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Attraktiv, erfolgreich – und so allein

1. KAPITEL

David Severin parkte den Truck, den er sich von der Gärtnerei geliehen hatte, vor dem alten viktorianischen Haus seiner Tante, bevor er die Fliederbüsche und Forsythiensträucher ablud. Es war Ende Mai, und in der Wüste von Nevada war die Hitze um diese Zeit schon fast unerträglich.

David zog sein T-Shirt aus, während er sich wünschte, Shorts anstatt der Jeans zu tragen. Er wusste sehr wohl, warum seine Tante darauf beharrte, dass er die parkähnliche Anlage um das Haus herum völlig neu gestaltete. Immerhin war sie Psychiaterin, und es gehörte zu ihren psychologischen Tricks, ihn an der frischen Luft schwitzen zu lassen. Er sollte froh sein, dass sie es dabei beließ und seiner Seele nicht weiter fachmännisch auf den Grund ging. Eigentlich machte es ihm sogar Spaß, diese Arbeit zu verrichten. Offensichtlich schlug die Therapie seiner Tante an.

Gestern erst hatte er eine alte Hecke ausgegraben und die wild wachsenden Sträucher aus der Erde gezogen. Nun mussten die tiefen Gräben, die er ausgehoben hatte, mit Mutterboden gefüllt werden, ehe er anfangen konnte, die neuen Büsche einzupflanzen.

Nachdem er mit dem Mutterboden fertig war, bemerkte er, dass auf seiner verschwitzten Haut von der Taille aufwärts eine dünne Schmutzschicht klebte. Er schlenderte zum Gartenschlauch und sprühte sich sauber. Nachdem er das Wasser abgedreht hatte, vernahm er plötzlich eine weibliche Stimme:

„Entschuldigen Sie bitte.“

Als David sich umdrehte, sah er eine äußerst attraktive Blondine in einem hellblauen Kostüm, das ihre weiblichen Formen betonte. Sie blickte ihn aus Augen an, die so grün wie die Blätter der Forsythien waren. „Ist hier Dr. Severins Praxis?“, fragte sie.

David riss sich zusammen, als ihm bewusst wurde, dass er sie anstarrte wie ein durstiger Mann, den es nach einem Glas eiskalten Wassers verlangte. Vermutlich war sie eine Vertreterin für ein Pharmaunternehmen, die seiner Tante einige der neuen Beruhigungsmittel verkaufen wollte. Vielleicht war sie aber auch eine Patientin. Wie auch immer, sie hatte kein Glück.

„Dr. Severin ist nicht hier und wird erst in zwei Tagen zurück sein“, entgegnete er schroff, um sein aufdringliches Starren zu überspielen.

„Oh.“ Ihre Enttäuschung war nicht zu überhören.

Vielleicht war sie ja tatsächlich eine Patientin, die Hilfe brauchte. Zögernd, weil er auf keinen Fall dazu bereit war, mit einer Frau auch nur das Geringste zu tun zu haben, murmelte er: „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“

Prüfend schaute sie ihn an. „Gibt es in diesem Ort ein gutes Lokal, wo ich ein Sandwich und etwas Kaltes zu trinken bekommen kann?“, erkundigte sie sich schließlich.

Sie stammte also nicht aus der Gegend. Seine Tante hatte eine ganze Reihe Patienten von außerhalb. Er hatte vorhin kein Auto kommen hören und warf einen Blick zur Straße, wo ein blaues Cabrio so dicht hinter dem Truck geparkt war, dass es aussah, als ob die Wagen Stoßstange an Stoßstange standen.

„Gute Lokale gibt es hier kaum“, antwortete David abweisender, als er vorgehabt hatte. Er hatte immer noch den Verdacht, dass sie auf den Truck aufgefahren war.

„Zeigen Sie mir einfach die Richtung.“

Beinahe hätte er über ihren bissigen Ton gelächelt. Er musterte sie genauer. „Es gibt hier so was wie ’ne Snackbar, ziemlich versteckt. Man erreicht sie von hier aus zu Fuß leichter als mit dem Auto.“

„Ich bin durchaus in der Lage zu gehen.“ Ihr Ton wurde schärfer, was David vorübergehend vergessen ließ, dass er sie anziehend fand.

„Okay. Ich bringe Sie hin“, meinte er.

Amy Simon zögerte, während sie dem dunkelhaarigen Mann dabei zuschaute, wie er sich vom Geländer der Veranda das T-Shirt schnappte, um es sich überzuziehen. Eigentlich eine Schande, den muskulösen Oberkörper, auf dem die Wassertropfen glitzerten, zu bedecken. Es bestand kein Zweifel – dieser Mann war ausgesprochen maskulin. Kein Wunder, dass sie sich auf Anhieb von ihm angezogen fühlte. Seine ungehobelten Manieren hatten sie jedoch ernüchtert.

Jetzt befahl er ihr auch noch, ihm zu einer Snackbar zu folgen, auf die sie ebenfalls keinen Wert legte. Das Ganze erinnerte sie fatal an den Psychologen, mit dem sie in Los Angeles zu tun gehabt hatte. Ihre Großmutter hatte Dr. Smits ironisch einen „Meister des Universums“ genannt. Smits war mit ein Grund gewesen, warum sie sich entschied, auf Dr. Severins Anzeige zu antworten.

Nun gut, dieser Mann hier war nicht Smits, und sie war sehr hungrig und sehr durstig. Und es würde ihr guttun, eine Strecke zu laufen, nach der Fahrt von der Pferderanch ihres Bruders in Carson Valley, wo sie übernachtet hatte. „Danke“, sagte sie schließlich. Um ihm seinen Namen zu entlocken, fügte sie hinzu: „Übrigens, ich bin Amy.“

„David“, erwiderte er knapp, drehte sich um und marschierte auf einen Gehweg zu, der sie von ihrem geparkten Cabrio wegführte.

Amy folgte ihm, während sie versuchte, mit ihm Schritt zu halten. David? Von einem Burschen, der Gärten instand hielt, hätte sie einen machohafteren Namen erwartet wie zum Beispiel Dave. Sie verzog das Gesicht. Sie sollte sich schämen, so klischeehaft zu denken. Eigentlich hätte sie erwarten können, dass all die Kurse in Psychologie sie gegen so etwas gefeit gemacht hatten.

Ohne ein Wort zu sagen, ging David zielstrebig voran. Vermutlich gehörte er zu der schweigsamen Sorte Männer.

Intelligentes würde er wahrscheinlich sowieso nicht von sich geben können. Oh verflixt! Noch mehr Klischees. Warum versuchte sie, den Burschen abzutun? Lag es etwa daran, dass er sie anzog und sie es nicht wahrhaben wollte? Damit kehrte sie nur noch mehr den Snob heraus.

Um die beunruhigenden Gedanken zu verscheuchen, räusperte sich Amy und fragte: „Sind Sie in Tourmaline aufgewachsen?“

„Nein.“

„Nevada?“

„Nein.“

Amy spürte, wie Wut in ihr hochstieg. Doch sie wollte cool bleiben, also beharrte sie: „Wo dann?“

„New Mexico.“

Ende der Konversation, soweit es ihn anging. Jedenfalls schien es so. Zum Schluss gab Amy es auf, die Ecken zu zählen, um die sie bogen. Endlich blieb David stehen und wandte sich zu ihr um. Seine Augen waren so dunkelblau, wie Amy es noch nie zuvor gesehen hatte, und sie verrieten nichts.

„Warum?“, fragte er.

Verdutzt blickte Amy ihn an. Dann dämmerte ihr, dass er wohl meinte, warum sie wissen wollte, wo er aufgewachsen war. „Oh, ich habe einfach drauflosgefragt.“

„Das hier ist es.“ Er wies mit dem Kinn auf eine grüne Tür. Auf dem Schild darüber stand „Tiny Tim“. David öffnete die Tür und ließ Amy vor ihm eintreten.

Vier winzige Tische standen dicht beieinander im engen Inneren. Nachdem sie sich an den einzigen freien Tisch gesetzt hatten, sagte David: „Jetzt sind Sie dran.“

Womit? Mit der Bestellung oder mit einem Gespräch? Amy zuckte mit den Schultern.

„Welcher Staat?“

Oh, wo sie aufgewachsen war. „Michigan“, antwortete Amy.

„Nicht gerade die beste Art, eine Unterhaltung anzufangen“, stellte er fest.

„Was soll’s sein?“, fragte plötzlich eine ruppige Stimme.

Amy wandte den Kopf und sah einen kahlen Männerschädel in einer geöffneten Luke an der Seitenwand, der wie eingerahmt wirkte.

„Was hast du im Angebot, Tim?“, wollte David wissen.

„Eiersalat mit Alfalfasprossen, Senf und Mixed Pickles auf Roggen.“

David blickte Amy an, woraufhin sie nickte. Klang ziemlich verrückt, aber so war auch der Tag. Bis jetzt jedenfalls.

„Das Rootbeer ist gut, die stellen es hier am Ort her“, meinte David.

Das war zwar nicht gerade das, was sie normalerweise bestellte. Doch sie fand, sie sollte sich anschließen. „Okay.“

Tims Kopf verschwand aus der Sicht.

„Wie sollte man ein unterhaltsames Gespräch anfangen? Was meinen Sie?“, fragte Amy, wobei sie den kleinen Tisch zu ignorieren versuchte, an dem sie saßen. Es war unmöglich, sich auch nur zu rühren, ohne dass ihre Füße oder Beine seine streiften. Jedes Mal verspürte sie dabei ein Gefühl, als hätte sie einen kleinen Stromschlag erhalten.

Über den Tisch hinweg blickte David ihr in die grünen Augen. Murdock, der Seniorpartner der Rechtsanwaltskanzlei, der er angehört hatte, hatte grüne Augen. Das Grün von Murdocks Augen wirkte matt. Amys Augen hingegen waren klar und leuchtend. Sie hoben ihr herzförmiges Gesicht hervor. David hielt sie für die hübscheste Frau, der er seit Langem begegnet war. Ihre Lippen waren zum Küssen wie geschaffen … Schnell wandte er den Blick ab, um diesen Gedanken zu verscheuchen. Nun, das würde er ganz sicher vermeiden, auch wenn es zwischen ihnen vor Spannung knisterte.

Was hatte sie ihn gefragt? Bevor es ihm wieder einfiel, sagte sie: „Bis jetzt habe ich mich noch nie bei einem Menschen gleich beim ersten Treffen erkundigt, womit er sein Geld verdient. Dadurch erfährt man nur, was der andere tut, und nicht, wie er wirklich ist.“

„Soll mir recht sein. Also, was halten Sie von mir?“

„Sie sollten mich aufklären.“

„Tisch zwei, abholen“, verkündete Tim von der offenen Luke her.

David erhob sich, zog von der Durchreiche unter der Luke ein Tablett hervor, brachte es zum Tisch, stellte das Essen und die Getränke vor Amy und seinen Platz und schob das leere Tablett zurück auf das Bord.

Er nahm einen Bissen vom Sandwich, kaute, schlang es und spülte es mit einem ordentlichen Schluck Rootbeer herunter. „Ich schätze, dass die Menschen genug von sich zeigen, um herauszufinden, wie und was sie wirklich sind. Irgendwie kriegt man immer einen Hinweis“, sagte er. „Zum Beispiel bei Ihnen … Ich weiß bereits, dass Sie nicht in Tourmaline wohnen, sondern aus dem Mittleren Westen stammen.“

Amis Lachen klang so überraschend ungekünstelt, dass es David gegen seinen Willen bezauberte. „Wie kommen Sie darauf, dass die Menschen aus dem Mittleren Westen ehrlicher sind als die anderen?“

„Das weiß ich aus dem Fernsehen, woher sonst?“

Sie warf ihm einen nachsichtigen Blick zu. „Na gut. Also … von dem, was ich bis jetzt gesehen habe, deutet alles darauf hin, dass Sie entweder so eine Art Landschaftsgärtner sind oder für eine Gärtnerei arbeiten. Allerdings weiß ich nicht, ob jemand aus New Mexico mehr oder weniger ehrlich ist als jemand aus dem Mittleren Westen.“

Nahm diese Frau etwa an, dass er Tante Gerts Gartenarbeiter war? Er rang sich ein Lächeln ab. Hatte sie nicht irgendwie recht? War er nicht seit über einem Jahr damit beschäftigt gewesen, den Rasen seiner Tante zu mähen, die Hecken zu stutzen und Beete zu jäten?

Ohne darauf einzugehen, aß David sein Sandwich auf und trank das Rootbeer aus. Da Amy fast zur gleichen Zeit mit dem Essen fertig war, nahm er an, dass sie wirklich Hunger gehabt hatte.

„Ich muss gestehen, dass dieses etwas – außergewöhnliche Sandwich eigentlich ganz gut schmeckte“, lobte sie. „Und Rootbeer habe ich seit Jahren nicht getrunken. Danke, dass Sie mich auf diese Snackbar aufmerksam gemacht haben“, fügte sie hinzu, während sie ihr Portemonnaie aus der Tasche zog.

David machte Anstalten, für sie beide zu bezahlen. Dann überlegte er es sich. Tante Gerts Gartenarbeiter würde ihr das wohl kaum anbieten. Machen wir getrennte Kassen, entschied er im Stillen. Ihm fiel Cal ein, der Arbeiter in der Gärtnerei, der ihm heute Morgen geholfen hatte, die Büsche in den Laster zu laden. Auch wenn David keine Baseballkappe besaß, so könnte er Cals angeberisches Auftreten nachahmen.

„Lieber wäre mir schon ein richtiges Bier gewesen“, teilte er Amy großspurig mit und zog seine Brieftasche aus der Rücktasche seiner Jeans. „Nur bietet Tim dieses Zeugs nicht an.“

„Oh … übrigens, haben Sie einen Hund?“, unternahm Amy einen halbherzigen Versuch, mit dem Gartenarbeiter Small Talk zu machen.

Tatsächlich hatte David sich vor einer Woche gerade eine herumstreunende Katze in seine Wohnung geholt. Die ganze Nacht lang hatte sie ihn mit ihrem Miauen vor seiner Apartmenttür wach gehalten. Schließlich hatte er sie hereingelassen. Seine Tante hatte mit einem Blick auf das Tier festgestellt, dass es trächtig war. Also würde er bald Kätzchen haben. Seine gute Tat hatte unangenehme Folgen. Doch David bereute es nicht.

Da Katzen und Kätzchen nicht zur Rolle passten, die er spielen wollte, wiederholte er etwas, was Cal gesagt hatte. „Hatte zwei Hunde“, erzählte er Amy. „Rottweiler. Irgendein Idiot hat sie gestohlen, einfach so aus meinem Truck.“

„Wie schrecklich.“

„Tja, man hätte annehmen können, dass die sich wehren. Hat man schon mal von ’nem Rottweiler gehört, der den Schwanz einzieht, statt zu kämpfen? Aber was soll’s? Die Viecher sind weg.“ Auch wenn Amy sich bemühte, es nicht zu zeigen, so verriet ihm ihr Gesicht, dass sie ihn plötzlich scheußlich fand. Gut. Genau das hatte er auch im Sinn gehabt … Oder etwa nicht?

Nachdem die Rechnung bezahlt worden war, verließen sie die Snackbar und gingen zurück zu Tante Gerts Anwesen.

„Dr. Severin wird also erst in zwei Tagen wieder hier sein?“, hakte Amy nach.

„So hat sie ’s mir gesagt.“

„Ich hätte mich anmelden sollen.“

Wenn sie eine Patientin war, hätte sie dies eigentlich wissen müssen. „Dr. Severin hält die Sprechstunde nur nach Vereinbarung“, wies er sie mit Nachdruck hin.

„Nun ja, ich habe gehofft …“ Amy verstummte.

Vielleicht war sie eine neue Patientin und hatte gehofft, Gert könnte sie einschieben. Welche Probleme könnte Amy haben? Sie schien ihm nicht depressiv zu sein. Mit Depressionen kannte er sich nur allzu gut aus. Darin war er Experte.

„Ich werde hier wohl übernachten“, murmelte sie. „Gibt es ein ruhiges Hotel hier im Ort?“

Plötzlich stieg vor Davids innerem Auge ein Bild auf, das ihn beunruhigte. Amy nackt und in seinem Bett. Irgendwie schaffte er es, der Versuchung zu widerstehen, ihr sein Apartment anzubieten und zu betonen, dass es so ruhig sei, wie sie es sich nur wünschen konnte. Um sich von seinem Hirngespinst zu befreien, antwortete er kurz angebunden: „Das Hotel am Ort ist ganz okay.“

„Was meinen Sie mit ‚ganz okay‘?“ Musste sie immer allem auf den Grund gehen? „Es ist alt, aber sauber, das Essen ist gut und die Ruhe himmlisch.“

„Wo liegt es?“

„Ich zeig’s Ihnen.“

„Nicht nötig. Geben Sie mir einfach die Adresse.“

Offensichtlich hatte er in der Rolle des Gartenarbeiters zu dick aufgetragen. Nun steckte er fest. Er überhörte absichtlich ihre Worte und bemerkte: „Zum Hotel geht es in diese Richtung.“ Er fasste sie am Ellbogen, um mit ihr in eine Straße einzubiegen, was ein gravierender Fehler war. Wenn er bereits am Tisch bei „Tiny Tim“ angetörnt gewesen war, so wusste er verdammt noch mal nicht, wie er dies bezeichnen sollte.

Einen ganzen Moment lang rührte sich keiner von ihnen. Dann riss Amy sich von ihm los und blitzte ihn böse an.

David lächelte spöttisch. Er rechnete fest damit, dass sie ihm einen Korb geben würde. Doch sie nickte und erkundigte sich fast besorgt: „Sollten Sie nicht wieder bei Ihrer Arbeit sein?“

„Hey, ich habe Mittagspause.“

Das „Cottonwood Hotel“ lag im nächsten Wohnblock, und beide schwiegen, bis sie es erreicht hatten. Amy ging zur Tür und warf durch die Glasscheibe einen Blick ins Foyer. „Es hat Spielautomaten!“ Es klang vorwurfsvoll. „Ruhig kann es hier nicht sein.“

„Wir sind in Nevada“, erinnerte David sie. „Spielautomaten finden Sie so gut wie in jedem gewerblichen Unternehmen. Sehen Sie jemand an einem der Automaten?“

„Nicht im Moment.“

„Rauchen verboten.“

„Was hat das eine mit dem andern zu tun?“

„Die meisten Spieler sind Raucher. Der alte Hathaway, der Eigentümer vom Cottonwood, lässt niemanden in seinem Hotel rauchen. Die hart gesottenen Spieler gehen dahin, wo Zigaretten erlaubt sind.“ Zögernd blieb Amy stehen, bevor sie murmelte: „Ich versuch’s. Auf Wiedersehen – und danke.“

Ohne sich weiter um David zu kümmern, stieß sie die Eingangstür auf und ging auf die Rezeption zu.

Okay, das war’s also. Eine kurze Begegnung und ein Goodbye. Ende der Geschichte. Immerhin hatte es ihm Spaß gemacht.

David drehte sich um und schlenderte zu Tante Gerts Haus zurück. Er hatte knapp die Hälfte des Wohnblocks hinter sich, als ihm Hal Hathaway entgegenkam. „Hab gerade bei Ihnen einen Gast abgeliefert“, bemerkte David.

Hal blieb stehen. „Ich kann jeden gebrauchen, den Sie mir schicken. Hoffentlich ist der Gast weiblich und hübsch.“

David nickte.

„Ist Ihre Tante wieder zurück?“

„Nicht vor übermorgen.“

„Ich muss mit ihr über das unbebaute Grundstück direkt hinter Ihnen reden. Ich hab mich entschlossen, ihr das Vorkaufsrecht einzuräumen.“

„Davon habe ich keine Ahnung. Das müssen Sie mit meiner Tante verhandeln.“

Hal fing an, all die Gründe aufzuführen, warum Gert das Grundstück erwerben sollte. Dann fiel ihm ein, dass es im Untergeschoss des Hotels etwas gab, was er David unbedingt zeigen wollte.

Als David schließlich wegkommen konnte, schüttelte er den Kopf. Er mochte den alten Mann, wenn er nur nicht so weitschweifig wäre! Als er wieder das Haus seiner Tante erreicht hatte, war das blaue Cabrio hinter dem Laster verschwunden. Während all der Zeit, die er mit Hal verbracht hatte, war Amy hierhergekommen, um ihren Wagen zum Parkplatz des Hotels zu fahren. Er hatte ein letztes Goodbye verpasst.

Würde es aber wirklich so sein? Falls Amy tatsächlich eine Patientin seiner Tante war, könnte er ihr ja irgendwann erneut begegnen. Nun, das sollte er lieber vermeiden. Er hatte es nicht nötig, sich die Probleme anderer aufzuladen, wo er sich mit seinen eigenen noch immer herumquälte.

Allerdings gab es da ein Problem, das ganz schön verzwickt war. Gewöhnlich frühstückte er im „Cottonwood“. Nun gut, er könnte es ja an den nächsten zwei Morgen sein lassen.

Als er am späten Abend ins Bett ging, machte er sich immer noch Gedanken wegen des Frühstücks, was wohl den wirren Traum zur Folge hatte. Er träumte, er wäre in einem Theater in Manhattan und verfolgte eine Tanzshow auf der Bühne. Ein Chorusgirl am linken Ende der Reihe hatte es ihm besonders angetan. Er saß nicht weit von ihm, jedenfalls nahe genug, um zu sehen, wie grün seine Augen waren.

Während er sich am nächsten Morgen rasierte, entschied er, dass er verdammt noch mal seine Routine nicht aufgeben werde, nur weil er womöglich auf Amy stoßen könnte. Wahrscheinlich würde sie um diese frühe Zeit sowieso noch schlafen. Und nirgendwo gab es ein besseres Frühstück als im „Cottonwood“.

Amy wachte um ihre gewöhnliche Zeit auf und seufzte. Im Grunde war es wie im Urlaub, wenn auch nur für einen Tag. Sie hätte ausschlafen können. Doch wie immer meldete sich der Hunger, sobald sie die Augen aufschlug. Es war ihr unverständlich, dass es Menschen gab, die sich mit einem Orangensaft oder einem Morgenkaffee zufriedengaben. Sie brauchte ein richtiges Frühstück. David hatte recht gehabt, als er ihr sagte, dass das Hotel gutes Essen servierte. Das Abendessen hatte wunderbar geschmeckt, sodass sie sich jetzt schon auf das Frühstück freute.

Warum ging ihr David nicht aus dem Kopf? Zumindest hatte sie nicht von ihm geträumt. Jedenfalls konnte sie sich an keinen Traum erinnern, in dem er vorkam. Als Psychologin legte sie Wert darauf, ihre Träume zu deuten. Es war schon seltsam, dass sie vergangene Nacht nicht geträumt hatte. Vielleicht hatte sie ja doch von David geträumt und es nur unterdrückt. Der Gedanke war beunruhigend.

Wahrscheinlich würde sie ihn wiedersehen, wenn auch nur kurz. Die Gartenanlage rund um das Haus von Dr. Severin war recht ausgedehnt. Zu mehr als nur zu einem kurzen Gruß würde es nicht kommen. Ein Mann wäre so ungefähr das Letzte, was sie im Moment in ihrem Leben brauchen könnte. Ganz zu schweigen von dem, was Dr. Smits ihr über ihre ablehnende Haltung Männern gegenüber mitgeteilt hatte. Er selbst war noch so ein Beispiel eines beherrschenden Mannes. Manchmal hatte sie sich gefragt, wie seine Frau das aushielt.

Für den Fall, dass Dr. Severin doch früher als erwartet heimkommen sollte, zog sich Amy einen dunkelgrünen Rock mit einem hellgrünen Poloshirt an, fuhr sich mit der Bürste durch das kurze gelockte Haar und verließ ihr Hotelzimmer.

Beim Betreten des Essraums sah sie, wie eine Serviererin einen Gast – zweifellos David – gerade zu einem der Tische brachte. Es ärgerte Amy, dass ihr Herz plötzlich wie wild zu klopfen begann, und sie wünschte sich, von David nicht gesehen zu werden. Doch damit würde sie Dr. Smits Diagnose nur bestätigen, dass sie Männer ablehnte. Okay. Sie würde David im Vorbeigehen zunicken und „Hallo“ sagen. Das war höflich genug. Warum machte sie überhaupt eine so große Sache daraus?

Die Serviererin brachte sie zu ihrem Platz. Fast hätte Amy es geschafft, an Davids Tisch unbesehen vorbeizukommen. Er bemerkte sie aber, erhob sich lächelnd und deutete mit einer einladenden Geste auf den leeren Stuhl ihm gegenüber.

„Ah, Sie gehören zu David“, stellte die Serviererin fest, zog den Stuhl hervor und legte die Menükarte auf den Tisch. „Ich heiße Vera und bin gleich wieder zurück.“

Amy fand, dass es höchst ungeschickt wäre, jetzt noch einen Rückzieher zu machen. Dafür war es zu spät. Also setzte sie sich. „Sie haben mir nicht erzählt, dass Sie hier frühstücken.“ Es klang vorwurfsvoll.

„Hab einfach erwartet, dass Sie spät aufstehen“, erwiderte er.

„Wie kommen Sie darauf?“

David zuckte mit den Schultern.

„Halten Sie mich etwa nicht für eine dieser typischen berufstätigen Frauen?“, wollte Amy wissen.

Erneut zuckte er mit den Schultern.

Amy gefiel es absolut nicht, dass sie sich anhörte, als ob sie sich rechtfertigen müsse. Sie holte tief Luft und fing von vorne an. „Guten Morgen, David.“

Er verzog die Lippen, um ein Lächeln anzudeuten. „Morgen, Amy.“

„Die Sonne scheint bereits.“

„Was für den Mai nicht ungewöhnlich ist in dieser Gegend.“

„Sie tun sich schwer mit Small Talk.“

„Wirklich?“ Ihre Blicke begegneten sich.

Seine tiefblauen Augen faszinierten Amy. Wie könnte man diese Farbe beschreiben? Dunkler als Kobalt oder Azur, doch heller als Marineblau. Seine Augen dominierten sein Gesicht, was es Amy nicht leicht machte, wegzusehen. Als es ihr dann doch gelang, fiel ihr Blick auf seine Oberlippe. David hatte eher volle Lippen, genau wie sie. Wie würde es sich anfühlen, wenn diese Lippen ihre berührten?

War sie noch zu retten? „Sobald ich aufwache, bin ich hungrig“, teilte sie ihm etwas aufsässig mit.

„Geht mir ebenso. Zuerst Kaffee, dann Essen – und das schnell. Und Sie?“ Als Amy nickte, nahm David die Kaffeekanne und schenkte ihr ein.

„Danke.“ Sie nahm einen Schluck. Der Kaffee schmeckte wirklich gut.

„Kaffee sollte man nur schwarz trinken.“ Er hörte sich wie ein Genießer an.

Amy fiel seine Bemerkung über das Bier am Tag zuvor ein. „Bier mag ich überhaupt nicht.“

David zog eine Augenbraue hoch. „Was hat das Bier mit dem Kaffee zu tun?“

„Nicht sehr viel, wenn Sie mich fragen“, antwortete Vera, die Serviererin, die, von ihnen unbemerkt, bereits seit einer Weile wartend an ihrem Tisch stand. „Haben Sie sich entschieden?“

Nachdem Vera die Bestellung aufgenommen hatte und davongeeilt war, sagte David: „Vera hat es knapp und treffend ausgedrückt. Man kann Bier nicht mit Kaffee vergleichen –oder Äpfel mit Orangen.“

Offensichtlich hatte er diese üble Angewohnheit, jede ihrer Bemerkungen zu kommentieren. Nun gut, auf dieses Spiel konnte Amy sich einlassen. „Also haben Sie entschieden, dass die Chance, mich beim Frühstück zu treffen, sehr gering sei, da ich ja eindeutig zu den Langschläfern gehöre. Stimmt’s?“

„Nun, ich kann nicht immer recht haben. Fand nur, dass auf Sie heute Morgen nichts wartet, um so früh aufzustehen. Dabei habe ich nicht berücksichtigt, dass Sie vielleicht Hunger haben könnten.“

Beim letzten Wort blitzte etwas in seinen Augen auf. Doch es war weg, ehe Amy sich sicher sein konnte, was sie gesehen hatte. Eine andere Art von Hunger? Dieser verflixte sinnliche Reiz! Amy spürte die Spannung zwischen ihnen so deutlich, dass sie schlucken musste, um die Kehle freizubekommen. Hatte David etwa Pheromon geschluckt, dass sie sich so von ihm angelockt fühlte? Eigentlich wirkte es nur, wenn Frauen es einnahmen.

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