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Auf der Suche nach dem Auge von Naga

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. Der erste Teil: Die Reise nach Afrika
    1. 1. Kapitel: Mord in Fryston
    2. 2. Kapitel: Die »Orpheus« und die Unterwelt
    3. 3. Kapitel: Der Tag vor der Abreise
    4. 4. Kapitel: Katastrophe!
    5. 5. Kapitel: Durch die Wüste
  8. Der zweite Teil: Die gefahrvolle Safari
    1. 6. Kapitel: Die Expedition beginnt
    2. 7. Kapitel: Die Schlacht von Dut’humi
    3. 8. Kapitel: Nach Kazeh
    4. 9. Kapitel: Getrennte Wege
  9. Der dritte Teil: Zeit
    1. 10. Kapitel: Zu den Mondbergen
    2. 11. Kapitel: Der Tempel
    3. 12. Kapitel: Flucht aus Afrika
    4. 13. Kapitel: Der Ursprung
  10. Anhang I: A Lamentation
  11. Anhang II: Währenddessen im Viktorianischen Zeitalter und darüber hinaus…
  12. Danksagung

Über den Autor

Mark Hodder wurde in Southampton in England geboren, lebte jedoch viele Jahre in London. Er ist ehemaliger Werbetexter, Web-Producer der BBC, Journalist und Redakteur. Nach zu vielen Jahren im erbarmungslosen Existenzkampf warf er das Handtuch und zog nach Valencia in Spanien, weil er Lebensqualität statt Einkommensquantität wollte. Nach ein paar Monaten als Lehrer für Englisch als Fremdsprache schrieb er seinen ersten Roman, Der kuriose Fall des Spring Heeled Jack, der 2010 den Philip K. Dick Award gewann. Danach gab es kein Zurück mehr. Mittlerweile arbeitet Mark als hauptberuflicher Romanautor und erfüllt sich damit seine kühnsten Träume, die etwa im Alter von elf Jahren damit begonnen hatten, dass er Michael Moorcock, Robert E. Howard, Edgar Rice Burroughs, Fritz Leiber, Jack Vance, Philip K. Dick, P. G. Wodehouse und Sir Arthur Conan Doyle las. Neben Fantastik und Kriminalliteratur interessiert er sich für Buddhismus, Transzendentalismus, alle ITC-TV-Programme der 1960er und 1970er Jahre sowie für die neuesten technischen Spielereien.

MARK HODDER

präsentiert
Burton & Swinburne in:

Auf der Suche nach dem
Auge von Naga

Sternchen

Aus dem Englischen
von Michael Krug

Für Rebeca Camara

»Zeit entdeckt Wahrheit«

SENECA

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Die Reise nach Afrika

Zu den erhebendsten Augenblicken im Leben eines Menschen gehört, so finde ich, der Aufbruch zu einer Fernreise in unbekannte Gefilde. Mit einem Schlag schüttelt man die mächtigen Fesseln der Gewohnheit, das bleierne Gewicht der Routine, den Mantel vieler Sorgen und die Ketten der Sklaverei der Heimat ab, und man fühlt sich wieder glücklich. Das Blut gerät in die rege Wallung der Jugend … man wird zurückversetzt in den Morgen des Lebens …

SIR RICHARD FRANCIS BURTONS TAGEBUCH,
2. DEZEMBER 1858

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Mord in Fryston

Die Zukunft beeinflusst die Gegenwart
genauso wie die Vergangenheit.

FRIEDRICH NIETZSCHE

Sir Richard Francis Burton robbte unter einen Strauch am Rand eines Dickichts im oberen westlichen Teil des Green Parks in London und schalt sich einen Narren. Ihm hätte klar sein müssen, dass er die Besinnung verlieren würde. Er hätte früher eintreffen müssen. Nun war die gesamte Mission gefährdet.

Einen Moment lag er ruhig da, bis sich die Schmerzen in seiner Seite legten, dann brachte er sein Gewehr in Anschlag, stützte sich auf die Ellbogen und zielte mit der Waffe auf die Menschenmenge unter ihm. Er betrachtete die Inschrift auf dem Schaft: Lee-Enfield Mk III. Hergestellt in Tabora, Afrika, 1918.

Mit zusammengekniffenem Auge spähte er durch das Zielfernrohr und musterte die Gesichter der Menschen, die sich auf den Pfad am Fuß des Hanges einfanden.

Wo war seine Zielperson?

Sein Blick wurde trüb. Er schüttelte leicht den Kopf und versuchte, eine merkwürdige Zerrissenheit abzuschütteln, das schreckliche Gefühl, in zwei Persönlichkeiten gespalten zu sein. Zum ersten Mal hatte er dies während eines Malariafiebers im Jahr 1857 in Afrika erlebt, dann noch einmal vier Jahre später, als er zum Agenten des Königs ernannt worden war. Burton war der Meinung gewesen, diese Anfälle besiegt zu haben, und vielleicht war es ja auch so. Schließlich gab es tatsächlich zwei Fassungen von ihm.

Es war der Nachmittag des 10. Juni 1840 gewesen. Ein wesentlich jüngerer Richard Burton war gerade von Italien aus durch Europa gereist, unterwegs zum Trinity College in Oxford, um sich dort einzuschreiben.

Als er nun an den eigensinnigen, rechthaberischen und undisziplinierten Jungspund zurückdachte, der er damals gewesen war, flüsterte er: »Die Zeit hat mich verändert, dem Himmel sei Dank. Die Frage ist nur: Kann ich den Gefallen erwidern?«

Er nahm ein Gesicht nach dem anderen ins Visier, suchte nach dem Mann, den zu erschießen er hergekommen war.

Es war ein milder Tag. Die Herren trugen leichte Jacken, Zylinder und Spazierstöcke. Die Damen schmückten sich mit Schutenhüten, zarten Handschuhen und Sonnenschirmen. Alle warteten darauf, Königin Victoria in ihrer Kutsche vorbeifahren zu sehen.

Burton richtete das Fadenkreuz auf eine Person nach der anderen. Der junge Edward Oxford befand sich irgendwo in der Menge, ein wahnsinniger Achtzehnjähriger mit zwei Steinschlosspistolen unter dem Bratenrock und Mord im Sinn. Aber Burton war nicht gekommen, um den angehenden Attentäter der Königin zu erschießen.

»Verdammt und zugenäht!« Seine Hände zitterten. Solchermaßen ausgestreckt auf dem Boden zu liegen wäre für jeden Mann seines Alters – er war siebenundvierzig – unbequem gewesen, doch verschlimmert wurde es durch die zwei gebrochenen Rippen, die er dem Untergebenen des Premierministers, Gregory Hare, zu verdanken hatte. Sie bohrten sich wie ein Messer in seine Seite. Vorsichtig verlagerte er das Gewicht und versuchte, den Strauch dabei nicht in Bewegung zu versetzen. Dass er verborgen blieb, war von entscheidender Bedeutung.

Ein Gesicht erregte seine Aufmerksamkeit. Es war rund, mit dichtem Schnurrbart, und besaß eine geradezu greifbare Ausstrahlung von Arroganz. Burton hatte den Mann nie zuvor gesehen – zumindest nicht in dieser Erscheinung –, trotzdem kannte er ihn: Henry de La Poer Beresford, dritter Marquis von Waterford, von vielen »der irre Marquis« genannt. Der Mann galt als Gründer der Libertins, einer einflussreichen Bewegung, die Freiheit von gesellschaftlichen Fesseln predigte und sich entschieden gegen technologischen Fortschritt aussprach. In drei Jahren würde Beresford eine radikale Splittergruppe anführen, die Aufrührer, deren anarchistische Philosophie die gesellschaftlichen Konventionen in Frage stellen würde. Der Marquis vertrat die Ansicht, die menschliche Spezies schränke ihre eigene Weiterentwicklung ein, und jeder besäße das Potenzial, ein die natürlichen Grenzen überschreitender Mensch zu werden, ein Geschöpf, frei von Beschränkungen, ohne Gewissen oder Selbstzweifel, ein Wesen, das tun konnte, was immer es wollte und wann immer es wollte. Es war eine gefährliche Idee – das hatte Burton der Weltkrieg vor Augen geführt –, aber in diesem besonderen Augenblick ging es ihm nicht darum.

»Um dich kümmere ich mich in einundzwanzig Jahren«, murmelte er.

Ferner Jubel hallte durch den Park. Die Tore des Buckingham Palace hatten sich geöffnet, und die königliche Kutsche rollte auf den Weg.

»Komm schon!«, flüsterte Burton. »Wo steckst du?«

Wo war der Mann, den zu töten er gekommen war?

Wo war Spring Heeled Jack?

Sternchen

Er spähte durch das Periskop. Die Szene, die er durch die Linse sah, war unfassbar. Formen, Bewegungen, Schatten, satte Farben – sie weigerten sich, zu etwas Begreifbarem zusammenzuwachsen. Die Welt war zerschmettert, und er lag zersplittert inmitten des Gerölls.

Tot. Offensichtlich war er tot.

Nein. Aufhören. So geht das nicht. Lass dich nicht davon unterkriegen. Nicht schon wieder.

Er schloss die Augen, bohrte die Fingernägel in die Handflächen und zog die Lippen über die Zähne zurück. Mit enormer Willensanstrengung suchte er die versprengten Teile seiner selbst, fügte sie zusammen, bis:

Frank Baker. Mein Name ist Frank Baker.

Gut. Das fühlte sich vertraut an.

Er roch Schießpulver. Lärm bestürmte seine Ohren. Die Luft war heiß.

Frank Baker. Ja. Der Name war ihm als Reaktion auf die Frage des Sanitäters über die Lippen geglitten.

»Und was sind Sie, Mr. Baker?«

Eine merkwürdige Frage.

»Ein Beobachter.«

Eine gleichermaßen merkwürdige Antwort. Wie der Name war sie aus dem Nichts aufgetaucht, aber der überlastete Sanitäter zeigte sich zufrieden damit.

Es folgten Anflüge von Leere. Fieberschübe. Wahnvorstellungen. Dann die Genesung. Man war davon ausgegangen, dass er dem zivilen Beobachterkorps angehörte, und hatte ihn der Obhut des kleinen Mannes mit der Fistelstimme unterstellt, der im Augenblick neben ihm stand.

Was noch? Was noch? Was war es, das ich mir angesehen habe?

Er schlug die Augen auf. Es herrschte wenig Licht.

Ihm wurde bewusst, dass er etwas mit der Faust umklammerte. Er öffnete die Hand und stellte fest, dass er eine rote Mohnblume hielt. Sie fühlte sich bedeutsam an, wichtig. Weshalb, wusste er nicht. Er steckte sie in die Tasche.

Dann schob er seinen Blechhelm hoch, wischte sich Schweiß von der Stirn, schob die Oberkante des Periskops wieder über den Rand des Schützengrabens und spähte erneut durch das Objektiv. Zu seiner Linken verschmolz die Kuppe einer aufgedunsenen Sonne mit einem Horizont, der vor Hitze flimmerte, und geradeaus bahnten sich in der zunehmenden Düsternis sieben hoch aufragende, langbeinige Spinnentiere einen Weg durch das rote Unkraut, das im Niemandsland wucherte. Dampf wallte aus ihren Ablufttrichtern und zeichnete sich weiß vor dem dunkler werdenden, violetten Himmel ab.

Weberknechte, ging es ihm durch den Kopf. Diese Kreaturen sind Weberknechte, die von der Eugenikerfraktion der Technokraten zu gewaltiger Größe herangezüchtet werden. Nein, halt, nicht Eugeniker – das ist der Feind –, bei uns heißen sie Genetiker. Die Spinnentiere werden herangezüchtet, getötet und ausgeweidet. Anschließend bauen Techniker dampfbetriebene Maschinen in ihre Schalen ein.

Er betrachtete die Gerätschaften eingehender und stellte fest, dass bestimmte Dinge ihm anders vorkamen. Zum Beispiel hatte man unter ihren kleinen Körpern Gatling-Repetiergeschütze angebracht, wo Baker eigentlich Frachtnetze erwartet hätte. Die Waffen schwenkten hin und her, funkelten und blitzten, als sie eine Kugelsalve in die deutschen Schützengräben feuerten. Das metallische Prasseln der Geschosse übertönte beinah das Tuckern der Motoren. Zudem verfügten die Weberknechte über eine Panzerung, und die Fahrer saßen auf einer Art Sattel obenauf statt auf einem Sitz im Innern des ausgehöhlten Körpers, was darauf schließen ließ, dass die Schale mit größeren, mächtigeren Maschinen gefüllt war als … als …

Womit vergleiche ich sie eigentlich?

»Ziemlich beeindruckender Anblick, was?«, ertönte eine hohe Stimme.

Baker räusperte sich. Er fühlte sich nicht bereit für eine Unterhaltung, obwohl er den vagen Verdacht hegte, dass er sich bereits unterhalten hatte – dass er und der kleine Mann neben ihm erst vor wenigen Minuten miteinander geplaudert hatten.

Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber sein Gefährte fuhr fort: »Wäre ich ein Dichter, könnte ich ihnen vielleicht gerecht werden, aber für einen bloßen Journalisten ist die Herausforderung zu groß. Wie soll ich eine dermaßen unnatürliche Szene beschreiben? Jeder, der sie nicht mit eigenen Augen gesehen hat, würde denken, ich hätte eine wissenschaftliche Fantasieerzählung verfasst. Vielleicht würde man mich als neuen Jules Verne bezeichnen.«

Denk nach! Mach schon! Füge die Worte des Mannes zusammen. Entschlüssle die Sprache. Erkenne die Bedeutung darin.

Er holte tief Luft, als eine Erinnerung in ihm aufstieg. Er lag in einem Bett im Feldlazarett, hielt eine Zeitung in den Händen und las einen Bericht, der von diesem kleinen, molligen Burschen geschrieben worden war.

Ja, genau. Und jetzt sprich, Baker. Mach den Mund auf und sprich!

»Sie schaffen das schon«, sagte er. »Ich habe kürzlich einen Ihrer Artikel gelesen. Sie besitzen ein seltenes Talent. Wer ist Jules Verne?«

Er sah, dass der kleine Mann die Augen verengte und ihn im Zwielicht prüfend musterte, als versuche er, seine Züge auszumachen.

»Ein französischer Romanautor. Er kam ums Leben, als Paris fiel. Sie haben noch nie von ihm gehört?«

»Doch, vielleicht«, antwortete Baker. »Aber ich muss gestehen, ich erinnere mich im Augenblick an so wenig, dass ich kaum funktioniere.«

»Ah, natürlich. Ein keineswegs seltenes Symptom von Kriegsneurose oder Fieber, und Sie haben nach allem, was man so hört, unter beidem schwer gelitten. Wissen Sie noch, warum Sie in der Seenregion waren?«

Die Seenregion? Die ist … die ist in Afrika! Das hier ist nicht Afrika!

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Meine erste Erinnerung ist, dass man mich auf einer Bahre getragen hat. Dann weiß ich nur noch, dass ich hier war und von Sanitätern untersucht wurde.«

Der Journalist grunzte. »Ich habe mich ein wenig umgehört«, sagte er. »Die Männer vom Landvermessungskorps haben Sie am Ukerewesee gefunden, in der Nähe des Westufers, am Rand des Blutdschungels. Ein gefährlicher Ort – dort treiben sich viele Deutsche herum. Sie waren unbewaffnet und haben wirres Zeug geredet wie ein Verrückter. Und diese seltsame, glitzernde Hieroglyphe schien frisch in Ihren Kopf tätowiert gewesen zu sein.«

Hieroglyphe?

Baker fasste nach oben, schob die Hand unter den Helm und fuhr mit den Fingern durch sein kurzes Haar. An seiner Kopfhaut stieß er auf harte Erhebungen.

»Ich erinnere mich an nichts von alledem.«

Ich erinnere mich nicht. Ich erinnere mich nicht. Ich erinnere mich nicht.

»Die Landvermesser wollten Sie nach Tabora bringen, aber auf der Route nach Süden wimmelt es von Schnappern, deshalb sind sie stattdessen nach Osten gegangen, bis sie zu den dort versammelten Bataillonen stießen. Unterwegs waren Sie abwechselnd besinnungslos und bei Bewusstsein, aber nie bei klarem Verstand, um eine Erklärung abzugeben.«

Plötzlich wurde der Korrespondent vom an- und abschwellenden Geheul einer Sirene unterbrochen. Es handelte sich um einen Weberknecht, der in eine Notlage geraten war. Der Journalist wandte die Aufmerksamkeit wieder seinem Periskop zu. Baker tat es ihm gleich.

Eines der gigantischen Fahrzeuge hatte sich verheddert. Scharlachrote Ranken wanden sich um die stelzenartigen Beine und schlängelten sich zum hoch über dem Boden kauernden Fahrer empor. Der Mann riss verzweifelt an den Bedienhebeln und versuchte, die emporkletternden Pflanzen von der Maschine abzuschütteln. Es gelang ihm nicht. Der Weberknecht krängte immer weiter nach links. Dann kippte er um, zu Boden gezogen vom fleischfressenden Unkraut. Die Sirene gurgelte und verstummte. Der Fahrer rollte aus dem Sattel und wollte aufspringen, doch es war zu spät. Er kreischte, als Pflanzenschoten unter seinem Gewicht zerplatzten und ihn mit Säure bespritzten. Seine Uniform fing Flammen, sein Fleisch löste sich blubbernd und zischend von den Knochen. Das Unkraut brauchte weniger als eine Minute, um den Mann in ein blankes Skelett zu verwandeln.

»Armer Teufel«, murmelte der kleine Berichterstatter. Er senkte sein Beobachtungsinstrument und schüttelte sich Staub von der rechten Hand. »Haben Sie gesehen, wie gestern das Unkraut eingetroffen ist? Ich hab’s verpasst. Hab geschlafen.«

»Ich habe es auch nicht gesehen.«

»Anscheinend wurde eine dünne Wolkenranke, die wie eine Schlange aussah, vom Meer hereingeweht und hat die Samen herabregnen lassen. Die Pflanzen haben über Nacht gekeimt und wuchern seither. Das Gebiet sieht unpassierbar aus. Ich sage Ihnen, Baker, wenn es um das Wetter und um Pflanzen geht, kennen sich diese vermaledeiten Hexer der Krautfresser wirklich aus. Darum gelingt es ihnen immer noch, Hunderttausende Afrikaner mehr als wir zum Militär zu holen. Die Stämme sind dermaßen abergläubisch, dass sie alles tun, was man sagt, wenn sie glauben, man könne Regen heraufbeschwören und ihnen eine gute Ernte bescheren. Colonel Crowley hat schwer mit ihnen zu kämpfen – mit den Hexern, meine ich.«

Baker hatte Mühe, das alles zu verarbeiten. Hexer? Pflanzen? Kontrolle über das Wetter?

»Crowley?«, fragte er.

Der kleinere Mann zog die Augenbrauen hoch. »Du meine Güte, Ihr Gehirn ist ja wirklich wie ein Nudelsieb! Colonel Aleister Crowley. Unser Hauptmedium. Der größte aller Zauberer!«

Baker erwiderte nichts.

Der Berichterstatter zuckte verdutzt mit den Schultern und presste sich gegen die Seite des Schützengrabens, als sich eine Kolonne von Soldaten vorbeidrängte. Er kicherte, als ein Sergeant grinsend und augenzwinkernd meinte: »Köpfe unten lassen, meine Herren. Ich will keine Löcher in den teuren Helmen.« Anschließend wandte sich der kleine Mann wieder seinem Periskop zu. Baker beobachtete all das und versuchte verzweifelt, sein Gefühl der Fremdheit zu überwinden.

Ich gehöre nicht hierher. Ich verstehe das alles nicht.

Er wischte sich mit dem Ärmel über den Mund – die Atmosphäre strotzte vor Luftfeuchtigkeit, weshalb er heftig schwitzte –, dann setzte er das Auge am Objektiv seines Periskops an.

Zwei weitere Weberknechte wurden in die sich windende Flora hinuntergezerrt. »Wie viele Männer müssen noch sterben, bevor jemand den Befehl zum Rückzug der verdammten Fahrzeuge erteilt?«

»Wir werden uns nicht zurückziehen«, lautete die Antwort. »Das ist unsere letzte Chance. Wenn es uns gelingt, deutsche Ressourcen in Afrika in die Hände zu bekommen, sind wir vielleicht in der Lage, in Europa einen Gegenangriff zu starten. Wenn nicht, sind wir erledigt. Also werden wir tun, was nötig ist, auch wenn das bedeutet, vergeblichen Hoffnungen nachzujagen. Sehen Sie nur! Schon wieder ist einer gefallen!«

Die drei verbliebenen Weberknechte ließen ihre Sirenen aufheulen: »Uuuaaa! Uuuaaa! Uuuaaa! Uuuaaa!«

Der Berichterstatter sprach weiter. »Ein fürchterlicher Radau. Man könnte meinen, die verfluchten Spinnen sind am Leben und haben Todesangst.«

Baker schüttelte leicht den Kopf. »Streng genommen sind es keine Spinnen. Spinnen gehören der Ordnung der Araneae an, Weberknechte hingegen sind Opiliones

Woher weiß ich das?

Der Kriegsberichterstatter schnaubte verächtlich. »Sie gehören gar keiner Ordnung mehr an – nicht mehr, seit unsere Technokraten sie ausgekratzt haben.«

Überall in den britischen Schützengräben begannen Männer, in Pfeifen zu blasen.

»Verflixt! Da kommt unsere tägliche Sporendosis. Setzen Sie Ihre Maske auf.«

Baker bewegte sich, ohne darüber nachzudenken. Seine Hände wanderten zu seinem Gürtel, öffneten ein Behältnis aus Segeltuch und zogen eine dicke Gummimaske daraus hervor, die er sich übers Gesicht stülpte. Sein Gefährte und er sahen einander durch runde Augenöffnungen aus Glas an.

»Ich hasse den Geruch dieser Dinger«, meinte der kleinere Mann mit dumpfer Stimme. »Und sie machen mir Platzangst. In diesem höllischen Klima sind sie beinahe erstickend. Was halten Sie davon, zum Unterstand zurückzukehren und etwas zu trinken? Hier wird es ohnehin zu dunkel, um noch viel zu erkennen. Zeit für ein Tässchen Tee. Kommen Sie!«

Baker warf einen letzten Blick durch das Periskop. Durch die Augengläser der Maske sah er die Szene verschwommen, und die rasch hereinbrechende afrikanische Nacht verdunkelte sie zusätzlich, aber er konnte erkennen, dass auf der anderen Seite des Unkrautfelds eine dichte gelbe Wolke vorrückte, die vor dem pechschwarzen Himmel zu leuchten schien. Schaudernd wandte er sich ab und folgte dem anderen Mann durch den Frontschützengraben zu einem Kommunikationsgraben und weiter in einen der Unterstände. Dabei kamen sie an maskierten Soldaten vorbei – vorwiegend Askari, afrikanische Rekruten, viele davon kaum dem Kindesalter entwachsen –, die bedrückt dasaßen und darauf warteten, ins Gefecht geschickt zu werden.

Die beiden Männer erreichten einen Durchgang, schoben einen schweren Vorhang beiseite und traten ein. Sie nahmen die Helme und die Gesichtsmasken ab.

»Achten Sie darauf, dass der Vorhang ordentlich geschlossen ist, er hält die Sporen ab. Ich besorge uns Licht«, sagte der Journalist.

Augenblicke später erhellte eine Sturmlaterne den kleinen unterirdischen Bunker, der spärlich eingerichtet war mit zwei Holzbetten, zwei Tischen, drei Stühlen und ein paar Truhen.

»Pfui Teufel!«, stieß Baker hervor. »Ratten!«

»Gegen die kann man nichts machen. Die Quälgeister sind überall. Aber die sind Ihr geringstes Problem. In ein paar Tagen wird Ihre schöne, saubere Uniform von Läusen verseucht sein, und Sie werden das Gefühl haben, bei lebendigem Leib gefressen zu werden. Wo ist nur der verflixte Teekessel? Ah, hier!«

Der kleine Mann machte sich an einem Kocher zu schaffen. Das Licht offenbarte, dass er strahlend blaue Augen besaß.

Baker trat an den kleineren der beiden Tische, der an der Wand stand. Darauf befand sich eine Waschschüssel. An einem Nagel unmittelbar darüber hing ein Spiegel. Baker wollte sich darin betrachten, doch aus irgendeinem Grund konnte er sich nicht konzentrieren. Entweder ließen seine Augen nicht zu, dass er sich sah, oder er war nicht wirklich hier.

Er ging zum anderen Tisch in die Mitte des Unterstands und setzte sich.

»Diese Sporen«, sagte er. »Was sind sie? Woher kommen sie?«

»Streng genommen heißen sie A-Sporen. Die Deutschen züchten riesige Pilze, eine eugenisch veränderte Form der gemeinhin als Knollenblätterpilz bekannten Art, oder auch Amanita bisporigera, falls Sie lateinische Fachausdrücke bevorzugen. Die Pilze sind tödlich, und dasselbe gilt für ihre Sporen. Atmet man sie ein, wird man binnen Sekunden von Erbrechen, Krämpfen, Wahnvorstellungen, Zuckungen und Durchfall heimgesucht. In weniger als zehn Minuten ist man tot.«

»Botanische Waffen? Erst das Unkraut, dann noch Pilzsporen. Wie grauenhaft erfindungsreich!«

Der andere Mann musterte Baker mit verwirrter Miene. »Aber es ist doch allgemein bekannt, dass die Deutschen vorwiegend Rüstung auf botanischer Grundlage betreiben. Und gelegentlich mit mutierten Tieren.«

»Tatsächlich? Tut mir leid. Wie gesagt, ich leide unter nahezu völligem Gedächtnisverlust. Sie haben zuvor etwas namens Schnapper erwähnt …«

»Oh. Hm. Ja. Fleischfressende Pflanzen. Sie gehören zu den ersten von den Deutschen entwickelten Waffen. Ursprünglich waren es Kampffahrzeuge, die in ganz Afrika eingesetzt wurden. Eines Tages sind sie spontan mutiert und haben ihre Fahrer verschlungen, was irgendwie dazu geführt hat, dass sie rudimentäre Intelligenz erlangt haben. Danach haben sie sich rasant ausgebreitet und sind mittlerweile für beide Seiten eine Gefahr. Wenn Sie einen Schnapper sehen und keinen Flammenwerfer zur Hand haben, dann rennen Sie um Ihr Leben. Besonders in der Seenregion, wo man Sie gefunden hat, sind sie weit verbreitet.« Der Journalist verstummte kurz, dann fügte er hinzu: »Mir war nicht bewusst, dass Ihr Gedächtnis so völlig versagt. Wie geht es Ihnen körperlich? Wie fühlen Sie sich?«

»Schwach, aber es wird besser, und die Augenentzündung hat sich gelegt. Als ich im Lazarett das Bewusstsein erlangt habe, war ich halb blind. Dieses vermaledeite Gebrechen plagt mich seit Indien immer wieder mal.«

»Sie sind in Indien gewesen?«

Baker runzelte die Stirn und rieb sich das Kinn. »Ich weiß es nicht. Das ist gerade aus dem Nichts in meinem Kopf aufgetaucht. Aber ja, es fühlt sich so an, als wäre ich dort gewesen.«

»Indien, du meine Güte! Sie hätten dort bleiben sollen. Könnte durchaus sein, dass sich dieses Land noch als die letzte Bastion der Zivilisation des gesamten Planeten erweist! Sind Sie dem Korps dort beigetreten?«

»Ich glaube schon …«

In der Ferne ertönte ein Donnerschlag, dann noch einer und noch einer. Der Boden erzitterte. Der Berichterstatter blickte zur Decke.

»Artillerie. Erbsenmörser. Feuern vom Stadtrand von Daressalam aus.«

»Abgeleitet von bandar es-salaam, soviel ich weiß«, murmelte Baker. »Das bedeutet Hafen des Friedens. Welch eine Ironie.« Lauter sagte er: »Die Landschaft und das Klima sind mir irgendwie vertraut. Sind wir südlich von Sansibar? Liegt in der Umgebung ein Dorf namens Mzizima?«

»Ha! Mzizima und Daressalam sind ein und dasselbe, Baker! Unglaublich, dass der Tod des britischen Empires seinen Ursprung an einem so unbedeutenden kleinen Ort genommen hat, nicht wahr? Und jetzt sind wir wieder hier.«

»Wie meinen Sie das?«

»Es wird allgemein vermutet, dass es der Ort ist, an dem der Weltkrieg begonnen hat. Haben Sie sogar das vergessen?«

»Ja, ich fürchte, das habe ich. Er hat in Mzizima begonnen? Wie ist das möglich? Wie Sie richtig sagen, ist es ein kleiner, unbedeutender Ort.«

»Also erinnern Sie sich zumindest noch daran, wie Daressalam früher gewesen ist?«

»Ich erinnere mich daran, dass die Ortschaft früher kaum mehr als eine Ansammlung von Bienenkorbhütten war.«

»Völlig richtig. Aber diese Ansammlung wurde vor etwas mehr als fünfzig Jahren von einer Gruppe deutscher Landvermesser besucht. Niemand weiß, warum sie dort waren oder was sich zugetragen hat, aber aus irgendeinem Grund brachen Kampfhandlungen zwischen ihnen und Al-Manat aus.«

»Der präislamischen Göttin des Schicksals?«

»Meiner Treu, na so was! Nicht die, alter Freund. Al-Manat war die Anführerin einer Bande weiblicher Guerillakrieger. Gerüchten zufolge war sie Britin, aber ihre wahre Identität ist geheimnisumwittert. Sie gilt als eines der großen Rätsel der Geschichte. Jedenfalls eskalierten die Kampfhandlungen. Sowohl Briten als auch Deutsche schickten immer mehr Truppen hin, und Mzizima wurde zum Bollwerk der Deutschen Ostafrikagesellschaft. Die Schutztruppe wurde dort vor rund vierzig Jahren gebildet und hat die Siedlung rasch erweitert. Sie wurde in Daressalam umgetauft und blüht und gedeiht seither prächtig. Was unsere Leute dieses Wochenende ändern werden.«

»Was meinen Sie damit?«

»Ich meine damit, dass am Samstag die Luftschiffe Pegasus und die Astraea die Stadt in Schutt und Asche bomben werden.«

Draußen ertönten dumpf weitere Explosionen. Die Häufigkeit der Einschläge nahm zu. Alles bebte. Baker sah sich gehetzt um.

»Grüne Erbsen«, erklärte sein Gefährte.

»Das hören Sie allein am Klang?«

»Ja. Direkte Einschläge wie bei großen Kanonenkugeln. Die gelbe Art explodiert beim Aufschlag und verspritzt giftige Splitter. In Europa sind damit Millionen unserer Leute getötet worden, aber zum Glück gedeihen die Pflanzen in Afrika nicht.«

Bakers Finger umklammerten die Tischkante. Der andere Mann bemerkte es und beruhigte ihn. »Uns passiert nichts. Sie brauchen ewig, um die Weite richtig einzustellen. Außerdem gehören wir nicht den kämpfenden Truppen an und dürfen im Gegensatz zu den Soldaten hier Schutz suchen. Wir sind in Sicherheit, solange nicht eine dieser Plagen direkt auf uns landet, und die Chancen dafür sind äußerst gering.«

Er setzte den Kessel auf. Dann saßen sie stumm da und lauschten dem Bombardement, bis das Wasser kochte. Schließlich löffelte der Journalist Teeblätter in eine Kanne und meinte: »Die Rationen sind ziemlich knapp.«

Baker bemerkte, dass sein Gefährte immer wieder Blicke auf ihn warf. Er verspürte das unerklärliche Verlangen, sich aus dem Licht wegzuducken, aber das ging nicht. Hilflos beobachtete er, wie plötzlich eine Abfolge verschiedener Emotionen über die Züge des anderen Mannes huschte: Neugier, Verwirrung, Erkennen, Ungläubigkeit, Schock.

Der kleinere Mann blieb stumm, bis der Tee gekocht war. Dann füllte er zwei Blechtassen, gab Milch und Zucker dazu, reichte eine der Tassen Baker, setzte sich, blies Dampf von seinem Getränk und erhob die Stimme über den Lärm der Geschosseinschläge. »Sagen Sie, alter Freund, wann haben Sie sich zuletzt rasiert?«

Baker seufzte. »Ich wünschte, ich hätte eine Zigarre.« Dann schob er eine Hand in die Tasche, zog die Mohnblume daraus hervor, starrte sie an und hakte abwesend nach: »Was?«

»Ihre letzte Rasur. Wann war die?«

»Keine Ahnung. Vielleicht vor drei Tagen. Warum fragen Sie?«

»Weil die Stoppeln Ihre Tarnung völlig ruinieren, lieber Freund. Mit Bart oder Schnurrbart werden Ihre Züge sofort erkennbar. Sie sind genauso ausdrucksstark, wie man es berichtet, unbarmherzig und gebieterisch. Herrje, diese düsteren Augen! Diese eisenharte Kieferpartie! Die Narbe auf Ihrer Wange!«

»Was schwafeln Sie da?«, herrschte Baker ihn an.

»Ich rede von etwas, das vollkommen unmöglich und gänzlich unglaublich ist – aber zugleich absolut offensichtlich und unbestreitbar!« Der Journalist grinste. Mittlerweile musste er brüllen – das Bombardement bestürmte ihre Ohren unbarmherzig. »Lassen Sie’s gut sein. Leugnen hat keinen Zweck, Sir. Ich bin kein Narr. Es steht außer Frage, dass Sie jemand anderer sein könnten, obwohl es keinerlei Sinn ergibt, dass Sie sind, wer Sie sind.«

Baker starrte ihn finster an.

Der andere Mann rief: »Würden Sie es mir erklären? Ich versichere Ihnen, ich bin außergewöhnlich aufgeschlossen und kann ein Geheimnis bewahren, falls Sie es mir als Bedingung auferlegen. Mein Redakteur würde mir ohnehin kein Wort glauben.«

In unmittelbarer Nähe ihres Unterstands erfolgte ein Einschlag. Ein Ruck durchlief den Raum. Der Tee schwappte über. Baker zuckte zusammen, erlangte die Fassung wieder und sagte laut: »Ich weiß wirklich nicht, wovon Sie reden.«

»Dann lassen Sie es mich klarstellen. Frank Baker ist ganz sicher nicht Ihr Name.«

»Nicht?«

»Ha! Also geben Sie zu, dass Sie unter Umständen nicht der sind, als der Sie sich ausgeben?«

»Der Name kam mir in den Sinn, als ich gefragt wurde, aber ich bin keineswegs überzeugt davon, dass er stimmt.«

Wieder zuckte Baker zusammen, als ein weiterer Einschlag den Raum erschütterte.

»Na schön«, brüllte der Journalist. »Dann lassen Sie uns einander richtig kennenlernen. Ich wurde Ihnen als Mr. Wells vorgestellt. Vergessen Sie das. Solche Förmlichkeiten sind überflüssig. Mein Name ist Herbert. Herbert George. Kriegsberichterstatter für die Tabora Times. Die meisten Menschen nennen mich Bertie, Sie können es ruhig auch so halten. Jedenfalls, ich bin sehr froh, Ihnen zu begegnen.« Damit streckte er die Hand aus, die ergriffen und geschüttelt wurde. »Ehrlich, machen Sie sich wegen des Beschusses keine Sorgen, wir sind hier sicherer, als es den Anschein hat. Die deutsche Artillerie hat es eher auf die Versorgungsgräben als auf die Frontlinie abgesehen. Indem sie unsere Vorräte zerstören, gewinnen sie mehr als durch den Tod einiger Askaris

Baker nickte knapp. Einen Moment lang bewegten sich stumm seine Lippen. Immer wieder blickte er auf die Mohnblume in seiner Hand, dann räusperte er sich und sagte: »Also kennen Sie mich? Meinen richtigen Namen?«

»Ja, ich kenne Sie«, erwiderte Wells. »Ich habe die Biografien gelesen. Ich habe die Fotos gesehen. Ich weiß alles über Sie. Sie sind Sir Richard Francis Burton, der berühmte Entdecker und Gelehrte. Ich kann mich unmöglich irren.« Er trank einen Schluck Tee. »Nur ergibt das keinen Sinn.«

»Warum nicht?«

»Weil Sie mir Mitte vierzig zu sein scheinen, mein lieber Freund. Allerdings haben wir 1914, und zufällig weiß ich, dass Sie 1890 an Altersschwäche gestorben sind.«

Baker – Burton – schüttelte den Kopf. »Dann kann ich nicht derjenige sein, für den Sie mich halten«, gab er zurück. »Denn ich bin weder alt noch tot.«

In diesem Augenblick endete die Welt mit einer entsetzlichen Erschütterung.

Sternchen

Für Thomas Bendyshe endete die Welt am Neujahrstag 1863. Er war als Sensenmann verkleidet, als er starb. Als unverblümter und überzeugter Atheist lauteten seine letzten Worte: »O Gott! O lieber Herr Jesus! Bitte, Maria Muttergottes, rette mich!«

Die anderen Mitglieder des Cannibal Clubs schrieben diesen untypischen Gefühlsausbruch dem Umstand zu, dass eine Strychninvergiftung ein ausgesprochen qualvoller Weg ins Jenseits ist.

Sie hatten sich in Fryston versammelt – Richard Monckton Milnes’ Gutshaus in Yorkshire –, um eine kombinierte Neujahrs- und Abschiedsfeier mit Kostümierung zu begehen. Der Abschied war nicht für Bendyshe gedacht – sein Dahinscheiden kam völlig unerwartet –, sondern für Sir Richard Francis Burton und seine Expedition, die noch in derselben Woche nach Afrika aufbrechen sollten.

Das Gutshaus Fryston, das aus dem elisabethanischen Zeitalter stammte, besaß keinen Ballsaal, dafür verbargen sich hinter den Steinkreuzfenstern zahlreiche geräumige, eichenholzgetäfelte Zimmer, erwärmt von Kaminecken. Kostümierte Gäste füllten die Räume. Unter ihnen befanden sich präraffaelitische Künstler, führende Technokraten, Schriftsteller, Dichter und Schauspieler, Minister der Regierung, Beamte von Scotland Yard sowie Mitglieder der Royal Geographical Society. Auch eine Reihe hochrangiger Offiziere vom Luftschiff Orpheus Seiner Majestät gab sich die Ehre, und zur weiblichen Prominenz zählten Miss Isabella Mayson, Schwester Sadhvi Raghavendra, Mrs. Iris Angell und die berühmte Eugenikerin – mittlerweile Genetikerin – Florence Nightingale. Zusammen sorgten sie für eine gut besuchte Soiree, wofür Monckton Milnes bekannt war.

Im Raucherzimmer verbrachte Bendyshe mit schwarzem Kapuzenumhang und Totenkopfmaske die letzten Minuten vor seinem Tod damit, vergnügt den griechischen Gott Apollo zu hänseln. Bei dem kleinen Olympbewohner mit den flammenroten Haaren handelte es sich in Wirklichkeit um den Dichter Algernon Charles Swinburne in einer Toga, mit einem Lorbeerkranz auf der Stirn und einem Eros-Pfeil mit goldener Spitze im Hosenbund. Er stand in der Nähe eines Erkerfensters bei Perserkönig Shahryār, Oliver Cromwell, dem Harlekin und einem Ritter; mit anderen Worten bei Sir Richard Francis Burton, Kriegsminister Sir George Cornewall Lewis, Monckton Milnes und dem Technokratenkapitän der Orpheus, Nathaniel Lawless.

Swinburne hatte soeben ein volles Glas Brandy von einem vorbeigehenden Kellner erhalten, der wie das gesamte Personal das venezianische Kostüm Medico Della Peste samt Vogelmaske mit langem Schnabel trug. Der Dichter trank einen Schluck, stellte das Glas auf einem kleinen Tisch neben ihm ab und wandte sich wieder an Kapitän Lawless. »Aber ist das nicht eine ziemlich große Besatzung? Ich hatte den Eindruck, Rotorschiffe würden von sieben oder acht Mann geflogen, nicht von … wie viel noch mal?«

»Mich mitgerechnet«, erwiderte der Kapitän, »sind es sechsundzwanzig, und das ist noch nicht die volle Besatzung.«

»Meiner Treu! Wie um alles in der Welt vertreiben Sie sich bei so vielen Leuten die Zeit?«

Lawless lachte. Seine hellgrauen Augen funkelten, seine ebenmäßigen Zähne präsentierten sich noch weißer als sein milchiger, kurz gestutzter Bart. »Ich glaube, Ihnen ist die Größe der Orpheus nicht ganz bewusst«, meinte er. »Sie ist Mr. Brunels größte Flugmaschine. Ein veritabler Koloss. Ich wette, es verschlägt Ihnen den Atem, wenn Sie das Schiff morgen sehen.«

Der Technokrat Daniel Gooch schloss sich der Gruppe an. Wie immer trug er ein Geschirr, an dem zwei zusätzliche mechanische Arme befestigt waren. Swinburne hatte bereits seiner Meinung Ausdruck verliehen, der Techniker hätte sich als riesiges Insekt verkleiden sollen. Tatsächlich hatte Gooch sich als russischer Kosak kostümiert. Nun ergriff der Ingenieur das Wort. »Sie ist überwältigend, Mr. Swinburne. Und luxuriös. Für Passagierreisen entworfen. Das Schiff wird die Expedition, die Vorräte sowie Ihre beiden Fahrzeuge befördern und noch reichlich Reserveraum übrig haben.«

Bendyshe stand unmittelbar hinter dem Dichter mit dem Rücken zu ihm und unterhielt sich mit Charles Bradlaugh, der als Dick Turpin kostümiert war. Dabei stibitzte er heimlich das Glas Brandy vom Tisch, schob es unter seine Maske, leerte es in einem Zug, stellte es zurück und zwinkerte Bradlaugh durch das rechte Augenloch der Maske zu.

»Sind denn schon alle Mannschaftspositionen besetzt, Käpt’n?«, erkundigte sich Burton. »Wie ich hörte, hatten Sie Probleme.«

Lawless nickte. »Die beiden Schlotschrubber, die uns die Kaminkehrervereinigung geschickt hat, haben sich als zu jung und undiszipliniert für die Aufgabe erwiesen. Sie haben in den Lüftungsrohren Schabernack getrieben und beträchtlichen Schaden angerichtet. Ich habe sie auf der Stelle entlassen.« Er wandte sich an Gooch, der an Bord des Luftschiffes als leitender Techniker diente. »Nach meinem Wissensstand stoßen die Ersatzleute in Battersea zu uns, richtig?«

»Ja, Sir, und sie bringen ein neues Rohr von der Kaminkehrervereinigung mit.« Eine seiner mechanischen Hände tauchte in seine Jackentasche hinab und zog ein Notizbuch hervor. Er las darin nach und fügte hinzu: »Sie heißen William Cornish und Tobias Threadneedle.«

»Dreikäsehochs?«

»Cornish ist noch ein Junge, Sir. Anscheinend ist Mr. Threadneedle deutlich älter, wenngleich ich vermute, dass er mit derselben zierlichen Statur wie alle Männer seines Berufsstandes aufwarten wird.«

Gooch konnte nicht anders, als dabei einen Blick zu Swinburne zu werfen, der ihm zur Erwiderung die Zunge zeigte.

»Bestimmt ein Meisterkehrer«, warf Burton ein. »Ich glaube, der Käfer versucht, deren Bruderschaft in die Kaminkehrervereinigung zu integrieren.« Er verstummte kurz, dann fügte er hinzu: »Wo habe ich den Namen William Cornish schon mal gehört?«

»Von mir«, antwortete Swinburne mit hoher Piepsstimme. »Ich kenne ihn. Er ist ein anständiger junger Rabauke, wenngleich ein bisschen zu sehr darauf bedacht, seine Abende damit zu verbringen, auf Friedhöfen Fallen zu stellen in der Hoffnung, den einen oder anderen Leichenräuber zu fangen.« Er griff nach seinem Glas, hob es an die Lippen, weitete verdutzt die Augen, betrachtete es bedauernd und murmelte: »Verflixt!« Er gab einem Kellner ein Zeichen.

»Leichenräuber? Der Käfer? Rohre? Wovon in Gottes Namen reden wir hier?«, rief Cornewall Lewis.

Burton antwortete: »Der Käfer ist das geheimnisumwobene Oberhaupt der Organisation der Kaminkehrer. Ein Junge. Ausgesprochen intelligent und belesen. Er lebt in einem Fabrikschornstein.«

»Grundgütiger!«

Swinburne nahm sich vom Kellner ein weiteres Glas Brandy, nippte daran und stellte es auf dem Tisch ab.

»Ich bin dem Käfer nie begegnet«, sagte er, »aber ich habe mit Willy Cornish zusammengearbeitet, als ich unter einem Meisterkehrer namens Vincent Sneed gedient habe, während Richard in der Spring-Heeled-Jack-Sache ermittelt hat. Sneed ist ein boshafter Rüpel mit einem großen Zinken. Zu meinem Pech bin ich ihm bei den Aufständen vergangenen Sommer erneut über den Weg gelaufen. Damals habe ich dem Mistkerl eins verpasst.«

»Du bist auf ihn draufgefallen«, berichtigte ihn Burton.

Bendyshe ergriff unbeobachtet das Glas des Dichters, trank es beinah leer und stellte es unauffällig zurück.

Bradlaugh flüsterte ihm zu: »Bist du sicher, dass das klug ist, alter Freund? Wenn du nicht aufpasst, endest du stockbesoffen.«

»Unschinn«, lallte Bendyshe. »Ich bin sch… stocknüchtern.«

Monckton Milnes wandte sich an Lawless. »Was genau macht ein Schlotschrubber?«

»Normalerweise sind Schlotschrubber an Landeplätzen stationiert«, erklärte der Luftschiffkapitän, »und dafür verantwortlich, dass die Rauch- und Dampfabzüge eines Schiffes sauber und frei von Verstopfungen bleiben. Bei den größeren Schiffen jedoch, die höher fliegen, zirkuliert warme Luft durch ein umfangreiches internes Rohrsystem, um zu gewährleisten, dass in jeder Kabine eine angenehme Temperatur gewahrt bleibt. Die Rohre sind so breit, dass ein kleiner Junge hindurchkriechen kann. Nun, die Aufgabe eines Schlotschrubbers besteht darin, genau das zu tun, um den Staub und die Feuchtigkeit zu beseitigen, die sich in den Rohren ansammeln.«

»Klingt nach einer ungeheuer heißen und unbequemen Arbeit!«

»Stimmt. Aber nicht im Vergleich zum Reinigen von Kaminen.« Lawless richtete das Wort an Swinburne. »Wie Sie offensichtlich aus eigener Erfahrung wissen, führen Kaminkehrer ein erbärmliches Leben. Diejenigen, die Arbeit als Schlotschrubber finden, zählen zu den wenigen Glücklichen.«

»Ich glaube kaum, dass eine solche Beförderung die Bezeichnung ›glücklich‹ rechtfertigt«, warf Burton ein. »Auch Schlotschrubber sind emotional und körperlich zernarbt von den Jahren der Armut und Grausamkeit. Der Käfer tut, was er kann, um seine Leute zu schützen, aber die gesellschaftliche Ordnung kann auch er nicht ändern. Um das Leben von Kaminkehrern zu verbessern, müssten wir eine grundlegende Umverteilung des Wohlstands ins Rollen bringen. Wir müssten die breite Masse aus dem klebrigen Matsch der Armut zerren, in den die Grundfesten des Empires versunken sind.«

Bei diesen Worten blickte er Cornewall Lewis an, der nur mit den Schultern zuckte und meinte: »Ich bin der Kriegsminister, Sir Richard. Meine Aufgabe besteht darin, das Empire zu beschützen, und nicht, seine Unzulänglichkeiten zu bereinigen.«

»Es zu beschützen oder es zusammen mit seinen Ungerechtigkeiten auszuweiten, Sir?«

Monckton Milnes räusperte sich. »Aber, aber, Richard«, sagte er leise. »Das ist kaum der passende Rahmen für so etwas.«

Burton biss sich auf die Lippe und nickte. »Verzeihung, Sir George – das war unpassend. Seit den Tichborne-Aufständen bin ich bei solchen Dingen ein wenig empfindlich.«

Cornewall Lewis öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, wurde jedoch von Swinburne unterbrochen, der plötzlich aufschrie: »Was? Was? Ist die Welt jetzt völlig verrückt geworden? Wie kann ich meine Gläser nur mit solcher Geschwindigkeit leeren? Ich schwöre, ich hab kaum einen Tropfen von dem Glas gekostet!«

Burton blickte stirnrunzelnd auf seinen Gehilfen hinunter. »Algy, bitte denk daran, dass du Apollo und nicht Dionysos bist«, mahnte er ihn. »Versuch, deinen Alkoholgenuss auf ein geregeltes Maß zu bringen.«

»Ein geregeltes Maß? Wovon zum Kuckuck redest du da, Richard? Niemand trinkt regelmäßiger als ich!«

Der Dichter betrachtete sein leeres Glas mit nachdenklicher Miene, dann gab er einem weiteren Kellner ein Zeichen. Hinter ihm hatten Bendyshe und Bradlaugh Mühe, ihr Kichern zu unterdrücken.

»Wie dem auch sei«, meldete Gooch sich zu Wort, »sobald die Schrubber eintreffen, ist die Besatzung vollzählig.« Er zog zwischen den Seiten des Notizbuchs ein Blatt Papier hervor. »Ich habe die vollständige Namensliste hier, Sir.«

Lawless ergriff den Zettel, las ihn und nickte billigend.

»Darf ich mal sehen, Käpt’n?«, fragte Burton.

»Gewiss.«

Der Agent des Königs nahm die Liste an sich und betrachtete sie eingehend. Er las:

Befehlshabender Offizier: Kapitän Nathaniel Lawless

Erster Offizier: William Samuel Henson

Zweiter Offizier: Wordsworth Pryce

Steuermann: Francis H. Wenham

Steuermannsmaat: Walter D’Aubigny

Navigator: Cedric Playfair

Meteorologe: Arthur Bingham

Erster Maschinist: Daniel Gooch

Maschinist: Harold Bloodmann

Maschinist: Charles Henderson

Maschinist: Cyril Goodenough

Maschinist: James Bolling

Erster Takler: Gordon Champion

Takler: Alexander Priestley

Takler: Winford Doe

Heizer: Walter Gerrard

Heizer: Peter Etheridge

Schürer: Thomas Beadle

Schürer: Gwyn Reece-Jones

Schlotschrubber: Ronald Welbergen William Cornish

Schlotschrubber: Michael Drake Tobias Threadneedle

Flugbegleiter/Arzt: Doktor Barnaby Quaint

Flugbegleiter-/Arzthelferin: Schwester Sadhvi Raghavendra

Quartiermeister: Frederick Butler

Quartiermeisterhelferin: Isabella Mayson

Schiffsjunge: Oscar Wilde

»Wird der junge Quips meiner Empfehlung gerecht?«, erkundigte sich Burton beim Kapitän.

»Quips?«

»Der junge Master Wilde.«

»Ah. Ein treffender Spitzname – er ist ein ausgesprochen geistreicher junger Mann. Wie alt ist er? Um die zwölf?«

»Er hat vor einigen Monaten seinen neunten Geburtstag gefeiert.«

»Heiliger Himmel! So jung? Und ein Waisenknabe?«

»Ja. Er hat seine gesamte Familie durch die Hungersnot in Irland verloren. Hat sich als blinder Passagier an Bord eines Schiffes nach Liverpool geschmuggelt, sich nach London durchgeschlagen und arbeitet dort seither als Zeitungsjunge.«

»Nun, ich muss schon sagen, dass mich sein Fleiß beeindruckt. Mit der Führung eines Rotorschiffes geht ein ganzer Berg an Bürokratie einher, und der Bursche hat sich im Nu über den Papierkram hergemacht. Er hält ihn besser geordnet und auf dem letzten Stand, als ich es je könnte. Und wann immer ich zu ihm sage: ›Tu dies oder das‹ – dann hat er es bereits erledigt. Würde mich keineswegs überraschen, wenn Oscar Wilde eines Tages Kapitän seines eigenen Schiffes wird.« Lawless fuhr sich mit den Fingern über den Bart. »Sir Richard, was ist mit diesen jungen Damen? Dass Frauen als Besatzungsmitglieder dienen, hat es zwar durchaus schon gegeben, aber sind Sie sicher, dass es klug ist, die Krankenschwester auf Ihre Expedition mitzunehmen? Afrika ist schon für einen Mann rau genug, finden Sie nicht? Und was ist mit dem vermaledeiten Kannibalismus? Wird man die Frau nicht als zu verlockenden Leckerbissen betrachten, um der Versuchung zu widerstehen?«

»Es ist in der Tat eine grausame Umgebung, wie ich aus eigener leidlicher Erfahrung weiß«, antwortete Burton. »Allerdings stammt Schwester Raghavendra aus Indien und besitzt eine natürliche Immunität gegen viele der Krankheiten, die einen Europäer in Afrika befallen. Darüber hinaus verfügt sie über außergewöhnliche medizinische Fähigkeiten. Ich wünschte, sie wäre bei meinen früheren Reisen bei mir gewesen. Seien Sie versichert, dass man sich den ganzen Weg bis nach Kazeh gut um sie kümmern wird, wo sie bei unseren arabischen Gastgebern bleibt, während wir anderen den Marsch nach Norden antreten werden, wo angeblich die Mondberge liegen.«

»Und die Kannibalen?«

Burtons Mundwinkel zuckten leicht. »Die wenigen Stämme, die Menschenfleisch verzehren, tun es auf rituelle Weise, um ihren Sieg in einer Schlacht zu feiern. Es ist kein so häufig auftretendes Phänomen, wie Bilderbücher einen glauben machen wollen. Für tägliche Mahlzeiten, die aus Armen oder Beinen bestehen, müsste man schon auf die andere Seite der Welt nach Koluwai reisen, eine kleine Insel südöstlich von Papua-Neuguinea. Dort hat man gerne europäische Besucher zum Abendessen – und ich meine nicht als Gäste. Anscheinend schmecken wir wie Schwein.«

»Puh! Mir sind Lammkoteletts entschieden lieber«, gab Lawless zurück.

Cornewall Lewis mischte sich ins Gespräch. »Sie lassen die Frau bei Arabern? Kann man denen wirklich eine Vertreterin des schönen Geschlechts anvertrauen?«

Ungeduldig schnalzte Burton mit der Zunge. »Sir, wenn Sie die von Ihrer eigenen Regierung verbreiteten Lügen glauben möchten, ist das Ihre Sache, aber ungeachtet der Verleumdungen, die im Parlament kursieren, habe ich die arabische Rasse nie anders als außerordentlich gütig, höflich und durch und durch ehrenhaft kennengelernt.«

»Ich wollte lediglich andeuten, dass es ein Risiko sein könnte, eine Frau aus dem Empire in unchristlichen Händen zu lassen, Sir Richard.«

»Sie reden von ›christlich‹? Also halten Sie nichts von Darwins Erkenntnissen? Glauben auch Sie, dass Ihr Gott manche Rassen gegenüber anderen vorzieht?«

»Ich benutze das Wort nur aus Gewohnheit als Synonym für ›zivilisiert‹«, protestierte Cornewall Lewis.

»Dann muss ich das wohl so verstehen, dass Sie die Araber für unzivilisiert halten, obwohl sie die moderne Mathematik, chirurgische Instrumente, Seife und Parfum erfunden haben. Und die Windmühle, die Kurbelwelle und zahlreiche andere Dinge. Obwohl es die Araber waren, die erkannten, dass die Erde eine Kugel ist, die um die Sonne kreist, und das fünfhundert Jahre bevor Galileo von der christlichen Kirche gefoltert wurde, weil er dieselbe Auffassung vertrat.«

Der Kriegsminister schürzte unbehaglich die Lippen.

»Dabei fällt mir ein …«, meldete sich Monckton Milnes zu Wort. »Richard, ich habe das Manuskript, über das wir gesprochen haben – das persische Traktat.«

»Das was?«

»Die Übersetzung, nach der du gesucht hast.« Er trat vor und schlang sich bei Burton ein. »Sie ist in der Bibliothek. Komm mit, ich zeige sie dir. Bitte entschuldigen Sie uns, meine Herren, es wird nicht lange dauern.«

Bevor Burton Einwände erheben konnte, wurde er von der Gruppe weggezogen und zwischen den Gästen hindurch zur Tür geschoben.

»Was für ein Traktakt, zum Kuckuck?«, stieß er hervor.

»Eine notwendige Erfindung, um dich vom Schlachtfeld zu entfernen«, zischte Monckton Milnes ihm zu. »Was ist bloß in dich gefahren? Warum fällst du über Cornewall Lewis her wie ein tollwütiger Hund?«

Sie verließen den Raum, durchquerten einen Salon, passierten eine kleine Gruppe in der Empfangshalle, betraten einen Gang und blieben vor einer beschnitzten Eichentür stehen. Monckton Milnes zog einen Schlüssel aus einer Tasche seines Kostüms, drehte ihn im Schloss und sperrte die Tür wieder ab, nachdem sie den Raum dahinter betreten hatten.

Sie befanden sich in seiner berühmten und auch ein wenig berüchtigten Bibliothek.

Milnes deutete auf große, genietete Ledersessel in der Nähe des Kamins und sagte herrisch: »Setz dich.«

Burton gehorchte.

Monckton Milnes ging zu einem Schrank, holte eine Flasche und Gläser daraus hervor und schenkte ihnen beiden ein. Dann gesellte er sich zu Burton und reichte ihm ein Glas.

»Touriga Nacional, Jahrgang 1822, einer der besten Portweine aller Zeiten«, murmelte er. »Hat mich ein Vermögen gekostet. Stürz ihn nicht einfach runter, genieß ihn.«

Burton hielt sich das Glas unter die Nase und atmete das Aroma ein. Er kostete davon, schürzte anerkennend die Lippen, lehnte sich im Sessel zurück und musterte seinen Freund.

»Ich entschuldige mich, mein Bester.«

»Erspar mir das. Ich will keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung. Herrgott, Richard, ich habe dich schon wütend, besiegt, ungestüm vor Enthusiasmus und voll wie eine Strandhaubitze erlebt, aber ich habe dich noch nie so fahrig gesehen. Was ist los?«

Burton starrte in das Glas Portwein und schwieg eine Zeit lang, dann schaute er auf und begegnete dem Blick seines Freundes.

»Sie machen eine Marionette aus mir.«

»Wer? Und wie?«

»Die verdammten Politiker. Indem sie mich nach Afrika schicken.«

In Monckton Milnes’ Zügen zeigte sich Überraschung. »Aber das hast du doch immer gewollt!«

»Nicht unter diesen Umständen.«

»Was für Umstände? Mann, du kannst mich steinigen, aber dir bietet sich eine seltene Gelegenheit! Die Royal Geographical Society hat sich entschieden dagegen ausgesprochen, dich zu entsenden, aber Palmerston – der Premierminister höchstpersönlich – hat Druck auf sie ausgeübt. Du erhältst eine weitere Chance, die Quelle des Nils zu entdecken, und keine andere Expedition hatte je so großzügige finanzielle Mittel und so viel Unterstützung, nicht einmal die von Henry Stanley! Warum also bist du so mürrisch und lässt immer wieder deinen verdrossenen Blick aufblitzen? Erklär mir das!«

Burton schaute weg, betrachtete die von Büchern gesäumten Wände und die erotischen Statuetten auf Sockeln in verschiedenen Nischen, zupfte an seiner Jacke und wischte sich Flusen vom Ärmel. Er nahm einen weiteren Schluck aus seinem Glas, ehe er die Aufmerksamkeit wieder zögerlich auf Monckton Milnes richtete.

»Stimmt, ich wollte schon lange nach Afrika zurückkehren, um zu beenden, was ich 1857 begonnen habe«, sagte er. »Endgültig die Quelle des Nils aufspüren. Stattdessen werde ich entsendet, um eine verdammte Waffe zu finden und herzubringen!«

»Eine Waffe?«

»Einen schwarzen Diamanten. Ein Nāga-Auge.«

»Was ist das? Wie kann ein Diamant eine Waffe sein? Das verstehe ich nicht.«

Unvermittelt beugte Burton sich vor und ergriff das Handgelenk seines Freundes. In seinen dunklen Augen loderte ein Feuer.

»Du und ich, wir kennen uns schon lange«, sagte er, und eine leichte Heiserkeit schlich sich in seine Stimme. »Ich kann doch darauf vertrauen, dass du Verschwiegenheit wahrst, oder?«

»Natürlich. Ich gebe dir mein Wort.«

Burton lehnte sich zurück. »Erinnerst du dich noch, dass du mir einmal die Chiromantin Komtesse Sabina empfohlen hast?«

Monckton Milnes nickte.

»Seit ein paar Wochen setzt sie ihre Begabung als Seherin für Palmerston ein. Ihre Fähigkeiten sind erstaunlich. Sie ist in der Lage, verblüffend klare Ausschnitte der Zukunft zu erblicken – allerdings nicht unserer Zukunft.«

Sein Freund legte die Stirn in Falten, trank einen Schluck aus seinem Glas, stellte es danach beiseite und rieb sich mit der Hand über die Wange, wodurch er versehentlich die rote Harlekinschminke rings um sein linkes Auge verschmierte.

»Wessen Zukunft dann?«

»Nein, du verstehst mich falsch. Ich meine damit nicht die Zukunft, die du und ich und alle anderen Menschen auf der Welt erleben werden.«

»Was gibt es denn sonst noch für eine Zukunft?«, fragte Milnes verwirrt.

Burton blickte ihm fest in die Augen, dann sagte er leise: »Diese Welt, diese Zeit, in der wir leben, ist nicht so, wie sie sein sollte.«

»Nicht so, wie … Richard, du sprichst in Rätseln!«

»Erinnerst du dich an die Hysterie vor etwa achtzehn Monaten, als die Menschen überall anfingen, Spring Heeled Jack zu sehen?«

»Ja, selbstverständlich.«

»Das war keine Sensationshascherei der Zeitungen. Es war echt.«

»Ein Scherzbold?«

»Weit gefehlt. Er war ein Mann aus der Zukunft. Er ist aus dem Jahr 2202 ins Jahr 1840 gereist, um zu verhindern, dass sein Vorfahre, dessen Namen Edward Oxford auch er trug, Königin Victoria erschießt. Seine Mission ging auf fürchterliche Weise schief. Was ein misslungener Attentatsversuch hätte werden sollen, gelang erst durch sein Eingreifen. Dadurch hat sich alles verändert, was in seiner Geschichtsschreibung verzeichnet war, und darüber hinaus hat es ihn in seiner eigenen Zeit ausgelöscht.«

Monckton Milnes saß reglos da, nur seine Augen weiteten sich.

»Als Oxford versucht hat, vom Schauplatz des Attentats zu fliehen«, fuhr Burton fort, »wurde sein seltsames Kostüm, das die Gerätschaft enthielt, mit der er durch die Zeit reisen konnte, von einem jungen Polizeibeamten beschädigt, der uns beiden bekannt ist. Tatsächlich ist er heute Abend sogar hier.«

»W-wer?«

»William Trounce. Damals war er erst achtzehn Jahre alt. Durch sein Eingreifen wurde Oxford ins Jahr 1837 zurückgeschleudert, wo er von Henry de La Poer Beresford aufgenommen und versorgt wurde.«

»Dem irren Marquis?«

»Ja. In seiner Obhut ließ Oxford vage Andeutungen über die Gestalt und Natur der Zukunft fallen. Diese Hinweise haben direkt zum Entstehen der Kasten der Technokraten und der Libertins sowie deren Ableger geführt. So sind wir auf einen Weg geraten, der nichts mit dem gemein hat, den wir eigentlich hätten beschreiten sollen. Die Geschichte hat sich dramatisch verändert. Dasselbe gilt für die Menschen, denn sie werden jetzt mit Gelegenheiten und Herausforderungen konfrontiert, denen sie andernfalls nie begegnet wären.«

Verdutzt schüttelte Monckton Milnes den Kopf. »Ist das eines der Märchen aus 1001 Nacht?«, fragte er. »Das kannst du doch nicht ernst meinen.«

»Vollkommen ernst. Ich erzähle dir die reine Wahrheit.«

»Na schön. Ich will versuchen, meine Ungläubigkeit aufzuschieben und dich zu Ende anzuhören. Bitte fahr fort.«

»In der für ihn fernen Vergangenheit gefangen, verlor Oxford den Verstand. Er und der Marquis, der selbst an der Grenze zum Wahnsinn stand, dachten sich einen Plan aus, wie Oxford seine künftige Existenz vielleicht wiederherstellen könnte, indem er seine familiäre Abstammung sicherte. Dazu gehörten kurze Sprünge in die Zukunft, um einen seiner Vorfahren aufzuspüren, was Oxford auch gelang, obwohl die Funktion seines Anzugs zunehmend nachließ. Einer dieser Sprünge hat ihn ins Jahr 1861 geführt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Beresford ein Bündnis mit Charles Darwin und Francis Galton geschlossen. Sie hatten vor, Oxford in eine Falle zu locken, ihm seinen Anzug abzunehmen und diesen zu benutzen, um getrennte Geschichtsverläufe zu schaffen und jeden so zu formen, wie es ihnen gefiel. Sie wollten uns alle manipulieren. Ich musste sowohl die beiden als auch Oxford töten, um die Welt vor ihren wahnwitzigen Plänen zu schützen.«

Monckton Milnes starrte Burton verstört an. Seine Lippen bewegten sich stumm, dann platzte er hervor: »Das übersteigt jedes Vorstellungsvermögen, Richard. Jeder weiß, dass Darwin von religiösen Fanatikern ermordet wurde!«

»Das ist eine von der Regierung in Umlauf gebrachte Desinformation. Trink lieber noch einen Schluck von dem edlen Portwein. An der Geschichte ist noch wesentlich mehr dran.«

Monckton Milnes vergaß, wozu er Burton zuvor aufgefordert hatte, und stürzte den Wein in einem einzigen Zug hinunter. Er betrachtete das leere Glas, stand auf, ging zum Schrank und kehrte mit der Flasche zurück.

»Red weiter«, sagte er, während er nachschenkte.

»Komtesse Sabina kann weit deutlicher in die andere, ursprüngliche Zukunft schauen als in unsere. Vermutlich liegt es daran, dass keine Entscheidung, die wir hier treffen, Auswirkungen darauf haben kann. Die Geschichtsverläufe an sich unterscheiden sich stark, aber eines haben sie beide gemeinsam: Es steht ein Krieg bevor. Ein schrecklicher Krieg, der die ganze Welt umspannen und fast eine gesamte Generation von Menschen verschlingen wird. Deshalb will der Premierminister den afrikanischen Diamanten unbedingt haben.«

»Krieg? Mein Gott. Was ist dann dieser Diamant? Warum ist er so wichtig? Was hat er mit Spring Heeled Jack zu tun?«

»Weißt du etwas über die sagenumwobenen Nāga?«, fragte Burton.

Monckton Milnes runzelte die Stirn. »Ich … ja … ich glaube … ich glaube, ich habe in verschiedenen okkulten Texten gesehen, dass Bezug auf sie genommen wird. Waren sie nicht so etwas wie eine vormenschliche Rasse?«

»Ja. In Angkor Wat gibt es Steinbilder von ihnen. Sie werden als sieben- oder fünfköpfige Reptilien dargestellt.«

»Und?«

»Als dieser Planet noch jung war, zerbrach ein Meteorstein – ein riesiger schwarzer Diamant – in der Atmosphäre in drei Teile. Ein Stück landete im späteren Südamerika, das zweite in Afrika, das dritte im Fernen Osten. Die Nāga errichteten Zivilisationen rings um die Einschlagstätten. Sie stellten fest, dass die Diamanten eine ganz besondere Eigenschaft besaßen: Sie konnten selbst die feinsten elektrischen Felder speichern, beispielsweise solche, die ein Gehirn erzeugt. Die Nāga haben die Steine benutzt, um ihre Geister miteinander zu verschmelzen und eine Art geeinte Intelligenz zu erschaffen.«

»Wenn etwas davon wahr ist – wie kannst du das wissen?«

»Das wird noch offensichtlich«, erwiderte Burton. In leisem, aber eindringlichem Tonfall fuhr er fort: »Die Rasse der Menschen führte Krieg gegen die Nāga, und die Reptilien wurden ausgerottet. Die Diamanten gingen verloren, bis 1796 Sir Henry Tichborne einen davon entdeckte – den südamerikanischen Stein.«

»Tichborne!«

»So ist es. Er brachte ihn mit nach Hause und versteckte ihn unter seinem Anwesen. In der Geschichte, wie sie sein sollte, blieb er dort bis unmittelbar vor der Zeit des künftigen Edward Oxfords, wo er beim Abriss des Tichborne-Hauses entdeckt werden sollte. Oxford hat kleine Splitter davon abgeschnitten und sie im Mechanismus seines Zeitreiseanzugs verwendet. Als er in der Vergangenheit eintraf, existierten diese Splitter plötzlich an zwei Orten gleichzeitig. Sie befanden sich in seinem Anzug, zugleich aber waren sie noch immer ein Bestandteil des Diamanten unter dem Anwesen. Durch dieses Paradoxon entstand eine eigenartige Resonanz zwischen ihnen, die sich sogar auf die beiden bis dahin noch unentdeckten Nāga-Diamanten erstreckte. Dies führte dazu, dass die Steine ein kaum hörbares, melodisches Dröhnen von sich gaben. Dieser Umstand hat in Kambodscha zur Entdeckung des fernöstlichen Steins geführt, der in sieben Teile zersplittert war, als die Menschen viele Jahrtausende zuvor die Nāga besiegten.«

»Mir schwirrt der Kopf«, murmelte Monckton Milnes.

»Nicht nur dir«, sagte Burton. »Die Resonanz hat außerdem einen bis dahin schlummernden Teil des menschlichen Geistes erweckt. Dadurch wurden mediale Fähigkeiten möglich. So bei Komtesse Sabina und bei einer Russin namens Helena Blavatsky.«

»Die Frau, die dem Vernehmen nach letztes Jahr die Aufrührer zerstört hat?«

»Ganz recht. Sie hat zwei der kambodschanischen Steine gestohlen und benutzt, um damit in die Zukunft zu blicken.«

»Welche Zukunft? Unsere oder die andere?«

»Unsere. Und in dieser Zukunft hat im Jahr 1914 ein anderer Russe, ein Hellseher namens Grigori Rasputin, zu uns zurückgeblickt.«

»Warum?«

»Weil er vorhersah, dass der Weltkrieg, der in seiner Zeit tobte, zu seiner Ermordung und zur Dezimierung seines geliebten Russlands führen würde. Er hielt Ausschau nach den Ereignissen, die den Konflikt ursprünglich ausgelöst hatten, und wurde hier fündig, in den 1860er Jahren.«

Monckton Milnes betrachtete seinen Freund mit zu Schlitzen verengten Augen. »Spielst du damit auf unsere Rolle bei den Feindseligkeiten in Amerika an?«

»Nein. Wir werden im Weltkrieg gegen vereinte deutsche Staaten kämpfen, daher bin ich der Ansicht, dass die jüngste Abwanderung von Eugenikern nach Preußen, allen voran die des Botanikers Richard Spruce und meines früheren Partners John Speke, der Funken sein könnte, der die Flamme entzündet.«

»Also hat dieser Rasputin die Überläufer bei der Arbeit beobachtet? Wozu?«

»Er hat sehr viel mehr getan. Rasputin ergriff Besitz von Helena Blavatsky und benutzte sie, um den Rest der kambodschanischen Steine zu stehlen und den südamerikanischen Diamanten auf dem Tichborne-Anwesen zu bergen, wodurch die Geschichte erneut verändert wurde. Danach hat er sie benutzt, um seinen hypnotischen Einfluss zu verstärken und zu bewirken, dass sich die Arbeiterklasse erhebt. Er hatte nichts Geringeres als die völlige Zerstörung des britischen Empires im Sinn, damit das vereinigte Deutschland den Krieg gegen uns ohne Russlands Unterstützung gewinnen könnte. Sobald dieses schreckliche Ziel erreicht gewesen wäre, hätte Russland sich auf ein geschwächtes Deutschland gestürzt und es bezwungen.«

»Hol’s der Teufel!«

»Blavatsky hat nicht überlebt, und der Plan schlug fehl«, fuhr Burton fort. »Ich habe bewirkt, dass Rasputin im Jahr 1914 starb, zwei Jahre vor dem Anschlag auf ihn, sodass der Verlauf der Geschichte wieder abgeändert wurde, wenngleich diese spezielle Verzweigung erst in einundfünfzig Jahren auftreten wird.«

Monckton Milnes’ Kiefer mahlten. Er ballte die Hände zu Fäusten. Dann stieß er den Atem aus, griff nach seinem Glas, leerte es in einem Zug und füllte es nach. Er zitterte. »Gütiger Himmel«, murmelte er. »Ich muss gestehen, dass ich das alles tatsächlich glaube! Wo sind die Diamanten aus Kambodscha und Südamerika jetzt?«

»Der südamerikanische Stein zerbrach in sieben Fragmente, als ich Rasputin besiegte. Sie sind in Palmerstons Besitz. Die kambodschanischen Steine sind in einen Wahrscheinlichkeitsrechner von Babbage eingebaut.«

»Ach ja? Zu welchem Zweck?«

»Während der Tichborne-Aufstände hat mir ein Philosoph namens Herbert Spencer geholfen. Er starb mit den Steinen in der Tasche, und sein Geist wurde in sie eingebrannt. Charles Babbage hatte eine Vorrichtung entwickelt, die in der Lage ist, einen solchen Abdruck zu verarbeiten. Wir haben die Diamanten in das Gerät eingesetzt und meinen Uhrwerkkammerdiener um diesen Mechanismus ergänzt. So lebt Herbert Spencer weiter, wenngleich in Gestalt eines mechanischen Apparats. Daher kenne ich die Geschichte der Nāga – die Reptilienintelligenz ist in den Steinen verblieben, und Herbert kann sie fühlen. Aber ich kann das auch. Die Nāga sind mir in einem Traum erschienen und sagten zu mir: ›Nur Äquivalenz kann zu Zerstörung oder endgültiger Transzendenz führen.‹ Das hat mein Geschick bei der endgültigen Vernichtung Rasputins gelenkt.«

Wieder rieb Milnes sich das Gesicht und verschmierte erneut seine Harlekinschminke.

»Also ist nur noch der afrikanische Diamant unentdeckt, und Palmerston entsendet dich, um ihn zu finden?«

»Haargenau. Da es sich um den letzten nicht zerbrochenen Stein handelt, wird er mächtiger sein als seine zersplitterten Gegenstücke. Palmerston will ihn benutzen, um mittels Hellsicht, Prophezeiung und medialen Anschlägen einen heimlichen Krieg gegen Preußen zu führen. Er will damit erreichen, dass Bismarck die deutschen Staaten niemals vereint. Verstehst du jetzt, weshalb ich mir wünsche, diese Expedition wäre nicht bewilligt worden?«

Er erhielt ein mattes Nicken der Zustimmung. »Ja«, kam die flüsterleise Antwort. »Eine solche Macht darf Palmerston nicht in die Hände fallen. Mein Gott, er könnte die ganze Welt manipulieren!«

»Genau wie Darwin, Galton und ihre Spießgesellen es getan hätten.«

Monckton Milnes starrte seinen Freund an. »Meine Güte, ich möchte um keinen Preis der Welt in deinen Schuhen stecken, Richard. Was hast du jetzt vor?«

Burton zuckte mit den Schultern. »Ich muss den Stein bergen, und sei es nur, um zu verhindern, dass er in preußische Hände fällt. Ich bin überzeugt, dass mein ehemaliger Partner hinter dem afrikanischen Auge her ist, wie der Stein auch genannt wird, und zwar mit Bismarcks Unterstützung. Was ich mit dem Stein mache, wenn ich ihn erst habe … ich weiß es nicht. Es gibt noch eine weitere Schwierigkeit: Es war das afrikanische Auge, das Rasputin benutzt hat, um 1914 in die Vergangenheit zu blicken. Deshalb weiß ich jetzt schon, dass es mir vorherbestimmt ist, den Stein zu finden, und dass er letztlich irgendwie nach Russland gelangt.«

Ein paar Minuten saßen sie schweigend da, bis Burton schließlich murmelte: »Ich fühle mich wie ein Bauer in einer Schachpartie.«

Milnes tauchte aus Gedanken auf, in die er tief versunken war. »Ich habe vollstes Vertrauen in dich, Richard«, sagte er. »Geh nach Afrika. Tu, was du tun musst. Du wirst eine Lösung finden, davon bin ich überzeugt.«

Burton seufzte und zuckte mit den Schultern. Erst jetzt drangen Geräusche, die die Villa erfüllten, aus dem Hintergrund in sein Bewusstsein: Gesprächsfetzen, Gemurmel und leises Lachen. Er blickte an sich hinab, dann musterte er seinen Freund und kicherte unverhofft. »Bismillah! König Shahryār aus 1001 Nacht erörtert mit dem Harlekin fantastische Ideen. Was für ein Witz!«

Monckton Milnes lächelte. »Geh zurück zur Feier. Entspann dich. Hab Spaß. Ich komme in ein paar Minuten nach. Ich bleibe noch ein klein wenig hier sitzen.«

Burton erhob sich und ging zur Tür. Er schaute zurück und sagte: »Wenn Palmerston erfährt, dass wir diese Unterhaltung geführt haben, lässt er mich in den Tower werfen.«

»Wohl eher ins Tollhaus«, murmelte Milnes.

»Nein. Die Regierung unterhält unter dem Tower von London geheime Räumlichkeiten, einschließlich Gefängniszellen.«

Sein Freund hob die Hände, als wolle er den Agenten des Königs abwehren. »Verschon mich! Hör auf, ich flehe dich an!«, rief er. »Mein Aufnahmevermögen für Enthüllungen ist restlos erschöpft.«

Burton sperrte die Tür auf, verließ den Raum und trat den Weg zurück durch die Eingangshalle und den Salon ins Raucherzimmer an.

»Da sind Sie ja, Captain«, rief Goggelmoggel, als Burton eintrat. »Wo steckt denn Ihre wunderbare Haushälterin?«

Burton wandte sich der rundlichen Märchenfigur zu. »Stecken Sie da drin, Trounce?«

»Ja, und ich fühle mich schrecklich albern. Aber es war Mrs. Trounces Idee, und ich hielt es für klug, kein Aufhebens darum zu machen, zumal ich sie die nächsten paar Monate allein zurücklasse. Aber es ist verdammt unangenehm, das kann ich Ihnen sagen. Gar nicht so einfach, Essen und Wein lippenwärts zu manövrieren.«

»Ich würde mich nicht darüber beklagen. Ich glaube, es stünde Ihnen gut zu Gesicht, würden Sie das eine oder andere Pfund abnehmen.«

»Das reicht jetzt aber!«, sagte Trounce. »Sie wissen genau, dass meine gegenwärtige Leibesfülle nur aus Polsterung besteht.«

»Wenn Sie meinen. Wie ist die geschätzte Mrs. Trounce kostümiert, wenn ich fragen darf?«

»Als Mutter Hubbard, wofür sie sich, wie ich zugeben muss, nicht großartig zu verkleiden brauchte. Sie möchte unbedingt ein Schwätzchen mit Mrs. Angell halten, aber bei all den fantasievollen Aufmachungen hier gelingt es ihr nicht, die gute Frau ausfindig zu machen. Also, wo steckt sie, und als wer oder was ist sie gekommen?«

»Sie ist eine etwas zu großmütterlich geratene Königin Boudicca und gerade unterwegs, um die Aufgabe Ihrer Gemahlin zu übernehmen«, antwortete Burton.

»Was meinen Sie damit?«

»Sie ist losgegangen, um einem Hund einen Knochen zu besorgen.«

»Wie bitte?«

»Sie ist unten in der Küche, um einen Leckerbissen für Fidget aufzutreiben, wenngleich ich vermute, dass sie in Wirklichkeit vor all den hochwohlgeborenen Damen und Herren flüchten will. Sie fühlt sich ein bisschen fehl am Platz, aber ich habe darauf bestanden, dass sie mitkommt. Nach allem, was ich sie unlängst habe durchmachen lassen, verdient sie eine Kostprobe vom feinen Leben.«

»Ihren verflixten Basset haben Sie auch mitgebracht?«

»Sie hat ihn zu einem Teil ihres Kostüms gemacht«, erwiderte Burton. »Sie hat ihn vor einen Spielzeugstreitwagen gespannt und lässt ihn neben sich hertrotten. Er war zutiefst empört darüber.«

Ein lautes, schrilles Geheul übertönte das allgemeine Stimmengewirr.

»Würden Sie mich bitte entschuldigen?«, sagte Burton. »Das hört sich an, als müsste Algy gezügelt werden.«

Er bahnte sich den Weg zurück zum Erkerfenster. Als er die dort versammelte Gruppe erreichte, drückte ihm ein Kellner ein Glas Portwein in die Hand. Abwesend stellte Burton es auf den Tisch. Seine Aufmerksamkeit galt Swinburne, der auf und ab hüpfte und wie verrückt mit den Armen fuchtelte.

»Ich bin kein bisschen beschwipst!«, protestierte der Dichter lautstark. »Was für ein Unsinn! Ich bin gegen Alkohol immun geworden!«

»Womöglich durch allzu engen Kontakt«, meinte Cornewall Lewis.

»Ach was! Ich gebe zu, wir begegnen uns häufig, der Alkohol und ich, trotzdem sind wir nur flüchtige Bekannte.«

Doktor James Hunt, ein Mitglied des Cannibal Clubs, schloss sich der Gruppe gerade rechtzeitig an, um diese Bemerkung zu hören. Er lachte grölend und verkündete: »Ha! Ich würde sagen, der Bekanntheitsgrad ist doch völlig andersgeartet, Algy! Du und der Alkohol sind praktisch miteinander verheiratet!«

»Papperlapapp!«, widersprach Swinburne. »Das ist dummes Gewäsch, Mumpitz, Käse, Quark und Firlefanz!«

Jemand meldete sich leise an Burtons Seite zu Wort. »Ich sollte Sie verhaften lassen.«

Der Entdecker drehte sich um und erblickte Sir Richard Mayne, den schmalgesichtigen Chief Commissioner von Scotland Yard.

»Das hat nicht zufällig etwas damit zu tun, dass ich vier Ihrer Männer nach Afrika entführe?«, fragte er mit hochgezogener Augenbraue.

»Doch«, antwortete Mayne, der mit missbilligender Miene Swinburnes Schauspiel beobachtete. »Trounce und Honesty zählen zu meinen besten Ermittlern, Krishnamurthy befehligt meine Flugeinsatzgruppe, und Constable Bhatti ist für eine Beförderung vorgeschlagen. Ich kann es mir kaum leisten, sie alle ein Jahr lang auf dem Schwarzen Kontinent Schabernack treiben zu lassen. Daraus kann ich nur schließen, dass Sie mit der Verbrecherzunft von London unter einer Decke stecken. Habe ich recht, Sir Richard? Schaffen Sie meine Männer zur Vorbereitung eines niederträchtigen Verbrechens aus dem Weg? Haben Sie vor, sie von Löwen und Tigern fressen zu lassen, damit Sie in den Tower von London einbrechen und die Kronjuwelen stehlen können?«

Burton lächelte. »Seltsam, ich habe eben erst über den Tower gesprochen. Aber nein, ich beabsichtige nichts dergleichen. Außerdem gibt es in Afrika keine Tiger. Hat Lord Palmerston Ihnen die Lage erklärt?«

»Er hat mir undurchsichtiges Geschwafel darüber zugestellt, dass es eine Angelegenheit der nationalen Sicherheit sei.«

»So ist es.«

»Und er hat mir unmissverständlich befohlen, Ihnen bereitzustellen, was immer Sie haben wollen. Was ich natürlich tun werde.«

»Danke. Ich verlange nur, dass die Männer verlängerten Urlaub erhalten und dass man sich um ihre Familien kümmert.«

»Machen Sie sich in dieser Hinsicht keine Gedanken.« Der Commissioner trank einen Schluck Wein und seufzte. »Sorgen Sie dafür, dass den Leuten nichts passiert, ja?«

»Ich werde mich bemühen.«

Sie schüttelten einander die Hände, dann schlenderte Mayne davon. Burton griff nach seinem Glas und stellte überrascht fest, dass es sich auf geheimnisvolle Weise von selbst geleert hatte. Er schürzte die Lippen und schaute zu seinem Gehilfen, der immer noch mit den Füßen stampfte und seine Nüchternheit beteuerte. Der Entdecker gelangte zu dem Schluss, dass entweder Swinburne gerade einem seiner berüchtigten Trinkgelage frönte oder dass er das Opfer eines Streichs geworden war. Dann bemerkte er den Sensenmann hinter dem kleinen Dichter. Wenngleich er Thomas Bendyshe rasch erkannte – was alles erklärte, denn der Anthropologe und Atheist war Swinburnes leidenschaftlichster Peiniger –, spürte er dennoch, wie ihm ein eiskalter Schauder über den Rücken kroch.

»Richard!«, rief Swinburne. »Du hast mich öfter als die meisten in angeheitertem Zustand erlebt. Komme ich dir im Moment betrunken vor?«

»Gerade bei dir, Algy, ist es extrem schwierig, den Unterschied zwischen nüchtern und betrunken zu erkennen«, gab Burton zurück.

Der Dichter ließ einen verzweifelten Aufschrei vernehmen. Dann rief er nach einem Kellner.

Die Zeit verstrich, die Feier ging weiter. Der Agent des Königs schlenderte von einer Gruppe zur anderen, unterhielt sich mit einigen Leuten, debattierte mit anderen, scherzte mit wenigen.

Um viertel nach sieben tauchte Monckton Milnes mit frisch aufgetragener Schminke wieder auf und geleitete seine Gäste ins Musikzimmer, wo Florence Nightingale Burton mit unerwarteten Fertigkeiten am Klavier überraschte, als sie Schwester Raghavendra begleitete, deren Gesangsstimme sich als beeindruckend erwies. Die beiden Frauen unterhielten die Versammelten bis kurz vor Mitternacht, dann verstummten alle und lauschten dem Glockengeläut der Standuhr. Als der letzte Ton erklang, hakten sie sich beieinander ein. Nightingale begann wieder zu spielen, und Schwester Raghavendra sang dazu:

»Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss

ist alle Wiederkehr,

die Zukunft liegt in Finsternis

und macht das Herz uns schwer.«

Die Gäste stimmten in den Refrain mit ein:

»Wir sagen uns auf Wiedersehen,

auf Wiedersehen, gut Pfad.

Wir sagen uns auf Wiedersehen,

auf Wiedersehen, gut Pfad.«

»Die Sonne sinkt, es steigt die Nacht«, trällerte die junge Sängerin, »vergangen ist der Tag …«

»O Gott!«, rief jemand.

»Die Welt schläft ein, und leis’ erwacht der Nachtigallen Schlag.«

»O lieber Herr Jesus!«, ertönte eine gequälte Stimme.

Burton sah sich im Raum um, als die Menge erneut den Refrain anstimmte.

»Wir sagen uns auf Wiedersehen,

auf Wiedersehen, gut Pfad.

Wir sagen uns …«

Das Lied und die Musik verstummten, als jemand schrie: »Maria Muttergottes, rette mich!«

Der Entdecker hakte sich bei seinen Nachbarn aus, drängte Leute beiseite und eilte auf einen Tumult in der Nähe des Kamins zu. Dort knieten Männer neben einer ausgestreckt auf dem Boden liegenden Gestalt. Es war Bendyshe. Man hatte ihm die Totenkopfmaske abgenommen. Sein Gesicht war zu einer schauerlichen Grimasse verzerrt, die Augen geweitet und glasig, der Mund zu einem grässlichen, starren Grinsen verzogen. Zuckungen durchliefen seinen Körper; sie waren so heftig, dass es vier Männer brauchte, um ihn festzuhalten. Er wand und krümmte sich, wölbte den Rücken durch, trommelte mit den Absätzen auf dem Boden.

Neben Burton erschien Detective Inspector Honesty – ein schmächtiger, drahtiger Mann mit einem üppigen, an den Enden nach oben gezwirbelten Schnurrbart. Normalerweise trug er das Haar zu einem Mittelscheitel gekämmt und zeigte sich penibel gekleidet, im Augenblick jedoch war er als einer der drei Musketiere verkleidet. Honesty murmelte: »Ein Anfall. Hat es übertrieben. Übermäßiger Alkoholgenuss.«

»Nein«, widersprach Burton. »Das ist etwas anderes.« Er drängte sich nach vorn, bis er zu Monckton Milnes gelangte, dann zischte er: »Schaff die Leute hier raus.«

Der Gastgeber der Feier sah ihn an und erwiderte: »Herrje, wo bin ich nur mit meinen Gedanken? Natürlich.«

Monckton Milnes drehte sich um und verkündete mit lauter Stimme: »Meine Damen und Herren, leider hat einen aus unserer Mitte eine Unpässlichkeit befallen. Würden Sie sich bitte in die anderen Räumlichkeiten begeben? Wir sollten dem armen Burschen Platz zum Atmen lassen.«

Begleitet von Mitgefühlsbekundungen, verließen die Leute das Zimmer.

Eine Hand packte Burton am Ellbogen. Sie gehörte Doktor James Hunt.

»Komm her«, flüsterte er und zog den Agenten des Königs zum Fenster, fort von allen anderen.

»Was ist, Jim? Kommt mit Bendyshe wieder alles in Ordnung?«

»Nein. Ganz im Gegenteil.« Hunt klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne. Auf seiner Stirn glänzte ein Schweißfilm. »Diese Symptome würde ich überall erkennen. Verdammtes Strychnin. Der arme Teufel wurde vergiftet!«

Burton musste kurzzeitig darum kämpfen, nicht das Gleichgewicht zu verlieren, als seine Knie nachgaben. »Was?«

»Vergiftet. Vorsätzlich. Strychnin gelangt nicht versehentlich in den Körper.«

»Kannst du ihn retten?«

»Keine Chance. In weniger als einer Stunde ist er tot.«

»Nein! Bitte, Jim, arbeite mit Schwester Nightingale und Schwester Raghavendra zusammen. Tut für ihn, was ihr könnt.«

Hunt drückte Burtons Arm und kehrte zu dem Sterbenden zurück. Der Agent des Königs sah, dass Trounce an der Tür stand, und ging zu ihm hinüber.

»Legen Sie dieses lächerliche Kostüm ab. Es gibt Ärger.«

»Was ist passiert?«

»Mord, Trounce. Jemand hat Tom Bendyshe vergiftet.«

»Du lieber Himmel! Ich … äh … ich mache mich sofort ans Werk. Diese verfluchte Polsterung! Helfen Sie mir hier raus, ja?«

Wenige Minuten später scheuchten Trounce, Sir Richard Mayne und Detective Inspector Honesty die Gäste und das Personal nach oben, während Commander Krishnamurthy und Constable Bhatti den Vorder- und Hintereingang von Fryston bewachten, um sicherzustellen, dass sich niemand davonstehlen konnte.

Mittlerweile hatte Bendyshe Schaum vor dem Mund und warf sich noch wilder hin und her.

Charles Bradlaugh, der auf den Beinen seines Freundes saß und durchgeschüttelt wurde, als sie krampfhaft unter ihm zuckten, schaute zu Burton auf, als sich der Entdecker neben den Sterbenden kauerte. »Ich kann es nicht glauben«, krächzte er mit Tränen in den Augen. »Hunt sagt, es ist Gift. Warum sollte jemand dem armen Tom das antun? Er hat doch nie einer Menschenseele etwas zuleide getan!«

»Ich weiß es nicht, Charles. Was hat er gemacht, bevor er krank wurde?«

»Zusammen mit uns allen gesungen. Er war ziemlich beschwipst – hat den ganzen Abend lang Algys Getränke stibitzt.«

Burton wandte sich an James Hunt. »Könnte in einem der Gläser Strychnin gewesen sein?«

»Ja.« Der Arzt nickte. »Es ist zwar ein unglaublich bitteres Gift, aber falls er betrunken genug war, könnte er es geschluckt haben, ohne den Geschmack zu bemerken.«

»Er war ziemlich angeheitert, so viel steht fest«, warf Bradlaugh ein.

Burton streckte den Arm aus, an Schwester Nightingale vorbei, die Bendyshe die Stirn abtupfte, und legte eine Hand auf die Brust des Mannes. Er konnte spüren, wie die Muskeln unter seinen Fingern zuckten.

»Tom«, flüsterte er.

Dann räusperte er sich, stand auf und bedeutete Hunt, ihm zu folgen. Die beiden Männer verließen das Musikzimmer und gingen ins Raucherzimmer zu dem Tisch in der Nähe des Erkerfensters.

»Das Gift war vermutlich in einem dieser Gläser«, sagte Burton und zeigte auf mehrere leere Behältnisse.

»Wenn dem so ist, wird es nicht schwierig sein, herauszufinden, in welchem davon«, meinte der Arzt. Er ergriff ein Glas, schnupperte daran und murmelte: »Brandy.« Dann tauchte er den Zeigefinger in die Neige am Boden des Glases und benetzte mit einem Tropfen davon die Zunge. »Das ist es nicht.«

»Vergiftest du dich so nicht?«

»Strychnin wird gelegentlich in geringen Dosen für medizinische Behandlungen eingesetzt. Ein kleiner Tropfen kann mir nicht schaden.«

Hunt überprüfte ein weiteres Glas, dann ein drittes und ein viertes. Beim Fünften verzog er das Gesicht.

»Bitter. Der Portwein dürfte es ein wenig überlagert haben, trotzdem ist der Geschmack ausgeprägt vorhanden.«

»Das Getränk war Portwein?«

»Ja.«

Burton nahm die anderen Gläser nacheinander in Augenschein. Wie ihre Form vermuten ließ, hatten sie alle entweder Brandy oder Wein enthalten.

»Verdammt«, brummte er. »Geh zurück zu Tom. Wir unterhalten uns später.«

Damit stapfte er davon und bahnte sich den Weg in die Eingangshalle, wo er Richard Monckton Milnes, Algernon Swinburne und Chief Commissioner Mayne in eine leise Unterhaltung vertieft am Fuß der Treppe vorfand.

Maynes Gesichtsausdruck wirkte verkniffen. »Sind Sie sicher, dass es sich um versuchten Mord handelt?«, fragte er, als Burton zu ihnen kam.

»Nicht um versuchten Mord, um tatsächlichen Mord. Es gibt kein Gegenmittel.«

»Aber warum sollte jemand Tom umbringen?«, fragte Swinburne zerknirscht.

»Es war ein Versehen«, antwortete Burton. »Nicht er war das beabsichtigte Opfer, sondern ich.«

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Die »Orpheus« und die Unterwelt

AMTLICHE BEKANNTMACHUNG

ES IST VERBOTEN, MÜLL-KRABBEN ZU STÖREN

Wer den Weg einer Müll-Krabbe versperrt, ihre Beine bewegungsunfähig macht, ihren Ofen löscht, sie mit einer vorsätzlich gelegten Müllspur zu einer Gefahr lockt oder sie auf sonstige Weise davon abhält, ihre Funktion zu erfüllen, wird mit einem Bußgeld von mindestens £ 25 bestraft.

MÜLL-KRABBEN HALTEN IHRE STRASSEN SAUBER!

Du?«

»Sie?«

Richard Monckton Milnes, Algernon Swinburne und Sir Richard Mayne hatten gleichzeitig gesprochen.

Burton nickte. »Das Gift war in einem Glas Portwein. Es wurde mir von einem der Kellner in die Hand gedrückt. Tom hat es aus Versehen getrunken.« Er wandte sich an Monckton Milnes. »Würdest du bitte dein Bedienpersonal und deinen Haushaltsverwalter in den Salon beordern? Wir verhören sie dort.«

Das wurde sogleich erledigt. Mr. Applebaum, der Verwalter, wies darauf hin, dass ein Mann fehlte.

»Zwei der Kellner sind ständig hier in Fryston«, sagte er zu Burton. »Die anderen vier haben wir nur für diese Feier von einer Vermittlungsstelle angefordert. Das da sind die Leihkräfte.« Er zeigte auf drei der Männer. »Ihr Kollege, Sir, hat sich aus dem Staub gemacht.«

»Wo befindet sich diese Vermittlungsstelle?«, wollte Burton wissen.

»In Thorpe Willoughby, ein Dorf ungefähr vier Meilen östlich von hier. Die Agentur heißt ›Howell’s‹ und befindet sich in einem Büro über der Bäckerei an der Hauptstraße.«

Burton wandte sich an eine der Leihkräfte, einen kleinen Mann, der nervös die Finger bewegte. »Wie heißen Sie?«

»Colin Parkes, Sir.«

»Und Ihr fehlender Kollege?«

»Peter Pimlico, aber er ist keiner von uns. Eigentlich sollte Gordon Bailey heute Abend hier arbeiten, nur ist der krank geworden, hatte ’ne Magenverstimmung, deshalb hat er stattdessen diesen Pimlico geschickt, der ein Freund von ihm ist. Zumindest hat’s Pimlico so erklärt.«

»Wissen Sie, wo er wohnt?«

»Pimlico? In Leeds, hat er gesagt, Sir. Er ist mit uns in einer Kutsche aus Thorpe Willoughby hergekommen. Hat sich die vergangenen paar Tage dort ein Zimmer gemietet. Im Dorf gibt’s nur zwei Herbergen und eine Gastwirtschaft, also muss er wohl in einer davon sein.«

»Wie sieht er aus?«

»Blond. Buschiger Backenbart. Blaue Augen. Bisschen füllig um die Mitte. Ich sollte vielleicht hinzufügen, dass er mehr isst, als er serviert.«

»Danke, Mr. Parkes.«

Sir Richard Mayne schickte das Personal zurück nach oben und verkündete: »Ich lasse meine Männer das Haus durchsuchen.«

Vierzig Minuten später erstattete der Chief Commissioner Sir Richard Burton Meldung. »Commander Krishnamurthy hat das Kostüm des Vermissten in einem Hinterzimmer in der Nähe der Küche gefunden. Das Fenster stand offen. Zweifellos war das sein Fluchtweg. Ich schicke Bhatti zum örtlichen Bahnhof.«

»Sinnlos«, entgegnete Burton kurz angebunden. »Um diese nächtliche Zeit fährt kein Zug.«

»Was glauben Sie, wohin er dann …«

Der Chief Commissioner wurde von Swinburne und Hunt unterbrochen, die mit betroffener Miene zu ihnen stießen.

»Tom Bendyshe ist tot«, gab der Arzt mit tonloser Stimme bekannt. »Barmherzig schnell für Strychnin. Sein Herz hat versagt.«

Burton wandte sich wieder Mayne zu. »Ich würde mir gern Detective Inspector Trounce ausleihen. Ich habe meinen Basset hier – er ist ein exzellenter Spürhund. Wir lassen ihn am Kostüm des Medico Della Peste schnüffeln. Mal sehen, wohin er uns führt.«

»Nur zu.«

Nachdem Burton sich rasch umgezogen und eine geeignetere Abendgarderobe angelegt hatte, fand er Fidget unten in der Küche vor, wo der Hund selig an einem Knochen nagte.

»Tut mir leid, alter Knabe«, sagte er und ergriff die Leine des Tiers von einem Haken hinter der Tür. »Das wirst du dir für später aufheben müssen.«

Fidget knurrte und setzte sich zur Wehr, als der Entdecker ihm den Knochen wegnahm und die Leine an seinem Kragen befestigte. Winselnd zerrte er daran, bis Burton ihn aus der Küche geschleift hatte, dann beruhigte er sich und tapste neben seinem Herrchen her die Treppe hinauf und durch die Hintertür ins Freie.

Draußen war es kalt und windig. Burtons Atem bildete weiße Wölkchen, die von der frischen Brise davongerissen wurden. Am klaren Nachthimmel funkelten Sterne, und ein drei Viertel voller Mond warf sein silbriges Licht über das Gelände von Fryston.

Swinburne – mittlerweile in seiner normalen Alltagskleidung, aber immer noch mit dem Lorbeerkranz im Haar – und Trounce warteten an einem offenen Fenster. Der Mann von Scotland Yard kauerte auf den Fersen und hielt eine Laterne über den Boden. »Fußabdrücke im Blumenbeet«, erklärte er, als der Agent des Königs zu ihnen stieß.

Swinburne wich zurück. Fidget hegte eine bedauerliche Vorliebe für seine Fußgelenke und hatte während der gesamten Zugfahrt von London nach Yorkshire an ihnen geknabbert. Der Dichter streckte ein Bündel Kleidung vor und sagte: »Hier ist das Kostüm des Kellners, Richard.«

Burton ergriff die Kleider und hielt sie an Fidgets Nase.

»Such, Junge!«, forderte er. »Such!«

Der Basset senkte den Kopf zu Boden, schnüffelte und bewegte sich im Zickzack hin und her. Bald fand er die Fährte und zog Burton vom Fenster weg über den Rasen. Swinburne und Trounce folgten ihnen. Das gefrorene Gras knirschte unter ihren Füßen.

»Pimlico muss mittlerweile fast zwei Stunden Vorsprung haben«, keuchte Trounce, während er hinterherlief.

»Wir sind nach Osten unterwegs«, stellte Burton fest. »Ich vermute, dass er zurück nach Thorpe Willoughby geflohen ist. Wenn er dort ein Fahrzeug hatte, wird er sich davongemacht haben, und wir verlieren die Spur. Aber wenn er vorhat, mit der Bahn zurück nach Leeds zu reisen, hat er keine andere Wahl, als bis morgen früh zu warten, und wir erwischen ihn.«

Fidget zog sie zum Rand des Grundstücks, eine Grenzmauer entlang und über einen Zauntritt. Weiter ging es über eine von Hecken gesäumte Landstraße, bis sie zu einer Abzweigung gelangten. Der Basset schwenkte nach rechts auf eine normalerweise verkehrsreichere Straße. Als die Männer ihr folgten, entdeckten sie ein Schild, auf dem stand: Thorpe Willoughby 3 ½ Meilen.

»Verdammt noch mal!«, fluchte Swinburne, als sie weitereilten. »Tom war einer meiner besten Freunde, auch wenn er ein Quälgeist sein konnte. Warum hat dieser Pimlico versucht, dich umzubringen, Richard? Sein Name sagt mir nichts. Er ist niemand, mit dem wir schon mal zu tun hatten, oder?«

»Was denn? Er wollte Sie umbringen, Burton?«, rief Trounce, dem die Offenbarung von zuvor nicht bekannt gewesen war.

»Ja, ich sollte das Opfer sein«, bestätigte Burton, »aber ich habe keine Ahnung, weshalb. Soweit ich weiß, steht Pimlico mit keinem unserer vergangenen Fälle in Verbindung. Sein Motiv bleibt vorerst ein Rätsel.«

Die Straße führte sie auf die Kuppe eines Hügels und die andere Seite hinunter. Ein Stück vor ihnen erblickten sie die ersten Häuser am Rand des Dorfes hinter einer Flickenlandschaft aus Feldern und dunklen Waldstreifen. In der Mitte der Siedlung kräuselten sich Rauchschwaden in die nächtliche Luft und lösten sich nach und nach in der frischen Brise auf. Die Männer erkannten auf Anhieb die Dunstspur eines Rotorstuhls.

»Verflixt und zugenäht!«, stieß Trounce hervor. »Sieht so aus, als wäre unser Vögelchen auf und davon!«

Fidget, der immer wieder leise jaulte, während er der Fährte folgte, führte die Männer ins Dorf. Von der körperlichen Anstrengung blieb ihnen trotz der niedrigen Temperaturen warm. Als sie die Häuser erreichten, keuchte und japste Trounce und wischte sich mit einem Taschentuch die Stirn ab.

Sie passierten Cottages und Reihenhäuser, liefen geradewegs an der Herberge vorbei und gelangten schließlich zu einem Platz und einem verwahrlost wirkenden Wohngebäude. Die Rauchschwaden trieben langsam darüber hinweg und verwehten. Auf einem Hinweisschild an einem der unteren Fenster stand:

Robin Hoods Einkehr. Frühstückspension. Keine Ausländer.

Fidget blieb vor der Eingangstür stehen, kratzte mit der Pfote daran und winselte kläglich.

Trounce streckte den Arm aus, ergriff den Klopfer und hämmerte damit gegen die Tür.

Sie warteten.

Nichts tat sich.

Trounce hämmerte erneut.

Von drinnen erklang eine gedämpfte Stimme. »Immer langsam mit die jungen Pferd’, verdammt!«

Die Tür öffnete sich, und ein dicker Mann in einem gräulichen Nachtgewand blinzelte ihnen entgegen.

»Was zum verfluchten Henker wolln Se um diese Zeit mitten inner Nacht?«, verlangte er zu erfahren, wobei seine Wangen ungehalten schwabbelten.

»Polizei«, verkündete Trounce herrisch. »Haben Sie einen Peter Pimlico hier?«

»Noch mehr verdammte Besucher? Ich hab’s ihm ja gesagt, keine Besucher nich’ mehr nach zehn am Abend, das sin’ die Hausregeln, und was passiert? Besucher über Besucher! Sie sin’ doch nich’ auch noch Ausländer, oder was?«

»Wir sind Engländer. Beantworten Sie gefälligst die Frage, Mann! Ist Pimlico hier?«

»Jawoll, isser. Oben in sein Zimmer. Ich nehm an, Sie wollen rauf, watt? Und Sie sind vonne Polizei, sagen Sie? Steckt er wohl in Schwierigkeiten, watt?«

»Das ist durchaus möglich«, antwortete Trounce und drängte sich an dem Mann vorbei in den schmalen Gang hinter ihm. »Welches Zimmer?«

»Die Treppe rauf. Dat erste Zimmer links.«

Trounce steuerte auf die Stufen zu, hielt jedoch inne, als Burton den Hauswirt fragte: »Es war schon ein Besucher für Mr. Pimlico hier, sagen Sie? Ein Ausländer?«

»Jawoll. So ’n fetter Kerl mit ’nem großen Walrossschnurrbart.«

»Herkunft?«

»Woher zum Geier soll ich dat wissen? Die sehen für mich alle gleich aus.«

»Wann war er hier?«

»So vor ’n halben Stunde. Hat mich geweckt, als er mit seiner dämlichen Gerätschaft gelandet is’, direkt vorm Haus. Dann hat er anne Tür gehämmert. Pimlico is’ wie ’ne Lawine die Treppe runtergestürmt, um aufzumachen. Sie sin’ beide in sein Zimmer raufgetrampelt. Dann is’ der Ausländer bald danach wieder runtergestapft und hat die Tür hinter sich zugeknallt, bevor er mit sein vermaledeiten Flugapparat wieder die Fenster zum Klappern brachte. Verdammich, heut’ isset so, als ob man mitten innen Erdbeben zu schlafen versucht, und Sie sin’ auch nich’ grad hilfreich. Krieg ich heut’ Nacht überhaupt noch ’n Auge zu?«

»Wir werden Sie nicht lange stören, Mr. …«

»Emery. Norman Emery.«

Burton band Fidgets Leine unten am Geländer fest und murmelte: »Bleib, Junge.« Dann folgten er und Swinburne Trounce die Stufen hinauf. Der Polizist klopfte an die erste Tür auf der linken Seite. Sie schwang leicht auf. Trounce schaute Burton an und zog die Brauen hoch.

»Mr. Pimlico?«, rief Trounce.

Er bekam keine Antwort.

Der Mann von Scotland Yard schob die Tür weiter auf und spähte ins Zimmer. Mit einem Grunzlaut drehte er sich zu Swinburne um. »Holen Sie Emery herauf, ja?«

Der Dichter, dem sofort der grimmige Ausdruck im Gesicht des Ermittlers auffiel, gehorchte, ohne Fragen zu stellen.

»Sehen Sie sich das an«, sagte Trounce, als er das Zimmer betrat.

Burton folgte ihm und erblickte einen ausgestreckt auf dem Boden liegenden Mann. Sein Gesicht war fleckig und purpurn. Die Zunge ragte zwischen den Zähnen hervor, und die glasigen Augen traten aus den Höhlen.

»Erdrosselt«, stellte Trounce fest. »Meine Güte, schauen Sie sich seinen Hals an! Wer immer das getan hat, muss stark wie ein Ochse sein!«

»Und reichlich Übung haben«, fügte Burton hinzu, als er sich über den Leichnam beugte. »Sehen Sie die Blutergüsse? Unser Mörder wusste haargenau, wo er die Finger und Daumen ansetzen musste, um schnell und effizient zu töten. Werfen Sie mal einen Blick auf die Löcher in der Haut. Man könnte meinen, der Mörder hätte Klauen statt Fingernägeln gehabt!«

Trounce machte sich daran, die Taschen des Toten zu durchsuchen. Dann tauchte Swinburne mit dem Hauswirt auf. Der schaute durch die Tür, erspähte die Leiche und stieß hervor: »Heiliger Himmel! Er hat die Miete noch nich’ bezahlt!«

»Ist das Peter Pimlico?«, wollte Burton wissen.

»Ja.«

»Hier!« Trounce hielt eine kleine Ampulle hoch.

Burton ergriff sie, öffnete sie, schnupperte daran und neigte sie, bis ein Tropfen Flüssigkeit auf seinen Finger rann. Er legte ihn an die Zunge und rümpfte die Nase.

»Strychnin, kein Zweifel.«

»War in seiner Tasche«, erklärte Trounce. Er wandte sich an den Hauswirt. »Gibt es im Dorf einen Constable?«

»Ja, Sir«, antwortete Emery. »Timothy Flanagan. Wohnt in Nummer 12.«

»Gehen Sie ihn holen.«

»Aber er schläft bestimmt, und …«

»Natürlich wird er schlafen! Hämmern Sie an seine Tür! Werfen Sie Steine an sein Fenster! Mir egal, was Sie tun, aber wecken Sie ihn, und schaffen Sie ihn her, und zwar im Eiltempo!«

Emery nickte und polterte die Treppe hinunter.

Der Ermittler widmete seine Aufmerksamkeit wieder der Leiche, ließ den Blick darüberschweifen und jede Einzelheit auf sich wirken. Plötzlich entfuhr ihm ein leiser Schrei. Er beugte sich vor, nahe an Pimlicos aufgedunsenes Gesicht.

»Was ist?«, fragte Burton.

Trounce erwiderte nichts. Stattdessen schob er die Finger zwischen die Lippen des Toten, tastete auf einer Seite der Zunge umher und zog etwas heraus.

Es war ein kleines, welkes Blatt von brauner Farbe mit tückischen, dornigen Rändern. Das Blatt hing an einer Ranke, die sich weigerte, aus Pimlicos Mund zu kommen, obwohl Trounce behutsam daran zog.

»Captain«, sagte er schließlich. »Würden Sie bitte den Kiefer auseinander halten?«

Burton kauerte sich hin, legte die Hände an die obere und untere Hälfte des Gesichts der Leiche und zog den Mund weit auf, während Trounce die Finger tiefer in den Rachen schob.

»Du liebe Güte!«, stieß der Mann von Scotland Yard hervor, als er ein zweites Blatt herauszog, wobei sich die Ranke spannte, an der es hing. »Sehen Sie sich das an!«

Er lehnte sich zurück, damit Burton in die Mundhöhle spähen konnte. Der Agent des Königs schnappte hörbar nach Luft, als er sah, dass die Pflanze geradewegs aus Pimlicos oberem Gaumen wuchs.

»So etwas habe ich noch nie gesehen!«, sagte Trounce. »Wie ist das möglich?«

Burton zuckte abwesend mit den Schultern und machte sich daran, den Kopf des Toten penibel zu untersuchen. Rasch entdeckte er weitere Merkwürdigkeiten: In den Haaren befanden sich winzige grüne Sprösslinge, die aus der Kopfhaut wuchsen, und aus dem Gewebe hinter beiden Ohren hatte sich ein Gewirr verdorrter weißer Wurzeln ausgebreitet.

»Ich weiß nicht, was ich davon halten soll«, meinte er, als er sich erhob. »Aber was immer diese Pflanze sein mag, die aus Pimlico herausgewachsen ist, sie ist genauso tot wie er. Was hatte er sonst noch in den Taschen?«

Trounce ging die Gegenstände durch. »Schlüssel, ein paar Schillinge, eine Schachtel Streichhölzer, eine Pfeife, einen Beutel Feinschnitttabak, einen Bleistift und eine Busfahrkarte.«

»Von wo?«

»Leeds. Durchsuchen wir das Zimmer.«

Swinburne beobachtete vom Treppenabsatz aus, wie die beiden Männer die Kammer Zoll für Zoll durchkämmten. Sie entdeckten einen kleinen Koffer unter dem Bett, der jedoch nur Kleidung enthielt. Es wurden keine sonstigen Habseligkeiten gefunden.

»Nichts, das uns verraten könnte, wer der Ausländer war«, dachte Trounce laut nach. »Und kein Hinweis darauf, wo Pimlico in Leeds wohnt.«

»Immerhin haben wir das«, meinte Burton und hob den Tabakbeutel – Marke Ogden’s Flake – mit aufgeklappter Öffnung an. Auf der Innenseite stand in blauer Tinte eine Adresse gedruckt: Tabakhandel Tattleworth, 26 Meanwood Road, Leeds.

»Wenn das ein örtlicher Lieferant ist, kennt der Inhaber ihn vielleicht.«

»Hmpf!«, grunzte Trounce. »Na ja, wenigstens etwas. Warten wir auf den Constable, dann marschieren wir zurück nach Fryston. Dort gibt es reichlich Rotorstühle – einen werde ich in Beschlag nehmen. Bis ich in Leeds eintreffe, wird es kurz vor dem Morgengrauen sein. Kein Schlaf für mich heute Nacht.«

»Für mich auch nicht«, sagte Burton. »Ich begleite Sie.«

»Ich ebenfalls«, erklärte Swinburne.

Ein paar Minuten später ertönten Schritte auf der Treppe. Ein junger Polizist erschien. Er war ein wenig zerzaust und unrasiert. Mr. Emery hielt sich hinter ihm versteckt.

»Es hat doch nicht wirklich einen Mord gegeben, oder?«, platzte der Constable hervor. Dann erblickte er Pimlicos Leiche. »Sakrament! In Thorpe Willoughby! Und wer sind Sie, meine Herren, wenn Sie die Frage gestatten?«

»Ich bin Detective Inspector William Trounce von Scotland Yard. Das sind der Agent Seiner Majestät, Sir Richard Francis Burton, und sein Gehilfe, Mr. Algernon Swinburne. Wem sind Sie unterstellt, Junge?«

»Commissioner Sheridan in Leeds.«

Trounce sprach hastig. »Also gut. Ich möchte, dass Sie Ihren örtlichen Postamtsvorsteher wecken und dem Commissioner eine Nachricht schicken. Teilen Sie ihm mit, dass dieser Bursche – sein Name ist Peter Pimlico – von einem noch unbekannten Ausländer erdrosselt wurde. Dann lassen Sie den Bezirksgerichtsmediziner zuerst in Fryston und dann hier seine Arbeit erledigen. Ich werde Commissioner Sheridan heute Vormittag persönlich Bericht erstatten.«

»Ja, Sir. Fryston, Sir? Wieso das?«

»Weil dieser Schurke«, Trounce bedachte Pimlicos Leichnam mit einem verächtlichen Blick, »in ...

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