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Auf Umwegen ins große Glück

Karen Templeton

Auf Umwegen ins große Glück

1. KAPITEL

Winnie Porter stand auf der Türschwelle von der „Skyview Gas’n’Grill“ Imbissstube, trank starken Kaffee aus einem Styroporbecher und blinzelte im Licht der Morgensonne. Über die karge Landschaft von West-Texas toste ein unbarmherziger Oktobersturm hinweg.

Na, das passt ja, dachte Winnie. In ihren Cowboystiefeln trat sie von einem Fuß auf den anderen. Dann rieb sie sich mit ihrer verschwitzten Hand den Oberschenkel. Am Ausschnitt ihres Baumwolltops kitzelten ihre feuchten Haarspitzen im Nacken und auf den Schultern.

Annabelle, ihr Border Collie, stieß mit der Schnauze gegen ihr Bein und hechelte.

„Hier, bitte. Aber nicht schon alles aufessen, noch bevor du Amarillo erreichst.“

Winnie betrachtete die prall gefüllte Plastiktüte. „Danke“, sagte sie und wappnete sich gegen die Missbilligung, die beinahe unverhohlen in den fast schwarzen Augen ihres Gegenübers schimmerte. Sie nahm die Tüte und drehte sich um, als Elektra Jones geräuschvoll durch die Nase ausatmete.

„Da ist Miss Ida noch nicht mal ’ne Woche tot …“

„Ich weiß.“

„… und du hast nichts Besseres zu tun, als quasi darum zu bitten, dass man dir noch mehr wehtut.“

„Schlimmer als das, was ich die letzten neun Jahre durchgemacht habe, kann es auch nicht werden“, sagte Winnie mit leiser Stimme und schwang sich ihren Dufflebag über die Schulter. „Und fang jetzt gar nicht erst damit an, dass du mich hier brauchst. Du weißt genauso gut wie ich, dass du den Laden hier praktisch alleine schmeißt. Vor allem im letzten Jahr …“

Die Stimme versagte ihr. Sie warf einen Blick auf das Erbe, das Ida Calhoun ihrer einzigen Enkelin hinterlassen hatte – eine heruntergekommene Mischung aus Diner, Tante-Emma-Laden und Tankstelle. Seit ihrem zehnten Geburtstag war dieser Ort für Winnie sowohl Zufluchtsort als auch Gefängnis. Und jetzt gehörte das alles ihr.

Sogar vom Grab aus schaffte es die Alte, ihren Willen durchzusetzen.

„Du wirst mich nicht mal vermissen“, behauptete Winnie.

„Also, da liegst du total daneben“, sagte Elektra mit Tränen in den Augen. Als sie Winnie an ihren üppigen Busen zog, gab diese den Versuch auf, die Fassung zu bewahren.

„Um Himmels willen, es ist doch nur für eine Woche.“

„Trotzdem.“ Elektra drückte sie ein letztes Mal und packte sie an den Schultern. „Sei bloß vorsichtig, hörst du?“

Winnie konnte nicht antworten und nickte nur.

Ein paar Minuten später dröhnten die Dixie Chicks aus dem Lautsprecher ihres alten Pick-ups, und Annabelle hielt auf dem Beifahrersitz die Schnauze in den Wind. An ein paar großen Reklameschildern vorbei fuhr Winnie auf den Highway Richtung Westen. Dabei war sogar ihr klar, dass es sich höchstwahrscheinlich um eine Irrfahrt handelte.

Stunden später kletterte Winnie vor einem winzigen, schlammfarbenen Haus aus ihrem Truck. Ein steiles Blechdach, das gar nicht zu dem Gebäude passen wollte, krönte das mitten im Wald gelegene Domizil. Freudig bellend schoss Annabelle ins dichte Unterholz aus buschigen Pinien und Lebens-Eichen. Die herbstgelben Blätter der Bäume raschelten in der Brise.

Winnie blinzelte im grellen Licht des strahlend blauen Himmels. Die abblätternde Farbe der Eingangstür hatte beinahe den gleichen Farbton. Hier lässt es sich aushalten, dachte sie und lächelte, als sie in der kalten Luft eine Gänsehaut bekam.

Winnie wandte sich wieder ihrem Auto zu, um ein langärmeliges Hemd vom Vordersitz zu zerren, als ein weißer Toyota Highlander knirschend neben ihr zum Stehen kam. Die Maklerin, dachte sie.

Einen Augenblick später wurde ihre Vermutung bestätigt, als eine hochschwangere, hübsche Frau mit dunklem Haar vorsichtig aus dem Auto stieg und ihr zurief: „Sie sind bestimmt Winnie! Ich bin Tess Montoya, wir haben miteinander telefoniert.“

Sie öffnete die Rücksitztür, um einen kleinen Jungen im Kindergartenalter aussteigen zu lassen. „Ich habe Sie ja vor zu großen Erwartungen gewarnt!“

„Soll das ein Witz sein?“ Winnie schlüpfte in ihr Hemd und lächelte dem entzückenden kleinen Jungen zu, der sich schüchtern am langen Rock seiner Mutter festklammerte. Dann drehte sie sich um und betrachtete eingehend die dunkelrosa blühenden Cosmeen auf beiden Seiten der Tür, das Paar kleine Fenster – mit blau gestrichenen Fensterrahmen, von denen ebenfalls die Farbe abblätterte …

„Ich bin jetzt schon ganz verliebt in das Haus!“, behauptete sie, nahm ihren Dufflebag und ihren Schlafsack und folgte der gesprächigen Maklerin ins Haus.

„Leider sind die elektrischen Leitungen und die Wasserleitungen manchmal unzuverlässig“, sagte Tess und rieb sich den Bauch.

Winnie wandte den Blick ab.

„Aber meine Tante – sie ist die Haushälterin des Eigentümers – hat hier eine Weile gewohnt. Daher weiß ich, dass es durchaus bewohnbar ist. Wenigstens für eine Woche! Wobei ich immer noch nicht begreifen kann, warum Sie in Tierra Rosa bleiben wollen. Also, wenn Sie Taos oder Santa Fe gesagt hätten …“

„Das ist toll. Ehrlich“, sagte Winnie und ließ ihr Gepäck auf den Boden fallen. Die Holzbohlen waren nicht gewachst und wiesen zahlreiche Schrammen auf. Langsam gewöhnten sich Winnies Augen an das milchige Licht im Inneren.

Sie sah sich um und registrierte rau verputzte, schmucklose weiße Wände, einen bienenkorbförmigen Kiva-Kamin, ein abgenutztes Ledersofa mit passendem Sessel im spanischen Missionsstil, einen überdimensionalen Schaukelstuhl und ein Doppelbett mit einem Kopfende aus Baumstämmen.

Die „Küche“ bestand aus einer alten Anrichte zwischen einem Ausguss voller Rostflecken und einem uralten Gasherd sowie einem ramponierten, weiß lasierten Tisch mit zwei Stühlen, die nicht zusammenpassten. Eine niedrige Tür führte in ein winziges Badezimmer mit einer antiken Wanne mit Vogelfüßen, die offenbar nachträglich eingebaut worden war.

Aber alles war blitzblank; weiche Handtücher hingen von schwarzen Eisenringen, und auf dem Waschbeckenrand lag ein neues Stück Seife für sie bereit. Und die dicke Decke mit den flauschigen Kissen auf dem Bett schienen nur darauf zu warten, ausprobiert zu werden. „Ich finde es … gemütlich“, sagte Winnie, und Tess lachte.

„Das ist eine freundliche Beschreibung. Es tut mir wirklich leid, aber ich muss los. Ich habe noch tausend Sachen zu erledigen. Hier haben Sie für alle Fälle meine Karte“, sagte Tess und legte ihre Visitenkarte auf den Tisch.

Dann schlurfte sie mit ihrem Babybauch mühsam zur offenen Haustür, durch die Kinderlachen hereindrang. „Rufen Sie mich an, wenn Sie etwas brauchen. Oder meine Tante, die wohnt gleich da oben auf dem Berg. Ich habe ihre Nummer auch aufgeschrieben … oh! Miguel! Nein, lass den Wauwau in Ruhe!“

„Das ist wahrscheinlich eher umgekehrt“, sagte Winnie lachend und rief Annabelle zurück.

„Ich denke immer wieder darüber nach, ihm einen Hund zu schenken. Aber sein Vater ist momentan nicht hier, und in diesen Tagen kommt das Baby …“ Tess seufzte. „Jedenfalls … genießen Sie Ihren Aufenthalt. Ich habe mich gefreut, Sie kennenzulernen!“

Winnie sah dem SUV nach, wie es die ungeteerte Straße entlangrumpelte. Dann ging sie wieder ins Haus.

Prompt sprang Annabelle aufs Bett, drehte sich dreimal um sich selbst und ließ sich fallen.

Winnie zog die Hintertür auf und trat auf die kleine Lichtung hinaus, die hier in den Wald geschlagen war. Die Brise spielte mit ihren losen Haarsträhnen. Ein schriller Vogelruf ließ sie gerade noch rechtzeitig aufschauen, um einen Blick auf blaue Flügel zu erhaschen.

Sie schloss genießerisch die Augen und lächelte. Auch wenn ihr Plan nicht aufgehen sollte, nach dem letzten Jahr – nach den letzten Jahren – gab es Schlimmeres, als eine Woche in diesem Paradies zu verbringen.

Doch als sie die Augen öffnete und die frischen Reifenspuren eines Fahrrads bemerkte, die zu einem Pfad führten, der zwischen den Bäumen verschwand, verflüchtigte sich ihr Lächeln. Stirnrunzelnd drehte sie sich um und betrachtete die Spuren, die kurz vor dem Haus endeten.

Hinter ihr im Wald knackte etwas.

Winnie fuhr herum. Die Nackenhaare standen ihr zu Berge. Doch dann war ihre Angst zumindest für den Augenblick vergessen, als Annabelle auf einer begeisterten Verfolgungsjagd im Unterholz verschwand …

Sein Atem ging stoßweise, ärgerlich keuchend. Fest umklammerte der kleine Junge die Griffe seines Fahrrads. Durch die Bäume hindurch beobachtete er die Frau und ihren Hund. Heißer Zorn explodierte in seiner Brust. Bleib bloß von meinem Haus weg!, wollte er rufen, aber der Schrei blieb ihm im Halse stecken.

„Robbie! Rob-bie!“

Robbie drehte den Kopf nach Floritas Stimme um. Wenn er nicht bald wieder zurückkam, würde sie sich ängstigen und seinem Dad Bescheid sagen, und dann würde sein Dad sich auch Sorgen machen. Und das wäre total doof. Nach einem letzten Blick auf die Frau drehte er um und trat so schnell in die Pedale, wie er konnte, um heimzufahren.

Die Hühner stoben in Panik auseinander und gackerten sich die Seele aus dem Hals, als er quer durch den Hof raste, sein Rad fallen ließ und nach hinten rannte.

„Wo bist du gewesen?“, fragte Florita, als er die sonnige Küche betrat.

„Rumfahren, einfach nur so“, sagte Robbie keuchend. Er ging zum Kühlschrank, um sich eine Flasche Saft zu nehmen. Dabei konnte er spüren, wie Florita ihn von hinten mit ihren dunklen Augen ansah, fast als ob sie durch ihn hindurchschauen konnte. Er mochte Flo echt gerne. Aber auch wenn sie noch so nett war, sie war eben nicht seine Mom. Auf einmal hatte er einen Kloß im Hals. Dann merkte er, dass Flo gerade etwas zu ihm gesagt hatte. „Hm?“

Flo verdrehte die Augen. „Solltest du irgendwann mal die Ohren aufsperren und gleich hören, was ich sage, falle ich vor Schreck tot um. Ich habe gesagt, dass dein Vater runter zu Garcia’s fährt, und dich gefragt, ob du mit willst.“

„Nein, ist schon okay“, sagte Robbie.

Flo warf ihm wieder so einen Blick zu. So einen Blick, der ihm sagen sollte, dass sie ihn verstand.

Seit seine Mom tot war, verbrachte sein Dad immer mehr Zeit im Studio beim Malen und immer weniger Zeit mit ihm. Jedenfalls nicht so wie früher. Flo sagte, dass sein Dad nur versuchte, mit seinen Gefühlen fertigzuwerden, weil seine Mom gestorben war. Das machte Robbie ein bisschen wütend. Er vermisste seine Mom doch auch. Sehr sogar. Und es tat weh, dass er nicht mit seinem Dad darüber sprechen konnte. Denn immer, wenn er das versuchte, wurde sein Dad ganz trübselig. Und das machte alles nur noch schlimmer.

Irgendwann hatte Robbie die Flinte ins Korn geworfen. Es hatte ja doch keinen Sinn, oder?

„Du darfst nicht aufgeben“, sagte Flo sanft.

Wenn er nicht ging, würde sie ihn nur weiter nerven. Daher trank er den Saft aus und schleppte sich die Treppe zu Dads Studio hinauf.

Als er sein Ziel erreicht hatte, musste er blinzeln, um sich an das helle Licht zu gewöhnen. Mit den vielen Fenstern an der Decke hatte man fast das Gefühl, draußen zu sein. Vor allem, weil die Wände so hoch waren. Robbie mochte den Geruch hier. Ölfarbe und Holz und das Zeug, das sein Dad benutzte, um Leinwände weiß zu grundieren, ehe er sie bemalte.

Die Jeans von seinem Dad und sein langärmeliges T-Shirt waren über und über mit Farbe verschmiert. Er war gerade dabei, einen seiner großen Pinsel zu reinigen, und betrachtete stirnrunzelnd das Bild, an dem er gerade arbeitete. Zumindest vermutete Robbie, dass er seine Stirn in Falten gelegt hatte – es war schwierig, das genau zu sehen, weil seinem Dad die dunklen Locken tief ins Gesicht fielen.

Robbie zupfte an seinem eigenen, viel helleren Haar herum. Es war fast genauso lang. Flo wollte immer, dass sie sich die Haare schneiden ließen, aber sein Dad sagte, das wäre eben ihr wilder Einsiedler-Look. Sein Dad rasierte sich nicht mal täglich. Dazu hatte Flo auch so einiges zu sagen.

Robbie schaute sich das Bild an. Die Farben waren ganz grell, Orange und Lila und Pink und Grün, so ähnlich wie der Blick aus seinem Fenster, wenn die Sonne unterging. Aber anstatt hübsch auszusehen, wirkten die Farben, als ob sie miteinander kämpften.

„Gefällt’s dir?“, fragte sein Dad. Er hörte sich anders an als alle anderen Leute hier, weil er aus Irland kam.

Robbie drehte sich um und sah, dass sein Dad ihn mit diesem traurigen Blick betrachtete, den er so hasste. Er wandte sich eilig wieder ab. „Für wen ist das?“

„Nur für mich“, antwortete sein Vater.

„Oh“, machte Robbie. Dann fügte er hinzu: „Flo hat gesagt, dass du zu Garcia fährst.“

„Ja, die haben heute eine Lieferung für mich bekommen.“ Sein Dad ließ sich Material und anderes Zeug oft an den Laden unten am Highway schicken und nicht nach Hause. Einerseits, weil es für die Lieferwagen manchmal schwierig war, hier hochzukommen. Aber auch, damit man ihn nicht finden konnten. Er konnte es nämlich nicht leiden, wenn fremde Leute ihre Nasen in seine Angelegenheiten steckten, sagte er. „Willst du mit?“

„Klar.“ Robbie tat, als ob das keine große Sache war. Als er dann wieder zu seinem Dad hinübersah, lächelte dieser. So ein bisschen. Zumindest so, dass er Grübchen bekam. Aber seine Augen sahen immer noch so aus, als wollte er sagen, wie leid ihm das alles tat. Als ob Moms Tod irgendwie Dads Schuld war.

Robbie wollte seinem Dad gerne sagen, dass er mit diesem Blödsinn aufhören sollte. Stattdessen fragte er: „Kann ich ein ‚Nutty Buddy‘-Eis kriegen?“

„Abgemacht“, antwortete sein Dad. Dann beugte er sich nach unten und hob Robbie hoch, genau wie früher.

Robbie klammerte sich an seinen Hals, und es machte ihm nicht mal etwas aus, dass das Gesicht von seinem Dad so pieksig war wie ein Stachelschwein.

Das Schild im Fenster war handgeschrieben: „Hunde und Kinder haben nur in Begleitung von Erwachsenen Zutritt.“ Eine Stadt, in der es solche Vorschriften gibt, muss man einfach lieben, dachte Winnie ironisch, als sie Annabelle vor dem Laden aus dem Truck ließ. Mit Stuckfassade und Säulenveranda verziert, stand das lang gestreckte Gebäude einsam und verlassen neben dem Highway. Dem größeren – aber trotzdem handgeschriebenen – Schild zufolge, das neben der Straße in der Erde steckte, handelte es sich außerdem um die einzige Tankstelle in Tierra Rosa.

Im Inneren entpuppte sich das Gebäude als modernes Gegenstück eines Kolonialwarenladens. Winnie sah sich kurz um und entdeckte alles nur Denkbare, von Angelhaken über Mikrowellenessen bis hin zu Motoröl, Levis Jeans und Rice Crispies. Abgesehen davon verkündete ein Schild an der Theke auch noch, dass es sich bei dem Shop um ein offizielles U.S. Postamt handelte, Postlagerung inbegriffen.

Winnie und Annabelle waren die einzigen Kunden. Neben der Kasse lehnte sich ein Mädchen im Teenageralter mit braunem Haar und extrem offenherzigen Ausschnitt über die Theke. Das Kinn in die Hand gestützt, blätterte sie ein Schulbuch durch und machte sich eifrig Notizen in einem Spiralblock.

Trotzdem ahnte Winnie irgendwie, dass sie eigentlich nichts gegen die Annäherungsversuche des großen, kräftigen Jungen mit dem kahlgeschorenen Schädel an ihrer Seite einzuwenden hatte. Ganz egal, wie viel Hausaufgaben sie zu erledigen hatte.

Winnie wandte sich seufzend ab. Sie musste sich zwingen, daran zu denken, dass nicht jedes Mädchen, das ein bisschen herumknutscht, gleich schwanger wird. Dass einige von ihnen intelligent genug waren, es nicht so weit kommen zu lassen. Oder zumindest dafür zu sorgen, dass es keine Folgen hatte, wenn sie es doch taten.

„Brauchen Sie Hilfe?“, rief das Mädchen.

„Haben Sie Hundefutter?“

„Hinten an der Wand, rechts von Ihnen. Übrigens haben wir diese Woche Eis im Sonderangebot.“

„Danke“, sagte Winnie und schleppte einen Zehn-Kilo-Beutel Hundefutter zu ihrem Einkaufswagen. Dann steuerte sie die Tiefkühltruhen an, weil sich das Mädchen solche Mühe gegeben hatte, sie darauf aufmerksam zu machen. Vertieft in die Qual der Wahl zwischen Schokolade mit Minze oder Snickers-Eiscreme, hörte sie kaum, wie die Glocke über der Ladentür klingelte. Daher dauerte es auch eine Sekunde, bis die tiefe männliche Stimme mit dem irischen Akzent zu ihr durchdrang.

„Oh ja, Mr. Black“, sagte das Mädchen. „Das habe ich hier. Warten Sie, ich hole es Ihnen …“

Siedend heiß durchfuhr Winnie ein Adrenalinstoß. Einen Augenblick später tauchte ein kleiner Junge mit zotteligem hellblondem Haar auf, riss einen der Gefrierschränke auf und nahm sich ein „Nutty Buddy“-Eis. Als Winnie tief Luft holte, fuhr er herum und starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an.

Winnie dachte zurück an die vergangene Woche.

Nach fünf Minuten Internetrecherche hatte sie einen Zeitschriftenartikel mit dem Foto des zurückgezogen lebenden Landschaftsmalers und seiner Frau gefunden. Das offene Lächeln der sozial engagierten Textilkünstlerin war viel entspannter und freundlicher als das ihres wesentlich jüngeren Ehemannes.

In diesem mehrseitigen Artikel waren Fotos von dem wunderbaren Refugium aus Holz und Glas, das Aidan und June Black in den Bergen nahe des malerischen Dorfes Tierra Rosa im Norden New Mexicos gebaut hatten. Eine ganze Seite widmete sich ausschließlich dem Studio mit den hohen Wänden, das eigens für die überdimensionalen Leinwände des „irischen Cowboys“ errichtet worden war.

Dann war Winnie beim Anblick der Profilaufnahme des einzigen Kindes der Blacks das Herz stehen geblieben. Der Junge war adoptiert, aber der Artikel erwähnte das nicht. Vor zwei Jahren, als das Foto gemacht wurde, war der Junge sieben Jahre alt, und sein Haar wirkte fast engelsgleich im Sonnenlicht.

Die gleiche Farbe, die auch Winnies Haar in diesem Alter hatte …

„Wuff!“

Schwanzwedelnd streckte Annabelle sich vor dem Jungen aus. Stirnrunzelnd sah dieser von der Hündin zu Winnie, dann wieder zurück. Das Tier bebte vor Vorfreude.

„Schon okay“, sagte Winnie, obwohl sie nicht wusste, wie sie es überhaupt schaffte, weiterzuatmen. „Sie würde nicht mal einer Fliege etwas zuleide tun.“

Langsam ließ sich der Junge auf ein Knie nieder, um Annabelle den Kopf zu tätscheln.

Die Hündin geriet außer Rand und Band und versuchte, ihn von oben bis unten abzulecken.

Aber nach einem kurzen Kichern rappelte sich der Junge auch schon wieder auf und richtete den Blick anklagend und argwöhnisch auf Winnie. Schmerzerfüllt. Seine Augen hatten fast die gleiche merkwürdig blaugraue Farbe wie ihre, nur hatte seine Iris goldene Flecken. „Du bist doch die Lady, die im ‚Alten Haus‘ wohnt, oder?“

Das „Alte Haus“. Als ob es sich dabei um einen Namen und nicht um eine Beschreibung handelte.

„Nur für kurze Zeit. Du … hast mich gesehen?“

„Ja. Vor ’ner Weile.“ Er reckte das spitze Kinn vor. „Zwischen den Bäumen. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs.“

Aha, dachte Winnie. Die Reifenspuren. „Spielst du gerne da?“

„Manchmal“, sagte er schulterzuckend.

Winnie kräuselte die Lippen. Sein langes Haar sah albern aus. Es reichte ihm fast bis zu den Schultern, glänzend und lockig wie bei einem Mädchen. Trotzdem war er von Kopf bis Fuß ein Junge, mit seiner Skater-Kluft und den Löchern an den Knien seiner Jeans. Allerdings, vermutete sie, lag es wahrscheinlich nur an seiner Größe, wenn er in der Schule nicht ständig verprügelt wurde. So sah er nämlich eher wie zehn oder sogar elf aus und nicht wie ein Neunjähriger.

Mit glühenden Wangen wandte sich sie wieder dem Gefrierschrank zu und schnappte sich eine Packung Erdbeer-Käsekuchen-Eis.

„Robbie? Wo bist du denn abgeblieben?“

Beide schauten auf, als Aidan Black – viel rauer und zotteliger, als Winnie ihn in Erinnerung hatte – am Ende des Ganges auftauchte.

Winnies Herz schlug Kapriolen. Ein zweiter Blick sagte ihr, dass er jedenfalls nicht mehr der lässige, lächelnde junge Mann war, den sie zwei Wochen vor der Entbindung des Babys kennengelernt hatte, welches dann sein Sohn geworden war. Die warmen, fröhlichen grünen Augen wirkten jetzt stumpf und verschlossen. Er sieht aus wie der Teufel höchstpersönlich, dachte sie.

Ganz egal, wie sehr sie sich zwischenzeitlich verändert hatte, er hatte sie sofort wiedererkannt.

Und darüber war er kein bisschen erfreut.

Sie hatte keine schwarze Punkfrisur mehr. Aber diese graublauen Augen, ihr Profil, wie ihre langen Arme und Beine kaum zu ihrem Körper zu gehören schienen, das war unverwechselbar.

Innerlich explodierte Aidan und fluchte.

In diesem Augenblick sagte Robbie: „Sie ist die Lady, die im Alten Haus wohnt.“

Und Aidan dachte: Ich bringe Flo um. „Wir müssen los“, murmelte er, packte seinen Sohn – seinen Sohn – an der Hand und zerrte den Jungen fast nach vorne, um das Eis zu bezahlen. Dabei hoffte er, dass die Botschaft bei „der Lady“ angekommen war …

Er warf Johnny Griegos Tochter ein paar Scheine aufs Kassenbuch und ging weiter, ohne stehen zu bleiben. Dann verfrachtete er Robbie auf den Beifahrersitz seines Trucks und stürmte zur Fahrerseite.

„Dad?“, fragte Robbie vorsichtig, als sie wieder auf dem Highway waren. „Was ist los?“

Womit soll ich anfangen?, dachte Aidan. „Gar nichts, Kerlchen“, brummte er und verspannte sich unwillkürlich, als sie an einer Weide vorbeifuhren, auf der ungefähr ein halbes Dutzend Pferde weidete … Aber vom Beifahrersitz war kein Mucks zu hören. Sie fuhren über eine Hügelkuppe. Auf der anderen Seite lag ein Feld voller Kürbisse.

Er warf kurz einen Blick zur Seite und versuchte herauszubekommen, ob Robbie sich wirklich so auf die Kürbisse konzentrierte, wie es den Anschein hatte.

„Wir können anhalten, wenn du willst“, schlug Aidan zögernd vor. Als Robbie stumm blieb, fügte er hinzu: „Zeitig zuschlagen, damit wir die beste Auswahl haben?“

Ein oder zwei Sekunden vergingen, ehe Robbie den Kopf schüttelte.

Aidan musste den Jungen nicht ansehen, um zu wissen, dass er Tränen in den Augen hatte.

Ihm war auch zum Heulen zumute. Aber sie fuhren einfach weiter, während ihn diese unendliche Traurigkeit zu verschlingen drohte.

Aidan wartete, bis er die gedämpften Pieptöne von Robbies Videospiel hörte, ehe er seine Haushälterin zur Rede stellte. „Und Sie sind nicht darauf gekommen, mal nachzufragen, wem Tess das Alte Haus vermietet hat?“

„Und wie hätten wir bitte wissen sollen, dass sie Robbies leibliche Mutter ist? Selbst wenn Tess mir ihren Namen gesagt hätte, hätte ich nichts damit anfangen können.“

Aidan ließ sich schwerfällig auf einen Küchenstuhl fallen und presste einen nach Terpentin riechenden Lappen zwischen seine Augenbrauen. Das stimmte schon. Flo hatte erst angefangen, für sie zu arbeiten, als Winnie Porter kein Thema mehr war. Insofern hatte es keinen Grund gegeben, ihr zu erzählen, wer Robbies leibliche Mutter war.

Aber jetzt hatte Flo sich ihm gegenüber niedergelassen und musterte ihn besorgt. Ihr Streit war bereits wieder vergessen.

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