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Ashley Parker - Im Schatten der Erdmagie: Unheimlicher Roman

Alfred Bekker, W. A. Hary

Ashley Parker - Im Schatten der Erdmagie: Unheimlicher Roman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Im Schatten der Erdmagie

Alfred Bekker und W. A. Hary schrieben als Ashley Parker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 99 Taschenbuchseiten.

Die Studenten Ellen Kioto und Peter Carmichael laufen sich auf dem Campus der Oxford Universität über den Weg und verlieben sich auf den ersten Blick ineinander. Wie gebannt erkennen beide, dass sie nicht nur füreinander bestimmt sind, sondern schon frühere Leben gemeinsam verbracht haben. Fortan sind sie ein Paar. Einzig Kara Kioto, Ellens Mutter, verhält sich dem Freund ihrer Tochter gegenüber distanziert, und Ellen verlangt von ihr den Grund dafür zu wissen. Schweren Herzens erzählt Kara ihrer Tochter von der japanischen Mythologie, der Urmutter Gaia und dem Volk aus der Tiefe und dass sie befürchte, dass Ellen das gleiche Schicksal beschieden sei wie allen Frauen ihrer Familie, deren Ehemänner sehr jung starben ...

1

„Was hat eigentlich deine Mutter gegen mich?”, fragte Peter Carmichael, und es klang irgendwie traurig.

Ellen wusste ganz genau, dass ihr Freund nicht ganz unrecht hatte mit seiner pessimistischen Einschätzung, obwohl sie keine Ahnung hatte, was ihre Mutter wirklich bewog, so misstrauisch zu sein. Sie war doch sonst nicht so. Aber wenn sie ihre Mutter zur Rede stellte, wich diese aus und tat so, als müsste sich Peter irren. Genau das Gegenteil sei angeblich der Fall: Sie sei froh darum, dass ihre Tochter „einen so guten Jungen” gefunden habe. Ja, so nannte sie Peter wörtlich: „Einen guten Jungen!”

Ellen knuffte Peter kameradschaftlich in die Seite und versuchte ein fröhliches Lachen, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. Sie konnte ja auch nichts dafür, wenn Mutter auf ihn so seltsam reagierte, wann immer sich die beiden begegneten.

„Du weißt doch, wie das ist mit Müttern: Die sind manchmal auch ein wenig eifersüchtig, ohne es eingestehen zu wollen! Du solltest das nicht so tragisch nehmen.”

„Tu ich ja gar nicht”, verteidigte er sich lahm.

„Ach, nein?” Sie packte ihn an den Schultern und suchte seinen Blick. „Was denn sonst?”

„Also, wenn du so lachst, vergehen alle meine Sorgen!”, behauptete er und lachte jetzt ebenfalls. Sie küssten sich, lang und innig. Doch Ellen spürte sehr wohl, dass er mit seinen trüben Gedanken dabei immer noch ein wenig bei ihrer Mutter weilte.

Gerade eben hatte Peter sie daheim abgeholt. Mutter hatte ihm geöffnet. Ellen wusste nicht so genau, was eigentlich vorgefallen war - falls überhaupt! -, aber Mutter hatte irgendwie Probleme mit Peter. Obwohl sie noch nie etwas Negatives über ihn gesagt hatte. Sie schaute ihn kaum an, sprach nur das Allernötigste und tat immer sehr beschäftigt, um nur ja keinen näheren Kontakt zulassen zu müssen. Manchmal hatte Ellen sogar vermutet, sie würde erleichtert aufatmen, wenn sie mit ihrem Freund endlich das Haus verließ.

Ja, sie vermutete das eher, als dass sie sich überhaupt sicher sein konnte.

Ellen befreite sich aus den Armen ihres Freundes und betrachtete ihn nachdenklich. Vielleicht sollte sie ihre Mutter doch noch einmal darauf ansprechen? Das war wirklich nicht normal, wie sie sich Peter gegenüber verhielt ...

Peter war über einen Kopf größer als sie, ein Hüne von Gestalt. Sein ungebändigtes Blondhaar war für die momentane Mode viel zu lang, aber Ellen mochte das an ihm. Er selber an sich natürlich auch, sonst hätte er es wohl schon geändert, ehe sie sich kennen und lieben gelernt hatten.

Seit einem knappen Monat kannten sich die beiden. Sie hatten sich auf dem Campus kennengelernt. Ja, erst vier Wochen war das her. Dabei hatte Ellen den Eindruck, als würden sie sich ihr Leben lang schon kennen. Alles an ihm war ihr so vertraut, von Anfang an. Er hatte ihr gestanden, dass es ihm genauso erging. Schon am ersten Tag ...

Ellen erinnerte sich gern an ihre erste Begegnung. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Oxford. Peter studierte an derselben Universität Maschinenbau. Ein relativ neuer Fachbereich an dieser traditionsreichen Universität, mit speziellen Vorgaben.

Liebe auf den ersten Blick! Das war es in der Tat. Sie hatten sich angeschaut, und es war passiert. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel hatte es sie erwischt. Sie waren beide stehen geblieben und vergaßen, wohin sie ursprünglich gehen wollten. Minutenlang schauten sie sich einfach nur an, als würde es sonst nichts mehr auf dieser Welt geben, was sie interessiert hätte.

Auf einmal ergriff Peter ihre Hand und führte Ellen weiter. Ellen folgte ihm, wie betäubt. Allerdings nur ein paar Schritte. Dann riss sie sich verwirrt los.

Peter blieb ebenfalls wieder stehen und sah sie an, offensichtlich genauso verwirrt.

„Was ... was geschieht mit uns?”, fragte er.

Das klang zwar nicht gerade geistreich, aber Ellen hatte sich das selber schon gefragt: Ja, was geschah hier mit ihnen beiden?

„Ich ... ich bin Ellen Kioto”, stotterte sie. Es kam einfach so über ihre Lippen, eigentlich ohne ihr direktes Zutun.

„Japanischer Name?”, fragte er, heilfroh, dass Ellen die Situation mit ihrer Vorstellung wenigstens halbwegs gerettet hatte. Dabei vergaß er völlig, dass es allein schon die Höflichkeit gebot, sich nun selber vorzustellen.

„Ja, meine Mutter ist Japanerin”, gab Ellen bereitwillig Auskunft. Sie überlegte dabei überhaupt nicht. „Sie hat Vater auf einer Auslandsreise kennengelernt und folgte ihm prompt nach England.”

„Einfach so?”

„Sie ... sie hat erzählt, es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen – und es ist Liebe geblieben, bis ...”

„Was ist passiert?”

„Er ... er lebt nicht mehr. Mein Vater, meine ich. Er kam bei einem Unfall ums Leben. Beinahe wären auch Mutter und ich dabei umgekommen, ja, beinahe. Es war auf dem Weg zu einer Kurztagung. Mutter und ich wollten mit dabei sein. Das war ausnahmsweise erlaubt. Ich war damals allerdings noch klein. Und mir wurde kurz vor der Abfahrt ziemlich übel – so schlimm, dass Mutter mit mir zurückbleiben musste.”

„Und da ist dein Vater umgekommen?”

„Wie gesagt, Mutter und ich wären mit dabei gewesen. Doch kaum war er abgefahren ...”

„Was war dann?”

„Ich ... ich habe es irgendwie gespürt. Glaube es mir oder nicht, aber ich bin heute noch sicher, dass ich genau wusste, was mit Vater geschah. Nur fünf Minuten nach seiner Abfahrt habe ich geschrien und getobt. Mir war auch gar nicht mehr übel gewesen ...”

„Seltsame Geschichte!”, bekannte er.

Noch verwirrter als zuvor griff sie sich an den Kopf.

„Wieso erzähle ich das denn überhaupt einem Wildfremden? Ich ... ich habe noch niemals mit jemandem darüber geredet, noch nicht einmal mit meiner Mutter.”

„Wildfremd? Glaubst du wirklich, dass ich das bin?”

Sie schaute ihn wieder an, und er nahm sie einfach in die Arme. Sie wehrte sich nicht dagegen. Ganz im Gegenteil. Sie spürte ihn, und das tat ihr unendlich gut. Sie klammerte sich regelrecht an ihn, wie an jemanden, den sie Ewigkeiten hatte vermissen müssen.

Nein, ein Wildfremder war er nicht für sie. Das Gefühl war deutlich: Sie hatte ihn wiedergefunden! Als ihr das klar wurde, befreite sie sich wieder aus seinen Armen.

Er schüttelte den Kopf.

„Ich ... verstehe das nicht, Ellen. Du bist mir so vertraut, als würden wir uns schon immer kennen.”

„Du mir auch. Ist das nicht irgendwie ... gespenstisch?”

„Ja, das wäre es, wenn es nicht ... so schön wäre!”

„Doch, das ist es: schön! Ich verstehe es zwar nicht, aber ich habe das Gefühl, als würden wir uns schon länger kennen als wir überhaupt schon leben.”

„Wirklich?”

„Und wie geht es dir?”

„Genauso! Ich habe bisher niemals an eine Wiedergeburt geglaubt, aber jetzt ist es ja gerade so, als hätten wir uns schon in einem vorherigen Leben gekannt ...”

„Mehr noch als das: Als hätten wir uns in diesem vorherigen Leben sogar ... geliebt!”

Er schüttelte den Kopf, um den Alpdruck loszuwerden, der schwer auf ihm lastete, doch das gelang ihm nicht.

Ellen nahm ihn jetzt ihrerseits in die Arme.

„Willkommen zurück!”, sagte sie. Das sollte eigentlich mehr ein Scherz sein. Damit wollte sie die Situation keineswegs noch mystischer erscheinen lassen, als sie ohnehin schon war, doch er erkannte anscheinend den Scherz nicht, sondern erwiderte: „Du auch, Liebes: Willkommen zurück!”

Ellen versuchte noch einen weiteren Scherz, der aber genauso misslang, wie sie sofort spürte: „Wie heißt du denn – in diesem Leben?”

„Peter Carmichael!”, stellte er sich nun endlich ebenfalls vor. „An den Namen meines vorhergehenden Lebens kann ich mich leider nicht mehr erinnern.”

„Moment mal, glaubst du denn wirklich daran?”

„Wieso nicht? Drängt es sich nicht geradezu auf? Wie anders wären denn unsere Gefühle sonst zu erklären – und unsere Verwirrung, als hätten wir uns seit undenkbar langer Zeit wiedergefunden, ohne uns jedoch an Einzelheiten von vorher erinnern zu können?”

„Äh, eigentlich wollte ich zu einer Vorlesung ...”

„Ich auch, aber was tun wir ansonsten?”

„Wiedersehen feiern?”

Jetzt lachte er.

„Ich weiß, Ellen, du versuchst ständig, Witze darüber zu machen, aber du kannst ja nichts dafür, dass jedes Wort trotzdem eher klingt, als würde es die Wahrheit haargenau treffen ... Übrigens, man sieht dir an, dass deine Mutter Japanerin ist. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass die Töchter von Japanerinnen und Engländern besonders schön geraten? Du bist hierfür das lebende Beispiel.”

„Ach, du Schmeichler! Sagst du so etwas denn immer, wenn du einem Mädchen begegnest?”

„Gewiss, in diesem Leben schon, aber nicht immer, sondern nur in Ausnahmen, wenn mir das Mädchen besonders gut gefällt.” Er lächelte entwaffnend.

Sie betrachtete ihn genauer. Eigentlich das erste Mal so richtig. Er war ein blondschopfiger Hüne. Haben so die Wikinger ausgesehen? Wäre er Amerikaner, würde er sicherlich Baseball spielen. Was tut er denn ... als Engländer?

„Machst du Sport oder so?”

„Ja, natürlich – vor allem ‚und so‘!” Es schien für ihn völlig selbstverständlich zu sein, dass sie ihn ausfragte. Er lächelte verschmitzt.

„Was denn speziell?”

„Nichts Spezielles, Liebes. Ich mag jede Sportart. Außerdem gehe ich regelmäßig ins Fitnessstudio, um die nötige Grundlage für alle Sportarten zu haben.”

„Da gehe ich allerdings auch hin, obwohl ich ansonsten keine sportlichen Ambitionen habe.”

„Na, bei deiner Figur hast du das ja auch kaum nötig.”

Sie musste lachen über dieses Kompliment. Dann schlug sie vor: „Komm, gehen wir in die Mensa. Jetzt können wir uns sowieso auf keine Vorlesung mehr konzentrieren. Wird Zeit, dass wir uns näher kennenlernen.”

„He, du gehst aber mal ran!”

„Falls es dich stört ...”

Jetzt lachte er wieder: „Nein, nein, ganz und gar nicht. Ich brenne darauf, zu erfahren, wer Ellen Kioto ist, die Frau, die ich offensichtlich aus einem früheren Leben schon kenne!”

„Nun, dann brenne mal schön, mein Lieber. Aber nur, wenn ich mitbrennen darf!”

Sie lachten beide und gingen Hand in Hand weiter, als sei das völlig selbstverständlich.



2

Ihre Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. Sie rang sich zu einem Entschluss durch: „Hör zu, Peter, ich muss noch einmal zurück zu Mutter. Bleibe hier stehen, und rühre dich nicht von der Stelle.”

„Was hast du vor?”, rief er alarmiert.

„Ich werde sie zur Rede stellen und nicht eher locker lassen, bis sie mir sagt, was los ist.”

Er erschrak.

„Das willst du wirklich tun? Glaubst du nicht, es wäre vielleicht ein wenig übertrieben?”

„Kannst auch im Auto auf mich warten, falls es dir zu lang dauert. Aber warte!”

„Ja, ja, tu ich ja schon, aber ich finde wirklich ...”

„Bis bald!”, fiel sie ihm ins Wort und eilte zurück, Richtung Haus, während er kopfschüttelnd weiterging in Richtung Auto, das am Straßenrand weiter vorn parkte.

Unterwegs kamen ihr doch noch Bedenken. Wie würde ihre Mutter reagieren, wenn sie einfach zurückkam, um mit ihr über das seltsame Verhalten gegenüber Peter zu reden? Bisher war sie jeder Frage ausgewichen und hatte ihr sogar vorzumachen versucht, sie sei mit der Wahl ihres Freundes absolut einverstanden. Aber wenn sie etwas gegen Peter hatte, wieso sagte sie es dann nicht offen und ehrlich und belog ihre Tochter sogar? Was sollte denn das überhaupt?

Wieder fester entschlossen beschleunigte sie ihre Schritte. Sie sperrte die Eingangstür auf und warf einen Blick zurück.

Eigentlich geschah das unbewusst. Ihr wurde das erst klar, als sie sah, dass die Bäume im Vorgarten die Sicht zum Auto von Peter verdeckten. Irgendwie hatte sie seine Blicke im Nacken gespürt. Die ganze Zeit über, als sie zum Haus zurück ging. Er machte sich Sorgen, also war es ganz natürlich, wenn er ihr nachschaute ...

Doch das konnte in Wirklichkeit gar nicht sein, denn er konnte gar nicht bis zum Haus sehen. Ellen wusste, dass er zum Auto weitergegangen war. Sie hatte es aus den Augenwinkeln noch beobachten können. Dort, wo sie ihn verlassen hatte, stand er jedenfalls längst nicht mehr. Er war ganz eindeutig außer Sichtweite, aber noch immer spürte sie seine Blicke?

Seine?

Sie runzelte ihre hübsche Stirn und schaute sich suchend um, in der offenen Tür stehen bleibend. Das Gefühl, aus dem Unsichtbaren heraus beobachtet zu werden, war so überdeutlich, dass sie sich dessen nicht erwehren konnte.

Ein eiskalter Schauer rieselte ihr über den Rücken. Wenn es nicht ihr Freund war ... Wer sonst?

Sie schaute sich schier die Augen aus dem Kopf, konnte aber niemanden sehen. Von wo kamen überhaupt die forschenden Blicke? Aus welcher Richtung? Auch das vermochte sie nicht so recht zu sagen.

Erneut schauderte es sie. Am liebsten hätte sie die Tür zugeworfen und wäre ins Haus geflüchtet, aber aus Trotz blieb sie noch stehen und schaute sich weiterhin aufmerksam um. Egal, wer sie beobachtete, derjenige sollte schon merken, dass sie nicht so leicht einzuschüchtern war.

Der Beobachter allerdings auch nicht. Sie spürte nach wie vor seine dreisten Blicke. Nein, sie waren nicht forschend, sondern eher ... brennend. Richtig, das traf es besser: Brennende Blicke – so heftig, dass sie es regelrecht auf der Haut spürte.

Mein Gott, was soll denn das?, fragte sie sich im Stillen. Wer lauerte ihr denn da auf? Derjenige hatte auch keine Bange vor Peter, sonst wäre er nicht so dreist.

Egal jetzt!, entschied Ellen und schloss kurzerhand doch die Tür. Schließlich war sie zum Haus zurückgekehrt, um ihre Mutter zur Rede zu stellen. Vielleicht war sie einfach deswegen so nervös geworden und bildete sich nur etwas ein?

Wenn sie es recht bedachte, neigte sie immer wieder dazu, Dinge zu spüren, die anderen verborgen blieben. Bisher hatte sie sich stets erfolgreich eingeredet, das sei deshalb so, weil sie eine besonders blühende Fantasie besaß. Doch diesmal war dieses Gespür, beobachtet zu werden, schlimmer als alles andere je zuvor. Das Allerschlimmste daran jedoch war: Selbst als die Tür geschlossen war, hörte es nicht auf!

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