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Blutsbande 3: Asche zu Asche

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Jennifer Armintrout

Blutsbande 3:

Asche zu Asche

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Martha Windgassen

Dieses Buch ist Jill, Warnament,

den Wallses, Katy und Scott gewidmet.

Wenn es euch nicht gäbe, würde mein Kopf vielleicht

nicht mehr durch normale Türen passen.

Dank

Diese Menschen haben dazu beigetragen,

das Buch fertigzustellen:

Meine Arbeitsgruppe:

Chel, Chris, Cheryl, Marti, Mary und

Martha in Vertretung.

Mein Mann und mein Sohn, die jammern, sich beschweren,

um meine Aufmerksamkeit buhlen und die mich generell

ständig belästigen. So lange, bis der Scheck eintrifft.

Meine Agentin Kelly und meine Lektorin Linda.

Und durchaus auch Dr. Carrie Ames. Sie ist vielleicht nicht

real, aber sie erledigt den schwierigen Teil dieses Jobs.

PROLOG

„Hey, Baker! Haben Sie ihr schon die Medikamente für die 19-Uhr-Runde verpasst?“

Don schwang seine Füße vom Tisch, wobei er einen Turm aus leeren Getränkedosen umschmiss. „Ja, habe ich. Sehen Sie in den Unterlagen nach.“

Das musste man Sanjay lassen, er stellte wirklich die dümmsten Fragen. Don schüttelte den Kopf und sah dem Neuen zu, wie er zur Tür ging und das Klemmbrett vom Haken nahm, um dann darüber die Stirn zu runzeln, was dort stand. Wie Sanjay es geschafft hatte, über hundert Jahre alt zu werden, war ein Wunder. Verdammt, Don hatte selbst genug Schwierigkeiten in seinen zwanzig Jahren als Vampir gehabt. Jedenfalls mehr als in den dreißig Jahren zuvor. Wie jemand in einem Zustand ständiger Verwirrtheit herumlaufen konnte, obwohl er doppelt so alt war wie er …

„Das ergibt dann aber keinen Sinn.“ Sanjay blätterte die Seiten auf dem Klemmbrett um. Aber in dieser Geschwindigkeit konnte er unmöglich die Kurven gelesen haben, so viel war klar. „Es ergibt überhaupt keinen Sinn!“

„Was ergibt keinen Sinn?“ Sie waren immer für ein Drama gut, diese Wissenschaftler von der Bewegung zur freiwilligen Ausrottung der Vampire. „Ich habe ihr die Medikamente gegeben.“

Sanjays besorgter Blick traf Don. „Ich weiß, dass Sie sie verabreicht haben. Das sehe ich ja in den Aufzeichnungen. Aber ihre Hirnaktivität ist … zu hoch. Es sieht so aus, als habe sie überhaupt keine Beruhigungsmittel erhalten.“

„Ruhig Blut, ruhig Blut. Dafür gibt es eine logische Erklärung.“ Die Neuen tendierten immer dazu, sich über die geringste Kleinigkeit unheimlich aufzuregen, aber er hatte ja gesehen, was das letzte Mal passiert war, als das Orakel, die Mysteriöse, ihre Medikamente hinuntergespült hatte. „Ich gebe ihr noch eine Dosis Beruhigungsmittel und werde versuchen, sie bis zur Morgenvisite so ruhig wie möglich zu stellen. Dann wird Dr. Jacobson übernehmen.“

Das Orakel sollte seine Medikamente stündlich bekommen. Zunächst wurden sie in einem Schlauch mit warmem Blut aufgelöst, dann intravenös injiziert. Es war einfach. Und Don hasste es.

Es war nicht so, dass er auf Ruhm scharf war wie die wichtigen Typen. Oder auf Gefahr wie die Vampirjäger. Er wollte einfach einen Job, der ein bisschen anspruchsvoller war, als dass ihn ein trainierter Affe hätte erledigen können.

Jedenfalls konnte er zwischen den Medikamentengaben Fernsehen gucken. Und je schneller er seine Aufgaben erledigte, desto schneller konnte er sich wieder vor die Mattscheibe setzen und die Wiederholungen amerikanischer Comedyserien anschauen.

Er zog die Erkennungskarte durch den Kartenleser des Lagerraums, und die Tür öffnete sich mit einem zischenden Geräusch. In diesem Raum war es achtzehn Grad kälter als im übrigen Gebäude – die Kontrollmaschinen, die unterschiedlichen Pumpen und Lagereinrichtungen würden sonst überhitzen. Und im Rest des Gebäudes war es schon kühl genug. Don rieb die Hände aneinander und versuchte, sie durch pusten aufzuwärmen. In diesem Raum roch es nach Blut, aber so war es immer.

„Schatz, ich bin wieder da“, rief er der zusammengesunkenen Figur zu, die vor ihrem Computer eingeschlafen war. Der Laborassistent konnte einfach die Tagesschichten nicht vertragen.

Die grelle Helligkeit des Raumes wurde auf der einen Seite von einer riesigen dunklen Glaswand gedämpft. Darin wurde das Orakel gelagert. Es befand sich in unzähligen Litern Blut und schlief. Die Beruhigungsmittel wirkten. Don nahm zwei Tabletten aus dem Medizinschrank und ging laut pfeifend zu der Vorrichtung hinüber, die primär aus Schläuchen bestand. Eigentlich hoffte er, damit den Laboranten aufzuwecken. „Ich hoffe, dass sie morgen früh nicht die Aufzeichnungen von den Überwachungskameras überprüfen. Denn sonst bekommst du eine Menge Ärger.“ Die Infusionspumpe befand sich an der Wand direkt unter der Glasscheibe. Er beugte sich hinunter und zog eine Schublade auf. Die Tabletten wurden in ein Fach aus durchsichtigem Glas gelegt und im nächsten Schritt aufgelöst. Der ganze Vorgang war ätzend, aber das Orakel war gegen fast alle Beruhigungsmittel, die in flüssiger Form verabreicht wurden, resistent geworden. Aber Tabletten funktionierten. Don wusste zwar nicht, warum, aber er war froh, dass es so war. Die Zicke konnte sehr unangenehm werden, wenn sie wach wurde.

Ungläubig sah er zweimal in die Schublade. Die Glaskammer, die eigentlich leer sein sollte, um die nächste Dosis aufzunehmen, war immer noch mit Blut gefüllt. Mit zitternden Händen tastete er den Schlauch bis zu der Stelle entlang ab, wo er in der Wand verschwand. Ein Stück Tablette, das sich nicht aufgelöst hatte, klemmte in dem dünnen Plastiktubus und führte dazu, dass das Blut nur tröpfchenweise durchlief.

Das Orakel hatte überhaupt keine Beruhigungsmittel bekommen.

Der Rest geschah zu plötzlich. Als er aufschaute, sah er das Gesicht des Orakels, fahl und neugierig an das Glas gelehnt. Seine Augen waren offen. Don taumelte rückwärts, schrie, stolperte über seine eigenen Füße und landete auf denen des schlafenden Laboranten. Dessen Turnschuhe standen in einer Blutlache. Er schlief gar nicht.

Don öffnete den Mund, um zu schreien, aber er brachte keinen Laut hervor.

1. KAPITEL

Unausweichlichkeit

„Carrie, ich glaube, es ist Zeit, Nathan anzurufen.“

Ich wusste, dass dieser Satz früher oder später kommen musste. Ich hatte nur gehofft, dass es viel, viel später so weit sein würde.

Wir hatten es uns in Max’ Schlafzimmer gemütlich gemacht. Es war der einzige Raum in seiner großzügigen und luxuriös eingerichteten Eigentumswohnung, in dem ein Fernseher stand. In den vergangenen drei Wochen hatten wir nichts anderes gemacht, als tagsüber herumzulümmeln und nachts durch verschiedene Jazzklubs zu ziehen. Es war nicht so gewesen, dass ich keine Zeit gehabt hätte, Nathan anzurufen. Ich hatte es einfach vermieden.

Als ich ihm nicht antwortete, seufzte Max schwer. Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen das geschnitzte Kopfteil seines antiken Bettes. Es war das einzige Möbelstück in diesem Zimmer, das nicht modern war. So, wie er dasaß, wirkte er seltsam anachronistisch. Da er seine Verwandlung erst in den späten Siebzigerjahren durchgemacht hatte, war Max der jüngste Vampir, den ich kannte. Natürlich außer mir. Er hatte sich der Zeit viel schneller angepasst als einige andere Vampire. Er trug seine weizenblonden Haare kurz geschnitten und hatte sie mit Gel modisch nach oben gezwirbelt. Und in seiner Uniform, bestehend aus T-Shirt und Jeans, fiel er in der Menge der Twenty-Somethings in Chicago überhaupt nicht auf. Manchmal vergaß ich sogar, dass er vom Alter her mein Vater sein könnte.

Offensichtlich wollte er genau darauf hinaus. „Es ist schon fast einen Monat her. Es macht mir ja nichts aus, dass du bei mir übernachtest. Verdammt, die meisten Abende warst du nur einen Mojito davon entfernt, wieder Dummheiten zu machen. Und da ich hier der einzige Mann bin, checke ich das voll. Aber Nathan ist mein Freund. Wenn du ständig kurz davor bist, dich von ihm zu trennen, sollte er das erfahren.“

Ich lehnte es ab, daran festzuhalten, dass das Einzige, was mich mit meinem Schöpfer verband, die Blutsbande waren – diese eigenartige psychologische Verbindung, die uns die Gedanken und Gefühle des anderen spüren ließen. Aber auch die hatten uns in der letzten Zeit nicht sonderlich verbunden. Nathan schien mich aus seinen Gedanken zu verbannen. Die wenigen Male, die ich versucht hatte, mit ihm zu kommunizieren, hatte ich nur knappe und vage Antworten bekommen. Ich nehme an, dass das besser war, als mich zu bitten, zu ihm zurückzukommen, aber es tat dennoch weh.

Trotzdem wollte Max diese einfache Logik nicht nachvollziehen. Die zahllosen Male, die ich versucht hatte, ihm zu erklären, dass Nathan und ich keine Beziehung führten, hatte Max es abgelehnt, vernünftige Argumente zu akzeptieren. „Er hätte dich nicht gefragt, ob du bei ihm bleiben willst, wenn er dich nicht liebte“, darauf bestand Max. „Nur weil er es nicht zugibt, heißt es ja nicht, dass es nicht stimmt.“

„Ach, genauso wie bei dir und Bella?“, gab ich schnippisch zurück und beendete damit zügig die Unterhaltung. Ich hätte Max mit dieser Sache in Ruhe lassen sollen, denn er hatte selbst gerade eine unschöne Trennung hinter sich, auch wenn er es nicht wahrhaben wollte. Offensichtlich hatte er seine Situation mit Bella auf mich und Nathan projiziert, um zu vermeiden, dass er sich mit seinen eigenen Gefühlen auseinandersetzen musste.

„Ich glaube, ich schaffe es nicht, jetzt mit ihm zu reden“, antwortete ich, obwohl ich sehr gut wusste, was für eine lahme Ausrede das war.

„Je länger du wartest, desto schlimmer wird es.“ Max wusste, wie recht er hatte. Ich konnte es ihm ansehen, dass er den Triumph spürte. „Und wenn es ein schlimmes Gespräch wird – na und? Wir gehen heute Abend runter an den Navy Pier. Dort kannst du deine Sorgen mit Zuckerwatte betäuben. Zuckerwatte lindert einfach jeden Kummer.“

Ich zog eine Augenbraue in die Höhe. „Sogar den Kummer eines Vampirs, dessen Liebesleben aus den Fugen geraten ist?“

„Zuckerwatte ist für den liebeskranken Vampir, was Kryptonite für Superman ist.“

Er griff nach dem schnurlosen Telefon, das auf dem Nachtschrank lag, und gab es mir. „Ruf ihn an.“

Hilflos sah ich vom Wecker zum Telefon. Die Tage waren länger geworden. Obwohl die Sonne in Chicago noch nicht untergegangen war, würde es in Michigan schon neun Uhr abends sein. Nathan machte sich jetzt daran, den Laden aufzumachen. Wenn ich ihn nun anrief, würden wir nicht viel Zeit zum Reden haben. Das war gut, denn ich hatte keine Ahnung, was ich ihm sagen sollte.

Ich nahm das Telefon und wählte die Nummer. Während ich mir vorstellte, wie Nathan durch das vollgestellte Wohnzimmer lief, um an das Telefon in der Küche zu gehen, bekam ich einen Anfall von Heimweh und fühlte den überwältigenden Wunsch, wieder zu Hause zu sein. In meiner Brust schlug mein Herz schneller, so sehr freute ich mich, mit ihm zu reden. Es klickte in der Leitung, und ich fuhr mir mit der Zunge über die Lippen, um im nächsten Moment seinem „Hallo?“ zu antworten.

„Bei Nathan Grant“, meldete sich eine verschlafene weibliche Stimme.

So schnell sich mein Herz in Anbetracht des Gespräches mit Nathan erwärmt hatte, so schnell kühlte es wieder ab, als ich begriff, wer am anderen Ende dran war.

„Hallo?“, fragte sie mit einem deutlichen italienischen Akzent. „Ist da jemand?“

Bella.

Mit zitternden Händen legte ich auf. Ich konnte Max nicht ansehen. Wie sollte ich ihm sagen, dass Bella, die einzige Frau, für die er jemals Gefühle gehegt hatte, auch wenn er es nicht wahrhaben wollte, offensichtlich ihren Besuch bei Nathan um ganze drei Wochen verlängert hatte?

Es fiel schon schwer genug, mir diesen sonderbaren Umstand selbst zu erklären. Meine Gedanken sprangen von der einen Möglichkeit – Bellas Arbeitgeber, das Voluntary Vampire Extinction Movement, die Bewegung zur freiwilligen Ausrottung der Vampire, hatte herausgefunden, dass sie uns geholfen hatte, eine Behandlungsmethode zu finden, die Nathan retten würde. Das würde bedeuten, sie wäre gefeuert und hätte weder einen Job noch eine Wohnung … Zur anderen Möglichkeit, dass sie ihren Flug verpasst und auf einen späteren gewartet hatte. Auf einen viel späteren. Aber beide Versionen schafften es nicht, die Übelkeit, die sich in meinem Magen breit machte, zu lindern.

„Carrie, ist was?“ Max runzelte die Stirn, als könne er meine Gedanken lesen, wenn er mich nur lange genug anstarrte.

Vorsichtig öffnete ich den Mund. Ich war mir nicht sicher, ob ich mich nicht doch gleich übergeben musste. „Er war nicht zu Hause. Ich glaube, diese Munition habe ich verschossen.“

„Hm, nun … du kannst ihn ja immer noch anrufen, wenn wir wieder hier sind.“ Er sah zum Fenster, an dem durch einen Spalt zwischen den Vorhängen rosafarbenes Sonnenlicht kroch. „Ich gehe unter die Dusche. Bis wir fertig sind, wird die Sonne untergegangen sein, und dann können wir raus.“

Ich nickte und sah ihn ins Badezimmer marschieren, bevor ich in mein Zimmer ging.

Max’ Eigentumswohnung befand sich in den oberen drei Stockwerken in der Nähe des Museums Campus. Es war ein altes Gebäude, aber das Penthouse war sehr modern. In dieser Gegend lagen die ganzen Sehenswürdigkeiten der Stadt auf einem Haufen. Es war nicht die tolle, aufregende Gegend von Chicago, die ich mir vorgestellt hatte. Aber Max hatte keine große Wahl gehabt, denn er hatte die Wohnung geerbt.

Marcus, der ehemalige Besitzer der Wohnung, starrte einen vorwurfsvoll aus einem Ölgemälde an, das im Treppenhaus hing. Er war der Vampir gewesen, der Max gebissen hatte und somit für seine Verwandlung verantwortlich war.

Max hatte seinen Schöpfer immer mit glühenden Worten beschrieben, aber es war schwer, sich vorzustellen, dass dieser grimmig dreinblickende Mann mit der gepuderten Perücke „liebevoll“ und „väterlich“ gewesen sein sollte.

Obwohl der Tod seines Erschaffers bereits zwanzig Jahre zurücklag, war Max immer noch traurig. Ich sah nicht ein, warum ich ihm auch noch ein gebrochenes Herz bescheren sollte, indem ich ihn wissen ließ, dass es seine Beinahe-Werwolffreundin mit Nathan trieb, mit dem Mann, den er als engen, loyalen Freund ansah.

Wie konnte er nur? Still kochte ich vor Wut, während ich die Treppe zu den Gästezimmern im unteren Stockwerk hinunterging. Ich ließ mich auf das kunstvoll geschnitzte Bett in meinem neoklassizistischen Zimmer fallen und zog mir die Daunendecke über den Kopf.

Kalte Tränen rannen mir über die Wangen. Nathan hatte mir von Anfang an klargemacht, dass es zwischen uns nichts anderes geben würde als die Verbindung durch die Blutsbande. Aber je häufiger er mir das sagte, desto mehr tat es jedes Mal weh, weil ich ihm eigentlich nicht glaubte.

Ich dachte, das wäre in der Nacht geklärt worden, als Bella durch ihren Bannspruch Nathan dazu verholfen hatte, den Tod seiner Frau endlich zu überwinden. Er hatte in etwa gesagt, dass es zwischen uns niemals etwas geben würde. Ich dachte, es hätte daran gelegen, dass er niemals darüber hinwegkam, dass er für den Tod seiner Frau verantwortlich gewesen war. Nun, knapp einen Monat später schien er sehr wohl einen Fortschritt in dieser Sache gemacht zu haben. Also, entweder hatte er gar nicht siebzig Jahre und einen Monat dazu gebraucht, um seine Schuldgefühle zu überwinden, oder es ging gar nicht darum, dass er Marianne nicht hintergehen wollte. Er hatte einfach an mir kein Interesse.

Meine Eltern haben mich zu einem logisch denkenden Menschen erzogen. Logik besagte, dass die plausibelste Annahme die richtige war. Nathan war wohl immer noch durcheinander, aber das hieß nicht, dass er sich von mir durcheinanderbringen ließ. Geschweige denn, dass er mit mir ins Bett gehen würde.

Da ich Max diese neuen Erkenntnisse noch nicht mitteilen wollte – er verleugnete noch alles, was mit Bella zu tun hatte –, tat ich so, als sei gar nichts geschehen, während wir unsere Zähne in die Zuckerwatte und Schweineohren schlugen.

Aber leider bemerkte Max meine miserable Stimmung. „Carrie, was ist los? Da ist doch etwas?“

„Mir geht es gut“, gab ich kurz zurück, um es sofort zu bereuen. Er konnte nichts dafür, dass ich vor meinem inneren Auge ständig sah, wie Bella und Nathan damit beschäftigt waren, zahlreiche gewagte Stellungen auszuprobieren. „Es tut mir leid, ich …“

„Ist es Heimweh?“

… mache mir Sorgen darüber, dass der Mann, den ich liebe, gerade in diesem Moment mit der Frau vögelt, die du vorgibst, nicht zu lieben.

„Ja, so ungefähr.“ Ich versuchte, fröhlicher zu klingen, als ich hinzufügte: „Weißt du, was gut gegen Heimweh hilft? Alkohol.“

Max grinste. „Jetzt verstehe ich, was du meinst. Lass uns eine Runde im Riesenrad fahren, und dann schauen wir mal, wo es etwas zu trinken gibt.“

Noch nie mochte ich schwindelerregende Aussichtspunkte, deshalb hätte ich dankbar sein müssen, dass ich gerade mit etwas anderem beschäftigt war, während das Riesenrad anhielt und wir auf der höchsten Stelle pendelten. Aber irgendwie fühlte ich mich nicht zu Dank verpflichtet, dass ich schreckliche Bilder von Nathan und Bella im Kopf hatte.

Es fiel mir ein, dass er nie und nimmer Bella würde halten können, denn sie strotzte vor Energie. Der Gedanke, dass ihr Verhältnis wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt war, hellte meine Stimmung etwas auf.

Dennoch konnte ich weder die Folterszenen noch die selbsterniedrigenden Kommentare abschütteln. Natürlich fühlt er sich zu ihr hingezogen. Wahrscheinlich trägt sie keine Schlafanzughosen in der Öffentlichkeit und wäscht sich jeden Tag die Haare. Außerdem hat sie Kleidergröße sechsunddreißig und einen Busen, der so groß ist wie ein kleines Sonnensystem.

Ich fühlte mich hässlich und fett und hatte furchtbare Angst, ich könnte hier und jetzt in meinen Untergang stürzen, deshalb schloss ich die Augen und seufzte.

Max schien es offensichtlich für ein Zeichen der Zufriedenheit zu halten, denn er legte freundschaftlich einen Arm um meine Schultern und seufzte ebenfalls. „Ja, ich weiß, es ist toll, nicht wahr?“

„Ich mag es eigentlich nicht, keinen Boden unter den Füßen zu haben. Aber die Aussicht ist schön.“

„Die Aussicht ist wunderbar.“ Er sah mich an, als sei ich nicht ganz bei Trost, diese Erfahrung nicht auch großartig zu finden. „Aber darüber rede ich gerade nicht.“

Jetzt war ich an der Reihe, ihn anzusehen, als sei er verrückt.

„Da.“ Er machte eine unbestimmte Geste mit dem anderen Arm, als könne er so die ganze Stadt umarmen. „Herumhängen, Quatsch machen, einfach wie normale Leute sein.“

„So normal, wie Leute, die Blut trinken und in Flammen aufgehen, wenn Sonnenlicht auf sie trifft?“, gab ich schnippisch zurück. „Aber ich will deine kleine Fantasie keineswegs unterbrechen.“

Er lehnte sich in den Sitz zurück und drückte seinen Arm wieder fester an meine Schulter. „Du weißt schon, wie ich das meine. In den letzten drei Wochen ist kein Okkult-Scheiß passiert. Es gab keinen Pieps vom Souleater. Keine Faxe von der Bewegung. Keine Dramen.“

Bis auf die in unseren Liebesgeschichten. Aber davon weißt du ja noch nichts.

„Na, es gab da diese Sache, dass ich mich von meinem Erschaffer getrennt habe und Bella dich verlassen hat.“ Ich hatte mir zwar geschworen, Bella nie wieder zu erwähnen, aber ich wollte ihn unbedingt aus seinem Das-Lebenist-schön-Film holen. So, wie er nämlich gestikulierte, weil er so fröhlich war, brachte er unsere kleine Gondel unangenehm ins Schwanken.

Nicht, dass ich es ihm übel nahm, dass er sich ich-bin-ganz-weit-oben fühlte – na ja, vielleicht doch ein wenig –, aber wenn er erfahren würde, was mit Bella und Nathan los war, dann würde er so schnell aus seiner Höchststimmung purzeln wie wir aus der Gondel des Riesenrads.

Anstatt auf meine Provokation zu reagieren, lachte er in sich hinein. „Du suchst Streit.“

„Der Anklage nach schuldig.“

Er holte tief Luft. Man roch die Stadt hier oben – heißer Zement und Abgase – und die Jahrmarkt-Leckereien mit Süßem und Würstchen, die Düfte der Menschen, die nur ein Vampir wirklich zu schätzen weiß. „Das kannst du so lange versuchen, wie du willst, heute beiße ich bei dir nicht an. Nichts kann mir diese Nacht versauen. Gar nichts.“

Während ich seinen zufriedenen Seufzer nachahmte, lehnte ich meinen Kopf an seine Schulter. „Wenn ich nicht bald etwas zu trinken bekomme, dann pfähle ich dich.“

Nachdem wir dem Riesenrad des Grauens entkommen waren, machten wir uns wie versprochen auf unseren Weg durch die nächtlichen Bars und Bluesklubs. In einigen Bars waren wir beide schon Stammgäste. In anderen kannte man nur Max als immer wiederkehrenden Besucher.

Als im letzten Klub unserer Sauftour die letzte Runde ausgerufen wurde, hatten wir schon so viele Promille intus, dass es ausgereicht hätte, ein kleines Flusspferd umzubringen.

Mit seinen halb geöffneten rot geränderten Augen blinzelte Max auf seine Armbanduhr und runzelte versoffen und irritiert die Stirn. „Was? Das kann doch nicht die letzte Runde gewesen sein?“

„Ist aber so“, beharrte ich im besserwisserischen Ton von total Besoffenen. „Und das ist Scheiße.“

„Ja.“ Er sah sich mit zusammengekniffenen Lippen in der Bar um. „Die Band packt zusammen.“

„Jep.“ Ich legte meine Arme auf den Tisch und ließ meinen Kopf darauf fallen. Ich hörte, wie sein Stuhl beiseitegeschoben wurde, und als ich wieder aufsah, schwankte er über die leere Tanzfläche zu der winzigen Bühne, auf der sich die Musiker befanden. Er sprach mit ihnen eine Minute lang, dann zeigte er auf mich und stolzierte betrunken in meine Richtung. Die Band fing an, einen langsamen Blues zu spielen, und er bedeutete mir, zu ihm zu kommen.

Wenn ich eines gelernt hatte, seitdem ich mit Max nach Chicago gekommen war, war es das, dass ihm alle Aktivitäten Spaß machten, bei denen er eine Frau anfassen konnte. Ich stolperte ihm entgegen. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass wir beschwipst in einer Bar tanzten, kurz bevor sie dicht machte. Und das schien mir doch ein wenig zu pathetisch.

Aber nicht in dem Maße, dass ich es nicht wieder tun würde. Ich mochte es, in Max’ Nähe zu sein … rein platonisch. Er war der Freund, den ich nie hatte. Eigentlich hatte ich nie Freunde gehabt, bevor ich ein Vampir geworden war. Es war schön, mit jemandem zusammen zu sein, der nichts von mir erwartete, als einfach nur miteinander Zeit zu verbringen.

Mit Nathan war das anders. Ich sollte immer in seiner Nähe bleiben und wie ein treuer Hund auf ihn warten, falls er mich einmal brauchen würde. Dieser unglückliche Vergleich ließ mich an Werwölfe denken, und schon musste ich erneut meine kalten Tränen zurückhalten.

Max drückte mich fester an sich und lehnte sein Kinn an meinen Kopf, während wir unbeholfen zur Musik tanzten. „Können wir nicht ewig so weitermachen?“

„Tanzen?“, murmelte ich und spielte mit einer Locke an seinem Nacken.

Ich spürte, wie er in sich hineinlachte. „Nein, Dummerchen. Nur einfach das zu machen, was wir gerade tun. Ausgehen und Spaß haben und uns keine Gedanken darüber machen, uns zu verlieben oder allein zu sein. Nichts sollte sich daran ändern, und wir müssen nie Angst haben, dass wir verletzt werden. Wäre das nicht toll?“

Wenn ich nicht so betrunken gewesen wäre, hätte es sich nur halb so absurd angehört. Stattdessen sah ich Max an, als hätte er zugleich eine Methode zur Heilung von Krebs und zur Bekämpfung des Welthungers erfunden. „Das ist so klug.“

„Ich weiß.“ Er runzelte die Stirn. „Ich habe immer die besten Einfälle, wenn ich betrunken bin.“

Der Barmann rief uns ein Taxi – das war der letzte Wink mit dem Zaunpfahl –, und ich bin sicher, dass Max dem Fahrer ein viel zu hohes Trinkgeld gegeben hatte, bevor wir vor seinem Haus ausstiegen.

„Dieses Gebäude …“ Ein herzhafter Rülpser unterbrach meine Ansprache. „Dieses Gebäude sieht aus wie das Schloss von Graf Dracula.“

„Ich weiß. Es ist furchtbar.“ Max verzog deprimiert das Gesicht. „Und du hättest auch Marcus furchtbar gefunden.“

Als wir in den Aufzug stiegen, rückte Max ein wenig näher, und während wir ausstiegen, nahm er auf dem Weg zur Tür meine Hand. Anstatt aufzuschließen, zog er mich an sich heran und küsste mich. Seine Lippen schmeckten noch nach Bell’s Two-Hearted Starkbier.

Ich selbst hatte einiges getrunken, aber das reichte nicht, um die Alarmglocken in meinem Kopf zu überhören, die gerade meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Ich bewegte meinen Kopf so schnell zurück, dass unsere Zähne aufeinanderschlugen.

„Max, was zum Teufel machst du da?“

Verdutzt blinzelte er mich einige Sekunden an, bevor er mich klar sehen konnte, dann grinste er. „Komm schon, Carrie. Du bist doch auch neugierig.“

Das stimmte. Max sah aus wie der Verteidiger einer Football-Mannschaft, den alle Mädchen haben wollen. Aber er war ein emotionales Häufchen Elend und nicht in der Lage, klar zu denken. „Ich weiß, dass du dich sehr über Bella aufregst …“

„Hier geht es nicht um Bella“, unterbrach er mich und lachte ein wenig zu laut. „Herrgott, du denkst immer an sie. Bist du sicher, dass du nicht mit ihr ins Bett willst?“

„Nein, aber wenn wir beide jetzt miteinander ins Bett gehen, dann würdest du nicht mit mir schlafen!“ Ich tippte ihm mit meinem Zeigerfinger auf die Brust, nicht um mein Argument zu bestärken, sondern eher, weil es sich gut anfühlte.

Wieder grinste Max. „Glaube mir einfach, hier geht es nicht um Bella.“

„Doch.“ Ich ließ meine Hände über sein T-Shirt bis zum Bauch gleiten – er hatte tolle Bauchmuskeln – und gab ihm einen Schubs.

Er verdrehte die Augen und hob die Hände. „Okay. Ja, es geht um Bella. Peri… peri… na, du weißt schon. Wenn man etwas aus dem Augenwinkel sehen kann.“

„Peripher“, antwortete ich. Ich nickte. „Wie kommt das?“

Max verschränkte seine Arme über meiner Taille und zog mich zu sich heran, sodass ich ihm auf die Füße trat und sich unsere Schuhe gefährlich miteinander verhakten. „Ich mag Frauen. Das weiß jeder. Aber ich verliebe mich nicht in Frauen. Also, wie kann es sein, dass ich seit Bella keinen unverbindlichen Sex mit Frauen hatte?“

„Weil es kein unverbindlicher Sex war. Du hast sie wirklich gern gehabt.“ Ich lehnte mich an ihn, nur um mein Gleichgewicht halten zu können … ganz bestimmt.

„Du bist verrückt. Ihr Frauen seid doch alle verrückt. Ihr denkt, dass ein Mann verliebt sein muss, um einer Frau seinen Schwanz hineinzustecken.“ Er neigte den Kopf, um mich zu küssen, hielt dann aber inne. „Du weißt, dass das nicht stimmt, nicht wahr?“

Ich zog eine Augenbraue in die Höhe. „Mann, sind wir besoffen. Nur weil wir gerade beide verlassen worden sind …“

„Du bist verlassen worden.“

„Auch egal.“ Ich verdrehte die Augen. „Glaube ich, dass du mich liebst? Nein. Ich glaube, du willst mit mir ins Bett, um dir selbst zu beweisen, dass du nicht mehr an Bella denkst.“

„Und? Ist das so schlimm?“ Seine Lippen waren nur noch einen Millimeter von meinen entfernt.

Ich zuckte mit den Schultern. „Nein, wahrscheinlich nicht.“

Er küsste mich noch einmal. Max konnte unglaublich gut küssen. Aber in seinem Kuss lagen auch Verzweiflung und Traurigkeit. Das spürte ich auch ohne Blutsbande.

„Lass es uns machen, Carrie“, flüsterte er, während er mit seinen Fingern durch meine Haare strich. „Lass uns einfach Spaß haben.“

Auf eine irre Art ergab das Sinn. Als wir durch die Tür und auf den persischen Teppich in der Einganghalle fielen, überzeugte ich mich selbst davon, dass es so schlimm ja nicht sei. Die Menschen taten so etwas jeden Tag.

Max’ Lippen klebten an meinen, auch noch als wir uns herumwälzten, bis ich rittlings auf ihm saß. Wir waren beide noch angezogen. Lachend setzte sich Max auf. Ich spürte ihn hart und pochend durch seine Jeans, aber Max schien es nichts auszumachen. Ganz im Gegenteil: Er schien jetzt in dieser intimen Situation entspannter zu sein, als wenn wir draußen zusammen etwas unternahmen. Ich fragte mich, ob das hier der Max war, den ich kannte, oder ob es ein anderer war. Vielleicht war das ein Teil der Faszination, die er auf andere Menschen ausübte. Mir taten die ganzen Frauen leid, die nicht begriffen, dass sie auf ihn hereinfielen. Sie verliebten sich in einen Mann wie Max, nur weil er das Talent hatte, ihnen vorzuspielen, dass sie die wichtigste Frau in seinem Leben waren.

Glücklicherweise konnte ich mich nicht in ihn verlieben. Ich war ja schon in einen Mann verliebt, allerdings in einen, der mich nicht im Geringsten beachtete.

Auf dieses Stichwort klingelte das Telefon.

Max schaute mich kurz neugierig an. Dann sah ich ihm seine Schuldgefühle an, und ich musste woandershin sehen.

Ich stöhnte und stand auf, auch wenn mir die Knie noch weicher wurden als zuvor. Als ich mir klarmachte, dass ich kurz davor gewesen war, mit Max Sex zu haben, verschwand der Restalkohol aus meinem Körper … was blieb, war ein Gefühl der Befangenheit.

„He, wenn du schon aufstehst, kannst du dann auch rangehen?“, fragte mich Max verlegen.

„Gut. Aber wenn das eine von deinen Freundinnen ist, dann bin ich keine sehr gute Ausrede.“

Ich war überrascht, dass noch nicht aufgelegt worden war, weil ich so lange gebraucht hatte, um in der Küche ans Telefon zu gehen und abzunehmen. Jedes Mal, wenn das Telefon klingelte, dachte ich, es sei das letzte Mal, aber schließlich hob ich ab und sagte müde: „Hallo?“

„Carrie?“

Nathan.

2. KAPITEL

Richtig verbunden

„Carrie?“, wiederholte Nathan, während die Verbindung durch Geräusche im Hintergrund gestört wurde. Sein weicher schottischer Akzent schloss sich um mein Herz wie eine gierige Hand.

Ich schluckte den Kloß in meiner Kehle hinunter und versuchte, mich nicht darauf zu konzentrieren, dass ich gerade in Max’ Küche stand und dabei war, mir seine Küsse vom Hals zu wischen. „Ja, ich bin’s.“

Es gab eine lange Pause. „Es ist schön, deine Stimme zu hören.“

Meine Kehle wurde trocken. Ich werde nicht anfangen zu weinen. Ich werde nicht anfangen zu weinen.

Aber meine Nerven lagen blank. Die Wirkung des Alkohols ließ nach, und ich fühlte mich schrecklich ungeschützt. Ich wischte mir die Tränen aus den Augen und hoffte inständig, dass meine Stimme nicht kippen würde, sobald ich zu sprechen anfing. „Ich finde es auch schön, dich zu hören.“

„Ich habe vorhin schon versucht, dich zu erreichen. Aber du warst wohl aus.“ Vorsichtig zog er an den Blutsbanden, ich spürte es in meinem Herzen, aber ließ ihm keinen Einblick. Er lachte leise auf. „Gibt es etwas, das ich nicht wissen darf?“

„Ich bin nur ein bisschen beschwipst, das ist alles. Wir sind gerade erst zurückgekommen.“

„Aha.“ Nathan hörte sich nicht so an, als würde er mir glauben.

Bisher hatte er Bella noch nicht erwähnt. Vor Anspannung wickelte ich die Schnur des Telefons um meinen Arm. Ich sollte es lieber so machen, wie man ein Pflaster abreißt: kurz und schmerzlos. „Ich habe früh am Abend versucht, dich anzurufen.“

Er räusperte sich. „Ja, das hat mir Bella schon gesagt.“

Ich kniff meine Lippen zwischen meinen Zähnen zusammen, bis es wehtat.

„Sie hat mir erzählt, dass du aufgelegt hast.“

Es gelang mir, kurz aufzulachen. „Ja, ich dachte, ich hätte mich verwählt. Ich wusste nicht, dass sie noch bei dir ist. Habe ich überhaupt noch mein Zimmer bei dir?“

Mein Lachen war so gekünstelt, dass es eher nach dem Husten eines kranken Pferdes klang – der Bauer hätte es erschossen.

„Natürlich“, sagte Nathan mit so leiser Stimme, dass es schwer war, ihn durch das Knistern der Leitung hindurch zu verstehen. „Sag mal, hat Max irgendetwas von der Bewegung gehört?“

So gut es ging versuchte ich, mich aus Max’ privaten Angelegenheiten herauszuhalten, aber ich erinnerte mich an seine Bemerkung auf dem Riesenrad. „Nein, er sagte mir, er habe in der letzten Zeit nichts von ihnen gehört.“

„Aber bei Bella haben sie sich gemeldet.“ Die Selbstverständlichkeit, mit der er ihren Namen nannte, durchbohrte mein Herz wie ein Speer. „Aber das zu erklären würde am Telefon zu lange dauern. Wir sind auf dem Weg zu euch.“

„Ich werde es Max ausrichten. Aber ich glaube nicht, dass er begeistert sein wird, dass ihr hier aufkreuzt.“

„Warum nicht?“ Offensichtlich hatte Nathan in der Zwischenzeit sein Hirn ausgeschaltet. Aber dann erinnerte ich mich daran, dass er ja die ganze Zeit über unter dem Fluch des Souleaters stand und dass er wahrscheinlich die seltsamen Vorfälle zwischen Bella und Max gar nicht mitbekommen hatte. Aber trotzdem wäre es nett von ihr gewesen, wenn sie Nathan zumindest einen Hinweis gegeben hätte.

„Ach egal, vergiss, was ich gesagt habe.“

„Okay …“ Er räusperte sich noch einmal. „Hör mal, wir brauchen noch etwa eine Stunde. Wir hoffen, es zu Max vor Sonnenaufgang zu schaffen, aber wenn es zeitlich nicht mehr reicht, gibt es bei euch eine Garage, in der wir Unterschlupf finden können?“

„Ja, es gibt eine Tiefgarage. Wir können euch von hier oben aus hereinlassen, und ihr könnt direkt hineinfahren.“ Ich blinzelte, als ich die Worte ausgesprochen hatte. Ich hätte ihm lieber sagen sollen, dass sie in Gary, Indiana, für den Tag anhalten sollten. Oder noch besser, dass sie sofort umdrehen und zurück nach Grand Rapids fahren sollten.

Hinter mir ging die Küchentür auf, sodass ich fast platt an der Wand stand. Max trödelte herein und streckte die Arme über den Kopf. Seine Schultern knackten, und er stöhnte laut auf. „Weißt du, was fast genauso gut wie Sex ist? Eiscreme. Nein, das stimmt nicht. Ich finde Sex doch besser.“

Ich legte meine Hand über die Muschel, aber es war schon zu spät.

„Hat Max etwa Schwierigkeiten, sich wieder in der Stadt einzugewöhnen?“, fragte Nathan amüsiert.

„Ich glaube, ich versaue ihm seinen Auftritt hier.“

Am anderen Ende hörte ich leises Murmeln. Du telefonierst gerade mit mir, deinem Zögling, und du kannst noch nicht mal ein paar Sekunden warten, um mit ihr zu sprechen?“

Ohne dass ich es verhindern konnte, übertrug sich meine Ungeduld über die Blutsbande. Nathan spürte es, und ich wiederum spürte, dass er sehr erleichtert war, dass die Bande noch zwischen uns bestanden, dass wir noch immer eng miteinander verknüpft waren. „Du hast recht, das war unhöflich von mir. Hör mal, ich lege jetzt auf. Alles andere können wir ja besprechen, wenn wir da sind.“

Wir. Es kam mir vor, als benutze er das Wort wie eine Waffe gegen mich. „Gut. Wir sind dann hier.“

Er hielt inne. „Okay … na, dann bis gleich … Süße.“

Süße. Das war zu viel für mich. Ich legte den Telefonhörer auf und sank auf den Boden.

Max kniete neben mir, bevor ich unter Schluchzen Luft holen konnte. „Carrie? Was ist los mit dir?“

Ich konnte nicht sprechen. Ich konnte mich nur an seine Schulter lehnen und weinen.

„Aber was ist denn los? Ist etwas passiert?“ Er hörte sich wie ein typischer Mann an, der bei einer weinenden Frau in Panik ausbricht. Für ihn musste meine Reaktion doppelt irritierend gewesen sein, angesichts der Dinge, die wir noch kurz zuvor in seinem Flur getrieben hatten. „Liegt es an mir? Habe ich etwas falsch gemacht?“

Während ich den Kopf schüttelte, wischte ich mir die Nase mit dem Handrücken ab. Aber ich konnte einfach nicht mit dem Schluchzen aufhören, um etwas zu sagen.

Max zog mich fester zu sich heran, als könne er mit seiner Haut meine Traurigkeit aufsaugen. „Du machst mir echt Angst. Was ist denn los? Hat es was mit Nathan zu tun?“

Mit Sicherheit hatte es etwas mit Nathan zu tun. Wieder stieg in mir die Wut hoch, und ich trocknete mir die Tränen ab. Nathan und Bella waren auf dem Weg nach Chicago. Ich war hierher gereist, um von Nathan wegzukommen und um wieder klar denken zu können. Und nun kam er und machte mir noch mehr Ärger und Kummer? Er war wie das Gegenteil eines Rettungswagens: Er transportierte das Unglück bis vor die Wohnungstür.

„Er war es“, murmelte ich. „Und er ist auf dem Weg hierher und bringt Bella mit.“

„Bella?“ Max runzelte die Stirn. „Ich dachte, sie wäre schon vor einem Monat zurück nach Spanien gegangen?“

Ich schwieg. Max war ein kluger Kopf. Ich verließ mich darauf, dass er selbst darauf kommen würde.

Er war zwar nicht so schnell, wie ich gedacht hatte, aber mit der Zeit schien er es zu begreifen. „Nein! Auf gar keinen Fall.“

Ich nickte vehement. „Als ich ihn heute Abend anrief, ist sie ans Telefon gegangen.“

„Na, das heißt gar nichts.“ Das galt wohl eher ihm als mir. „Vielleicht ist ihr etwas dazwischengekommen, und sie hat einen neuen Auftrag bekommen. Das passiert ständig.“

„Sie hat nicht in meinem Zimmer geschlafen.“ Ich war halbwegs beruhigt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dorthin zurückzugehen, wenn sie nicht nur meinen Freund – nicht meinen Freund, meinen Schöpfer, ich sollte mich endlich an diesen Unterschied gewöhnen –, sondern auch noch mein altes Bett in Beschlag genommen hätte.

Max nickte. „Oh, es tut mir leid, dass er dich verletzt hat.“

Als ich den Unterton in seiner Stimme hörte, kamen mir wieder die Tränen. „Es tut mir leid, dass sie dich verletzt hat.“

„Zum letzten Mal, sie hat mir nichts getan! Sie ist mir vollkommen gleichgültig!“ Er stand auf und lief ärgerlich aus der Küche.

Wie betäubt und frierend hockte ich auf dem Fußboden und starrte auf die Packung Eiscreme, die Max auf dem Küchentresen stehen gelassen hatte.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dort saß, jedenfalls befand sich schon bald Kondenswasser auf der Pappschachtel. Als ich endlich aufstand, war es an der Packung hinabgelaufen und hatte sich um den aufgeweichten Boden gesammelt.

Ich musste mich zusammenreißen. Es war schlimm genug, dass ich Nathan begegnen musste, obwohl ich wusste, dass er Bella mir vorgezogen hatte. Aber ich durfte ihm gegenüber nicht zugeben, wie unglücklich ich war.

Ich ging hinunter in mein Zimmer. Im Badezimmer machte ich die Dusche an, bis das Wasser kochend heiß war, und stellte mich unter den Strahl. Ich wartete, bis es kein heißes Wasser mehr gab und das eiskalte die Dampfschwaden vertrieben hatte. Draußen würde bestimmt bald die Sonne aufgehen. Gleich würden sie hier sein.

Kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gedacht, klopfte es leise an der Tür. „Carrie?“

Max öffnete die Tür einen Spalt und lugte herein, die Augen schamvoll gesenkt, und warf mir ein Handtuch zu. „Sie sind hier.“

„Danke. Ich bin gleich oben.“

„Okay.“ Er wollte die Tür schließen, kehrte aber doch wieder zurück. „Er sieht fürchterlich aus, Carrie.“

„Gut.“

Ich meinte es genau so. Die ganze Zeit über, seit ich Nathan kannte, hatte er mit mir gespielt. Zwar wollte er keine feste Beziehung führen, aber Sex konnte er mit mir haben. Das war für ihn in Ordnung. Ich durfte auch mit ihm zusammenwohnen. Er konnte mir auch die ganze Zeit erzählen, dass es ihn zerreißen würde, wenn ich ihn verließe. Immer wieder bat er mich inständig, bei ihm zu bleiben. Aber die Erinnerung an seine verstorbene Frau wollte er meinetwegen nicht aufgeben.

Aber für Bella konnte er das. Sie besaß irgendeinen magischen Schlüssel, irgendetwas, das ich nicht hatte. Und so hatte er seine Meinung geändert und wollte plötzlich eine Beziehung führen.

Mit ihr.

Ich zog mich an, und es war mir egal, wie und ob ich gut aussah. Wenn ich jetzt noch eine halbe Stunde damit zubrachte, mir die Haare zu föhnen und mich zu schminken, wäre das sowieso zu offensichtlich.

Im oberen Stockwerk saßen Nathan und Bella jeweils am anderen Ende der Couch. Obwohl ich die Distanz, die sie zueinander wahrten, bemerkte, wurden meine Knie weich.

Sobald wir verwandelt worden sind, werden wir Vampire nicht älter. Nathan war die ganze Zeit über zweiunddreißig geblieben. Ein ziemlich schlanker und attraktiver Zweiunddreißigjähriger. Einmal hatte ich den Scherz gemacht, dass er sein Leben lang ziemlich hart trainiert haben musste, um solche guten Oberarme zu bekommen. Er hatte leise in sich hineingelacht und erwidert: „Nein, dass liegt daran, dass ich Marianne immer getragen habe. Als es zu Ende ging, konnte sie nicht mehr gehen.“ In seinen grauen Augen konnte ich seine Traurigkeit erkennen, als er das sagte. Aber danach war er wieder wie immer.

Jetzt wandte er sich mir zu und hob seinen Kopf mit den dunklen Haaren, während ich die letzten Stufen heraufkam.

Auch Max drehte sich nach mir um und zwinkerte mir aufmunternd zu, als ich endlich im Zimmer stand.

Nathan stand auf, als erwarte er … keine Ahnung … dass ich ihn umarmte? Oder sollte ich mich ihm an den Hals werfen?

Was er auch immer erwartete, ich wollte es ihm nicht geben. Ich winkte ihm desinteressiert zu und ließ mich auf einen Lehnsessel neben der Küchentür fallen. „Du brauchst meinetwegen nicht aufzustehen.“

Bevor er sich wieder hinsetzte, verschränkte er die Hände ineinander.

Bella sah mit zusammengekniffenen Augen zwischen ihm und mir hin und her und verzog den Mund zu einem amüsierten Lächeln, aber sie sagte nichts.

„Da ihr ja jetzt beide hier seid, kann ich euch wohl die schlechte Nachricht überbringen.“ Nathan lehnte sich vor und rieb seine Knie. Er hatte diesen nervösen Tick, sodass der Stoff seiner Jeans am Oberschenkel schon fast weiß war. „Ich sage es einfach.“

„Nun mach schon!“, giftete ihn Bella an.

Ärger im Paradies? Ich sah kurz zu Max hinüber, aber sein Blick war stur auf Bella gerichtet.

„Das wollte ich gerade.“ Nathan warf ihr einen Seitenblick zu. „In der Zentrale der Bewegung ist etwas passiert. Daher habt ihr noch nichts von ihnen gehört. Das Orakel hat sich befreit.“

„Nein“, flüsterte Max.

Ich wusste, dass Max vor kaum etwas Angst hatte, aber vor dem Orakel fürchtete er sich. Es war ein uralter Vampir in weiblicher Gestalt mit unvorstellbaren telepathischen Kräften. Die Bewegung hielt es unter strikter Bewachung. Max hatte früher dem Team angehört, von dem es in das neue Labor überführt worden war, in dem man es seit einiger Zeit untergebracht hatte. Nicht alle Mitglieder des Teams hatten den Umzug lebend überstanden.

Nathan antwortete nicht, aber ich kannte diesen Gesichtsausdruck an ihm. Er hatte genauso große Angst wie Max. „Sie hat ihre Pfleger getötet, genauso wie die meisten anderen. Miguel ist tot. Breton ebenfalls. Sie befand sich in dem Krankenhausflügel, also hat sie dort auch die größten Schäden angerichtet.“

„Anne ist tot“, bemerkte Bella sachlich, ohne auch nur einmal Max anzusehen. „Das Orakel hat alle Vampire im Krankenhausbereich angezündet.“

„Wie, mit seinen telepathischen Kräften?“, fragte ich leise.

Bella sah mich mit einem Stirnrunzeln an, als versuche sie, meine Begriffsstutzigkeit zu verstehen. „Nein. Mit Reinigungsalkohol aus der Abstellkammer und mit einem Feuerzeug.“

Max ging hinüber zum Fenster. Man sah, dass seine Kiefermuskeln arbeiteten, während Nathan unentwegt von Maßnahmen während des Kommunikationsstillstandes laberte und ob es für ihn oder mich gefährlich sei, sich zu beteiligen.

Ich ging zu Max hinüber und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Bist du okay?“

Er nickte. „Ja. Mir ist nur … weißt du, ich wusste es. Die ganze Zeit, als wir das Orakel vor vielen Jahren auf die neue Station gebracht haben, da war es so, als hätte ich geahnt, dass es etwas plant.“

Bella schnaufte. „Wie konntest du wissen, was das Orakel denkt?“

„Ich glaube nicht, dass die Gedanken des Orakels dich etwas angehen“, fuhr Max sie an. „Wie viele Werwölfe sind denn von ihm getötet worden?“

Ihr Gesicht wurde bleich. Bellas Augen mit der ungewöhnlichen goldenen Iris verengten sich. „Es tut mir wirklich leid, dass es euch nicht besser bei eurer Hetzkampagne gegen meine Leute zur Seite gestanden hat.“

„Nun regt euch mal wieder ab.“ Nathan stand auf, als Einziger ganz klar viel zu rational für die Stimmung, die unter uns herrschte.

Im ersten Moment, als ich ihn gesehen hatte, war ich nur beruhigt gewesen, mit meinem Schöpfer im selben Zimmer zu sein. Es war mir gar nicht aufgefallen, wie müde er aussah: Er hatte dunkle Ringe unter den Augen und kniff die Lippen zusammen.

Sein Blick verweilte kurz auf mir, und seine Erschöpfung schien sich zu verstärken. „Das Orakel ist nicht einfach nur ausgebrochen. Wie Max schon gesagt hat, es muss alles geplant haben. Lasst es uns für heute genug sein und darüber wie erwachsene Menschen reden, wenn die Sonne untergegangen ist.“

„Gut. Ich zeige euch eure Zimmer.“ Max betonte den Plural. Es tröstete mich, dass Max deutlich machte, dass er nicht wollte, dass die beiden gemeinsam in einem Zimmer schliefen, auch wenn es wahrscheinlich darauf hinauslaufen würde.

Nathan schien überrascht. Er sah mich an, dann schaute er achselzuckend zu Max. „Hört sich gut an.“

„Okay, gute Nacht dann.“ Ich winkte in irgendeine Richtung und drehte mich zur Treppe um.

Dreh dich um.

Die Aufforderung durch die Blutsbande war so eindringlich, ich musste einfach nachgeben. Als ich über die Schulter zurückschaute, hielt mich Nathan mit seinem Blick fest. Ich konnte nicht erkennen, was dahintersteckte, ob es ein schlechtes Gewissen war oder eine Entschuldigung oder eine stille Bitte, dass ich mit ihm gehen sollte.

Ich schüttelte den Kopf, um abzulehnen.

Obwohl ich sehr müde war, konnte ich nicht gleich einschlafen. In meinem Kopf schwirrten grauenvolle Bilder herum. Ich bekam eine direkte Kostprobe, wozu das Orakel in der Lage war. Ich sah, was es Anne, der fröhlichen ewig jungen Empfangsdame der Bewegung, angetan hatte. Das Orakel hatte sie jahrelang mit der Vorstellung gefoltert, ihr Rückgrat zu brechen, um es dann wahr zu machen. Was hatte es diese armen Vampire im Krankenhaus sehen lassen? Es musste die Hölle für sie gewesen sein.

Auch wenn ihr Tages- oder vielleicht besser Nachtrhythmus und meiner sich geradezu ausschlossen, waren die Leute, die ich im Hauptquartier der Bewegung kennengelernt hatte, sehr nett zu mir gewesen. Besonders herzlich war Anne, sie hatte mich mitgenommen, um mir, obwohl es strikt verboten war, das Orakel zu zeigen. Der Besuch endete damit, dass das Orakel Anne herumschleuderte wie eine Puppe und versucht hatte, mir den Kopf abzureißen. Als wir anschließend mitgeteilt bekamen, dass Anne den Überfall überlebt hatte, waren wir mehr als erleichtert. Aber wenn ich zurückblicke, dann scheint es so, als sei Anne von Beginn an dazu verdammt gewesen zu sterben. Die Bewegung hatte nämlich eine ziemlich rigorose Einstellung, was die medizinische Behandlung von verletzten Vampiren betraf, selbst wenn es lebensbedrohlich aussah. Es hatte ewig gebraucht, bis sich Anne von der Attacke erholte, da ihr Körper nur auf seine eigenen Heilungskräfte angewiesen war. Als das Orakel die ganze Station in Brand gesetzt hatte, war sie wahrscheinlich völlig hilflos gewesen. Ich glaube, dass Nathan recht hatte. Das Orakel tat Dinge nicht einfach mal so.

Ich drehte mich auf die Seite. Das Bett schien größer und seltsam leer zu sein, seitdem mein Schöpfer angekommen war. Ich sehnte mich danach, neben ihm zu liegen, sein leises Schnarchen zu hören und zu lauschen, wenn er gelegentlich im Schlaf Unsinn murmelte. Das bekam jetzt jemand anderes zu hören.

Jedenfalls fühlte ich mich ein wenig besser, nachdem ich gesehen hatte, wie kühl die beiden miteinander umgegangen waren. Vielleicht war Max’ Idee, die beiden vorsätzlich in zwei getrennten Zimmern unterzubringen, doch gar nicht so verrückt, denn keiner von ihnen wirkte so, als wollte er mit dem anderen zusammen in einem Bett schlafen.

Wie konnte Nathan dieses Verhältnis nur vor mir verbergen? Auch wenn wir räumlich getrennt waren, war ich doch immer ehrlich zu ihm gewesen, oder? Und ich hatte meine Seele riskiert, um ihn vor dem grauenhaften Zauberspruch des Souleaters zu schützen. Aus meiner Sicht schuldete er mir zumindest Aufrichtigkeit, auch wenn es für ihn ein wenig unbequem war.

Ich wünschte mir, er hätte dieselbe Einstellung zu diesen Dingen wie ich.

Aber nun hatte er Bella. Sie war exotisch, leidenschaftlich und gefährlich. Und sie war so ganz anders als ich, der langweilige hellhäutige Typ Frau. Durch den vielen Sex und die Flamme des Verliebtseins hatte Nathan wahrscheinlich keine Zeit, darüber nachzudenken, was das alles für mich bedeutete und wie sehr ich verletzt sein könnte.

Und nicht zum ersten Mal rannen mir kalte Tränen aus Gram über meinen Schöpfer über die Wangen.

Beinah wäre es mir gelungen, mich in den Schlaf zu weinen, als ich ein leises Klopfen an der Tür vernahm. Wahrscheinlich war es Max, um mit mir die Lage zu beraten. Schnell wischte ich mir die Tränen ab. Wenn Nathan so tun konnte, als ginge ihn das alles nichts an, dann konnte ich das schon lange! Vielleicht würde ich es sogar irgendwann selbst glauben.

„Herein“, sagte ich und hoffte, dass meine Stimme verschlafen und nicht verheult klang.

Die Tür ging auf, und nicht Max, sondern Nathan schlich herein.

Ich setzte mich auf und zog mir die Decke erschrocken bis zum Hals, als könne er durch mein T-Shirt hindurch mein gebrochenes Herz sehen – wenn es da gewesen wäre. Mein richtiges Herz war ja in meinem Koffer. Cyrus, mein erster Schöpfer, hatte es mir aus dem Körper gerissen.

„Was machst du hier?“

Er hob die Hände, als erwarte er einen Angriff. „Bitte, hör mir einfach zu.“

„Glaubst du wirklich, wir hätten einander noch etwas zu sagen? Nachdem alles so gelaufen ist?“, fuhr ich ihn an. „Und gerade jetzt in dieser Situation?“

„Ich weiß. Und es tut mir leid. Ich hätte ehrlich zu dir sein sollen.“ Seine Worte bestätigten, was ich befürchtet hatte.

Zitternd holte ich Luft, um zu vermeiden, dass ich sofort wieder in Schluchzen ausbrach. „Ja, das wäre nett gewesen.“

„Ich kann mich dafür gar nicht genug entschuldigen. Das weiß ich. Und ich weiß, dass du meinetwegen durch die Hölle gegangen bist.“ Er sah auf seine Hände hinab. „Aber ich habe dich so vermisst.“

„Das sah aber anders aus.“ Ich wollte nicht zulassen, dass seine Verletzter-kleiner-Junge-Masche bei mir funktionierte. Ich war immer noch wütend, zu Recht.

Einen Moment lang schien er brüskiert. „Ich will nicht noch einmal so lange von dir getrennt sein. Du gehörst zu mir.“

Mir wurde schlecht, und eine Mischung aus Hoffnung und Unglauben stieg in mir auf.

Obwohl ich nichts gesagt hatte, trat er an mein Bett und setzte sich. „Ich bin egoistisch gewesen. Ich wollte die Vergangenheit nicht loslassen. Aber ich hatte kein Recht dazu, dich da mit hineinzuziehen. Ich schwöre dir, Carrie. Wenn du nach Hause kommst, dann wird alles anders.“

Ich verkniff mir die Tränen. Jetzt sagte er das, was ich hören wollte, aber dennoch …

„Was ist mit Bella?“

Nathan runzelte die Stirn. „Was soll mit ihr sein?“

„Ich bin mir nicht sicher, ob sie es so toll findet, wenn ich wiederkomme. Vielleicht würde sie es verstehen, wenn sie ein Vampir wäre, aber sie ist ein Werwolf. Werwölfe haben keine Ahnung von der Beziehung, die zwischen einem Schöpfer und seinem Zögling besteht.“ Oder auch wie frustrierend diese Beziehungen sein können.

In meinem Kopf spielte sich eine grauenvolle Szene ab, in der Nathan antwortete: „Stimmt, du hast recht. Gute Nacht“, und wieder zu ihr zurückging.

Stattdessen starrte er mich an, als sei ich nicht ganz bei Trost. „Carrie … Bella und ich … Ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor. Wir haben nichts miteinander.“

„Aber sie hat bei dir gewohnt“, beharrte ich starrköpfig. „Warum ist sie einen Monat lang geblieben und nicht zurück nach Spanien gegangen?“

„Ist sie ja“, sagte Nathan. „Doch zunächst ist sie dem Souleater bis nach San Francisco gefolgt, hat mit ihm abgerechnet und ist dann nach Europa geflogen. Sie musste mit einer normalen Linie fliegen, da sie niemanden von der Bewegung erreichen konnte. Als sie wieder in Madrid ankam, hat sie gesehen, dass die Zentrale in Schutt und Asche lag, und ist dann zurück nach Grand Rapids geflogen, weil sie wusste, dass sie nur so Kontakt zu Max aufnehmen konnte.“

„Aber du hast gesagt, dass sie nicht in meinem Zimmer schläft … und du hast die ganze Zeit deine Gedanken vor mir verborgen.“ Ich fing an, mich wie der letzte Idiot zu fühlen, und das war ziemlich unangenehm. Fast hoffte ich, zu hören, dass er mit Bella geschlafen hatte, nur um davon abzulenken, dass ich mich wie ein Trottel verhielt.

Nathans wunderschöne Lippen formten sich zu einem Grinsen. „Du hast wirklich geglaubt, dass ich dich mit Bella betrüge?“

„Du hättest mich nicht betrogen, denn wir führen ja keine Beziehung.“ Ich sah auf meine Hände hinab und beobachtete sie dabei, wie sie die Bettdecke wütend zerkneteten. „Nathan, ich will nicht dein Zögling sein. Ich will die Frau sein, die du liebst. Und solange du dich nicht von Marianne oder besser von der Erinnerung an sie verabschiedest, wird das nicht gehen.“

Ich hatte erwartet, dass er den Kopf abwenden würde, wenn ich ihren Namen nenne, aber er fixierte mich mit seinem Blick. Seine stahlgrauen Augen zogen mich magisch an. „Marianne ist tot. Es macht mich krank, das so zu sagen, aber es war für uns beide das Beste so. Sie war nicht mehr die Frau, die ich geheiratet hatte. Sie hatte sich aufgegeben. Ich weiß, dass ich sie zu einer Heiligen gemacht habe, und eigentlich wollte ich das gar nicht. Aber ihre Krankheit hat sie verändert. Marianne wurde immer häufiger depressiv, manchmal sogar offen feindselig. Und irgendwann machte sie mich sogar für alles verantwortlich, das war kurz vor ihrem Tod.“

„Oh Nathan.“ Ich wollte ihn gar nicht unterbrechen.

Er sprach weiter, als hätte er mich nicht gehört. „Auch wenn sie überlebt hätte – das heißt, wenn ich nicht das getan hätte, was ich getan habe –, wäre sie zu einem späteren Zeitpunkt gestorben. Wenn ich sie zu einem Vampir gemacht hätte … Nun, sie war einfach zu krank. Auch dann hätte sie nicht weiterleben wollen.

Ich hätte Marianne zwar ein neues Leben schenken können, hätte sie beschützen und ehren können, bis ans Ende unserer Tage auf Erden, aber ich hätte ihr nicht ihre Seele zurückgeben können. Die hatte sie schon lange verloren, bevor ich sie tötete. Der Zauber, den Bella ausgesprochen hat … den du ausgesprochen hast … hat mich davon überzeugt. Es hört sich so melodramatisch an, aber wirklich, du hast mich gerettet.“

Vorsichtig griff ich nach seiner Hand. Ich glaubte wirklich, ich würde aufwachen, wenn ich ihn berührte, aber seine Finger schlossen sich um meine. Beinah zerdrückte er sie, bis er bemerkte, wie kräftig sein Griff war.

„Du bist mein Zögling. Egal, was auch immer zwischen uns geschieht, es ist mein Blut, das in deinen Adern fließt. Du bist die einzige Familie, die ich habe. Ich will mit dir zusammen sein.“ Er hob meine Hand an seine Lippen und küsste sie.

Mein Puls beschleunigte sich. „Aber nicht so, wie ich es mir wünsche. Das beschönigst du immer.“

Er sah mich traurig an, dann fiel sein Blick auf unsere Hände. „Wenn ich dir jetzt sagen würde, dass ich jetzt dazu bereit wäre, dich … dich zu lieben, dann würde ich nur dafür sorgen, dass früher oder später ein Desaster geschieht. Der Bannspruch hat mir die Wahrheit gezeigt, aber es gibt immer noch Aspekte, die ich nicht akzeptieren kann, auch wenn ich weiß, dass sie wahr sind. Wenn die Zeit reif ist und ich ganz und gar loslassen kann – und sie wird kommen –, dann suche ich mir bestimmt keinen Werwolf aus, mit dem ich zusammen sein will. Dann bist du es.“

Sofort spürte ich, wie eine riesige Welle von Schuldgefühlen über mir hereinbrach. Nathan war in sich gegangen, während ich fast … zügellosen Sex gehabt hätte. „Ich muss dir etwas sagen.“

Traurig sah er mich an und zwang sich dann zu einem Lächeln. Durch die Blutsbande spürte ich seine Ängstlichkeit. Er dachte, ich würde ihn zurückweisen, und ließ meine Hand los. „Okay.“

„Ich dachte, da läuft etwas … zwischen dir … und Bella.“ Ich schloss die Augen und widerstand dem Bedürfnis, mir mit der flachen Hand vor die Stirn zu schlagen. „Offensichtlich war das eine Fehleinschätzung. Es war eine dumme, dumme voreilige Annahme.“

Er nickte, seine Angst, zurückgewiesen zu werden, ließ ein wenig nach. „Und?“

„Und?“ Ich biss mir auf die Lippe und beschloss, dass es am besten sei, es so schnell wie möglich hinter mich zu bringen. „Ich hätte beinah mit Max geschlafen.“

Ich zählte im Kopf bis drei und wartete darauf, dass Nathan explodierte. Das tat er auch, aber auf andere Weise als erwartet. Mit einem hysterischen Lachen kippte er seitlich vom Bett.

„Nathan! Das ist nicht witzig!“ Ich schlug auf die Matratze. „Ich hätte beinah mit Max geschlafen.“

Als ich über die Bettkante schaute, sah ich, dass sich Nathan die Tränen aus den Augenwinkeln wischte. „Ich hab’s gehört. Ich wette, dass es außerdem auch noch todromantisch war.“

„Ach, halt den Mund“, schalt ich ihn, musste aber unfreiwillig lachen. „Ich kann nicht glauben, dass ich wirklich dachte, du würdest mit Bella schlafen.“

„Das kann ich allerdings auch nicht. Ich mag sie noch nicht einmal sonderlich gut leiden. Weißt du, dass sie an ihren Zehennägeln kaut? Ich meine, sie schneidet sie nicht wie normale Menschen, sondern sie nimmt den Fuß in den Mund und kaut sie ab!“ Er schüttelte sich vor Ekel. „Ich dachte, du würdest mir ein wenig mehr zutrauen.“

Unser Gelächter ebbte ab, und es machte sich eine befangene Stille breit. Nathan setzte sich auf und stützte seinen Unterarm auf das Bett, um mich anzusehen. „Carrie, ich will nicht, dass du etwas tust, das du nicht tun willst. Wenn du nicht nach Hause kommen willst, sag es mir bitte.“

Nach Hause. Unser Zuhause. Ich hatte das Gefühl, dass sich mein Brustkorb zusammenzog und ich kurz davor war, zu kollabieren. Mein Kopf suchte hektisch nach Hinweisen dafür, ob das ein besonders perfider Trick war, mir noch einmal das Herz zu brechen. „Ich möchte sehr gern nach Hause zurückkommen. Aber ich kann dir nicht versprechen, dass ich auf dich warten werde. Es ist einfach unfair, das von mir zu erwarten. Also …“

„Also?“, fragte er, während sein Mundwinkel zuckte, als unterdrücke er ein Lächeln.

Ich wollte nicht, dass dieses Lächeln erstarb. „Also, ich werde darüber nachdenken.“

Er lächelte weiter, es war wie ein Glücksversprechen. Es war kein realistisches Glück, aber immerhin mehr, als wir jetzt hatten. „Carrie?“

So, wie er meinen Namen aussprach, schwang etwas Schweres und Bedeutungsvolles mit, sodass es mir kalt den Rücken hinunterrann. „Was?“

„Ich wollte dich schon die ganze Zeit küssen.“

Als er das sagte, floss die Kälte von meinem Rücken in den Magen, dann meine Arme hinunter, bis mir ein leises „Oh“ entfuhr. Ich schluckte und nickte, fuhr mir über die Lippen, die plötzlich vor Vorfreude ausgedorrt waren.

Ohne etwas zu sagen, legte er sich zu mir aufs Bett, und wir küssten uns, wie wir es noch nie zuvor getan hatten. Nicht, weil es unbeholfen und sperrig war, sondern weil für uns beide mehr dahinter stand als jemals zuvor. Nathan war so leidenschaftlich, wie ich es nicht von ihm kannte. Es lag weder an seiner Verzweiflung noch an der Angst, mich zu verlieren. Es war auch anders als damals, kurz nachdem er mir durch einen Biss mein Vampirleben gerettet hatte. Es war etwas zwischen Entschlossenheit – Entschlossenheit, alte Dinge loszulassen und das Richtige zu tun – und dem Vertrauen darauf, dass ich da sein würde, wenn alles gesagt und getan wäre.

Ich wünschte mir, ich hätte dasselbe Zutrauen wie er.

Aber mein Körper wusste ganz genau, was er wollte. Gleichgültig, was zwischen Nathan und mir vorgefallen war, ich brauchte ihn auf einer Ebene, die mit Urtrieben und bedingungsloser Lust zu tun hatte. Sein Blut floss in meinem Körper und machte mich zu einem Teil von ihm. Ich konnte nicht genug von ihm bekommen, während sein Mund meinen immer wieder berührte und seine Hände sich zu meinem Rücken vorgetastet hatten, um mich näher an ihn heranzuziehen.

Ich kniete mich vor ihm hin, und er tat dasselbe, während er sich das Hemd auszog. Tatsächlich stöhnte ich auf, allein als ich sah, wie sich seine helle Haut über seine kräftigen Muskeln spannte. Die Narben von dem Bannspruch des Souleaters waren noch auf seiner Brust und seinen Oberarmen zu erkennen. Ich wunderte mich kurz über die Macht, die es vermochte, bleibende Wunden auf dem Körper eines Vampirs zu hinterlassen. Aber rationale Überlegungen wurden nebensächlich, als Nathan seine Arme nach mir ausstreckte. Wie immer gelang es ihm, mich die Komplikationen des Lebens vergessen zu lassen, wenn ich in seinen Armen lag. Nicht, dass ich eine affektierte Mimose mit Hang zur Ohnmacht war, aber alles an ihm – sein Körper, sein Geist, sein Geruch, seine Berührung und seine Probleme – waren größer als die Realität.

Und immer wieder fällst du darauf herein, und immer fällst du auf die Nase, und nie ist er da, um dich aufzufangen.

Ich ignorierte diese warnende Stimme, ich ignorierte jeden Gedanken in meinem selbstgerechten Hirn, denn Nathan berührte mich, also war alles in Ordnung.

Er zog mir das T-Shirt über den Kopf und senkte sein Gesicht auf meinen Hals. Es war fast unmöglich, aufrecht sitzen zu bleiben, während er seine Haut an meiner rieb und sein Mund eine brennende Spur über mein Schlüsselbein zog. Es waren zu viele Eindrücke, nachdem wir zu lange voneinander getrennt gewesen waren. Und wenn ich aufstöhnte, dann spürte ich das Echo in seinem Körper.

„Das habe ich vermisst“, sagte er mit rauer Stimme, während er meine Brüste in seine Hände nahm und sie küsste. „Gott, habe ich das vermisst. Ich habe dich so vermisst.“

Ich griff nach seinen Haaren und zog sein Gesicht an meines heran. Er roch wunderbar, nach Sandelholz-Seife und nach dem schweren Opiumduft der Räucherstäbchen, die er im Laden brennen ließ. Ich hätte fast vor Gier geschrien, als er seine Hände meinen Rücken entlang bis zu meinen Pobacken wandern ließ und mein empfindliches nacktes Fleisch zu sich nach vorne zog, näher an den rauen Stoff seiner Jeans.

Ich schob meine Hände zwischen uns und versuchte, den Knopf seiner Hose zu öffnen, bis er sie wegschob.

„Warte, warte. Langsam. Wir haben doch noch den ganzen Tag.“

„Ich will aber nicht den ganzen Tag warten“, keuchte ich und betonte meinen Satz mit einem kräftigen Zug an seinem Bund.

Seine Augen wurden dunkler, und einen ewigen Moment lang starrte er mich an. „Ich bin so froh, dass du das sagst.“

Innerhalb weniger Sekunden schmiss er hektisch seine Jeans auf den Boden und legte sich auf den Rücken, damit ich mich rittlings auf ihn setzen konnte. Ich nahm seinen Schaft in die Hand und drückte ihn, ließ meine Finger über die glatte lange Oberfläche gleiten. Er fauchte und griff nach meinen Oberschenkeln, und sein Verlangen, das ich durch die Blutsbande spürte, vergrößerte mein eigenes. Ich erhob mich und schob ihn zwischen meine Beine. Bei der ersten Berührung erzitterte ich. Mein Körper pochte, als er sein Becken bewegte und in mich hineinglitt.

„Gott, Carrie“, murmelte er durch die Zähne, „du fühlst dich so gut an.“

Ich wollte ihm antworten, etwas Cleveres und Selbstsicheres entgegnen, aber er presste seinen Daumen auf die heiße vibrierende Stelle in der Mitte meines Körpers, sodass ich nur einen heiseren Schrei herausbrachte.

Es war viel zu lange her, dass ich mit ihm so zusammen gewesen war. Es war mehr als eine körperliche Vereinigung. Mit den Blutsbanden, die zwischen uns bestanden, konnte ich seine Gedanken lesen, sein Verlangen spüren und die Lust erfahren, die er erlebte, als sei sie meine eigene. Meine Haut brannte an den Stellen, wo er mich berührte, mein Körper spannte sich um ihn, als ich ihn ritt. Ich verlor das Gefühl für die Zeit, und ich schrie vor Erleichterung auf, ganz verloren in dem Gefühl, wie er hart und stark in mir pulsierte. Als er nach meinen Hüften griff und sie abrupt nach unten zog, so heftig, dass es fast wehtat, spürte ich, wie er in mir pochte, und ich fiel auf seine Brust, weil mir die Arme versagten.

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mir Tränen kommen würden. Ich wischte sie fort und bewegte mich vorsichtig von ihm herunter, während ich versuchte, mit der wenigen mentalen Energie, die ich noch hatte, ihn von den Blutsbanden auszuschließen. Dennoch hatte er mitbekommen, dass ich ganz plötzlich emotional überwältigt war. Die Erleichterung, wieder mit ihm zusammen zu sein. Die Unsicherheit, ob ich ihm vertrauen konnte, die Wunden zu heilen, die ihm sein Erschaffer zugefügt hatte. Aber am stärksten herrschte die Angst vor, dass ich wieder verletzt werden würde.

Seine Hände zitterten, als er mir meine zerzausten Haare aus dem Gesicht strich. „Du kannst mir jetzt vertrauen, Carrie. Du kannst mir vertrauen, weil ich mir selbst vertraue, dass ich dich nicht mehr verletzen werde.“

Ich lehnte mich gegen seine kalte Haut und schmiegte mein Gesicht gegen seinen Hals. Der Duft des Blutes meines Schöpfers drang in meine Nase und erfüllte alle meine Sinne – er war ursprünglich und vertraut.

Ich hatte ihn so vermisst – das Gefühl seiner Haut unter meinen Händen, sein Gewicht auf mir, er, fest und solide an meiner Seite. So sehr ich es auch hasste, von einem Menschen abhängig zu sein, um sich „ganz“ zu fühlen, so sehr machten die Blutsbande aus uns zwei Hälften, die zusammengehörten, um ein Ganzes zu ergeben.

Es wäre so viel einfacher, wenn ich ihn nicht lieben würde.

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