe Gebrauch.“

Das Bellen der Hunde und vielleicht auch die Stimme von Commander Smith weckten Joe Linton endgültig auf. Er war wie benommen. Er hörte die vielen Menschen, wusste aber nicht, wo er sich befand, und in seiner Erinnerung war das Geschehen der letzten Stunde an Bord noch so übermächtig, dass er alles durcheinander brachte. Er wähnte sich noch auf dem Schiff, blinzelte in das Licht der Laterne und versuchte etwas von dem zu erkennen, was da um ihn herum war.

Sheila mühte sich vergeblich, sich durch den Ring der Männer zu drängen, um etwas zu Joe zu sagen, um ihn aufzuklären und ihn dazu zu bringen, nicht von Pitchard zu reden.

„Steh auf!“, bellte Smith den noch immer wie benommen daliegenden Schiffbrüchigen an. „Steh auf, zum Teufel! Du verdammter Schmugglerhund! Mach, dass du hoch kommst! Das hättest du nicht gedacht, was? Aber ich kriege euch alle, alle miteinander, einen nach dem anderen. Hoch mit dir!“

Zwei der Konstabler packten Joe und rissen ihn hoch.

Joe war viel zu geblendet, um zu erkennen, dass es Konstabler waren. Polizisten also, deren schwarzblaue Uniformen mit den silbernen Knöpfen außerhalb des Lichtkegels der Lampe nicht besonders hervortraten. Die silbernen Nummern am Kragenspiegel hätten ihm auffallen müssen. Aber wie gesagt, er war geblendet vom Licht, spürte nur, dass sie ihn packten, herumbeutelten, und da überkam ihn der Zorn. Mochte er noch so geschwächt sein, er war es nicht gewohnt, dass ihn jemand anpackte und herumbeutelte. Deshalb wehrte er sich.

Der Polizist, der rechts neben ihm stand, bekam es als erster zu spüren. Ihn boxte er in die Magengrube. Sobald er losgelassen war, wirbelte er herum, rammte dem Mann an seiner anderen Seite den Kopf unters Kinn und schlug ihn zugleich mit beiden Fäusten in den Unterleib.

Der Mann schrie auf, brach zusammen, und sofort warfen sich drei andere auf Joe. Aber jetzt hatten sich seine Augen an das Licht gewöhnt. Er sah die drei auf sich zukommen, sprang den in der Mitte wie ein Tiger an, rammte ihm das Knie in den Leib, und als beide gemeinsam zu Boden stürzten, war plötzlich der Hund da.

Er musste Sheila von den Armen gesprungen sein und schoss nun wie ein kleiner schwarzer Teufel zwischen die Kämpfenden. Die beiden anderen Polizisten waren vollauf mit ihm beschäftigt, da er versuchte, ihnen in die Beine zu beißen. So hatte Joe Linton freie Hand. Er kam wieder auf die Beine, wollte erneut auf den Mann losgehen, der immer noch am Boden lag und sich vergeblich aufzurichten suchte, da tauchte vor Joe die wuchtige Figur des Commanders auf. Als ihm Joe die Faust in das breite Seehundsgesicht schmetterte, schrie Smith auf und torkelte ein paar Schritte weit zurück, und Joe wollte ihm nach. Aber dazu kam es nicht mehr.

Einer der Polizisten schlug mit dem Schlagstock zu, und Joe stürzte wie ein gefällter Baum zu Boden. Der Hund, der noch immer herumquirlte, bekam einen zweiten Schlag, der ihn durch die Luft schleuderte bis hinten an die Wand, wo er schlaff heruntersackte.

Sheila schrie schrill auf und wollte auf den Polizisten losgehen, aber zwei andere hielten sie fest.

Smith, der sich ein Taschentuch vor die blutende Nase presste, trat neben dem am Boden liegenden Joe und würgte nur ein einziges Wort heraus: „Handschellen!“

Zwei der Konstabler, die bei dem Kampf ihre Korkhelme verloren hatten, legten dem Bewusstlosen Handschellen an. Die anderen Männer waren noch völlig damit beschäftigt, die Schläge zu verdauen, die ihnen Joe Linton beigebracht hatte.

„Warum haben Sie ihn so behandelt?“, schrie Sheila. „Er ist absolut unschuldig. Er ist ein Schiffbrüchiger. Er hat gar nicht gewusst, was ihr von ihm wollt.“

Der dicke Smith hielt sich das Taschentuch vor die Nase, weil sie blutete, und seine Stimme klang gedämpft, als er sagte: „Wir werden ihn mitnehmen, diesen verdammten Schmugglerhund. Und wir werden auch den anderen finden. Wir werden ...“

Von der Küste her krachten Schüsse. Erst zwei, dann nach einer Weile noch ein einzelner, und die Hunde bellten wie irre.

Vielleicht war es das Gebell, dass den kleinen Schwarzen wieder aus seiner Ohnmacht erweckte. Erst fiepte er, dann bellte er ebenfalls, und Sheila, die neben ihm kniete, wollte ihn noch halten, aber da war er schon draußen.

Smith tupfte sich wieder die aufgeplatzte Nase ab und knurrte in mürrischem Triumph: „Jetzt haben sie ihn. Und du wolltest uns sagen, er wäre nicht hier.“

Mit verzerrtem Grinsen sah er Sheila an. Aber sie erwiderte den Blick mit allem Hass, zu dem sie fähig war.

„Ihr Bestien“, keuchte sie. „Ihr seid bösartige Bestien. Dieser Mann hat euch nichts getan, und mein Hund auch nicht.“

Smith schien seiner Sache sehr sicher zu sein. Er stemmte die Arme in die Hüften und erwiderte zornschnaubend: „Mörder werden in diesem Staat aufgehängt. Und ich bin sicher, dass sie dich aufhängen, Sheila, dich und Pitchard. Bei ihm ist es sogar ein Doppelmord gewesen. Aber das werden wir sehen.“

„Ihr seid wahnsinnig!“, schrie Sheila. „Verrückt seid ihr. Er ist in den Klippen abgestürzt. Ich habe meinen Mann geliebt.“

„Und mit Pitchard schläfst du, nicht wahr?“, erwiderte Smith höhnisch.

Joe war wieder zu sich gekommen. Er hatte sich aufgerichtet, das Kinn hing ihm auf der Brust. Er war noch nicht völlig klar, und hatte Mühe, seine Gedanken zu ordnen. Was ihm wie ein böser Traum, wie ein Spuk vorkam, schien Wirklichkeit zu sein. Und in dem Augenblick, als er etwas vernünftiger denken konnte, brachten sie Pitchard herein.

Die Hunde bellten wie wahnsinnig. Von dem kleinen Schwarzen war nichts zu sehen. Drei Konstabler schleiften Pitchard herein. Blut lief ihm von der Stirn übers Gesicht. Die Kleidung war zerfetzt, seine Unterlippe aufgeschlagen. Er hatte Mühe, auf den Beinen zu stehen, und die beiden Konstabler mussten ihn halten. Sie standen rechts und links von ihm, hatten sich selbst an seine Arme gekettet.

Auch die Polizisten sahen ramponiert aus. Der eine hatte Schwielen im Gesicht, der andere blutete am Kinn.

Das Schlimmste aber schienen die Hunde gemacht zu haben. Erst jetzt bemerkte Joe, dass Pitchard eine klaffende Wunde am linken Unterarm hatte, die sicherlich von einem Hundebiss herrührte. Und außerdem blutete Pitchard an der Schulter. Da war ein Loch in der Kleidung. Es sah aus wie eine Schussverletzung.

Ein Sergeant trat herbei, baute sich vor Smith auf, salutierte und schnarrte: „Sir, Williams ist von ihm durch einen Schrotschuss verletzt. Aber er befindet sich nicht in Lebensgefahr. Soll ich ihn sofort mit dem Wagen wegbringen lassen?“

„Ja, bringen Sie ihn sofort weg“, entschied Smith und sah wutentbrannt auf Pitchard. „Dich hängen wir auf“, versicherte er ihm. „Du wirst staunen, was wir mit dir machen. Einen Wachtposten hast du umgebracht, Sheilas Mann wahrscheinlich gemeinsam mit ihr getötet und jetzt einen meiner Polizisten verletzt. Du wirst dich wundern.“

Pitchard hob den Kopf, sah Smith aus blutunterlaufenen Augen an. „Ich habe den Wachtposten erschlagen, das ist wahr“, sagte er keuchend. „Aber mit ihrem Mann habe ich nichts zu tun. Ich wollte ja Hilfe von ihm. Aber er war schon tot. Sie selbst hat ihn begraben. Ihr könnt ihn ja ausbuddeln, wenn ihr wollt. Dann seht ihr es, dass er die Klippen hinuntergestürzt ist. Und was den Polizisten angeht, der verletzt ist - jawohl - das geht auch auf mein Konto. Aber einen Mord an Sheilas Mann lasse ich mir nicht anhängen, nicht von euch.“

Als der Sergeant wieder hinausgehen wollte, um den Wagen mit dem Verletzten losfahren zu lassen, rief ihm Smith nach: „Die beiden nehmen wir mit. Wir ketten sie hinten an den Wagen dran. Sie sollen den Weg laufen, damit sie wissen, was die Hölle ist.“

Als wenn ich das nicht schon wüsste, dachte Joe Linton, und er sagte grimmig: „Ich habe mit nichts etwas zu tun, nichts mit dem, was ihr Pitchard vorwerft. Ich bin mit meinem Schiff gestrandet, kam als einziger an Land, und jetzt wollt ihr mich einsperren und behandelt mich wie einen Verbrecher.“

„Du hast Widerstand geleistet“, sagte Smith.

„Ich habe nicht gewusst, dass es Polizisten sind. Ich war von der Lampe geblendet. Aber der Schlag in Ihr Gesicht, den habe ich mit Absicht ausgeführt. Es war die Antwort auf soviel Gemeinheit, einen unschuldigen Mann zu behandeln wie einen Mörder.“

„Ein Schmugglerhund bist du, was sonst?“, rief Smith, der sich in die Idee festgebissen hatte, dass alles, was hier gefunden wurde, mit Schmuggelei und Verbrechen zusammenhängen musste. „Raus mit ihm!“, schrie er. „Zum Wagen!“

*

Das Gefängnis von Chatham war ein Loch, finster, schmutzig, und es stank bestialisch nach Urin. Eine dampfige Wärme herrschte in diesem Verlies, in dem Joe Linton eingesperrt war. In der gleichen Zelle mit ihm lag auch Dick Pitchard. Seine Verletzungen waren notdürftig verbunden, die Gewehrkugel aus der Schulter entfernt. Ein Militärarzt hatte das getan, und er war nicht besonders zimperlich vorgegangen. Joe hingen die Schreie Pitchards noch jetzt in den Ohren.

Sheila war ebenfalls von Smith mitgenommen worden, musste aber nach kurzem Verhör wieder freigelassen werden. Der Richter hatte einer Verhaftung nicht zugestimmt. Und ob er Joe Linton unter Mordverdacht in Haft halten wollte, das, so hatte der Richter gesagt, sollte die Obduktion des toten Mannes von Sheila ergeben. Er war exhumiert worden und befand sich zur Zeit im Leichenschauhaus nahe der Polizeistation.

Joe Linton musste sich, selbst wenn die Mordanklage wegfiel, des Widerstandes gegen die Staatsgewalt beschuldigen lassen. Er war sich klar darüber, dass Smith alles tun würde, um die Richter von einer notwendigen Bestrafung Joes zu überzeugen.

Smith war besessen von der Idee, dass Linton ein Schmuggler sein musste. Obgleich die Wrackstücke der „Harmony“ aufgefunden worden waren, nicht jedoch Hinweise darauf, dass es sich um die „Harmony“ handelte. Smith hatte auf Drängen des Richters ein Telegramm nach Charleston geschickt. Aber es war bis jetzt noch nicht beantwortet worden. Joe allerdings hegte die Befürchtung, dass Smith eine Antwort unterdrücken könnte, weil sich dann heraussteilen würde, dass er, Joe, die Wahrheit sprach.

Aber es kam ganz anders, als Joe sich das gedacht hatte, und auch anders, als es sich Dicky Pitchard vorstellte.

Dicky lag auf seiner Pritsche, starrte stundenlang die Decke an, ohne sich zu rühren. Er sprach selten, und wenn, dann geschah es mit einer rauen heiseren Stimme, und es schien ihm Mühe zu bereiten, ein paar Sätze hintereinander zu sprechen.

Das Essen war miserabel. Den ersten Tag hatte Joe nichts angerührt, so groß sein Hunger auch war. Aber am zweiten Tag wurde der Hunger noch stärker, und er überwand sich, diesen widerlichen Fraß zu sich zu nehmen. Dick Pitchard hingegen hatte schon am ersten Tag gegessen und diesen widerlichen Graupenbrei, der wie nasser Hut roch, in sich hineingeschlungen wie ein Verhungernder.

Am vierten Tag zerrten die Gefängniswächter Joe Linton aus seiner Zelle heraus und brachten ihn zu Commander Smith. Der thronte auf einem klobigen Stuhl hinter einem wuchtigen Schreibtisch, der ganz zu ihm passte. Jetzt beugte er sich vor, stemmte sich mit den Ellenbogen auf die Tischplatte, sah Joe aus seinen großen runden Augen an. Wieder erinnerte er Joe an einen Robbenbullen, was durch den gewaltigen Schnauzbart und die Glatze noch verstärkt wurde.

Joe war mit dem rechten Handgelenk durch eine Handschelle mit dem Gefängnisaufseher verbunden. So standen sie vor dem Tisch und Smith sagte: „Also gut, ich habe ein Telegramm aus Charleston bekommen. Diese verdammten Rebellen da unten schreiben mir, dass Ihr Schiff Fisch in Boston anlanden sollte. Ich habe auch nach Boston gekabelt. Dieses Schiff Harmony, von dem du gesprochen hast, ist dort nicht angekommen. Den Trümmern nach, die inzwischen gefunden wurden, muss es sich wohl bei dem Schiffbruch um die Harmony gehandelt haben. Sie bestätigen auch die Einzelheiten, die du angegeben hast.“

Er richtete sich auf, sah Joe Linton mit einem triumphierenden Lächeln an und fuhr fort: „Da ist nur noch die Sache, dass du auf die Polizisten und auf mich losgegangen bist. Schlimme Sache, das. Kann dich drei Jahre kosten, vielleicht fünf. Arbeitslager, Steinbrüche, schlimme Zeit für dich. Du wirst die Hölle erleben.“

Joe zog geringschätzig die Mundwinkel herunter. „Die Hölle“, sagte er, „habe ich schon erlebt. Das weißt du doch, Commander.“

„Du hast mich mit Sir anzusprechen. Wage es nicht noch einmal, mich zu duzen! Sonst lasse ich dir fünfundzwanzig Stockschläge überziehen.“

Joe Linton hatte eine neue Antwort auf der Zunge, aber er verbiss sie sich. Abwartend und voller Zorn starrte er Smith an.

Der lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und meinte, während er jedes Wort betonte, als sei es besonders wichtig: „Es gibt eine einzige Möglichkeit, wie du dem entrinnen kannst. Du bist ein Seemann. Da liegt ein Schiff vor Boston auf Reede. Die brauchen eine Mannschaft. Du könntest dort anheuern.“

Er blickte Joe Linton aus schmalen Augen musternd, forschend und abwartend an. Vielleicht wollte er die Gedanken des Seemannes erraten. Doch der fragte nur:

„Und was sonst?“

„Nichts sonst“, entgegnete Smith.

Joe Linton machte ein ungläubiges Gesicht. „Nichts sonst?“, fragte er zweifelnd.

„Du musst noch heute an Bord, das ist die Bedingung.“

Joe Linton schüttelte den Kopf, als könnte er es nicht fassen. Der Mann, der ihn unbedingt bestraft sehen wollte, dieser selbe Mann schickte ihn jetzt auf ein Schiff, einfach so.

„Was ist das für ein Schiff? Wie heißt es?“

„Es ist die Sweet Mary, eine Bark.“

,;Sweet Mary, Sweet Mary“, murmelte Joe Linton und überlegte, woher er den Namen kannte. Aber es fiel ihm nicht ein. „Vier Masten, drei oder...?“, wollte Joe Linton wissen.

„Du fragst zuviel“, fuhr ihn Smith barsch an. „Sie ist ein Dreimaster oder ein Viermaster! Was weiß ich! Ein Schiff jedenfalls, und du bist ein Seemann. Du hast die Wahl. Drei oder fünf Jahre in die Steinbrüche, oder heute noch auf dieses Schiff.“

„Was steckt dahinter?“, fragte Joe Linton, weil er einfach nicht an gute Absichten bei Smith glauben mochte.

„Ich habe dir gesagt, dass du zuviel fragst. Wer viel fragt, bekommt viel Antwort“, entgegnete Smith und beugte sich dabei vor. In seinen Augen war keine Nachsicht, war kein Verzeihen und noch weniger Verständnis, nur Hass. Und das warnte Joe Linton, aber was sollte er tun? Gab es eine Wahl?

Hätte er in diesem Augenblick in die Zukunft sehen können, wäre ihm die Wahl ganz leicht gefallen. Dann hätte er sich für die drei oder fünf Jahre entschieden und wenn es sieben gewesen wären. Aber er glaubte an Freiheit, wollte nichts als weg hier, raus aus dem stinkenden, finsteren Loch, in das sie ihn gesperrt hatten, ihn, einen Unschuldigen. Und so sagte er:

„Also gut, ich gehe auf das Schiff. Aber was wird aus Pitchard?“

„Pitchard? Ein Mörder, ein Stinktier“, erwiderte Smith, stemmte seine behaarten Fäuste gegen die Tischplatte und begann mit dem Stuhl zu wippen. „Man sollte ihn aufhängen! Eine Ratte! Ein Scheusal! Erschlagen, ersäufen! Aber ich muss mich an die Gesetze halten. Und außerdem ist Pitchard kein Amerikaner. Dieser Bursche ist Ausländer, ein Engländer! Ja, ein Engländer. Und diese Briten sind ja sowieso die Freunde von euch Rebellen. Pitchard wird ausgewiesen. Das ist alles. Mehr brauchst du nicht zu wissen. Du kannst es ihm ruhig erzählen. Und jetzt bringt ihn hinaus! Er bekommt noch einmal sein Essen, dann muss er sich fertigmachen. In der Dämmerung müssen wir ihn bis nach Lone’s Hill gebracht haben.“

„Lone’s Hill?“, fragte Joe Linton. „Wieso Lone’s Hill? Ich denke nach Boston?“

„Ein Boot wird dich von Lone’s Hill hinüberbringen zum Schiff. Und nun hör auf mit diesem verdammten Gefrage, und scher dich wieder in dein Loch!“

*

Sie hatten ihm einen Seesack gegeben, der vom Christlichen Seemannsheim stammte. In dem Sack befanden sich all die Dinge, die er an Bord eines Schiffes notwendig hatte. Aber es waren schlechte Sachen, zum Teil geflickt, manche noch nicht einmal das. Und das Ölzeug war ganz bestimmt undicht. Das hatte Joe schon bei der ersten Durchsicht dieser Sachen herausgefunden. Sogar ein Päckchen Tabak war dabei, wenig genug, aber immerhin ein Trost. Es sah aus, als wollte sich jemand seines schlechten Gewissens entledigen. Noch dachte das Joe. Aber dann, als er bei Einbruch der Dämmerung mit den beiden Polizisten, die ihn begleitet hatten, in Lone’s Hill ankam, machte er eine überraschende Feststellung.

Am hiesigen schmalen Strand vor den Felsen stand eine ganze Gruppe Männer. Und um sie herum ebensolche Konstabler, wie auch jene zwei, mit denen Joe gekommen war.

Lone’s Hill war eine Bucht, geschützt und umgeben von Felsen. Das Wasser hier war ruhig. Eine ganze Kette von Felsen fing die Wucht der Brandung ab. In diesem ruhigen, fast teichartigen Wasser schwamm ein Boot. Drei Männer hockten darin, obgleich es ein Boot für die zehnfache Zahl von Menschen gewesen wäre. An Land befanden sich außer den Polizisten acht Männer. Jedesmal, wenn von denen einer mit dem anderen reden wollte, wurde er von einem der Polizisten angebrüllt, gefälligst das Maul zu halten. Jetzt erst entdeckte Joe, dass drei der Polizisten von Hunden begleitet wurden. Große, bösartig wirkende Tiere waren es, die ständig knurrten und die Zähne fletschten.

Vorn auf dem Boot hatten sie eine Lampe gesetzt. Das Licht spiegelte sich im Wasser, und der Schein fiel bis hinüber zum Strand. So konnte Joe erkennen, dass die meisten der Männer, die zwischen den Polizisten standen, Handfesseln trugen.

Eine erste furchtbare Ahnung kam Joe. Und während er sich noch umsah, näherte sich von hinten ein Wagen. Er fuhr ratternd den schmalen Weg zwischen den Felsen hindurch zum Strand hinunter. Als er anhielt, entdeckte Joe, dass es einer der Kastenwagen war, die vom Zoll und der Polizei verwendet wurden. Einer der Männer sprang vom Bock, ging nach hinten und öffnete die Tür. Kurz darauf tauchten zwei Männer auf, die vom Wagen heruntersprangen und vor dem Konstabler herliefen.

Joe glaubte, seinen Augen nicht zu trauen, als er plötzlich Dick Pitchard erkannte, der noch zu schwach war, um sich richtig auf den Füßen zu halten, torkelte, in die Knie brach und von den Polizisten brutal hochgestoßen und davongetrieben wurde.

„Dicky!“, brüllte Joe.

Dick Pitchard wollte die Hand heben, zum Zeichen, dass er verstanden und gesehen hatte. Aber der Polizist stieß ihm den Gewehrkolben in den Rücken, und Dick Pitchard torkelte einige Schritte nach vorn, blieb stehen, torkelte weiter, bis er dann fast am Wasser angelangt war.

Eine schnarrende Stimme rief von rechts aus dem Dunkel heraus: „Sind sie jetzt alle da?“

„Sie sind alle da, Kapitän“, sagte einer der Konstabler.

Kapitän!, dachte Joe und sein Kopf flog herum. Gespannt blickte er auf eine Gestalt, die sich aus dem Dunkel der Felsen schälte und ins hellere Licht trat. Ein Mann von mittlerer Größe, auch nicht besonders breit, aber mit einem Gesicht, das wie geschnitzt wirkte. Er hatte eine kühne Hakennase, ein kantiges Kinn und ein Augenpaar, das Joe an einen Tiger erinnerte, den er einmal in Indien gesehen hatte.

„Dann macht ihnen die Fesseln los“, sagte dieser Mann, „und sie gehen an Bord des Bootes. Vorwärts! Bewegt euch!“

Das Klirren der gelösten Handfesseln, das Bellen der Hunde und die Kommandos der Polizisten erfüllten die Luft.

Einer der beiden Polizisten, die mit Joe gekommen waren, sagte: „Also, Linton, du weißt Bescheid. Da drüben ist ein Boot. Und hol dich der Teufel! Los, mach schon!“

Wie von selbst stapfte Joe los, den Seesack auf dem Rücken, ging auf das Wasser zu, wartete. Und da hörte er einen der Polizisten brüllen: „Nun lauft schon, ihr verdammten Hunde! Das Boot kommt nicht näher heran. Das wird euern verdammten Dreckfüßen gut tun, wenn sie einmal mit Wasser in Berührung kommen.“

Die Männer mussten ins Wasser. Es reichte ihnen fast bis an die Hüften, als sie endlich das Boot erreicht hatten. Joe sah im Schein der Lampe, die über dem Bug hing, die Gesichter jener drei, die bereits im Boot waren, Gesichter, die er ein Leben lang nicht vergessen würde.

Da war das Gesicht von Lorenzo, dem Bootsmann, ein breites Gesicht, umrahmt von schwarzem wirrem Haar, und einem krausen Bart.

Und da war das wie aus Fels gehauene Gesicht eines bärenhaften Mannes, der achtern im Heck stand, die Arme in die Seite gestützt hatte, und einen lauernden Eindruck machte, als wollte er sich gleich auf den ersten stürzen, der seinen Körper über das Dollbord zwängte. Dieser Mann war der zweite Wachoffizier Pat O’Dea.

Das dritte Gesicht, das Joe anstarrte, wirkte schief. Die Augen waren schmal nach den Seiten heruntergezogen, der Mund wie ein Strich. Die Nase erinnerte an ein Stück Blumenkohl. Eine Narbe über der Stirn vervollkommnte dieses Antlitz, das die Spuren so vieler Kämpfe zeigte. Dieser Mann war Sven Evedal, der Candy genannt wurde. Welche Rolle er an Bord der „Sweet Mary“ spielte, sollte Joe noch kennenlernen.

Nacheinander zogen sich die Männer ins Boot, während Pat O’Dea mit unbewegtem Gesicht zusah, bis der letzte der Neuen an Bord gekommen war. Schließlich watete der Kapitän selbst durchs Wasser. Zwei der an Bord gekommenen Männer wollten ihm heraufhelfen, aber er schlug ihnen mit dem Rohrstock, den er in der Hand hielt, auf die Hände und sprang dann athletisch und mit der Geschmeidigkeit einer Raubkatze aufs Boot. Kaum war er oben, brüllte er:

„Nun nehmt die Riemen und pullt!“

Die Männer verteilten sich, nahmen die Riemen und warteten auf das Kommando des Bootsmannes.

Mit einer Stimme, die aus einem Abgrund zu kommen schien, gab der jetzt die Ruderkommandos.

Joe saß neben einem bärtigen Riesen, der ihn noch um Haupteslänge überragte. Ein wahres Gebirge von Mensch, mit einem Gesicht wie ein Sandsteingebirge, aus dem ein fast kindliches Augenpaar herausschaute, mit Pranken wie Kohlenschaufeln hielt dieser Hüne den Riemen. Und es war, so schien es, für ihn keine größere Anstrengung zu rudern, als hätte er mit einem Löffel in einem Teller Bohnensuppe herumgerührt.

Joe war gespannt, wo denn das Schiff liegen würde. Aber erst als sie aus der Bucht herauskamen, sahen sie die „Sweet Mary“ in der Ferne. Weit genug, wie es ihm schien. Und abermals fragte er sich, was das alles hier zu bedeuten hatte. Handelte es sich etwa um ein Piratenschiff, von dem niemand wissen sollte, wer da an Bord ging, oder was, zum Teufel, hatte das zu bedeuten, dass sie ausgerechnet bei Nacht und Nebel die Küste verließen? Denn so lange war ja gewartet worden.

*

Es war eine friedliche Nacht. Am Himmel waren die Sterne zu sehen. Die See zeigte sich sanft und gütig. Und trotzdem wurde das Boot in der Brandung hin und her geschlagen, waren die Männer schweißgebadet und keuchten, ehe sie endlich die „Sweet Mary“ erreichten. Die Männer sprachen nicht, aber vermutlich dachten sie alle dasselbe wie Joe. Die „Sweet Mary“ war nämlich abgedunkelt, hatte noch nicht einmal ein Ankerlicht gesetzt. Vielleicht wäre es, so sagte sich Joe, diesem eigenartigen Kapitän, der so wortkarg hinten im Heck stand, lieber gewesen, wenn man nicht so eine gute Sicht gehabt hätte wie an diesem Abend.

Von oben klatschte eine Jakobsleiter herunter, und eine Stimme brüllte: „Enter auf!“

„Na los! Worauf wartet ihr!“, brüllte der Bootsmann Lorenzo.

Wortlos kletterten sie nach oben. Dick Pitchard fiel es schwer. Er ächzte, hustete und hielt auf halber Strecke inne.

Von unten brüllte es: „Worauf wartest du noch? Willst du eine Familie gründen oder Wurzeln schlagen? Scher dich rauf!“

Unmittelbar danach schrie von oben eine keifende schrille Stimme: „Willst du schon machen, was er sagt! Verdammter Faulpelz! Lumpenkerl! Rauf mit dir!“

Als Joe oben ankam, sah er den Rufer aus der Nähe. Ein hageres Gesicht, schütteres, in Strähnen beiderseits herabhängendes graues Haar. Aus Fischaugen sah ihn der Mann an. Eine Laterne war angezündet worden und hing jetzt an der Stelle in den Wanten, wo die Männer aufenterten.

Als der Grauhaarige Joe erspähte, packte er ihn am Arm und rief mit krächzender Stimme: „Du zum Vorschiff!“

Joe wollte schon etwas erwidern und ihm auf die Hand schlagen, mit der er ihn am Arm gepackt hielt. Da sah er vor sich eine Gestalt, von der er zunächst glaubte, sie gehörte dem Mann, der mit ihm auf der Ruderbank gesessen hatte. Aber es war ein anderer. Der da vorn trug eine Offiziersmütze. Und als ahnte der Grauhaarige, was Joe dachte, sagte er mit seiner keifenden Stimme: „Nun, geh schon nach vorn! Der Erste wartet. Meinst du denn, der schickt dir eine Einladung?“

Zwei standen schon neben der Back. Joe trat zu ihnen. Aber er sah nicht allzu viel von ihren Gesichtern und auch nicht von dem dieses Hünen, der da stand. Schließlich wurde noch einer nach vorn geschickt. Nun waren sie zu viert. Die anderen hatten sich mittschiffs versammelt.

Lorenzo, der Bootsmann, jagte einige der Männer in die Spills zum Heißen des Beibootes. Als es dann oben war und fest in den herumgeschwungenen Davits hing, ertönte das Kommando des Kapitäns: „Mr. Milford, teilen Sie die Leute ein! Lassen Sie den Anker hieven und Segel setzen!“

Was nun kam, war den Männern nicht neu. Zunächst einmal unterschied sich darin an Bord der „Sweet Mary“ nichts von dem irgendeines anderen Segelschiffes. Joe hatte vor seiner Zeit auf der „Harmony“ auch auf Vollschiffen Dienst getan. Und als ihn der Bootsmann für den Dienst der Steuerbordwache einteilte, da brauchte Joe keine Hinweise, auch die anderen nicht. Außer Pitchard, der gar nicht mehr imstande war, in die Wanten zu gehen, jagten sie hinauf in die Rahen. Pitchard und zwei andere Männer, die wohl schon an Bord gewesen waren, begannen das Spill zu drehen, mühsam noch und sehr langsam, weil es zu schwer für sie drei war. Aber die schwere Ankerkette kam rasselnd und donnernd höher und höher.

Unten brüllte der Bootsmann Lorenzo: „Vollzeug, Jungs, Vollzeug!“

Einer der Männer oben in den Rahen stimmte einen Shanty an. Im Refrain fielen alle ein. Jetzt waren sie da oben wie Albatrosse, die sich einen Augenblick auf die Rahen niedergelassen hatten, frei, königlich, stolz, Janmaaten, wie es sie auf Tausenden von Schiffen gab. Keiner von ihnen ahnte, welcher Art dieses Schiff war. Sie alle hatte man schanghait. Und sie sangen, und als die Kommandos kamen und die Männer sich herabfierten und zum Vorschiff stürzten, um sich ins Spill zu stemmen, damit der Anker schneller gehievt wurde, da sangen sie noch immer.

Schliesslich aber machte das Schiff Fahrt. Der Erste war achtern und ließ brassen. Das Schiff kam voll in den Wind und zog seewärts, der Brandung entgegen.

Einen Augenblick lang stand Joe Linton wie gebannt und blickte zum Land hinüber, sah die Lichter von Boston auftauchen. Weit waren sie. Und als er sich umdrehte, gewahrte er steuerbord voraus die andere Seite von Cape Cod. Er fragte sich, wie es wohl möglich gewesen war, dass die „Harmony“ die Einfahrt von Boston nicht erreicht hatte, sondern weit nach Südwesten abgetrieben und gegen die Riffe von Cape Cod geschleudert worden war.

Der Westwind ließ die „Sweet Mary“ gute Fahrt machen. Die Bugwelle schäumte hoch auf, und die Gischt spritzte Joe ins Gesicht. Aber da dachte er wieder an die Umstände, wie er hier an Bord gekommen war, dachte an die anderen und fragte sich, welch ein Schiff die „Sweet Mary“ wohl sein mochte und diese Fahrt noch enden sollte. Er hatte eine bange Ahnung davon, aber er konnte sich nicht im entferntesten das ausmalen, was vor ihm lag. Wenn er glaubte, die Hölle vor Cape Cod gesehen zu haben, so war das nur ein Vorgeschmack. Die wahre Hölle würde er noch erleben. Sie hieß „Sweet Mary“, und der Teufel in ihr war Lars Detlevsen, der Kapitän.

*

Sie waren zwölf Mann im Mannschaftslogis. Joe Linton gehörte zu den wenigen, die eine Koje besaßen. Die anderen mussten in der Hängematte schlafen. Vielen war das sogar lieber. Aber Joe war froh, dass er eine Koje besaß und dort auch seinen Seesack verstauen konnte.

Das Schiff machte gute Fahrt. Das hob die Laune der Männer. Kein Janmaat ist glücklich, wenn Flaute herrscht, und ebensowenig liebt er den Sturm. Der Wind hatte mittlere Stärke und blies voll ins Tuch. Gleichmässig hob und senkte sich der Schiffsleib.

Der Hüne, der vorhin zusammen mit Joe auf der Ducht zusammengesessen hatte, belegte eine Koje unter der von Joe. Das Holz knirschte, als sich der schwergewichtige Mann auf die Kante setzte. Nachdem er seine Sachen im flackernden Licht einer Talglampe verstaut hatte, warf er einen Blick nach oben, grinste Joe aufmunternd zu und sagte rnit einem eigenartigen Akzent:

„Ich bin vielleicht froh, dass ich aus diesem verdammten Gefängnis heraus bin. Gesiebte Luft ist schlimm. Du, wo ich diesmal war, das ist verdammt ein Rattenloch gewesen.“

„Meinst du, uns wäre es anders gegangen?“, rief ein muskulöser, blonder junger Bursche von der anderen Seite her. Er zurrte gerade seine Hängematte fest. Als er damit fertig war, kam er herüber, die Fäuste in die Hüften gestemmt, blieb vor dem Hünen unter Joe stehen, sah dann erst Joe an und dann den Hünen und sagte: „Ich heiße Hartmann. Ihr könnt mich Fritz nennen. Und du?“ Er sah Joe an.

Joe nannte seinen Namen und fügte hinzu: .„Manche nennen mich Reb.“ Er sagte das, damit sie nicht auf einen anderen Spitznamen kamen. Und er hatte sich daran gewöhnt, als Südstaatler Reb genannt zu werden und empfand es fast als Ehrenname.

Fritz und Reb verstanden sich auf Anhieb und der Hüne unter Joe sagte jetzt: „Ich heiße Igor Sorajew. Aber das ist zu schwer für euch. Nennt mich Buddy.“

Es ergab sich wie von selbst, dass alle herankamen, die Freiwache hatten und nicht oben an Deck sein mussten. Da war der untersetzte, dunkelhaarige Eusebio Ribeira, der Piro genannt wurde, oder der Chinese, der einen Namen aussprach, den keiner von ihnen verstand, und so nannten sie ihn Chink.

Genauso, wie sie den aus Frankreich stammenden Raimond Chaqueboux Frenchy nannten. Er war ein drahtiger Bursche, kräftig und hatte das Gesicht eines geborenen Aufrührers, eines Rebellen. Eigentlich, so sagte sich Joe, hätte er Reb heißen müssen.

Dick Pitchard lag völlig erschöpft in seiner Koje. Er hatte Fieber. Die Schulterverletzung machte ihm zu schaffen. Aber niemand schien sich daran zu stören.

Da gab es noch den blonden, aus Holland stammenden Jan, der sich sofort mit Fritz und Reb angefreundet hatte. Er war ein junger sympathischer Bursche, bei dessen Anblick sich Reb fragte, was der wohl verbrochen haben mochte, dass man ihn in ein Gefängnis gesteckt hatte. Aber vielleicht, sagte er sich, ist es ihm so ergangen wie mir.

Später dann, als die Schiffsglocke oben acht Glasen schlug, war Wachwechsel. Reb war als Rudergast eingeteilt worden und musste nach achtern. Dort hatte der Zweite Pat O’Dea Lorenzo abgelöst.

Der schiefgesichtige Candy übergab Reb das Ruder. „Der Kurs steht gut“, sagte er, und Reb blickte auf den von einem kleinen Licht erhellten Kompass.

Für den Rudergast ist es ein erhebendes Gefühl, wenn er so erhöht steht und nach vorn blickt, an den Masten, an den Stagen und Wanten vorbei auf das vom Mond beschienene Meer. Die See gab sich noch immer friedlich. Der Wind hatte ein wenig abgeflaut, aber die „Sweet Mary“ machte noch immer gute Fahrt und pflügte die flachen Wellen.

Auf Deck war es still bis auf die üblichen Geräusche, das Knarren der Blöcke, das Scheuern der Stage und der Brassen.

Reb blickte nach oben zur Flaggengaffel, aber dort hing keine Flagge.

Pat O’Dea, der schräg hinter Reb stand, lachte trocken auf und meinte: „Du möchtest gerne wissen, für wen du fährst, nicht wahr? Wundere dich nicht, wenn dort eine schwarze Flagge mit einem weißen Totenkopf erscheint.“

Reb lachte leise, aber da trat der Zweite neben ihn und sagte: „Es ist kein Witz, mein Junge.“

Mein Junge, dachte Joe, der ist nicht älter als ich und nennt mich mein Junge. Groß und breit sieht er ja aus. Aber ich glaube nicht, dass er in einem Zweikampf den Helden markieren wird, wenn ich ihn mir einmal vornehmen sollte. Komisch, dachte Joe, dass ich an Bord immer die anderen danach taxiere, wie es wohl wäre, wenn ich mich mit ihnen schlage.

„Ja, du brauchst dich nicht zu wundern. Das ist ein Seelenverkäufer.“ Der Zweite lachte. „Bist du schon einmal auf einem Seelenverkäufer gefahren?“

„Bis jetzt noch nicht“, erwiderte Joe. Irgendwie fand er diesen Zweiten gar nicht so unsympathisch. Andererseits gehörte er zu den Offizieren an Bord. Und wenn die mit einer Mannschaft fuhren, die geschanghait war, dann konnten die Offiziere auch nicht viel taugen.

„Habt ihr keine normale Mannschaft bekommen, dass ihr uns schanghaien musstet?“, fragte Joe.

„Du weißt nicht, was mit diesem Schiff gewesen ist, nicht wahr? Wir hatten die Cholera an Bord. Keiner wollte mehr mitfahren.“

Joe glaubte ihm kein Wort. So erschreckend diese Erklärung sein mochte, auf ihn wirkte sie nicht. Er hatte selbst erlebt, wie es war, wenn die Cholera an Bord grassierte. Trotzdem kamen immer wieder neue Mannschaften auf solche Schiffe.

Nein, dachte er, das ist nicht der wahre Grund. Es ist vielleicht doch ein Piratenschiff. Aber wieso, zum Teufel, hatte die Polizei ihre Gefangenen auf dieses Schiff gebracht?

„Was hat Commander Smith denn bekommen dafür, dass er seine Gefangenen auf dieses Schiff geschickt hat?“, fragte Joe.

„Du stellst interessante Fragen“, erwiderte der Zweite. „Aber es macht nichts. Wir sind so lange zusammen, dass du eines Tages doch die Wahrheit erfahren würdest. Warum soll ich sie dir verschweigen? Ob sie dir nun der Doc erzählt oder Timmy, unser Schiffsjunge, von irgendwem wirst du sie erfahren. Vielleicht schreit sie dir auch Lorenzo eines Tages ins Gesicht. Um so besser für dich, wenn du es jetzt schon weißt.“

Joe war geübt im Umgang mit dem Ruder, und das hatte der Zweite auch sehr rasch bemerkt. So etwas wie Anerkennung schwang in seinen Worten mit, als er sagte: „Du bist ein erfahrener Seemann. Wo warst du zuletzt?“

„Bis vor einigen Tagen noch auf der Harmony, einem Gaffelschoner. Wir sind im Sturm vor Cape Cod an den Riffen zerschellt. Ich bin der einzige Überlebende gewesen.“

„Verdammt! Du warst auf diesem Schiff? Wir haben davon gehört. Erzähle, was da gewesen ist!“

Für Joe gab es nicht viel zu erzählen. Er berichtete knapp und klar, und jede Silbe war eine Tragödie für sich.

„Du bist ein armes Schwein. Du tust mir wirklich leid“, sagte der Zweite. „So etwas nennt man Pech. Und du bist da wirklich hineingerasselt?“

„Genau so ist es. Als sie über mich hergefallen sind, habe ich nicht erkannt, dass es sich um Polizisten handelt. Aber Smith, den habe ich nachher erkannt. Und dass ich ihn mitten ins Gesicht geschlagen habe, das tut mir nicht leid. Im Gegenteil, es hat mich sehr befriedigt.“

„Aber jetzt bist du hier“, sagte der Zweite. Er zog sich eine Rolle Priem aus der Jackentasche, schnitt sich ein Stück ab, steckte es sich in den Mund, schnitt ein weiteres Stück ab und reichte es Joe. Das war mehr als eine Anerkennung, das war schon ein Freundschaftsbeweis. Irgendwie schien es dem Zweiten so zu ergehen wie Joe. Er mochte diesen hageren Seemann, der da so geschickt das Ruder führte.

„Du bist auf einem Seelenverkäufer, Reb“, sagte der Zweite, „und Smith hat das alles nicht umsonst getan. Er bekommt eine Prämie für jeden Mann, den er uns bringt. Die Sweet Mary ist ein Handelsschiff. So sieht sie jedenfalls äußerlich aus. Aber du bist bis jetzt erst im Logis gewesen, nicht wahr?“

„Genau das“, bestätige Joe.

„Wenn es Tag ist, erkennst du mehr. Sieh mal da vorn, die geschalkte Decksladung neben dem Schanzkleid! Was glaubst du wohl, was das ist?“

„Eine Decksladung eben“, meinte Joe arglos.

„Du Narr, das sind Zweiundzwanzigpfünder, zwei auf jeder Seite. Für ein Schiff wie unseres reicht das. Und weißt du noch etwas? Die Sweet Mary ist ein Flieger, schneller als die meisten. Hier an Bord heißt es ,clip along'. Du wirst ja diesen Ruf kennen. Wir machen immer schnelle Fahrt, schneller als die anderen.“

„Ein Raider also.“

Der Zweite lachte. „Du als Südstaatler müsstest es kennen. Ein Hilfskreuzer! So verkehrt ist das gar nicht. Aber wir fahren nicht für die Konföderierten Staaten von Amerika, und wir fahren auch nicht für die Yankees, wir haben andere Auftraggeber, und die sind ganz geheim.“

Der Zweite kam ganz nahe und raunte Joe ins Ohr: „Dieses Schiff wird vom Teufel gefahren, und er allein weiß, wo es hingeht. Der Erste und ich, wir sind die Knechte des Teufels. Und ihr seid unsere Sklaven, nichts weiter. Schade um dich, Reb. Du hast wirklich Pech gehabt, sonst wärst du nicht auf dieses Schiff gekommen. Die anderen, das ist alles Kroppzeug, Banditen, Mörder und Lumpen. Du hast mir doch erzählt von Dicky, von diesem Pitchard. Ein Mörder ist er, ein Totschläger, und so sind viele hier an Bord Totschläger. Der Doc zum Beispiel, dieser Weißhaarige, der euch empfangen hat, als ihr an Bord kamt, ein ehemaliger Arzt ist er, hat seine Frau umgebracht. Sie wollten ihn hängen. Aber eines Nachts haben sie ihn uns gebracht.“

„Und wo bleiben die Männer? Wo sind die anderen, die hier an Bord waren?“, fragte Joe.

„Wir hatten etwas Pech beim letzten Mal. Ein Landeinsatz. Wir hatten sehr viel Tote. Ich selbst bin auch verwundet worden. Siehst du, Reb, so geht das, und eines Tages erwischt es auch dich oder mich, vielleicht auch eines Tages den Teufel selbst.“

„Sprechen Sie vom Kapitän, Sir?“, fragte Joe.

„Auf diesem Schiff ist der Teufel Kapitän“, sagte der Zweite leise, so dass nur Joe es hören konnte. „Und ich sage dir, wir alle werden früher oder später zur Hölle fahren. Keiner von uns überlebt es, keiner! Wir sind verschworen, dem Teufel zu dienen, und er wird uns in die Hölle schicken. Zuletzt, eines Tages, wird er auch in die Hölle fahren. Ich wünsche es ihm. Ich sage dir das, Reb, weil du so ein verdammtes armes Schwein bist, weil du wirklich nichts dazu kannst, hier gelandet zu sein, auf diesem verfluchten Seelenverkäufer. Aber das eine sage ich dir“, fuhr er drohend fort, „wenn du nur eine Silbe von dem herumquatschst, was ich dir erzählt habe, dann erwürge ich dich mit diesen meinen Händen. Du wärst nicht der erste, den ich gepackt hätte.“

Joe fürchtete sich nicht vor dem Zweiten. Andererseits wäre er der letzte gewesen, der einen Kameraden, selbst wenn es ein Offizier war, verraten hätte. So sagte er nur: „Wenn wir dem Teufel verschworen sind, dann brauchen wir auch keine Angst voreinander zu haben. Ich bin kein Anschmierer.“

Der Zweite wollte gerade etwas sagen, da schien es, als zuckte er zusammen. Er blickte kurz über die Schulter zurück, und dann hörte auch Joe das Knarren des Niedergangs von der Kajüte. Dort tauchte jetzt der Kapitän auf. Er war barhäuptig, trug ein weißes Hemd, dessen Kragen vorn geöffnet war, und schwarze Hosen, die in engen Stiefeln steckten, hatte die Daumen in seinen Gürtel gehakt, kam jetzt hoch, trat neben den Kompass und blickte auf die zitternde Nadel. Dann warf er einen Blick zum Himmel empor, spähte aus schmalen Augen über die Kimm und brummte dann: „Zwei Strich backbord.“

Er wandte sich dem Zweiten zu, den er um mehr als einen Kopf überragte und sagte mit einer eigenartig schneidend klingenden Stimme: „Hat dieser Mann schon etwas zu essen bekommen?“

„Ich weiß nicht, Sir“, erwiderte der Zweite.

„Was heißt, ich weiß nicht? Sie müssen doch wissen, ob Ihre Männer etwas zu essen bekommen haben oder nicht.“ Dann wandte er sich Joe zu und fragte barsch: „Hast du schon etwas gegessen, Janmaat?“

„Noch nicht“, erwiderte Joe, der auch in diesem Augenblick den Hunger in seinen Eingeweiden spürte.

„Haben die anderen etwas gegessen?“

„Ich glaube nicht, Sir.“

„Mr. O’Dea, holen Sie Nap an Deck!“

„Aye, Sir“, erwiderte der Zweite diensteifrig, und es klang, als spräche ein Schuljunge mit seinem Lehrer. Er lief davon, wieselte nach vorn zur Kombüse und brüllte nach dem Koch.

„Schreien Sie nicht so herum!“, befahl ihm der Kapitän. Dann blickte er auf den Kompass und sagte: „Noch einen Strich backbord!“

„Aye, aye, Sir“, erwiderte Joe und warf das Ruder herum.

Er war noch damit beschäftigt, als der Zweite den Koch brachte. Es war ein dürrer knochiger Neger, den der Zweite wie ein Kaninchen hinten am Nacken gepackt hielt und vor sich herschob. Die großen Augen im dunklen Gesicht des Kochs leuchteten im Mondschein, dass es gespenstisch aussah. Wimmernd wie ein kleines Kind duckte sich der Neger vor dem Kapitän.

Der blickte ihn nur an und Joe fragte sich, was weiter geschehen würde. Aber es kam so schnell, dass er gar nicht alles erfasste, was da geschah. Plötzlich holte der Kapitän aus, schlug dem Neger erst rechts, dann links ins Gesicht, wuchtete ihm die Faust vor die Brust, dass der Mann gegen O’Dea prallte. Der schleuderte ihn zurück, dem Kapitän entgegen, der dem Neger einen Kinnhaken verpasste, der den Koch auf die Planken warf.

„Holen Sie eine Pütze, Mr. O’Dea! Und machen Sie diesen Mann wieder munter! Ich habe mit ihm zu reden“, befahl der Kapitän schneidend.

„Aye, aye, Sir“, erwiderte O’Dea, und lief davon, einen Holzeimer zu holen, der an einer Leine hing. O’Dea warf den Eimer über Bord, die Pütze füllte sich und er heißte sie geschickt wieder nach oben, schüttete das Salzwasser über den reglos liegenden Neger, der sich schwach bewegte. O’Dea stiess ihn noch mit der Fußspitze an, und der Neger ringelte sich wie ein verletzter Wurm.

Joe war von Schauder erfüllt, denn so etwas hatte er auf einem Schiff noch nicht erlebt, nicht, wenn es ein Kapitän getan hatte.

Wenn sie das mit mir machen, weiß ich nicht, was ich tue, dachte er.

Der Neger war wieder zu sich gekommen, blieb aber am Boden liegen, hielt die Hände schützend über den Kopf und sah aus seinen großen Augen furchtsam zum Kapitän empor. Der stand breitbeinig über ihm, wie ein Jäger, der sein Wild erlegt hatte.

„Steh auf, du Schwein!“, fuhr der Kapitän den Neger an.

Die Hände des Negers zitterten. Er hielt sie schützend vor das Gesicht, erwartete wohl Schläge. Aber der Kapitän schlug ihn nicht mehr. Statt dessen machte er eine Kopfbewegung zu O’Dea hin. Der bückte sich, packte den Neger an der Hemdbrust und riss ihn auf die Füße.

Der Neger wimmerte ängstlich und flehte: „Nicht schlagen! Nicht schlagen!“

„Ich hatte dir gesagt, dass du ihnen dreimal am Tag etwas zu essen machen sollst. Sie haben noch nichts bekommen. Sie sollen essen! Und sie sollen gut essen, du verdammter Lumpenhund. Hast du wieder etwas beiseite geschafft? Willst du wieder deine Suppe für dich abkochen? Möchtest du dich an der Mannschaft bereichern? Du hast nicht lange Zeit. An zwei Glasen hast du ihr Essen fertig und rufst sie in die Back! Hast du mich verstanden?“

„Aye, aye, Sir, aye, aye“, erwiderte der Neger, während er am ganzen Leibe schlotterte.

„Scher dich in die Pantry!“

„Aye, aye, Sir, aye, aye“, wimmerte der Schwarze und schlich davon im wahren Sinne des Wortes wie ein geprügelter Hund.

Der Kapitän wandte sich Joe zu und sagte, als sei das die natürlichste Sache der Welt: „Auf diesem Schiff mag vieles anders sein, aber eines ist besser als auf den Schiffen, die ihr alle kennt: Die Verpflegung. Ihr werdet ein erstklassiges Essen bekommen. Ich bin mit dieser Methode nie schlecht gefahren, Mr. O’Dea, nicht wahr?“

„Aye, Sir“, schnarrte O’Dea fast automatisch.

Der Kapitän ging wieder nach unten, und O’Dea verschwand wenig später ebenfalls. Kurz darauf wurde die Mannschaft in die Back zum Essen gerufen. Jetzt in der Nacht scheuchte Lorenzo sie aus den Kojen und Hängematten.

*

Bei dieser Gelegenheit sah Joe zum ersten Mal den Moses an Bord, den Schiffsjungen also, der Timmy hieß. Er war ein kleiner rotblonder Bursche mit dünnen Beinen und einem frechen Gesicht, das voller Sommersprossen war. Er musste in der Küche helfen und warf gerade wieder die Pütze in die See, um dem Koch Wasser zu bringen.

Einen Augenblick lang trafen sich die Blicke des Rudergastes und des Schiffsjungen. In diesem Augenblick erkannten sie sich. Timmy hatte den Eimer voll Wasser schon oben, setzte ihn jetzt aber ab und kam nach achtern zu Joe hin, in dessen Gesicht das Mondlicht fiel. Er blieb vor ihm stehen, sah ihn forschend an und meinte dann: „Aber du bist es! Du bist es wirklich! Du bist Mrs. Lintons Sohn.“

Joe lächelte. „Dann habe ich mich auch nicht versehen. Du bist Timmy Welsh.“

Timmy nickte eifrig. „Der bin ich. Aber, wie zur Hölle, kommst du auf dieses Schiff?“

„Das könnte ich dich auch fragen“, meinte Joe. „Sie haben mich geschanghait. Und du?“

Timmy machte eine wegwerfende Handbewegung, und dann meinte er im Tonfall eines welterfahrenen Mannes: „Ich bin schon vier Fahrten hier. Sie haben mich damals aufgefischt. Ich war über Bord gefallen. Auf einem Raddampfer bin ich als Moses gefahren. Aber sie haben nicht gemerkt, dass ich über Bord war. Zum Glück kamen die hier. Und die hatten mich gesehen. Ich wurde aufgefischt, und seitdem bin ich an Bord.“ Er machte eine Pause, deutete dann auf die mit Persenningen abgeplanten Decklasten. „Weißt du, was das ist?“, fragte er.

Joe nickte. „Der Zweite hat es mir gesagt.“

„Hm“, machte Timmy. „Der Zweite ist in Ordnung. Vor dem Ersten musst du dich in acht nehmen. Und der Alte, das ist der Teufel. Er ist wirklich der Teufel. Ich glaube nicht, dass er ein Mensch ist. Aber du wirst sehen. Du wirst ihn kennenlernen. Wen er gerne hat, für den tut er alles. Da lässt er die anderen über die Klinge springen. Aber wenn er dich nicht mehr mag, dann ist es einfacher, du springst über Bord. Das geht schneller.“

Joe sagte nichts darauf. Er lächelte nur, sah den Jungen wieder an und meinte: „Wenn das deine Mutter wüsste! Wann hast du sie zum letzten Mal gesehen?“

„Vor mehr als einem Jahr. Und wann warst du zu Hause?“

„Na ja, auch etwa um diese Zeit. Es war Weihnachten. Verdammt noch mal! Und nun auf diesem Seelenverkäufer!“

„Hast du gesehen, was wir für ein Zeichen im Vorbramsegel haben?“

„Ich habe gehört, da soll ein Totenkopf drin sein.“

„Man sieht es nicht immer“, sagte der Junge, „nur wenn die Sonne von achtern kommt, oder von hinten auf das Tuch scheint, dann sieht man es. Sonst kann man es nicht erkennen. Aber du sollst mal sehen, was für eine Flagge sie in die Gaffel ziehen.“

„Ich kann es mir denken, die Schwarze mit dem weißen Totenkopf“, meinte Joe.

Timmy nickte. „Wir fahren mit Südkurs. Irgendwo im Westen liegt dann unsere Heimat. Aber der Alte hält weit von der Küste ab. Er meidet die anderen Schiffe. Er fährt überhaupt nicht dort auf den Schiffspassagen, wo die anderen sind. Aber ich muss dir ein andermal erzählen. Der Smutje braucht das Wasser. Wenn ich es ihm nicht bringe, dann wirft er die Pfanne nach mir.“

Der Junge hastete wieder nach seinem Eimer, brachte die Pütze in die Pantry und ward eine ganze Zeit nicht gesehen.

*

Als es vier Glasen schlug, also genau um zwei Uhr in der Nacht, wurde Joe abgelöst. Diesmal war es Fritz, der ans Ruder kam, und O’Dea hatte sich auch wieder achtern als Deckswache eingefunden. Joe nickte ihm zu, als er ging, aber O’Dea tat so, als hätte er es nicht gesehen. Dann ging Joe vor in die Back, aber als er an den verdeckten Geschützen vorbeikam, tastete er wie zufällig über die Persenning hinweg und spürte darunter die Härte des Stahls. Doch ob es ein Geschütz war oder etwas anderes, konnte er so rasch nicht feststellen.

Als Joe die Back betrat, war nur Buddy dort, der schlürfend seine Suppe aus dem Napf löffelte.

Er hob den Kopf, blickte Joe an und sagte: „Reb, da drüben! Nimm dir eine Schüssel. Sie sind in dem Wandbord.“

Joe nahm sich eine Schüssel aus dem Wandschrank heraus, blickte sich suchend um und entdeckte dann die Durchreiche zur Pantry. Er schob die Klappe hoch und sah drüben den Koch, der gerade schmutziges Geschirr in einen großen Pott packte und damit in die Kombüse wollte.

„He du, was ist mit dem Essen?“

Der Koch zuckte zusammen, als habe ihn Joe geprügelt. Ängstlich blickte er über die Schulter zurück, und Joe fürchtete schon, er werde den Topf mit dem ganzen Geschirr fallenlassen. Aber er brachte ihn dennoch heil in die Kombüse, und von da rief er: „Ich komme, ich komme!“

In diesem Augenblick betrat Yank die Back. Jetzt konnte ihn im Licht der Deckenlampe Joe auch richtig ansehen. Der blonde Yank hatte mehrere Narben im Gesicht. Er blickte Joe kurz an, trat dann neben ihn an die Durchreiche und schrie in die Pantry hinein:

„Wenn du dich nicht beeilst, Nap, dann wird er dich auffressen. Er ist ein Südstaatler, verstehst du? Du weißt doch, Südstaatler fressen Neger. Und so schwarze wie dich mag er besonders.“ Yank lachte schallend, dass es durch die Pantry und die Back dröhnte.

„Pass nur auf, dass ich dich nicht fresse!“, knurrte Joe.

Yanks Lachen erstarb wie eingefroren. Er musterte Joe und knurrte dann böse: „Ich habe was gegen Rebellen, verstehst du? Ich kann dieses verfluchte Südstaatlerpack nicht ausstehen. Da ist mir dieser Nigger noch lieber als du. Und wenn ich einen Spaß mache, da hast du gefälligst zu lachen, verstehst du?“

Joe war lange genug auf Schiffen gewesen, um diesen Typ zu kennen, diesen Typ, der überall seine Kraft messen musste, der nicht locker ließ, bis es ihm beigebracht worden war, wo sich sein Platz befand. Aber Yank war kein Schwächling. Schon sein Äußeres wies ihn als Kämpfer aus, und das sollte Joe gleich zu spüren bekommen. Gerade als der Neger aus der Kombüse durch die Pantry schlurfte, in der Rechten den Krug mit Kaffee, in der Linken die Schüssel mit Joes Essen, legte Yank los.

Er verzichtete auf lange Wortgefechte, sondern versuchte mit einem Tiefschlag die Sache gleich für sich zu entscheiden. Aber damit schien Joe gerechnet zu haben. Als die Faust in Richtung auf Joes Unterleib losschoss, tänzelte Joe geschickt zur Seite, und die rechte Faust Yanks fegte haarscharf an ihm vorbei.

Joe packte blitzschnell mit beiden Händen zu, riss Yanks Arm nach vorn, machte mit dem eigenen Körper eine Drehung, als wollte er einen schweren Sack aufladen, aber es war Yank, den er sich auflud. Und er riss den Arm des noch immer völlig überraschten Mannes noch weiter herunter, dass Yank aufschrie, weil er fürchtete, der Arm werde ihm gebrochen. Aber da flog Yank schon über Joes Rücken hinweg, knallte mit der Hüfte gegen eine der Bänke, die neben dem Tisch standen, riss sie um, wuchtete dann selbst schwer auf die Planken und lag mehr als eine Sekunde lang wie ein geprellter Frosch. Dann aber wollte er auf die Beine kommen. Doch Joe war schneller. Er hatte dem Neger die Schüssel mit dem heißen Essen entrissen und schüttete es Yank ins Gesicht.

Yank schrie auf und sah nichts, fuchtelte mit den Händen herum, und da hatte ihn Joe schon gepackt, riss ihn hoch und jagte ihm mit der Vehemenz eines Pferdetrittes die rechte Faust unters Kinn.

Yank wurde angehoben, quer über den Tisch geschleudert, dort blieb er liegen.

„Bravo, mein Lieber! Das war ganze Arbeit!“, sagte Buddy. „Ich hätte es nicht besser gemacht.“

Joe grinste schief, rieb sich den aufgeplatzten Handknöchel und wischte dann Yank vom Tisch herunter, als wäre er nichts weiter als eine dort herumliegende Decke. Yank fiel dumpf und schwer wie ein Sack auf die Planken.

Joe sah den Neger an, der sich durch die Durchreiche beugte und aus weitaufgerissenen Augen auf Yank starrte.

„Vergiss das Atmen nicht, Nap“, sagte Joe und hätte fast gelacht. Der Neger bot einen zu komischen Anblick. In seinem dunklen Gesicht sah es aus, als würden die Augen leuchten. „Ich kriege noch einen Schlag, Nap. Hol eine neue Schüssel und mach sie bis zum Rand voll! Ich habe Hunger bis unter die Ohren.“

„Aye, aye!“, rief Nap eilfertig und wieselte in die Kombüse. Rasch war er wieder zurück und sagte augenzwinkernd: „Es ist ein schönes Stück Fleisch drin, gutes Fleisch, schieres Fleisch.“

Joe lächelte, nahm die Schüssel, ließ sich dann noch die Tasse mit Kaffee füllen und setzte sich an den Tisch.

Buddy beobachtete den reglos am Boden liegenden Yank. „Wenn der hochkommt“, meinte er, „kannst du dich auf was gefasst machen. Der sieht wie einer aus, der schnell mit dem Messer ist. Er war mit mir im Gefängnis. Sie sagen, er hätte einen umgebracht bei einer Schlägerei, auch mit dem Messer.“

„Ich habe ebenfalls ein Messer, ein gutes sogar. Ich habe mich gewundert, dass sie mir so ein gutes Messer in den Seesack getan haben“, erklärte Joe kauend.

Das Fleisch schmeckte ihm. Nap hatte nicht übertrieben. Und um dem Neger eine Freude zu machen, rief er ihm zu: „Gutes Fleisch, du hast recht. Es schmeckt prima. Dein Essen ist nicht schlecht.“

Es waren Bohnen mit Fleisch und Kartoffelstückchen, aber es war schmackhaft zubereitet. Joe wunderte sich, wie Nap das so schnell fertig gehabt haben konnte. Aber er mochte darüber nicht nachdenken, blickte dann auf Yank, der sich zu regen begann und dann aufstützte. Er schüttelte den Kopf, versuchte sich darüber klar zu werden, was überhaupt geschehen war. Da schaute er auf. Er sah Joe an, schluckte, als wollte er etwas sagen, doch dann senkte er den Kopf, stemmte sich hoch und wollte gerade auf die Tür zu, als sie aufgerissen wurde und Lorenzo hereinkam.

Der dunkelhaarige, bärtige Lorenzo hatte etwas Raubtierhaftes an sich. Er schniefte, als er eintrat und die Tür hinter sich zuschlug. Einem Gorilla gleich stand er mit hängenden Armen und die Beine auseinandergestellt dort, blickte auf Yank, der vor ihm stand, wischte ihn dann mit einer Handbewegung beiseite und sah Joe an.

Joe blickte aus den Augenwinkeln kurz zu ihm hinüber, wandte sich aber dann erneut dem Kaffeebecher zu, den er mit beiden Händen hielt. Mit einem verächtlichen Grinsen blickte Lorenzo Yank an und meinte: „Ihr habt euch geprügelt, und du hast sie bekommen, nicht wahr? Du kommst mir wie ein Hund vor, der Knüppelschläge erhalten hat. Scher dich unter Deck! Weg mit dir!“

Yank, der vorher noch so großartig und selbstherrlich aufgetreten war, verschwand, ohne nur ein einziges Widerwort zu geben.

Lorenzo setzte sich ans Tischende, stemmte die Ellenbogen auf die Tischplatte und stützte das Kinn in die Hände. Abwartend beobachtete er Joe. Aber er sagte nichts. Und Joe tat, als wäre Lorenzo gar nicht vorhanden.

Der Neger hatte sich verdrückt. Jetzt mochte er wohl nicht mehr zuschauen, wie es weiterging. Auch Buddy fühlte sich ungemütlich und wollte gerade aufstehen, da sagte Lorenzo: „Erzähl mir, was gewesen ist! Hat er ihn geschlagen?“

Aber nicht Buddy, sondern Joe antwortete, indem er sich Lorenzo zuwandte und sagte: „Ja, und so geht es jedem, der mir dumm kommt.“

Er sah Lorenzo fest an und dachte: Bilde dir bloß nicht so viel ein, du ausgewachsener Orang-Utan! Ich will dir gleich zeigen, mit wem du es zu tun hast. Eure Sorte muss man von Anfang an behandeln. Und er fuhr fort:

„Jedem geht es so, versteht ihr, jedem! Ich mache meine Arbeit, und ich mache sie so gut, wie ich kann. Aber wer mir auf die Zehen steigt, der bekommt es. Ich habe das Gedächtnis eines Elefanten und kann mir haargenau merken, wer mir irgendwann einmal über die Zehen spaziert ist.“

Er wandte sich wieder dem Kaffee zu und trank die Tasse aus. Dann setzte er sie mit einem Knall auf den Tisch, erhob sich, ohne Lorenzo anzusehen. Er ging auf die Tür zu, und Lorenzo beobachtete ihn nur, sagte kein Wort. Er verfolgte Joe nur mit dem Blick. Aber als Joe schon die Tür öffnen wollte, sagte Lorenzo:

„In einem Sturm zerfetzen die größten Segel zuerst. Hoffentlich denkst du daran, wenn du dich aufblähst wie ein Frosch.“

Joe musterte Lorenzo abschätzend: „Willst du Streit haben? Oder glaubst du, weil du hier den Bootsmann spielst, du hättest ein Recht dazu, das zu sagen, was dir in den Kopf kommt?“

Lorenzo grinste schief. „Geh du nur in deine Koje. Wann ich belle und wann ich beiße, bestimme immer noch ich selbst.“

Joe wandte sich ab. Er hatte jetzt keine Lust mehr zu einer Schlägerei, und auf die würde es früher oder später auch mit Lorenzo herauskommen. Doch er irrte sich. Er erwartete da etwas, was nie sein würde, nicht mit Lorenzo. Als er ging, da war er ganz einfach nur müde. Er zog die Tür hinter sich zu und hatte nur den einen Gedanken, ein paar Runden zu schlafen.

*

Als er dann in seiner Koje lag, schlief er rasch und traumlos ein. Aber allzu lange sollte er nicht schlafen können. Drei Stunden später schon wurde er von einem Lärm geweckt, der nicht zu den normalen Geräuschen an Bord gehörte. Noch im Halbschlaf wälzte sich Joe herum, rieb sich die Augen und versuchte zu begreifen, was das für Geräusche waren. Da hörte er die Schiffsglocke drei Glasen schlagen. Er überlegte kurz und kam dahinter, dass es halb sechs Uhr morgens war. Und er entdeckte auch Licht, das durch die Bullaugen fiel. Die Geräusche, die so sonderbar waren, verstärkten sich noch. Da scheuerte auch etwas an den Fendern auf der Steuerbordseite. Was mochte das sein? Hier auf offener See ein Boot? Das musste schon ein größeres Boot sein.

Dann hörte er eine Stimme sagen: „Fier weg!“

Natürlich, dachte er, da ist ein Schiff längsseits. Sie laden etwas um. Aber was ist es?

Oben brüllte die Stimme: „Vorsichtig beim Belegen! Und jetzt losmachen!“

Er war jetzt völlig wach, richtete sich auf, sah sich im Halbdunkel des Logis um und stellte fest, dass er offensichtlich der einzige war, der sich noch hier unten befand. Und wie zur Bestätigung seiner Annahme vernahm er das Trampeln vieler Füße auf den Decksplanken. Und wieder ein Befehl. Dann die schnarrende Stimme des Ersten.

Joe schwang sich aus der Koje, schlurfte zu einem der Bullaugen und blickte hinaus. Da sah er dicht vor sich die hölzerne Bordwand eines anderen Schiffes, das sich im Seegang wiegend an den Fendern rieb. Die See war relativ ruhig, sonst wäre ein solches Längsseitsmanöver nicht möglich gewesen.

Als Joe schräg nach oben blickte, sah er, wie mittels der Ladebäume die beiden Ladenetze mit Kisten bepackt von dem fremden Schiff auf die „Sweet Mary“ gebracht wurden. Die übergroße Vorsicht beim Abfieren der Last verblüffte Joe, und er fragte sich, was sich wohl in den Kisten befinden mochte.

Jetzt entdeckte er auch einige von den Seeleuten des anderen Schiffes. Sie waren weiß gekleidet und ihre Mützen hatten eine rote Wollkugel auf der Mitte. Britische Matrosen, fuhr es Joe durch den Kopf. Diese Schiffe kannte er noch aus der Zeit, da er an Bord eines konföderierten Blockadebrechers nach England gefahren war. Damals hatten sie Baumwolle gegen Kriegsmaterial in England getauscht. Die britische Marine war den Konföderierten so manches Mal zu Hilfe gekommen, wenn es galt, die Blockade der Yankees zu durchbrechen.

Aber jetzt begriff Joe den Sinn dieser Aktion nicht. Was, zum Teufel, ist mit der „Sweet Mary“ wirklich los? Fahren wir denn in englischen Diensten?

Dieser längsseits liegende Dreimaster hatte die Segel aufgegeit. Ein Kriegsschiff konnte das nicht sein. Alles an diesem Schiff erinnerte an einen Frachtsegler.

Und dann sah Joe auch einen Offizier. Er trug eine Mütze, und die übrige Uniform entsprach ebenfalls der eines britischen Seeoffiziers.

Seufzend musste sich Joe eingestehen, dass er nun gar nichts mehr begriff. Was wurde hier an Bord der „Sweet Mary“ gespielt? Welche Reise steuerte Kapitän Lars Detlevsen in Wahrheit an? Sie waren eine international gemischte Crew, vom Chinesen über die Weißen aller Nationen bis hin zum Neger Nap.

Ich muss Timmy fragen. Vielleicht weiß der Bescheid. Timmy, der schon einige Reisen an Bord dieses Seelenverkäufers gemacht hat.

Joe sah rein zufällig auf ein Bullauge des anderen Schiffes. Und da erschrak er. Eine Frau, das Gesicht einer Frau presste sich an die Scheibe. Und dann war noch etwas daneben, ebenfalls ein Frauengesicht. Die Frauen konnten noch nicht alt sein. Junge Gesichter waren das, nicht gerade hübsch, aber eben Frauen. Und das übte auf einen Seemann wie Joe einen besonderen Reiz aus. Sein Blick flog zum nächsten Bullauge. Und er entdeckte, was er erwartete. Auch dort ein Frauengesicht. Auch das gehörte einer jungen Frau. Und als er zum nächsten Bullauge blickte, sah er dasselbe.

Die Frauen gaben ihm Zeichen, winkten ihm. Sie bewegten den Mund, als wollten sie ihm etwas zurufen. Aber er konnte es nicht hören. In ihren Gesichtern stand so etwas wie Furcht, und ihm war, als wollten sie ihn um Hilfe bitten, als wollten sie ihm sagen, dass sie da drinnen festgehalten wurden.

Joe hielt den Atem an. Frauen unter Deck eines Schiffes! Ein ganzes Schiff mit einer Ladung Frauen an Bord! Wo gab es so etwas?

Joe winkte zurück, gab ihnen Zeichen, sie sollten ihm einen Zettel in großen Buchstaben schreiben, was sie bedrückte. Aber sie begriffen es nicht. Und es kostete ihn viel Mühe, es ihnen klarzumachen, bis endlich eine von ihnen verstanden hatte, verschwand und kurz darauf mit einem Stück Papier wiederkam und etwas in großen Buchstaben darauf schrieb. Sie hielt es an die Scheiben. Aber es war kein Englisch. Er konnte das Wort nicht verstehen, das da stand. Französisch konnte es auch nicht sein. Er verstand etwas Französisch und konnte auch viele Worte der Umgangssprache lesen. Aber dieses Wort dort, das begriff er nicht.

Was sind das nur für Frauen?, fragte er sich. Sie sehen doch so aus wie die Frauen bei uns. Einige sind blond, die andere ist brünett. Ihre Gesichter sind schmal, und dieses Wort, was mag es nur heißen?

„Hjälp“, stand auf diesem Zettel. Wenn er nur gewusst hätte, was es bedeutete! Aber die Frauen schienen zu begreifen, dass er sie nicht verstand. So nahm die eine mit den roten Haaren den Zettel wieder weg, schrieb etwas anderes darauf und hielt es ihm wieder hin. Und nun las er:

„Au secours!“

Joe machte Zeichen, dass er verstanden hatte und stürmte los. Aber schon am Niedergang blieb er stehen, rieb sich das stoppelbärtige Kinn und überlegte, ob es richtig war, einfach so hirn- und sinnlos sein Wissen draußen herumzuschreien.

Doch dann entschloss er sich, an Deck zu gehen.

Als er hoch kam, empfing ihn eine frische Brise. Der Wind kam von Ost, hatte also gedreht. Vom Tuch standen nur noch die Sky und Royalsegel. Auch die Klüwer und Stagsegel waren stehengelassen worden. Das übrige Tuch war geborgen. Der Wind trieb die beiden miteinander vertäuten Schiffe stetig nach Westen.

An Bord beider Schiffe herrschte lebhaftes Treiben. Joe trat einen Schritt nach Backbord und stand im Schutze des Beibootes, so dass er weder von achtern noch von mittschiffs her gesehen werden konnte. Er beobachtete das Treiben da vorn und fragte sich, wie er in der Lage wäre, den Frauen zu helfen.

Er blickte nach achtern und konnte den Kapitän sehen. Er hatte eine Hand an den Besanbaum gestemmt und unterhielt sich mit einem Offizier des anderen Schiffes. Dieser Offizier trug dunkelblaue Kleidung und eine weiße Mütze. Er sah sehr elegant im Vergleich zu Lars Detlevsen aus. Lars Detlevsen hatte nur eine gestrickte Pudelmütze auf, trug einen Rollkragenpullover, und seine Beine steckten in bis über die Knie reichenden Stiefeln.

Was die beiden sprachen, konnte Joe auf diese Entfernung nicht verstehen, aber sie unterhielten sich sehr angeregt. Das Ruder war unbesetzt. Auch auf dem britischen Schiff stand niemand als Rudergast am Steuer. Ringsum war nur das Meer, der Himmel wolkenverhangen, die See selbst fast schwarz und bei diesem geringen Seegang kaum eine Schaumkrone. Und trotzdem waren Möwen in der Nähe. Das Land konnte nicht allzu weit sein. Aber welches Land?

Joe überlegte. Er sagte sich, dass sie eher mit Südostkurs gefahren sein konnten. Dann gab es nur eine Erklärung: die Bermudas. Waren diese Inseln in der Nähe? Das würde vielleicht auch die Tatsache erklären, dass dieses andere Schiff britischer Herkunft war.

Er blickte hinüber und sah, dass nur an Deck einige der Matrosen diese Mützen trugen. Im vorderen Laderaum schufteten Männer mit nacktem Oberkörper. Viele davon waren brauner Hautfarbe. Er sah sie einmal, als sie sich mit dem Netz bis zum Deck aus dem Laderaum mit heraufziehen ließen und dann geschickt und geschmeidig auf die Planken sprangen, bevor das Netz noch höher gehievt wurde und man es an Bord der „Sweet Mary“ schwenkte. In diesen Netzen waren noch immer diese Kisten, von denen eine neben der Ladeluke stand. Darauf war die Aufschrift in englischer Sprache: Gefahr, Explosivstoffe!

Joe überlegte kurz, was sich in diesen Kisten befinden konnte, verscheuchte aber diesen Gedanken rasch, denn es ging um die Frauen. Die schienen ihm wichtiger zu sein. Doch was sollte er tun? Mittschiffs der „Sweet Mary“ waren die Luken geöffnet. Die Last wurde abgefiert bis unten in die Laderäume. Von da drangen die Rufe der Männer. Von oben erschollen die Kommandos des Zweiten Offiziers.

Wieso, fragte sich Joe, haben sie mich schlafen lassen? Oder haben sie ganz einfach vergessen, dass es mich gibt? Vielleicht ist es am besten, wenn ich mich nicht rühre. Es wäre auch eine Gelegenheit zur Flucht, wenn ich auf das andere Schiff springe. Aber diesen Gedanken haben bestimmt alle anderen, die mit mir geschanghait wurden, ebenfalls gehabt, und dennoch tun sie es nicht. Sie müssen einen Grund dafür haben. Wenn ich nur endlich wüsste, was hier los ist!

Plötzlich stand Timmy neben ihm. Er war einfach da, und Joe erschrak, als er die Berührung yon Timmys rechter Hand an seinem Arm spürte.

„Psst!“, machte Timmy und sah Joe beschwörend an. „Was tust du hier? Geh wieder hinunter! Du musst nachher ans Ruder!“

„Was geschieht hier?“, fragte Joe, ohne sich um die Ermahnung Timmys zu kümmern.

Der Junge sah ihn erschrocken an. „Du weißt das nicht?“

„Woher sollte ich es wissen?“

Timmy nickte. „Stimmt ja. Woher solltest du es wissen? Es ist Pulver, was wir laden. Sprengpulver. Ein ganz neumodisches Zeug. Das knallt vielleicht, sag ich dir. Damit schießen wir. Die Kugeln fliegen weiter als aus den alten Geschützen.“

„An Bord des anderen Schiffes sind Frauen.“

Timmy nickte. „Ich hab’ sie auch gesehen. Ich habe es sogar Lorenzo gesagt. Lorenzo ist immer verrückt auf Frauen. Aber er hat mir eingeschärft, mich nicht darum zu kümmern. Die gehen uns nichts an, sagte er. Das sind die Frauen von den Engländern.“

„Es sind keine englischen Frauen“, korrigierte Joe ihn. „Ich habe einen Zettel gesehen, den sie mir geschrieben haben. Aber es war ein Wort, das ich nicht verstand. Danach haben sie ein anderes Wort geschrieben. Das ist französisch. Au secours. Au secours heißt so viel wie Hilfe. Sie hoffen, dass wir ihnen helfen. Sie sind verschleppt, verstehst du? Wenn man doch mit den anderen reden könnte!“

Joe blickte zu den Männern mittschiffs, die da arbeiteten ohne rechts und links zu sehen. Und die Kommandos von Lorenzo und O’Dea schallten übers Deck.

Drüben brüllte einer der britischen Bootsmänner.

Plötzlich gewahrte Joe den russischen Hünen Buddy. Er stand mit dem deutschen Fritz etwas abseits, und beide waren dabei, eine Stahltrosse zu spleißen. Der Deutsche hatte den Marlspieker in der Rechten, eine spitze Stahlstange, die zum Spleißen von Drahtseilen notwendig war.

Joe hatte das Gefühl, dass diese beiden sofort bereit waren, ihn zu unterstützen. Er stieß Timmy mit dem Ellenbogen an und raunte ihm zu: „Hol’ die beiden her! Los, lauf!“

Timmy begriff sofort und huschte zu den beiden hinüber. Die sahen ihn etwas überrascht an, wandten sich dann um, und als sie sicher waren, dass sie niemand beobachtete, turnten sie von den Groß-Pardunen auf das Deck hinunter, sahen sich noch einmal um und tauchten dann neben dem Beiboot auf, in dessen Schutz Joe stand.

„Hallo, Reb! Was ist denn?“, fragte der Russe.

„Buddy und Fritz, hört zu! Auf dem Engländer sind Frauen. Sie sind unter Deck, und sie werden wider ihren Willen festgehalten. Sie haben einen Hilferuf aufgeschrieben und mir durchs Bullauge gezeigt.“

„Frauen!“, rief Buddy.

„Mach nicht so laut!“, mahnte Joe. Timmy stand neben den Männern und blickte gespannt und aufgeregt von einem zum ändern.

„Frauen unter Deck wie Gefangene? Wo gibt es denn das? Was sind das für Frauen?“

„Ich weiß nicht. Sie haben etwas Komisches zuerst aufgeschrieben, was ich noch nie gehört habe, ein Wort, das ich nicht kenne, in einer Sprache, die ich auch nicht kenne. Und nachher, als sie merkten, dass ich es nicht begreife, haben sie es französisch aufgeschrieben, au secours. Da wusste ich dann, was los ist.“

„Au secours, was heißt das?“, fragte der Deutsche.

„Zu Hilfe, in französisch. Aber erst hatten sie ein anderes Wort.“

„Was für ein Wort?“, fragte der Deutsche.

„Hjälp“, buchstabierte Joe.

„Mensch, Reb, das ist schwedisch“, sagte Fritz. „Dann sind diese Frauen aus Schweden.“

„Kann sein“, stimmte Joe zu. „Viele von denen sind blond. Aber was machen diese schwedischen Frauen hier an Bord des Engländers?“

„Ich möchte überhaupt wissen“, überlegte Buddy, „was mit diesem Engländer...“

Weiter kam er nicht. Auf einmal schmetterte die Stimme des ersten Offiziers zwischen sie wie eine Peitsche.

„Ihr verdammten Halunken!“, brüllte Bill Milford, der plötzlich oben auf dem Bootsdeck aufgetaucht war. „Ihr Himmelhunde und Lumpensöhne! Ihr Schweinekerle! Ihr steht herum und tut nichts. Der Teufel soll euch frühstücken!“ Er wandte sich zur Seite und brüllte: „Bootsmann! Bootsmann!“

Lorenzo antwortete von achtern. „Ja, habe ich doch tatsächlich drei Schweinehunde erwischt, die keinen Schlag tun!“, brüllte der Erste. „Die stehen zusammen und quatschen. Willst du sie endlich in Bewegung setzen! Willst du diesen Stinktieren Beine machen!“

Lorenzo kam angeschnauft wie eine Dampfmaschine. Als er den Deutschen und den Russen sah, schrie er ihnen entgegen: „Euch zwei Lumpenkerle hatte ich doch in die Pardunen geschickt!“

„Was ist mit dem anderen?“, fragte der Erste und deutete auf Joe.

„Der hat Freiwache, Sir.“

„Wenn er Zeit hat zum Herumstehen, dann soll er mit anpacken. Freiwache, Freiwache! Was soll denn das heißen?“, schrie Milford. „Du Lumpenkerl, pack an!“

Mit einem Mal ruhte die ganze Arbeit. Alle starrten zum Bootsdeck hin, schauten interessiert auf die Gruppe um den Ersten Offizier und jene Männer, die er anschrie. Von Timmy war nichts mehr zu sehen. Der hatte sich verdrücken können, unbemerkt vom Ersten und vom Bootsmann.

Auch die drüben auf dem englischen Schiff starrten herüber.

Joe war es gewohnt, hart angefasst zu werden. Aber noch nie hatte ihm einer so viel Schimpfnamen an den Kopf geschmissen wie der Erste und wie Lorenzo. Besonders auf den Ersten Offizier hatte er im Augenblick eine flammende Wut, die er loswerden musste. Ohne sich um den Deutschen und den Russen zu kümmern, schrie er los:

„Es ist noch nicht aller Tage Abend, Steuermann. Der Tag hat viele Stunden und ebenso die Nacht.“

Der Erste stemmte die Hände in die Seite und sah von oben verächtlich auf Joe. „Glaubst du kleiner Scheißer, dass du mir da eine Neuigkeit unterbreitest? Scher dich endlich an die Arbeit, oder ich schlage dir den Stock um die Ohren!“

Er hatte plötzlich einen Rohrstock in der Hand, mit dem er ausholte, als wollte er zuschlagen, obgleich Joe viel zu weit von ihm entfernt war.

Joe lachte ihn aus.

„Bootsmann!“, brüllte der Erste. „Hol die Siebenschwänzige. Vielleicht macht ihm das Beine. Los, Candy! Candy, zum Teufel, wo steckst du?“

Der schiefgesichtige Sven Evedal kam herbei und blickte hasserfüllt auf Joe. Es war, als hätte er nur auf diesen Augenblick gewartet. Dann wandte er sich um und schrie in den Laderaum hinunter: „He, Yank, enter auf! Dein verdammter Rebell will es haben. Jetzt kannst du es ihm zeigen. Rauf mit dir!“

Kurz darauf tauchte Yank auf. Und nun kamen sie auf ihn zu: Von Backbord her der Bootsmann mit seinen behaarten Gorillaarmen und von der anderen Seite Yank und Gandy. Oben ging der Erste um das Boot herum. Er hielt noch immer seinen Rohrstock in der Hand und ließ ihn pfeifend durch die Luft sausen.

Lorenzo hatte von irgendwoher eine siebenschwänzige Lederpeitsche aufgenommen, warf sie jetzt Candy zu, und der sagte zu Yank: „Nun los, dann zeig ihm mal, was du von ihm hältst. Das wolltest du doch. Jetzt hast du Gelegenheit dazu.“

Aber es war Buddy, der Russe, der dem Geschehen eine Wendung gab. Während Yank noch einen zögernden Schritt auf Joe zu machte, warf sich Buddy plötzlich herum, packte Candy, riss ihm die Peitsche aus der Hand und schlug sie ihm mit einer Wucht ohnegleichen über den Nacken.

Candy wurde von der Gewalt des Schlages zu Boden geschleudert. Er schrie auf, während aus seiner aufgeschlagenen Haut das Blut quoll. Aber darauf achtete Buddy nicht mehr. Schon hatte er Yank gepackt, der vergeblich auszuweichen versuchte, aber dem es nicht mehr gelang, den gewaltigen Pranken des Russen zu entkommen. Der hatte ihn gefasst, schlug zu und schleuderte mit diesem Schlag Yank bis gegen die Reling. Dort prallte er dagegen, verlor das Gleichgewicht und stürzte mit einem Schrei in die See.

Irgendwer brüllte: „Mann über Bord!“

Aber kein Mensch machte nur die geringsten Anstalten, Yank aus dem Wasser zu holen. Denn noch immer befand sich Buddy in voller Fahrt, nun auch unterstützt von Fritz und Joe.

Joe hatte sich auf Lorenzo geworfen. Fritz, der den Marlspieker in der Rechten hielt, schlug damit den heranstürmenden Ersten nieder. Er traf ihn nur an der Schulter, aber der Schlag war so gewaltig, dass es dem Ersten die Füße wegzog.

Auf dem britischen Schiff schrie jemand: „Meuterei! Aufruhr! Die Gewehre!“

Joe hatte gegen den viel stärkeren Lorenzo so gut wie gar keine Chance. Aber da war Buddy da. Buddy, der herumfegte, von der Seite her gegen Lorenzo losstürmte und ihn gerade in dem Augenblick erwischte, als Lorenzo Joe an sich riss, und ihn mit seinen muskulösen Gorillaarmen zusammenpressen wollte.

Der Fausthieb, den Lorenzo von Buddy bekam, hätte einen Ochsen von den Füßen gerissen. Er fällte auch Lorenzo.

Joe erkannte die Gelegenheit. Er sah die mit ihm geschanghaiten Männer an dem Spill des Ladebaumes und unten im Laderaum stehen. Und er schrie ihnen zu: „An Bord des Engländers sind Frauen. Man hält sie gefangen. Es sollen Schwedinnen sein.“

Das Wort „Frauen“ war wie eine Zauberformel. Die. Unentschlossenen schienen jetzt zu wissen, wohin sie gehörten. Mochten sie aus aller Herren Länder kommen, in diesem Augenblick waren sie sich einig, so einig wie nie zuvor. Sie enterten aus dem Laderaum auf oder verließen ihren Platz am Spill des Ladebaumes. Sie alle kamen an der Nagelbank vorbei, wo die Belegnägel eingesteckt waren. Einige davon waren aus Eschenholz, die anderen aus Eisen, wie Schlagstöcke der Konstabler, noch viel gefährlicher.

Aber dann kamen die Engländer. Sie enterten die „Sweet Mary“. Und das waren keine geschanghaiten Männer. Das war eine ganze Schiffsmannschaft, die da an Bord kam und sich auf die Meuterer stürzte.

Trotzdem nahmen die Männer um Buddy, Joe und Fritz den Angriff an, stellten sich den englischen Matrosen entgegen und schlugen sie bis zum Schanzkleid zurück.

Der Kapitän der Engländer, der achtern bei Kapitän Detlevsen stand, hatte eine Pistole, aber er konnte nichts damit anfangen, weil er seine eigenen Leute in Gefahr gebracht hätte. Detlevsen selbst und O’Dea, der nach achtern geflüchtet war, besaßen Schrotflinten. Doch auch damit konnten sie nichts anfangen, wenn sie nicht die englischen Seeleute gefährden wollten.

Plötzlich, mitten in dieser Schlägerei, Mann gegen Mann, ertönte die urige Donnerstimme Buddys. Der Russe sang. Er sang irgendein russisches Seemannslied, das keiner von ihnen allen verstand, und doch würde niemand, der diesen Kampf miterlebt hatte, jemals den Gesang des Russen vergessen. Während er sie packte, über Bord schleuderte oder wie eine nicht aufzuhaltende Dampfwalze in die Reihen der Engländer fuhr, sang dieser Riese von einem Russen, sang und kämpfte.

Plötzlich brach sein Gesang ab.

Joe, der schräg hinter Buddy war, sah plötzlich, wie ein Marlspieker aus dem Rücken des Russen ragte, wie der Russe das Gesicht verzerrte, hilflos mit den Händen nach vorn griff, als wollte er sich fest halten und dann auf die Knie sackte.

Joe blickte sofort nach oben und entdeckte in der Großuntermarsrahe des britischen Schiffes einen Matrosen, und nur der konnte den Marlspieker von da oben heruntergeschleudert haben.

Diese Ablenkung wurde auch Joe zum Verhängnis. Während er noch nach oben schaute und fieberhaft überlegte, wie er sich dafür rächen konnte, da erwischte es ihn selbst. Einer der englischen Matrosen schlug ihm einen Belegnagel rechts übers Ohr. Die letzte Empfindung, die Joe hatte, war nur dieser höllische Schmerz am Kopf, dann riss es ihm schon die Füße weg, und er war bewusstlos, bevor er am Boden aufschlug.

Die Übermacht der englischen Matrosen, vereint mit den wenigen, die an Bord der „Sweet Mary“ auf Seiten des Kapitäns standen, brachte die Entscheidung. Wenige Minuten später war der Kampf aus. Auf jeden der Meuterer kamen drei englische Matrosen, und sie schlugen ihre Gegner unbarmherzig zusammen.

Schließlich befahl ihnen Lars Detlevsen, die geschlagenen Meuterer unter Deck zu schicken. Und die Briten brachten sie nach unten und banden sie dort mit Stricken an ihre Kojen und überall dort fest, wo sich eine Gelegenheit zum Festbinden bot. Fritz aber, der halb bewusstlos war und von dem Schlag eines eisernen Belegnagels am Kopf stark blutete, schleiften die Engländer ins Vorpiek. Das ist ein Raum ganz vorn im Schiff hinter dem Vordersteven und über dem Kiel unten. Dahin schleppten sie auch den bewusstlosen Joe.

Buddy lag noch immer mittschiffs. Dyc Atkinson, der früher mal ein Arzt gewesen war und seine eigene Frau getötet haben sollte, kniete neben ihm. Aber er konnte dem schwerverletzten Buddy nicht mehr helfen. Der bullige Riese starb in einer Blutlache. Als er tot war, befahl Kapitän Lars Detlevsen, die Leiche aufs Vorschiff zu schaffen und dort eine Persenning über ihn zu legen. Piro, der als Segelmacher eingeteilt war, musste ihn einnähen, damit, wie Lars Detlevsen sagte, der Tote so schnell wie möglich von Bord verschwinden konnte.

Yank, der sich die ganze Zeit außenbords festgeklammert hatte, wurde nun auf Deck geholt. Und das war der letzte Akt dieser Meuterei. Danach vollendeten die englischen Matrosen das Lademanöver. Als sie fertig waren, schalkten sie noch die Luken, um sie abzudichten gegen Seegang und Regen, denn wie ein Gewitterregen sah es im Osten aus, und der Wind trieb die schwarzen, tief über dem Meer schwebenden Wolken rasch näher.

Lars Detlevsen und der wieder zu sich gekommene Erste Offizier standen achtern. Candy lag im Revier, und O’Dea musste sich vom Doc den Arm verbinden lassen. Auch Lorenzo hatte es erwischt. Er trug einen Kopfverband und hatte den linken Arm in der Schlinge.

Der Engländer legte ab, seine Mannschaft setzte die Segel, und kurz darauf entfernte sich das englische Schiff rasch von der „Sweet Mary“.

Detlevsen ließ nur die oberen Segel stehen und begnügte sich damit, angesichts eines nahenden Unwetters. Schon fegten die ersten Sturmböen über die See. Der Seegang wurde stärker. Die „Sweet Märy“ begann zu stampfen.

Auf einen Befehl des Kapitäns hin gingen O’Dea und Lorenzo unter Deck. Lorenzo hatte in seiner gesunden Hand die siebenschwänzige Peitsche. Und dann war er im Logis. Dort unten herrschte Dämmerlicht. Lorenzo schloss die Tür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen.Er brauchte eine Weile, bis sich seine Augen an diese Beleuchtung gewöhnt hatten. Dann aber ging er auf den ersten zu, den die Engländer dort angebunden hatten. Es war Chink, der Chinese. Der hatte sich überhaupt nicht an dem Kampf beteiligt, und trotzdem war er zusammengeschlagen und hier unten festgebunden worden. Ohne ein Wort zu verlieren, schlug Lorenzo zu. Der Peitschenhieb fetzte dem Chinesen das Hemd von der Brust, ein zweiter schnitt ihm die Haut auf. Der Chinese schrie, aber er konnte sich nicht einmal wehren, weil er festgebunden war.

Lorenzo schrie den kleinen hageren Mann an: „Willst du Schweinehund deine Arbeit tun?“

Der Chinese sah ihn ängstlich und entsetzt an. Sie hatten ihn in einem kleinen Dorf bei Boston aufgegriffen, als er vor Hunger ein Huhn stehlen wollte. Er hatte den Hunger ins Gefängnis mitnehmen müssen. Der Hühnerdiebstahl war missglückt. Und das war der Grund, warum er sich hier an Bord befand.

„Nein“, keuchte der Chinese. „Ich tu ja alles! Ich tu ja alles!“

Lorenzo zog sein Bordmesser und schnitt die Fesseln des Chinesen durch. „An Deck mit dir!“, brüllte er.

Dann trat er zu Frenchy, der ein Stück weiter angebunden war. Frenchy hatte ein schmales Gesicht mit einer ramponierten Nase. Von ihm wusste Lorenzo nichts. O’Dea hingegen kannte die Vorgeschichte von Raimond Chaqueboux, dass er den Besitzer eines Etablissements in New York bei einer Prügelei erschlagen haben sollte. Doch sonst war von Straftaten Frenchys nichts bekannt.

Lorenzo hielt sich nicht mit der Vorrede auf. Er schlug die Siebenschwänzige Frenchy ins Gesicht. Aber der schrie nicht wie der Chinese, sondern spie Lorenzo zwischen die Augen und brüllte: „Dafür zieh ich dir die Haut ab!“

Lorenzos Wut wurde noch mehr angefacht. Er schlug wiederum zu, über die Brust, über die Schulter, über den Bauch, von Frenchy, bis es O’Dea zu viel wurde und er brüllte: „Lass das! Schluss jetzt! Schick den Mann an Deck!“

Widerstrebend gehorchte Lorenzo, schnitt die Fesselung durch und dachte, dass Frenchy nun froh sein würde, an Deck zu kommen. Aber er irrte sich. Denn kaum war er die Fesseln los, sprang Frenchy, der drahtige Franzose, Lorenzo an, schlug dem bulligen Bootsmann das Knie zwischen die Beine, dass Lorenzo die Luft wegblieb und er seine Gorillaarme sinken ließ. Die Gelegenheit nutzte Frenchy sofort aus, indem er Lorenzo die Faust ins Gesicht schlagen wollte.

Aber diesmal war O’Dea schneller. O’Dea warf sich dazwischen, feuerte die Handkante gegen Frenchys Kehlkopf, und das warf den Franzosen zurück, dass er mit dem Hinterkopf gegen ein Holz schlug und halb bewusstlos daran heruntersackte.

O’Dea packte ihn am Kragen, riss ihn wieder hoch und brüllte ihn an: „Mach, dass du an Deck kommst, bevor ich es bereue, dir nicht auch die Peitsche um die Ohren geschlagen zu haben! An Deck mit dir!“

Diesmal ging Frenchy wirklich an Deck.

O’Dea blickte den an der Wand lehnenden Lorenzo an und begriff, dass der noch nicht imstande war, seine eigenen Sinne zu regieren. Ohne sich weiter um den Bootsmann zu kümmern, ging O’Dea zu Jan, schnitt ihm wortlos die Fesseln durch und deutete mit dem Daumen zum Niedergang.

Jan nickte nur und machte, dass er an Deck kam.

––––––––

Reederei

Andrew Weir & Co., Bank Line, Glasgow

Geheime Reedereiorder

An Kapitän Bryan M. McMurray c/o Frachtschiff „Loch Hammond“ z. Z. Belize/Brit. Honduras

Die Bark „Sweet Mary“, die unter britischer Flagge fährt und von der Reederei Devitt & Moore, London gechartert ist, wird Ihre Reiseroute nach Verlassen der Reede von Belize kreuzen. Dem Kapitän der Bark ist Munition und Schießpulver zu übergeben, das Sie für diesen Zweck in Southampton an Bord genommen haben. Die Übernahme soll auf hoher See bei geeigneter Witterung erfolgen. Der Mannschaft dürfen dazu keine Erklärungen abgegeben werden. Das Manöver ist streng geheimzuhalten. Über den Auftraggeber darf keinerlei Mitteilung erfolgen.

Gez. Guiness

Glasgow, den 5. 5.1870

Geheimer Befehl an alle Kriegsschiffe und Frachtfahrer der Königlich Spanischen Krone:

Die Bark „Sweet Mary“, zeitweise unter britischer Flagge im Atlantik und im Golf von Mexiko vor der Küste der USA manövrierend, ist ein getarntes Piratenschiff, das im Auftrage eines von den USA bezahlten schottischen Konsortiums spanische Schiffe angreift, heimtückisch überfällt und dabei die Totenkopfflagge der Piraten zeigt. Bei Antreffen und Erkennen ist auf dieses Schiff ohne Vorwarnung das Feuer zu eröffnen. Nicht bewaffnete Schiffe sollten versuchen, einen schützenden Hafen zu erreichen. Nach den Mitteilungen unseres Geheimdienstes soll mit dieser Aktion eine Krise im Einvernehmen zwischen der Krone und den USA herbeigeführt werden, zum Zwecke des Kriegszustandes, der Kuba und Puerto Rico der Krone entreißen und zum Bestandteil der USA werden lassen soll.

Admiralität der Überseebesitzungen Rodriguez de Valdome y Ragarnar

Santiago de Cuba 8. 7.1870

*

Blitze und Donnergrollen sowie immer kräftigere Sturmböen leiteten das Unwetter ein. Die Wolken hingen greifbar über dem Meer. Die Blitze schmetterten in die Wogen hinab, begleitet vom Donnergetöse. Der Regen fegte fast waagrecht von Osten her über die See, von Sturmböen getrieben. Die Stag- und Klüwersegel knallten regelrecht, wenn die Sturmböen hineinfuhren.

Das Gewitter veränderte die Absichten des Kapitäns. Er brauchte jetzt jede Hand und konnte sich nicht leisten, Verletzte herumliegen zu lassen. So wurden Fritz und Joe wieder aus dem Vorpiek geholt und in den Topp des Großmastes geschickt, um Großroyal- und Großskysegel zu bergen, die schon aufgegeit waren.

Die anderen waren schon in Fock- und Besanmast, als Fritz und Joe noch in den Wanten hingen. Da packte die erste schwere Bö das Schiff.

Jeder Seemann weiß, dass Gewitterstürme tückisch sind, unberechenbar und äußerst gefährlich. Für die Männer, die bis oben in die Mastspitzen klettern mussten, bedeutete diese Arbeit äußerste Lebensgefahr. Die Böen kamen so stark, dass sich Fritz und Joe kaum in den Wanten halten konnten. Und oben, in den Rahen, hatten die anderen Männer Mühe, sich im Fußpferd halten zu können, in jenem unter der Rahe befestigten Tau, auf dem die Männer bei Arbeiten an den Segeln stehen mussten. Eine Hand fürs Schiff, eine Hand für dich. Diese alte Seemannsweisheit galt jetzt doppelt. Diese eine Hand, um sich festzuhalten und nicht hinab aufs Deck oder ins Meer geschleudert zu werden, reichte fast nicht mehr aus.

Die Sturmböen rüttelten, stießen, wuchteten mit einer Urgewalt gegen alles, was ihnen Widerstand bot, dass sich nur behaupten konnte, was fest und sicher Halt hatte. Die Leinen schlugen, die Segel wurden den Männern aus den Händen gerissen, fetzten ihnen die Nägel von den Fingern und waren hart wie ein Brett.

Endlich waren Joe und Fritz oben, begannen mit ihrer Arbeit am aufgeblasenen, aufgegeiten Skysegel.

In diesem Augenblick fegte eine Orkanbö heran, so wuchtig, dass Joe herumgerissen wurde, mit einem Fuß vom Fußpferd abrutschte und beide Hände brauchte, um sich festzuhalten.

Vorn, im Fockmast, ertönte ein schriller Schrei. Es war Jan. Er drohte abzurutschen. Seine Hände lösten sich von der Rahe, an der er sich festklammerte, aber neben ihm war Frenchy, packte den jungen Holländer und klammerte sich mit ihm zusammen fest.

Unten aber brüllte Kapitän Detlevsen mitleidlos nach oben: „Wollt ihr da oben einschlafen, ihr Hundesöhne? Wollt ihr die Segel endlich belegen?“

Aber sie hörten ihn da oben gar nicht. Der Wind riss ihm die Worte von den Lippen und fegte sie mit hinaus auf die See. Oben aber heulte, stieß, riss er in der Takelage. Diese Sturmböen waren erst der Auftakt zu einem Unwetter, wie es Joe selten erlebt hatte. Aber die „Sweet Mary“ war ein hervorragendes Schiff. Ihre Seetüchtigkeit wurde gerade bei diesen Kreuzseen immer wieder unter Beweis gestellt, und Lars Detlevsen zeigte sich einmal mehr als ausgezeichneter Schiffsführer.

Das Gewitter war der Vorläufer eines Wirbelsturms. Sie kamen in diesem Jahr häufig, die tückischen Wirbelstürme. Für ein Segelschiff war es jedes Mal eine tödliche Gefahr. Jeder an Bord wusste, dass sie verloren waren, wenn die „Sweet Mary“ ins Zentrum des Wirbelsturms geriet.

Er kam mit einem unheimlichen Rollen. Es pfiff, heulte und brüllte. Ein drohendes Geräusch, das jeder Seemann kannte, und doch war noch immer vom Wirbelsturm nichts zu sehen. Das war kein Donner, das rührte nicht von den Windböen her, das waren die Vorboten eines unheimlichen Hurrikans.

Joe hatte alles noch so frisch in Erinnerung, dass ihn ein plötzlicher Schreck erfasste. Sollte sich das Drama, das die „Harmony“ heimgesucht hatte, hier wiederholen?

Er spürte den Druck in den Ohren, der jedem Hurrikan vorausging, und zugleich empfand er dieses drohende Unheil als eine Vorahnung und spürte, wie ihm eine Gänsehaut über den ganzen Körper kroch.

Dann auf einmal kam es wie ein Donnerschlag. Dort, wo die Segel noch nicht geborgen waren, wurden sie aus den Lieken gefetzt. Segeltuchstücke flogen durch die Luft, und die Männer hatten Not, sich selbst festzukrampfen, um nicht von den Rahen gerissen zu werden. Es gab keine Segel mehr zu bergen. Auf der „Sweet Mary“ befand sich offenbar kein Stück Tuch mehr in den Rahen.

Die „Sweet Mary“ krängte nach Steuerbord. Die Männer rangen oben in den Rahen nach Atemluft. Sie waren nicht in der Lage, nur eine Hand, nur einen Fuß zu bewegen, wenn sie nicht heruntergerissen werden wollten. Als wären sie verdammt, den ganzen Sturm über da oben auszuharren, so klemmten sie sich fest, und das Schiff krängte immer mehr nach Steuerbord.

Die Böen ließen nicht nach. Das Schiff konnte und wollte sich nicht mehr aufrichten. Es neigte sich immer weiter.

Zum Teufel, was ist los?, dachte Joe. Da muss die Ladung verrutscht sein. Die Bö hat doch nachgelassen. Das Schiff muss hochkommen! Wieso kommt es nicht hoch?

Alles war wie vor Cape Cod, das Tosen und Brüllen des Orkans, die gigantischen Wogen, die jetzt von Luv über das Schiff herfielen, als wollten sie es zerschmettern, die Schaumkronen, die bis in die Toppen spritzende Gischt und das Donnern des immer noch in der Nähe befindlichen Gewitters, das allem mit den grellen Blitzen noch die Krone aufsetzte. Denn mit einem Mal war es ringsum schwarz geworden, dunkel, als wäre Nacht.

Vom Großroyalstag wehte noch ein Stück Segel. Es schmetterte, knallte, donnerte regelrecht, und endlich konnten die Lieken es nicht mehr halten. Es flog davon, verschwand wie ein Spuk in den Wolken.

Immer höher wurden die Brecher, die über Bord schlugen. Die „Sweet Mary“ stampfte, rollte, kämpfte sich durch die kochende See.

Aber sie war viel besser als die „Harmony“. Sie ritt diesen Sturm ab, und Lars Detlevsen verstand es, mit ihr umzugehen. Er wurde ein Stück ihrer selbst. Sie schien Wachs in seinen Händen zu sein. Obgleich Joe diesen Mann hasste wie die Pest, musste er sich eingestehen, dass der Kapitän ein genialer Seemann war.

Die Männer arbeiteten sich nach unten. Der Sturm presste sie gegen die Wanten. Es war mehr ein Kriechen, ein Hand über Hand nach unten tasten, ehe sie endlich an Deck kamen.

Achtern winkte der Zweite. O’Dea stand mit im Ruder. Sie hielten es zu viert, versuchten dem Druck des Sturmes standzuhalten, damit ihnen die „Sweet Mary“ nicht dwars zur Sturmrichtung schlug.

Jetzt gab es keine Feindschaft mehr. Jetzt war der Gegner die See. Und sie standen vereint Schulter an Schulter in diesem mörderischen Ringen ums Überleben. Zu viert hingen sie im Steuerrad, krampften ihre Fäuste ums Ruder, und dann packte auch noch Lars Detlevsen selbst zu. Er war sich nicht zu fein dafür. Zu dieser Sorte gehörte er nicht. Er war hart, gemein und brutal, aber er war ein ganzer Mann.

Der Hurrikan raste dahin, und ihre Chance bestand darin, ihn zu überstehen, diese kurze Zeit, wo er um sie herumtobte, zu überwinden. Schafften sie das, hatten sie gesiegt.

Aber dieser Hurrikan wollte es wissen. Er drückte die „Sweet Mary“ noch mehr nach Steuerbord. Und der Verdacht, dass ein Teil der Ladung verrutscht sein musste, kam Joe immer mehr.

Seine Vermutung bestätigte sich. Lars Detlevsen schrie: „Mr. O’Dea, gehen Sie mit vier Mann nach unten. Sehen Sie in der Last III nach!“

„Aye, aye, Sir!“, schrie O’Dea, um den Lärm des Sturms zu übertönen, winkte einem anderen, der für ihn mit ins Ruder griff, schickte Dick Pitchard an Joes Stelle und winkte Joe. Zusammen mit Chink und Piro gingen sie unter Deck zur Last III. Der dritte Laderaum war durch den zweiten zu erreichen, und im zweiten befanden sich jene Kisten, die man von dem englischen Schiff übernommen hatte. Sie standen gut und waren hervorragend festgezurrt. Jedenfalls sah Joe das, als O’Dea mit der Lampe darauf leuchtete.

Als sie das Schott zur Last III geöffnet hatten und wieder hinter sich schlossen, sahen sie Bill Milford, den Ersten, der dort versuchte, ein Geschütz festzuzurren, das sich selbständig gemacht zu haben schien.

Ein Geschütz!, fuhr es Joe durch den Kopf, als der Lampenschein darauf fiel. Auch der Erste hatte eine Lampe, aber sie brannte nur funzelig und beleuchtete nur einen geringen Umkreis. Nun aber im Schein der helleren Laterne wurde die ganze Last erhellt. Hier wurde keine Ladung wie in anderen Schiffen untergebracht, hier standen vier Geschütze. Und zwei davon, die an Backbord gestanden hatten, waren aus den Halterungen herausgeglitten und auf den Rollen, auf denen sie sich befanden, zur Steuerbordseite gefahren. Das Schiff krängte unter dieser enormen Last, die auf einmal auf einer Seite war, denn das waren keine kleinen Geschütze, das war schwerste Artillerie, wie man sie nur auf großen Kriegsschiffen fand.

Joe meinte zu träumen. Vier solcher Geschütze hätten einem Kreuzer alle Ehre gemacht. Die „Sweet Mary“ als Frachtschiff, wenn auch als sehr seetüchtiges gebaut, beherbergte also eine derartige Bewaffnung. Die Geschütze an Deck waren ja gar nichts im Vergleich zu dem, was sich hier unten verbarg. Diese hier waren Hundertpfünder von Armstrong. Damit war jede Fregatte, war auch mancher Kreuzer ihnen unterlegen.

Joe begriff sehr rasch, wie das alles hier funktionierte. Eine Blende außenbords musste nur entfernt werden, dann konnten diese Geschütze in Aktion treten. Die „Sweet Mary“ war ein Raider, wie in Amerika die Hilfskreuzer genannt wurden, die erstmalig während des Bürgerkrieges von den Konföderierten eingesetzt worden waren.

Ich befinde mich, dachte Joe, auf einem solchen Schiff. Der Krieg ist längst vorüber. Wer, zum Teufel, soll das Opfer der „Sweet Mary“ sein? Auf welche Schiffe macht Lars Detlevsen Jagd? Und wer ist sein Auftraggeber?

Im Augenblick war es wichtiger, die beiden Geschütze wieder nach Backbord zu bringen, als eine Antwort auf die Frage zu finden, wer hinter diesem Unternehmen stand. Denn dass es Lars Detlevsen nicht aus eigener Initiative tat, war Joe klar.

Sie waren zu zweit nicht imstande, die Steigung, die infolge des krängenden Schiffes entstanden war, zu überwinden, solche schwere Last sozusagen bergauf zu bewegen.

Der Erste hatte schon Taljen festgemacht und versuchte es mit diesen Flaschenzügen. Als die Männer, mit denen Pat O’Dea nach unten gekommen war, mit anpackten, gelang es ihnen, das eine Geschütz Zoll um Zoll aufwärts zu bewegen, näher an Backbord zu bringen. Aber im Augenblick hatten sie noch nicht einmal die Mitte des Schiffes erreicht. Doch sie ließen nicht nach. O’Dea schickte Chink nach oben, um neue Taljen zu holen.

Diese Taljen, wie auf dem Schiff ein Flaschenzug genannt wird, bewirkten, dass mit geringer Kraft, aber viel Weg eine schwere Last bewegt werden konnte. Detlevsen hatte noch mehr Männer nach unten geschickt, nachdem er wohl von Chink erfahren hatte, was hier unten los war. Von nun an ging es rasch. Es gelang, das eine Geschütz nach Backbord zu bringen und dort festzuzurren.

Die „Sweet Mary“ krängte nun nicht mehr so sehr, so dass es bedeutend einfacher war, das zweite Geschütz nun ebenfalls nach Steuerbord zu bringen und damit das Schiff zu trimmen.

Die Krängung hatte aufgehört, soweit sie nicht auf natürliche Weise durch den Sturm verursacht wurde. Aber auch der Sturm ließ nach. Von oben kam der Befehl: „All hand“, was so viel bedeutet wie alle Mann an Deck.

Detlevsen jagte die Männer in die Toppen. Jetzt, wo der Sturm nachließ, galt es wieder Zeug zu setzen. Pitchard, der als Segelmacher arbeitete, musste neues Segelzeug herausholen, um die zerfetzten Segel zu ersetzen.

Das Meer tobte noch immer, aber es war mehr ein Austoben, ein Verlaufen des Sturmes, der längst die Küste erreicht haben musste.

Die „Sweet Mary“ machte wieder Fahrt, sobald die Segel gesetzt waren. Nun war auch nicht mehr der große Druck auf das Ruder. Es genügten zwei Mann, die es hielten, und Detlevsen gab selbst den Kurs an.

Kein Mensch sprach von dem, was vor dem Sturm gewesen war, niemand von der versuchten Revolte. Detlevsen stand mit trotzigem Gesicht auf dem Achterdeck und blickte Joe nicht einmal an, als der zusammen mit Frenchy Dienst am Ruder tun musste.

„Zwei Strich backbord halten!“, befahl Detlevsen.

„Zwei Strich backbord liegen an“, wiederholte Joe, als wäre nichts gewesen.

Auch Detlevsen verriet mit keiner Miene, was er dachte. Hatte er einen Punkt hinter die ganze Geschichte gemacht, oder wartete er nur einen günstigen Zeitpunkt dafür ab, wann er sich an Frenchy und Joe für die Revolte rächen wollte?

Später ging Detlevsen wieder in seine Kajüte, und Milford, der Erste, kam nach oben. Auch er zeigte durch keine Miene, wie er von der Revolte dachte und was er von Joe und Frenchy hielt.

Zum Teufel, dachte Joe, was interessieren mich die Gedanken dieser Piraten? Jawohl, Piraten sind es.

„Den Kurs halten!“, befahl der Erste und verschwand ebenfalls nach unten. Niemand war oben außer Joe und Frenchy.

„Diese Piraten“, sagte Joe. „Was haben die sich nur ausgekocht? Wenn ich nur wüsste, was dahintersteckt?“

Frenchy spie seinen Priem nach Lee über Bord. „Ausgekocht? Ich denke mir, dass es Freibeuter sind. Warte nur ab, wenn wir in den Golf von Mexiko kommen sollten. Dort werden sie Jagd auf alles machen, was Beute verspricht. Piratenschiff, Freibeuter! Und wir sind an Bord und tun denen die Arbeit.“

„Ich kann es nicht glauben. Es muss mehr dahinterstecken. Die haben doch von den Behörden, von der Polizei und der Gefängnisverwaltung Leute aus den Gefängnissen bekommen.“

„Das ist nichts Neues“, meinte Frenchy. „Das tun sie bei uns in Frankreich auch. Wenn die Kapitäne eine Ablösesumme bezahlen, werden Sträflinge an solche Schiffe verschachert und geschanghait.“

„Ich habe noch nie davon gehört. Und ich bin schon so lange unterwegs. Aber so etwas ...“

Frenchy lachte rau auf. „Du kennst die Welt nicht. Wo kommst du her?“

Joe erzählte ihm von Charleston und der Zeit, da er bei der konföderierten Marine gewesen war, und nach dem Krieg, der vor fünf Jahren endete, dann auf zivilen Schiffen angeheuert hatte, zuletzt auf der „Harmony“.

Frenchy biss ein Stück von seiner Priemstange ab, schob es sich zwischen die Backenzähne, verstaute das Übrige wieder in seiner Brusttasche. „Konföderierte Marine, mein Gott! Die Amerikaner haben sich selbst zerfleischt, der Norden gegen den Süden. Welch ein Blödsinn! Das gibt es bei uns Franzosen nicht. Wir halten immer zusammen.“

Und dann erzählte er Joe von seiner Zeit, die er auf einem großen französischen Schiff gefahren war. Und dann kam das Besäufnis in Boston, die Schlägerei und ein Erwachen hinter Gittern.

„Irgendwann muss dieser Kahn ja mal an Land“, sagte Frenchy. „Und dann sind wir weg. Wenn ich nur wüsste, was die Mädchen auf diesem englischen Schiff getan haben, was mit denen los ist?“

Das beschäftigte die beiden im Augenblick mehr als ihr eigenes Schicksal. Sie stellten Vermutungen an und waren doch weit von der Wahrheit entfernt. Sie konnten einfach nicht ahnen, was diese Frauen an Bord des englischen Schiffes zu bedeuten hatten.

*

Die „Sweet Mary“ fuhr mit Südkurs.

„Wenn das so weitergeht und wir den Kurs beibehalten“, meinte Joe, „kommen wir geradewegs nach Porto Rico.“

„Zu den Spaniern“, meinte Frenchy. „Menschenskind, auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen. Vielleicht hängt es mit den Spaniern zusammen.“

„Wie meinst du das?“ fragte Joe.

„Ganz einfach, die machen mit den Spaniern gemeinsame Sache. Du weißt doch, Porto Rico gehört zu Spanien genau wie Kuba. Und die Amerikaner sind schon lange scharf drauf. Euer Präsident Grant kann die Spanier sowieso nicht leiden. Es gibt immer wieder Reibereien. Ich habe viel davon gehört. In Mexiko ist Präsident Juarez, der ist ein Freund von Grant. Seit dieser Kaiser Maximilian erschossen worden ist, der von unserem Napoleon III. dort eingesetzt wurde, seitdem sind die Amerikaner die dicken Freunde der Mexikaner. Und beide zusammen haben etwas gegen die Spanier, verstehst du das?“ „Natürlich versteh’ ich das. Aber mir fällt etwas anderes ein. Bei euch ist doch auch Krieg, ich meine bei euch in Frankreich.“

„Ja, ich habe davon gehört. Irgendwas mit den Deutschen. Aber was Genaues weiß ich nicht. Ich bin ja schon so lange von zu Hause weg.“

Sie debattierten noch eine ganze Weile und suchten nach einem Motiv für diese Fahrt, konnten sich aber nicht einigen und kamen zu den ausgefallensten Schlüssen. Dann aber, gegen Nachmittag, als sie beide Freiwache hatten und nun auch mit den anderen unter Deck debattierten, da auf einmal kam der Befehl, dass von jetzt an ständig ein Mann im Krähennest Ausschau halten sollte, Ausschau nach anderen Schiffen, Ausschau nach Land.

Der erste, der diese Aufgabe bekam, war Chink, der Chinese.

Den ganzen Tag über hatte sich nichts ereignet, und es schien, als sei mit dem Sturm und den Brechern, die über Bord gekommen waren, alles das weggewaschen, was sich noch zuvor abgespielt hatte, die Revolte und der Tod von Buddy.

Buddys Leiche war verschwunden. O’Dea behauptete, der Erste und er hätten zusammen mit Doc den Toten in einem vorschriftsmäßig seemännischen Begräbnis beigesetzt. Aber es war ein Hohn. Wahrscheinlich hatten sie nichts weiter getan, als ihm ein paar alte Ketten an die Beine gebunden und ihn über Bord geworfen.

Eigenartigerweise, das fand jedenfalls Joe, regte sich darüber niemand auf. Der Sturm hatte tatsächlich einiges verändert. Selbst diejenigen, wie Frenchy und Joe, die Detlevsen geradezu hassten, mussten anerkennen, dass er ein erstklassiger Seemann war. Und das verwischte vieles. Dazu kam, dass die „Sweet Mary“ einen guten Nordost hatte, der ihr rasche Fahrt verlieh. Der Seegang war mäßig, aber der Wind blies stetig und trieb die „Sweet Mary“ mit vollem Tuch nach Süden. Für die Laune eines Seemannes sind eben drei Dinge von äußerster Wichtigkeit, keine zu schwere See, ein guter Wind und ein ordentliches Essen.

Das Essen, das Nap bereitete, wurde fast von Mahlzeit zu Mahlzeit besser. Joe hatte noch nie so gut an Bord eines Schiffes gegessen wie hier. Dieses gute Essen versöhnte die Männer mit ihrem Schicksal. Und allmählich, so fanden viele von ihnen, waren sie der Meinung, dass sie es eigentlich gar nicht schlecht getroffen hatten. Den meisten gefiel es hier an Bord. Und als sie noch weiter nach Süden kamen und am nächsten Tage noch immer gute Fahrt machten und sich die Segel im anhaltenden Nordost blähten, der Bug die See pflügte, dass die Gischt hoch aufschäumte. Als zudem noch eine immer wärmere Sonne auf die Decksplanken schien, da hatten fast alle schon vergessen, was hinter ihnen lag, als wäre es nichts als ein böser Traum.

Tauchte Detlevsen achtern auf oder kam er einmal gar bis mittschiffs, dann wurde er von den Matrosen begrüßt, und er erwiderte den Gruss knapp und ohne veränderten Gesichtsausdruck. Bei diesen Wanderungen über Deck hielt er die Hände auf dem Rücken verschränkt, ging nachdenklich mit gesenktem Kopf hin und her, als habe er schwerwiegende Probleme zu lösen. Aber die Männer merkten bald, dass er sein Augenmerk auf zwei Dinge konzentrierte: einmal auf das präzise Einhalten des Kurses und zum zweiten auf den Mann im Krähennest, der oben im Fockmast Ausschau hielt.

Die Ungeduld, so erschien es den Männern, schien bei Detlevsen immer größer zu werden, wenn er nach oben auf jenen Ausguck blickte, als erwarte er, dass endlich einmal der warnende Ruf ertönen würde.

Aber es sollten noch zwei Tage vergehen. Dann war es soweit.

*

Die See war glatt. Eine leichte Brise wehte von Westnordwest. Die „Sweet Mary“ fuhr nicht allzu schnell, aber doch stetig mit Kurs Süd zu Ost.

Ein strahlend blauer, absolut wolkenloser Himmel überspannte die glitzernde See. Es war gegen elf Uhr vormittags. Die Schiffsglocke hatte gerade sechs Glasen geschlagen, und Fritz, der zusammen mit Joe als Rudergast eingeteilt worden war, sagte: „Noch eine Stunde, dann ist Wache-Wechsel.“

Da auf einmal brüllte Piro, der oben in der Fock war: „Schiff voraus! Schiff voraus!“

Achtern hatte O’Dea Wachdienst gehabt. Er zuckte zusammen, als wäre er von einer Schlange gebissen. Dann schrie er: „Was ist das für ein Schiff?“

Er hatte schon ein Spektiv auseinandergezogen, suchte damit den Horizont ab. Aber infolge der Erdkrümmung sah er noch nichts. Piro hingegen, der ebenfalls ein Fernrohr hatte, rief hinunter: „Es ist eins von diesen gemischten Schiffen.“

„Sprich deutlicher!“, brüllte O’Dea. „Was soll das bedeuten, gemischtes Schiff?“

„Er hat Segel und hat aber auch eine Dampfmaschine. Ich sehe einen Schornstein und daraus qualmt es. Aber die Segel sind ebenfalls gesetzt. Er fährt mit Ostkurs.“

Plötzlich, als habe er nur darauf gewartet, war Detlevsen an Deck. Er kam mit einem modernen Fernglas, suchte den Horizont ab, und mittlerweile war auch von dem fremden Schiff etwas zu sehen.

Joe hörte, wie Detlevsen sagte: „Dreimaster und Schornstein. Er macht unheimlich Fahrt. Aber wir schneiden ihm den Weg ab, bis wir sehen, wer es ist. Vier Strich backbord!“

„Aye, aye, Sir, vier Strich backbord“, wiederholte Fritz, und sie wirbelten das Ruder so weit herum, bis die Kompassnadel den vorgeschriebenen Kurs anzeigte. „Kurs liegt an, Sir“, sagte Joe.

Der Bug der „Sweet Mary“ schwenkte jetzt herum, schob sich mehr in östliche Richtung. Aber es war einfach nicht so viel Wind da, wie die „Sweet Mary“ gebraucht hätte, um schnellere Fahrt zu machen. Immerhin hatte Detlevsen den Kurs so berechnet, dass er, wenn der Wind nicht noch mehr nachließ, diesem fremden Schiff den Weg abschneiden konnte.

Fast sehnsüchtig starrte Detlevsen zum Himmel, als könnte er mehr Wind herbeizaubern. Joe war jetzt gespannt, was werden würde. Irgendwas musste sich jetzt ereignen. Ging Detlevsen gegen dieses Schiff los, was seinen Weg kreuzte, oder hatte alles das ein System?

Auch die anderen dachten darüber nach. Aber Joe hatte das Gefühl, dass viele von ihnen sich nicht mehr fragten, ob das Recht oder Unrecht sei, sondern sie einfach billigten, was Detlevsen anordnete, nachdem er keinen Augenblick Rachegefühle oder einen Zorn über die versuchte Revolte gezeigt hatte.

Auch sein Verhalten gegen jene, die sich von Anfang an gegen die Meuterer gestellt hatten, zum Beispiel Yank oder Candy, war nicht verändert. Er schnauzte sie, wenn es sein musste, genauso an, teilte sie zu denselben harten Arbeiten ein wie alle anderen. Er schien keine Unterschiede zu kennen. Aber sie sollten sich irren, wenn sie glaubten, Detlevsen habe alles vergessen.

Jetzt sahen sie den anderen schon so genau, dass auch ohne Fernglas der Schiffstyp zu erkennen war. Und besonders Joe wusste Bescheid. Er kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können, dann war er sicher, dieses Schiff zu kennen.

Hinter ihm war nun auch der Erste aufgetaucht. Detlevsen sagte zu Milford: „Wenn mich nicht alles täuscht, ist es ein Schiff der Louisiana-Klasse.“

„Das glaube ich auch“, bestätigte der Erste.

Joe war da ganz anderer Meinung. Aber er schwieg. Er hörte hinten Detlevsen sagen: „Es sind französische Schiffe, aber sie sind an die Spanier verchartert. Fatal wäre es, wenn sie noch die französische Flagge setzten.“

„Würden wir da Unterschiede machen?“, fragte Milford.

„Die französische Flagge ist die französische Flagge. Die werden wir respektieren. Wenn es so ist, drehen wir ab. Lassen Sie die Geschütze besetzen, aber nur die beiden auf Deck.“

„Die Louisiana ist nicht bewaffnet“, sagte Milford.

„Man kann nie wissen“, sagte Detlevsen, „sicher ist sicher.“

Joe rang mit sich, ob er sagen sollte, was er wusste, oder ob es besser wäre, zu schweigen. Dann aber dachte er: Ich bin auf diesem Schiff, ich würde mit ihm untergehen, wenn sie in diese Falle hineinlaufen, wenn sie nicht wissen, welches Schiff es ist, dem sie da begegnen werden. Und so sagte er: „Käptn, Sir!“

„Was willst du?“, fragte Detlevsen.

„Das ist nicht die Louisiana oder ein anderes Schiff der Louisiana-Klasse. Auf diesem Schiff bin ich selbst schon gefahren. Es ist die ,Pampero‘. Dieses Schiff ist für die Konföderierten als Blockadebrecher gelaufen, später auch als Zerstörer.“

„Die ,Pampero! Verdammt, er hat recht!“, entfuhr es Detlevsen. „Zum Teufel, Mr. Milford, der Bursche sagt die Wahrheit. Das ist die „Pampero“. Es kam mir doch gleich so komisch vor. Dieser Besanmast, der ist doch viel zu kurz für die Louisiana-Klasse. Es ist die „Pampero“. Mein Gott, es stimmt.“

„Das Schiff ist bewaffnet, Sir“, sagte Joe.

„Das weiß ich“, erwiderte Detlevsen und spähte durch sein Fernglas. „Ja, es ist die „Pampero“, und sie haben zwei Decksgeschütze, ebenfalls mit einer Persenning darüber wie wir. Mr. Milford, sechs Mann an die Geschütze unter Deck. Schiffsnamen verdecken und britische Flagge setzen! Lassen Sie vorn die Geschütze zugedeckt, und dann gehen wir längsseits.“

„Die „Pampero“ ist ein amerikanisches Schiff, Sir“, sagte Joe.

„Jetzt bin ich aber besser informiert als du, mein Freund“, erklärte Detlevsen. „Die „Pampero“ steht in spanischen Diensten. Die Union hat sie verkauft nach dem Sieg über euch Rebellen. Es ist unser Schiff.“

In den letzten drei Tagen waren von O’Dea und von Lorenzo einige der Männer im Umgang mit den Kanonen ausgebildet worden, und jetzt wurden diese Leute unter Deck geschickt, um die Kanonen feuerklar zu machen.

Am Bug wurde über den Namen „Sweet Mary“ ein Stück Segel geheftet, auf dem „Lamoure“ stand. Gleichzeitig ließ Detlevsen das Vorbramsegel aufgeien, damit der Totenkopf, der darauf gemalt war, nicht für die Besatzung der „Pampero“ sichtbar wurde.

Fritz musste seinen Posten als Rudergast aufgeben. Er und alle übrigen Männer mussten sich bereit halten, um Segelmanöver auszuführen. Joe war allein am Ruder. Schräg hinter ihm stand der Kapitän. Milford und O’Dea befanden sich unter Deck bei den Geschützen. Lorenzo war bereit, die Segelmanöver zu überwachen.

Joe empfand plötzlich das Bizarre dieser Situation. Bis auf ein paar Mann war das Gros der Mannschaft geschanghait, und trotzdem benahmen sie sich jetzt alle miteinander wie ein Mann, führten sie die Befehle aus, als wären sie ihr ganzes Leben lang auf nichts anderem als auf einem Piratenschiff gefahren. Aber war es denn ein Piratenschiff?, fragte sich Joe in diesem Augenblick.

Sie kamen der „Pampero“ immer näher. Die „Pampero“ war größer, wesentlich größer als die „Sweet Mary“, das sahen sie, je mehr sie sich der „Pampero“ näherten. Die Besegelung allerdings war flächenmäßig bedeutend kleiner, doch dafür hatten sie auf der „Pampero“ die Dampfmaschine. Was aber im Augenblick wichtiger war als die Takelage des mit Dampf unterstützten Dreimasters zu begutachten, war die Flagge, die achtern in der Flaggengaffel wehte. Es war die spanische Flagge, rot, gelb, rot. Auf der „Sweet Mary“ wurde die britische Flagge gedippt - also zum Gruß auf und ab gezogen. Drüben geschah dasselbe mit der rot-gelb-roten Flagge.

Und das große Wappen mit dem Adler und den beiden von Schlangen umrahmten Säulen wies die „Pampero“ als Kriegsschiff aus.

Die „Pampero“ fuhr nach wie vor mit Ostkurs. „Fünf Strich backbord!“ befahl Kapitän Detlevsen, und Joe führte die Kurskorrektur aus. Die entsprechenden Segelmanöver folgten dicht danach, und für den, der nichts Böses ahnte, sah es aus, als wollte die „Lamoure“ alias „Sweet Mary“ einem Zusammenstoß ausweichen und im Kielwasser des anderen Schiffes weiterfahren. Es schien ein Zufall zu sein, dass die beiden Schiffe wenig später parallel zueinander sein mussten, sich also die Breitseiten zuwandten. Nur das war eben kein Zufall, sondern eine von Kapitän Detlevsen vorausberechnete Absicht. Doch bevor es soweit war, tauchte Timmy auf, der im Auftrag des Kapitäns aus dem Signalschrank eine Flagge geholt hatte. Es war eine schwarze Flagge, wie es schien. Und Timmy stand schon an der Leine der Flaggengaffel, hielt die Flagge aber noch zusammengerollt, bis Detlevsen ihm zurief: „Heiß die Flagge!“ Dann schrie er nach vorn: „Heißt das Vorbramsegel auf!“

Timmy hatte das wohl schon öfter gemacht. Und er zog die Flagge auf, eine Flagge, die sich im Wind aufrollte, eine schwarze Flagge mit einem weißen Totenkopf und zwei gekreuzten Knochen, die Flagge der Piraten. Am Fockmast straffte sich das Segel mit dem Totenkopf. Fast gleichzeitig brüllte Kapitän Detlevsen durch das Sprachrohr unter Deck: „Klar zum Gefecht! Schiffsname frei!“

Unmittelbar danach klappten die Blenden vor den Geschützen herunter, die da unter Deck standen. Die Tarnung vor dem wahren Schiffsnamen wurde weggerissen. Und während man drüben noch auf der „Pampero“ entsetzt herüberstarrte, brüllte Kapitän Detlevsen ins Sprachrohr hinein: „Feuer!“

Mit einem Donnerschlag jagten die Schüsse aus den gewaltigen Rohren. Der ganze Schiffsleib erzitterte, als sollte das Schiff in zwei Teile gerissen werden. Dicke schwarze Wolken quollen mittschiffs auf.

Die „Sweet Mary“ krängte nach Steuerbord, und Joe hatte Mühe, etwas zu erkennen. Aber der Wind trieb die Qualmwolken rasch zum Vorschiff und fegte sie über die Back hinweg. Drüben aber hatten die Schüsse getroffen. Der Besanmast neigte sich plötzlich, wurde vom Wind regelrecht angehoben, da er voll im Zeug stand, und dann schlug er mit der gesamten Takelage nach Steuerbord und stürzte ins Meer.

Segelfetzen flogen durch die Luft. Das war noch nicht alles. Joe hatte noch mehr gesehen. Die zweite Granate hatte der „Pampero“ den Rumpf abgerissen. Obgleich Wasser in den Schiffsbauch hineinströmte, liefen oben auf Deck die Männer an die Geschütze, rissen die Persennings herunter, doch alles geschah viel zu spät.

Inzwischen hatte Kapitän Detlevsen den Kurs verändert, ein wenig beigedreht und ein neues Feuerkommando gegeben. Die rasch nachgeladenen Geschütze jagten noch einmal eine Salve hinüber, doch der Schuss des einen Geschützes lag zu kurz, und eine gewaltige Wasserfontäne schoss am Heck der „Pampero“ hoch.

Der andere Schuss traf aber ins Herz jenes Schiffes, auf dem Joe seine letzte Fahrt als konföderierter Seemann getan hatte. Der zweite Schuss musste die Pulverkammer getroffen haben.

Mit einem Mal schoss eine Stichflamme bis weit über die Toppen zum Himmel. Es war, als führe ein Blitz aus dem Rumpf der „Pampero“ heraus. Eine Sekunde oder zwei war nur dieser Feuerkeil, der bis zum Himmel reichte, dann aber kam der Donnerschlag der Explosion, riss es den Schiffsleib auf, ließ es das Deck nach oben bersten, flogen Stücke des Schiffes, Rahen, Leinen, Trossen und Taue, wurden Segel zu Fackeln, schleuderte es Menschen durch die Luft.

Das Heck der „Pampero“ wurde regelrecht weggerissen und damit das Achterdeck mit der Schiffsführung und mit dem Ruder, mit der Antriebswelle.

Die „Pampero“ richtete sich mit dem Bug auf, während das Heck binnen Sekunden versank wie Blei. Die „Pampero“ war ein Schiff aus Stahl, eines jener modernen Schiffe einer britischen Werft, das beste, was man 1863 zu bauen wusste. Aber Stahl konnte nicht schwimmen, und das Heck verschwand wie von einem Magneten in die Tiefe gezogen. Das andere Teilschiff aber drohte ebenso rasch zu folgen. Der Bug richtete sich auf, noch mehr als zuvor, und hinten quoll in den aufgerissenen Schiffsleib das Wasser, es machte es schwer und nicht mehr schwimmfähig.

Die Schreie der Männer drüben drangen bis hier herüber. Es war unmöglich, noch ein Boot abzufieren. Die Männer sprangen so über Bord, und für viele geschah das gerade noch rechtzeitig.

Detlevsen ließ die Segel reffen, drehte bei. Drüben bot sich ein grausiges Schauspiel. Die „Pampero“ sackte jetzt so schnell ab, dass viele der Männer, die sich verzweifelt aufs Vorschiff geflüchtet hatten, gar nicht mehr herunterkommen konnten. Jetzt ragte der Bug so hoch auf, dass es mindestens dreißig Meter waren, die sie ins Meer springen mussten.

Joe sah, wie dennoch einige sprangen. Er sah einen Mann, der wie ein Vogel zu fliegen schien, die Arme ausbreitete und dann auf ein schwimmendes Fass schlug. Der Mann rutschte daran herunter und verschwand im Meer, ohne wieder aufzutauchen. Andere hatten mehr Glück. Als sich die Fontäne legte, die sie durch ihren Sprung ins Wasser verursacht hatten, sah Joe sie schwimmen. Aber manche von ihnen verschwanden und tauchten nicht mehr auf. Dann auf einmal, als hätte eine Geisterhand ihn nach unten gezogen, bohrte sich der Schiffsrumpf in die Tiefe. Eine riesengroße Blase gluckste auf. Teile, die aus Holz oder Segel waren, wirbelten nach oben, tanzten auf dem kreiselnden Sog, und sie waren alles, was übrigblieb.

Detlevsen ließ, um die Schiffbrüchigen zu bergen, ein Netz über die Bordwand werfen, ließ das Beiboot zu Wasser bringen und befahl O’Dea, in diesem Boot mitzufahren.

Joe begrüßte es insgeheim, als Rudergast eingeteilt zu sein, weil er jetzt an Bord bleiben konnte und sich das Furchtbare nicht noch aus der Nähe ansehen musste.

Zweiunddreißig Männer wurden von der Besatzung der „Pampero“ gerettet. Und wie sich Joe erinnerte, hatte die „Pampero“ ursprünglich neunzig Mann Besatzung gehabt. Ganz sicher waren nicht weniger an Bord gewesen, als das Schiff so heimtückisch von der „Sweet Mary“ überfallen worden war.

Längst hatte Timmy die Piratenflagge wieder geborgen. Und kaum, dass die Schiffbrüchigen an Bord waren, ließ Detlevsen volles Zeug setzen, fuhr diesmal aber mit Südwestkurs weiter.

Unter den Schiffbrüchigen waren zwei spanische Offiziere. Die übrigen Männer schienen Matrosen zu sein, trugen keine Uniform. Die Offiziere aber trugen die Uniform der spanischen Kriegsmarine.

Detlevsen befahl, sie einzusperren, während er die übrige Mannschaft der „Pampero“ sofort vom Ersten und von Lorenzo zur Arbeit einteilen ließ, genau so, wie er es mit Joe und den anderen geschanghaiten Männern gemacht hatte. Bevor sie aber Dienst tun sollten, ließ Detlevsen sie vom Doc verarzten, befahl Nap, für sie zu kochen. Und so erlebten die Männer der „Pampero“, wie gut auf der „Sweet Mary“ gegessen wurde.

Es war so primitiv, dass Joe sich fragte, ob Menschen so dumm sein können, sich durch gutes Essen einwickeln zu lassen. Aber offensichtlich gehörte dazu nicht viel. Und noch etwas geschah. Detlevsen ließ alle Männer seiner Mannschaft auf dem Vorschiff antreten. In dieser Zeit übernahm O’Dea von Joe das Ruder. Im übrigen war sowieso Wach- Wechsel. Aber das alles hatte sich infolge des Gefechtes verzögert. Gefecht, dachte Joe. Ein Überfall ist es gewesen, heimtückisch und bösartig.

Er blickte abschätzend in die Gesichter seiner Kameraden. Doch selbst dieser Vorfall schien die wenigsten von ihnen zum Nachdenken angeregt zu haben. Im Grunde waren es überhaupt nur zwei, die sich ernsthaft Gedanken machten. Der eine war Frenchy, der andere Fritz. Übrigens, auch das bemerkte Joe mit einer gewissen Heiterkeit, hatten sich Frenchy und Fritz angefreundet. Und trotz des Kriegszustandes, der im fernen Europa zwischen ihren Nationen herrschte, verstanden sich die beiden großartig.

Joe gehörte ebenfalls zu ihnen. Dieses Trio Gleichgesinnter hatte sich von den anderen abgelöst.

Jetzt allerdings stand die gesamte Mannschaft in Reih und Glied auf dem Vorschiff. Kapitän Detlevsen kletterte auf die Back. Auch die Mannschaft des Spaniers, von den beiden Offizieren abgesehen, die eingesperrt waren, stand mit auf dem Vordeck. Die Männer hatten gegessen und schienen den Schrecken, der sie vorhin noch mitgenommen hatte, weitgehend überwunden zu haben.

Milford stand hinter dem Kapitän mit einer Kiste. Er öffnete sie auf Geheiß des Kapitäns, und Detlevsen sagte: „Das war der erste Sieg gegen ein feindliches Schiff. Jeder Mann bekommt zur Belohnung fünf Gold-Eagle.“

Joe hätte sich am liebsten die Augen gerieben, weil er meinte, sich versehen zu haben, als er sah, wie Kapitän Detlevsen Goldstücke an Lorenzo überreichte, die der wiederum abzuzählen begann und brüllte: „Dicky!“

Dick Pitchard trat zu Lorenzo und erhielt seine fünf Goldstücke. Dann kam Chink, kam Yank, kam Candy. Sie alle traten nacheinander hin und erhielten jeder fünf Goldstücke, was einem Gegenwert von fünfzig Dollar entsprach. Fünfzig Dollar waren kein Dreck, und jeder der Männer wusste es. Aber bevor sie sich mit Freudenrufen dafür bedanken konnten, ergriff Detlevsen erneut das Wort und sagte: „Wenn dieses Schiff in einen Hafen einläuft, bekommt ihr noch mal zu dieser Prämie weitere fünf Eagle. Und so wird es immer sein, wenn wir ein Schiff des Gegners zu packen bekommen.“

Keiner kam auf die Idee zu fragen, wer denn dieser Gegner sei. Bevor die spanischen Seeleute ihren Unmut äußern konnten, gab Detlevsen den Befehl, jedem von ihnen für den ausgestandenen Schrecken einen Eagle auszugeben, ein goldenes Zehndollarstück also. Detlevsen, der eine Verstärkung seiner Mannschaft sehr gut gebrauchen konnte, rief den Spaniern zu: „Ihr werdet es hier an Bord gut haben. Ihr werdet ein anständiges Essen bekommen und eine gute Heuer. Und jetzt Männer, habt ihr genug herumgestanden, die Freiwache unter Deck, die anderen an die Arbeit!“

Joe konnte es eigentlich nicht begreifen. Lag es nun an der Person des Kapitäns, der andere Menschen zu hypnotisieren in der Lage schien, oder waren die meisten seiner Kameraden und vor allem die Spanier so bedenkenlos, dass sie gar nicht danach fragten, was Recht und Unrecht war. Jedenfalls fügten sich die Geschanghaiten ebenso in die Bordordnung ein wie die Spanier. Und es war wohl auch ein Teil des Systems, dass die Spanier keine Gruppen bilden konnten. Sie wurden so aufgeteilt, dass sie mit den Schanghaiten, aber auch der Altbesatzung des Schiffes vermischt waren.

Trotzdem lernte Joe einen spanischen Matrosen kennen, der wohl längere Zeit auf einem amerikanischen Schiff gefahren war und deshalb recht gut englisch sprach. Von ihm, diesem kleinen drahtigen Spanier, erfuhr Joe dann, dass sie an Bord der „Pampero“ wie Sklaven behandelt worden waren. Das Essen muss miserabel gewesen sein, die Heuer erbärmlich und der Dienst knochenhart.

Dass die Spanier es auf der „Pampero“ nicht gut gehabt haben konnten, bewies sich sehr rasch. Sie wurden zu den eifrigsten Gefolgsleuten von Kapitän Detlevsen und seinen Offizieren. Lorenzo, der selbst spanischer Herkunft war, kannte ihre Mentalität wohl am besten. Sie hätten sich für ihn und für Kapitän Detlevsen nach kurzer Zeit schon in Stücke schneiden lassen. Besonders hatte es ihnen das Essen angetan.

In einer Freiwache fanden sich Frenchy, Fritz und Joe zusammen, und Joe sagte: „Es ist idiotisch, aber ich glaube, dass man die meisten Menschen mit einem Stück Brot auf seine Seite bekommt. Detlevsen hat sie ja fast alle schon unter dem Hut. Ich glaube, wir drei sind die einzigen, die über die Suppe hinweg erkennen können, wo es wirklich langgeht.“

„Wir müssen einmal überlegen“, sagte Frenchy, „was mit diesem Schiff los ist. Es ist ein Kriegsschiff und es ist durchaus kein Piratenschiff. Nie im Leben hätte ein wirklicher Pirat ein Kriegsschiff angegriffen, nur um es zu versenken. Als er wusste, dass es ein Kriegsschiff los ist. Es ist ein Kriegsschiff, aber er hätte den Kurs verändern können. Nichts wäre geschehen. Aber er hat darauf geschossen, denn er wollte es versenken. Wir alle haben dafür auch noch eine Belohnung bekommen. Und wehe, wir hätten sie abgelehnt. Ich glaube, dass er einen Krieg führt, der bestellt ist. Er soll spanische Schiffe angreifen. Es fragt sich nur, ob die Amerikaner ihn beauftragt haben oder die Mexikaner.“

„Die Mexikaner?“, fragte Joe. „Wieso denn das? Was haben die davon?“

„Die Mexikaner wollen Kuba“, erklärte Frenchy und Fritz nickte.

Joe blickte Fritz fragend an. „Wieso wollen die Kuba? Ich denke, wir wollen Kuba? Ich meine, wir Amerikaner.“

„Die Mexikaner wollen es auch. Diese Insel liegt vor ihrer Nase“, erklärte Frenchy. „Die wollen Kuba haben. Die Amerikaner wollen Porto Rico.“

Joe hatte sich noch nie so sehr mit Politik befasst. Für ihn war es ein schmutziges Geschäft, das ihn nicht kümmerte. Jetzt aber begriff er, dass Politik jeden Menschen betreffen konnte, ob er nun wollte oder nicht. Aber bevor er seine Meinung kundtun konnte, sagte Fritz:

„Wisst ihr, was das ist? Das ist ein Seelenverkäufer. Keiner von uns wird es überleben. Auf dieses Schiff werden sie Jagd machen, wenn sie es nicht schon lange tun. Und irgendwann einmal geraten wir an einen Gegner, der sich den Teufel an unseren Geschützen stört, der einfach stärker ist als wir, eins von diesen modernen gepanzerten und stark bewaffneten Dampfschiffen, das auch dann fährt, wenn kein Wind weht, und das auch gegen den Wind fahren kann, ohne kreuzen zu müssen wie wir.“

„Der Teufel hole diese Stinker!“, meinte Fritz. „Ich hasse Dampfschiffe. Sie verpesten die Luft, und sie müssen teure Kohle mit sich herumschleppen, um fahren zu können. Dagegen wir, uns treibt der Wind. Das ist noch Männerarbeit. Dampfschiffe, die könnte ja eine Frau fahren.“

Der Begriff Frau wurde für Joe zum Stichwort. Er dachte sofort an einen Hafen, an eine Bar, an eine Nacht, umschlungen mit einer Schönen. Fast ein wenig wehmütig sah er die beiden anderen an und murmelte: „Wer weiß, wann wir wieder in einen Hafen kommen.“

„Wenn wir Glück haben, in einem halben Jahr. Frag mal Timmy“, sagte Frenchy. „Ich habe mit ihm gesprochen. Sie waren das letzte Mal viele Monate hintereinander auf See, kein Hafen, nichts. Immer unterwegs, wie der Fliegende Holländer.“

„Wie was?“, fragte Joe, der noch nie was vom Fliegenden Holländer gehört hatte.

„Es ist eine Sage“, erklärte ihm Fritz und erzählte ihm dann vom Fliegenden Holländer und diesem Spuk, der ihn zwang, immer auf See zu bleiben und nie einen Hafen anlaufen zu können.

Bevor sie weiterreden konnten, tauchte Candy auf. Auch Piro kam, und von Piro wussten sie nicht genau, wie er dachte, ob er im Zweifelsfalle auf ihrer Seite stand oder auf seiten der anderen, die jetzt zur treuen Gefolgschaft Kapitän Detlevsens geworden waren.

Von Candy jedoch wusste jeder, dass er bedenkenlos alle Befehle ausführte, die er von Detlevsen bekam. Ganz besonders aber hasste Candy Joe und Fritz. Auch mit Frenchy spann er keinen guten Faden.

Als er die drei zusammen sitzen sah, blickte er nur kurz hinüber zu ihnen, die sie auf den Kojenrändern hockten, ging zu seinem Bündel, das ziemlich in der Mitte des Logis hing und nahm aus der Hängematte einen Beutel heraus. Dann wollte er wieder weg. Aber Frenchy rief ihm zu:

„Augenblick mal, Candy! Komm doch mal rüber! Da gibt es etwas, was mich interessiert.“

Der schiefgesichtige Candy blickte die Männer misstrauisch an, entschloss sich aber doch, hinzugehen. In respektvoller Entfernung blieb er stehen, stemmte die Arme in die Seite und rechnete wohl mit einer feindseligen Haltung. Als die aber nicht erfolgte und die drei gelassen auf den Kojenrändern sitzenblieben, fragte er:

„Was willst du denn? Ich muss an Deck! Kann nicht so faul herumsitzen wie ihr. Es gibt eine Menge zu tun.“

„Du hast Freiwache wie wir“, erklärte Frenchy. „Nun hör mal auf mit deinem Theater. Wir haben nichts gegen dich oder sonstwen. Wir müssen genauso arbeiten wie du.“

Candy sah ihn nur an, gab keine Antwort, und Frenchy fuhr fast freundschaftlich fort: „Wir haben uns eben über Weiber unterhalten. Wird langsam Zeit, dass man mal wieder eine zwischen die Finger bekommt. Was glaubst du, Candy, du bist doch ein alter Hase hier an Bord. Laufen wir bald mal in einen Hafen ein? Dass man sich erinnert, wie eine Frau aussieht. Ich hab es schon bald vergessen.“

Das Thema Frau schien bei Candy vorübergehend alle Gegensätze zu überbrücken, und er sagte grinsend: „Wie ich den Alten kenne, sind wir bald in einem Hafen. Ihr werdet euch wundern, in was für einem.“

„Soll ich wetten?“, schlug Frenchy vor. „Ich sage, es ist New Orleans.“

Er, Fritz und Joe beobachteten auf diese Frage hin gespannt den breitbeinig dastehenden Candy. Sie lauerten förmlich auf seine Antwort.

Candy verzog das Gesicht, grinste wieder und meinte verächtlich: „Was wollen wir in New Orleans? Wir sind doch nicht verrückt. In einem amerikanischen Hafen haben wir nichts verloren.“

„Dann weiß ich es“, sagte Joe. „Es ist Tampico!“

Candy schüttelte den Kopf. „In diesen verlausten Hafen bringst du Detlevsen nicht hinein, nie und nimmer.“

Fritz tat, als hätte er die erleuchtende Idee. „Vera Cruz!“ rief er.

„Ach, ratet doch, was ihr wollt. Ihr werdet es früh genug erfahren. Wenn der Alte erfährt, dass ich euch so etwas sage, schneidet er mir die Ohren ab. Ich bin doch nicht verrückt. Ihr werdet früh genug an eure Weiber kommen. Als wenn ihr das nicht aushalten könntet! Ich bin immer froh, wenn ich sie eine Weile nicht sehen muss.“

Als er weg war, sahen sich die drei verschwörerisch an, und Joe meinte: „Es ist kein amerikanischer und kein mexikanischer Hafen. Ich habe den Verdacht, er kriecht irgendwo in den Bahamas unter. Überlegt doch mal, Jungs! Das englische Schiff, das wir westlich der Bermudas getroffen haben und von dem wir das Pulver übernahmen, das war ein englisches Schiff. Die Bermudas sind ebenfalls britisch. Also, wenn ihr mal nachdenkt, kommt ihr ebenfalls dahinter. Die ganze Geschichte geht von den Engländern aus, nicht von den Mexikanern.“

„Was hätten die Engländer davon, wenn wir ein spanisches Schiff versenken?“, fragte Fritz.

„Wenn man das so genau wüsste“, gab Frenchy zu überlegen. „Hafen hin, Hafen her, wenn’s nur ein Hafen ist. Vielleicht können wir abhauen. Die erste Gelegenheit, die sich bietet, und ich bin weg. Auf einem Piratenschiff . ... wer hätte sich das träumen lassen.“

„Und das Verrückte“' meinte Joe, „dass die meisten es als völlig normal empfinden. Ich glaube, wir drei sind die einzigen, vielleicht noch Piro, die anders denken, wenn man es bei ihm nur genau wüsste? Die anderen aber, die kannst du abschreiben. Die stehen voll und ganz hinter Detlevsen. Und wenn wir nicht vorsichtig sind, lässt der uns noch an der Fockrahe aufhängen.“

„Das wäre nicht der erste, den er dort aufgehängt hat“, erwiderte Frenchy. „Ich habe mich mit dem Doc unterhalten. Der ist schon viele Fahrten hier an Bord. Der hat mir erzählt, was hier läuft. Sie haben allerdings nicht nur Spanier versenkt. Sie sind auch schon in Häfen hineingefahren. Aber der Doc redet nicht. Er sagt nicht, welche Häfen. Und das ist das Geheimnis. Aber einen Hafen gibt es, da hat Detlevsen eine Frau. Der Doc hat es mir erzählt. Es soll das schönste und rassigste Weib sein, dass der Doc je zu Gesicht bekam. Vierzehn Tage lang hat Detlevsen wie ein Wilder mit ihr getobt, und dann sind sie über Nacht mit dem Schiff ausgelaufen. Wie eine Flucht soll das gewesen sein.“

„Hör doch auf mit diesem Garn!“, rief Fritz. „Was interessiert es uns, mit wem der Kapitän schläft. Für uns ist wichtig, dass wir mit heiler Haut aus dieser Teufelsgeschichte herauskommen. Denn eines Tages wird dieses Schiff zusammengeschossen, und wir sind drauf. Und die sie wirklich auffischen, die werden aufgehängt. Piraten werden gehängt, das gilt auch heute noch.“

„Gehen wir in die Bunk. Morgen ist auch noch ein Tag“, entschied Joe.

Und Frenchy sang: „Ruhe im Schiff, beide Augen auf Null! Die mit abstehenden Ohren auf die Back zum Segeln - die zum Sterben Verurteilten auf die Schanz zum Särgeempfang...“

*

Königlich Spanischer Kronbesitz in Übersee zu Cuba in Santiago de Cuba

Der Gouverneur des Generalkapitanats

S. M. Admiralität

S. M. Diplomatischer Dienst

Anweisung an die diplomatischen Vertretungen Ihrer Majestät in Übersee:

Für das Ergreifen des Piratenkapitäns Lars Detlevsen, Schiffsführer der Piratenbark „Sweet Mary“, setzt das Königlich Spanische Ministerium für die Besitzungen in Übersee eine Belohnung von 2.000 Goldpesetas aus. Der Gesuchte ist tot oder lebendig einer Behörde Seiner Majestät zu übergeben.

Für das Aufbringen der Dreimastbark „Sweet Mary“ wird eine Belohnung von 3.500 Goldpesetas ausgesetzt.

Gesucht sind, und deren Ergreifen durch eine Kopfprämie von je 200 Goldpesetas belohnt werden:

Der 1. Offizier des erwähnten Schiffes William Milford Der 2. Offizier des erwähnten Schiffes Patrick O’Dea

Santiago de Cuba am 11. August 1870

gez. Gomez Generalcapitän gez. R. de Valdome y Ragarnar Vizeadmiral gez. de Salles Generalkonsul

*

Es war kurz vor sechs am Morgen. Candy war im Ausguck. Piro stand am Ruder, und O’Dea hatte die Deckswache. Die „Sweet Mary“ fuhr in einer aufgefrischten Brise mit Südwestkurs. Eine strahlende Sonne lachte als rote Kugel über dem tiefgrünen und von weißen Schaumkämmen gezierten Meer. Die Sonne spiegelte sich in Myriaden von Irrlichtern in der unruhigen Wasseroberfläche. Der Bug der „Sweet Mary“ pflügte rauschend die See. Da brüllte plötzlich Candy vom Krähennest herunter: „Land voraus! Land voraus!“

O’Dea hatte schon das Spektiv am Auge, stellte es noch ein, und schon tauchte der Erste, Bill Milford, auf dem Achterdeck auf. Auch er blickte zum Land, das wie ein flacher Maulwurfshügel über die Kimm ragte.

„Ein Strich steuerbord!“, befahl O’Dea, und Piro korrigierte sofort den Kurs.

Plötzlich rief Candy von oben: „Ein Schiff backbord voraus! Zweimaster! Sieht aus wie ein Schoner.“

O’Dea suchte einen Augenblick, dann machte er das Schiff aus. Aber er sah weniger davon als der im Krähennest hockende Candy. Und Candy berichtete : „Zweimastgaffelschoner.“ Der Erste, Milford, befahl: „Noch ein Strich backbord!“

Als Piro den Kurs korrigiert hatte, kam der Kapitän nach oben. Er hatte nur seine schwarzen Hosen an. Der stark behaarte nackte Oberkörper war von der Sonne gebräunt. Detlevsen hatte die Daumen in die Taschen gehakt, kam barfuß neben das Ruder, blickte auf den Kompass, nahm dann O’Dea das Spektiv aus der Hand und spähte selbst zum Land hin, dann zum Schoner.

Der Schoner lief mit Ostkurs davon, ohne Detlevsens Interesse zu erregen. Der Kapitän konzentrierte sich auf die Insel. Ohne das Spektiv abzusetzen, befahl er O’Dea, die Seekarte zu holen.

Als O’Dea damit kam, blickte er darauf, hob wieder den Kopf, und sein eben noch finsteres Gesicht schien sich zu entspannen. Er lächelte fast, als er zu seinem Ersten Offizier sagte: „Na wunderbar, dann hätten wir es ja fast geschafft. Ist unter Deck alles klar?“

„Alles klar, Sir“, erklärte Milford.

„Wenn wir auf eine Meile heran sind, lassen Sie die Geschütze besetzen, und zwar zu beiden Seiten. Diesmal kriegen wir sie.“

„Und wenn sie nicht im Hafen ist?“, fragte Milford leise, dass Piro es nicht hören sollte. Aber Piro hatte es doch gehört.

„Wenn sie nicht im Hafen ist“, erwiderte der Kapitän gedämpft, „dann werden wir erfahren, wo sie sich versteckt hält. Irgendwo werden wir sie finden. Und dann gnade ihr Gott.“

Milford gab O’Dea einen Wink und schickte ihn nach vom zur Back. Wenig später wurde die Mannschaft an Deck gerufen. „All hands!“, lautete der Befehl. Und die Männer, die heraufkamen, brauchten nicht lange, um zu sehen, dass da vorn Land war, auf das sie zuliefen. Eine Insel!

Die Deckswache musste in die Takelage. Detlevsen ließ noch mehr Tuch reffen und verlangsamte damit ganz erheblich die Fahrt der „Sweet Mary“. Noch befand sich jene Insel gut und gern zehn Seemeilen entfernt, so weit, dass man gerade die Umrisse im Morgendunst erkennen konnte.

Joe war mit drei anderen in den Fockmast geschickt worden. Und als er zufällig von der Vorbramrahe einmal nach achtern blickte, sah er, dass der Doc gerade die britische Flagge hisste. Er zog sie zur Flaggengaffel empor, und sie flatterte knatternd im auffrischenden Südwest. Der Wind hatte gedreht. Er kam jetzt von vorn. Aber das schien Detlevsen in den Kram zu passen. Nur mit der Sturmbesegelung kreuzte er gegen den Wind, und die „Sweet Mary“ näherte sich allmählich der Insel. Dann aber tauchten Untiefen auf, die durch Seezeichen markiert waren.

Die Tonnen waren gut verlegt, und die Einfahrt zum Inselhafen ziemlich sicher. Aber es sah nicht aus, als wollte Detlevsen in den Hafen fahren. Als ein paar Kabellängen steuerbord voraus ein Riff aus dem Wasser ragte, fuhr Detlevsen so nahe wie möglich heran und ließ dann einen Enterhaken mit einer Trosse hinüberschleudern. Der Haken hängte sich fest. Ein Wurfanker wurde nachgeschleudert, hakte sich ebenfalls ein, so dass der Wind, der die „Sweet Mary“ wieder von dem Riff wegtrieb, dafür sorgte, dass die Trosse gespannt blieb. An diesem schweren Tau hing die „Sweet Mary“ wie an einem Anker fest. Sollte das Schiff aber schnell die Position wechseln wollen, war es nicht nötig, erst den Anker zu hieven.

Joe stand im Leepferd der Vorbrahmrahe und wartete auf ein neues Kommando. Unten hatte sich Lorenzo auf der Back aufgestellt und spähte nach oben. Auf der Luvseite hatte sich Fritz ins Luvpferd der Luvrahe gesetzt und umklammerte mit dem linken Arm ein Springpferd. Mit der freien Hand schob er sich ein Stück Priem in den Mund. Er grinste zu Joe hinüber und sagte dann leise, dass nur Joe, aber nicht Lorenzo es hören konnte: „Ich kenne sie. Das ist die Barbudainsel, eine von den Leeward Islands.“

„Woher kennst du sie?“, fragte Joe.

„Ich bin schon hier vorbeigefahren. Die Umrisse habe ich bestens im Gedächtnis. Dieser Zacken links, das kann nur Barbuda sein.“

Joe nickte. „Vielleicht hast du recht. Dann bin ich aber gespannt, was das hier gibt.“

Sie mussten noch immer oben in den Rahen bleiben. Lorenzo sorgte dafür, dass alle Männer bereit waren, im Handumdrehen Segel zu setzen, um der „Sweet Mary“ Fahrt zu verleihen.

Eine eigenartige Stille herrschte auf dem Schiff, eine Spannung, die immer unerträglicher wurde. Die Wellen klatschten gegen den Schiffsleib. Die Trosse, mit der die „Sweet Mary“ am Riff festgemacht war, knarrte und ächzte, als wollte sie zerreißen. Der Wind stieß von vorn in die Sturmbesegelung, dass die Segel knatterten und klatschten.

Detlevsen stand achtern, neben ihm seine Offiziere. Die gesamte Mannschaft befand sich jetzt auf Wache. Ein großer Teil der Spanier war von O’Dea und Candy an den Geschützen ausgebildet worden, so dass von den Geschanghaiten aus Boston niemand mehr, an den Unterdeck-Geschützen Dienst tun musste. Diese Männer hatte Detlevsen jetzt als Deckwache.

Jan und Yank standen am Ruder. Das schien kein Zufall zu sein. Offensichtlich wollte Detlevsen Leute am Ruder haben, denen er voll vertrauen konnte. Deswegen war Piro dort abgelöst und in den Großmast geschickt worden.

Sie alle ahnten, dass eine Veränderung nur von der Insel her kommen konnte. Irgend etwas musste geschehen. Ein Schiff, oder was immer es sein mochte, brachte sicherlich die Wende, denn worauf sonst würde Kapitän Detlevsen warten. Eine ungeheure Unruhe erfüllte die Männer, die sich schon auf Land, auf Frauen, auf ruhige Tage gefreut hatten. In Wirklichkeit hatten sie das Land nur vor Augen, und es roch nach Kampf. Das hatte sogar Timmy begriffen, der von der Kombüse mit einem Tablett kam, auf dem die Teekanne und die Tassen für die Offiziere standen. Als er dieses Tablett achtern absetzte, hörte Joe oben den Kapitän sagen: „Richte dem Smutje und dem Doc von mir aus, dass sie Rum ausschenken sollen an die Mannschaft.“

Ein Teil der Besatzung hatte das verstanden. Mit einem Mal brandete ein Beifallsruf auf. Timmy hechtete nach vorn, um diesen Befehl so schnell wie möglich weiterzugeben.

Wenig später wurde Rum ausgeschenkt. Nacheinander kamen die Männer nach unten, tranken ihren Becher aus und konnten wieder nach oben in die Rahen. Die Posten mussten besetzt bleiben.

„Zum Teufel noch mal“, sagte Fritz, „auf was wartet der nun?“

Vorn am Bug stand Chink mit einer Axt in der Hand. Er sollte auf einen Befehl Lorenzos hin die Trosse kappen, die die „Sweet Mary“ mit dem Riff verband. Auch der Schiffsname war - wie schon vor dem Zusammentreffen mit der „Pampero“ - verdeckt. Diesmal stand „Rosalie“ auf der Blende.

Die britische Flagge wehte von der Flaggengaffel, knatterte im steten Wind, der von Südwesten kam und jetzt anzuhalten schien.

Aber das Warten wollte nicht enden. Noch immer tat sich nichts, zeigte sich kein Schiff, und der Schoner, den sie vor mehr als einer Stunde zu Gesicht bekommen hatten, war längst über die Kimm verschwunden.

Der Vormittag verging, die Zeit troff so zähe wie Harz, und die Sonne stieg höher und höher, knallte glühend heiß auf das Schiff herab. Die Männer wechselten sich in den Rahen ab. Aber eine richtige Freiwache gab es nicht. Die von oben kamen, konnten sich unten auf Deck die Füße vertreten. Nach einer Weile mussten sie wieder hinauf. Und noch immer hockte Chink mit dem Beil in der Hand und wartete auf den Befehl, die Trosse zu kappen. Achtern standen Jan und Yank am Ruder, waren auch die Offiziere noch. Einer von ihnen beobachtete ständig durch das Spektiv die Insel. Die schien zum Greifen nahe und war doch unendlich weit.

„Wenn einer wüsste, worauf er wartet“, meinte Joe, als er unten neben Fritz am Schanzkleid stand.

Wie zufällig war Frenchy neben sie getreten und fragte: „Hat einer von euch einen Priem oder eine Pfeife voll Tabak für mich?“

Er hatte diese Frage so laut gestellt, dass sie bis nach achtern drang. Der Erste blickte auch prompt herum, sah zu den dreien hinüber und murmelte etwas in O’Deas Richtung. Auch der Kapitän schaute kurz auf. Dann sagte er etwas, und kurz darauf brüllte O’Dea: „Ihr drei! Auseinander! Hier gibt es nichts zu quatschen. Lorenzo, stecken Sie den Franzosen zu den Spaniern unter Deck!“

Lorenzo schob sich heran. Er grinste. Offensichtlich war das, was er nun tun sollte, für ihn eine Art Genugtuung. Er schlenkerte seine Gorillaarme, blieb dann vor Frenchy stehen und sagte: „Du hast es gehört! Nun scher dich nach unten an die Kanonen! Du Sohn einer Kanone, da gehörst du auch hin.“

Frenchy machte schmale Augen, sagte aber nichts. In seinem Blick stand deutlich geschrieben, was er dachte. Irgendwann einmal war der Moment gekommen, wo er es Lorenzo heimzahlen wollte. Aber im Augenblick war Lorenzo am Zug. Da Frenchy immer noch zögerte, griff Lorenzo nach hinten und hatte plötzlich seine siebenschwänzige Peitsche in der Hand. Und bevor sich Frenchy versah, schlug Lorenzo zu.

Aber Frenchy war schnell. Er wich dem Schlag so geschickt aus, dass die sieben Lederriemen ins Leere fuhren.

Von achtern brüllte Detlevsen: „Sind Sie wahnsinnig, Lorenzo? Die Peitsche weg, verdammt! Das kann ich jetzt gerade gebrauchen, so einen Blödsinn! Weg mit der Peitsche!“

O’Dea kam gelaufen. Und als Lorenzo noch grimmig und enttäuscht zugleich auf Frenchy starrte, war O’Dea schon neben Frenchy. „Gehen Sie nach unten, Mann!“ Und zu Lorenzo gewandt fauchte er: „Wenn ich das noch einmal sehe, ohne dass ein Befehl gekommen ist, dann können Sie etwas erleben.“

Lorenzo verzog das Gesicht, als hätte er Essig getrunken, wandte sich ab und ging zum Vorschiff.

Joe blickte ihm nach und sagte: „Das hättest du dir nicht träumen lassen, Lorenzo, was?“

Lorenzo fuhr herum, ballte die Hände, als wollte er zuschlagen, doch dann zuckte er die Schultern, wandte sich wieder ab und ging weiter.

Frenchy warf vom Niedergang aus noch mal einen Blick zu seinen beiden Kameraden und rief ihnen zu: „Jeder Krug geht nur so lange zum Wasser, bis er bricht. Dieser Krug wird nicht mehr alt. Macht es gut, Kameraden!“

„Halt dein Maul!“, fuhr ihn Pat O’Dea an.

„Los, ihr beiden, wieder nach oben!“, brüllte der Erste Joe und Fritz zu.

„Es ist noch nicht so weit. Die Zeit ist noch nicht reif. Es ist zu früh“, raunte Joe Fritz zu, und der nickte nur. Dann enterten sie wieder auf.

Aber kaum waren sie oben in der Vorbrahmrahe, da entdeckten sie das Schiff.

Es war so groß und gewaltig, dass sich Joe nicht täuschen konnte. Fünfmaster waren selten. Die wenigen, die es auf der Welt gab und die so groß waren wie dieses dort, kannte jeder Seemann. Es gab gar keinen Zweifel, es musste die „Santa Cruz“ sein, zumal die „Santa Cruz“ eine eigenartige, nur bei den Spaniern vorzufindende Takelage besaß. Royal- und Skysegel fehlten. Dafür waren die anderen Segel größer angelegt, besonders die Fock, das Großsegel und Bagien. Auf der Fock war riesengroß das Wappen der spanischen Krone aufgemalt, was deutlich zu erkennen war, da die Sonne genau auf die Segel strahlte.

Sie kam im Vollzeug, stramm vor dem Wind. Ein herrlicher Anblick, dieses riesige Schiff mit seiner gewaltigen Besegelung, die auf den Weltmeeren ihresgleichen suchte. Die „Santa Cruz“ gehörte zu den schnellsten Schiffen der spanischen Krone und zu den schnellen der ganzen Erde. Sie war, wenn sie im vollen Zeug stand und vor dem Winde lief, schneller als alle Dampfschiffe.

Und dieses Schiff näherte sich der wesentlich kleineren „Sweet Mary“.

Der Ausguck hatte sie gesehen, rief die Nachricht, aber zu diesem Zeitpunkt starrten schon alle Männer, die oben in den Rahen standen, nach vorn.

Die Kommandos von Detlevsen kamen schnell und präzise. Es bestand gar kein Zweifel an dem, was er vorhatte. Joe jedenfalls war sich nun völlig klar darüber. Aber er sah nicht die mindeste Gelegenheit, um etwas von dem zu ändern, was Detlevsen zu tun beabsichtigte, denn die Mehrheit der Männer fieberte geradezu nach einem Kampf. So, wie sie vorher gehofft hatten, in einen Hafen zu kommen, so befeuerte sie jetzt der Alkohol, den Detlevsen ausschenken ließ.

Als sein Kommando kam, die Persenningen von den Decksgeschützen zu ziehen, da geschah das blitzartig, als hätten die Männer vorn auf nichts anderes gelauert. Aber die Zweiundzwanzigpfünder waren keine schwere Artillerie. Joe wusste, dass die „Santa Cruz“ bewaffnet war. Es war nur eine leichte Bewaffnung, die für ein Frachtschiff dieser Größe für die Verteidigung im Normalfall ausreichte. Und hätte die „Sweet Mary“ nur die beiden Zweiundzwanzigpfünder gehabt, hätte Detlevsen am besten beigedreht und die „Santa Cruz“ still vorbeirauschen lassen. Aber er besaß ja unter Deck die vier Armstrong Hundert-Pfund-Kanonen, und damit hatte er, wenn ihn das Glück nicht völlig verließ, eine gigantische Überlegenheit dem viel größeren Schiff gegenüber.

Joe musste mit Wut im Bauch erkennen, dass Detlevsen diese Falle ganz geschickt aufgebaut hatte. Er hatte sich vor das Riff gelegt, als würde er nur für die Einfahrt in den Hafen das Passieren des größeren Schiffes abgewartet haben. Was er wirklich vorhatte, wussten hier alle Männer an Bord. Es war ein Verbrechen. Aber Joe war sich klar darüber, dass weder er noch Fritz und ebensowenig Frenchy etwas daran ändern würden, denn die gesamte Mannschaft brüllte jetzt begeistert auf, als Detlevsen von Lorenzo verkünden liess, jeder Mann werde, sollte es gelingen, dieses große spanische Schiff zur Prise zu machen, fünfhundert Dollar in bar ausbezahlt bekommen. Und innerhalb von zwei Wochen, so ließ Detlevsen verkünden, werde man einen Hafen anlaufen und dort längere Zeit bleiben. Welchen Hafen, sagte er nicht.

Die Männer jubelten noch, als die gewaltige „Santa Cruz“ schon so nahe war, dass man Einzelheiten des Schiffes bestens erkennen konnte. Es war ein phantastischer Anblick, diesen gewaltigen Schiffsbug zu sehen, der das Meer pflügte. Diese riesigen Bugwellen, der gewaltige Klüwerbaum, dieser mächtige Rumpf und endlich das Gigantischste davon, diese riesigen Masten mit Segeln, deren Fläche mindestens fünfmal so groß war wie die der „Sweet Mary“.

Detlevsen schickte O’Dea nach vorn. O’Dea hatte sich offensichtlich als Artillerieoffizier qualifiziert. Die Decksgeschütze waren nur noch mäßig getarnt. Nun standen schon die Männer bereit, unsichtbar für die dort drüben auf der „Santa Cruz“. Aber irgendwie hatte man auf der „Santa Cruz“ schon Verdacht geschöpft, denn Joe konnte erkennen, wie das einzige Geschütz, über das man da drüben verfügte und das sich auf dem Vorschiff befand, besetzt und in Zielrichtung auf die „Sweet Mary“ gebracht wurde.

Die spanische Flagge wehte achtern in der Gaffel.

Detlevsen ließ die britische Flagge ein wenig einholen, da es zunächst aussah, als wollte er die Flagge dippen. Auch die Spanier dippten, doch in diesem Augenblick ging die schwarze Flagge in der Flaggengaffel der „Sweet Mary“ hoch, und die britische wurde eingeholt. Im selben Moment brüllte Detlevsen: „Feuer frei! Blenden weg!“

Die beiden Geschütze im Vorschiff spien Tod und Verderben in Richtung dieses riesigen Ziels, das sich ihnen bot. Da die „Santa Cruz“ schnelle Fahrt machte, war sie in kürzester Zeit in gleicher Höhe mit der „Sweet Mary“. Die beiden Zweiundzwanzigpfünder aber richteten nicht viel an.

Auch auf der „Santa Cruz;“ wurde geschossen, aber der Schuss der Fünfzehn-Pfund-Kanone verfehlte die „Sweet Mary“ um fast eine Kabellänge. In der Takelage der „Sweet Mary“ brach brüllendes Gelächter über diesen Fehlschuss aus, und auch Joe konnte es sich nicht verkneifen, mitleidig zu grinsen. Da aber fielen die Blenden, und nun donnerten die beiden Hundertpfünder ihre Granaten in Richtung auf die „Santa Cruz“.

Es war, als sollte sich das Drama von neulich wiederholen. Beide Schüsse trafen. Beide gingen sie voll ins Vorschiff. Indessen wummerten die Granaten der nächsten Salve aus den Zweiundzwanzigpfündern voll in die Takelage des Fock und des Großmastes der „Santa Cruz“. Es waren Schrapnell-Granaten, und sie setzten nicht nur im Handumdrehen die Segel in Brand, sondern streuten ihre stählernen Brocken mit tödlicher Gefahr über das Deck des großen Schiffes.

Joe sah deutlich, wie sie drüben durcheinanderliefen.

Detlevsen war am Zuge. Er brüllte den Befehl, die Trosse zu kappen, und Chink schlug zu, als müsste er einen Brahmastier mit einem Schlag fällen. Sofort kam die „Sweet Mary“ frei, und im selben Augenblick schrie Lorenzo schon die Segelbefehle.

Das Manöver ging blitzartig vonstatten, so, als hätten sie jahrelang nichts anderes getan, als für diese Situation zu üben. Im Handumdrehen stand die „Sweet Mary“ voll im Zeug, drehte bei, kam in den Wind und jagte jetzt mit dem Bug in Richtung auf das spanische Schiff. Dort hatte man inzwischen die eine Kanone, die man besaß, geladen und in einer Verzweiflung, die schon mitleiderregend war, wurde abermals ein Schuss abgefeuert.

Aber die „Sweet Mary“ bot praktisch nur wenig Ziel, und außerdem hatten sie Granaten, die erst bei dem Aufschlag krepierten. Der Schuss verfehlte abermals die „Sweet Mary“, schlug zwar dicht daneben ins Wasser, aber für den Aufschlagzünder war nicht genug Widerstand vorhanden und alles, was der Einschlag verursachte, war eine Wasserfontäne, absolut harmlos für die „Sweet Mary“.

Die Besegelung von Fock- und Großmast des Spaniers stand in Flammen. Es war ein gigantischer Anblick, wie die Lohe vom Wind vorausgetrieben wurde. Andererseits bedeutete es für die Spanier ein Glück, denn so gerieten die anderen drei Masten nicht in Brand.

Die Spanier machten dennoch so viel Fahrt, dass sie eine wirkliche Chance hatten, der „Sweet Mary“ zu entkommen. Selbst mit der restlichen Besegelung der drei Masten waren sie an Geschwindigkeit der „Sweet Mary“ überlegen. Und die Schiffsführung der „Santa Cruz“ versuchte das wohl auch. Aber Detlevsen wollte sich den Brocken, den er vor der Nase hatte, nicht mehr wegnehmen lassen. Während die „Sweet Mary“ ihrer Beute nachjagte wie eine Raubkatze einem Zebra, ließ Detlevsen aus den beiden Decksgeschützen auf den Spanier feuern. Und wiederum befahl er, hoch in die Takelage zu halten. Die feuerbringenden Schrapnells setzten prompt auch das riesige Besansegel des Spaniers in Brand, fetzten die Gaffel herunter und zersplitterten den Besanbaum zu Brennholz.

Die Fahrt der „Santa Cruz“ verlangsamte sich nun doch, zumal in einer Hast auf der „Sweet Mary“ nachgeladen und abermals geschossen wurde. Und wiederum gelang es, in die Takelage zu schießen und Segel in Brand zu setzen. Nun brauchte Detlevsen alles nur dem Feuer zu überlassen. Er hatte von achtern her Feuer gelegt, und der Wind, vor dem die „Santa Cruz“ lief, jagte die Flammen in die übrige Besegelung hinein. Die Imprägnierung, die für die Segel verwendet wurde, wirkte sich jetzt höllisch aus. Die Segel brannten wie Zunder, wurden von den Rahen geblasen und kamen als Fackeln auf das Deck herunter.

Auf dem Spanier breitete sich Panik aus. Aber noch immer fuhr das Schiff, standen Segel, in die der Wind greifen und das Schiff damit vorantreiben konnte.

„Feuer einstellen!“, brüllte Detlevsen von achtern, und es fiel kein Schuss mehr. Die „Sweet Mary“ holte auf. Jetzt war sie nur noch eine Kabellänge (185,2 m) von dem Spanier entfernt. Detlevsen fuhr jetzt geschickt direkt achteraus des Spaniers, nahm ihm den Wind weg, und das besiegelte das Ende des Spaniers.

Aber sie hatten da drüben weit mehr Männer als auf der „Sweet Mary“. Die Mannschaft des Spaniers erwartete offenbar, dass die „Sweet Mary“ längsseits gehen und die Besatzung der Spanier entern würde. Aber Detlevsen hatte es ganz anders vor. Zwar ging er nun aus dem Kielwasser des Spaniers heraus und es schien, als wollte er tatsächlich längsseits gehen, aber er hielt sich gut eine halbe Kabellänge von der „Santa Cruz“ weg und kam mit ihr auf gleiche Höhe.

Da fielen auch an der Backbordseite die Klappen vor den Armstrong Hundert-Pfund-Geschützen. Als die Spanier das sahen, begriffen sie, dass das Ende aller Tage angebrochen war, sollten sie jetzt nicht kapitulieren. Und prompt ging die weiße Flagge hoch, und die spanische wurde eingeholt.

Gleichzeitig war man auf dem Spanier verzweifelt bemüht, ein Feuer auf dem Deck des Vorschiffs zu löschen, das durch die herabfallenden brennenden Segel entstanden sein mochte.

Detlevsen rief Lorenzo, gab ihm das Megaphon und sagte ihm, was Lorenzo auf spanisch hinüberzurufen hatte. Und dann brüllte Lorenzo mit seiner Donnerstimme durchs Megaphon, der Spanier solle unverzüglich die Männer vom vorderen Geschütz wegnehmen, das Feuer löschen und die Fahrt fortsetzen.

Die spanischen Seeleute dort drüben schienen überrascht. Sie hatten wohl damit gerechnet, beidrehen zu müssen oder versenkt zu werden. Dass sie die Fahrt fortsetzen sollten, schienen sie nicht zu begreifen. Aber man tat, was ihnen Detlevsen befahl. Die „Sweet Mary“ fuhr nebenher wie ein Begleitschiff, das von nun an den Schutz des Spaniers übernommen hatte. Und dieser Schutz sollte sich auch als notwendig erweisen. Denn plötzlich meldete der Ausguck im Krähennest: „Kleines Dampfboot von Steuerbord!“

Joe, der noch immer im Fockmast stand, blickte nach rechts. Da sah er ein kleines graues Schiff mit einem mächtigen Schornstein, aus dem gewaltige Rauchwolken herausquollen.

Es kam mit beachtlich schneller Fahrt, so klein es auch sein mochte, und es hatte auf dem Vorschiff eine kleine Kanone. Sie wirkte winzig gegen die Zweiundzwanzigpfünder der „Sweet Mary“, von den Hundertpfündern gar nicht zu reden. Mehr als fünf oder sechs Mann Besatzung konnte dieses kleine Schiff nicht haben. Aber dann schoss es. Aus dieser kleinen Kanone kam ein Schuss, und der schlug nur ein paar Armlängen vor dem Klüwerbaum der „Sweet Mary“ ins Wasser.

Brüllendes Gelächter an Bord der „Sweet Mary“ war die Antwort. Es war, als näherte sich ein David mit der Steinschleuder einem mit einem Gewehr bewaffneten Goliath.

Detlevsen machte sich noch nicht einmal die Mühe, die Befehle an die Geschützmannschaft der Steuerbord-Deckskanone zu geben. Er überließ das O’Dea, und der feuerte. O’Dea begnügte sich nicht mit einem Schuss vor den Bug. Er hielt voll drauf. Die Granate, wiederum ein Schrapnell, traf das Achterdeck des kleinen Schiffes, wo sie auf der Stelle verheerende Verwüstungen anrichtete. Doch noch immer fuhr das kleine Boot, und noch immer qualmte es, und noch immer standen drei Männer an der Kanone im Bug.

„Die sind wahnsinnig!“, brüllte Detlevsen. „O’Dea, schießen Sie diese Burschen zusammen!“

Aber vorher schossen die von dem kleinen Kanonenboot. Der Schuss schlug vorn in den Rumpf der „Sweet Mary“. Das ganze Schiff erzitterte unter dem Einschlag. Die Granate war, so klein sie auch sein mochte, an der Steuerbordwand explodiert, riss über der Wasserlinie ein Loch hinein.

Mit überschnappender wütender Stimme brüllte Detlevsen: „Schlafen Sie ein, O’Dea, oder was ist da vorn los?“

O’Dea ließ feuern, und das Schrapnell krepierte dicht über dem Kanonenboot. Es war, als wäre da plötzlich ein Stern aufgegangen oder eine Sonne. Der Feuerball stand fast eine Sekunde lang über dem Boot, während die Stahlstücke als tödlicher Regen auf das Deck prasselten, das Ruderhaus zerschlugen wie mit einer riesigen Faust, den Schornstein regelrecht zersiebten, dass der Qualm an allen Seiten übers Deck wehte. Und zwei der drei Männer schienen auch getroffen zu sein. Der dritte lief nach achtern, verschwand im Qualm.

Aber noch immer fuhr das kleine Boot, und es musste die „Sweet Mary“ rammen, wenn nicht plötzlich etwas geschah, was dieses Boot auf einen anderen Kurs brachte.

Detlevsen konnte die Fahrt nicht mehr vermindern. Es war auch ausgeschlossen, so schnell beizudrehen, wie das kleine Kanonenboot die „Sweet Mary“ erreicht haben würde. Eine Kollision schien unabwendbar.

Milford handelte, denn er war unter Deck bei den Hundertpfündern. Geistesgegenwärtig ließ er die Steuerbordblenden herunterschlagen, brachte den Hundertpfünder auf Richtung und ließ ohne Anweisung von Detlevsen feuern.

Auf die kurze Distanz hatte der Hundertpfünder eine atemberaubende Wirkung. Die gewaltige Granate traf das kleine Boot fast auf den Bug, detonierte, und plötzlich stand ein riesiger glühender Ball dort, wo eben noch das Boot gewesen war. Unmittelbar danach war alles in Qualm eingehüllt, Qualm, der aus dem Geschützrohr hochwehte, Qualm, der da entstand, wo eben noch das Boot zu sehen gewesen war.

Als sich der Qualm legte, sah man gerade noch das Heck des Bootes aus dem Wasser ragen, und dann verschwand es. Blasen bildeten sich. Ein riesiger Kreis, als wäre ein großer Stein ins Wasser geworfen worden, entstand für kurze Zeit, bis die Wellen ihn wegwischten und das Meer verschlungen hatte, was da eben noch als tödliche Gefahr auf die „Sweet Mary“ zugeschwommen war.

Auf dem Spanier hatte man das ganze Manöver mit äußerster Spannung beobachtet. Doch nun hatte man wohl begriffen, dass das Spiel aus sein musste. Die Partie war endgültig an Detlevsen verloren.

Detlevsen quittierte den Untergang des Bootes mit einem Achselzucken.

Plötzlich rief irgend jemand: „Da sind Schiffbrüchige! Zwei!“

Joe blickte hinüber und entdeckte ebenfalls zwei schwimmende Männer zwischen den Trümmern. Sie klammerten sich an Holzstücke, Teile des Decks, noch zusammenhängende Planken. Der eine schien auch eine Schwimmweste zu besitzen, diese Korkgürtel, die neuerdings in Mode gekommen waren.

Joe blickte nach achtern und sah Detlevsen. Der stierte hinüber zum Spanier, als hätte es das Kanonenboot und seine Besatzung nie gegeben.

Sogar O’Dea warf einen Blick auf jene Stelle, wo das Kanonenboot versunken war. Fragend wandte er sich dann nach achtern, blickte den Kapitän an, aber der tat, als hätte er nie etwas von einem Schiffbrüchigen gehört.

Da brüllte Joe: „Kapitän! Steuerbord achteraus zwei Schiffbrüchige! Hören Sie!“

Detlevsen tat gar nichts dergleichen. An seiner Stelle schrie Lorenzo nach oben: „Halt dein verdammtes Maul! Du verdammter Rebell bist sowieso dran. Warte nur noch ein paar Stunden, Und wenn noch einer von euch behauptet, dass da drüben Schiffbrüchige sind, dann werde ich dem sein Lügenmaul stopfen, und er bekommt keinen Cent von einer Prämie. Die anderen aber, die gute Augen haben, werden genau sehen, dass da niemand schwimmt. Wir werden uns doch nicht diese Prise davonschwimmen lassen, bloss weil einer von euch spinnt und Männer schwimmen sieht, die es gar nicht gibt.“

Joe war wie versteinert. Er hatte noch nie erlebt, dass man einen Schiffbrüchigen nicht zu retten versuchte. Mit einem Mal dachte er wieder an die schwedischen Frauen. Sie hatten um Hilfe gebeten, und ihnen war nicht geholfen worden. Jetzt schwammen dahinten zwei Männer um ihr Leben. Sie waren verloren. Bis zur Insel würden sie niemals kommen, dazu war es zu weit, und ein anderes Schiff war nicht in Sicht.

Jetzt wollten die Spanier die restlichen Segel aufgeien, wollten beidrehen. Als Detlevsen das im Ansatz bemerkte, ließ er Lorenzo mit dem Megaphon hinüberbrüllen, sie sollten unverzüglich die Fahrt fortsetzen und ja nicht auf den Gedanken kommen, langsamer zu werden.

Erschüttert merkte Joe, dass höchstens Fritz so dachte wie er. Vielleicht auch Frenchy, aber den konnte er nicht sehen. Der war auf dem Großmast. Die anderen aber schienen Detlevsens Befehle für die normalste und vernünftigste Sache auf der Welt zu halten. Sie quittierten Detlevsens Bemerkung, dass er weit und breit keine Schiffbrüchigen sehen könnte, mit beifälligem Gemurmel. Die Gier nach einer so hohen Prämie für die Beute dort drüben war größer.

Mein Gott, was sind das für Menschen, dachte Joe. Das sind ja Tiere, Wahnsinnige. Die können doch nicht zwei Seeleute untergehen lassen, einfach so.

Auf dem Spanier hatte man das Feuer gelöscht. Die Männer dort drüben wagten angesichts der beiden schweren Kanonen nicht, sich dem Befehl Detlevsens zu widersetzen. Sie fuhren weiter, und sie setzten, als Lorenzo ihnen das befahl, sogar noch neue Segel an den Stellen, wo die alten verbrannt waren. Die Fahrt der „Santa Cruz“ wurde schneller. Vielleicht hofften die Männer drüben, sie könnten abermals der „Sweet Mary“ entkommen. Aber Detlevsen war auf der Hut. Als die Spanier die Großmastbesegelung wieder setzen wollten, ließ er ihnen das durchs Megaphon von Lorenzo verbieten.

Joe starrte achteraus. Ihn interessierte der Spanier nicht und das Gebrülle von Detlevsen. Er blickte nur hinüber zu den beiden, die da um ihr Leben schwammen. Er konnte sie kaum noch sehen. Zwischen den Trümmern ragten ihre Köpfe ab und zu hervor. Dann wurden sie kleiner und kleiner, und es war unmöglich, sie noch ausmachen zu können.

In einem Zorn ohnegleichen und in ohnmächtiger Wut zugleich brüllte Joe nach achtern: „Mörder!“

In diesem Augenblick enterte Dicky Pitchard bis zum Eselshaupt der Brahmstange empor. Als er dort mit Joe auf gleicher Höhe stand, sagte er: „Junge, wir kannten uns schon, bevor wir auf dieses Schiff gingen. Deshalb will ich dich warnen. Reiß bloß nicht noch einmal das Maul auf, denn auf diesem Pott stehen wir alle hinter dem Käpt’n. Merk dir das!“

„Hast du auch schon was zu bestimmen hier?“, fragte Joe angriffslustig.

Dicky Pitchard drohte ihm mit der Faust. „Vergiss nicht, dass du ziemlich allein bist. Vielleicht hält noch einer zu dir. Vielleicht auch zwei. Ich meine es gut mit dir, Reb. Diese Mannschaft ist ein verlorener Haufen. Wir haben alles zu gewinnen und nichts zu verlieren. Einige von uns hätten sie aufgehängt, mich auch. Du weißt doch, wie es gewesen ist.“

In diesem Augenblick geschah etwas, womit Detlevsen wohl sicher nicht gerechnet hatte. Plötzlich fiel von der „Santa Cruz“ her ein Gewehrschuss und unmittelbar danach eine ganze Salve, die oben in die Rahen prasselte, über Deck fegte und in die Mannschaft der „Sweet Mary“ hineinfuhr.

Es kam so blitzartig, dass auch Joe im ersten Moment überhaupt nicht begriffen hatte, was da geschah. Dicky Pitchard, der immer noch auf dem Eselshaupt stand, stieß plötzlich einen Schrei aus, verzerrte das Gesicht, beugte sich nach vorn, versuchte vergeblich mit den Händen Halt zu finden und stürzte dann, bevor Joe zupacken konnte, an ihm vorbei in die Tiefe, und während er stürzte, schrie er. Doch seine Schreie gingen in dem Knattern der Schüsse unter, die von der „Santa Cruz“ aus abgeschossen wurden.

Pitchard flog mit einem platschenden Knall auf das Deck. Dort lag er reglos. Noch drei andere traf es und holte es aus den Rahen herunter. Achtern brach Yank hinter dem Ruder zusammen.

Erst jetzt erkannte Joe, was da drüben geschah. Sie feuerten aus den Bullaugen heraus, die sie auf ein einziges Kommando hin geöffnet hatten, schossen mit Gewehren, und Joe dachte in diesem Augenblick: Ja, der Spanier kann sich das leisten. Dort stehen alle Männer voll und ganz hinter dem Kapitän. Der kann Waffen verteilen. Diesen Luxus wird Detlevsen bei allen nicht wagen.

Detlevsen brüllte: „Feuer!“ Und dann donnerten die beiden schweren Hundertpfünder ihre tödliche Ladung in Richtung auf die „Santa Cruz“. Das, was Detlevsen hatte verhindern wollen, musste er jetzt wahrmachen. Und beide Geschosse trafen voll.

Eine Feuersäule stieg mittschiffs der „Santa Cruz“ auf, bis hoch in die Segel. Und abermals wurden sie zu Fackeln. Diesmal aber war die Entfernung einfach so nahe gewesen, dass die Folgen katastrophal wurden. Der Bauch dieses gewaltigen Schiffes war aufgerissen. Dort, wo die eine Granate getroffen hatte, gähnte ein Loch. Man sah die Spanten. Man sah Fetzen, man sah zwei getötete Menschen, die wie hingeschleudert in den Trümmern hingen.

Das Schießen drüben wurde dennoch fortgesetzt. Aber jetzt schlug der Zweiundzwanzigpfünder vom Vorschiff auf der Kajüte ein. Dann ein Schuss des zweiten Geschützes auf eine so kurze Entfernung, dass die Back regelrecht rasierte.

Das Brüllen Verletzter schallte von der „Santa Cruz“ bis herüber zur „Sweet Mary“. Und dennoch stellten die tapfer kämpfenden Spanier das Gewehrfeuer nicht ein. Immer noch feuerten sie und zwangen Detlevsen, in Deckung zu gehen, und verhinderten mit ihren Schüssen auch ein Segelmanöver. Denn von allen Seiten brachten sich die Männer aus den Rahen in Sicherheit. Niemand wollte wie ein Vogel auf einem Ast sitzen und abgeschossen werden. Auch Joe machte, dass er hinunterkam an Deck.

Jetzt wurden inzwischen Gewehre verteilt, achtern nur und wenige dazu. Lorenzo hatte eins. Aber die Spanier schossen noch. Und jetzt donnerte die zweite Salve auf so eine geringe Distanz in den Bauch der „Santa Cruz“ hinein, riss erneut gewaltige Löcher und setzte den Schiffsleib in Brand.

Und noch immer feuerten sie mit den Gewehren.

Das Ausgeben von Gewehren an einen Teil der Mannschaft versetzte Detlevsen in die Lage, zumindest die Gewehrschützen dort drüben in Schach zu halten.

Lorenzo hastete zum Niedergang der Kajüte. In seinen Riesenpranken wirkte das Gewehr wie ein Spielzeug. Und als Joe ihn sah, da hatte er auf einmal die Vision, die „Sweet Mary“ wäre nichts anderes als ein blutgieriger, beißender Hai, und Lorenzo war einer der Zähne dieses Hais.

Mit einem Male war Joe entschlossen, koste es, was es wolle, in das Geschehen einzugreifen, aber auf seine Art - und nicht auf einen Befehl Detlevsens hin. Diesen Piratenkapitän wollte er am Weiterhandeln hindern.

Ich werde ihm das Handwerk legen, dachte er.

Da stand plötzlich Fritz neben ihm, und ein Stück entfernt tauchte, als wäre es so bestellt, Frenchy auf. Sie alle drei starrten auf den im Niedergang verschwindenden Lorenzo. Er war für sie fast zum Symbol der Tyrannei und der Gewalttätigkeit geworden.

„Die Pulverkammer!“, keuchte Frenchy. „Los!“

*

Drüben stand die „Santa Cruz“ mittschiffs unter Feuer. Die Flammen und der Qualm quollen aus den Luken, aus den Bullaugen und vor allen Dingen aus den Stellen, wo der Schiffsbauch aufgerissen war. Immer mehr Segel fingen oben Feuer. Die „Santa Cruz“ machte keine Fahrt mehr. An den Rudern war niemand mehr und achtern stand auch kein Kapitän mehr, der ein Kommando erteilt hätte. Seit von der „Sweet Mary“ mit Gewehren geschossen wurde, brachte man sich drüben in Sicherheit, und mehr noch. Sie verließen das Schiff.

Ohne dass Detlevsens Mannschaft etwas daran ändern konnte, brachten sie drüben an Backbord zwei Boote ins Wasser. Detlevsen bemerkte es viel zu spät. Und da er keine Männer mehr oben in der Takelage wusste, war es den Spaniern gelungen, die meisten der Männer schon in den Booten zu haben, bevor Detlevsen etwas merkte. Sie wollten aber ein drittes Boot zu Wasser fieren. Das wurde von dem Backbord-Zweiundzwanzigpfünder gestört. Das Schrapnell krepierte direkt über den Davits, und die Stahlstücke, die jedes Mal sternförmig nach allen Seiten flogen, trafen die Männer der „Santa Cruz“, die sich hatten retten wollen.

Die „Sweet Mary“ war jetzt viel schneller als die „Santa Cruz“, die wegen ihrer ausgefallenen Besegelung nunmehr so gut wie keine Fahrt machte, die sogar allmählich dwars zur Windrichtung trieb und erhebliche Schlagseite gewann. Sie neigte sich nach Steuerbord, und nun gerieten die aufgerissenen Stellen am Schiffsrumpf an die Wasserlinie.

Mehr konnten sich die drei Männer auf der „Sweet Mary“, die dem Geschehen eine Wende geben wollten, nicht ansehen. Sie mussten handeln, wenn sie etwas erreichen wollten, und sie mussten es jetzt tun.

Das Gewehrfeuer hatte aufgehört. Gerade in dem Augenblick verschwanden die drei unter Deck, ohne dass es aufgefallen wäre. Es sah aus, als wollten sie die Besatzung der Geschütze verstärken. Detlevsens Kommando an den Ersten, eine erneute Salve auf die „Santa Cruz“ abzufeuern, kam Joe, Frenchy und Fritz gelegen.

Niemand achtete in dem allgemeinen Durcheinander unter Deck auf sie, als sie sich hinter den Kanonieren vorbeidrängten zum Vorschiff hin, von wo die Granaten gebracht wurden. Es musste so aussehen, als wären sie gekommen, um die Männer zu unterstützen, die schweren Granaten heranzuschleppen, dazu die Kartuschen zu stopfen, eine Arbeit, die bei den Artilleristen verhasst war.

Die Pulverkammer, wo die Kartuschen gestopft wurden, war jene Last, in die man die Ladung gebracht hatte, die von dem englischen Schiff übernommen worden war.

Weder Joe noch die beiden anderen sagten ein Wort, aber ihre Entschlossenheit, jetzt etwas zu tun, weil sich sonst womöglich nie wieder die Chance ergab, trieb sie an. Dabei waren sie sich alle drei darüber klar, dass es womöglich kein Entkommen geben würde, weder für jene, die zu Detlevsen hielten, noch für die drei, die den Aufstand gegen diesen Tyrannenkapitän versuchten.

Ungehindert gelangten alle drei in die Pulverkammer. Hier standen die Kisten, waren aufgeschlagen worden, und drei Männer waren dabei, weitere Kisten mit Brecheisen zu öffnen. In diesen Kisten befanden sich vorgeformte Pulverpakete, die in die Kartuschen geschoben und dort vorsichtig festgepresst wurden. Die Kartuschen dann schafften andere Männer zu den Geschützen, ebenso wie die Granaten, die auch in den Kisten verstaut gewesen waren. Jeweils zwei Mann schleppten eine Granate in einem Traggerät zu den Kanonen. Eines dieser Traggeräte lehnte an der Seite.

Joe packte es, gab Frenchy einen Wink, und Fritz half ihnen, eine Granate daraufzulegen. Die schleppten sie nach vorn zum Geschütz, kehrten um, als wollten sie eine neue Granate holen, aber da hatte sie Milford schon entdeckt. Es war reiner Zufall, dass er sich umdrehte. Damit war von keinem der drei Männer gerechnet worden. Und Milford, der Erste, sah sofort, dass sie nicht dazugehörten, schöpfte Verdacht. Er brüllte: „Was macht ihr hier? Wollt ihr euch drücken?“

Oben an Deck schallten die Kommandos bis hier herab. Detlevsen versuchte, seine Männer wieder an die Falls zu bekommen. Er musste Segel geien lassen, denn die „Sweet Mary“ entfernte sich mehr und mehr von der „Santa Cruz“.

Vielleicht glaubte Milford in diesem Augenblick, dass die drei sich vor der Arbeit oder der Gefahr, von den gegnerischen Gewehrschüssen getroffen zu werden, drücken wollten. Da dröhnte es durch das Sprachrohr:

„Feuer! Zum Teufel, ihr sollt schießen!“

Das war Detlevsen. Selbst wenn seine Stimme so verzerrt war, hätte sie Joe unter Tausenden sofort herausgehört. Die Männer an den Geschützen rissen die Leinen ab, und die Qualmwolken, die von den Abschüssen her den ganzen Raum erfüllten, nahmen den Geschützbesatzungen vorübergehend die Sicht, auch dem Ersten, der vor den drei Männern stand.

Eine größere Chance, sagte sich Joe, wird nicht mehr kommen. Auch Frenchy schien wohl dasselbe empfunden zu haben. Nur Fritz stand etwas unentschlossen. Aber als er sah, wie Frenchy auf den Ersten losging und Joe ihm die Faust in die Magengrube hieb, da wusste auch er, was zu tun war. Er schlug ihm mit einem Belegnagel über den Kopf. Und bevor Milford überhaupt dazu kam, die Faust zu erheben, war er bereits bewusstlos.

Noch immer vom Rauch geschützt, der einem fast den Atem nahm, schleppten die drei Milford bis zum Niedergang und schleiften ihn dann unter die Treppe, wo sie ihn liegen ließen.

Als sich die Schwaden des Abschussrauches verzogen, die der Wind von Luv ins Schiff getrieben hatte, waren die drei schon wieder an den Geschützen vorbei und standen in der Last. Ein Gruppe von fünf Spaniern stopfte Kartuschen, zwei kamen gerade herein, eine Granate zu holen.

Es musste schnell gehen. Das war Joe klar. Er hatte vorhin eine der Pulverschnüre aufgehoben, die hinter den Geschützen herumlagen, stopfte sie mit dem einen Ende in eine der Kisten, in denen sich die vorgeformten Kartuschenladungen befanden. Diese Kiste stand bei einem ganzen Stapel anderer.

„Raus Männer!“, rief Frenchy auf spanisch. „Macht, dass ihr wegkommt!“

Joe setzte die Zündschnur in Brand, deren Ende bis in die Pulverkiste reichte.

Entsetzt sahen das einige der Spanier, warfen sich herum und stürmten zum Niedergang.

Die anderen hatten das noch gar nicht mitbekommen, und Fritz schrie: „Alle Mann an Deck! Alle Mann an Deck! Das Schiff brennt! Alle Mann an Deck!“

Verwirrt blickten die Geschützbesatzungen um sich, suchten ein Feuer und sahen keins. Indessen hatten Joe, Frenchy und Fritz den noch immer bewusstlosen ersten Offizier gepackt und schleiften ihn den Niedergang empor. Sie waren schon halb oben, da schrie Frenchy nach unten: „Die Pulverkammer explodiert! Macht, dass ihr raufkommt!“

Und nun hatten die Spanier begriffen. Frenchy hatte in ihrer Sprache gesprochen und sie schienen zu ahnen, dass auf diesem Schiff nicht alles nach der Pfeife des Bootsmannes tanzte.

Am Niedergang kam es zu einem Gedränge. Einer der Spanier stürzte, wurde regelrecht niedergetrampelt, da rissen ihn andere aber wieder mit, und schliesslich quoll die gesamte Geschützmannschaft an Deck, hastete nach achtern, wo jetzt Lorenzo mit einem Gewehr auftauchte und nun auch der Kapitän kam, beide mit Gewehren bewaffnet, der Kapitän sogar mit einer Schrotflinte, mit der er diese, wie es ihm schien, meuternden Männer aufzuhalten suchte.

Keiner von ihnen sah den an Deck liegenden, noch immer bewusstlosen Ersten. Und ebenfalls unbemerkt waren Fritz, Frenchy und Joe in den Großmast gestiegen. Sie befanden sich schon auf dem Mars des Mastes, ohne dass einer der Offiziere ihre Anwesenheit dort oben bemerkt hatte. Aber da waren noch andere, die auf der Obermarsrah auf den Fußpferden standen. Einer davon war der lockenköpfige Jan, der sich zum Musterschüler Lorenzos gemausert hatte und sich mit Haut und Haaren an Detlevsen verschrieben zu haben schien. Jan, der Messerstecher aus Boston.

Jan schrie: „Hier sind sie! Diese Hundesöhne waren es! Sie haben Feuer gelegt!“

Der Kopf des Kapitäns ruckte herum. Er starrte nach oben, und gleichzeitig hoben sich die Doppelläufe der Flinte in Joes Richtung.

„Dich knall’ ich ab“, keuchte Detlevsen, und in seinem Blick lag aller Hass, zu dem ein Mensch fähig sein kann.

*

Die „Santa Cruz“ lag mit der Schlagseite dwars im Wind und wurde immer noch mehr nach Steuerbord gedrückt. Der Mannschaft war es bis auf eine kleine Gruppe gelungen, in Boote oder Flöße zu kommen, und sie hielten sich jetzt im Sichtschutz, den das sterbende Schiff ihnen bot. Von der „Sweet Mary“ aus konnte man sie höchstens vom Mars her erkennen. Die Männer an Deck sahen die Boote nicht. Das Schießen war eingestellt worden.

Mit einem Male war das einzige Geräusch das Donnern und Prasseln der Flammen auf der „Santa Cruz“ und das Klatschen, wenn Teile der Takelagen ins Wasser fielen oder ein Krachen, wenn es das Deck traf. Inzwischen war es dem Rest von Offizieren und Mannschaften, der sich noch auf der „Santa Cruz“ befand, gelungen, ein Floß zu zimmern, über Bord zu werfen und dann mit Jakobsleitern auf der Backbordseite von Bord zu gehen.

Die „Santa Cruz“ trieb ohne Besatzung brennend und sinkend in der See. Zwei Kabellängen entfernt aber drehte die nur noch mit Sturmsegeln besetzte „Sweet Mary“ bei, so jedenfalls erschien es den Männern in den Booten, die dieses Manöver am Heck der sinkenden „Santa Cruz“ vorbei sehen konnten.

Aber es war kein Beidrehen. Die „Sweet Mary“ geriet auf einmal dwars zum Wind, der in die Sturmbesegelung drückte und das Schiff krängen ließ.

Schüsse fielen drüben auf der „Sweet Mary“, aber es war zu weit für die Männer in den Booten, um Genaues zu erkennen. Nur einer sah alles ziemlich genau. Das war der Erste Offizier der „Santa Cruz“, ein großer, schlanker, dunkelhaariger Mann, der das Kommando über die Besatzung nach dem Tod des Kapitäns übernommen hatte. Der Kapitän war durch den Schuss einer Gewehrkugel gefallen.

Der Erste Offizier der Spanier beobachtete mit einem Fernrohr, das er mit ins Boot genommen hatte, die „Sweet Mary“ und das, was dort zu erkennen war. Er sah, wie plötzlich eine ganze Gruppe Männer aus dem Niedergang der Back strömte und nach achtern lief. Vorher schon hatte er drei Männer bemerkt, die in den Großmast eingestiegen waren und es mit einer solchen Hektik taten, dass es nicht mit einem Segelmanöver Zusammenhängen konnte.

Die „Sweet Mary“ schien völlig führerlos zu sein. Achtern standen zwei Männer mit Gewehren, die sie auf jene richteten, die da angestürmt kamen. Dann hob der eine die Waffe und zielte nach oben auf die Obermarsrah. Von da an überschlugen sich die Ereignisse.

Die „Santa Cruz“ kenterte. Die noch immer vorhandenen Masten klatschten auf die Wasseroberfläche. Ein Prasseln und ein Donnern, ein Krachen entstand, als die Rahen zersplitterten, und eine dicke Dampfwolke quoll zum Himmel, die durch das Erlöschen des Feuers beim Wassereinbruch entstanden war.

Die gekenterte riesige „Santa Cruz“ starb noch nicht. Ihr Todeskampf vollzog sich nicht so rasant wie bei der „Pampero“. Die „Santa Cruz“ hatte ein zähes Leben. Wie ein waidwundes Tier lag sie darnieder. Sie kämpfte. Doch das Verhängnis war für die „Santa Cruz“ schon bei ihrer Indienststellung mit eingeplant. Dieses Schiff besaß stählerne Masten, eine Neuheit, auf die man in der spanischen Marine stolz gewesen war. Masten, die kein Sturm zerbrach ... Masten aber, die auch jetzt nicht brachen und das Schiff in Seitenlage hielten, die man nicht kappen konnte, um den Rumpf sich wieder aufrichten zu lassen.

Es war auch niemand an Bord, der die Masten hätte kappen können. Die Besatzung hatte die „Santa Cruz“ aufgegeben. Der Tod des Schiffes schien besiegelt.

Niemand hatte zu diesem Zeitpunkt eine Ahnung davon gehabt, welches besondere Schicksal die „Santa Cruz“ noch erfahren sollte. Für die Männer, die zu ihrer Besatzung gehörten und den Kampf mit der „Sweet Mary“ bisher überlebt hatten, stand es fest, dass sie jetzt sinken würde. Der Erste Offizier gab den Befehl, so rasch wie möglich von dem sterbenden Koloss wegzupullen, damit sie nicht vom Sog mitgerissen und vom Meer verschlungen wurden.

*

Indessen war auf der „Sweet Mary“ eine ganze Menge geschehen.

Detlevsen hatte das Gewehr auf Joe gerichtet, und die Flinte würde Tod und Verderben spucken, sobald er die Stecher durchzog.

In diesem Augenblick, als er das tun wollte, kenterte die „Santa Cruz“.

Lorenzo stieß einen Schrei aus. Auch die spanischen Seeleute, die auf Deck gestürmt waren, blickten konsterniert zu dem sterbenden Riesen hinüber. Und nun fuhr auch der Kopf von Detlevsen herum. Er sah, was da drüben geschah, senkte ein paar Augenblicke lang das Gewehr, und das genügte den Männern oben im Mars des Großmastes. Mit einem Schlag stieß Joe Jan beiseite, der das Gleichgewicht verlor, nach unten stürzte und direkt auf Lorenzo fiel. Der schwere Lorenzo wurde umgerissen, brüllte auf. Ein Schuss löste sich aus seinem Gewehr, jagte aber harmlos in den Himmel.

Detlevsen fuhr herum, verlor ein paar Augenblicke die Übersicht, und in diesem Moment schrie jemand: „Es ist Feuer gelegt in der Pulverkammer! Eine Zündschnur! Sie sprengen die Pulverkammer in die Luft!“

Detlevsen warf den Kopf in den Nacken, starrte nach oben und sah plötzlich, wie Fritz sprang. Fritz wollte sich auf Detlevsen werfen, wollte ihn von oben anspringen, aber Detlevsen reagierte blitzartig, viel schneller, als sie alle gedacht hatten. Er riss das Gewehr hoch, drückte beide Läufe ab, und das Donnergetöse des Doppelschusses erfüllte die Luft. Die Feuerzungen jagten dem durch die Luft fliegenden Fritz entgegen, und das Hackblei traf ihn mit fürchterlicher Gewalt in den Leib.

Fritz stürzte direkt dem Kapitän zu Füßen und war schon tot, bevor er den Boden erreicht hatte.

Lorenzo und Pat O’Dea, der jetzt auftauchte, wollten sich auf Frenchy werfen, der ebenfalls abgesprungen war. Da tauchte Joe auf, sprang O’Dea an, schlug ihn mit einem Magenhaken nieder, wandte sich Lorenzo zu, mit dem Frenchy kämpfte.

Detlevsen stürmte zum Vorschiff, jagte den Niedergang hinunter, wo es zu den Geschützen ging. Er hetzte in die Pulverkammer, sah im Halbdunkel das sprühende Licht der nur noch eine Handbreit vom Pulver entfernten Flamme der Zündschnur. Mit einem Sprung raste er dahin, warf sich über die Kiste und erstickte mit den bloßen Händen die sprühende Flamme.

Keuchend sah er sich um. Er hatte das Schiff gerettet, aber die Schlacht war noch nicht geschlagen. Detlevsen war ein harter Mann. Ihn besiegte man nicht auf normale Weise. Kapitän Detlevsen gab nicht auf. Er hatte noch nie im Leben aufgegeben.

Sein teuflisches, aber geniales Hirn hatte für ihn schon wieder eine Lösung parat, mit der er hoffte, die Macht an Bord wieder zu übernehmen. Er packte einige der Presspulverstücke, wickelte Zündschnur darum und ließ ein kurzes Ende hervorstehen. Dann verließ er die Pulverkammer, zog eine von seinen Zigarren aus der Jackentasche, zündete sie an und ging dann nach oben. Als er auf den letzten Stufen des Niederganges stand und über Deck blicken konnte, trat ein hartes, gefährliches Grinsen in sein Gesicht. Er hielt die Glut seiner Zigarre an den Stummel der Zündschnur eines der vier Pakete, die er auf dem linken angewinkelten Arm trug. Als die Flamme sprühte, packte er das Presspulver mit der Rechten und schleuderte es nach achtern, wo Joe und Frenchy mit Lorenzo und O’Dea fertiggeworden waren und wo Joe gerade das Ruder packte und das Rad herumwirbelte.

Das Presspulverpaket schlug unmittelbar zwischen dem unten liegenden O’Dea und dem sich mühsam aufrappelnden Lorenzo nieder. In Detlevsen regte sich nichts. Es interessierte ihn nicht, dass es seine Männer waren, die gleich von der Detonation zerfetzt werden würden.

Im Gegenteil, er schleuderte ein zweites Päckchen, dessen Zündschnur er ebenfalls in Brand gesetzt hatte, und es war noch in der Luft, als das erste detonierte.

Die Druckwelle schleuderte Joe zu Boden, als er hinter dem Kompass verschwand. Frenchy, der sich unmittelbar vor dem Niedergang zur Kajüte befand, flog über ein aufgeschossenes Tau und knallte mit dem Kopf gegen die Reling.

Der Rauch hatte sich noch nicht gelegt, als das zweite Presspulverpaket detonierte.

In diesem Augenblick tauchte rechts von Detlevsen einer der Spanier auf, die von Detlevsen zum Schiffsdienst gepresst worden waren. Detlevsen hatte seine Pistole vorn im Gürtel stecken. Er riss sie heraus, wollte auf den Spanier zielen, aber in diesem Augenblick fielen ihn zwei andere Spanier von hinten an. Männer, die er nicht bemerkt hatte. Sie schlugen ihn mit einem Marlspieker nieder, und Detlevsen stürzte nach vorn auf den Bauch, begrub die beiden Presspulverladungen, die er noch hatte, unter sich.

Ohne sich weiter um den am Boden liegenden Kapitän zu kümmern, liefen die Spanier nach achtern. Dort sah es grauenhaft aus. Lorenzo war tödlich verletzt, lebte aber noch. Er brüllte wie ein Stier. Sein fürchterliches Gebrüll ging dann in ein Gurgeln über, bevor der Tod ihn erlöste.

Wie durch ein Wunder war O’Dea praktisch unverletzt. Er richtete sich auf, starrte benommen um sich, und sein Blick fiel genau auf Bill Milford, der als Mensch nicht mehr zu erkennen war. Die zweite Sprengladung war unmittelbar neben ihm gelandet und explodiert. Der Anblick, den der Erste bot, war so erschütternd, dass es O’Dea würgte und er sich übergeben musste. Auch Joe, der wieder auf die Beine gekommen war, starrte entsetzt auf das, was einmal der Erste Offizier gewesen war.

„Der Kapitän ist tot!“, brüllte einer der Spanier in seiner Sprache, und Frenchy übersetzte es den anderen.

„Es muss ihm gelungen sein, die Zündschnur zu löschen. Aber um so besser! Dann drehen wir bei und kommen den Spaniern, die in den Rettungsbooten sind, zu Hilfe.“

Niemand achtete auf Detlevsen. Er war zu sich gekommen. Blut lief ihm über die Schläfen, über die Wangen, ins Gesicht. Ein wahnsinniger Schmerz im Kopf lähmte ihn fast. Und dennoch konnte er verfolgen, was da achtern geschah. Er sah, wie die Spanier in die Masten einstiegen, wie das Ruder herumgeworfen wurde, wie die „Sweet Mary“ beidrehte. Im Augenblick hatten Joe, Frenchy und die Spanier der „Pampero“ das Schiff in der Hand.

Detlevsen gab nicht auf. Sie hatten ihn aufgegeben, aber er nicht sich und ebensowenig diesen Kampf.

Ohne dass es jemand bemerkte, schob er sich wie ein Krebs rückwärts übers Deck nach vorn. Dann hatte er den Niedergang erreicht, war er genau an der Stelle, von wo aus er diese Sprengsätze geworfen hatte. Die Männer oben in den Masten hätten ihn sehen können, aber sie achteten nicht darauf, keiner kümmerte sich um diesen Menschen, der da oben lag und sich nicht rührte.

Sie sahen es nur nicht, wie er sich ganz langsam, Stück um Stück in den Niedergang hineinschob, wie er dann auf Knien die Stufen weiter und weiter hinunter rutschte. Als er verborgen war vor den Blicken von oben, da blieb er auf den Stufen hocken, stemmte sich ein wenig hoch, suchte in seiner Tasche nach einem Zündholz, legte das eine Presspulverpaket, das er noch besaß, vor sich auf die Stufe. Das andere Päckchen lag an jener Stelle, wo die Spanier ihn niedergeschlagen hatten.

Detlevsen umkrampfte mit seiner Rechten die Zündholzschachtel, mit seiner Linken das Presspulverpaket. Dann ging er auf Knien den Niedergang hinab, richtete sich unten auf. Aber ihm wurde schwindlig, und er musste sich unten anlehnen. Als der Schwächeanfall vorüber war, torkelte er durch den Raum, in dem die Geschütze standen. Er lief weiter. Und dann stand er breitbeinig, die Schwankungen des Schiffes abfangend, vor dem Schott, hinter dem sich jene Last befand, in dem die Pulverkisten standen.

Jetzt riss er das Zündholz an, hielt es an den Zündschnurstummel und schleuderte das Presspulverpaket durch die Öffnung des Schotts. Er sah noch, wie das Presspulverpaket niederfiel, wie es ins Dunkel des Raumes hineinrollte und dann irgendwo liegenblieb. Der kleine glühende Stern der Flamme, die sich auf der Zündschnur weiterfraß, erhellte einen kleinen Umkreis um dieses Päckchen herum, und in diesem Schein waren die Kisten zu erkennen, die unmittelbar vor dem kleinen Presspulverpaket aufgestapelt waren.

Ein neuer Schwächeanfall lähmte Detlevsen. Er wollte sich umdrehen, wollte zurücklaufen, wollte hinauf auf Deck. Aber er war nicht imstande, sich zu bewegen. Breitbeinig, die Schulter vorgebeugt, den Kopf ein wenig gesenkt, stand er wie aus Erz gegossen im Geschützraum, unfähig, nur eine Bewegung zu tun.

Und plötzlich glühte der gewaltige Feuerball auf, erst ein kleiner, dann unmittelbar danach der viel größere riesige Sonnenball und zugleich der Druck, der Detlevsen ergriff und mit den Urgewalten gegen eine der Hundert Pfund Armstrong-Kanonen schleuderte.

Detlevsen spürte nur noch den Schlag, mehr nicht. Als die Explosion die „Sweet Mary“ in zwei Teile riss, war Detlevsen schon tot. Was der „Pampero“ widerfahren war, schien sich jetzt bei der „Sweet Mary“ zu wiederholen. Die gewaltige Menge Pulver, die da in Explosion geriet, zerfetzte die „Sweet Mary“ förmlich zwischen Mittschiff und dem Vorschiff. Die Bordwände wurden nach außen gefegt, zertrümmert. Das Deck hob sich an, zerfetzte. Der Fockmast wurde wie eine Rakete weggeblasen und oberhalb des Voruntermastes am Mars weggerissen, wirbelte herum, doch die Pardunen hielten ihn, so dass es ihm lediglich gelang, den Großmast an der Groß-Marsstange wie die Sense einen Grashalm zu kappen. Im Handumdrehen war oben in der Takelage die Hölle los. Die Männer, die sich dort oben befanden, wurden in die See hinauskatapultiert oder von niederstürzenden Rahen und Tauwerk mitgerissen.

Einige fielen in die Gluthölle hinein, die sich da unter ihnen aufgetan hatte. In dieser Feuerlohe, die, mit Wasser vermischt, einen Dampf bildete, der das gesamte Vorschiff einhüllte.

Das Vorschiff, das nun völlig abgerissen war, kenterte, tauchte unter, schoss wieder nach oben und trieb schliesslich kieloben ab. Eine Luftblase hielt das Vorschiff noch über Wasser.

Der hintere Teil der „Sweet Mary“ kenterte fast augenblicklich. Ein großer Teil der Männer sprang über Bord. Andere krampften sich in den Pardunen und Wanten fest. Frenchy krallte sich in die Reling. Joe krampfte die Fäuste in die Speichen des Ruders. Einer der Spanier klammerte sich an den Kompass. Aber dann brach der Besan-Untermast. Das entlastete Achterschiff wollte sich wieder aufrichten. Aber der Großmast, der mit dem Rest der Besegelung eingetaucht war ins Meer, hielt die gekenterte „Sweet Mary“ noch immer auf der Seite.

Backbord ragte aus dem Meer. Steuerbord war untergetaucht. Doch in letzter Sekunde brach auch der Groß-Untermast, und das Achterschiff der „Sweet Mary“, das noch immer schwimmfähig schien, richtete sich knackend und knirschend auf, blieb aber in Schräglage.

Die „Sweet Mary“ begann zu sinken. Das Duell der beiden Schiffe schien einen tragischen und für beide vernichtenden Ausgang zu nehmen. Drüben lag die „Santa Cruz“ gekentert und von ihren stählernen Masten in der Seitenlage festgehalten, zum Sterben bereit und verurteilt. Zwei Kabellängen entfernt war der Tod der „Sweet Mary“ besiegelt. Ihres Vorderschiffs beraubt war sie mehr als nur ein Wrack. Sie war nur noch ein Trümmerfeld. Ringsum kamen die Männer, die schwimmen konnten, auf den Schiffsrumpf zurück, wollten sich daran festklammern. Aber wie viele Seeleute, konnte kaum einer der Spanier schwimmen. Und sofern sie kein Trümmerstück gefunden hatten, an das sie sich klammern konnten, brüllten sie verzweifelt um Hilfe. Aber niemand konnte sie retten. Jeder hatte mit sich selbst zu tun. Die See hatte ihre Opfer und sie nahm sie mit einer grauenhaften Selbstverständlichkeit zu sich.

An jener Stelle, wo das Vorschiff der „Sweet Mary“ abgerissen war, brannte Feuer. Immer wieder schwappten Wellen in die brennende Last hinein, löschten ein Teil des Feuers, dass dicke Dampfwolken aufstiegen. Aber die Feuersglut fraß sich weiter. Und plötzlich hatte sie in einen Winkel gerollte Granaten erfasst. Sie explodierten nicht gleich, sondern erst, als die Hitze so groß wurde, dass die Sprengladung innerhalb des dicken Stahlmantels detonieren konnte. Zunächst krepierte nur eine dieser Granaten. Davon aber wurden die anderen fast gleichzeitig zur Explosion gebracht.

Die Wucht der Detonation wurde dem Achterschiff zum Todesstoß. Es schien sich regelrecht auseinander zuteilen. Das Deck tat sich auf wie der Schlund einer Hölle. Eine Feuersäule schoss fast kerzengerade zum Himmel. Das Schiff brach in zwei Teile, soweit es überhaupt noch ein Schiff gewesen war. Die Backbordseite sank binnen fünf Sekunden. Das Steuerbordteil drehte sich um die eigene Achse, und mit einem Zischen und Brodeln erlosch die Feuersglut. Dann verschwand auch dieser Teil des Schiffes in der Tiefe. Nur losgelöste Rahen und Teile des Decks quirlten und wirbelten auf der Wasseroberfläche herum. Und mitten drin die Überlebenden!

Joe fühlte sich wie von einer Geisterhand in die Tiefe gezogen, tauchte unter, schluckte Wasser, kämpfte sich wieder zur Oberfläche empor, schnappte mit röhrendem Gebrüll nach Luft, kraulte, planschte um sich, sah sekundenlang überhaupt nichts, bis die Dampfwolke von der Wasseroberfläche wich und er einen anderen Schwimmer zwischen Trümmern erkennen konnte. Es war einer der Spanier.

Etwas weiter links tauchte plötzlich Frenchy auf, und dicht neben ihm Pat O’Dea, der einzige Offizier, der es überlebt hatte, ein Stück weiter Chink, der Chinese, und hinter ihm drei Spanier, die sich an einem Stück Deck festklammerten, das wie ein Floß vor ihnen herschwamm.

Ein größeres Stück des Wrackes trieb eine viertel Kabellänge entfernt. „Dort hinüber!“, schrie Joe. „Dort hinüber!“

Sie alle versuchten, in diese Richtung zu kommen. Aber der Wind hatte aufgefrischt. Er kam, wie meist in dieser Gegend, aus Südwesten. Es war das Gehäuse der Kombüse, das dort schwamm, und es bot dem Wind eine Angriffsfläche. Er trieb es rasch vor sich her, und die Entfernung zwischen den Schwimmern und dem rettenden Stück Wrack wurde immer größer. Schließlich gaben sie auf.

Ermattet klammerten sie sich an die Holzstücke, an denen sie Halt gefunden hatten, sahen enttäuscht auf Joe, und der rief: „Da hinten ist immer noch der Spanier. Versuchen wir dahinzukommen. Das Schiff schwimmt ja noch. Vielleicht können wir es entern, die Masten kappen, damit es sich wieder aufrichtet.“

Joe wusste nichts von stählernen Masten und dem Verhängnis, das sie für ein gekentertes Schiff bildeten. Aber das Feuer auf der „Santa Cruz“ war erloschen. Das Schiff trieb in gekentertem Zustand allmählich immer weiter ins Meer hinaus, trieb in Nordostrichtung. Und jetzt, da der Wind aufgefrischt hatte, nahm auch der Seegang zu. Die Wellen klatschten hart an den Kiel, brandeten und schäumten wie vor einer Steilküste.

Die Boote und Flöße der Spanier waren weit außerhalb der treibenden „Santa Cruz“. Aber jetzt pullten die Besatzungen der Boote in Richtung auf die Schiffbrüchigen.

Als Joe einmal den Blick wandte, entdeckte er ein Floß, das aus zusammengebundenen Brettern und Rahen bestand. Auf ihm hockten der Schiffsjunge Timmy, der Negerkoch Nap und Doc Atkinson.

Zwei der Spanier ließen von dem Stück Deck ab, an dem sie sich festhielten und schwammen hinüber. Aber als sie sich ebenfalls auf dieses Floß ziehen wollten, schrie der Doc: „Macht, dass ihr fortkommt! Es trägt nicht mehr als drei Mann! Seid ihr wahnsinnig! Dann hat keiner was davon. Weg, sage ich!“

Er hatte sein Bordmesser gezogen und bedrohte damit die beiden Spanier, die sich am Floß festhalten wollten.

Inzwischen waren die Boote der „Santa Cruz“ auf etwa eine Kabellänge heran. Aber es sah nicht so aus, als wären sie gekommen, um jemand von der „Sweet Mary“ zu retten, denn plötzlich fiel ein Schuss. Dicht neben Frenchy spritzte eine kleine Fontäne empor.

„Diese Schweine schießen auf uns! Verflucht noch mal, sie schießen auf uns!“

Einer der Spanier schrie in seiner Sprache: „Seid ihr verrückt? Wir sind doch welche wie ihr!“

Wieder fiel ein Schuss. Aber er ging weit achtern der Schwimmer ins Meer. Und nun erkannten sie den Grund, sahen sie alle, als sie sich umgedreht hatten, die Dreiecksflosse, die da ein Stück vom Einschlag der Kugel in der See entfernt gerade untertauchte. Weiter rechts war noch eine, zog rasch durch die Wellen dahin, pflügte sie förmlich. Dann verschwand sie.

„Haie!“, brüllte Frenchy. „Verdammt, hier sind Haie!“

Wieder tauchte eine Dreiecksflosse auf und wieder fiel ein Schuss von den Booten her. Aber die Kugel lag viel zu kurz, peitschte weit entfernt von der Dreiecksflosse ins Meer.

Und plötzlich geschah es!

Es war einer der Spanier, jener, der bei den Trümmern zurückgeblieben war, die seine beiden Kameraden verlassen hatten, um zu dem Floss vom Doc und Nap hinüberzuschwimmen. Diesen einen erwischte es zuerst. Plötzlich schrie er gellend auf. Er schlug mit den Armen um sich, sein Gesicht war in grausigem Entsetzen verzerrt. Und dann schien etwas zu sein, was ihn nach unten riss. Er schlug um sich, kreischte wie irr und auf einmal zog es ihn hinab. Und noch immer sahen alle, wie er mit den Armen um sich schlug.

Joe hatte ein Stück Holz erwischt, das etwa die Größe und Form eines Axtstiels besaß. Als plötzlich etwas Silbriges im Wasser auf ihn zuschoss, da schlug er um sich, peitschte einfach damit das Wasser, und der silbrige Leib huschte dicht an ihm vorbei.

Drüben, wo der Spanier vom Hai erwischt worden war, stiegen nur noch Luftblasen auf und das Meer färbte sich blutig rot.

Voller Entsetzen brüllten die Männer den Spaniern zu, sie sollten schneller pullen, sie sollten sich beeilen.

Die Spanier gaben, was sie konnten. Aber dann war der Augenblick gekommen, wo sie um ihr eigenes Leben fürchten mussten. Plötzlich waren zwei, dann drei, dann sogar fünf Haie neben ihnen. Sie griffen das vorderste Boot an. Einer von ihnen versuchte es von unten anzustoßen, hob es förmlich an, dann schnellte der gewaltige, silbergraue Leib des Hais dicht unter der Wasseroberfläche davon.

Einer der Spanier schoss mit dem Gewehr auf den flüchtenden Hai. Er traf ihn auch. Und auf einmal war eine Blutspur zu sehen. Innerhalb von Sekunden schien das Wasser zu kochen. Von allen Seiten tauchten auf einmal Haie auf, die sich in rasendem Tempo dieser Stelle näherten, wo ihr Artgenosse im Zickzack davonschwamm. Einmal schossen zwei Leiber, dann sogar ein dritter aus dem Wasser in die Luft empor, schossen wieder in die Tiefe zurück, und dann war auch dort das Meer rot vom Blut jenes Hais gefärbt, den die Artgenossen zerrissen.

Diese kurze Zeitspanne hatte die Boote ein gutes Stück näher an die schwimmenden Männer herangebracht. Immer noch waren sie gut eine knappe viertel Kabellänge vom Floß des Docs und den schwimmenden Männern entfernt. Da waren die Haie mit ihrer Mahlzeit schon fertig und gierten nach einem neuen grausigen Leckerbissen.

Mit einem Mal tauchten sie auf.

Einer schoss aus dem Wasser heraus, zeigte seine furchtbaren Zähne, den entsetzlichen Dreieckskopf, den alle Seeleute dieser Welt fürchteten, und der sie mehr schreckte als alle anderen Unbilden des Meeres.

Es war, als hätten sie sich abgesprochen. Plötzlich schossen sie wie auf ein Kommando von zwei Seiten auf Pat O’Dea zu. Er schwamm ziemlich weit außen, versuchte vor allen anderen die spanischen Boote zu erreichen, und in diesem Eifer hatte er einen gewissen Vorsprung vor den übrigen. Der wurde ihm jetzt zum Verhängnis. Es ging so schnell, dass die Männer kaum verfolgen konnten, was im einzelnen geschah.

Plötzlich brüllte O’Dea auf, schlug mit dem Belegnagel, den er sich vorsorglich in die Rechte genommen hatte, ins Wasser, aber das waren nur zwei Schläge, dann wurde aus seinem Gebrüll ein schrilles Gekreische, und auf einmal zog es ihn unter Wasser. Einen Augenblick lang tauchte noch das verstümmelte blutige Bein des Mannes über der Wasseroberfläche auf.

Ein Hai schoss aus dem Wasser, und alle sahen, wie sich der Rachen dieser Meeresbestie öffnete, wie die Zähne sich in das Bein des Schiffsoffiziers krallten, und im selben Augenblick waren Hai und Opfer wieder in der See untergetaucht. Abermals färbte sich das Meer, und abermals peitschten die Schwanzflossen der Haie, die sich um die Beute stritten, die Wasseroberfläche. Weiße Gischt vermischte sich mit dem roten Blut des Opfers.

Joe erinnerte dieser Anblick daran, als er sich einmal beim Rasieren geschnitten hatte und der Rasierschaum sich rot färbte. So ähnlich sah es da drüben aus, wo O’Dea eben noch geschwommen war.

Timmy, der Junge, verlor jetzt die Nerven. Er klammerte sich an Nap, an den sonst so furchtsamen Smutje. Aber der Neger wuchs in diesem Augenblick über sich selbst hinaus. Tröstend und schützend zugleich schlang er seinen rechten Arm um Timmy, hob den Kopf zum Himmel empor und begann in diesen infernalischen Minuten zu singen. Er sang ein Spiritual mit Inbrunst und mit wohlklingender, weit über das Meer hallender Stimme. Es war fast nichts Menschliches mehr im Klang dieses Organs..Für Joe klang es, als sänge da jemand ganz anderer. Aber mit einem Mal hatte auch er die Furcht überwunden, die ihn für Minuten gepackt hielt.

Endlich waren die Boote heran. Hilfreiche Hände wurden den Schwimmenden entgegengereicht, und vorne im Bug des Rettungsbootes stand einer der Spanier mit einem Gewehr und feuerte in gleichmäßigen Abständen auf die Haie, die dauernd dort auftauchten. Jedes Mal, wenn er getroffen hatte, wiederholte sich diese schauerliche Szene, dass die Artgenossen über einen der ihren herfielen und ihn zerfleischten.

Die Rettungsboote waren ohnehin voll besetzt. Trotzdem nahmen die Spanier die Schiffbrüchigen auf. Frenchy und einer von der „Pampero“ erklärten dem spanischen Offizier, der im Heck des Bootes saß, was sich auf der „Sweet Mary“ ereignet hatte.

Der Offizier war der Erste Steuermann der „Santa Cruz“ und hatte das Kommando über die Boote übernommen. Das zweite Boot kam jetzt längsseits. Auch die Flöße näherten sich und wurden in Schlepp genommen. Auf den Booten setzte man Notsegel und versuchte gegen den Wind zu kreuzen. Aber das gelang nur eine kurze Zeit. Bald darauf nahm der Wind an Heftigkeit so zu, dass sie mit den flachen Booten nicht gut genug kreuzen konnten, und eher weiter ins Meer hinausgetrieben wurden, als dass sie sich der Insel näherten.

Von der Insel war nichts mehr zu sehen. Dicke schwarze Wolken zogen im Südwesten auf. Über ihnen stand noch die Sonne, und sie bildete an den oberen Rändern dieser fast violettschwarzen Wolken einen goldenen Rand, schleuderte sichtbare Strahlen, die sich da unter ihr bildeten. Das Meer nahm eine fast tiefblaue ultramarine Farbe an und immer höher brandeten die Wogen gegen den Rumpf der gekenterten „Santa Cruz“.

Nachdem der Erste Offizier der „Santa Cruz“ erfahren hatte, was nun tatsächlich auf der „Sweet Mary“ passiert war, empfand dieser hagere, dunkelhaarige Mann Vertrauen zu Joe und seinen Leidensgenossen. Er wusste jetzt, dass von der verbrecherischen Besatzung und ihrer Schiffsführung niemand mehr am Leben war.

Gestorben waren aber auch viele anständige, aufrechte Menschen, zum Beispiel die beiden Offiziere der „Pampero“, die in ihrer Kammer eingesperrt mit der „Sweet Mary“ untergegangen waren, ohne die Chance besessen zu haben, aus ihrem tödlichen Gefängnis fliehen zu können.

Joe, der ziemlich achtern in der Nähe des ersten Steuermannes saß, sagte: „Sollen wir nicht das Wrack wieder flottmachen?“

Der Erste Steuermann verstand etwas Englisch, schüttelte aber den Kopf und meinte: „Die Beschädigungen sind zu stark. Und außerdem kann sie sich nicht aufrichten.“

„Wenn man die Masten kappt, richtet sie sich auf“, sagte Joe.

„Es sind Stahlmasten, die man nicht kappen kann“, erklärte ihm der Erste Steuermann. Und weil Joe ihn so ungläubig ansah, erläuterte er ihm, wie es sich damit verhielt.

„Auch Stahlmasten sind irgendwie festgemacht. Man müsste sie aus dem Schiffsleib entfernen können“, meinte Joe. „Wenn wir auf dieses Schiff kommen, sind wir vor den Haien sicher.“

Die Haie waren ihr Problem. Im Augenblick bildeten sie eine größere Gefahr als die immer höher werdenden Wogen.

Solange es dem Schützen gelang, ab und zu einen Hai zu verletzen, und solange sie Munition hatten, um Schüsse auf Haie abzugeben, mochte es gut sein. Aber in dem Moment, wo eine Ablenkung der gefräßigen Raubfische nicht mehr möglich war, wurden sie trotz ihrer großen Boote früher oder später von den Haien angegriffen. Zuerst jene in den Flößen. Welche Kraft die gewaltigen Meeresräuber besaßen, hatte Joe vorhin noch gesehen, als einer der Meeresräuber das vorderste der Boote angehoben hatte.

Die Wogen der See schlugen immer höher. Der Wind heulte flach über die See, und die Wolken näherten sich in ihrer drohenden Schwärze. Aber darüber stand, wie versöhnlich, die Nachmittagssonne, bildete um jede der Wolken einen strahlenden Kranz und ließ in ihrem Spiegelbild auf den Kronen der Wogen Myriaden von Irrlichtern tanzen.

Das Zwielicht schuf in der Nähe eine ganz klare Sicht. Einzelheiten, die vorher nicht erkennbar schienen, wurden deutlich und rückten näher.

Die Männer pullten auf die „Santa Cruz“ zu. In ihrem Leeschatten kamen sie rascher voran, warfen die Enterhaken über, und drei der Männer, der Erste Offizier, Frenchy und Joe, enterten auf den gewaltigen Schiffskörper auf.

„Wenn es gelingt, die Masten wegzubekommen, richtet sie sich garantiert wieder auf“, erklärte Joe.

„Es sei denn, das Leck ist nicht zu groß. Aber sie ist nicht mehr gesunken. Sie hält sich jetzt.“

„Auf alle Fälle“, sagte der Erste, „sind wir hier sicherer als in den Booten, es sei denn, der Seegang wird noch stürmischer und die ,Santa Cruz“ sackt unter uns weg.“

Als er das sagte, nahm sein Gesicht einen fast verklärten Zug an. Der Schmerz, den er schon bei dem Gedanken empfand, das Schiff könnte endgültig verloren sein, stand ihm so deutlich im Gesicht geschrieben, dass Joe mitleidig sagte: „Wenn sie sich aufrichtet, ist sie gerettet. Wir werden die Lecks abdichten und bringen sie dann irgendwie zurück zur Insel.“

*

Für die nächsten Minuten hatten die Männer andere Sorgen, als sich über die Zukunft der „Santa Cruz“ zu unterhalten. Der Wind pfiff derartig stark in dieser Höhe, dass sie Mühe hatten, nicht von den Füßen gerissen zu werden. An der Außenhaut der „Santa Cruz“ waren Tausende von Muscheln, an denen sich der Tang festgehängt hatte. Alles das war schmierig, glitschig, und wenn sie nicht aufpassten, zerschnitten die messerscharfen Muscheln Joe und Frenchy, die beide barfüßig waren, die Füße.

Mittschiffs angelangt, hangelten sie sich über die Reling, entdeckten ein dort festgemachtes Tau und kletterten an ihm hinunter bis zur Wasseroberfläche. Die Aufbauten der „Santa Cruz“ waren bereits unter Wasser. Die schweren Masten drohten das Schiff kieloben zu wenden. Noch aber verhinderten das einige Rahen, die mit Segel besetzt waren und damit einen gewissen Auftrieb gaben. Sollte der Seegang aber zunehmen, war damit zu rechnen, dass die Masten in die Tiefe glitten und das Schiff kieloben schwimmen ließen.

Immerhin gelang es Joe, eine an der Reling festgezurrte Schiffsaxt zu entdecken. Er löste sie und schlug damit eines der Bullaugen ein, durch die zuerst der Erste Offizier, schließlich Frenchy und zuletzt auch Joe ins Innere des Schiffes kletterten. Der Raum, in den sie gerieten, war die Kabine des Bootsmannes. Das Innere der Schränke der Koje war herausgestürzt und lag jetzt unten auf einer der Seitenwände. Da befand sich auch die Tür.

Die Männer ließen sich bis zu dieser Tür, die jetzt vor ihren Füßen lag, hinab, öffneten sie, und von da aus konnten sie sich in den Gang hinablassen, von dem aus ein Vorwärtsdringen ins übrige Schiff möglich war.

Der Erste, der sich hier am besten auskannte, führte sie. Dann hatten sie die Stelle erreicht, wo die Masten bis tief in den Schiffsrumpf hineinragten und in ihm befestigt waren. Als die Männer die Verschraubungen entdeckten, mit denen die gewaltigen, stählernen Riesen festgemacht waren, ließ Joe fast alle Hoffnung fahren. Wie sollte es möglich sein, dass sie mit einfachen Mitteln die Verankerung lösen und die Masten vom Schiff trennen konnten?

„Das ist unmöglich“, sagte der Erste Steuermann. „Die kriegen wir nie los. Keiner von uns hätte geahnt, dass diese Stahlmasten dem Schiff einmal zum Verhängnis werden sollen.“

„Mit Lamentieren kommen wir nicht weiter“, erklärte Frenchy. „Es gibt nur ein Mittel. Wir müssen sie dort vom Schiff trennen, wo es am günstigsten ist. Hier unten kann man sie jedenfalls nicht loswerden. Aber vielleicht gibt es eine bessere Stelle oben am Mars, zwischen Untermast und Maststenge.“

„Das ist unter Wasser“, sagte der Erste Steuermann.

„Ich bin nicht aus Papier“, erklärte Joe. „Auflösen werde ich mich nicht. Und die Haie kommen mir zwischen der Takelage bestimmt nicht ins Gehege. Versuchen wir es.“

Der Erste führte sie noch in einen Raum, in dem es Werkzeug gab. Ausgerüstet damit arbeiteten sie sich zu einem Luk, von dem aus sie dicht über der Wasseroberfläche ans Deck kommen konnten, das jetzt allerdings wie die Außenwand eines Schiffes ins Wasser ragte.

Joe schob sich als erster durch das Luk ins Wasser hinunter und schwamm ein Stück, soweit das möglich war. Dann hatte er eine aufragende Rahe erwischt, zog sich an ihr weiter, bis er oberhalb jener Stelle war, wo Groß-Untermast und Großmaststenge am Mars aneinandergeschraubt war.

Er versuchte, die Verschraubung zu lösen. Gewaltige Stahlschellen hielten die Mastteile zusammen. Der Seegang war nun schon so stark geworden, dass Joe in Gefahr stand, von den Wogen mitgerissen zu werden. Er brauchte aber beide Hände und ließ sich von seinen Gefährten ein Tau zuwerfen, das er sich um den Leib schlang und dann an einer Stelle des Mars festmachte.

Er tauchte mehrmals, bis er erst einen einzigen der Bolzen gelöst hatte. Sie saßen fest und widerstanden der Kraft, die ein Mann hatte, der halb im Wasser schwamm, halb von den immer wieder überkommenden Wogen ertränkt wurde und sich nirgendwo einstemmen konnte, um seine körperliche Kraft anwenden zu können.'

Der Erste Steuermann und Frenchy kamen Joe zu Hilfe. Zu dritt schufteten sie, und dann plötzlich half der Wellengang, der es ihnen bisher schwergemacht hatte, die Arbeit zu vollenden. Die Wucht der Wogen riss die schon fast gelöste Marsstenge vom Mars ab. Mars und Brahmstengen des Großmastes knickten hoch, wurden von der schlagenden Woge abgerissen und hingen lediglich in den Tauen und Pardunen und den Wanten fest, die sie mit dem Schiffsleib verbanden.

Frenchy und Joe kappten Wanten und Pardunen, soweit sie das von dieser Seite aus erreichen konnten. Auf der anderen Seite, an Steuerbord der „Santa Cruz“, waren die Stahltrossen der Pardunen und die der Wanten nicht zu lösen, würden auch ein Aufrichten des Schiffes nachher nicht mehr verhindern können.

Jetzt schon von dieser Arbeit erschöpft, machten sich die drei auf, sie am Kreuzmast fortzusetzen.

Mittlerweile waren noch andere Männer aus den Booten auf den Schiffsrumpf geklettert. Eine Gruppe von acht Männern stieg nun in den Fockuntermast ein, und dort versuchten sie dasselbe, was Joe, dem Ersten und Frenchy schon am Großmast gelungen war.

Die Entschlossenheit der Männer brachte zuwege, dass das Unmögliche doch möglich wurde. Es gelang an vier Masten, die Marstangen von den Untermasten zu trennen. Und dann, bevor die Männer es noch beim Besanmast versuchen konnten, geschah es:

Die „Santa Cruz“ richtete sich auf.

Erst zögernd, dann immer schneller schwang der Schiffsrumpf herum. Die Männer hatten Mühe, sich festzuhalten. Und auf einmal, unter dem Beifallsgebrüll der Schiffbrüchigen, richtete sie sich auf. Wie ein drohender Finger stand achtern der hinterste Mast, der Besanmast, als einziger unversehrt. Zwar waren einige der Rahen zerschmettert, hing ein Gewirr von Tauen und Pardunen herum, waren die Stagen zerplatzt und schlangen sich die Tampen wie eine Handvoll Spaghetti um die restlichen Rahen und Masten. Aber das Schiff schwamm. Der Erste übernahm das Kommando, teilte seine Männer ein und machte, als wäre es nie anders gewesen, Joe und Frenchy zu seinen Stellvertretern.

Männer, die sich früher nicht gekannt hatten, waren mit einem Mal vom Schicksal zusammengefügt. Es gab keine Gegensätze. Jeder half dem anderen. Joe und Frenchy führten eine zwölfköpfige Mannschaft an, die die Lecks abdichten sollte. Dazu gehörte auch Nap, der Koch, der Doc und Chink, der Chinese. Timmy, der Schiffsjunge, blieb an Deck bei den anderen, die versuchen wollten, den Besanmast so weit zu reparieren, dass man Notsegel setzen konnte.

Während Joe von außen Matratzen, Seesäcke, Persenningen und alles, was an Decken verfügbar war, zu den Lecks herunterbringen ließ, damit es vom Wasserdruck in die aufgerissenen Stellen gedrückt wurde und sie abdichtete, war Frenchys Gruppe dabei, von innen her die Lecks mit sperrigem Material zu verkeilen und damit das Abdichten von außen zu ermöglichen.

Im Vorratsraum der „Santa Cruz“ befanden sich an die zweihundert Sack Mehl. Einen großen Teil davon ließ Frenchy an Deck bringen, und von da aus wurden die Säcke von außen her vor die Lecks gebracht. Das vom Wasser durchnässte Mehl wirkte wie Kleister. Die Säcke schmiegten sich in die Lecks hinein und dichteten sie dann so ab, dass nur noch geringe Wassermengen ins Schiffsinnere drangen. Aber genau das Wasser war es, das ein Aufrichten der „Santa Cruz“ möglich gemacht hatte. Jetzt aber bedeutete dieser Ballast eine Gefahr. Der Erste holte einen Teil der Männer an die Lenzpumpen, und nach kurzer Zeit quoll aus den Speigats das Wasser heraus, begann die „Santa Cruz“ ihren unerwünschten Ballast zu erleichtern.

Der Wind wurde stärker. Oben an Deck war es gelungen, den Besanmast zu besegeln, Ober und Unterbesan zu setzen, das Besantoppsegel zusammenzuflicken und schließlich der „Santa Cruz“ Fahrt zu verleihen.

Dieses große und schwere Schiff hatte genug Kiel, um gegen den Wind kreuzen zu können. Jetzt endlich, wo sie Fahrt machte, hörte dieses wilde Rollen und Stampfen auf. Sie pflügte zwar langsam, aber beharrlich den Ozean, und die Hoffnung der Männer stieg. Noch aber besaßen sie Misstrauen genug, um die Boote im Wasser zu lassen und sie einfach nachzuschleppen.

Nap und die vier Köche der „Santa Cruz“ arbeiteten wenig später einträchtig nebeneinander in der notdürftig aufgeräumten Kombüse, und sie waren dabei, für die hungrigen und durstigen Männer ein Essen zu bereiten, das erste nach Stunden. Ein Teil der Vorräte war verdorben, aber es gab Konserven, es gab Fleisch, sogar einen Teil des Reises, wenn er auch aufgequollen war, konnte verwendet werden.

Von neuer Hoffnung erfüllt sangen die Spanier wie in einem Gottesdienst einen Dankes-Choral. Als sie damit fertig waren, hörten sie, wie Nap in der Kombüse mit einem Spiritual auf seine Weise dem Himmel dankte.

Joe hingegen war nicht so sicher, dass alle Not ein Ende hätte. Zwar näherte sich die „Santa Cruz“ der britischen Insel Barbuda, die man jetzt am aufklarenden Horizont erkennen konnte.

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