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Der Fluch der Amazone

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1. KAPITEL

Nola stand in der Mitte des Wettkampfzeltes und sah zu, wie die anderen Amazonen sich in einer Reihe aufstellten. Jede trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, die Waffe ihrer Wahl fest in den Händen haltend. Sie entdeckte darunter mehrere Doppeläxte, einige Speere, doch die meisten Frauen hatten sich für das Schwert entschieden. Erwartungsvolle Spannung lag in der Luft.

Die Paarungszeit hatte offiziell begonnen.

In wenigen Minuten würden die Kämpferinnen sich in kleineren Grüppchen aufeinander stürzen und mit ihren Kontrahentinnen um das Vorrecht auf den gefangenen Sklaven ringen, den sie für sich allein wollten. Besagte Sklaven, acht an der Zahl, waren momentan noch an die Wand am anderen Ende des großen Raumes gekettet. Drei Drachenkrieger, zwei Zentauren, zwei männliche Sirenen und ein Vampir. Alle waren schön und stark, muskulös, eine Augenweide … und offenkundig guter Dinge. Bis auf einen.

Ihr Vampir. Zane.

Die Männer würden in dieser Nacht zur Zeugung eines Kindes benutzt werden. Und in jeder weiteren Nacht der kommenden Wochen. Danach ließ man sie frei, auf dass sie ihrer Wege zogen und nie wieder zurückkehrten. So war es Sitte bei den Amazonen. Gefangen nehmen, gebrauchen, davonjagen. Natürlich hatten die männlichen Opfer dieser Tradition nichts dagegen einzuwenden. Keiner, abgesehen von Zane. Er kochte vor Wut.

Seinen Zorn ignorierend betrachtete Nola ihn eingehend. Zane hatte dunkle Haare, Augen derselben Farbe und einen Körper, geschaffen für das Gefecht. Und Sex. Harte Muskeln spannten sich unter seiner Haut und seine mit festen Stricken umwickelte Brust war übersät von Narben.

Darüber hinaus verfügte er über ein so ungezähmtes, wildes Wesen, wie es Nola niemals zuvor begegnet war. Er hatte offensichtlich eine heftige Abneigung gegen die Berührungen der Amazonen, und im Kampf um seine Freiheit hatte er mehrere ihrer Schwestern verwundet – ein Kunststück, das nur wenigen gelang. Als letzten Versuch, ihn gefügiger zu machen, hatten sie ihm schließlich das Blut verwehrt, aus dem er seine Kraft schöpfte. Nun war er körperlich geschwächt, gerade noch fähig, an die Wand gestützt auf die Verkündung des Namens seiner Herrin zu warten.

Nichts jedoch konnte seinen Hass bändigen – oder das stumme Versprechen der bitteren Rache, das in seinem finsteren Blick lag.

Der Tag, an dem Nola ihn zum ersten Mal getroffen hatte, schien eine Ewigkeit zurückzuliegen, doch tatsächlich war es erst vier Monate her. Er begehrte sie, aus welchem Grund auch immer, und versuchte, ihr Avancen zu machen – und sie hatte daraufhin versucht, ihn zu töten.

Gemeinsam mit der Erinnerung kam das schlechte Gewissen. Dabei hatte sie ihn damals noch nicht gekannt. Und war außerdem vollauf damit beschäftigt gewesen, sich um ihr eigenes Überleben zu kümmern. Die Götter hatten sie auf eine abgelegene Insel verbannt, zusammen mit diversen anderen Kreaturen, sie gezwungen, gegeneinander zu kämpfen. Schlimmer noch, sie mussten hilflos mit ansehen, wie ihre Freunde hingerichtet wurden.

Abgesehen davon hatte sie ihr ganzes Leben lang nichts als Hass für Männer empfunden. Für sie und den Schmerz, den sie mit sich brachten. Als kleines Mädchen war sie von ihrer eigenen Mutter an einen widerlichen Kerl nach dem anderen verkauft worden; entwürdigt, misshandelt, verdorben … zerstört. Zanes Verlangen hatte sie verschreckt, und so hatte sie sich gewehrt und wie verrückt um sich geschlagen.

Und jetzt bezahlte sie dafür.

Niemand konnte sie sehen. Niemand konnte sie hören. Obwohl sie direkt im hellen Lichtschein stand, der durch den Rauchabzug des Zeltes fiel, blieb ihre Anwesenheit vollkommen unbemerkt. Als sei sie gar nicht da. Dabei befand sie sich seit Monaten mitten unter ihnen. Die Götter hatten sie nach diesem unmöglichen Wettstreit auf der Insel mit einem Fluch belegt, der sie unsichtbar machte, und sie mit einem Bann an das Lager der Amazonen gefesselt, genauso, wie Zane jetzt ebenfalls gefesselt war.

Auch ihm hatten die Götter übel mitgespielt, die ihn den Amazonen als Geschenk vor die Füße geworfen hatten, damit sie ihn benutzen sollten, wie es ihnen behagte. Und das würden sie – hatten es bereits getan. Während sie auf den Beginn der Paarungszeit gewartet hatten, wurde eine andere Verwendung für ihn gefunden. Sie zwangen ihn, für sie zu arbeiten und Stoffballen um Stoffballen für den Bau weiterer Zelte heranzuschleppen. Er musste Holzstöcke sammeln und daraus Waffen fertigen. Sie hatten ihn sogar so weit erniedrigt, dass sich einige von ihnen aus Spaß mit der Hand von ihm füttern ließen. Selbstverständlich versuchte er, zu entkommen, mehr als einmal, bis es ihnen reichte und sie ihn hungern ließen. Das aber schwächte ihn so sehr, dass er zunehmend nutzlos wurde. Während der letzten Tage war er schließlich zu nichts weiter in der Lage gewesen, als still dazuliegen und wütend vor sich hin zu fluchen.

Nola hasste es, ihn so zu sehen. Vielleicht, weil sie ihn nicht länger als Feind betrachtete. Wie könnte sie auch? Er hatte ebenso sehr gelitten, wie sie gelitten hatte. Die gleichen Qualen erdulden müssen. Doch jetzt würden sie niemals eine Chance haben, ihre … Gefühle füreinander zu erforschen. Ja, Gefühle, dachte sie. Von ihrer Seite jedenfalls gab es welche. Zu guter Letzt empfand sie tatsächlich etwas. Den Wunsch, zu beschützen. Das Bedürfnis, zu verteidigen.

Aber tun konnte sie weder das eine noch das andere. Und nachdem sie ihn so schlecht behandelt und seine Versuche, sie kennenzulernen, hartherzig im Keim erstickt hatte, würde er ihre Hilfe womöglich auch gar nicht wollen.

Was fand er überhaupt an mir? Das war ihr bis heute unerklärlich. Seine Aversion dagegen, berührt zu werden … selbst auf der Insel hatte er sie offen gezeigt. Sogar seinem eigenen König gegenüber, Layel. Nicht so bei ihr.

Sie hatte er geradezu dazu herausgefordert, sich ihm zu nähern. Warum nur? Was machte sie so besonders?

Und weshalb war sie nicht darauf eingegangen, als sich ihr die Gelegenheit bot?

Törichtes Ding. So hatte ihre Mutter sie immer genannt, wenn sie sich über die Männer beklagte, denen sie zu Willen sein musste. Nola teilte diese Ansicht nie. Bis heute.

„Es ist so weit“, donnerte plötzlich eine laute, gebieterische Stimme. „Stellt euch vor den Sklaven, den ihr zu besitzen wünscht.“

Die Kriegerinnen beeilten sich, dem Befehl zu gehorchen, stoben auseinander und liefen nach vorn.

Kreja, die Königin der Amazonen, stand am Rand ihres erhöhten Podestes, ihr Blick aufmerksam, erwartungsvoll. Sie war eine liebreizende, schöne Frau, mit weißblondem Haar und hellen Augen. Beides verlieh ihr den Anschein von Zerbrechlichkeit, doch dahinter verbarg sich ein stählerner Kern, eine unbarmherzige Natur, die vor keiner Grausamkeit zurückschreckte. Deshalb hatte Nola ihr immer gut und loyal gedient. Sie schätzte Ordnung und fand all die Jahre auch tatsächlich Gefallen daran, von einer Frau geführt zu werden, die glaubte, Kriege seien dazu da, um jeden Preis gewonnen zu werden.

Doch heute? Nicht mehr so sehr.

Schließlich hatten die Amazonen sich vor dem jeweiligen Mann zusammengeschart, der ihr Interesse weckte.

Neunzehn der insgesamt zweiunddreißig Frauen wählten Zane.

Unglaublich. Sie hatte erwartet, dass ihr Ekel vor Bissen und Blut den Vampir für sie abstoßend machte. Sie hätte es besser wissen müssen. Stärke zählte zu den unter Amazonen am höchsten angesehenen Eigenschaften, und Zane war es beinahe gelungen, ihnen zu entkommen. Zweimal. Sie wollten diese Stärke für ihren Nachkommen. Die besten Erbanlagen. Allein darum ging es bei der Paarungszeit.

Nola ballte die Hände zu Fäusten. Fäuste, die nicht einen einzigen Schlag austeilen würden, denn sie konnte nichts damit berühren, außer ihrem eigenen Körper.

„Hervorragend“, sagte Kreja mit einem zufriedenen Lächeln. Sie nickte denjenigen zu, die vor Zane standen. „Ihr habt eine gute Entscheidung getroffen. Obwohl der Vampir ein Parasit ist, werden seine Töchter kräftig und widerstandsfähig sein.“

Seine Töchter.

Es hätten meine sein sollen. Amazonen brachten ausschließlich Mädchen zur Welt. Aus welchem Grund wusste Nola nicht, nur, dass es so war. Und dass sie jedes Miststück umbringen wollte, das darauf aus war, den Samen dieses Mannes in sich aufzunehmen.

„Und wenn unsere Göttin uns wohlgesonnen ist“, fuhr Kreja fort, „wird es uns möglich sein, diesen Mädchen beizubringen, sich von etwas anderem als Blut zu ernähren. Falls aber nicht …“ Sie zuckte nur mit den Schultern, doch Nola wusste, was sie mit dieser Geste andeutete.

Dann würden diese Kinder getötet werden.

Zane zischte drohend.

Sein Zorn jedoch machte ihn für die Frauen nur umso begehrenswerter.

Nola kämpfte gegen eine Welle ihrer eigenen Wut und gleichzeitig Hilflosigkeit an. Er weiß, was Kreja im Sinn hat, und es macht ihn rasend. Er will seine Kinder beschützen, auch wenn sie noch nicht einmal geboren sind. Wie hatte sie sich nur so in ihm täuschen, sich gar vor ihm fürchten können? Das war ein Fehler gewesen. Stattdessen hätte sie seine Zuneigung genießen, vielleicht sogar einfach mit ihm davonlaufen sollen.

Genau wie er mochte auch sie es nicht, angefasst zu werden. Außer von ihm. Seine Berührung war die erste in ihrem gesamten bisherigen Leben, die sie nicht mit tiefer Abscheu erfüllt hatte. Da war so etwas … beinahe Ehrfürchtiges in jeder seiner zärtlichen Liebkosungen gewesen.

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