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Auf dünnem Eis

Über die Autorin

Lydia Benecke arbeitet als selbstständige Psychologin und als Therapeutin, unter anderem in einer Sozialtherapeutischen Einrichtung des Strafvollzuges mit schweren Straftätern, und hält regelmäßig Vorträge für ein breites Publikum. Als Co-Autorin von Aus der Dunkelkammer des Bösen war sie mit beteiligt an einem Bestseller, der in mehrere Sprachen übersetzt wird. Mehr über sie unter www.benecke-psychology.com

Gewidmet
meiner Schwester im Herzen Vanessa Pastor
sowie vier sehr guten Freunden:
Laura Brandt, Henrik Hoemann, Sebastian Burda,
und Eva Körner.

Danke für eure Gastfreundschaft,
durch die ich in sicheren Häfen schreiben konnte,
und für eure wertvollen Gedanken,
die mir bei der Entwicklung dieses Buches halfen.

Wir können leugnen, dass unsere Engel existieren.
Uns einreden, dass sie nicht wirklich sein können.

Aber sie tauchen trotzdem auf,
an seltsamen Orten und zu seltsamen Zeiten.

Sie können durch jede Person sprechen,
die wir uns vorstellen können.

(Aus dem Film »Sucker Punch«)

Inhalt

  1. Vorwort
  2. Kapitel 1 | Ein tödlicher Traumprinz
  3. Kapitel 2 | Alice im Verbrecherland: Die Faszination des Bösen
  4. Kapitel 3 | Gefährliche Dummheit: Vorurteile über schwere Straftaten, Straftätertherapie und Knastalltag
  5. Kapitel 4 | Die Welt echter Psychopathen: Ein endloser Maskenball
  6. Kapitel 5 | Der Psychopathie-Baukasten: Grauschattierungen zwischen Licht und Schatten
  7. Kapitel 6 | Unsichtbare Psychopathen: Die echten Dexters
  8. Kapitel 7 | Die verbotene Frucht - Erkenntnis von Gut und Böse
  9. Kapitel 8 | Das Eis wird dünner: Eine psychopathische Mutter
  10. Kapitel 9 | Tödliche Psychopathen oder: Gibt es den perfekten Mord
  11.  
  12. Nachwort
  13. Danksagung
  14. Literaturhinweise und Quellen
  15. Über den Autor

Vorwort

Wir glauben (…), dass wir

über das Wesen des Verbrechens

nur klar werden können,

wenn wir auf wissenschaftlichem Boden

seine psychologische Natur erkennen.

  

(Hans Gross)

Warum begehen manche Menschen grausame Verbrechen? Diese Frage beschäftigt Menschen seit Anbeginn der Menschheit. Aufsehenerregende Verbrechen in Deutschland lösen immer wieder Angst und Entsetzen aus. Fälle wie der Mord am zehnjährigen Mirco, begangen 2010 von dem unauffälligen Familienvater Olaf H., oder die Verbrechensserie des als »Maskenmann« bekannt gewordenen Serienmörders Martin Ney, der als Pädagoge mit Kindern arbeitete, während er fast zwanzig Jahre lang kleine Jungen sexuell missbrauchte und mindestens fünf von ihnen tötete.

Solche scheinbar unbegreiflichen Verbrechen werfen Fragen auf. Fragen wie: Werden manche Menschen »böse« geboren? Entscheiden sie sich, »böse« zu sein, und bleiben es dann ein Leben lang? Auf diese und viele ähnliche Fragen hat die Wissenschaft inzwischen Antworten gefunden. Beide Fragen kann man klar mit »Nein« beantworten. Doch es gibt Eigenschaften, die manche Menschen stärker entwickeln als andere, wegen derer es ihnen leichter fällt, grausam zu handeln. Im Laufe dieses Buches werde ich Sie mit diesen Eigenschaften vertraut machen.

Sie werden sehen, dass sehr viele Menschen das eine oder andere dieser zerstörerischen Charaktermerkmale in sich tragen. Wie viele davon nötig sind, um einen Menschen grausam handeln oder sogar grauenvolle Verbrechen begehen zu lassen, weiß man nicht. Sicher ist nur: Je mehr dieser Bausteine ein Mensch in sich vereint, desto leichter fällt es ihm, grausam zu handeln. Eine klare »Formel für das Böse« gibt es allerdings nicht. Sie werden überrascht sein, dass einige Menschen, die ungewöhnlich viele potenziell »böse« Eigenschaften in sich vereinen, nie Straftaten begehen. Einige Menschen nutzen sie sogar, um damit etwas Nützliches zu tun.

Dieses Buch bietet keine einfachen Antworten auf Fragen nach »Gut« und »Böse«. Einfache Antworten gibt es in diesem Bereich nicht. Doch Sie werden die Logik hinter »guten« und »bösen« Entscheidungen begreifen. Sie werden sehen, dass das Eis, auf dem Sie selbst in dieser Hinsicht stehen, dünner ist, als Sie bisher glaubten. Im Grunde trennt Sie nur ein schmaler Grat von jenen Menschen, die »böse« und grausam handeln. Sie werden in die Köpfe dieser Menschen schauen, Sie werden über ihre Gefühle und Gedanken vermutlich entsetzt sein. Ich lade Sie trotzdem ein auf eine Reise durch die Innenwelt von Psychopathen, von unterschiedlichsten Verbrechern und kaltblütigen Mördern.

Psychopathen – Prototypen des Bösen

Wenn Sie das Wort »Psychopath« hören, verbinden Sie damit viele düstere Vorstellungen über zutiefst böse Menschen. Sie denken an Serienmörder und Horrorfilmfiguren, sprichwörtliche »Ausgeburten der Hölle«, Monster in Menschengestalt. Im Laufe dieses Buches werden Sie durch die Augen einiger Psychopathen blicken. Sie werden erkennen, warum Psychopathen ein fast Ehrfurcht erregendes Grauen in den meisten Menschen auslösen. Der Baukasten des Bösen, den ich Ihnen in diesem Buch vorstelle, besteht aus psychopathischen Eigenschaften. Diese Eigenschaften machen Psychopathen zu dem, was sie sind: Menschen, die unmenschlich wirken und denen es leichtfällt, unmenschliche Taten zu begehen – wenn sie es wollen.

Echte, »alltägliche« Psychopathen haben vieles mit ihren »Artgenossen« aus Büchern und Filmen gemeinsam. Können Sie sich vorstellen, wo die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit verläuft, wenn es um das »Böse in Menschengestalt« geht? Um diese Frage zu beantworten, bat ich den deutschen Fantasy-, Horror- und Science-Fiction-Autor Markus Heitz, mir zu beschreiben, wie er einen Psychopathen in einem Roman darstellen würde. Sein 2013 erschienener Thriller »Totenblick« handelt von einem psychopathischen Serienmörder. Das Bild, das er für mich entwirft, kommt dem eines echten Psychopathen extrem nahe: »Dieser Mensch ist völlig normal, nett und hilfsbereit, sodass man ihn für eine freundliche Person aus der Nachbarschaft hält, die kleine Kätzchen rettet und Omas die Einkäufe trägt.« Meine Frage nach besonderen Kennzeichen verneint der Autor: »Diese Person trägt in der Öffentlichkeit normale Kleidung, um nicht zu sehr aufzufallen, um sich an ihre Umgebung anzupassen, damit sie sich unauffällig darin bewegen kann.« Ich will wissen, was die anderen über diesen Nachbarn denken. »Das sind solche Menschen, von denen sie später sagen: ›Das hätte ich niemals von ihm gedacht.‹ Oder: ›Der war immer so nett und hat sich in die Nachbarschaft eingebracht.‹ Oder: ›Er hat sogar die Tombola organisiert.‹ Etwas in der Art.« Und wie würde der Schriftsteller den Charakter dieses Psychopathen anlegen? »Es würde sofort klar werden«, so Heitz, »dass ihm die Menschen gleichgültig sind, dass er keinerlei Empathie hat und er Emotionen vorspielt, was er in Perfektion beherrscht.« Also ein recht intelligenter Zeitgenosse? Heitz bejaht: »Er wäre manipulativ, um an sein Ziel zu gelangen, er würde ein Netz aus Nettigkeiten flechten, Fallen aus Verpflichtungen für andere aufstellen und sie gnadenlos zum Erreichen seiner Pläne einsetzen.« Diese Intelligenz paart sich jedoch mit erheblicher Rücksichtslosigkeit: »Er würde mit Lügen arbeiten und sich immer im Recht sehen, was ihn in die Lage versetzt, alles zu tun, ohne dabei Skrupel zu entwickeln. Die anderen sind ihm im Weg – oder Erfüllungsinstrumente.«

Beängstigend normale Menschen

Als ich Markus Heitz frage, was ihn im wirklichen Leben auf den Gedanken bringen würde, jemand könnte ein Psychopath sein, sagt er: »Je auffälliger sich jemand benimmt, in Art, Kleidung, Ausdrucksweise, desto unwahrscheinlicher ist es, dass er in diese Gruppe gehört. Das wäre meine laienhafte Einschätzung.« Dann erzählt er von zwei Bekannten, von denen er im Nachhinein den Eindruck hatte, sie könnten Psychopathen gewesen sein: »Anfangs waren es tatsächlich scheinbar normale Menschen, die sich jedoch extrem freundlich und einschmeichelnd gaben, die mit Druck Nähe suchten, sich unentwegt und ungefragt meldeten, nachhakten, viel in Eigeninitiative in die Wege leiteten und danach Lob dafür haben wollten – ohne dass man sie darum gebeten hätte.« Als ihre Maskerade aufflog, änderte sich ihr Auftreten von Grund auf: »Sie zogen sich in Behauptungen und Argumentationen zurück, die nur für sie selbst schlüssig waren und Sinn ergaben. Diese Personen leben in ihrer eigenen Wahrheitswelt und schirmen andere Meinungen und sogar Fakten gegen diese Welt ab, sodass sie immer recht haben und die anderen immer die Bösen sind.« Sein Fazit: »Es ist unglaublich faszinierend, solche Menschen zu beobachten. Es ist unglaublich nervend, an solche Menschen zu geraten.«

Herz aus Eis

Was muss in einem Menschen vorgehen, der mehr als zweihundert Menschen tötet, mit sportlicher Gelassenheit, wie ein Jäger das zum Abschuss freigegebene Wild? Richard Leonard Kuklinski, genannt »Der Eismann«, war fast vierzig Jahre lang »Menschenjäger« von Beruf. Seinen ersten, ungeplanten Mord – an dem Anführer einer kleinen Bande – beging er 1948, als er dreizehn Jahre alt war. Danach begann er, gezielt zum eigenen Vergnügen zu töten und seine »Fähigkeiten« darin immer weiter zu verfeinern. Er erschlug, erstach und erschoss Männer in der West Side von Manhattan. Besonders gefiel ihm daran »die Jagd und die Herausforderung«. Auf sein »Naturtalent zum Töten« wurde bald die New Yorker Mafia aufmerksam.

Fortan verband Kuklinski für sich das »Angenehme« mit dem »Nützlichen«: Er tötete im Auftrag der Mafia und wurde dadurch ein wohlhabender Mann. Seine Frau Barbara, zwei Töchter und ein Sohn lebten mit ihm in einem wohlhabenden Vorort von Dumont, New Jersey. Kuklinski behauptete auch ihnen gegenüber, er sei Geschäftsmann – was noch nicht einmal völlig gelogen war. Er war wie geschaffen für das »Geschäft mit dem Tod«. Obwohl er zu unterschiedlichsten Tages- und Nachtzeiten zur »Arbeit« ging, wagte es die Familie nicht, ihm Fragen zu stellen, denn Kuklinski richtete sein aufbrausendes, gewalttätiges Temperament nicht selten auch gegen seine Frau und seine Kinder. Dennoch waren sie die einzigen Menschen, von denen »Der Eismann« sagte, er habe sie geliebt.

Der Psychopath in jedem von uns?

Da Sie im Begriff sind, dieses Buch zu lesen, wollen Sie etwas über die »Psychologie des Bösen« erfahren. Steckt dahinter nur das Interesse, die Welt und ihre Verbrechen besser zu verstehen? Oder schwingt auch tief in Ihrem Inneren eine Faszination für das Böse mit? Eine Faszination, die über rein sachliches Interesse hinausgeht? Diese Frage warf auch Markus Heitz auf, als er mir seine Sichtweise auf Psychopathen eröffnete: »Sollte es nicht ein wenig verstörend sein, wenn man bedenkt, wie viele Menschen gerne Bücher lesen und Filme anschauen, in denen psychopathische Mörder ihr Unwesen treiben? Woher rührt die Faszination? Inwieweit identifiziert sich der Zuschauer oder Leser mit dem Anti-Helden? Und: Was sind das für Autoren, die sich so etwas ausdenken und denen es auch noch Spaß macht, ihre Figuren sich austoben zu lassen?«

Anders gesagt – tragen wir nicht alle die Anlagen zum Psychopathen in uns? Mit dieser Frage möchte ich den Vorhang zur Bühne des Bösen aufziehen.

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