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Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner

KERSTIN GIER

Auf der anderen
Seite ist das Gras
viel grüner

Roman

001
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BASTEI ENTERTAINMENT

Für Frank
wieder mal und dieses Mal ganz besonders
Wenn du eine Farbe wärst, dann ein warmes,
wohliges Zinnoberrot.

Felix

Ich stelle mir gern vor, dass es das Schicksal war, das Kati und mich zusammengebracht hat. Im ersten Augenblick war ich über unsere Begegnung allerdings nicht wirklich dankbar, im Gegenteil, es hätte nicht viel gefehlt und meine ersten Worte wären »Blöde Kuh!« gewesen. Anstatt rückwärts aus der Parklücke zu rollen, war ihr Auto vorwärtsgeschossen und hatte mein heiß geliebtes Rennrad an den Fahrradständer gequetscht. Mein Bein hatte ich gerade noch wegziehen können.

Aber ein zerknirschter Blick aus ihren schiefergrauen Augen genügte, um mich das Fahrrad vollkommen vergessen zu lassen. Sie übergoss mich mit einem wirren Wortschwall, wobei sie ihre Nase krauszog und völlig vergaß, Luft zu holen. Das macht sie heute auch noch so: Wenn sie aufgeregt ist, redet sie ohne Punkt und Komma, so lange, bis sie beinahe blau anläuft.

»Es tut mir so leid, ich dachte, ich hätte den Rückwärtsgang eingelegt, ach du Scheiße, war das mal ein Fahrrad, ich kaufe Ihnen selbstverständlich ein neues, dagegen bin ich doch versichert, ich bin frisch operiert, wissen Sie, na ja, am Donnerstag und nicht am Gehirn, wie Sie jetzt sicher denken, nur am Blinddarm, ich hätte vielleicht nicht fahren sollen, aber ich bin schließlich auch mit dem Auto hergekommen, das ist alles nur passiert, weil ich mich frühzeitig selber entlassen habe, aber das Essen war einfach so unglaublich mies, ich meine, sie behaupteneswarfischaberesschmecktewiestyropor …« Röchelnd rang sie nach Luft.

Ich glaube, da hatte ich mich schon hoffnungslos in sie verliebt.

»Ich bin ja so ein Esel«, sagte sie seufzend.

»Höchstens ein Eselchen«, sagte ich. Und dann bot ich an, sie in ihrem Auto nach Hause zu fahren. Mein Fahrrad war ohnehin nicht mehr zu gebrauchen.

Mathias

Ich glaube nicht an Schicksal. Ich glaube daran, dass man selber für sein Glück verantwortlich ist. Und manchmal muss man verdammt hartnäckig bleiben, um das zu bekommen, was man will. Oder wen.

Auf den ersten Blick war Kati eigentlich gar nicht mein Typ. Ich meine, sie war nicht hässlich, mit dieser kleinen geraden Nase und der niedlich geschwungenen Unterlippe, auf der sie herumkaute, wenn sie dachte, dass niemand hinschaute, aber eben nichts Besonderes. Mittelhübsch, mittelgroß, mittelblond, das trifft es wohl am ehesten. Ich begann sie erst interessant zu finden, als ich merkte, dass sie mich gar nicht registriert hatte, also so als Mann, meine ich. Sie schien einzig und allein darauf konzentriert, ihre Arbeit gut zu machen und sich ihre Nervosität gegenüber den Seminarteilnehmern nicht anmerken zu lassen. Ich musste mich ziemlich ins Zeug legen und mich von meiner allerbesten Seite zeigen, bis ich das Gefühl hatte, dass sie mich endlich mal richtig ansah und vielleicht sogar ein klitzekleines bisschen zurückflirtete. Was ehrlich gesagt für mich ungewohnt war. Normalerweise sehen mich Frauen nämlich sofort sehr genau an. Besser gesagt starren sie geradezu. Was daran liegt, dass ich gut aussehe. Nicht mittelgut, sondern wirklich richtig gut, Brad-Pitt-in-seinen-besten-Zeiten-gut. Das klingt arrogant und angeberisch, ich weiß, ist aber in der Praxis nur halb so toll, weil besagte Frauen vor lauter Starren vergessen, dass man sich auch mit mir unterhalten kann. Oder sie glauben, dass ich so blöd wie blond bin, und versuchen es erst gar nicht. Auf jeden Fall habe ich selten die Gelegenheit zu beweisen, dass ich auch noch ein netter Kerl sein kann.

Bei Kati war es umgekehrt: Sie schien ganz überrascht, als sie irgendwann im Laufe des Tages bemerkte, dass der nette Kerl auch noch gut aussah.

Ich gebe zu, nachdem ich mich so sehr ins Zeug gelegt hatte, blieb ich ein wenig unzufrieden zurück, als sie sich nach dem Seminar sofort verabschiedete, um ihren Zug zu erwischen. Aber vermutlich hätte ich die Sache abgehakt und vergessen, wenn diese SMS nicht gewesen wäre.

Man sollte eigentlich im Leben niemals die gleiche Dummheit zweimal machen, denn die Auswahl ist so groß.

Bertrand Russell

»Also, wenn ich mich in drei Adjektiven beschreiben müsste, würde ich sagen: erstens: ein Typ zum Pferdestehlen, zweitens: FKK-Anhänger und drittens: allen Späßen und Flirts gegenüber aufgeschlossen. Na?« Der Mann neben mir legte neckisch seinen Kopf schief.

Erstens: Niemand will, dass Sie sich in drei Adjektiven beschreiben. Zweitens: Das waren auch überhaupt keine Adjektive. Und drittens: Womit habe ich das verdient? Das sagte ich aber nicht laut. Ich hatte mich innerlich noch nicht auf eine Abwehrstrategie festgelegt und schwieg daher mit möglichst ausdruckslosem Gesicht, während ich überlegte, was ich für Optionen hatte. Weggehen schied schon mal aus: Der verdammte Zug war bis auf den letzten Platz besetzt, weil er aus unerfindlichen Gründen »heute ohne die Wagen 21 bis 28« verkehrte.

Andere erzählen mir immer, dass sie sich beim Zugfahren entspannen, »richtig was weggearbeitet bekommen«, tolle Bekanntschaften machen, neue Geschäftsverbindungen auftun, mit gut aussehenden Menschen flirten, alte Schulfreunde treffen, großartige Ideen ausbrüten, sich endlich mal ausschlafen oder sonst wie amüsieren. Aber neben mir saßen immer nur die Verrückten, die Psychopathen, die ansteckenden Grippekranken. Und die, die nach Käsefüßen rochen, wie dieser hier. Irgendetwas hatte ich an mir, das solche Leute magisch anzog und die anderen fernhielt.

»Gestatten? Bill, seit vier Jahren neununddreißig, mein zweiter Vorname ist Paul.«

Gestatten, Kati, in vier Jahren 39, mein zweiter Vorname ist Idiotenmagnet.

Bill Paul lächelte mich aufmunternd an und entblößte dabei seine gelblich verfärbten Eckzähne. »Und jetzt sind Sie dran! Drei Adjektive, die Sie treffend beschreiben. Na? Trauen Sie sich ruhig.«

Geh weg!

»Ich helfe Ihnen mal ein bisschen auf die Sprünge … hm … also, was ich schon mal sehe, ist erstens: blond, zweitens: ziemlich niedlich und drittens: schüchtern.« Er befeuchtete seine Lippen mit der Zunge. »Na kommen Sie. Ich beiße doch nicht. Oder vielmehr erst, wenn Sie mir die Erlaubnis dazu geben.«

Marlene an meiner Stelle hätte jetzt so etwas wie »Erstens: nicht interessiert, zweitens: lesbisch, drittens: in diversen Nahkampftechniken ausgebildet und bereit zuzuschlagen, wenn Sie das Gespräch nicht sofort als beendet betrachten« geantwortet, aber ich konnte nicht gut lügen und auch niemanden vor den Kopf stoßen, nur weil er nach Käsefüßen roch (übrigens nicht von den Füßen her), ein bisschen schmierig war und vermutlich nicht alle Tassen im Schrank hatte. Andererseits wusste ich aus leidiger Erfahrung, dass man mit Nettigkeit in Situationen wie dieser auch nicht weiterkam.

»Ähm, also«, sagte ich und klappte mein Notebook auf. »Erstens bin ich glücklich verheiratet, zweitens muss ich jetzt ein paar dringende Mails beantworten, und drittens …« Der Laptop gab einen alarmierenden Piepton von sich.

»Und drittens ist Ihr Akku leer und hier ist nirgendwo Strom.« Der Mann lehnte sich mit einem schadenfrohen Grinsen zurück. »Wir haben also alle Zeit der Welt für ein kleines Schwätzchen, Schätzchen. Haha, das reimt sich, haben Sie das gemerkt?«

Sei still, Bill. Halt’s Maul, Paul.

»Was machen Sie denn beruflich, dass Sie sogar abends im Zug arbeiten müssen?«

Wenn Sie nicht wären oder meine geizige Chefin noch eine Hotelübernachtung spendiert hätte, müsste ich ja gar nicht arbeiten beziehungsweise so tun, als ob. Dann könnte ich mich jetzt von sechzehn angehenden Führungskräften erholen, die mich den ganzen Tag skeptisch angestarrt haben. Der Laptop-Akku war tatsächlich leer. Ich kramte in meiner Handtasche nach meinem Kalender, einem Stift und dem Handy. Irgendwie musste ich ja Arbeit vortäuschen, denn wir hatten Berlin gerade erst hinter uns gelassen.

»Also, wenn ich raten müsste …«, sagte Bill.

»Business Coaching und Training«, murmelte ich schnell. »Und wie gesagt, ich müsste ein paar sehr dringende Mails … ähm, SMS …« Geschäftig drückte ich auf dem Handy herum. Felix hatte auf meine letzte SMS geantwortet: Bei mir wird es auch spät, ich bringe uns was vom Chinesen mit. Sofort bekam ich Hunger. Und Sehnsucht nach Felix. Und einer Dusche.

»Karrierefrau, hm?« Bill beugte sich zu mir herüber. »Bei dem Dekolleté hätte ich eher auf etwas Kreatives getippt. Kindergärtnerin, zum Beispiel.«

Ich musste mich sehr zusammennehmen, um so zu tun, als hätte ich nichts gehört. Die Erfahrung hatte gelehrt, dass man sich auf gar keinen Fall gesprächsbereit zeigen darf, sonst hat man am Ende der Fahrt nicht nur Sabber auf der Wange kleben, sondern auch zugesagt, ein halbes Rind zu kaufen oder eine Niere zu spenden. Angestrengt tippte ich weiter auf dem Handy herum. Ups, jetzt hatte ich nicht nur Felix’ SMS gelöscht, sondern alle, die sich in meinem Speicher befunden hatten. Na, egal, ich hatte die Nummern ja in meinem Telefonbuch gespeichert. Da stand Felix gleich zwischen meiner Schwester Eva und Fischbach, unserem Hausmeister.

»Und jetzt raten Sie mal, was ich beruflich mache, Schätzchen.«

Freue mich sehr auf Chinesisch, schrieb ich an Felix und setzte nach kurzem Überlegen noch hinzu: Hätte auch nichts gegen Französisch. Ein paar Anzüglichkeiten zur Auffrischung unseres Liebeslebens konnten nichts schaden. In den letzten Monaten hatten wir das doch ziemlich vernachlässigt.

»Produkttester!«, brüllte Bill Käsefuß triumphierend, und vor lauter Schreck drückte ich auf »senden«. »Und das ist noch viel interessanter, als es sich anhört. Raten Sie mal, was ich diese Woche teste.«

Deo war es jedenfalls schon mal nicht. Ich unterdrückte einen Seufzer und schrieb stattdessen eine SMS an Marlene. Du schuldest mir was. Arrogante, unbelehrbare Möchtegern-Führungskräfte-Krawattenjunkies haben mich fertiggemacht. Der obligatorische Zug-Irre gibt mir gerade den Rest. An dieser Stelle hielt ich kurz inne. Marlene und ich arbeiteten bei G&G Impulse Consulting, einer kleinen Firma für Personal- und Managementcoaching, und ich hatte dieses Seminar in Berlin kurzfristig für Marlene übernehmen müssen. Führungs- und Managementkompetenz war nicht mein Fachgebiet, und immer, wenn ich ein solches Seminar leiten musste, wusste ich auch wieder, warum. Die Seminarteilnehmer waren wie ein Rudel wilder Hunde, sie spürten, wenn jemand Angst vor ihnen hatte. Und sie wollten sich von jemandem, der selber offensichtlich keine Führungsqualitäten aufzuweisen hatte, nichts über selbige beibringen lassen. Wäre ihr Chef nicht anwesend gewesen, den Marlene von früher kannte und über den G&G den Auftrag bekommen hatte, sie hätten mich zerfleischt. Bei der Erinnerung daran musste ich lächeln. Ich war so aufgeregt gewesen, dass mir beinahe entgangen wäre, dass er auch ein bisschen mit mir geflirtet hatte. Allerdings hattest du recht, was die Chefkrawatte angeht – sehr süßer Arsch, tippte ich. In Wirklichkeit hatte ich keine Ahnung, wie sein Hintern ausgesehen hatte. Aber er hatte schöne Augen gehabt und so eine ganz besondere Ausstrahlung von natürlicher Autorität und Freundlichkeit. Obwohl ich Käsefuß-Bills Blicke auf mir ruhen fühlte, gestattete ich mir einen winzig kleinen Seufzer. Mathias Lenzen, Leiter Human Resources. Ich hatte seinen Namen zusammen mit seiner Handynummer gespeichert, obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass ich sie jemals noch mal brauchen würde, bei null lag. Denn erstens würde Marlene das nächste Seminar wieder selber übernehmen, und zweitens hatte ich Felix und daher gar kein Interesse an Flirts mit anderen Männern, egal, wie nett ihr Lächeln auch sein mochte. Auch wenn dieses wirklich ganz besonders nett ge…

»Letzte Woche waren es italienische Rotweine und ein Haarglätter!« Bill schreckte mich aus meinen Gedanken. »Diese Woche sind es ein Knoblauchschäler, eine Kamera und Funktionsunterwäsche, und nächste Woche kann es schon ein Ferrari sein.«

 

Fehler entstehen durch Hast, deshalb tue nie etwas in Unruhe.
Chinesische Weisheit

 

Ich beugte mich hastig wieder über das Handy und drückte auf »senden«, womit ich, ohne es zu ahnen, die Dinge in Bewegung brachte oder, wie meine Kollegin Linda sagen würde, dem »Karussell des Universums« einen kräftigen Schubs versetzte. Und nur, weil ich zu blöd war, ein Handy richtig zu bedienen.

Alles, was passiert, passiere aus gutem Grund, sagte Linda immer. Weil es passieren müsse. Weil für unser Leben von Bedeutung sei, was immer geschehe, auch wenn wir den Grund nicht immer sofort erkennen könnten. Und genau deshalb sollten wir dankbar sein für alles, was uns zustoße oder was wir höchstpersönlich verbockten. Linda zum Beispiel war auch dann noch voller Dankbarkeit, wenn sie mit ihrem Absatz in einem Gulli stecken blieb. Das hatte das Universum – laut Linda – nämlich nur geschickt eingefädelt, damit sie bei der Suche nach neuen Schuhen im Laden eine alte Schulfreundin wiedertreffen konnte, die sie spontan zu ihrer Geburtstagsparty einlud, auf welcher sie dann – voilà! – den Mann ihres Lebens kennenlernte.

 

Es ist ein liebenswerter Brauch: Wer Gutes bekommt, der bedankt sich auch.
Wilhelm Busch

 

Im Prinzip ein schöner Gedanke, oder? All die unschönen Momente im Leben, vom gerissenen BH-Träger (mitten während eines Vorstellungsgesprächs, ich werde immer noch rot, wenn ich daran denke) bis zur verpassten Straßenbahn, all die Begegnungen mit Verrückten und Käsefüßen hätten einen tieferen Sinn und dienten einem höheren Zweck, und am Ende durfte man sogar noch dankbar dafür sein – herrlich! Aber leider konnte man Linda nicht wirklich ernst nehmen. Den Mann ihres Lebens lernte sie nämlich zwei- bis sechsmal im Jahr kennen, überdies ging sie auf sogenannte »Kuschelpartys« und traf sich regelmäßig auf imaginären Regenbogenbrücken mit geschlechtlich nicht näher spezifizierten Wesenheiten, die ihr zum Beispiel zum Kauf eines grünen Pullovers rieten. Auch sonst ließ sie kein esoterisches Klischeefeld unbesetzt: Sie behauptete, dass man vor den Meetings Salz in die Ecken eines Raums streuen soll, um für bessere Stimmung zu sorgen, dass man sich freie Parkplätze durch pure Willenskraft herbeiwünschen kann und dass unsere Chefin tief in ihrem Inneren »ein ganz lieber Mensch« sei, das sehe sie an ihrer Aura. Deshalb schied Linda für mich als Autorität in Sachen Schicksalsfügung aus, und deshalb passieren manche Dinge wohl ohne triftigen Grund, ohne tieferen Sinn – und dankbar muss man dafür auch nicht zwingend sein. Oder an diesem speziellen Fall erklärt: Hätte ich nicht für Marlene das Seminar übernehmen, nicht in diesem Zug sitzen, nicht wegen des stalkenden Produkttesters Arbeit vortäuschen müssen, hätte ich auch niemals diese SMS geschrieben, sondern die blauen Augen und das nette Lächeln spätestens in ein paar Tagen vollkommen vergessen.

Bill bohrte in seiner Nase. Ich sah es ganz genau, obwohl ich überhaupt nicht hinschaute. »Kondome durfte ich auch schon testen. Sagen Sie mal, hören Sie mir überhaupt zu?«

Und wie ich zuhörte. Ich hoffte nur, dass er es mir nicht ansah. Sitze neben beklopptem Kondomtester und finde mein Leben gerade wieder mal suboptimal, simste ich meiner Schwester. Linda bekam auch eine SMS. Selbst du hättest Probleme, die guten Seiten meines Sitznachbars zu erkennen. Wette, sein persönliches Krafttier ist ein Nacktmull und seine Aura hat die Farbe von Popel, welche er übrigens auch gerne isst. Bevor der Zug in den nächsten Bahnhof einlief, hatte ich fünfzehn SMS abgeschickt, darunter auch eine an meine Mama (Ich weiß, dass du dein Handy nie eingeschaltet hast, das hier schreibe ich auch nur, weil ich so tun muss, als ob ich arbeite), und sicher wären es bis Köln noch sehr viel mehr geworden, wenn Bill nicht überraschend in Wolfsburg ausgestiegen wäre. Ich starrte ihn ungläubig an, als er seine Sachen zusammensuchte.

»Leider ist unser hübsches Intermezzo nun schon zu Ende. Aber man sieht sich!« Er reichte mir zum Abschied eine Visitenkarte. »Sie finden mich übrigens auch bei Facebook.« Mit einem vielsagenden Zwinkern verschwand er – und mit ihm der Käsefußgeruch.

Ich konnte mein Glück kaum fassen. Du wirst es nicht glauben, aber der Zug-Irre heißt tatsächlich Habenschaden mit Nachnamen, simste ich meiner Schwester.

Leise vor mich hinkichernd lehnte ich mich zurück und wollte mich gerade für den Rest der Fahrt entspannen, als das Handy eine eingehende SMS ankündigte. Sie war von Hausmeister Fischbach. Oh là, là, verehrte Frau Wedekind, danke für das Angebot, ich komme nächste Woche dann mal wegen der Entlüftung der Heizung vorbei. Ihr Hermann Fischbach. P.S. Lieber Französisch als Chinesisch, wenn ich wählen darf.

Noch während ich fassungslos auf das Display starrte und versuchte zu verstehen, was das zu bedeuten hatte, trudelte eine weitere SMS ein. Von meiner Schwiegermutter, perfekt mit Groß- und Kleinschreibung sowie Interpunktion. Wie lieb, dass du dich mal meldest, Herzchen. Es tut mir leid, dass dein Sitznachbar keine Manieren hat. Wenn ihr am Sonntag zum Mittagessen kommt, könnt ihr euch auf Sauerbraten freuen. Viele Grüße von Luise.

Mir dämmerte, was passiert sein musste: Luise stand in meinem Telefonbuch unter Linda, und Fischbach kam gleich nach Felix. Was bedeutete, dass ich … oh, nein! So blöd konnte ich doch bitte nicht gewesen sein! Da, wieder eine SMS. Von Mathias Lenzen, dem Human-Resources-Mann mit dem netten Lächeln, der im Verzeichnis gleich hinter Marlene stand. Ich wagte sie kaum zu öffnen. Als ich es schließlich doch tat, glühten meine Wangen.

Die Möchtegern-Führungskräfte sind halt noch Möchtegerns. Und weit entfernt davon, jemanden wie Sie fertigmachen zu können. Danke übrigens für das Kompliment meinen Hintern betreffend. Ich fand Ihren auch sehr hübsch.

Komischerweise hatte ich beim Lesen sofort wieder seine Stimme im Kopf – und die Lachfältchen um seine Augen. Ich grübelte, was ich zurückschreiben konnte, ohne alles noch schlimmer zu machen. Dass es sich um eine fehlgeleitete SMS handelte, lag ja wohl auf der Hand. Eigentlich fand ich Ihre Leute gar nicht so übel – würde nur schleimig wirken. Es war die Rede von einem anderen Seminar – würde er mir nicht abnehmen. Ich freue mich sehr, dass Sie meinen Hintern hübsch fanden ging natürlich überhaupt nicht. Gerne hätte ich klargestellt, dass ich das Wort »Arsch« normalerweise nicht benutzte, aber was hätte er wohl mit dieser Information anfangen können?

Schließlich schrieb ich: Ihre war nur eine von fünfzehn sms, die an den falschen Empfänger gingen, und es ist noch nicht mal die peinlichste. Mein Hausmeister glaubt, ich hätte ihm ein unmoralisches Angebot unterbreitet. Im Boden versunkene Grüße.

Dann starrte ich sehr lange auf das Display, aber es kam keine Antwort mehr, nur noch eine SMS von Marlene, in der stand: Muss ich mir Sorgen machen, weil du mich Mama nennst? Darmspiegelung war übrigens superlustig, danke der Nachfrage.

Ich musste grinsen. Wenigstens hatte ich die Darmspiegelung in meiner fehlgeleiteten Mail nicht erwähnt – dafür konnte ich doch wirklich dankbar sein.

Eine Krise kann jeder Idiot haben. Was uns zu schaffen macht, ist der Alltag.

Anton Pawlowitsch Tschechow

Der Zug kam mit nur zehn Minuten Verspätung in Köln an, und weil es schon so spät war und ich mich vor Müdigkeit kaum noch aufrecht halten konnte, nahm ich ein Taxi nach Hause. Ich wäre sicher während der Fahrt eingeschlafen, wenn ich nicht einen dieser rasenden Kamikaze-Taxifahrer erwischt hätte, die grundlos die Spuren wechseln, jede Kurve schneiden, gern auch mal die Bordsteinkante mitnehmen und vor roten Ampeln entweder eine Vollbremsung machen oder sie einfach überfahren. Und dabei unentwegt reden. Auf Kölsch. Vor fünfeinhalb Jahren, als ich frisch hergezogen war, hatte ich die Kölner für seltsam und Köln für die hässlichste Stadt der Welt gehalten. Aber mittlerweile hatte ich meine neue Heimat wirklich lieb gewonnen, mitsamt Klüngel, fünfter Jahreszeit und gewöhnungsbedürftigem Dialekt. Als das Taxi mit quietschenden Reifen am Rathenauplatz hielt, war ich wieder hellwach. »Wünsche noch eine jute Nacht, schöne Frau«, sagte der Taxifahrer, nicht, weil er mich wirklich schön fand, sondern weil Kölner Taxifahrer das eben zu ihren weiblichen Fahrgästen sagen, aus Prinzip. Erst wenn sie stattdessen »junge Frau« sagen, weiß man, dass man alt geworden ist.

 

Frauen geben Fehler leichter zu als Männer. Deswegen sieht es aus, als machten sie mehr.
Gina Lollobridgida

 

Felix und ich wohnten in einer hübschen Altbauwohnung im sogenannten »Kwartier Lateng«, meinem absoluten Lieblingsviertel. Von hier aus war Felix mit dem Fahrrad in zehn Minuten im Krankenhaus, wo er als internistischer Oberarzt arbeitete, und ich konnte zu Fuß zu meinem Büro am Rudolfplatz laufen. Ich mochte die vielen Geschäfte, Cafés, Biergärten und Weinstuben, und wenn mein Tag besonders mies gewesen war, legte ich die Heimwegroute einfach so, dass ich sowohl an meiner Lieblingskonditorei als auch an meinem Lieblingsladen vorbeikam. Wenn man ausgehen wollte, hatte man hier zahllose Möglichkeiten, sich zu amüsieren, und einige der besten Restaurants lagen ebenfalls in Laufweite. Allerdings waren wir in letzter Zeit recht wenig ausgegangen, und bei den Restaurants nutzten wir vor allem den Take-away- oder Lieferservice. Wir nehmen uns einfach zu wenig Zeit für die schönen Dinge im Leben, dachte ich, während ich die Wohnungstür aufschloss.

Und richtig: Felix war auf dem Sofa eingeschlafen, und zwar offensichtlich bevor er es geschafft hatte, sich auch noch den anderen Schuh auszuziehen. Das Essen vom Chinesen stand unberührt in kleinen Pappboxen auf dem Tisch, und im Fernsehen fragte Markus Lanz oder jemand, der genauso aussah, gerade einen Hells-Angels-Typen, warum er immer noch bei seiner Mutter wohnte. Felix’ Kopf war zur Seite gekippt, sein Mund stand leicht offen, die hellbraunen Locken fielen ihm ins Gesicht, die Augenbrauen waren wie immer hoffnungslos zerstrubbelt. Ich strich sie mit beiden Daumen gerade (wie oft hatte ich das wohl in den letzten fünf Jahren getan?), küsste ihn auf das stoppelige Kinn und befreite die Fernbedienung aus seiner Hand.

Als der Fernseher verstummte, schlug Felix seine Augen auf. »Hey, da bist du ja, Eselchen«, sagte er und blinzelte mich an. Das Sofakissen hatte eine lange Falte in seine Wange gedrückt. »Mist, ich wollte eigentlich noch den Tisch decken und eine Kerze anzünden, aber dann bin ich wohl eingeschlafen. War ein harter Tag.«

»Ja, bei mir auch«, sagte ich, ließ mich neben ihn fallen und drückte meine Nase an seinen Hals. »Mmmmh, du riechst gut.«

»Du auch.« Felix legte einen Arm um mich. »Ist das ein neues Parfüm?«

»Nein, das ist das Erfrischungstuch der Deutschen Bahn. Ich muss erst mal duschen. Und dann …«

»Hast du Hunger?«

»Ja, sehr.« Ich küsste Felix in die kleine Grube unter seinem Schlüsselbein, wo er immer nach Vanille roch. »Ich hatte dir eine anzügliche SMS geschickt, weißt du.«

»Oh, ich habe noch gar nicht nachgeschaut.«

»Musst du auch nicht. Die hat nämlich Hausmeister Fischbach bekommen. Und die Läster-SMS über die doofen Seminarteilnehmer und ihren Personalchef, die ich an Marlene geschickt habe, hat stattdessen der Personalchef gekriegt. Du dürftest die SMS bekommen haben, die eigentlich für Eva bestimmt waren. Wirklich – deine Mutter kann besser mit einem Handy umgehen als ich. Der habe ich übrigens aus Versehen auch geschrieben.«

 

The problem with the world is that everybody is a few drinks behind.
Humphrey Bogard

 

Felix lachte schläfrig. »Schön, dass du wieder da bist, Eselchen. Ich hab dich gestern Nacht vermisst.« Seine Hand kraulte meinen Nacken. »Was stand denn in der anzüglichen SMS?«

»Na, sagen wir mal so, Hausmeister Fischbach möchte demnächst mal vorbeikommen und die Heizung entlüften …«

Felix’ Lachen ging fließend in ein Gähnen über. Hastig stand ich auf. »Ich dusche jetzt schnell, aber in spätestens fünf Minuten bin ich wieder da, ja? Oder in drei, wenn ich mich nicht wieder anziehe. In zwei, wenn ich das Abtrocknen auslasse.«

»Ich rühre mich nicht von der Stelle«, versicherte Felix.

Das tat er auch nicht. Aber als ich zurückkam – gut, ich hatte vielleicht doch ein bisschen länger gebraucht als drei Minuten –, war er bereits wieder tief und fest eingeschlafen.

Versuchungen sollte man nachgeben, wer weiß, ob sie wiederkommen.

Oscar Wilde

Wenn unsere Chefin Gabriele Gerber schlecht drauf war, pflegte sie nicht nur einen furchterregenden braunroten Lippenstift zu tragen, sondern schon frühmorgens alles daranzusetzen, uns ebenfalls die Laune zu verderben. Was sie nicht wissen konnte – heute war es gar nicht mehr möglich, meine Laune noch zu verschlechtern.

»Kati, wo bleibt die Auswertung der Teilnehmerbefragung?« Ich war noch nicht ganz zur Tür herein, als sie mich bereits anraunzte und dabei in eine Wolke von Jil Sander hüllte. Einen Duft, den ich vor unserer Bekanntschaft durchaus gemocht hatte.

Ich bin gestern erst um kurz vor Mitternacht zu Hause gewesen, das weißt du ganz genau, du grausame Leuteschinderin!, schnauzte ich zurück, allerdings ganz ohne die Stimmbänder zu benutzen oder die Lippen zu bewegen. Für meine Chefin musste es so aussehen, als ob ich sie einfach nur finster anstarrte. Und dann, stell dir vor, hatte ich keine Lust, mir die Nacht mit den Teilnehmerfragebögen für deine überflüssigen Statistiken um die Ohren zu schlagen! Ich habe nämlich auch ein Privatleben, weißt du, wenn auch ein ziemlich ödes …

»Sag bloß, du hast die noch nicht fertig?« Gabriele Gerber schnalzte mit der Zunge, wie nur Gabriele Gerber mit der Zunge schnalzen konnte. Es ist schwer zu beschreiben, aber wenn sie so schnalzte, bekam man sofort das dringende Bedürfnis, nach dem nächstbesten harten Gegenstand zu greifen und ihn mit Schwung über ihren perfekt frisierten Kopf zu ziehen. »Heute ist der erste Februar, und ich hätte die Monatsstatistik gern pünktlich online gestellt. Wenn ich nachher von meinem Women’s Club Business Lunch komme, muss ich das auf meinem Schreibtisch haben.«

Schnalz.

Ich versuchte mir in Erinnerung zu rufen, was ich den Teilnehmern in meinen Seminaren zum Thema gewaltfreie Kommunikation am Arbeitsplatz riet. Behalten Sie in jedem Fall die Ruhe. Versuchen Sie gar nicht erst, sich zu verteidigen. Seien Sie freundlich, konstruktiv und denken Sie allein an ihre Ziele. Machen Sie keine Vorwürfe, werden Sie nicht beleidigend. Und vor allem: Atmen Sie tief und lächeln Sie!

Ich lächelte. »Dir auch einen guten Morgen, liebe Gabi.« Freundlich. »Die Auswertung mache ich gleich nach meinem Work-Life-Balance-Seminar bei den Jungen Unternehmerinnen heute Nachmittag.« Konstruktiv. Ich war gut.

Da begann Gabi mit den Augen zu rollen, so wie nur sie mit den Augen rollen konnte. Und dazu schnalzte sie wieder.

Meine Augen wanderten sehnsüchtig zum Schirmständer hinüber … stopp! Behalten Sie auf jeden Fall die Ruhe. Ich nahm einen tiefen Atemzug. »Das Seminar heißt übrigens Gelassenheit und Achtsamkeit im Arbeitsalltag

Schnalz. Roll. Gott, sie machte mich wahnsinnig!

»Nächste Woche geht es dann um Mitarbeitermotivation durch positive Verstärkung. Wenn du Zeit hättest, würde ich dir vorschlagen, einfach mitzukommen und zuzuhören«, sagte ich. »Ganz sicher könntest du da noch etwas lernen.« Na schön, das war jetzt gegen Ende vielleicht doch etwas beleidigend geraten. Aber immer noch besser, als nach dem Schirmständer zu greifen und ihn über ihren Kopf zu braten. Jetzt schaffte ich es sogar, wieder zu lächeln.

»Wenn du mich fragst, ist bei deiner Arbeitsmoral ein bisschen zu viel Gelassenheit im Spiel!« Gabi schnalzte noch zweimal vernichtend mit der Zunge, dann wandte sie sich Linda zu, die hinter der Empfangstheke stand und sich bereits ängstlich auf die Lippen biss. Bestimmt hatten sich all ihre sogenannten Krafttiere längst zitternd hinter ihrem Rücken versteckt. Unser Kollege Bengt Schneider versuchte, sich mit einer Tasse Kaffee in der Hand aus der Küche an seinen Schreibtisch zu schleichen, ohne ins Blickfeld unserer Chefin zu geraten. Von Marlene war noch nichts zu sehen.

G&G Impulse Consulting war mit vier Festangestellten eine viel kleinere Firma, als unser Kundenportfolio und das Beratungs- und Trainingsangebot vermuten ließen. Wir hätten mehr als genug Arbeit für zwei weitere Mitarbeiter gehabt, aber Gabi war der Ansicht, dass Privatleben und Wochenenden hoffnungslos überschätzt wurden und alles unter einer 75-Stunden-Woche eigentlich schon als Urlaub galt. Sie selbst ging mit gutem Beispiel voran und machte nie Ferien, und das bisschen freie Zeit, das sie sich gönnte, verwendete sie darauf, so auszusehen, als käme sie gerade von einem zweiwöchigen Maledivenaufenthalt. Das Dekolleté im Armanikostüm war stets sonnengebräunt, die Haare mit strandblonden Strähnchen aufgehellt, und für Klienten konnte sie sogar ein sensationell erholtes Lächeln auf ihr Gesicht zaubern. Wir hatten keine Ahnung, wie alt sie war, vermuteten aber, dass sie trotz bedeutend jüngerem Aussehen ihren fünfzigsten Geburtstag längst hinter sich hatte. Sie wollte, dass wir sie Gabi nannten, und das taten wir auch, wenn es sich nicht vermeiden ließ, aber in ihrer Abwesenheit hieß sie »die Frau, die keinen Schlaf braucht« (an den guten Tagen) oder »die Blutgräfin des Rheinlands« (an allen anderen Tagen). Selbst Linda, die ja überzeugt war, dass tief in unserer Chefin ein guter Kern vergraben war, gab zu, dass sie ihn meist ausgesprochen gut versteckte.

»Was sind das eigentlich für alberne Zöpfchen, Linda?«, fragte Gabi.

»Mein inneres Kind …«, begann Linda, brachte den Satz aber nicht zu Ende, weil Gabi wieder mit den Augen zu rollen begann. Stattdessen murmelte sie: »Bengt hat gesagt, er findet die Frisur niedlich.« Kein ungeschickter Versuch, Gabis Aufmerksamkeit auf Bengt zu lenken, das musste ich zugeben. Der verschüttete vor Schreck auch prompt seinen Kaffee.

»Ich kann da leider nichts Niedliches erkennen.« Gabi schnalzte mit der Zunge. »Mach die weg. Ich komme nachher mit einem neuen Klienten wieder, und der soll nicht denken, er sei im Kindergarten gelandet.«

Gehorsam zog Linda die Gummis aus ihren Haaren.

»Ich muss los.« Gabi warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, und ich unterdrückte einen erleichterten Seufzer. Ohne hinzusehen, wusste ich, dass es den anderen beiden genauso ging. »Warum ist Marlene noch nicht da? Man sollte doch denken, dass sie nach einem freien Tag ausnahmsweise mal nicht verschläft. Wo ist mein Mantel?«

»Hier!« Bengt beeilte sich, seinen Kaffee abzustellen und der Blutgräfin in den Mantel zu helfen.

»Das war kein freier Tag«, sagte ich, obwohl ich wusste, dass mein empörter Tonfall an Gabi vollkommen verschwendet war. »Marlene hatte eine Darmspiegelung

 

Du musst die Laufrichtung ändern, sagte die Katze zur Maus und fraß sie.
Franz Kafka

 

»Wie auch immer.« Noch ein letztes Schnalzen. »Gegen elf Uhr bin ich wieder hier, mit dem Klienten, und es wäre schön, wenn ihr dann allesamt ein wenig motivierter rüberkämet und du keinen Kaffeefleck mehr auf dem Hemd hättest, Bengt.«

»Dein Wunsch ist mir Befehl, du kontrollfreakige, untervögelte Ziege«, knurrte Bengt. Aber erst, als Gabi zur Tür hinausgestöckelt war. »Da! Jetzt habe ich wieder meinen Ausschlag bekommen. Wusstet ihr, dass die meisten Krankheiten durch negativen Stress ausgelöst werden? Es ist ein Wunder, dass wir überhaupt noch aufrecht gehen können! Nur weil diese Person keinen Sex hat, müssen wir alle leiden.« Er krempelte den Hemdsärmel hoch und zeigte mir sein Handgelenk. »Siehst du das? Juckt wie der Teufel. Ich muss einen Arzttermin machen, das ist mir zu unheimlich.«

»Ich sehe nichts«, sagte ich wahrheitsgemäß, aber auch weil ich wusste, dass man Bengt auf keinen Fall bei seinen hypochondrischen Überlegungen unterstützen durfte. Er hatte andauernd seltene, meist tödliche Krankheiten, mit denen er sich bevorzugt bei »Dr. House« und »Grey’s Anatomy« ansteckte. Zwickte es ihn im Bauch, hatte er mindestens ein hepatozelluläres Adenom, und neulich war er fest davon überzeugt gewesen, sein eingerissenes Nagelhäutchen zeuge in Wirklichkeit vom Befall von Streptococcus pyogenes, einem fleischfressenden Bakterium, das ihn über kurz oder lang grausam töten würde. »Woher willst du wissen, dass sie untervögelt ist? Kann man das denn Leuten ansehen?«

»Ich bitte dich!« Für eine Sekunde ließ Bengt seinen eingebildeten Ausschlag aus den Augen. »Natürlich sieht man das! Wie sie sich bewegt, so unlocker in den Hüften, und wie giftig sie guckt … Glaubst du etwa, dass jemand, der sich so gemein verhält, vor Kurzem noch Sex hatte?«

»Vielleicht schlechten«, murmelte ich und überlegte, ob ich womöglich auch unlocker in den Hüften rüberkam. Bestimmt! Nachdem es mir nicht gelungen war, Felix wieder wachzuküssen, war ich gestern ziemlich frustriert ins Bett gegangen. Felix musste im Lauf der Nacht nachgekommen sein, aber den Augenblick hatte ich wohl verschlafen, und er war schon zur Arbeit gefahren, als ich aufwachte. Auf seinem Kopfkissen lag nur ein Zettel für mich. In typischer, unleserlicher Arztschrift stand da: Bis heute Abend, ich versuche, pünktlich zu sein. Und sag Hausmeister Fischbach gefälligst, ich kümmere mich selber um die Heizung. Haha, sehr lustig.

Linda starrte auf die Haargummis, die sie noch immer in den Händen hielt, als überlegte sie, wie die dort hingekommen wären. »Ich wusste gleich, dass es heute Missstimmungen geben würde. Meine Tageskarte waren die drei Schwerter. Und ich habe geträumt, dass alle meinen Geburtstag vergessen hätten.«

»Wann war der noch mal?«, fragte ich scherzeshalber.

Linda riss erschrocken die Augen auf. »Am Samstag! Du hast versprochen, eine Schwarzwälder Kirschtorte zu backen!«

»Das weiß ich doch, Lindalein!«

»Heute habe ich für diese Art Scherz nichts übrig.« Sie seufzte schwer. »Marco hat nicht angerufen. Dabei habe ich ihm achtmal auf die Mailbox gesprochen. Und zwei sehr süße Mails geschrieben.« Marco war Lindas aktueller Mann fürs Leben. Er hatte eine faszinierende, regenbogenfarbige Aura und war das Beste, das ihr je passiert war, jedenfalls seit Jan, von dem sie sich vor sechs Wochen getrennt hatte. Trotz sensationell gutem, Aura verschmelzendem Sex machte sich Marco zwischen den Treffen allerdings verdächtig rar. »Ich werde ein paar Räucherstäbchen anzünden müssen!«

»Und ich werde nach Hause gehen und das Hemd wechseln.« Bengt warf sich seinen Mantel über. In der Tür stieß er mit Marlene zusammen, die wie immer zum Anbeißen aussah, mit ihren roten Locken, die unter einer geringelten Wollmütze herausquollen und ihr rosenwangiges Gesicht umrahmten.

»Na endlich. Die Blutgräfin hat dich schon vermisst!«, sagte ich. »Und ich auch. Hast du meine SMS bekommen – ich meine, die richtige, heute Morgen?«

»Hab ich.« Marlene kicherte. »Bengt, Schätzchen, du willst doch nicht etwa schon gehen?« Sie umarmte Bengt und küsste ihn auf beide Wangen, ehe er sich vergewissern konnte, dass sie keine Schnupfenviren oder Schlimmeres verteilte.

»Lieber nicht berühren, er ist ansteckend, vermutlich Gürtelrose«, sagte ich mit dumpfer Stimme.

»Unsinn«, sagte Bengt. »Doch nicht am Handgelenk.« Er sah zuerst mich, dann Marlene verunsichert an. »Oder?«

Ich zuckte mit den Achseln. »Kann man nie so genau wissen.« Kaum hatte ich es gesagt, biss ich mir erschrocken auf die Lippen. Oh Gott, ich war ja schon genauso gemein wie Gabi, und das alles nur, weil ich chronisch untervö…

»Ich sollte dir doch einen genauen Darmspiegelungsbericht abliefern, Bengt, und glaub mir, darauf habe ich mich schon die ganze Zeit gefreut!« Marlene zwinkerte mir zu. »Und unser Katilein hat auch eine lustige Geschichte zu erzählen. Sie hat gestern versaute SMS an die falschen Empfänger geschickt.«

»Ich bin in zwanzig Minuten wieder da und dann ganz Ohr«, versicherte Bengt und war durch die Tür. Ob ich ihm mal »Mad Men« leihen sollte? Don Draper hatte immer Ersatzhemden in der Schreibtischschublade.

»Versaute SMS? Wirklich?« Lindas Miene hatte sich aufgehellt.

»Nur eine. Und so versaut war die gar nicht. Eher zweideutig.« Ich stützte mich mit den Ellenbogen auf Lindas Tresen ab. »Viel schlimmer war, dass ich dem Human-Resources-Typ aus dem Seminar gestern eine SMS geschickt habe, die eigentlich für Marlene bestimmt war, und darin stand, dass seine Leute arrogante Pfeifen sind, aber dass er einen süßen Knackarsch hat.«

Erwartungsgemäß quietschten Linda und Marlene vor Vergnügen.

»Und stellt euch mal vor, er hat zurückgeschrieben, dass er meinen Hintern auch ziemlich gut fand.«

»Ja, Mathias hat wirklich Humor«, sagte Marlene, während sie in die Küche schlenderte und sich dort einen Kaffee einschenkte. »Und das bei dem Aussehen! Ich glaube, alle Frauen in den NLP-Seminaren waren in ihn verknallt. Und ein Teil der Jungs auch.«

Ich runzelte die Stirn. »Ach, du meinst, er hat das mit meinem Hintern als Scherz gemeint?« Aus irgendeinem Grund fühlte ich Enttäuschung in mir hochsteigen.

Marlene lachte. »Ja, aber bestimmt fand er deinen Hintern trotzdem toll. Ich meine, das ist er ja auch. Ich würde alles dafür geben, so einen niedlichen, kleinen Arsch zu haben wie du.«

Dann war es ja gut. Mir gefiel nämlich der Gedanke, dass jemand mit mir geflirtet hatte, ich meine, jemand anders als der obligatorische Zug-Irre oder Hausmeister Fischbach.

Marlene stieß mir den Ellenbogen in die Rippen. »Hey! Das ist jetzt die Stelle, an der du sagen musst: Aber Marlene, dein Hintern ist doch großartig, wie der von Jennifer Lopez, nur noch schöner.«

»Das weißt du doch selber, Marlene! Du bist von Kopf bis Fuß perfekt. Und ich wette, Javier sagt dir das auch jeden Tag zehnmal. Oder er singt es.« Javier war Argentinier, gerade mal dreißig und damit zehn Jahre jünger als Marlene, von Kopf bis Fuß tätowiert und Gitarrist und Sänger in einer – leider recht erfolglosen – Band. Als er vor etwas mehr als vier Jahren bei Marlene und ihrer Tochter Amelie eingezogen war, hatte niemand der Beziehung so recht eine Chance geben wollen, Marlenes Vater hatte sogar mit Enterbung gedroht. Ich war ehrlich gesagt anfangs auch etwas skeptisch gewesen, aber tatsächlich hatte Javier Marlene bisher nicht einen einzigen Tag unglücklich gemacht. »Sieh dich nur an! Wie du von innen strahlst. Selbst wenn du eine Darmspiegelung hinter dir hast, niemand käme auf die Idee, dich als unlocker in den Hüften zu bezeichnen.«

Marlene zog eine Augenbraue hoch.

Ich winkte ab. »Ach, das war nur so eine Theorie von Bengt, er meint, man sieht es Frauen an, wenn sie zu wenig Sex haben … Na ja, und jetzt frage ich mich, ob er vielleicht recht hat. Sehe ich für dich irgendwie … na ja … irgendwie ein bisschen … na ja, ein bisschen aus wie jemand, der … irgendwie, na ja …«

»Kati! Deine Handtasche klingelt!«, rief Linda von vorne.

»Ich hoffe, das ist irgendwie … ein bisschen … na ja … ein Logopäde, der mit dir einen Termin vereinbaren will«, sagte Marlene, während ich zu meiner Handtasche sprintete. Als ich das Handy endlich herausgekramt hatte, war es schon verstummt.

Ich warf einen Blick auf das Display, und unsinnigerweise begann mein Herz schneller zu klopfen. »Das war er«, sagte ich.

»Wer?«, fragten Linda und Marlene gleichzeitig.

»

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