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Auf Gras und auf Asphalt

Alexander Gruber

Auf Gras und auf Asphalt

Ein Vorstadtfragment

Romanentwurf in Gedichten

Erinnerung

Wir schmecken die Luft des Tages, unseren Atem;

sie schmeckt süß und etwas bitter, nach Eisen,

salzig wie Speichel und Meersalz;

sie schmeckt nach Plasma und altem Haß.

In den seltsamen Tagen des Hungers

haben die Richter gerichtet,

und die Heiligen der Gemeinde lebten

unter der Erde in der Kelter des Weinstocks

zwischen eichenen Schaffen und blindem Hefegeruch.

Wo fangen wir an zu leben, die wir uns fürchten

über den Schluchten der Straße, am Grund der Wälder,

der mit Laub übersät ist und kleinen Blumen?

Wo fangen wir an, bleich aus Mangel des Lichts?

Gut ist, am Meer liegen, am hartgewaschenen Strand,

da sind unsere Leiber abgelebt in der Ebbe.

Gut ist, auf schmalem Bett in der Nacht

den Atem fühlen, den Blutlauf im anderen Leib –

so viel Vergänglichkeit unter dem Wind und dem Himmel.

Kindheitsgedicht

Ein Schälchen Milch für die Katze,

dem Hund einen Knochen.

Unter den Stämmen des Jungwalds hat der Abend gedämmert,

da schweigen die Räuber, die Marodeure,

und die Kinder laufen barfuß ins Tal,

zu den Brunnen, im Trog der Berge zu baden,

im alten Wasser der Salzflut,

sie, die heimlich die Tränen zählen,

die Schläge des Blutes, die Pendel über den Bildern.

Und blaue Krähen im Laub der Eschen über den Feldern;

da gehen die Ährenleserinnen.

Die Mütter sitzen am Tisch und sehen einander ins Auge;

davon wird ein Gemurmel im Traum wie das Dröhnen der Flieger,

wie das Bücken über die Erde, wenn sie murrt in den Gräben,

und die grollenden Berge sich lagern in Schluchten, die baumlos

sind.

Die Dunkelheit ist wie ein Süßwassermeer mit verschollenen Tieren,

mit öligem Wind die Läden rüttelnd zerborstener Töpfereien.

Die Dunkelheit hat alle Ängste verloren, das Land lebt im Dunkeln.

Die Brut des Sommers,

die Brut der Mücken über der Unschuld des Krieges.

Stehen am Tümpel Soldaten aus Lehm und schleimiger Süße.

Die Kinder spielen fraglose Spiele unter dem Riedgras,

an überwachsener Mauer,

woran die Gebete, die Wünsche, die falschen Berechnungen sind,

und singen täglich unter dem Kindermond

die Tage, die Wochen, die Schwangerschaften des Jahres,

das ohne Winter zur Ernte reift –

mit braunem Roggen am Hang und vergessenen Äpfeln.

See in den Vogesen

1

Lac blanc, lac noir –

als wär die Welt mit Wasser angefüllt,

liefe von jedem Rand

mitten hinein.

Auf dem Keltentisch und unter ihm

liegen die blutigen Opfer:

vom Liguster umgrünt

ein Denkmal gefallener Krieger.

Wieviel Vergangenheit zehrt der lebendige Geist?

 

 

2

Wer nichts nimmt,

hat alles einfach genommen:

das Geheimnis der Welt

im Inneren seines Körpers

und das Laufen des Winds in der Ebne,

die Bäume schwankend

unter der Flut des Lichts.

Heimkunft, Wiederkehr,

Ende dessen, was war:

die Wellen der Freiheit schmecken,

das fade Wasser des Rheins!

Wieviel Gegenwart zehrt der vergangene Geist?

 

 

3

Im finstern Gebirge

steigen die Krieger zu Tal;

im Hafen warten die Schiffe –

la douane, c’est-à-dire: les lois.

Morgens ein Stück schwarzes Brot,

und der Abend sauer vom Schweiß,

die Nacht vor Müdigkeit stumpf

unter rastlosem Schlummer des Heimwehs –

„Rein bleiben, reifen!“ die Losung.

Aber wer erntet die Früchte?

Sprühende Kirsche des Augs,

der Hoden gebräunte Nüsse,

wohlschaffenen Leib

und Blutes bittere Süße?

Lac blanc, lac noir –

l’inclination des berges…

Am Grund des Kraters

das unbegreifliche Wasser.

Elfin

für Therese

Streck nur die Hand aus, und sie steht darauf,

leicht atmend, lächelnd, trauernd, leidvoll

und sanft wie eine Bronzeglocke tönend

von ferner Landschaft Blau, von Weg und Haus

so klein darin, von den gebückten Fraun,

den dienenden, den angstvollen, mit ein-

gedrehten Augäpfeln den Schmerz

verhehlend, der sie schon zerteilt

wie Vieh, geschlachtet, blutig aufgehängt

am Dachtrauf in der Fliegenwolke, schwarz.

Dann kommt Wind auf, der wühlt im hohen Laub,

dem dunkel glühenden, als trüg er Sternstaub

und würf ihn achtlos aufs Alltägliche

der leichten Liebe und der Leidenschaft,

wenn scharf geritten, ohne Weg und Steg,

der Arzt kommt aus der Stadt zur Sturzgeburt –

schon mischt sich Hufschlag in den Hilfeschrei

des Neugeborenen im Ziegenstall.

O Vater! strecktest du die Hand aus,

sähst du und hörtest wieder: deine Welt.

Jetzt, in der Fremde, frißt Mühsal, frißt Not,

Mißachtung auch den Leib, finstrer Geist, Tod.

Märchen, verwest

Wie kann man sagen, was es einmal war,

das diesen Ton im innern Ohr zuerst

auslöste, unhörbar, der dröhnend schwoll,

als stiegen schwere Wasser durch ein Rohr?

Du warst so nah und groß, doch mir erschiens,

als wärst du in mir. Ich war nirgendwo.

Mein Maul stand offen, daß ein Röcheln kam,

ein Sirren auch von oben oder innen,

und goldne Tropfen fielen durch die Nacht.

Ein Bruchteil dieses Augenblicks, dem Flügel

der Taube nah, hätte das Schloß gesprengt –

„Zicküth! Zicküth!“ –, das mir die Welt verschloß.

Wie mir der Speichel ausfloß! Seither träum ich

und such im Traum den Ort, wo deine Scham

an dunkler Mauer wurzelt. Seither lausch ich

aufs unhörbare Schlagen dieses Tons,

auslösend die Erlösung, schon verwesend.

Elektra

1

Meine Gedanken schleift der Wind an den Haaren.

Ich halte eine Maske vors Gesicht,

aus der Tür tretend.

Siehe, da geht Elektra über den Hof.

Ein Lautsprecher kündigt sie an.

Sie breitet die Arme.

Dieser Ruf, der kein Echo findet an der Fassade,

dieses Hinstürzen zu Boden

zeichnen Figuren des Leids in Luft und Staub.

Der Wind schmeckt nach Regen.

Jemand hat „Lili Marleen“ aufgelegt.

Ich zähle mein Geld für Zigaretten.

 

 

2

„Ach, Bruder!“ sagt Elektra,

„Dein Leib war wie brauner Honig,

deine Haut Samt.“ Tränen verwischen die Schminke.

Orest ist ein Neger, ein Kommunist.

Die den nackten Fuß auf den Beton setzt,

die ihre Hand legt an die rissige Mauer

und klagt nach Gerechtigkeit –

still, Seele, du bist es nicht! Die Maske verbirgt dich.

Am Verhängnis der Toten hat niemand Anteil.

 

 

3

Meine Maske, mein Ich

blickt rückwärts auf die Spuren meiner Füße

(quer in der Choreographie des Spiels).

Regen verwischt sie.

Über schwarznassem Asphalt atmend,

lese ich die Leuchtreklamen wie Liebesgedichte:

das Rot einer Gitarre in schwärzester Nacht,

intensives Blau fremder Lippen.

Und Elektra sagt Bruder zu ihm,

der endlich den Blutbann löst im Haus

(hier wohnen Angestellte, Lehrer, Fabrikarbeiter):

„Mein Bruder der Neger, der Kommunist.“

Ich schöpfe Luft. Ich atme in Luft und Staub.

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