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Auf der Jacht der Leidenschaft

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Emilie Rose

Auf der Jacht der Leidenschaft

Sie ist noch genauso hinreißend wie vor Jahren! Als Clay seine Exverlobte Andrea wiedersieht, kennt er nur noch ein Ziel: Er will ihr Herz erneut erobern. Und er spürt genau, dass auch sie ihn nach wie vor heiß begehrt. Doch nach ihrer traumhaften Liebesnacht auf seiner Jacht zieht sie sich zurück. Clay ahnt, dass er vor der schwersten Entscheidung seines Lebens steht: Er muss ihr sagen, was damals passierte! Wie wird Andrea reagieren? Ihn verlassen? Oder ihrem Glück eine zweite Chance geben?

1. KAPITEL

„Das geht schief, Andrea. Such dir besser einen anderen Junggesellen aus.“

Andrea Montgomerys Herz klopfte heftig, und ihr Magen fühlte sich an, als säße sie in einer Achterbahn. Sie nippte an ihrem Champagner, klemmte sich das Schild mit ihrer Bieternummer unter den Arm und drückte kurz die Hand ihrer Freundin.

„Holly, du weißt, dass ich es tun muss.“

„Ihn zu ersteigern ist ein Fehler. Weißt du noch, wie schlecht es dir ging, als er dich verlassen hat?“

Als ob ich diesen Schmerz jemals vergessen könnte.

„Das ist vorbei. Ich bin schon lange über ihn hinweg.“ Da war sie ganz sicher. Über einen Mann, der einem jahrelang etwas vorgaukelte und einen dann ohne eine Erklärung verließ, musste man doch hinweg sein.

Andrea ließ Hollys Hand los und zupfte am Oberteil ihres schwarzen Seidenkleides herum. Das bisschen Stoff, das sie bedeckte, umschmiegte sie wie eine zweite Haut. Der Ausschnitt reichte ihr fast bis zum Nabel, und wenn der Schlitz des knöchellangen Rockes auch nur einen Zentimeter höher reichte, dann hätte sich niemand mehr fragen müssen, ob sie einen Slip trug oder nicht.

Sie verlagerte das Gewicht von einem hohen Absatz auf den anderen – die Schuhe waren der einzige Teil ihrer Garderobe, der ihr gefiel – und ließ den Blick über die teuer gekleideten Frauen schweifen, die den kostenlosen Champagner genossen und aufgeregt ihre Gebote für die Junggesellen abgaben. Der Erlös wurde für einen wohltätigen Zweck eingesetzt.

Andrea war sicher, keine der Frauen aus diesem wohlhabenden, konservativen Country Club fühlte sich so bloßgestellt wie sie.

„Was habt ihr euch dabei gedacht, als ihr mir dieses Kleid ausgesucht habt? Ich habe ja nichts gegen sexy Outfits, aber dieses Teil ist viel zu freizügig. Hättet ihr nicht etwas Subtileres wählen können? Subtil ist sexy. Zu freizügig wirkt billig.“

Holly lachte nicht einmal. „Wenn es darum geht, jemanden zu verführen, dann muss man schon harte Geschütze auffahren. Du hast vor, Clayton Dean in die Knie zu zwingen. Juliana und ich dachten, dann solltest du dich auch entsprechend deiner Rolle als Femme fatale kleiden.“

Clayton Dean. Seinen Namen zu hören machte Andrea noch nervöser. „Du hast mich in die falsche Rolle gesteckt. Eine Femme fatale verführt den Mann. Ich habe nicht die Absicht, mit Clay im Bett zu landen. Er hatte seine Chance vor acht Jahren, und da hat er es vermasselt. Wie oft soll ich es dir noch sagen? Mir geht es nicht um Rache. Ich will ihm nur zeigen, dass ich nicht nachtragend bin.“

„So, so.“ Holly machte gar nicht erst den Versuch, ihre Skepsis zu verbergen.

„Okay, ich hätte nichts dagegen, wenn er merken und bereuen würde, was ihm entgangen ist. Aber das ist auch alles. Ich wäre schön dumm, wenn ich ihm wieder mein Herz schenkte.“

„Das stimmt. Und genau darum ist das, was du vorhast, idiotisch.“

„Holly, ich habe einmal die Schande überlebt, dass Clay mich sitzen gelassen hat. Das Mitleid meiner Kollegen war schon beim ersten Mal kaum zu ertragen. Und laut Mrs. Dean bleibt Clay nur so lange in Wilmington, bis es seinem Vater wieder möglich ist, ‚Dean Yachts‘ zu leiten. Dann segelt er zurück nach Florida. Ich verspreche, nicht zu vergessen, dass sein Aufenthalt zeitlich begrenzt ist.“

„Die Marketing Direktorin bemüht sich ein wenig zu sehr, diesen Plan als etwas Tolles zu verkaufen.“

„Hör schon auf. Denk dran, hier geht es nicht nur um mich. Ohne Clay müsste die Firma womöglich für eine Weile schließen, außer mir wären auch tausend andere Angestellte arbeitslos. Joseph Dean ist für mich wie ein Vater. Seit seinem Schlaganfall vor drei Wochen mache ich mir ernsthafte Sorgen. Er und Clay müssen ihren Streit beilegen, bevor es zu spät ist.“ Die Möglichkeit, ihren Mentor zu verlieren, versetzte Andrea in Angst.

Holly sah sie besorgt an. „Was ist, wenn Vater und Sohn sich wieder vertragen und Clay nach Hause zurückkehrt? Dann ist er dein Chef. Wirst du deinen Job dann immer noch lieben?“

Andrea zuckte zusammen. Daran hatte sie noch gar nicht gedacht. Es graute ihr ohnehin davor, mit Clay zusammenzuarbeiten. „Ich muss einfach nach vorne schauen. Und das kann ich erst, wenn ich die Vergangenheit hinter mir gelassen habe. Ich bin eine Verliererin, Holly. Ich muss den Teufelskreis durchbrechen, und deshalb muss ich wissen, wieso Clay und alle anderen Männer, mit denen ich in den letzten acht Jahren ausgegangen bin, mich immer dann verlassen haben, wenn ich dachte, aus der Beziehung könnte etwas werden.“

Holly stampfte ungeduldig mit dem Fuß auf. „Begreif doch endlich, dass du völlig in Ordnung bist.“

„Sagst du.“

Holly sah zur Bühne hinüber. „Ich hoffe, du hast recht, wenn du sagst, dass du über ihn hinweg bist, denn Clay sieht gut aus. Verdammt gut sogar.“

Andrea verschluckte sich an ihrem Champagner. Sie holte einmal tief Luft, stellte das Glas auf das Tablett eines vorbeieilenden Kellners und wappnete sich, bevor sie sich umdrehte.

Trotzdem wurden ihr beim Anblick ihres ehemaligen Geliebten die Knie weich. Clay sah fantastisch aus.

Zur Hölle mit ihm!

Das Letzte, was sie wollte oder brauchte, war, ihn noch immer attraktiv zu finden. Seine Schultern waren breiter, als sie sie in Erinnerung hatte, und unter seinem Smoking zeichneten sich Muskeln ab, die er als schlaksiger Dreiundzwanzigjähriger nicht gehabt hatte.

Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen. Er sah vielleicht weltmännischer aus als damals, aber sein hellbraunes Haar konnte er immer noch nicht zähmen. Es lockte sich noch genauso unordentlich wie früher, als sie es durcheinandergebracht hatte, wenn sie sich gelie…

Andrea unterdrückte diesen Gedanken sofort.

Anscheinend hatte Clay sie noch nicht entdeckt, und sie wollte, dass es auch so blieb – bis zu dem Zeitpunkt, wenn sie ihn ersteigert hatte. Aufregung und Unsicherheit ließen sie kurz erschauern.

„Um die Vergangenheit zur Ruhe zu betten, wird jeder Penny, den ich auf Junggeselle Nummer dreizehn biete, gut angelegt sein.“

Holly hob eine Augenbraue. „Zur Ruhe betten? Freudscher Fehler?“

Andrea sah ihre Freundin böse an. „Du weißt, was ich meine. Ich will, dass es vorbei ist. Endgültig vorbei.“

„Wenn du es sagst.“ Die Zweifel in Hollys Stimme machten Andrea nicht gerade Mut. „Wir wussten, dass unsere Treuhandfonds irgendwann nützlich sein könnten, aber ich nehme an, unsere Großväter hatten nicht im Sinn, dass wir uns damit Männer kaufen – selbst wenn es für einen wohltätigen Zweck ist. Juliana jedenfalls hat eine ordentliche Summe für ihren Rebellen zahlen müssen.“

Juliana war die Erste des Trios, die sich einen Mann ersteigert hatte. Andrea hoffte, dass ihre eher prüde Freundin sich mit dem rebellischen Barbesitzer und Motorradfahrer nicht zu viel zugemutet hatte. „Ich hoffe, es läuft alles gut.“

„Ich auch. Und ich hoffe, dass keine von uns den Unsinn heute Abend bereuen muss.“

„Holly, wir haben abgemacht …“

„Nein, du und Juliana habt das abgemacht. Mich habt ihr gezwungen, aber ich mache gute Miene zum bösen Spiel.“

Der Hammer des Auktionators knallte laut wie ein Pistolenschuss auf das Pult, und Andrea zuckte zusammen. Junggeselle Nummer zwölf verließ die Bühne, um seine „Käuferin“ zu treffen, und die Frauen im Publikum gerieten fast aus dem Häuschen, als der Nächste angekündigt wurde. Andrea legte sich die Hände auf die Ohren, da der Lärmpegel immer weiter anstieg, und überlegte, ob sie nicht doch lieber verschwinden sollte.

Nein. Sie wollte endlich leben, und das bedeutete, dass sie sich ihrer schmerzhaften Vergangenheit stellen musste. Der Trommelwirbel der Band, während der Conférencier den nächsten Junggesellen ankündigte, passte perfekt zu ihrem heftigen Herzklopfen.

Ihr Junggeselle. Clay Dean.

Andrea strich sich das Haar aus dem Gesicht. Sicher, sie tat so, als wäre es ein Leichtes, den Mann, der ihr vor acht Jahren das Herz gebrochen und ihr Vertrauen enttäuscht hatte, zu ersteigern und zur Rede zu stellen, doch innerlich zitterte sie, und ihre Knie fühlten sich an wie Gummi. Sie hatte Clay geliebt, hatte ihn heiraten wollen, Kinder mit ihm bekommen und „Dean Yachts“ gemeinsam mit ihm leiten wollen. Sein jähes Verschwinden hatte sie schwer getroffen.

Was, wenn ihr Plan nach hinten losging?

Sie straffte die Schultern und unterdrückte ihre Zweifel. Mit dreißig war sie schließlich alt genug, um einem ehemaligen Liebhaber gegenüberzutreten, ohne dass sie sich zum Narren machte. Außerdem hatte sie sich jedes Detail genau überlegt, so gründlich wie bei einer Werbekampagne für die Firma.

Sie würde Clay ersteigern und ihn damit zu sieben Verabredungen zwingen, lauter gute Gelegenheiten, um ihn mit ihrem erworbenen geschäftlichen Können zu beeindrucken; ihn in Versuchung zu führen, ihn jedoch auf Distanz zu halten; ihn auszufragen, um herauszufinden, warum er sie verlassen hatte. Und dann konnte sie ihn endgültig aus ihrem Herzen und ihrem Kopf verbannen.

Die Frauen um sie herum begannen, ekstatisch zu kreischen, als Clay sich in der Mitte der Bühne hinstellte. Wer würde nicht gerne einige Verabredungen mit einem gut aussehenden Schiffsarchitekten und preisgekrönten Yacht-Designer ersteigern? Aber Andrea war entschlossen, Clay für sich zu gewinnen. Zumindest für eine kurze Zeit.

Holly beugte sich vor und sprach direkt in Andreas Ohr: „Bist du sicher, dass du ‚sieben verführerische Sonnenuntergänge‘ mit Clay überstehst?“

„Natürlich.“ Andrea machte eine abwehrende Handbewegung, versteckte ihre Hände jedoch schnell hinter dem Rücken, als sie merkte, dass ihre Finger zitterten.

Schließlich hob sie ihr Schild und gab das erste Gebot für ihren ehemaligen Liebhaber ab.

Würde er sie nicht so lieben, dann würde er sie jetzt erwürgen. Clay funkelte seine Mutter böse von der Bühne aus an.

Lächeln, bedeutete sie ihm und zeigte auf ihre Lippen.

Also wandte er sich mit einem breiten, gekünstelten Lächeln an die Menge. Seine Mutter hätte ihn wenigstens vorwarnen können, aber nein, sie hatte das Verabredungspaket geschnürt, sein Bild in den Versteigerungskatalog gesetzt und ihn in dem Moment damit überrumpelt, als er gerade angelegt hatte.

Clay hatte versucht, dem Fiasko zu entgehen, indem er ihr eine großzügige Spende anbot, doch niemand konnte Patricia Dean umstimmen, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Und im Moment bedeutete das, dass ihr einziger Sohn sich zum Narren machte.

Aber da er ihr etwas schuldete, ließ er diese Versteigerung über sich ergehen. Dabei hatte er schon genug Sorgen. Er musste nicht nur seine eigene Firma leiten, sondern auch noch „Dean Yachts“, bis er einen Geschäftsführer fand, der vorübergehend die Leitung übernahm. Das hieß, dass er mit Andrea, Deans Marketingmanagerin, zusammenarbeiten musste – und zwar täglich. Wieder einmal überkam ihn Bedauern.

Er wollte nicht hier sein – weder hier in seiner Heimatstadt noch hier auf der Bühne, wo er wie eine alte, gebrauchte Yacht verschachert wurde. Das erinnerte ihn an zu viele Enttäuschungen, zu viele gebrochene Versprechen.

Die Frauen, alle offensichtlich schon beschwipst, machten ihm lauthals zweideutige Angebote, aber er dachte nicht im Traum daran, wie einige seiner Vorgänger seine Muskeln spielen zu lassen oder sich wie ein männlicher Stripper aufzuführen. Es reichte, dass er demnächst irgendeine hohlköpfige Lady aus der feinen Gesellschaft ausführen musste.

Clay stand starr wie ein Mast im Rampenlicht. Ein Scheinwerfer war auf ihn gerichtet, während ein anderer die Menge beleuchtete. Er starrte auf die hysterischen Frauen und sah …

Andrea!

Er hatte das Gefühl, seine Lunge fiel zusammen wie ein Segel ohne Wind, und sein Magen verkrampfte sich. Verdammt. Was tat sie hier? Er hatte gedacht, er hätte Zeit bis Montag, um sich auf die Begegnung mit ihr vorzubereiten.

Er hatte sie geliebt – so sehr, dass er fast die Entdeckung ignoriert hätte, die seinen Glauben an sich und die Menschen, die er liebte, erschüttert hatte.

Der Scheinwerfer wurde wieder auf die Bühne gerichtet und blendete ihn. Die Gebote stiegen immer höher, peinlich viel höher als bei den letzten beiden armen Kerlen. Er sollte stolz sein, dass er nicht wie ein alter Kutter verscherbelt wurde, aber er wollte nur hinunter von der Bühne. Je eher, desto besser. Die Bieterinnen benutzten nummerierte Schilder, statt ihr Gebot zu rufen, doch wegen der blendenden Scheinwerfer konnte Clay nicht sehen, wer mitbot.

Der Hammer schlug auf. „Verkauft!“, rief der Auktionator. „Kommen Sie und holen Sie sich Ihren Preis, Nummer zweihunderteins.“

Gut. Zumindest dieser Teil der Tortur war überstanden. Clay verließ erleichtert die Bühne. Seine Augen gewöhnten sich langsam an die Lichtverhältnisse, und zu seinem Entsetzten entdeckte er Andrea, die einer Frau hinter einem Schreibtisch einen Scheck überreichte. Völlig geschockt blieb Clay stehen.

Andrea hatte ihn ersteigert!

Er erhaschte einen Blick aus karamellfarbenen Augen, betrachtete ihre lockige blonde Mähne und musterte dann ihr schwarzes Kleid. Der Anblick hätte ihn fast umgehauen. Der tiefe Ausschnitt verbarg kaum die vollen Brüste, und ein schon fast unanständig hoch reichender Schlitz entblößte ein langes, schlankes Bein. Clay stockte der Atem.

Sie schlenderte auf ihn zu und strahlte kühle Selbstsicherheit aus, die sie damals, als sie seine Freundin gewesen war, nicht hatte.

„Hallo, Clay. Sollen wir uns eine ruhige Ecke suchen und unsere Verabredungen planen?“

Ein wohliger Schauer lief ihm über den Rücken. Wie hatte er nur vergessen können, wie wunderbar weich ihre Stimme war und welchen Effekt sie stets auf ihn hatte?

„Moment“, rief eine Frau aus. Neben ihr stand ein Mann mit einer Kamera. Die Frau bedeutete ihnen, näher zusammenzurücken. „Die Arme umeinander und lächeln!“

Clay trat zu Andrea, bemühte sich um ein Lächeln und legte einen Arm um sie. Seine Handfläche traf auf nackte Haut. Verflixt. Es kam ihm vor, als würde ihre Körperhitze ihn verbrennen. Es war ein Feuer, das er löschen musste. Sofort.

Andrea schnappte nach Luft, und der glänzende schwarze Stoff enthüllte noch mehr von ihren wohlgerundeten Brüsten. Clay konnte nicht anders. Sein Blick hing an ihrer cremeweißen Haut, als die Kamera aufblitzte. Bevor er den Fotografen bitten konnte, noch ein weiteres Foto zu machen, hatte Andrea sich auf ihren sexy High Heels umgedreht und schlenderte mit einem betörenden Hüftschwung von dannen.

Wow! Das war nicht die gleiche Frau, die er damals verlassen hatte. Die Andrea, die er kannte, hätte niemals ein Kleid getragen, das jeden Mann seine Manieren vergessen lassen konnte.

Clay rief sich zur Ordnung und unterdrückte einen Anflug ungewollten Verlangens, während er Andrea folgte. Angesichts der Art und Weise, wie er sie damals verlassen hatte, war er davon ausgegangen, dass sie ihn zum Teufel wünschte.

Wieso war sie ihm heute Abend zu Hilfe gekommen?

Und welchen Preis würde er dafür zahlen müssen?

„Was spielst du für ein Spiel, Andrea?“

Clays Stimme war noch immer tief und vertraut, doch es lag eine Härte darin, an die Andrea sich nicht erinnerte. Ihr Herz klopfte schnell, und ihr Atem beschleunigte sich, was nicht nur daran lag, dass sie hastig den Rückzug vor den neugierigen Blicken der anderen Gäste angetreten hatte. Sie erreichte die verlassene Gartenlaube am Ende des Stegs und wünschte, sie könnte einfach weitergehen. Trotz ihrer zweiwöchigen Planung war sie noch nicht bereit für diese Begegnung mit Clay, doch sie wappnete sich und drehte sich um.

Seine Wangen wirkten schmaler und sein Kinn ausgeprägter als vor acht Jahren. Das Mondlicht, das sich auf dem Wasser spiegelte, erhellte seine Augen, die jetzt noch blauer schienen.

„Ich habe keine Zeit für Spielchen, Clay.“

„Was soll das Ganze denn dann?“ Er deutete mit dem Daumen zum Klub. „Eine kleine Reise in die Vergangenheit?“

„Kann eine Frau einen alten Freund nicht retten, ohne dass er sich beschwert?“

„Alte Freunde. Sind wir das?“

Konnten sie jemals wieder Freunde sein? Es stand zu bezweifeln. Aber sie konnte zumindest so lange so tun, bis sie ihre Mission erfüllt hatte. „Ich hoffe.“

„Du hast dich also geopfert?“

Andrea ignorierte seinen Sarkasmus. „Hast du ein Problem damit?“

„Du konntest noch nie gut lügen. Deine Stimme beginnt dabei zu zittern. Komm schon, Andrea. Warum sind wir wirklich hier?“

Andrea verfluchte die Tatsache, dass sie so leicht zu durchschauen war, und räusperte sich. „Wir müssen zusammenarbeiten. Alles, was dein Leben einfacher macht, macht auch meins einfacher. Dich vorhin zu retten schien mir eine nette Geste.“

„Du willst behaupten, dass es hier um die Arbeit geht?“

Er glaubte ihr nicht, und sie konnte es ihm nicht einmal verdenken. Andrea atmete resigniert aus. Das Ganze lief nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie hatte erwartet, dass Clay dankbar und nicht misstrauisch sein würde. „Ich möchte nur sicherstellen, dass du nicht verschwindest, bevor Joseph wieder auf den Beinen ist.“

„Ich muss meine eigene Firma leiten. Ich bleibe nur, bis ich einen Stellvertreter gefunden habe.“

Sie sah ihn entsetzt an. „Du kannst ‚Dean Yachts‘ nicht einem Fremden anvertrauen. Dein Vater würde …“

„Mein Vater hat in der Beziehung nichts zu sagen“, unterbrach Clay sie.

„Die Ärzte gehen fest davon aus, dass Joseph sich von seinem Schlaganfall erholen wird. Seine geistigen Fähigkeiten sind ungetrübt, doch er ist noch ziemlich schwach. Wenn er weiß, dass du da bist, wird er zu Hause bleiben. Nur dann kann er sich wirklich erholen.“

Eine leichte Sommerbrise wehte ihr das Haar ins Gesicht und brachte ihr Kleid in Unordnung, sodass ihre Brüste fast entblößte wurden. Clays Blick ging automatisch zu ihrem Dekolleté. Instinktiv wurden ihre Knospen hart. Im Stillen verfluchte sie Clay und ihren verräterischen Körper.

„Ich habe dich nicht um einen Krankenbericht gebeten.“

Clay zog sich noch weiter in den Schatten zurück, sodass Andrea seinen Gesichtsausdruck nicht erkennen konnte. Gefiel ihm, was er sah? Bedauerte er auch nur für einen Moment, dass er sie verlassen hatte? Hatte er überhaupt jemals an sie gedacht, seit er gegangen war?

Hör auf, es ist unerheblich.

Doch leider war es das nicht. Andrea ballte die Hände zu Fäusten.

„Das solltest du aber. Er ist dein Vater. In einigen Monaten wird er wieder arbeiten können, es sei denn, du treibst ihn zur Eile und bringst damit seine Gesundheit erneut in Gefahr. Lass ihm Zeit zu genesen, Clay.“

Clay antwortete nicht, sondern wandte ihr den Rücken zu – eine breite, massive Mauer des Widerstands.

Frag ihn, warum er dich verlassen hat.

Doch das konnte sie nicht. Noch nicht. Weil sie noch nicht bereit war, die Antwort zu hören. Was war, wenn er ihr etwas Furchtbares erzählte und sie ihm dann trotzdem monatelang tagtäglich begegnen müsste? Doch sie würde die Information vor seiner Abreise schon noch aus ihm herausholen.

Andrea seufzte und trat zu Clay ans Geländer. Der würzige Duft seines Aftershaves wehte zu ihr herüber. Erinnerungen überfluteten sie. Erinnerungen an eine Nacht wie diese. Es war der Abend der Highschool-Abschlussfeier. In der winzigen Kajüte seines Segelbootes hatten sie sich das erste Mal geliebt.

Stopp.

Okay, sie fand Clay noch immer körperlich anziehend. Und wenn schon. Das hieß nicht, dass sie sich davon beeinflussen lassen würde. Er hatte ihr zu sehr wehgetan, als dass sie ihm je wieder trauen könnte.

Bleib bei deinem Plan, Andrea. Konzentrier dich auf das, was du gut kannst – deinen Job.

Sie atmete tief durch und begann ihre vorbereitete Rede: „Die Firma ist mit einigen Aufträgen im Rückstand. Du wirst dich in die Arbeit stürzen müssen, damit wir unseren Produktionsplan einhalten können. Dein Vater wird dir sagen, was du wissen musst.“

„Ich brauche seine Hilfe nicht.“

Frustriert biss Andrea sich auf die Lippen. Den Bruch zwischen den beiden Männern zu kitten gestaltete sich schwieriger, als sie gedacht hatte. „Du brauchst ihn vielleicht nicht, aber Joseph braucht dich. Er ist deprimiert und ziemlich mitgenommen, weil er erkannt hat, dass er nicht unsterblich ist. Er freut sich darauf, dich zu Hause willkommen zu heißen.“

Clay sah sie an. Früher hätte Andrea ihn niemals für unflexibel oder unversöhnlich gehalten, doch seine Miene deutete im Moment auf beides hin.

„Ich habe mein Schiff bei ‚Deans‘ vor Anker liegen. Ich werde dort wohnen.“

„Du wirst aber ins Haus gehen, um deinen Vater zu besuchen, oder?“

„Nein.“

„Verflixt, Clay! Joseph braucht seine Familie jetzt.“

„Es ist ein bisschen spät, sich Gedanken um seine Familie zu machen“, erklärte Clay verbittert.

„Was soll das heißen?“ Er schwieg, und Andreas Irritation und Neugier nahmen noch zu. Was war vor acht Jahren geschehen, um solch einen Bruch entstehen zu lassen? „Es ist nie zu spät, um sich zu entschuldigen.“

Clay fuhr herum. Das Mondlicht lag auf seinem Gesicht. Sein Mund war zu einer harten Linie zusammengepresst. „Ist es das, was du willst? Eine Entschuldigung?“

Andrea schnappte nach Luft. Als wenn eine Entschuldigung reichen würde, um das wiedergutzumachen, was er ihr angetan hatte. „Ich habe nicht von mir gesprochen, sondern von dir und Joseph. Er ist dein Vater, Clay. Es geht ihm nicht gut. Nutze diese Gelegenheit, um die Sache zwischen euch ins Reine zu bringen, bevor es zu spät ist.“

„Du weißt nicht, wovon du redest.“

„Dann erkläre es mir.“ Atemlos sehnte sie seine Antwort herbei und fürchtete sich gleichzeitig davor.

Clay schüttelte den Kopf. „Du würdest damit nicht umgehen können.“

„Versuch es einfach.“

Schweigen.

Schließlich sagte er: „Es ist vorbei Andrea. Lass es auf sich beruhen.“

Wenn sie das nur könnte. Langsam machte sie sich auf den Weg zurück zum Klub. „Übrigens, falls du dir Sorgen machst, ich habe nicht die Absicht, dort wieder anzufangen, wo wir aufgehört haben. Aber wir müssen zusammenarbeiten, Clay. Ich brauche deine Unterstützung.“

„Die hast du.“ Er folgte ihr. „Mutter erzählte, dass du die Firma während der letzten drei Wochen allein geleitet hast.“

Hörte sie da widerwilligen Respekt in seiner Stimme? „Ich habe getan, was ich konnte, aber wir haben über tausend Angestellte. Es war eine Teamleistung.“

„Warum kannst du nicht ohne mich weitermachen?“

„Weil die Leute erwarten, dass ein Dean die Firma leitet, und wir brauchen jemanden, der sämtliche Teams, die mit der Produktion befasst sind, koordiniert. Das kann ich nicht leisten.“ Sie blieb stehen und drehte sich um. „Ich möchte, dass wir höflich zueinander sind, um den Leuten zu beweisen, dass zwischen uns alles okay ist. Im Yachtbau ist der gute Ruf einer Firma oder Person immens wichtig, und ich will nicht, dass Gerüchte über etwaige Unstimmigkeiten die Runde machen, denn das könnte ‚Dean‘ Aufträge kosten. Wenn du Probleme mit mir oder meiner Arbeit hast, dann würde ich es begrüßen, wenn du mir das unter vier Augen mitteilst.“ Clay fluchte, dann sagte er: „Es tut mir leid, wenn ich dir wehgetan habe. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte …“

Wenn er ihr wehgetan hatte? Andrea unterdrückte ein bitteres Lachen angesichts dieser absurden Bemerkung und hob abwehrend eine Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. „Was würdest du tun? Trotzdem gehen?“

Clay fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und starrte sekundelang auf das Wasser. „Ja.“

Irgendwie schaffte Andrea es, nicht zusammenzuzucken. Clay wusste offenbar nicht, wie sehr er sie vor acht Jahren verletzt und gedemütigt hatte. Sie würde ihm niemals wieder die Gelegenheit geben, ihr das noch einmal anzutun – und auch keinem anderen Mann.

„Mehr wollte ich nicht wissen. Bis Montag, Clay.“

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