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Auf den Spuren des Blutes

Auf den Spuren des Blutes

Horst Bosetzky et al.

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Auf den Spuren des Blutes – Glaube, Intrige, Verrat, Rache

Klappentext:

Centurio Marcus – Roms jüngster Offizier  Band 1: Von Verrätern umgeben! | von Tomos Forrest | Impressum

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Bolthar, der Wikingerfürst Band 1: Blutspur der Nordmänner | von Tomos Forrest

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Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 1: Blut ist eine seltsame Farbe | von Tomos Forrest | Der Kreuzfahrer-Zyklus Teil 1

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Klaus Störtebeker – Der Schrecken der Weltmeere Band 1: Zum Freibeuter geboren | nacherzählt von Tomos Forrest

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Prolog

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Al Capones Vermächtnis – Teil 1 – Der Mann aus Alkatraz | von Hans-Jürgen Raben

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Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

Spione sterben lautlos | von Hans-Jürgen Raben

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Operation Apokalypse – Ein Fall für die Nuclear Task Force | von Hans-Jürgen Raben

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Das überlebst du nicht! | Horst Bosetzky schrieb als -KY

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Sein Vater war ein verdammter Rebell | Pat Urban

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Kid und die Girls für Camp Hills | Pat Urban

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Sterben für ein Ehrenwort | Larry Lash

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Ritt durch die Hölle | Larry Lash

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Further Reading: 10 Mörder im August - Zehn Krimis auf 1200 Seiten

Also By Horst Bosetzky

Also By Hans-Jürgen Raben

Also By Pat Urban

Also By Tomos Forrest

Also By Larry Lash

About the Publisher

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Auf den Spuren des Blutes – Glaube, Intrige, Verrat, Rache

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Sammelband mit 12 Romanen

––––––––

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Cover nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

Korrektorat/Lektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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Die Gier nach Anerkennung, Reichtum und Macht zeigt den wahren Charakter eines Menschen. Seine Handlungen rechtfertigt er mit der Liebe und dem Glauben an etwas sowie dem daraus resultierenden Recht auf seine Tat. Intrige, Verrat und Rache sind seine treusten Weggefährten. Doch zu jedem Pol gibt es auch einen Gegenpol und beide bekämpfen sich – haben es zu allen Zeiten getan und werden es bis in alle Ewigkeit tun!

In 12 Romanen, die zum Teil nicht unterschiedlicher sein können und zu den verschiedensten Zeiten unserer Geschichte spielen, wird darüber berichtet. Doch sie alle haben etwas gemeinsam: Am Ende wartet immer der Tod, der eine klebrige Blutspur hinter sich herzieht ...

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Centurio Marcus – Roms jüngster Offizier  Band 1: Von Verrätern umgeben!

von Tomos Forrest

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Impressum

EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© bei den verschiedenen Autoren des Bandes/ Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

Lektorat: Kerstin Peschel

Created by Thomas Ostwald & Jörg Martin Munsonius, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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Germanicus wird er allgemein genannt, der jüngste Centurio Roms. Einst als Kind aus Germanien verschleppt, lebt er in der Familie des Feldherrn Nero Claudius Germanicus und erhielt von seinem Adoptivvater den Namen Marcus Quintus, kurz Marc gerufen.

Wie sein Ziehvater, so zeichnet sich auch Marcus bei Feldzügen gegen die Germanen aus, bis ihm bewusst wird, gegen wen er da eigentlich kämpft – sein ursprüngliches Volk.

Trotzdem will Marcus nicht zu den Germanen zurück, die er für schreckliche Barbaren hält. Er liebt das Leben, das er führt, und er genießt die Privilegien, die man seiner Familie gewährt.

Bis er eines Tages auf einen Zug gefangener Germanen trifft und dort auf die wunderschöne Anselma (Selma), die sein Leben gründlich durcheinanderbringen wird ...

***

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1.

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Die Männer schwitzten an diesem Frühlingstag unter den bereits seit dem Morgengrauen ungewöhnlichen Temperaturen. Natürlich waren die Legionäre ganz andere Sonnenbestrahlung gewöhnt, aber in den letzten Monaten war der Dienst in Germanien eher von Frost, Schnee und einem kalten Wind bestimmt. Jetzt erfolgte ein rascher Wechsel mit einem schon sehr warmen Morgen, und wenn die aus acht Mann bestehende Contubernium, die Zeltgemeinschaft, aufstand und das Feuer neu anfachte, dann klagten sie spätestens nach dem Frühstück über die für Germanien ungewöhnliche Wärme.

„Sei froh, dass du nicht noch mehr aufgebürdet bekommst“, lachte Marcus Quintus über seinen Nachbarn, dem der Schweiß in Strömen von der Stirn lief und dessen ohnehin schon gebräuntes Gesicht seit ein paar Tagen eine rot-braune Farbe angenommen hatte.

„Dann soll ich mich vielleicht noch beim Centurio dafür bedanken, dass wir nur kleine Essensrationen erhalten haben, was?“, knurrte sein Nachbar Pluvius.

„Dir kann es auch keiner recht machen!“, lachte Marcus und passte seinen Schritt erneut dem langsamer werdenden Schritt des Freundes an. „Was ist nun los mit dir, Pluvius? Hast du wieder zu viel Wein getrunken oder ist dir die Hure nicht bekommen, die du dir gestern für die ganze Nacht gekauft hast? Ich habe dir gleich gesagt, dass sie dich ... verflucht, passt auf da vorne!“

Die Warnung kam jedoch zu spät.

Unvermittelt prasselte aus dem Gebüsch am Rheinufer ein Pfeilregen auf die marschierenden Legionäre hernieder. Sofort hielten sie ihre großen Scutum, die Schilde, zur Abwehr über die Köpfe, aber die ersten Toten waren bereits rechts und links von den Freunden zusammengebrochen, andere schrien erbärmlich aufgrund der erhaltenen Verletzungen.

Unmittelbar neben Marcus war ein Legionär lautlos zusammengebrochen, nachdem ihm ein Pfeil durch den Hals ging, dessen Spitze aus dem Nacken wieder ausgetreten war und den tödlich Getroffenen dazu brachte, mit den Armen wild in der Luft zu rudern, bevor er der Länge nach nach vorn stürzte und hart aufschlug. Doch das bekamen weder Marcus noch Pluvius mit, denn jetzt brach der Feind aus seiner Deckung hervor.

Wie eine Schar losgelassener Waldgeister stürzten sich die Germanen auf die römischen Legionäre. Wilde Gestalten waren es, die da in großen Sprüngen heran jagten, und obwohl Marcus seinen Kameraden sofort zurief, sie mögen sich formieren und die Schilde aufstellen sowie die kurzen Wurfspeere, die Pilum, darüber bereitzuhalten, ließen sich die Angreifer davon nicht beeindrucken. Sie trugen lange Speere in den Fäusten, Äxte, Schwerter, und ein paar von ihnen hatten in der linken Hand einfach einen dicken Holzknüppel zu der Waffe, die sie in der rechten Faust hielten.

Er kannte diese Art der Angriffe zur Genüge, wusste im Grunde genau, wie der germanische Krieger dachte und handelte und stellte sich darauf ein. Das war auch der Grund für sein bisheriges Leben, obwohl Marcus Quintus in seinem noch jungen Leben innerhalb weniger Monate schon mehr Schlachten geschlagen hatte, als er aufzählen konnte. So war auch dieses Zusammentreffen für ihn nichts weiter als der normale Alltag, seit er auf Wunsch seines Vaters den Dienst in Germanien angetreten hatte.

Sein Vater!

Kurz flogen die Gedanken zu dem mächtigen Mann, den er, solange er denken konnte, Vater nennen durfte. Nero Claudius Germanicus, der mächtige Feldherr, hatte den Jungen adoptiert. Wann genau das war, darüber erhielt Marcus nur spärliche Antworten. Er wusste, dass er von einem Beutezug nach Germanien mitgebracht wurde, aber er wusste nichts mehr über seine Familie.

Nebulös war die Erinnerung an eine große, stattliche Frau und ihre langen, zu einem Zopf gedrehten blonden Haare. Wenn er darüber nachdachte, formte sich ein besonderes Bild vor seinem geistigen Auge, und er war sich sicher, dass so seine Mutter ausgesehen haben musste.

Immerhin verstand er die Sprache dieser Menschen und hatte deshalb auch den Dienst im Lande der Barbaren angetreten. Jedermann in der Legion wusste von seiner Geschichte, und obwohl Marcus nichts anderes war als ein einfacher Legionär, schätzte man seinen Mut, seine Kraft und seine Kameradschaft.

Gaius Iulius Caesar Germanicus hatte einen leiblichen Sohn, Gaius Caesar Augustus, den man allgemein nur Caligula nannte, und einen weiteren Adoptivsohn, Tiberius.

Doch der Augenblick verlangte die Konzentration des Legionärs, und Marcus Quintus bemühte sich, die Gedanken wieder zu verbannen, die unwillkürlich in ihm aufgestiegen waren, als er fast unbewusst die Schar der Reiter wahrgenommen hatte, die hinter den angreifenden Germanen am Rheinufer entlangpreschte. Er glaubte für einen flüchtigen Moment, den golden glänzenden Brustpanzer seines Vaters erkannt zu haben – aber dann war ein rothaariger Barbar direkt vor ihm aufgetaucht und fletschte wild die Zähne, als er mit einer großen Axt ausholte, um sie auf den Schädel des Römers zu schmettern, der ihm jedoch mit einem raschen Ausweichmanöver entging.

Dann hatte Marcus den Pilum hochgerissen und dem Angreifer zwischen Achselhöhle und Brustkorb seitlich in den Körper gestoßen und sofort wieder herausgerissen. Der Mann starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an, sterbend, ohne zu wissen, was ihn da wie ein Blitz getroffen und diesen unsäglich heißen Strahl ausgelöst hatte, der ihn bis ins tiefste Rückenmark traf. Der Rothaarige kippte nach vorn und machte zwei weiteren Angreifern Platz, die ungestüm auf den Legionär eindrangen.

Marcus parierte geschickt, riss seinen Schild hoch und rammte ihm den Ersten, einem blonden, bärtigen Hünen, direkt unter das Kinn, sodass er das Knacken eines brechenden Kiefers deutlich vernahm. Dann stieß er dem Mann den kurzen Spieß durch den Hals, riss an dem Eschenholzgriff die Waffe zurück und setzte sie in einem raschen Wirbel, bei dem er auch seinen Schild wieder einsetzte, dem zweiten Mann auf die Brust. Erstaunt blickte der Mann auf die Waffe, deren scharfe Spitze ihn blitzschnell durchdrang und im Rücken wieder austrat.

Diesmal vermochte Marcus nicht mehr, die Waffe herauszureißen, weil der Germane zurücktaumelte und damit auf den nächsten Mann fiel, ihn mit sich riss und dem Legionär für einen Moment etwas Raum gab. Ein rascher Blick des kräftigen, jungen Mannes zu seinen Kameraden, und er nickte Pluvius zu, der eben sein Gladius-Schwert aus der Brust eines Toten zog und es gleich darauf dem Nachfolgenden quer über den Kopf schlug.

„Legionäre!“, erklang in diesem Moment der Ruf dicht neben ihnen, und als sich Marcus in die Richtung drehte, erkannte er seinen Centurio in arger Bedrängnis.

Mindestens zwanzig Angreifer hatten sich auf ihn gestürzt und bedrängten ihn von allen Seiten. Der quer gedrehte Helmbusch auf dem Cassis hatte ihnen den Anführer der Hundertschaft verraten.

Noch bevor Marcus, gefolgt von Pluvius, mit ein paar kräftigen Sprüngen an der Seite des großen Römers stand, hatte der bereits fünf der Angreifer getötet.

Der Centurio trug einen Schienenpanzer auf dem Oberkörper, der jedoch schon einige starke Dellen von den kräftigen Schwertschlägen der Germanen aufwies. Außerdem blutete er im Gesicht von einer frisch geschlagenen Schnittwunde, aber wer ihm in das von der Sonne gebräunte Gesicht sah, erkannte die Kampfeslust, die dem Centurio die Schwerthand führte. Eben streckte er mit zwei raschen Hieben den nächsten Gegner nieder, als Marcus an seiner Seite erschien und im letzten Augenblick verhinderte, dass einer der Angreifer einen Speer auf ihren Anführer schleudern konnte.

Als der Mann mit dem brustlangen, dunkelbraunen Bart die Wurfhand hob, stand Marcus neben ihm und schlug mit dem Kurzschwert zu. Sein Hieb traf das Handgelenk und trennte in dem Augenblick, als der Krieger den Speer schleudern wollte, die Hand sauber vom Arm.

Mit einem Aufschrei drehte sich der Mann zu seinem neuen Feind um, aus dem Armstumpf sprudelte das Blut heraus, und nun war Pluvius neben dem Freund und rammte dem Verletzten seinen Speer in die Brust.

Jeder der Legionäre besaß zwei Speere, einen längeren und einen kurzen, und jetzt wurde der Nahkampf so heftig, dass nicht daran zu denken war, den gerade verwendeten Speer aus dem zusammenbrechenden Körper zu ziehen. Fünf Mann stürzten sich gleichzeitig auf Pluvius, doch der gut zwanzig Jahre zählende Legionär hatte in den drei Jahren seiner Dienstzeit genügend Kampferfahrung gesammelt, um sich gegen diese wilden und ungestüm angreifenden Krieger zu wehren. Hier galten keine Regeln mehr, wie sie während der viermonatigen Ausbildungszeit den Rekruten in der römischen Armee beigebracht wurden. Das war kein Training mehr, hier konnte ein einziger Augenblick der Unaufmerksamkeit ein tödliches Ende bringen.

Pluvius und Marcus standen jetzt auf beiden Seiten ihres Centurios, der bereits aus mehreren Wunden blutete, aber noch immer wie ein Felsen in der Brandung stand, nach beiden Seiten mit dem Gladius austeilte und einen nach dem anderen von den Feinden tötete oder schwer verwundete.

Die Freunde bemerkten, dass auch die anderen Legionäre ihrer Zeltgemeinschaft die Feinde besiegt hatten und ihnen jetzt zur Hilfe eilten. Um den Centurio hatten sich acht kampferprobte Legionäre versammelt, und mit jedem Hieb sank einer ihrer Feinde auf die Körper, die bereits vor ihnen lagen.

Gerade wollte Pluvius aufjubeln, als die ersten Germanen zurückwichen und sie ihnen ein paar Schritte folgten, um ihre mögliche Flucht zu verhindern, da wendete sich das Kriegsglück für sie.

Aus dem schmalen Waldrand kamen weitere Feinde herangestürmt, und diese Männer trugen alle Wurfspieße, die sie aus kurzer Entfernung einsetzten und auf die verhassten Legionäre warfen.

Marcus wehrte einen gefährlich nahe kommenden Speer mit seinem Schild ab, musste aber erleben, dass die Waffe mit solcher Wucht einschlug, dass er das Gleichgewicht verlor, einen Schritt rückwärts machte und dabei über die Körper fiel, die ringsum die Kämpfer bereits im Staub lagen.

Hart schlug er auf dem Rücken auf, seinen Schild noch immer dicht an sich gepresst, in dem der Speer steckte und jetzt senkrecht nach oben ragte. Für einen kurzen Moment verlor er sogar das Bewusstsein, stürzte in ein dunkles Loch, aber das dauerte nur einen Wimpernschlag, dann blinzelte er kurz und bemühte sich, wieder auf die Beine zu kommen.

Ein lang gezogener Schrei drang in seine Ohren, aber er hatte keine Zeit, sich um die Ursache zu kümmern. Noch standen die Feinde, und mit einem lauten Brüllen stürzte sich der Legionär auf die Angreifer, tötete zwei mit dem Kurzschwert und sah sich nach den Nächsten um.

Doch da war niemand mehr, der ihn bedrohte. So weit sein Auge schweifte, traf es nur auf tote oder sterbende Gegner, die sich in ihrem Blut wälzten oder ihren Schmerz laut herausschrien. Es war ein grässlicher Anblick, und der süßlich-metallische Geruch des Blutes stieg ihm in die Nase und verursachte ein ekelhaftes Gefühl im Rachen.

„Centurio!“, rief eine Stimme, sich fast überschlagend, und in dem Augenblick war Marcus nicht bewusst, dass er selbst es war, der diesen Schrei ausgestoßen hatte. Entsetzt eilte er auf ihren Anführer zu, der von drei Speeren durchbohrt über mehreren getöteten Feinden lag, in der blutigen Hand noch immer das Schwert, den Blick in den Himmel gerichtet, den Körper auf seltsame Weise verkrümmt.

Behutsam hob er den Kopf des Gefallenen auf und starrte in das leblose Gesicht. Dann drückte er ihm die Augen zu, ließ den Toten behutsam zurücksinken und richtete sich schwerfällig auf.

Eine unglaubliche Mattigkeit hatte ihn erfasst und drückte ihn herunter, als wäre er ein alter Mann und nicht ein Jüngling von knapp siebzehn Jahren. Da spürte er eine Hand auf seinem Rücken und drehte sich danach um.

„Marc, bist du in Ordnung?“

„Ja, wenn du damit meinst, ob ich unverletzt bin, Pluvius. Aber der Centurio ist tot, und ich konnte es nicht verhindern.“

„Das ist bitter, denn er war ein guter Mann, Marc. Aber außer ein paar Schrammen ist unsere Contubernium unverletzt, und wir haben es den Barbaren gezeigt, was es heißt, eine Legion unter dem Befehl des Gaius Iulius Caesar Germanicus anzugreifen. Sie mussten heute lernen, dass sie für die Schmach, die sie uns unter der glücklosen Heerführung von Publius Quinctilius Varus beigebracht haben, nun den Preis zahlen müssen!“

Marcus ließ sich erschöpft zwischen den gefallenen Kriegern auf den Boden sinken, die Männer der Zeltgemeinschaft gesellten sich nach und nach dazu und warfen ein paar Beutestücke auf den Boden.

„Woher hast du das?“, erkundigte sich Pluvius interessiert, als einer der Legionäre einen abgeschnittenen Finger mit einem silbernen Ring daran auf den Boden warf.

„Ein Häuptling“, antwortete er lapidar. „Er hat mich ein wenig unterschätzt, als er mit seinem großen Schwert auf mich einstürmte. Der Ring konnte nicht vom Finger gezogen werden, deshalb musste ich ihn abschneiden“, erklärte der Legionär mitleidlos. Er nahm den Finger erneut auf und zerschnitt ihn mit der Spitze seines Schwertes, um den Ring endlich in die Hand nehmen zu können. Dann präsentierte er ihn auf der flachen Hand den Kameraden.

„Eine doppelte Schlange!“, sagte Marcus nach einem raschen Blick. „So etwas habe ich schon einmal gesehen. Er wird dir Glück bringen, die Barbaren lieben solchen Schmuck!“

„Immerhin scheint er aus Silber zu sein und nicht etwa nur aus Bronze. Mal sehen, was ich dafür bekomme!“, antwortete der Mann, der den Ring jetzt von den Resten des Fingers gereinigt hatte, ihn noch einmal kurz am Stoff seiner Tunica abwischte und dann gegen das Sonnenlicht hielt, wo er aufblitzte.

„Wenn du willst, kannst du ja morgen in Mogontiacum (Mainz) einen Händler befragen!“, antwortete Marcus und sah sich nach seinen Speeren um.“

„Mogontiacum? Bist du sicher, dass wir da morgen endlich eintreffen?“

„Bin ich. Ich denke, mehr als einen Tagesmarsch sind wir von dem befestigten Lager nicht mehr entfernt!“

„Gebe Abundantia, dass du recht hast, Marc!“, antwortete der Legionär.

„Du rufst Abundantia, die Göttin des Überflusses, zum Schutz an? Na, du machst mir Spaß! Für dich wäre es wohl sinnvoller, Laverna anzurufen!“, antwortete Marcus.

„Die Göttin der Diebe und Betrüger? Marcus Quintus, ich sehe schon, die Sonne bekommt dir nicht, sonst würdest du nach einem solchen Kampf nicht auch noch mich beleidigen!“, kam die kämpferische Antwort.

„Friede, Freunde!“, warf Pluvius ein und legte beiden Kameraden einen Arm um die Schulter. „Ich schlage vor, wir suchen in Mogonaticum einen Händler für Schmuck auf, lassen den Ring schätzen, und versaufen den erzielten Preis gemeinsam!“

„Nicht ohne die nötigen Huren, mein Freund! So ein Kampf regt mich immer wieder stark an, und ich weiß nicht, wie ich sonst die Zeit in einem befestigten Lager überstehen soll!“, antwortete lachend der Mann.

„Oh, da kann ich euch nur Gutes berichten!“, antwortete lachend Pluvius. „Ich war schon vor einem Jahr in der Festung und kann euch schwören – dort gibt es die schönsten Huren, die man sich nur wünschen kann! Es gibt sogar ein Haus, das von einer rothaarigen Frau aus Germanien geführt wird – und die versteht ihr Handwerk!“

„Wenn du das sagst, Pluvius, vertraue ich dir – aber noch besser natürlich, wir überzeugen uns morgen selbst davon!“

Alle Schmerzen schienen damit abgeschüttelt zu sein. Die acht Mann der Zeltgemeinschaft hatten zwar keine schweren Verwundungen erlitten, aber doch so manchen harten Schlag parieren müssen, der auch nicht ohne Schnittwunden abgegangen war. Doch bei dem Gedanken, morgen in das stark befestigte Lager einzuziehen, in dem es alle Genüsse einer richtigen Stadt geben würde, beflügelte die Männer. Rasch hatten sie ihre Waffen eingesammelt und liefen zum Sammelplatz, auf dem die Legionäre sich einstellten und von ihren Centuren neu geordnet wurden. Wo ein solcher Führer einer Hundertschaft gefallen war, wurden die Männer zunächst einer anderen Einheit unterstellt, und kaum eine Stunde war nach dem Gefecht vergangen, als die Legion wieder auf dem Marsch war.

Die Sonne hatte den Zenit überschritten, brannte aber weiterhin unbarmherzig auf die Marschierenden herunter und ließ sie bald wieder unter ihren Lasten stöhnen. Neben der schweren Ausrüstung trug ein Legionär im Normalfall auch einen großen Lebensmittelvorrat mit sich, der aber auf Befehl des Feldherrn verringert wurde. Das Gesamtgewicht ihrer Ausrüstung betrug sonst an die siebzig Kilo.

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2.

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Mogontiacum lag auf einer Anhöhe am Rhein, direkt gegenüber der Main-Mündung, und bot den Legionären einen hervorragenden Blick über die gesamte Umgebung. Ursprünglich als Legionärslager vor gut dreißig Jahren unter Nero Claudius Drusus, dem Stiefsohn Kaiser Augustus, angelegt, wurde es rasch stark befestigt und ständig vergrößert.

Heute, beim Einzug der neuen Legion, bot sich den Männern ein imposantes Bild. Das Militärlager hatte sich weit an den Ufern ausgebreitet, besaß auch neben den reinen Zeltgassen bereits mehrere Gebäude aus Stein sowie eine große Anzahl von Holzhäusern, in denen die Offiziere untergebracht waren.

„Ich staune, Pluvius“, bemerkte Marcus im Marschieren und wandte den Kopf zum Rheinufer. „Wenn ich mich nicht sehr täusche, steht dort am Ufer des Rhenus sogar ein Theater! Es wird also nicht langweilig für uns werden!“

„Hm“, brummte der Freund, „das ist mir nicht so wichtig wie ein vernünftiges Badehaus. Glaubst du, hier gibt es schon eine Therme?“

Marcus lachte fröhlich auf.

„Deine Sorgen möchte ich haben, Pluvius! Mir würde auch ein sauberes Bad genügen, um endlich diesen Dreck vom Kampf und Marsch abspülen zu können. Heute werden wir wohl Ruhe haben und unsere Ausrüstung in Ordnung bringen können. Mal sehen, was es dann für uns gibt!“

„Schau mal da drüben rüber, Marc. Das ganze Lager scheint nur aus Auxilartruppen zu bestehen! Naja, dann dürfte der Feldzug deines Vaters ja auch ziemlich deutlich auf Vernichtung der Germanen abzielen.“

Marcus runzelte die Stirn.

„Willst du meinem Vater Rachegefühle unterstellen?“

Der neben ihm marschierende Legionär wischte sich mit einer raschen Handbewegung den Schweiß von der Stirn und antwortete dann auf die nicht ganz ernst gemeinte Frage: „Natürlich, und ich möchte wissen, wer von uns die nicht hegt? Sie sind stark, diese Barbaren, und sie sind mutig. Aber jetzt kommen wir, und sie werden uns kennenlernen!“

Der junge, kräftige Soldat richtete sich auf, warf mit einem Schulterschwung seine Ausrüstung, die in diesem Moment besonders schwer zu drücken schien, wieder zurecht. Es mochte noch eine gute Stunde bis zur Mittagszeit sein, und der Tribunus militaris, der Militärtribun des stark befestigten Lagers, hatte die anwesenden Legionäre in den Lagerstraßen Aufstellung nehmen lassen.

An den ovalen Schilden und ihrer Ausrüstung waren die Soldaten gleich als Hilfstruppen erkennbar. Im Gegensatz zu den Legionären besaßen sie auch keine Bürgerrechte und erhielten weniger Sold. Nach ihrer Dienstzeit von fünfundzwanzig Jahren erhielten sie zum Abschied die Bürgerrechte verliehen. Unter diesen Hilfstruppen befanden sich häufig auch Angehörige anderer Volksstämme, und in den letzten Jahren gab es immer größere Einheiten germanischer Stämme, die gegen ihre eigenen Verwandten kämpften.

Viele Offiziere trauten diesen Auxiliarsoldaten nicht recht, aber da beherrschten sie alte Vorurteile, denn es gab kaum einmal ernsthafte Probleme mit den Soldaten. Sie wurden nicht in Kohorten zusammengefasst, sondern als Einheit von einem Präfekten oder auch einem Tribun geführt.

„Ah, wie ich sehe, gibt es hier auch eine Menge Reiterei!“, merkte Pluvius an, als die ersten Gebäude mit Ställen in Sichtweite kamen.

„Offenbar ist das hier eine Cohors equitata, gemischt aus Kavallerie und Infanterie“, ergänzte Marcus die Beobachtungen. „Na, es wird jedenfalls interessant, da bin ich nun ganz sicher.“

„Ist der Tribun auch ein Verwandter von dir?“, wollte nun sein Freund wissen.

„Aurelius Quintus?“, erkundigte sich Marcus erstaunt. „Nein, wie kommst du denn auf diesen Gedanken?“

„Nun, man weiß ja bei euch Burschen nie“, antwortete lachend Pluvius. „Da wird untereinander geheiratet, die Söhne der Brüder adoptiert, und irgendwann taucht eine entfernte Verwandte des Kaisers auf, die nun auch mit allen verwandt ist!“

„Lass das bloß nicht den Legatus hören, der ist imstande, und lässt dich mit deinem Gepäck dreimal um das ganze Lager laufen!“, antwortete Marcus und sah sich rasch um, als fürchte er, dass der Kommandant der Legion gleich neben ihrer Zeltgemeinschaft marschieren würde.

Lachend erreichten die Freunde den ihrer Centurie zugewiesenen Platz und begannen sofort damit, ihren Eselskarren mit dem Zelt und den Gerätschaften abzuladen.

Innerhalb kürzester Zeit stand ihr Zelt ausgerichtet an der markierten Linie, die Feuerstelle wurde ausgehoben, und einer der acht Soldaten begann, die kleine Getreidemühle in Gang zu setzen, um Mehl für das Essen herzustellen.

Nach dem Essen lagerten die Männer entspannt neben der erloschenen Glut, auf der sie ihre Mahlzeit zubereitet hatten und säuberten ihre Ausrüstung.

Pluvius hatte eine Sandale auf einen Stein gelegt und schlug mit dem Knauf seines Schwertes einen Nagel in die Sohle, der sich gelockert hatte.

Als ein hoch gewachsener Mann in voller Rüstung, begleitet von vier Legionären, die ihre kurzen Wurfspieße in den Händen trugen, vor der Zeltgemeinschaft stehen blieb, hob Marcus rasch den Kopf.

„Der Legatus persönlich, Leute, steht auf!“, raunte er den anderen zu und sprang selbst eilfertig hoch.

Die Gruppe blieb vor der Zeltgemeinschaft stehen, die vier Legionäre rammten ihre Schilde hörbar auf den Boden und hielten ihre Pilum senkrecht. Der Legatus machte eine herrische Handbewegung und rief mit schnarrender Stimme:

„Marcus Quintus?“

Der Gerufene trat vor und grüßte militärisch.

„Gaius Iulius Caesar Germanicus wünscht dich zu sehen, Sofort!“, schnarrte der Legatus kurz und machte auf dem Absatz kehrt, um wieder zurückzugehen. Die vier Begleiter warteten, bis sich Marcus zu ihnen gesellt hatte, und umgaben ihn dann mit finsteren Mienen, als würden sie einen Verbrecher abführen.

Mit großen Schritten eilte der Offizier ihnen voraus, bis sie auf einen geräumigen Platz traten, auf dem sich ein Zelt befand, das von zahlreichen Legionären mit Pilum und Schild bewacht wurde. Die Feldzeichen am Eingang und an den Seitenwänden zeigten Marcus Quintus deutlich, dass er gleich seinem Vater gegenüberstehen würde.

„Ave Cäsar!“, grüßten die beiden Eintretenden sofort, und von einem bequemen Stuhl in der Mitte gab der mächtige Feldherr seinem Sohn ein Zeichen, näherzutreten. Er gehorchte sofort, blieb jedoch im vorgesehen Abstand stehen und legte die rechte Hand auf sein Herz, als er sich erneut leicht verneigte.

„Marcus, ich freue mich, dich bei guter Gesundheit zu sehen!“, empfing ihn sein Adoptivvater freundlich. Der ranghöchste Offizier der römischen Legionen in Germanien hatte bereits lichtes, graues Haar, das von einem Lorbeerkranz umrahmt wurde. Er trug über seiner roten Toga einen Umhang in gleicher Farbe, der seitlich auf der rechten Schulter von einer Fibel gehalten wurde.

Mit finsteren Mienen umstanden den Stuhl des Feldherrn verschiedene Offiziere und Ratgeber, zu seinen Füßen hockte offensichtlich ein Gefangener, den Marcus rasch musterte. Vermutlich handelte es sich um einen germanischen Krieger oder sogar Anführer, denn der Mann hatte zwar einen entblößten Oberkörper, der unter denn straff sitzenden Fesseln blutige Rinnsale zeigte, wo er entweder misshandelt wurde oder aber die Stricke tief in die Haut schnitten. Doch auf dem Kopf trug der Gefangene noch seinen goldglänzenden Helm. Trotz seiner demütigenden Haltung bäumte er sich auf und musste von einem der Offiziere mit einer eisernen Stange zurückgehalten werden.

Marcus nahm das Bild sofort auf und überlegte, ob man den Gefangenen mit dieser Stange geschlagen hatte. Aber schon sprach ihn sein Vater wieder an und nahm seine Aufmerksamkeit in Anspruch.

„Nimm an meiner Seite Platz, Marcus, und erfrisch dich an diesem Wein. Nein, komm weiter herüber, du bist mein Sohn und sollst hier nicht auf der Höhe dieses Verräters sitzen, sondern neben mir!“, gab Germanicus mit kräftiger Stimme von sich. Gleich darauf hatte man Platz neben ihm geschaffen und einen Stuhl für den jungen Legionär aufgestellt.

Noch immer wagte Marcus es nicht, das Wort zu ergreifen, und er tat gut daran.

„Wie ich höre und mich inzwischen selbst davon überzeugen konnte, war es offenbar eine gute Idee, dich als einfachen Legionär in die Armee zu stecken, damit du lernst, wie ein Legionär zu denken, zu kämpfen und zu handeln. Das verstehst du offenbar inzwischen sehr gut.“

Der Feldherr machte eine kurze Pause, in der er ebenfalls einen Schluck aus einem Pokal nahm und dabei seinen Adoptivsohn, über den Rand beobachtete. Dann stellte er den Wein zurück auf ein kleines, rundes Tischchen, das mit orientalischen Holzschnitzereien verziert war. Marcus wusste, dass sein Vater lange Jahre Dienst in Ägypten geleistet hatte.

„Ich brauche dich jetzt dringend, Marcus, und dabei kommt mir der Umstand sehr gelegen, dass dich deine Kameraden zu ihrem neuen Centurio gewählt haben!“

Bei diesen Worten sah Marcus erstaunt auf und die Gedanken wirbelten ihm durch den Kopf. Er sollte Centurio werden? Er war doch noch nicht einmal ein ganzes Jahr Legionär, oder doch? Und sein Freund Pluvius diente doch im Gegensatz zu ihm schon drei ganze Jahre!

Germanicus beobachtete ihn scharf mit seinen dunklen, unruhig hin und her huschenden Augen, bevor er schließlich fortfuhr:

„Ich habe das alte Recht für die Legionäre wieder in Kraft gesetzt. Danach dürfen sie aus ihren Reihen nach dem Tod eines Centurios einen geeigneten Nachfolger wählen und ihrem Legatus vorschlagen. Das ist jetzt geschehen.“

In die erneute Pause sprach Marcus nun doch, und überrascht stellte er dabei fest, dass seine Stimme belegt war.

„Aber – da hat man ausgerechnet mich ausgesucht? Ich bin nur ein einfacher Legionär, und dazu noch nicht einmal sehr lange in der Armee!“, presste Marcus hervor. Der Gedanke, dass er diese frühe Beförderung vielleicht der hohen Stellung seines Vaters verdankte, gefiel ihm nicht.

„Du bist noch sehr jung, Marcus, und offen gesagt“, damit wandte er sich an seine Offiziere, „weiß ich noch nicht einmal dein richtiges Alter!“

Die Männer lachten pflichtschuldig, bevor der Feldherr weitersprach.

„Uns allen ist bekannt, dass man erst im Alter von siebzehn Jahren Legionär werden kann. Die Herkunft meines Adoptivsohnes, den ich liebe wie einen leiblichen Sohn, liegt in grauer Vergangenheit. Als er in mein Haus kam, wusste niemand sein wahres Alter. Als er eines Tages den Wunsch äußerte, in die römische Armee als Legionär einzutreten, habe ich ihn nur gefragt, ob er sich dafür alt genug fühlen würde. ‚Als Soldat ja, Vater, als Offizier nicht‘, war damals seine Antwort, die mir sehr gut gefallen hat. Nun höre, Marcus, ich habe große Pläne mit dir vor. Ich weiß, dass du ein hervorragender Kämpfer bist, dabei aber nicht vorschnell und leichtsinnig. Deine Kameraden können sich auf dich verlassen, und du kennst deine Contubernium so gut wie sie dich. Darum steht mein Entschluss fest. Ab dem heutigen Tag bist du Centurio, auch wenn du diesen Helm bei deinem ersten Auftrag nicht tragen wirst.“ Damit drehte er sich halb um und gab ein Zeichen nach hinten. Ein Offizier trat nach vorn, einen Helm in der Hand. Als Marcus die quer gestellten, rot gefärbten Rosshaare erblickten, die zeigten, dass der Träger ein Centurio war, errötete er unwillkürlich.

„Hier ist dein neues Zeichen, dein Crista transversa, der quer gestellte Rossschweif. Du wirst eine Hundertschaft mit besonderer Aufgabe übernehmen und in einer Stunde deine Einweisungen in diesem Zelt erhalten. Zuvor aber müssen wir diesen Verräter bestrafen.“

Auf das Zeichen seines Vaters kniete Marcus Quintus, während ihm der Offizier den Helm aufstülpte und auf das nächste Zeichen des Feldherrn von einem anderen Tisch ein neues Gladius in seine Hände legte. Er zögerte einen kurzen Moment, dann nahm er einen weiteren Gegenstand von dem Tisch und legte ihn neben das Schwert. Es war der hölzerne Stab, der Vitus, gefertigt aus einer Weinrebe, und Zeichen des Centurius, mit dem er auch bei Strafen seine Soldaten schlug.

Marcus sah verwirrt auf und fing einen warmherzigen Blick aus den Augen seines Vaters auf.

„Das ist mein Geschenk für dich, eine hervorragend geschmiedete Arbeit, die auf meinen Wunsch entstanden ist.“

„Erhebe dich, Centurio!“, raunte der Offizier ihm ins Ohr, und Marcus folgte sofort, legte noch einmal die rechte Hand auf seine Brust und verbeugte sich erneut, wobei ihm um ein Haar der Helm auf die Nasenwurzel geschlagen wäre.

„Heil dir, Centurio Marcus Quintus Germanicus, mein Sohn, mein Stolz!“, rief sein Adoptivvater voller Überschwang laut heraus. Ein Blick zu seinen Offizieren und Ratgebern, und gleich darauf wurde der Ruf donnernd von ihnen wiederholt:

„Ave, Centurio Marcus Quintus Germanicus!“

„Ich wünsche dir Glück und Geschick auf deinem Weg, mein Sohn“, sagte der Feldherr nicht ohne Rührung und trank ihm noch einmal zu. Dann aber reichte er den Pokal mit dem Wein erneut nach hinten, und seine Miene versteinerte sich, als er zu dem Gefangenen sprach.

„Und jetzt zur dir, Germane!“, donnerte der Feldherr, sodass unwillkürlich alle ob des eingetretenen Stimmungswandels zusammenzuckten.

Der Germane schaute furchtlos zu dem Mächtigen auf, aber die eiserne Stange lag jetzt auf seiner Schulter, und sein Wächter schien nur darauf zu warten, sie ihm in den Nacken zu schlagen.

„Eberwin, du bist von deinem Stamm verstoßen worden und zu den Legionären gekommen. Du hast einen Eid auf den Kaiser geleistet und trotzdem deine Kohorte verraten. Du bist schuld am Tod vieler Männer, denn du hast sie deinen Leuten zugeführt, die im Hinterhalt bereitlagen. Dafür hast du den Tod verdient, und das Urteil wird jetzt vollzogen werden!“

„Ich bin zum Sterben bereit!“, antwortete der germanische Gefangene mit erstaunlich fester und gut zu hörender Stimme. „Aber ich habe am Tod meiner Soldaten keine schuld! Es war ein Zufall, dass ich zusammen mit einer Handvoll Männer entkommen konnte. Niemand von uns wusste oder ahnte etwas von dem Hinterhalt!“

Der Feldherr beugte sich leicht vor und funkelte den Germanen wütend an.

„Hast du keine Kundschafter vorausgeschickt? Waren es nicht Marsi, Männer deines Stammes, die im Hinterhalt lagen? Und bist du nicht der einzige Offizier, der den Kampf überlebt hat?“

„Das trifft alles zu, oh Cäsar, aber dennoch bin ich nicht schuld am Tod meiner Legionäre! Kundschafter waren unterwegs, aber niemand berichtete uns von der feindlichen Übermacht, die uns durch einen Pfeilhagel begrüßte, kaum, dass wir einen Fuß in den Wald gesetzt hatten!“

„Es wäre deine Pflicht gewesen, den Wald vorher durch Streifen absuchen zu lassen. Schweig jetzt, Eberwin, du bist zum Tode durch das Schwert verurteilt – bringt ihn weg und steckt seinen Kopf auf eine Lanze im Lager, damit jeder weiß, was mit einem Verräter geschieht!“

Wortlos wurde der Germane von zwei Offizieren an den Armen hochgerissen und aus dem Zelt geführt.

„Und jetzt zu deiner Aufgabe, Marcus. Aber vorher trinken wir einen Schluck auf deinen Erfolg. Denn du wirst Erfolg haben, davon bin ich fest überzeugt!“ Damit beugte er sich weit vor und berührte mit seinen Lippen fast das Ohr seines Adoptivsohnes. Wie ein Hauch kam seine Stimme herüber: „Finde mir diesen germanischen Feldherrn Ariovist, bevor er sein Ziel erreicht hat!“

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3.

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Die Krieger hatten sich auf beiden Seiten und oberhalb des Hohlweges verborgen. Es war ein sehr günstig gelegener Platz für den Hinterhalt, denn der Weg war wie durch die Felsen geschnitten und wies auf beiden Seiten unüberwindliche, steinerne Wände auf, an denen man vergeblich nach einem Halt suchte. Die Schlucht, die vor Jahrtausenden durch einen längst ausgetrockneten Nebenarm des Rheins gebildet wurde, war lang und voller Geröll, war aber Teil des römischen Weges vom Militärlager hinunter zum Main.

Mogontiacum lag etwa zwei Stunden zurück, und diese Gegend wurde häufig von germanischen Spähern erkundet, denn der Verkehr zwischen dem befestigten Lager der Legionäre und den nächsten Dörfern war lebhaft, galt es doch für viele Menschen, hier regelmäßig die Verpflegung zu transportieren. Diesen Umstand machte sich nun die Gruppe zunutze, die sich links und rechts des Weges auf den Felsen verborgen hielt, während eine weitere Abteilung den Felsenrand besetzt hatte und die Reserve am Ausgang der Schlucht bereitstand.

Ihre Geduld wurde jedoch auf eine harte Probe gestellt. Sie waren schon mit dem Morgengrauen auf die Felswände geeilt und hatten ihre Position eingenommen. Doch erst, als die Sonne im Zenit stand, ließ sich der erste Reiter sehen. Vorsichtig lenkte er sein Pferd um ein paar größere Felsbrocken, die vor unendlich langer Zeit einmal von den Wänden losgebrochen und zu Tale gerollt waren.

Die Krieger, die sich hier im Hinterhalt verborgen hielten, machten alle einen finsteren und entschlossenen Eindruck. Wer sie aus größerer Entfernung beobachtet hätte, würde ihr Aussehen als eher ärmlich bezeichnen. Die Männer trugen einfache Hemden oder Kittel über schlichten Wollhosen. Bewaffnet waren sie mit Speeren, Schwertern und Messern, einige von ihnen verfügten über Bogen, die sie jetzt schon fast gespannt bereithielten. Vor diesen Bogenschützen lagen ihre Pfeile griffbereit und nebeneinander für einen schnellen Zugriff.

Die Schwerter waren die typischen Spatha von etwa neunzig Zentimeter Länge und mit einer beidseitig scharf geschliffenen Klinge. Damit konnte ein Germane durchaus einem Legionär mit seinem Gladius-Schwert Paroli bieten. Die Waffen waren in etwa gleichwertig und so ausgewogen, dass sie mit einer Hand geführt wurden.

Dann erhob der Anführer seinen rechten Arm und ließ ihn rasch wieder sinken. Man konnte jetzt deutlich das Schnauben von Pferden, das Knarren von Leder und das gelegentliche, gedämpfte Klirren von Metall gegeneinander vernehmen. Niemand sprach ein Wort, die Gruppe in dem Hohlweg vermied jedes überflüssige Geräusch.

Die sich nähernde Kriegergruppe sah sich immer wieder aufmerksam um und musterte die Steilwände. Plötzlich zügelte der Anführer sein Pferd. Etwas musste ihn misstrauisch gemacht haben, vielleicht war ein Sonnenstrahl von einer Klinge reflektiert worden.

„Jetzt!“, kommandierte daher der Anführer auf der Höhe, und die Bogenschützen erhoben sich, ließen ihre Pfeile in den Hohlweg sirren und duckten sich wieder hinter die Felsen, während eine andere Gruppe die Vorrichtung auslöste, die sie vorbereitet hatten. Dafür genügte nur ein gleichmäßiger Zug an der Hebelstange, die Felsbrocken lösten sich und krachten donnernd in einer großen Staubwolke in den Hohlweg und versperrten wirkungsvoll den Durchgang. Aber die Feinde waren nicht so schnell aus der Fassung zu bringen. Sofort wurden die Pferde gewendet, und die Überlebenden versuchten, das andere Ende des Weges zu erreichen.

Fast schien das zu gelingen, die nunmehr vordersten Reiter sahen schon die zurückweichenden Felswände, als auch hier der Feind aus der Deckung sprang, Bogenschützen ihre todbringenden Geschosse abfeuerten und die ersten Reiter mit Lanzen angegriffen wurden.

„Vorwärts, Männer, treibt sie aus dem Eingang – wir sitzen in der Falle!“, rief ein hünenhafter Reiter, dessen langes, rotes Kopfhaar ihm um die Schultern flatterte, als er sein Pferd antrieb und auf die Männer zuhielt, die jetzt knieten und ihre Lanzen in den Boden gerammt hielten, um die Reiter damit zu empfangen.

Der Rothaarige schwang einen Wurfspieß und schleuderte ihn mit einer solchen Wucht dicht vor den Angreifern, dass er den Schild seines Gegners glatt durchschlug und den Mann noch an der Brust verwundete. Er hatte sein Pferd rechtzeitig vor den Lanzen zurückgerissen und schlug eine Volte, um dann erneut anzugreifen.

Die Männer am Ausgang des Hohlweges zögerten einen Moment.

Als der Rothaarige erneut heranpreschte und ihm diesmal fünf weitere Reiter folgten, die ihre Lanzen warfen, warteten die Bogenschützen auf den Moment, in dem sie ihre Pferde erneut herumrissen. Dann flogen die Pfeile von den Sehnen, und die Pferde brachen zusammen.

Mit lauten Schreien stürzten sich die Angreifer auf die abgeworfenen Reiter, von denen der Rothaarige als Erster wieder auf den Beinen stand. Jetzt hatte er ein Schwert in der Hand, mit dem er so wuchtige Hiebe nach allen Seiten austeilte, dass seine Gegner trotz ihrer Überzahl langsam zurückwichen.

Da erklang ein lauter Ruf hinter den Kämpfenden, und ein neuer Gegner tauchte bei dem Rothaarigen auf, der ihn in so rascher Folge mit Schwertschlägen eindeckte, dass es nun an dem Hünen war, Schritt für Schritt zurückzuweichen.

Als der Mann über einen Felsbrocken rückwärts stolperte, war sein Gegner heran, schlug ihm mit der flachen Klinge auf den Unterarm der Schwerthand und überraschte damit den Mann. Gleich darauf spürte er die Spitze eines Schwertes an seiner Kehle.

„Gib auf!“, rief ihm sein blonder Gegner zu, aber die Rothaarige rollte nur die Augen und riss sein Schwert wieder hoch. Doch mit einem langen Streich schnitt der andere ihm über die Brust, schlitzte den Stoff auf und zog eine blutige Spur über die Brust des Hünen. Mit einem Schmerzenslaut taumelte der zurück und ließ sein Schwert fallen, um zu der blutenden Wunde zu fassen. Sein Gegner setzte sofort nach und hielt ihm erneut die Schwertspitze an den heftig auf- und absteigenden Adamsapfel.

„Ergib dich, oder ich töte dich!“, sagte der Blonde mit einem seltsamen Akzent.

„Wer bist du?“, keuchte der Rothaarige, und die Antwort lautete:

„Der Mann, der dich gleich töten wird, Marser!“

Der Blonde spie die Worte mit so viel Verachtung aus, dass sich das vor Zorn und Kampfeslust ohnehin gerötete Gesicht seines Gegners noch um eine Nuance dunkler färbte.

„Dann töte mich!“

Offenbar hatte der Blonde nicht mit dieser Antwort gerechnet, denn er zögerte kurz. Doch dann lächelte er, nickte leicht und vollführte plötzlich eine so rasche Drehung, dass der andere ihr nicht folgen konnte. Er sah das Schwert in der Hand des Blonden wirbeln und erhielt gleich darauf einen so heftigen Schlag mit dem Schwertgriff gegen die Schläfe, dass er ohnmächtig zusammenbrach. Wie ein gefällter Baum krachte der Mann auf die Steine, und sein Gegner drehte sich lächelnd zu den anderen herum.

„Der wird uns eine wertvolle Geisel werden. Wie steht es nun mit den Marsen?“

So weit sein Blick in den Hohlweg reichte, standen entwaffnete Krieger ihren Gegnern gegenüber, den Blick zu Boden gesenkt, während sie alle einzeln gefesselt wurden.

„Sehr gut, Marc. Wir haben mindestens drei Überlebende gefangen genommen. Ist damit dein Ziel erreicht?“

Marcus Quintus steckte das Schwert wieder in die Scheide, die an einem einfachen Waffengut über dem Hemd hing. Ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht, das von der heftig geführten Auseinandersetzung glühte.

„Fesselt den Rothaarigen und passt auf ihn besonders auf. Und wenn wir zusammen sind, keinen Laut mehr und vor allem – keine römischen Namen! Wir haben es mit einem gefährlichen Gegner zu tun, der Rückschlüsse ziehen könnte, die unsere Pläne durchkreuzen würden!“

„Wir werden schweigen, dafür habe ich unsere Männer noch einmal vor dem Kampf eingewiesen. Aber es wird sich auf Dauer kaum verheimlichen lassen, dass wir keine Germanen sind – selbst bei den Legionären, die diese Sprache beherrschen.“

„Das wird auch nicht erforderlich sein. Wichtig sind mir die Anführer der Marsen. Sie sollen getrennt von den anderen gehalten werden und von uns auf keinen Fall etwas anderes als die germanische Sprache hören. Sorge du dafür, dass du für uns die richtigen Wachen aussuchst und lass uns jetzt aufbrechen. Wir haben noch eine erhebliche Wegstrecke vor uns.“

Der andere nickte und eilte davon, während Marcus Quintus den rothaarigen Hünen jetzt selbst fesselte. Dabei achtete er darauf, dass die Lederriemen so fest gezogen wurden, dass es unmöglich wurde, sie ohne ein Messer zu lösen.

Als er die Hände des Ohnmächtigen band, fiel sein Blick auf den silbernen Ring an seinem rechten Mittelfinger.

Marcus blickte erstaunt auf eine doppelte Schlange, die sich um den Finger des Germanen wickelte.

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4.

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Der Schmied hatte für einen Augenblick seine Arbeit unterbrochen, den Hammer auf den Amboss gelegt und war von seinen Blasebälgen, die er mit den Füßen trat, heruntergestiegen, um seinen Besuchern an der Tür zu seiner Schmiede den Weg zu zeigen.

„Seht Ihr diesen Pfad hinauf zu dem Wäldchen? Von hier aus vielleicht eine Stunde zu Fuß und nur in südwestlicher Richtung. Dann kommt eine Weggabelung, aber Ihr bleibt südwestlich. Etwa eine halbe Wegstunde und ihr steht vor der Herberge.“

Der Blonde musterte den großen, fast kahlköpfigen Schmied aufmerksam.

„Und dort treffen wir einen der Führer? Wirklich einen Marsen?“

Der Schmied sah sich bei der Nennung dieses Volksstammes rasch nach links und rechts um. Aber auf der Dorfstraße war niemand unterwegs. Die Sonne meinte es heute wieder besonders gut, die staubige, ausgetretene Straße durch den kleinen Ort lag schattenlos unter ihren Strahlen. In der Ferne krähte ein Hahn, und ein Hund schlug an.

„Ihr solltet doch eigentlich wissen, dass man die Marsen in unserer Gegend nicht sonderlich liebt!“, antwortete der Schmied dann und zog ein mürrisches Gesicht. „Ich hätte Euch gar nicht antworten sollen, als Ihr mich ausgerechnet nach diesen Leuten befragt habt!“

Der Blonde langte in den Gürtel und zog eine Münze heraus, die er dem Schmied in die Hand drückte.

„Schon gut, Schmied. Unser Gewährsmann hat uns versichert, dass wir dir trauen dürfen. Wenn wir die römischen Besatzer endlich aus dem Land jagen wollen, müssen wir zusammenhalten, alle!“

„Aber die Marser ... Ihr wisst es, Herr, sie gehören zu den Sugambren und wurden nach Drusus umgesiedelt ... seit dieser Zeit herrscht Unruhe im Land, die Stämme befehden sich alle, und die Häuptlinge wollen nur noch mehr Macht und Gebiete der anderen dazugewinnen. Das geht nicht gut, ständig wird einer der Häuptlinge von einem anderen umgebracht, anstatt dass man sich einmal zusammenschließt und ... Ihr wisst es schon, Herr, was ich meine ... einmal geschlossen gegen die Römer, und Germanien ist wieder frei!“

Der Blonde nickte schweigend, während sein Begleiter jetzt Zeichen der Unruhe zeigte. Er hatte sich mehrfach umgesehen und trat nun zu den ebenfalls unruhig wartenden Pferden. Die Tiere scharrten mit den Hufen, und der Fuchs, den der Blonde ritt, hatte bereits zweimal gewiehert, als rufe er ungeduldig nach seinem Herrn. Doch dieser dunkelhaarige Begleiter des Sprechers schwieg die ganze Zeit, und zuerst hatte der bärbeißige Schmied angenommen, dass der Mann stumm sei. Doch dann hatte er zweimal zu seinen Erklärungen genickt, und schließlich ein zustimmendes „So ist es!“ gebrummt.

„Die Kriege unter Drusus sind doch schon lange Vergangenheit und wurden von unseren Vätern geführt. Warum sammelt jetzt dieser ... wie nennt er sich noch gleich ... Ariovist die besten Krieger aller Stämme um sich? Woher kommt der Mann überhaupt?“

Jetzt war es an der Haltung des Schmiedes zu erkennen, dass sein blonder Gast etwas zu weit gegangen war. Er zog sich zurück, zeigte plötzlich eine abweisende Miene, stieg wieder auf die Blasebälge und begann, sie mit großem Körpereinsatz kräftig zu treten. Die Bälge fuhren auf und ab und entfachten das Feuer der Schmiede erneut mit einem lauten Fauchen.

Der Schmied beobachtete, wie ein Stück Eisen die rotglühende Farbe annahm, bevor er es mit einer Zange griff, auf den Amboss legte und mit wuchtigen Hammerschlägen bearbeitete. Dabei zeigte seine ganze, ablehnende Körperhaltung, dass für ihn das Gespräch beendet war. Nicht so jedoch für den blonden Besucher.

„Du könntest mir doch wenigstens noch etwas über diesen Ariovist erzählen, Schmied!“

„Wer – ich?“, sagte der Glatzköpfige zwischen zwei mächtigen Hammerschlägen.

„Ich weiß überhaupt nichts. Ein Mann mit dem Namen Ariovist lebte vor mehr als einhundert Jahren und hat gegen Gaius Iulius Cäsar gekämpft. Aber das weiß ja nun wirklich jedes Kind!“

„Danke, diese alten Geschichten wurden mir schon von meinem Großvater erzählt, Schmied. Aber jetzt ist im ganzen Land zwischen Rhein und Lippe die Rede von seiner Rückkehr! Überall, wohin ich höre, verstehe ich den Namen des alten Heerführers. Ich weiß selbst, dass er ein Suebe war und Cäsar ihn und sein Heer von 80.000 Mann vernichtend geschlagen hat. Das war bei Mühlhausen, und ihm gelang zwar die Flucht, aber wenig später wurde sein Tod verkündet und überall betrauert. Jetzt erzähle mir nicht, dass dieser Mann aus dem Totenreich zurückgekehrt ist und erneut ein Heer aufstellt!“

Der Schmied schlug zu, dass die Funken sprühten.

Erst, als ihm der Blonde die Hand auf die Schulter schlug, hielt er kurz inne.

„Glaubt es, oder glaubt es nicht, es ist mir egal. Ihr habt mich nach dem Weg gefragt, und ich habe Euch gesagt, was ich weiß. In der Herberge soll Ariovist leben und Krieger um sich versammeln. Geht doch selbst hin und überzeugt Euch, ob er lebt oder ein Geist ist. Mich verschont jedoch, ich habe zu tun!“

Damit schwang er erneut den Schmiedehammer und schlug auf das Eisenstück ein, als wolle er es nicht formen, sondern zerstören.

Der Blonde sah ein, dass er nicht mehr erfahren würde, und gleich darauf schwangen sich die beiden Fremden in den Sattel und lenkten ihre Pferde in die angewiesene Richtung.

Marcus Quintus hatte zum ersten Mal seit seiner Ernennung zum Centurio einer Auxilareinheit eine Spur. Und an dieser Spur würde er sich festbeißen und nicht eher aufhören, als bis er seinen Auftrag zur Zufriedenheit seines Vaters erfüllt hatte.

Ariovist, ich bin hinter dir!, dachte er, als sie auf das kleine Wäldchen zuritten.

Als der gefangene, rothaarige Hüne endlich sein Schweigen brach, weil er die Schmerzen nicht länger ertragen konnte, hatte er ihnen erzählt, was Marcus Quintus nun dazu brachte, sich von seinen Legionären zu trennen und den Weg nur mit Pluvius zurückzulegen, während seine Kohorte in der germanischen Kleidung zurückkehrte.

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5.

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Es war zwischen den Bäumen bereits sehr dunkel geworden, als Marcus sein Pferd zügelte und sich zu seinem Begleiter umsah.

„Gib es doch zu, Pluvius, wir haben den richtigen Abzweig verfehlt und werden diese Herberge weder in der nächsten Stunde noch in dieser Nacht überhaupt erreichen!“

„Bei Teutates, Esus und Taranis, ich schwöre dir, dass ich den richtigen Weg genommen habe! Ich habe schließlich genau aufgepasst, als der Schmied uns noch freundlich gesonnen war und den Weg beschrieb!“

Trotz der misslichen Lage in einem ihnen vollkommen unbekannten, germanischen Wald musste Marcus laut auflachen.

„Wenn du schon diese drei Götter gemeinsam anrufst, Pluvius, sollten wir vielleicht umkehren und den Schmied töten. Es heißt doch immer, dass insbesondere Esus ein Menschenopfer braucht, wenn er helfen soll!“

Der Freund lachte nun ebenfalls laut auf und antwortete:

„Wenn ich den schnellsten Weg aus dieser germanischen Wildnis finden würde, wäre ich sofort bereit, deinem Vorschlag zu folgen! Aber wenn mich nicht alles täuscht, brennt dort zwischen den Bäumen ein schwaches Licht, Marc!“

„Ein Licht? Wahrscheinlich siehst du ein Glühwürmchen oder ein Irrlicht und glaubst, du kannst mich damit zum Besten halten! Nein, Pluvius, das ist ...“ Marcus Quintus hielt inne, denn nun hatte er es ebenfalls deutlich gesehen. „Das ist tatsächlich ein Licht, gut, also vorwärts – die letzte Möglichkeit, heute noch etwas zu essen und zu trinken zu bekommen!“

Damit trieb er sein Pferd zwischen den dicht zusammenstehenden Bäumen hindurch und erkannte bereits nach kurzer Zeit, dass dort wirklich ein Haus stand, vor dem ein kleines Licht an einer Stange über dem Eingang hing.

„Die Herberge, wie sie der Schmied beschrieben hat!“, sagte Pluvius leise und bemühte sich dabei, deutlich die germanische Sprache zu formulieren. Er hatte nicht den Vorteil wie Marcus, sie als Muttersprache erlernt zu haben, und jeder musste sich verwundert fragen, aus welcher Gegend des Landes dieser Mann mit der merkwürdigen Aussprache wohl stammte.

„Aber der Gastraum ist leer!“, antwortete Marcus nach einem raschen Blick durch den winzigen Fensterausschnitt. „Ist das nicht seltsam für eine solche Herberge?“

„Was erwartest du, Marc? Wir sind in Germanien, wahrscheinlich geht man in so abgelegenen Gebieten mit den Hühnern ins Bett.“

Pluvius machte Anstalten, die Haustür zu öffnen, als ihn sein Freund noch einmal zurückhielt.

„Warte, und lass uns überlegen. Diese Herberge wurde uns als Treffpunkt für alle Krieger gemeldet, die sich in den Dienst des angeblichen Ariovist stellen wollen. Und dann ist niemand um diese Zeit in der Gaststube? Ich finde das zumindest seltsam. Wir sollten mit einem Hinterhalt rechnen!“

„Marc, niemand weiß von uns und unserer Mission. Du bist ein Germane, ich schweige, wenn es sich ermöglichen lässt. Was soll also passieren? Wir erkundigen uns nach einer Übernachtungsmöglichkeit und wollen unsere Mägen füllen. Das ist doch wohl Grund genug, hier vorbeizukommen, oder?“ Damit schritt der Legionär in der typischen Kleidung der germanischen Krieger auf die Tür zu.

Marcus gab seinen Widerstand auf und folgte Pluvius, als er die Tür diesmal wirklich öffnete. In der Gaststube roch es nach vergossenem Wein und den Körperausdünstungen zahlreicher Männer, die hier wohl noch vor kurzer Zeit gezecht hatten.

„Guten Abend!“, begrüßte sie eine alte, grauhaarige Frau hinter einem Tisch, auf dem mehrere geleerte Krüge standen, die von der Alten offenbar gerade gespült wurden. „Ihr seid aber noch spät unterwegs! Ich wollte eigentlich schon schließen, es muss ja bald auf Mitternacht zugehen!“

Marcus stutzte bei dieser Zeitangabe.

Nach dem Stand der Gestirne konnte es erst gegen zehn Uhr am Abend sein. Wie kam die Alte auf Mitternacht? Aber sie nickte den beiden späten Gästen freundlich zu und wies auf eine Bank an der Wand.

„Wenn Ihr mit einem kalten Stück Fleisch und etwas Brot zufrieden seid dann schenke ich Euch dazu einen guten Wein aus, und Ihr könnt außerdem hier unten im Raum auf den Bänken übernachten“, fügte sie dann hinzu und spülte weiter eifrig die Becher in einem Holzzuber aus.

Die beiden Römer wechselten einen raschen Blick, dann antwortete Marcus:

„Das hört sich doch wunderbar an, gute Frau. Das Essen nehmen wir gern, wir sind da nicht anspruchsvoll. Allerdings würde ich lieber in einer Kammer schlafen und auch dafür bezahlen! Ich habe gutes Silber in der Tasche und möchte ...“

„Dann hole ich gleich das Gewünschte, Herr, nehmt nur Platz. Unsere Kammern sind schon alle belegt, das tut mir leid, wir haben nur noch hier unten den Platz für spät eintreffende Gäste!“

„Alles belegt? Ja, ich dachte, wir sind hier in einem einsamen Wald und abgelegen von allen Straßen. Da gibt es wirklich keine Kammer mehr?“, bohrte Marcus erneut nach, aber die Alte schüttelte hartnäckig den Kopf, griff nach einer Holzplatte, auf der ein angeschnittenes Fleischstück lag, und brachte sie hinüber zu den beiden Gästen.

„Es ist aber so, Herr. Wir haben nur wenige große Handelsstraßen hier in der Umgebung, das stimmt schon. Aber wer unsere Herberge kennt, der weiß auch um unseren guten Wein und das Essen, das ich immer selbst zubereite. Da kommen schon mal die Herren aus Augusta Treverorum (Trier), Augusta Vindelicum (Augsburg) oder sogar aus Mogontiacum (Mainz) zu uns.“

Marcus wechselte einen raschen Blick mit seinem Waffengefährten, dann sah er erstaunt zu der Alten auf.

„Das sind doch alles römische Heerlager, die du da aufzählst, gute Frau! Ist denn der Handel schon in dieser Gegend so ausgebaut, dass es Kaufleute gibt, die ihre Wagenzüge zwischen den Lagern bewegen?“

Das war natürlich eine List, um zu erfahren, was die Alte über die römischen Lager und die dort stationierten Legionen aussagen konnte. Doch Marcus hatte sie offenbar zu hoch eingeschätzt, denn nun lächelte die Wirtin, drehte sich wortlos um und ging zu dem Tisch hinüber, an dem sie gerade gespült hatte.

Als sie mit einem Weinkrug und zwei Bechern zurückkehrte und den beiden einschenkte, sagte sie lächelnd: „Ihr scheint Euch nicht sonderlich gut in unserer Gegend auszukennen, Herr. Woher kommt Ihr denn, und was ist Euer Ziel?“

Für solche Gelegenheiten hatte sich Marcus schon eine Geschichte zurechtgelegt und antwortete in der harmlosen Plauderweise, die er auch die ganze Zeit beibehalten hatte:

„Mein Vetter und ich hier stammen aus der Gegend von Uiserra (Werragebiet) oben im Norden unseres Landes. Hast du davon schon gehört?“, erklärte Marcus und nippte an dem Wein. Erstaunt betrachtete er den Becher und musste für sich selbst feststellen, dass er selten einen besseren Wein getrunken hatte.

„Uiserra – nein! Wo soll das liegen?“

„Es ist ein Fluss mit einem wunderbaren, fruchtbaren Tal. Aber wir sind keine Bauern, sondern Krieger, und aus bestimmten Gründen hier unterwegs!“, fügte Marcus hinzu und beobachtete das Verhalten der Alten nach dieser Enthüllung ganz genau. Die aber lachte nur fröhlich auf und ging mit schwerfälligen Schritten zurück zu ihrer Spülstätte. Dabei sagte sie halblaut und mehr zu sich selbst: „Das glaube ich gern, Ihr Herren. Man muss nur einen Blick auf Eure Hände werfen, und dann weiß man, dass Ihr erfahrene Kämpfer seid und eher das Schwert als die Feder führt!“

Marcus starrte verblüfft auf seine Hände, dann lachte er fröhlich auf.

„Du hast noch ein gutes Auge!“, erwiderte er und hielt seine Hände nach oben. „Aber es stimmt, wir haben schon verschiedene Kämpfe bestanden und wollen deshalb jetzt zu Ariovist. Da sind wir doch richtig, oder haben wir den weiten Weg vergeblich gemacht?“

Bei der Nennung des Namens war die Alte kurz zusammengezuckt, aber nur, um sich mit noch größerem Eifer auf die Becher zu stürzen, die sie alle noch einmal in das Spülwasser tunkte und nicht mehr aufsah.

Marcus wartete einen Moment ab, trank noch etwas von dem Wein, und fuhr schließlich fort: „Der Schmied hat uns den Weg gewiesen, als wir nach Ariovist fragten. Das ist doch die Herberge, in der sich alle treffen, die sich ihm anschließen?“

Wieder keine Antwort, aber jetzt hatte die alte Wirtin einen weiteren Krug geschnappt und kam damit zu den beiden Fremden herüber.

„Das kann ich nicht sagen, Ihr Herren, ich kenne jedenfalls keinen Krieger mit einem solchen Namen. Hier ist noch ein Krug voll des guten Weines, den Ihr offenbar zu schätzen wisst. Trinkt und esst, ich lege inzwischen den Riegel vor die Haustür und gehe zu Bett. Ich bin müde und habe heute hier den lieben langen Tag gearbeitet. Löscht bitte die Öllampe aus, der Brennstoff ist teuer und wenn Ihr Eure Augen schließt, braucht Ihr sicher auch kein Licht mehr dazu!“

„Gute Nacht!“, antwortete Marcus und konnte dem zweiten Weinkrug nicht widerstehen. Er schenkte Pluvius und sich erneut ein, während die alte Frau durch eine einfache Holztür verschwand, die sie jedoch hinter sich nur anlehnte.

Die beiden Römer konnten sehen, wie sie in eine Kammer schlüpfte, die sich unmittelbar neben dem Aufgang in das obere Geschoss befand.

„Hat sie etwas gemerkt?“, erkundigte sich Pluvius, kaum dass die Wirtin den Raum verlassen hatte.

„Wie soll sie das? Nein, wir sind am Ziel, Pluvius, wenn ich nur nicht so furchtbar müde werden würde! Der Tag war wohl zu lang für mich, denn ich ...“

Mehr brachte Marcus nicht mehr heraus, weil ihm der Kopf nach vorn sank und er bereits tief und fest schlief, als seine Stirn die Tischplatte berührte.

„Marc, was ist denn?“, erkundigte sich mit besorgter, aber schwerer Stimme Pluvius. „Das Weinchen ist doch ein herrlicher Tropfen, was? Ich nehme noch so einen Krug und dann lege ich mich hier auf die Bank, Marc. Wasss ... meins... du?“, beendete er mit plötzlich schwerer Zunge sein Gespräch.

Im nächsten Augenblick waren die Köpfe der beiden Gäste auf die Tischplatte gesunken, und keiner rührte sich mehr. Auch als nach einer ganzen Weile die Herbergstür zur Treppe in das Obergeschoss erneut geöffnet wurde und ein paar bewaffnete Männer in die Schankstube traten, erwachten die beiden Römer nicht.

Rasch waren sie gefesselt und geknebelt.

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6.

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Marcus wurde durch laute Stimmen in seiner Umgebung wach, öffnete mühsam seine verklebten Augen und versuchte, sich zu orientieren. Es herrschte Dunkelheit in dem Raum, in dem er sich befand, aber als sich die Augen daran gewöhnten, konnte er zumindest die Holzwände erahnen und roch zugleich den erdig-dumpfen Geruch von Rüben, die man hier vermutlich lagerte.

„Pluvius?“, flüsterte er leise und vernahm ein Stöhnen an seiner Seite.

Gut, der Freund war jedenfalls auch hier, vermutlich ebenso gefesselt wie er selbst. Was hatte das zu bedeuten? Offenbar befand sich ein Schlafmittel in dem Wein, den man ihnen gegeben hatte.

Aber aus welchem Grund hatte man sie überwältigt und gebunden?

Jetzt horchte Marcus auf, denn die Stimmen nebenan wurden lauter.

„Das ist doch Unsinn!“, rief jemand mit einer wahren Stentorstimme. „Vielleicht sind es Chatten?“

„Der eine spricht kaum, und wenn, hört sich seine Zunge sehr schwer an!“, antwortete eine etwas brüchige Frauenstimme, in der Marcus glaubte, die Wirtin zu erkennen.

Mühsam gelang es ihm, sich etwas aufzurichten.

Unter der Tür zu ihrem Verlies schimmerte Licht hindurch und erleichterte ihm jetzt die Orientierung.

„Marc?“, kam im Flüsterton die Stimme Pluvius’.

„Pst, wir sind in Feindeshand, keinen Laut weiter!“, warnte ihn der Centurio.

„Aber was ist hier geschehen?“

„Warte, ich kann meine Fesseln lockern!“, antwortete Marcus und schob sich behutsam in die Richtung, in der er Pluvius vermutete. „Vielleicht kannst du mich dabei unterstützten.“

Doch er zuckte zusammen und blieb dann ganz steif liegen, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und das Licht einer Öllampe in der Dunkelheit zu schweben schien. Marcus hatte die Augen zugekniffen, konnte aber durch einen winzigen Spalt das Licht sehen und dahinter nur die Umrisse eines großen Mannes.

„Das sind die beiden? Aber Mathilde, ich verstehe deine Vorsicht nicht! Es ist gewiss gut, wenn du auf der Hut bist, aber wir können doch nicht jeden Krieger, der sich uns anschließen will, erst einmal ausschalten, bevor wir uns mit ihm beschäftigen!“, klang die vorwurfsvolle, jetzt leisere Stimme des Mannes.

„Ach so, und das sagst ausgerechnet du, der mich sonst stets davor gewarnt hat, Fremde in der Herberge übernachten zu lassen, die mir verdächtig erscheinen! Außerdem hat er sich nach Ariovist erkundigt.“

Der Mann drehte sich erstaunt um und wiederholte:

„Ariovist? Die beiden haben den Namen genannt?“

„So wahr ich hier stehe, sonst hätte ich ihnen doch keinen Schlafmohn in den Wein gegeben, Erik!“

Der Mann gab ein Brummen von sich, dann trat er in den Raum und hielt die kleine Lampe über die beiden gefesselten Männer.

„Hm, sie scheinen noch immer zu schlafen. Gut, dann lassen wir sie vorerst hier und sehen morgen weiter. Ich bin von dem langen Ritt wie erschlagen und will mich jetzt auch erst einmal hinlegen. Gute Nacht, Mathilde, und achte mir auf die beiden Krieger. Haben sie nichts zu verbergen, werden sie mir willkommen sein.“

„Keine Sorge, Erik, ich habe einen leichten Schlaf!“

Damit waren die beiden aus dem Raum, die Tür wurde geschlossen, und Marcus stieß erleichtert die Luft aus.

„Jetzt können wir wohl damit beginnen, die Fesseln zu lösen. Meine Hände sind schon ziemlich gut zu bewegen. Wenn du die Stricke ertastest, wirst du mich schnell befreien können – geht es, Pluvius?“

„Ja, ich habe es gleich – warte – so, zieh mal kräftig ... na jetzt ...“

Es gab bei der Kraftanstrengung einen unangenehmen, heftigen Schmerz an den Gelenken, aber dann spürte Marcus, dass er wieder frei war. Rasch löste er seine Fußfesseln und befreite dann auch seinen Gefährten. Dabei waren sie so geräuschlos wie möglich vorgegangen, aber als nebenan im Schankraum eine Diele knarrte, verharrten sie in ihren Bewegungen. Erneutes Dielenknarren, und Marcus sprang auf. „Rasch auf die andere Seite der Tür, Pluvius. Offenbar will man noch einmal nach uns sehen. Ich befürchte, wir haben ...“

Der Centurio verstummte, als sich die Tür langsam öffnete.

Im Schankraum brannte wohl eine weitere Öllampe, die den beiden Römern half, die Gestalt gut zu erkennen, die jetzt ihre Lampe hoch über den Kopf hielt und den Raum absuchte. Als der Mann anstelle der beiden Gefangenen nur noch die Stricke auf dem Boden sah, stieß er einen überraschten Laut aus und trat einen Schritt weiter in die kleine Vorratskammer, die heute als Gefängnis dienen musste. Das aber wurde ihm zum Verhängnis, denn im gleichen Augenblick legte sich ihm mit eisernem Griff ein Arm um den Hals.

Der Germane zappelte und versuchte, sich aus der Umarmung zu befreien, aber vergeblich. Marcus gab nicht nach, auch nicht, als der Überrumpelte ihm heftig gegen das Bein trat. Gleich darauf sank der Körper jedoch schlaff zusammen und der Centurio legte ihn auf dem Boden ab.

Geschickt hatte Pluvius zugegriffen und ihm die Öllampe abgenommen, bevor sie auf den Boden fiel und alles in Flammen aufging. Marcus untersuchte rasch den Ohnmächtigen, entdeckte ein Messer in seinem Gürtel und nahm es an sich. Dann fesselten die beiden den Mann mit den Riemen, mit denen sie gerade noch selbst gebunden waren, und ließen ihn in der Kammer zurück.

Behutsam schritten sie in den Schankraum, sahen sich um und lauschten in das jetzt vollkommen ruhige Haus. Niemand schien etwas von dem kurzen, aber heftigen Kampf gehört zu haben, und gleich darauf verschwand Pluvius aus der Eingangstür, um sich draußen umzusehen.

Marcus durchsuchte inzwischen die abgelegten Sachen des Germanen. In einer Ecke lehnte ein einfacher Speer mit einer langen Spitze und einem Schaft aus Eschenholz, der vom häufigen Gebrauch schon dunkel angelaufen war. Auf einem Wollumhang lag sein Spatha, das einfache Schwert der Germanen. Der Centurio betrachtete es nachdenklich, dann legte er es wieder zurück und setzte sich an einen Tisch. Das erbeutete Messer legte er griffbereit neben sich, als Pluvius wieder eintrat.

„Alles in Ordnung, Marc, es befindet sich außer der Alten niemand weiter in der Nähe. Unsere Pferde sind noch angebunden, das Pferd des Germanen steht brav daneben. Und unsere Sachen liegen hier am Eingang, wo wir sie abgelegt haben.“

Dabei bückte er sich rasch zu dem Bündel und tastete nach ihren Schwertern. Mit einem erleichterten Seufzer richtete er sich auf und ging hinüber zu Marcus, der eine der Öllampen auf dem Tisch vor sich stehen hatte.

„Komm herein und setz dich zu uns!“, rief Marcus plötzlich laut heraus, als Pluvius sich gerade neben ihn setzen wollte. Erschrocken fuhr der Freund herum, denn nun öffnete sich knarrend die einfache Tür zu der Treppe. Dort stand plötzlich die alte Wirtin, mit wirren Haaren und nur mit einem schlichten Kittel bekleidet, wie sie wohl gerade aus dem Schlaf aufgeschreckt war.

„Was macht Ihr da?“, krächzte sie mit kehliger Stimme.

„Wir erholen uns etwas von deinem Wein. Er war etwas zu stark für uns. Jetzt möchte ich gern einen anderen Wein, aber ohne Schlafmittel, verstanden!“

Die Alte stand in der Mitte des Raumes und rührte sich nicht.

„Was ist mit dir? Hol uns einen versiegelten Krug aus deinem Weinkeller und setz dich zu uns, die Nacht ist noch lang!“

Noch immer rührte sich die Alte nicht, aber Marcus stieß ein helles Lachen aus und deutete auf die Tür zum Vorratsraum.

„Du wirst doch wohl den Wein kühl in einem Erdloch lagern, oder warum zögerst du? In diesem Raum, den du uns als Schlafkammer zugewiesen hast, habe ich nur Rüben entdecken können! Also hurtig, ich denke mal, Erik wird auch durstig sein, wenn er erwacht!“

„Erik?“

Die alte Frau drehte sich erschrocken um, aber dann eilte sie zu dem Schanktisch, bückte sich darunter und hob gleich darauf eine Bodenluke auf, die knarrend gegen den Tisch polterte. Während Pluvius zu ihr eilte und sie scharf beobachtete, lehnte sich Marcus an die Wand und wartete ab, bis beide wieder an seinem Tisch standen. Die Wirtin hatte tatsächlich einen neuen Weinkrug mitgebracht, auf dem noch der Verschluss klebte.

Marcus nahm ihn ihr aus der Hand und löste das Bienenwachs, schnupperte dann an der Öffnung und griff zu dem Becher, der auf dem Tisch stand. Etwas Wein befand sich noch darin, den er jedoch achtlos auf den Boden auskippte. Dann kostete er behutsam von dem Tropfen und schnalzte genießerisch mit der Zunge.

„Wunderbar, komm, setzt dich zu uns, Mathilde, und erzähle uns mehr über deine Herberge und deine besondere Art, mit Fremden umzugehen!“, sagte er dann und deutete auf eine der Bänke.

„Nein danke, ich möchte wieder zu Bette gehen, es wird morgen ein langer und anstrengender Tag für mich werden!“

„Daraus wird nichts, Mathilde! Du leistest uns Gesellschaft!“

Doch nach einer weiteren Stunde hatte Pluvius Mitleid mit der alten Frau, die immer wieder am Tisch zusammensank und einschlief. Er geleitete sie in ihre Kammer, vergewisserte sich, dass es von dort keine Fluchtmöglichkeit für sie gab und der Weg nur durch die Schenke führte.

Dann wechselten sich die beiden Legionäre ab, um jeweils auch noch etwas Schlaf zu finden.

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7.

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Am nächsten Morgen war die Wirtin schon früh auf den Beinen, entfachte Feuer in der Herdstelle, hängte einen großen Kupferkessel darüber und schnitt in die wieder aufgewärmte Suppe noch ein paar von den Rüben. Dazu musste sie natürlich in die Kammer mit dem gefesselten Erik gehen, was ihr auf Rückfrage gestattet wurde.

Marcus folgte ihr und betrachtete interessiert ihren nächtlichen Besucher, den sie bei vollem Bewusstsein fanden.

Der hoch gewachsene und kräftig wirkende Germane rollte wild mit den Augen, als er Marcus erblickte, stieß aber nichts weiter aus als einen wütenden Knurrlaut. Der Mann hatte bis auf die Schultern reichendes, dunkelbraunes Haar und einen kräftigen Bartwuchs. Er wirkte durchaus wie ein trainierter Krieger, was auch seine kräftigen Hände mit den zahlreichen Schwielen bewiesen.

Marcus kniete sich neben ihm nieder, das Messer in der Hand.

Jetzt wurde der Mann doch etwas unruhig, denn sein Gegenüber sah nicht sonderlich freundlich dabei aus. Aber schicksalsergeben schwieg er weiter, und erst, als Marcus mit wenigen Schnitten seine Fesseln durchtrennte und er sich etwas ungläubig aufrichtete, sagte der Centurio zu ihm:

„Die alte Mathilde hat ihre Suppe gleich fertig. Steh auf und komm zum Essen zu uns, oder willst du lieber deine Schüssel hier drin ausleeren?“

Erik grunzte etwas Unverständliches, erhob sich steif und begann dann, seine Handgelenke zu reiben. Es wäre ihm ein Leichtes geworden, sich auf Marcus zu stürzen, als der ihm den Rücken zudrehte und in den Schankraum zurückkehrte. Aber irgendetwas hielt ihn davon ab, und das war weniger das eigene Messer, das sein Gegner noch immer in der Faust hielt, als vielmehr die Neugierde auf diese beiden seltsamen Männer, die von einer alten Frau mit einem Schlafmittel betäubt wurden und ihn dann überwältigten, als wäre er ein unerfahrenes Kind.

Bei seiner Rückkehr zu Pluvius deutete Marcus kurz auf seine rechte Hand und nickte leicht dazu. Der Freund verstand sofort, was er damit andeuten wollte.

Auch dieser germanische Anführer trug den silbernen Ring.

Erik schnaubte noch einmal wild durch die Nase, dann stapfte er mit schweren Schritten hinüber zu dem grob gezimmerten Tisch und ließ sich auf die Bank gegenüber fallen.

Hier herrschte weiterhin Schweigen, und die drei Männer musterten sich gegenseitig von Kopf bis Fuß.

Was Erik da sah, beruhigte ihn wieder ein wenig, denn die beiden Fremden unterschieden sich in keiner Weise von seinen eigenen Männern, weder in der Kleidung, noch in der Bewaffnung. Denn Marcus hatte inzwischen ihre Schwerter aus dem Bündel genommen und jeder trug es nun wie gewohnt im Gürtel.

Als Mathilde die drei gut gefüllten und wohl riechenden Schüsseln herbeibrachte und auf den Tisch stellte, tunkte Marcus den klobigen Holzlöffel hinein, probierte vorsichtig von der heißen Flüssigkeit und nickte dann zufrieden.

„Komm, Mathilde, setz dich zu uns und iss mit uns – wir sind nichts Besseres als du, nur einfache Krieger, die ihren Teil dazu tun wollen, die Römer aus dem Land zu verjagen.“

Die Alte warf ihm einen misstrauischen Blick zu, aber als sie Erik anblickte, nickte der nur kurz, und schließlich saß sie neben den Männern und sog schlürfend und schmatzend die dicke Suppe, in der sich reichliche Fleischstücke befanden, in sich hinein. Dabei beobachtete Marcus, dass sie offenbar Schwierigkeiten mit ihren Zähnen hatte, denn die Fleischstücke schob sie alle beiseite und ließ sie in ihrer Schüssel zurück, als sie sich schließlich aufrichtete und Mund und Kinn mit dem Ärmel abwischte.

„Seid ihr Chatten?“

Die Frage kam überraschend aus dem Mund des Bärtigen, und Marcus lächelte ihn freundlich an.

„Nein, sind wir nicht, Erik. Es spielt auch gar keine Rolle, woher wir kommen und wo unsere Sippe wohnte, denn es gibt niemanden mehr davon. Wir wollen gemeinsam mit Ariovist kämpfen, alles andere sollte nicht wichtig sein.“

„Woher habt ihr diesen Namen?“, erkundigte sich Erik und starrte dabei sein Gegenüber an.

„Warum willst du das wissen, Erik? Du fragst uns nach unwichtigen Dingen, anstatt einmal zu fragen, wo wir das Kriegshandwerk gelernt haben. Wir beide – mein Freund Rainulf hier und ich – man nennt mich Marc – haben eine Weile in einem Auxilarheer gedient. Ja, da machst du große Augen, Erik, aber dort haben wir zu kämpfen gelernt und vor allem haben wir dabei eines gelernt: Zu überleben! Und du darfst uns glauben, dass wir gelernt haben, wie die Römer kämpfen! Dieses Wissen, unsere beiden Schwerter und unsere guten Namen sollten dir genügen, um zwei neue Krieger zu bekommen. Ach, und übrigens: Der Name Ariovist wird nicht im Dunkeln geflüstert, sondern immer häufiger auch in den Dörfern genannt, durch die wir kamen!“

Erik schlug die Arme unter und lehnte sich an die Wand zurück.

Man konnte es förmlich sehen, wie es hinter seiner breiten Stirn arbeitete, als er das Gehörte überdachte und dabei die fremden Krieger noch einmal abschätzend musterte.

„Gut“, sagte er schließlich und nickte ihnen zu. „Wir werden sehen, Marc und Rainulf, wir werden sehen. Warum habt ihr mich heute Nacht überfallen und gebunden?“

„Warum hast du nicht sofort unsere Fesseln gelöst?“

Erik starrte Marcus an, dann lachte er plötzlich auf und schlug mit der flachen Hand dröhnend auf die Tischplatte.

„Ja, das ist eine gute Frage, Marc. Ich muss sagen, du gefällst mir. Aber dein Freund Rainulf scheint sehr schweigsam zu sein.“

„Das liegt vermutlich an seiner Herkunft. Er wurde nicht in Germanien geboren, sondern in einem kleinen Land auf der anderen Seite der großen Berge, die man alpina nennt. Aber er versteht unsere Sprache und spricht sie auch, wenn auch mit schwerer Zunge.“

Erik zog die buschigen Augenbrauen hoch, als er sich erkundigte:

„Aber er ist doch kein Römer, oder?“

„Erik, kann es sein, dass du über deine Feinde nicht sehr viel Wissen besitzt? Wie kann er ein römischer Bürger sein, wenn wir in einem Auxilarheer gedient haben? Die römischen Hilfstruppen bestehen aus allen Völkerstämmen, wir verpflichten uns auf fünfundzwanzig Jahre und erhalten dann zum Abschied das römische Bürgerrecht verliehen!“

Erik verzog seinen vom üppigen Bartwuchs fast überwucherten Mund zu einem Lachen.

„Na, das habe ich wohl nicht bedacht, Marc. Aber wenn das so ist – du siehst mir nicht so aus, als hättest du deine fünfundzwanzig Jahre schon abgedient!“

Die drei brachen gemeinsam in ein Lachen aus und hoben ihre Becher, die nun einen etwas verdünnten Wein enthielten.

„Wir werden also sehen, was wir mit euch beiden machen werden, Marc“, ergänzte dann Erik, schon wieder ernster werdend.

„Das bedeutet was für uns?“

„Nichts weiter“, antwortete Erik rasch. „Wir warten nur auf die Rückkehr meiner Krieger. Sie haben die Herberge verlassen, nachdem sie euch in die Vorratskammer sperrten, und halten Ausschau nach den Legionären.“

Instinktiv schlossen sich die Finger des Centurio um den Griff seines Schwertes, als draußen Hufschlag laut wurde. Er warf seinem Freund einen bedeutsamen Blick zu, und Pluvius zog sein Spatha unauffällig und hielt es so, dass er es im Notfall Erik sofort in die Seite rammen konnte.

Aber Erik blieb auf seinem Platz, streckte die Füße weit von sich und zeigte ein überaus zufriedenes Gesicht. Der kräftige Germane sah ganz danach aus, als würde er die Situation genießen.

Und eigentlich hatte er auch allen Grund dazu.

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8.

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Die Tür zur Herberge wurde heftig aufgerissen, und rasch hintereinander traten wild aussehende Krieger herein, sahen sich kurz um und begrüßten dann lachend und lärmend den hünenhaften Erik. Immer mehr Krieger strömten herein, stellten ihre kräftigen Speere in einer Ecke ab und nahmen an den Tischen Platz, während die alte Mathilde sich bemühte, ihnen etwas aus dem großen Kupferkessel in Schalen zu füllen und sie damit zu versorgen.

Einer der Krieger, ein etwas untersetzter Mann, der sich jedoch sehr rasch und geschmeidig durch den Raum bewegte, trat zu Erik und schlug ihm kräftig auf die Schulter.

„Erik, es geht weiter, wir haben eine römische Patrouille noch vor dem Morgengrauen gesehen und sie kunstvoll umgangen, um dann unvermutet zuzuschlagen!“

Der Blick aus Eriks Augen schien regelrecht vor Wut zu sprühen, als er die Hand von seiner Schulter wischte und mit lauter Stimme rief:

„Bei Donar, dem Herrn des Donners, bist du von Sinnen, Wigald? Hatte ich nicht ausdrücklich befohlen, jede Begegnung mit den Legionären zu vermeiden?“

Wigald lachte herzlich heraus und schlug mit der Faust dröhnend auf den Tisch. Dabei sah er sich zu den Gefährten um und antwortete schließlich, noch immer lachend: „Habe ich es euch nicht gesagt? Aber Erik, keine Sorge, es waren nur acht Mann, also vermutlich eine Contubernium, wie die Römer ihre Zeltgemeinschaft nennen.“

Großspurig gab Wigald einem der Krieger ein Zeichen, der eilte rasch hinaus und trug gleich darauf auf seinen ausgebreiteten Armen acht römische Schwerter herein, die er auf den Boden vor Erik und Wigald warf.

Marcus warf Pluvius einen warnenden Blick zu, als er bemerkte, wie sich dessen Miene bei diesem Schauspiel verfinsterte. Aber der Freund hatte sich in der Gewalt, biss die Zähne zusammen und schwieg.

Erik dagegen war aufgesprungen und stand jetzt so dicht vor dem Unterführer, dass sich fast ihre Gesichter berührten.

„Du hast die Soldaten getötet? Bist du vollkommen von den Göttern verlassen, Wigald? Du handelst gegen meinen ausdrücklichen Befehl und gefährdest unsere Mission? Weißt du, was ich jetzt könnte?“

Lachend drehte sich Wigald halb zu den anderen herum und rief laut durch den Raum: „Nun, Erik, du könntest mir danken und mir dafür die Beute schenken. Meine Männer würden sich freuen ...“

Weiter kam er nicht mehr, denn mit einem Wutschrei hatte ihm Erik einen Faustschlag ins Gesicht verpasst und damit erreicht, dass Wigald wie ein gefällter Baum nach hinten auf den Boden krachte, wo er eine Weile besinnungslos liegen blieb, während sich plötzlich eine unheimliche Stille in dem Raum ausbreitete. Niemand wagte eine Bewegung oder ein Wort des Widerstandes.

„Schwachköpfe!“, brüllte Erik. „Einen besseren Hinweis konntet ihr den Legionen ja gar nicht geben, oder glaubt einer von euch, dass man die acht Soldaten nicht vermissen und suchen wird?“

Sein Blick flog von einem zum anderen, während sich Wigald stöhnend aufrichtete.

„Was ist mit euch nur los? Ich dachte, ich hätte einen Haufen erfahrener Krieger um mich versammelt und muss nun feststellen, dass ihr euch wie Kinder verhaltet, die alles für ein Spiel halten! Schande über euch!“

Damit stapfte er wütend an seinen Männern vorbei zur Tür, riss sie so heftig auf, dass sie krachend gegen die Wand schlug und war hinaus, noch bevor einer der versammelten Männer etwas antworten konnte.

Marcus wechselte einen bedeutsamen Blick mit Pluvius, dann widmete er sich ausschließlich dem Inhalt seines Bechers und tat so, als ginge sie das alles gar nichts weiter an. Als sich Wigald mühsam vom Boden erhob und sich an ihrem Tisch festhielt, sah ihn keiner der beiden Legionäre an. Das schien aber den Unterführer der germanischen Kriegergruppe erneut zu reizen, denn jetzt schlug er mit der geballten Faust auf den Tisch und brüllte die beiden an:

„Und ihr? Seid ihr stumme Fische oder was ist mit euch los? Was wollt ihr hier überhaupt? Wer hat euch erlaubt, hier in der Schenke zu sitzen und unsere Suppe zu essen? Und du Milchbart, du wagst es, ein Schwert zu tragen? Bist du überhaupt schon trocken hinter den Ohren, Jüngelchen?“

„Wigald“, antwortete Marcus leise, aber mit einem gefährlichen Unterton, „wir sind gewiss nicht die richtigen Leute, wenn du deinen Ärger an jemand auslassen willst. Wenn du aber Streit suchst, dann helfe ich dir gern, deine Wut in einem Faustkampf wieder zu vergessen. Möchtest du das?“

Bei diesen Worten hatte er sich erhoben und überragte den Germanen um fast eineinhalb Köpfe. Doch das schien Wigald nicht zu beeindrucken.

Mit einem wilden Aufschrei stürzte sich der Untersetzte auf den Centurio, der jedoch nur seinen Arm im letzten Moment hochriss, den Unterarm des Angreifers packte und kräftig nach hinten drückte. Wigald gab einen Schmerzenslaut von sich, erhob jetzt aber die Linke und wollte einen Schlag gegen den Hals seines Kontrahenten ausführen.

Doch mit der rechten Hand hielt er noch immer den Angreifer und schlug ihm nun die linke Faust gegen das Gesicht. Anders als Erik traf er jedoch die Nase, die mit einem hörbaren Knirschen brach und den Getroffenen mit einem Aufschrei zurücktaumeln ließ.

Dann schob sich Marcus ungerührt an ihm vorbei, und auch Pluvius hatte sich erhoben, das Schwert jedoch längst wieder in die Scheide gesteckt. Die beiden angeblichen Germanen wollten gerade aus der Tür ins Freite treten, als sie einen erstickten Aufschrei vernahmen.

Rasch öffnete Marcus die Tür und erstarrte in seiner Bewegung.

Ihre Pferde waren verschwunden, und in einer dichten Reihe standen die römischen Legionäre um die Herberge, die schweren Schilde vor sich gestellt, den Pilum wurfbereit in der Hand. Einer der Soldaten hatte gerade Erik überwältigt und entwaffnet, denn der hünenhafte Anführer lag auf dem Boden, ein Legionär kniete auf seinem Brustkorb und hielt ihm das kurze Schwert an die Kehle. Offenbar hatte sich hier eine ganze Kohorte versammelt, denn mit einem raschen Blick entdeckte Marcus den Centurio, dessen feuerrot leuchtender Federbusch quer auf dem Helm gestellt war und ihn dadurch sofort von seinen Soldaten unterschied.

„Keine Bewegung, ihr Barbaren, wenn euch das Leben lieb ist!“, schrie er mit gewaltiger Stimme zu ihnen herüber. Er sprach das Germanische mit dem typischen Akzent, aber es bedurfte auch keiner weiteren Erklärungen angesichts der auf sie gerichteten kurzen Wurfspeere. Behutsam zogen die beiden Freunde ihre Schwerter heraus und warfen sie vor sich auf den Boden.

Gleich darauf hatte jeder von ihnen links und rechts einen der Legionäre, der sie mit hartem Griff packte, ihnen die Arme auf den Rücken riss und sie fesselte. Dann erhielten sie ein paar aufmunternde Stöße gegen die Schulter und wurden auf diese unsanfte Weise hinter die Reihen der Legionäre gestoßen, während jetzt laute Rufe aus der Herberge erklangen und sich die germanischen Krieger ins Freie drängten.

„Schlag sie nieder, diese römischen Knechte!“, schrie einer der Ersten laut und hatte seinen Speer gehoben, als ihn schon einer der geschleuderten Pilums durchbohrte und mit einem letzten Gurgeln verstummen ließ.

„Ergebt euch, Männer, hier steht eine Hundertschaft der Legionäre, werft euer Leben nicht unnötig weg! Unser Tag wird kommen!“, schrie jetzt Erik aus Leibeskräften zu seinen Männern. Die Legionäre hatten auch ihn vom Boden gerissen und banden ihm die Hände. „Werft die Waffen weg!“, setzte er noch einmal hinzu, bevor er ebenfalls hinter die Linie mit den Schilden geführt wurde.

„Was ist mit euch, Barbaren?“, schrie sie der Centurio an. „Wollt ihr heute sterben?“

Mit einem mürrischen Knurrlaut warf der erste Krieger Lanze und Schwert von sich, langsam folgten die anderen seinem Beispiel. Es verging nur eine kurze Zeit, und die Krieger wurden gefesselt und anschließend mit einem langen Seil hintereinander gebunden.

Auf ein Kommando des Centurios stellten sich die Legionäre auf beiden Seiten neben die Gefangenen, der Offizier stieg auf sein Pferd und gab den Befehl zum Abmarsch. In scharfem Tempo wurden die Gefangenen durch den Wald geführt, während sich Marcus rasch nach allen Seiten umsah und vergeblich nach einer Gelegenheit Ausschau hielt, den Legionären zu entkommen.

Wer sich nicht dem Marschschritt der Römer anpasste, wurde von den anderen mitgerissen und war nach dem ersten, scharfen Einschneiden der Fesseln an den Handgelenken sofort bemüht, den anderen folgen zu können.

Ohne Pause und ohne eine Abweichung ging es auf dem Waldweg bis zu der Kreuzung, und nach einem sehr langen und anstrengenden Marsch schließlich in eines der üblichen römischen Lager, das jederzeit und überall im Land innerhalb ganz kurzer Zeit mit ausgehobenen Gräben versehen und zusätzlich mit rasch abgeschlagenen Hölzern gesichert wurde – so auch hier.

Die Gefangenen schauten sich nicht weiter um, denn solche Kriegslager hatten sie alle mehr als genug gesehen und auch häufig schon angegriffen.

Einige der Männer knirschten vor Wut mit den Zähnen, als man sie unter scharfer Bewachung auf einen freien Platz führte, wo sie sich auf den Boden hocken mussten. Sofort umgab sie ein dichter Ring der römischen Soldaten, und es gab für sie weder Essen noch Trinken, obwohl vielen von ihnen nach dem anstrengenden Marsch und der Tageshitze die Zunge am Gaumen klebte.

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9.

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Das hat uns gerade noch gefehlt, dass wir mit diesen Männern in die Gefangenschaft unserer Leute geraten“, raunte Pluvius seinem Centurio zu, als sie an den Lauten der anderen erkannten, dass zumindest ihre unmittelbaren Nachbarn eingeschlafen waren.

„Ja, aber es ist nicht zu ändern und spielt mir eigentlich in die Hände, Pluvius.“

„Das verstehe ich überhaupt nicht. Wie kann dir unsere Gefangenschaft in die Hände spielen?“

„Warte nur die nächste Stunde ab, Pluvius. Ich habe zwar das germanische Schwert fallen lassen, aber vorher das Messer von Erik am Körper versteckt. Genauer gesagt, in meinem rechten Hosenbein. Und jetzt konnte ich endlich meine Finger so weit bewegen, dass ich den Griff erfasst habe. Allerdings kann ich es nicht nach unten schieben, ohne mir die Klinge in den Fuß zu stechen. Also muss ich versuchen, den dicken Wollstoff mit der Klinge von innen nach außen zu durchbohren. Keine Sorge, das wird mir gleich gelingen, dann suchen wir uns Erik.“

„Was?“

Um ein Haar hätte Pluvius laut herausgerufen, was er von der Idee hielt, die ihm nun sein Centurio erklärte.

„Wir befreien ihn und fliehen mit ihm, Pluvius. Das genau ist mein Plan.“

„Aber – weshalb willst du dich mit diesem germanischen Anführer belasten? Es gibt doch genügend andere, Marc, und dann können wir ...“

„Von vorn beginnen, nicht wahr? Nein, Erik wird mir vollständig vertrauen, wenn ich ihn aus den Händen seiner schlimmsten Feinde befreie. Du kannst mir glauben, das wird funktionieren.“

„Aha. Und die Wachen werden dabei zusehen?“

Marcus verursachte ein Geräusch, das von einem unterdrückten Lachen stammte.

„Beinahe, Pluvius. Hast du den Centurio der Wache nicht erkannt?“

„Nein, sollte ich?“

„Das dachte ich eigentlich. Aber gut, wenn du nicht bemerkt hast, wie er mir vorhin kurz zugenickt hat, dann werden es auch die anderen nicht beachtet haben. Kaeso ist einer der Eingeweihten und weiß, weshalb wir hier sind.“

„Kaseo? Ausgerechnet!“, stöhnte Pluvius, der keine guten Erinnerungen an eine lang zurückliegende Begegnung mit dem ehrgeizigen Offizier hatte. Aber Marcus antwortete ihm nicht mehr, sondern arbeitete verbissen daran, endlich das Messer in die Hand zu bekommen.

Dann lag er plötzlich steif ausgestreckt und zischte nur noch eine Warnung zu seinem Nachbarn. Ein Legionär schritt langsam an den Schlafenden vorüber, musterte sie dabei aufmerksam und hatte den Vorteil, dass das Wachfeuer hinter ihm brannte und ihn deshalb nicht blendete. Kurz blieb er direkt vor den beiden Römern stehen und musterte sie, sodass Pluvius unwillkürlich den Atem anhielt.

Warum bleibt der Kerl ausgerechnet bei uns stehen?, schoss es ihm durch den Kopf. Hat er etwas bemerkt? Hat sich Marcus zu auffällig mit dem Messer verhalten? War es der Centurio Kaseo, der sich einen Spaß mit ihnen machte? Doch den hätte er am Helmbusch auch in der Dunkelheit erkennen müssen.

Doch jetzt gähnte der Mann plötzlich ganz ungeniert, dann schlenderte er langsam weiter, im Halbkreis um die lagernden Gefangenen herum und verschwand schließlich wieder in der Dunkelheit.

„Jetzt, Pluvius, roll dich einmal zu mir herüber!“

Marcus tastete sich nach den noch immer gefesselten Händen des Legionärs und zwängte die Schneide zwischen die Lederriemen. Ein schneller Schnitt, und mit einem tiefen Aufatmen verkündete Pluvius seine Befreiung.

„Erik liegt leider auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes!“, flüsterte Marcus, dann begann er, sich auf allen Vieren durch das Gras zu robben, ohne dabei einen der Schlafenden anzustoßen. Pluvius warf noch einen raschen Blick hinüber zum Wachfeuer, an dem sich die Umrisse von zwei Legionären abzeichneten. Dann folgte er seinem Offizier auf die gleiche Weise, bis er bemerkte, wie sich Marcus offenbar schon an den Fesseln des Germanen betätigte. Doch als auch dessen Riemen zerschnitten waren, zeigte sich ein unerwartetes Hindernis. Die Füße des Anführers waren dick mit denen seines Nachbarn verknotet. Zu seinem nicht geringen Ärger erkannte der Centurio, als er sich darüber beugte, dass es sich ausgerechnet um Wigald handelte, dem er vor Stunden noch das Nasenbein gebrochen hatte. Doch jetzt war auch Erik erwacht und blickte ihn mit weit aufgerissenen Augen fragend an. Der Schein des Feuers spiegelte sich kurz auf der Klinge, und der Germane schloss für einen Augenblick ergeben die Augen, bevor er die wahre Absicht des Mannes erkannte, der sich selbst als Marc vorgestellt hatte.

Dankbar rieb er seine Handgelenke, während sich Marcus an den Fußfesseln der beiden Männer versuchte. Auch Wigald war natürlich erwacht und sah dem Treiben mit leicht aufgerichtetem Kopf zu.

„Achtung!“, drang ein gehauchter Warnruf an das Ohr des Römers, und sofort sank Marcus scheinbar kraftlos auf den Boden.

Er vernahm die vom Gras gedämpften Schritte des Legionärs, der seine Runde erneut vollendete und nun hinüber zum Feuer und seinen Kameraden schritt. Gleich darauf war die letzte Lederschnur durchtrennt, und die vier Männer lagen dicht beieinander.

„Was weiter?“, flüsterte Erik, denn er hatte keine Ahnung, wie sie aus dem gut bewachten Lager entkommen konnten.

„Abwarten. Ich lasse den nächsten Wächter an uns vorübergehen und überwältige ihn dann. Im gleichen Augenblick müsst ihr schon loslaufen, dort hinüber, zum Waldrand. Es gibt dort einen kleinen Fluss, den wir durchqueren müssen.“

„Was? Durch das Wasser?“

„Von mir aus auch über das Wasser, wenn du ein Boot besitzt!“, antwortete Marcus. „Still jetzt, es kommt jemand!“

Lautlos wie ein Schatten erhob sich der Centurio, kaum dass der Legionär an ihnen vorübergegangen war. Pluvius sah noch, wie der Posten zusammenbrach und lautlos in das Gras glitt, da lief er schon mit weit ausgreifenden Schritten in die bezeichnete Richtung.

Es war ihm egal, ob die beiden Germanen hinter ihm waren, aber seine Sorge war unnötig, sie erreichten den Waldrand und gleich darauf das dort befindliche Ufer. Ohne zu zögern sprang Marcus in die dunkle Flut, tauchte kurz unter und strich dann mit kräftigen Bewegungen aus, um gegen die glücklicherweise nicht sehr kräftige Strömung zu schwimmen und das andere Ufer zu erreichen. Dort kroch er unter die dicht zusammenstehenden Büsche und beobachtete die anderen. Der Nächste war Pluvius, der, genau wie auch er, das Schwimmen schon während ihrer sehr harten und anstrengenden Ausbildung erlernt hatte.

Nicht so jedoch die beiden Germanen, die sich zwar redlich bemühten, den Fluss zu durchqueren, aber dabei nur sehr langsam herankamen und immer wieder einmal im dunklen Wasser verschwanden.

In diesem Augenblick erscholl ein lang gedehnter Alarmruf im Lager, und wenig später hörte man die Rufe der Legionäre in dem kleinen Waldstück.

Das verdanken wir dir, Kaseo!, war sofort der erste Gedanke, den Marcus hatte. Der alte Schinder wusste genau, was die beiden Männer beabsichtigten, aber er wollte es ihnen nicht zu leicht machen. Danke, Kaseo, für die vielen schweren Stunden, die du uns bereitet hast! Dir verdanken wir es, dass wir schließlich während der Ausbildung trotz der schweren Ausrüstung schwimmen mussten. Besser als ich es jemals erlernt habe! Marcus konnte sich trotz der Anspannung ein Grinsen nicht verkneifen. Kaseo, der alte Fuchs!

Doch endlich erreichten auch die beiden Germanen unweit von ihnen das Ufer und warfen sich keuchend unter die Büsche.

„Was ist los mit euch, gab es bei eurem Heimatdorf keinen Fluss oder Teich, wo ihr das Schwimmen erlernt habt?“, erkundigte sich Marcus mit ironischem Unterton. Doch die beiden hatten sich zu sehr verausgabt, um antworten zu können. Nach Luft ringend lagen sie auf der Uferbank unter den Büschen, während Marcus das gegenüberliegende Ufer betrachtete. Noch war keiner der Verfolger am Ufer aufgetaucht. Dann drängte Marcus die beiden anderen, endlich aufzustehen und weiterzulaufen.

Irgendwo in der Ferne war Hundekläffen zu vernehmen, und auf diese Richtung hielt der kleine Trupp unter Marcus Führung zu. Er war überzeugt davon, dass sich in der Nähe ein Dorf befand, in dem sie zunächst Unterschlupf finden würden, bevor die römischen Suchtruppen eintrafen.

Außer dem Messer, das ihnen zur Flucht verholfen hatte, verfügten sie über keinerlei Waffen. Diesen Umstand wollte Marcus gern so schnell wie möglich ändern, aber ohne einen weiteren Überfall auf die römischen Legionäre wäre wohl kaum eine Gelegenheit, an Schwerter zu gelangen.

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10.

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Im ersten Morgengrauen betraten sie das Dorf.

Ein grauer Streifen am Horizont zeigte das erste Tageslicht an, aber noch herrschte im Schatten des benachbarten Waldes Dunkelheit über der Ansammlung der wenigen, aus Stein und Holz errichteten, einfachen Häusern.

Der Hund, den Marcus gehört hatte, schien endlich schlafen gegangen zu sein, aber dafür machte sich jetzt ein Hahn bemerkbar. Er krähte zweimal, dann kam ein dritter, fast krächzender Laut, und das Dorf lag wieder still und wirkte wie verlassen auf die vier Männer, die beim ersten Haus angehalten hatten und sich umsahen, ob irgendwo die erste Tür geöffnet wurde.

Sie mussten nicht sehr lange warten, es war beim ersten, etwas abseits stehenden Haus, dass sich knarrend eine einfache Holztüre öffnete, die im unteren Bereich durch das häufig die schlichte Dorfstraße hinablaufende Regenwasser bereits faulte.

Marcus war an der Tür, als eine junge Frau heraustrat, einen einfachen Holzeimer in der Hand. Bei seinem Anblick stieß sie einen leisen Ruf aus und versuchte, in das Haus zu gelangen, um die Tür zuzuschlagen.

„Warte!“, rief Marcus und sprang hinzu, um zu verhindern, dass die Frau den Riegel vorlegte und womöglich nicht mehr zu bewegen war, die Tür erneut zu öffnen. „Wir brauchen Hilfe! Die Römer ...“

Die junge Frau verharrte auf der Schwelle und drehte sich wieder zu dem Fremden um.

„Die Römer? Sind sie euch auf der Spur?“

Marcus nickte rasch, und jetzt trat die junge Frau wieder zurück auf die Dorfstraße, musterte rasch die vier Männer und nickte ihnen dann zu.

„Ihr seid Krieger Ariovists?“

Noch bevor einer der anderen antworten konnte, trat Marcus einen raschen Schritt vor und griff nach der Hand der Frau, die ihn erschrocken ansah, ihm aber die Hand nicht sofort wieder entzog.

„Du weißt es?“, flüsterte er.

„Natürlich. Jeder im Land weiß es. Ariovist ist zurückgekehrt, um sein Volk zu retten. Die Römer haben davon erfahren und jagen ihn. Jeder männliche Germane, der älter als zwölf Jahre ist, wird von ihnen verfolgt, festgenommen und verschleppt. Wir haben in den vergangenen zwei Wochen bereits fünf junge Männer verloren!“

Marcus musterte die Frau erstaunt.

Sie hatte wie er blonde Haare, blaue Augen und ein ausgesprochen hübsches Gesicht. Es war nicht die Schönheit der sinnlichen Frauen in Rom, die er trotz seiner Jugend kennen und lieben gelernt hatte. Nicht deren Eleganz in den Bewegungen, nicht deren koketter Augenaufschlag, nicht deren Hüftschwung, wenn sie über die gepflasterten Straßen Roms schritten.

Diese Frau hatte etwas ganz Besonderes. Sie wirkte auf Marcus wie ein Stück der Natur, hatte etwas an sich, das ihn fesselte und zugleich verzauberte. Er konnte sich nicht erklären, weshalb er plötzlich von dieser Erscheinung so magisch angezogen wurde, aber als er etwas sagen wollte, spürte er plötzlich einen Kloß im Hals, der ihn zum Stottern brachte.

„Aber Ariovist ist eine Legende, ein Held, der seit vielen, vielen Jahren tot ist. Wie kommt es, dass überall von seiner Rückkehr gesprochen wird? Wie kommt es, dass sich germanische Krieger versammeln, um in seinem Namen unsere Peiniger aus dem Land zu jagen? Wie kommt es, dass Frauen wie du seinen Namen erwähnen, ohne vor Angst schreiend aus dem Haus zu laufen? Die Römer werden ihn finden und töten, ist dir das klar?“

Diese Worte sprudelten ihm aus dem Mund, noch bevor er darüber nachdenken konnte. Jetzt, wo er sie ausgesprochen hatte, erschrak er. Wie kam er dazu, solche Gedanken gegenüber einer wildfremden Frau auszusprechen? Was hatte diese germanische Schönheit für eine Macht, dass er sich ihr gegenüber frei äußerte?

Marcus trat einen Schritt zurück und senkte den Blick.

Das jedoch hatte eine unerwartete Reaktion der Frau zur Folge.

Sie folgte seinem Schritt, stand womöglich noch dichter vor ihm, legte ihm die Hand auf den Unterarm und sprach mit weicher, warmer Stimme:

„Ich weiß nicht, wer du bist und woher ihr kommt. Aber es müssen die Götter sein, die euch heute hierher geführt haben.“

„Ich verstehe dich nicht!“, antwortete Marcus und versuchte, sich aus dem Bann der blonden Frau zu lösen. Er spürte, dass hier etwas gegen seinen Willen geschah, und er es nicht verhindern konnte.

„Kommt ins Haus, mein Vater wird bald aufstehen und hungrig sein. Ich nehme an, auch ihr habt Hunger. Wenn ihr mit Getreidebrei zufrieden seid, so werden heute alle satt – zum Mittagessen verspreche ich euch dann Fleisch! Wir haben Glück bei der Jagd gehabt, und weil mein Vater nicht mehr in der Lage ist, dem Wild nachzustellen, erhalten wir von der Beute unseren Anteil. Ich werde dem Dorfältesten von eurer Ankunft berichten – dann wird es keine Probleme bei der Zuteilung geben!“

Marcus verharrte noch immer auf seinem Platz und verschlang die Gestalt der Schönen mit den Augen. Unter dem schlichten Wollkleid zeichnete sich ein Körper ab, der seine Begierde weckte. Die sanften Rundungen verlockten ihn. Er wollte sie berühren, sanft darüberstreichen und sie in seine Arme nehmen. Gewaltsam riss er sich aus seinem kurzen Tagtraum und antwortete mit rauer Stimme:

„Das wird nicht nötig sein, wir sind mit Gerstenbrei und vielleicht etwas Bier vollkommen zufrieden und möchten den Frieden eures Hauses nicht stören!“

Die Blonde sah ihn verwundert an.

„Du musst aus dem fernen Norden kommen, Fremder, wenn du so wenig mit unseren Bräuchen vertraut bist. Jeder friedliche Fremde ist uns willkommen, und was uns gehört, ist auch deines! Tretet ein und seid unsere Gäste!“

Damit drehte sie sich lächelnd um und ging nun wirklich zurück in das kleine Haus mit der niedrigen Tür, unter der sich Marcus tief bücken musste. Dann stand er in einem Raum, der gerade genug Platz für vier Personen an einem schlichten Tisch bot – aber auch kaum mehr.

Als die blonde Frau dann eine kleine Tür zur winzigen Schlafkammer öffnete, fiel der Blick der Männer auf ein Lager mit einem alten Mann, der sich nur mühsam aufrichten konnte. Als seine Tochter hinzu trat und ihm half, kam er langsam in die Lage, sich auf der Kante seiner Lagerstatt aufzurichten und seine noch sehr lebendigen Augen auf die Fremden zu richten.

Als er Marcus ansah, zuckte er sichtlich zusammen.

Dann hob er eine zitternde, von dunklen Flecken übersäte Hand und deutete auf den Centurio.

„Vor diesem Mann musst du dich hüten, Kind!“, sagte er kaum vernehmbar mit einer brüchigen Greisenstimme. „Er ist einer von denen, die dich mit Haut und Haar verschlingen werden. Ich habe dir schon von dieser Sorte Männer erzählt, als du auf meinen Knien gesessen hast und meinen Geschichten gelauscht hast. Sie haben diesen Blick, der bis in das tiefste Innere geht, sie haben diese Art, die ihr Frauen so an den Männern liebt. Aber sie können nie an einem Ort bleiben, nie eine einzige Frau lieben. Ich bitte dich, Anselma, halte dich von ihm fern. Noch besser – schicke ihn noch heute fort, bevor es zu spät ist!“

„Aber Vater, das sind Krieger, die für unsere Freiheit kämpfen werden! Sie sind etwas Besonderes, das habe ich sofort gespürt. Ich biete ihnen Unterkunft und etwas zu Essen, denn sie werden uns beschützen! Schon gestern wurden Legionäre in der Nähe gesichtet!“, erklärte Anselma und führte ihren Vater zu dem aus einem Baumklotz geschlagenen, einfachen Sitz, wo sich der alte Mann behutsam niederließ. Er war dabei so vorsichtig, als fürchte er, sich daneben zu setzen und dann nicht wieder aufstehen zu können.

Als ihr Vater sicher saß, begab sich die junge Frau zur Feuerstelle, die sie schon angeblasen hatte, bevor sie aus der Haustür trat um frisches Wasser zu holen und dabei auf die Geflohenen traf.

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11.

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Seltsam berührt sah sich Marcus um.

Es war nicht das erste Mal, dass er in einem germanischen Haus saß und das Leben dieser Menschen, die er insgeheim als Barbaren bezeichnete, erlebte. Doch hier an diesem Ort schien heute alles anders zu sein. Seine Blicke verfolgten Anselma, und als sie sich vor der Herdstelle in die Knie hockte und das Feuer erneut anblies, weil es nicht richtig brennen wollte, konnte er sich nicht mehr länger zurückhalten. Mit ein paar raschen Schritten war er neben ihr, ging ebenfalls in die Hocke und blies aus Leibeskräften in die Glut. Die Flammen loderten auf, und als er seinen Versuch wiederholte, prasselte das Feuer in dem Reisigbündel, das die blonde Frau noch einmal auf die Holzstücke gelegt hatte.

Dankbar lächelte sie ihm zu, und Marcus sah in ihre Augen und dachte, dass sie von einem so magischen Blau waren, wie ein tiefer See in den großen Bergen, den alpina, die Germanien von seiner Heimat trennten. Heimat? Zum ersten Mal kam ihm der seltsame Gedanke, dass er doch eigentlich hierher gehörte! Er stammte aus diesem Land, war vielleicht in einem solchen Haus geboren, wuchs die ersten Lebensjahre in einer dörflichen Umgebung auf.

„Entschuldige, ich habe geträumt!“, sagte er verlegen, als ihm bewusst wurde, dass Anselma etwas zu ihm gesagt hatte.

Sie lachte und sah verlegen auf den Boden.

„Ich habe gesagt, dass das Feuer nun gut brennt. Du kannst mein Hand loslassen.“

Erschrocken starrte er auf seine rechte Hand, die tatsächlich ihre Linke gefasst hatte, als wolle er sie noch vor dem Herd zurücklassen. „Du solltest dich vorsehen“, fügte sie dann leise hinzu. „Mein Vater beobachtet uns. Er kann zwar nicht mehr gut sehen, ist aber sehr misstrauisch!“

Mit einem leisen Hüsteln richtete sich Marcus auf und warf einen raschen Blick zu dem alten Mann hinüber, der jedoch im leisen Gespräch mit Erik vertieft war und sie offenbar nicht weiter beachtete. Noch einmal spürte Marcus die Nähe der jungen Frau, nahm ihren Geruch war, der an ihren Kleidern haftete und ihn an die frische Mahd einer Sommerwiese erinnerte. Und noch etwas spürte Marcus. Seine Männlichkeit regte sich, und bevor Anselma das ebenfalls wahrnehmen konnte, wandte er sich rasch ab und ging mit drei großen Schritten zum Tisch hinüber. Sehr viel mehr Platz gab es auch kaum in dem Haus, drei Schritte vom Herd zum Tisch, drei Schritte vom Tisch zur Tür.

Das helle Sonnenlicht fiel jetzt durch die schmale Fensteröffnung und verfärbte die dort davor gespannte, dünn geschabte Tierhaut golden. Auch der heutige Tag würde wieder sehr warm werden, und alles schien sich nach dem so dringend erwarteten Regen zu sehnen. Jedenfalls rief aus dem benachbarten Stall eine Kuh blökend, und Anselma, die gerade den Getreidebrei in die Schalen verteilt und auf den Tisch gestellt hatte, griff lachend zu einem aus einem großen Stück Leder gefertigten Eimer und wollte hinaus gehen, um das Vieh zu versorgen.

„Warte, ich helfe dir!“, sagte Marcus halblaut und sprang auf, um hinter der jungen Frau das Haus zu verlassen. Dabei vermied er einen Blick zu dem alten Mann, der ihm kopfschüttelnd nachsah.

„Das ist nun aber gar nicht so die Art unserer Männer“, sagte Anselma, als sie die Stalltür öffnete und drei Kühe sich erwartungsvoll zu ihr umdrehten. „Sie halten es für unter ihrer Würde, einer Frau im Stall zu helfen!“

„Mir macht das nichts aus, Anselma!“, antwortete Marcus fröhlich.

„Gleich neben dem Stall haben wir einen kleinen Brunnen. Während ich ihnen etwas Heu vorwerfe, könntest du mit dem Eimer Wasser holen – wenn du das machen willst!“

Dabei reichte sie ihm das Gefäß mit einem so süßen Lächeln, dass Marcus auch bereit gewesen wäre, zum Flussufer zu laufen und einen Graben für sie bis zum Stall auszuheben. Als sich ihre Hände berührten, durchlief ihn ein seltsames Gefühl, und fast hätte er sie in diesem Moment in die Arme gerissen und geküsst. Aber schon drehte sich die Blonde um und griff zu einer hölzernen Forke, um aus dem Hintergrund des Stalles Heu heranzuschaffen. Marcus ging, tief in Gedanken versunken, zum Brunnen, ließ den dort an einer Holzstange befestigten Eimer hinunter und füllte den Inhalt dann in den Ledereimer um, kehrte in den Stall zurück und ließ sich von Anselma zeigen, wo die Viehtränke stand. Als er zum dritten Mal mit dem gefüllten Eimer zurückkehrte, schlug ihm das Herz bis zum Hals. Der Anblick, der sich ihm bot, ließ ihn alle Vorsicht vergessen. Die junge Germanin war dabei, die Kühe zu melken, und als er ihre langen, schlanken Finger an den Zitzen der Euter beobachtete, wie sie auf und ab fuhren und die weiße Milch in den Eimer spritzte, da war es mit seiner Beherrschung vorüber.

Sanft legte er den Arm um ihre Schultern und beugte sich über sie, wobei sein Blick in den Halsausschnitt auf ihre schön geformten, schneeweißen Brüste fiel, die bei jeder Bewegung des Melkens auf und ab schaukelten. Ihr Blick war etwas verwundert, als sie seinen heißen Atem im Nacken spürte, ihre Bewegungen wurden langsamer. Dann küsste Marcus ihren Halsansatz und fuhr so zärtlich mit seinen Händen über ihre Schultern hinab zu ihrem Brustansatz, liebkoste beide Brüste und Anselma spürte, wie sich ihre Brustwarzen aufrichteten und etwas in ihrem Schoss in Bewegung geriet, das sie sich nicht erklären konnte.

Aber gleich darauf hatte sie ihre Tätigkeit eingestellt, wandte sich zu Marcus um und spürte seine Lippen auf ihren, sanft, zart, und doch irgendwie drängend. Dann war seine Zunge zwischen ihren Lippen, umkreiste sie spielend und Anselma öffnete ihren Mund, um gleich darauf in einem wilden Spiel die Zungen umeinander kreisen zu lassen. Mit einem Seufzer reagierte sie auf die starken Arme, die sie plötzlich umfassten und ein Stück durch die Luft trugen, bevor sie sanft in das Heu gelegt wurde und gleich darauf die Liebkosungen fortgesetzt wurden.

Anselma kam nicht mehr zur Ruhe, drehte und wand sich lustvoll unter den Händen des jungen Mannes, die plötzlich überall zu sein schienen. Etwas Hartes berührte sie in ihrem Schoß, und erschrocken hielte sie inne, wollte ihn unwillkürlich abwehren, aber ein erneuter Kuss ließ ihren Widerstand ermatten. Plötzlich ein scharfer, stechender Schmerz, der sie aufbäumen ließ, gefolgt von etwas, das tief in sie einzudringen schien und sich dann in einem seltsamen Rhythmus in ihr bewegte. Der Schmerz war längst verschwunden, was folgte, war eine warme, weiche Welle der Lust nach der anderen. Immer wilder wurden die Bewegungen in ihr, und auch sie bäumte sich auf, stieß mit dem Unterleib ihm entgegen, und in einem gellenden Lustschrei entluden sich ihre Gefühle wie bei einem Blitzeinschlag. Anselma atmete heftig, aber die Wellen kamen noch immer wieder über sie, und als Marcus sie erneut zärtlich streichelte und sein Mund auf ihrem lag, wünschte sie sich nichts sehnlicher, als dass dieser Moment zurückkehren möge. Erneut begann sie, sich unter ihm auf und ab zu bewegen, als plötzlich ein gellender Schrei beide erstarren ließ. Im nächsten Augenblick riss sich Marcus von ihr los und hinterließ ein hässliches Gefühl der Leere in dem Bereich, in dem es noch immer warm und pulsierend nie gekannte Gefühle durch ihren Körper schickte.

Marcus allerdings hatte seine Kleidung rasch geordnet und die Stalltüre geöffnet. Im Dorf wurde noch mehrfach laut gerufen, ohne dass er den Grund dafür erkannte. Jetzt trat Erik aus der Tür, einen dicken Holzknüppel in der Hand, und machte ihm ein Zeichen. Wigald mit seiner fürchterlich angeschwollenen und blaurot verfärbten Nase folgte, schickte einen finsteren Blick in seine Richtung und deutete hinüber zum Dorfrand. Jetzt erkannte auch Marcus dort eine Bewegung, und in der Erkenntnis, dass sich Legionäre näherten, trat er in den Stall zurück.

Nichts von dem gerade Erlebten schien Anselma noch anzuhaften, obwohl sie sich mit einer grazilen Bewegung ein paar Heureste aus den langen, blonden Haaren wischte und neben Marcus trat, um die Ursache für die Schreie zu hören.

„Soldaten! Schnell hinüber ins Haus, helft mir, meinen Vater in das Versteck zu schaffen!“

Instinktiv handelte Marcus, griff ihre Hand und zog sie hastig hinüber zum Haus. Noch war kein einziger Römer auch nur in der Nähe des kleinen Anwesens zu sehen, aber die Schreie in der Nachbarschaft wurden lauter und gingen in grässliche Schmerzenslaute über, als die Legionäre auf die ersten, nur mit Feldgeräten und Knüppeln bewaffneten Dorfbewohner stießen und sie erbarmungslos niederstachen.

Pilum und Gladius begannen ihre blutige Ernte, während Marcus den Germanenführer Erik an der Schulter packte und mit sich riss.

„Wir müssen ins Haus, hier gibt es kein Entkommen mehr!“, schrie er ihm zu. Tatsächlich fiel Eriks Blick jetzt auf eine zweite Abteilung der Legionäre, die in Marschform von der anderen Seite über einen kleinen Hügel auf das Dorf vorrückten.

Gleich darauf schlossen die vier Männer die Tür hinter sich, und Anselma deutete auf ihren Vater, der mit weit aufgerissenen Augen das Geschehen um sich betrachtete.

„Habt ihr keinen Holzbalken zum Verriegeln der Türe?“, rief Marcus und sah sich vergeblich um.

„Nein, nein, das Haus muss offen bleiben, sonst zünden sie es an. Hier herüber, Marcus, hilf mir mit dem Versteck, wir müssen zuerst meinen Vater hinab lassen, dann folgen wir. Es wird eng werden, aber bislang blieb unser Versteck bei ähnlichen Fällen unentdeckt.“

Marcus half ihr, eine der Steinplatten anzuheben, unter der ihn ein dunkles Loch angähnte, aus dem modriger Geruch aufstieg.

„Da hinein? Ist das dein Ernst? Wenn die Soldaten das Haus anzünden, werden wir in der Erdhöhle gekocht wie ein Kaninchen!“

Trotz der bedrohlichen Lage huschte ein Lächeln über das Gesicht der schönen Anselma. „Dass du jetzt an Essen denken kannst, Marc! Aber keine Sorge, das ist kein einfaches Erdloch. Hilf mir jetzt mit meinem Vater!“

Marcus legte sich rasch auf den Boden und starrte hinunter.

„Es ist besser, wenn ich zuerst hinunter steige und dann deinen Vater in Empfang nehme!“, antwortete er und war im nächsten Augenblick in dem Loch verschwunden. Er spürte gleich darauf Halt und stellte fest, dass er kaum aufrecht stehen konnte. Also ergriff er die Beine des Alten und bugsierte ihn so behutsam wie möglich hinunter, setzte ihn sanft auf den Boden und hatte den Gedanken, dass er noch vor wenigen Momenten auf ähnliche Weise seine Tochter getragen und abgelegt hatte. Doch beschämt verdrängte er rasch den Gedanken an die wunderbare Zeit im Stall und hatte gleich darauf die anderen neben sich in dem engen Erdloch. Als letzte folgte Anselma, die mit großer Mühe die Steinplatte wieder über die Öffnung zog und dann noch etwas zurechtrückte.

„Hier sollen wir abwarten, ob man uns entdeckt?“, ließ sich zum ersten Mal die Stimme Wigalds vernehmen. „Das halte ich nicht aus. Da nehme ich lieber einen Knüppel und erschlage noch einen oder zwei Legionäre, bevor sie mich im ehrenvollen Kampf töten!“

„Rede keinen Unsinn, Wigald!“, fauchte ihn in ungewohnter Schärfe die junge Frau an. „Wir opfern keinen Krieger auf so sinnlose Weise! Es ist schlimm genug, wenn sie die alten Männer und Frauen im Dorf töten, bevor sie in den Wald fliehen können. Aber wir haben hier einen Fluchtweg, der uns Rettung bringt. Ihr müsst allerdings auf Händen und Knien kriechen, der Gang ist nicht höher.“

Damit drängte sie sich an den Männern vorüber, verharrte kurz bei Marcus, der ihre Hand in der Dunkelheit suchte, und kniete sich dann am Ende des höheren Einstiegsbereiches hin. Gleich darauf krochen alle langsam in dem Gang weiter, und dieser Weg kam Erik und Wigald vor, als würden sie direkt nach Utgard kriechen, in das geheimnisvolle, kühle Reich der Toten. Kühl war es tatsächlich hier unter der Erde, denn die Sonne war noch nicht hoch genug, um die dicke Erdschicht über ihnen auch nur im äußersten Bereich zu erwärmen. Aber keiner der beiden Germanen verlor ein Wort darüber, nur Wigald zerdrückte einmal einen Fluch zwischen den Zähnen, weil der alte Mann sie beim Kriechen immer wieder aufhielt. Der Gang verlangte von ihm alles, und erschöpft musste er immer wieder innehalten und nach Luft schnappen.

Anselma hatte glücklicherweise darauf bestanden, dass er als zweiter in den Gang kroch, unmittelbar hinter ihr. Sie traute den anderen vermutlich zu, dass sie den alten Mann auch einfach zurückgelassen hätten.

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12.

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Sie schafften es tatsächlich, obwohl die Männer auf dem letzten Teil ihrer Flucht den alten Mann abwechselnd auf dem Rücken tragen mussten. Er war am Ende seiner Kräfte und bat mehrfach darum, ihn einfach liegen zu lassen.

„Niemals, Aberlin, hörst du? Das könnte ich mir niemals verzeihen!“, antwortete ihm Marcus, als der Alte erneut mit matter Stimme bat, ihn einfach liegen zu lassen.

Jetzt erkannten sie in der Flussbiegung im Tal von ihrem erhöhten Standpunkt das mit hölzernen Palisaden eingefasste Lager der germanischen Streitkräfte.

Jubelnd deutete Anselma von ihrem Hügel auf das in der Sonne friedlich wirkende Bild. Es war um die Mittagszeit, und die Sonne stach von dem wolkenlosen, blauen Himmel herunter und schien den müden Flüchtlingen auch noch das Letzte abzuverlangen.

Doch als sie endlich mit stolpernden Schritten vor der festen Einfassung standen und von den Wachen angerufen wurden, da drohte die junge Frau, plötzlich zusammenzubrechen. Marcus hatte gerade ihren Vater vorsichtig von seinem Rücken ins Gras sinken lassen, als er sah, wie sie unvermutet hin und her schwankte. Mit einem Satz stand er neben ihr und fing die Ohnmächtige auf. Behutsam legte er sie neben ihren Vater, als auch schon ein bewaffneter Kriegertrupp aus dem Lager gelaufen kam und vor ihnen Aufstellung nahm. Doch es genügte ein kurzes Wort von Erik und die erhobene Hand mit dem glänzenden Ring, und die Männer steckten ihre Schwerter zurück, griffen dem alten Mann unter die Arme und wollten auch die wieder zu sich gekommene Anselma aufnehmen, aber Marcus wehrte sie mit einer entschiedenen Geste ab, nahm sie selbst wieder auf die Arme und trug sie bis zu dem Zelt, das man ihnen im Lager anwies.

Verwundert hatte er sich auf dem Weg durch das Tor umgesehen und festgestellt, dass die germanischen Gegner offenbar einiges von den Römern gelernt hatten. Einfache, schlichte Zelte standen wie bei den Legionären in Lagergassen aufgereiht, die Umfassung des Lagers war aus stabilen, festen Stämmen ausgeführt und mit den kurzen Wurfspießen, dem Gêr, bewaffnete Krieger schritten wachsam daran auf und ab. Sogar einen hölzernen Turm gab es, auf dem Marcus mit geübtem Blick Bogenschützen erkannte.

Anerkennend nickte er leicht vor sich hin, denn dieses Germanenlager würde einem Angriff Widerstand leisten können. Das hier war nicht irgendein unbefestigtes Dorf mit alten Männern. Hier mussten die Legionäre zeigen, was sie in den langen Monaten ihrer harten Ausbildung gelernt hatten.

Und Marcus hatte sofort die Schwachstelle des Lagers erkannt.

Zu geeigneter Zeit würde er sie sich für seine Pläne zunutze machen.

Vorerst galt es jedoch, neue Kräfte zu sammeln, sich auszuruhen und vor allem – sich zu bewaffnen.

Nachdem sich Erik bei den hier versammelten Häuptlingen gemeldet hatte, kehrte er nach Verlauf einer guten Stunde mit strahlendem Gesicht zu den anderen zurück. Alle hatten inzwischen ausreichend gegessen und getrunken, und Marcus die Gelegenheit genutzt, und sich gründlich umgesehen.

Den Rundgang durch das Lager hatte er allein unternommen, um nicht zu sehr aufzufallen. Trotzdem spürte er, wie ihm überall misstrauische Blicke begegneten, und als er hinunter zum Wasser ging, das für dieses Lager wichtig war, spürte er förmlich die Blicke in seinem Rücken.

Aber harmlos schlendernd ging er zum Ufer, wo einige Frauen damit beschäftigt waren, Wäsche zu waschen. Er tat so, als suche er nach einem geeigneten Ort, um sich zu erleichtern, und eine der Frauen rief ihm lachend etwas zu und deutete auf ein etwas entfernteres Gebüsch.

„Danke schön, ich dachte mir bereits, dass die Stelle nicht oberhalb von eurer Waschstelle sein musste!“, rief er zurück und erntete dafür ein lautes Kichern der Frauen.

Es waren alle Altersgruppen versammelt und mit der Wäsche beschäftigt, und während Marcus am Ufer der bezeichneten Stelle zuschritt, blickte er in zahlreiche von der Sonne gebräunte Gesichter. Einige der Frauen waren echte Schönheiten, hatten ihre blonden oder dunklen Haare für die Arbeit zu Zöpfen gewunden und aufgesteckt, und eine unter den eifrig ein Stück Wolle spülenden Frauen zog seinen Blick geradezu magisch an. Ihr kupferfarbenes Haar glänzte in der Sonne, aber auch ihr üppig geformter Körper, der bei ihrer Tätigkeit auf und ab fuhr und dabei ihre Brust in heftige Bewegungen versetzte, ließ ihn kurz verharren.

Marcus hatte plötzlich wieder eine trockene Kehle, obwohl er seinen Durst schon lange gelöscht hatte.

Dann aber schalt er sich selbst einen Narren und hatte bei dem Gedanken an die schöne Anselma so etwas wie Schuldgefühle. Gerade wollte er seinen Weg unterbrechen, als ihn die Kupferhaarige entdeckte und sich aufrichtete. Ihr einfaches Kleid war bei dem Waschen selbst nass geworden und legte sich jetzt wie eine zweite Haut um ihre Rundungen. Sie lächelte ihn an und entblößte dabei ein Gebiss mit schneeweißen Zähnen.

Wie gebannt blieb Marcus mitten in seiner Bewegung stehen, und als die Frau ein paar Schritte auf ihn zu machte und er erkannte, dass sie dunkelgrüne Augen hatte, war er gefangen.

„Du siehst aus, als möchtest du ebenfalls waschen!“, rief ihm die Kupferhaarige mit einer wohlklingenden, gutturalen Stimme zu. Als er den Mund öffnete, um etwas zu entgegnen, stand sie direkt vor ihm und sah ihm tief in die Augen. Doch der Moment verging rasch, als sie sich abrupt umdrehte und etwas vor sich hin murmelte, das er nicht verstand.

„Ich bin ...“, stammelte Marcus, aber jetzt hatte es die Frau plötzlich sehr eilig. Sie hatte ihr Wäschestück zusammengerafft und eilte zum Lager zurück, ohne sich noch ein einziges Mal umzusehen.

Als Marcus einen Schritt in ihre Richtung machte, hielt ihn das helle Lachen der Frauen am Ufer zurück. Benommen schaute er von einer zur anderen, und dabei musste er wohl so seltsam ausgesehen haben, dass er einen erneuten Lachsturm bei den Wäscherinnen verursachte.

„Mach dir nichts draus, Fremder! Sie ist eine Schwester der Gullveig, wenn du verstehst!“

„Gullveig?“ Marcus kramte in seinen Erinnerungen. Er hatte einmal von einer Göttin gehört, die diesen Namen trug, aber damit konnte er nichts verbinden. Ohnehin waren ihm die germanischen Götter kaum noch bekannt, und er musste sich im Gespräch mit anderen hüten, versehentlich einen römischen Gott zu nennen.

Erneutes Lachen antwortete ihm.

„Woher kommst du, Fremder? Aus dem Norden? Gibt es bei euch nicht die Geschichte von der Göttin Gullveig, die verborgene Schätze hütet? Die rothaarige Serena hat dir wahrscheinlich ins Herz gesehen! Und was sie dort gesehen hat, hat ihr wohl nicht gefallen!“

Erneut lachten die Frauen laut heraus, und Marcus eilte jetzt mit raschen Schritten zu der Stelle, die von den Lagerbewohnern als Abtritt verwendet wurde. Als er sich hinter dem Gebüsch den Blicken der Wäscherinnen entzogen hatte, spürte er, wie heftig sein Herz schlug.

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13.

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Ein lang gezogener, klagender Laut riss Marcus aus seinen Träumen. Er war ein ausgebildeter und kampferprobter Legionär, der wusste, was das zu bedeuten hatte. Das Alarmhorn, das die nächtliche Stille des Lagers durchdrang und die Männer von ihren Ruhestätten aufspringen ließ, bedeutete einen Angriff.

Erik und Wigald waren nicht auf ihren Plätzen, die alle nach dem Abendessen im oder um das kleine Zelt eingenommen hatten. Nur Pluvius befand sich an seiner Seite und hatte bereits das germanische Kurzschwert in der Hand, das jeder von ihnen durch die Vermittlung Eriks erhalten hatte. Der Mann, der ihnen die Waffen gab, machte dabei eine finstere Miene, denn die Schwerter waren knapp in diesem Lager. Die meisten Krieger waren mit Lanzen bewaffnet, dazu gab es einige Bogenschützen, aber für die Größe des Lagers viel zu wenig.

Alles um sie herum war jetzt in Bewegung geraten, die Männer eilten zu den Palisaden, und der erste Gedanke, den Marcus klar fassen konnte, galt Anselma und ihrem Vater. Er hoffte, dass sie im Zelt schliefen und trat ein. Doch ihr Lager war unberührt, niemand hielt sich im Zelt auf.

Lautes Geschrei von der Umzäunung kündete vom Beginn des Kampfes, und als wäre das nicht schon beunruhigend genug, flog plötzlich ein feuriger Ball über die hölzerne Umfassung und landete genau auf dem Versammlungsplatz der Häuptlinge.

Brennendes Öl oder Pech breitete sich rasch aus, erfasste die Zelte in der Nachbarschaft und gab der Szenerie eine unheimliche Beleuchtung.

„Wo ist Anselma?“, schrie Marcus durch den um sie aufbrandenden Kampflärm.

„Ich habe sie nicht gesehen, Marcus. Wir müssen hier weg, das geht für die Germanen nicht gut aus!“

Wie zur Bestätigung seiner Worte flog etwas Dunkles über ihre Köpfe und schlug mit einem unheimlichen Geräusch in die Zeltreihen hinter ihnen ein. Schmerzensschrei und schrille Todesschreie mischten sich in den rasch näher rückenden Waffenlärm, und während Marcus’ Kopf noch in alle Richtungen flog und seine Augen vergeblich Ausschau nach einer blonden Frau und einem alten Mann an ihrer Seite hielten, folgte ein weiteres Geschoss von dem Katapult mit demselben, grässlichen Erfolg, während ein anderes offenbar eine Bresche in die Umfassung des Lagers geschlagen hatte.

„Marcus, wir müssen hier raus, sonst machen uns die eigenen Männer nieder wie jeden anderen germanischen Krieger!“, schrie ihm Pluvius ins Ohr. Tatsächlich drangen die ersten Legionäre bereits durch die Lücke, geduckt hinter ihren mächtigen, schweren Schilden, die kurzen Wurflanzen darübergelegt, bereit zum tödlichen Wurf, sobald sie ein Ziel vor sich sahen.

Noch stand die Reihe der germanischen Krieger fest, in der ersten Reihe die Bogenschützen, dahinter die Lanzenträger mit den kurzen, runden Schilden. Sie boten den eindringenden Soldaten mutig Widerstand, aber im ersten Augenblick des direkten Zusammentreffens, als die Pfeile und Lanzen auf beiden Seiten ihre Opfer fanden, schlug ein weiteres Geschoss in die dichten Reihen der Germanen und tötete viele von ihnen.

Doch die Reihe stand, die Lücke um den Felsbrocken, der gerade zwischen ihnen eingeschlagen war, wurde von den Nachrückern geschlossen, und die Legionäre waren erstaunt über den Widerstand, der ihnen hier geboten wurde.

Doch die Centurien erkannten die Möglichkeiten, die sich ihnen hier bot, und als die Bogenschützen sie mit einem Pfeilhagel empfingen, wurde sofort mit den Schilden eine Testudo gebildet, die Kampfformation, die an eine Schildkröte erinnerte.

Dabei hielten die Soldaten in der ersten Reihe ihre Skutum, die rechteckigen Schilde, vor sich, während die nachfolgenden Männer sie über sich hielten. Damit überdeckten sie auch die Köpfe der Vordermänner, und trotz des dichten Pfeilhagels marschierte diese Formation unbeeindruckt weiter auf die Reihen der Germanen zu, zwischen den Schilden die Speere herausstreckend und alles in Grund und Boden rammend, was sich ihnen entgegen stellte.

Marcus glaubte in diesem Moment, Anselma erkannt zu haben, und stieß einen lauten Schrei aus. Doch inzwischen zog dicker Rauch von den brennenden Zelten durch das nächtliche Lager und erschwerte trotz der noch brennenden Wachfeuer die Sicht.

Als er aber ungeachtet der Rufe seines Gefährten ein paar Schritte in die Richtung machte, in der er die Frau gesehen hatte, schlug sehr dicht neben ihm ein weiteres Katapultgeschoss ein und versperrte ihm den Weg. Noch immer ging er jedoch weiter, als er plötzlich an der Schulter herumgerissen wurde und in das wütende Gesicht von Pluvius starrte.

„Marcus, sei jetzt kein Narr! Wir haben eine Aufgabe, die wir nicht für eine schöne Frau gefährden dürfen! Jeder römische Soldat wird uns für Germanen halten und uns töten wollen. Ich weiß, wie du kämpfen kannst, aber du wirst nicht für die Rettung einer blonden Frau unsere Soldaten töten!“

Marcus starrte den Freund finster an, aber der schlug ihm schwer auf die Schulter und brachte ihn damit zur Besinnung. Rasch warf er noch einen Blick über das Lager, dann schrie er:

„Wir müssen zum Flussufer hinunter! Dort stehen keine Wachen!“

Trotzdem blieb er noch auf der Stelle stehen, richtete sich hoch auf und rief aus Leibeskräften über den Platz nur einen Namen:

„Anselma!“

Zischend flog ein Pilum dicht an seinem Kopf vorüber und blieb zitternd im Boden stecken. Mit einem wilden Schrei stürzte sich ein Legionär auf die beiden Freunde, die rasch zur Seite sprangen. Dabei streckte Pluvius sein Bein aus und brachte den Angreifer zu Fall. Im nächsten Augenblick jagten die beiden in langen Sprüngen hinunter zum Fluss.

Während sich das Feuer immer weiter ausbreitete und in den Zelten Nahrung fand, das Kampfgeschrei immer schrecklicher wurde und die Todesschreie der Sterbenden sich darunter mischten, waren die beiden am Ufer und gleich darauf im Wasser.

Als Marcus wieder auftauchte, spürte er, wie ihn die starke Strömung rasch mit sich zog.

„Pluvius!“, rief er laut und versuchte, sich mit Wassertreten auf der Stelle zu halten, was aber die Strömung unmöglich machte.

Da tauchte schnaufend und prustend ein Kopf neben ihm auf und der Freund gab ihm ein Handzeichen. Gleich darauf schwammen sie mit der Strömung und entfernten sich rasch von dem brennenden Lager. Schon bald hatte das Wasserrauschen jeden anderen Lärm übertönt. Erneut machte der Fluss eine starke Biegung, und die beiden Männer schwammen zu einer in der Dunkelheit erkennbaren hellen Fläche am Ufer, die sich als Schwemmland herausstellte.

Keuchend lagen sie am Ufer und sahen sich in der Dunkelheit um.

Hier gab es nichts außer ein paar dunklen Nadelbäumen und dichtem Gestrüpp am Uferrand. Als sie die kleine Böschung von der Sandbank hinaufkletterten, erkannten sie einen winzigen, feuerroten Punkt am Horizont.

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14.

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Ihre Flucht durch das germanische Land dauerte drei entbehrungsreiche Tage, in denen sie weder auf Gehöfte noch auf Dörfer oder auch nur auf einzelne Menschen trafen. Sie mussten sich unterwegs von Beeren und aus dem Acker gezogenen Rüben ernähren und waren mehr tot als lebendig, als sie sich am dritten Tag einer römischen Patrouille ergaben.

Die Legionäre waren sehr erstaunt über diese stinkenden, zerlumpten und verdreckten Germanen, die offenbar voller Feigheit ihnen die Schwerter gleich vor die Füße warfen.

Noch erstaunter waren sie aber, als der Blonde der beiden Männer sie fließend in ihrer Sprache darauf hinwies, dass er der Centurio Marcus Quintus und Sohn des Feldherrn Germanicus sei. Man hielt sie jedoch nicht lange für abgefeimte Lügner und Spione, denn was Marcus vortrug, war zu detailliert, um von einem Germanen erdacht worden zu sein.

Doch es sollte noch eine ganze Woche dauern, bis ein frisch gewaschener, rasierter und neu eingekleideter, blonder Centurio vor dem Zelt des mächtigsten Mannes stand, Gaius Iulius Caesar Germanicus, seinem Adoptivvater.

Der Empfang des jüngsten Centurios der römischen Armee gestaltete sich kaum anders als vor dem Aufbruch zu seiner gefährlichen Mission. Als er in das Zelt eintreten durfte, saß ihm sein Vater genauso gegenüber wie damals, als er ihn zum Centurio beförderte. Offiziere und Ratgeber umringten den Mächtigen, und für einen kurzen Moment wurden die harten, männlichen Gesichtszüge des Feldherrn durch ein Lächeln gemildert, das sich beim Anblick seines Adoptivsohnes zeigte. Dann aber war sein Gesicht wieder streng und undurchdringlich wie aus Marmor gemeißelt, als Marcus seinen Bericht ablieferte, der nur von gelegentlichen Zwischenfragen unterbrochen wurde, die der Cäsar oder einer der Offiziere stellte. Als Marcus endete und man ihm einen Becher Wein reichte, erhob sich sein Ziehvater und deutete auf einen Tisch mit verschiedenen Pergamenten, auf denen Marcus sehr detaillierte und farbig gemalte Karten entdeckte.

Doch den seltsamen Gegenstand, der als Gewicht darüberlag und verhinderte, dass sich die Dokumente aufrollten, erschloss sich ihm erst auf den zweiten Blick. Natürlich hatte er die Pfeilform erkannt, aber wurde doch durch die dreieckige Spitze irritiert.

„Ich werde ganz Germanien unterwerfen“, erklärte Gaius Iulius Caesar Germanicus mit einer Handbewegung zu der Karte auf dem Tisch. „Ich werde ihre Armeen zerschlagen, die Krieger töten und die Alten und Kinder in die Sklaverei verschleppen. Ich werde ihre Häuser und Dörfer, ihre Städte und Tempel zerstören und ihnen zeigen, was es heißt, sich Rom zu widersetzen!“

Schweigend nickten einige Offiziere zustimmend, nur Marcus runzelte die Stirn und deutete auf die Karte.

„Verzeih mir, Cäsar, aber das ganze Gebiet ist doch auch mit starken fränkischen Heeren besetzt, die teilweise ausgebaute Lager zeigen. Wie viele Legionen werden in Marsch gesetzt?“

Erneut lächelte sein Adoptivvater, diesmal aber etwas nachsichtig.

„Mein lieber Centurio, dem kann ich antworten: In wenigen Tagen werden zwei Legionen in Marsch gesetzt.“ Damit machte er eine bedeutungsvolle Pause und musterte seinen Sohn, der eine etwas enttäuschte Miene zeigte. „Für meinen Sohn Marcus habe ich noch eine weitere Nachricht. Du wirst mit den Männern deiner Wahl erneut aufbrechen und nach diesem sagenhaften Ariovist spüren. Ich kann meine Legionen nicht für ein Gespenst begeistern, wohl aber einen Mann, dem ich voll und ganz vertraue und der die Sprache der Germanen spricht und versteht wie du es bist. Du wirst den Kontakt zu den Legionen halten und bekommst die Stationen genannt, an denen du auf neue Lager treffen wirst, sollte deine Identität entdeckt werden oder es andere Umstände erfordern.“

„Ave Cäsar!“, antwortete der junge Centurio, die Hand zum Gruß erhoben, aber die erneute Pause, die der Feldherr ganz bewusst eingelegt hatte, war noch nicht das Signal für den jüngsten Offizier des römischen Heeres, dass er auch tatsächlich entlassen war. Germanicus deutete auf den seltsamen Pfeil und erkundigte sich: „Interessiert sich der Centurio nicht für die neueste Waffe der Legionen?“

„Doch, natürlich, Cäsar! Ich sehe einen Pfeil mit einer seltsamen Spitze und denke mir, dass damit die Durchschlagskraft erhöht wird!“

Diesmal war es ein ganz feines Lächeln, das die Lippen des Feldherren umspielte, als er nickte, den Pfeil aufnahm und ihn in die Hand seines Sohnes legte.

„Das trifft zu, Marcus Quintus Germanicus. Mit diesen Pfeilen werden wir alle Hindernisse durchschlagen und jeden Schild zerstören. Aber der Pfeil hat auch noch eine weitere Wirkung!“

Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte er seinen Sohn, der jetzt etwas verlegen zu seinem Vater aufsah.

„Diese Pfeile sind für die Bogenschützen der Germanen untauglich. Sie können ihn mit ihren Bögen nicht verschießen und stellen somit für die Legionen keine Gefahr dar, sollten Exemplare davon bei den gegnerischen Schützen landen, ohne ihr Ziel gefunden zu haben.“

Jetzt erkannte Marcus, weshalb ihn dieser Pfeil so irritiert hatte. Es war nicht nur die ungewöhnliche Form der Spitze, sondern es war seine ganze Beschaffenheit, einschließlich des kurzen Schaftes.

Er legte den Pfeil wieder auf das Pergament zurück, aber sein Vater machte eine abwehrende Bewegung.

„Nein, Marcus, der Pfeil gehört ab sofort dir und soll dir Glück bringen. Du wirst den Umgang damit erlernen, bevor du erneut aufbrichst. Ich rate dir, mit den weiteren Pfeilen und dem dazu gehörigen Bogen sehr sorgfältig umzugehen. Sollte man ihn bei dir finden, werden deine Gegner sofort wissen, dass du keiner von ihnen bist.“

Jetzt folgte keine weitere Rede mehr, der Cäsar nickte ihm gnädig zu und widmete sich wieder seinen Offizieren.

Marcus erhob die Hand zum Gruß, nahm den Pfeil und eilte davon.

Eine neue, erstaunliche Waffe!

Und er durfte sie nicht nur ausprobieren, sondern besitzen! Voller Stolz dachte er an die schöne Germanin, die sein Herz berührt hatte. Er musste sie wiedersehen, und das nicht nur, um sie noch einmal in den Armen halten zu können. Da waren während der Flucht aus dem römischen Lager Fragen in ihm aufgestiegen, die ihm keine Ruhe mehr ließen. Wie war es möglich, dass Anselma den Namen des geheimnisvollen Feldherren Ariovist kannte, der angeblich aus dem Reich der Toten zurückgekehrt war, um sein Land von den Legionen zu befreien?

Wie war es möglich, dass sich ausgerechnet unter dem Haus einer einfachen Frau ein ausgeklügeltes System eines Fluchttunnels befand?

Und warum trugen die germanischen Anführer diese silbernen Schlangenringe?

Marcus’ Gestalt straffte sich, als er zu seinem Zelt ging.

Hütet euch vor mir, ihr germanischen Krieger! Roms jüngster Offizier ist dabei, sich den Ehrennamen, den schon sein Großvater trug, zu verdienen! Man wird in Zukunft auch von Marcus Quintus Germanicus nur noch mit Ehrfurcht reden!

Ende dieser Episode

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Klappentext:

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Als der Wikingerfüst Bolthar nach mehreren Monaten von einem Raubzug in sein Dorf zurückkehrt, muss er erfahren, dass seine Tochter Fringa ohne seine Erlaubnis das Dorf mit einem Fremden verlassen hat.

Seine Nachforschungen ergeben rasch, dass sie einem christlichen Prediger gefolgt ist, und Bolthar schwört allen Christen dafür blutige Rache. Er wird rauben, gnadenlos morden, Klöster überfallen und Städte niederbrennen, bis er seine Fringa wieder in die Heimat zurückholen kann. Es kommt der Tag, an dem er sie tatsächlich trifft, und er erlebt er eine Überraschung ...

***

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1.

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Die schmale, bleiche Mondsichel verschwand gerade hinter den dunklen Wolken, die der Wind von der See her auf das Land blies und dabei auch die Wellen gegen die steinerne Ufereinfassung schlagen ließ. Auf der Zinne starrte ein schläfriger Wachtposten blinzelnd in die Dunkelheit bei der Hafeneinfahrt, denn für einen kurzen Moment hatte er geglaubt, dort am Ufer eine Bewegung zu erkennen. Doch als jetzt plötzlich der Himmel auch noch seine Schleusen öffnete und wahre Sturzbäche vom Himmel auf den nur mit einem Wollmantel ausgestatteten Mann goss, flüchtete der sich rasch unter den überstehenden Teil des hohen Wachturmes. Hier hatte er zwar die Möglichkeit, dem starken Regen zu entgehen, aber nun frischte auch der Wind auf und trieb den Regen seitlich über die gesamte Festungsanlage.

Knurrend öffnete die Wache eine einfache Holztür und trat in die dunkle Turmkammer, die den Kameraden als Unterkunft und Schlafstätte diente. Sie lagen auf dem Holzboden und hatten ihre Decken über sich gezogen, weil es schon seit ein paar Tagen erstaunlich kalt für diese Jahreszeit geworden war. Zum Glück gab es eine Feuerstelle in der Wachstube, und die anderen Soldaten hatten dort ein paar Scheite aufgelegt, sodass es warm genug in den dicken Mauern werden würde.

Beim Eintritt des vierten Mannes richtete sich einer von ihnen etwas auf und murmelte schlaftrunken: „Schon Zeit für die Ablösung?“

„Schlaf weiter“, gab der andere zurück und zog sich den durchnässten Wollmantel herunter. „Bei dem Wetter haben wir nichts zu befürchten. Während die Herrschaften sich an einem gemütlichen Feuer wärmen können und die Feier noch in vollem Gang ist, denkt niemand an unsereinen. Schon gar nicht wird uns etwas von dem köstlichen Essen gebracht oder ein Schluck Wein gereicht!“

„Das stimmt“, brummte der andere und drehte sich auf die Seite. Gleich darauf kündeten seine tiefen Atemzüge, dass er erneut schlief.

Nun hängte die durchnässte Wache den Mantel an einen Mauerhaken, rieb sich die Hände und lachte leise in sich hinein.

„Nur eine denkt heute an mich! Wenn die gute Martha nicht wäre, würde ich glatt verhungern und verdursten. Aber sie wollte noch vor dem Ende der Feier zu mir herauskommen und mir etwas von den Köstlichkeiten aus der Küche bringen.“

Er trat an die Herdstelle und legte noch einen Scheit auf, als er ein Geräusch vernahm. In der Annahme, dass wohl nun die Küchenmagd das lang Ersehnte zu ihm bringen würde, öffnete er erwartungsvoll die Tür.

Mit schreckgeweiteten Augen starrte er auf den Spieß, der sich ihm bedrohlich entgegenstreckte. Als ihn plötzlich ein scharfer Schmerz durchzuckte und er instinktiv den hölzernen Schaft der Waffe mit seinen Händen packte, verstand er noch immer nicht, was hier gerade geschah.

Der bärtige Mann, der ihn aus dunklen Augen anstarrte und ihm gerade den Spieß in den dicken Wanst gestoßen hatte, verschwamm vor seinen Augen. Er ließ den Schaft wieder los, begann, unkontrolliert mit den Händen in der Luft zu fuchteln und war schon tot, bevor sein Körper auf dem Boden aufschlug.

Ein weiterer Feind war mit zwei Schritten hinter dem anderen vorüber und beugte sich über die schlafenden Wachen, und gleich darauf stand ein dritter neben ihm. Alle trugen wilde, zottelige Bärte, die ihnen das Aussehen von Barbaren verliehen, als die Männer so plötzlich aus tiefstem Schlummer gerissen wurden. Doch das war auch das letzte Bild, das sie aufnehmen konnten, denn mit raschen Schnitten hatten die Eindringlinge ihnen die Kehlen durchtrennt und waren wieder aus der Wachstube, als sich die Überraschten zuckend in ihrem Blut bewegten.

„Das waren alle!“, sagte einer der Krieger mit rauer Stimme zu dem Mann, der plötzlich aus der Dunkelheit auf dem Wehrgang trat und ihnen zunickte.

„Bis auf diesen, den habt ihr vermutlich übersehen!“, lautete die Antwort, die mit einer tiefen, brummenden Stimme gegeben wurde. Der Sprecher war von ungewöhnlicher Größe, als er jetzt aus dem Dunkel des Wehrganges einen Körper nach vorn zog und seinen Gefährten vor die Füße warf. „Solche Nachlässigkeiten können sich rächen!“, ergänzte er dazu, und die drei Krieger starrten wütend auf den reglosen Körper.

„Wie ist das möglich?“, sagte schließlich einer von ihnen. „Ich schwöre dir, Bolthar, dass wir uns vorher sehr gründlich umgesehen haben!“

„Nicht so gründlich, wie ich es verlangt habe. Das wird dich etwas kosten, Galdur.“

Ein unwilliges Brummen des Genannten war die Antwort, dann folgten die Krieger dem hünenhaften Anführer auf dem Weg über den Hof zum Palas der Anlage, aus der ein breiter Lichtschein fiel und das Lachen zahlreicher Menschen zu ihnen klang.

Jetzt setzte auch wieder die Musik ein, die kurz zuvor unterbrochen war, und mit einem breiten Grinsen um den Mund öffnete Bolthar die Saaltür.

Dahinter standen zwei Wachen, die jedoch ihre Aufmerksamkeit dem Fest und seinem Treiben widmeten, und nun röchelnd zusammenbrachen, als ihnen Bolthar und Galdur ihre Schwerter durch den Hals stießen. Noch hatte niemand der Gäste das Verhängnis erkannt, das sich hier über ihnen zusammenbraute. Man lachte und rief etwas durch den großen Saal.

Bolthar runzelte seine dicken, rötlichbraunen Augenbrauen, die sein hartes Gesicht zu dem eines Dämons machten, wenn er dazu seine dunklen Augen zu einem Spalt zusammenzog und seine Mitmenschen betrachtete. Dieser Anblick ließ viele Bürger zittern, und oft war es das letzte Bild in ihrem Leben, das sie noch wahrnehmen konnte.

Doch hier, auf dieser ausgelassenen Feier, ignorierten die Menschen vorerst noch die seltsame Schar, die da von der Tür zur Festtafel schritt und blutige Schwerter in den Händen hielt.

Erst, als Bolthar nach einem gebratenen Huhn griff und herzhaft hinein biss, schrie eine daneben stehende junge Frau erschrocken auf. Noch immer reagierten die anderen Gäste nicht, denn geschrien wurde überall, und zu dieser späten Stunde hatten alle so viel von dem guten Wein getrunken, dass selbst die spitzen Schreie einer Frau nicht ungewöhnlich waren.

Dann aber fiel klirrend ein Becher auf den Steinboden, rollte dort ein Stück entlang und vergoss den dunkelroten Rebensaft, den er enthalten hatte. Galdur nahm einen anderen Becher von der Tafel und reichte ihn seinem Fürsten. Bolthar ergriff ihn mit einer Hand, hielt ihn hoch in die Luft und brüllte mit seiner Stentorstimme:

„Auf das Brautpaar – es lebe hoch!“

In einem Zug leerte er den Becher und schleuderte ihn dann so heftig gegen eine der Wände, dass er davon zurückprallte und einem älteren Mann gegen den Kopf schlug, der einen wütenden Schrei ausstieß.

Das schien das Signal für alle zu sein, denn nun brach Panik aus.

Man hatte die fürchterlichen Männer wahrgenommen, die da wie aus einem bösen Traum plötzlich mitten unter ihnen standen, die blutigen Schwerter erhoben, die sie gleich darauf auf die Köpfe und Schultern der nächsten Männer hinuntersausen ließen.

In die schrillen Schreie der Sterbenden mischten sich nun die Schreckensrufe der Männer und das Rufen der Frauen – alles bewegte sich von den vier Männern weg, jeder wollte nur aus ihrer Nähe kommen.

Ungestört setzten die vier Bärtigen, die direkt aus der Hölle zu kommen schienen, ihr blutiges Handwerk fort. Rechts und links stürzten die Getroffenen zu Boden und wälzten sich in ihrem Blut, das wie ein Rinnsal durch den Saal des Palas zu fließen begann.

„Haltet ein, ich bitte euch! Stellt das sinnlose Morden ein, ich gebe euch alles, was ihr verlangt – nur schont diese Menschen!“

Es war ein ehrwürdiger, weißhaariger Greis, der sich von seinem Sitz erhoben hatte und nun vor den vier mordenden Bestien stand. Der größte der Schlächter stellte sich hohnlachend vor ihn hin und betrachtete den Mann von Kopf bis Fuß.

„Wen haben wir denn hier, der den Mut findet, sich ohne eine Waffe mir, Bolthar, dem mächtigsten Fürsten der Nordmänner, in den Weg zu stellen?“

Es wurde plötzlich leise in dem Raum, nur das schmerzerfüllte Wimmern einiger Verletzter auf dem Boden war noch zu vernehmen, als der Greis die Hand erhob und auf den Hünen deutete.

„Ich bin Fürst Hengiff und das ist meine Burg, meine Stadt. Was verlangt ihr von uns, damit dieses Morden ein Ende hat?“

Die Stimme des Alten klang furchtlos und kräftig, und Bolthar trat noch einen Schritt näher an ihn heran, sodass Fürst Hengiff den Geruch von Salzwasser und Tang, den Bolthars Kleider ausströmten, deutlich in die Nase stieg.

„Was wir verlangen?“

Bolthar legte den Kopf in den Nacken und stieß ein so fürchterliches Lachen aus, dass die Anwesenden insgeheim mit ihrem Leben abschlossen. Das waren keine Menschen, die hier eingedrungen waren. Diese mitleidlosen Mörder mussten Boten der Wölfe Skalli und Hati sein und hier mit dem Ragnarök beginnen, dem Ende der Welt.

Der Nordmann ergriff mit beiden Händen die Schultern des alten Mannes, und noch immer lachte er dabei. Doch plötzlich verstummte sein fürchterliches Lachen, und Bolthar schrie durch den großen Raum, sodass es jeder in der entferntesten Ecke verstehen konnte:

„Wir wollen alles – euer Gold, eure Frauen und – euer Leben!“

Damit veränderte er seine Körperhaltung, seine mächtigen Hände fuhren an den Hals des alten Mannes, und als er sie plötzlich bewegte, gab war in der erneut eingetretenen Stille ein hässliches, trockenes Knacken zu hören.

Darauf ließ er den leblosen Körper des Alten auf die Fliesen sinken, während erneut entsetztes Schreien der Gäste sein Handeln verfolgte.

Als die ersten Flüchtenden nun an den mordenden Kriegern vorbei gelangt und die Tür erreicht hatten, prallten sie sofort wieder zurück. Sie hatte sich geöffnet, und nun folgte eine ganze Schar wild aussehender, Schwerter schwingender Gestalten, die sich zu den anderen gesellten und das blutige Werk fortführten, das von den vier Männern begonnen wurde.

Bolthar betrachtete alles mit finsterer Miene, und um seine grausamen Züge zuckte es hin und wieder, wenn ein weiteres Schlachtopfer unter den Streichen der Mörder grausam starb. Dann aber drehte er sich abrupt herum und stapfte mit schweren Schritten aus dem Saal, in dem jetzt das Massaker seinen Höhepunkt zu erreichen schien.

Die Breitaxt, Breiðöx genannt, trug er quer vor sich, als er kraftvoll die breiten Steinstufen hinauflief und gleich darauf vor einer schön verzierten Tür stand. Er wollte sie aufdrücken, musste aber feststellen, dass sie wohl von innen verriegelt war. Einen Moment lauschte der Nordmann, und wieder verzog ein hässliches Grinsen sein Gesicht. Der Lärm aus dem großen Saal war auch hier oben nicht zu überhören, die Todesschreie gellten durch die Mauern bis hier herauf.

Bolthar hob den rechten Fuß und trat kraftvoll zu, sodass die Tür aus ihrer Verriegelung brach und splitterte. Von innen erklangen laute Schreckensrufe, aber das nahm der Rasende nicht wahr. Mit der Axt schlug er die restlichen Stücke beiseite und trat in den Raum, der von zahlreichen Öllampen beleuchtet wurde.

In der Mitte des Raumes stand ein prächtiges Bett, auf dem sich ein junges Paar ängstlich aneinanderklammerte. Das Gesicht des jungen Mannes war bleich, die Züge der jungen, rothaarigen Frau vor Angst verzerrt. Als der Wikinger jetzt mit der erhobenen Axt vor ihnen stand, hatte der junge Mann den Mut, ein Schwert unter der Decke vorzuziehen und es ihm entgegenzuhalten. Mit dem linken Arm umfasste er die zitternde Frau und drückte sie fest an sich.

„So, habe ich euch endlich gefunden!“, schrie der Nordmann die beiden an und hob die mächtige Axt über den Kopf. „Vereint in ihrer Hochzeitsnacht, und das nun für die Ewigkeit! Küsst euch, ihr beiden Turteltäubchen, dann musst ihr nicht auf die Axt starren, die euch gleich die Schädel spalten wird!“

Damit trat er an die Bettstatt und schwang die Breitaxt über dem Kopf.

Doch der junge Mann sprang vom Lager auf und schrie den Wikinger an:

„Verflucht sei der Tag, an dem du geboren wurdest, du Bastard! Odin stehe mir bei, aber ich werde nicht zulassen, dass du uns ein Leid antust!“

„Dann stirb!“, erwiderte Bolthar voller Hass und wollte zuschlagen, als durch eine Bewegung der jungen Frau, die sich ebenfalls erhob und ihm mutig, aber am ganzen Körper zitternd, entgegentrat.

„So ist alles wahr, was man von euch Nordmännern erzählt – ihr seid nichts anderes als eiskalte Mörder!“

Bolthar hielt in seinem Wüten inne, senkte sogar die gerade zum tödlichen Hieb gehobene Axt und starrte den jungen Mann an.

„Du redest von Odin? Weshalb? Du betest den Nazarener an und hast längst mit Odin gebrochen! Was also soll das Gerede?“

Rasend vor Zorn hob Bolthar erneut die Axt, als sich die junge Frau vor den Mann schob. Sie sah in ihrem einfachen, dünnen Gewand, das mehr von ihr enthüllte als verbarg, furchtlos und mutig, wenn auch sehr blass aus. Verwundert streifte der Blick des tobenden Nordmannes ihre Gestalt und sah ihr tief in die Augen. Als Reaktion auf diesen winzigen Moment entfiel ihm die Breitaxt und schlug polternd auf den Boden.

„Du bist nicht Fringa! Wer bist du? Was geht hier vor, wollt ihr mich vor meiner Reise in die Totenwelt nicht aufklären, was hier gerade geschieht? Bin ich nicht Bolthar, der Fürst der Wikinger, der mächtigste Herrscher der Nordmänner? Wo ist meine Fringa, meine Tochter, die mir diesen Schmerz angetan hat? Ich hörte, dass sie, während ich auf Viking mit meinen Getreuen war, mit einem der neuen Lehrer gegangen ist, um Odin und Thor zu verraten und dem Gott der Christen zu folgen! Sie sollte hier leben und heute heiraten!“

„Nein, Bolthar, die bin ich nicht! Ich habe niemals von deiner Tochter gehört, und bis zum heutigen Tag auch nicht vor dir, du blutrünstiger Barbar! Mein Name ist Freya Hengiff, Tochter des Fürsten Hengiff, die heute Olav geheiratet hat, im guten Glauben an den Bund, den Odin zusammengeführt und gesegnet hat! Aber dann kommt ihr in unser Haus und wollt uns ermorden – weshalb?“

Während der Worte der jungen Frau zuckte es in dem harten Gesicht des Fürsten, er schlug seine Hände vor das Gesicht und verbarg seine Augen, aus denen jetzt wirklich Tränen herabliefen.

„Fringa!“, schrie er voller Schmerzen auf. „Was hast du mir angetan? Wo bist du?“

Die junge Frau trat an ihn heran und legte ihre Hand auf seinen Unterarm.

„Bolthar, wer ist Fringa? Sieh dich um, du wirst sie bei uns nicht finden! Ich bin Freya Hengiff und habe heute Olav Hultgård geheiratet. Wir haben geglaubt, dass wir damit eine Verbindung zwischen zwei großen Familien besiegeln können, die Handel und Kaufmannschaft verbinden und stärken können. Dann bist du in unser Brautlager eingedrungen und hast mit deinen Männern unsere Brautgesellschaft überfallen.

Aus welchem Grund bist du so blutdürstig, Bolthar? Hörst du mich überhaupt?“

Die letzte Frage schien berechtigt, denn der Nordmann war vor dem Brautlager in die Knie gesunken und starrte die junge Frau mit weit aufgerissenen Augen an. Nicht meine Fringa!, war der einzige Gedanke, der den blutrünstigen Wikinger immer wieder durchzuckte. Nicht meine Fringa! Hier heiratet eine Frau aus einer angesehenen Familie einen Mann nach ihrem oder ihrer Eltern Geschmack. Nicht meine Fringa, die diesen Priester der Christen heiratet! Die Familie Hengiff hat nichts mit Fringa zu tun! Du mordest mit deinen Männern eine Gesellschaft, die nichts, aber gar nichts mit dem Irrglauben dieser Menschen, die du verfolgst, zu tun hat!

Laut schreiend brach Bolthar zusammen.

Er lag auf dem Fußboden vor dem großen Bett, als sein Gefolgsmann und Unterführer Galdur mit dem Sax-Schwert in der Hand hereingestürmt kam, weil er seinen Fürsten in Bedrängnis glaubte. Erstaunt sah er von ihm zu den beiden jungen Leuten, die sich erneut eng umschlungen hielten.

Was war hier geschehen?

Dieser Gedanke lähmte den Unterführer und ließ ihn innehalten. Für einen kurzen Moment dachte er an die Ströme von Blut, die ihre Männer im großen Saal des Palas vergossen hatten, dann kniete er sich neben seinen Fürsten und schlug ihm leicht auf die Wangen, um ihn wieder zu sich zu bringen.

Irgendetwas Furchtbares war hier geschehen, aber Galdur verstand es nicht.

Noch nicht.

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2.

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Der Sand knirschte unter dem Kiel der Boote, als sie fast gleichzeitig am Strand ankamen. Doch noch während des Anlandens waren die Männer herausgesprungen und wateten durch das kniehohe Wasser, die Schwerter in den Händen. Es waren große Langschiffe mit dreißig Ruderplätzen auf jeder Seite, die man als þritugsessa im gesamten Norden fürchtete.

Die Krieger liefen über den Strand auf die Klosteranlage zu, deren niedrige Mauern kein wirkliches Hindernis boten. Auf ein Zeichen des hünenhaften Anführers, der weit vorausgelaufen und eben an der ersten Mauer angelangt war, sammelten sich die wild aussehenden Nordmänner um ihn, finstere Blick auf das Kloster gerichtet.

Dann brach es aus mehr als einhundert Kehlen heraus.

Die Männer stürmten auf die Mauer zu, die Ersten von ihnen zogen sich rasch hinauf und halfen anderen hinüber. Kurz verhielten die Ersten auf dem Innenhof und warfen begehrliche Blicke auf den lang gezogenen Bau dieses Klosters. Dann liefen sie auf die große Eingangstür zu, die jedoch von innen fest verriegelt war.

„Nehmt die Balken vom Strand auf!“, rief ihnen Galdur zu, aber das war fast schon überflüssig, denn die letzten Nordmänner, die sich eben über die Mauer schwangen, hoben gemeinsam zwei Balken darüber, die nun von anderen mitgefasst wurden und im Sturmlauf gegen die Kirchentür gerammt wurden.

Die mächtige, zweiflügelige Tür ächzte in ihren Angeln, hielt aber stand.

Jetzt hob Bolthar seine mächtige Stimme und feuerte seine Krieger an.

„Was ist los mit euch, Männer? Habt ihr zu wenig zu essen bekommen? War die Beute im Palast der Hengiffs so ausreichend, dass ihr keine Lust mehr auf das Gold dieses Klosters habt? Dann denkt an die zahlreichen jungen Novizinnen und Nonnen, deren Angstgeschrei ich schon hören kann! Das sollte euch anfeuern und eure Lust steigern! Vorwärts – jetzt gelingt es!“

Aber mit dem, was sich beim erneuten Anrennen vor ihnen abspielte, hatte nun niemand gerechnet. Bolthar, der in den vergangenen Monaten zahlreiche christliche Kirchen und Klöster angegriffen und vernichtet hatte, begriff es ebenfalls nicht. Die Männer rannten mit dem Balken auf die Doppeltür zu, als sie plötzlich wie von Geisterhand geöffnet wurde und die Krieger in den Kirchenbau stolperten.

Das so unvermutet verschwundene Hindernis bewirkte, dass sie schließlich übereinander stürzten und damit den Bogenschützen ein freies Schussfeld auf die noch draußen stehenden Krieger gaben, während die Gestrauchelten unter den Schwerthieben der Männer im Kloster starben.

„Verrat! Vorwärts, Männer, tötet alles, was sich hier versteckt hält!“, schrie Bolthar und stürmte seinen Kriegern voraus. Er sprang über die ersten Körper, die im Weg lagen, mit einem gigantischen Sprung hinweg und schlug dabei mit dem Sax einen Mann aus dem Weg, der gerade einen anderen durchbohrte.

Mit infernalischem Geschrei ergoss sich die ganze Kriegerschar in den Innenraum, aber noch immer schossen die Bogenschützen Pfeil auf Pfeil zwischen sie.

Bolthar hieb abwechselnd mit Sax oder Beil auf die Verteidiger ein und hatte bereits den nachrückenden Kämpfern Platz geschaffen, als ihn ein Pfeil in die Wade traf. Er brüllte laut auf und sah den Schützen, der eben einen weiteren Pfeil auf die Sehne legte und auf ihn zielte. Als der Pfeil davon schnellte, hatte auch der Wikingerfürst reagiert und seinen Sax geworfen. Der Bogenschütze wurde tödlich am Hals verwundet, der noch abgeschossene Pfeil verfehlte den Anführer, der sich blitzschnell nach dem Wurf fallen gelassen hatte.

Aus dieser Perspektive konnte er einen raschen Überblick gewinnen.

Hinter den Körpern der Gefallenen befand er sich für einen Moment in Sicherheit.

Die Kampfstätte im Kirchenraum wurde jetzt für ihn übersichtlicher, und mit einem Fluch musste er erkennen, dass ein weiteres Eindringen seiner Krieger nur unter großen Verlusten möglich wurde.

Er schätze die Menge der hier versammelten Krieger auf etwa einhundert, die alle mit Speeren in der Hand bereit standen, um die Wikinger zu empfangen. Jetzt rückten sie langsam gegen die Angreifer vor, die gegen diesen Wall aus starrenden Spitzen den Rückzug beginnen mussten.

Doch auch für Bothar wurde es höchste Zeit, den Standort zu wechseln.

Er erkannte auf einer Empore schräg gegenüber die Bewegung zwischen den Säulen, als dort offenbar weitere Bogenschützen ihre Stellung bezogen.

„Rückzug!“, ordnete er deshalb mit donnernder Stimme an, aber seine Männer hatten längst erkannt, dass es ihr Anführer war, der sich jetzt in höchster Gefahr befand. Ringsum ihn her schlugen die Pfeile auf den Steinboden und sprangen seitlich ab. Doch diese Situation wurde mit jedem Augenblick gefährlicher, denn auch von der Seite begann jetzt neuer Pfeilbeschuss. Doch fünf Mann kamen herangelaufen, die Schilde über den Köpfen, und gaben Bolthar auf diese Weise die Möglichkeit, aufzustehen und mit ihnen zurückzulaufen.

Kaum war der letzte Mann im Freien, wurden die großen Türflügel wieder zugeschlagen und gleich darauf erneut verriegelt.

Schäumend vor Wut schlug Bolthar mit der Faust dagegen, dann drehte er sich zu seinem Unterführer um. Galdur ahnte, was jetzt folgen musste, wollte man hier nicht mit leeren Händen abziehen.

„Zehn Mann bleiben hier beim Tor, Galdur!“, ordnete der Fürst mit einer Stimme an, die einem Donnergrollen glich. „Du nimmst zwanzig Krieger und holst aus den umliegenden Häusern alles herbei, was brennbar ist. Der Rest umstellt das Gebäude und achtet darauf, dass niemand aus den Fensteröffnungen entkommt.“

„Gut, was wirst du machen, Bolthar?“, erkundigte sich der Unterführer, indem er bereits mit ein paar herrischen Handbewegungen die Männer einteilte.

„Ich suche mir ein paar Krieger aus und schaue mich in der Anlage um. Mir will es nicht in den Sinn, wieso hier ein so starker Schutz für ein Kloster besteht. Was sind das für Krieger? Und woher wussten sie überhaupt, dass wir hierher kommen?“

Galdur starrte in das vor Wut verzerrte Gesicht Bolthars, der während der wenigen Worte, die sie wechselten, den Schaft des Pfeiles abbrach. Das Geschoss steckte in seiner Wade, war aber mit der Spitze noch nicht vollständig durchgeschlagen.

„Soll ich den Rest durchschlagen, Bolthar?“, erkundigte er sich und griff zu seiner Axt, die er inzwischen wieder am Gürtel trug.

„Nicht nötig, das mache ich selbst. Aber gib mir mal deine Axt, die ist für solche Arbeiten etwas handlicher als meine Breitkopfaxt!“

Galdur nickte nur und überreichte seine Handöx, die Handaxt. Dann kümmerte er sich nicht weiter um Bolthar, der sich auf den Boden setzte und nun mit einem gut gezielten Hieb auf den verbliebenen Schaftrest die Pfeilspitze durch das Fleisch trieb. Zwei Krieger, denen er zugewunken hatte, standen daneben und sahen interessiert zu, als die Spitze plötzlich Haut und Fleisch durchdrang und zusammen mit einer blutigen Masse nun greifbar wurde. Rasch griff Bolthar mit zwei Fingern in die Wunde und zog mit einer großen Kraftanstrengung den restlichen Pfeil heraus, presste dann seine Hand darauf, um das Blut zu stoppen, und wickelte anschließend einen Wollstreifen darum, den er sich mit seinem Messer aus dem Stoff seiner Beinkleider geschnitten hatte.

„Was steht ihr hier herum und gafft?“, schnauzte er schließlich die beiden Krieger an. Während der gesamten, schmerzhaften Prozedur hatte er zwar eine verkniffene Miene gezeigt, aber nicht einen Schmerzenslaut von sich gegeben.

„Ich denke, wir sollten mit dir kommen, Bolthar?“, antwortete einer der Männer. „Sonst können wir ja auch zu den anderen und noch ein wenig von dem Holz aus den Häusern hier aufschichten. Schließlich sollen es die Verteidiger schön warm bekommen, oder?“

Bolthar stieß ein verächtliches Stöhnen aus. Behutsam probierte er, ob er auf dem verletzten Bein stehen konnte, dann nickte er den beiden zu.

„Kommt mit, ich will sehen, was dort drüben aufbewahrt wird Es muss ja sehr kostbar sein, dass es von hundert Bewaffneten geschützt wird.“

Ohne sich zu den beiden noch einmal umzudrehen, ging er an der Reihe der Männer vorüber, die jetzt alle möglichen Gerätschaften aus Holz heranschleppten. Stühle, Tische, sogar eine einfache Tür befanden sich darunter und alles wurde vor der großen Doppeltür der Klosterkirche aufgeschichtet.

Die Krieger betraten ein weiteres Gebäude, das mit einer Holztür verschlossen war. Sie bot ihnen keinerlei Hindernis, und als sie in den ersten, größeren Raum traten und sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, erkannten sie, dass sie sich wohl im Küchen- und Speisesaal des Klosters befanden. Auf der einen Seite waren zwei große Herdstellen an einer Wand, darüber hingen viele Gerätschaften für die nächste Benutzung.

Einfache, lange Holztische mit schlichten Bänken davor zeugten vom Speisesaal. Nirgendwo schien sich jemand aufzuhalten, und langsam gingen die beiden Krieger mit ihren gezogenen Waffen in den Händen durch die ansonsten kahlen Räume. Sie sahen nichts von Wert, schlichte, eiserne Kerzenhalter wurden von den beiden gar nicht beachtet.

Bolthar stieß die Tür zum Nebengebäude auf und warf einen Blick in die ersten Zellen. Es waren sehr schmale, einfache Klosterzellen, mit etwas Stroh und einer Decke auf dem Boden – mehr nicht. Er eilte den langen Gang hinunter auf eine Tür zu, während seine beiden Begleiter sich die Zeit nahmen, um in jede Zelle einen Blick zu werfen.

Das Nebengebäude diente wohl den Nonnen als Scriptorium. Auf den Tischen lagen ein paar Pergamentstücke zusammen mit Schreibgeräten, aber auch hier trafen die prüfenden Blicke der beiden Nordmänner auf nichts, das ihnen wertvoll genug erschien, um mitgenommen zu werden.

Schließlich standen sie wieder im Küchenraum, und Bolthar sagte leise:

„Wo sind die Nonnen? Was ist hier los, was glaubt ihr?“

„Die Anlage birgt irgendein Geheimnis, Jarle“, antwortete einer der beiden Krieger und nutzte dabei die uralte Anrede für die Fürsten. Der andere zuckte nur die Schultern, und als ihn der missbilligende Blick des Anführers traf, beeilte er sich mit der Frage:

„Zu wem gehört denn eigentlich dieses Kloster, Jarle?“

Bolthar sah sich langsam im Raum um und musterte dabei auch sorgfältig die großen Steinplatten, mit denen hier der Boden ausgelegt war.

„Dieses Kloster gehört der Familie Brønderslev, die hier ihren Sitz ganz in der Nähe hat und dort auch einen Ort mit gleichem Namen angelegt hat. Warum fragst du?“

Jetzt hatte sich das von Narben entstellte Gesicht des Mannes zu einem Grinsen verzogen.

„Brønderslev, Jarle? Gehört das nicht damit einer der reichsten Familien hier an der Küste?“

Bolthar nickte zwar, schien aber durch etwas abgelenkt zu sein, dass ihn plötzlich wie magisch anzuziehen schien.

„Das stimmt schon, aber warte ...“

Er bückte sich in der Nähe der beiden Herdstellen und untersuchte den Boden genauer.

„Was seht ihr hier?“

Als sich die beiden Krieger neben ihn hockten und Bolthar sich für einen kurzen Moment den stechenden Schmerz verbeißen musste, der von seiner frischen Wunde heftig zog, als er die unbequeme Haltung eingenommen hatte, sahen sie ihn mit großen Augen verwundert an.

„Wüsste ich nicht um eure Fähigkeiten im Kampf, ich glaube, ich würde euch bei nächster Gelegenheit ins Meer werfen!“

Die beiden schwiegen, und als ihr Anführer seine kräftige, behaarte Hand ausstreckte und auf ein paar Getreidekörner zeigte, dämmerte es ihnen wohl.

„Körner, die wohl aus einem undichten Sack gefallen sind“, antwortete der mit dem Narbengesicht und grinste dazu. „Hier beginnt die Spur, und hier hört sie plötzlich wieder auf.“

Bolthar nickte und hatte schon sein Messer gezückt, um es in die Rillen am Rand einer großen Steinplatte zu schieben.

„Weiter, ich höre dir zu!“, sagte er dabei und hatte es plötzlich geschafft, die Klinge unter die Platte zu führen, während die beiden Krieger ihm verwundert bei seiner Tätigkeit zusahen. „Was bedeutet das nun?“

Doch eine Antwort konnten die beiden ihm nicht geben, aber als Bolthar nun mit der neben dem Messer unter die Steinplatte geschobenen Sax diese Platte anhob, sprangen die beiden hinzu und legten sie an die Seite. Darunter wurde ein dunkles Loch sichtbar, groß genug, um einen Menschen hindurchzulassen.

Und dann erkannten alle drei die Holzstufen, die nach unten führten.

„Holt Galdur her, rasch. Er soll mit allen Männern, die das Holz geschleppt haben, sofort hierher kommen. Der Rest bleibt bei der Klosterkirche.“

Die beiden eilten davon, und mit einem teuflischen Lächeln setzte sich der Wikingerfürst direkt neben den freigelegten Einstieg, streckte dabei behutsam sein verletztes Bein aus und nahm das Messer in die Hand, um sich die Fingernägel zu säubern.

Das hier versprach eine interessante Sache zu werden.

Für einen Moment glaubte er fast, die Angst riechen zu können, die ihm mit dem dumpfen Geruch aus dem Keller entgegenwehte.

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3.

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Die beiden Führer der wilden Kriegerschar hatten sich zehn Männer ausgesucht und ihnen befohlen, sich mit Kienfackeln auszustatten. Die anderen warteten vor der zweiflügeligen Klostertür auf den Befehl, den Holzstapel zu entzünden. Als Bolthar seiner Gruppe voran zum Küchentrakt schritt, schlugen die Flammen aus den rasch entzündeten Gegenständen und erzeugten innerhalb kurzer Zeit eine heftig qualmende, schwarze Wolke, die das Gebäude umhüllte.

Danach folgten die Krieger grinsend ihren beiden Anführern die schmale Holztreppe in den dunklen Keller hinunter und sahen sich dort um. Sie standen in einem langen Gang, der richtig ausgemauert war und wohl auch als Vorratskeller diente, denn hier lagerten noch allerlei Früchte, Rüben, Äpfel und auch Kohl. Doch über allem stand jetzt deutlich ein ganz anderer Geruch. Die Männer kannten ihn zur Genüge, denn Menschen in panikartiger Angst verursachten überall die gleichen Ausdünstungen nach Angst und Schwei8.

Und nach Urin, den sie nicht mehr halten konnten.

Bolthar hob die Fackel bis an die Decke, als er etwas weiter vorn ein Geräusch vernommen hatte. Dann stand er vor einer Holztüre, drückte Galdur die Fackel in die Hand und holte mit seiner Breitkopfaxt zum wuchtigen Schlag aus.

Holz splitterte unter seinem Hieb in alle Richtungen, und als er die Tür mit dem zweiten Hieb zerschlagen hatte, drangen Entsetzensschreie an die Ohren der Männer.

Der Rest war eine Sache von wenigen Augenblicken.

Die Krieger zögerten nicht lange, als sie die Frauen vor sich sahen, die sich im Schein der Fackeln wimmernd in einer Ecke zusammendrückten. Es blieb nur noch eine Fackel beim letzten Mann, die anderen wurden auf den Boden geworfen und sorgten für eine schauerliche Beleuchtung der sich jetzt abspielenden Szene. Ohne jegliche Rücksichtnahme griffen die harten Männer in die Kleidung oder die Haare der Frauen und rissen sie aus der Ecke, stapften mit ihren Opfern zurück in den Gang und schlugen sie nieder, wenn sie nicht gutwillig folgen wollten.

Als die ersten Nordmänner ihre Opfer ans Tageslicht gezerrt hatten, riss einer von ihnen seinem Opfer das schlichte Kleid herunter, warf sich auf ihren Körper, riss ihre Beine auseinander und drang in sie ein, während die Frau hilfeschreiend und mit Armen und Beinen zappelnd versuchte, ihm zu entkommen. Mit einem letzten, qualvollen Laut wurde sie ohnmächtig, als ihr Peiniger sie mit der Faust ins Gesicht schlug, denn sie hatte erneut versucht, sich unter ihm wegzudrehen.

Als jetzt auch die anderen mit den Nonnen neben ihm auftauchten, begann der Erste von ihnen, lauthals zu lachen, und nun fielen auch die anderen dröhnend in das Gelächter ein. Der Krieger ließ sich davon nicht beeindrucken, unermüdlich hob sich sein weißer Hintern vor ihnen und stieß wieder hinunter. Aber jetzt wurde das Gelächter so dröhnend, dass schließlich Bolthar, der als Letzter eine der Nonnen an das Tageslicht über der Schulter trug, ausrief:

„Oleg, du bist ein Rindvieh! Hast du dir das Weib nicht einmal angesehen? Die ist so alt und so hässlich, dass sie dir dankbar sein wird für das, was du da gerade für sie tust! Ich glaube nicht, dass sie in den letzten zehn Jahren so einen wilden Liebhaber gehabt hat!“

Erneutes, dröhnendes Lachen der Umstehenden, und Oleg, der offenbar nun endlich fertig war, erhob sich von seinem Opfer und sah sich mürrisch um. Jetzt konnte es auch der Letzte der anderen sehen, dass er offenbar wirklich die Älteste unter den Frauen als Opfer ausgewählt hatte. Das Gesicht der Ohnmächtigen war jedenfalls von zahlreichen Falten durchzogen, ihre langen, aufgelösten, grauen Haare hingen wirr um ihren Kopf und gaben ihr ein fürchterliches Aussehen.

„Wann wirst du sie heiraten?“, rief Bolthar und erntete einen erneuten Lachsturm. Was sich dann vor dem Küchen- und Schlafgebäude an Widerlichkeiten und Abartigkeiten entwickelte, lässt sich kaum beschreiben. Der Wikingerfürst hatte jedoch schon bald genug, fesselte seinem Opfer die Hände mit den Resten ihres Gewandes und zog sie hinter sich her, als die Männer beim brennenden Holzhaufen nun laut danach riefen, nun endlich abgelöst zu werden – sie würden ja den größten Spaß verpassen!

Bolthar kannte seine wilde Schar zur Genüge und erlaubte es deshalb einem Drittel der Krieger, sich nun ebenfalls auf die Nonnen zu stürzen. Das Feuer hatte inzwischen die große Tür ergriffen, aber das Holz war hart und trotzte den Flammen noch lange Zeit. Doch der starke Qualm zog trotzdem in das Innere des Klosters, drang durch die schmalen Fensteröffnungen über der brennenden Tür und wurde stetig zu einer wachsenden Gefahr für die Verteidiger, die sich inzwischen bis weit in den hinteren Kirchenraum zurückgezogen hatten.

Die Nordmänner erwarteten jeden Augenblick einen Ausbruchsversuch der vom Erstickungstod bedrohten Männer. Und wieder geschah etwas nicht Vorhersehbares, das dem Geschehen im Kloster eine Wende gab.

Bolthar bemerkte die Gefahr erst, als der dichte Qualm durch einen Windstoß verwirbelte und er die neuen Angreifer sehen konnte. Er war abgelenkt, denn die junge Frau, die er gefesselt mit sich gerissen hatte, war wieder aus ihrer tiefen Ohnmacht aufgeschreckt, richtete ihren nackten Oberkörper auf und sah sich verwundert um.

Ihre schneeweiße Haut, die birnenförmigen Brüste mit den kleinen, rosigen Warzen und ihre langen, schwarzen Haare, die über ihre zarten Schultern flossen, erregten ihn erneut.

Sie wollte sich gerade erheben, als sie sich von einer harten, schwieligen Hand zurückgerissen fühlte und ihr Peiniger sich erneut auf sie warf, brutal in sie eindrang und dabei mit seinen Händen ihre Brüste massierte und knetete, sodass sie die Schmerzen erneut an den Rand einer Ohnmacht brachten.

Doch diese Gnade wurde ihr nicht zuteil, diesmal war der Akt so wild, dass sie bei jedem seiner heftigen Stöße aufschrie und das Gefühl hatte, einen Pfahl zwischen den Beinen zu haben, der immer tiefer in sie eindrang und sie dabei auseinander riss. Bolthar dagegen genoss sein Treiben, spürte, dass er sie noch lange so weiter malträtieren konnte und war entschlossen, diese Frau noch eine Weile für sich zu behalten.

Ein Hornsignal erklang, das aber nur von wenigen überhaupt wahrgenommen wurde.

Plötzlich drangen von allen Seiten Bewaffnete gegen die Nordmänner und töteten innerhalb weniger Augenblicke die Krieger, die sich an den Nonnen vergingen.

Bolthar, der die Frau in der Nähe der brennenden Tür vergewaltigte, erkannte deshalb fast zu spät die heranstürmende Gefahr. Er stand auf, ordnete rasch seine Kleider und rief über den Platz und das herrschende Chaos.

Seine alles übertönende Stentorstimme brachte die Männer, die sich um den Kirchenbau versammelt hatten, sofort an seine Seite.

„Wo ist Galdur?“, rief er und spähte über die Köpfe seiner Männer, die sich jetzt gegen die anstürmenden Feinde wandten.

„Hier!“, rief der Unterführer und trat aus dem Qualm heraus, einen skotvápn, den Wurfspieß der Nordmänner, in der Hand. Mit einer fließenden Bewegung schleuderte er ihn auf einen Angreifer, der davon vollkommen überrascht wurde. Die lange Spitze fuhr dem Mann durch die Brust und warf ihn auf die nachfolgenden Soldaten zurück.

Das war das Zeichen für die anderen, die nun ebenfalls Speere schleuderten, ihre Äxte auf unbehelmte Köpfe schlugen oder mit dem Sax versuchten, den Hals- oder Brustbereich des Gegners zu durchbohren.

Doch wenn auch die vordere Reihe der neuen Feinde etwas wankte und einige Schritte zurückwich, so drängten sie doch gleich darauf erneut gegen die Männer um Bolthar und Galdur, die nun ihrerseits Sorge tragen mussten, nicht von den Gegnern eingeschlossen zu werden.

„Die Schiffe!“, schrie Galdur und streckte mit einem mächtigen Axthieb erneut einen Angreifer zu Boden. Mit seinem Hieb hatte er dem Mann glatt den Schädel gespalten, und als sich Bolthar aufrichtete und einen irritierten Blick über die Mauer zur See warf, wo er seine beiden Schiffe sicher am Strand wusste, antwortete er mit einem nicht enden wollenden Fluch. Die schwarze Wolke, die von dort aufstieg, zeigte das Schicksal der beiden Langboote.

„Zurück!“, schrie Bolthar über die Köpfe der nächsten Kämpfer, und Schritt für Schritt zogen sich die Nordmänner bis zur Mauer zurück, die sie jedoch nicht überwinden konnten, solange ihnen die Feinde dicht nachrückten und jede Gelegenheit nutzten, um einen der Feinde zu erwischen, wenn er seine Deckung aufgab, um auf die Mauer zu springen.

Keiner der Kämpfenden hatte bei der starken Rauchentwicklung noch zum Himmel aufgesehen und die schwarzen Wolken bemerkt, die jetzt heran waren. Die Sonne war längst untergegangen, ihre letzten Strahlen schienen die brennenden Schiffe am Strand noch mit einem goldenen Schein zu beleuchten.

Dann zuckte ein Blitzbündel vom Himmel, gefolgt von einem so starken Donnerschlag, dass Bolthar für einen Moment glaubte, taub geworden zu sein.

Jetzt öffnete der Himmel alle Schleusen, und wahre Sturzbäche brachen aus den schwarzen Wolken herunter, die innerhalb kürzester Zeit nicht nur alle Kämpfenden durchweicht hatten, sondern sich mit dem Blut der Männer zu einem Rinnsal verbanden, das gleich darauf über den Klosterhof schwappte und die Steine zu einer glitschigen Unterlage machte, auf der die Kämpfenden mühsam ihr Gleichgewicht bewahren mussten.

Doch trotzdem bemerkte der Wikingerfürst mit Ingrimm, dass die Sturzbäche nicht nur den Brand an der Klostertür löschten, sondern dass nun auch die dort eingeschlossenen Krieger nach und nach herausdrängten und sich gleich darauf ebenfalls auf seine Männer stürzten.

Galdur schrie ihm etwas ins Ohr, was Bolthar jedoch nicht verstand.

Dann fühlte er, wie ihn sein Unterführer am Arm riss und er ungewollt ein paar Schritte in die Richtung stolperte, in der ihn Galdur zerrte.

„Was soll das, Galdur, willst du feige fliehen?“

„Sieh dich doch um, Bolthar, von unseren Männern stehen keine zwanzig mehr auf den Beinen!“

Zu dem starken Rauschen des niederbrechenden Regens kamen immer wieder nach den Blitzen heftige Donnerschläge, die eine weitere Verständigung unmöglich machten. Noch einmal riss Galdur an seinem Ärmel, und widerwillig folgte ihm der Wikingerfürst jetzt.

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4.

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Galdur konnte sich nicht beherrschen.

Als der Wind über den Berghang strich, an dessen Fuß sie Zuflucht in einem Ginstergebüsch gefunden hatten, war ihm so jämmerlich kalt zumute, dass seine Zähne heftig aufeinander schlugen. Sein Blick hing an Bolthar, der mit Sicherheit genauso fror wie auch die restlichen um sie versammelten Krieger. Aber ihr Fürst hatte alle durchnässten Kleidungsstücke abgelegt und war in einem weiten Bogen vollkommen nackt über den Hügel gelaufen und erst nach einer sehr langen Zeit schwer atmend, aber lächelnd zurückgekehrt.

Es war einem der Männer tatsächlich gelungen, mit einem kleinen Haufen Reisig das feuchte Holz in Brand zu setzen, das zwar stark qualmend brannte, dann aber genügend Hitze entwickelte, um mit weiteren Ästen und losgerissenen kleinen Zweigen zu einer beachtlichen Flamme aufzulodern und dabei die Trocknung ihrer Kleidung ermöglichte.

Kurze Zeit später hatten sich alle ausgezogen und ihre tropfnasse Kleidung so dicht wie möglich an das Feuer gehängt. Ingvar, der Bogenschütze, war losgezogen, um mit seiner Lieblingswaffe Nahrung zu besorgen. Als er zurückkehrte, war seine Ausbeute nicht sonderlich groß, aber sie wurde trotzdem bejubelt. Zwei Enten und ein Hase lagen neben dem Feuer, wurden rasch zubereitet und staken dann an zugeschnittenen Zweigen dicht am Feuer, um zu garen.

Als die Männer sich die ersten Stücke heißhungrig mit den Zähnen abrissen, verbrannten sie sich die Lippen und die Zunge. Außerdem war das Fleisch auf der einen Seite verbrannt, auf der anderen noch nicht gar. Aber niemand beschwerte sich, alle schlangen die Stücke gierig herunter und sehnten sich nach einem Becher Wein oder Bier. Doch abgesehen vom Wasser des kleinen Baches, der an dem Gesträuch munter vorübersprudelte, gab es nichts, um den Durst zu löschen.

Endlich brach einer der Nordmänner das bisher gewahrte Schweigen, und sagte laut in die Runde:

„Habt ihr gesehen, wie Snorre die alte Frau beglückte?“

Es war Ingvar, der Bogenschütze, der sich bei der Erinnerung an die groteske Szene vor Lachen kaum noch halten konnte. Aber die Reaktion der müden und durchnässten Krieger war eher zurückhaltend. Zudem hatten sie alle die erlebte Niederlage noch nicht vollständig überwunden.

Ein paar der Männer lachten aber trotzdem müde auf, denn nicht alle waren dabei, als der Mann über die erste aus dem Kellerversteck herausgezerrte Nonne herfiel und sich an ihr verging. Also blieb dem Bogenschützen nichts anderes übrig, als die erlebte Szene noch einmal in allen Einzelheiten zu berichten. Irgendwann unterbrach ihn jedoch Bolthar rüde, indem er wütend ausrief:

„Wer hat uns das angetan? Warum haben uns die Götter verlassen?“

„Die Götter haben uns nicht verlassen!“, antwortete Galdur, der sich am Feuer noch immer die Hände wärmte. „Du vergisst, dass wir unter dem Schutz Thors der Niederlage entkommen konnten!“

„Das stimmt, Bolthar, wir sollten ihm dafür dankbar sein!“, antwortete ausgerechnet Snorre, über den eben noch alle gelacht hatten.

„Meinetwegen, Snorre. Du hast meine Erlaubnis, wenn du Thor dafür ein Menschenopfer bringen möchtest. Aber bitte nicht die alte Frau!“

Dröhnendes Gelächter von allen Seiten, aber Snorre richtete sich stolz auf und wandte sein von einer riesigen, feuerroten Narbe auf der rechten Wange entstelltes Gesicht seinem Fürsten zu und antwortete:

„Was ihr wahrscheinlich alle nicht gesehen habt und nicht sehen wolltet, war der Anführer der Bewaffneten, die uns so fürchterlich im Kloster gedemütigt haben, richtig?“

Augenblicklich trat völlige Stille ein, nur unterbrochen vom Knacken der Scheite im jetzt kräftig lodernden Feuer. Botlhar beugte sich etwas vor und starrte Snorre in die Augen, bis der es nicht länger aushielt und seinen Blick senken musste.

„Ich höre dich, Snorre. Erzähle weiter, es ist gerade sehr interessant!“

„Gut, wenn ihr es alle nicht bemerkt habt, ich habe es jedenfalls deutlich gesehen! Der Anführer der Leute, die uns außerhalb der brennenden Klosterkirche angegriffen haben, war eine Frau!“

Eisiges Schweigen antwortete ihm, aber Snorre ließ sich nicht irritieren. Er fuhr fort in seinem Bericht.

„Sie ist an mir vorbeigelaufen, als ich im Kampf mit einem ziemlich kräftigen Burschen war, dem ich schließlich die Axt in den Schädel schlagen konnte. Lange, rötliche Haare hingen ihr bis auf den Rücken hinunter, und sie war die Einzige unter unseren Angreifern, die einen Helm trug. Ihr müsst sie gesehen haben!“

Ingvar nickte zu seiner Bemerkung.

„Ich habe zumindest einmal einen Helm unter den Angreifern bemerkt, aber ich kann nicht mehr dazu sagen, als dass es einer dieser Helme war, den man bei Gjemundbu schmiedet. Er ist leider viel zu teuer, als dass ich ihn mir leisten könnte, aber er wäre etwas für unseren Jarle, wenn ich mir diese Anmerkung erlauben darf!“, erklärte schließlich Ingvar.

Jeder wusste, dass diese Helme von einem außergewöhnlich kunstfertigen Schmied gefertigt wurden, der bei Gjemundbu lebte. Sie hatten den großen Vorteil, dass die obere Gesichtshälfte durch angeschmiedete, kräftige Stücke im Stirnbereich, die bis über die Augen reichten, geschützt wurde. Zwei Ausschnitte ließen dem Träger gute Sichtmöglichkeiten und verhinderten zugleich einen Schwertschlag auf Stirn-, Augen- und Nasenbereich.

Bolthar schwieg einen Moment und überlegte, wie er mit dieser Mitteilung umgehen sollte. Eine Frau war es, die diese Kriegerschar befehligt hatte und damit ihn, den mächtigsten Wikingerfürsten seit dem berühmten Rollo, von dem an jedem Herdfeuer den Kindern erzählt wurde, besiegt hatte?

„Nun“, sagte Bolthar gelassen und erhob sich, um seine inzwischen halbwegs getrockneten Kleidungsstücke von dem Busch abzunehmen, über den er sie zum Trocknen gelegt hatte. „Wir alle wissen, wie es um die Augen von unserem Snorre bestellt ist. Er hat sich mit sicherem Blick eine alte Frau ausgesucht, als es um die Befriedigung seiner Lüste ging. So könnt ihr nun selbst bestimmen, wie es um diese Frau als Anführerin einer starken Kriegergruppe bestellt sein muss!“

Lautes Gelächter antwortete ihm, aber Snorre fühlte sich nun herausgefordert und antwortete: „Jedenfalls möchte ich beim nächsten Mal mein Lager mit ihr teilen! Erfahrung mit alten Weibern habe ich nun genug!“

Für diese Bemerkung hätte ihm der Fürst gern mit der Faust geantwortet.

Aber er machte gute Miene zum bösen Spiel und fiel in das Lachen der anderen ein. Insgeheim nahm er sich aber vor, bei passender Gelegenheit Snorre spüren zu lassen, was er von ihm hielt.

Auf ihrem Marsch an der Küste entlang schliefen die Männer nur ein paar Stunden in einer natürlichen Mulde zwischen zwei Dünen. Bolthar teilte Wachen ein, denn er befürchtete, dass sie von den unbekannten Feinden verfolgt wurden.

Unruhig wälzte sich der Wikingerfürst auf seinem Lager hin und her, bis er dann schließlich kurz vor dem Morgengrauen einschlief.

Als er mit einem wütenden Schrei aufsprang und seine Axt in der kräftigen Faust hob, war er nur aus einem Traum aufgefahren, dessen Trugbilder ihn noch immer umgaben. Die anderen neben ihm erhoben sich jetzt ebenfalls rasch vom Boden, klopften sich den Sand aus den Kleidern und starrten Bolthar an, dessen Haar in wirren Strähnen vom Kopf abstand und ihm zusammen mit dem struppigen Bart das Aussehen eines Dämon verlieh.

Bolthar hatte einen schrecklichen Traum gehabt.

Sie war ihm begegnet, Fringa, seine Tochter. Sie trug diesen seltsamen Helm, und ihre kupferroten Haare quollen darunter hervor, flossen über ihre Schultern und ringelten sich um ihren Kopf, als wären es viele kleine rote Schlangen. Fringa war wie einer seiner Krieger gekleidet und hatte in der rechten einen Sax, dessen Klinge vom Blut der gerade Erschlagenen rot glänzte. Sie lächelte ihn auf eine böse Art herausfordernd an, und als er die Hand nach ihr ausstreckte, schlug sie so rasch mit dem Sax zu, dass sie um ein Haar seine Finger erwischt hätte.

Warum tust du mir das an, Fringa? Warum bist mit diesem Christen fortgelaufen? Du bist alles, was ich noch habe, meine Tochter, und du hast mir das Herz gebrochen! Komm zurück zu mir, ich befehle es dir nicht nur als dein Vater, sondern auch als dein Fürst!

Die Kriegerin trat einen Schritt zurück und starrte ihn aus den Löchern im Gesichtsschutz mit glühenden Augen an.

Wage es nicht, Bolthar, mich anzurühren, oder du wirst es bereuen!

Trotzdem ließ sich Bolthar durch diese Drohung nicht einschüchtern, sondern machte einen Schritt auf sie zu und streckte erneut die Hand nach ihr aus. Mit einer blitzschnellen Drehung schlug Fringa zu, und ein schrecklicher Schmerz raste von seinem Bein bis hinauf zum Rücken. Das war der Moment, in dem er erwachte und aufsprang. Er hatte so unglücklich gelegen, dass er an seine Pfeilwunde kam und durch den Schmerz aus dem Schlaf gerissen wurde.

Als er in die fragenden Gesichter seiner Männer blickte, stieß er einen Fluch aus und schrie über die versammelten Männer die Worte:

„Das wirst du mir büßen!“

Dann stapfte er davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Snorre und Galdur blickten sich an, dann zuckte Galdur mit den Schultern und folgte Bolthar, der jetzt an der Wasserlinie marschierte, wo der Sand noch nass und schwer war und damit das rasche Gehen erleichterte.

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