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Ascheregen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. PROLOG
  6. EINS
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  1. ZWEI
  2. 1
  3. 2
  4. 3
  5. 4
  6. 5
  7. 6
  8. 7
  9. 8
  10. 9
  11. 10
  12. 11
  13. 12
  14. 13
  15. 14
  16. 15
  17. 16
  18. 17
  19. 18
  1. DREI
  2. 1
  3. 2
  4. 3
  5. 4
  6. 5
  7. 6
  8. 7
  9. 8
  10. 9
  11. 10
  12. 11
  13. 12
  14. 13
  15. 14
  16. 15
  17. 16
  18. 17
  19. 18
  20. 19
  1. VIER
  2. 1
  3. 2
  4. 3
  5. 4
  6. 5
  7. 6
  8. 7
  9. 8
  10. 9
  11. 10
  12. 11
  13. 12
  14. 13
  1. EPILOG
  2. NACHWORT

Über den Autor

Risto Isomäki ist Schriftsteller, Wissenschaftsredakteur und Umweltaktivist. Er hat bereits an mehreren internationalen Umweltprojekten mitgearbeitet.

Mit seinem Bestseller DIE SCHMELZE – und dem damit verbundenen Text »34 Ways to Stop Global Warming« – hat er die EADS (European Aeronautic Defence and Space Company) auf sich aufmerksam gemacht und agiert inzwischen als deren Berater.

ASCHEREGEN ist sein fünfter Roman, mit dem er viele Leser in Finnland aufgerüttelt hat:

Die Gefahren der Atomkraft werden hierin so überzeugend geschildert, dass einem angst und bange wird.

PROLOG

GLÜCKLICHER DRACHE,
1. MÄRZ 1954

Kann es im Paradies schneien?

Bei Anbruch des Tages, der die ganze Welt unwiderruflich verändern sollte, lag die Koralleninsel Rongelap still in der Dunkelheit der Nacht im Schoß des Stillen Ozeans. Die sanfte, langsame Dünung des Ozeans brach sich an dem ringförmigen Riff des die Insel schützenden Atolls zu Gischt. Auf den weißen Ufersand wälzte sich nur niedriger, ungefährlicher Schaum, der den feinen Korallensand leise hin und her bewegte. Die Palmen rauschten im milden Wind. Das langsame, beruhigende Tosen der Brandung drang ins Bewusstsein der Menschen, die in ihren Hütten schliefen. Bis zum Morgen war es noch eine Weile hin, und noch gab es keinen Grund zu erwachen.

Wenn es auf der Erde einen Ort gab, der ans Paradies erinnerte, dann war er hier. Die feuchte Luft der dunklen Nacht war wie warme, weiche Seide.

Auf dem offenen Meer, dreihundert Kilometer weiter westlich, schaukelte ein einsamer Fischtrawler in dem leichten Seegang. Es war Daigo Fukuryu Maru, der Glückliche Drache. Oder, genauer, der Glückliche Drache Nummer fünf, denn vier Schwesternschiffe der Daigo Fukuryu waren schon vor diesem in der Werft vom Stapel gelaufen. Der fünfte Glückliche Drache war ein paar Tage zuvor mit dreiundzwanzig Mann Besatzung an Bord aus dem Hafen Yaizu ausgelaufen, um seinen Laderaum mit dem von den japanischen Verbrauchern so heiß begehrten saftigen Thunfisch zu füllen.

Es war 6.45 Uhr in der Frühe, und bald würde die Sonne aufgehen. Die Besatzung erwachte allmählich. Der Glückliche Drache hatte am Abend seine Grundleine ausgelegt. Bald würde sich zeigen, was alles an den Haken hing und wie viel Glück sie diesmal gehabt hatten.

Da begann der Westhimmel, sich ohne jegliche Vorwarnung zu erhellen.

»Die Sonne geht … auf der falschen Seite auf«, sagte einer der Fischer und hielt den Atem an.

Der Horizont begann zu gleißen, und gleich darauf war es auf dem Meer fast ebenso hell wie am Tag. Die ganze Mannschaft der Daigo Fukuryu Maru versammelte sich an Deck. Stumm betrachteten sie den Westhimmel mit Gefühlen, in denen sich Angst und Verwunderung mischten.

Sieben Minuten später erfüllte ein ohrenbetäubender Donner die Welt; als wären tausend Blitze auf einmal vom Himmel niedergegangen oder als hätte es um sie herum in allen Richtungen einen kolossalen, unsichtbaren Erdrutsch gegeben. Irgendwo sehr weit entfernt erhob sich ein glühender orange-gelb-roter Feuerball. Sehr viel später sollten sie hören, dass er fast zehn Kilometer im Durchmesser maß.

»Dort liegt das Bikini-Atoll«, sagte einer der Fischer. »Die Amerikaner haben wieder Versuche gemacht. Das ist ein Pikadon!«

Seine Kameraden erschraken. Ein Pikadon! Eine Bombe von der Art, wie sie zwei japanische Städte vernichtet und Hunderttausende von Menschen getötet hatte.

»Sie haben nichts dergleichen angekündigt«, zweifelte ein anderer Fischer.

»Das tun sie nicht immer.«

Hinter ihnen tauchte der Kapitän auf. Mit gerunzelter Stirn betrachtete er den in Flammen stehenden westlichen Himmel. »Kann … das da gefährlich sein?«, fragte einer der Männer den Kapitän.

Der schüttelte den Kopf.

»Nein«, sagte er entschieden. »Wir sind weit entfernt von der verbotenen Zone. Mindestens dreißig, vierzig Kilometer vom äußeren Rand. Bis zum Bikini sind es zweihundert Kilometer. Wir gehen jetzt wieder an die Arbeit.«

Trotz der Worte des Kapitäns wirkte der Fischer weiterhin besorgt.

»Sie haben ihre Versuche schon viele Male gemacht«, erinnerte sie der Kapitän. »Das Gefahrengebiet hat nie so weit gereicht. Nicht im Entferntesten. Wenn wir ganz nah am Bikini dran wären, müssten wir uns vielleicht Sorgen machen. Aber in zweihundert Kilometer Entfernung? Glaubt mir, wir haben kein Problem, selbst wenn der Wind von dort hierher weht.«

Der Fischer beruhigte sich etwas, denn er wusste, der Kapitän sprach die Wahrheit.

»Sie haben aber heute größere Atombomben als früher«, sagte er trotzdem. »Angeblich tausendmal größere. Sie heißen Wasserstoffbomben. Die Bombe, die vor zwei Jahren gezündet wurde, war so eine.«

»Wasserstoffbomben sind zwar größer, aber sie verursachen nicht so einen gefährlichen radioaktiven Niederschlag«, versicherte der Kapitän. »Sie brennen irgendwie sauberer als die anderen Atombomben.«

Einige Stunden später begann es, Asche vom Himmel zu regnen. Zuerst schwebten einige große, graue Flocken in der Luft, dann wurde der Ascheregen dichter, so als hätte es irgendwo in der Nähe einen gewaltigen Vulkanausbruch gegeben. Die Besatzung der Daigo Fukuryu Maru fand, die federleichten Flocken wirkten wie riesengroße Schneeflocken, abgesehen davon, dass Schneeflocken meistens weiß waren. Das waren diese hier nicht.

Fast drei Stunden lang regnete es Asche auf den Glücklichen Drachen, sodass zuletzt das ganze Deck von einer Ascheschicht bedeckt war, und wenn die Besatzungsmitglieder darüberliefen, blieben in der Asche die Spuren ihrer Schuhsohlen zurück. Dann hörte der Ascheregen auf, bald schwebten am Himmel nur noch hier und da vereinzelt Flocken, dann auch das nicht mehr. Der Kapitän befahl seiner Mannschaft, das Deck zu fegen, aber viele Männer sammelten erst einmal große Haufen der Asche als Souvenir und Mitbringsel ein. Sie taten die Asche in große Säcke und kleine Gläser.

Plötzlich bemerkte der Kapitän etwas Seltsames.

»Ichiro«, sprach er einen der Männer an. »Deine Haut ist ganz rot. Als wäre sie verbrannt.«

Ichiro wandte sich seinem Kapitän zu, und da bemerkte dieser, dass Ichiro auch an der Wange etwas Auffälliges hatte.

»Ichiro … vielleicht solltest du dich hinlegen und dich ausruhen«, sagte der Kapitän.

Und in diesem Moment bemerkte der Kapitän, dass auch er selbst sich nicht recht wohlfühlte. In den Mundwinkeln fühlte er einen kleinen, scharfen Schmerz. Er war dort schon einige Zeit zu spüren gewesen, aber erst jetzt so stechend geworden, dass der Kapitän sich seiner bewusst wurde. Der Schmerz wurde immer heftiger, sodass der Kapitän zunehmend darunter litt. Außerdem wühlte tief innen in seinem Körper ein vages Gefühl von Übelkeit. Wie ein großer, fester Klumpen, der immer schwerer wurde. Hatte er etwas Verdorbenes gegessen? Er hatte sonst niemals Magenprobleme.

Da hörte er hinter sich ein ekelhaftes, gurgelndes Geräusch. Einer seiner Männer musste sich plötzlich übergeben. Er drehte sich um und sah, wie der Mann sich nahezu gewaltsam über die Reling ins Meer erbrach. Es dauerte nur einen Augenblick. Auch einem anderen Mann wurde übel und dann noch einem dritten. Und auch die Übelkeit, die dem Kapitän zusetzte, ging nicht vorüber, sie wurde immer schlimmer. Es schwindelte ihn, und seine Gelenke und Muskeln schmerzten. Überall gleichzeitig.

Der Kapitän erkannte, dass hier etwas nicht stimmte. Er wusste nicht, was sich die Amerikaner diesmal ausgedacht hatten, aber in dem unermesslich großen Feuerball, den sie über dem Bikini-Atoll ausgelöst hatten, war offenbar wieder etwas ganz Neues gewesen. Etwas, das den Niederschlag noch Hunderte von Kilometern entfernt gefährlich machte.

»Wir müssen hier weg«, sagte der Kapitän zum Steuermann des Glücklichen Drachen. »Wir fahren nach Hause. Sofort.«

»Aber …«

»Wir fahren. Jetzt. Das ist nicht normal.«

Der Trawler drehte nach Osten ab, die Maschine arbeitete mit voller Kraft. Aber wenig später war schon die gesamte Mannschaft des Glücklichen Drachen krank und litt an Übelkeit.

Der Wind ließ nicht nach. Einige Stunden später erreichte der Korallenschnee auch die hundert bzw. dreihundert Kilometer entfernten Atolle Utrik und Rongelap. Palmenblätter und Sandstrände wurden von einem Mantel aus grauen Flocken bedeckt, und die Korallenasche fiel auch auf die Hausdächer und die Haare der Menschen. Kinder und Erwachsene fingen die vom Himmel herabschwebenden Flocken mit den Händen und betrachteten sie, entzückt lächelnd. Das war für sie etwas ganz Neues, denn im Paradies schneit es nicht.

Am nächsten Tag waren alle Bewohner von Utrik und Rongelap schwer krank.

Aber es sollten fast sechzig Jahre vergehen, ehe die Welt verstand, um wie vieles gefährlicher der Heimatplanet der Menschen an jenem schicksalsschweren Tag plötzlich geworden war.

EINS

Rapid-L

»Man könnte sich vorstellen, dass Radium in den Händen von Verbrechern sehr gefährlich werden könnte […]. Wir können uns fragen, ob die Menschheit davon profitiert, dass sie die Geheimnisse der Natur kennenlernt. Ich gehöre zu denjenigen, die wie Nobel glauben, dass die Menschheit von den neuen Entdeckungen mehr Nutzen als Schaden haben wird.«

Pierre Curie,

einer der beiden Entdecker des Radiums, in Stockholm bei der Zeremonie zur Verleihung des Nobelpreises

1

Als Hauptkommissar Kenzaburo Niori das Gebäude sah, spürte er sofort, dass hier etwas absolut nicht stimmte.

»Fordere Verstärkung an«, sagte er zu Akiko Nobura. »Hier ist etwas Schlimmes passiert. Etwas sehr Schlimmes.«

Wie kannst du das wissen, dachte Nobura, stellte jedoch die klare Anweisung ihres Vorgesetzten nicht infrage. Jüngere Untergebene taten so etwas nicht. Zumal wenn es sich um eine Frau handelte, die erst vor ein paar Jahren ihre Ausbildung abgeschlossen hatte.

»Und ruf einen Schlosser«, fügte Niori hinzu. »Zur Sicherheit.«

Hauptkommissar Niori betrachtete das vor ihm aufragende zwanzigstöckige Bürogebäude, die Hauptverwaltung des Yoshikawa-Konzerns. Die Glaswände des Gebäudes schimmerten im Halbdunkel der Nacht matt hellgrün. Nur in der Empfangshalle unten brannte ein gelbes Licht. Aber auch dort war niemand zu sehen, obwohl Mitsuru Kemba am Telefon gesagt hatte, dass sich im Erdgeschoss Wachleute aufhalten würden, die ihnen bestimmt entgegenkommen würden.

Wieder drückte Niori die Klinke der Glastür herunter, aber die Tür öffnete sich nicht. Er drückte auch auf den Summer, zum wer weiß wievielten Mal. Die Wachleute hätten es hören müssen, aber niemand erschien. Das ganze Gebäude war still.

Wie eine versiegelte Grabkammer, schoss es Hauptkommissar Niori durch den Kopf. Ihm gefiel der Gedanke nicht.

Das Zentrum von Osaka leuchtete wie ein Lichtermeer hinter ihnen. Die Lichtreklamen an den Wänden der höchsten Wolkenkratzer veränderten ständig ihre Form. In ihrer Nähe befanden sich niedrigere Bürogebäude. Hier und da sah man darin hellere Vierecke, aber nur wenige Fenster waren erleuchtet. Es war kurz nach vier Uhr morgens.

Akiko Nobura legte auf.

»Zwei weitere Streifen sind in einer halben Stunde hier. Der Schlosser müsste schon vorher da sein.«

»Auch Kemba sollte erscheinen«, knurrte Niori. »Mir schwant Übles.«

»Was beunruhigt Sie?«, wunderte sich Nobura. »Es wirkt doch alles ganz normal.«

»Kemba hat gesagt, in dem Gebäude seien acht Wachleute. Warum hört keiner von ihnen den Summer?«

Vor einer halben Stunde hatte der Geschäftsführer des Yoshikawa-Konzerns den Hauptkommissar geweckt. Auch Nioris Frau Hatsuro und ihre sechs Monate alte Tochter waren vom Klingeln des Telefons wach geworden. Auch wenn Mitsuru Kemba ein geschätzter Bekannter der Familie war, fiel es Niori schwerer als sonst, freundlich und höflich zu sein.

Aber Kemba hatte ihn geradezu angefleht, zur Hauptverwaltung des Konzerns zu kommen. Kemba war mitten in der Nacht eine kleine Sache eingefallen, die er eigentlich schon längst hätte erledigen müssen. Er war aufgestanden und hatte einen der Nachtwächter angerufen. Aber der hatte sich nicht gemeldet. Kemba hatte auch die Handynummern von zwei anderen Wachleuten gewählt, aber ohne Erfolg. Da hatte er die Polizei alarmiert, die versprochen hatte, eine Streife vorbeizuschicken. Als Kemba erneut bei der Polizei anrief, erfuhr er, dass die Streife an Ort und Stelle gewesen war und festgestellt hatte, dass alles in Ordnung war.

Hauptkommissar Niori machte sich nicht gern mehrere Stunden früher auf den Weg, aber er schuldete Mitsuru Kemba einen Gefallen. Und so hatte er sich mit Kemba für eine halbe Stunde später bei der Hauptverwaltung des Yoshikawa-Konzerns verabredet. Er hatte auch die ganz in der Nähe wohnende Akiko Nobura geweckt und sie angewiesen, ihn zu begleiten.

Niori hatte angenommen, er würde sich ganz umsonst bemühen und nur aus Höflichkeit gegenüber Mitsuru Kemba gehandelt. Aber seine Meinung hatte sich geändert, als sie bei dem Gebäude angelangt waren.

Das wird ein sehr langer Tag, dachte Niori.

Kurz darauf sahen sie die Lichter eines sich nähernden Autos. Es hielt vor dem Gebäude, und ihm entstieg ein etwa sechzigjähriger Mann mit grauem Haar. Niori erkannte in ihm sofort Mitsuru Kemba, einen entfernten Verwandten seiner Frau.

»Danke, dass Sie so schnell kommen konnten«, keuchte Kemba und drückte mit beiden Händen Nioris Arm.

Akiko Nobura begrüßte Kemba mit einer Verbeugung.

»Die Nachtwächter reagieren nicht auf das Klingeln«, berichtete Niori.

Kembas Miene verdüsterte sich.

»Ich hab doch gesagt, dass hier etwas nicht stimmt. Einen Moment, ich öffne die Tür.«

Kemba zog seine Codekarte hervor und schob sie ins Lesegerät. Der Schließmechanismus der Tür reagierte nicht.

»Seltsam«, murmelte Kemba. »Ich verstehe nicht, wie das sein kann.«

»Acht Wachleute sind ziemlich viele«, sagte Kenzaburo Niori laut. »Befindet sich in dem Gebäude etwas Wertvolles?«

»Da drin ist der Prototyp eines sehr wertvollen Geräts«, bestätigte Kemba. »Beziehungsweise die erste funktionierende, ans Stromnetz angeschlossene Einheit.«

»Um was für ein Gerät handelt es sich?«, erkundigte sich Niori.

Kemba zögerte.

»Das Projekt ist noch geheim«, sagte er ausweichend.

»Für uns kann es wichtig sein, das zu wissen«, beharrte Niori, obwohl er wusste, dass er unhöflich war.

»Mag sein, dass Sie recht haben«, räumte Kemba ein, immer noch mehr als nur ein wenig widerstrebend. »Na schön, im Kellergeschoss befindet sich ein Reaktor der Serie Rapid-L.«

»Ein Reaktor?«, wunderte sich Niori. »Was für ein Reaktor?«

»Na, ein Kernreaktor natürlich.«

»Ein Kernreaktor?«, fragte Niori verblüfft. »So nahe beim Stadtzentrum von Osaka?«

Kemba legte die Stirn in ärgerliche Falten.

»Ich weiß, was Sie denken. An diese Reaktion bin ich gewöhnt. Die Leute haben hysterische Angst vor Kernkraft, aber eigentlich ohne jeden guten Grund. Welche andere Energieform hat denn bisher so wenig Menschen umgebracht wie die Kernkraft? Außerdem ist der Rapid-L ein sehr besonderer Reaktor.«

Im Halbdunkel erschienen die Lichter von zwei sich rasch nähernden Wagen.

»Da kommt wohl der Schlosser«, kommentierte Akiko Nobura. »Das kann noch keine der Streifen sein.«

»Der Rapid-L ist ein sehr weit entwickelter Kernreaktor völlig neuen Typs«, fuhr Kemba fort mit einer von Sorge und Unsicherheit geprägten Stimme, in der gleichwohl auch Stolz lag. »Superkompakt, supersicher. Der Reaktor selbst ist nur sechs Meter hoch und zwei Meter breit, er wiegt nur 7,6 Tonnen.«

»Aha«, sagte Niori. »So, so.«

Der Schlosser hielt neben den Autos von Niori und Kemba und kam die Stufen zu der Ebene des Eingangsbereichs herauf, auf der die drei standen. Er trug einen großen Werkzeugkasten. Der Schlosser musterte sie und begrüßte dann zuerst Kemba und gleich danach Niori. Dann nickte er Nobura zu.

»Werde ich hier gebraucht?«

»Sie sind an der richtigen Adresse«, sagte Niori. »Würden Sie diese Tür da aufbekommen?«

Der Schlosser sah Niori erstaunt und gleichzeitig mehr als ein wenig besorgt an.

»Und Sie sind auch wirklich dazu berechtigt?«

Niori zeigte dem Schlosser seine Polizeikarte, und dieser sah gleich ein bisschen beruhigter aus.

»Herr Kemba hier ist der Forschungsleiter des ganzen Yoshikawa-Konzerns«, erklärte Niori.

»Dann kann ich Ihnen diese Tür wohl öffnen«, brummte der Schlosser. »Ich meine, Sie wissen ja wohl selbst, was Sie wollen.«

Der Schlosser entnahm seinem Werkzeugkasten eine kleine akkubetriebene Eisensäge und drückte deren Blatt gegen den Riegel des Schlosses. Die Säge begann zu surren, erst leise und dann allmählich mit immer heftigerem und penetranterem Geräusch.

»Der Rapid-L produziert Strom nicht mit einer Dampf- oder mit einer Gasturbine so wie die altmodischen Reaktortypen«, fuhr Kemba fort. »Er wandelt Temperaturunterschiede mit Hilfe von neuartigen thermoelektrischen Zellen direkt in Strom um.«

»Das klingt fortschrittlich«, stimmte Niori zu.

Niori versuchte nicht, Kembas Vortrag zu unterbrechen. Er verstand, dass Kemba wirklich besorgt war und dass er seine Besorgnis durch Reden abbaute. Indem er dozierte, versuchte Kemba, das Gesicht zu wahren, sich selbst zu beruhigen und sich zu versichern, dass alles weiterhin in Ordnung war.

»Das dauert hier nur ein paar Minuten, auch wenn das Schloss aus ziemlich hartem Metall ist«, bemerkte der Schlosser.

Er setzte ein neues Blatt in seine Säge ein und setzte die Arbeit fort.

»Früher hat es sich nicht recht gelohnt, thermoelektrische Zellen zu verwenden, weil man damit ein Nutzverhältnis von nur einigen wenigen Prozent erzielte«, fuhr Mitsuru Kemba fort. »Unsere neuen Zellen sind um das Zwei- bis Dreifache effizienter. Ein Rapid-L erzeugt zweihundert Watt Elektrizität. Er eignet sich hervorragend als Energiequelle für ein einzelnes Wohnhaus oder ein Bürogebäude.«

Niori sah Kemba verdutzt an.

»Aber Sie sprechen jetzt von Kernreaktoren. Wollen Sie damit sagen, dass man kleine Kernreaktoren im Keller von Wohnhäusern installieren könnte?«

Kemba nickte.

»Ganz recht. Die Wohnungseigentümergemeinschaften würden viel Geld sparen, wenn sie ihren eigenen Strom erzeugen könnten.«

»Das wär’s dann«, sagte der Schlosser und öffnete die Tür einen Spaltbreit.

Erstaunt betrachtete er die Tür und wandte sich dann an Niori.

»Ich bin kein Fachmann in solchen Fragen, aber ich war immer der Meinung, dass Alarmanlagen spätestens jetzt angehen müssten.«

Das ist zweifellos etwas eigenartig, dachte Niori.

»Die Rechnung können Sie an diese Adresse schicken«, sagte Akiko Nobura.

Sie reichte dem Schlosser ihre Visitenkarte. Dann betraten sie und Niori die Empfangshalle des Gebäudes.

»Solche Reaktoren eignen sich auch gut für Entwicklungsländer, in denen es schwierig ist, abgelegene Gegenden an das nationale Stromnetz anzuschließen«, sagte Kemba.

Die Empfangshalle war hell erleuchtet. Sie war sauber, aber leer.

»Glauben Sie mir, eines Tages werden wir solche Reaktoren in Serien von zehntausend Stück herstellen«, fügte er hinzu. Sie sind so betriebssicher und ungefährlich gebaut, dass sie nicht einmal Überwachungspersonen oder sonstiges Personal brauchen.«

In der Mitte der Aula befand sich die einsam und verlassen wirkende Empfangstheke. Kemba warf einen Blick dahinter. Auf einem u-förmigen Tisch standen Mikrofone, Überwachungsmonitore und ein paar Computer. Ein paar der Monitore waren an, und Niori sah auf einem davon sich selbst, aus der Vogelperspektive betrachtet. Auf einem anderen sah er, wie der Schlosser gerade mit seinem Auto zurücksetzte, um zu wenden. Doch der größte Teil der Monitore war dunkel. Sie waren abgeschaltet. War das normal?

Hinter dem Tisch standen zwei Stühle mit Rollen. Niori fühlte sich unwohl. Wo waren die Wachleute?

»In der Zukunft kann eine Aufsichtsperson über das Internet aus der Ferne das Funktionieren Tausender Reaktoren überwachen«, dozierte Kemba.

Sie gingen weiter. Noch immer kam ihnen niemand entgegen.

»Sie haben gesagt, dass Sie keine Verbindung zu den Wachleuten bekommen haben«, bemerkte Akiko Nobura. »Und wenn nun mit dem Reaktor etwas passiert ist?«

Mitsuru Kemba schüttelte den Kopf.

»Das ist unmöglich. Der Computer des Reaktors steht ständig mit anderen Computern in Verbindung. Als ich von zu Hause wegfuhr, war alles in Ordnung. Die Temperatur war, wie sie sein sollte, bei 530 Grad. Der Reaktor speist die ganze Zeit Strom in das Netz des Gebäudes ein. Er funktioniert vollkommen normal. Außerdem hat der Reaktor für den Fall, dass etwas kaputtgehen sollte, ein quasi übereffizientes Notkühlsystem. Es ist viel wirkungsvoller, als es eigentlich nötig wäre. Deshalb ist er ja so sicher. Sobald die Temperatur 780 Grad übersteigt, schmelzen die LR-Module und …«

Plötzlich erstarrte Nioris ganzer Körper. Er deutete mit der Hand nach hinten, in Kembas Richtung. Der Sinn der Geste war klar, und Kemba verstummte sofort, mitten im Satz. Kemba wusste nicht, was Niori gesehen hatte, aber er sah, wie die Hand des Hauptkommissars unter dem Mantel verschwand. Als sie wieder hervorkam, war darin eine große, hässliche Pistole. Niori hielt die Pistole mit beiden Händen und schlich vorwärts. Nobura zog ihre eigene Pistole hervor und folgte ihm.

Kenzaburo Niori wusste, dass alljährlich fast eine Million Menschen als Opfer von Gewalt ihr Leben verloren. Deshalb, weil ein anderer Mensch sie erschoss, mit einer Stichwaffe erstach, sie schlug, gegen den Kopf trat, würgte oder etwas anderes tat, was sich störend auf die Organfunktionen eines Menschen auswirkte. Eine Million Menschen. Jahr für Jahr. Etwa jeder sechzigste Mensch, der in diesem Jahr starb, würde infolge von Gewalt sein Leben verlieren. Niori fand, dass das eine erschütternd große Zahl war, wenn das Problem in Japan auch viel kleiner war als in den meisten anderen Ländern der Welt. Andererseits wusste Niori, dass der Mensch von Zeit zu Zeit einfach beschloss, all die kulturellen und sozialen Normen zu vergessen, die Aggressionen und Gewalt unterdrückten und begrenzten. Und immer wenn das passierte, wurden Menschen zur Todesursache anderer Menschen. In solchen Zeiten breiteten sich kriegerische Gedanken und Ideologien aus wie Epidemien durch Tröpfcheninfektion, von denen eine schlimmer war als die andere, und die meisten Menschen, die dabei ums Leben kamen, starben deshalb, weil ein Vertreter der eigenen Art etwas Schreckliches tat. Die Hälfte, zwei Drittel. Manchmal noch mehr. Also nicht mehr nur einer von sechzig.

Niori wusste dies alles, und doch hatte es keine der Statistiken, die er so aufmerksam studiert hatte, vermocht, ihn auf solche Situationen vorzubereiten.

Am Boden lag ein Wachmann in der Uniform des Yoshikawa-Konzerns. Unter dem Mann hatte sich eine große Lache halb geronnenen Blutes ausgebreitet. Seine Stirn wies zwei runde, rote Löcher im Abstand von nur zwei Zentimetern auf. Die Haut um die Löcher herum war aufgewölbt, so als wären es winzige Krater.

Wir werden wohl keinen Krankenwagen brauchen, dachte Niori. Er hörte, wie Mitsuru Kemba tief durchatmete. Niori wandte sich an Nobura. »Wir müssen nachsehen, was da vor sich geht.«

»Sollten wir nicht auf die Verstärkung warten?«, fragte Nobura.

Niori schüttelte den Kopf. »Es kann sich um einen Terroranschlag handeln. Wir können es uns nicht leisten abzuwarten.«

»Der Rapid-L ist absolut sicher«, protestierte Kemba. »Dem kann man nichts anhaben.«

Niori hörte, dass Kembas Stimme vor Erschütterung zitterte. Es war klar, dass er nicht in den Keller gehen wollte.

»Keine von Menschen geplante Anlage lässt sich so planen, dass sie einem Terroranschlag standhält«, sagte Niori ruhig. »Und ein Kernreaktor bildet da keine Ausnahme.«

Kemba schluckte.

»Ich verstehe, was Sie meinen. Aber … wenn es da jetzt … radioaktive Strahlung gibt?«

Niori begann, die Stufen hinabzusteigen. Einen Augenblick lang kämpften in Kemba Pflichtgefühl und Vorsicht, dann beschloss er, Niori zu folgen. Immerhin sind die Lichter noch nicht ausgegangen, dachte Niori und war ein wenig erleichtert.

Am unteren Ende der Treppe, halb auf den Stufen und halb auf dem Boden, lag der zweite Wächter. Niori sah sofort, dass an der Leiche etwas seltsam war.

Sie lag in einer großen Blutlache. Dahinter, etwas weiter entfernt, gab es auf dem Boden Blutspritzer in einem großen, mehrere Meter breiten Bogen. Außer den Spritzern zeichnete sich eine deutliche, viel weiter reichende Blutspur ab. Sie wirkte wie eine Art Schleifspur. So als wäre etwas über den Boden geschleift worden.

Am anderen Ende der Spur war etwas.

Jetzt verstand Niori, warum die Leiche vom oberen Ende der Treppe her so eigentümlich gewirkt hatte. Er sah auch, dass der tote Wächter in der einen Hand eine sehr effizient aussehende automatische Pistole hielt. Der Tod hatte seinen festen Griff um die Waffe nicht gelöst.

Als er in Amerika studiert hatte, hatte Niori einmal gesehen, wie ein Luchs einen Weißwedelhirsch getötet hatte. Der Hirsch war stattlich gewesen, sein Gewicht betrug bestimmt zehnmal mehr als das des Luchses. Aber der Luchs war dem Weißwedelhirsch an die Kehle gesprungen und hatte ihm die Luftröhre durchgebissen. Der Weißwedelhirsch war ein großartiges und schönes, sanftmütiges Tier. Es war ihm offenkundig schwergefallen zu glauben, dass das, was da passierte, real war. Dass jemand so unverschämt und anmaßend sein und sich eine so weitgehende, grausame Tat vorstellen konnte, dass also ein so viel kleineres Tier es wagen konnte, ihn anzugreifen. Eine entscheidende Sekunde lang tat der Hirsch nichts, weil er zu überrascht war, als dass er hätte handeln können. Da hatte der Luchs seine Gurgel schon fest gepackt, und der Hirsch wusste nicht mehr, was er tun sollte. Wegen des Schmerzes ertrug er es nicht mehr, den Luchs abzuschütteln, oder vielleicht wagte er es nicht, weil er fürchtete, sein Hals könnte aufreißen. Und dann, noch ehe der Hirsch überhaupt entscheiden konnte, was er tun sollte, ging ihm schon die Luft aus. Die Hinterbeine knickten ein, und einen Augenblick später fiel er auf die Seite, in seinen sanften Augen einen traurigen und anklagenden Ausdruck. Der Luchs ließ die Gurgel seines Opfers nicht los, sondern hielt fest, bis der Hirsch sich nicht mehr rührte. Dann erst, viel später, gab er den Hals frei, wandte sich um und schaute Niori an.

Niori würde den Blick dieses Luchses niemals vergessen.

»Wie … Wie kann jemand … so etwas tun?«, flüsterte Kemba hinter ihm.

Der Wachmann hatte eine Waffe in der Hand gehabt. Aber er hatte sie nicht benutzt, als jemand kam und ihm den Kopf abschlug, wahrscheinlich mit einem Samuraischwert, das schärfer geschliffen war als ein Rasiermesser.

Das hier ist geradezu mittelalterlich, dachte Niori.

Warum hatte der Wächter seine Waffe nicht benutzt, überlegte er. Wieder sah er vor sich, wie der Luchs den großen Weißwedelhirsch bei der Gurgel gepackt hatte.

»Wir müssen weiter«, sagte Niori.

Die nächste Leiche lag etwas entfernt am Ende des Ganges. Die Hand des Wachmanns, die die Pistole hielt, war abgeschlagen. Dann war das Herz des Mannes mit einem Schwert durchbohrt worden. Überall war Blut, sehr viel Blut. Das hier ist ein richtiger Albtraum, dachte Niori. Er hatte Schlimmes geahnt, als sie vor dem Gebäude gestanden hatten. Aber so etwas hatte er sich nicht vorstellen können.

»Wo ist der Reaktorraum?«, fragte Niori flüsternd.

»Am Ende des Korridors«, antwortete Kemba matt. »Auf der rechten Seite.«

Der vierte Wächter lag tot neben der Tür des Reaktorraums. Auch er war mit dem Schwert getötet worden. So etwas kann doch gar nicht passieren, dachte Niori.

Die Tür zum Reaktorraum stand offen. Niori spähte hinein.

Die Reaktorhalle war kleiner, als er erwartet hatte. Sie sah aus wie ein ganz gewöhnlicher, etwa zwanzig Meter breiter Kellerraum, der etwas höher war als normal.

In dem Raum befand sich ein sechs bis sieben Meter hoher und etwa zwei Meter breiter Zylinder mit verschiedenen Vorsprüngen, von dem isolierte Leitungen und Röhren unterschiedlicher Dicke abgingen. Das Licht im Raum brannte weiterhin, und von dem Reaktor ging ein gleichmäßiges, fast beruhigendes Summen aus.

Auf dem Betonboden lagen drei tote Wachleute, jeder in einer großen Blutlache. In dem Raum roch es verbrannt. Aber im Übrigen … gab es hier keine Terroristen, und Niori sah nichts, was nach einer Bombe aussah. Er ging die Treppe hinunter, weiterhin auf der Hut.

Der Kernreaktor befand sich jetzt direkt vor ihm. Er war tatsächlich erstaunlich klein, nur etwas mehr als drei Mann hoch. Es war kaum zu glauben, dass er auch jetzt jede Sekunde zweihundert Kilowatt Strom in das interne Netz des Gebäudes einspeiste.

Niori umrundete den Reaktor und suchte Hinweise auf mögliche Bomben. Aber er fand nichts dergleichen. Stattdessen bemerkte er zwei am Boden stehende, mit Rädern ausgestattete Schweißgeräte samt Flaschen und Düsen. Neben ihnen lagen am Boden auch dunkle Schutzbrillen. Die Schweißgeräte waren eindeutig erst vor kurzer Zeit benutzt worden, von ihnen ging ein Geruch nach verbranntem Metall aus.

Niori fiel ein digitales Thermometer neben dem Reaktor auf. Es zeigte 528 Grad Celsius an, also fast genau den Wert, von dem Kemba gesprochen hatte. Der aktuelle Wert war noch weit entfernt von dem Bereich des Thermometers, wo die roten Gradzahlen begannen. Offenbar funktionierte der Reaktor also ganz normal, so wie es nach Kembas Worten auch zu erwarten war.

Rasch untersuchte Niori die im Reaktorraum liegenden Leichen der Wachleute. Auch sie waren mit einem Samuraischwert oder einer anderen, mit einer ähnlich langen Klinge ausgestatteten Waffe getötet worden.

»Was hat das alles für einen Sinn?«, fragte Niori halblaut. »Warum tut jemand so etwas?«

Hauptkommissar Niori arbeitete seit dreiundzwanzig Jahre bei der Polizei von Osaka, aber er erinnerte sich nicht, jemals etwas auch nur im Entferntesten Ähnliches gesehen zu haben. Dies ist Japan, nicht Amerika, bei uns passiert so etwas nicht, meldete sich eine zweifelnde Stimme in seinem Innern, in Japan werden pro Jahr 0,9 Verbrechen mit Todesfolge pro hunderttausend Einwohner begangen.

Dann fiel ihm ein, dass Kemba von acht Wächtern gesprochen hatte. Sie hatten sieben Tote gefunden. Wo war der achte?

Plötzlich hatte Niori eine Idee.

Das ist ein Schauspiel, dachte er. Eine Inszenierung. Eine Theatervorstellung. Jemand will uns etwas sagen, und er sagt es uns in einer Weise, die wir nicht überhören können. Aber worum geht es bei alldem? Und ist dies alles inszeniert worden, damit wir etwas bemerken? Oder damit wir etwas anderes bemerken?

Handelte es sich um Terrorismus? Um einen Anti-Atomschlag? Ging es darum, zu sagen: Seht her, wie leicht es tatsächlich gewesen wäre, diesen Reaktor in die Luft zu sprengen? Darum, klarzumachen: Wir hätten es tun können, wenn wir es gewollt hätten?

»Die LR-Module«, hörte er Mitsuru Kemba hinter sich stöhnen.

Niori wandte sich zu Kemba um. Er wirkte sehr blass und wies mit der Hand auf die Flanke des Reaktors.

»Die LR-Module«, wiederholte Kemba. »Sie haben die LR-Module gestohlen.«

2

Die Nacht war für die Jahreszeit außergewöhnlich warm. Die sanfte Wärme lag noch in der Luft, obwohl es schon zwei Uhr war. Die Frau saß auf dem Betonboden ihres kleinen Balkons und trank das vierte Glas Whisky. Der Boden war hart, aber das war ihr egal. Sie hatte keine Lust, sich von drinnen Kissen als Polster zu holen.

Sie sagte sich immer, dass alles noch schlimmer sein könnte. Viel schlimmer. Das war ein nützlicher Gedanke, und er tröstete sie oft.

Aber dann, wenn sie wirklich schlechte Tage hatte – und davon hatte es in letzter Zeit wieder unbestreitbar viele gegeben -, konnte sie ihre Depression nicht dadurch abmildern, dass sie dachte, dass alles eigentlich noch trostloser sein könnte. Dann rollte sie sich auf ihrem Bett zusammen, schlang die Arme fest um den Körper und weinte. Nur ein kleines bisschen und meist nicht sehr lange. Immer so leise, dass die Nachbarn es nicht hörten. Manchmal verschaffte ihr das Erleichterung, manchmal nicht. Heute half auch das Weinen nicht.

Sie stand auf, ging hinein und holte die Whiskyflasche. In Gedanken durchlebte sie erneut die wenigen Sekunden, in denen sich ihr ganzes Leben verändert hatte. Sie war das alles in Gedanken Tausende Male durchgegangen, ohne sich von der endlosen Wiederholung derselben Gedanken und Fragen lösen zu können. Sie wusste sehr wohl, dass es nichts half, sich im Kreis zu drehen, und dass sie das nur verrückt machte. Dass es sich nicht lohnte, Zeit und Kraft darauf zu verschwenden, sich wegen längst vergangener Dinge zu grämen. Was geschehen war, war geschehen, und man konnte es nicht mehr ändern. Es war sinnlos, sich selbst mit Überlegungen zu quälen, wie alles sein könnte. Schnee von gestern, verschüttete Milch, Wasser, das den Bach hinuntergeflossen war, Staub im Wind.

Normalerweise kontrollierte sie ihre Gedanken, sobald die Fragen wieder ihr boshaftes Haupt erhoben. Sie stürzte sich sofort auf sie und zwang sie, aus ihrem Kopf zu verschwinden, oder schob sie zumindest beiseite, in die Randbereiche ihres Bewusstseins, irgendwohin, wo sie sie nicht mehr stören konnten. Trotzdem wusste sie, dass sie die ganze Zeit irgendwo in den großen, schwarzen Weiten, die ihr Bewusstsein umgaben, kreisten und lauerten.

Manchmal aber stürmten die Fragen so überraschend und heftig auf sie ein, dass sie sie nicht rechtzeitig abwehren konnte.

Wenn sonst nichts half, betrank sie sich. Sie bemühte sich, das nicht allzu oft zu tun, und bisher war ihr das sehr gut gelungen. Manchmal spürte sie die Verlockung, ihre Zuflucht bei Drogen zu suchen, die stärker waren als Alkohol, gab ihr aber nicht nach. Denn sie hatte zumindest einen Grund, warum sie leben und in guter Verfassung bleiben musste: den Menschen, bei dem sie den Rest ihres Lebens für ihr Handeln in der Verantwortung stand und der sie vielleicht irgendwann wieder brauchen würde.

In die Nachtluft schlich sich eine feuchte Kühle, und der Beton fühlte sich allmählich hart an. Sie beschloss hineinzugehen.

Sie trank noch zwei Glas, damit ihre Gedanken zur Ruhe kamen, wieder verschwanden, in ihre fest verschlossenen Fächer zurückkehrten, in denen sie ab und zu doch bereit waren zu bleiben.

Aber im Moment bedrückte sie noch eine andere Sache, die über das Übliche hinausging. Sie wollte nicht daran denken, sondern sie vergessen, denn sie war mit allzu unangenehmen, frischen Erinnerungen verbunden.

Aber …

Es war ein großes Aber.

Wenn die Sache nun wichtig war? Wenn etwas ganz Schreckliches passierte, weil sie niemandem davon erzählte? Würde sie das auch noch ertragen? Zusätzlich zu ihrem alten Ballast?

Sie schlürfte Whisky und dachte über die Worte nach, die sie vor ein paar Tagen gehört hatte.

Sie fand, dass sie unheimlich kalt geklungen hatten. Geradezu eisig. Rätselhaft und beängstigend. Sie hatten ihr sofort kalte Schauer über den Rücken gejagt. Und das, was gleich darauf passiert war? In all dem hatte etwas seltsam Unheilverkündendes, Gefährliches gelegen.

Wenn sie sich das alles nicht nur eingebildet hatte.

Doch später, als sie Informationen darüber im Internet gesucht hatte, hatte sie sich wieder Sorgen gemacht. Große Sorgen. Sie hatte lange überlegt, ob sie ihre Befürchtungen mit Michael teilen sollte. Schließlich war sie jedoch von diesem Gedanken wieder abgekommen. Sie hätte zu viel erklären, zu viele Lügen erfinden müssen. Stattdessen hatte sie einen ihrer Kunden, der in Staatsdiensten stand, gefragt, wem sie von der Sache erzählen könnte, falls sie sich dazu durchringen würde. Sie hatte gelogen, dass es sich um einen ihrer Freunde handelte, und gesagt, sie wisse genau genommen nicht einmal, worum es ging.

Der Mann hatte gezögert. Schließlich aber hatte er eine Visitenkarte aus seiner Brieftasche gezogen und sie ihr gegeben. Er hatte sie angeblich vor zwei Wochen auf einer Cocktailparty des Außenministeriums bekommen.

»Vielleicht kann er deinem Freund helfen«, hatte er gesagt. »Aber erzähl niemandem, von wem du die Karte bekommen hast.«

»Natürlich nicht«, hatte sie geantwortet.

Jetzt lag die Visitenkarte auf ihrem Tisch. Sie trank schluckweise ihren Whisky und spielte mit der Karte.

»Lauri Nurmi«, las sie halblaut.

Ein eigenartiger Name. Welche Sprache mochte das sein? Unter dem Namen standen auch Adresse, Telefonnummer und E-Mail-Adresse. Außerdem gab es da die Abkürzung NTU. N. T. U.? Sie hatte keine Ahnung, was das bedeutete, und hatte auch nicht danach gefragt. Sie hatte im Internet recherchiert und in den Telefonbüchern nachgesehen, aber dort hatte sich kein N. T. U. oder NTU mit der Adresse gefunden, die auf der Karte stand.

Sie legte die Karte zurück auf den Tisch.

Sollte sie die dort genannte Adresse aufsuchen? Oder anrufen? Oder eine E-Mail schicken?

Nein, wenn sie alles in einer E-Mail oder am Telefon erzählte, würde man sie leicht aufspüren können. Vielleicht wäre es besser, einfach hinzugehen, die Dinge auf sich zukommen zu lassen und erst dann zu entscheiden, wie viel sie erzählen sollte oder ob sie überhaupt etwas erzählen sollte.

»Du hast Angst, du könntest Unannehmlichkeiten bekommen, wenn du hingehst«, sagte sie zu sich selbst. »Es wäre viel vernünftiger, nicht hinzugehen.« Aber konnte sie sich so verhalten? Wieder bedrängten die Gedanken sie mit aller Macht.

3

Das ist ein verdammtes Kuddelmuddel, dachte Julia Noruz. Sie hätte sich gern eine Zigarette angezündet. Ich werde das nie kapieren.

»Vor allem nicht, wenn ich jetzt keine Zigarette kriege«, sagte sie laut.

Julia schob sich die runden Brillengläser auf die Stirn und reckte die Glieder. Ihre Augen waren müde, und der Kopfschmerz lauerte irgendwo in der Schläfe.

Auf dem Tisch waren haufenweise Forschungsberichte über die Folgen des Kernreaktorunglücks von Tschernobyl ausgebreitet. Ein Teil war auf Englisch und ein Teil auf Deutsch abgefasst. Aber die meisten waren in Russisch, Ukrainisch oder Weißrussisch verfasst und in kyrillischen Buchstaben gedruckt. Julia beherrschte diese Sprachen, aber das half ihr in diesem Fall nicht viel weiter. Abgesehen von einigen Ausnahmen fand sie in der Methodik der Untersuchungen keine größeren Fehler, wenn sie jedes Papier für sich prüfte. Aber der von diesen Untersuchungen gebildete Gesamtkomplex ergab überhaupt keinen Sinn.

Julia seufzte, denn ihr ganzer Organismus schrie nach Nikotin.

Die Untersuchungen zu den Auswirkungen von Tschernobyl, von denen es unzählige gab, waren von Jahr zu Jahr immer widersprüchlicher geworden. Aus dem wissenschaftlichen Puzzlespiel, das innerhalb eines funktionierenden theoretischen Bezugsrahmens zusammengesetzt worden war, hätte sich letztlich ein einheitliches Feld mit genau ineinanderpassenden Teilen ergeben müssen. Eine ebene, glatte Fläche. So eine wie bei jedem anderen zweidimensionalen Puzzlespiel. Es sollte kein dreidimensionales, schartiges Ungetüm sein, aus dem nach allen Richtungen scharfe Ecken und Kanten abstanden, die mit keinem anderen Teil zusammenpassten und zwischen denen breite Spalten und große Höhlen klafften.

Ich geb’s auf, dachte Julia. Irgendjemand lügt hier. Irgendjemand muss hier lügen. Warum passen die Forschungsergebnisse nicht zusammen? Und warum kann ich an nichts anderes als an Zigaretten denken? Es kann doch nicht so schwierig sein, das Rauchen aufzugeben, Mark Twain hat das tausendmal getan.

Verzweifelt versuchte Julia, sich auf das Problem zu konzentrieren.

»Ich kann hier keinerlei Muster erkennen, das Ganze hat überhaupt keine vernünftige Form«, murmelte sie vor sich hin.

Wo ist eigentlich mein Handy, überlegte sie plötzlich, ich muss es suchen.

»Okay, meine Liebe, beruhige dich«, fuhr sie fort. »Es wird sich finden, es wird sich finden … Ich muss mich jetzt einfach beruhigen und alles noch einmal durchgehen. In alldem hier gibt es sicherlich etwas, was ich einfach nicht durchschaue. Fast immer ist in allem eine gewisse Ordnung, ein Muster, das sich unter der Oberfläche verbirgt. Auch dann, wenn lange alles chaotisch wirkt.«

Julia stand auf und tippte sich mit dem Finger an die Stirn.

»Also, was haben wir?«, murmelte sie. »Zunächst einmal haben wir einige Dutzend Untersuchungen, laut denen die Kindersterblichkeit und die Anzahl der angeborenen Missbildungen in den drei Jahren nach Tschernobyl in England, Deutschland, der Türkei, in Indien und in vielen anderen Ländern gestiegen sind. Okay, das ist die eine Kategorie. Dann haben wir siebenhundert russische, weißrussische und ukrainische Untersuchungen, die von ganz neuen Krankheiten sprechen, von gestiegener Sterblichkeit und mit Missbildungen geborenen Kindern. Das ist die zweite Kategorie.«

Julia ließ sich wieder auf ihren Stuhl fallen. Außer Untersuchungen der beiden ersten Kategorien hatte sie vor sich eine bunte Sammlung von Studien, die im Westen gemacht worden waren und in denen weiter entwickelte und kompliziertere Forschungsmethoden angewendet worden waren. Darin waren die Kindersterblichkeit und die Zahl der angeborenen Missbildungen in den verschiedenen Gebieten der einzelnen Länder erfasst. Diese Statistiken hatte man dann mit der Menge an Radioaktivität verglichen, die in den einzelnen Gebieten gemessen worden war. Alle Untersuchungen, die auf diese Art und Weise erstellt worden waren, hatten Ergebnisse gebracht, die in dieselbe Richtung wiesen. Die gestiegene Kindersterblichkeit und die angeborenen Missbildungen korrelierten einfach nicht mit der Menge des radioaktiven Niederschlags in dem jeweiligen Gebiet. In vielen Fällen gab es sogar zwischen der Kontaminierung und der Kindersterblichkeit, zumindest statistisch gesehen, eine starke negative Korrelation, so überraschend und unmöglich das auch erscheinen mochte. Je mehr Becquerel in der Milch oder den Waldpilzen eines Gebiets gemessen worden waren, desto gesünder wirkten laut Statistik die Kinder.

»Wie passen diese Teilchen zusammen?«, setzte Julia ihr Selbstgespräch fort. »Passen sie überhaupt? Vielleicht können sie gar nicht zusammenpassen. Ich muss mir wahrscheinlich allmählich eingestehen, dass man dieses Puzzle nicht zusammensetzen kann, weil sich in dem großen Haufen Teilchen aus mehreren unterschiedlichen Puzzles befinden. Aber wenn sie nicht zusammenpassen, dann muss irgendjemand lügen. Wer könnte das sein?«

Im Prinzip glaubte Julia nicht an Verschwörungstheorien. Was aber könnte sonst die Widersprüche in dem Material erklären, das sie hier vor sich hatte?

»Wahrscheinlich muss ich mich jetzt entscheiden, an welche Verschwörungstheorie ich glauben will«, sagte Julia wieder laut. »Alternative eins: Tausende von russischen, ukrainischen und weißrussischen Wissenschaftlern und Ärzten haben sich zu einer großen Verschwörung gegen die Kernkraft zusammengeschlossen. Alternative zwei: Tausende von westlichen Wissenschaftlern und Ärzten haben eine gewaltige Verschwörung zugunsten der Kernkraft angezettelt.«

Na prima, dachte Julia, dann ist ja alles klar. Von hier an ist alles ein Kinderspiel. Das einzige Problem stellt nur der unbedeutende Umstand dar, dass beide möglichen logischen Alternativen keinen Sinn ergeben.

»Du hast also wieder angefangen, Selbstgespräche zu führen«, ertönte Lauri Nurmis Stimme hinter ihr.

Julia schreckte aus ihren Überlegungen auf.

»Das kann doch nicht sein«, sagte sie zweifelnd. »Wirklich?«

»Wie steht es mit dem Rauchen und dem Abgewöhnen?«

»Ausgezeichnet«, sagte Julia, dankbar für die Unterbrechung.

»Das ist gut, so bleiben wir von überall herumliegender Asche verschont«, kommentierte Lauri.

»Möchtest du dich vielleicht nützlich machen, anstatt da rumzustehen und mich zu kritisieren?«

»Zu Diensten, Madame! Was soll ich tun?«

»Bring den Aktenvernichter, ich geb’s auf. Ich will diese Papiere noch vor Mittag schreddern, damit ich es mir nicht in einem schwachen Moment anders überlege.«

»So«, sagte Lauri und rieb sich die Bartstoppeln. »Das klingt vernünftig. Offenbar hast du die Nägel schon bis aufs Blut abgeknabbert. Und wie lange rauchst du schon nicht mehr?«

»Schon sehr lange«, versicherte Julia.

»Wie lange?«

»Na, ziemlich lange.«

»Genau gesagt seit wann?«, beharrte Lauri. »Und hör auf, mir auszuweichen.«

Julia sah auf die Uhr.

»Na, genau gesagt seit … sechzehn Minuten und dreiundzwanzig Sekunden.«

»Das beeindruckt mich nicht sonderlich«, sagte Lauri, wie Julia fand, ziemlich herzlos.

Du könntest mich wirklich etwas mehr anspornen, dachte Julia, gerade jetzt hab ich Unterstützung nötig, da muss man mir nicht noch eins obendrauf geben.

Andererseits sagte Julia ihr Instinkt, dass Lauris Kommentar, auch wenn er leicht und scherzhaft gemeint war, doch eine Spur unnötiger Härte enthalten hatte. Hm, Lauri war also anscheinend nicht besonders gut gelaunt. Meistens hatte das immer ein und denselben Grund.

»Ihr habt wieder gestritten«, sagte Julia.

Das war eine Feststellung, keine Frage.

»Ich verstehe nicht, warum du deine Nase immer in Dinge steckst, die dich nichts angehen!«

»Ja, genau! Wer hat denn hier gerade eben an meinem Rauchen herumgenörgelt?«

»Du selbst hast uns gebeten, dass wir dich anspornen«, versetzte Lauri, und seine Stimme war saurer als Essig.

»Also ein Streit, der schlimmer war als sonst«, stellte Julia fest. »Hat es denn unter diesen Umständen einen Sinn, dass ihr zusammenbleibt?«

»Das ist doch wohl noch immer unsere Entscheidung.«

Julia stand auf. Sie ging zur Kaffeemaschine, füllte einen Becher mit schwarzem Kaffee und reichte ihn Lauri Nurmi.

»Danke«, sagte er. »Wenn es bei Alice und mir den großen Knall gibt, dann werde ich wohl bald anfangen, dich zu belagern.«

Julia schüttelte den Kopf.

»Na prima! Das wollen wir mal sehen.«

»Was soll denn das heißen, ich bin schließlich ein viriler Mann!«

Julia seufzte.

»Lauri, ich bin älter als du, ich hab mindestens zwanzig Kilo Übergewicht, und noch nie hat jemand behauptet, ich sei besonders schön. Alice dagegen … Womit könnte ich im Vergleich zu ihr schon punkten? Und du fliegst immer auf Frauen wie Alice.«

»So einfach ist das nicht«, protestierte Lauri.

»Bei dir schon. Sorry.«

»Du hast Köpfchen, das spielt auch eine Rolle.«

Julia drehte sich um, verschränkte die Arme über der Brust und sah Lauri amüsiert an.

»Schön zu hören, dass auch der Grips bei Frauen eine Rolle spielt!« Dann wurde sie ernst und fuhr fort: »Aber ich verstehe nicht, warum du nicht als Mensch über dich hinauswachsen und Alice um Verzeihung bitten kannst. Denn auch wenn sie unnötig gut aussieht, macht das doch noch keinen schlechten Menschen aus ihr.«

Julia ärgerte sich, dass sie das zur Sprache gebracht hatte, denn nun musste sie weitersprechen.

»Alice ist, das muss ich bedauerlicherweise zugeben, eine verdammt tolle Frau, und du bist, offen gesagt, ein verdammter Idiot, wenn du sie aus reiner Blödheit vergraulst. Entschuldige, dass ich das so sage.«

Warum muss ausgerechnet ich Alice immer Lauri gegenüber in Schutz nehmen, dachte Julia mit einer Spur Bitterkeit. Denn auch wenn Alice immer freundlich und fair ihr gegenüber gewesen war, so … Na ja, in dem unerschütterlichen und selbstverständlichen Selbstvertrauen, das ihre Herkunft aus einer wohlhabenden Familie und ihr blendendes Aussehen mit sich brachten und das Alice immer wie ein gut sitzendes Kleidungsstück einhüllte und sie überallhin begleitete, lag unbestreitbar auch etwas Aufreizendes. Zumindest dann, wenn man selbst nicht aus ebenso guten Verhältnissen stammte und über kein ebenso gutes Selbstbewusstsein verfügte. Wenn man selbst nicht ebenso trainiert und sportlich war wie Alice, die Ultratriathlon betrieb. Wenn man Probleme mit Übergewicht hatte, wenn man nie eine Beziehung zu einem Mann hatte, die länger als einen Monat dauerte, und nicht imstande war, mit dem endlosen Einrußen der eigenen Lunge Schluss zu machen.

»Du kannst nicht wissen, wie sie zu Hause ist«, sagte Lauri und wandte sich zum Gehen um. »Und schönen Dank für den Kaffee.«

»Keine Ursache«, erwiderte Julia. »Aber mir scheint, ihr solltet es noch einmal versuchen. Denn von außen betrachtet würde ich sagen, dass es für euch beide schwierig wird, einen anderen Partner zu finden, der so gut passt.«

»Du hast gut reden.«

»Stimmt«, sagte Julia. Sie zog ihre Tischschublade auf, steckte die Zigaretten in die Tasche ihres Mantels, der über dem Stuhl hing, und legte den Mantel über den Arm.

»Wo willst du hin?«, rief Lauri. »Auf den Balkon?«

»Ich bin Muslimin, ich bete mehrmals täglich mit dem Gesicht nach Mekka«, erklärte Julia belustigt.

»Ja, genau«, sagte Lauri mit einem schiefen Grinsen. »Glaubst du wirklich, irgendjemand würde das glauben? Bei dir?«

»Na, du bist doch auch kein frommer Christ«, protestierte Julia.

»Aber ich bin auch nicht von irgendwelchem Zeug abhängig.«

Lauri ging mit dem Kaffeebecher in der Hand in sein Zimmer und fing an, seine E-Mails durchzusehen. Es waren unangenehm viele. Er hatte gerade die ersten drei Nachrichten gelesen, als das Telefon klingelte. Der Anrufer war sein Chef, Oberst Kenneth Andrews.

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich an deinem Schreibtisch erwischen würde«, sagte Andrews und mimte den Überraschten. »Was machst du denn hier?«

»Versuch nicht, komisch zu sein, Kenneth«, reagierte Lauri. »Das passt nicht zu deinem Stil.«

»Du hast Besuch«, sagte Andrews.

»Ich bin mit niemandem verabredet.«

»Trotzdem ist hier eine Frau, die dich sprechen will. Sie wartet schon seit einer halben Stunde. Sie behauptet, es handele sich um etwas Wichtiges.«

Lauri sah auf die Uhr.

»Okay, ein paar Minuten könnte ich opfern. Man kann ja nie wissen, was für eine Frau einem über den Weg läuft!«

»Ich bring sie zu dir.«

Einen Augenblick darauf stand Andrews bei Lauri in der Tür. Er war etwas älter als Lauri, ein hochgewachsener, blonder Mann. Er hatte verblüffend blaue Augen, und Lauri hatte schon häufiger gedacht, dass man ihn in Hitler-Deutschland bestimmt zu einer Art Ehren-Arier erklärt hätte.

In Andrews’ Gesellschaft befand sich eine Frau, die dezent, aber teuer gekleidet war und die Andrews aufforderte einzutreten. Sie hatte dichtes, kastanienbraunes Haar, eine auffallend große Nase und eine ins Olivgrüne spielende Hautfarbe, was ihr einen Hauch dunkler Exotik verlieh.

Lauri fand, die Frau war auf ihre Art schön, aber in ihrem Gesichtsausdruck lagen ein harter Zug und eine Spur von Verbitterung, was Lauri nicht gefiel.

Die Frau streckte die Hand aus.

»Katharine Henshaw«, sagte sie.

»Lauri Nurmi«, antwortete Lauri und deutete auf den Stuhl, der auf der anderen Seite des Schreibtischs stand. »Nehmen Sie doch Platz, bitte.«

Die Frau setzte sich Lauri gegenüber.

»Was kann ich für Sie tun?«, erkundigte sich Lauri.

Die Frau musterte Lauri.

Lauri zeigte keine Eile und sagte nichts, sondern ließ die Frau in Ruhe ihre Schlüsse ziehen.

Allmählich entspannte sie sich. Na ja, gleich wird sie erzählen, weshalb sie gekommen ist, dachte Lauri.

»Was bedeutet Lithium 6?«, fragte Katharine Henshaw.

4

Kenzaburo Niori betrachtete den verlassen wirkenden Lkw, bei dem eine der vorderen Türen und beide Türen des Laderaums sperrangelweit offen standen. Neben dem Lkw standen zwei Polizeiautos.

»Der muss es sein«, meinte Akiko Nobura.

Niori und Nobura hielten neben den Polizeiautos und stiegen aus. Im Hafengebiet lagerten Zehntausende von Transportcontainern. Ein kleiner Ozean von Stahlkästen, blaue, rote, graue, schwarze. Hier und da sah man auf Schienen laufende, schwere Gargotec-Kräne. Weiter entfernt standen höhere Kräne und Deckaufbauten von großen Frachtschiffen, die im Hafen von Osaka vor Anker lagen.

Sie begrüßten die Vertreter der Amtsgewalt, die ihnen entgegenkamen. Mitsuru Kemba stieg aus dem Polizeiauto und folgte ihnen. Seine Schritte wirkten seltsam lustlos und müde und sein Haar viel grauer als vor einer Woche. Niori fand, dass er in wenigen Tagen um zehn, fünfzehn Jahre gealtert war.

»In dem Lkw ist also eine Leiche«, stellte Niori fest.

Der ihm am nächsten stehende Polizist nickte zur Antwort.

»Konnten Sie den Mann schon identifizieren?«

»Ja. Er ist Herr Saburo Morita.«

»Das haben wir uns schon gedacht«, stellte Niori fest.

Saburo Morita war der verschwundene achte Wachmann aus dem Yoshikawa-Gebäude.

»Zumindest er war also kein Verräter«, bemerkte Akiko Nobura. »Ein schwacher Trost.«

Niori betrachtete nachdenklich die offen stehenden hinteren Türen des Lkw.

»Waren die Türen schon auf, als Sie hierherkamen?«, fragte er. »Oder haben Sie sie geöffnet?«

»Die Türen standen schon offen«, antwortete der andere Konstabler. »Wir haben nichts angefasst.«

In Kenzaburo Niori stieg wieder das unangenehme Gefühl hoch, dass nicht alles so war, wie es den Anschein hatte. Jemand spielt mit uns, dachte er. Jemand spielt mit uns ein Spiel, dessen Regeln wir nicht kennen, von denen wir keine Ahnung haben.

»Dies ist der zweite Akt der Vorstellung«, sagte er laut. »Sie wollen, dass wir das sehen.«

»Ich verstehe, was du meinst«, sagte Nobura.

»Mir gefällt das nicht«, bemerkte Niori. »Ich tappe nicht gern im Dunkeln.«

Kemba runzelte die Stirn.

»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.«

»Ich meine, wir wissen nicht, worum es hier eigentlich geht«, versetzte Niori. »Wir verstehen natürlich, wonach es aussieht. Aber geht es darum oder um etwas ganz anderes? Das sind Inszenierungen … Szenen aus einem Schauspiel. Die mit dem Samuraischwert getöteten Wachleute im Keller und diese Leiche hier, im Lkw, die Türen weit offen. Es war Absicht, dass wir das alles so vorfinden. Aus irgendeinem Grund sollten wir wissen, dass die LR-Module über den Hafen fortgeschafft worden sind. Sonst hätten sie die Leiche des Wächters auf andere Weise beiseitegeschafft. Oder ihn am Tatort liegen lassen.«

Kemba betrachtete die Containerstapel um sie herum.

»Wie können wir wissen, ob die Module nicht immer noch hier sind, in einem dieser Container?«, fragte er.

Niori sah Kemba säuerlich an. Er hatte in den vergangenen Tagen gelernt, dass das eigentliche Kühlsystem eines Kernreaktors der Rapid-L-Serie mit flüssigem Natrium funktionierte. Wenn es da jedoch eine Störung gab und die Temperatur des Reaktors auf über 780 Grad stieg, würden die Module des Notkühlsystems schmelzen.

In den Modulen befand sich ein leichteres Isotop von Lithium, dem leichtesten Metall, das bei Zimmertemperatur fest war, das Lithium 6. Das in der Natur vorkommende Lithium war eine Mischung aus Lithium 6 und Lithium 7. Der Rapid-L verwendete nahezu reines Lithium 6.

Wenn das Lithium 6 zuerst schmelzen und sich dann noch mehr erwärmen würde, dann würde es sich ausdehnen und in den Reaktor eindringen. Es würde die normalerweise im Reaktor vorhandenen nicht brennbaren Gase in einem immer kleiner werdenden Raum zusammendrängen, ihren Platz einnehmen und ein Schmelzen des Reaktors verhindern.

Der im Keller des Yoshikawa-Hauptgebäudes aufgestellte Rapid-L hatte abgeschaltet und vom Netz genommen werden müssen, aus dem einfachen Grund, dass die das Lithium freisetzenden Module des Notkühlsystems losgeschweißt und fortgebracht worden waren.

Eine solche Operation musste viele Männer erfordert haben, aber Genaueres wussten sie nicht, denn auch die Videobänder der Überwachungskameras waren verschwunden. Niori hatte seinen Detektiven befohlen, die Gebäude der Nachbarkarrees zu durchkämmen und anhand von deren Kameraaufnahmen nach den Fahrzeugen zu suchen, die die Räuber benutzt hatten. Sehr wahrscheinlich hatten sie mit dem Lkw hier eines dieser Fahrzeuge gefunden, bestimmt genau das, mit dem die Module mit dem Lithium aus der Yoshikawa-Zentrale abtransportiert worden waren.

»Was meinten Sie eigentlich damit, dass Sie wüssten, wonach das aussieht?«, fragte Kemba Niori.

Niori antwortete nicht sofort. Er schaute in Richtung Meer. Die freie Wasserfläche war zwar nicht zu sehen, sie war von hohen Bürokomplexen, Kränen und Deckaufbauten verdeckt. Niori hätte gern das offene Meer und dessen Weite vor sich gehabt, er fühlte sich ein wenig eingeengt.

»Der mittlere Bruder meiner Großmutter arbeitete in den 1950er-Jahren auf dem Fischtrawler Glücklicher Drache«, sagte er dann. »Er wurde schwer krank, nachdem die Amerikaner auf dem Bikini-Atoll einen Atomversuch gemacht hatten. Der Glückliche Drache war in den Fallout geraten.«

»Die Amerikaner haben nicht immer sehr verantwortungsbewusst gehandelt«, sagte Kemba und schüttelte den Kopf. »Wie hat Ihr Großonkel die Sache überstanden? Oder ist er gestorben?«

»Er ist am Leben geblieben.«

»War das Schiff aus Versehen ins Testgebiet geraten?«

»Nein. Es handelte sich einfach um eine Bombe ganz neuen Typs. Deren Fallout stellte noch in sehr großer Entfernung vom Testgebiet eine tödliche Gefahr dar.«

»Aha«, sagte Kemba. »Ziemlich unverantwortlich. Aber ich verstehe nicht, was das mit diesen Diebstählen zu tun hat.«

Das ist auch besser so, dachte Niori.

Er wandte sich Akiko Nobura zu und ließ Kembas Frage unbeantwortet. Akiko Nobura sah ihn erstaunt an, denn ihr Chef verhielt sich nicht oft so schroff und ungehobelt.

»Was meinst du, gibt es irgendeine Chance herauszubekommen, auf welches Schiff die Module verladen wurden?«, fragte Niori.

Akiko Nobura zuckte die Achseln, überrascht von der unerwarteten Vertraulichkeit ihres Chefs.

»Wir können es versuchen«, sagte sie. »Wir interviewen mögliche Augenzeugen und gehen die Überwachungsvideos aus dem Hafen durch. Dann schauen wir nach, ob sich etwas auf den Satellitenbildern befindet. Aber ich weiß nicht, was wir darüber hinaus noch tun könnten. Die Strahlungsspuren sind verwischt worden, ziemlich effizient.«

»Mag sein, dass du recht hast«, gab Niori zu. »Nur eine Sache müssen wir noch tun, zusätzlich zu den Dingen, die du schon erwähnt hast.«

»Und was wäre das?«, fragte Akiko Nobura.

»Wir müssen die Amerikaner informieren«, sagte Niori.

5

Katharine Henshaw sah Lauri Nurmi an und wartete. Das Gewicht ihrer Frage war in der Atmosphäre des Zimmers deutlich zu spüren.

»Was bedeutet Lithium 6?«

Kein typischer Gesprächsbeginn, dachte Lauri.

Lauri hatte sich immer leidenschaftlich für Geschichte interessiert, und sein ureigenstes Gebiet war die Geschichte der Kerntechnologie. Ihn hatte immer die Anekdote über den amerikanischen Kernphysiker Ted Taylor fasziniert, der sich einmal eine Zigarette mit einer Atombombe angezündet hatte.

Taylor hatte einen kleinen Hohlspiegel bei sich gehabt oder – laut anderen Versionen der Geschichte – einen Reflektor in Form einer Antennenschüssel.

Taylor hatte seinen Spiegel aufgestellt, seine Zigarette in dessen Brennpunkt gehalten und abgewartet. Als der große Feuerball der Atomexplosion zwanzig Kilometer hinter Taylor und seinen Kollegen aufgeflammt war, hatte der Spiegel die Strahlen auf das Ende der Zigarette konzentriert, und sie hatte angefangen zu glühen. Taylor hatte einen Lungenzug getan und die Zigarette dann ausgedrückt. Er hatte sie aufbewahrt, weil es wahrscheinlich die einzige Zigarette auf der Welt war, die von einer Atombombe angezündet worden war und nicht ganz verbrannt war. Das Jahr, in dem sich die Geschichte ereignet hatte, war 1952 gewesen, der Ort das von der Armee der Vereinigten Staaten für Atomexplosionen genutzte Testgebiet in Nevada.

Lauri wusste nicht recht, ob diese Geschichte wahr war, doch viele hatten es ihm versichert. Taylor selbst hatte später erzählt, er habe die halb verbrannte Zigarette lange aufbewahrt, sie dann aber irgendwann aus Versehen aufgeraucht.

Lauri sah Henshaw irritiert an und überlegte, was er ihr antworten sollte.

»Lithium 6?«

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