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Auf der Insel der Sehnsucht

1. KAPITEL

Damian stieg gerade aus dem Taxi, als er sie zum ersten Mal erblickte.

Er war übelster Laune, ein Zustand, der bereits die letzten drei Monate über anhielt. Zudem ein Zustand, der ihn während dieser Zeit komplett unempfänglich für alles Schöne gemacht hatte.

Ein Mann müsste allerdings tot sein, um diese Frau nicht zu bemerken.

Umwerfend, so lautete sein erstes Urteil. Zumindest, was er von ihr sehen konnte. Eine große schwarze Sonnenbrille mit breiten Bügeln verdeckte die Augen und den oberen Teil ihres Gesichts, aber der Mund … ihr Mund war voll und versprach unsagbare sinnliche Freuden. Selbst ein Mönch würde bei ihrem Anblick in Versuchung geführt werden.

Sie hatte langes Haar. Eine seidige Mähne, die ihr in hellbraunen und goldenen Strähnen über die Schultern fiel.

Und sie war groß, ungefähr eins achtzig, die perfekte Modelgröße. Sie bewegte sich entsprechend graziös und trug ihre Kleidung so selbstbewusst, dass sie mit der teuren hellbraunen Wildlederjacke, der eng geschnittenen schwarzen Hose und den hochhackigen schwarzen Stiefeln aussah, als wäre sie direkt dem Titelbild der Vogue entstiegen.

Vor drei Monaten hätte Damian nicht nur hingesehen. Vor drei Monaten wäre er auf sie zugegangen, hätte sie angelächelt und sie charmant gefragt, ob sie wohl auch gerade auf dem Weg zum Lunch ins „Portofino’s“ sei.

Heute tat er das nicht.

Wohl auch nicht in absehbarer Zukunft, dachte er mit zusammengepressten Lippen.

Ganz gleich, was sich hinter dieser riesigen Brille verbergen mochte, er war nicht interessiert.

Entschlossen wandte er sich ab und reichte dem Taxifahrer ein paar Dollarnoten durchs Fenster. Hinter dem Taxi hupte jemand ungeduldig. Damian warf einen Blick zu dem Wagen, schob sich zwischen den Autos durch, setzte den Fuß auf den Bürgersteig …

Und dann bemerkte er, dass die Frau die Sonnenbrille abgenommen hatte. Sie schaute jetzt direkt in seine Richtung, mit klarem, offenem Blick.

Sie sah nicht umwerfend aus.

Sie sah sensationell aus.

Ihr Gesicht hatte die perfekte ovale Form, mit ausgeprägten hohen Wangenknochen, dazu eine aristokratische gerade Nase. Unglaubliche Augen. Riesengroß und dunkelgrün, von langen dichten Wimpern umrahmt.

Und dann dieser Mund. Die Dinge, die dieser Mund anstellen könnte …

Verflucht!

Damians Körper reagiert prompt und intensiv. Er konnte es nicht fassen. Andererseits … seit drei Monaten war er nicht mehr mit einer Frau zusammen gewesen.

Es war die längste Zeitspanne ohne Sex für ihn, seit er mit sechzehn zum Weihnachtsfest in die Mysterien der körperlichen Liebe eingeweiht worden war. Von der Geliebten seines Vaters.

Der Unterschied: Damals war er ein Junge gewesen.

Heute war er ein erwachsener Mann. Ein Mann mit kaltem Hass in seinem Herzen und nicht dem geringsten Wunsch nach einer Frau in seinem Leben. Nicht jetzt. Noch nicht. Nicht einmal eine, die so schön war, so begehrenswert …

„He, Mann, das hier ist New York! Bildest du dir ein, der Bürgersteig gehört dir allein?“

Damian wirbelte herum, auf einen Streit oder sogar auf Handgreiflichkeiten eingestellt, und erblickte den Mann, der ihn gerade angesprochen hatte … und fühlte, wie die Angriffslust in ihm verebbte.

„Reyes“, sagte er freudig.

Lucas Reyes grinste breit. „Genau der, wie er leibt und lebt.“

Auch aus Damians Lächeln wurde ein Grinsen. Er streckte die Hand aus, murmelte: „Ach, was soll’s“, und zog seinen Freund in eine kräftige Umarmung. „Tut gut, dich zu sehen.“

„Gleichfalls.“ Lucas ließ die Arme sinken und trat zurück. „Lust auf Lunch?“

„Habe ich jemals keine Lust auf ein Essen im ‚Portofino’s‘ gehabt?“

„Sicher, immer. Ich meinte nur …“ Lucas räusperte sich. „Alles in Ordnung mit dir?“

„Mir geht’s gut.“

„Du hättest dich melden sollen. Bis ich in der Zeitung von … äh … von dem Unfall gelesen hatte …“

Damian versteifte sich. „Vergiss es einfach.“

„Mann, das muss ein Schock gewesen sein. Die Verlobte zu verlieren …“

„Ich sagte, vergiss es.“

„Ich kannte sie ja nicht, aber …“

„Lucas, ich will nicht darüber reden.“

„Wenn du meinst …“

„Genau das meine ich“, erwiderte Damian so klirrend, dass Lucas endlich verstand.

„Na schön.“ Er setzte ein gezwungenes Lächeln auf. „In diesem Falle … Ich habe die hintere Nische bei Antonio für uns reserviert.“

Auch Damian zwang sich zu einem Lächeln. „Bestens. Vielleicht steht heute ja sogar trippa alle savoiarda auf der Karte.“

Lucas schüttelte sich angewidert. „Was ist los, Aristedes? Ist Pasta nicht mehr gut genug für dich?“

„Kutteln sind eine Delikatesse, du Ignorant.“

Und damit verfielen sie mühelos in den gutmütigen Schlagabtausch, der durch jahrelange Freundschaft ermöglicht wird.

„Ganz wie in alten Zeiten“, meinte Lucas.

Nichts wird mehr wie in den alten Zeiten sein, dachte Damian still, doch er ließ es auf sich beruhen und schenkte seinem Freund einen freundlichen Blick.

Die hintere Nische war gemütlich wie immer, und auch Kutteln standen auf der Karte. Doch Damian bestellte sie nicht. Bei Innereien schüttelte es ihn ebenso wie Lucas.

Die Fopperei gehörte einfach zu ihrer Freundschaft. Dennoch, nachdem sie das Essen bestellt hatten und die Drinks vor ihnen standen – ein doppelter Wodka auf Eis für Damian und ein Whiskey ohne Eis für Lucas –, fehlte ihnen der Gesprächsstoff.

„Also“, setzte Lucas dann schließlich an, „was gibt’s Neues bei dir?“

Damian zuckte die Achseln. „Nicht viel. Wie sieht’s bei dir aus?“

„Ach, das Übliche. Letzte Woche war ich auf Tahiti. Um mir ein Strandgrundstück anzusehen.“

„Das Leben ist hart, was?“, meinte Damian gespielt mitfühlend.

„Tja, aber irgendjemand muss die schwere Arbeit ja übernehmen, nicht wahr?“

Wieder Schweigen.

Lucas räusperte sich. „Ich hab Nicolo und Aimee am Wochenende gesehen. Große Dinnerparty. Jeder hat nach dir gefragt.“

„Wie geht’s den beiden?“ Damian hatte nicht vor, auf die Bemerkung einzugehen.

„Wunderbar. Auch dem Baby geht es prächtig.“ Er nippte an seinem Whiskey.

Es blieb still am Tisch.

„Nicolo sagte, dass er versucht hat, dich anzurufen.“

„Ich weiß, ich habe seine Nachrichten bekommen.“

„Ich hab’s auch versucht. Wochenlang. Ich war wirklich froh, als du gestern endlich den Hörer abgenommen hast.“

„Ja, ich auch.“ Damian sagte es, als würde er es wirklich so meinen. Doch das tat er nicht. Keine zehn Minuten, und schon bereute er, dass er Lucas’ Anruf entgegengenommen und sich auf die Lunchverabredung eingelassen hatte.

Ein Fehler wie dieser konnte zumindest wiedergutgemacht werden.

Er sah auf seine Armbanduhr. „Leider ist mir was dazwischengekommen. Ich glaube nicht, dass ich lange bleiben kann. Ich meine, ich werd’s versuchen, aber …“

„Unsinn.“

Damian sah auf. „Wie?“

„Du hast schon richtig verstanden, Aristedes. Ich sagte, Unsinn. Nichts ist dazwischengekommen. Du willst dich nur aus dem Staub machen, bevor es unangenehm wird.“

„Wieso sollte es unangenehm werden?“

„Weil ich dir eine Frage stellen möchte.“

„Na, dann schieß los.“

„Warum hast du Nicolo und mir nicht Bescheid gegeben, als es passierte? Warum mussten wir es aus der Klatschpresse erfahren?“

„Das sind zwei Fragen“, bemerkte Damian ungerührt.

„Da kommt noch eine dritte. Warum hast du uns nicht um Hilfe gebeten? Es gab keinen einzigen vernünftigen Grund, das alles allein durchzumachen.“

„Was alles?“

„Komm schon, Damian, stell dich nicht blöd. Du weißt genau, was alles. Mann, wenn man die Frau verliert, die man liebt …“

„Bei dir hört sich das an, als hätte ich sie verlegt.“ Damians Stimme klirrte vor Kälte.

„Du weißt genau, wie ich es meine. Nicolo und ich haben uns darüber unterhalten, und …“

„Haben du und Barbieri nichts anderes zu tun, als wie zwei alte Klatschbasen zusammenzuhocken und über mich zu reden?“

Er sah, wie Lucas die Augen zusammenkniff, und konnte es ihm nicht einmal verübeln. Mit einer wegwerfenden Handbewegung tat er die Sorge des Freundes ab und warf sie ihm zurück vor die Füße. Doch das scherte Damian im Moment keinen Deut. Das Letzte, was er brauchte, war Mitleid.

„Wir machen uns Gedanken um dich“, sagte Lucas jetzt leise. „Wir wollen dir helfen.“

Damian lachte bitter auf. Er sah Lucas blinzeln und lehnte sich über den Tisch. „Helfen wollt ihr mir? Damit ich meine Trauer verarbeiten kann?“

„Ja, Mann. Warum nicht?“

„Die einzige Art, wie ihr mir helfen könntet, ist Kay zurückzubringen“, sagte Damian leise.

„Das verstehe ich, aber …“

„Nein“, unterbrach Damian, „du verstehst gar nichts. Ich will sie nicht zurückhaben, weil mich die Trauer umbringt.“

„Warum sonst?“

„Ich will sie zurückhaben, damit ich ihr sagen kann, was ich von ihr halte. Sie war eine …“

Der Ober kam mit dem zweiten doppelten Wodka für Damian. Ein knappes Nicken, und schon stand das Glas vor ihm.

„Bringen Sie mir auch noch einen.“ Lucas hob sein Whiskeyglas. „Und machen Sie einen doppelten daraus.“

Sie warteten, bis auch der Whiskey serviert worden war, dann lehnte Lucas sich vor.

„Hör zu, ich weiß, du bist verbittert. Jeder wäre das. Deine Verlobte, schwanger mit deinem Baby. Ein betrunkener Autofahrer, eine enge Straße. Ich meine, ich kannte Kay nicht, aber …“ Er nahm einen langen Schluck. „Das muss hart sein.“

„Jetzt sagst du schon zum zweiten Mal, dass du sie nicht gekannt hast. Und damit hast du verdammt recht.“

„Du hast dich Hals über Kopf in sie verliebt, hast ihr praktisch sofort einen Antrag gemacht, und dann …“

„Mit Liebe hatte das nichts zu tun.“

Lucas riss die Augen auf. „Nicht?“

Damian hielt den Blick eindringlich auf seinen Freund gerichtet. Vielleicht lag es am Wodka. Vielleicht auch daran, wie sein alter Freund ihn anstarrte. Vielleicht hatte auch die Frau, der er vor dem Restaurant begegnet war, etwas in ihm ausgelöst. Schließlich hatte es eine Zeit gegeben, da hätte er sie begehrt und sich nicht dafür verachtet.

Wer konnte schon sagen, woran es lag. Nur eines erkannte er mit absoluter Klarheit: Er hatte die Nase voll davon, die Wahrheit zu verschweigen.

„Ich habe ihr keinen Antrag gemacht. Sie ist bei mir eingezogen, hier in New York.“

„Nun …“

„Sie war schwanger“, fuhr Damian tonlos fort. „Dann hat sie das Baby verloren. Hat sie zumindest behauptet.“

„Was soll das heißen?“

„Sie ist nie schwanger gewesen.“ Damians Wangenmuskeln arbeiteten. „Das mit dem Baby war eine Lüge.“

Lucas wurde blass. „Verdammt! Sie hat dich gelinkt?!“

Hätte auch nur ein Hauch von Mitleid in seinen Worten gelegen, Damian wäre aufgestanden und gegangen. Doch von Mitleid gab es keine Spur. Alles, was er aus Lucas’ Stimme heraushörte, war Schock, Empörung und eine willkommene Andeutung von Wut.

Plötzlich waren die Stimmen und das leise Lachen der anderen Gäste, das Klirren der Gläser und das Klappern von Besteck unerträglich störend. Damian schob seinen Stuhl zurück, legte einige Geldscheine auf den Tisch und sah Lucas an.

„Ich habe eine Eigentumswohnung gekauft, sie liegt nur ein paar Blocks von hier entfernt.“

Lucas stand schon, noch bevor Damian zu Ende gesprochen hatte. „Dann lass uns gehen.“

Und in diesem Moment, zum ersten Mal, nachdem die ganze Geschichte angefangen hatte, überkam Damian das Gefühl, dass er sein Leben wieder in den Griff bekommen würde.

Wenig später saßen die beiden Männer sich in Damians überaus großzügiger Maisonette-Wohnung gegenüber. Wodka und Whiskey waren gegen eine Kanne starken schwarzen Kaffees ausgetauscht worden.

Im Wohnzimmer boten drei Glasfronten einen überwältigenden Blick auf die Stadt, doch die schöne Aussicht interessierte keinen der beiden Männer. Der einzige Blick, der zählte, war der Einblick in die Seele einer eiskalt kalkulierenden Frau, und den gewährte Damian seinem Freund nunmehr ohne Vorbehalt.

„Ihr kanntet euch schon eine Weile“, sagte Lucas leise.

Damian nickte. „Wenn ich in New York war, trafen wir uns.“

„Und du wolltest es beenden.“

„Richtig. Sie war schön wie die Sünde, unvorstellbar sexy … Aber je näher ich sie kennenlernte … Es mag sich verrückt anhören, aber es war gerade so, als hätte sie eine Maske getragen, die sie nun Stückchen für Stückchen fallen ließ.“

„Das ist keineswegs verrückt. Es gibt genügend Frauen, die nur darauf aus sind, sich einen Mann mit Geld zu angeln.“

„Mehr und mehr zeigte sie eine Seite an sich, die mir vorher überhaupt nicht aufgefallen war. Kay interessierte sich nur noch für materielle Dinge und behandelte andere Menschen, als wären sie Dreck. Egal, wen – Taxifahrer, Kellnerinnen …“ Damian trank einen Schluck Kaffee. „Ich wollte raus aus der Beziehung und hatte überlegt, mich einfach nicht mehr bei ihr zu melden, doch das wäre nicht richtig gewesen. Ich wollte es ihr persönlich sagen. Also rief ich sie an und lud sie zum Dinner ein.“ Er konnte nicht mehr still sitzen, stand auf und stellte sich an eine der Glasfronten, um mit grimmiger Miene auf die Stadt zu schauen. „Ich hatte noch keine drei Worte gesagt, da fing sie an zu weinen und eröffnete mir, sie sei schwanger mit meinem Kind.“

„Du hast ihr geglaubt?“

Damian drehte sich zu Lucas um. „Ich war seit zwei Monaten mit ihr zusammen, Lucas. Du würdest es in so einem Fall auch glauben.“

Lucas seufzte. „Ja, wahrscheinlich.“

„Ich versicherte ihr, ich würde sie und das Baby unterstützen. Sie dagegen sagte, wenn ich mir wirklich etwas aus dem Baby mache, dann sollte sie bei mir einziehen dürfen.“

„Herrgott, Damian …“

„Ich weiß. Aber sie trug mein Kind im Bauch. Zumindest glaubte ich das.“

Wieder kam ein Seufzer von Lucas. „Ja, sicher.“

„Es war der reinste Albtraum.“ Damian erschauerte. „Vermutlich dachte sie, dass sie nun alles erreicht hatte und das Theaterspielen aufgeben konnte. Sie behandelte meine Hausangestellten wie Sklaven, hinterließ eine sechsstellige Rechnung bei Tiffany’s …“ Er biss die Zähne zusammen. „Ich wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben.“

„Auch nicht im Bett?“, fragte Lucas offen heraus.

„Nein. Ich konnte mir nicht einmal mehr erklären, warum ich überhaupt mit ihr geschlafen hatte. Sie glaubte, mein Interesse sei erlahmt, weil sie schwanger war.“ Er zog eine Grimasse. „Dann erwähnte sie immer öfter, wie anders die Dinge doch sein könnten, wenn sie nicht …“ Damian ging auf den Serviertisch mit der Kaffeekanne zu, überlegte es sich anders und steuerte den Barschrank an. „Was trinkst du?“, fragte er Lucas.

„Das Gleiche wie du.“

Die Antwort hauchte die Andeutung eines Lächelns auf Damians Gesicht. Er schenkte großzügig Courvoisier in zwei Cognacschwenker ein und reichte Lucas einen davon.

„Keine zwei Wochen später teilte sie mir mit, sie hätte eine Fehlgeburt erlitten. Ich fühlte mich … Ich weiß nicht, was ich fühlte. Ich meine, ich hatte mich mit dem Gedanken an ein Baby angefreundet, es war ein Baby für mich, kein Zellklumpen.“ Er schüttelte den Kopf. „Als ich die Enttäuschung überwunden hatte, verspürte ich eigentlich nur Erleichterung. Wir konnten die Beziehung beenden.“

„Nur, dass sie die Beziehung nicht beenden wollte.“

Damian lachte bitter auf. „Du bist cleverer als ich. Nein, sie wurde komplett hysterisch. Behauptete, ich hätte ihr ein Versprechen gegeben. Was natürlich nicht stimmte. Das Einzige, was uns zusammengehalten hatte, war das Baby, richtig?“

„Richtig.“ Mehr brauchte Lucas nicht zu sagen. Der Damm war gebrochen, alles strömte aus Damian heraus.

„Sie verfiel in Depressionen, so sah es wenigstens aus. Blieb den ganzen Tag im Bett, aß nicht mehr. Sie ging zu ihrem Arzt – behauptete sie –, und der schlug eine erneute Schwangerschaft als Heilmittel vor.“

„Aber …“

„Genau. Ich wollte ja gar kein Kind, nicht mit ihr.“ Damian nahm einen Schluck Cognac. „Sie flehte mich an, bettelte, kam nachts in mein Zimmer …“

„Ihr hattet getrennte Schlafzimmer?“

Ein kaltes Glitzern trat in Damians Augen. „Natürlich. Von Anfang an.“

„Natürlich. Entschuldige.“

„Sie war wirklich gut. Trotzdem schickte ich sie weg. Bis auf die eine Nacht …“ Sein Kinn wurde hart. „Ich bin nicht stolz darauf.“

„He, Mann, mach dir keine Vorwürfe. Wenn sie dich verführt hat …“

„Ich benutzte ein Kondom. Das machte sie verrückt. ‚Ich will ein Kind von dir‘, sagte sie immer wieder. Und dann …“ Damian brach ab.

Lucas beugte sich vor. „Ja?“, hakte er nach.

„Und dann“, Damian holte tief Luft und atmete seufzend aus, „dann sagte sie mir, sie sei wieder schwanger. Ihr Arzt habe es ihr bestätigt.“

„Aber du hast doch ein Kondom …“

„Es sei gerissen, behauptete sie, als sie …“ Damian räusperte sich. „… als sie es mir abgenommen hat. Herrgott, warum sollte ich das anzweifeln? Es ist doch allgemein bekannt, dass diese Dinger reißen.“

„Also war sie wieder schwanger.“

„Nein“, sagte Damian tonlos. „Sie war nie schwanger. Weder das erste noch das zweite Mal. Oh, sicher, sie hat das ganze Repertoire durchgespielt: morgendliche Übelkeit, Pralinen und saure Gurken mitten in der Nacht. Nur schwanger war sie nicht. War es nie gewesen. Kay war nur hinter meinem Namen her, hinter meinem Geld.“ Verbittert lachte er auf. „Sogar der Adelstitel, der heute, wie wir beide wissen, keinen Pfifferling mehr wert ist, reizte sie. ‚Prinzessin‘ wollte sie sein. Sie wollte alles. Und um das zu bekommen, hat sie mir all diese Lügen aufgetischt.“

„Wann hast du es herausgefunden?“

„Als sie verunglückte.“ Damian trank den letzten Schluck aus seinem Glas und schenkte sich nach. „Ich flog wieder nach Athen zurück, geschäftlich. Ich rief sie regelmäßig an, um mich nach dem Verlauf der Schwangerschaft zu erkundigen. Später fand ich heraus, dass sie einen Lover hatte, mit dem sie die ganze Zeit während meiner Abwesenheit zusammen war.“

„Teufel noch eins“, sagte Lucas leise.

„Sie waren auf Long Island, auf einer schmalen gewundenen Straße an der Nordküste. Er saß am Steuer, beide waren sie vollgepumpt mit Alkohol und Kokain. Der Wagen stürzte über die Leitplanke. Für beide kam jede Hilfe zu spät.“ Damian schaute von seinem Glas auf. „Du hast vorhin von Trauer gesprochen. Damals habe ich wirklich getrauert, um mein ungeborenes Kind. Bis ich in Kays Papieren einige Zeitungsausschnitte fand. Sie hatte aus allen möglichen Zeitschriften Artikel über Schwangerschaftssymptome gesammelt. Ich habe dann mit ihrem Arzt gesprochen. Er hat es mir bestätigt. Kay war nie schwanger.“

Die beiden Freunde schwiegen, während die Sonne langsam am Horizont versank. Irgendwann räusperte Lucas sich.

„Ich wünschte, ich könnte dir etwas Hilfreiches sagen.“

Damian lächelte. „Du hast mich zum Reden gebracht. Du kannst dir nicht vorstellen, wie gut mir das getan hat. Die Erinnerung daran hat ständig an mir genagt.“

„Ich habe eine Idee. Mein Club, erinnerst du dich noch? Ich treffe mich heute dort mit jemandem, der mich ausbezahlen will.“

„Du stößt den Club ab? Schon?“

„Du weißt doch, wie es in New York ist. Heute noch ‚in‘, und morgen kräht schon kein Hahn mehr danach.“ Lucas sah auf seine Armbanduhr. „Komm mit mir in den Club. Du nimmst einen Drink, während ich das Geschäftliche erledige, und dann gehen wir zusammen aus.“ Er grinste. „Zwei Junggesellen unterwegs. Wie früher.“

„Danke, mein Freund, aber heute Abend wäre ich kein amüsanter Gesellschafter.“

„Natürlich wärst du das. Und wir werden auch sicher nicht lange allein bleiben. Ein paar hübsche Damen lassen sich bestimmt finden.“

„Von Frauen habe ich bis auf Weiteres genug.“

„Verständlich, aber …“

„Nein, wirklich, ich brauche eine Pause.“

„Bist du sicher?“

Aus einem unerfindlichen Grund tauchte das Bild der grünäugigen Frau mit der langen Mähne vor Damian auf. An sie hatte er nun wirklich nicht denken wollen. „Definitiv“, bekräftigte er.

„Du weißt doch, was man über Reiter sagt, die vom Pferd fallen. Man soll sich sofort wieder in den Sattel schwingen …“

„Vor einem Jahr habe ich Ähnliches zu Nicolo gesagt, an dem Abend, als er Aimee traf. Für ihn traf dieser Rat zu, aber nicht für mich. Bei mir ist es anders.“

Lucas’ Lächeln schwand. „Du hast recht. Ich rufe diesen Kerl, mit dem ich mich treffen wollte, einfach an und verschiebe …“

„Nein, tu das nicht. Ich möchte einen ruhigen Abend verbringen, alles überdenken, die Dinge in meinem Kopf sortieren. Damit ich diese Sache endlich hinter mir lassen kann.“

Lucas schaute Damian fragend an. „Das ist kein Problem, wirklich nicht. Ich kann den Mann auch morgen treffen.“

„Ich weiß dein Angebot zu schätzen, aber ich fühle mich schon sehr viel besser nach unserem Gespräch.“ Damian streckte die Hand aus. „Geh zu deinem Termin. Und, Lucas … danke.“

„De nada.“ Lucas lächelte. „Ich ruf dich morgen an, okay? Vielleicht können wir uns ja morgen Abend zum Dinner treffen.“

„Würde ich gern, aber ich fliege morgen früh schon wieder nach Minos zurück.“ Damian legte Lucas die Hände auf die Schultern. „Pass auf dich auf, filos mou.

„Du auch.“ Lucas runzelte die Stirn. Damian sah besser aus als noch vor ein paar Stunden, aber da lag immer noch dieser gehetzte Ausdruck in seinen Augen. „Ich wünschte, du würdest es dir noch mal überlegen. Vergiss die Frauen, gehen wir zusammen in den Fitnessclub. Wir stemmen Gewichte, laufen ein paar Runden …“

„Du glaubst, es hilft mir, mich besser zu fühlen, wenn ich dich wieder schlage?“

„Einmal hast du mich geschlagen. Und zwar in Yale. Das ist mindestens hundert Jahre her.“

Beide Männer lachten. Den Arm um Lucas’ Schulter gelegt, führte Damian den Freund zur Tür. „Mach dir keine Sorgen um mich, Reyes. Ich stelle mich unter die Dusche, gönne mir danach noch einen Cognac als Schlummertrunk, und dank deinem Talent als guter Zuhörer werde ich heute zum ersten Mal seit drei Monaten ruhig schlafen.“

Die Freunde schüttelten sich zum Abschied die Hände. Damian schloss die Tür hinter Lucas und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Sein Lächeln schwand.

Er hatte Lucas die Wahrheit gesagt. Nach ihrem Gespräch fühlte er sich wirklich besser. Drei Monate lang, seit Kays Tod, hatte er Freunde und Bekannte gemieden und sich stattdessen in die Arbeit gestürzt, in der Hoffnung, so könne er seine Wut loswerden.

Welchen Sinn hatte es, wütend auf eine tote Frau zu sein? Oder auf sich selbst, weil er sich von ihr hatte übertölpeln lassen?

„Keinen“, sagte er laut vor sich hin und stieg die Treppe zu seinem Schlafzimmer empor. „Absolut keinen.“

Kay hatte ihn zum Narren gehalten. Na und? Männer überlebten weit Schlimmeres. Und falls es wirklich irgendwo in seinem Unterbewusstsein einen Teil gab, der um ein Kind trauerte, das nie existiert hatte und von dem er nie gewusst hatte, dass er es wollte … nun, auch dafür gab es eine Lösung.

Er war einunddreißig. Vielleicht war es an der Zeit, sesshaft zu werden. Zu heiraten. Eine Familie zu gründen.

Thee mou, war er jetzt komplett übergeschnappt!?

Ohne eine Frau konnte man weder heiraten noch Kinder zeugen. Und so bald würde er sich auf keine Frau einlassen. Was er brauchte, war genau das Gegenteil von „sesshaft werden“.

Lucas hatte das völlig richtig erkannt. Sich in den Armen einer Frau zu verlieren war das beste Heilmittel. Ein warmer, nachgiebiger Körper. Ein williger Mund. Eine Frau ohne Hintergedanken, eine, die keine Pläne schmiedete, sondern der nur daran lag, Momente der Leidenschaft und der sinnlichen Freuden zu genießen.

Da war es schon wieder, das Bild der Frau mit den herrlich grünen Augen. Teufel, was für eine Chance hatte er sich da durch die Finger schlüpfen lassen! Sie hatte ihn direkt angesehen, und selbst so schlecht gelaunt, wie er war, hatte er sofort gewusst, was dieser Blick bedeutete.

Die Lady war interessiert.

Eine schlichte Wahrheit: Frauen waren generell interessiert.

Und er selbst war ja schließlich auch interessiert. Oder er wäre es gewesen, wenn er nicht so damit beschäftigt wäre, sich selbst zu bemitleiden. Denn genau das war es – Selbstmitleid. Natürlich tobte auch Wut in ihm, aber gemischt mit einem guten Schuss von „Ach, ich Armer“.

Es reichte.

Er würde Lucas anrufen, ihm sagen, dass er es sich überlegt hatte. Der Vorschlag war gut. Gemeinsames Dinner, einige Drinks, ein paar schöne Frauen, selbst wenn sie keine grünen Augen und keine blond gesträhnte Mähne vorweisen konnten.

In dem Moment klingelte es an der Wohnungstür. Damian hob die Augenbrauen. Zu seinem Apartment gelangte man nur mit dem Privatlift. Der Portier ließ nur Leute passieren, wenn die Erlaubnis von Damian vorlag.

Es sei denn …

Ein Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Lucas.“

Sofort eilte er die Stufen wieder hinunter. Sein Freund hatte nicht aufgegeben und war noch einmal zurückgekommen.

Damian riss die Türen auf. „Reyes“, sagte er strahlend, „hast du telepathische Kräfte? Ich wollte dich gerade anrufen …“

Doch in dem marmorverkleideten Vorraum stand nicht Lucas Reyes.

Sondern die Frau, der Damian vor dem „Portofino’s“ begegnet war.

Die grünäugige Schönheit, die ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen war.

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