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Ashley Parker - Fluch der Meere (Historischer Roman)

Alfred Bekker, W. A. Hary

Ashley Parker - Fluch der Meere (Historischer Roman)

Gesamtausgabe / Cassiopeiapress





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Fluch der Meere

Alfred Bekker und W.A. Hary schrieben als Ashley Parker

Roman

Ein CassiopeiaPress E-Book

(c) 2004, 2005, 2009, 2010, 2014 by Alfred Bekker & Wilfried A. Hary

(c) der Digitalausgabe 2010 und 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

Dieser Roman erschien unter gleichem Titel in verschieden ausgestatteten Ausgaben bei den Verlagen Moments/Area, Ullstein, Weltbild und Club Bertelsmann. Eine Komplettlesung als Hörbuch erschien im Action-Verlag.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@AlfredBekker.de

Prolog

Das Königreich England zählte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung kaum mehr als vier Millionen Einwohner. Heutzutage vergleichbar mit einer Stadt wie Frankfurt/Main mit Einzugsgebiet. In Frankreich hingegen lebten zur selben Zeit immerhin zwanzig Millionen. England war mithin ein kleines Land, und es lag für damalige Begriffe sogar am Rand der bewohnten Welt.

Der Aufstieg Englands im Zeitalter von Königin Elisabeth (sie herrschte von 1558 bis 1603), der Tochter vom großen Heinrich VIII., war eng mit der Tatsache verbunden, dass sich die maritime Randlage in Vorzüge zu verwandeln begann. Allerdings nicht von allein. Königin Elisabeth musste es aktiv betreiben. Sie wusste haargenau: Die atlantische Welt war die Welt der Zukunft, doch sie wurde rigoros monopolisiert von der spanischen Handelsschifffahrt - noch!

Ein offener Konflikt mit dem politisch befreundeten Spanien unter König Philipp II. hätte unweigerlich zu ihrem Sturz geführt, denn sie brauchte ihn als Verbündeten gegen das ihr feindlich gesinnte Rom. Genauso wie er sie brauchte, denn England war von enormer Bedeutung für die Sicherung der Verbindungslinien zwischen Spanien und den Niederlanden.

Königin Elisabeth fand einen anderen, höchst inoffiziellen Weg. Unter ihrer Herrschaft wurde dies die hohe Zeit der englischen Freibeuter, die insgeheim das Wohlwollen von Königin Elisabeth ernteten, sofern sie bevorzugt spanische Handelsschiffe überfielen und dadurch deren Majorität untergruben!

Viel später, im zwanzigsten Jahrhundert etwa, hätte man eine solche Vorgehensweise wohl als eine Art "Kalten Krieg" bezeichnet...

*

In der Neuen Welt

Im Jahre des Herrn 1564

 

Die WITCH BURNING hatte beigedreht. Das Piratenschiff lag nun seitlich neben der SWORD FISH, einem Kriegsschiff Ihrer königlichen Majestät Elizabeth I. von England.

Ein Fallreep verband beide Schiffe. Die Segel waren sowohl auf Seiten der Engländer als auch auf Seiten der Piraten so sehr gerefft, dass beide Schiffe kaum noch Fahrt hatten. Sie dümpelten gemeinsam in Richtung Süden dahin, wo einige Dutzend Seemeilen entfernt die Küste von Darien lag, wie die schmale Landbrücke genannt wurde, die den Atlantik vom Pazifischen Ozean trennte.

Es wehte ein nur lauer Wind aus Westen, der überdies stetig nachgelassen hatte.

Ein Wind, der vom Pazifik her über die Mangrovensümpfe Dariens strich.

Lord Coopers rechte Hand legte sich um den Griff des mächtigen Degens, den der Gesandte seiner jungfräulichen Majestät Elisabeth an der Seite trug.

Er blinzelte gegen die tiefstehende, milchig gewordene Sonne und sah den grinsenden Piratengesichtern entgegen. Grobe Kerle, gekleidet in geraubte Uniformteile und Kleidungsstücke aus aller Herren Länder waren sie. Zusammengewürfelt aus allen europäischen Nationen. Sie waren gut bewaffnet. Degen, Schwerter, Harkebusen, Musketen und Armbrüste sah Lord Cooper.

"Wo bleibst du, Gesandter der jungfräulichen Königin?", rief einer der Männer mit rauer Stimme. "Traust du dich etwa nicht, deine gelackten Schuhe auf die Planken der verfluchten WITCH BURNING zu setzen?"

Ein grölendes Gelächter folgte.

Die wilde Piratenmeute amüsierte sich köstlich.

Lord Cooper nahm das gelassen hin. Er suchte mit den Augen die Reihen der wilden Gesellen ab.

Wo ist sie?, dachte er.

Jeannet...

Die Frau, von der er wusste, dass er sie niemals würde vergessen können. Mochten auch Standesunterschiede und die Staatsräson sie trennen.

"Ihr sucht Eure Piratenanführerin, Sire?", fragte Geoffrey Naismith. Der Zweite Offizier der SWORD FISH hatte die Gedanken seines Kommandanten exakt erraten. "Ihr wundert Euch, dass sie nicht an Deck ist, um Euch zu begrüßen..."

Lord Cooper wandte den Kopf in Naismith' Richtung. Der süffisante Unterton gefiel Cooper nicht. Naismith war feinfühlig genug, um das zu bemerken.

Naismith hob beschwichtigend die Hände.

"Vergebt mir, Sire! Aber Eure Sympathie für die Kommandantin der WITCH BURNING war nicht zu übersehen!"

"Hütet Euch!", knurrte Lord Cooper düster.

Naismith lächelte.

Der Wind frischte etwas auf und wehte ihm das bis über die Schultern reichende gelockte Haar ins Gesicht.

"Missversteht mich nicht! Jeder würde Euch dieses Vergnügen gönnen, selbst wenn es Euch vielleicht mit der Mission im Dienst der jungfräulichen Königin in Konflikt bringen könnte. Trotz der Männerkleidung, die diese junge Frau stets trug, wirkte sie, als wäre darunter einiges zu finden, das Euer Herz vielleicht höher schlagen ließ."

Die Art, mit der sein Zweiter Offizier sich zu äußern wagte, gefiel Lord Cooper ganz und gar nicht. Unwillkürlich ballte er die Hände zu Fäusten. Aber dies war nun wirklich der schlechteste Zeitpunkt, um einen Ehrenhändel unter Gentlemen auszutragen.

Es ist deine eigene Schuld, ging es ihm durch den Kopf. Du hättest vorsichtiger sein müssen. Außerdem solltest du immer und überall damit rechnen, dass der Hof seine Augen und Ohren selbst hier, weit draußen in den feuchtheißen Gewässern der Neuen Welt hat. Lord Coopers mächtiger Brustkorb hob und senkte sich. Vielleicht ist Naismith Auge und Ohr der Königin oder einer ihrer Schranzen. Wer weiß?, überlegte er. Würde er es sonst wagen, derart selbstbewusst gegenüber seinem Kommandanten aufzutreten?

Einer der Piraten trat an die Reling.

Es war Ben Rider, der Erste Offizier der WITCH BURNING und Jeannets Stellvertreter.

"Warum zögert Ihr, Cooper?", rief er. "Unsere Kommandantin erwartet Euch!"

Naismith hielt ihn zurück.

"Wartet, Sire!"

"Weshalb?"

"Das ist eine Falle!"

"Für Eure Annahme gibt es keinen Anlass! Diese Piraten mögen Euch nicht gefallen, aber Ihr mögt Euch bitte daran erinnern, dass sie Verbündete Englands sind!"

"Von Jeannet ist weit und breit nichts zu sehen, Sire."

"Aye."

"Wahrscheinlich hat dieser Halsabschneider Ben Rider längst das Kommando übernommen und Jeannet den Haien zum Fraß vorgeworfen oder als Sklavin verkauft! Ihr wisst doch, wie käuflich diese Hundesöhne sind! Wenn Ihnen jemand ein paar Golddublonen mehr für ihre Dienste gibt, dann wechseln sie bedenkenlos die Seiten."

Cooper lächelte dünn.

"Jeannet ist eine starke Kommandantin. Ich glaube nicht, dass sie sich so einfach im wahrsten Sinn des Wortes ausbooten lassen würde!"

Cooper trat als erster auf die rutschigen Planken des Fallreeps, das beide Schiffe miteinander verband.

Naismith fluchte vor sich hin und folgte ihm zusammen mit einem halben Dutzend Bewaffneter.

Mehr als dieses Gefolge ließen die Männer der WITCH BURNING allerdings nicht zu.

Die anderen schickten sie mit lautstarken Beschimpfungen zurück. Aber erst auf Coopers Zeichen hin gehorchten sie.

Ben Rider baute sich breitbeinig vor Lord Cooper auf.

Eine Hand umfasste den Degen, der Daumen der anderen klemmte hinter einem breiten Gürtel. Eine Filzklappe bedeckte Riders rechtes Auge. Er blickte abschätzig an Cooper hinunter und spuckte dann aus.

"Bringt mich zum Kapitän!", forderte Cooper.

"Folgt mir, Cooper. Aber Eure Männer bleiben hier an Deck."

Naismiths Hand griff zum Degen.

"Was habe ich Euch gesagt, Sire!", stieß er erregt hervor.

Der Zweite Offizier der SWORD FISH ließ seine Waffe allerdings stecken, als ein halbes Dutzend Harkebusen, Pistolen und Armbrüste plötzlich in seine Richtung zeigten.

"Es ist schon in Ordnung", erklärte Cooper an Naismith gerichtet.

Er nickte Rider zu und folgte ihm unter Deck.

Sie stiegen eine schmale Treppe hinab. Die Bretter knarrten bei jedem Tritt. Anschließend ging es durch einen engen Korridor. Schließlich erreichten sie die Tür zur Offiziersmesse.

Rider klopfte.

"Lord Cooper ist hier!", rief er.

Eine helle, freudig erregte Stimme antwortete.

"Dann mag er hereinkommen!"

Lord Cooper hätte diese Stimme unter tausenden sofort erkannt. Zweifellos gehörte sie niemand anderem als Jeannet Harris, der gefürchtesten Piratin, die je die Gewässer der neuen und der alten Welt befahren hatte.

Die Tür öffnete sich knarrend.

Rider trat zur Seite.

Lord Cooper ging in die Kapitänskabine. Hinter ihm ließ Rider die Tür wieder ins Schloss fallen.

"Jeannet!", stieß Lord Cooper hervor.

Der Anblick, der sich ihm in diesem Augenblick bot, raubte dem großen, breitschultrigen Mann beinahe den Atem. Keine Piratin in Männerkleidern und einem breiten Waffengurt stand vor ihm, sondern eine bildhübsche junge Frau in einem grünweißen, mit kostbaren Stickereien besetzten Kleid, das die vollendeten Formen ihres weiblichen Körpers vorteilhaft betonte. Das rötliche, dichte Haar war kunstvoll aufgesteckt. Wertvolles Geschmeide trug sie um den Hals. Geschmeide, das sie mit Sicherheit spanischen Seglern abgenommen hatte.

Sie lächelte.

"Nun, Lord Cooper, hat es Euch etwa die Sprache verschlagen --- oder erkennt Ihr mich tatsächlich nicht mehr wieder?"

"Nun..."

"Eigentlich hatte ich gedacht, dass unsere letzte Begegnung einen etwas nachhaltigeren Eindruck auf Euch gemacht hätte!"

"Wie könnte ich Euch vergessen, Jeannet!"

"Da bin ich beruhigt! Ich dachte schon, in den langen Monaten, die wir getrennt waren, hättet Ihr Euch Frauen zugewandt, die nicht in Männerkleidern herumlaufen und Musketen abfeuern!" Ihre grünen Augen, die Cooper stets an die Farbe und den Geruch von Seetang erinnert hatten, blitzten herausfordernd.

"Während meiner Passage nach England und der Zeit am Hof habe ich nur an Euch gedacht, Jeannet!"

"Und doch ist Eure Begrüßung viel scheuer und zurückhaltender, als erwartet. Fast so, als hättet Ihr unseren leidenschaftlichen Abschied schon ganz und gar vergessen..."

Cooper schluckte.

Sie trat auf ihn zu, raffte dabei etwas ihr Kleid zusammen. Dennoch raschelte der Saum über die Holzplanken. Amüsiert stellte Cooper dabei fest, dass ihre Füße bloß waren.

Sie drehte sich einmal herum. Das Kleid schwang dabei mit ihr und ergab zusammen mit ihrem schlanken, wohlgeformten Körper ein anmutiges, harmonische Bild. "Das ist die neueste Mode aus Spanien", lachte sie. "So etwas trägt man jetzt in Madrid und Toledo."

"Geraubt von spanischen Galeonen", murmelte Lord Cooper.

"Geraubt im Auftrag der Königin von England", ergänzte Jeannet.

Sie schlang die Arme um seinen Hals. Er fasste sie bei der Taille. Der Geruch von französischem Parfum umgab sie. Es war wie einem Traum.

Er flüsterte zärtlich ihren Namen, sprach ihn mit einem unverwechselbaren Timbre aus, das die junge Frau unwillkürlich schlucken ließ.

"Jeannet..."

"Oh, Donald. Ich bin so froh, dich nach all den langen Monaten endlich wieder zu sehen." Ihr Gesicht wirkte auf einmal sehr ernst. Der Blick ihrer Augen suchte in seinen Zügen nach Spuren jener Liebe, die sie miteinander verband. Existierte das unsichtbare Band zwischen ihnen noch? Diese geradezu unheimliche Anziehungskraft, die sie im Zweifel alles andere vergessen lassen würde? Ja, dachte sie. Es ist noch da!

Sie sah es in seinen Augen, seinem Lächeln, seiner Körperhaltung. In jedem ach so liebgewordenen Detail. Wir sind füreinander bestimmt und daran wird sich nie etwas ändern, dachte sie. Gleichgültig, welche Ozeane uns auch trennen sollten --- mögen sie nun als Salzwasser oder politischen Abgründen bestehen!

In seinen Augen leuchtete jenes unverwechselbare Feuer, jenes lebenshungrige Blitzen, das sie schwach werden ließ, wenn sie nur daran dachte. Ihm gegenüber brauchte sie nicht darauf zu achten, die Autorität zu behalten. Sie konnte sich fallen lassen, schwach sein und doch die Gewissheit haben, dass er dies niemals ausnützen würde.

"Ich habe mich nach Euch gesehnt, Lord Cooper --- oder gestattet Ihr mir, Euch Donald zu nennen?"

Jeannet sprach leise, fast gedämpft.

Sie wollte nicht, dass irgendeiner ihrer Männer etwas von dem mitbekam, was hier gesagt wurde.

Niemanden ging das etwas an.

Niemanden auf der ganzen Welt.

Lord Cooper lächelte.

Jeannet machte sich hin und wieder über die Standesunterschiede zwischen ihnen lustig, indem sie ihn sehr förmlich anredete, obwohl sie ihm in Wahrheit sehr, sehr nahe war. Aber dieser Graben stand nun einmal zwischen ihnen. Sie, die auf die schiefe Bahn geratene Tochter einer im Hexenwahn dahingemordeten Gauklerfamilie, er ein Mann, der sich zum Berater der Königin hochgearbeitet hatte. Sie eine Piratin, er ein Vertreter der Gesetze und der Macht ihrer jungfräulichen königlichen Majestät Elizabeth I. von England. Der Unterschied hätte größer nicht sein, der Graben der Konventionen nicht tiefer.

"Oh, Jeannet, ich habe mich auch so nach euch gesehnt", stieß er hervor.

Ihrer beider Blicke verschmolzen für einige Augenblicke miteinander. Eine sanfte Röte überzog ihr Gesicht. Cooper strich ihr zärtlich eine verirrte Haarsträhne von der Stirn.

Sie standen dicht beieinander. Jeder konnte den bebenden Herzschlag des anderen spüren. Jeannet stellte sich auf die Zehenspitzen, während sich Lord Cooper etwas herabbeugte. Sie spürte den Griff seiner starken Hände in ihrem Rücken.

Ihre Lippen trafen sich mit den seinen zu einem Kuss. Zuerst tastend und vorsichtig, dann fordernder und voller Leidenschaft. Einen Augenblick, von dem Jeannet sich wünschte, er würde ewig anhalten. Ein prickelndes Gefühl überlief ihren Körper. Mein Gott, wie habe ich das nur die ganze Zeit ohne ihn ausgehalten, durchzuckte es sie. Ihre Lippen suchten immer wieder die seinen. Wie ausgehungert fühlte sie sich.

Atemlos lösten sie sich schließlich wieder voneinander.

Cooper nahm sehr zärtlich ihre Hände.

Sie hob die Augenbrauen. Ein strahlendes Lächeln stand in ihrem Gesicht, ihre Augen leuchteten. "Na, wie gefalle ich Euch?", fragte sie. "Ihr habt Euch bisher noch nicht sehr ausführlich dazu geäußert!"

Cooper lächelte mild.

"Ihr seht bezaubernd aus, Jeannet!"

"Ich befürchtete schon, dass Ihr mich längst vergessen hättet. Schließlich gibt es am Hof Ihrer Majestät sicher sehr viel reizvollere Frauen als mich."

"Selbst in Männerkleidern und mit Waffengurt habt Ihr einen reizvolleren Anblick geboten, als manche der Hofdamen von London", erwiderte Cooper.

"Oh, Ihr seid ein Süßholzraspler!"

"Ich spreche die Wahrheit."

Sie lachte auf. "Gewiss!"

"Was ich sehe, hat mich überwältigt, Jeannet. Aber selbst in Lumpen gehüllt würde ich Euch noch voller Bewunderung und Liebe ansehen."

"Ihr seid ein Schmeichler."

"Ich untertreibe eher noch."

"Ach, Donald!"

"Zweifelt Ihr an meinen Worten, Mylady?"

"Jetzt übertreibt Ihr wirklich. Diese Anrede kommt mir nicht zu."

"Sie kommt einer Dame von innerem Adel und äußerer Vollkommenheit zu und das seid Ihr zweifellos."

Sie lachte, halb verlegen, halb vor Glück. "Ich wette, Ihr macht mindestens der Hälfte aller Frauen am Hofe Elizabeths derartige Komplimente."

"Wenn dem so sein sollte, so geschah es stets nur aus taktischen Erwägungen", erwiderte Cooper mit einem leicht spöttischen Lächeln.

Jeannet entzog ihm ihre Hände und stemmte die Arme in gespielter Empörung in die Hüften. Eine Geste, die eher zu der einfachen Gaukler-Tochter als zu dem hochherrschaftlichen Kleid passen wollte.

"Taktische Erwägungen? Was soll das denn heißen?"

"Nun, wenn ich die Männer dieser Frauen als Verbündete in der einen oder anderen Beratung mit Ihrer Majestät benötige, so..."

"...so erzählt Ihr ihnen das Blaue vom Himmel? Lasst sie glauben, dass sie schön und begehrenswert sind?"

Cooper atmete tief durch. Sein mächtiger Brustkorb hob und senkte sich dabei. "Jeannet, wollen wir uns jetzt wirklich streiten, nachdem wir uns so lange Monate nicht gesehen haben? Im Herzen war ich Euch vollkommen treu..."

"Nur im Herzen?"

"Von ganzer Seele, Jeannet. Warum so misstrauisch? Ist das nicht unserer Liebe unwürdig?"

Sie seufzte. Dann musterte sie ihn von der Seite, strich sich dabei eine verirrte Strähne ihres dichten Rotschopfs aus dem Gesicht.

"Das, was Ihr über Taktik sagtet, hat mich nachdenklich gemacht", meinte sie.

Cooper hob beschwichtigend die Hände.

"Das braucht es nicht, Mylady!"

"Ist es gar auch Taktik, diese Anrede jetzt erneut zu benutzen?"

"Ihr unterschätzt mich, Jeannet."

"Ich hoffe, dass Ihr nicht aus Taktik zum Wohle Englands, sondern aus Liebe zu diesem Treffpunkt gekommen seid, Sir Donald."

"Dessen könnt Ihr sicher sein."

Erneut nahm er Ihre Hände und sie ließ es geschehen.

Er sah an ihr herab. "Ihr seht wirklich bezaubernd aus."

Sie seufzte. "Es ist lange her, dass ich überhaupt ein Kleid getragen und mich derart herausgeputzt habe."

"Zweifellos solltet Ihr es öfter tun."

"Damit meine Männer mich nicht mehr Ernst nehmen? In mir nur eine schwache Frau sehen und nicht ihren Captain, mit dem sie auf Beutejagd gehen?" Sie schüttelte entschieden den Kopf. "Nein, für das Leben, das ich führe, ist das hier ein sehr unpraktischer Aufzug, den ich nur aus einem einzigen Grund angelegt habe: Um Euch gebührend zu empfangen."

"Dieser Ehre bin ich mir wohl bewusst", lächelte Cooper.

"Gleichwohl ist es ungewohnt. Ihr Männer seid doch darum beneiden, dass es Euch möglich ist, gleichzeitig Kleidung zu tragen, die praktisch ist und in denen Ihr den Frauen gefallt."

"Sagt bloß, dieses entzückende Kleid ist Euch unbequem, Jeannet."

Jeannet zog Cooper zu sich heran.

"Vielleicht habt Ihr ja Lust, mich von dieser Bürde zu befreien... Ich habe mich so danach gesehnt, in Euren Armen zu liegen, Sire."

"Jeannet!"

"Warum sollen wir unserer so lange aufgestauten Leidenschaft nicht freien Raum lassen?" Sie löste sich aus Coopers Griff, ging zur Tür und schob den Riegel davor. Dann näherte sie sich ihm wieder. Ein halb herausforderndes, halb sehnsüchtiges Lächeln spielte um ihre vollen Lippen. In ihren Augen glänzte das pure Verlangen. Zu viel Zeit war seit ihrem letzten Abschied vergangen und es stand zu befürchten, dass auch dieses Zusammentreffen nur von kurzer Dauer sein würde. Aber ehe der Abgrund zwischen unseren Welten wieder die Ausmaße eines Ozeans annimmt, möchte ich keinen Augenblick verschwenden, der mir mit diesem Mann geschenkt wird, durchzuckte es sie siedend heiß.

"Ich muss Euch etwas sagen, Jeannet!"

Sie trat an ihn heran, drehte sich herum.

"Helft mir bei diesem verflucht komplizierten Verschlüssen! Ohne eine Zofe vermag sie niemand zu öffnen. Kein Wunder, dass die feinen Damen einen Hofstaat brauchen, der manchmal hunderte von Personen zählt. Nun macht schon und befreit mich, Mylord!"

"Jeannet!"

"Was glaubt Ihr, wie lange sowohl meine als auch Eure Leute unsere Unterredung tolerieren werden, ohne Misstrauen zu schöpfen? Eine Stunde? Zwei Stunden? Oh, Donald, wir haben Dinge zu besprechen, die die hohe Politik und den ewigen Konflikt zwischen Spanien und England betreffen. Da ist eine Beratungszeit von zwei Stunden doch nichts, worüber sich jemand wundern wird."

Cooper fasste sie bei den Schultern und drehte sie herum.

"Ich fürchte, die Männer auf unseren Schiffen wundern sich, was das betrifft, ohnehin über kaum etwas."

Ihre Augen wurden schmal.

"Was soll das heißen, Donald?"

Sein Blick wurde sehr ernst. "Nichts würde ich jetzt lieber tun, als mich ausschließlich unserer Liebe hinzugeben, Jeannet..."

"Was hindert Euch daran?"

Sie sah ihn fragend an. Irgend etwas stand plötzlich zwischen ihnen, das spürte die junge Frau sehr deutlich. Eine unsichtbare Barriere, die es bei ihrem letzten Abschied noch nicht gegeben hatte. Jeannet hatte plötzlich das Gefühl, einen dicken Kloß in ihrem Hals zu haben. Gerade noch hätte sie vor Glück beinahe zerspringen können, jetzt schien ein düsterer Schatten, alles zu verdunkeln.

Sie schob Donalds Hände zur Seite und verschränkte die Arme.

"Was ist los?", fragte sie.

Er sah sie offen an. "Am Hof der Königin hat sich der Wind gedreht", erklärte er nach einer kurzen Pause. "Elizabeth ist jetzt auf Ausgleich mit Spanien aus."

"Ich dachte, sie sähe in Spanien den schlimmsten Feind Englands und jeder Feind der Spanier wäre ihr Verbündeter. Waren das nicht Eure Worte?"

Cooper nickte.

"Ja, das waren meine Worte."

"Dann verstehe ich nicht, was sich geändert haben sollte!"

"England versucht eine Flotte aufzubauen, die in der Lage ist, sich gegen einen Angriff der spanischen Armada zu wehren. Aber das braucht Zeit. Die Regierung Ihrer Majestät plant, die Duldung der Freibeuter in den Gewässern der Neuen Welt und entlang der Passage über den Atlantik aufzuheben."

"Und was will diese ach so mutige Königin damit erreichen? Die Spanier werden sie früher oder später doch angreifen!"

"Früher - oder später. Genau das ist die alles entscheidende Frage, an der sich vielleicht Sieg oder Niederlage entscheiden."

Jeannet hob den Kopf.

"Und jemanden wie mich lässt man dafür über die Klinge springen?"

Cooper nickte.

"Ja", sagte er tonlos. An der Politik seiner Königin gab es in dieser Hinsicht nichts zu beschönigen.

Jeannet hatte genau erfasst, worauf dieses Spiel hinauslief.

Die junge Frau schluckte. Ihr war sofort klar, was das bedeutete. Der Pakt, den Lord Cooper zwischen ihr und der Krone von England geschmiedet hatte, konnte schon in Kürze hinfällig sein.

"Heißt das, wir werden wieder auf verschiedenen Seiten stehen?", fragte sie.

Lord Cooper nickte.

"Ich fürchte ja."

Sie drehte sich herum, blickte durch eines der Fenster hinaus auf die grünblau schimmernde See. Als sie wieder zu sprechen begann, klang ihre Stimme belegt. "Wann wird es dazu kommen?"

"Ich nehme an, dass wir uns bei unserer nächsten Begegnung als Feinde gegenüberstehen, Jeannet!"

Sie schluckte. Mit einem Griff löste sie ihre Frisur und ließ das rotgelockte Haar über die Schultern fallen. Tränen glitzerten in ihre Augen, Tränen des Zorns. "Ich wusste es! Ich wusste es von Anfang an! Die Gräben zwischen uns scheinen so tief zu sein, dass nicht einmal die Liebe sie zu überwinden vermag. Ich bin nur eine dieser auf Piratenschiffen gestrandeten Existenzen, während Ihr eine geachtete Persönlichkeit am Hof der Königin seid! Ihr hättet Euch nie in mich verlieben dürfen!"

"Das solltet Ihr nicht sagen", erwiderte er. Er fasste sie bei den Schultern. Sie versuchte nur halbherzig, sich ihm zu entwinden. Dann schlang sie die Arme um ihn. Sie kamen aus verschiedenen Welten, so schien es. Aus Welten, die für kurze Zeit in Verbindung miteinander getreten waren. Aber diese Verbindung konnte offenbar nicht von Dauer sein.

"Ganz gleich, welche Dokumente die Königin in London mit ihrem Federstrich auch unterzeichnen mag --- ich werde Euch immer lieben, Jeannet", sagte Lord Cooper. "Kein Standesunterschied und keine Staatsräson können daran irgend etwas ändern."

"Ich würde Euch so gerne glauben", sagte Jeannet.

Cooper legte die Arme um ihre Schultern.

"Es wird einen Weg für uns geben", versprach er.

"Es gäbe nichts, was ich mir sehnlicher wünschen würde."

"Warum zweifelt Ihr dann?"

"Haltet mich fest! Wenigstens für diesen Moment!"

Für Augenblicke hatte sie geglaubt, dass Glück in den Händen zu halten. Etwas, das wichtiger war, als alle Schätze, die sie spanischen Schiffen im Verlauf ihrer Piratenkarriere abgenommen hatte. Und jetzt drohte ihr dieses Glück zwischen den Händen zu zerrinnen und sich einfach in Nichts aufzulösen. Oft genug hatte sie in den letzten Jahren lebensgefährlichen Situationen gegenübergestanden. Die See konnte so grausam sein wie die spanischen Conquistadores. Aber Jeannet konnte sich nicht daran erinnern, jemals in dieser Zeit eine Verzweiflung und einen inneren Schmerz empfunden zu haben, der mit dem vergleichbar war, was sie in diesem Moment fühlte.

"Was wird nun aus uns?", fragte sie.

"Es wird schwer werden."

"Schwer?"

Ihre Stimme war belegt. Sie musste sich alle Mühe eben, ihre Tränen zu unterdrücken. In den Jahren als Kapitän der WITCH BURNING hatte sie gelernt, wie man das machte. Zumindest in dieser Hinsicht war sie ein Mann geworden, um von Männern akzeptiert zu werden.

"Wir werden einen Weg finden", versprach Lord Cooper. "Einen Weg, sodass wir..."

"...zusammenbleiben können und eine gemeinsame Zukunft haben?", unterbrach sie ihn voller Bitterkeit. "Meine Eltern wurden der Hexerei bezichtigt und deshalb von Soldaten umgebracht, weil ihr kommandierender Lord nicht den Mut hatte, sich dem Pöbel entgegenzustellen. Und mich verdächtigt man ja auch mitunter der Zuhilfenahme übernatürlicher Mittel. Dabei verfüge ich über nichts weiter, als einen wachen Verstand und zwei gesunde Hände, die allerdings einen Degen zu führen wissen. Ich kann nicht hexen, Mylord --- könnt Ihr es? Aber einen anderen Weg sehe ich für uns nicht."

"Doch, es gibt einen. Doch darüber reden wir später. Zunächst gib deinen Männern den Befehl, vor der Küste des Isthmus vor Anker zu gehen."

Sie seufzte und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihr Gesicht bekam einen trotzigen Ausdruck. "Du willst ein paar schöne Tage mit mir genießen, während deine Männer die Trinkwasservorräte der SWORD FISH auffrischen", stellte sie fest. "Und dann werden wir uns trennen. Du bist wieder ein rechtschaffener Diener deiner Königin, ich eine Gesetzlose, die kein Pardon verdient."

"Jeannet!", unterbrach Cooper sie tadelnd.

"Ist es denn nicht die Wahrheit? Jetzt werdet Ihr mir irgendwelche Depeschen Ihrer Majestät überreichen, aber beim nächsten Zusammentreffen wärt Ihr verpflichtet, mich in Ketten nach England zu schaffen!"

"Wir werden einen Weg finden", versprach Lord Cooper. Er nahm die etwas widerstrebende Jeannet in den Arm. Zuerst wollte sie ihn von sich stoßen, doch dann schmiegte sie sich an ihn, legte ihren Kopf an seine breite Schulter. Er strich ihr sanft über das Haar. Hatte ich es bisher nicht schwer genug?, dachte die junge Frau dabei. Habe ich nicht auch Anrecht auf etwas Glück? Aber kaum hat man es gefunden, da zerrinnt einem alles zwischen den Händen.

Es schien keine Gerechtigkeit zu geben.

Jedenfalls nicht für Menschen wie sie, die nicht in die höheren Schichten der Gesellschaft hineingeboren worden waren.

Was beklagst du dich?, meldete sich eine andere Stimme in ihr, weit hinten aus ihrem Hinterkopf, während sie weiterhin die Berührungen ihres Geliebten Sir Donald Cooper genoss. Du hast das Glück immerhin kennengelernt, wenn auch nur für kurze Zeit. Aber ist das nichts? Du hättest auch als armselige Bettlerin in der Gosse einer englischen Hafenstadt enden können. Aber stattdessen bist du eine reiche Frau, die sich von niemandem Vorschriften machen zu lassen braucht und hast sogar etwas erfahren, wovon du geglaubt hast, dass es so etwas für eine wie dich nicht geben könnte. Liebe. Ist das nichts? Ist das nicht mehr, als vielen anderen zuteil wird?

Aber diese Stimme blieb schwach und verhalten.

Alles in Jeannet sträubte sich dagegen, sich mit der Situation zufrieden zu geben.

"Ich frage mich, ob die mächtigen und gekrönten Häupter eigentlich wissen, was so mancher Federstrich von ihnen für so viele Menschen bedeutet", murmelte Jeannet. "Wie er das Glück von Menschen begründen oder zerstören kann."

"Nein, diese gekrönten Häupter ahnen davon nicht einmal etwas", sagte Donald. "Sie leben isoliert in einer Scheinwelt, die durch die Intrigen von Höflingen bestimmt wird. Eine Welt, die nichts mit der Wirklichkeit des gemeinen Volkes zu tun hat."

"Warum muss das so sein?"

"Oh, Jeannet, ich weiß nicht, ob das wirklich so sein muss. Aber es ist nunmal die Ordnung, in der wir leben. Der Einzelne hat kaum eine Möglichkeit, sich dagegen aufzulehnen."

"Für dich mag das gelten, Donald..."

"Für dich nicht?"

"Ich bin Freibeuterin. Für mich gilt nur meine eigene Ordnung und der Ehrenkodex der Piraten. Aber es wird nie wieder ein Gesetz oder eine Herrschaft geben, unter deren Willen ich mich zwingen lasse. Nie wieder!"

...und doch wirst du trotzdem dein Glück nicht erringen können, ging es ihr gleichzeitig durch den Kopf. Was konnte sie tun? Den Augenblick nutzen, das Glück, das sie in Anwesenheit Sir Donalds empfand, festhalten, solange es nur irgend möglich war? Vielleicht ist das alles, was dir bleibt..., überlegte sie. Eine bittere Erkenntnis.

Durch die Tür hindurch ertönte jetzt die Stimme von Ben Rider, dem Ersten Offizier der WITCH BURNING.

"Kapitän? Eure Beratungen ziehen sich hin! Gibt es irgendwelche Schwierigkeiten, bei denen Ihr der Unterstützung bedürft?"

Ein Lächeln umspielte Jeannets Gesicht. Ein Lächeln, in dem sich Glück und Bitterkeit mischten. Aber das Glück überwog. Dieser Augenblick überwog. "Unterstützung? Die brauche ich im Augenblick gewiss nicht!", sagte sie, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab Donald einen zärtlichen Kuss. Mit blitzenden Augen fügte sie dann noch hinzu: "Wir kommen mit unseren Verhandlungen sehr gut voran, Rider!"

"Wie Ihr meint, Kapitän!"

"Bereitet alles vor, um vor der Küste Dariens vor Anker zu gehen! Wir werden uns einen Küstenabschnitt suchen, an dem sich gut landen lässt und wo es keine Mangrovensümpfe gibt!"

"Aye, Kapitän!"

"Wir könnten unsere Vorräte an Trinkwasser und Nahrungsmitteln gut und gerne wieder auffrischen. Schließlich will ich nicht, dass sich Skorbut ausbreitet!"

Ben Rider zögerte mit seiner Antwort.

Schließlich brachte er einen Einwand vor: "Solange wir mit der SWORD FISH verbunden sind, dürfte das unmöglich sein!"

Jetzt mischte sich Sir Donald in das Gespräch ein.

"Wir haben die Aufnahme von Wasser und Vorräten mindestens ebenso nötig wie eurer Schiff!", rief er. "Holt mir meinen Zweiten Offizier her, damit er meine Befehle entgegennehmen kann!"

"Das ist im übrigen auch mein Wunsch!", setzte Jeannet noch hinzu.

"Ihr seid der Kapitän, Jeannet Witch! Und für Euch werde ich sogar zum Lakaien eines Beraters der Königin!"

"Vergiss niemals, wer der Kapitän ist und mit wem dir das Beuteglück bisher treu geblieben ist, Ben! Aber dafür vergiss deine Förmlichkeit und nenn mich Jeannet, wie sonst auch! Es besteht keine Notwendigkeit, höflicher zu sein als der Hof!" Vor der Tür waren Riders Schritte zu hören, der feste, schwere Tritt seiner Stiefel. Jeannet schlang die Arme um den Hals ihres Geliebten und hauchte: "Meinst du nicht auch, Donald?"

"Ja."

"Oder besteht Ihr darauf, dass ich Euch Mylord nenne, Sir Donald?"

Er lächelte mild.

"Ich fürchte, mein Stand verbietet es mir, eine andere Anrede zu akzeptieren, Mylady!"

Schritte waren vor der Tür zu hören.

Es klopfte.

"Hier spricht Naismith, Zweiter Offizier der SWORD FISH", meldete sich eine sonore Stimme. Schweren Herzens löste sich Donald von seiner geliebten Jeannet. Er ging zur Tür und öffnete sie einen Spalt. Er sah Naismith streng in die Augen. "Die Verhandlungen werden sich hier noch etwas hinziehen, Naismith."

"Wie Sie meinen, Sire!"

"Lösen Sie die SWORD FISH von der WITCH BURNING und suchen Sie dann einen gemeinsamen Ankerplatz an der darischen Küste. Sie wissen ja selbst, wie es nach der langen Überfahrt um unsere Vorräte bestellt ist."

Es war Naismith anzusehen, wie sehr er das Verhalten seines Kommandanten missbilligte.

Aber er enthielt sich einer Bemerkung.

Naismith ersuchte, einen Blick ins Innere der Kabine zu zu erhaschen. Aber von der berühmt-berüchtigten Piratenkapitänin war nirgends etwas zu sehen. Jeannet hatte sich mit Bedacht in die Ecke rechts der Tür gestellt, um auf keinen Fall ins Blickfeld zu geraten.

Donald bemerkte den neugierigen Blick seines Zweiten Offiziers und sagte: "Ich denke, Ihr möchtet so wenig wie ich riskieren, dass unsere Leute meutern, weil sie nur noch verdorbenen Zwieback zwischen die vom Skorbut verfaulten Zähne bekommen!"

"Natürlich nicht!"

Damit wandte sich Naismith herum und stapfte mit schweren, geräuschvollen Schritten davon.

Donald verschloss sorgfältig die Tür.

"Ich muss verrückt sein, dieses Risiko immer wieder einzugehen", sagte er dann. "Was glaubst du, was geschehen würde, wenn meine Leute herausbekämen, dass ich ganz andere Dinge im Kopf habe, als irgendwelche Botschaften Ihrer Majestät, wenn ich mit dir verhandele..."

"Deine Männer werden das längst ahnen, Donald!"

"Aber sollten sie es wissen, könnte mich das die Position, vielleicht sogar den Kopf kosten!"

"Glaubst du, mir würde es besser ergehen?"

"Wir scheinen beide einem Wahn verfallen zu sein, Jeannet."

"Einem Wahn, den wir glücklicherweise teilen." Sie schmiegte sich erneut an ihn. Er zögerte einen Augenblick, ehe er sie ergriff und seine kräftigen Arme um ihren Rücken legte.

Donald fragte sich, ob er im Zweifelsfall wirklich bereit gewesen wäre, alles für sie aufzugeben, alles, was er errichtet hatte, nicht nur aufs Spiel zu setzen --- das hatte er längst getan --- , sondern wegzuwerfen.

Verworrene Gedanken rasten ihm durch den Kopf.

Gefühle, die so heftig waren, das sie ihn in einem wahren Strudel einfach mitzureißen drohten.

Erneut vereinigten sich ihre Lippen zu einem heftigen, leidenschaftlichen Kuss. Dann hob Sir Donald seine Jeannet hoch. Sie schmiegte sich gegen ihn und ließ es geschehen. Es gab niemanden sonst auf der Welt, dem sie das gestattet hätte! Aber wenn die kräftigen Arme dieses großen Mannes sie emporhoben, so geschah das mit einer Selbstverständlichkeit, gegen die sich einfach nichts einwenden ließ. Es war etwas, das einfach geschehen musste. Jeannet hatte das Gefühl, ein Schiff zu sein, dass von einer mächtigen Meeresströmung mit sich gerissen wurde. Es gab kein Halten. Keine Rückkehr, kein Wenden in letzter Sekunde. Die Kraft, die in diesem Strom lag, war einfach zu groß.

Sir Donald Cooper trat mit Jeannet auf den Armen an das Bett heran, in dem der Kapitän der WITCH BURNING zu nächtigen pflegte.

Eine Koje, die --- gemessen an den Verhältnissen an Land --- recht eng war. Gemessen an dem, was Seeleuten an Bord eines Schiffes für gewöhnlich zustand, wo jeder Quadratmeter kostbar war, handelte sich um ein großzügiges Lager.

Sie sah ihn voller Liebe an.

Ihre Augen strahlten.

Ein leidenschaftliches Feuer glänzte in ihnen.

"Helft Ihr mir jetzt aus meinem Kleid, Sir Donald? Oder wollt Ihr einer Dame die Hilfe verweigern?"

Er lächelte.

Scheuchte die düsteren Gedanken an die Zukunft oder das diplomatische Ränkespiel bei Hofe davon. Der Augenblick zählte jetzt. Sonst nichts. Nicht die Vergangenheit und nicht die Zukunft, nicht der Rang und nicht die Standesposition oder die politische Vernunft. Und selbst der Gedanke an die Gefahr, dass jemand wie Geoffrey Naismith sich seine eigenen Gedanken machte, sich vielleicht das eine oder andere zusammenreimte und ihn bei Hofe des Verrats anklagte, um eigene Vorteile daraus zu ziehen, machte ihm in diesem Moment keine Sorgen mehr.

"Einer Dame würde ich die Hilfe niemals verweigern", sagte er. "Vorausgesetzt, diese Dame hat nicht mehr die Absicht, mich umzubringen --- so wie es bei unserer ersten Begegnung der Fall war!"

"Oh, Donald! Werdet Ihr mir das ewig nachtragen?"

"Keineswegs. Ich bin die Gefahr gewohnt. Bei Hofe lauert ständig irgendwo ein Dolch im Rücken, auch wenn er nicht immer aus blankem Stahl bestehen mag, sondern zumeist aus irgendeiner Intrige, die allerdings ebenso tödlich sein kann."

Sie seufzte, drehte sich herum, während Donald die Verschlüsse ihres Kleides zu lösen begann.

"Ich werde den Augenblick nie vergessen, als ich dich zum ersten Mal sah, Donald. Damals, zwei Jahre ist es her... Ihr hattet unser Schiff aufgebracht, nachdem wir gerade eine spanische Galeone gekapert und im Schlepptau hatten. Ich sah dich an Deck, der Wind in deinen Haaren, das Glitzern in deinen Augen..."

"Das alles hat dich nicht davon abgehalten, mir den Dolch an den Hals zu setzen, als ich Euch im Namen Ihrer Majestät Elizabeth ein sehr großzügiges Angebot zu unterbreiten versuchte."

"Du wirst es mir also doch ewig nachtragen?"

"Gewiss!"

"Ich bin eine Piratin, aber so rachsüchtig bin ich nicht."

Donald lachte.

"Touché, Jeannet. Wie man sieht, weißt du auch mit Worten zu fechten --- und nicht nur mit dem Degen."

"Vielleicht widmet Ihr diesem Gefecht nicht die nötige Aufmerksamkeit, weil Euch etwas anderes ablenkt, hochwohlgeborener Lord", meinte Jeannet mit wohlwollendem Spott.

Lord Cooper richtete sich auf.

Sein mächtiger Brustkorb hob und senkte sich, während er tief durchatmete.

"Bei allen Heiligen, wie bist du nur in dieses Kleid hineingekommen, Jeannet! Man könnte meinen, du seist darin geboren worden!"

"Hatte ich deine Fingerfertigkeit überschätzt? Gilt sie nur für den Umgang mit dem Degen und den Federstrich unter Regierungsdokumenten?" Und in gespielter Förmlichkeit fügte Sie hinzu: "Mylord, Ihr foltert mich, indem ihr mich warten lasst!"

Donald lachte.

"Das ist nichts gegen die Folter, dich über Monate hinweg nicht sehen zu können, aber dein Bild, deine anmutige Gestalt, dein Lächeln und das Blitzen in deinen Augen ständig im Geiste vor sich zusehen!"

"Diese Folter teilen wir! Aber jetzt mach der anderen ein Ende!"

"Euer Wunsch ist mir Befehl, Mylady! Und da ich weder mit Worten noch mit den Händen geschickt genug bin, um Euch Paroli zu bieten, bleibt nur eine Möglichkeit!"

Er griff an die Seite, zog den mächtigen Dolch heraus, den er zusätzlich zum Degen am Gürtel trug und schnitt damit die Verschlüsse des Kleides auf. Mit großer Vorsicht ging Lord Cooper zu Werk, um Jeannet mit dem scharfen Dolch nur nicht zu verletzen.

"Das letzte Mal hast du zur Klinge gegriffen, jetzt bin ich es", stellte sie fest.

"Quitt sind wir deshalb nicht", wandte er ein.

Jeannet ließ das Kleid von den Schultern gleiten.

Nichts konnte jetzt noch ihre Leidenschaft bremsen.

Sie drehte sich zu ihm herum, schlang ihre Arme um seinen Hals und zog ihn zu sich auf das Lager. Der Dolch fiel zu Boden. Ihre Lippen fanden sich und wenig später landete auch die breite Lederschärpe, die den Degen hielt neben dem Bett.

"Donald...", hauchte sie. "Wie lange habe ich darauf warten müssen..."

"Ich weiß."

Nur der nötigsten Kleider entledigten sie sich. Jeannet fühlte seine Hände über ihre Haut gleiten, den Hals entlang, die Schulter, dann tiefer. Zu gerne hätte sie diese starken und doch zärtlichen Hände überall zugleich spürt. Ihr gesamter Körper vibrierte. Ein Gefühl wie ein Fieber. Rauschhaft und hemmungslos. Als sich ihre Körper endlich vereinten, hätte sie am liebsten aufgeschrien vor Lust. Aber sie biss sich auf die Lippen. Schließlich wollte sie ihren Männern gegenüber nicht als schwache Frau erscheinen, die sich dem Gesandten Ihrer Majestät luststöhnend ergab, anstatt ihm zum Teufel zu jagen, wenn er schlechte Nachrichten zu überbringen hatte!

Sie presste ihre Lippen aufeinander. Schweißperlen glänzten auf ihrer Stirn. Donalds Hand fuhr durch ihr Haar. Von ihrer Frisur würde nichts bleiben, als eine völlig zerzauste Mähne. Ihre stürmische Vereinigung strebte einem ersten, wilden Höhepunkt entgegen, ehe sie seufzend zurücksanken und erst langsam wieder zu Atem kamen.

"Sei ehrlich: Ist diese Art des Nahkampf nicht viel besser all das, was du auf den rutschigen Planken geenterter Schiffe erlebt hast?", fragte Donald.

"Touché, Mylord!"

Seine Hand strich sanft über ihre Haut und löschte auf wohlige Weise die letzten Reste des fiebrigen Feuers, das ihren Körper und ihre Seele gleichermaßen in Besitz genommen hatte.

In diesen raren Momenten erschienen ihr die Gedanken an die Zukunft ganz weit weg zu sein. Verborgen hinter fernen Nebeln. Nichts wünschte sich Jeannet so sehr, als das Glück dieses Augenblicks festhalten zu können. Ein Leben lang und über den Tod hinaus. Ihr Verstand wusste, dass die Wirklichkeit anders war. Aber daran mochte sie im Moment nicht denken. Jetzt, in diesem wunderbaren Augenblick des Glücks zählte nur dieser herzerfüllende Traum.

Sonst nichts.

Konnte nicht auch ein Augenblick eine Ewigkeit sein?

Es widerstrebte Jeannet zutiefst, sich damit wahrscheinlich begnügen zu müssen.

Als Piratin war sie es inzwischen gewohnt, sich zu nehmen, was sie wollte und nicht darauf zu warten, dass ein mehr oder weniger gnädiges Schicksal ihr etwas zu teilte.

Sie schmiegte sich an ihn, spürte die Berührung seiner kräftigen Hand auf ihren Rücken. Ein prickelnder, kribbelnder Schauder von nie gekannter Intensität überlief von dort aus ihrem gesamten Körper. Sie hatte in diesem Moment nur den einen Wunsch, sich ganz diesen Empfindungen hinzugeben, sich darin zu verlieren. Alles andere schien ihr bedeutungslos zu sein. Nur einen kurzen Moment erschreckte sie der Gedanke daran, wie schwach und verletzlich sie jetzt, da sie diese Gefühle zuließ, war. Aber das war wohl unvermeidlich. Die Alternative wäre gewesen, ganz darauf zu verzichten.

Und das wollte sie nicht.

Um keinen Preis der Welt.

Erneut fühlte sie Lust in sich aufkeimen.

Ihr Hunger nach Liebe, nach Zärtlichkeit und Berührung war noch keineswegs gesättigt. Ganz im Gegenteil! Sie hatte das Gefühl, jetzt, in diesem raren Augenblick alles das in Erfüllung gehen zu lassen, was an geheimen Wünschen in ihr geschlummert hatte. Wer konnte schon sagen, ob es noch eine weitere Chance dafür geben würde?

Wenn man nach Donalds Worten ging, so sah es düster für die Zukunft aus.

Jeannet schluckte kurz.

Jeden Gedanken an die Zukunft verbot sie sich jetzt, um den Augenblick nicht damit zu vergiften.

Sie hob den Kopf.

Strich das wirre rote Haar aus dem Gesicht. Der Blick ihrer grünen Augen verschmolz mit den seinen.

"Ich liebe dich", sagte sie. "Und daran wird sich in alle Zukunft nichts ändern."

 

*

 

"Ich hoffe, Eure Beratungen haben Euch nicht über Gebühr angestrengt, Sire", sagte Geoffrey Naismith mit ziemlich süffisantem Unterton, als sein Kommandant wieder an Deck erschien.

Lord Cooper hatte peinlich genau darauf geachtet, dass seine Kleidung nicht zu derangiert erschien. Seine Hand ruhte am Griff des Degens. Er sog die nach Salz und Seetang riechende Luft ein und blickte hinauf auf das glitzernde Meer.

Naismith trat an Lord Cooper heran, nachdem er den Blick über die wilde Piratenmeute hatte schweifen lassen. "Sir, es stellt niemand in Frage, dass wir Vorräte aufnehmen müssen und dass vor allem das Trinkwasser nach der langen Überfahrt ziemlich knapp geworden ist."

"Eine richtige Feststellung", unterbrach Lord Cooper seinen zweiten Offizier.

"Aber das wir ausgerechnet die Gesellschaft dieser dahergelaufenen Bande von Halsabschneidern brauchen, um unsere Vorräte aufzufrischen, will mir einfach nicht einleuchten!"

"Das braucht es auch nicht, Naismith!"

"Ach, nein?"

"Es reicht völlig, wenn Ihr meine Befehle befolgt. Für das Denken bin ich zuständig. Denn schließlich befehlige ich diese Mission --- und nicht Ihr, auch wenn Eure Zeit in dieser Hinsicht sicher noch kommen wird!"

Naismith lächelte säuerlich.

"Es freut mich, dass Ihr meine Fähigkeiten doch zu schätzen wisst."

"Habt Ihr daran gezweifelt?"

"Man zweifelt an manchem, wenn einem diese verfluchte tropische Sonne auf das Haupt scheint. Das geht nicht nur mir so, Lord Cooper!"

Die Blicke der beiden Männer begegneten sich.

Ich werde auf ihn aufpassen müssen, dachte Donald.

Beide Schiffe hatten sich voneinander gelöst und dümpelten weiter auf die Küste zu. Die Segel hingen schlaff herab. Es herrschte Flaute.

"Offenbar habt Ihr ja meine Befehle ordnungsgemäß überbracht", stellte Cooper fest. "Allerdings frage ich mich, warum Ihr hier an Bord der WITCH BURNING weilt, und nicht auf der SWORD FISH, um die Durchführung meiner Anweisungen zu überwachen?"

"Ich war um Eure Sicherheit besorgt. Der Erste Offizier teilt im übrigen meine Sorge. Schließlich wart Ihr allein mit einer kriminellen Person, die zu allem fähig ist."

"Seit wann haltet Ihr mich für einen wehrlosen Zwerg, Naismith?"

"Ein Zwerg seid Ihr gewiss nicht, Lord Cooper. Aber wehrlos werden auch nicht nur Zwerge..."

Lord Cooper überhörte die Anspielung geflissentlich. Er bemerkte, dass Ben Rider ihn beobachtete. Der Stellvertreter der Piratenkapitänin hatte ihn immer im Argwohn betrachtet. Auch jetzt drückte sein Blick tiefe Skepsis aus. Auch auf ihn werde ich achten müssen, erkannte Donald.

Ein Küstenabschnitt tauchte am Horizont auf. Aber beim gegenwärtigen Tempo würde es wohl noch Stunden dauern, bis sich beide Schiffe weit genug genähert hatten, um zu ankern und Barkassen zu Wasser lassen zu können.

Eine Vielzahl von Gedanken schossen Donald durch den Kopf, während er dem Land entgegen blinzelte.

Ein paar Tage würde die Aufnahme von Nahrungsmitteln und Trinkwasser schon in Anspruch nehmen. Die Besatzungen beider Schiffe würden an Land gehen, Tiere erjagen und saubere Wasserquellen suchen müssen. Außerdem mussten essbare Früchte und Beeren gesammelt werden.

Noch war die Neue Welt zum Großteil ein unbekanntes Land.

Eine Terra Inkognita, von der nur Bruchstücke bekannt waren.

Und diese Bruchstücke gehörten den Spaniern, die die einheimischen Indio-Herrscher auf ihrer Suche nach Gold niedergemacht hatten.

Lord Cooper trat neben Ben Rider, der seinem Blick auswich.

"Spanier müsste man sein, findet Ihr nicht?", fragte Cooper.

"Ich weiß nicht, was Ihr meint, Lord Cooper", behauptete er.

"Nun, ganz einfach: Wären wir Spanier, könnten wir einen der Häfen anlaufen, die von ihnen inzwischen gegründet wurden."

"Häfen?", lachte Rider. "Ich glaube, Ihr stellt Euch das etwas zu großartig vor. Ein paar Rattennester mit verlausten Siedlern und eifrigen Jesuitenmönchen, die aus Indios fromme Christen zu machen versuchen.

"Wie auch immer..."

"Worum ging es bei Eurer Beratung mit Jeannet?", fragte Rider jetzt unverblümt.

"Das wird Euch Euer Kapitän zu gegebener Zeit sagen."

"Es geht mich genauso an wie jeden anderen auf dem Schiff."

"Vertraut Ihr Eurem Kapitän nicht, Ben Rider?"

"Gewiss tu ich das!"

"Dann weiß ich nicht, was Euer Misstrauen soll."

"Das ist kein Misstrauen", korrigierte Rider.

Cooper hob die Augenbrauen. "So? Was denn dann?"

"Vorsicht. Und die ist ja wohl angebracht, wann immer man einem Vertreter Ihrer Majestät Elizabeth begegnet."

"Ihr habt einen bestimmten Grund Euer ehemaliges Heimatland zu hassen?", fragte Cooper.

"Nicht mein Heimatland."

"Sondern?"

"Ich werde mit Euch nicht weiter darüber reden, Lord Cooper. Ihr würdet es nicht verstehen."

Lord Donald Cooper zuckte die breiten Schultern.

"Wie Ihr meint, Ben Rider."

 

*

 

Jeannet lag in den Kissen und seufzte. Sie schloss einen Augenblick lang die Augen. Es musste ein Traum gewesen sein, was sie soeben erlebt hatte. Ein paradiesischer Traum von Glück und Liebe. Viel zu schnell war dieser Rausch vergangen.

Lord Cooper hatte die Kabine der Kapitänin verlassen, aber Jeannet kam es so vor, als wäre er immer noch anwesend.

Natürlich könnte er seine Privilegien als Berater der Königin und Befehlshaber eines englischen Kriegsschiffes einfach aufgeben, auf die WITCH BURNING kommen und...

Nein, das waren Illusionen.

Die Vernunft sagte ihr, dass es nicht den Hauch einer Chance für diesen Gang des Schicksals gab.

Erstens konnte sie von Lord Cooper unmöglich erwarten, dass er sein ganzes Leben, alles wofür er hart gearbeitet hatte und woran er glaubte, einfach aufgab. Und das nur, um einer Piratin zu folgen, die sich letztlich nur im Umfang der Beute vom Räubergesindel in den finsteren Gassen Londons unterschied.

Sie hatte keine andere Wahl gehabt, als Piratin zu werden. Es war für Jeannet eine Chance gewesen, dem Elend zu entkommen. Dem Elend einer Waisen, deren Eltern von einem Haufen Marodeure und dahergelaufenem Mob grausam ermordet worden waren, weil man sie der Hexerei beschuldigt hatte.

Aber Donald standen alle Möglichkeiten offen.

Er hatte es ganz nach oben geschafft.

Der Tod Heinrichs VIII. und die Thronbesteigung seiner Tochter Elizabeth, die ihr Volk angeblich so sehr liebte, dass in ihrem Herzen kein Platz mehr für die profane Liebe zu einem Mann war, hatte Donald mit empor auf die höchsten Gipfel der Macht gehoben. Höher als er konnte ein Mann, der dem bürgerlichen Stand entstammte, nicht kommen. Gleichgültig, welche Fähigkeiten ihm eigen sein mochten.

Aber selbst wenn Donald dazu bereit gewesen wäre, all dies für seine Jeannet aufzugeben, so wäre ein Scheitern ihrer Liebe vorprogrammiert gewesen.

Jeannet war lange genug Piratin, um zu wissen, welche Kräfte innerhalb einer Schiffsmannschaft frei werden konnten. Kräfte, die auch der beste, härteste und erfolgreichste Kapitän letztlich nicht unter Kontrolle halten konnte. Die Mannschaft würde es nicht akzeptieren, wenn Donald an meiner Seite wäre, erkannte ihr Verstand. Das lag vollkommen klar auf der Hand. Männer wie Ben Rider --- aber auch andere! --- hätten sich in ihrem Rang innerhalb der Mannschaft bedroht gefühlt und zur Gegenwehr gegriffen.

Meuterei wäre die Folge gewesen.

Ein schöner Traum, der nicht von Dauer sein wird --- das ist unsere Liebe, dachte Jeannet.

Sie schlug das Bett zur Seite, erhob sich und streckte sich.

Die Kapitänin hörte den Ausguck rufen.

Es wurde alles klar gemacht zum Ankern.

Offenbar hatten die WITCH BURNING und die SWORD FISH die nahe Küste Dariens inzwischen erreicht. Der goldene Isthmus, so wurde das Gebiet zwischen den beiden großen Ozeanen dieser Welt auch genannt. Jeannet zog sich rasch eine enganliegende Hose und ein Hemd an. Männersachen. Außerdem hängte sie sich die Lederschärpe mit ihrem Decken um und knotete das Haar zusammen.

Dann ging sie an Deck.

Lord Cooper stand zusammen mit seinem Zweiten Offizier Naismith am Bug. Jeannet kannte Naismith von vorherigen Treffen mit der SWORD FISH. Sie hatte ihn nie gemocht --- er sie umgekehrt wohl auch nicht. Jeannet hatte immer das Gefühl gehabt, dass dieser Mann mit dem eiskalten Blick in ihr Innerstes sehen konnte. Dass er genau wusste, was zwischen ihr und Lord Cooper vor sich ging. Sie hatte sich immer wieder gesagt, dass es wahrscheinlich nur ihre eigene Furcht war, die sie zu dieser Annahme getrieben hatte.

Andererseits hatte Jeannet ein ziemlich gutes Gespür für das entwickelt, was ein Mensch an verborgenen Beweggründen so mit sich herumtrug. Anders hätte sie sich niemals an der Spitze ihrer Piratenmannschaft halten können. Ein derartiges Gespür war dafür ebenso überlebensnotwendig wie das Kaperglück.

Die WITCH BURNING hatte geankert.

Die SWORD FISH ankerte nur wenige hundert Yards entfernt.

An beiden Schiffen hingen die Segel jetzt ziemlich schlaff von den Masten.

Wahrscheinlich war es eher einer verborgenen Meeresströmung als dem Wind zu verdanken, dass sie die Küste noch vor Einbruch der Dunkelheit erreicht hatten.

Jeannets Blick ging kurz hinüber zum Land.

Es würde ihnen allen gut tun, mal wieder festen Boden statt der rutschigen Planken eines Piratenschiffs unter den Füßen zu spüren.

Einen kurzen Moment nur blieb ihr Blick an Lord Coopers breitem Rücken haften.

Ein wohliger Schauder erfasste sie bei dem Gedanken an das Geschehene und die Erinnerung ließ neue Lust, neues Begehren in ihr aufkeimen.

Zügele dich! Lass nicht zu, dass man dir deine Gefühle an der Nasenspitze ansieht!, durchzuckte es sie.

Und doch konnte sie nicht anders.

Sie sah erneut zu Lord Cooper hin.

Er drehte sich herum, schenkte ihr sein unnachahmliches Lächeln.

"Sollen wir die Boote zu Wasser lassen?", fragte Joao, ein entlaufener portugiesischer Sträfling, den eine wechselvolle Lebensgeschichte auf Jeannets WITCH BURNING verschlagen hatte.

"Ja, tut dies!", rief Jeannet. "Ich brauche zehn Mann, die eine Muskete benutzen können und sich am Ufer etwas umsehen! Und wenn möglich, sollte es einen Braten geben!"

Ihre Befehle wurden weitergegeben.

Das erste Beiboot wurde zu Wasser gelassen.

Lord Cooper wandte sich zu ihr herum.

"Werdet Ihr auch an Land gehen, Jeannet WITCH?"

"Nun, Mylord, wenn ihr Euch traut, mit mir zusammen auf einem Beiboot zu weilen, dann dann könnten wir gemeinsam an Land setzen!" Sie lachte hell. Ihr Blick glitt zur Seite in Richtung von Naismith. "Aber Ihr habt Euren Schatten, der auf Euch Acht gibt!"

"So wie Ihr!", erwiderte Cooper seinerseits mit Blick auf Ben Rider.

Ein weiteres Beiboot wurde zu Wasser gelassen.

Sowohl Jeannet als auch Lord Cooper stiegen an Bord der Barkasse. Ben Rider und Geoffrey Naismith waren ebenfalls mit von der Partie, außerdem noch etwa ein Dutzend weiterer Piraten. Alle schwer bewaffnet. Schließlich wusste niemand, ob sie sich nicht unwissentlich im Herrschaftsbereich eines kriegerischen Indio-Kaziken befanden.

Jeannet beobachtete, dass auch von der SWORD FISH Beiboote zu Wasser gelassen wurden.

Das Schiff des Lordberaters Ihrer Majestät ankerte etwas näher am Ufer, sodass Coopers Männer den Strand früher erreichen würden als die Piraten.

Zwischendurch trafen sich immer wieder fast verstohlen die Blicke der beiden Kommandanten. Blicke, die mehr sagten, als tausend Worte. Blicke, in denen die Erinnerung an eine Vereinigung in stürmischer Liebe sich widerspiegelte.

Jeannet fürchtete, dass jedermann ihr anzusehen vermochte, was für eine Art von Beratungen in ihrer Kapitänskajüte stattgefunden hatte.

Sollen sie sich nicht so haben!, dachte sie. Hatten diese Männer nicht auch ihre Abenteuer in weiblicher Gesellschaft, wenn die WITCH BURNING einen Piratenhafen anlief? Stand ihr, der Kapitänin, nicht dasselbe Recht zu?

Offensichtlich nicht.

Und Jeannet war vorsichtig und klug genug, um dies zu akzeptieren.

So lauteten nun einmal die Spielregeln und es stand nicht in ihrer Macht, sie zu ändern.

Die Beiboote näherten sich dem schneeweißen Strand. Einige hundert Yards dahinter begann ein dichter Wald. Dies schien ein fruchtbares Land zu sein. Sicherlich gab irgendwo in der Nähe der Küste auch Süßwasser. Eine Lagune vielleicht oder ein Flusslauf.

Die Boote liefen auf Grund.

Die Männer sprangen vom Boot, Jeannet folgte ihnen und sank bis zu den Knien ins Wasser.

Die Boote wurden noch ein Stück an Land gezogen.

Es war eigenartig, nach den Wochen auf See endlich einmal wieder festes Land unter den Füßen zu haben. Jeannet stapfte an Land. Die flache Brandung umspülte ihre Stiefel. Sie verfluchte sich dafür, sie nicht vorher ausgezogen zu haben.

Die Männer der SWORD FISH warteten bereits auf die Beiboote der WITCH BURNING.

Hier und da waren ein paar unfreundliche Bemerkungen von beiden Seiten zu hören.

Piraten und Seeleute Ihrer Majestät --- eine explosive Mischung!, dachte Jeannet. Schon deswegen kann unser Aufenthalt an dieser Küste nicht ewig dauern. Sonst knallt es, und zwar im wahrsten Sinn des Wortes.

Ein schwarzbärtiger Mann, der als Einziger von Coopers Männern bei der Hitze noch seinen Helm trug, näherte sich.

Es war John Kane, seines Zeichens Erster Offizier der SWORD FISH.

Er war ein erfahrener Haudegen, gestählt in den Kriegen, die Heinrich der VIII. gegen die aufständischen Iren geführt hatte. Eine Narbe, die quer über sein Gesicht verlief, legte Zeugnis davon ab.

"So mancher hat sich schon Sorgen um Euch gemacht, Lord Cooper", meinte er.

"Völlig unbegründet, wie Ihr seht, Kane!"

"Aye, Captain. Außerdem seid Ihr ja auch ein Mann, der sich wohl zu wehren weiß!"

"Davon könnt Ihr ausgehen!"

John Kane warf einen Blick auf Jeannet und lachte dreckig.

Lord Cooper ärgerte dies. Er ballte unwillkürlich die Fäuste.

Jeannet warf ihm einen Blick zu.

Sie schüttelte leicht den Kopf.

"Was belustigt Euch?", fragte sie.

"Es ist widernatürlich, was Ihr tut!"

"Wovon sprecht Ihr? Davon, dass ich eine Piratin bin?"

"Davon, dass Ihr Hosen tragt, Mylady?"

Einige Mitglieder der SWORD FISH-Mannschaft, die in der Nähe standen, hatten die Bemerkung des Ersten Offiziers mitbekommen und brachen nun ihrerseits in ein schallendes, heiseres Gelächter aus.

Einige der WITCH BURNING-Männer griffen indessen bereits nach den Griffen ihrer Degen und Entermesser.

John Kane setzte sogar noch eins drauf.

"Man könnte sogar sagen, es ist Blasphemie, wenn eine Frau Hosen trägt."

Blasphemie...

Dieses Wort hatte in Jeannets Ohren einen ganz besonders üblen Klang. Erinnerungen stiegen in ihr auf. Sie schloss kurz die Augen, wollte diese Gespenster der Vergangenheit verdrängen. Einfach wegwischen. Aber es gelang ihr nicht. Blasphemie... Davon hatte auch jener sich selbst als fanatischer Bekämpfer der Hexerei verstehender Lord gesprochen, dessen Soldaten ihre Eltern umgebracht hatten. Die Schreie hallten in Jeannets Kopf wieder. Immer wieder. So als wäre es erst gerade geschehen.

Blasphemie...

Manchmal genügte ein Wort, um sie in die Vergangenheit zu schleudern.

Das Gauklerhandwerk ihrer Eltern hatte dieser streng dreinblickende Puritaner, der stets in Schwarz gekleidet war, ebenfalls mit diesem Begriff belegt. Das war letztlich ihr Todesurteil gewesen.

Donalds Stimme drang nun in ihre Gedanken, holte sie ins Hier und Jetzt zurück.

"Genug jetzt!", bestimmte Lord Cooper auf eine Weise, die keinen Widerspruch duldete. "Geht aufs Schiff zurück, Kane, wenn Ihr Eure Worte nicht zu wählen wisst!"

"Ist es nicht wahr, was ich gesagt habe?"

"Es geht nicht um die Wahrheiten, sondern um den Dienst an England und seiner Königin, Kane. Und wenn Ihr das nicht akzeptieren könnt, seid Ihr nicht der richtige Mann für Euren Posten. Habt Ihr mich verstanden?"

Kane atmete tief durch.

In seinen Augen funkelte es.

Ein Mann, dessen Seele kurz davor stand zu explodieren.

Aber das Pulver, mit dem er bis zum Hals gefüllt zu sein schien, hatte wohl etwas zuviel Feuchtigkeit abbekommen. Jedenfalls schluckte Kane das, was er zu sagen gehabt hatte, herunter.

"Aye, Captain!", sagte er.

Lord Cooper ging ein paar Schritte an Kane vorbei, auf die anderen Männer aus der SWORD FISH-Mannschaft zu. "Was ich gesagt habe, gilt für jeden!"

"Aye!", kam es zurück.

Naismith trat neben Cooper. "Die Stimmung könnte sehr leicht umschlagen und alles in einer Katastrophe enden", meinte er.

"Nicht, wenn Ihr mir dabei helft, die Männer im Griff zu halten", erwiderte Cooper.

"Ihr wisst selbst, dass das bei aller Strenge nur zu einem gewissen Grad möglich ist."

"Ja, das weiß ich, Naismith."

"Und ich hoffe, dass Ihr nicht etwa daran denkt, unsere Leute gemeinsam mit dem Lumpengesindel der WITCH BURNING auf die Jagd oder auf Wassersuche zu schicken."
Cooper schüttelte energisch den Kopf.

"Nein, da könnt Ihr ganz beruhigt sein. Beide Gruppen werden getrennte Wege gehen. Die Einzelheiten werde ich mit dem Kapitän der anderen Seite besprechen!"

"Dann werdet Ihr Eure Beratungen ja zwangsläufig fortsetzen müssen, Captain", sagte Naismith süffisant.

"Ihr sagt es", zischte Cooper auf eine Weise zwischen den Zähnen hindurch, die den Zweiten Offizier der SWORD FISH unwillkürlich erbleichen ließ.

Er wusste, dass er zu weit gegangen war.

Cooper war ein geduldiger Mann, aber niemand durfte den Fehler begehen, ihn zu sehr zu reizen.

Geoffrey Naismith wusste dies nur zu gut.

Und er war klug genug, um zu erkennen, dass es jetzt besser war zu schweigen.

Lord Cooper wandte sich unterdessen Jeannet zu, trat ihr entgegen und blickte ihr direkt ins Gesicht.

"Die Stimmung wird sich schon bessern, wenn es erst frisches Fleisch und Süßwasser gibt", war Cooper überzeugt.

"Ihr seid ein Optimist, Mylord!"

"Ihr nicht?"

"Auf gewisse Weise schon..."

"Diesen Eindruck hatte ich bei unseren bisherigen Beratungen durchaus auch, Jeannet Witch!"

"Ach, ja?"

"Ja."

"Hört mir zu: Lasst Eure Männer nach Nordwesten und meine nach Südwesten gehen, dann werden sie sich weder bei der Jagd noch bei der Wassersuche begegnen!"

"Eine gute Lösung!"

"Und noch einen Hinweis, Mylord! Es gibt in diesen Wäldern entsetzlich viele Insekten, die einen bei lebendigem Leib aufzufressen versuchen."

"Wie schrecklich!"

"Aber des Nachts ist die Plage weit weniger schlimm."

Sie trat plötzlich noch etwas näher an ihn heran.

Jeannet Witch streckte ihren Arm aus. "Seht Ihr die Halbinsel dort hinten?"

"Gewiss."

Wie ein heller Strich zog sich diese Landzunge in das Meer hinein.

Jeannets folgende Worte waren nur geflüstert.

"Ich erwarte Euch dort. Heute Nacht."

Ehe Donald in der Lage gewesen wäre nachzufragen, hatte sie auch schon einen Schritt zur Seite gemacht und damit begonnen, ihren Leuten lauthals Anweisungen zu erteilen.

 

*

 

Die Nacht war hereingebrochen. Sterne funkelten am Himmel. Der Mond stand als großes, helles Oval über den Wäldern und wirkte wie ein überdimensionales Auge. Sein Licht spiegelte sich in der leicht gekräuselten See.

Jeannet glitt beinahe lautlos durch das Wasser. Schon seit frühester Jugend konnte sie schwimmen wie ein Fisch. Für sie war es kein Problem gewesen, von der WITCH BURNING zur Halbinsel zu gelangen. Die angenehme Kühle des Wassers erfrischte sie.

Endlich spürte sie nun wieder festen Grund unter den Füßen.

Ein paar Züge noch und sie erreichte den Strand.

Ihr eigener Körper erschien ihr seltsam schwer und unbeholfen, als sie das Wasser verließ und ohne dessen Auftrieb auskommen musste, an den man sich allzu leicht gewöhnte.

Jeannet ging an Land.

Die Kleider klebten ihr am Leib.

Stiefel trug sie allerdings nicht, nur die enganliegenden Hosen und das weiße Männerhemd. Bewaffnet war sie nur mit einem Entermesser, dass ihr hinter dem breiten Gürtel steckte.

Man konnte ja nie wissen.

Jeannet strich sich das Haar zurück und blickte hinaus zu den Schiffen, die im Mondlicht friedlich dalagen. Die Ankerketten hingen schlaff herab. Immer noch herrschte Flaute. Kein Lüftchen wehte.

Sie blickte zur SWORD FISH hinüber und fragte sich, ob es Donald wohl genauso leicht fiel wie ihr, sich von Bord zu stehlen.

Zwar patrouillierte an Deck der WITCH BURNING eine Wache, aber Jeannet hatte keine Schwierigkeit gehabt, sich unbemerkt von Bord zu begeben, ins Wasser zu gleiten und loszuschwimmen. Ihre Männer glaubten jetzt, dass sie in ihrer Kajüte lag und schlief.

Aber diese Nacht war nicht zum schlafen da. Sie war für etwas anderes geschaffen. Vielleicht bestand in dieser Nacht die letzte Chance für sie, ihren geliebten Donald ungestört treffen zu können.

Sie setzte sich in den weichen, trockenen Sand

Obwohl jetzt die Sonne nicht mehr in all ihrer Unbarmherzigkeit vom Himmel schien, war es noch immer sehr warm.

Jeannet wartete ab.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sich etwas tat.

Und das, was dann geschah, hatte die junge Frau keineswegs erwartet.

Sie glaubte durch das Geplätscher der seichten Wellen ein Geräusch hören zu können, das dem Schlagen von Ruderblättern sehr ähnlich war.

Wenig später hatte sie dann Gewissheit.

Eine Barkasse verließ die Schattenzone der SWORD FISH und wurde für einige Augenblicke vom Mondlicht beschienen, ehe sie vom nächsten Schatten verschluckt wurde.

Jeannet runzelte die Stirn. Seid Ihr jetzt vollkommen verrückt geworden Mylord?, ging es ihr ärgerlich durch den Kopf.

Sie erhob sich, stemmte die Arme in die Hüften, während sie dem herannahenden Boot entgegensah.

Es war eine ganze Weile nur als ein vager Schattenriss erkennbar. Wenn man nicht genau darauf achtete, war es überhaupt nicht zu sehen.

Was ist nur in dich gefahren, Donald? Ist das Risiko nicht schon groß genug? Musst du unbedingt im trockenen Boot übersetzen, nur damit du dir deine edlen Füße nicht nass machen musst? Du Narr...

Das Boot näherte sich und wurde jetzt besser erkennbar.

Ein einzelner Mann saß darin und ruderte mit kräftigen, ruhigen Schlägen.

Geliebter Narr...

Selbst auf dieser Entfernung war Jeannet sich vollkommen sicher, dass es niemand anderes als Donald sein konnte. Zu typisch waren die Bewegungen und der schattenartige Umriss.

Schließlich erreichte die Barkasse das Ufer.

Donald sprang hinaus, das Wasser spritzte auf. Er packte das Tau am Bugende und zog das Boot noch ein Stück an Land. So weit es ging.

Jeannet lief hinzu, fasste mit an.

"Da bist du!", rief sie.

"Jeannet!"

"Ich hatte schon gedacht, diese wunderschöne Nacht heute doch allein verbringen zu müssen --- wie so viele Nächte zuvor!"

"Du Ärmste!"

"Ich hoffe nicht, dass du dich über die ehrlichen Gefühle einer Frau lustig machen willst", sagte sie in gespielter Empörung.

Donald schüttelte den Kopf. "Das würde ich nie wagen, Jeannet. Speziell bei dir nicht. Schließlich hast du mir ja bereits einmal das Messer buchstäblich an die Kehle gesetzt und ich weiß nicht, ob du beim nächsten Mal möglicherweise erfolgreicher wärst."

"Das war ein einmaliger Vorfall", verteidigte sich Jeannet. "Und inzwischen bereue ich ihn zutiefst, das weißt du."

"Sicher weiß ich das."

"So wäre es höflich, wenn du ihn nicht mehr erwähnen würdest."

"Höflichkeit --- oder das Vergnügen, die Zornesröte in dein Gesicht steigen zu lassen! Du stellst mich vor eine sehr schwere Wahl, Jeannet!"

"Schuft!"

Zu einer Erwiderung kam er nicht mehr, denn ihre Lippen verschlossen ihm den Mund mit einem leidenschaftlichen, fordernden Kuss.
Seine Hand strich ihr über das noch immer noch feuchte Haar. Sie sanken gemeinsam in den weichen Sand. Jeannet spürte, wie eine Welle fiebriger Hitze sie durchlief. Sie nestelte an der Schnalle von Donalds Degenschärpe herum, schaffte es schließlich sie zu öffnen. Der Waffengurt glitt zu Boden. Sein Hemd ebenfalls. Sie umfasste seinen muskulösen Nacken, zog ihn zu sich herab, küsste ihn. Erst auf den Mund, dann glitt sie tiefer. Seine Hände berührten sie derweil zärtlich, öffneten das unförmige Männerhemd, das sie lediglich mit einem Knoten vor der Brust geschlossen hatte. Ihre Brüste schimmerten matt im Mondlicht.

"Donald", hauchte sie. "Ich bin so froh, dass du hier bist."

"Hör zu, Jeannet. Ich möchte dir etwas sagen..."

"Nein, jetzt nicht. Jetzt ist nicht Zeit zu reden. Lass uns diese Nacht als Geschenk eines gnädigen Schicksals nehmen..."

Sie fuhr fort ihn zu küssen und zu liebkosen. Der sinnliche Rausch, dem sie verfallen war, riss nun auch Lord Cooper mit. Es gab kein Halten mehr. Nach und nach entledigten sie sich ihrer restlichen Kleidung. Jeannet stöhnte lustvoll auf, als er zärtlich in sie eindrang. Ihre Vereinigung war nicht ganz so ungestüm wie beim ersten Mal, aber nicht weniger beglückend. Jeannet schwang sich rittlings auf ihn. Gemeinsam strebten sie einem überwältigenden Höhepunkt entgegen. Ermattet sank sie schließlich auf ihm nieder, legte ihren Kopf an seine breite Schulter. Sie hielten sich fest. Jeder spürte den Atem und den pochenden Herzschlag des anderen.

"Ich muss sagen, Ihr wisst Euren Degen wohl zu führen, Mylord", hauchte Jeannet schließlich, als sie wieder in der Lage war zu sprechen. "Ich werde Euch allerdings nicht fragen, wo Ihr das gelernt habt und will das auch gar nicht wissen."

"Jeannet..."

"Etwas anderes würde mich schon interessieren."

"So?"

"Warum bist du das Risiko eingegangen, mit dem Boot hier her zu kommen? Die Wachen deines Schiffes können doch kaum gleichermaßen blind und taub sein..."

"Nein, aber in dieser Nacht sind sie unaufmerksam."

"So? Wie kommt das? Handelt es sich nicht um wackere englische Offiziere? Obwohl ich von manchen dieser Offiziere weiß, dass sie es mit der Treue zu ihrer Königin weit weniger genau nehmen, als Ihr das tut, Mylord."

"Wie kommst du darauf?"

"Einige meiner besten Leute standen früher im Dienste Englands."

"Ah, das meintest du."

Sie stützte sich mit dem Arm auf. Er betrachtete ihre Gestalt im Mondlicht.

"Du weichst meiner Frage aus", stellte sie fest.

"Nun, meine Wächter sind deswegen unaufmerksam, weil ich dafür gesorgt habe, dass sie Zugang zu unseren Brandweinvorräten bekommen. Sie schnarchen vor sich hin!"

"Dann wäre dein Schiff jetzt eine leichte Beute für meine Männer!"

"Aber deine Männer wissen nichts davon und halten die SWORD FISH für gut bewacht."

Jeannet atmete tief durch.

Ihre wohlgeformten Brüste hoben und senkten sich dabei.

Sie strich sich mit einer beiläufigen Geste ihr widerstrebendes, eigenwilliges und ziemlich zerzaustes Haar zurück in den Nacken.

"Dennoch, ich verstehe nicht, dass du einen derartigen Aufwand treibst, um hier zu gelangen."

"Wie du siehst, bist du mir jedes Risiko wert."

"Aber dieses Risiko war unnötig."

Donald setzte sich nun ebenfalls auf. Er sah ihr in die Augen.

"Ich muss dir ein Geständnis machen."

"So?"

"Ich kann nicht schwimmen."

Jeannets Mund stand offen und vor Staunen vergaß sie vorerst, ihn wieder zu schließen.

"Wie bitte?", stieß sie hervor.

Er lachte. "Dieser Anblick deines erstaunten Gesichts war die Überwindung wert, die mich dieses Geständnis gekostet hat!"

"Aber --- wie ist das möglich?", fragte sie.

Er zuckte die breiten Schultern. "Es hat sich nie die Gelegenheit ergeben, es zu lernen."

"Aber --- Ihr seid in der Marine Ihrer Majestät tätig."

"Und wenn schon! Wenn man einen schweren Harnisch trägt, ersäuft man ohnehin, sobald man ins Wasser fällt! Da können einen noch so gute Schwimmkünste auch nicht mehr retten!"

"Ein Grund für dich, solche Dinger nicht zu tragen und dafür eher die Gefahr eines Degentreffers in Kauf zu nehmen!"

"B

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