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Auf Wolke sieben mit dem Boss

Anna Cleary

Auf Wolke sieben mit dem Boss

1. KAPITEL

22. Stock. Apartment 4. Lege die Ordner auf den Tisch im Flur, wo Joe sie leicht finden kann und dann schnurstracks ins Büro zurück für die 15.00 Uhr Besprechung.

So lauteten die Instruktionen, die Mirandi Summers bekommen hatte. Und Mirandi befolgte immer Pattersons Anweisungen. Der unausgesprochene Ratschlag in diesen Worten hieß: Lungere nicht herum in der Hoffnung auf einen Flirt. Hinterlass keine Spuren, die ihn neugierig machen. Keine roten Haarsträhnen oder Parfumwolken hier und da verstreut. Dieser Mann ist nicht gut für deinesgleichen. Ohne nachzudenken würde er dich vernaschen und dir das Herz brechen.

Als ob Mirandi das nicht schon selbst wüsste, denn sie hatte bereits ihre Erfahrungen gemacht. Wenn Augen das Fenster zur Seele sind, so konnte die Farbe von Sinclairs Augen nicht lügen. Blau wie ein eisiger Fjord, hatten sie sie bereits einmal angelockt, um sie dann zappeln zu lassen. Aber jetzt war sie keine Achtzehnjährige mehr, die sich bereitwillig vom Charme eines jungen Rebellen, der sich etwas beweisen will, betören ließ.

Nein, inzwischen befand sie sich wieder auf dem Weg der Tugend und auf der Suche nach einem unkomplizierten, geradlinigen Mann, der sie heiraten wollte. Sie hätte auch niemals in Erwägung gezogen, überhaupt nur einen Fuß in Joes schickes Apartmenthaus zu setzen, wenn nicht die ganze Abteilung mit Vorbereitungen für seine Reise nach Frankreich überlastet wäre und niemand anderes zur Verfügung stand.

2204. Mirandi blieb vor der imposanten Eingangstür stehen. Obwohl sie den Kartenschlüssel in der Hand hielt, fühlte sie sich wie ein Einbrecher. Das Licht flackerte grün auf, und die Tür öffnete sich lautlos. Sie spazierte hinein und …

Whoosh.

Wow. Das Licht. Der Raum. Hinter den Doppeltüren lag ein riesiges Wohnzimmer mit einer umwerfenden Aussicht.

Das war also aus ihm geworden. Na klar, wenn der brillante Verstand eines Außenseiters ihn nach ganz oben in einer Investmentfirma gebracht hatte, warum sollte er dann nicht in einem Palast in gleicher Höhe wie die Sydney Harbour Bridge wohnen?

Hypnotisiert von der Grandezza, durchschritt sie die Doppeltür und bewegte sich mit den Unterlagen im Arm auf Zehenspitzen über das mattierte Parkett bis zum Fenster. Sydney sah von hier oben aus wie auf einer Postkarte. Blaues Meer und glitzernde Dächer unter einem azurblauen Himmel.

Mirandi drehte sich um und warf einen ehrfürchtigen Blick auf ihre Umgebung. Sie holte tief Luft, um die Atmosphäre einzuatmen. Es roch nach Reichtum. Die Einrichtung war sparsam, aber geschmackvoll. Mahagoni und Leder, ein farbenfroher orientalischer Teppich, ein paar Gemälde …

Dieses Hochglanz-Apartment war Lichtjahre von der kleinen Wohnung entfernt, das damals einen Sommer lang ihr geheimer Treffpunkt gewesen war, und wo Joe sie in die Wonnen der Leidenschaft eingeführt hatte.

Ihr Blick fiel auf ein Foto aus vergangenen Zeiten: Ein heruntergekommenes Motorrad an eine Mauer gelehnt. Es war Joes alte Maschine, bevor er sie vom Rost befreit und auf Hochglanz poliert hatte. Sein ganzer Stolz.

Sie musste lächeln. Ein sentimentales Gefühl überkam sie und füllte ihre Augen mit Tränen. Einen Augenblick lang fühlte sie sich zurückversetzt in diese magische Zeit, diesen Sommer, in dem sie achtzehn wurde.

Es war später Frühling gewesen, die Jakarandabäume standen in voller Blüte und überzogen die Lavender Bay wie ein violetter Teppich. Als wäre es gestern, sah sie sich dort unter den blühenden Bäumen nach der Morgenandacht vor der Kirche stehen, verliebt bis über beide Ohren. Verträumt hörte sie dem Geplauder ihrer Tante Mim zu, die sich mit Freunden unterhielt, während ihr Vater, der Gemeindepfarrer, seine Gläubigen an der Kirchentür verabschiedete.

Voll wilder Hoffnung drehte sie sich um, als ein Motorrad in die Einfahrt gebraust und schleudernd zum Stehen kam.

Es war Jake Sinclairs eigenwilliger Sohn Joe. Groß, schlank und mit einer diabolischen Ausstrahlung beäugte er die Menschen, die in ihrer Sonntagskleidung vor der Kirche standen. Enge schwarze Jeans betonten seine kräftigen Schenkel, während eine schwarze Lederweste seine gebräunten und muskulösen Oberarme entblößte. Die schwarz glänzenden Haare zurückgekämmt und ein Dreitagebart verliehen ihm ein wildes Aussehen.

„Was will der denn hier?“, fragte Tante Mim stirnrunzelnd.

Obwohl er Mirandi schon häufig aufgefallen war, hatte sie am Tag zuvor das erste Mal mit ihm gesprochen, als er ihr vor der Bibliothek geholfen hatte, ihre heruntergefallenen Bücher aus einer Pfütze zu fischen.

Mirandi spürte sofort, was er wollte – wen er wollte. Der herausfordernde Blick seiner blauen Augen ging ihr durch und durch.

Noch nie hatte sie eine solche innere Aufregung verspürt. Für Sekunden schwankte sie. Auf der einen Seite waren da ihre Freunde, ihr Vater, Tante Mim, die gesamte Kirchengemeinde, und auf der anderen der diabolische Junge auf dem großen Motorrad.

Joe Sinclair legte seinen Kopf zur Seite und grinste. Ein primitives, unwiderstehliches Verlangen regte sich in ihr. Sie ging ein paar Schritte auf ihn zu, zögerte, drückte ihr Gesangbuch Tante Mim in die Hand und sagte: „Tante, ich glaube, ich weiß, was er will. Er ist auf der Suche nach Erlösung.“

Dann überquerte sie den Kirchhof.

„Hallo, Joe“, sagte sie höflich und ganz die Pfarrerstochter, während ihr das Herz bis zum Halse schlug. „Komm doch rein.“

Joe Sinclair warf einen abschätzenden Blick in die Runde und lächelte. „Wie wäre es mit einer kleinen Tour auf meinem Motorrad?“

Es war erst das zweite Mal, dass sie ihn von Nahem sah und konnte ihre Augen nicht von ihm lassen. Er hatte eine kräftige gerade Nase, geschwungene sexy Lippen und ausgeprägte Wangenknochen. Sein Körper war schlank und durchtrainiert. Die dunklen geschwungenen Wimpern verliehen ihm etwas Weiches und Maskulines zugleich. Mirandi schmolz dahin.

„Oh, ich weiß nicht …“, stotterte sie. „Meine Freunde … und meine Tante …“

Ein breites Lächeln brachte sein schmales Gesicht zur Geltung und machte ihn noch attraktiver. „Ich bin nicht wegen deiner Tante hier.“

Sie zögerte nicht lange, winkte ihrer Tante Mim entschuldigend zu und stieg hinter ihm auf den Beifahrersitz. Dann legte sie ihre Arme um Joes Oberkörper, und die aufregendste Fahrt ihres Lebens begann.

Es war berauschend gewesen. Noch nie zuvor hatte sie einen derart intimen Körperkontakt mit einem Mann gehabt, nicht einmal einen ersten Kuss, mit dem sie hätte prahlen können. Joe fuhr sie zu seinem Apartment, wo er sie so lange küsste, bis ihr ganz schwindlig wurde.

Dann knöpfte er sanft aber bestimmt ihre Bluse auf und streichelte ihre Brüste, bis sie vor Erregung zitterte. Nachdem er ihr mit geschickter Hand den Rock abgestreift hatte, zeigte er ihr Dinge, von denen sie bisher nur in billigen Zeitschriften gelesen hatte.

Oh, es war eine unglaubliche Zeit gewesen. Joe war zynisch und mockierte sich über Dinge wie die Kirche, ihr gegenüber verhielt er sich jedoch zärtlich und einfühlsam.

Jeder Tag mit ihm war ein Abenteuer. Durch ihn lernte sie viel über Musik und tauchte in die Welt der Literatur ein. Er konfrontierte sie mit Lebensentwürfen, mit denen sie nie zuvor etwas zu tun gehabt hatte.

Seine Leidenschaft gehörte der Rockmusik und den Tieren. Minutenlang konnte er sich von der Schönheit eines Vogels verzaubern lassen und bewegungslos dastehen, um ihn nicht zu erschrecken.

Sie erinnerte sich, dass er sie immer wieder aufforderte, sich Zeit zu nehmen. „Schau genau hin“, hatte er gesagt. Joes Mutter war Malerin und hatte ihm schon früh beigebracht, die Vögel und die Natur intensiv zu betrachten. Er selbst besaß ebenfalls künstlerische Ambitionen. Einmal war ihr ein Gedicht von ihm in die Hände gefallen. Ein Gemälde, mit wenigen intelligenten Worten gemalt.

Eigentlich hätte Mirandi auf die Uni gehen sollen, doch sie war viel zu verliebt gewesen, um sich mit so profanen Dingen wie der Zukunft zu beschäftigen. Also verschob sie das Studium und erklärte Tante Mim und ihrem Vater, dass sie sich ein Jahr freinehmen wolle, um das Leben kennenzulernen.

Mim war nicht gerade begeistert, fürchtete sie doch den schlechten Einfluss dieses eigenwilligen jungen Mannes. Sie wäre überrascht gewesen, zu erfahren, dass er sogar in kleinen Dingen das Schöne entdecken konnte und Mirandi immer wieder vor allzu viel Übermut bewahrte.

Wenn er nicht gerade alte Motoren reparierte, fuhr er mit Mirandi in dem alten Schlauchboot seines Vaters zur Flussmündung, um zu angeln. Es waren faule Nachmittage auf dem Wasser, in denen sie sich gemeinsam die Zukunft ausmalten. Joe in seinem blauen T-Shirt, das immer nach Maschinenöl roch, träumte davon, sich ein eigenes Boot zu bauen und um die Welt zu segeln.

Oh, wie sehr sie ihn geliebt hatte.

Und welche Schande, dass alles so kläglich endete. Aber sie hatte daraus gelernt. Das Leben war nichts als eine bittersüße Symphonie. Nachdem sie schließlich über den Verlust hinweggekommen war, wurde ihr klar, dass ihr Glücklichsein nur von ihr selbst abhing, nicht von einem anderen Menschen.

Doch sie wusste, dass sie nie im Leben eine solche Leidenschaft wieder erleben würde und war inzwischen bereit, sich auch mit einem weniger aufregenden Mann zufriedenzugeben.

Mirandi sah sich in dem gestylten Apartment um. Existierte der respektlose und ungläubige Joe Sinclair von damals noch? Oder war das hier schon immer sein wahres Ich gewesen?

Ihr Blick verharrte auf einer antiken Anrichte, wo mehrere Flaschen bekannter Marken aufgereiht standen. Whiskey, Gin und Wodka, ihr Lieblingsgetränk in jenen Tagen. Sie musste schmunzeln. Wie leicht hatte sie sich doch diesen Versuchungen hingegeben, um cool zu wirken und ihren Liebhaber zu beeindrucken, der in ihren naiven Augen so welterfahren war. Joe war nur sechs Jahre älter als sie, doch er hatte bereits viel Trauer und Verlust in seinem Leben erleiden müssen.

Sie konnte sich vorstellen, was ihr Vater über all das denken würde. Nach vielen Jahren der Fürsorge für Obdachlose und des Engagements in der städtischen Suppenküche, würde er sich nicht mehr wundern, als damals vor zehn Jahren, als er Joes Vater auf der Straße aufgelesen und nach Hause gefahren hatte, weil dieser seinen letzten Dollar verspielt hatte und kein Busticket mehr kaufen konnte.

Plötzlich kam ihr in den Sinn, dass Joe alles Recht der Welt hätte, wütend zu sein, wenn er wüsste, dass sie gerade in seinen Privatbereich eindrang.

Sie überkam ein Gefühl, das sie seit ihrer Kindheit nicht mehr empfunden hatte, als sie allein zu Hause gewesen war und den unwiderstehlichen Wunsch verspürte hatte, ihre Freiheit auszukosten und etwas Verbotenes zu tun.

Joe würde den ganzen Nachmittag mit Vorstandssitzungen verbringen. Es bliebe ihr also genügend Zeit für einen kleinen Ausflug in die Vergangenheit.

2. KAPITEL

Joe Sinclair war auf dem Weg zurück ins Büro, als er plötzlich einen Schwenk nach links machte und den Fahrstuhl nach unten nahm. Wann würde dieser Tag endlich zu Ende sein?

Irgendetwas stimmte nicht mit ihm.

Seit Wochen wälzte er sich im Schlaf umher und stellte seine Arbeit infrage.

Erstaunlich, dass gerade ihm so etwas passieren konnte, einem Mann mit außerordentlicher Begabung für Finanzen. Doch seit vor einigen Monaten die Entwicklung des Casinoprojekts in Gang gekommen war, waren die Vorstandssitzungen eine einzige Qual geworden.

Er musste sich fast in den Arm kneifen. War er nicht der Typ, der seine Karriere so zielstrebig verfolgte, dass die Kollegen ihn schon ‚Geldmaschine‘ nannten? Von nichts und niemandem hatte er sich je von seinen Geschäften ablenken lassen.

Auf der Straße holte Joe tief Luft und schaute in die Nachmittagssonne hinauf. Seit Jahren war es das erste Mal, dass er ohne sich abzumelden einfach seinen Arbeitsplatz verließ. Am liebsten würde er jetzt in einen Hubschrauber steigen und der ganzen Businesswelt entfliehen. Am besten weit weg von jeglicher Zivilisation. In Ermangelung dieser Möglichkeit entschied er sich für eine Bar.

Nicht allein wegen des Alkohols. Es gab dort immer ein paar verführerische Schönheiten, die auf Männer wie ihn warteten, um sich ein wenig zu vergnügen. Er musste an Kirsty denken, mit der er hin und wieder ins Bett ging und die ihn am liebsten heiraten wollte. Doch es war wie so häufig. Er hatte das Gefühl, dass die Frauen nur an seinem Geld interessiert waren.

Joe betrat die Bamboo Bar und bestellte einen Scotch. Ein paar langbeinige Frauen beäugten ihn neugierig, doch statt ihre Signale zu erwidern, überkam ihn ein Gefühl von Überdruss. Das Spiel der Eroberung erschien ihm plötzlich so vorhersehbar. Immer die gleichen Rituale.

Was war los mit ihm? Er liebte doch das weibliche Geschlecht. Er musste krank sein.

Eigentlich sollte er sich des Lebens freuen. Beruflich hatte er es geschafft, ihm lag die Welt zu Füßen. Morgen würde er nach Südfrankreich fliegen. Ein Kulissenwechsel und die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen sowie wertvolle Informationen von alten Hasen der Branche zu bekommen, bevor er entschied, ob sich seine Firma an der Entwicklung eines neuen Casinoprojekts beteiligen sollte.

Warum also trübsinnig werden? Die gute Stella würde wie immer verlässlich an seiner Seite sein und alles dafür tun, dass er sich wohl fühlte. Von ihr ging keine Gefahr aus.

Im Unterschied zu gewissen anderen Frauen.

War es wirklich schon fünf Wochen her, dass die Personalabteilung ihren Namen als potenzielle Kandidatin für die neu geschaffene Position eines Marktanalysten erwähnte? Er konnte es zunächst nicht glauben. Eine unpassendere Person als Analystin konnte er sich nicht vorstellen. Warum hatte sie sich beworben? Hoffte sie auf Vorteile aufgrund ihrer früheren Bekanntschaft? Hatte sie vergessen, was geschehen war?

Mirandi Summers, seine ehemalige Freundin. Sein Instinkt riet ihm, sie abzulehnen, denn noch immer belastete ihn ihre letzte Begegnung vor zehn Jahren. Der Verdacht von Untreue, der unausgesprochen in der Luft gelegen hatte. Warum hatte er nichts gegen ihre Einstellung unternommen?

Schuldgefühle waren nicht der Grund, denn letztlich hatte er damals richtig gehandelt. Es war die einzige Möglichkeit gewesen.

Gut, heute war sie nicht mehr das schüchterne süße Mädchen, das ihm den Kopf verdrehte. Sie war erwachsen geworden. Ihre grünen Augen hatten einen reifen Ausdruck bekommen. Trotzdem, im konkurrierenden Umfeld eines Unternehmens würde eine junge Frau wie sie …

Ihm graute bei der Vorstellung, sie in der wöchentlichen Besprechung sitzen zu sehen. Die anderen würden sie in Stücke reißen.

Zugegeben, ihm war fast die Luft weggeblieben, als er sie in der Teeküche wiedersah. Es war wie ein Schlag in die Magengrube gewesen.

Erinnerungen und Schuldgefühle kamen in ihm hoch, und er musste für einen Moment die Augen schließen, um sich zu fangen.

Noch immer strahlte sie diese animalische Vitalität aus, die ihn in seinen Zwanzigern verrückt gemacht hatte. Doch aus dem langbeinigen, fohlenhaften Wesen war eine sinnliche, mit weichen Rundungen ausgestattete Schönheit geworden.

Ihre einst widerspenstigen, lockigen Haare hingen jetzt glatt und seidig auf die Schultern herab. Ihr enges lilafarbenes Kleid war ein Blickfang für jeden Mann.

Ihn überkam das verrückte Verlangen, zu ihr hinüberzulaufen und ihr etwas überzuwerfen. Aber er war ein rationaler Typ und musste akzeptieren, dass in den vergangenen Jahren bestimmt viele Männer ihre seidige Haut gestreichelt und ihre vollen süßen Lippen geküsst hatten.

Allein der Gedanke an ihre weiblichen Reize brachte sein Blut in Wallung. Sie einzustellen, war eindeutig ein Fehler gewesen. Joe hatte dafür gesorgt, dass Ryan Patterson sie unter seine Fittiche nahm, solange seine Assistentin in Urlaub war. Auf diese Weise konnte sie sich ein wenig akklimatisieren, bevor sie mit dem Rest der Meute konfrontiert wurde. Doch all das half Joe Sinclair wenig. Mirandi ging ihm nicht aus dem Kopf. Sollte es ihm nicht gelingen, sie aus seinen Gedanken zu verbannen, würde er sie entlassen müssen. So einfach war das.

Er hatte es nicht lassen können, in ihre Personalakte zu schauen. Noch immer lebte sie in Lavender Bay, nicht weit von ihrem alten Viertel, noch immer unverheiratet. Erstaunlich, wenn man bedenkt, welche Pläne ihr alter Herr für sie gehabt hatte.

Sein Gesicht verzog sich, obwohl er die Verletzung schon lange überwunden hatte. Zum Teufel, wenn er ihr Vater gewesen wäre, hätte er wahrscheinlich dasselbe getan. Sie war so zart und hingebungsvoll gewesen. So formbar. Zu weich, um einem Schurken wie ihm ausgeliefert zu sein. Wahrscheinlich sollte er ihrem Vater dankbar sein. Es war wohl seine freche Ungläubigkeit, die Joe angetrieben hatte, ihrem Vater und der gesamten Nachbarschaft zu beweisen, dass er alles erreichen konnte, was er sich vornahm.

Doch was wollte Mirandi in dieser Welt? Mit ihrem Hintergrund war sie in diesem Haifischbecken völlig fehl am Platz. Wenn sie wüsste, welche harten menschlichen Entscheidungen in diesem Job auf sie zukämen! Hier ging es nur um gewinnbringende Investments.

Ein- oder zweimal hatte er es sich nicht verkneifen können, an Pattersons Büro vorbeizulaufen, um einen Blick auf sie zu erhaschen. Mal war sie konzentriert in ein Papier vertieft, mal plauderte sie am Telefon.

Das letzte Mal sah er, wie sie über einen von Pattersons Witzen lachte. Als sie ihn erblickte, erstarb ihr Lachen schlagartig und wich der coolen, geheimnisvollen Fassade, die einen Mann wahnsinnig machen konnte.

Danach widerstand er der Versuchung, ihre Nähe zu suchen. Doch zu wissen, dass sie da war und mit ihrer honigsüßen Ausstrahlung den Raum erfüllte und Patterson täglich in den Genuss ihrer Nähe kam, machte ihm doch zu schaffen. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, sie Patterson zur Seite zu stellen.

Joe hatte ihn ausgesucht, weil er ein beliebter, sanfter Typ war. Vielleicht ging diese Wahl jedoch nach hinten los.

Wenn der Mann bloß aufhören würde, über ihre Fähigkeiten zu sprechen, als wäre sie seine persönliche Entdeckung. Es war nicht auszuschließen, dass es reines Begehren war, falls ein blasses, blondes Milchgesicht wie Patterson überhaupt genügend rote Blutkörperchen produzieren konnte, um so in Wallung zu geraten.

Joe hingegen waren Turbulenzen nicht unbekannt. In seinen schlaflosen Nächten während der letzten Zeit, hatte er immer wieder an Mirandi gedacht. An ihren Ausdruck am ersten Arbeitstag, als er ihr ihren Schreibtisch zeigte.

Etwas in Mirandis Gesicht erinnerte ihn an ihren leidenden Blick, als sie das letzte Mal bei ihm gewesen war. Wie verletzlich sie damals gewirkt hatte.

Er versuchte, einen wohlbekannten Schmerz in der Magengrube zu ignorieren. Es waren keine Schuldgefühle, es war nur …

Vielleicht war er einfach nur krank.

Sein Handy klingelte. Stellas Name erschien auf dem Display, und einen Moment zögerte er, das Gespräch anzunehmen. Doch sein Pflichtbewusstsein siegte.

„Stella?“ Sein Ton war knapp und klar wie immer. Niemals würde seine tüchtige Assistentin auf den Gedanken kommen, dass er mit einem Glas Scotch in der Hand in einer Bar stand und über das Leben sinnierte.

Sie klang ungewöhnlich aufgewühlt. „Oh, Joe, ich bin auf dem Weg ins Krankenhaus. Mein jüngster Sohn Mike hatte einen Fahrradunfall und liegt auf der Intensivstation. Es tut mir leid, aber ich muss zu ihm.“

Das fehlte ihm gerade noch, doch er sagte: „Natürlich, Stella. Nimm dir Zeit.“

„Sie wollen ihn operieren. Ich fürchte, ich kann dich nicht nach Monaco begleiten. Es tut mir wirklich sehr leid.“

„Mach dir keine Sorgen. Bleib bei deinem Sohn, er braucht dich jetzt.“

„Danke für dein Verständnis, Joe. Mach dir keine Sorgen um den Flug, es ist alles arrangiert. Wenn du in Zürich umsteigst, musst du nur …“ Es folgte eine Kette von Anweisungen, wie Joe es schon von seiner überkorrekten Assistentin gewohnt war. Es nervte ihn zwar, doch spürte er auch Anerkennung für sie. Sie hatte sich so sehr auf diesen Trip gefreut und nun dieser Unfall.

Seine Stimmung sank. Die Reise schien nun noch langweiliger zu werden. Der lange Flug, das Warten auf den Flughäfen. Verspätungen, Taxifahrten, volle Strände. Französisches Essen, französische Menschen. Tagelang eingesperrt in Konferenzräumen mit Hunderten von eifrigen Delegierten aus der ganzen Welt, die alle über das herrliche Wetter redeten.

Er würde sein eingerostetes Französisch hervorholen müssen. Warum konnte die Konferenz nicht woanders stattfinden? An kälteren Orten, wie die Schweiz oder Helsinki? Investmentbanker können überall auf der Welt über Spielbankprojekte diskutieren. Warum musste es die Côte d’Azur sein?

Der Gedanke an den Ort löste Widerwillen in ihm aus. Er gab sich innerlich einen Ruck. Was war los mit ihm? Joe Sinclair, einflussreiche Person in der Hochfinanz, musste sich fragen, ob er nicht einfach nur eine Grippe ausbrütete.

Er atmete tief durch, klappte sein Handy auf und wählte die Büronummer. Es hatte keinen Sinn sich aufzulehnen. Er war ein Gefangener seines Erfolges, und es gab kein Entrinnen.

„Geben Sie mir Tonia aus der Personalabteilung.“ Er wartete. „Hallo, Tonia. Ich brauche jemanden, der für Stella einspringt und mich nach Frankreich begleitet.“ Sie antwortete etwas, bevor Joe das Gespräch beendete und das Handy wieder in die Jackentasche steckte.

Jemand Sympathisches, hätte er hinzufügen sollen. Jemand, der ihn auf andere Gedanken brachte. Er trank seinen Scotch aus und ohne einen weiteren Blick auf die Frauen an der Bar zu werfen, trat er auf die Straße hinaus.

Mirandi wurde immer entspannter auf ihrem Streifzug durch Joe Sinclairs Apartment. Trotzdem warf sie nur flüchtige Blicke in die einzelnen Räume, um ja keine Spuren zu hinterlassen.

Ihr fiel auf, dass es keine weiteren Fotos gab, kein Hinweis auf eine andere Person, obgleich sie wusste, dass er niemals Bilder seiner Familie aufstellen würde. In diesem Punkt war er immer sehr verschlossen gewesen. Aber Tante Mim kannte seine Geschichte. Joes Mutter hatte die Familie verlassen, als er neun Jahre alt gewesen war. Sein Vater, ein talentierter Architekt, hatte das nie verwunden, wurde zum Alkoholiker und Spieler, der am Ende das eigene Haus verspielte.

Joe hatte nie an diese Zeiten erinnert werden wollen. Kein Wunder also, dass keine Fotos zu sehen waren.

Durch eine halb offene Tür warf Mirandi einen Blick in Joes Schlafzimmer und zögerte. Eine verbotene Zone. Aber vielleicht würde es ihr helfen, zu verstehen, wie ihre alte Liebe Joe heute tickte.

Alte Liebe! Die Wahrheit war inzwischen bekannt, warum sollte sie also auf dieses düstere Kapitel zurückblicken? Wenn sie gewusst hätte, dass Joe Sinclair CEO von Martin Place Investment war, hätte sie den Job wahrscheinlich gar nicht angenommen. Die Trennung damals war so grausam gewesen.

Trotzdem, sie musste fair bleiben und zugeben, dass Joe nie erfahren hatte, was sie ihm bei ihrer letzten Begegnung hatte sagen wollen. Die Erinnerung an diesen Moment löste zwar keinen Schmerz mehr in ihr aus, doch würde sie sich ein Leben lang an diesen Moment erinnern.

Seine eisblauen Augen, der finstere Blick.

„Es ist vorbei“,

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