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AschePerlen / Pearls of Ash & Awe

ASCHEPERLEN

 

 

PEARLS OF ASH & AWE

 

 

20 Years of Bearing Witness in Auschwitz with Bernie Glassman & Zen Peacemakers

 

 

Herausgegeben von / Edited by Kathleen Battke (D)

Inspiriert und mitherausgegeben von / Inspired and co-edited by
Ginni Stern (USA) und / and Andrzej Krajewski (PL)

 

 

 

 

edition steinrich

The editors offer the merits of the practice to create this book to

 

Roshi Sandra Jishu Holmes, died 1998

Co-Creator of the Bearing Witness Retreat at Auschwitz

(and late wife of Bernie Glassman),

 

Roshi Malgosia Jiho Braunek, died 2014

Spirit Holder of the Bearing Witness Retreat at Auschwitz for many years

(and late wife of Andrzej Krajewski),

 

Roshi Peter Muryo Matthiessen, died 2014

Participant of many of the Bearing Witness Retreats at Auschwitz, and Writer about it

 

… and to all those who suffered and died during or as a result of the Shoah and all other wars and genocides including all kinds of military operations, organized or spontaneous hate and intolerance of “difference,” race, gender, class, education and economic disparity, throughout all space and time.

 

 

Die Verdienste der Praxis, dieses Buch zu schaffen, widmen wir

 

Roshi Sandra Jishu Holmes, gestorben 1998

Mit-Schöpferin des BearingWitness-Retreats in Auschwitz

(und Ehefrau von Bernie Glassman),

 

Roshi Malgosia Jiho Braunek, gestorben 2014

Viele Jahre lang Hüterin des BearingWitness-Retreat-Geistes in Auschwitz

(und Ehefrau von Andrzej Krajewski),

 

Roshi Peter Muryo Matthiessen, gestorben 2014

Teilnehmer an vielen der BearingWitness-Retreats in Auschwitz und Schriftsteller

 

… und allen in Raum und Zeit, die unter der Shoah, in Kriegen und Völkermorden einschließlich aller Arten von Militäreinsätzen, unter organisiertem oder spontanem Hass und der Intoleranz gegenüber „Anderssein“, kultureller oder sozialer Zugehörigkeit, Geschlecht, Bildung oder ökonomischer Stufung gelitten und/oder dadurch ihr Leben verloren haben.

Inhalt / Contents

 

Geleitwort / Preface

Konstantin Wecker

 

Editors’ Introductory Remarks / Einführende Bemerkungen der HerausgeberInnen

Andrzej Krajewski

Ginni Stern

Kathleen Battke

 

Legend / Lesehinweise

 

 

Part / Teil I: Basics, Frameworks . Fundamente, Rahmenwerke

 

Peacemaking and the Three Tenets / Friedenstiften und die Drei Grundsätze

 

Eve Marko

Some December Days in 1994 / Einige Dezembertage 1994

 

Manfred Deselaers

Gesegnet sind die Peacemaker … / Blessed Are the Peacemakers …

 

KADDISH

 

Peter Levitt

A Midrash on Translating Kaddish / Ein Midrasch zum Übersetzen des Kaddisch

 

Don Singer

Auschwitz Kaddish / Auschwitz-Kaddisch

 

Joan Halifax

Auschwitz Council / Council in Auschwitz

 

Kazuaki Tanahashi

Tears that Soak Our Soul / Tränen, die unsere Seele aufweichen

 

Barbara Wegmüller

Auschwitz – ein fragender Riss durch die Zeit / Auschwitz – A Wondering Crack through Time

 

Tiokasin Ghosthorse

Wrinkled Memories / Zerknitterte Erinnerungen

 

 

Part / Teil II: Testimonies, Reflections . Zeugnisse, Reflexionen

 

Ajeya van Drunen

Immensity, Urgency / Unermesslich, dringlich

 

Andreas Leszkovsky

Zeugnisablegen – in Auschwitz, in Wien / Bearing Witness – in Auschwitz, in Vienna

 

Anita Fecht Kline

How I Came to Meditate beside the Tracks at Auschwitz / Wie es kam, dass ich neben den Gleisen von Auschwitz meditierte

 

Ann Murray

Being a Tuning Fork / Stimmgabel sein

 

Anna Coffman

Manzanar and More / Manzanar und mehr

 

Anna Gamma

Aus meinem Auschwitz-Tagebuch / From My Auschwitz Diary

 

Annie Markovich

Falling in Love at Auschwitz / Sich verlieben in Auschwitz

 

Becky Hoffbauer

Chanting the Forgiveness Prayer in a Gas Chamber / Das Gebet um Vergebung, in einer Gaskammer gesungen

 

Brenda Wentworth

Being Peace / Frieden sein

 

Bruce Blackman

Bearing Witness to a Genocide / Zeugnisablegen von einem Völkermord

 

Bruce Teague

Bearing Witness at Auschwitz / Zeugnisablegen in Auschwitz

 

Corinne Frottier

Words, Imprisoned in Images / Worte, in Bildern gefangen

 

Cornelius von Collande

Das ganze Leben in diesem Augenblick / All of Life in This Moment

 

Damian Dudkievich

Worlds Opening, Inside and Outside / Welten öffnen sich – innen und außen

 

Dorle Lommatzsch

Meditieren in Auschwitz / Meditating in Auschwitz

 

Edvaldo Armellini

An Eternal Dance, With My Leg Hurting / Ein ewiger Tanz – mit schmerzendem Bein

 

Evi Ketterer

Auschwitz – A Place of Cruelty and Hope / Auschwitz – ein Ort der Grausamkeit und der Hoffnung

 

Ewa Kazmierczak

My Ego Slowly Dissolving / Wie mein Ego sich langsam auflöst

 

Fred Kahane

Waves of Compassion / Wellen des Mitgefühls

 

Ginni Stern

Touring Auschwitz with A. (2008) / In Auschwitz unterwegs mit A. (2008)

 

Greg Rice

Kill Your Sense of Truth / Töte deine Vorstellung von Wahrheit

 

Hans Reiss

Die dunkle Decke des Schweigens beginnt sich aufzulösen / The Black Blanket of Silence Begins to Dissolve

 

Jagoda Latkowska

Just Be There and Remember / Sei einfach da und gedenke

 

James Powell

The Question is the Answer / Die Frage ist die Antwort

 

Jan Riesenkampff

My First Auschwitz Amazement / Mein erstes Auschwitz-Erstaunen

 

Janee Graver

Reflections on Auschwitz-Birkenau, Written on the Way Home / Reflexionen über Auschwitz-Birkenau, auf dem Heimweg geschrieben

 

Jürgen Jian Lembke

I Honor Your True Name / Ich ehre deinen wahren Namen

 

Julia Rasch

The Spaces between the Words / Die Freiräume zwischen den Wörtern

 

Juliane Rasch

Hating Him Was so Sure / Ihn zu hassen war so sicher

 

Kathy Donelly

Remembering One, Seventy Years Later / An Eine erinnern, siebzig Jahre später

 

Katja Schröder

Sind das Hollywood-Gefühle, oder sind die echt? / Are these Hollywood Feelings, or Are they Real?

 

Lena Piękniewska

Bloom / Blühen

 

Lieve Thienpont & Tony van Loon

Auschwitz beyond Comfort / Auschwitz jenseits von Trost

 

Lise Weill

Words of Witness / Zeugen-Worte

 

Louise Steinman

Breathe in “WHY?” / „WARUM?“ einatmen

 

Magda Kulakowska-Frost

The Value of a Singing Heart / Die Kostbarkeit eines singenden Herzens

 

Magda Wronecka

Great Luck / Großes Glück

 

Mairéad Quigley

Settling and Plunging / Ankommen und eintauchen

 

Malgosia Jiho Braunek †

How to Distinguish Day from Night / Wie man den Tag von der Nacht unterscheidet

 

Malgosia Jakubczak

I Do Not Know / Ich weiß es nicht

 

Marianne Dresser

Blue Plastic Bags – Here in Auschwitz, There in Phnom Penh / Blaue Plastiktüten – hier in Auschwitz, dort in Phnom Penh

 

Marianne Lembke

Call / Ruf

 

Marsha Gildin

I Made a Vow to Choose Love / Ich habe geschworen, die Liebe zu wählen

 

Marushka Glissen

Talking to My Relatives / Mit meinen Verwandten reden

 

Marzena Rey

This Particular Energy / Diese besondere Energie

 

Michel Dubois

Only Essentials Left / Nur Wesentliches bleibt

 

Natalie Goldberg

What Zen Can Be / Was Zen sein kann

 

Aleksandra Kwiatkowska

A Hidden Whole / Ein verborgenes Ganzes

 

Pake Hall

… And Yet I Have to Say Something / … und trotzdem muss ich etwas sagen

 

Peter Matthiessen † (Michel Dobbs)

In Paradise / Im Paradies

 

Peter Sternberg

My Journey to Liberation at Auschwitz / Meine Reise nach Auschwitz in die Befreiung

 

Reiner Seido Hühner

Birkenblatt-Haiku / Birch Leaf Haiku

 

Richard Segal

An Integrated Jewish Man / Ein integrierter, jüdischer Mann

 

Sabine Müller

Millions in a Rainbow / Millionen in einem Regenbogen

 

Seien de Leeuw

Imagination / Imagination

 

Serge Goldberg

Family Stories, Emerging Seventy Years After / Familiengeschichten, die siebzig Jahre danach auftauchen

 

Sheila Canal

Before – During – After / Vorher – Währenddessen – Danach

 

Sophie de Commines

Writing With Ears and Eyes / Mit Ohren und Augen schreiben

 

Susan Deisroth

In the Women’s Barracks / In der Frauenbaracke

 

Svenja Shinsen Hollweg

Labyrinthe der Menschlichkeit. Fragmente des Lebens / Mazes of Humanity. Fragments of Life

 

Swami Saradananda

Totally Alive / Vollkommen lebendig

 

Tanna Jakubowicz-Mount

From Many Pieces to One Peace / Von vielen Fragmenten zu einem Frieden

 

Undine Bissmeier

Achterbahnfahrt / Rollercoaster Ride

 

Viktoria von Schirach

After Auschwitz / Nach Auschwitz

 

 

Part / Teil III: Scopes, Futures . Reichweiten, Zukünfte

 

Judith Haran

Auschwitz and Climate Change – Who Wants to Know? / Auschwitz und Klimawandel – Wer will wissen?

 

Dina Awwad

What is Peace? / Was ist Frieden im Nahen Osten?

 

Iris Katz

Loving Healing / Liebevolles Heilen

 

De Fischler Herman

Atrocities as Teachers: Auschwitz, Rwanda and Beyond / Gräueltaten als Lehrer: Auschwitz, Ruanda und mehr

 

Marushka Glissen & Tracy McNab

Our Miraculous Wedding at Auschwitz / Unsere wundersame Hochzeit in Auschwitz

 

Eve Marko

Medicine out of Blood and Cinder / Medizin aus Blut und Asche

 

 

“It’s all one song” Neil Young

Geleitwort / Preface

Konstantin Wecker

 

Als ob nicht schon der Alltag Bernie Glassmans, dieses Streetworker des Zen, Herausforderung genug wäre, widmet er sich seit über 20 Jahren auch der Versöhnungsarbeit in und mit Auschwitz, jenem Ort, der mit Recht zum Symbol für den größtmöglichen von Menschen erzeugten Schrecken geworden ist. Es ist eine Sache, von Auschwitz zu wissen, darüber gelesen zu haben; es ist eine ganz andere, die Atmosphäre dieses Ortes immer wieder tief auf sich einwirken zu lassen.

Das vorliegende Buch AschePerlen dokumentiert die Friedensmeditationen im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau unter der Leitung Bernie Glassmans auf eine Weise, die das Vergangene erschreckend gegenwärtig macht: durch Zeugnisse von 80 Teilnehmenden. Es zeigt aber auch über das aufgewühlte Grauen, die Fassungslosigkeit und Wut hinaus einen fruchtbaren Weg auf, der das viel zitierte Wort „Vergangenheitsbewältigung“ aus seinem routinemäßigen Gebrauch heraushebt und ihm eine sehr lebendige Bedeutung gibt.

Heilung und Frieden sind eben nicht in der Verdrängung zu finden, sondern im Hinschauen. Nicht im Verschließen des fühlenden Herzens angesichts des auch nach zigtausend Erwähnungen noch immer Unfassbaren liegen Ansätze zu einer Lösung, sondern in einer umfassenden Öffnung. Nach Versöhnung Suchende müssen es zulassen, von Auschwitz unter Schmerzen, jedoch mit einem befreienden Ergebnis verwandelt zu werden. Wenn heute wieder ein aufgewiegelter Mob gegen Asylbewerberheime demonstriert, wenn auf deutschen Straßen wieder judenfeindliche Parolen gebrüllt werden, wenn Deutschland zu „neuem Selbstbewusstsein“ zurückfindet und sich – im Wiedererstarken – als Kriegsherr in der Welt und Zuchtmeister der europäischen Völker aufspielt, dann wird deutlich, dass dieses wertvolle Buch im wahrsten Sinn notwendig ist. Es ist wichtig, die Vergangenheit aufzuarbeiten, jedoch – auch darin weiß ich mich mit Bernie Glassman einig – steht daneben als Pflicht für alle Lebenden die Aufarbeitung einer zunehmend kalt und bedrohlich werdenden Gegenwart.

Man kann den Leserinnen und Lesern eines Buches über Auschwitz nicht „viel Vergnügen bei der Lektüre“ wünschen. Wohl aber wünsche ich – und eine solche Wirkung hat dieses tief bewegende Buch auf mich gehabt – erhellende und lehrreiche, ja transformierende Stunden. Und nicht zuletzt Impulse, selbst für Menschlichkeit, gegen Gewalt und Entwürdigung in jeder sich heute zeigenden Form aktiv zu werden. Einen glaubwürdigeren Wegweiser als Bernie Glassman kann man diesbezüglich kaum finden.

 

Konstantin Wecker, bayrischer Musiker, Zivilcouragist und Aktivist für soziale Gerechtigkeit, hat gemeinsam mit Bernie Glassman 2011 das Buch Es geht ums Tun und nicht ums Siegen. Engagement zwischen Wut und Zärtlichkeit verfasst (Herausgegeben von Christa Spannbauer im Kösel-Verlag). www.wecker.de

 

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As if the everyday life of Bernie Glassman, this “Streetworker of Zen,” wasn’t challenging enough, he has been dedicating himself to reconciliation work in and with Auschwitz for the past twenty years. Auschwitz – the place that, rightly, became an iconic symbol of the biggest possible horror that humans ever created. It is one thing to know about Auschwitz, to read about it, and it is a completely different thing to expose oneself to the atmosphere of this place over and over again, and to let it work on you and in you.

The book Pearls of Ash & Awe documents the peace meditations under the guidance of Bernie Glassman in the former death camps of Auschwitz-Birkenau in a way that lets the past become startlingly present: Through testimonies of about 80 Auschwitz Retreat participants. And it also points out a path beyond churned-up atrocities, bewilderment and rage – a path that elevates the often-quoted “coming to terms with the past” out of its mechanical use and supplies it with a very vivid meaning:

Thus, healing and peace are not to be found in expulsion, leaving the past in the past, but in paying attention – now. Rudiments of a solution do not lie in closing the sensitive heart when confronted with the Inconceivable (still inconceivable after being mentioned thousands of times), but in opening up extensively. Those looking for reconciliation must allow Auschwitz to transform them – it is painful, but the outcome may be liberating.

As – again, today – an instigated mob demonstrates against homes for people seeking asylum; as – again, today – anti-Semitic slogans are being shouted in the streets of Germany; as Germany finds “new self-confidence,” and, in this re-erecting, acts up as a warlord overseas and as a taskmaster of the European peoples, then it becomes clear that this precious book is needed – need-turning in the true sense of the word.

It is important to come to terms with the past, but – and I know Bernie Glassman agrees with me in this – parallel to that all living beings have the duty to come to terms with an increasingly cold and threatening present.

I can’t wish readers of a book about Auschwitz to enjoy themselves. But what I do wish – and this deeply moving book had exactly this impact on me – are illuminating and instructive, even transformative hours.

And last but not least, I wish this book to build momentum for readers to spring into action for humanity, against violence and abasement in any form we encounter today. Concerning this, there’s no fingerpost more credible than Bernie Glassman.

 

Konstantin Wecker, Bavarian Musician, is a promotor of moral courage and social justice. He and Bernie Glassman co-published a book on social action beyond victory (Es geht ums Tun und nicht ums Siegen. Engagement zwischen Wut und Zärtlichkeit, edited by Christa Spannbauer, Kösel 2011). www.wecker.de

Editors’ Introductory Remarks / Einführende Bemerkungen der HerausgeberInnen

 

Andrzej Krajewski

Having served the Bearing Witness Retreats at Auschwitz-Birkenau for so many years I can’t claim that the experience remains the same as it was at the beginning. But likewise I can’t say that it is very much different … Every time this experience is a powerful, dynamic and an astonishingly transformative process.

The world around us is constantly changing. So are we and so is the retreat – yet the three steps we are taking there remain the same: the Three Tenets – Not-Knowing, Bearing Witness, Taking healing Action …

When we started this retreat twenty years ago, we came as children of the war and the Holocaust survivors. Today, much of our retreat is composed of the third generation – grandchildren of survivors. The personal trauma we as representatives of our generations carry and share is changing and evolving. Now we seem to be reflecting more on the impact of the war on our own lives than on the fate of our parents and grandparents – whether Jewish, German or Polish …

Retreat staff, who maintain the collective memory of the last twenty years of retreats is growing older, growing white hair … And this wonderful tool, this Bearing Witness Retreat, is now being handed over to those who also need to grieve and reconcile – to Rwandans, American Indians, Bosnians. We have to remember that Auschwitz is still going on in the world under different local names.

I feel the pride, both big and humble, that we – in this most terrifying place on Earth – have worked out a tool, a process that can be of help to people in want of deep healing and true reconciliation, transforming despair and hopelessness into hopefulness and love.

This written mala of ash pearls is preserving words, so volatile by nature of our sharing in Council{1}, that otherwise would be gone with the breath …

It’s unusual to see them written black on white – and it is great! This book is manifesting the spirit of the retreat: the many voiced oneness of Life.

Thank you!

 

Andrzej Krajewski, Co-Editor, Auschwitz Retreat Coordinator & Spirit Holder, Warszawa/Poland, July 19, 2015

 

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Nachdem ich dem BearingWitness-Retreat in Auschwitz-Birkenau nun so viele Jahre gedient habe, kann ich nicht behaupten, dass die Erfahrung dieselbe ist wie am Anfang. Aber gleichzeitig kann ich auch nicht sagen, dass sie sich sehr unterscheidet … Jedes Mal ist diese Erfahrung ein wirkmächtiger, energiegeladener und erstaunlich transformativer Prozess.

Die Welt um uns herum verändert sich ständig. Dasselbe gilt für uns und für das Retreat – trotzdem bleiben unsere drei Schritte die gleichen: die Drei Grundsätze – Nicht-Wissen, Zeugnisablegen, aus beidem heraus heilsam Handeln …

Als wir vor zwanzig Jahren mit diesem Retreat begonnen haben, kamen wir als Kriegskinder und Holocaust-Überlebende. Heute sind viele von uns aus der nächsten Generation der Kriegsenkel. Das persönliche Trauma, das wir mit uns tragen und im Retreat teilen, verändert und entwickelt sich; wir scheinen heute eher den Einfluss des Krieges auf unser eigenes Leben zu reflektieren als das Schicksal unserer Eltern und Großeltern – ob jüdisch, deutsch oder polnisch …

Der Retreat-Stab, der das kollektive Gedächtnis des Retreats über die letzten zwanzig Jahre bewahrt, wird älter, hat graue Haare bekommen … Und dieses wunderbare Werkzeug, dieses BearingWitness-Retreat, wird nun weitergegeben in die Hände derer, die ebenfalls das Bedürfnis haben, zu trauern und sich auszusöhnen – wie die Menschen in Ruanda und Bosnien, die indianischen Völker in den USA. Wir müssen daran denken, dass Auschwitz auch heute noch unter verschiedenen regionalen Bezeichnungen überall auf der Welt geschieht.

Ich bin stolz darauf – und dieser Stolz ist zugleich groß und bescheiden –, dass wir an diesem furchterregendsten Ort der Welt ein Werkzeug, ein soziales Hilfsmittel ausgearbeitet haben, das Menschen unterstützen kann, die sich nach tiefer Heilung und echter Versöhnung sehnen, indem es Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit in Hoffnung und Liebe zu verwandeln vermag.

Diese geschriebene Mala aus Ascheperlen bewahrt Worte, die – spontan und aus dem Moment heraus gefunden, wie es unserem Austausch im Council{2} entspricht – sich sonst mit ihrem Aussprechen, mit dem Atem verflüchtigen. Es scheint ungewöhnlich, sie schwarz auf weiß geschrieben zu sehen, und es ist großartig! Dieses Buch bekundet den Geist des Retreats: die vielstimmige Einheit des Lebens.

Danke!

 

Andrzej Krajewski, Mitherausgeber, Auschwitz-Retreat-Koordinator & Hüter des Retreat-Geistes, Warschau/Polen, am 19. Juli 2015

 

Ginni Stern

It seemed quite natural, as the 20th commemoration of the Bearing Witness Retreat at Auschwitz and the 70th anniversary of the liberation of the camp approached, that we create some form of tribute … A tribute to Bernie Glassman, Sandra Jishu Holmes and Eve Marko, who originally conceived of the Bearing Witness Retreat and brought it to life. And to Andrzej Krajewski, our Polish coordinator and relentless rock, without whom this retreat would probably never have continued to take place over the years.

In Bonn, on a cold, sunny day in November 2013, I sat at Kathleen Battke’s kitchen table. Kathleen quickly became my new German friend after we had met at the Retreat in 2011. (She is a facilitator of creative biographical writing workshops for German children and grandchildren of World War II. She is also a writer and publisher of a book titled Trümmerkindheit (Kösel 2013) on this topic.) That winter afternoon, over the spicy fragrance of hot tea, together, Kathleen and I imagined the gathering of written Council sharings in a commemorative book.

A written collection of reflections of participants, based on their experiences during the Bearing Witness Retreat at Auschwitz, presents a bit of a quandary with regard to the practice of the Zen Peacemakers’ First Tenet: NOT-KNOWING. I have heard Bernie say, on several occasions over the years, that: as soon as the first Auschwitz Retreat was over and people returned home and shared about their experiences, it became more tricky for others to plunge into the practice of NOT-KNOWING during subsequent Auschwitz Retreats. Several times, Bernie even considered not continuing the Auschwitz Retreats as he felt it was no longer providing the best venue for practicing the Zen Peacemakers’ Three Tenets.

Thus, over the years, as more and more people continued to be compelled to come to Auschwitz in the unique manner the Zen Peacemakers offer, keeping the practice of NOT-KNOWING fresh for this retreat became increasingly challenging. And still people attended. Some registered within hours after learning about the retreat; others waited for many years before taking the plunge. Some attended while a parent was home dying in the care of hospice; others attended while awaiting the birth of a grandchild. And there were those who participated without uttering a word about their trip to anyone in their family or community. The importance of this experience, the draw of Bearing Witness in Auschwitz was that compelling and strong.

So Kathleen and I committed ourselves to the idea that it might be worthwhile to honor twenty years of special practice with a published mandala of written sharings. Quickly after that tea in Bonn, without hesitation, Andrzej Krajewski who had had a similar idea offered his support. We were keenly aware of the symbolic meaning of a German woman, a Jewish-American woman and a Polish man uniting to work on this project. With Eve’s blessing and Bernie’s reluctant approval, we set about collecting written reflections from retreat participants.

In this collected works, you will read strong, tender and very personal BEARING WITNESS testimonies. You may want to read each offering, one at a time, pausing after each to absorb what the writer has shared and to reflect on what that particular bearing witness experience evokes in you.

I invite you, as you plunge into reading, to practice the Three Tenets and “Let Go of Fixed Ideas” (NOT-KNOWING) about the experience being portrayed.

I invite you to find a way to “Listen with an Open Heart” (BEAR WITNESS) and feel the enormous courage and strength with which these writers share their retreat reflections and family stories. (My mentor and teacher Tom Verner, also an Auschwitz Retreat participant, once said, “Within every profound expression of vulnerability, great strength can be found.”) Many of these writings hold some combination of raw, fearful, grief-saturated, inspired, loving and affectionate reflections.

I invite you to also begin to recognize and take note of the large and small ACTIONS, which arise from the practice of NOT-KNOWING and BEARING WITNESS, woven throughout.

In the following pages, as you bear witness to the Zen Peacemakers’ Three Tenets, may you be inspired, consoled and motivated by what you observe.

 

Ginni Stern, Co-Editor, Auschwitz Retreat Coordinator & Spirit Holder, Orcas Island, Washington/USA, July 22, 2015

 

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Als sich mit dem siebzigsten Jubiläum der Befreiung von Auschwitz auch der zwanzigste Jahrestag des Retreats näherte, erschien es recht natürlich, eine Art der ehrenden Anerkennung zu schaffen … Eine Ehrung für Bernie Glassman, Sandra Jishu Holmes und Eve Marko, die das BearingWitness-Retreat ursprünglich konzipierten und ins Leben brachten. Und für Andrzej Krajewski, unseren polnischen Koordinator und unerschütterlichen Fels in der Brandung, ohne den dieses Retreat wahrscheinlich niemals so kontinuierlich über all die Jahre stattgefunden hätte.

An einem kalten, sonnigen Novembertag 2013 saß ich in Bonn am Küchentisch von Kathleen Battke. Kathleen war, nachdem wir uns bei dem Retreat 2011 kennengelernt hatten, schnell meine neue deutsche Freundin geworden. (Sie leitet kreative biografische Schreibwerkstätten für deutsche Kriegskinder und -enkel und hat über diese Arbeit das Buch Trümmerkindheit (Kösel-Verlag, 2013) geschrieben, das auch Lebensgeschichten von Teilnehmenden ihrer Seminare enthält.) An diesem Winternachmittag, über dem würzigen Duft heißen Tees, stellten Kathleen und ich uns gemeinsam vor, geschriebene Council-Beiträge für ein Gedenkbuch zu sammeln.

Eine Sammlung der schriftlichen Reflexionen von Teilnehmenden, basierend auf ihren Erfahrungen während des BearingWitness-Retreats in Auschwitz, stellt ein gewisses Dilemma dar angesichts der Praxis des ersten ZenPeacemaker-Grundsatzes: NICHT-WISSEN. Ich habe Bernie immer wieder einmal sagen hören, dass es, sobald das erste Auschwitz-Retreat vorbei war, die Teilnehmenden nach Hause zurückkehrten und von ihren Erfahrungen erzählten, für andere schwieriger wurde, während folgender Retreats in die Praxis des NICHT-WISSENS einzutauchen. Einige Male erwog Bernie sogar, das Auschwitz-Retreat einzustellen, da er meinte, es biete nicht mehr den besten Rahmen für das Praktizieren der Drei Grundsätze.

So wurde es über die Jahre – in denen immer mehr Menschen sich von der einzigartigen Weise, die die ZenPeacemaker anbieten, nach Auschwitz bewegen ließen – immer herausfordernder, die Praxis des NICHT-WISSENS für dieses Retreat frisch und lebendig zu erhalten. Und dennoch: die Menschen kamen. Einige registrierten sich binnen Stunden, nachdem sie von dem Retreat gehört hatten; andere brauchten Jahre, bis sie zu diesem Sprung ins kalte Wasser bereit waren. Einige nahmen teil, während daheim ein Elternteil im Hospiz starb, andere, während sie die Geburt eines Enkelkindes erwarteten. Und es gibt Teilnehmende, die in ihrer Familie oder Gemeinschaft kein Wort über ihre Reise fallen ließen. So zwingend und stark war die Bedeutung dieser Erfahrung, der Sog, in Auschwitz Zeugnis abzulegen.

Also verpflichteten Kathleen und ich uns der Idee, zwanzig Jahre dieser speziellen Praxis mit einem veröffentlichen Mandala schriftlicher Erfahrungsberichte zu ehren. Bald nach diesem Tee in Bonn bot Andrzej Krajewski, ohne zu zögern, seine Unterstützung an; er hatte eine ganz ähnliche Idee gehabt. Wir waren uns der symbolischen Bedeutung dessen, dass eine deutsche und eine jüdisch-amerikanische Frau sowie ein polnischer Mann sich zusammentaten, um an diesem Projekt zu arbeiten, äußerst bewusst. Mit Eves Segen und Bernies zurückhaltender Billigung begannen wir also, schriftliche Reflexionen von Retreat-Teilnehmenden einzusammeln.

In dieser Sammlung sind starke, zarte und sehr persönliche „Zeugnisse vom ZEUGNISABLEGEN“ zu finden. Vielleicht möchte die Leserin, der Leser eines nach dem anderen lesen, mit einer Pause dazwischen, um aufzunehmen, was jede und jeder der Schreibenden mitgeteilt hat, und um dem Raum zu geben, was diese ganz spezielle Erfahrung des Bezeugens im Lesenden auslöst.

Ich lade dazu ein, während des Lesens den Grundsatz des NICHT-WISSENS zu praktizieren – also alle festen oder gewohnheitsmäßigen Vorstellungen über die Erfahrung, von der da gerade die Rede ist, aufzugeben.

Ich lade dazu ein, einen Weg zu finden, mit offenem Herzen zuzuhören (also: Zeugnis abzulegen), und den enormen Mut und die Kraft zu spüren, mit denen diese Schreibenden ihre Retreat-Erlebnisse und Familiengeschichten teilen. (Mein Mentor und Lehrer Tom Verner, der auch am Auschwitz-Retreat teilgenommen hat, sagte einmal: „In jedem tiefen Ausdruck von Verletzlichkeit kann große Stärke gefunden werden.“) Viele dieser Texte zeigen eine Mischung aus ungeschliffen-rauen, angstvollen, trauergetränkten, inspirierten, liebevollen und zärtlichen Reflexionen.

Ich lade auch dazu ein, die in die Texte eingewobenen großen und kleinen HANDLUNGEN wahrzunehmen, die aus dem NICHT-WISSEN und dem ZEUGNISABLEGEN erwachsen sind und stetig neu erwachsen (und damit den dritten Grundsatz der ZenPeacemaker erfüllen).

Möge das, was auf den folgenden Seiten erscheint, während die Leserin, der Leser lesend Zeugnis ablegt von den Drei Grundsätzen der Zen-Peacemaker, inspirieren, trösten und motivieren.

 

Ginni Stern, Mitherausgeberin, Auschwitz-Retreat-Koordinatorin & Hüterin des Retreat-Geistes, Orcas Island, Washington/USA, am 22. Juli 2015

 

Kathleen Battke

Finishing this book while the sentence is pronounced in “what could be one of the last big Holocaust trials” (The Guardian, July 15, 2015) in Lüneburg, Germany, doesn’t make it easier, but sets a special frame to what we tried to do here.

Oskar Gröning, one of the bookkeepers in Auschwitz-Birkenau, was found guilty of being an accessory to the murder of 300,000 people. This happens in 2015, right here, right now. Auschwitz is present, seventy years after the camps were liberated.

The practice the Zen Peacemakers offer in the camps honors the past, but it happens presently, and it might shift the future. In accordance with the Zen Peacemakers’ often used wording “Living a life that matters,” I hope we created a “book that matters.”

There were doubts, of course. Is it really a good idea to invite people to talk and write about what many call The Unspeakable? Would it be just ego stuff, conceptual profiling, a bunch of brainchildren? Can you still hear silence in the middle of more than 100,000 words (this is how many this book contains)?

I guess I wouldn’t have overcome these doubts, if not this many of the Retreat participants had resonated positively, gratefully and encouragingly, if not Andrzej, Ginni, and Peter Cunningham (who had compiled a book with testimonies and his marvelous photographs to honor the 5th birthday of the Retreat in 2001; it was never published, but he generously offered to use all of it) had supported the enterprise. And if I wouldn’t deeply love language, this awesome gift life gave to us humans. How can I elicit the silence inside (and between) the words, their space, genuineness and freshness, the Not-Knowing in them, the heralding sound of “not-yet-there,” “not-yet-solid”? This is one of my favorite Koans.

Peacemakers try to make use of language in this way during Council. Ginni, Andrzej and I considered it possible to also write Council, and we explore this possibility here.

One who is encouraging me in this is Natalie Goldberg, one of the pearl artists of this book, who says about how Zen practice affected her writing: “… if you know you have nothingness at your back, emptiness, you can’t crystallize as easily. For me, writing is always connected with that kind of emptiness.” (from the Afterword to her book Writing Down the Bones, Shambhala 2005).

Many of the writers in this book may have touched emptiness, the Not-Knowing state of mind the Zen Peacemaker plunges are able to push us into. Many of them wrote that they have no words for what they experienced in Auschwitz-Birkenau, in themselves and with their fellow humans. There are no words for a place like this; it is beyond articulation. It silences us. Or, another shade: Some (also in Germany) think it has been said enough about what happened there, maybe even too much.

Beyond this, passing through this tunnel of wordlessness, some come to the conclusion: But we still have to speak out. We must bear witness actively. We want to communicate the message of this place, this plunge. As Father Bruce Teague puts it in his testimony, saying nothing means falling silent in the face of present genocides, war and torture throughout the world.

This “and still …” is compassionate resistance, and it honors the universe’s gift of verbal communication, trusting in the chance to create understanding.

And also, the writing itself is an opportunity to carry the energy of the retreat plunge on into one’s own life. “I am grateful for the opportunity to write which unfolds itself only in doing it; it opened a door,” says Hans Reiss in his testimony: “For me, it was and is a possibility to express myself, and this helps me to understand the changing of my world since I was in Auschwitz, to move on step by step, towards comprehending, touching, helping – towards people.”

The testimonies comprised here are not so much articles about how one might deal with visiting Auschwitz, or about how the retreat functions. They are personal sharings, as if each person had picked up some of the ashes, the dust, the ruins of the place and curled it up in their hands, kneaded it in their minds, until a pearl formed – augmented with helplessness and grief and awe. A pearl that radiated, shimmered. This is how the title “Pearls of Ash & Awe” entered my mind.

Only after this giving birth to the title out of the process of editing was it that Barbara Wegmueller called my attention to the relics called “sariras” (Sanskrit) or “ringsels” (Tibetan): bead-shaped remains – pearls – found in the cremated ashes of spiritual masters. Many Buddhist practitioners honor them as they are believed to contain the spiritual knowledge, the core of the teachings, or living essence of those wise women and men. Even though I didn’t think of this tradition when the book title emerged, I believe it to be a beautiful resonance.

In addition to my deep gratitude to the people of Oświęcim{3} who take care of the camp sites of Auschwitz{4} and Birkenau there and who host us every year, and to the Zen Peacemakers who had the vision of this practice and have the courage to renew it over and over again, I say thank you to all the writers here who dared to open their heart and translate its contents into words, letting all of us in, allowing us to touch their vulnerable Self.

Many bows to Ginni and Andrzej – much more than co-editors; visionaries, Spirit Holders (to the Retreat, and to this book), calming down my monkey mind.

And unlimited thanks to those who supported the emergence of this book with their generous offerings and donations – be it daring (our publisher Ursula Richard), money (Barbara Wegmueller, Claudia Hiepe, Cornelius Collande, Evi Ketterer, Richard Segal, Sabine Sharma, Silke Gross, Viktoria von Schirach), translating time and skills (Heike Drinkuth, Anneke Burger), trust, critical questions or encouragement.

And loving gratitude to Thomas, this immense power house beside me. “I think we ought to read only the kind of books that wound and stab us. If the book we’re reading doesn’t wake us up with a blow on the head, what are we reading it for?,” 21-year-old Franz Kafka wrote in a letter to a friend. And he postulates: “A book must be the axe for the frozen sea inside us.{5}

I don’t know if what you read here will have such an effect. And I take responsibility for all errors or omissions with apologies for any offense, harm, or disregard you may find in this book or caused by it.

Still: May it pierce the reader, may it encourage to Bear Witness and Take healing Action out of Not-Knowing, may it contribute to the ongoing transformation of the commemorative culture in our societies towards future-building, and may it endow peace.

 

Kathleen Battke, Editor, Retreat Participant of 2011 and 2014, Bonn/Germany, July 30, 2015

 

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Wir vollenden dieses Buch, während in Lüneburg im „wohl letzte(n) große(n) Prozess gegen Naziverbrechen“ (Die ZEIT, 12.5.2015) das Urteil gesprochen wird – das macht es nicht leichter, setzt aber einen besonderen Rahmen für das, was wir hier zu tun versucht haben.

Oskar Gröning, einer der „Buchhalter von Auschwitz“, wurde der Beihilfe zum 300.000-fachen Mord für schuldig gefunden. Dies geschieht 2015, hier, jetzt. Auschwitz ist gegenwärtig – siebzig Jahre nach der Befreiung der Lager.

Die Praxis, die die ZenPeacemaker auf dem Gelände der Lager ermöglichen, ehrt die Vergangenheit, geschieht aber in der Gegenwart, und vielleicht nimmt sie Einfluss auf die Zukunft. In Anlehnung an eine von den ZenPeacemakers häufig verwendete Formulierung – „Ein Leben leben, das zählt“ –, hoffe ich, dass wir es geschafft haben, „ein Buch zu machen, das zählt.“

Es hat natürlich Zweifel gegeben. Ist es wirklich eine gute Idee, Leute einzuladen, über das zu sprechen und zu schreiben, was viele als „Das Unsagbare“ bezeichnen? Würden dabei nur Ego-Geschichten herauskommen, konzeptuelle Selbstdarstellungen, ein Haufen Kopfgeburten? Kann man in einer Ansammlung von über 100.000 Wörtern (so viele sind es ungefähr in diesem Buch) noch Stille hören?

Ich hätte diese Zweifel vielleicht nicht überwunden, wenn nicht so viele Teilnehmende äußerst positiv, dankbar und ermutigend auf die Idee reagiert hätten. Wenn nicht Andrzej, Ginni und Peter Cunningham (der zum fünften Geburtstag des Retreats 2001 ein Buch mit Erfahrungsberichten und seinen starken Fotos zusammengetragen hatte; es wurde nie veröffentlicht, und er hat uns das Material großzügig zur Verfügung gestellt) dieses Unterfangen unterstützt hätten. Und wenn ich nicht die Sprache, dieses bestaunenswerte Geschenk des Lebens an uns Menschen, lieben würde. Wie also kann ich die Stille in (und zwischen) den Worten, ihren Raum, ihre Ursprünglichkeit und Frische, das Nicht-Wissen in ihnen, den verheißungsvollen Klang von „noch-nicht-geschehen“, von „noch-nicht-verfestigt“ in ihnen hervorlocken? Das ist eines meiner liebsten Koans.

Peacemaker versuchen Sprache auf diese Weise im Council zu nutzen. Ginni, Andrzej und ich halten es für möglich, Council auch schriftlich zu praktizieren, und diese Möglichkeit erkunden wir hier in diesem Buch.

Eine, die mich darin ebenfalls ermutigt, ist Natalie Goldberg, eine der Perlen-Künstlerinnen dieses Buches, die darüber, wie Zen-Praxis ihr Schreiben beeinflusst, sagt: „… wenn du Leerheit im Nacken sitzen hast, kannst du nicht so leicht aushärten. Für mich ist Schreiben immer verbunden mit dieser Art Leerheit.“ (aus dem Nachwort zu ihrem Buch Writing down the Bones, Shambhala 2005).

Viele der hier Schreibenden werden Leerheit berührt haben, diesen Geisteszustand des Nicht-Wissens, in den die ZenPeacemaker-„Tauchgänge“ uns zu stoßen in der Lage sind. Viele von ihnen schrieben, dass sie keine Worte haben für das, was sie auf dem Grund von Auschwitz-Birkenau, in sich selbst und mit ihren Mitmenschen erlebt haben. Es gibt keine Worte für einen Ort wie diesen; er bleibt jenseits von Sprache. Er bringt uns zum Schweigen. Oder, eine andere Facette des Verstummens: Manche – auch in Deutschland – finden, es sei genug gesagt darüber, was dort geschehen ist, vielleicht sogar zuviel.

Jenseits davon, diesen Tunnel der Wortlosigkeit durchquerend, kommen einige zu dem Schluss: Aber wir müssen trotzdem sprechen. Wir müssen aktiv Zeugnis ablegen. Wir wollen die Botschaft dieses Ortes, dieses Retreat-„Tauchgangs“ weitergeben. – Nichts sagen bedeutet schweigen angesichts gegenwärtiger Völkermorde, Kriege und Folter weltweit, gibt Pater Bruce Teague in seinem Beitrag zu bedenken.

Dieses „und trotzdem …“ ist also Widerstand aus Mitgefühl; es ehrt das Geschenk der sprachlichen Kommunikation, vertraut in die Chance, Verständigung zu erreichen.

Das Schreiben kann obendrein die Energie der Retreat-Erfahrung tiefer in das eigene Leben hineintragen. „Ich bin sehr dankbar für diese Möglichkeit des Schreibens, die sich erst im Tun offenbart; da hat sich (…) eine Tür geöffnet“, sagt Hans Reiss am Ende seines Beitrags über dessen Entstehen: „Für mich war und ist es eine Ausdrucksmöglichkeit, und sie hilft mir, die Veränderung meiner Welt seit der Zeit in Auschwitz zu begreifen, schrittweise weiterzugehen, zum Verstehen, zum Berühren, zum Helfen, zu den Menschen.“

Die hier zusammengestellten Beiträge handeln nicht so sehr davon, wie man mit einem Besuch in Auschwitz umgehen soll oder wie das Retreat funktioniert. Es sind persönliche Mitteilungen, als hätte jede Person etwas von der Asche, dem Staub, den Ruinen des Ortes aufgehoben und in ihren Händen geknetet, im Geist vermischt und bewegt, bis sich eine Perle formte – eine Perle, die, angereichert mit Hilflosigkeit und Trauer und Ehrfurcht, leuchtete, schimmerte. So kam mir der Titel „AschePerlen“ in den Sinn.

Erst nachdem dieser Titel aus dem Prozess der Beschäftigung mit den Beiträgen heraus geboren worden war, machte mich Barbara Wegmüller darauf aufmerksam, dass es Relikte namens „sarias“ (Sanskrit) bzw. „ringsels“ (Tibetisch) gibt: kugelrunde Überbleibsel – Perlen, die in der Asche von nach ihrem Tod verbrannten spirituellen Meisterinnen und Meistern gefunden werden. Viele buddhistische Praktizierende halten sie in Ehren, da sie das spirituelle Wissen, die Essenz der Lehren und des Lebens dieser weisen Frauen und Männer enthalten sollen. Auch wenn mir diese Tradition nicht präsent war, als der Buchtitel sich formte, entsteht hier eine schöne Resonanz.

Zusätzlich zu meinem tiefen Dank an die Menschen von Oświęcim{6}, die sich um die Gedenkstätten Auschwitz{7} und Birkenau kümmern und die Retreat-Teilnehmenden jedes Jahr beherbergen, und zusätzlich zu meinem Respekt vor den ZenPeacemakers, die die Vision dieser Praxis geboren haben und den Mut haben, sie immer wieder zu erneuern, sage ich allen Danke, die es hier wagen, ihr Herz zu öffnen und dessen Inhalt in Worte zu übersetzen; die uns alle hereinlassen, um einen Teil ihres verletzlichen Selbst zu berühren.

Ich verneige mich vor Ginni und Andrzej – so viel mehr als Mitherausgebende; Visionäre, Hüterin und Hüter des Geistes (der Retreat-Praxis, und für dieses Buch), die immer wieder meinen „Affengeist“ beruhigt haben.

Und grenzenlosen Dank an die, die das Entstehen dieses Buches mit ihren großzügigen Beiträgen, Geschenken und Spenden unterstützt haben – sei es durch verlegerische Kühnheit und Weitsicht (Ursula Richard mit ihrer edition steinrich), Geld (Cornelius Collande, Silke Gross, Claudia Hiepe, Sabine Sharma, Evi Ketterer, Richard Segal, Viktoria von Schirach, Barbara & Roland Wegmueller), Übersetzungskunst und -zeit (Heike Drinkuth, Anneke Burger), Vertrauen, kritische Fragen oder Ermutigung.

Und liebevolle Dankbarkeit an Thomas, dieses immense Kraftwerk an meiner Seite.

Ich glaube, man sollte überhaupt nur noch solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?“, schrieb der 21-jährige Franz Kafka einem Freund, und: „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“{8}

Ich weiß nicht, ob das, was hier zu lesen ist, einen solchen Effekt haben wird. In jedem Fall übernehme ich die Verantwortung für alle Fehler und Auslassungen, entschuldige mich vorab für Verletzungen, Schmerz oder Missachtung in diesem Buch oder durch dieses Buch ausgelöst.

Trotzdem: Möge es den Lesenden spürbar berühren und zum Zeugnisablegen sowie heilsamem Handeln ermutigen, möge es zu der langsam vor sich gehenden Transformation der Erinnerungskultur in unseren Gesellschaften hin zum Schaffen lebenswerter Zukünfte beitragen. Möge es Frieden stiften.

 

Kathleen Battke, Herausgeberin, Retreat-Teilnehmerin 2011 und 2014, Bonn, 30. Juli 2015

Legend

 

What this book is (not)

This book is a collection of personal testimonies of people who – once, or repeatedly – took part in the Zen Peacemakers Bearing Witness Retreat at Auschwitz-Birkenau. It is not an attempt to define or explain or even relativize history, not scientific research about how Auschwitz could happen, nor does it offer a systematic concept for peacemaking. Still, readers might learn something about how peace can rise through these sometimes sharp-edged, often tentative and contemplative, mostly heartfelt and honest biographical smithereens.

 

Diversity and Oneness

In this book you will find testimonies from seventeen nations, mapping the outreach of the retreat. About forty percent of the contributions are from the USA, around ten each from Poland and Germany. Participants from Palestine and Israel, Brazil and Japan, Lakota Nation and Canada sent testimonies, and some more European countries like Ireland, Sweden, France, Switzerland, and the Netherlands are represented. As a credit to this diversity of cultures, you will find the nation(s) the individual writer affiliates with at the end of each article (in case there are two, the first one usually is the country of birth, the second one the place where the writer lives today).

In brackets next to the country, there’s the year(s) in which the writer took part in the retreat.

There are writers following a religious tradition like Buddhism, Judaism, Christianity, and there are many more shades of spiritual pathways, embracing the mythology of the Lakota First Nations, Hindu wisdom, and crossover spiritual philosophies (f.e. connecting Buddhism and Sufism). And there are also agnostic voices to be heard.

To me, these testimonies are like verses of a song, of a ballad, and this song has a refrain that speaks of sudden or slow-motion insights, of fundamental letting go and gentle transformation, of unfolding love and dedicated compassion in action. Each and every experience is unique, and still, the struggle for words to express what happened during or after the retreat lead to miraculously similar wording here and there. So please listen to the stories in this book as if humanity sings of its own colorfulness, its dazzling array, and keep in mind that the verses of this ballad may all stem from the same source …

In the beginning our vision was to have each offering in this book in English, Polish and German (if not print each contribution in its original language). In the end we had to cook it down to two languages. This was a practical decision – capacities for translation and also the number of pages were limited (and as the retreat language is English, editor and publishing house are German, these were the two languages chosen). But it is also a symbol of our longing for understanding, the wish to build bridges by translation, being fully conscious about Holocaust victims and their descendants still feeling uncomfortable with the German language. So we took on the hazardous task to put soothing words against the deep injury the German language still suffers by the Nazi’s use of Arbeit Macht Frei and Sauna, Gaskammer and Stacheldraht.

You will find every contribution in both English and German – first the language it was written/submitted in, second the translation.

Inviting contributions, we suggested two questions as a guideline:

• What is alive in you right now if you tune into the experience of Bearing Witness at Auschwitz-Birkenau?

• What, if anything, changed after the retreat? In which way did the retreat influence your life?

The answers to these questions, as you will read them here, are dazzling in all colors of the rainbow.

 

The three parts of the book

Then these pearls lined up for the book manuscript. They formed a string. It was part of my practice not to judge them. Respecting everyone’s experience, and the testimony of it, as original and true, I needed to find a way to give some kind of structure, of succession to them.

Some of the articles seemed suitable to give readers, who are not familiar with the Bearing Witness practice of the Zen Peacemakers, an idea of what it is all about, how the retreat came up and how it proceeds, and to what kind of essence this practice points. These contributions are gathered in Part I: Basics, Frameworks, a kind of fundament to the book.

Part II: Testimonies, Reflections comprises the majority of testimonies, and we decided to string them in an organizing principle random to the contents or “quality” of the more than 60 texts: They are arranged in the alphabetical order by the first names of the writers (from A like Ajeya to V like Viktoria).

If Part I is the foundation of the book’s building, Part III: Scopes, Futures is a kind of look-out onto the potential of this peacemaking practice beyond the barbed wire fences of Auschwitz-Birkenau: We dip into today’s challenges from Climate Change to the Mideast Conflict and more recent locations of genocides like Rwanda or Srebrenica, throw a glance at the daring to marry at Auschwitz (what two Peacemakers did in 2013), opening out into the spacious question, posed by Eve Marko in the final article of this book, of how to make our conversations bigger: “What else is there? What else must we listen to?

It is the invitation to, standing on the grounds of Auschwitz, listen to the future and actively bear witness to its emergence.

 

The views, experiences, perceptions and interpretation of historical events offered in this collection, are those of the individual contributor, and not that of the publishers or Zen Peacemakers.

As many contributors are not native speakers/writers of English, there are a lot of idiomatic expressions to be found in the articles. We decided to leave the testimonies as original as possible and perceive variations in expression as part of the artwork, so we didn’t correct all idioms to mainstream English.

 

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Lesehinweise

 

Was dieses Buch (nicht) ist

Dieses Buch ist eine Sammlung persönlicher Zeugnisse von Menschen, die – einmal oder wiederholt – am BearingWitness-Retreat der ZenPeacemaker in Auschwitz-Birkenau teilgenommen haben.

Es ist weder der Versuch, Historisches zu definieren oder zu erklären oder gar zu relativieren, es ist keine wissenschaftliche Untersuchung darüber, wie Auschwitz geschehen konnte, noch bietet es ein systematisches Konzept für Friedensarbeit.

Dennoch – vielleicht erfahren Lesende durch diese manchmal scharfkantigen, oft tastenden und nachdenklichen, vor allem aber von Herzen kommenden und wahrhaftigen biografischen Bruchstücke etwas darüber, wie Frieden entstehen kann.

 

Vielfalt und Einheit

In diesem Buch sind Beiträge von Menschen aus 17 Nationen versammelt, was die Reichweite des Retreats andeutet. Etwa 40 Prozent der Beiträge kommen aus den USA, jeweils etwa zehn Texte aus Polen und aus Deutschland. Teilnehmende aus Palästina und Israel, Brasilien und Japan, von der Nation der Lakota und aus Kanada haben Berichte geschickt, und eine Reihe weiterer europäischer Länder – wie Irland, Schweden, Frankreich, die Schweiz und die Niederlande – sind durch Beiträge vertreten. Um dieser Vielfalt der Kulturen die Ehre zu erweisen, ist die Nationalität der Autorinnen und Autoren jeweils am Ende der Beiträge aufgeführt (bei zwei aufgeführten Ländern handelt es sich um Herkunftsnation und heutigen Lebensraum).

Darauf folgt – ebenfalls am Ende der Beiträge – in Klammern das Jahr bzw. die Jahre der Retreat-Teilnahme.

Es gibt Schreibende, die einer religiösen Tradition wie dem Buddhismus, dem Judentum, dem Christentum angehören, und es gibt viele weitere Schattierungen spiritueller Orientierung, darunter die Mythologie der Lakota, die Weisheit des Hinduismus oder Traditionen übergreifende Philosophien (wie z.B. Schulen, die Buddhismus und Sufitum verbinden). Auch agnostische Stimmen sind zu hören.

In meinen Ohren klingen diese Zeugnisse wie Strophen eines Liedes, einer Ballade, und dieses Lied hat einen Refrain, der von plötzlichen oder zeitlupenhaften Einsichten spricht, von fundamentalem Loslassen und sanfter Transformation, von sich entfaltender Liebe und hingebungsvollem Mitgefühl in Aktion. Jede dieser Erfahrungen ist einzigartig – und doch, die Suche nach Worten, um auszudrücken, was während oder nach dem Retreat geschehen ist, führt hier und da zu geheimnisvoll ähnlichen Formulierungen.

Also – wer mag, lausche den Geschichten in diesem Buch, als sänge die Menschheit von ihrer Farbenpracht, von ihrer unglaublichen Vielfalt, und bedenke dabei, dass die Strophen dieser Ballade möglicherweise alle aus derselben Quelle stammen …

Anfangs war unsere Vision, jeden Beitrag in Englisch, Polnisch und Deutsch abzudrucken (wenn nicht sogar jeden auch in seiner Originalsprache). Schließlich mussten wir uns auf zwei Sprachen beschränken. Das war vor allem eine pragmatische Entscheidung – mehr Sprachen ließen sich weder von unseren Übersetzungsmöglichkeiten noch vom Seitenumfang her bewältigen (und da die Retreat-Sprache Englisch ist und Haupt-Herausgeberin und Verlag deutsch sind, blieb es bei diesen beiden Sprachen). Es drückt aber immer noch unseren Wunsch nach Verständigung aus, unsere Hoffnung, mittels Übersetzung Brücken bauen zu können, in dem Wissen, wie schwer es Holocaust-Opfern und ihren Nachfahren noch immer fallen mag, die deutsche Sprache zu ertragen. So ist dies auch das riskante Unterfangen, der tiefen Verletzung der deutschen Sprache, die noch immer an dem Nazi-Wortgebrauch wie „Arbeit macht frei“, „Sauna“,
Gaskammer“ oder „Stacheldraht“ leidet (so wie viele unter ihr gelitten haben), lindernde Worte entgegenzusetzen.

In der Einladung zu Beiträgen haben wir zwei Fragen als Leitfaden angeboten:

• Was ist in diesem Moment lebendig, wenn du Kontakt aufnimmst zu deiner Erfahrung des Zeugnisablegens in Auschwitz-Birkenau?

• Was – wenn überhaupt – hat sich nach dem Retreat geändert? Inwiefern hat es dein Leben beeinflusst?

Die Antworten auf diese Fragen, wie sie hier im Folgenden zu lesen sind, schillern in allen Farben des Regenbogens.

 

Die drei Teile des Buches

Während ich jede Erfahrung und ihr Bezeugen zu respektieren, als ursprünglich und wahr anzunehmen und nicht zu bewerten suchte, brauchte ich dennoch eine Struktur, musste sie in eine Reihenfolge bringen.

Einige der Beiträge schienen dazu angetan, Menschen, die mit der Zeugnisablegen-Praxis der ZenPeacemaker nicht vertraut sind, einen Eindruck davon zu vermitteln, worum es eigentlich geht, wie das Retreat entstand und abläuft, und in welche Richtung diese Praxis weist. Diese Beiträge sind in Teil I: Grundlagen, Rahmenwerke versammelt – eine Art Fundament des Buches.

Teil II: Zeugnisse, Reflexionen umfasst den Großteil der Erfahrungsberichte, und wir haben uns entschieden, diese mehr als 60 Texte nicht nach Inhalt oder „Qualität“ zu sortieren, sondern entlang dem zufällig erscheinenden Ordnungsprinzip „nach Vornamen der Schreibenden in alphabetischer Reihenfolge“ (von A wie Ajeya bis V wie Viktoria).

Wenn Teil I das Fundament des Buch-Gebäudes darstellt, so ist Teil III: Reichweiten, Zukünfte so etwas wie ein Aussichtsturm mit Blick auf das Potential dieser Friedenspraxis jenseits der Stacheldrahtzäune von Auschwitz-Birkenau: Dort werden gegenwärtige Herausforderungen angesprochen, vom Klimawandel über den Nahost-Konflikt bis zu weiteren Schauplätzen von Völkermord in der jüngeren Geschichte wie Ruanda oder Srebrenica. Wir werfen einen Blick auf die wagemutige Entscheidung, in Auschwitz zu heiraten (wie es zwei ZenPeacemaker 2013 getan haben). Und Teil III schließt mit Eve Markos öffnenden Fragen dazu, wie wir unseren Diskurs größer machen können: „Was ist noch da? Wo müssen wir noch hinhören?

Es ist die Einladung, auf dem Grund von Auschwitz stehend die Zukunft zu erlauschen und ihr Entstehen zu bezeugen.

 

Die Ansichten, Erfahrungen und Wahrnehmungen sowie Interpretationen historischer Ereignisse, die in diesem Sammelband vorgelegt werden, sind die der individuellen Beitragenden und nicht gleichzusetzen mit denen der HerausgeberInnen oder der ZenPeacemaker.

Da für viele Beitragende, die ihre Texte in Englisch eingereicht haben, Englisch nicht die Muttersprache ist, gibt es dort eine Reihe idiomatischer Formulierungen. Wir haben uns entschieden, die Zeugnisse so authentisch wie möglich zu belassen und Redewendungen oder spezielle Ausdrucksweisen auch als Teil des sprachlichen Kunstwerks anzusehen, weshalb wir sie nicht unbedingt nach Regeln des Schulenglisch korrigiert haben.

Part / Teil I:

Basics, Frameworks

Fundamente, Rahmenwerke

 

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Artwork: © Kazuaki Tanahashi, “Grieving of Humanity” (Ink on Poster, 1997)

Peacemaking and the Three Tenets

 

Zen Peacemaking is helping individuals and societies realize and actualize the oneness (interconnectedness) of life. This actualization results in a reduction of suffering for both the individual and society.

Entering the stream of Socially Engaged Spirituality, I vow to live a life of:

• Not-Knowing, thereby giving up fixed ideas about ourselves and the universe

• Bearing Witness to the joy and suffering of the world

• Doing the Actions that Arise from Not-Knowing and Bearing Witness

The Three Tenets serve as the foundation for the Zen Peacemakers’ work and practice. Using the Three Tenets as an orientation transforms service into spiritual practice. Specifically, these practices suspend separation and hierarchy, and open direct encounter between equals as the spirit and style of service.

Not-Knowing drops our conceptual framework from very personal biases and assumptions to such concepts as “in and out,” “good and bad,” “name and form,” “coming and going.” Not-Knowing is a state of open presence without separation.

In this state we can Bear Witness, the second Tenet, merging or joining with an individual, situation or environment, deeply imbibing their essence. From this intimate “Knowing,” we can then choose an appropriate response to the person or situation, described as “Doing the Actions that Arise from Not-Knowing and Bearing Witness,” our third Tenet. This gives rise to the holistic, integrated, wrap-around style of service projects inspired by Bernie’s vision.

(In speaking about the Three Tenets as separate practices and phases of consciousness, we are making deference to the discriminating mind. They are actually a continual flow, each containing and giving rise to the others.)

 

https://zenpeacemakers.org/zen-peacemakers/three-tenets / 20.6.15

 

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Friedenstiften und die Drei Grundsätze

 

Zen-Friedenstiften hilft Einzelnen und Gesellschaften, die Einheit (Allverbundenheit) allen Lebens zu erkennen und zu verwirklichen. Diese Verwirklichung führt zu einer Verringerung von Leiden – für den einzelnen Menschen und für die Gesellschaft.

In den Strom sozial engagierter Spiritualität eintretend, verpflichten sich ZenPeacemaker zu diesen Drei Grundsätzen:

• Nicht-Wissen, indem wir feste Vorstellungen über uns selbst und das Universum aufgeben

• Zeugnis ablegen von der Freude und dem Leiden der Welt

• Handeln, das aus Nicht-Wissen und Zeugnisablegen erwächst.

Die Drei Grundsätze dienen als Basis für die Arbeit und Übung der Zen-Peacemaker. Sich an ihnen zu orientieren verwandelt Dienst in spirituelle Praxis. Insbesondere lösen diese Übungen Trennung und Hierarchie auf und machen so die direkte Begegnung zwischen Gleichen als Geist und Stil des Dienens zugänglich.

Nicht-Wissen setzt unsere konzeptuellen Denkgewohnheiten – von sehr persönlichen Voreingenommenheiten und Annahmen bis hin zu Konzepten wie „drinnen und draußen“, „gut und schlecht“, „Name und Form“, „Kommen und Gehen“ – außer Kraft. Nicht-Wissen ist ein Zustand der offenen Präsenz ohne Trennung.

In diesem Zustand können wir Zeugnis ablegen (der zweite Grundsatz), mit einer Person, einer Situation, einer Umgebung verschmelzen oder uns damit verbinden, deren Essenz tief einsaugen. Aus diesem intimen „Wissen“ heraus können wir dann eine angemessene Reaktion auf die Person oder Situation wählen – mit den Worten des dritten Grundsatzes: „die Handlungen vollziehen, die aus Nicht-Wissen und Zeugnisablegen erwachsen“.

Dies zusammen führt zu der holistischen, integrierten, umfassenden Art von dienenden Projekten, wie Bernie sie mit seiner Vision inspiriert hat.

(Wenn wir über die Drei Grundsätze als getrennte Übungen und Phasen des Bewusstseins sprechen, zollen wir unserer Unterscheidungsfähigkeit Respekt. Im Prinzip sind sie aber ein kontinuierlicher Fluss; jeder der Grundsätze enthält die anderen und bringt sie hervor.)

 

https://zenpeacemakers.org/zen-peacemakers/three-tenets / 20.6.15

 

(Übersetzung K. Battke)

Eve Marko

Some December Days in 1994

 

I first accompanied Bernie Glassman to Auschwitz-Birkenau in the first days of December 1994, before anyone imagined a Bearing Witness Retreat. He was going there to do a Transmission of Precepts ceremony for Claude Thomas, a Vietnam veteran. An interfaith convocation was being convened at the site of the concentration camps by Buddhist activist Paula Green and the Nipponzan Myohoji Zen community, and Claude was joining a group of walkers that would walk from Poland all the way to Hiroshima, Japan.

In my family, two aunts and an uncle died at Auschwitz. Another uncle barely survived the hard labor and lived the rest of his life like an extinguished candle. My grandfather died in 1944 and my mother and her other siblings hid in cellars before getting caught and sent to the Terezin camp near Prague, Czechoslovakia. They were close to death when the Russian army liberated the camp in 1945. Given all this history, I thought, what better way to go to a place like Auschwitz than with one’s own teacher?

But as I sat alone on a bench along the Vistula River on the weekend before meeting Bernie, I wasn’t so sure. Years of Zen practice slipped off me like snakeskin, revealing underneath the Jewish woman whose forebears lived, prayed, starved, and finally left Poland for Czechoslovakia.

“Don’t just go to see where they died,” my brother had told me on the phone, “also go to where they lived.” So I had indeed flown to Warsaw and taken the train south to Kraków, peering out the windows at dark, hushed houses and even darker twilights. Other Westerners in the compartment, en route to the convocation, talked eagerly and happily; they were not Jews. They didn’t listen to the clanging wheels or the shriek of brakes, they didn’t look out at bare, wintry farms and remember shtetl markets, they didn’t try to pierce through black beech and pine trees and wonder about unmarked graves in the forests.

Only some six years had passed since the overthrow of Poland’s Communist government; the beautiful Old Town of Kraków was not yet crowded with tourists, cafés and flashy shop windows as it is now. The Jewish quarter of Kazimierz had only one café and bookstore at the very top of Ulica Szeroka; Klezmer and Jewish revivals, now a staple of Kazimierz, were still a long time in the future. I walked for hours searching for small bare rectangles on doorframes where mezuzahs had once hung and the carvings of Jewish stars or menorahs on the walls of the old houses, then sat along the river beneath Wawel Castle watching the crows, listening for the trains as they approached Kraków Glowny, the main train station. Is there an East European Jew who doesn’t dread the sound of trains in Poland, who doesn’t imagine instantly the sealed boxcars, the lone whistle of a locomotive echoing across a ravaged countryside, shunted down smaller tracks till it finally rolls in, slowly and exhaustedly, under a brick arch and comes to a stop?

I walked a great deal that weekend and never once saw Poland or Poles, just the dreadful land of stories whispered to me at night long ago when I was a child.

I picked up Bernie at the airport and together we continued to Oświęcim, home to Auschwitz-Birkenau. We arrived in the late afternoon at the German Hostel, which would host several of our retreats in later years, and were greeted warmly by Paula Green, but almost instantly I felt like a stranger. Talks were being given in the main room by a variety of people: Buddhist monks in orange robes, Catholic priests wearing collars, rabbis wrapped in talises or wearing yarmulkes, whites and blacks, activists and saints. Maha Ghosananda was there from Cambodia and Russell Means from the Pine Ridge Lakota Reservation in South Dakota. What am I doing here, I wondered, confused. This is not my family, this is not my people. They talked about compassion, love, and making sure that Auschwitz never happens again, but their words meant nothing to me. What’s this got to do with you, I wanted to ask them. Look at where we are! There are no words for a place like this.

We walked to the Gate of Auschwitz 1. It was a freezing night and the ground was covered with ice as we stood in front of the gates with the slogan Arbeit Macht Frei and there lit a candle for the first night of Chanukah. The flames of those candles dancing in the cold wind lightened my spirits.

But the hardness came right back the next day when we went into Birkenau, entering under the famous guard tower and walking down the tracks. Like so many people before and after, I was stunned by the vastness of the camp, sharpened by its geometric flatness and precisely placed barracks. There were wood and brick structures, but more than anything there was the terrible bareness of it, the frosty air that whispered of hundreds of thousands of inhabitants, a death city peopled by ghosts. That first time it was easy to let my imagination take over, sense a quivering inside the barracks, look up at the sky and feel that the land where you’re standing, filled with visitors, is more abandoned than the North Pole.

Once again I remembered the stories I heard as a little girl lying in bed as my mother recounted what happened to Frieda, her sister, who chose to hold on to her baby and die with him rather than to part with him and join the laborers, as Mengele suggested. I thought of Mordechai, 10 years old and sickly all his life. When they knew they had to go into hiding, his parents scraped up some money to keep him in a hospital for safety, but the Nazis sent all the patients, including children, straight to Auschwitz. No mother had accompanied this young boy to his death and my grandmother never forgave herself.

But the old voices were interrupted by the strange singsong of the Nipponzan Myohoji followers chanting their devotion to the Lotus Sutra, Namu Myoho Renge Kyo, and banging their hand drums as they walked down the tracks. I was repelled. This is not yours, I wanted to tell them. It’s our place of death and destruction, of cries and mourning. My eyes remained dry, my pinched cold cheeks saw no tears, and I felt it was their fault. I shouldn’t be here, I thought to myself. I shouldn’t be here with Buddhists or Christians or American Indians. I should be here only with Jews, people who feel like me.

Up ahead a crowd assembled around the remains of a crematorium. I didn’t want to join them, didn’t want to hear any talks, especially by a man who now slowly made his way to the center of the group and introduced himself as a Protestant minister. I watched from the perimeter as someone gave him a mike but he shook his head. He began to talk in a low voice, faltered, tried again, stammered, and stopped. He looked around him, and quietly said that he hadn’t wished to speak but was persuaded by others. And then he apologized. Till he came here he had no idea, he said, how much his co-religionists had contributed to the mass murder at Auschwitz. He collapsed and people hurried to help him up, but he remained on his knees and apologized for the words and messages of his religious tradition, for the subtle and not-so-subtle ways his religion had demeaned mine, his people had persecuted my people, and his participation in oblivion and denial. He ran a home for children who came from places of war all around the world, but that meant little in a place like this, he said. Here there were no good deeds to evoke, no partial expiation. All he could do was express his deepest sorrow and guilt, as a Protestant minister and as a human being.

And that, finally, was when my tears came. I sobbed like I hadn’t sobbed in my entire life, before or after. I remember the liquid heat burning my cheeks as I stepped away from the group, hardly seeing where I was going. Something opened that had never opened in 45 years of life, something was touched that no previous memorial service, story, or Jewish prayer had ever touched. And it came through the words of a Protestant minister who’d looked hard and deep at the spiritual abyss of Auschwitz and made no excuses. He didn’t open up his Bible to find justifications or beatific quotes we could all find refuge in, he simply collapsed in horror and then apologized.

What unlocks us? What opens up deep traumas that I believe go way back before our parents’ stories, before our childhood, even before our birth? Therapists can help us deal with issues of our lifetime, but what about the karma of history, the fears of multiple generations? How do we finally confront streams of fear and hate that seem as old as time?

I don’t know the answers to these questions, only that my own turning came that afternoon when I encountered the tears of a Protestant minister whose name I don’t know to this very day standing on the remains of Crematorium 1.

I experienced there a profound act of letting go. Certain things changed radically afterwards, first of which was my relationship to German people and the German language. But that was only a beginning. Returning to Auschwitz year after year also helped me shed the insidious identity of victimhood and its accompanying sense of specialness and entitlement – not right away, of course, the process continues, but it began on the grounds of Birkenau that winter morning in 1994.

That, too, was the day I heard Bernie speak out his resolution to do a retreat at Auschwitz-Birkenau and bring others with him. Six months later we returned to Kraków and were met at the airport by a tall, broadchested man from Warsaw, Andrzej Krajewski, who’d heard we needed help to create a silent retreat at the site of the camps.

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