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Auf einem Auge blind

Thomas Raiber

Auf einem Auge blind

Wissenschaft und Glaube:

Als Physiker im Vatikan.

Zweite erweiterte Auflage

Inhalt

Einleitung zur zweiten Auflage

Einleitung zur ersten Auflage

Um was geht es in Physik?

Von der Beobachtung zur Maschine

Physik und Realität: Teilchen oder Welle?

Theologie und Realität

Der Gödelsche Gottesbeweis

Wissenschaft und/oder Theologie?

Technik im Religionsunterricht

Der Fall Galilei

Miteinander von Naturwissenschaft und Religion?

Naturwissenschaft ohne Religion?

Vom Wert der Ethik und Religion

Ist Glaube noch vernünftig?

Realität außerhalb der Physik

Mit gutem Grund glauben

Zwei Realitäten: Wunder

Wissen und Glaube: zwei Modelle – zwei Welten

Was bringt Religion für die Menschheit?

Warum Ökumene so wichtig ist?

Was spricht für die römisch-katholische Kirche?

Glaube ist vernünftig

Was schreckt an der Kirche ab?

Kirche wo bist du?

Der neue Luther

Ist die deutsche Kirche noch zu retten?

Der Praktiker: Papst Franziskus

Ist die Kirche am Ende?

Die Kirche stürzt ab

Liturgie und Kirche

Kritische Anfragen an die Kirche

Sexualität und Ehe

Priester und Zölibat

Frauen und Kirche

Kirche und Macht und Missbrauch

Kirche und Moral

Kirche und Kirchensteuer

Barmherzigkeit und Demut

Die Welt und Gott

Vernunft und Religionen

Glaube ist mehr als Vernunft

Nachwort zur ersten Auflage

Literaturverzeichnis

Einleitung zur zweiten Auflage

Die Reaktionen der Leserinnen und Leser auf die erste Auflage meines kleinen Büchleins über Glaube und Vernunft war sehr überraschend. Es gab negative und positive Reaktionen. Vor allem Profis mit theologischer Ausbildung meinten im Buch sei recht wenig Neues enthalten und in ihrem theologischen Studium hätten sie alles irgendwie schon gehört. Doch bei den Profis gab es auch Ausnahmen, die dieses kleine Büchlein sogar als Lektüre ihren Studierenden empfehlen wollen.

Andere wiederum meinten, dass das Buch zu viel Kritik an der deutschen Kirche enthalten würde. Ich solle mich deshalb nicht wundern, wenn versucht werde, das Buch „klein zu reden“.

Da die erste Auflage – ebenso wie diese zweite – in Rom im Vatikan geschrieben wurde, habe ich jeweils ein Exemplar meinen „Nachbarn“ Papst Franziskus und Papst em. Benedikt zukommen lassen. Von beiden erhielt ich eine Rückmeldung! Bei Papst Franziskus war das Antwortschreiben allgemeiner Art. Überrascht war ich, dass mein Exemplar an Papst em. Benedikt von seinem Sekretär Erzbischof Georg Gänswein zumindest teilweise gelesen worden war. Ich erhielt ein zweiseitiges handgeschriebenes Dankschreiben mit den Worten: „…Eine erste Einsicht in diese Publikation verspricht aufschlussreiche und originelle Überlegungen und Beobachtungen. Und man merkt gleich, dass Sie vatikanische Luft „geschnappt“ haben. Die tut gut und weitet Herz, Sinne und Horizont…“. Diese Antwort hat mich gefreut, zeigt sie mir doch, dass die Kirche in Rom mit Anregungen viel gelassener umgeht als in meiner Heimatdiözese.

Bestimmt jedoch war das Buch vor allem für jene Menschen, die Glaube und Welt nicht mehr zusammenbringen können und die sich deshalb von der Kirche entfernt haben. Einen Personenkreis, dem ich in meinem Beruf an der Hochschule oft begegne.

Dass das Buch in diesen Kreisen gelesen und dann vielfach weitergegeben wurde, das hat mich sehr gefreut. Darzustellen, dass Glaube und Vernunft kein Widerspruch sind, dies ist Ziel dieses Buches.

Bei der Weihe des Diakons wird diesem das Evangelium überreicht mit den Worten: „Verkünde das Evangelium – was du verkündigst das glaube – was du glaubst das lebe.“ Diese Regel gilt für jeden Christen insbesonders für die Verkündiger des Glaubens: ihre Bischöfe, Priester, Diakone und pastoralen Mitarbeiter. Es ist dann eine Perversion des Glaubens, wenn nicht wenige dieser Personen Kinder und Jugendliche sexuell missbrauchen. Schon in der ersten Auflage wurde über den Missbrauch berichtet. Jetzt nach Abschluss einer ersten Studie musste dieses Kapitel leider überarbeitet und ergänzt werden. Ebenso das Kapitel über die Zukunft der deutschen Kirche, wo inzwischen eine Zukunftsprognose veröffentlicht wurde.

Ich wurde auch öfters gefragt, warum ich dieses Buch in Rom geschrieben habe. An der Technischen Hochschule Ulm lehre ich Physik und Strahlenmesstechnik. Dort an meinem Arbeitsplatz gilt die Logik der Mathematik und nur das Messbare und das Überprüfbare zählen. Gesucht habe ich einen Ort, wo die Maßstäbe des Glaubens angelegt werden. Ich wählte deshalb das Zentrum der katholischen Kirche: den Vatikan in Rom, wo ich in annähernd klösterlicher Gemeinschaft im „Campo Santo Teutonico“ gleich neben dem Wohnsitz des Papstes „Santa Marta“ leben und schreiben durfte.

In den vergangenen zwei Jahren sind einige meiner Abschnitte sehr aktuell geworden. So wurde die Endfassung der Studie des Missbrauchs Minderjähriger (MHG-Studie) vorgestellt. Diese neuen Zahlen habe ich jetzt eingearbeitet und einiges ergänzt. Auch sind neue Studien über die Zukunft der Kirche veröffentlicht worden. Als Folge des Missbrauchsskandals ist zudem die Frage nach der Diakonen-, Priesterweihe und auch der Bischofsweihe für Frauen in voller Schärfe ausgebrochen (Stichwort: Maria 2.0). Hier behalten die Anmerkungen der ersten Auflage ihre volle Gültigkeit.

Vatikan, Frühjahr 2019

Einleitung zur ersten Auflage

Wer an einer technischen Hochschule Unterricht in Physik und Strahlenmesstechnik erteilt und dazu noch einen kleinen Kernreaktor betreibt, der bleibt von Fragen nach den Folgen von Wissenschaft und Technik nicht verschont. Zeigte sich doch allein durch den Abwurf der Atombomben in Hiroshima und Nagasaki, welche schrecklichen Gefahren Wissenschaft und Technik mit sich bringen. Auf der anderen Seite wird radioaktive Strahlung mit großem Erfolg in der Medizin, in der Diagnostik und bei der Bekämpfung von Krebs eingesetzt. Bereits die meist emotionale Diskussion um den Schaden und Nutzen der Kernenergie mit Studierenden führt mitten hinein in das Problem: was soll und darf ein Wissenschaftler oder Ingenieur? Einer Frage, der sich nicht nur der Kerntechniker, sondern jeder Lehrende zu stellen hat.

Bis ins späte Mittelalter hat man diese Frage: „was soll und darf der Mensch und was ist das Ziel der Menschheit?“ eindeutig dem Bereich Religion zugeordnet. Die Theologie und damit verbunden die Institution Kirche gab Leitlinien für das Handeln des Einzelnen und der Gesellschaft vor. Mit der Aufklärung hat die Kirche diesen Einfluss verloren. An ihrer Stelle versucht eine eigenständige Ethik, die ohne die Existenz eines Gottesbegriffs auskommt, für diese Fragen Leitlinien zu geben. Eine Ethik, die an technischen Universitäten aber meist ein Schattendasein fristet.

Nach der Vorlesung wartet ein Student auf mich. Er hat meinen Namen gegoogelt und dabei entdeckt, dass ich neben meinem Beruf an der Hochschule noch als katholischer Diakon ehrenamtlich in der Kirche mitarbeite. Schließlich traut er sich und fragt: „Wieso sind sie in der Kirche Diakon – ich habe gedacht als Physiker muss man doch ein vernünftiger Mensch sein?“ Diese Frage macht erschreckend deutlich, wie weit die Kirche und mit ihr die Religion von vielen jungen Menschen entfernt ist; wie abgehoben und realitätsfern die Kirche von vielen empfunden wird und wie wenig Zuversicht und Kompetenz die christlichen Kirchen ausstrahlen.

Es ist ja nicht so, dass junge Menschen heute weniger religiös sind als früher. Wie immer schon stellen sie Fragen nach dem Woher und Wohin in ihrem Leben. Aber zur Kirche gehen sie mit ihren Fragen nicht mehr. Sie erwarten von ihr keine Hilfe. Auch die Kirche hat weitgehend den Kontakt zu jungen Menschen verloren und so werden diese mit ihren Fragen allein gelassen oder suchen sich woanders eine Antwort. Dass einige ihre Antworten bei christlichen oder islamistischen Extremisten finden, ist eine gefährliche Tatsache und macht die Frage nach der Religion noch aktueller.

Woran liegt es, dass die moderne Welt und Religion, dass Naturwissenschaft und Theologie für viele so unvereinbar erscheinen? Ist es nur ein Kommunikations- oder Propagandaproblem oder steckt mehr dahinter? Gibt es den Weg eines fruchtbringenden, gemeinsamen Miteinanders?

Diese Arbeit will diesen Fragen nachgehen und Anregungen geben. Sie erhebt nicht den Anspruch wissenschaftlich zu sein. Manches ist unvollkommen – vielleicht sogar fehlerhaft. Sie ist geschrieben für alle Menschen, die auf der Suche sind – auch für meine vier Kinder – in der Hoffnung, dass es mir gelingt zu zeigen, dass Wissen und Glaube kein Widerspruch sein müssen. Naturwissenschaft und Religionen müssen wieder zueinander finden, um gemeinsam Antworten zu finden. Die ethischen Fragen der Gegenwart sind so existenziell, dass die Scheuklappen und Vorurteile der letzten Jahrhunderte aufgegeben, Fehler eingestanden und Lösungen schnell gefunden werden müssen.

Vatikan, Frühjahr 2017

Um was geht es in Physik?

Will man den Konflikt zwischen den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften verstehen, so muss zunächst geklärt werden, was die einzelnen Begriffe bedeuten und insbesondere, wie sie sich selbst verstehen. Bei den Naturwissenschaften beschränken wir uns zunächst auf die Physik, die zusammen mit der Mathematik die Grundlage für alle Naturwissenschaften ist.

Die eigentliche Physik beschränkt sich auf leblose Materie wie Sterne, Festkörper, Flüssigkeiten und Gase. Sie betrachtet diese Dinge unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkt: sie müssen durch ein Messgerät (Meterstab, Waage, Thermometer, Voltmeter, …) messbar sein. Dabei muss die jeweilige Messgröße (Länge, Masse, Temperatur, Spannung, …) eindeutig definiert sein.

Über Dinge und Phänomene, die nicht definiert messbar sind, kann die Physik keine Aussage machen. Diese Feststellung ist sehr wichtig, sie bildet den Ausgangspunkt für alle weiteren Überlegungen. Hierbei darf die Aussage „nicht messbar“ nicht verwechselt werden mit der Behauptung, dass etwas nicht existiert. Dies wird im alltäglichen Gebrauch oft falsch verstanden und entsprechend werden dann falsche Schlüsse gezogen. Nehmen wir als Beispiel die Erdstrahlen. Manche Menschen scheinen fähig zu sein mit Wünschelruten Wasseradern in der Erde aufzuspüren. Sie fühlen Strahlen, die durch diese Adern ausgehen. Existieren nun derartige Strahlen? Man ist als Physiker in Versuchung nein zu sagen, weil diese Strahlen nicht messbar sind. Aber die korrekte Sprechweise ist: ich kann als Naturwissenschaftler dazu keine Aussage machen! Erst wenn es mir gelingt eine Messmethode und ein Messgerät zu finden, das derartige Strahlen messen kann, erst dann kann ich mit dem Messgerät messen, ob Strahlen vorhanden sind oder nicht und dann erst ist eine physikalische Aussage möglich.

Nimmt man diese Definition der Physik ernst, dann wird klar, dass gerade die Themen, die um die Religion und Philosophie kreisen, außerhalb der physikalischen Realität liegen. Der theologische Begriff Gott ist ja gerade dadurch gekennzeichnet, dass er einen Urgrund außerhalb der physikalischen Zeit und des physikalischen Raumes bezeichnet. Gleiches gilt auch für andere Bereiche unseres Lebens, die zwar real existieren, aber physikalisch nicht messbar sind. So lassen sich zum Beispiel die Schönheit und damit auch der Wert eines Kunstwerkes nicht messen.

Wenn nun aber die Physik an sich so beschränkt ist, wie kann es dann zu einem Konflikt zwischen Physik und Religion, zwischen Technik und Geisteswissenschaften kommen?

Eine der Hauptursachen dürfte sein, dass das sich Beschränken auf das Messbare und das daraus folgende Vorgehen der Naturwissenschaften zu Erkenntnissen geführt haben, die unseren Alltag radikal verändert haben. Denken wir dabei an die vielen Entwicklungen in Bereichen wie Strom, Computer, Handy, TV, Auto, Kernkraft und vieles mehr. Diese zahlreichen Erfolge haben dazu geführt, dass die Vorgehensweise der Physik auch in weiteren Disziplinen wie der Chemie und Medizin, ja sogar in die Geisteswissenschaften, eingedrungen ist und dort die gängige Arbeitsweise ist.

Diesem grandiosen Erfolg konnte sich auch die Philosophie nicht verschließen. Im neuzeitlichen Materialismus gilt nur das als wahr und real und damit als existent, was auch messbar ist. Denken, Fühlen und Handeln wird als Folge von letztlich physikalischen Abläufen gesehen. Der Mensch verliert seine vermeintliche Freiheit und ein Gott, der als Schöpfer der Urgrund alles Seins ist, wird, da nicht messbar, zur Illusion und damit verzichtbar: Gott ist tot – und damit sind auch religiöse Fragen jeglicher Art für den so denkenden Menschen überflüssig.

Ist diese Aussage haltbar? Gibt es Alternativen? Ich glaube es lohnt sich, das so erfolgreiche Vorgehen der Physik einmal genauer anzuschauen.

Von der Beobachtung zur Maschine

Nehmen wir den bekannten Physiker Isaac Newton (1643–1727). Von ihm wird erzählt, dass er unter einem Baum lag und beobachtete, wie ein Apfel vom Baum fällt. Am Anfang seiner Vorgehensweise steht die Beobachtung. Newton sah weiter, dass auch Birnen und Blätter usw. zu Boden fallen. Er macht nun den zweiten physikalischen Schritt. Er behauptet: alles fällt auf den Boden. Stimmt das? Es folgen wieder Beobachtungen oder Messungen. Es gibt Widersprüche: Wolken fallen nicht nach unten? Warum aber steigt ein mit Helium gefüllter Ballon nach oben? Newton präzisiert seine Aussage: alles was schwer ist fällt auf die Erde. Und damit es dann passt, berücksichtigt er auch die Luft und den Auftrieb. Jetzt gibt es für ihn keinen Widerspruch mehr zwischen Beobachtung und Messung.

Als nächster Schritt kommt der kreativste und wichtigste Teil des Wissenschaftlers: Die Erklärung, warum das so ist. Gibt es ein Prinzip dem alles gehorcht? Noch präziser: gibt es eine „einfache“ Erklärung – ein Modell? Und bei jedem Lösungsansatz gilt: Stimmt er mit den Beobachtungen überein? Newtons Vorschlag ist genial: Er betrachtet die Erde als einen Körper und den Apfel als einen Körper. Beide Körper ziehen sich gegenseitig an!

Jetzt bleibt noch die Frage zu klären, wie sich die Körper anziehen. Eine Formel muss her. Ohne Mathematik geht es nicht. Es ist schnell klar: Die Kraft F hängt von den Massen m1 und m2 der beiden Körper ab, die sich gegenseitig anziehen. Dazu spielt auch noch der Abstand r der beiden Körper eine Rolle – dies zeigen Messungen. Und zum Schluss steht die fertige Formel da, mit der sich die Anziehungskraft berechnen lässt und die allen Beobachtungen und Messungen standhält:

Mit dieser Formel lässt sich jetzt prima berechnen, wie ein Apfel auf die Erde fällt. Doch ob das Modell etwas taugt zeigt sich erst, wenn ich es weitgehender anwende: Auf die Anziehung von Mond und Erde oder von Sonne und Erde. Passt da alles? Kann ich mit der Formel bisher nicht Verstandenes erklären (z.B. Flut und Ebbe) und kann ich mit ihr vielleicht eine Maschine bauen, die mir die Arbeit und das Leben erleichtert?

Mit dem eben beschriebenen Modell der Gravitation von Newton wurden die Grundlagen geschaffen, um die Entdeckungen und Forschungen von Galilei (1564–1642) und Kepler (1571–1630) erklären zu können. Auch heute müssen sich Schüler und Ingenieure mit der Newtonschen Mechanik auseinandersetzen, um Bewegungen und Kräfte für technische Objekte wie Zahnräder oder Brücken und vieles mehr zu berechnen.

Ist die Sache mit dem Apfel nun endgültig geklärt? Wissen wir, warum und wie er nach unten fällt? Auf den ersten Blick scheint es so.

Es war der in Ulm geborene Physiker Albert Einstein (1879–1955), der ein erweitertes Modell vorstellte. Es ist nämlich so, dass die nach Newton errechneten Werte mit den gemessenen Werten bei sehr hohen Geschwindigkeiten (nahe der Lichtgeschwindigkeit) nicht mehr übereinstimmen. Hier versagt das von Newton entwickelte Modell. Eine neue Theorie musste her. Die Relativitätstheorie von Einstein konnte die Abweichung erklären und löste somit (bei hohen Geschwindigkeiten) die Newtonsche Mechanik ab. Wie sich herausstellte gelten auch im atomaren Bereich die Gesetze von Newton nicht mehr exakt. Hier muss man auf die Quantentheorie zurückgreifen.

Es ist für den Konflikt zwischen Physik und Theologie sehr wichtig, dass der Begriff des „Modells“ in der Physik korrekt angewendet wird. Ein erster Konfliktpunkt zwischen Kirche und Physik entstand nämlich ganz am Anfang der modernen Physik, als Galilei, der Beobachtung und Messung als grundlegendes Prinzip postulierte, mit der Kirche in Konflikt geriet. Die Auseinandersetzungen um Galilei haben das Verhältnis von Kirche und Wissenschaft bis heute – wie ich glaube unnötig – vergiftet. Doch darüber später.

Zunächst bleibt festzuhalten, dass die Physik sich auf Dinge beschränkt, die messbar sind. Dass sie mit dieser Arbeitsvorgabe so erfolgreich war, bedeutet nicht, dass es keine Realität außerhalb des messbaren Bereichs geben kann. Nur kann dieser von der Physik nicht erfasst werden. Fast alle großen Physiker wie Einstein, Heisenberg, Bohr, Planck und Hawking haben dies so akzeptiert und sich oft intensiv mit religiösen Fragen beschäftigt.

Im Gegensatz dazu ist es oft so, dass besonders Personen, die in technischen Berufen in den angewandten Wissenschaften arbeiten, die Grenzen der Physik und damit auch die ihres eignen Bereichs nicht mehr sehen. Sie gehen davon aus, dass das physikalische Modell nicht nur eine Sichtweise ist und deshalb nur eine bestimmte Realität beschreibt, sondern dass das Modell einfach „die Realität“ ist. Dass dies nicht korrekt ist, zeigt deutlich ein Versuch in der Physik aus dem Bereich der Optik.

Es ist für das Verständnis der Naturwissenschaft sehr wichtig, wie sie sich eigentlich versteht und welche Grenzen sie grundsätzlich hat. Nur so kann sie richtig eingeordnet werden. Ein kleiner Ausflug in die Physik kann hier anschaulich an einem Beispiel aufzeigen, was Physik ist und wo sie endet. Dieser Ausflug ist nur kurz und Formeln oder derartiges werden nicht vorkommen. Wer das gelesen hat, wird vielleicht eine neue Sichtweise darüber erlangt haben, was Realität in der Wissenschaft bedeutet.

Physik und Realität: Teilchen oder Welle?

Es gab nämlich über längere Zeit hinweg in der Optik einen Streit darüber, wie das Modell für Licht auszusehen hat. Verhält sich das Licht wie ein Teilchen (Photon) oder wie eine Welle? Zwei Modelle, die sich grundlegend unterscheiden. Welches Modell eignet sich besser um die Beobachtungen und die Versuche zu erklären?

Der Versuch mit einem Doppelspalt verhalf der Wellenoptik, die von Huygens (1629–1695) entwickelt worden war, zum Sieg! Wird im Doppelspaltexperiment ein Spalt (entweder Spalt 1 oder Spalt 2) abgedeckt, so ergibt sich hinter dem einzelnen Spalt das erwartete Signal (Abbildung 1).

Abbildung 1: Spalt 2 ist abgedeckt.

Abbildung 2: Spalt 1 ist abgedeckt

Abbildung 3:

Licht oder ein Elektron trifft auf einen Doppelspalt. Es ist kein Teilchenzähler D eingeschaltet bzw. ein Detektor ist nicht vorhanden.

Sind dagegen beide Spalte offen und trifft der Lichtstrahl auf den Doppelspalt (siehe Abbildung 3), so gibt es hinter diesem Doppelspalt eine Lichtverteilung, die man nur mit dem Modell von Licht als Welle erklären kann. Damit schien klar: Licht ist eine Welle!

Es war Einstein 1905, der dieses Modell in Frage stellte. Sein beobachteter Fotoeffekt ließ sich nur erklären, wenn man annimmt, dass das Licht ein Teilchen (Photon) ist!

Ja was denn nun: Ist Licht ein Teilchen oder eine Welle?

Gleiches gilt für bewegt Elektronen. Einige Experimente lassen sich erklären, wenn man annimmt, dass Elektronen einzelne Teilchen sind, andere hingegen werden erklärt, wenn man voraussetzt, dass auch Elektronen eine Welle sind.

Noch verrückter wird es, wenn man den Doppelspaltversuch erweitert. Nach dem Teilchenmodell von Einstein müsste ein einfallendes Lichtteilchen (oder Elektron) entweder durch Spalt 1 oder Spalt 2 fliegen. Setze ich einen Teilchenzähler (Detektor D) neben einen Spalt, dann kann ich messen, durch welchen Spalt das Photon bzw. das Elektron geht. Doch jetzt passiert ein neuer Effekt: Sobald ich weiß, durch welchen Spalt das Teilchen durchgegangen ist, verändert sich das Ergebnis und es ergibt sich eine Verteilung, wie sie von Teilchen erwartet wird.

Abbildung 3:

    Signal beim Doppelspaltexperiment, wenn be Kannt ist, durch welchen Spalt das Teilchen (Licht, Elektron, …) gekommen ist

Vereinfacht gesagt kann ich mit dem Doppelspaltversuch zeigen, dass das Licht oder ein Elektronenstrahl aus einzelnen Teilchen besteht und sich entsprechend ausbreitet. Ich kann aber – mit einer kleinen Änderung im Versuchsaufbau – ebenso zeigen, dass sich Licht oder ein Elektronenstrahl wie eine Welle verhält. Damit kommen wir zu folgendem Ergebnis: Licht ist also eine Welle oder (!) ein Teilchen, je nachdem wie wir es betrachten und messen.

Den Physikern bleibt nun nichts Anderes übrig als pragmatisch zu sein. Je nachdem welchen Versuch sie machen, nehmen sie einfach das eine oder das andere Modell. Mal ist Licht ein Teilchen, mal eine Welle.

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