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Ascheland

Inhalt

„Erster Teil“

„Zweiter Teil“

„Dritter Teil“

Für alle Kinder

und die,

die sich für sie entscheiden

Der Wanderer ging los

und als er ankam

war er fort

Louis D’Arcy

Erster Teil

DER ZOOWÄRTER UND DIE HYÄNE

1 März 2023, nördlicher Schwarzwald

Das dunkle Holz der Stiege seufzt unter meinen Schritten. Ich starre hinauf, dem fleckigen Kleid der Frau hinterher, bemüht, Schritt zu halten. Sie hat es eilig. Das linke Bein setzt sie vorsichtiger auf als das andere. Ihre rechte Hand mit den frisch, aber unsauber lackierten Fingernägeln hebt den fleckigen Rock eine Handbreit. Als ob er noch zu retten wäre. Kurz hält sie inne, lacht unsicher, ein geisterhaftes, verstörendes Geräusch. Dann steigt sie weiter hinauf. Ohne sich nach mir umzudrehen. Der violette, grob gestrickte Schal auf ihren Schultern verleiht ihr etwas eigenartig Pastorales.

Ich zwinge mich, nicht an den armen Kerl unten in der Wohnküche zu denken. Wie er da hockt, traurig und stumm, den Blick ins erbärmliche Feuer des alten Kachel­ofens gerichtet. Seinen Filzhut in den Händen drehend und windend, als ob er eine andere Gegenwart aus dem Stoff wringen könnte.

Die Frau heißt Brigitte, sagt sie. Ich registriere den Namen und lasse ihn sofort wieder los. Es ist ein Tauschgeschäft, kein Kennenlernen. Sie muss hübsch gewesen sein, damals, vor ein paar Jahren, vor einer Ewigkeit. Schön sogar. Ein Bild von ihr steht unten auf einer von Würmern zerfressenen Anrichte. Langes, dunkelblondes Haar, strahlende Augen, ein Lächeln zum Sterben.

Heute ist davon nicht mehr viel übrig.

Wir sind jetzt oben. Sie öffnet eine schwere Tür und wir betreten einen dunklen, kleinen Raum, dessen muffige und schwere Luft mir den Atem raubt. Die Frau entzündet eine kleine Petroleumlampe. Aus dem von Ruß geschwärzten Glas schaut mich mein eigenes Gesicht an. Kurz nur, dann drehe ich mich weg.

Ich kann die Frau nicht anschauen und mich selbst noch weniger. Ich sollte daran gewöhnt sein, nach all der Zeit. Aber noch immer drängt das Bild des Kerls unten in der Stube in mein Bewusstsein. Ich bin seine einzige Chance auf einen Neuanfang, aber der Weg dorthin raubt ihm den Verstand.

Natürlich.

Die Frau schlüpft mit einer schnellen Bewegung aus ihren Kleidern. Wie ein zerplatzter Traum taumelt der fleckige Rock mit dem Spitzensaum zu Boden und bleibt liegen.

Ich begegne dem unsicheren Blick der Frau und schenke ihr ein dünnes Lächeln.

Ein Lächeln, das ich geprobt habe, im Spiegel ruhiger Seen.

Ein Lächeln, das ihr Sicherheit geben soll. Die Sicherheit, das Richtige zu tun. Und mir die Sicherheit von Nahrung und Unterkunft. Wenn du etwas bekommen willst, musst du etwas geben. Das einzige Gesetz der neuen Welt.

Ich ziehe den nackten Körper der Frau zu mir hin und wische den säuerlichen Geruch, der ihr entströmt, aus meinem Bewusstsein. Sie schaut zu Boden, während ihre Hände kraftlos herabhängen. Ihre kleinen Fußzehen stoßen gegen meine schweren Stiefel, dann fällt ihr Kopf an meine Schulter, und sie weint. Ganz leise.

Ich streiche ihr über’s strohige Haar. Dann drücke ich sie sanft von mir weg und streife meine schwere Kleidung ab.

Führe sie zu dem breiten Bett mit den Schnitzereien am Kopfteil: ein Eber, eine Hirschkuh, ein Fuchs. Primitiv ins helle Holz gearbeitet. Der Kerl unten war wohl Jäger. Oder ist es immer noch.

Die Frau zittert, und ich decke sie mit der struppigen Wolldecke zu, die am Fußende liegt. Ich lege meine Hand sanft auf ihre Augen, und sie schließt die Lider.

Ich lege meine Lippen auf ihre, und sie öffnet den Mund. Ich atme warme, stickige Luft aus ihrer Mundhöhle und schließe selbst die Augen. Ihr Atem riecht nach kaltem Braten und Hoffnungslosigkeit, nach feuchter Erde und trockenem Stroh.

Ich stelle sie mir vor, wie sie auf dem Foto unten aussieht. Das lange, dunkelblonde Haar. Der zauberhafte Blick. Die Sommersprossen rund um ihren vollen Mund.

Ich träume sie mir schöner. Damit es schneller geht.

Die Frau beginnt zu stöhnen, leise, fast unhörbar. Vermutlich, um sich selbst in trügerischer Leidenschaft zu wiegen. Es ist mir egal. Alles, was hilft, ist willkommen. Ihre Hände beginnen, mich zu berühren. Legen sich wie kalte Frösche auf meinen Rücken und mein Hinterteil. Ihr Mund will den Kuss nicht lösen und meine Nase saugt gierig den letzten Rest von Sauerstoff ein, der durch den kleinen Raum wabert.

Als ich in sie eindringe, drängt sich das Bild ihres Mannes vor mein inneres Auge. Wie er da unten in der Stube sitzt, Tränen im Blick, den Filzhut im verkrampften Griff.

Und versaue mir damit um ein Haar das Tauschgeschäft.

Als es vorbei ist, dreht sie sich weg. Ihre Schultern beben, sie weint wieder. Ich ziehe mich schweigend an und betrachte sie. Dann breite ich die Wolldecke über ihr aus und lege für einen kurzen Moment meine Hand auf ihre Wange.

Sie reagiert nicht. Starrt nur zu dem kleinen Fenster, durch das die Spitzen der düsteren Tannen hereinstarren.

„Warum ist alles so geworden?“ Ihre Stimme, zitternd wie ein dünner Schwarm Motten, bemüht sich um Fassung.

„Was haben wir falsch gemacht?“ Tränen stehen in ihren Augen. Sie streicht mit einer Hand über ihren Bauch, schaut mich dann fragend an. Ich lasse sie liegen und gehe die enge Holzstiege hinunter.

Als ich unten ankomme, ist das Bild der schönen Brigitte in mir bereits zu unscharfem Nebel verblasst.

Ich spüre Else, die draußen im kalten Nebel auf mich wartet.

Der Jäger meidet meinen Blick und streckt mir mit schroffer Ablehnung einen großen Weidekorb entgegen. Er hat sich den zerknitterten Hut aufgesetzt, offensichtlich, um sich einen letzten Rest von Würde zu verleihen. Vergebens.

Ich stelle den Korb auf den rissigen Esstisch.

Pilze, Beeren, Streichhölzer, ein kleines Fläschchen Selbstgebrannter. Ein Jagdmesser mit primitiven Schnitzereien auf dem Griff. Ein Glas Marmelade, halb voll.

Ich packe die Sachen in meinen Rucksack und lasse die Eier und die Milch im Korb liegen. Rühre sie nicht an.

Ich atme tief ein und zum ersten Mal, seit ich das kleine Gehöft angesteuert habe, richte ich das Wort an den Jäger.

„Ich suche ein kleines Haus. Efeu an den Mauern. Ein dunkler Holzzaun. Zwei Linden, sind ziemlich groß. Kennen Sie das?“

Er antwortet nicht. Sein Blick bleibt auf den Ofen gerichtet. Als ob er im zitternden Feuer Abbitte suchen würde.

„Kennen Sie das?“ Meine Stimme ist jetzt schärfer. Obwohl ich bereits weiß, dass er es nicht kennt.

Er schaut mich unsicher an, sein Blick weicht meinem ständig aus.

„Wenn du eine Frau wärst, wärst du wenigstens eine Hure“, zischt er mir dann entgegen. Seine Stimme schnarrt wie eine aufgezogene Feder. Kleine Speichelfäden ziehen sich in seinen Mundwinkeln lang, werden dann von der spitzen Zunge eingesammelt. Er nickt mit dem Kopf, wie um sich selbst zu bestätigen.

„Dreckiger Landstreicher.“ Er will mich provozieren. Um das Geschehene erträglicher zu machen. Ich sehe es ihm nach.

„Ob Sie das Haus kennen“, entgegne ich ruhig.

Der Jäger schüttelt den Kopf. Seine schweren Arme hängen traurig vom Körper herab, sein hartes Kinn zittert. Ein Golem der Reue, das kantige Gesicht im zuckenden Feuerschein.

Ich drehe mich um und gehe ohne ein weiteres Wort hinaus. Ziehe die narbige Tür aus Holz hinter mir zu und atme die frische, klare Nachtluft. Schaue in die funkelnden Sterne hoch oben, bis das Bild des Jägers in meinem Kopf verblasst.

Nehme dann meinen langen Wanderstab an mich, der an die Wand des Hauses gelehnt auf mich gewartet hat. Streiche mit meinen Fingerspitzen über den kleinen roten Plastikball mit den weißen Punkten, der die Spitze des Stabes krönt.

Das Totem meiner Zunft. Einer Zunft, die nur von einem Einzigen ausgeübt wird.

Ich schreite hinein ins tröstende Dunkel der rauschenden Tannen und werfe dann doch einen letzten Blick zurück. Sehe die Frau oben im Fenster stehen, die Petroleumlampe in der Hand. Sie schaut zu mir herunter. Ich schaue zurück.

Dann hebt sie die Hand, nur ein wenig. Ihre Finger krümmen sich, sie deutet das Winken eines dunklen Abschieds an.

Ich wende mich ab und lasse mich bereitwillig vom schwarzen Nichts der Baumschatten verschlucken.

Meine Stiefel stapfen über Moos, und schließlich drängt Elses warmer Körper gegen meine Beine. Eine raue, klebrige Zunge liest die letzten beiden Stunden von meiner Haut.

Dann laufen wir los. Ignorieren die trockene Scheune, die uns als nächtliche Zuflucht zustünde.

Else spürt, dass die Sicherheit des Lagers eine trügerische wäre.

Und ich spüre Else. Folge ihr den Hügel hinauf, der alten Bundesstraße entgegen.

Nach ein paar Kilometern lege ich den Rucksack am Straßenrand ab.

Die Sonne lugt bereits silbrig über den Rand des Horizonts und bereitet sich auf einen weiteren Tag der Einsamkeit und Stille vor. Streckt zaghaft ihre leuchtenden Finger über Asphalt, Erde und Wald. Bringt die allgegenwärtige Asche zum Glänzen, die weich auf dieser Welt ruht. Den zarten Schmelz, der behutsam zudeckt, was wir hinterlassen haben.

Ich ziehe die Flasche mit der roten Sprayfarbe aus dem Seitenfach meines Rucksacks und füttere Else mit der Marmelade aus dem Einmachglas. Gierig schleckt sie das klebrige Zeug aus meiner Handfläche, dann lacht sie ihr hysterisches, helles Lachen. Sucht meinen Blick, wie um mich mit ihrer Fröhlichkeit anzustecken. Ich lege meine Hand auf ihren warmen, struppigen Kopf und atme die kühle Morgenluft ein.

Die Frage brennt in mir seit dem Untergang. Und wie immer, wenn ich ihren bohrenden Druck nicht mehr ertragen kann, sprühe ich sie auf die Welt da draußen.

Nicht um eine Antwort zu bekommen.

Von wem denn auch?

Ich muss die Gedanken einfach loswerden.

Um nicht durchzudrehen.

Um diese Kreaturen um mich herum, die es überlebt haben, nicht durch und durch zu hassen.

Sondern eben nur ein bisschen.

Ein verfallenes Schild am Straßenrand informiert mich über die Vergangenheit der einzigen Mauer, die noch nach oben ins fahle Blau des Himmels ragt: SCHWARZWALDHOTEL.

Fenster mit zerbrochenen Scheiben starren mich aus der meterhohen Wand an. Das matte Mosaik eines röhrenden Hirsches ist unter dem Staub zu erkennen. Sein mächtiges Geweih in Dutzende kleine Scherben zersplittert. Hinter der Mauer nur Schutt, soweit man sehen kann. Violette und dunkelgrüne und ein paar wenige tiefgelbe Pflanzen spinnen die Ruine in einen Kokon des Vergessens. Wenn ich eine Kamera hätte, würde ich die Ruine gerne fotografieren. Aber für wen?

Ich stapfe über den großzügig angelegten Parkplatz, werfe schnelle Blicke auf das halbe Dutzend ausgebrannter Autos. Auf einer Heckscheibe sind die Reste eines Aufklebers zu erkennen. „Leonie an Bord.“ Ein grinsendes Tier darunter, giftgrün wie die Schrift. Auf der anderen Seite des Wagens entdecke ich die vom Staub bedeckten Reste eines Kindersitzes. Eine kleine Dose aus Plastik, die der Natur eisern standhält.

Ich bleibe vor der Mauer des Schwarzwaldhotels stehen, schüttele die Spraydose und mache die Wand zu einem weiteren Eintrag meines Logbuchs:

„Wenn wir unsere Kinder lieben, warum zerstören wir dann ihre Welt?“

Als das Rot zur Neige geht, spraye ich mit Blau weiter. Über Mauerwerk, Putz und Holzbalken. Über zerbrochene Fensterscheiben und den im Staub vergraben­en Hirsch.

Schließlich verstaue ich die halbvolle blaue Spraydose in meinem Rucksack und betrachte die dunkelroten, großen, fahrigen Lettern auf der grauen, vierstöckigen Wand.

Farbige Bilder aus der alten Zeit wirbeln durch meinen Schädel, ohne Vorwarnung stürmen sie heran. Ein Kaleidoskop aus strahlenden Kindergesichtern, lachenden Müttern, Eis herbeiholenden Vätern. Eine Flut aus Wünschen, Hoffnungen und Träumen. Aus Versprechen, die nie gehalten wurden.

Ich erinnere mich an den kleinen Jungen, der mich nach den Eisbärenbabys gefragt hatte. Seine Augen hatten geleuchtet, als ich ihm erlaubte, einen Blick in den Betontunnel zu werfen, in den sich die Kleinen verzogen hatten.

„Die sind sooo süß“, hatte er gesagt. Die Worte begeistert in die Länge gezogen.

„Alle Kinder sind süß“, hatte ich erwidert.

Als ich ihn zu seiner Mutter zurückgebracht hatte, hatte sie ihn angeschrien. Hysterisch, laut und voller Vorwurf. Traurig hatte ich den Kleinen mit seiner Walküre allein gelassen.

Elses Knurren reißt mich aus meinem Tagtraum. Sie warnt mich vor meiner Grübelei. Das tut sie immer. Brave Else.

Ich streiche ihr über den Kopf und kraule ihr das rechte Ohr. Das liebt sie und schon geifert ihre schwere Zunge wieder zwischen meinen Fingern.

Obwohl sie nur drei Beine hat, kommen wir schnell voran. Sie ist zäh und ausdauernd, was ihre gelegentlichen Jagdausflüge in die Wälder eindrucksvoll unter Beweis stellen.

Wir schauen uns an, und dann beuge ich mich vor, bis meine Nasenspitze ihre kalte, schwarze Schnauze berührt. Ihre klebrige Zunge wischt einmal über mein Gesicht, und ich muss niesen.

Ich schaue nach Norden, wo die rissige Asphaltstraße ins Ungewisse mäandert. Überschlage, wie lange unsere Vorräte wohl noch reichen werden.

Drei Tage, höchstens vier. Dann wartet das nächste Tauschgeschäft.

Wenn du etwas bekommen willst, musst du etwas geben.

Ich seufze und schultere den Rucksack. Werfe einen letzten Blick zurück zu den gestrandeten Blechvehikeln und schaue schnell weg, als mein Blick auf den kleinen grauroten Fleck fällt, der einmal Leonies Kindersitz war.

Dann tragen uns unsere Schritte nordwärts, einem kleinen See entgegen.

Der rote Plastikball mit den weißen Punkten glänzt im Licht der aufgehenden Sonne.

2 November 2018

‚Ein Monat zu früh‘, dachten einige.

‚Ich will nicht sterben‘, die meisten.

‚Mein Gott‘, die, die Glauben hatten.

‚Bitte nicht‘, die ohne.

Die meisten rannten.

Einige versteckten sich, vergebens.

Wenige ergaben sich der Notwendigkeit der Stunde und stellten sich der Auslöschung.

Einer wurde im Betontunnel des Eisbärengeheges überrascht. Die Eisbären waren draußen, aber er nicht. Er hatte seine kleine dreibeinige Hyäne gesucht und gefunden. Ein Wärter im Zoo. Zacharias Brandt, groß und hager, schweigsam und nachdenklich.

Wäre es nicht so schlimm gewesen, man hätte es fast schön nennen können. Das Donnern, der lila Himmel, das Ballett der Vernichtung.

Unscharf hatten sich die Dinge entwickelt. Vorauszuahnen, wäre man nicht so intensiv mit Nichtigkeiten beschäftigt gewesen.

Das Jüngste Gericht in Zusammenarbeit mit der Brutalität alles Brutalen. Seuchen, Katastrophen und einzelne Kriege, die sich schnell zu einem Großen zusammentaten. Um schneller zu töten, um effektiver auszulöschen.

Chronologisch nicht mehr zu entwirren und mit einer Härte, die den Erdball einmal umrundete und Wüste und Stille zurückließ.

„Alles auf einmal. Als ob da oben jemand die Schnauze gestrichen voll gehabt hat von uns“, hatte ein Radiomoderator gesagt. Sekunden bevor sein Sender in Flammen und Molekülen aufging.

Fünf große Fragen blieben zurück.

Fragen, die die wenigen Überlebenden nie würden beantworten können.

Fragen, deren scheinbare Widersprüchlichkeit die Menschen auffraß.

Die aber auch wieder an einen Allmächtigen, Zürnenden, Unnachgiebigen glauben ließen. An Schicksal und Schuld. An Apokalypse, Hölle und Weltenbrand.

Wieso überlebten Menschen in ungesicherten Kellern und im Eisbärentunnel, aber niemand in einem der unterirdischen Schutzbunker?

Warum starben die Menschen und nicht die Tiere?

Wieso gab es keine Rettungsteams und Notstandsarmeen?

Warum überlebten einige wenige Erwachsene, aber fast kein einziges Kind?

Und warum beraubte das „Jüngste Gericht“, wo auch immer es herkam und wer auch immer es schickte, warum beraubte es alle Männer ihrer Fruchtbarkeit?

Außer einem.

Die Geschichte, die nach dem „Jüngsten Gericht“ geschrieben wurde, floss nicht aus den Federn von Wissenschaftlern. Wurde nicht mit der Tinte intellektueller Analytik oder gar philosophischem Überblick aufs Papier der Erinnerung gebracht.

Überlebende schrieben sie. Menschen, die letztlich taten, was sie immer taten, um im Strom der wirbelnden Ereignisse um sie herum nicht unterzugehen.

Sie versuchten, zu leben.

3 April 2023, Rheintal

Der Traum ist der Gleiche. Und wieder dauert er ein wenig länger.

Aber wie immer nicht lang genug.

Ich stolpere durch den dichten Wald, hetze über gefallenes Laub. Dunkelrot starren mich die toten Blätter an. Tief schneiden die tief hängenden, spitzen Zweige in mein Gesicht.

Ich schmecke Blut. Und rieche die Verfolger. Die tanzenden Schatten, deren Geheul sich kalt in meinen Schädel frisst und deren gellendes, geiferndes Lachen sich höhnisch ins Zentrum meiner Angst frisst. Mein Herz rast. Mein Atem überschlägt sich, versucht einen Rhythmus zu finden, der meinem Tempo angepasst ist.

Findet ihn nicht.

Ich stolpere über eine im Waldboden verankerte knorrige Wurzel und falle eine Böschung hinunter.

Überschlage mich im feuchten Laub. Versuche Halt zu finden.

Pralle dann hart gegen einen gefallenen Baumstamm. Schmecke beim Aufprall seine Rinde. Richte mich dann keuchend unter großen Schmerzen auf und sehe sie dort oben stehen. Die Schatten meiner Angst. Die tanzenden Kobolde mit den glitzernden, bösen Augen, die mein Herz auffressen werden.

Ich rieche verbranntes Holz und brennendes Fleisch.

Meine Hände tasten sich an der harschen Rinde des toten Kolosses vor mir entlang, dann finden meine blutigen Finger Halt. Als die Schatten sich nach unten biegen und dann wie eine böse Meute auf mich zurasen, ziehe ich mich mit letzter Kraft hoch und lasse mich auf der anderen Seite des Baumriesen ins Laub fallen.

Meine Lungen brennen, gieren nach Luft.

Meine Finger krallen sich in die klammen Blätter, hellrotes Blut bedeckt die fahlgelben Ovale des Laubs.

Auf allen Vieren krieche ich von dem Baum weg. Hebe den Kopf.

Es ist still.

Kein Heulen, kein kaltes Lachen. Nicht einmal der Wind wagt ein Geräusch. Schnell werfe ich einen Blick zurück. Die Verfolger sind nicht zu sehen. Einsam liegt der Baumstamm am unteren Rand der Böschung. Nur die flache Mulde im Laub und eine dünne Spur von Blut zeugen von meiner Flucht.

Ich richte mich auf und taumele auf das Häuschen zu. DAS Häuschen.

Eine kleine Steinhütte. Die weißen, ruppigen Steinmauern in dunkelgrünes Efeu gehüllt. Ein kleiner, geduckter Schlot auf dem Ziegeldach, aus dem sich eine kleine Rauchwolke zwängt. Wie im Märchen, kitschig schön.

Ich humpele auf das Hexenhäuschen zu, bemerke (wie jedes Mal), dass das kleine Törchen im Holzzaun offen steht.

Bunte Formen zieren den Zaun, aber die Unschärfe meines Blicks lässt kein Erkennen zu. Meine Füße tragen mich auf das Haus zu und mein Herz wird jäh erfüllt von

Ruhe

Frieden

Rast

und einem Gefühl von „Zuhause“. Auch das unscharf.

Eher geahnt denn gespürt.

Die Tür des Häuschens öffnet sich, ein Laut dringt an mein Ohr. Ein Vogelzwitschern oder das Bellen eines kleinen Hundes oder das Quietschen einer Tür oder das –

Und dann wache ich auf.

Das erste Licht des Tages dringt durch die groben Ritzen und Spalten der Holzbretter, die die Reste einer Scheune definieren.

Else und ich liegen oben im Schober. Das trockene Stroh sticht an Händen und Füßen, es riecht nach feuchtem Holz. Else schnarcht, sie träumt von der gestrigen Jagd. Denke ich.

Ich höre Else eine Weile zu, prüfe dann die aufgestockten Vorräte in meinem Rucksack. Ein paar Weißblechdosen mit Bohnen, Mais und Erbsen. Eingelegte rote Beete. Pfirsiche. Drei Dosen Cola light.

Es war unerfreulich gestern, geradezu hässlich. Der junge Mann und die junge Frau hielten sich an den Händen, während wir verhandelten. Ich schätzte sie auf höchstens Achtzehn. Ihr schüchternes Gesicht hielt sie zu Boden geneigt, während seines die Narben des Lebens trug, aber noch nicht die tiefen, die bösen.

Zumindest wurde gesprochen. Das ist nicht oft so.

Als ich mit ihr nach hinten ging, wollte ihre Hand sich nicht aus seinem Griff lösen. Tränen zogen ihre Spuren über die frisch gewaschenen Wangen und dann schubste der junge Mann seine Liebste mit mir mit.

Sie nickte tapfer und ließ es geschehen.

Währenddessen zitterte sie und hielt die Augen fest geschlossen.

Flüsternd fragte ich sie, ob ich aufhören solle. „Nein“, gab sie tonlos zurück. „Nein, wir wünschen es uns so sehr.“

Also löste ich mein Versprechen ein und der junge Mann seines. Die Nacht in der Scheune gab es obendrauf.

„Danke, Kindermacher“, wisperte er mir hinterher, als die Schatten der Nacht mich verschluckten.

Ich richte mich auf und betrachte weiter die schlafende Else. Meine einzige Freundin, das einzige Leben, das mit meinem schwingt. Tag um Tag, dunkle um dunklere Stunde. Ihr fleckiger Bauch hebt und senkt sich, die Vorderpfoten zucken unruhig durch’s Stroh. Meine Gedanken verlieren sich in der Betrachtung der hellbraunen Tupfen in Elses sandgelbem Fell und ihrem drolligen Schnarchen.

Vielleicht träumt sie von der Gute-Nacht-Geschichte, die ich ihr gestern zugeflüstert habe. Die vom flammenden Pferd, das nur einen einzigen Freund hatte.

„Kindermacher“. So nennt man mich seit zwei oder drei Jahren. Der Name machte wohl schnell die Runde, der rote Plastikball auf dem Wanderstab sorgte für schnelles Erkennen. Die Buschtrommel der weit verstreut lebenden oder umherziehenden Überlebenden trägt wichtige Ereignisse erstaunlich schnell hinaus.

Einmal fragte mich eine schmale, bleiche Frau nach dem Tausch nach meinem Namen.

„Zacharias Brandt“, offenbarte ich ihr.

„Geh zur Hölle, Zacharias Brandt“, spuckte sie mir ins Gesicht.

Seither wahre ich Distanz.

Ich hatte es nicht geplant, dieses Leben. Es hat sich, wie man so schön sagt, „ergeben“.

Ich habe Hunger und brauche Schutz vor der Kälte. Die Menschen brauchen mich, wenn sie als Familie existieren wollen. Ich brauche Else, die mich vor bösen Geistern und Wegelagerern beschützt. Und Else, die Hyänenwaise, braucht mich.

Jeder braucht irgendjemanden. So baut sich das Netz aus Abhängigkeiten auf, das wir einmal „Gesellschaft“ nannten. Vor dem Ballett der Vernichtung.

Niemand agiert außerhalb dieses Netzes. Ein Geben ist ein Nehmen. Und wer nicht gibt, darf auch nichts nehmen. Punkt.

Warum dann also Kinder? Wir schenken Leben, um etwas zu bekommen. Aber was?

Die innere und trügerische Sicherheit des „Fortbestands“ der Familie, des Namens oder gar des „Blutes“?

Um gebraucht oder gar geliebt zu werden?

Um unserer Existenz einen Sinn zu geben?

Ich mag Kinder, einige mochte ich sogar sehr. Wie sie lachten, wenn die Affen durch die Bäume hüpften. Wie sie staunten, wenn die Elefanten schnaubten und trompeteten. Wie sie heulten, wenn das Eis in den Dreck gefallen war und wieder strahlten, wenn es ein Neues gab.

Ich habe die Frage an der Wand des Hotels zurückgelassen, aber unnachgiebig drängt sie sich wieder auf.

Wenn wir unsere Kinder wirklich so lieben, wie wir behaupten, warum zerstören wir dann ihre Welt?

Warum verschmutzen und zerstören und vernichten wir die Perspektive der Kleinen? Beuten aus, was erst später entdeckt werden soll? Löschen aus, was Zukunft verspricht?

Vielleicht lieben wir sie gar nicht, denke ich. Vielleicht lieben wir einfach das Gefühl, jemanden erschaffen zu haben, der von uns abhängig ist. Der uns braucht. Von der Natur kaschierte Eitelkeit und aus Angst geborener Größenwahn.

Vielleicht spüren wir, dass wir den uns zugewiesenen Weg nicht gegangen sind. Ihn im Rausch von eitlem Glanz und Glitter verloren haben und nicht ans Ziel kommen werden. Und unsere Kinder sollten sicherstellen, dass der Weg gegangen würde. Trügerische Hoffnung, denn kein Weg gleicht dem anderen.

Else zuckt im Schlaf und wacht dann an ihrem eigenen Schnarchen auf. Sie glotzt mich mit großen Augen an, dann legt sie den Kopf schief.

Ich robbe durch’s trockene Stroh zu ihr herüber, lege ihren Kopf in meinen Schoß und kraule ihr beide Ohren. Während ihr klebriger Speichel mein Hosenbein herunterläuft.

Um die Mittagszeit durchstreifen wir die Ruinen einer verlassenen Kleinstadt. Blinde, gesplitterte Scheinwerfer von Autowracks starren uns entgegen.

Niedergebrannte Häuser, eine intakte Feuerwache mit auf der Seite liegenden Löschfahrzeugen, die wie gestrandete Wale auf Erlösung hoffen. Ein löchriger Schlauch voller Brandspuren liegt ausgerollt in der Einfahrt, ein einzelner Handschuh ohne Finger daneben. Ich sehe keine Leichen, aber das ist fast überall so. Was mit den abertausenden Toten geschehen ist, weiß ich nicht. Dafür der gnädige Mantel der weichen, flockigen Asche, der auch hier die Groteske überzuckert.

Das Rathaus: zerstoßene Fenster und ausgebrannte Innereien. Im Augenwinkel nehme ich eine Bewegung wahr, fahre herum und fixiere eines der blinden Fenster im ersten Stock. Else knurrt nicht, stöbert neugierig durch den angrenzenden Park. Also droht keine Gefahr, darauf kann ich mich verlassen.

Langsam nähere ich mich dem wuchtigen Rathaus. Vielleicht kann ich im Inneren etwas Nützliches finden, denke ich. Als ob es nicht längst geplündert worden wäre.

Dann, ohne Vorwarnung, bricht das obere Stockwerk in sich zusammen. Das kantige Dach gibt die zerschlagenen Schindeln frei, die nach allen Seiten auf den Asphalt hinuntersegeln, um dort zu zerschellen. Die Dachbalken kippen ineinander, taumeln erst träge und reißen sich dann gegenseitig, Staub aufwirbelnd, in das Stockwerk darunter. Ein Wetterhahn aus Blech scheint einen Sekundenbruchteil, der Schwerkraft trotzend, in der Luft zu stehen, dann folgt auch er dem Ruf des Vergehens und stürzt kopfüber in das Chaos des eitlen Baus.

Dann ist es wieder still.

Warum das Dach gerade jetzt kapituliert hat, weiß ich nicht. Aber meine Stimmung sinkt. Vorboten von Zerstörung und Verfall tauchen meine Seele in düstere Farben und verderben mir meist den ganzen Tag. Traurig wende ich mich ab und folge Else, die aufgeregt einer Ladenzeile entgegenspurtet.

Sie verschwindet in der Ruine einer Metzgerei. Ich schüttele angewidert den Kopf und warte, bis Else wieder herauskommt. Sie hat nichts gefunden und schleicht mit gesenktem Kopf auf mich zu.

Weiter. Eine Fußgängerzone entlang.

Eine kleine Weinhandlung. Ausgebrannt.

Zwei Straßencafés. Die Plastikstühle halb in das Kopfsteinpflaster geschmolzen. Der zerfetzte Mantel eines Sonnenschirms. „Ramazotti“ wirft er mir entgegen, dunkelblau auf ausgeblichenem Rot.

Die Hauptstraße knickt nach rechts ab, und wir folgen ihr. Ich will raus aus der Stadt, kann die Erinner­ung­en an die Leben, die wir ausgelöscht haben, nicht mehr ertragen.

Am Ortsende fängt ein breites, zweistöckiges Gebäude meinen Blick. Das dunkle Rot, frei vom sonst allgegenwärtigen Grau, strahlt eine seltsame Wärme aus. Ich lenke meine Schritte dem flachen Bauwerk entgegen. Hellrot sind einige der Fensterrahmen angestrichen, ein beinahe heiterer Anblick. Ein breiter Streifen dunkelgrünen Grases trennt das Gebäude von der Straße, ein intakter, hüft­hoher Metallzaun zieht sich um das gesamte Gelände.

Else knurrt, ich weiß nicht, was oder wen sie wittert. Sie läuft jetzt dicht neben mir.

Ich trete näher an den Zaun heran und erkenne die aufgeklebten Silhouetten von Raubvögeln auf den großen, spiegelnden Fenstern.

Zur Rechten des inmitten von Verfall und Zerstör­ung sonderbar unversehrten Gebäudes erkenne ich eine gesplitterte Wippe und ein halbes Dutzend Holzpferde auf großen Sprungfedern aus Metall. Dahinter ein Western-Fort, die Miniaturausgabe.

Der Kindergarten oder vielleicht auch die Grundschule ist offensichtlich von der Zerstörung verschont worden. Wie durch ein Wunder (obwohl ich nicht an sie glaube).

Meterhohe Metallpfähle sind in die Wiese rund um den Spielplatz getrieben worden. Flaggen wehen von ihren Spitzen, unzählige bunte Stofftücher. Es sind Länderflaggen. Wild zusammengestellt, etwa zwei oder drei Dutzend. Leise und unschuldig wehen sie im lauen Wind, Zeugen einstiger Übereinkünfte.

Als ich das kleine Tor im Metallzaun aufdrücke, knurrt Else wieder. Ich ignoriere ihre Warnung und gehe über eine große Rasenfläche auf das Gebäude zu. Es tut gut, über weiches Gras zu laufen, hatte den Asphalt langsam satt.

Die Neugier treibt mich voran. Neugier und der gänzlich unsinnige Gedanke, ein Kindermacher müsse sich doch schließlich einen Kindergarten (oder eine Grundschule) ansehen.

Andererseits: Wer entscheidet denn jetzt noch über Sinn und Unsinn?

Vor der intakten Glastür eines Windfangs bleibe ich stehen. Zögere. Durch die spiegelnden Scheiben ist das Innere des Gebäudes nicht zu erkennen. Ich lege meine Hand auf den kalten Metallgriff der Tür und wäge ab: Umdrehen, auf Else hören und die Nacht im Schutz des Waldes verbringen. Oder der Neugier nachgeben und eventuell etwas Nützliches finden.

Nahrung, Wasser, vielleicht ein Buch?

Die Neugier siegt.

Als ich das Gebäude betrete, stockt mir der Atem.

Vom Strom der Zeit verschont, von der Gnade der Erinnerung konserviert, strahlen mir im Innern des dunklen Horts die Zeugen der Vergangenheit entgegen:

Bunte Wollhandschuhe in Pink, Blau und Grün hängen auf Metallhaken, die aus Wänden ragen, deren dunkler Anstrich in kleinen Flocken abblättert.

Riesige Papierbögen mit kleinen Handabdrücken in Gelb, Karmesin und Violett, an lange Holzleisten geklammert, die die Wände in den dunklen Gängen zieren.

Ein langes Holzregal mit bunten, drapierten Schulranzen steht am Fuß einer breiten Treppe, die hinauf in den ersten Stock und daneben hinunter ins Kellergeschoss führt. Die Deckel der Ranzen leuchten türkis, orange und braun ins Dunkel ringsherum. Aus einem von ihnen, der mich mit Katzenaugen fixiert, ragen die rosa Plastikbeine einer Puppe, kleine Plastikschuhe an den leblosen Füßen.

Auf jedem der Ranzen prangt ein Aufkleber, auf dem in geschwungener Handschrift ein Name geschrieben steht. „Jenny“ in Türkis. „Tom“ in Dunkelblau. „Leon“ in Tigergelb. Und so weiter.

Ich knie nieder und öffne einen der Schulranzen. Durchstöbere die Bücher, das Schreibmäppchen mit den Buntstiften und dem Füller mit Namensgravur („Petra Siwanek“).

Waren die Kinder ...

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