Logo weiterlesen.de
Auch wenn das Herz zerbricht

1. KAPITEL

Es duftete nach Rosen und Lilien. In der romantischen Kirche aus dem zwölften Jahrhundert erklang Mendelssohn Bartholdys ebenso traditioneller wie beliebter Hochzeitsmarsch.

Die Blätter der Bäume im Kirchhof raschelten leise im Wind. Durch die bunten Glasfenster schien die Sonne herein. Wie Kaleidoskope warfen ihre hellen Strahlen Muster auf die Rückseiten der polierten Kirchenbänke und auf den grauen Steinboden.

Das hier passiert nicht wirklich, dachte Caris, als sie am Arm ihres Onkels David langsam durch den Mittelgang schritt. Ihr Vater hatte sich geweigert, sie zum Altar zu führen. Er war immer noch wütend auf sie.

Vor den Altarstufen wartete ein Mann. Vermutlich der Trauzeuge. Caris konnte sein Gesicht nicht erkennen, weil er mit dem Rücken zu ihr stand.

Von ihrem Bräutigam fehlte jede Spur.

Auf beiden Seiten des Mittelgangs reckten die Hochzeitsgäste die Hälse, um die Braut zu sehen und ihr zuzulächeln. Sie ging weiter, wohl wissend, dass das Rüschenkleid aus weißem Tüll überhaupt nicht zu ihr passte. Zurücklächeln konnte sie nicht. Ihr Gesicht fühlte sich so steif an, als wäre es aus kaltem Wachs.

Caris erreichte die Altarstufen. Inzwischen hatte sich ihr Bräutigam zu ihr gesellt. Er stand jetzt neben ihr, doch sie schaute ihn nicht an.

Der betagte Pastor lenkte die Aufmerksamkeit auf sich, indem er vortrat und seinen Blick über die Hochzeitsgesellschaft schweifen ließ. Dann begann er mit den althergebrachten Worten: „Liebe Gemeinde, wir haben uns heute hier versammelt …“

Feierlich setzte er die Trauzeremonie fort. Caris starrte vor sich hin. Was mache ich hier eigentlich?

Als sie das Ehegelübde ablegen sollte, weigerte sie sich noch immer, ihren Bräutigam anzusehen. Prompt legte er beide Hände um ihre Oberarme und drehte die junge Frau, bis sie ihm gegenüberstand.

Sie kannte die leicht arrogante Bewegung nur zu gut, mit der er jetzt den Kopf neigte. Seine grünen Augen blickten kühl und gebieterisch.

„Sag es, Caris.“

Sie blieb stumm. Das hier ist völlig falsch! Ich kann Alexander nicht heiraten – und ich will es auch nicht!

Wie in Zeitlupe ließ sie den Brautstrauß aus zartrosa Rosen fallen, drehte sich auf dem Absatz um und floh mit gerafften Röcken durch den Mittelgang, vorbei an den Reihen entgeisterter Hochzeitsgäste. Tränen strömten ihr über die Wangen.

Hinter sich hörte sie ihn rufen: „Geh nicht, Caris … Geh nicht …“

Doch sie musste es tun. Egal wie sehr sie ihn liebte. Sie würde keinen Mann heiraten, der sie nicht auch liebte. Keinen, der mit Fug und Recht vermuten konnte, dass man ihn mit einer Falle in diese Ehe gelockt hatte.

Atemlos erreichte sie den dunklen Eingangsbereich der Kirche und stieß schluchzend die schwere Tür auf.

Sie stolperte hinaus auf den Kirchhof, wo heller Sonnenschein sie empfing. Eine frische Brise bauschte ihren zarten seidenen Schleier.

Sie wollte den Schleier herunterreißen, der sie zu ersticken drohte …

Jäh wachte Caris auf, setzte sich kerzengerade hin und stellte fest, dass sie in ihrem Bett lag. Das verhaltene Licht eines regnerischen Morgens im späten Frühling schien ins Zimmer.

Die Panik ließ nicht sofort nach. Es dauerte einen Moment, bis das vertraute Zimmer mit seinen pastellfarbenen Wänden und den hübschen geblümten Vorhängen seine gewohnte Ruhe ausstrahlte.

Irgendwo in der Nähe schlug jemand eine Autotür zu. Das Leben in der von Bäumen gesäumten Straße begann mit seinen unverwechselbaren Geräuschen: Billy Leyton startete sein Motorrad. Reifen quietschten auf der nassen Fahrbahn. Der Hund der Nachbarn bellte. Wie aufs Stichwort verkündete der Wecker neben dem Bett mit lautem Rasseln die Zeit: 7:30 Uhr.

„Es war ein Traum.“ Mit einer Hand wischte Caris die Tränen von ihren Wangen, mit der anderen stellte sie den Wecker aus. „Nur ein Traum.“

Allerdings ein quälender und ewig wiederkehrender Traum. Er störte ihren Schlaf und erschütterte ihre Welt wie ein Erdbeben, bis sich unter ihr ein gähnender Abgrund zu öffnen schien.

Seit sie vor beinahe drei Jahren nach England gekommen war, bemühte sie sich aufrichtig, alle Gedanken an Alexander und die Vergangenheit zu verdrängen. Und während der letzten sechs Monate hatte sie sogar den Eindruck gewonnen, dass es ihr gelang.

Ihr Immobilienbüro hielt Caris trotz des düsteren Wirtschaftsklimas auf Trab. An manchen Tagen war sie derart in ihre Arbeit vertieft, dass sie nicht an Alexander dachte und sein Gesicht auch nicht vor sich sah. Mit der Zeit hatte sie ihr Gleichgewicht zurückerlangt und konnte ihre Beziehung endlich nüchtern betrachten.

Nicht alles war schlecht gewesen.

Zwar hatte das Ende ihr Tränen und Kummer beschert, doch vorher hatte sie zumindest für eine Weile ungeahntes pures Glück genießen dürfen. War es nicht besser, die große Liebe zu erfahren und zu verlieren, als ein Leben lang vergeblich nach ihr zu suchen?

Caris war zufrieden gewesen, als sie endlich in diese Richtung denken konnte, und hatte sich zu ihrer wiedergefundenen Ausgeglichenheit gratuliert. Aber jetzt fegte ein Traum diesen Zustand fort.

Wieder einmal war sie nicht mit sich im Reinen. Alexander hatte einen Weg zurück in ihre Gedanken gefunden. Vor ihrem geistigen Auge tauchte sein schönes markantes Gesicht auf, und mit einem Schlag fühlte sie sich kalt und leer. Aufgewühlt und einsam. Die ganze alte Bitterkeit war wieder da.

Ich lasse mich nicht noch einmal von einem Traum in ein Chaos der Gefühle stürzen, beschloss Caris. Ich bin nicht mehr die verletzliche, unerfahrene Frau, die ich bei unserer ersten Begegnung war.

Die letzten drei Jahre hatten sie stark verändert. Heute war sie eine abgeklärte, erfolgreiche Geschäftsfrau. Ihr selbstbewusstes Auftreten und ihr Schliff mochten zwar nur oberflächlich sein, doch Caris ließ keinen Menschen mehr so nah an sich heran, dass jemand an dieser Oberfläche auch nur hätte kratzen können. Wer sollte also die Wahrheit erfahren? Auf Außenstehende wirkte die junge Frau, als wäre sie tatsächlich so, wie sie sich gab.

Die Vision eines sicheren, wohlgeordneten Lebens war beruhigend. Caris ging ins Bad, putzte sich die Zähne und duschte. Anschließend rüstete sie sich für den Arbeitstag, der vor ihr lag. Sie wählte ein leichtes graues Kostüm, dazu kleine goldene Ohrstecker, schminkte sich dezent und schlang die langen dunklen Haare zu einem Knoten zusammen. In der Küche machte sie sich Toast und Kaffee.

Nach einer regnerischen Woche war eine Warmluftfront vorausgesagt worden. Jeder hatte gehofft, dass es am Wochenende und dem darauf folgenden Feiertag trocken bleiben würde, aber es regnete schon wieder. Und die aktuelle Vorhersage kündigte andauernde starke Regenfälle und Gewitter an.

Trotz der anhaltenden wirtschaftlichen Rezession stand Caris’ Immobilienbüro Carlton Lees recht gut da. Nach dem Tod ihrer Tante hatte sie festgestellt, dass es schlicht unmöglich war, das Geschäft allein zu betreiben. Also hatte sie eine junge Frau aus dem Ort eingestellt, eine fröhliche Achtzehnjährige namens Julie Dawson.

Julie erledigte die Sekretariatsarbeiten und hielt die Stellung, wenn Caris mit Kunden unterwegs war. Vernünftig und sehr reif für ihr Alter, hatte sich Julie als ein Geschenk des Himmels entpuppt. Seit das Geschäft besser lief, kam sie morgens früher ins Büro und machte wenn nötig auch Überstunden.

Immobilien wechselten in dem ruhigen Städtchen Spitewinter und seiner Umgebung zwar nur relativ selten ihre Besitzer, doch sie wechselten sie immerhin. Gerade im Moment mangelte es nicht an interessierten Kunden. Das lag zum Teil daran, dass Caris’ einziger Konkurrent vor Kurzem sein Geschäft geschlossen hatte. Zum Teil lag es aber auch daran, dass in letzter Zeit mehrere begehrtere Immobilien auf den Markt gekommen waren.

Das bemerkenswerteste Objekt war ein kleines Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert. Sein Eigentümer, ein berühmter Schriftsteller, war erst kürzlich im Alter von achtundneunzig Jahren gestorben und hatte das Haus einem Cousin vererbt. Dieser Cousin lebte in Australien und wollte Gracedieu nicht behalten. Ihm lag daran, das Haus zügig zu verkaufen, damit er sich vom Erlös eine Ranch leisten konnte. Mit seiner Entscheidung hatte er die Immobilienwelt in helle Aufregung versetzt.

Eine angesehene Zeitschrift hatte folgenden Artikel veröffentlicht – samt großer Fotos vom Haus, Grundstück und der „exklusiv mit dem Verkauf beauftragten Immobilienmaklerin, Miss Caris Belmont“:

Gracedieu, das einzigartige Beispiel eines kleinen Herrenhauses aus dem 16. Jahrhundert, ist ein ausgesprochenes Juwel. Es bildet den Mittelpunkt eines reizenden Landguts, zu dem eine alte Wassermühle ebenso gehört wie eine Reihe malerischer Cottages, die im späten 18. Jahrhundert für die Angestellten dieses Anwesens erbaut wurden …

Der Artikel hatte das Interesse an dem Objekt noch gesteigert. Trotz des astronomischen Preises und der Tatsache, dass Gracedieu von seinem früheren Eigentümer vernachlässigt worden war, wollten mehrere potenzielle Käufer das Herrenhaus besichtigen. Der erste von ihnen hatte heute Nachmittag einen Termin.

Caris wollte Gracedieu so schnell wie möglich zum geforderten Preis verkaufen. Doch obwohl sie nach Kräften versuchte, sich auf das bevorstehende Treffen mit dem Interessenten zu konzentrieren und alle Gedanken an Alexander zu verbannen, schaffte sie es nicht.

The Old Vicarage, das alte Pfarrhaus, das sie zusammen mit dem Immobilienbüro von ihrer Tante geerbt hatte, erschien plötzlich zu groß und zu leer. Gesellschaft leisteten Caris nur ihr Bedauern über verpasste Gelegenheiten und beklemmende Erinnerungen an die Vergangenheit.

Ungeduldig sprang sie auf, schnappte Tasche und Regenmantel und verließ das Haus. Ihr Kleinwagen parkte in der Auffahrt. Regentropfen perlten vom Lack ab. Caris stieg rasch ein und fuhr Richtung Zentrum, wobei die Scheibenwischer gleichmäßig hin und her klickten.

Sie kam an der Bücherei vorbei und durch die ruhige Hauptstraße von Spitewinter. Dann ging es zur alten Brücke, die sich über einen von Weiden gesäumten Fluss wölbte. Nach all dem Regen führte der Fluss viel bräunliches Wasser.

Nahe dem Fluss, in einer breiten Straße mit Kopfsteinpflaster, lag Carlton Lees. Die Agentur bildete das Endgrundstück einer Reihe von Geschäften, die aussahen, als wären sie einem Roman von Charles Dickens entsprungen. Caris parkte in ihrer üblichen Lücke unter den Bäumen. Sie zog den Regenmantel um ihre Schultern und rannte los, um die Agentur aufzuschließen.

Julie war noch nicht da. Caris ging die Nachrichten auf ihrem Anrufbeantworter und die E-Mails durch. Dabei musste sie feststellen, dass ihr erster Kunde an diesem Vormittag für heute abgesagt hatte und um einen Termin in der folgenden Woche bat.

Nachdem sie einen neuen Termin vereinbart hatte, versuchte sie, sich auf ihre Routinearbeiten zu konzentrieren. Doch Bruchstücke des Traums hafteten noch immer an ihr, klebrig und nicht abzuschütteln, wie ein Spinnennetz. Trotz aller guten Vorsätze ertappte sie sich dabei, wie ihre Gedanken drei Jahre zurückschweiften.

Damals hatte sie im Norden des Bundesstaates New York gelebt und für Belmont and Belmont gearbeitet, die angesehene Anwaltskanzlei ihres Vaters in Albany. Dort war sie Alexander zum ersten Mal begegnet, und dort hatte sie sich auch in ihn verliebt …

Es war an einem Freitag passiert. Caris hatte am Schreibtisch gesessen, um kurz vor Feierabend noch ein paar Unterlagen durchzusehen. Ihr Vater hatte den Kopf in ihr Büro gesteckt und ihr einen schönen Urlaub gewünscht. „Du hast ihn dir verdient“, hatte er noch hinzugefügt.

Austin Belmont war ein kluger, um nicht zu sagen brillanter Anwalt, aber ein kühler, unzugänglicher und reizbarer Mensch. Ein Lob kam ihm nur selten über die Lippen. Solange Caris zurückdenken konnte, hatte sie ihr Bestes gegeben, um ihren Vater stolz zu machen – mit mäßigem Erfolg. Entsprechend überraschte sie diese unerwartete Anerkennung daher.

Etwa eine halbe Stunde später legte Caris die Papiere zu den Akten. Sie wollte gerade nach Hause gehen, als die interne Telefonleitung klingelte.

„Entschuldigen Sie bitte die Störung, Miss Belmont …“ Normalerweise brachte die Sekretärin nichts so schnell aus der Ruhe. Jetzt klang sie nervös. „Hier ist ein Mr Devereux. Könnten Sie ihn möglicherweise empfangen?“

Devereux … Der Name kam ihr bekannt vor, doch sie konnte ihn nicht auf Anhieb einordnen. „Hat er denn einen Termin?“

„Eigentlich sollte er mit Mr David sprechen, aber es gab leider ein Missverständnis. Wir haben das falsche Datum notiert, und sowohl Mr Austin als auch Mr David haben die Kanzlei bereits verlassen. Ich bin selbst gerade auf dem Sprung.“

Caris wusste, dass Kate Bradshaw ihre Tochter bei der Tagesmutter abholen musste. Darum sagte sie rasch: „In Ordnung, Kate. Bringen Sie Mr Devereux bitte in mein Büro. Ich versuche, ihm weiterzuhelfen.“

Bevor Caris das Gespräch beendete, hörte sie einen leisen und doch unmissverständlichen Seufzer der Erleichterung. Wahrscheinlich hatte der verstimmte Klient der armen Kate das Leben schwer gemacht.

Es klopfte an der Bürotür. Gleich darauf führte Kate den Besucher herein. Aus irgendeinem Grund hatte Caris sich den Mann klein und korpulent vorgestellt, mit schütteren grauen Haaren und hängenden Wangen, spießigem Anzug und einer ebensolchen Krawatte.

Doch der Mann, der in ihr Büro trat, war attraktiv. Er wirkte selbstsicher und strahlte Macht und Autorität aus. Caris schätzte ihn auf siebenundzwanzig oder achtundzwanzig Jahre. Er hatte breite Schultern, war gut einen Meter achtzig groß und trug geschmackvolle Freizeitkleidung. Alles andere als spießig.

Die Sonne hatte einige Strähnen seines dichten blonden Haarschopfs ausgebleicht. Das Gesicht mit den markanten Zügen war schlank und gebräunt, die Augen ausdrucksvoll. Der Mund wirkte auf den ersten Blick streng, doch Caris erkannte um die Lippen herum die Andeutung von Leidenschaft. Ein Schauer lief ihr über den Rücken.

Sie stand auf und streckte ihre rechte Hand aus. „Ich heiße Caris Belmont, Mr Devereux.“ Irritiert bemerkte sie, dass ihre Stimme nicht gelassen und geschäftsmäßig, sondern ein wenig atemlos klang.

Er nahm ihre Hand und erwiderte förmlich: „Miss Belmont.“

Als seine langen Finger ihre eigenen umschlossen, spürte Caris, wie ein Kribbeln ihren Arm hinaufstieg. Davon habe ich schon in Liebesromanen gelesen, dachte sie leicht benommen. Aber ich habe nie geglaubt, dass so etwas wirklich passiert.

Sie riss sich zusammen. „Es gab ein Missverständnis bei Ihrem Termin?“

Der Blick aus seinen grünen Augen war kühl. Etwas schroff antwortete er: „Sieht ganz danach aus. Allerdings liegt der Fehler nicht bei mir.“

„Nein. Ich entschuldige mich für das Versehen.“

Sie hoffte, dass ihre Worte ihn milder stimmen würden, erlebte aber eine Enttäuschung. Offenbar war er kein Mann, der nachsichtig reagierte, wenn man seine Zeit verschwendete.

Caris setzte sich wieder. Sie zeigte auf den schwarzen Ledersessel vor ihrem Schreibtisch und sagte höflich: „Bitte, nehmen Sie doch Platz.“

Als er keine Anstalten machte, ihrem Vorschlag zu folgen, ergänzte sie: „Möglicherweise kann ich Ihnen helfen.“

Einen Moment lang betrachtete er sie eingehend. Dann hob er eine Augenbraue. „In welcher Beziehung?“

Verärgert über den unverhohlenen Spott, erklärte sie steif: „Immerhin bin ich zugelassene Anwältin.“

„Wirklich?“ In seiner Stimme schwang Skepsis mit.

Caris presste die Lippen aufeinander. Wie konnte ich diesen arroganten Mann nur attraktiv finden? „Ja, wirklich“, antwortete sie eisig.

„Wie alt sind Sie, Miss Belmont? Sie dürften ungefähr zweiundzwanzig sein – höchstens dreiundzwanzig.“

Nur mühsam schluckte sie eine patzige Antwort herunter. Mr Devereux hatte erwartet, mit einem der Seniorpartner zu sprechen. Nun dachte er offenbar, dass man ihn mit einer unerfahrenen Mitarbeiterin aus der zweiten Reihe abspeisen wollte. Was irgendwie auch stimmt, gestand sie sich ehrlich ein. „Ich verstehe nicht, warum mein Alter eine Rolle spielt.“

„Dann lassen Sie mich die Frage anders formulieren. Haben Sie Berufserfahrung?“

„Sicher … Jede Menge“, schickte sie leichtsinnig hinterher.

„Jede Menge? Donnerwetter, Sie müssen älter sein, als Sie aussehen. Wie lange arbeiten Sie denn schon für diese Kanzlei?“

„Fast ein Jahr.“ Caris versuchte, nicht defensiv zu klingen.

„So lange! Und was genau ist Ihre Position hier?“

„Mir wurde gerade angeboten, Partnerin zu werden“, antwortete sie mit Genugtuung.

Ein Funkeln in seinen Augen verriet Caris, dass er sie durchschaute. Sie hatte das Wort „Junior“ absichtlich weggelassen.

„Sagen Sie, Miss Belmont, in welcher Beziehung stehen Sie zu den Seniorpartnern? Da der Nachname identisch ist, nehme ich an, dass es eine Verbindung gibt.“

Darauf will er also hinaus! Innerlich kochte sie vor Wut. Sie kratzte ihren Rest an Selbstbeherrschung zusammen und bestätigte knapp: „Austin Belmont ist mein Vater und David Belmont mein Onkel.“

„Also könnte man sagen, dass Sie sich hier in ein gemachtes Nest gesetzt haben.“

Ihr Ärger brodelte über. Sie warf alle Vorsicht über Bord und sagte frostig: „Mr Devereux, ich weiß, dass Sie einen triftigen Grund zur Klage haben. Ihr Benehmen allerdings finde ich unerträglich.“

„Und ich finde Ihres, sagen wir mal, etwas naiv für eine zugelassene Anwältin.“

„In dem Fall möchten Sie vielleicht lieber warten, bis Sie einen der Seniorpartner sprechen können?“

„Ich habe Ihre Sekretärin so verstanden, dass vor Montag niemand außer Ihnen verfügbar ist.“

„Das stimmt, fürchte ich.“

Alexander betrachtete Caris. Sie ist wirklich reizend, dachte er. Makellose Haut, eine kurze, gerade Nase, ein voller Mund … Die hochgesteckten Haare schimmerten seidig, und ihre mandelförmigen Augen unter den zarten Brauen erinnerten ihn an das dunkle Violett von Stiefmütterchen. Augen, die gerade vor Wut glitzerten.

Eigentlich wollte er sich verabschieden. Der neue Anwalt seiner Firma würde Caris Belmonts Aufgabe in zehn Tagen ohnehin übernehmen. Zur Not konnte das juristische Anliegen bis dahin warten. Doch plötzlich änderte er seine Meinung.

Diese Frau war nicht nur interessant, sondern geradezu faszinierend schön und intelligent. Und neben Persönlichkeit besaß sie auch Courage.

Nicht zu vergessen ein hitziges Temperament.

Er beschloss, dieses Temperament noch ein wenig auf die Probe zu stellen. „Verstehe. Nun, wenn Sie glauben, dass Sie der Sache gewachsen sind …“

„Das bin ich.“

„In dem Fall lautet die Antwort auf Ihre Frage: Nein. Ich will nicht auf einen der Seniorpartner warten.“

Caris holte tief Luft. „Wenn das so ist, Mr Devereux, möchten Sie sich vielleicht doch setzen?“

Doch er ignorierte den Ledersessel erneut und setzte sich stattdessen auf die Ecke des Schreibtischs und wandte sich Caris zu.

Er ist mir viel zu nah! Instinktiv wich sie zurück.

Es war nur eine winzige Bewegung, aber sie entging ihm nicht. Er lächelte amüsiert.

Diesmal zuckte Caris nicht mit der Wimper, obwohl es sie in den Fingern juckte, irgendeinen Gegenstand nach dem dreisten Klienten zu werfen. Er sieht es mir an. Verdammt! Sie vermutete stark, dass Mr Devereux es genoss, sie zu necken.

Bevor sie die Initiative ergreifen konnte, fragte er mit aalglatter Unverfrorenheit: „Also hat man Ihnen in Ihrem zarten Alter nach lediglich einem Jahr angeboten, Partnerin in der Kanzlei zu werden? Sie müssen außergewöhnlich klug und talentiert sein.“

Ihre Wangen röteten sich. „Ich nehme keine dieser Eigenschaften für mich in Anspruch. Allerdings habe ich einen Abschluss von einer der besten juristischen Fakultäten Englands. Mit Auszeichnung. Und seit ich hier arbeite, bilde ich mich ständig weiter.“ Sie versuchte, ihre Stimme möglichst nüchtern klingen zu lassen. „Würden Sie meinen Vater und meinen Onkel kennen, wüssten Sie, dass sie keine Zeit für Vetternwirtschaft haben. Jeder Aufstieg in dieser Kanzlei muss durch harte Arbeit und Kompetenz verdient werden.“

Sie hat in der Tat ein hitziges Temperament, doch sie weiß es zu kontrollieren, dachte Alexander bewundernd. Er änderte seine Taktik, erhob sich von der Schreibtischkante und drehte sich mit einer raschen Bewegung so, dass er Caris direkt gegenüberstand. „Entschuldigung. Ich glaube zwar, dass ich wirklich Anlass habe, verärgert zu sein. Unabhängig davon hätte ich meinen Ärger nicht an Ihnen auslassen sollen.“

Nein, hätten Sie nicht, wollte sie ihm beipflichten. Doch da er ihr den Wind aus den Segeln genommen hatte, erwiderte sie nur steif: „Akzeptiert.“

„Sie vergeben mir?“

„Natürlich.“

„Und Sie sind nicht mehr wütend auf mich?“, fragte er und lächelte. Es war ein Lächeln, das seine Augen aufleuchten ließ und bei dem sich feine Fältchen um seinen Mund legten. Noch nie hatte Caris einen Mann mit so viel Sexappeal erlebt.

Es verschlug ihr förmlich den Atem. Da sie ihrer Stimme nicht traute, schüttelte sie den Kopf.

„Sicher?“

„Ja, ich bin sicher“, brachte sie heraus.

Sein Blick senkte sich auf ihre Hände. Die Finger waren lang und schlank, die gepflegten Fingernägel oval. Ohne den dunklen Nagellack, den so viele Frauen trugen und den er so wenig mochte. Und ohne einen Ring, der auf einen Verlobten oder Ehemann schließen ließ.

„Haben Sie heute Abend schon etwas vor?“, fragte er völlig unvermittelt.

„Etwas vor?“, wiederholte Caris überrascht.

„Ich meine, ob Sie ein Rendezvous mit Ihrem Freund haben oder ob Ihr Liebhaber Sie ungeduldig zu Hause erwartet.“

„Weder noch.“

„Warum nicht? Sie sind eine schöne Frau.“

„In den letzten fünf Jahren habe ich so hart gearbeitet, dass ich keine Zeit für Freunde oder Liebhaber hatte“, informierte sie ihn spitz.

Er verzog das Gesicht. Auf einmal wirkte er menschlich, direkt sympathisch. „Ich schätze, ich verdiene diese Antwort.“

„Stimmt.“

„Nun, da Sie mich in meine Schranken verwiesen haben: Essen Sie heute mit mir zu Abend?“

Mit einem Anflug von Bedauern antwortete Caris. „Das geht leider nicht. Ich fahre in Urlaub, nach Catona.“

„Sind Sie dort mit jemandem verabredet?“

„Ich besuche jemanden.“

„Ach?“ Fragend hob Alexander eine Augenbraue.

Ich schulde ihm keine Erklärung, dachte Caris. Trotzdem sagte sie: „Sam und ich kennen uns noch aus der Schule.“

„Ist Sam männlich oder weiblich?“

„Weiblich.“

„Verstehe.“ Er sah zufrieden aus. „Wann erwartet Sam Sie denn?“

„Zu keiner bestimmten Zeit. Wenn ich da bin, bin ich da.“

„Gut. Nach Catona braucht man höchstens zwei Stunden. Sie könnten also trotzdem mit mir zu Abend essen. Irgendwann müssen Sie es schließlich tun.“

Als Caris zögerte, legte er nach. „Wenn Sie ablehnen, weiß ich, dass Sie mir doch nicht verziehen haben.“

„Doch, das habe ich.“

Lächelnd blickte er ihr in die Augen. „Dann sagen Sie mir, wo Sie wohnen, und ich hole Sie ab. Um sieben?“

Zu ihrem eigenen Erstaunen hörte sich Caris antworten: „Ich wohne in Apartment 1a, Lampton House, Darlington Square.“

Gerade wollte sie erklären, wie man am besten dorthin kam, da nickte Alexander gut gelaunt. „Ich kenne Darlington Square. Mir gehört ein kleines Apartment ganz in der Nähe. Dann also bis sieben.“ Er verabschiedete sich mit einer lässigen Handbewegung und verschwand.

Ich muss vollkommen verrückt sein, dachte Caris, während sie ihm nachschaute. In den letzten beiden Wochen hatte sie bis tief in die Nächte gearbeitet. Heute wollte sie zeitig nach Catona kommen, um endlich wieder einmal auszuschlafen.

Warum also willigte sie ein, mit einem Mann auszugehen, dem sie gerade erst begegnet war und dessen Vornamen sie nicht einmal kannte? Mit einem Mann, der bewiesen hatte, dass er nicht nur schwierig, sondern regelrecht entmutigend sein konnte? Mit einem Mann, den sie instinktiv für gefährlich hielt?

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Auch wenn das Herz zerbricht" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen