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AUDITIVE MUSIKTHERAPIE

Wolfgang Zeitler

Auditive Musiktherapie — Heilsames Musikhören

Ars Audiendi • im Verlag tredition

WOLFGANG ZEITLER

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AUDITIVE

MUSIKTHERAPIE

Heilsames Musikhören -
mit Erfahrungsberichten und Musikbeispielen

Ein Leitfaden für die praktische Anwendung

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ARS AUDIENDI SCHRIFTENREIHE

Inhalt

Einleitung

ERSTER TEIL

Wie kann Musikhören heilen?

1. Was ist Auditive Musiktherapie?

2. Was es braucht, damit Musikhören heilsam wird

2.1. Einen geeigneten Rahmen schaffen

2.2. Musik zum Mittelpunkt machen

2.3. Kleine Rituale mit Musik

2.4. Musik und kreatives Gestalten

2.5. Die Bedeutung der Stille

2.6. Die Bedeutung der Tiefe

2.7. Drei Arten des therapeutischen Musikhörens

2.8. Das Prinzip der Wiederholung als geistige Vertiefung

2.8. Audiotaktile Stimulation

3. Musiktherapie und Psychotherapie

3.1. soziokulturelle/therapeutische Funktion der Musik

3.2. Helfen mit Musik - ein Überblick

3.3. Musikhören in der Psychotherapie

3.4. Musik in der therapeutischen Beziehung

Begriffsbestimmung Therapeut - Patient
Musik ist Medium und Werkzeug
Der Therapeut muss die Musik gut kennen
Förderung intuitiver Wahrnehmungen
Begegnung
Anregen oder Entspannen?
Die Musik im Feld zwischen Therapeut und Patient

3.5. Musikauswahl im therapeutischen Prozess

Die möglichen Wirkungen einer Musik kennen
Kollektive „Syndrome“ - sie reagieren ähnlich
Das Ave verum von Mozart
Hat die Lieblingsmusik noch Bestand?

3.6. Begegnungsebenen, Zugangswege

Den Patienten beim Musikhören beobachten?

3.7. Die drei Phasen der therapeutischen Begegnung

3.8. Empathie, einfühlende Wahrnehmung/Gewaltfreie Kommunikation

4. Was findet beim Musikhören tatsächlich statt?

4.1. Wie kann man Musikhören beschreiben?

Musikwissenschaftliche Begriffe als Hindernis
Empathische Kommunikation
Bewusstes Erleben
Wir hören nicht die Musik, sondern uns selbst

4.2. Regulative Musiktherapie (nach Schwabe)

4.3. Die Sprachlosigkeit überwinden

4.4. Wohin wendet sich der Zuhörer?

4.5. Veränderung der erlebten Zeitqualität

4.6. Die Schichten des Hörens

I. Oberfläche der Musikwahrnehmung
II. Emotionaler Bereich - Erleben von Tiefe
III. Mentaler Bereich - Zugang zur Tiefe
Beispiele für mental angeregtes Hören

IV. Gestaltbereich

V. Kernbereich

5. Wie wirkt Musik? - Theorie und Praxis

5.1. An welchem Menschenbild orientiere ich mich?

Urerfahrung des Menschen
Die Wissenschaft vom Menschen
Das Menschenbild der Psychotherapie - vier Modelle
Die Evolution des menschlichen Bewusstseins (Gebser, Wilber)

5.2. Erklärungen der wissenschaftlichen Musiktherapie

5.3. Beobachtungen und Erkenntnisse aus der Praxis

Das Dreieck: Person - Umfeld - Musik
Wacher Zuhören und innerlich nachklingen lassen
Tauwetter
Angstlösung
Wirkungen - abhängig von der Qualität der Musik
Das Geheimnis der Melodie
Musikhören verwandelt - oder auch nicht
Der innere Gesang - die Zauberflöte im Menschen

5.4. Wirkungen und Ziele der Auditiven Musiktherapie

Zusammenfassung: Die Wirkung einer Musik hängt ab von
Der Mensch auf der Suche nach neuen Erkenntnissen

ZWEITER TEIL

Erfahrungsberichte:
neurologische Frührehabilitation

I. Sie hören anders

Hochempfindlich
Moldau ungeeignet
Man lebt intensiver
Man hört, dass die an etwas glauben
Die abgebrochene Melodie
Gratwanderung
Orgelmusik - die eingeengte Musikauswahl
Sie wissen nicht, was ihnen gut tun würde
Begegnung in der Gegenwart
Musik als Brücke zu den mächtigen Helfern

II. Sie lassen sich von der Musik berühren

Von der Kraft des wiederholten Hörens
Vom Aufatmen des Menschen
Impuls, der in die Glieder fährt
Das ganze Leben erleben
Selbsterkenntnis beim Musikhören
Musik baut eine Brücke zum verdrängten Leid
Sie ist hellwach und liest meine Gedanken

Erfahrungsberichte:
Sterbebegleitung

In der Musik geborgen, Frau A

Es soll leicht und rasch gehen, Herr B

Ich hatte die Musik ganz vergessen, Herr C

Das Land des Lächelns, Herr D

Der Hammer schlägt lautlos zu, Frau E

Die Oma backt etwas Schönes, Frau F

In Verbundenheit gehen, Herr G

Die Freude suchen, Frau H

Ablehnung, Dranbleiben und Dank, Herr J

Musik für die Beerdigung, Frau K

Aus der Versenkung holen, Frau L

Den Abschied vollziehen, Herr M

Zum Schluss: Angst vor dem Teufel, vor der Hölle

DRITTER TEIL

Geeignete Werkzeuge

1. Allgemeines zum Setting

Hören im geschützten Raum

2. Sachkenntnis über die seelischen Prozesse

2.1. Seelische Arbeit, die Bewältigungsphasen
2.2. Die vier Phasen der Krankheitsverarbeitung

3. Gerät, Technik

3.1. Die Bedeutung der Musikkonserve
3.2. Die komprimierte Musik (mp3)
3.3. Das Brennen eigener CDs
3.4. Eigenschaften der Musik-Wiedergabegeräte
3.5. Ein geeignetes Gerät

4. Die passende Musik

4.1. Welche Musik eignet sich?
4.2. Musiktherapie mit Klassischer Musik
Was bedeutet eigentlich Klassische Musik?
Musik zum Einschlafen - oder zum inneren Erwachen?
Medium der Transzendenz
Warum verwende ich Klassische Musik?
1. Investierte menschliche Energie
2. Die Seele des Menschen
3. Die Gesetze der Musik
4. Innere Lösungsbewegung
5. Streben zur Versöhnung
6. Tiefenwirkung
4.3. Sogenannte Entspannungsmusik
4.4. Erinnerungsmusik (Lieblingsmusik) und neutrale Musik
Musikalische Anamnese - die Lieblingsmusik
Ältere Menschen
Jüngere Menschen
Abschirmung - die akustische Höhle
4.5. Bewährte Musik auf CD - Audiosan als Werkzeug
4.5.1. Die Entstehungsgeschichte von Audiosan
4.5.2. Was ist Audiosan - Herstellung, Rechte
4.5.3. Die besonderen Merkmale von Audiosan
4.5.4. Zur Orientierung im System von Audiosan
4.5.5. Übersicht sämtlicher Audiosan-CDs
4.5.6. Praktische Anwendung von Audiosan
4.5.7. Ausführliche Beschreibung der Audiosan-CDs
4.6. Bewährte Musikbeispiele für die Auditive Musiktherapie
Therapeutische Anwendung der Musikbeispiele
1. Anfang, Einleitung, Kontaktaufnahme, Beginn einer Stunde
2. Lösende Musik
3. Konfrontierende Musik
4. Ende, Abschluss, Abschied, Beendigung einer Stunde
Die Personengruppen A bis E
Hinweis zu den Aufnahmen der Musikbeispiele
A.Neutrale Musik: leichtere Klassische Musik (1.-4.)
Beispiel für eine Musiktherapie-Einheit mit klassischer Musik
B.Jüngerer Mensch: Popmusik International (1.-4.)
C.Älterer Mensch: Volkstümliche Klänge //Operetten (1.-4.)
D.Religiös, Glaubensfundament vorhanden (1.-4.)
E.Deutsche Schlager, moderne Volksmusik (1.-4.)

5. Persönliche Anleitungen

5.1. Sieben Grundregeln für ein heilsames Hören
5.2. Ausführliche Anleitung für ein heilsames Hören

Literatur

Bildnachweis

Ermutigung

Danksagung

Weitere Werke

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Einleitung

Wenn wir etwas als besonders kostbar benennen wollen, nehmen wir gerne den Vergleich mit der Musik. „In den höchsten Tönen“ von jemandem sprechen, heißt begeistert und lobend von diesem zu sprechen. Eine gelungene kulinarische Komposition heißt manchmal „eine Symphonie der Gaumenfreuden“. Ja, und wenn wir von den höchsten Dingen des Lebens sprechen, kommt immer irgendwann die Musik vor. Ich frage mich, wenn Musik für den Menschen etwas so Hohes und Kostbares ist, warum spielt sie als Helferin und Heilerin eine so kleine Rolle?

In der offiziellen Musiktherapie hat Musikhören einen niederen Rang. Das ist ja „nur“ rezeptiv, nur Berieselung, Pausenfüller, zur Entspannung. Musik hören und erleben ist nun einmal sehr individuell. Es ist schwierig, damit statistisch verwertbare Aussagen zu erzeugen. Und das finde ich gut so. Denn gelingende Therapie findet außerhalb einer Statistik statt, ist persönliche und achtsame Begegnung, ist ein lebendiger Prozess, in den immer beide, Therapeut und Patient, verwoben sind.

Mein Leben ist geprägt vom HÖREN von Musik. Ich bin ein Musiktherapeut ohne Instrumente, quasi „professioneller Musikhörer“. Meine Werkzeuge waren anfangs Walkman, Kassettenspieler, Kopfhörer, heute sind es CD-Spieler, Lautsprecher - Konservenmusik also. Ich arbeite mit Musik, die es schon gibt.

Ich verwende Klassische Musik, Filmmusik, Volksmusik, Pop und Rock, Internationale Musik, Mantren. Mit jugendlichen Patienten habe ich auch Zugang zu Techno gefunden.

Es ist meine Lebensfrage, an der ich unablässig forsche, im praktischen Umgang mit Gesunden und Kranken: Wie wirkt Musik auf den Menschen, und wann ist welche Musik hilfreich?

Viele meiner Beobachtungen und Erkenntnisse werden in diesem Buch wiederholt erwähnt, in immer anderen Zusammenhängen. Das mache ich bewusst, weil ich davon ausgehe, dass kaum jemand das Buch von vorne bis hinten durchliest. Falls das doch jemand tut, bitte ich für störende Wiederholungen um Verständnis.

Ich möchte meine Erfahrungen weitergeben und Mut machen, die Hilfe der Musik in Anspruch zu nehmen für den Lebensalltag, in guten wie in schlechten Zeiten.

Bayreuth, im Oktober 2016

Wolfgang Zeitler

«Was wäre das Leben
ohne Musik?!»

Hermann Hesse1

«Ohne Musik
wäre das Leben ein Irrtum.»

Friedrich Nietzsche2

Erster Teil

Wie kann
Musikhören
heilen?

1 Was ist Auditive Musiktherapie

2 Was es braucht, damit Musikhören heilsam wird

3 Musiktherapie und Psychotherapie

4 Was findet beim Musikhören tatsächlich statt ?

5 Wie wirkt Musik? - Theorie und Praxis -

Die Unterkapitel finden Sie vorne im Inhaltsverzeichnis.

1
Was ist Auditive Musiktherapie

Auditive Musiktherapie heißt aktives Hören ausgewählter Musikstücke unter bestimmten Rahmenbedingungen, wie Stille, geschützte Umgebung, aufmerksame und konzentrierte Anwesenheit. Das Musikhören ist in ein Gespräch oder non-verbales Kommunikationsangebot eingebunden. Es begünstigt die Heilungsentwicklung und fördert eine positive Krankheitsverarbeitung. Der Ablauf der Auditiven Musiktherapie ist „ritualisiert“ im Sinne der von HEINER GEMBRIS (1993)3 geforderten Merkmale:

- Das Setting unterscheidet sich wesentlich vom alltäglichen Musikhören. - Es besteht ein theoretisch aufgearbeiteter übergreifender Sinnzusammenhang. - Das Musikhören soll spezifische Ziele erreichen. - Es existieren neben der auffordernd konzentrativen Haltung des Therapeuten konkrete Anleitungen, die das Zuhören fördern und die Aufmerksamkeitsinhalte verändern.

Konzentriertes, aktives Musikhören ermöglicht eine dialogische Begegnung. Beim gemeinsamen Musikhören ausgewählter Musikstücke erfahre ich etwas über die innere Befindlichkeit des Patienten. Seine Reaktionen zeigen mir, was er als wohltuend erlebt, was genau ihn anspricht, was er ablehnt. Nicht die momentane, oberflächliche Stimmung, sondern sein tieferes, inneres Befinden soll durch die Auditive Musiktherapie erkannt und günstig beeinflusst werden.

Die Auditive Musiktherapie versucht, die passiv-konsumatorische Einstellung des Hörenden hin zu einer aktiven, bewussteren Haltung zu verändern. Zugehörig zum Bereich „Rezeptive Musiktherapie“ handelt es sich hier um eine aktive Therapieform, die dem fühlenden Erleben einen geschützten Wahrnehmungsraum bietet und mit wachem Bewusstsein durchdringt.

Hören heißt: die eigene Aufmerksamkeit anwenden. Hören richtet sich unmittelbar an das Bewusstsein (der morgendliche Wecker!). Hören überschreitet Grenzen. Man kann durch Mauern hören, die Hörweite ist größer als die Sichtweite. Hörbares berührt einen unausweichlich und macht eher Angst als Sichtbares; davon leben alle dramatischen Effekte in Film und Fernsehen. Der Hörsinn ist neben dem Tastsinn die Basis unserer Sinneswahrnehmung. Im Kino entsteht ein außergewöhnlicher Eindruck erst durch die intensive Beschallung, mit der körperlich spürbare Vibrationen erzeugt werden. Das Hörorgan entwickelt sich beim Embryo als erstes. Akustische Erlebnisse und Hörmuster aus der Zeit vor der Geburt und aus der frühen Kindheit wirken sich das ganze Leben aus. Sie prägen Entwicklung, Verhalten und Grunderfahrung des Menschen.4

Je nachdem, welche Musikstücke ich auswähle und wie ich sie verknüpfe, kann ich einen therapeutischen Prozess anregen und gestalten - abgestimmt auf die individuelle Reaktion und Neigung des Patienten, oder auf das Gemeinsame der Gruppe. Der Therapeut sollte mit den verwendeten Musikstücken persönlich vertraut sein.

Die Auditive Musiktherapie entwickelte ich während meiner psychotherapeutischen Arbeit mit schwerst betroffenen, hirngeschädigten Menschen in der neurologischen (Früh-)Rehabilitation, später dann mit überwiegend krebskranken Menschen im Sterbeprozess auf der Palliativstation.

2
Was es braucht, damit Musikhören heilsam wird

Musikhören sinnvoll therapeutisch einsetzen

2.1. Einen geeigneten Rahmen schaffen

Damit Musik tiefer wahrgenommen werden kann, braucht es einen geschützten Raum, in dem man für eine bestimmte Zeit ungestört ist. Alltägliche Umgebungsgeräusche haben meine Patienten weit weniger gestört als mich - sie waren es einfach gewohnt, dass es irgendwo klappert und piepst. Doch als während der Umbauarbeiten unserer Klinik die Schlagbohrmaschinen dröhnten, musste ich das Musikhören abbrechen. - Die körperlichen Bedürfnisse müssen soweit befriedigt sein, dass der Mensch bereit ist zum Zuhören. Und er muss sich an diesem Ort sicher fühlen, sonst kann er sich nicht öffnen. Zur Vorbereitung auf die auditive Musiktherapie sollte ein bis zwei Stunden vorher keine Musik und kein Radio gehört werden.

Wer laufend mit Hintergrundmusik beschallt wird, ist nur oberflächlich aufnahmefähig für das Medium Musik. Hintergrundmusik sollte meiner Ansicht nach immer nur zeitlich begrenzt laufen und an die konkreten Situationen angepasst werden. Manchmal ist „Ausschalten“ der erste Schritt dafür, dass Musikhören überhaupt heilsam wirken kann.

2.2. Musik zum Mittelpunkt machen

Die Methode der auditiven Musiktherapie besteht im wesentlichen darin, die Aufmerksamkeit voll und ganz auf die Musik zu richten, die gerade zu hören ist. Je umfassender meine Wahrnehmung sich mit der Musik verbindet, desto tiefer erlebe ich ihre verwandelnde Kraft. „Aufmerksamkeit der Musik zuwenden“ kann trotzdem „abschalten“ bedeuten. Abschalten in dem Sinne, dass ich mich aus den Verstrickungen meiner Gedanken herausziehe. Der Beginn eines bewussten Musikhörens enthält darum fast immer eine Phase des „Träumens“. Häufig werden die Therapieziele („Entspannung, Lockerung, Angstlösung, Aufheiterung, Stützung, Anregung“) bereits in dieser ersten Phase berührt, indem die zuhörenden Patienten in einen solchen „träumenden“ Zustand der angehobenen Aufmerksamkeit gelangen und behutsam wieder zurückgeführt werden in den Alltag. Die Gruppentherapie beschränkt sich meist auf diesen Vorgang.

Wenn ein Musikstück zu Ende ist, warte ich meist etwa zwanzig Sekunden still, bis ich mich wieder bewege oder etwas sage. Im Nachklang geschieht Wesentliches. Ich benutze gerne das Wort „nachlauschen“ für diesen Moment, wenn eine Musik verklingt. Manchmal reagiert ein Patient sofort, manchmal dauert es mehrere Minuten! Wenn die Musik im Mittelpunkt steht, ist es gut, mit Worten sparsam zu sein. Schweigt der Patient, schweige ich auch und suche nach einiger Zeit ein weiteres Musikstück aus. Persönliche Aussagen dürfen niemals bewertet werden, insbesondere in der Gruppentherapie. Zur Heilkunst gehört, die Musikstücke entsprechend dem Bedürfnis des Patienten auszuwählen und nicht des Therapeuten. Eine positive Wirkung ergibt sich fast immer, wenn eine angenehme Musik wiederholt gehört werden kann. Besser wenig Musik öfter, als immer Neues hören!

2.3. Kleine Rituale mit Musik

Die wohltuende Wirkung von Musikhören zeigte sich z.B. bei einer Kollegin in der Ergotherapie. Sie ließ am Beginn ihrer Stunde zur Einstimmung ein kleines Musikstück laufen (etwa drei Minuten), und hörte dieses - oder ein anderes - am Ende der Stunde noch einmal. Sie hatte zuvor schlechte Erfahrungen mit Hintergrundmusik gemacht, und sie war hell begeistert von diesem Anfang-Ende-Ritual, für das ich ihr einige Musikstücke empfohlen hatte. Manche Patienten wünschten sich etwas oder brachten selbst eine Musik mit. - Es gibt viele Therapeut(inn)en, die ganz intuitiv solche Momente schaffen, in denen Musik heilsam wirken kann. Ich möchte dazu ermutigen, es einfach auszuprobieren.

2.4. Musik und kreatives Gestalten

So kann Musik z.B. in der Kunsttherapie ein wertvolles Medium sein, emotionsgebundene Phantasien anzuregen und zu begleiten. Zum Beispiel Malen zu einer bestimmten Musik, die mehrmals wiederholt abläuft; Gestalten mit verschiedenen Werkstoffen zu einer ausgewählten Musik; oder bewusst ein einzelnes Musikstück hören, und danach gestalterisch tätig werden. Auch hier ist wichtig, dass die Musik im Vordergrund steht und nicht als Störung empfunden wird. Um die Reihenfolge verschiedener Musikstücke vorher zu bestimmen, stellt man diese zusammen (auf Kassette, CD, als Playliste). Das lässt den Therapeuten frei in seiner Aufmerksamkeit für den Patienten. Es hat sich bewährt, ein bestimmtes Stück zu wiederholen und Pausen einzubauen. Sinnvoll ist eine Spieldauer von 30 Minuten, danach braucht das Ohr in jedem Fall eine Hörpause. Musik kann auch traurige und schmerzvolle Gefühle unterstützen. Grundsätzlich ist es besser, instrumentale Musik zu verwenden. Sobald gesungene Worte hinzukommen, selbst in einer anderen Sprache, vermittelt die Musik eine zusätzliche Botschaft.

2.5. Die Bedeutung der Stille

Eine besondere Rolle spielt die Stille für das Musikhören. Stille ist eine tief im Menschen verankerte Urerfahrung. Im Zusammenhang mit Musik offenbart sie ihre schöpferische Potenz: Ohne die Stille wäre keine Musik hörbar! Sie ist der notwendige Gegenpol, das Nicht-Musik-Sein, damit Musik ist. Manche Komponisten haben in ihre Werke bewusst Momente der Stille eingebaut, komponierte Pausen. Anton Bruckner ist unter den ganz Großen bekannt dafür, dass er auch die Pausen mit Takten angegeben hat. Er zählte die Phasen der Stille mit, wenn er seine Symphonien nach geistigen Zahlengesetzen durchstrukturierte.

Für die Auditive Musiktherapie (wie für die Musikmeditation) gibt es drei Arten von Stille:

DIE PRÄ-AUDITIVE STILLE (vorher)

Kurz innehalten, sich sammeln bevor die Musik beginnt. Die Töne sollen in eine Stille hinein erklingen. Dauer wenigstens zehn Sekunden bis etwa eine halbe Minute, je nach Situation auch länger.

DIE INTRA-AUDITIVE STILLE (während)

Schweigen während des Hörens, Hingabe üben, sich der Musik öffnen. Äußeres Schweigen, also nicht sprechen, solange die Musik ertönt, ist absolut notwendige Bedingung. Inneres Schweigen, insbesondere der Gedanken, führt in den Bereich der Meditation. Es gibt hierzu viele Methoden und viele Hindernisse. Ich vermeide es, die Gedanken anzusprechen. Vielleicht gebe ich einen kleinen Hinweis, wie zum Beispiel: „Versuchen Sie, den Tag und alles was so gewesen ist, hinter sich abzulegen und wenden Sie sich ganz der Musik zu.“ Eine direkte Aufforderung zu innerem Schweigen kann für Ungeübte eine Überforderung bedeuten.

DIE POST-AUDITIVE STILLE (nachher)

Verweilen im Nachklang der Töne. Dauer sehr unterschiedlich. Ruhige, langsame Musik braucht eine längere „Nachlaufzeit“ als eine lebhafte Musik. Immer aber sollten es einige Sekunden sein! Wer schon mit dem letzten Ton herausplatzt „Das war toll!“, versucht eigentlich die Wirkung abzuschütteln. Das Verweilen im Nachklang der Töne, und sei es nur ein Augenblick, ermöglicht der Musik, in tiefere Seelenschichten einzudringen.

Stille begünstigt und erleichtert die drei Grundschritte der Meditation, die auch in einem therapeutischen Setting gelten:

1. Zum Kern, zur eigenen Mitte gelangen.

2. An der Quelle Kraft schöpfen, Ordnung und Harmonie finden.

3. Diese Kraft mitnehmen, um den Alltag zu meistern.

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2.6. Die Bedeutung der Tiefe

Wem es gelingt, einer Musik so zuzuhören, dass er zu ihrem Kern vordringt, wird sie tiefer verstehen und erleben als beim oberflächlichen Hören. Ein tieferes Verstehen von Musik führt auch zu einem tieferen Verstehen von sich selbst. Bewusstes Musikhören gibt wertvolle Impulse für intrapsychische Vorgänge. Gerade wenn Schicksalsschläge zu verarbeiten sind, schenkt eine gut ausgewählte Musik heilsame und harmonisierende Kräfte. Musik kann aufbauen und stärken, ermutigen und trösten, lösen und erleichtern, die Hoffnung wecken. Ein solcher Impuls, im Inneren angekommen, hilft dem Patienten, seine Krankheitssituation besser bewältigen zu können. Aktives, bewusst gestaltetes Zuhören intensiviert das Erleben von Musik. „So wie heute habe ich noch nie Musik gehört“! wurde mir oft gesagt.

2.7. Drei Arten des therapeutischen Musikhörens

Ich unterscheide drei Arten, die Musik dem Hörenden anzubieten: das konsekutive (aufeinanderfolgende), das repetitive (wiederholende) und das insistierende (eindringlich vertiefende) Hören.

1. KONSEKUTIVES HÖREN

Gezielt ausgewählte Stücke aufeinanderfolgend hören, mit Stille nach jedem Stück zur Tiefenwirkung, im Verlauf prozesshaft aufeinander aufbauend: Einleitungsphase - Hauptphase - Abschlussphase. Je nach Möglichkeit und Situation mit Gespräch zwischen den Musikstücken, oder kurze Kommentare zur Musik selbst, oder nur Schweigen. Aus den Erfahrungen des konsekutiven Hörens habe ich eigene Musikzusammenstellungen als Musiktherapie-CDs entwickelt (Audiosan5).

2. REPETITIVES HÖREN - DIE WIEDERHOLUNG

Wiederholtes Hören eines bestimmten Musikstückes; mit Gesprächsphasen dazwischen, die sich auf die Musik beziehen, oder längere Schweigephasen, oder kurze Erläuterungen zur gehörten Musik. Bewährt hat sich, ein Stück bis zu drei Mal nacheinander zu hören. Bei längeren Stücken nehme ich nach dem zweiten Hören eine andere, kürzere Musik, die möglichst anders klingt (Kontrast), und dann das „Hauptstück“ ein drittes Mal. Ein viertes Mal ist in der Regel zu viel und nimmt die Kraft wieder weg.

Das repetitive Hören gelingt dann, wenn eine freiwillige Aufmerksamkeit für die Musik vorhanden ist, verbunden mit Interesse. Wenn ein Musikstück (nach einer Nachklangpause) zum zweiten Mal ertönt, entsteht oft von selbst eine erhöhte Hinwendung zu den Tönen und mehr Konzentration auf die Musik. Keinesfalls soll eine Musik durch ständige Wiederholung „eingehämmert“ werden!!

3. INSISTIERENDES HÖREN

Abschnittweise wiederholtes Hören eines einzelnen Musikstückes. Konzentration auf die Gliederung und rein musikalische Sprache, z. B. Wiederkehr bestimmter Stellen. So höre ich manchmal den Anfang (das erste Thema) einer Musik mehrmals hintereinander, und dann das ganze Stück. Wie von selbst nimmt man dann die Wiederkehr des Anfangsthemas im Laufe des Stückes besonders intensiv und erkennend wahr. Wenn ich einen Ausschnitt höre, blende ich die Übergänge immer sanft aus oder ein, oder halte die Musik in einer Pause an.

Diese Methode ist Element der Meditation und zuständig für die mentale Phase des Hörens, s. Kapitel 4.6. Schichten des Hörens. Durch die Unterbrechung beim Hören entsteht Bewusstsein. Der emotionale Fluss wird verlangsamt, innegehalten. Dabei klärt sich das Erlebte, musikalische Zusammenhänge erhellen sich. Insistierendes Hören aktiviert klare, nüchterne Denkvorgänge.

Für die allgemeine Hörgewohnheit ist solch eine mentale Aktivität im Zusammenhang mit Musik eher eine Störung. Darum gehe ich behutsam vor, versuche, das Interesse zu wecken. Viele Patienten lassen sich auf erste Schritte ein. Die Wirkung ist meist verblüffend. Wenige Sekunden hochbewusstes Musikhören verändert die Selbstwahrnehmung, es entsteht deutlich mehr Präsenz. Auch ist der Nachklang, die innere Musik intensiver. Selbst in der Frührehabilitation schwerst Hirngeschädigter konnte ich diese weckende und bewusstseinsfördernde Wirkung erleben.

Insistierendes Hören ist nur für Einzeltherapie geeignet. Teile aus einer Musik wiederholt anhören kann ich nur, wenn der Patient sich mit Interesse darauf einlässt. Wenn die Musik ihn anspricht, die Melodie schön ist, dass sie gerne noch einmal ertönen darf, dann lässt sich eine solche Erforschung der Struktur eines Stückes auf spielerische Weise durchführen.

2.8. Das Prinzip der Wiederholung - geistige Vertiefung

Der hörende Mensch beeinflusst durch die Art und Weise seines Hörens den Wahrnehmungsgehalt der Musik. Dabei spielt die Wiederholung eine große Rolle. Durch wiederholtes Hören wird die Musik vertrauter und klarer. Sie rückt näher, wodurch sie fordernder und komplexer erscheint. Wiederholung ist für Kinder ein unermüdliches Spiel. Kaum ist das Märchen erzählt, heißt es „Noch einmal!“, und zwar ganz genau so wie zuvor, nichts weglassen! Sinnvolles, in einen Zusammenhang eingebundenes Wiederholen desselben ist ein Lebensprinzip, ein Identität stiftender Prozess. Es beansprucht und fördert die Kräfte im Menschen, die erkennen und wiedererkennen. Es kennzeichnet eine Wesenseigenschaft des Spieles und damit eine zutiefst geistige Fähigkeit des Menschen (RAHNER 19526). Als Grundmerkmal der Übung durchzieht das Wiederholungsprinzip alle Formen der Meditation, östliche wie westliche (DÜRCKHEIM 19667).

2.9. Audio-taktile Stimulation

Für schwerstbehinderte Patienten, insbesondere in der Frührehabilitation, habe ich die audiotaktile Musiktherapie entwickelt. Dabei führe ich dem Patienten die Hände und Arme in fließenden, ruhigen Bewegungen zur Musik. Das Bewegungsmuster ist vorher von mir der Musik „abgelauscht“ worden. Soweit Gelenke und Spannungszustand der Muskeln des Patienten es zulassen, wird dieses Muster genau eingehalten oder leicht umspielt.

Dieses taktil-kinästhetische Geschehen fokussiert die Wahrnehmung auf den Bewegungsablauf der Musik - gleichzeitig auf die eigene Körperbewegung. Ich war immer wieder überrascht, wie die audiotaktile Stimulation meine Patienten wacher und bewusstseinsklarer werden ließ. Natürlich kann nur soviel geweckt werden, wie an Ressourcen momentan vorhanden ist!

Audiotaktil arbeitete ich vorwiegend mit Patienten im apallischen Durchgangssyndrom, und zwar in der sensiblen Anfangsphase der beginnenden Remission. Hier wird der Weg gebahnt für den weiteren Verlauf. Aber auch in der Langzeitbehandlung wahrnehmungs- und bewegungsgestörter Patienten hat sich das „geführte Bewegen zur Musik“ bewährt.

Als Musik eignen sich kleine Menuette und kurze, ruhige Stücke, wie z.B. der Schwan von Saint-Saens, die Träumerei von Schumann. Die absoluten „Hits“ sind einige Ungarische Tänze von Johannes Brahms, wahre Juwelen guter Form und ansprechenden Inhalts. Die audiotaktile Stimulation ist praktisch angewandte Melomorphose (s. Kap. 4.6. Gestaltbereich).