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Auf der Jacht des Milliardärs

1. KAPITEL

Mikhail Kusnirovich, russischer Ölmagnat und gefürchteter Geschäftsmann, lehnte sich im Chefsessel zurück und musterte erstaunt seinen besten Kumpel Luka Volkov.

„Ist das dein Ernst? Du willst zum Junggesellenabschied eine Wanderung unternehmen?“

„Ja. Die Party habe ich ja schon hinter mir. Für meinen Geschmack ging es dabei viel zu hoch her.“ Das gutmütige Gesicht des etwas untersetzten Physikdozenten verzog sich bei der Erinnerung vor Widerwillen.

„Das hast du deinem Schwager in spe zu verdanken“, bemerkte Mikhail, dem es ein Rätsel war, wieso Peter Gregory ausgerechnet zu der Junggesellenverabschiedung des schüchternen Luka leichte Mädchen engagiert hatte.

„Peter hat es gut gemeint.“ Luka nahm den unausstehlichen Bruder seiner Verlobten sofort in Schutz.

„Dabei hatte ich noch versucht, ihm das auszureden, weil mir klar war, dass du dir nichts aus solchen fragwürdigen Vergnügungen machst“, erzählte Mikhail mürrisch.

Verlegen senkte Luka den Kopf. „Er kann es eben nicht jedem recht machen.“

Mit Bedauern stellte Mikhail wieder einmal fest, wie sehr Luka sich verändert hatte, seit er mit Suzie Gregory verlobt war. Obwohl die beiden Männer außer ihrer russischen Herkunft wenig gemeinsam hatten, waren sie seit ihrem Kennenlernen an der Universität Cambridge gute Freunde geblieben. Vor nicht allzu langer Zeit hätte auch Luka den Bruder seiner Verlobten als primitiv, langweilig und angeberisch abgetan, mit dem man nur seine Zeit verschwendete. Doch inzwischen behielt er seine Meinung für sich und nahm ständig Rücksicht auf Suzies Gefühle.

Das konnte einem Alphatier wie Mikhail natürlich nicht passieren! Heiraten? Niemals! Er dachte gar nicht daran, sich verbiegen zu lassen, um es einer Frau recht zu machen. Allein die Vorstellung war absurd für einen Mann, der einen rücksichtslosen Macho zum Vater gehabt hatte. Der inzwischen verstorbene Leonid Kusnirovich war nicht nur unsensibel gewesen, sondern auch sexistisch und brutal. Seine größte Angst hatte darin bestanden, dass die einfühlsamen Erziehungsmethoden der englischen Nanny, die er für sein einziges Kind engagiert hatte, einen Pantoffelhelden aus seinem Sohn machen würden.

Doch als solchen konnte man den durchtrainierten dreißigjährigen Mikhail, für den nur der Erfolg zählte, nun wirklich nicht bezeichnen. Und sein Frauenverschleiß war legendär.

„Es wird dir im Lake District gefallen“, sagte Luka. „Die Landschaft ist zauberhaft.“

„Hast du Lake District gesagt? Ich dachte, du willst nach Sibirien.“

Luka rang sich ein Lächeln ab. „Nein, erstens bekomme ich nicht genug Urlaub, zweitens wäre ich einer solchen Strapaze wohl auch kaum gewachsen.“ Verlegen klopfte er auf den leichten Bauchansatz. „Ich bin nicht halb so fit wie du. England im Frühling und eine gemächliche Wanderung sind besser für mich. Meinst du, du könntest zwei Tage lang auf deine Limousine, dein Luxusleben und deine Aufpasser verzichten?“

Mikhail machte keinen Schritt ohne sein Sicherheitsteam. Es könnte schwierig werden, seine Bodyguards davon zu überzeugen, dass er zwei Tage ohne sie auskommen würde. Stas, der Chef der Personenschützer, hatte schon auf ihn aufgepasst, als Mikhail noch ein kleiner Junge gewesen war. „Sicher kann ich das“, antwortete er im Brustton der Überzeugung. „Es wird mir guttun, mal auf das alles zu verzichten.“

„Deine Handys musst du natürlich auch zu Hause lassen“, forderte Luka mutig.

„Wieso?“

„Weil du sonst die ganze Zeit die Börsenkurse abhörst und Geschäfte machst. Ich kenne dich doch, du Workaholic.“

„Wenn dir das so wichtig ist, kann ich ja mal darüber nachdenken.“ Die Vorstellung, völlig abgeschnitten zu sein von seinem Geschäftsimperium, behagte ihm gar nicht. Andererseits war die Aussicht auf eine – hoffentlich anstrengende – Bergwanderung ziemlich reizvoll.

Nach kurzem Klopfen ließ sich eine junge platinblonde Schönheit mit schier endlosen Beinen und strahlend blauen Augen blicken. Mit einem entschuldigenden Lächeln wandte sie sich an ihren Chef. „Ihr nächster Besucher ist eingetroffen, Sir.“

„Danke, Lara. Ich melde mich, wenn ich so weit bin.“

Selbst der solide Luka stierte der attraktiven, die Hüften schwingenden persönlichen Assistentin nach. „Die sieht ja aus wie die Miss World vom letzten Jahr. Hast du was mit ihr?“

Ein amüsiertes Lächeln spielte um Mikhails sinnliche Lippen. „Nein, meine Angestellten sind für mich absolut tabu.“

„Aber sie sieht umwerfend aus“, bemerkte Luka.

„Nanu? Hast du schon genug von deiner Suzie?“, fragte Mikhail provozierend.

„Natürlich nicht!“, widersprach Luka beschämt. „Aber anschauen darf ich andere Frauen doch wohl noch, oder?“

Nur anschauen? Das wäre für Mikhail absolut nicht genug. Sich auf eine einzige Frau zu beschränken, würde ihm nicht im Traum einfallen. Der arme Luka schien es dagegen vorzuziehen, sich in Zukunft mit einer einzigen Frau zu begnügen. Hatte sein guter Freund wirklich die große Liebe entdeckt? Mikhail erwog, ihn bei der Wanderung auf die Probe zu stellen. Wenn Luka so heftig auf Lara reagierte, war Suzie vielleicht doch nicht die Richtige für ihn.

Und was ihn selbst betraf … Die Vorstellung, zu heiraten und alles mit einem anderen Menschen zu teilen, fand Mikhail völlig abwegig.

Lieber würde er seine Milliarden verbrennen.

Kat verzog missbilligend das Gesicht, als das Postauto laut knirschend über den Kiesweg fuhr. Ihre Schwester Emmie war völlig überraschend am späten Abend aufgetaucht und sollte jetzt nicht von der schrillen Türklingel aus dem Schlaf gerissen werden. Eilig legte Kat daher die Quiltdecke beiseite, an der sie gerade gearbeitet hatte, lockerte die steifen Finger und lief zur Haustür. Gute Nachrichten brachte der Briefträger sicher nicht. Tag und Nacht befürchtete Kat das Schlimmste.

Trotzdem öffnete sie entschlossen die Tür, zauberte ein Lächeln aufs Gesicht und wechselte einige freundliche Worte mit dem Mann, der ihr ein Einschreiben reichte und bat, den Erhalt zu quittieren. Angesichts der roten Schrift auf dem Umschlag war Kat stolz, dass ihre Hand nicht zitterte.

Langsam verschwand Kat dann wieder in dem solide gebauten Bauernhaus, das sie von ihrem Vater geerbt hatte. Nach dem unsteten Zigeunerleben, das sie bei ihrer Mutter Odette geführt hatte, war ihr Birkside zuerst wie das Paradies vorgekommen. Das ehemalige Topmodel Odette hatte selbst nach der Geburt ihrer Kinder nie ein festes Zuhause gehabt. Kats Vater war mit ihr verheiratet gewesen, bevor sie bekannt geworden war. Die reichen Männer, die Odette bei ihren Auslandsreisen zu Shootings kennenlernte, interessierten sie weitaus mehr als der ruhige Buchhalter, den sie als junges Mädchen viel zu früh geheiratet hatte.

Zehn Jahre vergingen, bevor Odette erneut den Schritt vor den Traualtar wagte. Aus dieser Ehe waren Zwillingstöchter hervorgegangen: Sapphire und Emerald. Die letzte feste Beziehung hatte Odette mit einem südamerikanischen Polospieler gehabt. Er war der Vater von Topaz, Kats jüngster Schwester. Als Kat dreiundzwanzig Jahre alt war, hatte ihre Mutter die drei jüngeren Schwestern in eine Pflegefamilie gegeben, weil die Mädchen sich angeblich nichts mehr sagen ließen und auf die schiefe Bahn zu geraten drohten. Besonders die Zwillinge waren gefährdet. Völlig verzweifelt hatten die Mädchen sich an Kat gewandt, die sich sofort bereit erklärt hatte, das alleinige Sorgerecht für ihre Halbschwestern zu übernehmen und ihnen im Lake District ihr erstes richtiges Zuhause zu bieten.

Rückblickend hinterließen die ersten glücklichen Tage voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft einen bitteren Nachgeschmack. Was blieb, war das Gefühl, versagt zu haben. Dabei war Kat fest entschlossen gewesen, ihren drei Schützlingen genau das zu geben, was ihr als Kind selbst immer gefehlt hatte: Liebe und ein sicheres Zuhause.

Mit zitternden Fingern riss sie den Umschlag auf und überflog das Schreiben. Wie alle anderen zuvor würde auch dieser Brief in der Schublade landen. Die Bank drohte mit Zwangsräumung, falls das Darlehen auch weiterhin nicht bedient wurde. Die Kredithaie, an die Kat sich in ihrer Verzweiflung gewandt hatte, verloren langsam die Geduld und wollten ihr den Gerichtsvollzieher auf den Hals hetzen. Sie war so hoch verschuldet, dass sie wohl tatsächlich bald alles verlieren und auf der Straße sitzen würde. Selbst wenn sie Tag und Nacht an den Quiltdecken arbeitete, sie konnten gar nicht genug Geld einbringen, um das Haus zu retten. Jetzt half nur noch ein Wunder.

Das alte Bauernhaus zu einer Pension umzubauen, hatte ein kleines Vermögen verschlungen. Doch heutzutage verlangten die Gäste nun mal nach Zimmern mit eigenem Bad. Auch Küche und Frühstücksraum hatten erweitert und modernisiert werden müssen.

In den ersten Jahren hatte es einen wahren Gästeansturm gegeben. Es war leichtsinnig gewesen, sich auf hohe Gästezahlen zu verlassen und einen weiteren Kredit aufzunehmen, um ihre Geschwister bestmöglich unterstützen zu können. Aber Kat wollte nun mal das Beste für ihre drei Schwestern.

Leider war der stetige Besucherstrom langsam abgeebbt. Die Gäste übernachteten jetzt lieber in preiswerten Hotels oder Gasthäusern. Erschwerend kam hinzu, dass die Pension sich am Ende einer langen, einspurigen Straße befand. Seit der letzten Wirtschaftskrise hatte Kat kaum noch Reservierungen.

Eine bildhübsche Blondine mit Modelmaßen kam in einem abgetragenen Morgenmantel langsam die Treppe hinunter und unterdrückte ein Gähnen. „Der Briefträger macht entschieden zu viel Lärm“, klagte Emmie. „Du bist sicher schon seit Stunden auf. Du warst ja schon immer eine Frühaufsteherin.“

Was war ihr denn anderes übrig geblieben? Ihre Schwestern mussten rechtzeitig zur Schule gebracht werden, und die Gäste erwarteten ihr Frühstück. Doch das wollte sie Emmie jetzt nicht aufs Butterbrot schmieren, zumal ihre Schwester besserer Laune zu sein schien als vor einigen Stunden. Mitten in der Nacht hatte ein Taxi sie hier abgesetzt. Emmie hatte behauptet, zu müde für irgendwelche Erklärungen zu sein, und war gleich ins Bett gegangen.

Kat war beunruhigt über Emmies plötzliches Auftauchen. Vor sechs Monaten war ihre Schwester zu Odette nach London gezogen, um ihre Mutter näher kennenzulernen, die sie seit ihrem zwölften Lebensjahr nur selten gesehen hatte. Kat hatte es ihr nicht ausgeredet. Immerhin war Emmie inzwischen dreiundzwanzig Jahre alt und musste ja wissen, was sie tat. Gern hätte sie ihr aber die Erfahrung erspart, dass Odette stets nur an sich selbst dachte und keine Liebe und Zuneigung für ihre Töchter empfand.

„Möchtest du frühstücken?“, fragte Kat sachlich.

„Ich habe keinen Hunger, aber eine Tasse Tee wäre nicht schlecht.“ Emmie setzte sich an den Küchentisch.

„Du hast mir gefehlt“, gestand Kat, als sie den Wasserkocher einschaltete.

„Du mir auch.“ Lächelnd sah Emmie auf. „Meinen Job in der Bücherei und mein ödes Privatleben hier habe ich allerdings nicht vermisst. Entschuldige, dass ich mich so selten bei dir gemeldet habe.“

„Schon gut.“ Kat strich sich die roten Locken aus dem Gesicht und nahm zwei Teebecher aus dem Küchenschrank. Sie war zehn Jahre älter als ihre Schwester, groß und schlank, hatte den hellen Teint der Rothaarigen, smaragdgrüne Augen und sinnliche Lippen. „Ich hatte mir schon gedacht, dass du viel um die Ohren hast, und gehofft, du amüsierst dich in London.“

Emmie verzog das Gesicht. „Es war die Hölle bei Odette“, sagte sie leise.

„Das tut mir leid.“ Kat schenkte Tee ein.

„Dir war das klar, oder? Warum hast du mich nicht vorgewarnt, Kat?“ Frustriert umklammerte Emmie den Becher.

„Weil ich dachte, Mum hätte sich vielleicht zum Positiven verändert. Außerdem wollte ich, dass du dir unvoreingenommen deine eigene Meinung bildest.“

Emmie lachte sarkastisch und zählte Beispiele für Odettes Eigensucht auf. Als Kat nur verständnisvoll nickte, erklärte sie: „Jedenfalls bleibe ich jetzt hier. Außerdem … Ich bin schwanger.“

„Das ist ein Scherz, oder?“ Entsetzt musterte Kat ihre Schwester.

„Nein. Tut mir leid, ich kann es nicht ändern.“

„Und wer ist der Vater?“

„Wir sind nicht mehr zusammen, und ich möchte nicht darüber reden.“ Emmie ließ den Kopf hängen.

Natürlich machte Kat sich sofort wieder Vorwürfe, in ihrer Mutterrolle versagt zu haben.

„Bevor du weiterfragst: Ich will das Baby behalten“, erklärte Emmie trotzig.

Benommen von der unerwarteten Neuigkeit setzte Kat sich an den Tisch und fragte leise: „Und wie willst du dich und das Kind durchbringen?“

Offensichtlich hatte Emmie sich das schon genau überlegt. „Ich wohne hier und helfe dir in der Pension.“

„Wie willst du denn helfen? Es kommen ja keine Gäste mehr.“ Kat wusste, dass sie die Wahrheit nicht mehr verheimlichen konnte.

„Das liegt an der Jahreszeit. Spätestens zu Ostern rennen sie dir wieder die Bude ein“, sagte Emmie flapsig.

„Wohl kaum. Außerdem stecke ich bis zum Hals in Schulden.“

Erstaunt musterte Emmie sie mit ihren veilchenblauen Augen. „Seit wann das denn?“

„Schon lange. Vor deiner Abreise musst du doch selbst gemerkt haben, dass sich kaum noch Gäste hierher verirrt haben.“

„Ich erinnere mich, dass du ein Darlehen zum Umbau des Hauses aufgenommen hast, als wir zu dir gezogen sind“, sagte Emmie.

Leider war das nur die halbe Wahrheit. Doch das behielt Kat vorerst für sich, weil sie vermeiden wollte, dass Emmie sich schuldig fühlte. Ganz offensichtlich hatte sie es schon schwer genug mit der zerbrochenen Beziehung und der Schwangerschaft.

Manche Menschen werden wirklich stiefmütterlich vom Schicksal behandelt, dachte Kat mitleidig. Die arme Emmie stand im Schatten ihrer eineiigen Zwillingsschwester, die als Supermodel weltweit gefragt war. Die zwei Minuten ältere Saffy war schon immer härter und selbstständiger gewesen als die gefühlvolle Emmie, die zudem im Alter von zwölf Jahren schwere Beinverletzungen erlitten hatte, als sie bei einer Spritztour in einem gestohlenen Auto verunglückt war. Als Emmie endlich wieder gehen konnte, humpelte sie, denn ein Bein war verkürzt. Ständig ihre perfekte Zwillingsschwester vor Augen zu haben, mit der sie immer wieder verglichen wurde, hatte Emmie so zugesetzt, dass es schließlich zu einem Bruch zwischen den Zwillingen gekommen war. Noch immer, Jahre danach, sprachen sie kaum ein Wort miteinander.

Zum Glück konnte Emmy sich inzwischen wieder völlig normal bewegen. Irgendwann hatte Kat das Elend nicht mehr mit ansehen können und einen weiteren Kredit aufgenommen, um ihrer Schwester eine Operation im Ausland zu ermöglichen, bei der das Bein verlängert wurde. Die OP war ein voller Erfolg gewesen. Nur der Kredit war immer noch nicht abbezahlt, weil Kat das Geld für die Raten nicht mehr aufbringen konnte. Die Schuldenlast wurde immer drückender. Doch das sollte Emmie nicht erfahren. Wäre Kat noch einmal mit so einer Situation konfrontiert worden, sie hätte nicht gezögert, genauso zu handeln, denn das Wohl ihrer Schwestern war ihr wichtiger als alles andere.

„Ich habe eine Idee.“ Emmie strahlte. „Du verkaufst das Ackerland, dann kannst du deine Schulden begleichen. Daran hättest du eigentlich auch selbst denken können, Kat.“

Das Land hatte Kat schon vor Jahren verkaufen müssen, weil Odette die Unterhaltszahlungen für ihre minderjährigen Töchter bald nach deren Umzug zu Kat eingestellt hatte. Außerdem war Topsy, das außergewöhnlich intelligente Nesthäkchen, in der Schule gemobbt worden, sodass Kat sich gezwungen gesehen hatte, die Kleine auf ein Internat zu schicken und irgendwie das Schulgeld aufzubringen. Zum Glück erhielt Topsy inzwischen ein Stipendium.

„Das Ackerland gehört mir schon lange nicht mehr“, antwortete Kat widerstrebend. „Und nun werde ich wohl auch das Haus verlieren.“

„Du liebe Zeit! Was hast du denn mit dem ganzen Geld gemacht?“, fragte Emmie vorwurfsvoll.

Kat ließ den Kopf hängen und schwieg. Wie sollte sie ihrer Schwester erklären, dass sie immer am Rand des Existenzminimums gelebt hatte? Vorläufig wurde sie einer Antwort enthoben, denn es klingelte an der Tür. Erleichtert stürzte Kat aus der Küche.

Ihr Nachbar Roger Packham, ein Witwer Mitte vierzig, begrüßte sie mit einem charakteristischen Nicken. „Ich will dir morgen Kaminholz bringen. Soll ich es am üblichen Platz aufstapeln?“

„Äh … ja. Herzlichen Dank.“ Seine Großzügigkeit beschämte sie. Nicht nur um sich vor dem eisigen Wind zu schützen, verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Ganz schön kalt heute, Roger“, fügte sie schnell hinzu.

„Nordwind“, erklärte er wortkarg. „Schwerer Schneefall ist angesagt. Du hast hoffentlich genug Vorräte im Haus.“

„Nein, bitte nicht noch mehr Schnee!“ Kat fröstelte in ihrem dicken Wollpullover. „Was schulde ich dir für das Holz, Roger?“

„Gar nichts.“ Roger winkte beleidigt ab. „Reine Nachbarschaftshilfe. Eine Frau wie du sollte nicht allein hier leben. Ich helfe gern.“

Kat bedankte sich noch einmal und verschwand wieder im Haus. In der Diele erhaschte sie ihr Spiegelbild und sah eine abgespannte Frau mittleren Alters vor sich, die darüber nachdenken sollte, das lange Haar schneiden zu lassen. Und dann? Wie sollte sie die Locken bändigen? Hatte sie sich getäuscht, oder hatte Roger sie tatsächlich gerade bewundernd angesehen? Jedenfalls machte es sie verlegen. Sie war fünfunddreißig Jahre alt und betrachtete sich als ewige Jungfrau. Wann sich zuletzt ein Mann für sie interessiert hatte, wusste sie gar nicht mehr. Wie sollte sie hier auch jemanden kennenlernen? Sie verließ das Haus ja nur zum Einkaufen oder wenn sie ihre Quiltdecken an den Souvenirladen verkaufte.

Seit sie ihre Schwestern bei sich aufgenommen hatte, war es mit dem Privatleben praktisch vorbei gewesen. Sie hatte so viel zu tun gehabt, dass für einen Mann in ihrem Leben gar kein Platz gewesen wäre. Und nun war sogar Emmie schon erfahrener als sie!

Emmie schob gerade ihr Handy in die Hosentasche, als Kat wieder in der Küche auftauchte. „Leihst du mir den Wagen, Kat? Beth hat mich zu sich eingeladen.“ Beth war eine Schulfreundin, die noch im Dorf wohnte.

Kat ließ sich ihre Enttäuschung nicht anmerken, dass Emmie ihre Probleme offensichtlich lieber mit ihrer gleichaltrigen Freundin besprechen wollte. „Meinetwegen. Aber Roger hat gerade vor heftigem Schneefall gewarnt.“

„Wenn es zu schlimm wird, übernachte ich bei Beth“, antwortete Emmie fröhlich und stand auf. „Ich gehe mich jetzt umziehen. Ach, Kat? Danke, dass du mich nicht ausgefragt hast.“

Kat drückte ihre jüngere Schwester kurz an sich. „Okay. Aber versprich mir, dass du dir Gedanken über die Zukunft machst. Es ist kein Zuckerschlecken, ein Kind ganz allein großzuziehen.“

„Ach, das werde ich schon schaffen. Ich bin ja kein Kind mehr.“

Diese Abfuhr verletzte Kat natürlich. Zumal sie ja nun wirklich wusste, wie schwer man es als Alleinerziehende hatte. Und was sollte werden, wenn sie das Haus verlor? Wo und wovon sollten sie, Emmie und das Baby dann leben?

Gedankenverloren blickte Kat am Nachmittag aus dem Fenster. Dichter Schneefall hatte eingesetzt, Rogers Vorhersage erwies sich als richtig. Wie wunderschön und friedlich die weiße Pracht wirkte. Doch der Schein konnte auch trügen. Wie oft hatten Wanderer sich schon im Schneesturm verlaufen!

Emmie rief an, um Bescheid zu sagen, sie würde bei Beth übernachten. Kat holte noch Holz für den Kamin im Wohnzimmer herein. Der Schnee fiel jetzt so dicht, dass man die Berge nicht mehr sehen konnte. Kat setzte sich an den Kamin, widmete sich der Arbeit an ihrer neuesten Quiltdecke und dachte nach. Ein Baby. Den Wunsch nach einem eigenen Kind hatte sie schon lange aufgegeben. Umso mehr freute sie sich auf einen kleinen Neffen oder eine kleine Nichte. Trotz aller finanzieller Schwierigkeiten. Wie hatte ihre Großmutter väterlicherseits immer so schön gesagt? Gott wird es schon richten.

Erschrocken fuhr Kat zusammen, als es um acht Uhr plötzlich klingelte. Dann wurde auch noch ungeduldig geklopft. Ungehalten lief Kat zur Tür und konnte im Schein der Außenbeleuchtung drei große Schatten durch die Glasscheibe ausmachen. Hoffentlich sind es Gäste, dache Kat, öffnete die Tür und sah sich zwei großen Männern gegenüber, die einen dritten – kleineren – stützten.

„Das ist doch hier eine Pension, oder?“, erkundigte sich der schlaksige Mann links mit unverkennbar vornehmem englischen Akzent, während der muskulösere große schwarzhaarige Mann rechts sie ungeduldig anstarrte.

„Haben Sie Zimmer für uns?“, fragte er dann forsch. „Mein Freund hat sich am Knöchel verletzt.“

„Oh je“, sagte Kat mitfühlend und machte den Männern Platz. „Kommen Sie herein! Sie müssen ja völlig durchgefroren sein. Ich habe drei Zimmer frei.“

„Sie werden es nicht bereuen, sich um uns zu kümmern“, brummte der Zweimetermann mit einem Akzent, den Kat nicht einordnen konnte.

„Ich kümmere mich um alle meine Gäste“, versicherte Kat ihm und begegnete seinem beunruhigend intensiven Blick. Der Mann hatte fast schwarze Augen und dichte schwarze Wimpern.

Da Kat selbst fast einen Meter achtzig groß war, kam es nicht oft vor, dass sie zu einem Mann aufsehen musste. Wie gebannt musterte sie den außergewöhnlich attraktiven Mann, seine ausgeprägten Wangenknochen und markanten Augenbrauen. Ein Alphamann, wie er im Buche stand.

Er ließ sie nicht aus den Augen. „Ich bin Mikhail Kusnirovich, das ist mein Freund Luka Volkov und das der Bruder seiner Verlobten, Peter Gregory.“

Noch nie zuvor hatte Mikhail der Anblick einer Frau so gefesselt.

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