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Atemlose Leidenschaft

1. KAPITEL

Als Besitzerin und Betreiberin der einzigen Bar von Cadillac in Texas hatte Eden Hallsey mehr als genug Kontakt zu Männern. Kerle in allen Größen und von jeglicher Statur – reiche und arme, junge und alte, nervtötende und nette, hausbackene und gut aussehende. Aber noch nie hatte sie einen Mann gesehen, der so gut aussehend, so sexy, so heiß war wie jener Typ, der da vorn am Straßenrand neben seinem dampfenden, schwarzen Porsche stand.

Gut aussehend wegen des von dunklen Haaren eingerahmten Filmstargesichts mit der geraden Nase, den starken Kiefern und den sinnlichen Lippen.

Sexy wegen der muskulösen Schultern und der breiten Brust, die sich ausgesprochen sinnlich durch das gestärkte Frackhemd abzeichneten, während die weich fallende, schwarze Hose seine schlanke Taille und die schmalen Hüften betonte.

Heiß schließlich wegen der Schweißtropfen, die auf seiner Stirn standen und hier und da über die Wangen und den sonnengebräunten Hals rollten.

Er wischte sich flüchtig über die Stirn, bevor er den Arm ausstreckte, um mit dem Daumen in Edens Fahrtrichtung zu deuten, und ehe sie wusste, was sie da tat, wechselte sie mit dem Fuß vom Gas- auf das Bremspedal und fuhr langsamer. Wenige Sekunden später hielt sie neben dem schnittigen Sportwagen am Straßenrand und kurbelte ihr Fenster herunter.

“Brauchen Sie Hilfe?”, fragte sie, als der Mann zu ihr herantrat, und sie griff unter ihren Sitz, um das Warndreieck hervorzuholen, das ihre Freundin Kasey ihr letztes Weihnachten geschenkt hatte.

Ein Klick, und sie durchwühlte den Werkzeugkasten. “Wollen wir mal sehen. Starthilfekabel hab ich da, Wagenheber auch, Reserve-Ölkanister …”

Als Frau muss man für alle Fälle gerüstet sein, sagte Kasey immer. Allerdings hatte sie damit mehr den Lippenstift gemeint, den sie mit Klebeband an der Innenseite des Werkzeugkastendeckels befestigt hatte.

Eden konnte sich beherrschen. Sie würde nicht danach greifen und sich schnell etwas Farbe auf die Lippen machen. Eden Hallsey machte sich für keinen Mann zurecht, nicht einmal, wenn er so gut aussah wie dieser hier.

“Suchen Sie sich was aus”, sagte sie zu ihm, nachdem sie sich kurz die Lippen befeuchtet hatte, und zählte den restlichen Inhalt des Kastens auf.

“Ein Gewehr könnte ich gebrauchen.”

Ihr Kopf fuhr hoch, und ihr Blick begegnete seinem. Ihr stockte der Atem, und sie spürte fassungslos, dass ihr Mund trocken wurde beim Anblick seiner intensiv leuchtenden blauen Augen. Das war unerhört, denn Eden bekam nie einen trockenen Mund wegen Männern – obwohl ihr dieser hier entfernt bekannt vorkam.

Oh, sie war dem anderen Geschlecht keineswegs abgeneigt, manchmal fand sie männliche Gesellschaft sogar richtig angenehm. Die letzte derartige Gelegenheit war jedoch schon so lange her, dass sie sich kaum noch daran erinnern konnte. Sie mochte Männer, klar, jeder wusste das. Aber nie, niemals ließ sie einen von ihnen wirklich an sich heran.

Diesmal vielleicht doch.

Sie achtete nicht auf diesen absurden Gedanken und konzentrierte sich darauf, ihre Stimme wiederzufinden. “Wie bitte?”

Sein lässiges Lächeln war so atemberaubend wie die Rekordhitze von fast vierzig Grad, die über dem umliegenden Weideland waberte.

“Um sie von ihrem Elend zu erlösen”, erklärte er und deutete hinter sich. “Der Zylinderblock ist hinüber. Da bräuchte es schon beinahe ein Wunder, sie wieder in Gang zu kriegen.”

Er redete von seinem Sportwagen. Eden konnte nicht anders, sie musste zurücklächeln. “Tut mir leid, ausgerechnet heute hab ich keine Wunder dabei.”

Sein Lächeln wurde für einen Moment unsicher, und sein Blick verschleierte sich ein wenig. “Ich auch nicht. Glücklicherweise.”

Dieser Nachsatz und die kurze Erleichterung, die sie in seinen Augen zu entdecken glaubte, brachten sie auf die Idee, Mr Gutaussehend sei womöglich gar nicht mal so enttäuscht darüber, dass sein Fünfzigtausenddollarauto kochend hier in der Mittagshitze stand.

Der Gedanke verging sofort, als er seine Aufmerksamkeit wieder ihr zuwandte. Ein hungriges Leuchten trat in seine Augen, und Eden hielt erneut den Atem an. Diesen Blick kannte sie, seit sie damals in der Highschool ihre Unschuld an Jake Marlboro verloren hatte. Jake hatte ihr Vertrauen missbraucht und aus einem Ereignis, das hätte schön sein sollen, eine billige Story gemacht, mit der er vor seinen Freunden angeben konnte.

So war sie zu ihrem schlechten Ruf gekommen, den sie seither nicht mehr losgeworden war. Mit den Jahren hatte sie sich daran gewöhnt, an die ewig gleiche freche Anmache, an die anzüglichen Bemerkungen und an eben jene hungrigen Blicke.

Aber das hier war irgendwie anders. Ihre Reaktion war nicht die übliche. Sie verspürte nicht das Bedürfnis, ihm eine runterzuhauen, sondern musste eher den Impuls unterdrücken, ihm die Arme um den Hals zu legen und auszutesten, ob seine Lippen sich tatsächlich so weich und elektrisierend anfühlten, wie sie aussahen.

“Wenn es Ihnen allerdings nichts ausmacht, würde ich gern mitkommen.”

Diese Worte bewirkten, dass sie ihn plötzlich vor sich sah, wie er auf ihrem geblümten Laken lag, und meinte, seinen dunklen, maskulin festen Körper unter sich zu spüren.

“Nur, wenn Ihnen das nicht unangenehm ist”, fügte er hinzu. “Sonst laufe ich eben.”

Das war es ja gerade. Der Gedanke, ihn mit nach Hause in ihr Bett zu nehmen, war ihr alles andere als unangenehm.

Die Vorstellung erregte sie eher.

“Ich helfe gern.” Die Worte schlüpften ihr aus dem Mund, bevor sie sich daran erinnern konnte, dass dieser Mann ihr völlig unbekannt war, auch wenn er ihr in gewisser Weise vertraut vorkam. So wenig, wie sie von ihm wusste, konnte er genauso gut ein gesuchter Serienkiller sein. Ein Irrer, der Gucci-Klamotten trug und Porsche fuhr.

Andererseits war sie schon zu Blinddates gegangen, die weitaus beängstigender gewesen waren. Dieser Typ hier wirkte vorerst alles andere als beängstigend, und ihr Gefühl sagte ihr auch, dass er keine Gefahr für sie darstellte – was man von ihren Hormonen momentan nicht gerade behaupten konnte. Aber für die fünf Minuten, die es dauern würde, ihn zu Merle’s Service Station zu fahren, würde sie sich ja wohl noch beherrschen können.

Eden Hallsey konnte sich immer beherrschen. Dafür war sie berüchtigt. Wie für viele andere Dinge auch.

“Ich möchte mich wirklich nicht aufdrängen”, sagte er, weil er ihr Schweigen für Zögern hielt.

“Tun Sie nicht. Aber Sie haben ein Problem, wenn Sie nicht einsteigen, denn die nächste Tankstelle ist ungefähr zwei Meilen von hier in der Stadt.”

“Das macht nichts. Da wollte ich sowieso hin.”

Das überraschte sie jetzt wirklich. Sie hatte gedacht, er habe nur gezwungenermaßen die Interstate verlassen. Männer wie ihn gab es nicht gerade viele in einer so gottverlassenen Kleinstadt wie Cadillac. Was nicht heißen sollte, dass es dort keine reichen Leute gab. In Cadillac gab es zwei der größten Ranches in ganz Texas, mal abgesehen von Weston Boots, der ältesten und größten Westernstiefelfabrik hier in der Gegend.

Aber die Reichen waren alle ganz normale Leute geblieben. Leute vom Lande halt, Männer wie der alte Zachariah Weston und der Rancher Silver Dollar Sam, der so hieß, weil er zu Weihnachten immer den Weihnachtsmann spielte und dabei Silberdollars an die Kinder verteilte. Sie mochten zwar teure Autos fahren und goldene Gürtelschnallen tragen, aber am Samstagabend traf man sie wie jeden anderen Einheimischen auch beim Eisessen in der örtlichen Filiale von Dairy Freeze.

Eden musterte den Mann, wie er da neben ihrem Kleinlaster stand, in seinem teuren italienischen Anzug und dem exklusiven Sportwagen. Wieder glaubte sie, ihn von irgendwoher zu kennen, aber sie konnte sich wirklich nicht vorstellen, dass sie eine solche Begegnung vergessen haben sollte. Er sah zu gut aus, zu sexy, zu aufregend.

Und dann fiel es ihr plötzlich ein. Eine Erinnerung, die viele Jahre zurücklag. An einen Mann, der damals noch ein Junge gewesen war …

Sie kramte in ihrem Gedächtnis nach, während er neben ihr auf den Beifahrersitz kletterte. Doch dann klappte die Tür zu, und sein Geruch hüllte sie ein, dass ihre Gedanken in alle Winde zerstoben. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, ihr Magen hüpfte, und sie hatte Mühe sich darauf zu konzentrieren, ihren Kleinlaster vom Seitenstreifen zurück auf die Straße zu fahren.

“Heißt das”, sie befeuchtete ihre Lippen und bemühte sich, ihr rasendes Herz wieder unter Kontrolle zu bekommen, “Sie haben Freunde, die hier in Cadillac wohnen? Oder sogar Familie?”

“Beides.”

Er sah nicht zu ihr hin, sondern schien den Anblick der vorbeihuschenden Landschaft gierig in sich aufzunehmen, als sähe er Weideland und Farmhäuser zum ersten Mal in seinem Leben.

“Zumindest hoffe ich das.”

“Waren Sie früher schon mal hier?”

“Ja.”

Er bot von sich aus keine weiteren Informationen an. Ein deutliches Zeichen, dass er an ihrer Bekanntschaft weit weniger interessiert war als sie an seiner, trotz des hungrigen Blickes, mit dem er sie vorhin angesehen hatte.

Damit war nicht nur ihr eigenes Verhalten bei dieser Begegnung ungewöhnlich, sondern auch seines. Er benahm sich ganz anders als die meisten anderen Männer. Die hätten die Gelegenheit nämlich sofort beim Schopf ergriffen und geflirtet und geneckt, was das Zeug hielt, womöglich sogar eindeutige Vorschläge gemacht, wenn sie mit ihr allein im Auto gesessen hätten.

Dabei war Eden nicht einmal eine dieser unwiderstehlichen Schönheitsköniginnen. Sie sah eher durchschnittlich aus. Aber es war ja auch gar nicht ihr Aussehen, das sie für Männer so attraktiv machte. Es waren die Gerüchte, die über sie kursierten. Im Laufe der Zeit hatte sie begriffen, dass eine Frau mit einem schlechten Ruf einem Teller mit Gratis-Keksen glich. Selbst, wenn sie gar keinen Hunger haben, langen die Leute trotzdem zu, weil die Kekse eben gerade da sind und nichts kosten und weil alle anderen das Gleiche tun.

So war das Leben. Die Männer flirteten mit ihr. Alle. Sie musterte den Mann neben sich. Er würdigte sie keines Blickes. Na gut, das war eigentlich auch ziemlich normal.

Andererseits, wenn er nicht von hier war, konnte er auch nicht wissen, welchen Ruf sie hatte. Für ihn konnte sie nur eine Frau wie jede andere sein.

Eden musste sich auf die Lippen beißen, um ihn nicht mit weiteren Fragen zu löchern. Er wollte sich nicht unterhalten, und sie würde ihm nicht auf die Nerven gehen, egal, wie sehr sie plötzlich gern alles Mögliche über ihn gewusst hätte, vom Namen angefangen bis hin zu den Dingen, die er mochte oder verabscheute. Stattdessen bemühte sie sich, darauf zu kommen, wo sie ihn bloß hinstecken sollte. Er hatte zugegeben, schon mal in Cadillac gewesen zu sein. Vielleicht hatte sie ihn ja damals gesehen. Sie grübelte noch immer, als sie in die Auffahrt zu Merle’s Gas-’n’-Go einbog.

“Danke”, sagte er und stieg aus, noch immer mit diesem geistesabwesenden Blick, der sie beinahe glauben ließ, den hungrigen Blick von vorhin habe sie sich nur eingebildet.

“Warten Sie”, sagte sie, als er eben die Beifahrertür schließen wollte. “Vergessen Sie nicht Ihre Tasche …”

Die Worte erstarben ihr auf den Lippen, als sie sich hinüberlehnte und nach der zylinderförmigen Schultertasche aus Zeltleinwand griff und ihr Blick dabei auf die abgetragenen Stiefel fiel, die er an den Füßen hatte. Abgetragene Stiefel, während alles andere an ihm geschniegelt und gebügelt war. Und am Absatz prangte ein Logo, das bestens bekannte W.

Ein Bild erschien vor ihrem inneren Auge. Ein Oberschüler in Jeanssachen, mit langen Beinen und lässigem Lächeln. Er hatte ziemlich genau solche Stiefel getragen, als er damals am Straßenrand neben dem Pick-up seines Großvaters gestanden hatte. Einer der Hinterreifen war platt gewesen.

Eden hob ruckartig den Kopf, und wieder traf ihr Blick auf seinen.

“Brady Weston! Du bist Brady Weston!”

Der Brady Weston. Der, von dem alle Mädchen geträumt hatten. Auch Eden.

Er lächelte ruhig und freundlich wie damals an jenem heißen Julitag, als Eden ihm ihren Wagenheber geborgt und einen großen Schluck von ihrer eisgekühlten Cola abgegeben hatte.

“Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, war ich’s jedenfalls noch.”

“Du bist es wirklich!” Edens Herzschlag beschleunigte sich von null auf hundert, als sie seine Bestätigung hörte. “Du …, also, du erkennst mich bestimmt nicht. Ich bin …”

“Eden Hallsey”, fiel er ihr ins Wort. “Dein Lächeln würde ich jederzeit wiedererkennen. Danke für die Hilfe – wieder mal.” Er zwinkerte ihr zu und schloss die Beifahrertür.

Eden saß da und versuchte, diese erstaunliche Neuigkeit zu verdauen. Nach einem Riesenstreit mit seinem Großvater und elf Jahren Abwesenheit war Brady Weston, der Kapitän des Hockeyteams, der Erbe von Weston Boots Vermögen und der heimliche Schwarm eines pubertierenden Mädchens namens Eden Hallsey, endlich wieder nach Hause gekommen!

Er war zu Hause.

Diese Tatsache wurde ihm endgültig bewusst, als er vor Merle’s Tankstelle stand und auf das verblichene rote Schild starrte, das davor hing. Es war immer noch dieselbe ovale Tafel, die, an zwei kleinen Ketten aufgehängt, bei jedem Luftzug leicht hin und her schaukelte. Der Rand war etwas verwitterter, als er es in Erinnerung hatte, und an manchen Stellen begann die Farbe abzuplatzen, aber ansonsten war es noch genau dasselbe Schild. Und es war der gleiche Name mit der vertrauten 24-Stunden-Service-Garantie darunter. Eine rot-weiße T-Ball-Flagge mit dem Logo der Lokalmannschaft wehte im Wind. Die Kansas City Royals wurden Jahr für Jahr von Merle’s Tankstelle gesponsert.

Gott sei Dank.

Zumindest das hatte sich also nicht verändert. Brady hatte unterwegs viele neue Scheunen gesehen, auch ein paar neue Häuser, die am Horizont zu erkennen gewesen waren, und dieser Anblick hatte ihm schon Angst gemacht, es habe sich vielleicht zu viel verändert, als dass er nach all den Jahren einfach so wieder auftauchen und da weitermachen konnte, wo er aufgehört hatte.

Denn genau das hatte er vor. Herrgott, das wollte er mehr als alles andere auf der Welt.

Er sah sich um und betrachtete die Häuserreihen zu beiden Seiten der Hauptstraße, von Turtle Jim’s Diner, wo er jeden Freitagnachmittag Chili Cheese Fries gegessen hatte, bis hin zu Sullivan’s Pharmacy, wo er sein allererstes Kondom gekauft hatte. Er atmete tief aus und füllte sich die Lunge dann erneut mit heißer Texasluft.

Zuhause.

Wie oft hatte er von diesem Moment geträumt in den vergangenen elf Jahren, wenn der Stress, den seine steile Karriere in der Werbebranche und seine keineswegs perfekte Ehe mit sich brachten, ihn wieder einmal überwältigt hatte und er sich nach der Ruhe gesehnt hatte, mit der er aufgewachsen war. Nach der Freiheit. Und nach der Kontrolle.

Damals hatte er sein Leben unter Kontrolle gehabt. In den vergangenen elf Jahren jedoch hatte er die Kontrolle an andere und vor allem an seine Frau abgegeben. Er hatte nicht mehr selbst bestimmt, was wann wo zu tun war.

Aber nur, weil er es zugelassen hatte. Es war ja nicht so, dass man ihn damals gezwungen hatte, aus Cadillac wegzugehen. Verliebt war er gewesen, zumindest hatte er das geglaubt. Und er war fortgegangen, um das Richtige zu tun. Am Ende jedoch hatte sich herausgestellt, dass er an jenem schicksalhaften Tag und an allen folgenden Tagen immer nur das Falsche getan hatte.

Aber jetzt nicht mehr. Nie wieder.

Die Vergangenheit war Vergangenheit. Vorbei. Erledigt. Und tschüss. Alles, was jetzt noch zählte, war die Zukunft, und er würde keine weiteren Fehler mehr machen. Im Gegenteil, er würde endlich alles in Ordnung bringen.

Brady fuhr sich mit der Hand durch das schweißfeuchte Haar und sah sich kurz um. Ein paar Kinder standen um einen Bonbonautomaten an der Ecke des Gebäudes herum. Er drehte sich wieder zurück und sah in die andere Richtung. Sein Blick blieb an einem altmodischen, aber blitzblanken Cola-Automaten hängen, und er lächelte. Doch, Cadillac war immer noch das gute alte Cadillac.

Er steckte eine Münze in den Schlitz und drückte denselben Knopf, den er jeden Tag nach der Schule gedrückt hatte, seit er groß genug gewesen war, um seiner älteren Schwester Vierteldollarmünzen vom Frisiertisch zu stibitzen, nachdem sie zur Schule losgegangen war.

Der Automat rumpelte, um dann für ein paar lange Momente innezuhalten, wie er es immer getan hatte, bevor er endlich eine Flasche mit Orange Crush ausspuckte. Brady öffnete den Verschluss und hob die Öffnung an den Mund. Freudige Erwartung erfüllte ihn, und der Durst bäumte sich ein letztes Mal auf, bevor er gelöscht wurde – altvertraute Empfindungen, die er immer gehabt hatte, wenn er genau hier an dieser Stelle gestanden und sein Lieblingsgetränk genossen hatte.

Und doch fühlte er sich irgendwie anders. Erregter. Erwartungsvoller. Geradezu lechzend.

Dank Eden Hallsey.

Er nahm einen großen Schluck von der eiskalten Limonade, aber es half nicht viel. Ihm war immer noch genauso heiß wie in jenem Moment, als sie vorhin mit ihrem klapprigen Chevy neben ihm angehalten hatte, um ihn wieder mal vor den Folgen seiner eigenen Dummheit zu retten.

Anfangs war er der Überzeugung gewesen, es habe sich um ein Wunder gehandelt. Er war ein paar lächerliche Meilen vor seiner Heimatstadt liegen geblieben. Das ergab nur dadurch Sinn, dass er hier das attraktivste Mädchen seiner Vergangenheit wieder traf.

Aber dann hatte sie ihn berührt. Es war nur eine leichte Geste ihrer Hand gewesen, hatte jedoch ausgereicht, um alle seine Nerven in höchste Alarmbereitschaft zu versetzen. Innerhalb von Sekunden war er voll erregt gewesen.

Genauso war es ihm damals gegangen, als er das erste und einzige Mal mit ihr verabredet gewesen war. Das war vor Sally gewesen. Oder besser, bevor sein Kopf den Kampf gegen seine Hormone verloren hatte, weil er sich eingebildet hatte, der großen Liebe begegnet zu sein, und dann ein einziges Mal vergaß, ein Kondom überzustreifen.

Sally war schwanger geworden, sie hatten geheiratet, und die Zeit seiner Verabredungen war vorbei gewesen. Sie verlor das Kind wenig später, aber es war schon zu spät. Er hatte heilige Schwüre abgelegt, und er hatte sie tatsächlich geliebt. Davon war er damals überzeugt gewesen, und sie hatte ja ebenfalls behauptet, ihn zu lieben. Er hatte es die ganze Zeit geglaubt. Bis sie vor sechs Monaten mit einem seiner Geschäftspartner durchgebrannt war.

Soweit zum Thema Liebe.

Aber davor …

Davor hatte es Eden Hallsey gegeben. Von der zehnten Klasse an war sie das hübscheste Mädchen in der Gegend gewesen, keine hatte mehr Sex-Appeal als sie. Alle Jungs in Cadillac hatten nur von ihr geträumt, auch Brady. Die Gerüchte über sie kannte er, auch wenn er bei weitem nicht alles für bare Münze nahm. Er hatte Eden nämlich schon vorher gekannt, als sie noch ein schüchternes, naives und sehr nettes Mädchen gewesen war. Eines aber war sicher – sie war ungeheuer sexy.

Und er hatte sie begehrt.

Die Verabredung mit ihr war lediglich eine Art Tradition gewesen. Er war der Hauptpreis bei der alljährlichen Football-Lotterie gewesen. Die Mädchen hatten mit dem Kauf einer Eintrittskarte die Chance gehabt, ein Date mit ihrem Lieblingsspieler zu gewinnen. Er war ziemlich überrascht gewesen, als sie es war, die ihre Hand hob, nachdem die Gewinner-Kartennummer angesagt worden war. Schließlich hatte Eden es wahrhaftig nicht nötig, ein Date zu gewinnen. Sie hätte jeden haben können. Aber sie hatte sich so eine Karte gekauft.

Für ein paar Sekunden war er total aufgeregt gewesen, bis sein Freund ihn daran erinnerte, dass sie mehr oder weniger das ganze Footballteam durch hatte. Er würde nur ein weiterer Name auf der Liste ihrer Eroberungen sein.

Komischerweise war er nicht besonders scharf darauf gewesen, für sie nur einer von vielen zu sein. Er wollte anders sein. Und dazu hatte er etwas getan, was offenbar kein anderer vor ihm geschafft hatte – er war auf Distanz geblieben. Mit Müh und Not zwar, aber er hatte es geschafft.

Das war lange her. Danach hatten seine Hormone nie wieder so verrückt gespielt. Bis er heute neben ihr ins Auto gestiegen war. Da hätte er genauso gut wieder sechzehn sein können, mit heftigem Verlangen erfüllt und erregt wie sonst was. Es war genau die gleiche Reaktion. Übermächtig. Von einer Sekunde auf die andere.

Glücklicherweise hatte er diesmal einen einigermaßen kühlen Kopf behalten. Er war schon einmal in Schwierigkeiten geraten, als er seiner Leidenschaft nachgegeben hatte. Wegen einer einzigen Nacht hatte er alles verloren, und das würde ihm nicht wieder passieren, nur weil Eden Hallsey noch genauso appetitlich aussah wie in seiner Erinnerung. Er würde nicht gleich wieder alles verderben, bevor er es überhaupt in Ordnung gebracht hatte.

Eine Chance. Das war es, weswegen Brady wieder nach Cadillac gekommen war. Er wollte eine Chance, sein früheres Leben zurückzubekommen. Damals hatte er Lust für Liebe gehalten, und das wollte er jetzt wiedergutmachen. Er wollte seinen Großvater um Verzeihung dafür bitten, dass er bereit gewesen war, für ein Mädchen, das ihn nie wirklich geliebt hatte, seine Familie zu verlassen.

Nicht, dass Liebe der einzige Grund für seine Entscheidung gewesen wäre. Er hatte auf eine großzügig finanzierte Ausbildung am Texas A & M verzichtet, stattdessen lieber am Community College in Dallas studiert und das Studium selbst bezahlt, indem er in zwei Jobs gleichzeitig gearbeitet hatte. Es war auch ein bisschen Pflichtbewusstsein dabei gewesen und Verantwortungsgefühl und Hingabe. Das alles waren die Gründe gewesen, warum Brady gegangen war.

Und aus denselben Gründen war er jetzt zurückgekommen.

“Hallo, mein Junge. Kann ich irgendwie helfen …”

Der alte Mann verstummte. Er war eben um die Hausecke gekommen, und Erstaunen malte sich nun auf seinem Gesicht. Er trug einen verwaschenen Jeansoverall und ein fadenscheiniges Trikot der Kansas City Royals darunter. Haare und Schnurrbart waren grau meliert, das Gesicht von Falten zerfurcht.

“Das kann ja wohl nicht sein! Brady Zachariah Weston! Bist das wirklich du, du alter Gauner?”

“Doch, ja. Ich bin’s.” Brady nahm die Hand des alten Mannes und schüttelte sie herzlich. “Schön, dich wiederzusehen, Unc.”

Merle Weston war Bradys Großonkel, der kleine Bruder seines Großvaters und das klassische schwarze Schaf unter den Mitgliedern des Weston-Clans. Er hatte sich ganz und gar aus dem Stiefelgeschäft der Familie ausgeklinkt und stattdessen vor ungefähr dreißig Jahren gegen den erbitterten Widerstand seines älteren Bruders seine eigene Tankstelle aufgemacht. Letztendlich war Weston Boots eine Angelegenheit der ganzen Familie, und Zachariah Weston konnte es gar nicht haben, wenn seine Verwandten sich von der Familientradition abwandten.

Brady wusste das besser als jeder andere.

Merle schien es jedoch nie was ausgemacht zu haben. Er achtete darauf, dass er immer genau das Gegenteil von dem machte, was sein älterer Bruder wollte. Er hatte sein kleines, vom Munde abgespartes Vermögen in eine eigene kleine Tankstelle investiert, mit der er gerade so über die Runden kam.

Er hatte auch die falsche Frau geheiratet, zumindest war dies die Auffassung seines älteren Bruders, dessen Vorstellungen von richtig immer etwas mit Geld zu tun hatten – und zwar mit viel Geld. Merle war genau ans entgegengesetzte Ende der Stadt gezogen, weg von der Familienranch, in der noch immer drei Generationen des Clans lebten.

Der Mann kratzte sich den Kopf mit einer alten, zusammengerollten Ausgabe der Zeitschrift “Popular Mechanics”. “Ich hab mich schon gefragt, wann du wohl wieder hier aufkreuzt … He, ihr da!” Seine Aufmerksamkeit wurde von den Kindern abgelenkt, die den Bonbonautomaten malträtierten. “Entweder steckt ihr da Kleingeld rein, oder ihr kratzt die Kurve, sonst kriegt ihr alle was auf die Finger!”

Er wandte sich wieder Brady zu. “Du siehst verdammt gut aus, mein Junge. Ein bisschen arg fein vielleicht.” Er musterte Brady vom Kopf bis zu den Füßen und pfiff dann leise vor sich hin. “Mächtig teure Klamotten hast du da an.”

“Das kommt davon, wenn man in Dallas arbeitet. Wie ich sehe, hast du dir immer noch keine neue Ausgabe der ‘Popular Mechanics’ geleistet.” Brady deutete auf die zusammengerollte Zeitschrift.

“Ich krieg alle halbe Jahre die Ausgaben der letzten sechs Monate, wenn Eula den Zeitungsständer in ihrem Frisiersalon ausräumt. Das ist gut genug für mich.” Der ältere Mann zwinkerte vergnügt. “Der Preis ist in Ordnung, da kann man nicht meckern.”

“Aber Eula gibt sie dir doch umsonst!”

“Ja, genau das meine ich. Im Gegensatz zu ein paar anderen Leuten hier in der Gegend schwimme ich nun mal nicht im Geld.” Er kniff ein Auge zu. “Ach, übrigens, da fällt mir ein: Ich hab gehört, du bist ein ganz hohes Tier bei einer dieser großen Werbeagenturen da draußen?”

“War ich zumindest. Ich hab’s satt. Will mal ‘ne Weile ‘n bisschen kürzer treten. Ach, übrigens, da fällt mir ein: Mein Auto hat schlapp gemacht, es steht ein paar Meilen von hier. Meinst du, du kannst es abschleppen und zum Schrottplatz fahren?”

“Was für eins isses denn?”

“Ein schwarzes.”

“Ich meine, welche Marke und welches Modell.”

Brady holte tief Luft. “Ein Porsche 366.”

Merle pfiff noch einmal. “Bisschen schade für den Schrottplatz.”

“Ist nicht für lange. Ich muss mich auch noch umziehen, bevor ich zu Granddad fahre.”

“Auf jeden Fall. Er hat es immer noch sehr mit seinen Jeans. Wer nicht die richtigen trägt, der ist in seinen Augen ein Außenseiter.”

“Ich hab ein Paar Richtige in meinem Koffer.”

Mehr als ein Paar, um genau zu sein. Brady war zwar direkt vom Büro aus losgefahren, aber er hatte doch dafür gesorgt, dass er so gut gerüstet war wie nur möglich, wenn er nach all den Jahren bei seinem Großvater vorsprach.

“Da mein Auto also im Moment streikt, bräuchte ich einen Leihwagen. Hast du so was da?”

“Nur meine alte Bessie da hinten.”

“Heißt das etwa, die lebt immer noch?”

Brady erinnerte sich, dass der alte Pick-up schon kurz vor dem Auseinanderfallen war, als er noch zur Highschool gegangen war.

“Klar! Sie ist ziemlich zuverlässig, solange du das Armaturenbrett streichelst, bevor du losfährst.”

“Dann gib sie mir.”

“Ich glaub aber nicht, dass es deinem Großvater gefallen wird, wenn du mit Bessie vorfährst.”

Das konnte gut sein. Aber Zachariah würde es noch viel weniger gefallen, wenn sein einziger Enkelsohn in einem Luxusauto jener Sorte vorgefahren kam, in der kein Cowboy, der auf sich hielt, sich jemals erwischen lassen würde.

“Ein Truck ist ein Truck. Also”, Brady bemühte sich, das Thema zu wechseln, “du siehst ziemlich gut aus. Und du bist immer noch Sponsor der gleichen T-Ball-Mannschaft und trägst immer noch dasselbe Trikot.”

“Ist nicht dasselbe. Ich krieg jedes Jahr ein neues. Eins meiner Vorrechte. Dieses Jahr habe ich sogar dafür gesorgt, dass ich zwei kriege, denn ich bin jetzt seit zwanzig Jahren deren Sponsor.”

Brady grinste. “Du spuckst immer noch Feuer, wenn’s drauf ankommt, was?”

Merle zwinkerte, bevor er wieder zu den Kindern hinübersah, diesmal mit einem Blick, der sie davonrennen ließ. “Ja”, fügte er dann hinzu. “Nicht zuletzt dank Marias Kochkünsten.”

“Macht sie immer noch die besten Tameles diesseits des Rio Grande?”

“Und die besten Enchiladas. Ich sag ja immer, sie soll ein Restaurant aufmachen und mit ihrem Kochen Geld verdienen. Dann könnte ich in Pension gehen und den Laden hier Marlboro überlassen.”

“Jake Marlboro?”

Merle nickte. “Das ganze Jahr schon nervt er mich, dass ich ihm die Tankstelle geben soll. Cecil von McIntyre Eisenwaren hat er auch schon überredet, ihm alles zu verkaufen.”

“Warum wollte er denn einen Eisenwarenladen haben?”

“Er plant ein Rieseneinkaufszentrum, wo all diese Läden schon drin sind, von Eisenwaren bis Lebensmittel. Drüben in Inspiration hat er das schon durchgezogen, es war ein Volltreffer. Die Leute haben es gern bequem, nehme ich an. Meinereiner hängt ja doch ziemlich an dem Fleckchen hier. Mal abgesehen davon, dass ich Maria von dieser Idee mit dem Restaurant noch nicht überzeugen konnte. Sie sagt, sie hat keine Zeit für so was, wegen all der Kleinen.”

“Wie viele sind es denn inzwischen?”

“Sieben Enkel, neunzehn Urenkel. Und Nummer zwanzig ist die nächsten Tage fällig.” Ein Lächeln vertiefte die Falten in seinem zerknitterten Gesicht. “Dein Großvater stirbt fast vor Neid.”

“Und das gefällt dir, was?”

Merle grinste breit. “Als wir noch klein waren, hatte ich selten die Chance, deinem Großvater eins auszuwischen. Ich schäme mich nicht zuzugeben, dass ich mich freue, wenn der alte Stiesel mal nicht kriegen kann, was er gern hätte. Du siehst, es hat sich nicht viel geändert in den letzten elf Jahren.”

Brady lächelte und nickte. “Genau darauf baue ich.”

Und im Stillen betete er, dass es auch wirklich so sein möge.

2. KAPITEL

“Brady ist wieder da!”

Unmittelbar auf diesen Aufschrei folgte eine stürmische Umarmung durch Bradys jüngste Schwester. Er hatte nicht einmal Zeit gehabt, Hallo zu sagen, da hatte sie schon die Haustür weit geöffnet, sich in seine Arme gestürzt und umklammerte ihn nun, als hinge ihr Leben davon ab.

Für eine kurze Weile vergaß Brady alle seine Zweifel und gab sich ganz dem Gefühl hin. Es war lange her, seit er das letzte Mal so leidenschaftlich umarmt worden war … und seit er das letzte Mal das Bedürfnis verspürt hatte, so leidenschaftlich zu umarmen.

“Du bist da”, murmelte seine Schwester an seiner Schulter. “Du bist wirklich wieder da.” Sie drückte ihn noch mal kurz, dann entzog sie sich ihm ein Stück, sodass sie ihn strafend ansehen konnte. “Das wurde aber auch verdammt Zeit!”

“Ellie Mae Weston.”

Die mahnende Stimme kam von einer hochgewachsenen, schlanken Frau mit silbrig schimmernden Haaren, die im Korridor hinter Elle auftauchte. Sie war in den Sechzigern und hatte strenge blaue Augen. “Achte auf deine Sprache!”

“Entschuldige, Ma. Brady ist wieder da!”, verkündete Ellie noch einmal.

“Das habe ich schon gehört, genau wie vermutlich alle anderen im Umkreis von zweihundert Meilen.”

Claire Weston musterte ihren einzigen Sohn, bevor ihr Blick weich wurde. “Das wurde aber auch verdammt Zeit!”, sagte schließlich auch sie, trat an ihrer Tochter vorbei auf Brady zu und zog ihn in ihre Arme. “Viel zu lange hat es gedauert.”

“Ich wollte früher schon mal nach Hause kommen, aber ich hab nicht …”

“Schon gut.” Sie schüttelte den Kopf. “Jetzt bist du ja da. Das ist alles, was zählt.” Noch einmal umarmte sie ihn fest und ließ ihn dann los.

Zu seinem Erstaunen glänzten Tränen in ihren Augen. Brady wurde ganz komisch zu Mute, denn er hatte seine Mutter erst ein einziges Mal weinen sehen, und das war bei der Beerdigung seines Vaters gewesen.

Claire Weston war so robust wie die hundertfünfzigjährige Eiche, die hinten im Hof stand, sie hatte Verwandte begraben, hatte sich für die ganze Familie immer wieder um die Feierlichkeiten gekümmert, und nie hatte sie die Kontrolle über ihre Emotionen verloren.

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