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Atemlose Leidenschaft in deinen Armen

PROLOG

„Bitte geh nicht.“

Constantine Romano schloss die Augen und kämpfte um Beherrschung. „Ich habe keine Wahl.“ Er musste gehen. Tat er es nicht, stand alles auf dem Spiel: seine Integrität, seine Ehre als Angehöriger der Familie Romano, alles, was ihn zu einem Mann machte.

„Dann lass mich mitkommen.“ Verzweifelt sah Gianna Dante ihn an. Tränen standen ihr in den Augen. „Ich … ich kann dir helfen.“

Er fühlte sich zwischen seiner Ehre und dem Verlangen nach ihr hin- und hergerissen. Sosehr er sich auch bemühte, sich zusammenzunehmen, er konnte ihr nicht widerstehen. Jedenfalls nicht ganz. Voller Leidenschaft küsste er sie. Sie war wirklich einzigartig. Wunderschön, intelligent, atemberaubend. Noch nie hatte er sich zu einer Frau so hingezogen gefühlt.

Sie hatten sich kennengelernt, als Ariana, seine Schwester, Giannas Cousin Lazz geheiratet hatte. Als er damals ihre Hand ergriffen hatte, hatte ein ungeheures Verlangen ihn überwältigt. Nimm sie, hatte es ihm befohlen. Sie muss dein sein!

„Ich begreife das alles nicht“, gestand er ihr. Wie konnte er nur so versessen auf sie sein, nach nur einem Wochenende so überzeugt davon, dass sie die einzig Richtige für ihn war? „Wir kennen uns erst ein paar Tage, und schon weiß ich, dass ich den Rest meines Lebens mit dir verbringen will. Wie kann das sein?“

Schuldbewusst sah sie ihn an. Dabei hatte sie keinen Grund, sich schuldig zu fühlen. Sie konnte doch nichts dafür, dass er sie so begehrte.

Sein Drang, mit ihr zu schlafen, war fast übermächtig, aber ohne dass sie es ihm gesagt hatte, wusste er, dass sie noch Jungfrau war. Mit ihr etwas anzufangen, ohne dass sie zumindest verlobt waren, würde sie entehren und Schande über seine und ihre Familie bringen. Erst musste er finanziell in der Lage sein, sie zu heiraten.

„Mich hat dieses plötzliche Begehren auch wie ein Blitz getroffen“, gestand sie ihm. Unendliche Trauer lag in ihren Augen. „Bitte, du darfst nicht gehen.“

„Ich will ja auch nicht weg, piccola. Aber ich will dir etwas bieten können, mehr als nur meinen Namen. Und deshalb muss ich zurück nach Italien.“

„Für wie lange?“

Leider hatte er darauf keine Antwort. „Bis mein Restaurierungsunternehmen richtig läuft. Bis ich genug Geld verdiene, um eine Frau ernähren zu können.“ Sie wollte widersprechen, aber er legte ihr sanft den Zeigefinger auf die Lippen. „Bitte, Gianna. Du darfst nicht von mir verlangen, dass ich gegen meine Grundsätze verstoße. Ich komme zurück, sobald es geht. Und dann bitte ich dich, meine Frau zu werden. Das schwöre ich dir beim guten Namen meiner Familie.“

„Ich werde auf dich warten“, versicherte sie ihm. „Und du weißt, dass ich warten werde. In der Zwischenzeit können wir so oft wie möglich telefonieren.“ Ihre Mundwinkel zuckten, aber sie riss sich zusammen. „Und dann gibt es ja noch E-Mails. Und ich werde so oft wie möglich nach Italien fliegen. Vielleicht kannst du ja auch mal kommen, wenn du ein paar Tage freihast.“

Ihre hoffnungsvollen Worte machten es ihm noch schwerer. Zärtlich ergriff er ihre Hand. „Gianna, wenn ich so schnell wie möglich zu dir zurückkehren will, muss ich mich voll und ganz auf die Arbeit konzentrieren. Vierundzwanzig Stunden am Tag. Nur so kann es funktionieren.“

Misstrauisch runzelte sie die Stirn. „Was soll das heißen?“

„Dass du mich von meinem Ziel ablenken würdest. Wenn du mit mir kommen würdest, wenn du mich besuchen würdest oder wir ständig über Telefon und E-Mail in Kontakt wären, könnte ich mich nicht ausschließlich aufs Geschäft konzentrieren. Und gerade jetzt braucht es meine völlige Aufmerksamkeit. Ich muss alle meine Zeit meinem Unternehmen Romano Restoration widmen, nur dann ist gewährleistet, dass ich wirklich schnell – und dann endgültig – zu dir zurückkehren kann.“

Sie hielt den Atem an. „O nein, Constantine! Ist das wirklich dein Ernst? Wir sollen nicht telefonieren, nicht mal E-Mails schreiben?“

Ihn schmerzte es unendlich, sie so leiden zu sehen. Aber er durfte nicht nachgeben. „Bitte versteh das doch, amore. Bitte vertrau mir.“

Verstohlen wischte sie sich eine Träne weg. „Na gut, Constantine, wenn du meinst, es muss sein, dann machen wir es so.“ Sie machte eine kurze Pause. „Aber du kommst zurück – und zwar bald, ja?“

„So schnell es geht“, versprach er feierlich.

Dann erhob er sich und ging. So schwer es ihm auch fiel, er zwang sich dazu, sich nicht noch einmal umzudrehen. Bei jedem Schritt spürte er die wundersame Verbindung zwischen ihnen, die ihn zwingen wollte, Gianna in die Arme zu schließen. So etwas hatte er noch nie erlebt. O ja, er würde zu ihr zurückkehren. Er hatte keine Wahl. Aber es würde nach seinen Regeln geschehen.

Bald. Lieber Gott, hoffentlich bald.

Gianna sah Constantine traurig nach. Hätte sie es ihm sagen müssen? War es ein Fehler gewesen, ihm nichts vom Inferno zu verraten – jenem unerklärlichen Familienvermächtnis, das für ein Kribbeln in der Handfläche sorgte, wenn ein Mitglied der Familie Dante den ihm vorherbestimmten Seelengefährten traf? Sie hatte ihre Gründe gehabt zu schweigen, und die würden ihm nicht gefallen.

Nachdenklich schloss sie die Augen. Das Inferno hatte schon fast all ihre Verwandten heimgesucht – ihre männlichen Verwandten. Weil sie das einzige weibliche Familienmitglied aus dieser Generation war, hatte niemand gewusst, ob das Inferno auch Frauen betraf. Erst seit sie und Constantine sich zum ersten Mal berührt hatten, kannte sie die Antwort. Es betraf auch Frauen!

Sie hatte sich entschlossen, Constantine das Familiengeheimnis zunächst lieber zu verschweigen. Zwar kannte sie ihn noch nicht lange, aber eins war ihr sofort klar geworden: Er war ein Mann, der das Schicksal lieber in die eigenen Hände nahm, der alles bestimmen wollte. Wenn er erfuhr, dass das Begehren und die Leidenschaft, die er verspürte, vom Inferno ausgelöst wurden – wie würde er reagieren? Würde er sich veranlasst sehen, dagegen anzukämpfen? Sie kannte ihn einfach noch zu wenig, um das mit Bestimmtheit sagen zu können. Deshalb würde sie das Geheimnis um das Inferno erst einmal für sich behalten.

Jetzt blieb ihr nichts zu tun, als auf Constantines Rückkehr zu warten. Abzuwarten und dann zu sehen, ob das Inferno real war – oder nur eine Illusion. Ob ihre Familie, die fest daran glaubte, recht hatte – oder ob die Wahrheit eine andere war. Denn vor Jahren hatte sie etwas aufgedeckt, was sie bisher sorgsam für sich behalten hatte. Die Zeit würde es zeigen.

Bald. Lieber Gott, hoffentlich bald.

1. KAPITEL

Er war zurückgekehrt.

Constantine Romano betrat den Raum mit einer Selbstsicherheit, als ob ihm hier alles gehörte. So war er eben, männlich, aristokratisch, siegesgewiss. Er trug sein Haar jetzt etwas länger, ansonsten wirkte er unverändert. Sein entschlossener Blick weckte Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, an gefährliche Piraten und Ehrenduelle. Bei aller Eleganz, die er ausstrahlte, war er im Inneren doch ein Mann der Tat. Einer, der bereit war, alles zu riskieren, alle herauszufordern, um das zu bekommen, was er wollte.

Und er wollte sie.

Ein Schauer lief Gianna Dante über den Rücken. Bald würde sie ihm gegenübertreten müssen. Ihr erstes Zusammentreffen lag über anderthalb Jahre zurück, und vieles hatte sich geändert. Sie war sich nicht einmal mehr sicher, ob es damals wirklich das Inferno gewesen war, das Constantine getroffen hatte. So oder so. Sie tat also gut daran, auf das Treffen vorbereitet zu sein.

„Gianna? Schaust du bitte noch mal, ob dir die Vitrinen mit den Ausstellungsstücken so gefallen?“

Die Aufforderung holte sie in die Wirklichkeit zurück. Morgen sollte die traditionelle Mittsommernachtsgala der Dantes stattfinden, und es gab noch viel zu organisieren. Als Eventmanagerin musste sie sich um alles kümmern – das Catering, die Dekorationen, die Ausstellungsstücke. Zum Glück hatte sie eine hervorragende Assistentin, die ebenso gewissenhaft und detailverliebt war wie sie.

„Ja, Tara. Ich komme sofort.“

Natürlich musste Constantine genau zwischen ihr und den Vitrinen stehen. Auch egal, dachte sie, ich muss die Begegnung mit ihm hinter mich bringen. Alles halb so wild, sagte sie sich. Die intensiven Gefühle, die sie an jenem Wochenende verspürt hatte, waren nach und nach abgeebbt. Die ersten Monate hatte sie noch voller Spannung gewartet, doch allmählich hatte es nachgelassen. So intensiv sie damals das Inferno auch empfunden hatte – es schien zur Ruhe gekommen zu sein. Damit konnte sie umgehen. Sie würde Constantine einfach klarmachen, dass das Leben weitergegangen war, dass sie sich geändert hatte.

Während sie langsam den Ballsaal durchquerte und auf ihn zuging, war sie froh, dass sie sich heute so sexy angezogen hatte. Das leuchtend rote Jackett und der enge kurze Rock betonten ihre weiblichen Vorzüge.

Sollten ihm ruhig die Augen übergehen. Sollte es ihm ruhig leidtun!

Als sie auf dem Weg zu ihm war, wandte er sich plötzlich um und entdeckte sie. Sofort kam er auf sie zu, mit einer Entschlossenheit, die sie fast in die Flucht geschlagen hätte. Und kaum war er bei ihr, nahm er sie in die Arme und küsste sie, noch bevor sie protestieren konnte. Es war ein besitzergreifender Kuss, der sie derart überwältigte, dass sie nicht imstande war, sich zu widersetzen. Und sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Es war so lange her, dass sie sich zum letzten Mal berührt hatten – neunzehn Monate, fünf Tage, acht Stunden und ein paar Minuten, um genau zu sein. Bei der ersten Berührung hatte das Inferno ein unbezwingliches Begehren in ihnen ausgelöst – aber nach nur einem Wochenende voller Glückseligkeit hatte er sie verlassen.

Nun fühlte sie sich hin- und hergerissen zwischen Freude und Verzweiflung. Über eineinhalb Jahre hatte er sie warten lassen. Das war zu lange gewesen. Warum kam er jetzt? Gerade jetzt, wo sie sich damit abgefunden hatte, dass sie wohl nicht so eine Inferno-Liebesgeschichte wie ihre Verwandten erleben würde?

Das war nicht fair.

„Hör auf“, bat sie schließlich. „Wir sollten das nicht tun. Es ist falsch.“

Wie sollte sie es ihm nur beibringen? Wie sollte sie ihm sagen, was ihr fast das Herz brach? Dass das Leben für sie weitergegangen war, sie jemand anderen gefunden hatte.

„Ich soll aufhören?“, fragte er und lächelte gewinnend. „Was redest du da, piccola? Nach all der langen Zeit sind wir endlich wieder zusammen. Das ist doch wunderbar. Was sollte daran falsch sein?“

Sie entwand sich seiner Umarmung und strich ihre Kleidung glatt, die unter seinem Ansturm gelitten hatte. „Schön, dich wiederzusehen“, sagte sie.

„Schön, mich wiederzusehen?“, fragte er verblüfft. „Was ist denn das für eine Begrüßung?“

Sein Tonfall klang geradezu bedrohlich. Das würde schwieriger werden als erwartet! „Bist du geschäftlich hier? Vielleicht findest du ja ein Stündchen Zeit, meine Großeltern zu besuchen, bevor du nach Italien zurückmusst.“ Sie lächelte, um ihre Nervosität zu verbergen. „Erst gestern haben sie sich nach dir erkundigt.“

„Gianna, begreift du denn nicht? Ich bin nach San Francisco umgezogen.“

Nein, nein, nein! Das war mehr als gemein! Nicht jetzt, nicht nach dieser langen Zeit. Sie setzte ein maskenhaftes Lächeln auf und bemühte sich, so unbeteiligt wie möglich zu wirken. „Ach, tatsächlich? Herzlichen Glückwunsch.“

„Ist das alles, was du mir zu sagen hast? Herzlichen Glückwunsch?“

Das Lächeln schwand aus ihrem Gesicht. Wut und Schmerz brachen sich Bahn. „Was willst du von mir, Constantine?“, fragte sie erregt. „Es ist jetzt fast zwei Jahre her. Ich habe das Ganze hinter mir gelassen. Und das solltest du auch tun.“

Erschrocken zuckte er zurück. „Hinter dir gelassen? Was soll das heißen?“

„Tu nicht so. Du hast mich sehr gut verstanden.“

„Das heißt … es gibt jemand anderen?“

„Genau. Es gibt jemand anderen.“ In diesem Moment bemerkte sie, dass alle Anwesenden sie anstarrten. Sie errötete. „Wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest, ich habe zu tun. Für die Gala morgen ist noch jede Menge zu erledigen.“

„Selbstverständlich“, sagte er mit kalter Stimme. „Lass dich von mir nur nicht von deinen Pflichten abhalten.“

Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich ab und ging zur nächstbesten Vitrine. Den Inhalt nahm sie kaum wahr. Schließlich habe nicht ich unsere Beziehung beendet, dachte sie sich. Wir hatten ein paar wunderschöne Tage, und dann hat er sich einfach aus dem Staub gemacht. Dass ihm das scheinbar mühelos gelungen war, nährte ihre Zweifel am Inferno. Ihre Familie kannte nämlich nicht die ganze Wahrheit über dieses Phänomen. Sie schon. Mit dreizehn hatte sie nämlich etwas mit angehört, was ihr die Augen geöffnet hatte.

Und was Constantine anging – wenn er wirklich ebenso viel Begehren wie sie verspürt hatte, war er offenbar während der langen Zeit erstaunlich gut damit klargekommen. Hatte es einfach abgeschaltet, während er sich um Wichtigeres kümmerte, um sein Geschäft. Wie dumm ich gewesen bin, schoss es Gianna durch den Kopf. Monatelang habe ich mich nach ihm verzehrt. Hätte er nur halb so viel für mich empfunden, wäre er gar nicht erst nach Italien abgereist. Ich muss ihm ziemlich egal sein. Auf jeden Fall kann er mich nicht wirklich lieben.

Wenn sie ihm jetzt nachgab, würde er sie besitzen, mit Haut und Haaren, Körper und Geist. Aber was hätte sie? Einen Mann, der sie ganz nach Wunsch und ohne mit der Wimper zu zucken fallen lassen konnte, ohne dass es ihm sonderlich leidtat. Nein, so etwas brauchte sie nicht. Dafür war sie sich zu schade.

Das Inferno, soweit sie überhaupt daran glaubte, schien diesmal nur in einer Richtung funktioniert zu haben. Hätte es auch Einfluss auf ihn gehabt, dann hätte er nicht so lange fortbleiben können, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu melden. Na schön, dachte sie, wenn er es abschalten kann, kann ich es auch. Irgendwie wird es schon gehen. Und wenn es mich umbringt. Sie schloss die Augen, um die Tränen zu unterdrücken.

O Gott, wie sie ihn liebte!

Figlio di puttana! Constantine blickte Gianna wütend nach. Neunzehn Monate, fünf Tage, acht Stunden und ein paar Minuten hatte er ununterbrochen daran gearbeitet, sein Unternehmen Romano Restoration zum Erfolg zu führen. Jetzt war er endlich so weit, den Hauptsitz nach San Francisco zu verlegen. All das, um Gianna auch finanziell etwas bieten zu können, wenn er ihr einen Heiratsantrag machte. Und jetzt, wo er endlich dazu in der Lage war, zeigte ihm die einzige Frau, die er wirklich wollte, die kalte Schulter. Machte sich mit einem Hüftschwung davon, der ihn vor Begehren fast in den Wahnsinn trieb.

Ein anderer Mann! Er ballte die Hände zu Fäusten. Wie konnte sie es wagen …? Er hatte ihr doch versprochen zurückzukehren, sobald er so weit war, und sie hatte ihm versprochen zu warten. Mehr als anderthalb Jahre lang hatte er auf dieses Ziel hingearbeitet. Und jetzt wandte sie sich so einfach ab? Fühlte sie es denn nicht – die Flammen, die hell aufloderten, wenn sie sich gemeinsam in einem Raum befanden?

Er blickte auf seine geballten Fäuste und versuchte, das heftige Kribbeln in seiner rechten Hand zu ignorieren. Dieses Kribbeln, das er zum ersten Mal verspürt hatte, als Gianna ihm zur Begrüßung die Hand gegeben hatte. Und das seitdem nie verebbt war, egal wie weit sie voneinander entfernt waren.

Constantine wusste sehr wohl, was es war. Gianna hatte es ihm zwar nicht verraten. Aber seine Schwester Ariana, die Lazz Dante geheiratet hatte, hatte ihm alles über das Inferno erzählt. Diese Dantes mit ihrem verflixten Inferno! Es hatte ihnen noch nicht gereicht, seine Schwester einzufangen. Nein, aus irgendeinem Grund hatte die einzige weibliche Dante ihn ausgesucht und ihm mithilfe des Infernos die Selbstbeherrschung geraubt. Seitdem fühlte er sich hoffnungslos gefangen, und der einzige Ausweg schien zu sein, dem Begehren nachzugeben.

Und nun konnte er nicht mal das tun, weil Gianna angeblich alles „hinter sich gelassen“ hatte. Am liebsten hätte er laut aufgeschrien. Aber so würde er sie nicht davonkommen lassen. Sie würde schnell erkennen müssen, dass man einen Constantine Romano nicht einfach „hinter sich ließ“. Wo immer sie auch hinging, er würde da sein. Und wenn sie zwischenzeitlich wirklich jemand anderen mit dem Inferno verhext hatte – nun, dann hatte derjenige eben Pech gehabt.

Egal welche Mühe es ihn kosten würde, egal ob sie damit einverstanden war oder nicht, er würde Gianna für sich gewinnen. Auch wenn das Inferno ihm seine Selbstbeherrschung geraubt hatte, durch die Heirat würde er sie zurückgewinnen. Wenn er erst den Ring am Finger trug und Gianna in seinem Bett hatte, würde dieses unheimliche Begehren nachlassen und er wieder die Oberhand gewinnen. Bis dahin – nun, man würde sehen. Nachdenklich betrachtete er sie aus der Ferne.

O Gott, wie sehr er sie begehrte!

„Hast du schon das Neueste gehört?“, fragte Elia Dante, Giannas Mutter. Sie saß auf einem Stuhl vor den Umkleidekabinen der Boutique Sinfully Delicious. „Nein, Gianna. Nicht das lachsfarbene Kleid. Nimm das bronzefarbene. Das steht dir besser.“

Gianna hielt sich nacheinander beide Kleider an und nickte dann zustimmend. Ihre Mutter hatte recht. Ihr Sinn für Mode war einfach unerreicht. „Das Neueste? Was meinst du?“

„Constantine Romano ist nach San Francisco gezogen. In den nächsten Tagen eröffnet er hier sein Unternehmen Romano Restoration. Offenbar hat er den ganzen Umzug von Italien aus organisiert.“

Gianna zuckte zusammen und war froh, dass sie Elia in diesem Moment den Rücken zuwandte. Eigentlich hätte sie damit rechnen müssen, dass ihre Mutter davon erfuhr. „Oh, das ist eine Überraschung“, sagte sie so unbeteiligt wie möglich.

„Findest du?“, fragte Elia. „Anscheinend hat er sein Unternehmen zum Erfolg geführt, ohne dass wir etwas davon mitbekommen haben.“ Sie hob eine Augenbraue. „Vielleicht wollte er eine gewisse junge Frau damit überraschen?“

Gianna seufzte. Ihre Mutter war die einzige Person, der sie anvertraut hatte, was zwischen Constantine und ihr geschehen war. Dem Rest Familie hatte sie es verheimlicht – aus Angst, sie würden sich einmischen. „Ach, was wir zusammen hatten – oder besser: was ich dachte, was wir zusammen hätten –, ist doch schon lange vorbei.“

„Das Inferno geht nicht vorbei, chiacchierona.

„Vielleicht ja doch.“

Gianna wandte sich um und sah ihre Mutter an. Was sie wohl sagen würde, wenn sie die ganze Wahrheit über das Inferno kannte? Gianna hatte es bisher lieber für sich behalten. Vor vielen Jahren hatte sie mit angehört, wie Onkel Dominic es Tante Laura erklärt hatte. Und sie hatte auch mitbekommen, was er getan hatte, um sie beide vom Inferno zu befreien. Aber sie hatte nie gewagt, es jemandem zu erzählen. Das Risiko erschien ihr zu groß, dass die Wahrheit zahlreiche glückliche Beziehungen zerstören würde. Wenn ihre Verwandten an das Inferno glaubten, würden sie vielleicht nie entdecken, was Giannas Onkel und Tante erlebt hatten …

Dass das Inferno nämlich durchaus nicht zwangsläufig ewig anhielt.

Gianna zögerte. Sie konnte ihrer Mutter einfach nicht die ganze Wahrheit enthüllen, deshalb wählte sie ihre Worte sorgfältig. „Vielleicht ist es bei mir anders, weil ich eine Frau bin“, begann sie vorsichtig. „Vielleicht hat es diesmal nur in eine Richtung geklappt, und er empfindet nicht, was ich empfinde.“

„Dann wäre er nicht hier.“

„Eventuell kann ich ja das Inferno rückgängig machen …?“, deutete sie an.

Elia lachte. „Ha, das geht nicht. Das Inferno ist für alle Ewigkeit.“

Ist es nicht, dachte Gianna, behielt das aber lieber für sich. „Dass Constantine jetzt hier ist, spielt keine Rolle mehr. Es ist zu spät.“

„Aus deinen Worten spricht der Stolz“, erklärte Elia weise. „Nicht dein Herz.“

„Ich habe die alte Geschichte hinter mir gelassen“, verteidigte Gianna sich. „In letzter Zeit bin ich David d’Angelo nähergekommen.“

„Immerhin ist er Italiener, wie Constantine“, lenkte ihre Mutter ein. „Und er stammt aus einer guten Familie, auch wenn sie bei Weitem nicht so nobel und angesehen ist wie die der Romanos.“

„Vielleicht nicht, aber immerhin sind sie erfolgreiche Banker.“

In ein paar Monaten sollten sie sogar irgendeinen Preis für ihre Verdienste im Bankwesen erhalten. Und David sah wirklich gut aus, sehr gut sogar. Allerdings hatte sein Aussehen nichts Aufregendes an sich, nichts, was den Puls in die Höhe trieb, sondern wirkte eher gefällig, glatt und bieder. Und nett war er auch, wirklich nett. Obendrein intelligent, höflich und auch amüsant. Ein ganz klein wenig störte sie sein Anspruchsdenken, aber wer war schon vollkommen?

Dass er in Italien geboren war, hörte man ihm nicht an, denn er hatte viele Jahre im Ausland studiert. Ihn mit Constantine zu vergleichen fiel ihr schwer. Von der Intelligenz, die sie beide besaßen, einmal abgesehen, waren sie so unterschiedlich wie ein Paradiesvogel und ein Panther.

„David ist nicht wie Constantine“, murmelte Elia. Merkwürdig, genau dasselbe hatte Gianna auch gerade gedacht.

„Hauptsache, ich mag ihn. Sogar sehr. Darauf kommt es schließlich an, oder?“

„Mögen, was für ein blutleeres Wort. Wenn du kochende Leidenschaft haben kannst, warum solltest du dich dann mit einem lauwarmen ‚Mögen‘ zufriedengeben?“

„Weil es sicherer ist“, erwiderte Gianna leise.

Ja, sicherer. Es war riskant, den Löwen der Leidenschaft zu wecken. Das konnte in tiefster Verzweiflung enden. Vor allem, wenn es Constantine Romano betraf. Wenn sie stattdessen einen netten Kerl mochte, konnte nicht viel passieren.

„Ich habe übrigens mit Ariana darüber gesprochen.“

Auch das noch! „Sind sie und Lazz immer noch in Italien?“, fragte Gianna in der Hoffnung, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken. Große Chancen dafür rechnete sie sich allerdings nicht aus.

„Ja, wahrscheinlich noch zwei Monate“, antwortete ihre Mutter und kam natürlich sofort wieder auf den kritischen Punkt zu sprechen. „Sie ist der Meinung, dass Constantine nur deinetwegen wieder nach San Francisco gekommen ist.“

„Constantines Schwester ist eben unheilbar romantisch. Jetzt jedenfalls. Das löst das Inferno in einem aus. Ich wette, bevor sie Lazz kennengelernt hat, war sie mehr der vernünftige, sachliche Typ.“ Gianna verzog das Gesicht. „Ja, so ist das Inferno. Es mischt sich ein, krempelt die Leute um.“

„Mit ein bisschen Glück wirst du auch bald umgekrempelt.“

In Elias Stimme klang die Liebe zu ihrem Mann Alessandro. Meine Eltern haben ihr Glück gefunden, dachte Gianna. Sicher, manchmal gibt es auch Streit, aber sie lieben sich wirklich leidenschaftlich und können sich hundertprozentig aufeinander verlassen.

„Nein danke. Ich glaube, ich halte mich lieber an David.“

„Jede Wette, dass Constantine versuchen wird, deine Meinung zu ändern. Und ich glaube, tief in deinem Inneren wünschst du dir, dass es ihm gelingt.“

Wenn das Inferno zwischen Constantine und mir doch auch nur hundertprozentig funktioniert hätte, dachte sie wehmütig. Dann wäre ich jetzt auch so glücklich wie meine Mutter.

Ja, wenn nur.

David war pünktlich wie immer. In seinem Frack wirkte er beinahe wie ein Filmstar. Er war ein ganz anderer Typ als Constantine, und er hatte fast ein Vierteljahr um Gianna werben müssen, bis sie sich endlich bereit erklärt hatte, mit ihm auszugehen.

Zur Begrüßung gab er ihr einen Kuss, der sie aber weit weniger beeindruckte als ein Kuss von Constantine. Wenn sie ehrlich war, ließ er sie völlig kalt. Das habe ich sicher dem Inferno zu verdanken, sagte sie sich. Ich kann nur hoffen, dass das, was ich bei der ersten Berührung mit Constantine gespürt habe, ein Irrtum war und wieder verfliegt. Dass ich irgendwann wenigstens einen Bruchteil dessen, was ich bei Constantine gespürt habe, auch für David empfinde. Irgendwann wird es so sein, irgendwann muss es so sein, egal was meine Verwandten glauben.

David schien nicht zu merken, dass ihre Küsse und Umarmungen wahre Leidenschaft vermissen ließen. Vielleicht hatte er auch nicht die Vergleichsmöglichkeit, die sie wegen des Infernos besaß. Bewundernd schaute er sie an. „Du siehst einfach umwerfend aus, Gia.“

„Danke.“

Da ihr bewusst war, wie kühl ihre Antwort geklungen haben musste, schloss sie ihn zur Entschädigung in die Arme. Was stimmte nur nicht mit ihr? David war doch so ein toller Mann! Er ließ keinen Zweifel daran, wie sehr er sie begehrte und dass er es wirklich ernst mit ihr meinte – das hatte er ihr auch offen gesagt, und sie war gerührt gewesen. Trotzdem konnte sie es nicht über sich bringen, ihre Beziehung auf die nächste Stufe zu führen. Und jetzt, wo Constantine zurück war …

Schluss jetzt mit den Gedanken an Constantine!

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