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Auf ewig dein

Über den Autor

Kelly Parsons ist Arzt mit Abschlüssen an der Stanford University, der University of Pennsylvania und der Johns Hopkins University of Baltimore. Er lehrt an der Universität von San Diego und lebt mit seiner Familie in Südkalifornien. Auf ewig dein ist sein in den USA viel beachteter Debütroman.

Kelly Parsons

Auf ewig dein

Thriller

Aus dem Amerikanischen von
Alexandra Kranefeld

BASTEI ENTERTAINMENT

Prolog

Mein Patient stirbt.

Und alles ist meine Schuld.

Ich schaue zu, wie das Notfallteam hektisch den nackten, schutzlosen Körper umschwärmt, der auf einem Bett in der Mitte des ansonsten kahlen, stillen Krankenhauszimmers liegt.

Einer von ihnen presst mit einem Plastikballon, so groß wie eine Grapefruit, Luft in die leblosen Lungen des Patienten; ein anderer stemmt sich mit gestreckten Armen auf das Brustbein und bearbeitet das Herz mit rhythmischen Pumpstößen, um das Blut aus ihm herauszuquetschen wie den Saft aus einer Orange; wieder ein anderer steht tatendurstig, aber noch abwartend daneben, die Elektroden des manuellen Defibrillators einsatzbereit erhoben, um dem müden, kalten Fleisch ein paar belebende Stromstöße zu verpassen.

Hilflos und wie gelähmt stehe ich da und schaue gebannt auf dieses düstere Szenario, schaue tatenlos zu, wie uns ein Leben entgleitet.

Und all das ist meine Schuld.

Eine der Hände des Patienten rutscht vom Bettrand und baumelt knapp über dem Boden in der Luft, schwingt leicht im Takt der Brustkompressionen, wie ein morbides Metronom. Während meines Medizinstudiums hatte einer unserer Anatomielehrer uns einmal sehr anschaulich vor Augen geführt, dass die Hand der wohl unverkennbar menschlichste Teil unseres Körpers ist, dass sie, anders als die im Verborgenen liegenden Organe des Bauchraums und der Brust, auf den ersten Blick Erkennen und Empathie in uns weckt. Um sein Argument zu untermauern, sägte er einer der zur Sektion präparierten Leichen die Hand ab und reichte erst sie in der Klasse herum und danach eine Milz.

Er hatte natürlich recht. Die Hand setzte uns eindeutig mehr zu als die Milz, die aussah wie ein großer brauner Schwamm, der zu lange in der Sonne gelegen hatte. Es war eine Frauenhand, daran erinnere ich mich noch genau. Eine schmale, zarte Hand mit gespenstisch blasser, vom Formaldehyd gebleichter Haut. Die Hand weckte Neugier in mir auf ihre Besitzerin. Wer war sie gewesen? Und wie war sie gewesen? Wie alt war sie, als sie starb? Noch jung? Was hatte sie gemacht? Hatte sie alles im Leben erreicht, was sie sich gewünscht hatte? Und was hatte sie überhaupt vom Leben erwartet? Hatte sie Kinder? Enkel? War sie im Kreise ihrer Familie und ihrer Freunde gestorben oder allein?

Und während ich jetzt die Falten und Vertiefungen der reglos herabhängenden Hand meines Patienten betrachte, meinen Blick über die blassen Hügel der Knöchel und die tiefen Linien der Handfläche schweifen lasse, stehen mir plötzlich Bilder eines aktiven, erfüllten Lebens vor Augen: Ich sehe diese Hand, wie sie eine Gabel mit Essen zum Mund führt, wie sie sich im Zorn ballt, eine Träne von der Wange eines Kindes wischt, wie sie Klavier spielt oder einer Geliebten übers Haar streicht.

Doch das alles ist jetzt vorbei.

Und ich fühle mich …

Ja, wie fühle ich mich eigentlich? Als hätte ich einen Schlag in die Magengrube bekommen. Klar, aber sonst? Wie soll man sich Gefühle eingestehen, die von der Gewissheit herrühren, dass man den Tod eines anderen Menschen verursacht hat? Dass durch die eigene Dummheit oder Unfähigkeit oder durch was auch immer dieser Mensch, der einem guten Glaubens sein Leben anvertraut hat, nun keinen einzigen Atemzug mehr tun wird?

Da wären Schuldgefühle, natürlich. Auch Scham. Trauer. Fassungslosigkeit. Aber unter ihren mitfühlenderen Brüdern lauert noch eine ganz andere, eigennützige Empfindung, die sich ungebeten in mein Bewusstsein schleicht, berechnend und brutal.

Selbstmitleid.

Alle werden mir die Schuld geben.

Ich schüttle den Kopf, als wolle ich den Gedanken vertreiben, entsetzt über mich selbst, dass er mir überhaupt gekommen ist. Meine Karriere sollte im Augenblick die Letzte meiner Sorgen sein.

Doch der Gedanke lässt sich nicht vertreiben. Er nagt an mir. Natürlich mache ich mir Sorgen. Ich habe zu lange zu hart dafür gearbeitet, und es ist einfach nicht fair. Das hier hätte nicht passieren dürfen. Mein Patient sollte nicht sterben.

Aber er wird sterben.

Und weil ich weiß, dass ich nicht ungeschehen machen kann, was ich getan habe, versuche ich, mir noch einmal die Verkettung schier unglaublicher Ereignisse in Erinnerung zu rufen, die zu diesem einen, wohl schlimmsten Augenblick meines Lebens geführt haben.

Und unweigerlich stellt sich mir die Frage aller Fragen: Wie zum Teufel hat es so weit kommen können?

1

Samstag, 11. Juli

»Steve?« Sallys Stimme schwebt aus unserem Schlafzimmer zu mir herunter. »Ich bin fast fertig. Ist mit den Mädchen alles in Ordnung?«

»Alles im grünen Bereich«, antworte ich automatisch, während ich vor dem Spiegel der Gästetoilette ein letztes Mal den Sitz meiner Krawatte prüfe. Dann steige ich über das Babygitter, das unser Wohnzimmer vom Rest des Hauses trennt, es abgrenzt wie Stacheldraht ein Kriegsgefangenenlager, und sondiere die Lage.

Katie, unsere fünfjährige Tochter, steht in einer Ecke des Zimmers über ihren Kinderherd gebeugt, hantiert mit Plastiktöpfen und Pfannen und murmelt leise vor sich hin. Sie wirkt dabei höchst konzentriert, und wieder einmal erkenne ich, was Freunde und Verwandte schon des Öfteren bemerkt haben, ich mir aber nur selten eingestehen mag: Von den tiefschwarzen Haaren einmal abgesehen, die sie heute zu zwei kleinen Zöpfen gebunden trägt, ist Katie praktisch mein Ebenbild – grüne Augen, ein längliches Gesicht und leicht abstehende Ohren. Ihre Schwester Annabelle steht derweil ein paar Schritte entfernt in ihrem Laufstall, beobachtet Katie mit ernster Miene und scheint dabei in Gedanken versunken, wie man sie sich mit zehn Monaten eben macht. Mit ihren glatten schwarzen Haaren, den dunklen Augen und der kleinen Nase ist sie ihrer Mutter genauso aus dem Gesicht geschnitten wie Katie mir.

Als Annabelle mich bemerkt, beginnt sie zu strahlen, haut mit den Händen auf den schmalen Plastikrand des Gitters, springt auf und ab und winkt, als hätte sie mich seit Monaten nicht gesehen. Ich winke zurück, wie ein Idiot, wedele mit der Hand in kindlicher Begeisterung hin und her. In diesem Alter können sie von dem ganzen Winken gar nicht genug bekommen, und ich liebe es. »Hallo, Bella. Hallo, meine Süße.«

Katie wirbelt herum. »Daddy!«, kreischt sie, kommt angerannt und schlingt sich um mein Bein. Auch das liebe ich. Wer würde das nicht? Klar, manchmal können die beiden einem ganz schön auf die Nerven gehen – okay, eigentlich ziemlich oft, wenn nicht sogar immer –, aber wie jemand keine Kinder haben wollte, ist mir absolut unverständlich. Katie strahlt mich an. »Ich koche Abendessen!«

»Das ist ja toll. Was gibt es denn?«

Sie macht sich von meinem Bein los, schnappt sich meine Hand und zieht mich mit zum Herd. Mit andächtiger Miene löffelt sie weiße Styroporpellets, wie sie als Füllmaterial in Paketen verwendet werden, aus einem Plastiktopf in ein kleines Schälchen und reicht es mir. Nichts Gutes ahnend rühre ich in den Pellets, nehme eines der daumendicken Styroporstücke zwischen die Finger und halte es hoch.

»Woher hast du die?«

»Aus Mamas Karton.« Sie zeigt auf einen geöffneten Versandkarton, der neben der Tür steht. Ein paar der weißen Styroporstücke liegen auf dem Boden verstreut, achtlos verteilt auf dem rissigen Linoleum. »Essen, Daddy!«

»Katie, du solltest mit diesen Dingern nicht spielen. Sie sind zu klein für Annabelle. Sie könnte sich …«

»Aber Bella mag die!«

Mein Magen macht einen kleinen Überschlag. »Was meinst du mit ›Bella mag die‹?« Ruckartig drehe ich mich nach Annabelle um, die, wie mir erst jetzt bewusst wird, seit ich das Zimmer betreten habe, noch keinen einzigen Laut von sich gegeben hat, nicht einmal ein leises Gurgeln oder Glucksen. Plötzlich fällt mir auch auf, wie dick ihre Wangen sind, wie bei einem Backenhörnchen, das den Mund voller Nüsse hat. Wieder strahlt sie mich an, und diesmal öffnen sich ihre Lippen ganz leicht und lassen weißes Styropor hervorblitzen.

Annabelle lässt meine panische Aktion, ihr alle Pellets – und es waren wirklich viele – aus dem Mund zu klauben, mit erstaunlicher Ruhe und Gelassenheit über sich ergehen, ohne auch nur ein einziges Mal zu weinen oder sich zu wehren. Als ich fertig bin, drücke ich ihr eine Plastikrassel in die Hand, die sie sich sofort in den Mund steckt, als wäre nichts geschehen, bevor sie sich neben Katie auf den Boden hockt, die mit Unschuldsmiene in einem Bilderbuch blättert.

»Katie, du hättest Bella das nicht in den Mund stecken dürfen.«

»Warum?«

»Weil sie sich damit ganz schlimm hätte wehtun können.«

»Warum?« Eine Spur von Trotz hat sich in ihre Stimme geschlichen.

»Sie hätte sich verschlucken können, und dann wäre ihr davon ganz schlecht geworden.«

Katie schiebt das Kinn vor. »Bella ist nicht schlecht geworden. Sie fand’s lecker, und sie hat alles aufgegessen!«

Was soll man dazu sagen? Während ich noch über eine Antwort nachdenke, die der Situation angemessen ist, streng und dabei anschaulich genug, ohne sich unnötig in komplizierten Beschreibungen der menschlichen Atemwege zu ergehen, klingelt es an der Haustür. Ich schaue auf meine Uhr. Pünktlich wie immer. »Okay, Katie … mach das aber in Zukunft bitte nicht noch mal«, sage ich wenig überzeugend und stehe auf.

Auf dem Weg nach draußen schnappe ich mir den Karton mit den Pellets, lasse ihn in der Kammer im Flur verschwinden, öffne die Tür und stehe meiner Schwiegermutter gegenüber, die mich mit stählernem Blick und ohne die leiseste Andeutung eines Lächelns anschaut.

»Hallo, Mrs Kim.«

»Steven.« Sie macht einen Schritt vor ins Haus, und ich zögere einen Augenblick, bevor ich mich umständlich zu ihr hinunterbeuge und sie umarme. Sie legt ihre Arme um meine Taille und klopft mir einmal kurz auf den Rücken, zieht sich dann sofort wieder zurück und mustert mich kühl.

Ich trete von einem Fuß auf den andern und räuspere mich. »Ich, ähm … Wir sind Ihnen wirklich sehr dankbar, dass Sie heute Abend auf Katie und Annabelle aufpassen, Mrs Kim.«

»Keine Ursache, Steven.«

Wie eine kleine, kniehohe Rakete schießt Katie auf meine Schwiegermutter zu, klammert sich an ihr Bein und kreischt vor Lachen. Annabelle strahlt und hüpft wie verrückt in ihrem Laufstall auf und ab.

Mrs Kims Gesicht blüht zu einem breiten Lächeln auf. »Oh du meine Güte! Was für eine wunderbare Begrüßung!« Mit Katie noch immer am Bein, geht sie vorsichtig ins Wohnzimmer und hebt mit einer Kraft, die ihre zierliche Gestalt Lügen straft, meine fünfjährige Tochter auf den einen Arm und Annabelle auf den anderen. Die beiden kichern verzückt, als sie ihnen in Schnellfeuergewehr-Koreanisch etwas zuflüstert.

Sally kommt die Treppe herunter, die schlanke Figur in ein schlichtes schwarzes Cocktailkleid gegossen, und steckt sich noch schnell ihre Perlenohrringe an. Sie wirkt etwas gestresst, aber elegant. »Hi, Mom. Danke, dass du heute kommen konntest.« Sie gibt ihr ein Küsschen auf die Wange, und die beiden besprechen kurz, wann die Mädchen baden, essen und zu Bett gehen sollen. »Gegen zehn sollten wir wieder da sein.«

»Wohin geht ihr?«

»Zu einer Cocktailparty von Steves Chef und danach noch was essen.«

Ihre Mutter nickt wohlwollend. »Sehr gut. Du hast dir auch mal einen freien Abend verdient.« Obwohl ich direkt danebenstehe, spricht Mrs Kim mit Sally, als wäre außer ihnen beiden niemand im Raum.

»Tschüss, Mom.« Wir umarmen uns zum Abschied, geben Katie und Annabelle einen Gutenachtkuss, und wenig später sitzen wir auch schon in unserem himmelblauen Toyota Sienna Minivan und sind unterwegs zu den Colliers.

»Ich habe das Gefühl, deine Mom wird langsam mit mir warm.«

»Wie kommst du denn darauf?« Sally klappt die Sonnenblende auf der Beifahrerseite herunter und beginnt vor dem kleinen Spiegel in der Rückseite Lippenstift aufzutragen.

»Sie hat mein Gewicht nicht erwähnt.«

»Ah ja.«

»Oder meinen Haaransatz.«

Sally seufzt. »Willst du dir wirklich von ihr den Abend vermiesen lassen?«

»Will ich ja gar nicht.« Von wegen. »Aber … Ich meine, ich bin Arzt. Arzt, verstehst du. Ich dachte immer, Mütter wüssten das zu schätzen, wenn sie einen Arzt zum Schwiegersohn hätten.«

»Tut sie ja. Dass du Arzt bist, macht es wenigstens zum Teil wieder wett, dass du kein Koreaner bist.« Sally ist mit dem Lippenstift fertig und zupft sich ihre schwarzen, schulterlangen Haare zurecht.

Leicht gekränkt schaue ich zu ihr rüber. Ein derart unverblümtes, beiläufiges Eingeständnis der einzigen Unstimmigkeit in unserer Ehe – das Missfallen ihrer Eltern angesichts der Entscheidung ihrer Tochter, außerhalb der koreanischen Gemeinde zu heiraten, ein Missfallen, das auch zwei wohlgeratene Enkeltöchter und eine über Jahre stabile Ehe nur geringfügig lindern konnten – ist ungewöhnlich.

»Aber nur zum Teil.«

»Ja. Und daran wird sich auch nichts ändern.« Sie klappt die Sonnenblende wieder hoch und schaut aus dem Fenster. »Aber das weißt du doch längst. Könnten wir bitte über etwas anderes reden?«

»Natürlich.« Wer weiß, was ihr heute sonst noch über die Leber gelaufen ist. So schlimm das für mich mit ihren Eltern auch war, für sie war es noch zehnmal schlimmer. Aber sie hat sich ihnen gegenüber stets behauptet. Das ist einer der Gründe, warum ich sie so sehr liebe.

Sally ist so vieles, das meiste davon gleichbedeutend mit Erfolg: klug, ehrgeizig, geistreich, selbstbewusst. Ich weiß, die meisten Leute würden ihr Gesicht nicht unbedingt hübsch nennen – ganz objektiv betrachtet, unter rein ästhetischen Gesichtspunkten, könnte man wohl sagen, dass es eher unscheinbar ist, wenn nicht gar unschön. Wulstige Lippen. Die Nase zu klein für die breiten Wangenknochen und ihre weit auseinanderstehenden Augen. Aber ohne jetzt sentimental zu werden, kann ich ganz ehrlich sagen, dass ich sie trotzdem wunderschön finde. Sie hat eine Ausstrahlung, die einen über alle Äußerlichkeiten hinwegsehen lässt, diese beneidenswerte, ihr innewohnende Fähigkeit, einen Raum voller Menschen zu betreten, sich instinktiv einen Überblick zu verschaffen und mit ihrem eloquenten Charme jeden Einzelnen für sich einzunehmen. Sie muss sich nicht mal bemühen. Die Leute mögen sie. Die Sympathien fliegen ihr nur so zu, von allen Seiten. Für mich ist das so eine Art unerklärliche Begabung, etwas, wozu ich selbst dann nicht fähig wäre, wenn mein Leben davon abhinge. Und es ist eine Begabung, die sie immer gut einzusetzen gewusst hat: Bevor sie Katie bekommen und beschlossen hat, zu Hause zu bleiben, war Sally die Assistentin der Personalleitung des Krankenhauses, an dem auch ich arbeite. So haben wir uns kennengelernt.

Ich überlege, worüber wir sonst reden könnten, und kehre in Gedanken zur Styroporpellets-Episode mit Annabelle zurück. Ich erzähle Sally die Geschichte, wobei ich es herunterspiele, dass ich nicht im Zimmer war, als Katie ihrer Schwester das Füllmaterial in den Mund gestopft hat – wie eine Bärenmutter, die ihre Jungen verteidigt, kann Sally ziemlich gereizt reagieren, wenn sie das Wohlergehen der Mädchen auch nur annähernd in Gefahr glaubt, und meine etwas entspanntere Haltung in Erziehungsfragen hat mich schon das ein oder andere Mal in Schwierigkeiten gebracht. Aber als ich fertig bin, wirft Sally nur den Kopf zurück und lacht. ›Sie fand’s lecker!‹ Weißt du, Steve, ich finde ja, dass Katie dir mit jedem Tag ähnlicher wird.«

Ich muss daran denken, wie Katie sich vorhin über diesen albernen Kinderherd gebeugt hat, mit ernster Miene, ganz auf ihr Tun konzentriert. »Du meinst, weil sie so intelligent und aufgeweckt ist?«

»Netter Versuch. Nein. Weil sie so stur ist.«

»Oh.« Ich schließe meine Hände etwas fester um das Lenkrad.

Sally tätschelt mir liebevoll die Schulter. »Ich weiß, das hörst du nicht gern. Aber es ist so. Und es hat ja auch sein Gutes. Deine Beharrlichkeit hat dich zum Erfolg geführt. Ich meine, du gibst wirklich nie auf. Das mag ich an dir. Aber manchmal geht es mir so was von auf die Nerven. Wenn du dich einmal für etwas entschieden hast, kann keine Kraft der Welt dich mehr umstimmen. Selbst wenn du falsch liegst. Gerade wenn du falsch liegst. Du weißt schon, wovon ich rede.«

»Und das hast du jetzt auch bei Katie bemerkt?«

»Andauernd.«

»Als Chirurg braucht man eine gewisse Beharrlichkeit. Vielleicht wird sie auch eines Tages Chirurgin.«

»Das will ich nicht hoffen.« Sie grinst.

»Na ja … du weißt, was man über Chirurgen sagt?«

»Manchmal im Irrtum, niemals im Zweifel.«

»Habe ich den schon mal erzählt?«

»Gefühlte hundert Mal. Wo hast du ihn zuerst gehört?«

»Weiß ich nicht mehr genau. Wahrscheinlich von Collier.«

Ein paar Minuten fahren wir schweigend, dann sagt sie: »Dein Termin mit Collier ist nächsten Montag, oder?«

»Ja.«

»Wie stehen die Chancen, dass er dir einen Job anbietet?«

Sofort zieht sich alles in mir zu einem kleinen, harten Knoten zusammen. »Weiß ich nicht.«

»Immer noch nicht? Ich dachte, du hättest inzwischen mit ihm gesprochen.«

»Nein.«

»Wir müssen auf alle Fälle hier in Boston bleiben, Steve. Wir haben hier unseren Lebensmittelpunkt.«

»Und was soll ich ihm deiner Ansicht nach sagen?« Wir steuern auf eine Unterhaltung zu, die wir so oder so ähnlich schon unzählige Male zuvor geführt haben. Ich weiß, wie wichtig es ihr ist, in Boston zu bleiben. »Es hat sich noch keine Gelegenheit ergeben, es anzusprechen. Außerdem glaube ich, dass vom Northwest Hospital bald ein festes Angebot kommen könnte.«

»Aber … du willst nicht am Northwest arbeiten.«

»Die Bezahlung ist gut.«

»Das habe ich nicht gemeint. Es ist keine Uniklinik. Es ist nicht das, was du willst.«

»Ich weiß.«

»Wie wäre es mit Harvard? Oder der University of Massachusetts?«

»Die stellen gerade niemanden ein.« Was ich nicht sage, ist, dass es überhaupt nur eins gibt, das ich wirklich will, das ich mehr will, als ich jemals etwas in meinem Leben gewollt habe, und Sally weiß genau, was es ist: am University Hospital zu arbeiten und eine Professur an der medizinischen Fakultät zu bekommen.

»Warum sprichst du Dr. Collier heute Abend nicht einfach darauf an? Er wird umgänglich sein. Entspannt.«

»Aber … Ich weiß nicht. Vielleicht.«

»Seit wann bist du so unentschlossen? Eben hast du mir noch erklärt«, sie senkt ihre Stimme um eine Oktave, »dass du niemals im Zweifel bist.«

»Ich kann nicht einfach so zu meinem Boss marschieren und ihn um einen Job bitten. So läuft das nicht. Wir reden hier vom University Hospital. Da bittet man nicht um einen Job. Man wird gebeten. Wenn man das Studium und die Ausbildung zusammenrechnet, habe ich mir da die letzten neun Jahre den Arsch …«

»Umso mehr Grund, die Sache proaktiv anzugehen.«

»… aufgerissen, weshalb ich nicht alles auf den letzten Metern in den Sand setzen will.«

Sie trommelt mit den Fingern auf die Armlehne. »Wenn du ihn nicht fragst, wie willst du dann jemals wissen, wie deine Chancen stehen? Vielleicht wartet er ja bloß darauf, dass du Interesse zeigst.«

Ich presse die Lippen zusammen und schaue starr geradeaus auf die Straße.

»Ganz ehrlich«, sie seufzt und wendet den Blick wieder zum Fenster, »manchmal weiß ich nicht, wer schlimmer ist: du oder deine fünfjährige Tochter.«

Dr. Collier und seine Frau empfangen ihren Besuch im großzügigen Foyer ihres Hauses in Wellesley. Unter einem ausladenden Kronleuchter begrüßen sie zwanglos die eintreffenden Gäste. Dank des ungewöhnlich trockenen Frühjahrs und Sommers hält die Mückenpopulation sich in Grenzen, weshalb die schweren Eichentüren weit offen stehen, um die laue Abendluft und den steten Strom von Besuchern einzulassen.

Jedes Jahr im Juli gibt Dr. Collier, Klinikleiter der urologischen Chirurgie und mein Chef, für sämtliche seiner Mitarbeiter eine Cocktailparty. Er und seine Frau sind glänzende Gastgeber. Vom Foyer aus kann man ins Wohnzimmer blicken, einen kathedralenartigen Raum mit hoher Gewölbedecke, in dem Lehrende und Ärzte mit Drinks in den Händen in kleinen Gruppen beisammenstehen. Es wird freundlich und angeregt geplaudert, während die Cateringkräfte – hübsche junge Frauen in einheitlich weißen Blusen und langen schwarzen Hosen – mit leerem Lächeln und auf Silbertabletts arrangierten Hors d‘oeuvres ihre Runden drehen. Auf einer Seite des Raums spielt ein Streichquartett klassische Musik, auf der anderen gibt ein Barkeeper am Marmortresen der gut sortierten Bar der Colliers die Drinks raus.

Dr. Collier könnte der Doppelgänger des Schauspielers Charlton Heston sein. Nicht des jungen, strahlenden, edlen Charlton Heston aus Die zehn Gebote, sondern des älteren, etwas raubeinigeren Charlton Heston aus Filmen wie Planet der Affen oder Der Omega-Mann. Die Ähnlichkeit geht über bloße Äußerlichkeiten hinaus und ist so verblüffend, dass ich mich bisweilen frage, ob Dr. Collier sie bewusst forciert. Groß, schlank, durchtrainiert und selbst mitten im Januar sportlich gebräunt, lassen sich seine virile Ausstrahlung und sein beißender Zynismus eigentlich nur noch durch seine Neigung zu hochtrabenden Reden überbieten.

Das einzige Charlton-Heston-Untypische an ihm ist sein Musikgeschmack im OP: Musicals, bevorzugt West Side Story. Stellen Sie sich Colonel Taylor aus Planet der Affen vor, wie er jemandem eine Niere herausschneidet und dabei I feel pretty mitsummt, und Sie haben eine ungefähre Vorstellung davon, wie es ist, mit Dr. Collier im OP zu stehen.

Heute Abend trägt er einen hellbraunen Leinenanzug zum rosa Hemd, ohne Krawatte, und in der linken Brusttasche ein akkurat gefaltetes rosa Einstecktuch mit Paisleymuster.

Sally und ich gehen zu Dr. und Mrs Collier, die gerade ihre Unterhaltung mit einem der anderen Assistenzärzte beenden. »Steven«, sagt Dr. Collier und schüttelt mir kurz die Hand, ehe er sein Augenmerk ganz auf Sally richtet. Er lächelt herzlich und küsst sie auf die Wange. »Guten Abend, Sally. Seien Sie uns willkommen.«

Mrs Collier ist eine schmale, anmutige Frau mit langem braunen, von feinen grauen Strähnen durchzogenen Haar, freundlichen Augen und vornehmen Südstaatenakzent. Schlicht und elegant in einem ärmellosen grauen Kleid, gibt sie erst mir die Hand und umarmt dann Sally. Sally zeigt sich sofort von einem Konsolentisch begeistert, der unübersehbar das Foyer dominiert (»Der stand letztes Jahr aber noch nicht hier, oder?«). Mrs Collier strahlt sichtlich erfreut und erwidert, nein, den hätte sie gerade vorigen Monat gekauft, und lässt eine ausführliche Beschreibung des Antiquitätenladens folgen, in dem sie ihn erstanden hat.

Dr. Collier nutzt die Gelegenheit, um zum Geschäftlichen überzugehen. »So, Steven. Wie geht es Ihnen denn so als neuer Stationsarzt?«

»Blendend, Dr. Collier. Darauf habe ich schon so lange hingearbeitet, dass ich noch immer kaum glauben kann, dass es jetzt wirklich, endlich so weit ist.«

»Das höre ich gern. Sie müssen schon entschuldigen, aber ich war die letzten Tage auf einer Konferenz und nicht in der Stadt. Aber meines Wissen haben Sie letzte Woche Ihren Dienst angetreten und Luis Martínez als Assistenten zugeteilt bekommen.«

»Ganz genau, Sir.«

»Na, da können Sie froh sein. So einen tüchtigen Assistenten wie Luis finden Sie so schnell nicht wieder. Ich bin mir sicher, Sie beide werden ein exzellentes Team abgeben.«

»Danke, Dr. Collier. Es ist wirklich toll, mit ihm zusammenzuarbeiten.« Wirklich toll ist vielleicht ein bisschen übertrieben – ich kenne den Typen kaum –, aber im Laufe der letzten Woche hat sich immerhin eine ganz konstruktive Arbeitsbeziehung zwischen uns entwickelt.

»Kommt er heute Abend auch?«

»Nein, er hat Bereitschaft.«

»Schade. Na ja, irgendjemand muss den Laden ja am Laufen halten, was? Aber wie dem auch sei, Steven, wir erwarten Großes von Ihnen während Ihres letzten Ausbildungsjahrs.«

»Soll das heißen, das Sie ihn nach seinem Examen kommenden Juni weiterbeschäftigen wollen?«, mischt Sally sich mit unschuldigem Augenaufschlag ein und drückt verstohlen meinen Arm. Sie hat ihre Unterhaltung mit Mrs Collier beendet, die sich bereits einem anderen Gast widmet. »Ich bin natürlich hoffnungslos voreingenommen, aber ich finde, er ist ein richtig guter Fang, Dr. Collier.«

Dr. Collier lacht gönnerhaft, was mir etwas auf die Nerven geht. So lacht er in meiner Gegenwart nur, wenn Sally dabei ist.

Ich spüre, wie mir das Blut in die Wangen schießt.

Was zum Teufel glaubt sie, was sie hier macht?

»Dessen bin ich mir gewiss, Sally. Und wir sind ihm auf jeden Fall dankbar für die Arbeit, die er bislang für uns geleistet hat. Aber wissen Sie, normalerweise bieten wir unsere Lehrstühle keinem … Lassen Sie mich überlegen.« Er legt die Hand ans Kinn und mustert mich nachdenklich. »Ihren Bachelor haben Sie in … Informatik gemacht. Stimmt doch, oder, Steven? An der University of Chicago?«

Dr. Collier rühmt sich der genauen Kenntnis des persönlichen und akademischen Hintergrunds jedes einzelnen seiner Mitarbeiter. »Ja, Sir«, bestätige ich.

»Also Informatik. Nun ja. Chicago hat einen guten Ruf, gar keine Frage, aber ich wage zu bezweifeln, dass wir hier am Institut ausgerechnet einen Computerspezialisten brauchen«, sagt Dr.Collier und zwinkert Sally zu. »Noch dazu einen, der in Philadelphia aufgewachsen ist. Sie wissen ja, wie ich zu den Phillies stehe.«

Gerade als ich etwas erwidern will, kommt Sally mir wieder zuvor.

»Aber Sie dürfen nicht vergessen, Dr. Collier, dass er als Nebenfach Literaturwissenschaft belegt hat.« Sally tätschelt meinen Arm. »Steven ist ein wahres Universalgenie. Bei ihm können Sie gleich beide Gehirnhälften anzapfen. Außerdem war er zu seiner Zeit ein ganz hervorragender Hacker. So was findet man bei einem Chirurgen auch nicht alle Tage.«

»Was Sie nicht sagen.« Dr. Collier hebt in übertriebener Manier eine Augenbraue. »Das habe ich nicht gewusst. Hmm. Ein Computerhacker. Nichts Illegales, will ich doch hoffen, Steven.«

»Kommt darauf an«, kommt Sally mir schon wieder zuvor, ihre Hand noch immer auf meinem Arm. »Je nachdem, was Sie von ihm verlangen.«

Dr. Collier wirft den Kopf zurück und lacht herzhaft. »Er kann operieren, Computersysteme knacken und Shakespeare rezitieren? Alle Achtung – das nenne ich überqualifiziert.« Sally lacht munter über seinen dämlichen Witz, und ich ringe mir ein bemühtes Grinsen ab und stehe etwas dumm dabei, während mein Chef und meine Frau in der dritten Person über mich reden.

»Dr. Collier, er wird Ihnen rezitieren, was Sie wollen. Sie brauchen Ihn nur zu fragen.«

»Darauf will ich wetten.« Dr. Collier lacht wieder sein gönnerhaftes Lachen. »Nun ja, ich will mal schauen, was sich machen lässt.« Seine Aufmerksamkeit wendet sich jäh einem anderen Gast hinter uns zu. »Machen Sie beide sich noch einen schönen Abend.« Noch immer schmunzelnd fasst er seine Frau beim Ellbogen und steuert auf den Kollegen zu.

»Was sollte das denn gerade?«, raune ich Sally ins Ohr, als wir die paar Schritte vom Foyer ins Wohnzimmer gehen.

»Bloß eine kleine Hilfestellung.« Im Vorbeigehen nimmt sie ein mit Lachs belegtes Häppchen von einem der Tabletts und beißt hinein.

»Ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, es auf meine Art zu machen. Vorhin, im Auto.«

Sie schluckt das Häppchen herunter und wischt sich mit einer Cocktailserviette die Krümel von den Fingern. »Wir haben uns auf überhaupt nichts geeinigt. Du hast einfach auf stur gestellt, wenn du dich erinnerst. Das war gerade eine glänzende Gelegenheit. Ich habe sie erkannt und sie genutzt, so einfach ist das. Hast du Dr. Colliers Reaktion bemerkt?«

»Ja, habe ich. Er hat sich über mich lustig gemacht.«

»Aber es war gut gemeint, Steve. Jede Wette, dass er dir nächste Woche einen Job in Aussicht stellen wird.«

»Jede Wette, dass er mich aus seinem Büro schmeißt.«

Aber da hat sie schon eine Freundin von sich entdeckt, die Frau eines anderen Arztes, und entfernt sich lächelnd und winkend von mir. Für Sally hat die Party begonnen.

Eines der Catering-Mädchen bietet mir ein Bruschetta an. Ich nehme es achselzuckend, dann folge ich Sally in die Menge.

2

Montag, 13. Juli

Es ist Montagmorgen, Viertel vor sieben, und ich sitze mit einem starken Kaffee in der Cafeteria des University Hospitals. Die frühmorgendliche Stoßzeit ist in vollem Gange. Pflegekräfte und Medizintechniker hetzen vor dem Schichtwechsel um sieben Uhr noch schnell in die Cafeteria, um Kaffee sowie mit Rührei, Speck und Bratkartoffeln beladene Pappteller abzugreifen, die sie sich mit auf ihre Stationen nehmen. Auch ein paar Ärzte sind schon unterwegs, die meisten davon junge Kollegen aus der Chirurgie in langen weißen Kitteln über der blauen oder grünen OP-Kleidung, die nach der Morgenvisite noch mal kurz auftanken wollen, bevor es für den Rest des Tages in den OP geht.

An einem Tisch in der Nähe sitzen einige Assistenzärzte beim Frühstück und tauschen sich lebhaft über ihre Patienten aus. Plötzlich bricht die ganze Runde in lautes Gelächter aus, und einer der Ärzte verschüttet Kaffee auf seinem weißen Kittel. Fluchend schnappt er sich eine Serviette und beginnt an dem braunen Fleck zu reiben, der sich zügig bis zu dem über der rechten Brust eingestickten Emblem des University Hospitals ausbreitet – ein zweiflügliger Heroldsstab in gediegenem Rotbraun, darunter in stolzen Lettern die Worte PRIMUM NON NOCERE.

Ganz automatisch streiche ich mit den Fingern über das Krankenhaus-Logo auf meinem eigenen Kittel.

University Hospital.

Ich bin gern Arzt. Besonders gern bin ich hier Arzt.

Und wer wäre das nicht? Mit seinem mitten in Boston gelegenen weitläufigen, über die Jahre gewachsenen und daher etwas eklektisch wirkenden Komplex aus modernen Hochhäusern und kompakten Backsteinbauten des neunzehnten Jahrhunderts, ist das University Hospital nicht zuletzt auch Lehrkrankenhaus der renommierten University Medical School. In den internationalen Krankenhaus-Rankings nimmt es Jahr für Jahr einen der vordersten Plätze ein.

Aber für mich ist dieser Ort mehr als nur eine Nummer auf irgendeiner Bestenliste. Viel mehr. Es vergeht kein Tag, an dem ich mir nicht bewusst wäre, welches Privileg es ist, Teil dieses Ortes zu sein, oder mich der entbehrungsreichen Jahre unermüdlicher Plackerei während des Studiums entsinne, ohne die ich es niemals hierher geschafft hätte. Vor bald zweihundertfünfzig Jahren von den besten Ärzten des damals noch kolonialen Amerikas gegründet, Ärzte, die ihrerseits von den besten Ärzten Europas ausgebildet worden waren, steht das University Hospital in einer langen Tradition, die Generationen zurückreicht. Zu Recht rühmt es sich als ein Mekka medizinischer Innovationen, das zuverlässig Nobelpreisträger, Hochschuldekane und Gesundheitspolitiker hervorbringt – von exzellenten Chirurgen ganz zu schweigen. Nur die Besten der Besten ergattern hier einen Platz.

Und ich bin einer von ihnen.

Leicht war es nicht, so weit zu kommen.

Mit einem stillen Lächeln erinnere ich mich an den ersten Redner am ersten Tag meines Medizinstudiums: den Dekan. Ein bulliger Herzchirurg und ehemaliger Army Ranger, hineingezwängt in einen dreiteiligen Anzug, von der Statur eines Panzers und ziemlich respekteinflößend, zumal für leicht zu beeindruckende Erstsemester. Nach ein paar einleitenden Willkommensworten kam er hinter dem Rednerpult hervor, zog sich seine Jacke aus, hängte sie sorgsam über die Lehne eines Stuhls und trat vor bis an den Rand des Podiums. Ein geschickter Zug, beiläufig und doch berechnend, der in einem Raum voller Fremder sofort eine vertraute Atmosphäre schuf. Dann hielt er uns eine kleine, launige Rede voller ernster Ermahnungen und gut gemeinter Ratschläge, wie unser Dad sie uns bei einer Tasse Kakao am Küchentisch hätte halten können, ehe wir aufs College gingen.

Wir sollten uns entspannen, sagte er uns, wir hätten es geschafft; dass unsere Mütter schon jetzt stolz auf uns wären, dass der harte Wettbewerb vorbei sei und wir aufhören könnten, ständig nach neuen Bestnoten zu schielen, und uns darauf konzentrieren sollten, gute Ärzte zu werden.

Ja, klar.

Und das zu hundertzwanzig leistungsorientierten, analfixierten, überehrgeizigen Alpha-Typen, die die letzten Jahre ausschließlich damit verbracht haben, jedes, wirklich jedes Hindernis aus dem Weg zu räumen, um an einen der begehrten Plätze zu kommen, auf denen sie jetzt saßen.

Wem wollte er etwas vormachen? Die Hälfte aller Anwesenden fing schon an mitzuschreiben. Und konnte man es uns verübeln? Seit wir denken konnten, ging es doch darum, den anderen akademisch auszustechen. Wir waren es, die den vorklinischen Teil, das darwinistische Gerangel auf dem College, unbeschadet überlebt hatten. Wir waren es, die in jenen Grenzbereich des Noten-Nirwanas vorgedrungen waren, mit dem die Gauß’sche Glockenkurve der Normalverteilung ganz weit rechts in einer schmalen Linie ausläuft. So eine Einstellung wird man nicht von heute auf morgen wieder los. Und ich schäme mich auch nicht, mir diese Mentalität bis zum heutigen Tag bewahrt zu haben. Sie ist es, die mich erst so weit gebracht hat. Ohne sie wäre ich heute nicht hier.

Luis, der Assistenzarzt, mit dem ich seit voriger Woche zusammenarbeite, lässt sich mit seinem Essenstablett auf den Sitz mir gegenüber fallen, grunzt ein »Guten Morgen« und reibt sich mit der Hand den kahlen Schädel, die blutunterlaufenen Augen, fährt sich über das olivbraune Gesicht und die schwarz-grau-weiß melierten Bartstoppeln am Kinn. Er hat ein markantes, wenn auch nicht unbedingt ansprechendes Gesicht, lang und schmal, fast schon hager, mit scharf hervorspringenden Wangenknochen und sehnigen Muskelsträngen, die sich vom Kinn zum Hals ziehen. Praktisch das ganze Wochenende war er im Krankenhaus auf Bereitschaft und auch an diesem Morgen schon vor sechs Uhr früh auf der Station, um bei unseren Patienten nach dem Rechten zu schauen.

Während ich meinen Kaffee trinke, beobachte ich ihn, wie er sich ein paar Notizen auf einem Zettel macht, den er neben seinem Tablett liegen hat. Luis Martínez ist in unserem Ausbildungsprogramm ein paar Jahre hinter mir, und es ist das erste Mal, dass ich in einem Team täglich mit ihm zusammenarbeite. Der glatt rasierte Schädel, allem Anschein nach das letzte Aufgebot gegen einen schon recht weit zurückgezogenen Haaransatz, steht ihm. Die deutliche Wölbung seines Kopfes verleiht ihm das Aussehen einer Koryphäe, das in keinem Verhältnis zum niederen Rang in der beruflichen Hackordnung steht, den er derzeit innehat. Selbst jetzt, sichtlich erschöpft und mit einem weiteren arbeitsreichen Tag vor sich, lassen seine gestrafften Schultern und die markante Kinnpartie kein Anzeichen von Schwäche, keine vorzeitige Kapitulation erkennen. Er strahlt gesundes Selbstbewusstsein und eine unangreifbare Autorität aus, selbst mir gegenüber, obwohl ich sein direkter Vorgesetzter bin. Aber bei ihm wirkt es nicht arrogant. Er ist nicht von sich eingenommen. Einfach nur selbstsicher. Damit habe ich kein Problem.

Als mein Assistent übernimmt Luis die Versorgung der Patienten auf der Station und alles, was damit zusammenhängt: Arzneimittelbestellungen, Fragen der Pflege und Kostumstellung, Ersteinschätzungen bei Problemen, Entlassungspapiere – all die kleinen, zeitraubenden Arbeiten, die täglich, stündlich, minütlich aus dem Krankenhausaufenthalt eines Patienten resultieren. Das muss erledigt werden, und es ist wichtig. Aber es ist auch eine ziemliche Fronarbeit. Im Medizinerjargon bezeichnen wir das als Putzen, und die Anfänger unter den Ärzten nennen wir Putzerfische. Chirurgen hassen solche Fronarbeiten, sie wollen keine Putzerfische sein. Aber im Grunde nervt es jeden, egal welche Fachrichtung.

Ich brauche solche Fronarbeiten nicht mehr zu erledigen und habe meine Zeit an der Front abgeleistet, als ich in der Ausbildung so weit war wie Luis. Jetzt ist es mein Job, Luis zu unterweisen, ihm mein Wissen zu vermitteln und darauf zu achten, dass er keine Dummheiten macht. Ich arbeite seit gerade mal einer Woche mit ihm zusammen, aber der Typ scheint in Ordnung. Etwas schroff und kurz angebunden vielleicht, aber er hat den Laden im Griff und behält seine Gedanken für sich. Außer arbeitsrelevanten Fragen reden wir nicht viel miteinander. Er ist älter als ich, ein paar Jahre mindestens. Vor seinem Medizinstudium soll er beim Militär gewesen sein. Aber im Grunde, das wird mir erst jetzt bewusst, weiß ich kaum etwas über ihn – weder woher er kommt, noch wo er studiert hat. Ich mache mir einen geistigen Vermerk, mehr über ihn herauszufinden.

Aber er bekommt seinen Job auf die Reihe, und er macht ihn gut. Ziemlich gut. Bei ihm brauche ich mir keine Sorgen zu machen, dass er bei den Patienten Mist baut. Mir gegenüber ist er aufmerksam und höflich; er hält sich an meine Anweisungen, auch wenn ich bisweilen den Eindruck habe, dass er sich insgeheim für einen viel besseren Arzt hält als mich – trotz meiner größeren Erfahrung. Aber das ist keine große Sache. Ein gesundes Selbstbewusstsein ist für einen Mediziner keine ungewöhnliche und schon gar keine nachteilige Eigenschaft. Sich selbst für besser als die Kollegen zu halten ist bei Ärzten kein seltenes Phänomen. Man findet es in allen Phasen der Ausbildung und in allen Fachgebieten. Nur wer an sich glaubt, schafft es auch, sich jeden Tag aufs Neue an die Arbeit zu machen. Und letzten Endes kommt es nur darauf an, dass Luis der Befehlskette folgt und genau das tut, was ich ihm sage.

Während der Woche treffen Luis und ich uns meistens morgens in der Cafeteria, um uns über unsere Patienten kurzzuschließen und ihre für den Tag anstehenden Behandlungen zu planen. Auch heute Morgen höre ich ihm, wie jeden Morgen, aufmerksam zu. Während ich meinen Kaffee trinke, werfe ich immer mal wieder ein paar Fragen, Vorschläge oder Anweisungen ein, wie am besten vorzugehen wäre. Meistens trage ich Luis, nachdem er seine Patientenliste durchgegangen ist, noch ein paar zusätzliche Arbeiten auf und ziehe mich dann in den OP zurück, um mir einen schönen Tag zu machen.

So auch diesen Morgen. Als er mit seinem Bericht fertig ist, zähle ich kurz die Routinejobs auf, die er im Laufe des Tages bei jedem Patienten zu erledigen hat. Die Infusionen bei Mr Kellogg hochfahren – er ist dehydriert. Mrs Cardoza auf oral verabreichte Schmerzmittel umstellen. Mr James mobilisieren – seit seiner OP bewegt er sich kaum noch aus dem Bett. Ein CT für Mr Richards veranlassen – er hat seit einigen Tagen erhöhte Temperatur und klagt über Bauchschmerzen, weshalb ich fürchte, dass sich irgendwo in seiner Bauchhöhle ein Abszess verstecken könnte. Die Entlassungspapiere für Ms Tang fertigmachen.

Luis nickt bei jeder Anweisung und macht sich Notizen.

»Heute morgen hat eine Medizinstudentin angefangen, die auf unseren Dienst eingeteilt wurde«, sagt er, als wir durch sind, lehnt sich in seinem Stuhl zurück und reibt sich mit der flachen Hand den Schädel, als wolle er einen Türknauf polieren. »Sie hat vorhin schon mit mir die Visite gemacht. Jetzt ist sie gerade bei irgendeiner Orientierungseinheit, wollte aber gleich noch vorbeikommen und sich hier mit uns treffen.«

»Wie ist sie?«

»Clever. Kennt sich ziemlich gut mit den Abläufen im Krankenhaus aus.«

»Ach ja?«, frage ich, nur mäßig interessiert. Erfahrungsgemäß haben Medizinstudenten davon wenig bis keine Ahnung, weshalb sie in der Praxis zu nichts zu gebrauchen sind. »Wie heißt sie?«

»Gigi. Gigi Maxwell. Es gibt Leute, die meinen, der Spitzname ›Golden Girl‹ wäre passender. Weil sie so eine brillante Studentin ist. Wenn man den Kollegen glauben will, hat sie bei ihren bisherigen Rotationen einen erstklassigen Job gemacht. Zupackend, engagiert, messerscharfer Verstand.«

Gigi. »Schön für dich. Dann kannst du ihr gleich ein paar deiner Routinejobs aufs Auge drücken.«

»Wird sich zeigen. Pass auf, Steve.« Er schaut sich um und lehnt sich dann über den Tisch zu mir herüber. »Du bist doch verheiratet, oder?«, fragt er so leise, dass ich ihn durch die Geräuschkulisse der Cafeteria kaum verstehen kann. Ich nicke und bin gespannt, worauf er hinauswill. »Gut, dann sei gleich doppelt gewarnt.« Er senkt die Stimme noch mehr, sodass ich mich ebenfalls vorlehnen muss, wenn ich ihn noch verstehen will. »Sie sieht auch nicht schlecht aus. Hat einen ziemlichen Vorbau – kaum zu übersehen. Ein paar der jungen Kollegen haben schon versucht, bei ihr zu landen.«

»Mit Erfolg?«

»Nein, im Gegenteil. Und das ist der Punkt. Letzten Monat hat sie eine schriftliche Beschwerde gegen Connors eingereicht, weil er ihr im OP an den Hintern getatscht hat.«

»Connors«, schnaube ich. »Der Typ ist ein Idiot, denkt mit dem Schwanz und vögelt sich bei den Schwestern durch.«

»Genau.« Luis lehnt sich wieder zurück und stützt seine Ellbogen hinten auf den Stuhl. »Also, ich für meinen Teil möchte meinen Job behalten. Geht dir wahrscheinlich genauso. Ich wollte nur, dass du weißt, was Sache ist.«

»Danke, Luis«, sage ich und meine es genauso. Nicht dass ich vorgehabt hätte, mit ihr etwas anzufangen, aber seit ein betrunkener Professor aus der Neurochirurgie vor ein paar Monaten während einer mehrtägigen Konferenz versucht hat, sich an einigen jungen Kolleginnen zu vergreifen, gilt sexuelle Belästigung hier im Haus als extrem heikles, um nicht zu sagen heißes Thema. Die Chirurgie war schon immer eine Männerdomäne; bis heute hat sich ein etwas breitbeiniger Chauvinismus gehalten, der sich selbst im einundzwanzigsten Jahrhundert als erstaunlich resistent gegen alle Vorstöße zur Gleichstellung erweist – gerade an einem so traditionsreichen Ort wie dem University Hospital.

Doch die Zeiten ändern sich auch hier, und nachdem der Fall des übergriffigen Neurochirurgen sich zu einer äußerst peinlichen, öffentlich ausgetragenen, prozesslastigen Affäre ausgeweitet hatte, mussten alle Ärzte unserer Klinik – Assistenten und Professoren, Männer und Frauen gleichermaßen – diverse Coachings zum Bewusstseinstraining über sich ergehen lassen und bekamen alle paar Tage eine E-Mail, die sie daran erinnerte, doch bitte auf ein wertschätzendes Arbeitsumfeld zu achten. Will sagen, im derzeitigen Klima braucht man einer Studentin gegenüber – zumal einer, die einem direkt unterstellt ist – nur einmal das Falsche zu sagen oder zu tun oder das Falsche über sie zu sagen oder einfach nur falsch zu schauen, um ernsthafte Schwierigkeiten zu bekommen. Bei Connors, dem eben erwähnten Kollegen, scheint diese Botschaft noch nicht angekommen zu sein.

Ich zeige auf meinen Ehering und versuche vergeblich, mir ein Gähnen zu verkneifen. »Habe ich nicht nötig, Mann. Aber trotzdem danke. Halt sie mir einfach vom Leib, okay?«

»Alles klar.« Er deutet mit dem Kinn über meine Schulter. »Und wenn man vom Teufel spricht …«

Sofort drehe ich mich um und folge seinem Blick zum Eingang der Cafeteria, wo eine junge Frau, dunkelhaarig und ziemlich groß, im kurzen weißen Kittel der Medizinstudenten, etwas unschlüssig herumsteht und sich suchend umsieht. Luis winkt und versucht, sie auf sich aufmerksam zu machen.

Normalerweise erkennt man Medizinstudenten aus einer Meile Entfernung: Mit ihren kurzen weißen Kitteln, ihren aufgescheuchten Blicken und ihrem Talent, immer im Weg zu stehen, fallen sie im Klinikalltag auf wie bunte Hunde. Aber als Gigi sich ihren Weg durch den morgendlichen Ansturm in der Cafeteria bahnt, sehe ich sofort, dass sie anders ist. Unter ihrem Kittel trägt sie die grüne OP-Kleidung, ihre Miene ist ernst und gefasst, ihr Gang sicher und zielstrebig. Sie macht den Eindruck einer Frau, die ganz genau weiß, wohin sie will und wie sie dorthingelangt.

An unserem Tisch angekommen stellt sie sich mir gleich vor. Mein Bedürfnis, vor einer Studentin chirurgische Autorität zu demonstrieren, ist größer als mein Wunsch, den Gentleman zu spielen, und so bleibe ich sitzen und mustere sie in aller Ruhe. Sie ist wirklich groß – fast so groß wie ich, und mit meinen eins fünfundachtzig bin ich auch nicht unbedingt ein Zwerg – und hat eine schlanke, anmutige Figur. Ihre Haare fallen ihr in langen, sanften Wellen bis über die Schultern und haben, wie ihre Augen, die Farbe dunkler Schokolade. Ihre Züge sind scharf geschnitten, nur um die Wangen und die etwas nach oben weisende Nase zeigen sich unerwartet weichere Partien. Alles in allem muss ich Luis recht geben: Sie ist hübsch. Nicht schön, kein Model – dazu ist sie etwas zu kräftig gebaut, sind ihre Züge nicht symmetrisch genug.

Aber sie sieht definitiv gut aus – attraktiv auf die intelligente, bodenständige, nahbare Art. Und als sie sich über den Tisch beugt, um mir die Hand zu schütteln, stelle ich zwangsläufig fest, dass Luis auch mit der Einschätzung ihrer weiblichen Attribute goldrichtig lag. So langsam fange ich an zu begreifen, warum er mich vor ihr gewarnt hat. Glücklich verheiratet mag ich sein, aber ich bin nicht tot, und es kostet mich einige Mühe, nicht auf den zweckmäßigen, standardisierten aber dennoch ziemlich provozierenden V-Ausschnitt ihres Oberteils zu starren.

Noch etwas fällt mir sofort an ihr auf. Etwas, das für mich schwerer zu benennen ist. Etwas, das sich nicht so leicht fassen lässt. Eine seltsame Stille. Ja, Stille trifft es vielleicht am besten. Eine ruhige und überaus anziehende Selbstbeherrschung, ein In-sich-Ruhen, das in allem, was sie sagt und tut, mitschwingt. Es zeigt sich in der Art, wie sie selbstbewusst auf mich zukommt, mir in die Augen schaut und mir die Hand gibt. Ihr ganzer Habitus lässt keine Unsicherheit erkennen – wie bei Luis, denke ich sofort, wenn auch ohne den männlich-autoritären Touch. Auch in ihrer Stimme schwingt es mit, die hell und angenehm ist, irgendwie beruhigend. Wie die Stimme einer Radiomoderatorin.

Als sie mir die Hand gibt, breitet sich ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht aus, das ihre glatten Züge lebendig werden lässt, sie in Bewegung versetzt wie ein in einen ruhigen, tiefen See geworfener Stein die sich kräuselnde Oberfläche. Ihr Lächeln wirkt natürlich und unbefangen, ohne jede Spur von Verlegenheit, fast wie das Lächeln meiner Töchter. Ihre Hand ist weich, ihre Bewegungen fließend, anmutig, beherrscht.

»Nett, dich kennenzulernen, Gigi«, sage ich. »Wie ich höre, überlegst du, dich auf urologische Chirurgie zu spezialisieren.«

»Um ganz genau zu sein, Dr. Mitchell, habe ich mich bereits dafür entschieden«, erwidert sie. »Was Sie und Ihre Kollegen hier jeden Tag leisten, ist einfach unglaublich. Ich meine, Nierenoperationen, Prostataoperationen – das sind echt spannende Sachen. Ich will hier mein Praktikum absolvieren, weshalb Sie mich die nächsten sechs Wochen ertragen müssen.« Während der letzten beiden Jahre ihres Studiums durchlaufen alle Studierenden der UMS zwei- bis vierwöchige Rotationen in verschiedenen Abteilungen des University Hospitals, die ihnen für das Examen angerechnet werden. Bei entsprechender Eignung können Studierende im Rahmen eines Praktikums auch länger in einer Fachabteilung bleiben und verantwortungsvollere Aufgaben übertragen bekommen.

»Na, dann kann ich nur hoffen, dass Luis und ich dich nicht dazu bringen, deine Meinung doch noch mal zu ändern.«

»Davon gehe ich wirklich nicht aus, Dr. Mitchell«, erwidert sie völlig ernst. »Ich habe so viel Gutes über Sie gehört – und über Dr. Martínez. Ich kann es kaum erwarten, mit Ihnen beiden zusammenzuarbeiten.«

Luis und ich wechseln einen kurzen Blick.

Will die uns verarschen?

Und wenn ja, müsste ich ein Problem damit haben?

Ich beschließe, das Kompliment für bare Münze zu nehmen. Fürs Erste. »Danke, danke, das hört man gern. Und nenn mich doch bitte Steve. Ich bin ja auch noch in der Ausbildung und habe so viel Respekt gar nicht verdient.«

Sie quittiert es mit einem freundlichen Lachen; Luis lächelt schmal.

»Okay, Steve. Aber jetzt ganz im Ernst«, fährt sie fort, »ihr beide braucht mir einfach nur Bescheid zu sagen, wenn ich irgendetwas für euch tun kann. Ich will wirklich so viel wie möglich zu tun haben.«

»Pass auf, was du sagst – wir könnten dich beim Wort nehmen.«

»Genau deshalb bin ich hier.«

Sie öffnet ein abgenutztes schwarzes Lederfutteral, das sie an der Hüfte trägt, und hält ein schmales Smartphone hoch.

»Ehrlich, sagt mir einfach, was ich tun soll, dann gebe ich das gleich hier in mein zweites Gehirn ein. Bis jetzt habe ich noch ganz viel Luft und kann alles, was ihr für mich vorgesehen habt, in meinen Tagesplaner eintragen. Heute Abend drucke ich mir dann alles als Tabelle aus, damit ich nicht den Überblick verliere. Keine große Sache«, versichert sie uns, »nur Excel.«

Luis und ich wechseln wieder einen Blick. Meint sie das ernst? Aber ich muss zugeben, dass Gigis Eifer ansteckend ist. Normalerweise würde ich jemanden wie sie als nervtötenden Arschkriecher abtun, aber stattdessen ertappe ich mich dabei, wie ich lächle. »Schon gut, Gigi. Luis und ich besprechen das später in Ruhe mit dir. Im Augenblick bleibt uns nicht genügend Zeit. Ich muss gleich in den OP

»Kein Problem, Dr. Mitch… äh, Steve«, sagt sie unverdrossen und lässt, als würde sie einen Revolver zurück ins Holster stecken, ihr Telefon wieder verschwinden.

»Luis kümmert sich heute Vormittag um dich. Er wird dir alles zeigen und dir auch schon ein paar Aufgaben übertragen. Im Großen und Ganzen erwarten wir von dir dasselbe wie von einem Arzt im Praktikum – bei der Versorgung der Patienten helfen, Laborbefunde abfragen, Papierkram erledigen. Ach ja, und jeden Dienstagvormittag wirst du Luis in die Ambulanz begleiten und mit ihm die Sprechstunde abhalten. Okay?« Ich stehe auf, ohne auf eine Antwort zu warten.

»Toll!«, ruft sie.

»Ach ja, und noch was. Steve?«, kommt es von Luis.

»Ja?« Ich schaue auf meine Uhr und bin in Gedanken schon halb im OP.

»Ich hatte es vorhin ganz vergessen zu erwähnen – mein ERIN-Account ist heute morgen abgestürzt. Irgendwas muss da während der Visite schiefgelaufen sein, und jetzt komme ich nicht mehr ins System. Kann ich so lange deinen Account benutzen, bis die von der IT das in Ordnung gebracht haben?«

»Ja klar, Mann«, sage ich zerstreut. ERIN ist das elektronische Dokumentationssystem des University Hospitals. Krankenakten, Berichte, Befunde und Bestellungen, einschließlich der Arzneimittelverschreibungen – alles läuft über den Computer und das zentrale System. Ohne seinen ERIN-Account ist Luis aufgeschmissen: Er kann beispielsweise keine Medikamente für unsere Patienten bestellen, und dabei wird selbst Gigi ihm nicht helfen können, denn Studenten dürfen noch keine Medikamente bestellen. Das dürfen nur Ärzte. Und wenn Luis heute Morgen nicht die für unsere Patienten benötigten Medikamente bestellen kann, wird unser eben ausgearbeiteter Tagesplan in sich zusammenstürzen, und am Ende bin ich der Dumme und stehe schlecht bei meinen Chefs da. Das kann ich gerade gar nicht gebrauchen. Also schreibe ich ihm einfach kurz den Kontonamen und mein Passwort auf seinen Zettel.

»Danke, Steve. Die Leute von der IT haben mir versprochen, das bis heute Mittag wieder zum Laufen zu bringen.«

Ich schaue zu Gigi hinüber. Sie lächelt strahlend und öffnet schon den Mund, als wolle sie auch noch etwas sagen.

»Wir sehen uns dann später«, sage ich und verschwinde, bevor sie dazu kommt.

Unser erster Patient des Tages, Mr Bernard, ist ein Zimmermann mittleren Alters aus Maine. Ihm soll die Blase wegen eines bösartigen Tumors entfernt werden. Ich treffe ihn in der OP-Schleuse an, einem großen Raum mit hohen Decken, der direkt an die Operationssäle angrenzt. In von Vorhängen abgetrennten Kabinen sitzen oder liegen die Patienten auf Transportliegen, ehe sie in den OP gefahren werden. Ärzte und Schwestern schwirren um sie herum, treffen letzte Vorbereitungen und gehen noch einmal ihre Checklisten durch.

Mr Bernard ist bereits im Krankenhaushemd. Angesichts des erstaunlichen medizinischen Fortschritts, der sich seit Beginn meines Studiums getan hat – Gesichtstransplantationen, Immunsuppressiva zur HIV-Therapie oder hochkomplexe roboterassistierte Schlüssellochchirurgie –, habe ich mich schon des Öfteren gefragt, warum es noch niemandem gelungen ist, ein besseres Krankenhaushemd zu entwerfen.

Ganz ehrlich. Die Dinger sind überall gleich. Flattrige, luftige Hemdchen, unter denen es ganz furchtbar zieht, ausgestattet mit einer Vielzahl von Schnürbändern, die das Ganze – gewusst wie – zusammenhalten sollen. Charakteristisches Merkmal dieser Hemden ist, zum Leidwesen aller Patienten, dass sie hinten offen sind – ein mittig verlaufender, vertikaler Schlitz, der sich mit der Achse von Wirbelsäule und Pofalte deckt.

Und so sitzt auch Mr Bernard mit unfreiwillig präsentierter Poritze ruhig wartend hinter einem dünnen Plastikvorhang, der nicht nur so aussieht, sondern sich auch genauso anfühlt wie ein Duschvorhang in einem billigen Motel und der den Patienten ein Minimum an Privatsphäre zugestehen soll, während sie hier im großen Wartesaal geduldig ihres Eingriffs harren. Mr Bernard ist sehnig und muskulös, mit einem dicken, dunklen Haarschopf, der schon reichlich Grau zeigt. Da eine Schwester ihm seine Brille zur Aufbewahrung abgenommen hat, blinzelt er viel. Wie Jahresringe auf einem Baumstumpf ist sein Gesicht nach vielen Sommern, die er draußen gearbeitet hat, von tiefen Linien durchzogen.

Wir geben uns die Hand. Seine fühlt sich klamm und schwitzig an, und als ich meine Hand zurückziehe, muss ich dem Impuls widerstehen, sie mir an meinem weißen Kittel abzuwischen. Er ist nicht verheiratet, und im Gegensatz zu den meisten anderen Patienten, die derzeit mit ihren Angehörigen in der OP-Schleuse warten, ist er allein (»Meine Freundin wollte später mal vorbeischauen«, gibt er achselzuckend Auskunft). Wir sprechen über die Risiken der Operation, und ich gebe meine üblichen Beteuerungen ab: dass es ein Routineeingriff sei, unser Qualitätsbericht hervorragend und dass Worst-Case-Szenarien in der Praxis so gut wie nie eintreten.

Ich mag ihn auf Anhieb. Er ist umgänglich, schlagfertig und hellwach. Für einen Handwerker stellt er zudem überraschend kenntnisreiche und präzise Fragen. Er scheint mit meinen Antworten zufrieden und unterschreibt die Einwilligungserklärung für die Operation, ohne sich auch nur ein Wort durchzulesen.

»Ich vertraue Ihnen«, sagt er lapidar. »Laut U.S. News and World Report sollen Sie hier die Besten der Besten sein.«

Sowie der Assistenzarzt der Anästhesie und ich die letzten Vorbereitungen getroffen haben, fahren wir Mr Bernard in den OP und helfen ihm von der Transportliege auf den Operationstisch. Während dieses Manövers verrutscht ihm, vermutlich wegen irgendwelcher falsch geschnürten Bänder, sein Krankenhaushemd, und noch ehe ich oder eine der Schwestern reagieren können, liegt er von der Taille abwärts nackt da.

»Ups, tut mir leid die Damen.« Er lacht nervös. »Hier darf man es mit dem Anstand wohl nicht so genau nehmen, was?«

»Schon gut, Mr Bernard. Kein Problem. Warten Sie, das haben wir gleich.« Ich gehe eine Decke aus dem Wärmeschrank holen, der in der Ecke des Raums steht. Die Decke verströmt eine wohlige Wärme, die mich an frisch aus dem Trockner geholte Wäsche erinnert.

Als ich ihm die Decke über den Unterleib breiten will, stutze ich kurz. Auf seinem Penis steht »NICHT ENTFERNEN« in großen schwarzen Druckbuchstaben – mit einem Filzstift der Länge nach untereinandergeschrieben, wie bei einem Kreuzworträtsel.

»Ah, Mr Bernard?«, sage ich. »Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber habe ich das gerade richtig gelesen?«

»Ja, ganz richtig.« Er lacht verschmitzt. »Bin ja froh, dass es Ihnen aufgefallen ist, bevor Sie mich einschläfern. Wollte mal Ihre Reaktion sehen.«

»Ich wüsste nicht, dass ich das schon mal gesehen hätte, Mr Bernard«, versichere ich ihm lachend. Ich leite den Witz an die anderen im OP weiter, die höflich mitlachen.

»Wollte nur ganz sichergehen, dass Sie heute Morgen gut ausgeschlafen sind.« Wieder ein kleines, verschmitztes Lachen.

Dann hebt er den Kopf vom Kissen und beobachtet aufmerksam über die Wärmedecke hinweg, wie ich seine Füße auf dem OP-Tisch zurechtrücke.

»Hey, Dr. Mitchell. Wie heißen Sie eigentlich mit Vornamen?«

»Ähm … Steven. Steve.«

»Steve.« Er wiederholt den Namen, als wolle er seinen Klang prüfen. »Sagten Sie eben, Sie wären Assistenzarzt?«

»Ja.«

»Assistenzarzt. Hmm. Und das heißt … dass Sie noch in der Ausbildung sind. Stimmt doch, oder?«

»Ja, das stimmt. Aber schon im letzten Jahr.«

»Sagen Sie, Steve, haben Sie letzte Nacht ausreichend geschlafen? Ich habe gelesen, dass die meisten Assistenzärzte völlig übernächtigt sein sollen und übermüdeten Ärzten mehr Fehler unterlaufen. Ich will hoffen, Sie haben letzte Nacht ordentlich geschlafen. Heute müssen Sie nämlich aus allen Rohren feuern, Steve.«

Er scheint ein netter Kerl zu sein, mit seinem NICHT-ENTFERNEN-Witz und überhaupt, weshalb ich aus einer Laune heraus und vielleicht etwas vorschnell beschließe, ihn ein bisschen auf den Arm zu nehmen – und das, obwohl ich die letzte Nacht ganz prima geschlafen habe und mich heute Morgen ziemlich ausgeruht fühle.

»Na ja, Mr Bernard, meine Sorge ist weniger, dass ich die ganze Nacht kein Auge zugetan habe. Aber ich wünschte, ich hätte heute morgen nicht so viel Hustensaft getrunken.« Den Spruch habe ich aus einem alten Film.

Mr Bernard runzelt die Stirn, mustert prüfend mein Gesicht über dem Mundschutz und scheint zu überlegen, ob ich das ernst meine oder nicht. Und schon bereue ich, es überhaupt gesagt zu haben. Was mir eben noch wie ein unglaublich geistreicher Witz vorkam, erscheint mir auf einmal gar nicht mehr so schlau.

Schließlich kommt Mr Bernard zu dem Schluss, dass ich wohl nur Spaß gemacht habe. Glaube ich zumindest. Er lacht, wenn auch etwas bemüht. Es klingt eher wie ein Grunzen.

Dr. Andrews betritt den OP. »Guten Morgen, Steve. Wie geht es Ihnen heute?«

»Gut, Bill, danke«, sage ich, froh über die Ablenkung. »Wir können anfangen, wenn Sie so weit sind.«

»Klasse.« Er beugt sich vor und flüstert mir ins Ohr: »Welcher Patient ist das?«

Ich drehe meinen Kopf und flüstere zurück: »Mr Bernard. Hochgradiges urotheliales Karzinom, wahrscheinlich T3. Keine Metastasierung, neoadjuvante Chemo abgeschlossen. Leichter Bluthochdruck, ansonsten gesund. Zimmermann von Beruf, noch vergleichsweise jung.«

Dr. Andrews nickt und tritt ans Kopfende des OP-Tischs. »Mr Bernard. Wie geht es Ihnen heute?«

»Hallo, Doc«, nuschelt Mr Bernard. Das Beruhigungsmittel, das der Anästhesist ihm verabreicht hat, beginnt schon seine Wirkung zu zeigen. Mich selbst beruhige ich mit dem Gedanken, dass Mr Bernard sich später wahrscheinlich nicht mehr an meine Bemerkung mit dem Hustensaft erinnern wird. Anterograde Amnesie nennt man das, eine häufige Nebenwirkung von Benzodiazepinen.

»Bereit zum Einsatz?«

»Welcher Einsatz?«

»Ihre Operation. Wir werden Ihnen heute morgen die Blase entfernen.«

»Warum?«

»Weil Sie Blasenkrebs haben.«

»Oh, ja … klar. Na gut … Hustensaft …« Seine Stimme klingt in einem Schnarchen aus.

»Hat er die Einwilligungserklärung unterschrieben?«, will Andrews von mir wissen und hebt fragend eine Braue über der geraden blauen Linie seines Mundschutzes.

»Natürlich.«

»Gut.« Die Braue kehrt zurück in ihre normale Position. »Ich muss nur noch mal eben für kleine Jungs. Fangt ruhig schon mal ohne mich an.«

»Machen wir, Bill.«

Als die Tür hinter ihm zufällt, meint der Anästhesist: »Ich hätte nicht gedacht, dass die Benzos ihn so ausknocken. Soll er die üblichen Antibiotika bekommen? Ihr nehmt in so einem Fall ein Gramm Cefotetan, oder?«

»Ja, Cefotetan. Unser Gift der Wahl.«

»Geht klar.«

Kurz darauf findet sich auch der Narkose-Oberarzt ein, und bis sie Mr Bernard vollständig außer Gefecht gesetzt und intubiert haben, gehe ich noch mal nach draußen, um mir Hände und Unterarme zu reinigen, komme dann wieder herein und ziehe mit Hilfe der OP-Schwester den sterilen OP-Kittel und Einweghandschuhe an. Während wir den sterilen Bereich einrichten und Mr Bernard einen Blasenkatheter setzen, plaudern die Schwester und ich über unsere jeweiligen Wochenenden.

»Skalpell bitte«, sage ich, strecke die Hand nach hinten aus und begutachte dabei schon mal Mr Bernards Unterleib. Mit gut eingespielter Routine reicht die Schwester mir das Skalpell. Ich schließe meine Finger um den Metallgriff, der noch warm ist vom Dampfsterilisator, genieße einen Augenblick das Gefühl, es einfach nur in der Hand zu halten, die Vorfreude zu spüren, die mich jedes Mal überkommt, ehe ich in die Haut schneide.

Ich setze einen vertikalen Schnitt in der Mitte von Mr Bernards Abdomen, der knapp unterhalb seines Bauchnabels beginnt und etwas oberhalb seines Penis’ endet, auf dem noch immer ganz schwach das NICHT ENTFERNEN zu erkennen ist, nun jedoch bräunlich überzogen von der sterilen Jodlösung, die Mr Bernards Haut bedeckt und es aussehen lässt, als hätte jemand eine Flasche Ahornsirup über ihm verschüttet.

Ich durchschneide die Haut und dringe zum sattgelben Fettgewebe vor, das sich direkt darunter befindet. Das Skalpell arbeitet präzise und scharf. Als ich das Fett durchtrenne, das von feinen Blutgefäßen durchzogen ist, beginnt es zu bluten, und meine weißen Handschuhe sind im Nu von hellroten Spritzern übersät, die meine Hände wie zwei in Bewegung geratene Jackson-Pollock-Bilder aussehen lassen, die sich, perfekt aufeinander abgestimmt, an der Eröffnung von Mr Bernards Bauchhöhle zu schaffen machen, um ihr Innerstes nach außen zu kehren. Routiniert arbeite ich mich durch die letzten Fettschichten und gelange zu den festen Bauchmuskeln.

»Skalpell kann weg«, sage ich und lege es hinter mir auf der Instrumentenablage ab.

»Skalpell weg«, wiederholt die Schwester und entfernt es zügig.

Jedem medizinischen Handeln liegt ein Werteprinzip zugrunde, von dem alle Ärzte sich bei der Behandlung ihrer Patienten leiten lassen sollten. Es lässt sich kurz und bündig in drei Worten zusammenfassen – jenem Wahlspruch, den auch die Gründerväter des University Hospitals vor über zweihundert Jahren in das Signum des Krankenhauses aufnahmen.

Primum non nocere.

Zum ersten Mal hörte ich die Worte während meines ersten Studienjahrs aus dem Mund eines älteren Professors, der ein Faible für wild gemusterte Fliegen und griechische Sentenzen hatte. Er verkündete sie mit großer Geste, lauschte den lateinischen Silben nach und ließ sie sich fast liebevoll auf der Zunge zergehen. Ihm zufolge geht der Spruch auf den griechischen Arzt Hippokrates zurück, eben jenen Hippokrates, dessen aus der Antike überlieferten Eid frisch gekürte Ärzte bis heute mit ihrem Examen ablegen.

Nun bin ich, wie gesagt, kein Historiker, aber ich kann mich noch gut erinnern, dass ich mich damals fragte, ob für Hippokrates, den alten Griechen, der lange vor dem Römischen Reich gelebt hatte, Latein wirklich die Sprache der Wahl gewesen wäre, um seine Morallehre in feierliche Worte zu fassen. Tatsächlich habe ich mittlerweile gelernt, dass es Galen war, ein griechischer Arzt aus nachchristlicher Zeit, der in Rom gelebt und die Schriften des Hippokrates übersetzt hat. Ihm verdanken wir vermutlich die lateinische Fassung.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ärzte werfen gern mit ein bisschen Latein um sich, aus dem einfachen Grund, weil es uns klug und gebildet klingen lässt. Der Kern von Hippokrates’ Botschaft ist jedoch in jeder Sprache derselbe.

Primum non nocere.

Zuerst einmal nicht schaden.

Das sagt sich so leicht. Doch wenn ein Chirurg operiert, fügt er oder sie dem Patienten immer Schaden zu – bisweilen sogar beträchtlichen.

Die Chirurgie ist eine edle, doch auch eine gewaltsame Kunst, blutig und brachial. Skalpelle durchschneiden gesunde Haut, um Zugang zu darunter liegenden erkrankten Organen zu schaffen. Kräftige, robuste Muskeln werden, oft stundenlang, mit stumpfen Metallhaken – den sogenannten Retraktoren oder Wundspreizern – auseinandergezwängt, um das »Operationsfeld« freizulegen.

Blutgefäße werden verbrannt, durchtrennt oder mit sterilen Fäden abgebunden. Unbeteiligten Zuschauern mag es wie ein Gewaltmarsch anmuten, wenn der Chirurg scheinbar ohne Erbarmen durch gesunde Körperteile marodiert, die zwischen ihm und dem Situs der Krankheit stehen.

In gewisser Weise ist jeder chirurgische Eingriff eine Verletzung des seit Hippokrates moralisch geforderten ärztlichen Handelns. Das wichtigste Werkzeug des Chirurgen, sozusagen sein Attribut, ist das Skalpell. Und ein Skalpell ist im Grunde … was? Nichts anderes als ein extrem scharfes Messer und somit eine Variante eines der frühesten von Menschen verfertigten Gegenstände, um anderen Lebewesen Schaden zuzufügen.

Der Chirurg führt sein Skalpell in bester Absicht; sein Ziel ist es zu heilen. Die angewandte Gewalt ist präzise, berechenbar und kontrolliert. Aber es ist und bleibt Gewalt, schlichtweg rohe, archaische Gewalt.

Ein weiteres Werkzeug, mit dem Chirurgen überschaubaren Schaden anrichten, ist der Elektrokauter. Nach seinem Erfinder James Bovie kurz »Bovie« genannt, funktioniert der Elektrokauter praktisch wie ein elektrisches Skalpell. Kauterisieren heißt, lebendes Gewebe durch Hitze, Kälte oder Chemikalien zu zerstören. Der Bovie brennt sich mit von elektrischem Strom erzeugter Hitze durch das Gewebe. Er ist ein stiftförmiges Instrument mit einer Metallspitze, die den Strom dort in den Körper des Patienten leitet, wo die Spitze ihn berührt. Der Chirurg kann den Strom per Knopfdruck ein- oder ausschalten. Wenn der Strom vom Kauter in den Patienten strömt, stößt er auf Widerstand, welcher wiederum Hitze erzeugt, die alles wegbrennt, was die Metallspitze berührt: Haut, Fett, Muskel, alles.

Wenn das Gewebe, das mit der Metallspitze des Bovie in Berührung kommt, verdampft, steigt feiner, bläulicher Rauch auf, der einen unverkennbaren Geruch verströmt.

Den Geruch verbrannten menschlichen Fleisches.

Ich nehme den Bovie zur Hand und beginne die blutenden Gefäße zu verschließen. Die Hitze des Bovie schmilzt auch das Fett weg, und ich sauge den vertrauten Geruch in mich auf.

Mein Gott, wie ich es liebe zu operieren.

Unglaublich, dass ich dafür sogar noch bezahlt werde.

Ich würde das auch umsonst machen.

Ganz ehrlich, ich wüsste nicht, was ich mit meinem Leben anfangen sollte, wenn ich nicht mehr operieren könnte.

Als die Blutung weitestgehend gestoppt ist, lege ich den Bovie beiseite und spreize mit den Fingern Mr Bernards Bauchmuskeln auseinander. Da sie sich ohne Widerstand trennen lassen, weiß ich, dass ich genau richtig liege – zwischen dem linken und rechten Musculus rectus abdominus, den mittleren Muskeln der vorderen Bauchwand. Die Schwester reicht mir eine Schere, und ich schneide das spinnennetzartige Gewebe weg, das noch zwischen mir und Mr Bernards Harnblase liegt. Jetzt stecken meine Hände tief in der Bauchhöhle – fühlen, tasten, suchen. Seine Gedärme schmiegen sich warm und feucht um meine Hände, als würde ich in einen Bottich mit warmem Wackelpudding fassen.

Ich arbeite zügig und komme gut voran. Andrews muss sich noch einen Kaffee oder weiß der Teufel was geholt haben, denn bis er zurückkommt, habe ich bereits den Bauchdeckenspreizer eingesetzt und mit Hilfe der Schwester sämtliche Lymphknoten aus Mr Bernards Becken herausgeschält. Wieder durchtrenne ich Blutgefäße und arbeite mich durch Fettgewebe, um Blase und Prostata für den nächsten Operationsschritt freizulegen: den wichtigsten und riskanteren Teil des Eingriffs, bei dem Andrews und ich Mr Bernard Blase und Prostata vollständig entfernen werden.

Darum geht es, das ist der Deal. Deswegen habe ich Medizin studiert. Operieren gibt mir den totalen Kick. Ich kann einfach nicht genug davon bekommen. Das Gefühl ist unbeschreiblich, es ist wie ein Rausch.

Ein Freund von mir auf dem College meinte mal, dass es mit Pizza so ähnlich wäre wie mit Sex: Wenn es gut ist, ist es göttlich, und wenn es schlecht ist … immer noch ziemlich gut. Genauso geht es mir mit dem Operieren. Wenn es bei einer Operation gut läuft, ist es die absolute Ekstase, das pure Glück, absolut unbeschreiblich, ein Adrenalinschub, der einen in ungeahnte Höhen katapultiert.

Und wenn es bei einer Operation mal nicht so gut läuft, finde ich es immer noch ziemlich klasse.

Ich habe nie Sport getrieben, zumindest nicht ernsthaft. Aber einige meiner Kollegen, die auf der Highschool und am College richtige Sportskanonen waren, haben mir glaubhaft versichert, dass sich während einer gut laufenden Operation bei ihnen ein »Flow« einstelle, jener Bewusstseinszustand, den sie sonst nur bei sportlichen Höchstleistungen erreichen würden.

Der Flow ist ein geistiges Nirwana, in dem die Zeit sich verlangsamt, Widerstände sich auflösen und komplizierte Bewegungsabläufe sich so mühe- und makellos ausführen lassen, als wäre man schwerelos. Zwanzig Punkte in einem Play-off-Spiel zu erzielen – oder einen Bypass zu legen – erscheint einem dann so lächerlich einfach, wie mit einer Tüte Chips vor der Glotze zu hocken.

Das Problem ist, dass man nicht immer im Flow sein kann. Egal, womit man sich seinen Lebensunterhalt verdient, ab und an haben wir alle mal einen schlechten Tag. Einen Tag, an dem einfach nichts klappt und man nur den Feierabend herbeisehnt, um nach Hause zu schleichen und sich ein paar Drinks hinter die Binde zu kippen, in der Hoffnung, dass es am Tag darauf besser läuft.

Ärzte sind da keine Ausnahme. Chirurgen auch nicht. Auch Chirurgen haben ihre schlechten Tage, Tage, die so mies laufen, dass man sie am liebsten sofort vergessen würde. Manche Chirurgen haben allerdings mehr miese Tage als andere. Gute Chirurgen zeichnen sich in aller Regel dadurch aus, dass sie auch an schlechten Tage gute Leistung bringen. Will sagen, ein schlechter Tag für einen guten Chirurgen sollte für den Patienten nicht allzu schlecht ausgehen. Gute Chirurgen können schlechte Tage wegstecken, ohne dass der Patient den Unterschied überhaupt merkt.

Wohingegen schlechte Chirurgen … nun ja, ich kann es mir nur vorstellen. Einer meiner Professoren (ein ganz hervorragender Chirurg) hat die Angewohnheit, immer dann, wenn es für ihn im OP nicht so rund läuft, abgrundtief zu seufzen und mich daran zu erinnern, dass es auch noch schlimmer kommen könnte, dass nämlich in diesem Augenblick irgendwo auf der Welt ein richtig schlechter Chirurg gerade so einen richtig schlechten Tag hat.

Und Gott allein möge dem Patienten dieses schlechten Chirurgen an diesem schlechten Tag beistehen.

Aber heute ist kein schlechter Tag. Alles läuft rund, und ich fühle mich großartig. Wahrscheinlich bin ich im Flow, denn selbst für meine Verhältnisse operiere ich extrem gut. Ein anderer meiner Professoren meinte einmal zu mir, während der letzten zehn Jahre hätte niemand das Ausbildungsprogramm durchlaufen, der eine solche chirurgische Begabung mitbringe wie ich. Mein Talent liegt vermutlich darin, mich von meinem Gespür leiten zu lassen. Meine Intuition sagt mir, wo ich ansetzen soll, wie ich vorgehen, was ich als Nächstes tun muss.

Ich meine, selbst einem Schimpansen könnte man beibringen, jemanden zu operieren. Aber ein Schimpanse wird niemals das können, was ich kann. Ich habe das Zeug dazu, das Prozedere auf den nächsten Level zu bringen, aus dem Handwerk eine Kunst zu machen. Mr Bernard wäre vermutlich überrascht – und in nicht geringem Maße beunruhigt –, wenn er wüsste, dass seine Operation in weiten Teilen von mir ausgeführt wurde, dem Assistenzarzt, dem Azubi! Aber Andrews, jünger und weniger vertraut mit diesem Eingriff als seine älteren Kollegen, überlässt mir bereitwillig auch die anspruchsvollen Schritte der Operation, an die er, wie ich weiß, andere Assistenzärzte gar nicht erst heranließe. Praktisch im Alleingang nehme ich Mr Bernards Blase heraus und forme ihm aus einem Stück Dünndarm eine neue.

Für die ganze Aktion brauchen wir in etwa fünf Stunden. Gegen Ende bemerke ich, dass Gigi hereingehuscht kommt, um die letzten Schritte mit zu verfolgen. Andrews mag während einer OP nicht gestört werden. Vor ein paar Jahren habe ich mal miterlebt, wie er eine Studentin zur Schnecke gemacht hat, die ihm an einem extrem heiklen Punkt einer extrem heiklen OP eine an sich harmlose, aber denkbar schlecht getimte Frage gestellt hat. Andrews ist völlig ausgerastet und hat sie so derbe beschimpft, dass sie schließlich heulend aus dem OP gerannt ist.

Ein solches Verhalten, wie es früher gang und gäbe war, als Chirurgen noch als Halbgötter in Weiß über ihren OP herrschten, von allen gefürchtet und von niemandem in Frage gestellt, wird mittlerweile weder an den Hochschulen noch an Krankenhäusern geduldet. Aus gutem Grund: Sowie ihre Tränen getrocknet waren, hat besagte Studentin eine schriftliche Beschwerde eingereicht und damit gedroht, einen Prozess gegen die medizinische Fakultät und das Krankenhaus anzustrengen und die Geschichte zudem an die Lokalpresse durchzureichen, hatte Andrews sich bei seinem kleinen Wutausbruch doch zu einer recht drastischen Wortwahl verstiegen. Angeblich soll das University Hospital eine stolze Summe ausgespuckt haben, um die Studentin zum Schweigen zu bringen, und Andrews wurde dazu verpflichtet, ein Antiaggressionstraining zu absolvieren, wenn er seinen Job behalten wollte.

Viel gefruchtet hat es in seinem Fall nicht. Weshalb ich vorsichtshalber so tue, als hätte ich Gigi nicht bemerkt, und sie ist klug genug, sich im Hintergrund zu halten und keinen Ton von sich zu geben.

Wir schließen den Eingriff ab; dass er so schnell und leicht vonstattenging, hat Andrews in gute Laune versetzt. »Astreiner Job, Steve.« Er streckt die Hand aus, und ich schlage ein. Über dem saftigen, rot-gelb klaffenden Maul von Mr Bernards geöffnetem Bauchraum beglückwünschen wir uns zu unserer guten Arbeit. »Ein fantastisches Händchen haben Sie, das muss man Ihnen ja lassen.«

»Danke, Bill.«

»Den Rest schaffen Sie allein?« Kittel und Handschuhe hat er bereits ausgezogen, als sei es selbstverständlich, dass meine Antwort positiv ausfällt. Vielleicht ist es ihm auch einfach egal.

»Natürlich. Kein Problem.«

»Danke. Und wenn was ist, rufen Sie mich.« Vergnügt vor sich hin pfeifend verlässt er den OP, ohne Gigi überhaupt bemerkt zu haben.

Jetzt fehlt mir allerdings ein zusätzliches Paar Hände, um Mr Bernards Bauch zusammenzunähen.

»Gigi, was meinst du, kannst du dich schnell steril machen und hier mit anpacken?«

»Machst du Witze? Bin in einer Sekunde wieder da!« Sie hechtet aus dem OP und ist so schnell zurück, wie das Reinigungsprotokoll es gerade noch erlaubt.

Nachdem sie Kittel und Handschuhe angezogen hat, tritt sie mir gegenüber an den OP-Tisch. »Steve«, fragt sie aufgeregt, »könnte ich vielleicht die Fasziennaht machen? Bei meiner Rotation in der Unfallchirurgie durfte ich das schon ganz selbstständig ausführen.«

Ich zögere. Die Fascia superficialis ist die kräftigste Gewebeschicht des Bauchraums; sie muss Mr Bernards Bauch zusammen- und seine inneren Organe an Ort und Stelle halten, weshalb ich ihren Verschluss normalerweise keiner Studentin anvertrauen würde. Aber bei Gigi habe ich irgendwie ein gutes Gefühl. Sie macht einen kompetenten Eindruck, so als wäre es ihr durchaus zuzutrauen. Außerdem bin ich ja auch noch da und kann jederzeit eingreifen, sollte sie anfangen, die Sache zu vergeigen.

»Na gut. Versuch es mal. Bist du Rechtshänderin?«

»Ja.«

Ich reiche ihr den Nadelhalter und die chirurgische Pinzette an. Der Nadelhalter sieht im Prinzip aus wie eine Schere, zwischen deren gezahnten Backen eine dünne, halbkreisförmige Nadel eingespannt wird, die in etwa den Durchmesser eines Ein-Dollar-Stücks hat. An der Nadel ist ein knallblauer, resorbierbarer Faden befestigt, der ungefähr die Stärke eines ungekochten Spaghettos hat. Dieser Faden wird Mr Bernards Bauch so lange zusammenhalten, bis das Gewebe wieder zusammengewachsen ist. Irgendwann wird der Faden sich auflösen, aber erst, wenn die Wundheilung abgeschlossen ist.

»Okay, fang mal hier an.« Ich zeige auf eine Stelle am unteren Rand des Einschnitts. Mit sicherer Hand sticht Gigi die Nadel in das dicke weiße Bindegewebe ein, das die Stärke und sehnige Konsistenz von Trockenfleisch hat.

Sie ist gut. Richtig gut. Sie handhabt Nadelhalter und Faden mit einem Geschick und einer Geschwindigkeit, die man bei Medizinstudenten sonst eher selten zu sehen bekommt.

»Gute Technik. Normalerweise lasse ich Studenten an so etwas noch gar nicht ran. Ich hoffe, du weißt das Vergnügen zu schätzen.«

»Oh ja, definitiv. Vielen Dank, Dr. Mitchell.«

»Kein Problem. Und nenn mich doch bitte Steve.«

»Danke, Steve. Das ist wirklich toll.«

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