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Ashtavakra-Gita

Einleitung

Die Ashtavakra-Gita ist in Europa noch wenig bekannt. Sie besteht aus 298 Versen und ist damit wesentlich kürzer als die bei uns seit langem verbreitete Bhagavad-Gita. Es ist ein Text von elementarer Tiefe, dem man sich, hat man einmal zu lesen begonnen, nur schwer wieder entziehen kann. Die Ashtavakra-Gita wirkt in sich geschlossener und in ihren Kernaussagen weniger widersprüchlich als die Bhagavad-Gita. Einiges spricht dafür, dass es sich hier um das Werk eines Autors oder einiger weniger und im wesentlichen gleich gesinnter Autoren handelt. Als Verfasser der Schrift wird ein „Ashtavakra“ genannt, von dem man nicht genau weiß, ob es sich um eine historische oder um eine fiktive Persönlichkeit handelt. Der Name „Ashtavakra“ heißt soviel wie „achtfach verkrüppelt“. Die Legende besagt, dass der noch ungeborene spätere Weise von seinem Vater verflucht worden ist und deshalb verkrüppelt geboren wurde. Ungeachtet seiner körperlichen Missbildungen soll er tiefste Weisheit besessen und als Lehrer des Patanjali gewirkt haben.

Die Ashtavakra-Gita besteht aus einem Gespräch zwischen dem Weisen Ashtavakra und seinem Schüler König Janaka. In diesem elementaren Dialog zwischen einem voll-verwirklichten Lehrer und seinem reifen Schüler, dem nur noch wenig Erkenntnis zur Reife fehlt, werden die Lehren des Advaita, der Nicht-Zweiheit allen Seins, dargelegt und in immer neuen Bildern, Gleichnissen und Formulierungen wiederholt.

Ähnlich wie die Autorschaft liegt auch die Entstehungszeit der Ashtavakra-Gita im Dunkeln. Den in Sanskrit verfassten Text halten einige Autoren für älter als die Bhagavad-Gita (2. Jh. v. Chr.). Da er aber als Standardtext des Advaita-Vedanta gilt, dessen wichtigster Vertreter, der Philosoph Shankara (788-820), wesentlich später lebte, könnte die Ashtavakra-Gita auch wesentlich jünger sein.

Ashtavakra-Gita

König Janaka:

Unterweise mich, mein erhabener Lehrer, in der Erlangung der Erlösung. Wie kann ich Wissen erlangen und Befreiung erreichen?

Ashtavakra:

Mein Sohn! Trachtest du nach Erlösung, so meide jeden weltlichen Hang wie Gift und wandle auf dem Pfad der Vergebung, der Barmherzigkeit und der Rechtschaffenheit, des Wohlwollens, der Zufriedenheit und der Wahrhaftigkeit.

*

Erkenne, dass du weder Erde, noch Wasser, noch Feuer, noch Luft, sondern nur der Zuschauer aller Veränderungen der Elemente bist. Wenn du das

verstanden hast, bist du frei.

*

Kannst du dich über dein körperliches Dasein erheben und in deinem reinen Bewusstsein ruhen, so bist du von jeglicher Fessel befreit und im Besitz der ewigen Seligkeit.

*

Du gehörst keiner Kaste an und bist weder Schüler, noch Hausherr, weder Waldeinsiedler, noch Bettelmönch. Niemand kann dich mit seinen Sinnen wahrnehmen. Frei von allem und gestaltlos bist du, Zuschauer des ganzen Universums. Daher merke dies und sei glücklich!

*

Tugend und Laster, Lust und Leid gehören dem Ich-Bewusstsein an, doch sie haben keine Beziehung zu dir, oh, du alles durchdringende Einheit. In Wirklichkeit bist du weder der Handelnde, noch der Genießende. Du bist von jeher ohne Anhaftung und frei.

*

Als der wahre Beobachter warst du tatsächlich immer frei. Nur weil du dich für abgetrennt vom Einen betrachtet hast, warst du gebunden.

*

Wer von der schwarzen Schlange des Ich-Bewusstseins gebissen wurde, hält sich selbst für den Vollbringer seiner Taten. Trinke den Nektar des Vertrauens, dass du nicht der Handelnde bist und lebe in ewiger Seligkeit.

*

Erkenne dich als das eine, reine Bewusstsein, und zerstöre durch das Feuer dieser Erkenntnis die Netze der Unwissenheit. Und so aus den Händen der Trübsal gerettet, atme auf!

*

Das schattenhafte Ich ist nur der Widerschein des Trugbildes der Welt. Es ist dem Stricke gleich, der irrtümlich für eine Schlange gehalten wird. Du aber bist in Wahrheit die Seligkeit, das ewige Seligsein, das man Erwachen (bodhi) oder Bewusstsein (cit) nennt. Daher atme auf!

*

Wer an sein von allen Bindungen freies Sein wahrhaft glaubt, erlangt Erlösung; doch wer sich für gebunden hält, bleibt gebunden. Wie dein Wille, so ist dein Geschick.

*

Das göttliche Selbst (âtman) ist der Herr von allem und jedem; es ist in sich vollkommen, es ist das Eine und Absolute, es ist absolutes Bewusstsein (cit), es tut selbst nichts, es ist von allen Bindungen frei und in ewiger Ruhe. Nur Maya, die Macht der Täuschung, ist die Ursache der Verstrickung in den Kreislauf der Verkörperungen (samsâra).

*

Erkenne, dass das göttliche Selbst (âtman) das unendliche Bewusstsein (brahman) ist und dass es in ihm keinen Schatten der

Zweiheit gibt. So wie echtes Gold in den vielfältigsten Formen und Gestalten immer doch Gold bleibt, so wird dieses alles durchdringende göttliche Leben nicht verändert, wenn ihm auch die trügerische Einteilung nach Name und Form widerfährt. Ist das Dunkel der Unwissenheit zerstreut, so wird die Außenwelt als bloßer Widerschein des inneren Selbst erkannt.

*

Oh, mein Sohn, lange, lange bist du vom Seile weltlichen Begehrens an deine Persönlichkeit gefesselt gewesen. Zerschneide jetzt dieses Seil mit dem Schwerte der Erkenntnis und atme auf!

*

Du bist ungebunden und rein und vollbringst nichts aus eigenem Willen. In allem siehst du dich selbst und dein Streben hat aufgehört, aber es ist deine Meditation, die noch Bindung erzeugt.

*

Du erfüllst das gesamte All und fürwahr, das All ruht in dir. Du bist das reine und absolute Bewusstsein. Sei nicht verzagt!

*

Trachte nach nichts, fürchte nichts, überwinde alle Schwächen und lass jeden Wunsch erkalten! Setze deiner Einsicht keine Schranken, lass deinen Geist unbezwingbar sein und verweile formlos und gelassen in dem einen Bewusstsein!

*

Du musst wissen, dass nur das Formlose, aber nicht das Formhafte wirklich existiert. Wenn du diese Gesetz verstanden hast, wirst du nicht wieder geboren.

*

So wie die Oberfläche eines Spiegels innerhalb und außerhalb des reflektierten Spiegelbildes existiert. So existiert das göttliche Selbst (âtman) sowohl innerhalb wie auch außerhalb des Körpers.

*

So wie der alles-durchdringende Raum sowohl innerhalb als auch außerhalb eines Gefäßes ist, so ist auch das alles-durchdringende Bewusstsein in allen Wesen und Objekten.

König Janaka:

Jetzt erkenne ich, dass mein Selbst über den Bereich der materiellen Welt (prakriti) erhaben ist; denn ich bin in meinem Wesen die lautere göttliche Vernunft (caitanya). Wie seltsam, dass ich mich so

lange von der Unwissenheit täuschen ließ!

*

Indem ich diesen meinen Körper erstrahlen lasse, lasse ich auch das gesamte Universum leuchten, denn das ganze All gehört mir allein oder - nichts gehört mir.

*

Oh, ich erkenne nun meine Unabhängigkeit vom Körper und von der Welt.

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