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Arztromane Urlaub-Spezial

Arztromane Urlaub-Spezial

Sämtliche Personen, Orte und Begebenheiten sind frei erfunden, Ähnlichkeiten rein zufällig.

 

Der Inhalt dieses Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Covermodels aus.

 

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.

 

Ebooks sind nicht übertragbar und dürfen nicht weiterveräußert werden. Bitte respektieren Sie die Arbeit der Autorin und erwerben eine legale Kopie. Danke!

Text: Sissi Kaipurgay

Foto von shutterstock

Covergestaltung: Lars Rogmann

Zärtlich auf den Zahn gefühlt

Andreas und Domenico hatten vor langer Zeit eine Affäre, die dank Domenicos Untreue schnell endete. Nach einem überraschenden Wiedersehen in Andreas‘ Praxis entwickelt sich zwischen ihnen eine Art platonischer Freundschaft. Sie fahren regelmäßig gemeinsam in den Urlaub. Im fünften Jahr ist alles anders....

***

Tag eins

„Andi? Schmierst du mir den Rücken ein?“

Ich schaue von meinem Buch auf und gucke rüber zu Domenico. Mein Freund liegt auf dem Bauch und hat diesen Augenaufschlag, von dem er weiß, dass er mich damit rumkriegt. Seufzend lege ich die Lektüre weg, greife nach der Sonnenmilch und knie mich neben ihn. Während ich mit festen Strichen die Creme verteile, zwinge ich meinen Blick woanders hin, damit ich seinen Rücken nicht ansehen muss.

Domenico hat spanisches Blut in den Adern, was die dunklen Locken und bronzefarbene Haut auch nach außen hin beweisen. Zudem hat er ein feuriges Temperament, an das ich mich aber lieber nicht erinnern sollte. Dabei helfen mir die zehn Jahre, die zwischen unserer Bettgeschichte und heute liegen, leider in Momenten wie diesen gar nicht. Wenn ich ihn berühre ist es, als wäre unserer Affäre erst gestern gewesen.

„Fertig.“ Gröber als beabsichtigt klopfe ich auf seinen Hintern, stelle die Flasche weg und begebe mich wieder zu meinem Handtuch.

„Was ist mit dem Rest?“, knurrt er, dreht sich auf die Seite und taxiert meinen Körper. „Und mit dir?“

„Hab mich selbst eingecremt.“ Meine Haut ist empfindlicher als seine, weshalb das vor einer Stunde die erste Amtshandlung war, als wir am Strand angekommen sind.

Seit fünf Jahren fahren Domenico und ich zusammen nach Ibiza, buchen immer das gleiche Appartement mit zwei Schlafzimmern und der Ablauf ist auch immer derselbe. Während ich ausspanne, viel lese und schlafe, verbringt er die Zeit damit, jeden verfügbaren Kerl durchzubumsen. Aus diesem Grund stecke ich nachts stets Stöpsel in meine Ohren. Anders wäre es nicht auszuhalten.

„Schlecht gelaunt?“

„Noch nichts zum Vögeln gefunden?“, kontere ich und nehme das Buch hoch.

Wir sind heute Morgen in Hamburg abgeflogen und mittags auf Ibiza gelandet. Das ist immerhin schon einige Zeit her und normalerweise findet Domenico recht schnell Kontakt. Beim letzten Urlaub hat es gerade mal dreißig Minuten gedauert, bis er einen kleinen Spanier aufgerissen hatte.

„Als wenn es nur darum ginge“, murrt Domenico, schnappt sich seine Sonnenbrille und schiebt sie auf die Nase.

Ich hasse es, wenn ich seine Augen nicht sehen kann. Das verdammte Ding ist verspiegelt, was er ziemlich cool findet. Das mag in den Achtzigern gestimmt haben, in 2014 ist es nur peinlich. Genau wie seine knappe Badehose. Ich trage weite Shorts, so wie die meisten hier am Strand. In unserem Alter wirkt es eben lächerlich, seinen Körper auf derartig obszöne Weise zur Schau zu stellen. Obwohl … Domenico kann es sich immer noch leisten. Voller Neid schiele ich auf sein Sixpack.

„Okeee“, meint er gedehnt. „Mach ich es halt selbst.“

Er setzt sich hin, nimmt die Sonnencreme und lässt Milch über Arme und Brust laufen. Der verdammte Kerl weiß genau, dass er mit solcher Aktion viele Blicke auf sich zieht. Ich wende mich wieder dem Buch zu und glotze auf die Zeilen. Im Moment hätte ich die Lektüre verkehrt herum halten können, ohne das zu merken. Domenico bringt mich immer noch aus der Fassung und ich habe keine Ahnung, warum ich mir das jedes Jahr wieder antue. Als er vor fünf Jahren urplötzlich aus der Versenkung auftauchte und mir den Vorschlag machte, gemeinsam mit ihm in den Urlaub zu fahren, habe ich zugestimmt. War wohl nicht gerade einer meiner starken Momente.

Eines Tages stand er einfach in meiner Praxis, hatte Zahnschmerzen und im Laufe der Behandlung muss ihm dieser dämliche Einfall gekommen sein. Ich hatte zu dem Zeitpunkt keinen Partner, daher fand ich die Idee gar nicht übel. Zudem glaubte ich damals fest, dass zwischen Domenico und mir so etwas wie Freundschaft entstehen könnte.

Freunde sind wir wirklich geworden. Wenn wir nicht gerade reisen, unternehmen wir ab und zu etwas zusammen. Wir teilen die Leidenschaft für Kino, gutes Essen und haben ein paar gemeinsame Bekannte. Ich bilde mir ein, einen gewissen Abstand zu Domenico zu halten. Jedenfalls gebe ich mir alle Mühe, mein Herz vor ihm zu verschließen. Er hat es einmal gebrochen, das reicht. Die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen, als meine Gedanken in die Vergangenheit wandern.


Ich war damals ein einfältiger 25jähriger Student und Domenico bereits dabei, Karriere zu machen. Er vermittelte mir in seiner Funktion als Makler eine günstige Wohnung, ich schenkte ihm im Gegenzug mein Herz. Ganze sechs Monate versuchten wir uns als Paar, bis mir klar wurde, dass ich mit seiner ständigen Fremdgeherei nicht klarkam. Domenico versprach Besserung, doch schon vier Wochen später war es aus. Er konnte eben einfach nicht damit aufhören. Die Trennung geriet zu einem bitteren Streit, an dessen Ende wir kein Wort mehr miteinander sprachen. Bis er fünf Jahre später wieder vor mir stand.

Wir taten so, als wäre nichts geschehen. Bis heute haben wir kein Wort über unsere ehemalige Beziehung verloren. Das ist wohl auch gut so. Es würde nur böses Blut geben.


„Willst du auch ein Eis?“

Ich schrecke aus meinem Wachtraum hoch. „Wo siehst du hier Eis?“

„Na da …“ Domenico zeigt auf einen jungen Mann, der mit einer Kühltasche zwischen den Sonnenhungrigen herumläuft.

„Oh! Ja, gern. Du bezahlst“, antworte ich, klappe das Buch zu und setze mich hin.

Sogleich beginnt mein Freund wild mit den Armen zu wedeln. Er hat da keinerlei Hemmungen, etwas, das ich sehr an ihm mag. Der Eisverkäufer winkt zurück, kommt herbeigelaufen und klappt den Deckel der Tasche auf. Allerlei Wassereissorten stapeln sich in dem Thermobehälter.

„Du willst doch bestimmt einen Flutschfinger“, meint Domenico, kramt in der Tasche und holt für sich einen Braunen Bären heraus. „Oder lieber was anderes?“ Er schielt über die Schulter zu mir.

„Nö, Flutschfinger ist okay.“ Ich betrachte den jungen Mann, der geduldig vor meinem Freund steht. Wieso macht Domenico keinerlei Anstalten mit dem hübschen Kerl zu flirten? Das Interesse steht dem Eisverkäufer deutlich ins Gesicht geschrieben.

„Ein Flutschi für den Herren“, ruft Domenico, wirft mir ein Päckchen zu und schaut zu dem Verkäufer hoch. „Cuanto?“

Der Mann nennt eine Summe. Mein Freund reicht dem Kerl einen Schein und winkt ihn gnädig weg, als dieser in der Hosentasche nach Wechselgeld kramen will. Domenico ist großzügig und kann sich das auch leisten. Vor vielen Jahren hat er eine eigene Maklerfirma gegründet und ist gut im Geschäft. Das behauptet er jedenfalls und der Porsche, mit dem er in Hamburg herumgurkt, dürfte bezahlt sein. Ich habe mein Geld lieber in ein Haus mit Garten gesteckt, während er sich ein schickes Appartement in der Innenstadt gönnt. Wir sind eben grundverschieden: Ich lebe mit doppeltem Boden, er bevorzugt den freien Fall.

„Hey, Andi, dein Eis schmilzt, wenn du so weiter träumst!“ Domenico hat seinen Braunen Bären schon fast aufgegessen und ich gerade mal das Papier von meinem Eis entfernt. Seufzend lecke ich ein paar Tropfen von meiner Hand. Anschließend schlinge ich das süße kalte Zeug nahezu in mich rein. Während ich den Holzstiel ablutschte, fällt mein Blick auf Domenico, der mich intensiv beobachtet. Es sieht fast so aus, als wenn er meinen Mund anstarrt, was durch die Sonnenbrille jedoch nicht genau zu erkennen ist.

„Alles klar? Hab ich mich irgendwo mit Eis eingeschmiert?“, erkundige ich mich irritiert.

„Nö. Aber wenn du weiter so an diesem Stiel herumlutschst, bekomme ich einen Ständer.“ Domenico grinst, lässt sich rücklings aufs Handtuch fallen und verschränkt die Arme hinter dem Kopf. Mir verschlägt es erst mal die Sprache. Flirtet er mit mir? Bitte nicht! Ich ramme den Holzstiel in den Sand, lege mich zurück und greife nach meinem Buch. Nach einer Weile kann ich der Handlung wieder folgen.

„Wo gehen wir heute Abend essen?“ Gerade mal 15 Minuten durfte ich ungestört lesen. Ich kann nur hoffen, dass das nicht den ganzen Urlaub so geht. „Mir egal“, antworte ich. „Das San Marco ist doch ganz okay. Oder das El Vittorio.“

Für einen winzigen Moment herrscht Schweigen. Ich will mich gerade wieder ins Buch vertiefen, als Domenico meint: „Warum kochen wir nicht selbst? Wenn ich mich recht entsinne, kannst du das hervorragend.“

Mit einem tiefen Seufzer lass ich meine Lektüre sinken, schaue zu ihm hin und frage: „Wer bist du und was hast du mit Domenico gemacht?“

„Bin ich so schlimm?“ Er dreht den Kopf, schiebt die Brille auf die Nasenspitze und linst darüber hinweg. „Soll ich den Mund halten?“

„Bitte. Wenigstens eine halbe Stunde am Stück.“ Ich lächle ihm zu, nehme das Buch hoch und starre auf die Worte. Er hat erstmalig auf unsere Beziehung angespielt. Was soll das? Sicher, wir haben gern zusammen gekocht, doch das ist Geschichte. Will er alte Kamellen aufwärmen und wenn ja, warum?

Es herrscht nun Ruhe. Ich kann mich endlich auf die – zugegeben – nicht besonders fesselnde Story konzentrieren und Domenico döst vor sich hin. Um uns herum herrscht das übliche Strandtreiben. Kreischende Kinder, Mütter, die ebenso laut schimpfen, vereinzelt Verkäufer mit Schmuck oder Handarbeiten. Gelegentlich nehme ich aus dem Augenwinkel wahr, dass sich eine alte Bekanntschaft Domenico nähert. Nachdem wir fünf Jahre herkommen, ist er hinlänglich in der Szene bekannt. Sein Erscheinen lockt ehemalige Bettpartner an, die er aber alle mit einem lässigen Wink verscheucht. Irgendwie tun die Kerle mir leid, wenn sie mit hängenden Schultern davontraben. Gleichzeitig fühle ich eine Spur Triumph, weil Domenico neben mir liegt und das anscheinend heute mal gern.

„Andiiiii? Duhu? Hast du zufällig ein Buch, das du mir leihen kannst?“

Mein Kopf ruckt herum. Ich glotze Domenico an. „Sicher. Im Appartement habe ich noch Werke von Brecht, Grass und Tolstoi. Die kannst du dir gern leihen.“

„Du verarschst mich“, mault Domenico, schiebt die verfickte Sonnenbrille sehr dekorativ in seine Locken und bedenkt mich mit einem vorwurfsvollen Blick. „Als wenn du so etwas lesen würdest.“

„Ach? Und was lese ich, deiner Meinung nach?“ Instinktiv bedecke ich den Buchtitel mit der Hand, damit er nicht schummeln kann.

„Steven King, Noah Gordon und Dan Brown“, kommt es wie aus der Pistole geschossen.

Wer – zum Henker! – ist dieser Kerl? Ich drehe mich ganz auf die Seite, lege das Buch weg und betrachte meinen Nachbarn genau. Äußerlich ist es der Mann, den ich kenne. Ob er von Außerirdischen entführt und manipuliert wurde? Man liest ja immer wieder von solchen Dingen und offenbar hat es nun meinen Freund getroffen. Der arme Kerl!

„Hast du manchmal Kopfschmerzen? Alpträume? Fühlst du dich in einem fremden Körper gefangen?“, frage ich vorsichtig. „Du kannst mit mir darüber reden. Ich lache dich nicht aus.“

„Tust du mir einen Gefallen?“ Domenicos Miene ist plötzlich ernst und sein Blick bittend. „Magst du damit aufhören?

„Womit?“

„Mich so zu behandeln, als wäre ich ein Verrückter.“

Ich starre ihn sekundenlang an. „Okay“, sage ich schließlich. „Ich tu so, als wäre dein Verhalten normal und du benimmst dich wieder wie der Domenico, den ich kenne. Ist das ein Deal?“

„Wie ist denn der Domenico, den du kennst?“

„Na ja. Oberflächlich. Wir verbringen die Tage und Abende zusammen, danach vögelt er sich oder anderen das Hirn raus. So ist er eben: Stets auf der Suche nach dem Kick.“

„So siehst du mich?“ Er nimmt die Sonnenbrille aus dem Haar und schiebt sie zurück auf seine Nase.

„Hast du etwas anderes erwartet?“ Ich zucke die Achseln.

„Du hast recht. Ich bin und bleibe ein Arschloch. Noch eine Stunde, dann geht’s zurück ins Appartement. Okay?"

Er wendet sein Gesicht der Sonne zu. Mir ist gerade sehr mulmig im Magen. Es fühlt sich an, als hätte ich ihn verletzt. Aber womit?

~ * ~

Wie gewohnt steigen wir nacheinander unter die Dusche. Die klebrige Sonnenmilch hat aus uns sandverkrustete Schnitzel gemacht. Ich darf als erster ins Bad, beeile mich und laufe danach in Shorts und T-Shirt in mein Zimmer. Wie gewöhnlich streife ich eine Jeans über und tausche das Shirt gegen ein lockeres Hemd. Wenn Domenico und ich essen gehen, mögen wir es beide gern etwas stylisch. Er mehr als ich.

Als ich in den Wohnraum gehe, kommt Domenico gerade aus dem Badezimmer. Er hat nur ein Handtuch um die Hüfte geschlungen und aus seinen Locken tropft Wasser über die breite Brust. Betont langsam schlendert er an mir vorbei und wenn mich nicht alles täuscht, beobachtet er dabei meine Reaktion aus dem Augenwinkel. Will er mich provozieren? Es ist wohl Zeit für ein Gespräch.

Ich hole eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank, trete auf den großzügigen Balkon hinaus und trinke einen Schluck. Der Blick über die Dächer der Stadt ist spektakulär. Dafür lohnt es, vom Strand aus eine Weile gehen zu müssen. Das blaue-grüne Meer schimmert unter den hellen Sonnenstrahlen, in der Ferne kann ich zwei Segler ausmachen. Absolut idyllisch. Ich liebe diese Insel. Hinter mir rumort Domenico im Wohnzimmer.

„Ich denke, wir sollten die Fronten klären“, sage ich mit fester Stimme, baue mich vor meinem Freund auf und sehe ihm geradewegs in die Augen. „Wir machen hier Urlaub als platonische Freunde. So wie in den Jahren davor. Oder hast du andere Pläne?“

„Nö. Wie kommst du darauf?“, murmelte Domenico, weicht meinem Blick aus und studiert seine nackte Zehen.

„Dein Verhalten. Es ist anders. Als wolltest du irgendwie … Weiß auch nicht.“

„Sag einfach, was dich stört.“ Er schaut auf und macht einen auf unschuldig. Das kann er perfekt und hat mich damit mehr als einmal rumgekriegt. Da ich keine Lust habe präziser zu werden, zucke ich die Achseln und lass es auf sich beruhen. „Sei einfach normal“, bitte ich. „So wie immer.“

„Klaro.“ Er grinst und nimmt mir die Flasche aus der Hand. „Also: Wohin gehen wir?“ Domenico trinkt, wobei er mich fragend ansieht.

„Ich bin für das San Marco“, erwidere ich prompt. Das Lokal gehört zu meinen absoluten Favoriten. Nicht nur die Speisekarte, auch die Atmosphäre stimmt und die Preise sind moderat. „Einverstanden.“ Domenico drückt mir die Wasserflasche in die Hand, zupft an seinem Hemdkragen und fährt sich durch die Locken. „Kann ich so gehen?“ Zu einer schwarzen Stoffhose trägt er ein blütenweißes Hemd, dessen Ärmel er lässig hochgekrempelt hat. Er sieht aus wie ein fleischgewordener Sexgott. „Ist in Ordnung“, erwidere ich lässig, laufe zum Kühlschrank und stelle die Flasche hinein.

Im San Marco sind bereits viele Tische belegt, als wir durch die Tür kommen. Domenico sieht sich um und entdeckt sogleich Bekannte. Es gibt viele Leute, die stets zur gleichen Zeit wie wir Urlaub machen und im Laufe der Jahre hat sich eine richtige Clique entwickelt. Ich bin ja eher der Eigenbrötler und daher froh, dass mein Freund so ein kontaktfreudiger Mensch ist. Jedenfalls in Hinsicht auf Unterhaltung. Über sein aktives Sexleben möchte ich lieber nichts sagen.

„Ist hier noch Platz?“ Domenico hat mich zu der Gruppe bugsiert und weist mit dem Kinn auf zwei freie Stühle. „Klar doch. Für euch immer“, antwortet ein Kerl, an dessen Name ich mich nicht erinnere. Ich setze mich neben einen Blonden, den ich noch nie hier gesehen habe. Domenico plumpst zu meiner Rechten auf einen Stuhl und grüßt lässig in die Runde. „Und wer bist du?“, wendet er sich an meinen Nachbarn.

„Bernd“, stellt der Mann sich vor. „Ich bin zum ersten Mal auf Ibiza.“

„Willkommen im Club“, brummelt Domenico, nimmt dem inzwischen aufgetauchten Kellner eine Speisekarte ab und vertieft sich in die Lektüre.

Da ich bereits weiß, was ich essen will, mustere ich heimlich Bernd. Blonde kurze Haare, ein ebenmäßiges Profil und feine Fältchen in den Augenwinkeln, die auf sein Alter Rückschlüsse zulassen. Er muss die vierzig bereits überschritten haben. Plötzlich dreht er mir das Gesicht zu und lächelt mich offen an. Als eingefleischter Dentist mache ich automatisch eine Bestandsaufnahme seines Gebisses: Hervorragend gepflegt, nur das Zahnfleisch wirkt teils stark strapaziert. Bestimmt drückt er beim Bürsten zu stark auf und …

„Stimmt irgendetwas mit meinem Mund nicht?“, erkundigt Bernd sich verlegen und fährt mit dem Handrücken über seine Lippen.

„Andi ist Zahnarzt“, mischt Domenico sich ein. „Anderen auf die Zähne zu glotzen ist eine Berufskrankheit. Mach dir nichts draus.“

„Ach, so ist das.“ Bernd grinst und sein Blick huscht zu meiner Mitte. „Ich mache in Unterwäsche. Dann ist es sicher normal, wenn ich stets darüber nachdenke, welche Sorte Slip ein Mann trägt, nicht wahr?“

Domenico stimmt ein unechtes Lachen an, in das der Rest der Gruppe einfällt. Auch ich muss leicht kichern und zolle Bernds Schlagfertigkeit Respekt. Der Mann gefällt mir. Sollte ich endlich mal jemanden finden, mit dem ich die Nächte verbringen kann? Während der letzten Urlaube ging ich immer leer aus, vielleicht auch, weil ich einfach nicht genug Interesse gezeigt habe.

Das soll sich jetzt ändern! Ich hatte schon so lange keinen Sex mehr, dass ich wahrscheinlich sogar Domenico ranlassen würde. Bevor ich jedoch einen so fatalen Fehler begehe und mich damit nur selbst verletze, gehe ich lieber auf Bernds Flirt ein. Der Mann ist attraktiv und ich kann mir durchaus vorstellen, mit ihm intim zu werden. Zudem macht er einen netten Eindruck, ist humorvoll und versteht es, mich aus dem Schneckenhaus zu locken. Offenbar habe ich sein Interesse geweckt, denn er berührt irgendwann meine Hand und sein Blick huscht zu Domenico.

„Seid ihr ein Paar?“, flüstert er an meinem Ohr.

„Nur platonische Freunde“, erwidere ich ebenso leise. „Wir reisen zusammen, gehen aber sonst getrennte Wege.“

„Aha“, murmelt Bernd, wobei sein Finger leicht über meinen Handrücken streicht. „Wollen wir nach dem Essen ein wenig am Strand spazieren gehen?“

„Gern.“ Ich schenke ihm ein strahlendes Lächeln. „Gefällt mir eh besser, als durch die Clubs zu ziehen.“

„Du kommst nicht mehr mit?“ Domenico scheint ein verdammt gutes Gehör zu haben. Ich wende mich zu ihm und entdecke mürrisch zusammengezogene Augenbrauen. Seit wann interessiert er sich für meine Liebesleben? „Ich denke, du hast genug Begleitung“, antworte ich mit einem vielsagenden Blick in die Runde. „Oder brauchst du speziell meine Gesellschaft?“ „Nö, ist schon okay“, murmelt er, setzt eine fröhliche Miene auf und fügt hinzu: „Viel Spaß am Strand.“

Ganz überzeugt bin ich nicht von seiner Reaktion. Als Bernd und ich kurz darauf aufbrechen, guckt Domenico demonstrativ in eine andere Richtung. Da werde doch mal jemand aus dem Kerl schlau! Ein Funken schlechten Gewissens regt sich in mir, den ich nur mit Mühe unterdrücken kann. Dabei hilft mir vor Augen zu führen, wie viele Männer er während der vergangenen Urlaube abgeschleppt hat. Beinahe jeden Morgen war ein Fremder durch unser Appartement geschlichen. Da ist es doch nur recht und billig, dass ich mir endlich das Gleiche gönne.

„Woran denkst du?“ Bernd greift nach meiner Hand, während wir langsam durch eine Gasse zur Promenade schlendern.

„Mein Freund ist merkwürdig. Bisher waren unsere gemeinsamen Urlaube unkompliziert. Dieser scheint ganz anders zu laufen.“

„Er sah eben eifersüchtig aus, wenn du mich fragst. Ich kann ihn verstehen. Wenn ich mit dir reisen würde, hätte ich keine Augen für andere Männer.“

Holla! Das geht aber verflixt schnell! Wir kennen uns doch gerade mal zwei Stunden und Bernd kommt schon mit einer Art Liebesgeständnis.

Inzwischen haben wir den Strand erreicht. Außer uns haben noch viele andere Paare die Idee, ein wenig zu flanieren. Eine Weile schlendern wir händchenhaltend zwischen den ganzen Menschen einher. Plötzlich stoppt Bernd und zieht mich von den Steinplatten in Richtung Meer. Nach ein paar Schritten sind meine Schuhe voller Sand, sodass ich kurzerhand die Slipper von den Füßen schüttle, sie aufhebe und barfuß den Weg fortsetze. Nur wenige Meter später folgt Bernd meinem Beispiel.

Es ist ein schönes Gefühl, den aufgeheizten Sand an den Fußsohlen zu spüren, eine warme Hand zu halten und im Mondschein dahinzuwandern. Natürlich sind wir auch hier nicht allein, doch der Abstand zu anderen Pärchen ist größer. Als wir am Ende der Bucht angelangt sind, drehen wir um und schlendern langsam zurück. Etwa auf der Hälfte des Weges hält Bernd an, zieht mich näher und lässt gleichzeitig die Schuhe fallen.

„Weißt du überhaupt, wie schön du bist“, haucht er und streicht mit der Fingerspitze bedächtig über meine Augenbraue. „Deine Augen haben die Farbe des Meeres und dein Körper ist unglaublich sexy. Ich würde dich so gern küssen.“

Ich biete ihm meinen Mund. Bernds Lippen sind fest und er schmeckt nach Kaffee und Rotwein. Es fühlt sich angenehm an, aber der zündende Funke bleibt aus. Jedenfalls bei mir, bei ihm sieht es anscheinend anders aus. Unter ersticktem Stöhnen presst er sich an mich und ich kann seine Erektion an meinem Bauch fühlen. Das weckt nun doch Lust in mir. Ich öffne den Mund für Bernds Zunge und lass mich auf das wilde Spiel ein.

„Ich bin verdammt scharf auf dich“, flüstert Bernd, nachdem er uns beiden Zeit zum Luftholen gegönnt hat. „Es ist aber mehr als das. Ich suche einen festen Partner und habe das Gefühl, dass es mit uns passen könnte.“

Das nenne ich mal einen Zieleinlauf vor dem Rennen! Es ist rührend und schmeichelhaft, dass er mich gleich am ersten Abend fast heiraten will. Da ich aber lediglich auf ein Abenteuer aus bin, komme ich mir gerade vor, als hätte ich die Rolle mit Domenico vertauscht. Bernds Erwartungshaltung erdrückt mich.

„Hör mal …“, beginne ich zögernd. „Generell möchte ich irgendwann auch eine feste Beziehung. Das hier stelle ich mir erst mal als Urlaubsflirt vor, ohne Einschränkungen. Wäre das okay für dich, oder …?“

„Sicher! Natürlich!“, ruft leise Bernd, streichelt durch mein Haar und lächelt mich verständnisvoll an. „Wir haben ja alle Zeit der Welt.“ Wieder küsst er mich. „Wollen wir die anderen suchen und noch etwas trinken? Es ist noch früh.“

~ * ~

„Na, schon fertig mit der Beißerei?“ Domenico steht breitbeinig auf dem Balkon, einen Drink in der Hand.

„Ich küsse halt gern“, verteidige ich mich, obwohl es eher Bernd war, der nicht aufhören konnte. Ich hab ihn am Ende weggedrängt und eine Gute Nacht gewünscht. Wir sind übereingekommen, dass wir es richtig langsam angehen lassen. Daher schlafe ich in meinem Bett, er in seinem. Im Moment bin ich über dieses Vorgehen nicht gerade glücklich. Mein Schwanz ist hart und Domenicos Angriffslust nervt.

„Der wollte ja fast in dich reinkriechen“, lästert er und nimmt einen Schluck, während er ins Wohnzimmer kommt.

„Ja und?“ Ich stemme die Hände in die Seiten und funkle meinen Freund an. „Und wenn das so ist? Was geht dich das an? Wenn ich mich recht entsinne, sind letzten Urlaub durch dieses Appartement mindestens zehn Fickhäschen gehoppelt. Hab ich da was zu gesagt?“

„Fickhäschen“, murmelte Domenico und prustet im nächsten Moment los. „Fi-hi-hickhäschen“, keucht er kichernd, wobei grünes Zeug gefährlich in seinem Glas herumschwappt. „Davon waren mindestens die Hälfte eher Bulldozer. Mein Arsch brennt jetzt noch, wenn ich daran denke.“

„Na, herzlichen Glühstrumpf! Als wenn ich das wissen will.“ Der Gedanke erzeugt ein schales Gefühl im Bauch. Mich hat Domenico seinerzeit nie an seinen Arsch gelassen. „Was ist überhaupt mit dir? Wieso hast du dir keinen Mann aufgegabelt?“, lenke ich ab.

Domenico wird schlagartig ernst, nippt an seinem Drink und dreht mir den Rücken zu. „Keine Lust“, meint er lapidar.

Ich bin echt zu müde, um mich weiter mit ihm auseinanderzusetzen. „Schlaf gut“, murmele ich, trotte zum Bad und nach kurzer Mundhygiene in mein Zimmer. Domenico guckt weiter aus dem Fenster, aber ich weiß, dass er mich in der Glasscheibe sehen kann. Ich fühle seinen Blick förmlich und habe keine Ahnung, was ich davon halten soll.


Tag 2



Kaffeeduft weckt mich. Erstaunt schlage ich die Augen auf und entdecke Domenico auf meiner Bettkante. Er hält einen Becher und fächelt die aufsteigenden Dämpfe in meine Richtung. Sieht verdammt lächerlich aus, fühlt sich aber irgendwie gut an.

„Morgen“, nuschele ich, setze mich auf und lehne den Rücken an das hölzerne Kopfteil. Domenico reicht mir den Kaffeebecher und guckt zu, wie ich mit vorsichtigen Schlucken trinke. „Ich hab Weißbrot besorgt. Außerdem Butter, Käse und Marmelade. Dachte es wäre nett, auf dem Balkon zu frühstücken.“ Er lächelt unsicher. „Oder … schimpfst du jetzt wieder?“

„Sollte ich wohl, finde die Idee aber ausgesprochen gut.“ Ich blinzle ihm zu, woraufhin sich seine Miene aufhellt. „Ist auch viel günstiger, als wenn wir jeden Morgen essen gehen“, sprudelt er hervor. „Außerdem mag ich das Zeug eh nicht, was die hier zum Frühstück anbieten. Unser Kaffee ist auch leckerer.“

Nachdenklich betrachte ich ihn über den Becherrand hinweg, während ich trinke. Hat mein Freund Geldsorgen? Als ich das letzte Mal mit ihm in Hamburg gesprochen hatte, lief noch alles gut. Ups! Gerade fällt mir ein, dass wir uns vor der Reise rund drei Monate nicht gesehen haben, nur manchmal telefoniert. In der Praxis ging es hoch her, da zwei meiner Angestellten gleichzeitig gekündigt hatten und Domenico schien auch sehr beschäftigt.

„Ist was mit deiner Firma?“, erkundige ich mich zögernd.

„Oh nein! Die läuft super!“ Er springt auf und läuft zur Tür. „Ich koche uns Eier. Magst du deins immer noch hart?“, fragt er über die Schulter. Ich nicke, starre ihn hinterher und habe spüre ein aufregend kribbeliges Gefühl im Bauch. Irgendetwas ist mit Domenico passiert. Mir schwant, dass der Urlaub zu einer harten Probe für mich werden wird.

„Luscht, die Inschel schu erkunden?“, fragt Domenico kauend am Frühstückstisch.

„Mann! Was sind das für Manieren?“ Ich verdrehe die Augen. „Du willst was anderes tun, als am Strand liegen?“, komme ich dann auf seine Frage zurück.

Er nickt eifrig. „Klar! Strand hatten wir doch schon und ich hätte echt Lust, mit einem Mietwagen ein bisschen rumzugurken.“

„Die haben hier aber bestimmt keinen Porsche“, ziehe ich ihn auf.

„Ich kann jeden Wagen fahren“, erklärt Domenico von oben herab.

„Ja. Das weiß ich. Aber ob dein Ego damit klar kommt?“

„Ich werd’s überleben.“ Er grinst und greift nach einer Scheibe Weißbrot. „Wie ist dein Ei?“

„Steinhart.“

„Wunderbar. Dann würdest du mich heiraten?“

Mir fällt das Messer runter. Es klirrt in der Stille wie ein Donnerhall. Ich glotze Domenico an.

„Ich denke, wir sollten den Urlaub abbrechen“, sage ich leise, nachdem meine kurz verschwundene Stimme es wieder zulässt. „So hat das keinen Sinn.“

„Verstehst du keinen Spaß mehr?“ Domenico schiebt, wie ein kleiner Junge, schmollend die Unterlippe vor, beugt sich runter und hebt das Messer auf. „Wenn das so ist, sollten wir wirklich nach Hause fahren“, brummelt er eingeschnappt.

„In der Beziehung verstehe ich keinen Spaß.“ Ich schnappe mir das Besteckteil und werfe es auf den Tisch. „Wir sind schließlich etwas vorbelastet und ich will in keiner Form daran erinnert werden.“

„War es so schlimm?“ Mein Freund schlägt die Augen nieder und seine Schultern sacken runter. „Ich dachte immer, es war eine gute Zeit.“

War! Die Betonung liegt auf war! Und ich will nie – nie! – nie wieder etwas davon hören!“, fahre ich ihn an, streiche mir aufgebracht die Haare zurück und stehe auf, da ich einfach nicht mehr stillsitzen kann. Ich wende mich zur Balkonbrüstung und stütze mich darauf ab. Tausend Bilder rasen durch meinen Kopf. Wir im Bett. Domenico auf mir. Seine erregte Miene, wenn er mich dann angesehen hat. Die leisen Liebesschwüre. Danach die Entdeckung, dass er mich die ganze Zeit belogen und betrogen hat. Die Wunde blutet nach all den Jahren immer noch.

„Entschuldige“, bittet Domenico kleinlaut. „Ich wusste nicht, dass dich das so aufwühlt.“

Eine Weile starre ich in die Ferne, ohne die Häuser oder das Meer richtig wahrzunehmen. Nur langsam legt sich der Sturm in mir. Ich atme tief durch, drehe mich um und nehme betont gelassen wieder Platz. Er kann ja nichts dafür, dass ich einfach nicht darüber hinwegkomme. Domenico ist eben ein Elefant im Porzellanladen. Ein Wunder, dass er sich überhaupt an Dinge wie das harte Ei erinnern kann.

„Bist du wieder mein Freund?“ Lammfromm pliert er mich an und bringt mich damit sogar zum Schmunzeln. „Aber immer doch. Mit dem Ausflug … ich hab eigentlich Bernd den heutigen Tag versprochen.“

Sofort zucken Domenicos Mundwinkel nach unten. „Bernd, Bernd. Ich höre immer nur Bernd!“, brummelt er, erhebt sich und verschwindet im Wohnraum. Das Mahlwerk der Kaffeemaschine dröhnt, es folgt das Geräusch der Pumpe, die heißes Wasser über das Pulver spuckt. Domenico kommt mit einem Becher zurück, plumpst auf seinen Stuhl und lächelt mich an. Während er vorsichtig an dem Espresso nippt, scheint er zu überlegen.

„Also gut. Dein Freund Bernd darf mit. Wie findest du das?“ Er guckt, als hätte er gerade des Pudels Kern gefunden. Irgendwie ist der Kerl hinreißend, wenn auch manchmal übertrieben kindlich. Dafür liebe ich ihn! Als Freund natürlich! „Finde ich gut“, sage ich erfreut. „Wir fragen ihn einfach, ob er mit will, okay?“ Domenico nickt.

~ * ~

Natürlich wollte Bernd nicht mit. Als ich ihn vorhin am Strand traf, Domenico im Schlepptau, hat er nur einen Blick auf diesen geworfen und den Kopf geschüttelt.

„Fahrt allein. Wir haben ja den ganzen Abend für uns, nicht wahr?“, hat Bernd gesagt. „Um acht im San Marco? So wie gestern?“ Mit einem zarten Kuss habe ich zugestimmt. Domenico hat ein ‚wie niedlich‘ gebrummt und ich mit den Augen gerollt. Die anderen aus der Clique, mit denen Bernd am Strand abhing, wünschten uns viel Spaß. Danach ging’s zur Autovermietung. Natürlich musste es ein BMW Cabrio sein.

Inzwischen sitzen wir die zweite Stunde in dem Wagen und brausen über die Straßen. Ab und zu hält Domenico an, damit wir eine besonders schöne Aussicht oder ein interessantes Bauwerk angucken können. Ich habe den Verdacht, dass er das Auto nur um des Fahrens willen geliehen hat, lass ihm aber das Vergnügen. Es gefällt mir, von einem so sicheren Chauffeur durch die Gegend gegondelt zu werden. Endlich sehe ich mal etwas anderes als Strand. Ibiza hat auch andere Seiten.

Kahle Felsen prägen die Landschaft, durchbrochen von Geröllfeldern und vereinzelt landwirtschaftlich genutzten Flächen. Immer wieder blinken die weißen Mauern einsam gelegener Anwesen durch Baumreihen. Im Inneren der Insel herrscht herrliche Ruhe, gemessen an dem bunten Treiben an den Stränden.

Gegen Mittag steuert Domenico wieder die Küste an. Wir landen in einem Städtchen mit dem malerischen Namen Santa Eularia. Ähnlich wie in Ibiza Stadt ist der Ort touristisch überlaufen. „Ich hab Hunger“, meint Domenico, stellt den Wagen auf einem öffentlichen Parkplatz ab und schließt das Verdeck. „Du auch?“, wendet er sich an mich.

Die Distanz zwischen uns beträgt weniger als einen Meter. So nahe, rein körperlich und außerhalb meiner Praxis, waren wir uns seit Ewigkeiten nicht. Ich kann ihn riechen, sogar seine Hitze spüren. Seine dunklen Augen haben mich damals fasziniert, sie tun es noch immer. Er hat verboten lange, dichte Wimpern. Mein Blick wandert automatisch zu seinen Zähnen, die er mit einem breiten Lächeln entblößt. Ich kenne sein Gebiss, dennoch muss ich hinstarren.

„Du musst mal wieder zum Zahnsteinentfernen vorbeikommen“, murmele ich in Gedanken.

„Ups!“ Sofort presst er die Lippen zusammen. „Hey! Nun lass mal den verdammten Zahnarzt ruhen! Wir haben Urlaub!" Er klopft mit dem Fingerknöchel gegen meinen Schädel. „Erde an Andi: Uuuurlaub!“

„Entschuldige. Der Dentist in mir.“ Ich seufze übertrieben. „Mach einen Termin, sobald wir zurück sind. Ach ja: Ich hab auch Hunger.“

Eine Stunde später sitzen wir wieder im Wagen. Das Essen war … es ging. Okay, meine Ansprüche sind wohl zu hoch gesteckt, aber das Zeug war versalzen, fettig und das Gemüse verkocht. „Ich könnte jetzt einen Underberg vertragen“, spricht Domenico meine Gedanken laut aus. „Puh! Lieber einen Ouzo. Ich hab das Gefühl, mir liegt ein Stein im Magen“, entgegne ich und reibe mir über den Bauch.

„Ein flacher Stein“, nuschelt mein Freund.

„Hä?“ Ich schaue zu ihm rüber.

„Na, dein Bauch ist verdammt flach und sehr … sexy.“ Ich kann sehen, wie sein Adamsapfel hüpft, als er schwer schluckt. „Lass dir nie einreden, dass du nicht attraktiv bist“, flüstert er und für lange Zeit herrscht Schweigen.

~ * ~

Seit Domenicos Worten dreht sich die Welt anders. Ich fühle mich anders. Leicht und … irgendwie sehr gemocht. Ein gutes Gefühl, warm und wie ein schützender Kokon. Natürlich hat Domenico in den vergangenen Jahren schon auf andere Art bewiesen, dass er mein Freund ist. Einmal hat er eine Gruppe homophober Schlägertypen davon abgehalten, mich zu belästigen. Ein anderes Mal hat er mich nach Hause gebracht, als ich voll wie eine Haubitze war. Dennoch ist das verbale Eingeständnis seiner Zuneigung ganz anders. Ich werte seine Worte mal einfach als ein solches. Er redet zwar viel, doch meist nur oberflächlichen Kram. Trotz – oder gerade wegen – seines umtriebigen Sexlebens trägt Domenico das Herz nicht auf der Zunge.

„Dann zwitscher mal los. Dein Bernd wartet sicher schon“, knurrt Domenico, die Hände in die Taschen seines Bademantels gestopft.

Vor ungefähr einer Stunde sind wir im Appartement eingetroffen. Ich habe schnell geduscht und – mit Blick auf die Uhr – mich mit dem Ankleiden beeilt. Schließlich bin ich verabredet. Domenico hingegen hat getrödelt und ist gerade erst aus dem Bad gekommen. Die nassen Locken kleben an seinem Nacken und hängen über die Ohren. Ein überaus … ich darf das natürlich nicht sagen, aber es sieht einfach süß aus.

„Du kommst nach?“, vergewissere ich mich.

„Klar. Gib mir eine Stunde. Muss mich noch hübsch machen.“ Er feixt.

Es liegt mir auf der Zunge ihm zu sagen, dass er auch so … Ich lass es. Wem würde ich damit dienen?

„Okay. Dann bis gleich“, sage ich, schnappe mir Schlüssel und Geldbörse und laufe zur Tür.

„Falls es länger dauert … wartet nicht auf mich“, ruft Domenico mir hinterher.

Es ist komisch für mich, allein durch Ibizas Gassen zu laufen. Bisher habe ich das nur getan, wenn ich eher als Domenico nach Hause wollte. Meist war ich dann etwas angeschickert, diesmal bin ich stocknüchtern und zugleich aufgeregt. Ich freue mich auf Bernd, darauf, sein schönes Gesicht zu sehen und seine warme Hand zu halten. Meine Libido ist frisch erwacht, vielleicht wegen Domenicos Worten. Ich will mich unbedingt verlieben, wünsche mir das so sehr! Warum also nicht in Bernd?

Er empfängt mich mit einem breiten Lächeln, als ich das San Marco betrete. Anscheinend hat er auf mich gewartet, obwohl ich pünktlich bin. Ein Teil der Clique von gestern ist schon da und hockt um den großen Tisch herum. Ich werde mit Kopfnicken oder knapp gemurmelten Worten begrüßt, während ich mich neben Bernd niederlasse.

„Hallo“, wispert der und schnappt sich meine Hand. „Der Tag war lang ohne dich.“

Mein schlechtes Gewissen hält sich in Grenzen. Schließlich habe ich ihm angeboten, Domenico und mich zu begleiten. Ich bestelle mir ein Glas Rotwein, plaudere ein wenig mit Bernd und den anderen. Nach und nach treffen weitere Bekannte ein, bis nur noch Domenico fehlt.

„Was ist mit deinem Freund?“, fragt mich schließlich Frank, der eine Art Rädelsführer der Clique darstellt.

„Er wollte nachkommen, meinte aber, dass wir nicht auf ihn warten sollen“, richte ich Domenicos Nachricht aus.

„Okay. Dann lasst uns bestellen. Ich habe Hunger“, entscheidet Frank, woraufhin alle ihre Zustimmung kund tun.

Rund zwei Stunden später steht ein Espresso vor mir, die leeren Teller sind verschwunden und von Domenico noch immer keine Spur. Das macht mir ein bisschen Sorgen, da er noch nie beim Essen gefehlt hat. Ist er vielleicht überfallen worden? Ich hole mein Handy hervor und prüfe, ob er angerufen hat. Nichts. Sollte ich in unserem Appartement nachsehen? Was, wenn er gestürzt ist und hilflos dort liegt?

„Ich muss mal nach Domenico sehen“, raune ich Bernd zu. „Ich mach mir Sorgen.“

„Tu das, Schatz“, wispert er zurück, küsst mich und drückt kurz meine Hand.

Schatz? Der Mann legt wirklich ein ganz schönes Tempo vor. Irgendwie mag ich das nicht, unterdrücke aber das miese Gefühl, lächle ihm zu und stehe auf. Als ich mich gerade in Bewegung setzen will, marschiert Domenico in das Lokal. Ich kann gleich an seinem verschwommenen Blick erkennen, dass er ganz schön betrunken ist. Erleichtert darüber, dass ihm nichts zugestoßen ist, setze ich mich wieder hin.

„N’Abend allerseits“, grüßt Domenico in die Runde, plumpst schwer auf den letzten freien Stuhl und rülpst, wobei er die Hand vor den Mund hält. „Sorry. Ich hab ein paar Cocktails hinter mir“, nuschelt er und grinst breit.

„Wir haben schon gegessen“, erklärt Frank. „Andi meinte …“

„Ist okay“, unterbricht ihn Domenico. „Ich hau mir ein paar Pommes rein und fertig.“

Mein Freund benimmt sich wie ein Bauarbeiter. Die Fritten stopft er sich mit den Fingern in den Mund, muss immer wieder aufstoßen und gibt zwischendurch schmutzige Witze zum Besten. Bernd verzieht angeekelt den Mund und ich bin auch nicht gerade begeistert. Was ist nur in Domenico gefahren? Der Rest der Clique scheint sich über dessen Verhalten zu amüsieren.

Beim anschließenden Besuch des Clubs Pink Panther fällt Domenicos plumpes Verhalten zwischen den ganzen schrägen Vögeln nicht weiter auf. Ibiza bei Nacht lockt allerlei buntes Volk an. Es zählt: Sehen und gesehen werden. Ich halte mich an einem Cocktail fest und bewundere die schillernden Gestalten, die in einem stetigen Strom an mir vorüberziehen. Bernd macht ein sauertöpfisches Gesicht.

„Dein Freund ist ganz schön peinlich“, flüstert er in mein Ohr. „Ich würde gern hier weg. Magst du mit zu mir kommen?“

Eigentlich gefällt es mir in dem Club. Der Gedanke an Sex ist jedoch auch nicht übel. Ich schlürfe schnell den Rest Cocktail in mich rein, stelle das Glas ab und schnappe mir Bernds Hand. „Dann lass uns abhauen“, stimme ich zu, was er mit einem freudigen Schmunzeln zur Kenntnis nimmt.

Bernds Hotelzimmer ist schlicht, kein Vergleich zu dem schicken Appartement, das Domenico und ich bewohnen. Ein breites Bett dominiert den Raum. An der Wand befindet sich ein Einbauschrank, daneben ein Regal mit Fernseher. Vor dem Fenster steht ein Tisch mit zwei Stühlen.

„Nett“, murmele ich.

„Für die eine Woche reicht es“, erwidert Bernd, zieht mich in seine Arme und küsst mich hart.

Mit seiner Technik kann ich mich leider nicht anfreunden. Er quirlt mit der Zunge durch meine Mundhöhle, als würde er verzweifelt etwas suchen. Zum Glück bin ich dermaßen ausgehungert, dass mich das nicht sonderlich abschreckt. Stöhnend drücke ich meinen Unterleib gegen seinen und signalisiere so grundsätzliche Bereitschaft.

„Du bist so sexy und wild“, keucht er, lässt mich los und zieht sich aus.

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