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Atemlos vor Verlangen

Day Leclaire

Atemlos vor Verlangen

1. KAPITEL

Es war unvermeidlich gewesen.

Rebecca Huntington hatte gewusst, dass es lediglich eine Frage der Zeit war, bevor ihr Weg den von Alejandro „Alex“ Montoya kreuzen würde. Und als sie aus dem hellen texanischen Sonnenschein in das Innere des eleganten Texas Cattleman’s Club trat, lief sie ihm regelrecht in die Arme.

Und er fing sie auf. Natürlich fing er sie auf. Er hatte die Reflexe einer Katze, was er zweifellos seiner langjährigen Erfahrung auf dem Fußballfeld zu verdanken hatte. Für einen kurzen, schwachen Moment wurde sie von bittersüßen Erinnerungen überwältigt und presste ihren Körper an seinen. Wie viele Jahre mochte es her sein, dass sie sich geliebt hatten, als würde es kein Gestern, kein Morgen, sondern nur den Augenblick grenzenloser Lust geben? Sie hatte gedacht, die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben. Stattdessen hatte er ihr die Unschuld genommen und ihre Beziehung auf grausame Weise beendet. Sie hatte Jahre gebraucht, um darüber hinwegzukommen. Und hier war sie jetzt, zurück in seinen Armen, und die dunklen Schatten ihrer Affäre jagten sie immer noch.

„Entschuldigung.“ Sie empfand seine Stimme wie eine zärtliche Berührung, und nach all den Jahren schien sein verführerischer lateinamerikanischer Akzent stärker geworden zu sein. „Wenn du mich loslässt, kann ich gehen.“

Am liebsten wäre sie vor ihm geflohen, aber er sollte auf gar keinen Fall denken, dass diese Begegnung ihr etwas ausmachte. Sie lockerte den Griff – warum um alles in der Welt hatte sie die Hände in sein Hemd gekrallt? –, rührte sich jedoch nicht von der Stelle.

Das Sonnenlicht, das durch die geöffnete Tür ins Foyer fiel, beschien sein Gesicht. Da sie mit dem Rücken zum Eingang stand, blieb ihres hingegen im Schatten, wofür sie sehr dankbar war, als sie den Ausdruck in seinen Augen sah. Ablehnung und Abscheu spiegelten sich in seinem Blick wider. Das verstand sie nicht, aber sie hatte ebenfalls nie verstanden, warum ihre Affäre so katastrophal schiefgelaufen war. Genauso wenig fand Rebecca eine Erklärung dafür, warum sie mit jeder Faser ihres Körpers auf diesen Mann reagierte, als wären sie immer noch ein Paar.

Sie war eins achtundsechzig groß, und er überragte sie um gut zwanzig Zentimeter, obwohl sie mit ihren hohen Absätzen noch ein gutes Stückchen wettmachen konnte. Die hohen Wangenknochen betonten seine dunkelbraunen Augen, die gerade Nase und die vollen, sinnlichen Lippen. Lippen, von denen sie einst verzaubert gewesen war und mit denen er einer Frau unbeschreibliche Freuden zu bereiten verstand.

Um keine Schwäche zu zeigen, gab sie sich völlig unbeeindruckt. „Wenn du zur Seite trittst, kann ich weitergehen“, meinte sie.

Einen Moment länger als nötig blieb er stehen. Dieser Augenblick genügte ihr, um ihm anzusehen, dass auch er sich an die gemeinsame Vergangenheit und die Leidenschaft erinnerte, die sie einst füreinander empfunden hatten. Ihre Berührung musste diese leidenschaftlichen Erinnerungen in ihm entfacht haben, wie ein Windhauch ein erlöschendes Feuer anfachte.

Alex empfand immer noch etwas für sie. Immer noch. Ein winziger Rest von dem Verlangen, das sie einst füreinander gespürt hatten, war also noch in ihm lebendig. Doch war dieses süße Gefühl von dem bitteren Geschmack ihrer Trennung verdrängt worden, und sie wusste, dass es jetzt zu spät für sie beide war. Erstaunlich schnell gelang es ihm, seine unbeabsichtigte Reaktion zu überspielen, aber Rebecca war sicher, dass sie sich nicht geirrt hatte. Die Flamme war zweifellos nicht ganz erloschen – und glich der, die in ihr loderte.

Beinahe so, als wäre ihm bewusst, wie viel er gerade von sich preisgegeben hatte, trat er einen Schritt zurück und nickte ihr liebenswürdig zu. Sowohl er als auch seine Schwester hatten einwandfreie Manieren, denn ihre Mutter Carmen, die früher für kurze Zeit Haushälterin bei den Huntingtons gewesen war, hatte darauf großen Wert gelegt. Rebecca zwang sich, weiterzugehen, ohne noch einmal zurückzuschauen. Allerdings fiel es ihr nicht so leicht, ihr seelisches Gleichgewicht wiederzugewinnen. Sie konnte förmlich seinen Blick auf sich spüren, während sie weiterlief.

Auf dem kürzesten Weg ging sie ins Café des Clubs, um ihre beste Freundin Kate Brody zu treffen, mit der sie sich zum Mittagessen verabredet hatte. Da Kate noch nicht da war, blieb Rebecca etwas Zeit, um die Fassung wiederzuerlangen. Richie, der Kellner, der sie regelmäßig bediente, wusste um die Vorlieben seiner Stammgäste. Und so brachte er ihr einen ungesüßten Eistee mit einer Scheibe Zitrone und begrüßte sie mit einem freundlichen Lächeln. „Ganz schön viel los hier heute“, bemerkte er bedeutungsvoll.

Dankbar nahm sie das angebotene Thema auf, denn ihr war alles willkommen, was ihr dabei half, Alex Montoya aus ihren Gedanken und ihrem Herzen zu verbannen. „Interessant“, sagte sie und nahm einen großen Schluck von dem Erfrischungsgetränk. „Und was ist heute hier los?“

„Ein Meeting unserer neuesten Clubmitglieder. Vielleicht planen sie ja einen Umsturz des bestehenden Vorstandes“, scherzte er. Doch als er den mahnenden Blick von Rebecca mitbekam, schlüpfte er sofort wieder in die Rolle des Kellners. „Darf ich annehmen, dass Sie in Gesellschaft essen?“

„Ja, mit Kate Brody.“

„Ah, ja. Im Sommer ungesüßter Tee und im Winter heißer Kaffee. Kates Mann nimmt übrigens auch an besagtem Treffen teil.“

Lächelnd schüttelte Rebecca den Kopf und spürte, wie ihre Anspannung nachließ. „Woher wissen Sie bloß immer, was hier vor sich geht, Richie?“

Er beugte sich zu ihr herunter. „Es zahlt sich eben aus, wenn man Bescheid weiß, Miss Huntington“, sagte er leise. „Das gibt mehr Trinkgeld. Und manchmal schnappe ich auf, wie man im Leben vorankommt – wie beispielsweise von Mr. Montoya.“ Richie sprach den Namen voller Verehrung aus. „Er steht den Angestellten hier immer zur Seite.“

Sie versteifte sich. „Das habe ich nicht gewusst.“ Und das hatte sie tatsächlich nicht. Sie musste zugeben, dass sie nicht viel von dem mitbekommen hatte, was hier geschehen war, während sie in Houston gelebt und gelernt hatte, wie man einen Einzelhandel betrieb. Seit ihrer Rückkehr nach Somerset vor einem Jahr hatte sie hart daran gearbeitet, ihr Dessousgeschäft Sweet Nothings zu etablieren und schwarze Zahlen zu schreiben. Ihre knapp bemessene Freizeit verbrachte sie mit ihren Freunden. Um ehrlich zu sein, sie hatte sogar absichtlich weggehört, wenn Tratsch über die neuesten Mitglieder des Texas Cattleman’s Clubs verbreitet wurde. Besonders, da die jüngsten Mitglieder wie die Brodys, Darius Franklin und Justin Dupree mit Alex zerstritten waren. Aber vielleicht war es jetzt an der Zeit, wieder genauer hinzuhören, zumal Justin bald Alex’ Schwager war.

In diesem Augenblick betrat Kate das Café und schaute sich suchend um. Sie war groß und schlank und sah wunderschön in einem der Hosenanzüge aus, die Rebecca und sie während einer Shoppingtour in Houston gekauft hatten. An einem einzigen Tag hatte sich ihre beste Freundin von einer unscheinbaren grauen Maus in eine mondäne Südstaatenschönheit verwandelt. Rebecca freute sich umso mehr für Kate, da es ihr auf diese Weise gelungen war, ihren damaligen Chef und jetzigen Ehemann von ihren Vorzügen zu überzeugen und in ihr Bett zu locken.

Als sie Rebecca entdeckte, lächelte Kate erfreut und bahnte sich einen Weg an den Tischen vorbei. „Na, worüber hast du dich denn geärgert?“, wollte Kate wissen, als sie sich umarmten.

War das wirklich so offensichtlich? Rebecca beschloss, sich unwissend zu stellen. „Ich weiß gar nicht, was du meinst. Mir geht es gut.“

Kate winkte abwehrend ab. „Das zieht bei mir nicht, und das weißt du. Irgendwas stimmt nicht und …“ Sie unterbrach sich und sah an Rebecca vorbei. „Okay, das ist also der Grund. Ich habe mich schon gefragt, wann ihr zwei euch hier über den Weg laufen würdet. Heute ist es wohl soweit gewesen.“

Rebecca brauchte eigentlich gar nicht hinzusehen, um zu wissen, dass Kate Alex meinte. Der mit einem Aktenordner in der Hand in den Club zurückgekehrt war. Vermutlich war er vorhin, als sie sich begegnet waren, auf dem Weg zu seinem Wagen gewesen, um den Ordner zu holen. Sie nahm seine Anwesenheit wie ein leises elektrisches Summen wahr. „Würde es dich sehr überraschen zu hören, dass es nicht sehr gut gelaufen ist?“

„Nein“, erwiderte Kate knapp. „Der Mann ist unglaublich kompliziert. Und wäre es nach Lance gegangen, dann hätte Montoya niemals dem Club beitreten dürfen.“

„Geld regiert die Welt.“

Kate lächelte schwach. „Tja, und er hat eine Menge davon. Das ist schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass er hier mal als Hausmeister gearbeitet hat. Ich hoffe nur, dass an den Gerüchten nichts dran ist.“

Besorgt schaute Rebecca ihre Freundin an. „Was für Gerüchte?“

Kate zögerte. „Du weißt doch bestimmt von seiner Verbindung zu El Gato.“

„Paul Rodriguez, klar. Sie sind seit ihrer Kindheit miteinander befreundet.“ Schließlich verstand Rebecca und holte tief Luft. „Glauben die Leute etwa, Alex hätte sein Geld mit Drogengeschäften gemacht?“, fragte sie ungläubig. „Auf gar keinen Fall. Nicht Alex.“

„Nicht direkt mit Handel“, entgegnete Kate. „Sagen wir mal … er investiert in Pauls Geschäfte.“

Entschieden schüttelte Rebecca den Kopf. „Tut mir leid, das kann ich nicht glauben. Ich kann viel über Alex sagen – und vieles davon ist schlecht –, aber nicht das. Niemals.“

Richie kam zu ihnen mit einem Kaffee für Kate, für den er sich offensichtlich wegen des kühlen Novemberwetters entschieden hatte. Kates dankbares Lächeln deutete darauf hin, dass Richie mit seiner Wahl richtig lag. „Wissen die Damen schon, was sie bestellen möchten? Unsere Spezialität heute sind Goldmakrelen mit einem pikanten Dillpesto. Wirklich köstlich.“

„Das nehme ich“, verkündete Kate.

„Bitte zweimal“, stimmte Rebecca zu.

„Kommt sofort.“ Richie notierte die Bestellung und stieß einen leisen Pfiff aus. „Also ich hätte nie gedacht, dass ich das noch mal zu sehen bekomme. Alex Montoya und Lance Brody schütteln sich die Hände. Und was noch merkwürdiger ist: Die Erde dreht sich weiter.“

Verwirrt warf Rebecca einen Blick über ihre Schulter. Alex war in Gesellschaft von Kates Mann Lance, dessen Bruder Mitch und Kevin Novak, einem alten Freund der beiden aus Studienzeiten. Die Männer gaben sich tatsächlich die Hand, allerdings fiel Rebecca auf, dass sie angespannt wirkten. Schließlich gesellten sich noch Justin Dupree und Darius Franklin zu der Gruppe, womit die sechs neuesten und attraktivsten Mitglieder des Texas Cattleman’s Clubs versammelt waren.

Rebecca konnte ihre Neugierde nicht zügeln. „Okay, und worum geht es da?“

Als Richie außer Hörweite war, begann Kate es Rebecca zu erklären. „Ein streng geheimes Treffen wegen der Brandstiftungen in der letzten Zeit. Lance ist dort wegen des ersten Feuers, das bei Brody Oil and Gas gelegt worden ist. Beim zweiten Mal hat es auf El Diabolo gebrannt, weswegen Alex heute auch mit dabei ist.“

Rebecca versteifte sich. Natürlich hatte sie von den Bränden gehört – das hatte selbst sie mitbekommen –, und dass man davon ausging, sie wären absichtlich gelegt worden. „Ist es wirklich bewiesen, dass es sich in beiden Fällen um Brandstiftung handelt?“

„So habe ich das verstanden. Wieso?“

Rebecca warf ihrer Freundin einen entschuldigenden Blick zu, denn sie wusste, wie schwer die Ereignisse der letzten Zeit Kates Ehemann und seiner Familie zugesetzt hatten. „Mein Dad behauptet, die Feuer seien einfach nur Unfälle gewesen, besonders das auf der Ranch von Alex.“

„Nichts für ungut, Becca, aber woher will dein Vater das denn wissen?“, erkundigte Kate sich. „Falls er nicht bei den Ermittlungen dabei ist – und meines Wissens ist er das nicht –, kann sein Urteil sich nur auf Vermutungen und Tratsch stützen.“

„Da hast du wohl recht“, gab Rebecca zu und trank einen Schluck Eistee.

„Außerdem hat man schon einen Verdacht.“

Verwirrt setzte Rebecca ihr Glas ab. „Und wer wird verdächtigt?“

„Ich hatte schon befürchtet, dass du mich das fragen würdest. Lance hat mir den Namen genannt.“ Kate dachte angestrengt nach. „Cantry?“

Rebecca erstarrte. „Meinst du vielleicht Gentry?“

„Ist schon möglich. Warum?“ Sie beugte sich vor. „Kennst du den Mann, Becca?“, fragte sie eindringlich.

„Ich kenne niemanden, der Cantry heißt“, versuchte sie Zeit zu gewinnen.

„Aber du kennst einen Gentry“, stellte Kate fest.

„Vor einigen Jahren hat mein Vater einen neuen Vorarbeiter namens Cornelius Gentry eingestellt. Aber das ist bestimmt nicht derselbe Mann.“

„Vielleicht sollten wir sichergehen“, meinte Kate besorgt und schob entschlossen ihren Stuhl zurück. „Ich gehe kurz zu Lance rüber und frage ihn. Wenn er doch dieser Mann ist, könnten du und dein Vater in Gefahr sein.“

Rebecca griff nach ihrem Arm, bevor Kate ihre Worte in die Tat umsetzen konnte. „Warte.“ Alles in Rebecca sträubte sich gegen die Vorstellung, Alex darauf aufmerksam zu machen. Alex und Rebeccas Vater verband eine äußerst unschöne Vergangenheit. Falls Gentry der Mann war, den sie suchten, würde Alex einen Weg finden, ihren Vater in den Skandal mit hineinzuziehen – und das wollte sie auf jeden Fall vermeiden. Sie beugte sich über den Tisch. „Kate“, flüsterte sie, „was, wenn sie mir Fragen über Gentry stellen wollen? Was soll ich ihnen sagen? Ich weiß nichts über den Mann, außer, dass er seit zwei Jahren der Vorarbeiter meines Vaters ist.“ Und dass er ihr unheimlich war, aber das verschwieg sie. „Warte bitte, bis wir mehr wissen. Dann können wir immer noch entscheiden, was wir tun. Aber ich würde sie lieber nicht unterbrechen, wenn wir nicht sicher wissen, dass es sich tatsächlich um Gentry handelt.“

Bevor Kate etwas erwidern konnte, kam Richie mit den Speisen. Rebecca sah auf das herrlich angerichtete Essen, hatte aber den Appetit verloren. Sie hoffte aufrichtig, dass es nicht der Vorarbeiter ihres Vaters war. Vielleicht hieß der Typ wirklich Cantry, und ihre Fantasie hatte ihr einen Streich gespielt. Allerdings änderte das nichts an ihrer Meinung, die sie von Cornelius Gentry hatte. Seitdem sie vor einem Jahr nach Hause zurückgekehrt war und ihn zum ersten Mal getroffen hatte, verspürte sie eine instinktive Abneigung gegen ihn, die sie einfach nicht überwinden konnte.

Erst heute Morgen war sie Gentry in die Arme gelaufen. Er hatte den Ausgang versperrt, als sie das Haus ihres Vaters verlassen wollte, um zum Club zu fahren. Wenn sie näher darüber nachdachte, war es eine vergleichbare Situation wie zwischen ihr und Alex vorhin gewesen. Nur mit dem Unterschied, dass sie dem einen Mann mit Freuden in die Arme gesunken wäre, während sie bei dem anderen am liebsten sofort die Flucht ergriffen hätte.

Gentry musste ihre Gedanken erahnt haben. Das verriet zumindest sein Gesichtsausdruck, als er seine kalten Augen zusammengekniffen und ihr humorlos zugelächelt hatte. „Miss Becca“, hatte er sie begrüßt und dabei von Kopf bis Fuß gemustert, wobei sein Grinsen noch breiter wurde. „Sie sehen einfach blendend aus.“

„Danke, Cornelius“, erwiderte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wenn Sie mich entschuldigen würden?“

Eine Weile stand er noch da und sah sie mit wissendem Blick an, bevor er einen kleinen Schritt zurücktrat. „Selbstverständlich, Mylady. War nicht meine Absicht, Ihnen als einfacher Arbeiter im Weg zu stehen. Ich will nicht meinen Job verlieren, wie es die Montoyas getan haben. Obwohl es ein reizender Anlass wäre, von hier zu gehen.“

„Ich bin sicher, dass mein Vater sich sehr für Ihre Meinung interessiert“, entgegnete sie scharf, aber ihre unkontrollierte Wut schien ihn nur noch mehr zu amüsieren. „Ich teile sie ihm gern mit.“

„Tun Sie sich nur keinen Zwang an, es macht sowieso keinen Unterschied.“ Er hatte sich zu ihr heruntergebeugt, und unwillkürlich hatte sie den Kopf zur Seite gedreht, obwohl sie sich diese Schwäche nicht anmerken lassen wollte. „Ich bleibe hier, kleines Fräulein. Ihr Vater wagt es nämlich nicht, mich zu entlassen.“

„Und dann ist da natürlich noch diese Ungereimtheit mit den Konten vom Club. Das hat die Jungs völlig in Aufruhr versetzt“, sagte Kate gerade.

Schlagartig war Rebecca wieder in der Gegenwart. „Was hast du gesagt? Von was für Ungereimtheiten sprichst du?“

„Du hast eben überhaupt nicht zugehört, stimmt’s?“, vermutete Kate.

„Das meiste habe ich mitbekommen“, entschuldigte Rebecca sich mit einem Lächeln. „Na ja, einiges davon.“

Kate seufzte. „Darius hat Fehlbeträge auf den Konten des Texas Cattleman’s Clubs entdeckt, als er die Buchhaltung für das Helping-Hands-Frauenzentrum eingerichtet hat. Mitch hat zugestimmt, die Konten zu prüfen. Offensichtlich hat er was gefunden. Wenigstens hat Lance mir das erzählt.“

„Aber Dad hätte sicher …“, nervös hielt Rebecca inne und räusperte sich. „Ich frage mich, warum das Dad nicht aufgefallen ist? Er ist seit Jahren für die Finanzen des Clubs zuständig.“

„Vielleicht hat er es einfach nur noch nicht bemerkt. Wahrscheinlich ist es nur eine Kleinigkeit, bei der Gelder auf die falschen Konten eingehen. Ich bin sicher, dass Mitch die Sache schon wieder hinbiegt.“

Rebecca sah sich verstohlen um. Die sechs Männer waren in eins der Besprechungszimmer gegangen und hatten die Tür geschlossen. Mehr als alles andere auf der Welt wünschte sie sich, sie könnte Mäuschen spielen und herausfinden, was zum Teufel dort drinnen vor sich ging. In der Zwischenzeit konnte sie nur dafür beten, dass ihr Vater nicht aus Versehen in die Angelegenheit verstrickt war. Es mochte keinen Sinn ergeben, dass ihr Vater etwas mit den Bränden zu tun haben sollte, aber Unregelmäßigkeiten auf den Konten des Clubs – das war eine ganz andere Sache. Hoffentlich war es nur etwas Unbedeutendes und nichts, was ihren Vater gegen ihre Freunde aufbrachte. Und dann war da noch Alex. Er verachtete ihren Vater, und er würde ihn nicht verschonen, falls er einen Fehler in der Buchführung der Clubfinanzen entdecken sollte. Alex würde einfach alles tun, um den Ruf ihres Vaters zu ruinieren.

Alex betrachtete die fünf Männer, von denen einige etliche Jahre damit zugebracht hatten, ihm das Leben zur Hölle zu machen. Sie hatten auf einer Seite des Raumes eine Gruppe gebildet, während er auf der anderen stand. Trotz der feindseligen Stimmung hatte Alex vor, seinen heutigen Auftritt in vollen Zügen zu genießen. Er würde nicht nur einen alten Feind zur Strecke bringen, sondern auch noch seinem ärgsten Widersacher aus Studienzeiten eins auswischen können – Lance Brody.

„Wollen wir hier stehen bleiben und uns gegenseitig anstarren?“, fragte Alex. „Oder wollen wir mit den Entschuldigungen anfangen?“

„Tu dir keinen Zwang an, Montoya“, sagte Lance mit einem gekünstelten Lächeln. „Ich warte schon mein ganzes Leben lang darauf, dass du dich dafür entschuldigst, auf dieser Welt zu sein.“

Alex machte einen raschen Schritt auf ihn zu, aber Darius stellte sich zwischen die beiden und hob die Hand. „Immer mit der Ruhe, Männer“, forderte er. „Das hilft uns auch nicht weiter.“

„Vielleicht nicht, aber es würde mir dabei helfen, mich sehr viel besser zu fühlen.“ Alex hörte, dass sein Akzent wieder deutlicher zu hören war, wie jedes Mal, wenn er wütend oder begeistert war. Das betonte einmal mehr die zahlreichen Unterschiede zwischen ihnen. Er war der Sohn einer Haushälterin. Und obwohl ein paar der anwesenden Männer hart für ihren Reichtum gearbeitet hatten, waren Justin Dupree und die Brodys mit dem sprichwörtlichen silbernen Löffel im Mund auf die Welt gekommen. Um das Glück seiner Schwester Alicia willen würde Alex ihren Verlobten Dupree in Ruhe lassen. In den vergangenen zwei Wochen hatten die Männer so etwas wie einen Waffenstillstand eingehalten. Doch Alex fand, dass die Jagdsaison auf die Brodys gerade eröffnet worden war.

„Du wirfst mir vor, deine Raffinerie angezündet zu haben“, wandte Alex sich an Lance. „Darius hat Beweise dafür, dass du damit falsch liegst. Bist du Manns genug, das endlich zuzugeben? Oder muss ich erst eine Entschuldigung aus dir herausprügeln?“

Ein amüsierter Ausdruck breitete sich auf dem Gesicht von Lance Brody aus. „Kannst du gerne versuchen. Aber ich garantiere dir, dass du keinen Erfolg haben wirst.“

„Ich überprüfe liebend gern deine Theorie.“

„Genug“, unterbrach Kevin Novak die beiden ungeduldig. „Damit ändern wir nichts, und wenn ich ehrlich sein soll, bin ich es leid, dass ihr euch benehmt, als wären wir immer noch auf der High School.“ Er sah Alex an. „Wir haben uns deinetwegen geirrt, und ich für meinen Teil möchte mich gern bei dir entschuldigen.“

Er streckte ihm die Hand entgegen, die Alex ohne Zögern annahm. „Das weiß ich sehr zu schätzen. Danke, Novak.“

Lance stöhnte. „Um Himmels willen …“

„Halt die Klappe, Bruder“, unterbrach Mitch ihn. „Ein trockener Brunnen bleibt ein trockener Brunnen. In unserem Job musst du einfach wissen, wann du einer Sache ein Ende bereitest. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür.“

Einer nach dem anderen folgte Kevins Beispiel, bis nur noch Lance übrig war. Endlich trat auch er nach vorn und schlug in Alex’ Hand ein. Sein Händedruck war für Alex’ Geschmack etwas fester, als nötig gewesen wäre.

„Ich kann dich immer noch nicht leiden“, meinte Lance.

„Das beruht auf Gegenseitigkeit.“

Lance zog einen Mundwinkel hoch. „Aber ich respektiere dich.“

Dieses Zugeständnis verblüffte Alex, und es dauerte eine Weile, bevor er antwortete. „Das ist meiner Meinung nach ein guter Anfang. Lass uns einfach sehen, wohin es führt.“

„In Ordnung.“

„Jetzt haben wir aber genug Höflichkeiten ausgetauscht und sollten uns an die Arbeit machen“, bemerkte Darius und ging zu dem Sitzungstisch. Als die anderen Männer sich ebenfalls gesetzt hatten, reichte er Kopien seines Berichtes herum. „Ihr sollt wissen, dass es sich hierbei um Vermutungen handelt. Sie mögen zwar begründet sein, aber wir haben nicht genügend Beweise, um damit zur Polizei zu gehen. Ich kann mit Sicherheit lediglich behaupten, dass Alex nicht verantwortlich für das Feuer bei Brody Oil and Gas ist. Augenzeugen und Kreditkartenabrechnungen bezeugen, dass er in der besagten Nacht gar nicht in der Nähe des Tatorts gewesen ist.“

„Und was hast du für Vermutungen?“, wollte Lance wissen.

„Wenn wir die zeitliche Abfolge der Ereignisse berücksichtigen, wird eine interessante Reihenfolge offensichtlich“, sprang Alex ein. „Mitch hat bei der Prüfung der Bücher herausgefunden, dass eine Summe von dreihunderttausend Dollar zur Seite geschafft worden ist.“

Kevin stieß einen leisen Pfiff aus. „Wie?“

„Genauso, wie Darius bereits vermutet hat. Der Betrüger hat eine Firma mit einem ähnlichen Namen wie das Helping Hands benutzt. Wenn eine Rechnung vom Frauenzentrum geschrieben wurde, sind zwei Schecks ausgestellt worden. Einer für das Zentrum, der andere für Helping Hearts. Jeder dieser Schecks ist bei ein und derselben Bank eingelöst worden.“ Alex sah alle Männer nacheinander an. „Interessant ist übrigens, dass vor einem Jahr – vor dem Auftauchen des ersten Schecks – der Präsident dieser Bank ein neues Mitglied im Texas Cattleman’s Club geworden ist.“

„Wer hat ihn vorgeschlagen?“, fragte Lance.

„Sebastian Huntington.“

Lance zuckte zusammen. „Oh, das wird Kate bestimmt nicht gefallen. Rebecca ist ihre beste Freundin.“

„Wir glauben“,

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