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Atme – wenn du kannst!

PROLOG

Tina Rigby glitt hinab in eine geheimnisvolle Welt.

Die Zwanzigjährige hatte bereits mehrere Monate Erfahrung im Gerätetauchen. Und doch missachtete sie an diesem Tag die wichtigste Grundregel ihres Sports: Tauche niemals allein!

Allerdings hatte Tina einen triftigen Grund, dass sie ohne Begleitung immer tiefer in das smaragdgrüne Meerwasser unweit vom East Cape an der Küste Floridas hinabtauchte. Sie wurde von ihrer Gier nach Gold angetrieben, hatte sie das wertvolle Edelmetall doch schon immer geliebt. Denn obwohl ihre Eltern nicht gerade arm waren, harmonierten Tinas zahlreiche Wünsche einfach nicht mit ihrem Kreditkartenlimit. Ihre Shopping-Trips rissen regelmäßig große Löcher in ihr Budget. Außerdem stand sie auf diese roten Sportwagen, die in Italien gebaut wurden, flach wie eine Flunder waren und ein kleines Vermögen kosteten. Und nennenswerte Reichtümer besaß Tina nicht – noch nicht.

Die junge Frau war in Florida aufgewachsen. Sie wusste, dass sie nicht als Einzige vor der Küste des Sunshine State nach untergegangenen Schiffswracks mit Goldfracht tauchte. Aber Tina hatte eine Information, die ihren Konkurrenten nicht zur Verfügung stand. Jedenfalls hoffte sie das. Die Geschichtsstudentin war nämlich in einer Chronik aus dem 17. Jahrhundert auf einen versteckten Hinweis gestoßen. Dieses Wissen würde sie hoffentlich zu einer steinreichen Luxuslady machen.

Tina bewegte jetzt nur noch ihre langen schlanken Beine, deren Füße in Schwimmflossen steckten. In den Händen hielt sie eine leistungsstarke druckdichte Taucherlampe. Die benötigte sie auch, denn je tiefer sie kam, desto finsterer wurde ihre Umgebung. Als unmittelbar vor ihrer Taucherbrille plötzlich ein schillernder Clownfisch erschien, erschrak sie. Aber das Tier war von der Begegnung genauso schockiert wie sie selbst. Der Fisch machte ein paar hektische Bewegungen mit seiner Schwanzflosse und jagte zurück in die Dunkelheit an dem zerklüfteten Riff.

Vor Haien fürchtete sich Tina eigentlich nicht. Die meisten Geschichten über menschenfressende Raubfische waren nichts weiter als Schauermärchen, das wusste sie. Trotzdem breitete sich ein mulmiges Gefühl in ihrer Magengegend aus. Tina fühlte sich bedroht, ohne eine greifbare Gefahr vor sich zu haben. Sie konzentrierte sich auf ihr Vorhaben und fühlte sich sofort etwas besser. Immerhin war es das erste Mal in ihrem Leben, dass sie ganz allein tauchte, und die Gewässer am East Cape waren ihr nicht wirklich vertraut. Da konnte man schon mal Panik schieben, wie Tina fand.

Plötzlich erblickte sie das versunkene Schiff vor sich.

Zunächst fiel der Strahl von Tinas Lampe nur auf eine Erhebung, die wie ein unterseeischer Hügel aussah. Doch die geübte Taucherin wusste, dass jahrhundertealte Wracks oftmals von Korallen überwuchert waren und kaum noch ihre ursprüngliche Form besaßen. Tinas Herz klopfte schneller. Während sie dichter an die Überreste des Seglers heranschwamm, wurde ihre Hoffnung allmählich zur Gewissheit.

Hier lag tatsächlich eine Galeone aus dem 17. Jahrhundert auf dem Meeresboden. Obwohl der Zahn der Zeit an den Planken und Masten genagt hatte, war die typische Form des altmodischen Schiffstyps noch gut auszumachen, jedenfalls für Tina. Sie hatte sich während ihres Studiums lange genug mit der damaligen Zeit beschäftigt.

Voller Ehrfurcht erschauerte Tina, als ihre behandschuhte Rechte zum ersten Mal die korallenüberwucherte Reling berührte. Sie hoffte, dass der Schatz noch im Inneren des gesunkenen Schiffs verborgen war. Vorausgesetzt, sie hatte überhaupt das richtige Wrack vor sich. Die Florida Bay war schon damals ein viel befahrenes Seegebiet gewesen, und in Kriegen und Konflikten waren unzählige Schiffe auf den Meeresgrund gesunken.

Doch Tina setzte ihre ganze Hoffnung auf die Chronik, deren Geheimbotschaft sie entschlüsselt zu haben glaubte. Es war schon gefährlich genug, allein einen Tauchgang zu unternehmen. Aber zusätzlich ohne Begleitung in ein Wrack einzudringen wäre für jeden normalen Schnorchler beinahe selbstmörderisch gewesen. Tina tat es trotzdem. Das heißt, sie wollte es tun.

Aber plötzlich nahm sie einen großen dunklen Schatten wahr, der seitlich an ihr vorbeiglitt. Erschrocken zuckte Tina zusammen und drehte ihre Lampe in die entsprechende Richtung. Hatte sie einen gefährlichen Fisch aufgeschreckt? Einen Rochen? Eine Muräne? Oder vielleicht doch einen Blauhai? Panik erfasste sie. Es war, als ob eine eiskalte Klaue nach ihrem Herzen greifen würde. Wie hatte sie nur so leichtsinnig sein können? Es gab praktisch keinen Raubfisch, der einen Taucher nicht einholen konnte.

Tinas Hände begannen so stark zu zittern, dass sie beinahe ihre Lampe verloren hätte. Nur mit Mühe gelang es ihr, die Nerven zu behalten. Ihre Linke tastete nach ihrem Tauchermesser, das sie mit sich führte. Es sollte ihr eigentlich nicht als Waffe, sondern als Werkzeug dienen. Zur Selbstverteidigung war es ziemlich ungeeignet. Allein schon deshalb, weil sich Tina vor einem Kampf fürchtete.

Im nächsten Moment bemerkte sie allerdings, dass sie gar kein Tier vor sich hatte. Im Licht ihrer druckfesten Lampe sah Tina einen Neoprenanzug, der ihrem eigenen ähnelte, außerdem Schwimmflossen, Schnorchel und ein Sauerstoffgerät. Aber wieso hatte der andere Taucher keine Lampe bei sich? Was hatte er zu verbergen? War er aus demselben Grund hier, der Tina zu dem Schiffswrack geführt hatte?

Diese Fragen drängten sich ihr auf, aber eine Antwort darauf erhielt sie nicht mehr. Tina erblickte nun die Harpune in den Händen des unbekannten Tauchers. Instinktiv wandte sie sich ab und floh. Von diesem Fremden hatte sie nichts Gutes zu erwarten. Woher wusste der andere Taucher, dass sie hier sein würde? Oder war die Begegnung nur purer Zufall? Das konnte Tina nicht glauben, denn sie befand sich weitab der bekannten karibischen Tauchgebiete. Plötzlich kam ihr ein furchtbarer Verdacht, wer der Mann mit der Harpune sein könnte.

Tina verschwand hinter einer scharfzackigen Felsnase, die beinah so groß war wie ein Kleinwagen. Sie hatte gehofft, ihren Verfolger abschütteln zu können. Aber ihr Widersacher war zu reaktionsschnell. Schon war er auf Schussdistanz herangekommen. Tina hob instinktiv die Hände zur Abwehr, aber das war sinnlos.

Sie spürte einen heftigen Schmerz, als der Harpunenpfeil ihre Brust durchbohrte. Danach wurde es schwarz um sie herum, und zwar für immer. Das Blut sickerte aus ihrem Körper und vermischte sich mit dem grünblauen Wasser der karibischen See.

1. KAPITEL

Emily Price fühlte sich hundsmiserabel.

Der Stadtbezirk Pine Hills war nicht die beste Gegend von Orlando, Florida. Im Polizeirevier dieses Stadtviertels tummelten sich so viele Schlägertypen, Drogenwracks, Verbrechensopfer und offensichtlich Geisteskranke wie nie zuvor im Leben der Einundzwanzigjährigen. Die uniformierten Cops begegneten diesen Elendsgestalten mit der gelangweilten Routine von Leuten, die nur ihren Job machen. Und auch Emilys Anwalt Dr. Brennan ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Der Glatzkopf mit den großen Tränensäcken saß neben Emily auf der harten Holzbank. Dr. Brennan schien sich um seine Mandantin keine großen Sorgen zu machen. Jedenfalls hatte er seine Aktentasche geöffnet und arbeitete einige Papiere durch.

„Wann sind wir denn endlich an der Reihe?“, stieß Emily hervor. Sie war verängstigt und genervt zugleich.

„Bleiben Sie bitte ruhig, Miss Price.“ Der Jurist schaute noch nicht einmal von seinen Akten auf. „Wenn Sie zu nervös sind, wird die Polizei das als ein Schuldeingeständnis werten. Ich würde Ihnen ja einen Kaffee besorgen. Allerdings fürchte ich, dass diese Brühe Sie noch nervöser macht, als Sie es ohnehin schon sind. Der Polizeikaffee ist nur etwas für alte Haudegen wie mich. Dieses Zeug zu trinken, das ist schon Strafe genug. Und vor einer Strafe wollen wir Sie ja schließlich bewahren, nicht wahr?“

„Strafe? Aber ich habe doch gar nichts getan!“ Emily fand selbst, dass ihre Stimme total hysterisch klang.

„Natürlich haben Sie das nicht“, stimmte Dr. Brennan ihr zu, schien das aber nicht wirklich zu glauben. Der Verteidiger begleitete Emily schließlich nicht aus Sympathie zum Verhör, sondern weil Emilys Mom ihn dafür bezahlte. Und es hörte sich nicht so an, als ob er seine Mandantin für unschuldig hielt. Emily war den Tränen nahe, obwohl sie normalerweise nicht so nahe am Wasser gebaut hatte. Aber wenn schon ihr eigener Anwalt sie für eine Mörderin hielt – wie sollte sie dann erst die Polizei von ihrer Unschuld überzeugen?

Ein junger Typ mit Gang-Tattoos rastete plötzlich und unerwartet aus. Beinahe hätte auch Emily einen von seinen unkontrollierten Hieben abbekommen. Er schlug wild um sich, traf einen alten Obdachlosen am Kopf und wurde schließlich von zwei Cops mit einem Elektroschocker ruhiggestellt, bevor er in eine Arrestzelle geschleift wurde. Emily erkannte plötzlich, dass man sie vielleicht auch hinter Gitter stecken würde. Diese Vorstellung war beinahe unerträglich, und ihre Augen wurden feucht.

In diesem Moment öffnete sich die Bürotür, vor der Emily und ihr Rechtsbeistand warteten. Ein weiblicher Detective sprach sie an.

„Miss Price? Kommen Sie bitte herein.“

Emily hatte butterweiche Knie, als sie den Verhörraum betrat. Die Einrichtung bestand nur aus vier Stühlen und einem Tisch, auf dem ein Tonbandgerät stand. Emily wurde aufgefordert, sich zu setzen. Der Anwalt war den Zivilcops offenbar bekannt, jedenfalls fragte ihn niemand nach seinem Namen. Die Beamten stellten sich als Detective Dorothy Stewart und Detective Sidney Bartlett vor. Emily wurde über ihre Rechte belehrt und stimmte zu, dass die Befragung per Tonband mitgeschnitten wurde.

Der Anwalt hatte nun endlich seine Aktenlektüre beendet.

„Was wird meiner Mandantin eigentlich zur Last gelegt, Detectives?“

„Wir haben den begründeten Verdacht, dass Emily Price ihren Exfreund Jim Meadows ermordet hat.“

Dr. Brennan lachte, klang aber nicht amüsiert.

„Begründeter Verdacht? Finden Sie nicht, dass zu einem begründeten Verdacht wenigstens eine Leiche gehört?“

Emily konnte dem Wortwechsel kaum noch folgen, weil es ihr so schlecht ging. Nun hatte Detective Dorothy Stewart endlich ausgesprochen, was Emily schon die ganze Zeit befürchtet hatte. Ihr Ex war spurlos verschwunden, und die Polizei glaubte an ein Gewaltverbrechen. Emily konnte nicht mehr an das denken, was geschehen war. Am liebsten hätte sie sich in ein Mauseloch verkrochen, aber so etwas gab es in diesem Verhörraum natürlich nicht. Und außerdem sahen diese Zivilcops nicht so aus, als ob sie Emily entkommen lassen wollten.

Detective Sidney Bartlett zählte an den Fingern ab, warum Emily unter Mordverdacht stand.

„Dr. Brennan, Ihre Mandantin wurde monatelang von Jim Meadows belästigt, sie hatte ihn bereits wegen Stalkings angezeigt. Leider konnte die Polizei Jim Meadows nicht stoppen, er war offenbar wie besessen von Emily Price. Ihre Mandantin hat mindestens einmal vor Zeugen gesagt, dass sie ihren Exfreund umbringen könnte. Jim Meadows ist seit einer Woche spurlos verschwunden, in seinem Zimmer wurde eine größere Menge Blut von ihm gefunden. Er verschwand an dem Abend, an dem seine Eltern gewohnheitsmäßig zum Bowling gehen. Als seine Exfreundin wusste Ihre Mandantin, dass Jim Meadows jeden Dienstagabend allein im Haus ist. Sein Zimmer befindet sich direkt neben dem Hinterausgang. Die Gasse hinter dem Gebäude ist finster. Es wäre kein Problem, die Leiche durch den Garten zu einem wartenden Auto zu schaffen und in den Kofferraum zu legen. Emily Price ist sportlich, sie hat bei der ersten Befragung angegeben, dass sie schwimmt und Gerätetauchen betreibt. Sie wäre also in der Lage gewesen, den Toten ohne fremde Hilfe abzutransportieren.“

„Wollen Sie meiner Mandantin einen Strick daraus drehen, dass sie körperlich fit ist?“

„Selbstverständlich nicht, Dr. Brennan.“

Der Anwalt machte eine ungeduldige Handbewegung.

„Es ist kein Staatsgeheimnis, dass Jim Meadows’ Eltern jeden Dienstag zum Bowling gehen. Das weiß übrigens jeder, der in Orlando Zeitung liest. Mr und Mrs Meadows spielen nämlich in einem erfolgreichen Amateur-Team und haben schon öfter Preise gewonnen. Die Trainingszeiten werden auch im Internet veröffentlicht. Außerdem gibt es noch zahlreiche andere Verdächtige, denn Jim Meadows ist ein Hitzkopf, der schon mit vielen Menschen aneinandergeraten ist – auch mit der Polizei. Und solange seine Leiche nicht gefunden wird, glaube ich auch nicht an seinen Tod.“

Detective Dorothy Stewart wandte sich nun direkt an Emily. Sie war noch jung, schätzungsweise Anfang dreißig. Die Polizistin bemühte sich um einen freundlichen Tonfall, so als ob sie eine gute Bekannte von Emily wäre.

„Ich kann verstehen, wie Sie sich gefühlt haben müssen, Miss Price. Man ist so hilflos, wenn man einen Stalker an den Hacken hat. Die Gesetze machen es diesen kranken Typen immer noch zu leicht. Jim Meadows hat Ihnen das Leben zur Hölle gemacht, Sie waren mit den Nerven völlig am Ende. Vielleicht haben Sie sich noch zu einer letzten Aussprache mit ihm getroffen. Aber dann gab es Streit. Ich glaube nicht, dass Sie ihn wirklich töten wollten, aber dann ist es doch passiert. War es so, Emily? Ich darf doch Emily sagen, oder?“

„Ja“, hauchte Emily. „Ich meine, nein. Also, Sie dürfen Emily sagen. Aber ich war das nicht!“

„Netter Versuch, Detective Stewart“, knurrte der Anwalt. „Lernt man diese Verwirrspielchen neuerdings auf der Polizeischule? Ich bin ein alter Mann. Zu meiner Zeit gab es noch eine Leiche und eine Mordwaffe, bevor die Anklage erhoben werden konnte. Ich kann nicht glauben, dass das heutzutage anders sein soll.“

„Wir werden Jim Meadows’ sterbliche Überreste finden“, meinte Detective Sidney Bartlett. „Das ist für uns nur noch eine Frage der Zeit.“

Dr. Brennan lachte erneut.

„Ich würde sagen, die Polizei braucht dringend ein Erfolgserlebnis. Das ist alles, was ich sehe. Und nun präsentiere ich Ihnen meine Fakten. Die Spurensicherung konnte im Garten keinen Hinweis auf einen Leichentransport feststellen.“

„Weil es in der Nacht stark geregnet hat“, warf Dorothy Stewart ein.

„Wollen Sie das jetzt auch meiner Mandantin anlasten? Wie auch immer, Emily Price hat ein Alibi. Zur fraglichen Zeit war sie laut Aussage ihrer Mutter die ganze Zeit daheim.“

„Emily ist das einzige Kind von Mrs Price“, gab Sidney Bartlett zu bedenken.

„Und dadurch wird die Aussage unglaubwürdig? Das ist echte Polizeilogik, das muss ich schon sagen. Auf jeden Fall hat meine Mandantin im Affekt dem verschwundenen Jim Meadows den Tod gewünscht. Aber das war nur so dahingesagt, was sie selbstverständlich bedauert. Nicht wahr, Miss Price?“

Emily nickte nur stumm. Ihr Anwalt hatte ihr eingeschärft, so wenig wie möglich zu sagen und das Reden ihm zu überlassen. Mittlerweile war sie doch froh, ihn bei sich zu haben. Dr. Brennan hatte zwar zunächst gelangweilt gewirkt, aber nun legte er sich richtig für sie ins Zeug. Der Jurist hatte offenbar seine Hausaufgaben gemacht. Dass ihr Exfreund ein richtiger Stinkstiefel sein konnte, wussten viele Leute. So gesehen gab es gewiss noch viel mehr Verdächtige. Emily presste die Lippen aufeinander. Sie wollte nicht mehr an das denken, was geschehen war, und sich nicht mehr mit Jim beschäftigen. Doch durch die Mordanklage wurde sie dazu gezwungen.

Der Anwalt stand abrupt auf.

„Wir gehen, Miss Price. Detectives, bei dieser dürftigen Beweislage wird der Richter niemals Untersuchungshaft anordnen. Ich wette, dass dieser nichtsnutzige Bengel Jim Meadows schon bald putzmunter wieder irgendwo erscheint und uns allen auf die Nerven geht, auch Ihren uniformierten Kollegen vom Streifendienst.“

Emily wusste auch, dass Jim Meadows schon öfter Ärger mit dem Gesetz gehabt hatte. Auf Partys benahm er sich regelmäßig daneben, und wenn die Gastgeber schließlich die Polizei riefen, legte er sich auch noch mit den Cops an. Früher hatte Emily ihren damaligen Freund wegen solcher Erlebnisse wild und aufregend gefunden. Doch als sein explosives Temperament sich plötzlich gegen sie gerichtet hatte, gefiel ihr seine dunkle Seite gar nicht mehr. Jims unberechenbare Art war nur noch nervenzermürbend und bedrohlich für Emily.

Nachdem sie die Polizeistation endlich wieder hatte verlassen dürfen, atmete sie erst einmal tief durch. Dr. Brennan brachte Emily noch in seinem Chevrolet zum Haus ihrer Mutter. Zum Abschied sagte der Anwalt: „Sie müssen sich keine Sorgen machen, Miss Price. Die Polizei hat nichts in der Hand. Die Cops können Ihnen den Mord nicht nachweisen, nicht ohne eine Leiche und den geringsten Beweis gegen Sie.“

„Und Sie, Dr. Brennan? Glauben Sie, dass ich Jim Meadows getötet habe?“

Der Jurist lachte und öffnete die Beifahrertür.

„Ich werde nicht fürs Glauben bezahlt. Überlassen Sie nur alles mir, dann löst sich die Anklage in Wohlgefallen auf. Wir sehen uns dann beim Haftprüfungstermin.“

Emily stieg aus und durchquerte den Vorgarten. Der Anblick des kleinen Hauses, in dem sie ihr gesamtes bisheriges Leben verbracht hatte, beruhigte sie etwas. Ihre Mutter war nicht daheim. Brenda Price hatte einen Job bei der Stadtverwaltung von Orlando und musste tagsüber arbeiten.

Emily war im zweiten Jahr auf dem College, und die Sommerferien waren erst vor zwei Wochen mit einer feuchtfröhlichen Riesenparty eingeläutet worden. Ruhelos und nervös tigerte sie durch das Haus, nachdem sie hineingegangen war. Emily musste jetzt unbedingt mit jemandem reden, sonst würde sie noch platzen. Es kam ihr so vor, als ob hinter den Gartenhecken der Finnegans irgendwelche heimlichen Beobachter lauerten. Und was war mit dem Oldsmobile, das schräg gegenüber parkte? Das Auto gehörte keinem ihrer Nachbarn, da war Emily sicher. Ob sie von den Cops beschattet wurde?

Im Bad riss sich Emily die Kleider vom Leib. Für den Besuch der Polizeiwache hatte sie ein braves Leinenkostüm mit knielangem Rock und spießiger Bluse angezogen, doch in diesen Klamotten fühlte sie sich unwohl. Außerdem brauchte sie jetzt dringend eine Dusche, um das beklemmende Gefühl von Gewalt und Elend abzuspülen.

Nachdem sie sich ausgiebig abgebraust hatte, ging es ihr etwas besser. Emily betrachtete ihr Gesicht im Spiegel, während sie sich abtrocknete. Eigentlich sah sie recht hübsch aus mit ihren großen dunkelbraunen Augen, die gut zu ihrem kastanienbraunen schulterlangen Haar passten. Ihre Lippen waren schön geschwungen, und Jim hatte immer gesagt …

Emily schauderte. Sie wollte nicht mehr an diesen Kerl denken und auch nicht an das, was zwischen ihnen geschehen war. Nie mehr!

Das Telefon klingelte.

Emily wickelte sich in das Badetuch und eilte in die Küche, wo das Festnetztelefon an der Wand hing. Sie nahm den Hörer ab.

„Hallo?“

Am anderen Ende der Leitung war nichts zu hören. Oder etwa doch? Irgendjemand atmete. Oder bildete Emily sich das nur ein? Spielte ihre Fantasie ihr einen Streich? Gleich darauf ertönte das Besetztzeichen. Emily fröstelte, obwohl sie gerade heiß geduscht hatte.

Wer war der anonyme Anrufer? Und was bezweckte er damit? Falls er kontrollieren wollte, ob sie zu Hause war, dann hatte er dieses Ziel erreicht. Emily wollte zwar nicht mehr an ihren Ex denken, aber nun fiel ihr wieder ein, dass Jim Kontakt zu einigen zwielichtigen Typen gehabt hatte. Ob einer von denen am Apparat gewesen war? Aber weshalb? Darüber wollte sie lieber nicht nachgrübeln.

Plötzlich schrillte das Telefon erneut.

Emily zuckte zusammen und ließ vor Schreck das Handtuch fallen. Splitternackt stand sie in der Küche, aber es war ja niemand außer ihr da. Oder doch? Unwillkürlich ließ sie ihren Blick über die geschlossenen Türen zu den anderen Zimmern schweifen. Hatte sich gerade der Knauf an der Tür zu ihrem Zimmer bewegt? Emily erkannte, dass sie schon fast hysterisch war. Das entnervende Klingeln des Telefons hörte einfach nicht auf. Es half nichts, sie musste das Gespräch annehmen. Ihre Hand zitterte, als sie den Hörer erneut an die Ohrmuschel presste.

„H… hallo?“

„Emily? Hier ist Mom. Ich wollte mich nur kurz melden und fragen, wie es bei dem Verhör gelaufen ist.“

Emily war unglaublich erleichtert, die vertraute Stimme ihrer Mutter zu hören.

„Ganz gut, glaube ich. Dr. Brennan war richtig super, Mom. Er hat die Anklage gegen mich in der Luft zerrissen. Er meint, ich muss mir keine Sorgen machen.“

„Das finde ich auch, Emily. Es ist ja sowieso unglaublich, dass du verdächtigt wirst, obwohl du den ganzen Abend daheim warst. Aber die Aussage der eigenen Mutter nehmen diese Cops anscheinend nicht ernst. Na ja, die machen auch nur ihren Job. Außerdem glaube ich, dass der wahre Mörder bald gefasst werden wird. Dann bist du sowieso entlastet.“

„Dr. Brennan glaubt, dass Jim noch am Leben ist.“

„Das kann natürlich auch sein. Wer weiß, was in Jims Kopf vorgeht. Du hast ja mit diesem Kerl schon genug Ärger gehabt, dem ist doch alles zuzutrauen. Hör mal, lass uns heute Abend weiterreden, ja? Ich darf hier eigentlich keine Privatgespräche führen.“

„Schon klar. Nur noch eine Sache, Mom …“

„Ja?“

„Hast du gerade eben schon mal angerufen?“

„Ja, das war ich. Aber die Leitung war plötzlich tot, das liegt an unserer blöden Telefonanlage hier im Büro. Bis später dann.“

„Okay, bis später.“

Emily war froh, dass der verdächtige erste Anruf ebenfalls von ihrer Mutter stammte. Trotzdem wurde sie das Gefühl nicht los, beobachtet und überwacht zu werden. Aber war das vielleicht ein Wunder? Für die Cops war sie zumindest momentan immer noch die Hauptverdächtige. Es war das gute Recht der Polizei, jeden ihrer Schritte zu kontrollieren.

Oder waren es gar nicht die Cops, die sie im Auge behielten, sondern jemand anders?

Emily schüttelte sich, als müsste sie einen bösen Traum abstreifen. Sie zog Unterwäsche, Shorts und ein ärmelloses Shirt an. Mitten im Sommer war das in Florida genau die richtige Kleidung. Ob sie das Haus verlassen sollte? Vielleicht würde sie ein Abstecher in die Shopping Mall auf andere Gedanken bringen. Aber Emily traute sich nicht, allein vor die Tür zu gehen. Ihre Freundinnen waren ausnahmslos schon in den Ferien, einige von ihnen sogar in Europa. Emily blieb nichts anderes übrig, als auf ihre Mom zu warten. Sie schaltete den Fernseher ein, aber es war wie verhext.

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