Logo weiterlesen.de
Arztroman Trio September 2018 Sammelband: Drei Romane

UUID: ea94191a-b670-11e8-8bbe-17532927e555
Dieses eBook wurde mit StreetLib Write (https://write.streetlib.com) erstellt.

Inhaltsverzeichnis

  • Arztroman Trio September 2018: Sammelband 3 Romane
  • Dr. Kaingruber kämpft um Haus Sonnenblick
  • Copyright
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11
  • 12
  • 13
  • 14
  • 15
  • 16
  • 17
  • 18
  • Ihre verschenkten Jahre
  • Copyright
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11
  • 12
  • Tränen in den Augen eines Kindes
  • Copyright
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11
  • 12
  • 13
  • 14
  • 15

Dr. Kaingruber kämpft um Haus Sonnenblick

Arztroman von G. S. Friebel


Der Umfang dieses Buchs entspricht 126 Taschenbuchseiten.


Doktor Stefan Kaingruber will sich jetzt seinen Wunsch erfüllen – eine Klinik, in der Kindern geholfen wird, wieder ein normales Aussehen zu bekommen. Als er jedoch seiner Schwester Christiane erklärt, dass er den Kaingruberhof zu einem Kindersanatorium umfunktionieren will, ist sie damit nicht einverstanden, denn sie hat in seiner langen Abwesenheit den Hof geführt und nun die berechtigte Sorge, dass sie gehen muss. Doch Stefan schafft es, sie auf seine Seite zu ziehen. Doch der Bürgermeister von Scheffau, Tobias Haflinger, ist ein Gegner dieser Klinik. Was so hoffnungsvoll begann, scheint zu scheitern. Dr. Kaingruber kann nur noch auf ein Wunder hoffen ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




1

Draußen regnete es in Strömen. Alles versank sozusagen hinter einer gläsernen Wand. Man konnte nichts mehr erkennen. Als dann auch noch Nebel aufzog, war es draußen wie in einer Hexenküche.

Die Fenster standen auf. Ein Söller davor verhinderte den Regen, in die Stuben zu dringen. Der Mann am Tisch schien das Wetter gar nicht zu bemerken. Vor ihm lagen viele Papiere und Berechnungen. Auch jetzt ging seine Hand zügig über die weiße Fläche, bedeckte sie mit etlichen Zahlen, um sie dann wieder durchzustreichen und neu anzufangen. Aber auch damit war er nicht zufrieden. Eine Unmutsfalte schob sich zwischen die Augen.

Im Zimmer verstreut standen halb gepackte Koffer. Noch vieles lag herum, was verstaut werden musste. Jetzt hob er den Kopf, sah nach draußen - aber der Blick war nach innen gekehrt,

Es war ein schöner, stolzer Mann, der da am Tisch saß. Er war breitschultrig, kräftig und sehr groß, aber trotzdem wirkte er schlank. Und dann die blauen Augen unter den schwarzen Brauen! Sie konnten leidenschaftlich, zärtlich und auch sehr kühl blicken.

Wieder wurde ein vollgeschriebener Bogen zusammengeknüllt und in den Papierkorb geworfen. In diesem Augenblick klopfte es an der Tür. Es musste dreimal wiederholt werden, bis er es bemerkte.

»Herein!«

Ein junger Mann trat herein, blond und ein wenig kleiner als der am Tisch sitzende.

Kopfschüttelnd sah er sich jetzt um, und dann lachte er leise auf: »Na, und du predigst immer Ordnung! Das müssten die Schwestern mal sehen, da würde es aber ein Donnerwetter geben!«

Der Angesprochene tauchte aus seiner Gedankenwelt auf, sah alles verstreut im Zimmer, sah den Gast an und lachte auch.

»Brauchst es ja nicht weiterzugeben«, sagte er.

»Eigentlich sollte ich es tun, aber es nützt ja nichts mehr. Du gehst ja doch fort.«

»Ja, ich gehe!« Seine Stimme klang jetzt fest und entschlossen.

Doktor Joachim Haller trat jetzt an den Tisch und nahm ein paar Blätter auf.

»Was soll denn das?«

»Ich rechne und rechne mir den Kopf wund, aber ich weiß immer noch nichts.«

»Du lässt also von deinem Plan nicht ab?«

»Nein! Und du hast versprochen, mir zu helfen, wenn es so weit ist, Joachim! Wie steht es damit?«

»Natürlich halte ich mein Wort«, sagte Haller. »Das weißt du doch. Aber, Stefan, überleg es dir doch noch einmal gründlich! Das viele, viele Geld! Du wirst es vielleicht noch mal bitter bereuen. Ich bitte dich, überdenk es noch einmal gründlich. Weißt doch, kannst immer zurückkommen - alle Zeit - ach, ich weiß nicht.«

Doktor Stefan Kaingruber zog die Augenbrauen zusammen.

»Du hast schon mal ganz anders gesprochen, Joachim. Warum jetzt diese Abwehr?«

»Nicht Abwehr, ich finde es noch immer wundervoll. Aber, Stefan - du allein willst für alles bürgen? Ich kann das einfach nicht still hinnehmen. Und wenn es schiefgeht?«

Der Mann stand auf und trat ans Fenster. Das Häusermeer vor ihm war am letzten Tag durch die Regenwand unsichtbar gemacht worden. Dr. Stefan Kaingruber dachte daran, wie oft er an diesem Fenster gestanden hatte, voller Heimweh und Sehnsucht - und dann noch die unglückliche Liebe. Nein, er musste aus Wien fort. Jetzt sofort - heute noch! Er hielt es nicht mehr aus, er war schließlich auch nur ein Mensch. Und er hatte es schon so lange in sich getragen - diesen Wunsch, seine Lebensaufgabe. Jetzt hatte er alle Brücken hinter sich abgebrochen. Nun gab es nur noch ein Vorwärtsstürmen; und er musste den steilen Weg gehen. Einer musste immer den Anfang machen. Ihm war, als würde eine innere Feder ihn treiben. Er konnte ja gar nicht mehr zurück.

Gestern hatte er mit Professor Sondberg gesprochen, dem Mann, unter dem er gelernt hatte, dem er alles verdankte. Und auch der Professor war begeistert gewesen und hatte gesagt: »Wunderbar, Stefan, wirklich wundervoll! Sie können mit meiner Hilfe rechnen. Sie können sich immer an mich wenden. Ich wusste, Sie sind etwas Besonderes. Tun Sie es, und man wird Ihnen dankbar sein!«

Dankbar! Jetzt wo er an die Worte zurückdachte, kam ihm alles so seltsam vor. Annelie! Wieder quoll das Blut aus seinem Herzen hervor. Sie hatte ihn fortgetrieben! Annelie! Und er hatte gedacht, immer hierzubleiben, weil ihn seine kleinen Patienten so sehr liebten. Er hatte sich ihnen vollkommen aufgeopfert.

Stefan Kaingruber drehte sich herum.

»Ich gehe heim, wie abgemacht. Wenn alles klappt, kann ich dir in drei, vier Monaten einen Brief schreiben. Wirst du dann kommen?«

Sie gaben sich die Hände.

»Selbstverständlich, Stefan. Du kannst mit mir rechnen. Und wenn du mal in Schwierigkeiten gerätst, Stefan, lass es mich wissen. Ein wenig kann ich auch locker machen - hörst du?«

Stefan lächelte sanft. »Du bist ein wahrer Freund.«

Haller sagte: »Ich werde dir jetzt beim Packen helfen. Ich sehe schon, du verstehst nichts davon. Hast du dich schon von allen verabschiedet?«

»Ja, ich habe alles getan.«

»Man wird dich sehr vermissen, Stefan!«

Sein Gesicht nahm einen kantigen Ausdruck an. Er wusste, hier war seine Heimat für viele Jahre gewesen - hier war er glücklich, beliebt. Alle mochten ihn. Aber wie würde die Zukunft aussehen?

Er biss die Zähne zusammen. Nein, er durfte jetzt nicht mehr zurückdenken. Er hatte es so gewollt. Aber vielleicht war er feige? Eine Flucht vor sich selbst?

Haller brachte sehr schnell Ordnung, und bald standen die Koffer fix und fertig gepackt.

»Wenn ich dich nicht hätte«, sagte Stefan.

»Wie ein Kindermädchen, für alles zu gebrauchen - ich weiß schon. Aber jetzt muss ich mich auch verabschieden. Ich habe Dienst. Du weißt ja, für dich haben wir noch keinen Ersatz bekommen, und da müssen wir halt mehr arbeiten.«

»Oh, Joachim!«

Sie reichten sich noch einmal die Hände. Haller spürte unwillkürlich, wie der Freund noch immer litt. Und er hatte gehofft, er hätte alles überstanden. Es war nicht gut, wenn man jemanden mit blutendem Herzen gehen ließ. Aber Stefan war so stolz und konnte auch oft sehr unnahbar sein. Er kam eben aus uraltem Bauerngeschlecht, und die hatten ihre Dickschädel. Stefan wollte nichts davon wissen.

»Ruf mich an, damit ich weiß, dass du gut angekommen bist, Stefan!«

»Ich werd es nicht vergessen.«

Dann war er wieder allein. Eigentlich hätte er jetzt seine Koffer nehmen können und fortfahren, die Tür hinter sich absperren und sich nicht mehr umdrehen. Er zögerte noch immer.

Wieder stellte er sich ans Fenster. Jetzt hatte sich auch der Nebel wieder ein wenig gelichtet, und er sah die Häuser von Wien. Das Städtische Krankenhaus lag mitten drin. Zwar hatten sie einen großen Park und auf diese Weise ein wenig Luft um sich, aber für Stefan war es doch erdrückend gewesen. All die Jahre! Aber da war die Arbeit gewesen - als Chirurg hatte er sich bald einen Namen gemacht. Er war ein besonderer Chirurg. Zu ihm brachten sie die Kinder mit entstellten Gesichtern; und er versuchte, ihnen wieder ein menschliches Aussehen zu geben. Aber das war es nicht allein. Sie brauchten nicht nur ein neues Gesicht, sondern auch wieder Zuversicht und Hoffnung. So viel! Er konnte in die kleinen verstörten Seelen lesen. Und um dieser Kinder willen, um ihnen mehr zu geben, als diese Klinik in der Lage war, um ihnen eine schöne Umgebung zu geben in all ihrem Schmerz, darum wollte er jetzt ausziehen und kämpfen. Schon lange hatte er mit diesem Gedanken gespielt, aber irgendwie war er dann immer so beschäftigt gewesen, dass er es auf später verschoben hatte. Er war ja noch jung, und so viel Zeit lag noch vor ihm.

Aber dann war das mit Annelie passiert. Vor drei Wochen. Jetzt war ihm Wien verhasst. Er hielt es hier nicht mehr aus. Hinzu kam noch die Angst, er würde sie zufällig auf der Straße wiedertreffen. Das ging einfach über seine Kraft. Er konnte nicht! So leidenschaftlich hatte er sie geliebt. Für Annelie hätte er alles getan.

Wieder stöhnte er auf.

Er holte ihr Bild aus der Brieftasche. Mit starren Augen sah er auf die feinen Züge - das blonde, fast weiße Haar, die hellen, gütigen Augen - das liebe Gesicht. Mein Gott, wie sehr hatte er sie geliebt. Und dann ihr Lachen! Sie konnte so übermütig lachen, sie konnte sich so sehr über Nichtigkeiten freuen. So voller Frohsinn war sie immer gewesen, so voller Hingabe zu den Kindern.

Sie war Röntgenlaborantin gewesen. Und dort hatte er sie auch kennengelernt. Vom ersten Augenblick an hatte sie sein Herz gefangen. Zuerst hatten sie sich nur bei der Arbeit gesehen. Aber Stefan war immer besonders glücklich gewesen, wenn er wusste: Gleich gehe ich wieder zu ihr.

Es hatte nicht lange gedauert, bis sie sich auch außerhalb der Klinik getroffen hatten: wundervolle Fahrten in die Umgebung, herrliche Ausflüge. Sie waren tanzen gewesen, sie hatten tausend Gespräche geführt. Ach, sie war eben die Vollkommenheit selbst.

Annelie! Alle in der Klinik wussten um diese zarte Liebe. Stefan war manchmal ein wenig unbeholfen und hölzern den Frauen gegenüber. Aber Annelie wusste, was in seiner Seele vorging. Und sie liebte ihn auch so sehr! Er war der Mann, den sie sich wünschte. Und man sagte ihnen eine glückliche Ehe voraus. Sie hatten alle Voraussetzungen dazu. Hin und wieder hatte Stefan auch mit Annelie über seinen Plan für die Zukunft gesprochen. Sie hatte ihn dann mit leuchtenden Augen angeblickt und gesagt: »Das ist wundervoll, Stefan. Das musst du wirklich tun, hörst du? Warum wartest du noch so lange?«

»Wenn du mit mir kommst«, hatte er lachend gesagt, »dann habe ich eine Fachkraft, die ich nicht bezahlen muss!«

»Oho!«, hatte sie lachend geantwortet. »So ist das also mit dem Herrn Doktor! Darum also spaziert er die ganze Zeit um mich herum. Na, jetzt werde ich auf der Hut sein.« Und ihre Augen hatten wie Kristalle geglitzert.

Ach, die Zeit des wirklichen Kennenlernens war so wundervoll, so zauberhaft gewesen! Stefan wollte sie auskosten, bis zur Neige. Seiner Meinung nach hatten sie ja so viel Zeit. Die Zeit vor der Heirat war doch immer die schönste. Das heimliche Werben, das Sich-dem-anderen-hingeben, das Ihn ergründen. Stefan war glücklich - so glücklich und in sich gesponnen, dass er nicht merkte, wie langsam dunkle Wolken an diesem, seinem rosaroten Liebeshimmel aufzogen.

Den Anfang machte der Tod von Annelies Vater. Ganz plötzlich war er verstorben. Stefan wusste von Annelie, dass der Vater ein Fotogeschäft besaß. Dieses hatte er schon von seinem Vater und dieser wiederum von seinem Vater geerbt. Er hatte nie danach gefragt, ob sie gut damit verdienten. Er wusste nur, dass sie noch einen kleinen Bruder hatte. Wolfgang hieß er und würde bald zehn Jahre alt werden.

Es musste so viel getan werden, und Annelie musste sich um alles kümmern. Stefan hätte ihr so gern geholfen, aber sein Dienst war gerade in jener Zeit so anstrengend gewesen; und dann hatten sie auch noch zwei schwierige Operationen zu bewältigen. Annelie kannte ihn und sagte mit ihrer lieben Stimme: »Ich werde schon damit fertig.« Ihre Augen hatten so traurig geblickt, und ihr Lächeln war so zaghaft gewesen, so entsagend. Aber Stefan hatte es anders gedeutet - er hatte geglaubt, die Trauer um den Vater würde sie so niederdrücken.

Als dann die Zeit kam, wo es wieder ruhiger um sie wurde, hatte sie immer noch keine Zeit für ihn. Ja, dann war der Augenblick gekommen, an dem Stefan fühlte: Sie geht mir aus dem Wege!

Was war geschehen? Was nur?

Drei Tage quälte er sich mit dieser Frage herum: Was habe ich falsch gemacht? Dann hielt er es nicht mehr aus und stürmte los. Er musste sie sprechen. Wie verändert wirkte Annelie, wie eingefallen und blass ihre Wangen.

»Annelie!« Er wollte sie in seine Arme schließen, ihr so viele liebe Worte sagen, aber sie wich ihm aus. Totenblass und mit gesenkten Augen stand sie vor ihm.

»Ich muss mit dir reden, Stefan.« Wie zerbrochen klang ihre liebe Stimme.

»So rede, meine Liebste! Oh, ich werde jetzt für dich sorgen, damit du wieder meine alte Annelie wirst. Was ist geschehen? Trauerst du so sehr?«

»Bitte, lass mich ausreden!« Wie flehend ihre Stimme klang!

Stefan hatte sich hingesetzt und gewartet. Annelie war auf und ab gegangen. Sie rang mit den Händen, und er fühlte: Da war etwas. Und plötzlich spürte er, wie sich sein Herz zusammenzog.

Und dann begann sie: »Ich werde in vier Wochen heiraten, Stefan. Einen Peter Werner, er ist unser Angestellter. Er ist nett und ...«

»Annelie!«, hatte er aufgeschrien. »Das ist nicht wahr! Du machst Scherze, ja?«

Sie lächelte, und jetzt liefen Tränen über ihr Gesicht.

»Ich hab es dem Vater auf seinem Totenbett versprechen müssen. Sonst hätte er einen schlimmen Tod gehabt. Wegen dem Wolfgang, weißt doch. Er ist doch noch ein Kind - und dann ist da die Mutter - und das Geschäft soll doch mal der Wolfgang bekommen, so wie der Vater es von seinem Vater bekommen hat. Ich kann keine zweite Kraft einstellen und bezahlen. So viel gibt das Geschäft nicht her. Und Peter kennt sich aus. Wir, wir kennen uns schon sehr lange. Er liebt mich, und er hat mir versprochen, alles so zu tun, wie der Vater es getan hätte.«

Stefan war im ersten Augenblick wie vor den Kopf geschlagen. Das konnte doch nicht sein! Das durfte doch nicht wahr sein!

»Aber wir lieben uns doch«, hatte er mit brüchiger Stimme geantwortet. »Annelie, du liebst mich doch. Ich liebe dich, ich kann ohne dich nicht leben, ich ...«

»Bitte, Stefan, mach es mir doch nicht so schwer. Ich muss dich vergessen, hörst du? Ich kann doch nicht anders, ich kann es doch nicht ...« Dann war es um ihre Fassung geschehen. Sie warf sich an seine breite Brust und weinte und weinte.

Stefan hatte ihre zuckenden Schultern gestreichelt, ihr alle möglichen Koseworte gegeben, aber zugleich hatte sein Gehirn fieberhaft nachgedacht. Annelie wollte sich für die Familie opfern - für den Bruder, für die Mutter. Der Vater hatte ihr das Versprechen abgenommen. Und er kannte seine selbstlose Annelie gut genug, um zu wissen, dass sie ihr eigenes Glück für die anderen opfern würde.

O du mein Gott, es war ja auch sein Glück! Zwei Menschen sollten glücklich bleiben - dafür mussten zwei andere Menschen unglücklich werden. War das gerecht?

»Annelie, kann ich denn nichts tun? Nichts? Ich will um meine Liebe kämpfen, Annelie, hörst du! Ich will alles tun, was du mir sagst!«

Sie hatte den Kopf gehoben und ihn mit ihren lieben Augen angesehen.

»Du kannst nichts tun, Stefan. Nichts. Du hast deinen Traum, du musst ihn verwirklichen, Stefan du musst es tun. Vergiss mich! Du ... du wirst eines Tages ein anderes Mädchen finden und mit ihr glücklich werden. Ich bin dir nur eine Last. Ich kann nicht von dir verlangen, dass du alles aufgibst.«

»Meine Zukunft ist ein Nichts, wenn du nicht bei mir bist, Annelie«, hatte er gerufen.

»Die Kinder brauchen dich. Du bist begnadet, ich weiß es. Du kannst dich nur für eine Sache einsetzen. Was willst du denn tun? Deinen Beruf wechseln, Fotofachmann werden?« Sie hatte ein wenig bitter gelächelt.

»Aber ich verdiene doch! Ich könnte euch unterstützen. Warum willst du das nicht, Annelie?«

»Weil es nicht geht. Du hast ein Recht auf eine Zukunft. Ich wäre dir nur ein Klotz am Bein, Stefan. So viel verdienst du auch nicht, dass du mich, meinen Bruder und meine Mutter ernähren könntest. Und du willst doch auch eigene Kinder haben. Ach, Stefan, wir müssen uns trennen. Wir müssen!« Und dann war sie einfach davongelaufen. So schnell, dass er ihr nicht einmal folgen konnte.

Sein Herz hatte sich aufgebäumt. Er wollte ihr nach, sich das Glück zurückerobern, aber er wusste, Annelie würde ihm keine Chance geben.

Mit verzerrtem Lächeln steckte er das Bild wieder in seine Brieftasche zurück. Vorgestern hatte Annelie den Peter Werner geheiratet. Er hatte hinten in der kleinen Kirche gestanden, hinter einer Säule. Er hatte ihr liebes Gesicht gesehen. Es war starr wie eine Maske gewesen. Ein anderer hatte an ihrer Seite gestanden. Jetzt waren sie Mann und Frau!

Als sie sich umdrehten, um die Kirche zu verlassen, war er fortgerannt. Abends war er dann zu Professor Sondberg gegangen und hatte ihn gebeten, ihn vorzeitig freizugeben - mit der Ausrede, jetzt das zu tun, was er schon die ganze Zeit vorgehabt habe.

Man hatte ihn selbstlos und edel genannt, aber nur Joachim wusste, dass er auf der Flucht vor sich selbst war. Ein verwundetes Tier verkriecht sich in die Einsamkeit!



2

Die Fahrt hatte ihn sichtlich angestrengt. Doch als dann Kufstein in Sicht kam, fühlte er sich auf einmal wieder munter. Nun kamen die heimischen Berge immer näher. Es würde nicht mehr lange dauern, und er würde in Scheffau, seinem Geburtsort, sein. Für Augenblicke hatte er seinen Schmerz vergessen. Die Berge nahmen ihn wieder gefangen. Wie lange, ach, wie lange war er schon nicht mehr daheim gewesen!

Das wilde, stolze Kaisergebirge mit seinen Schrunden und Abgründen, mit den schroffen Wänden! Fast böse blickten die Berge auf die kleinen Täler und Behausungen der Menschen. Einst hatten Kaiser und Könige hier gejagt. Aber das war schon lange her. Sie zu bezwingen, das erforderte sehr viel. Und weil er so unwegsam war, der Wilde Kaiser, darum hausten dort auch wieder Adler, die an anderer Stelle schon lange ausgestorben waren. Und auch die Gämsen kletterten herum, als wäre das gar nichts.

Jetzt, wo das Abendrot die Bergspitzen vergoldete, sah er zwar nicht so grimmig aus, aber Stefan kannte ihn. So manche Lawine hatte den Dörflern im Winter arg zu schaffen gemacht. Harte Arbeit und viele Generationen hatte es gebraucht, um dem Berg das abzuringen, was sie jetzt besaßen. In seinem Schatten lagen jetzt blühende Almen, Wiesen und Äcker. Doch am Berge selbst konnte sich keine Hütte halten wie anderswo. Der Kaiser ließ es nicht zu, er schüttelte sie immer wieder ab.

Er war wieder daheim! Wie schön das klang und zugleich fühlte er auch, wie sein Herz ruhiger wurde. Die Berge, seine geliebten Berge würden ihm helfen, das Weh zu vergessen. Wie sehr hatte er diesen Anblick vermisst! Nie hatte er von seinem großen Heimweh gesprochen.

Von Kufstein bog er nach Eiben ab, und dann dauerte es nicht mehr lange, bis er in Scheffau einbog, diesem winzigen Ort am Fuße des Wilden Kaisers. Man konnte hundert Jahre fortbleiben - hier würde sich nie etwas ändern. Scheffau, Heimat und Zuflucht - jetzt brauchte er sie umso mehr!

Ich bin wieder daheim!

Seine Brust wurde weit, und er atmete tief die würzige Luft ein. Man war bei der Heuernte!

Scheffau musste sich mit den Brosamen des Tourismus zufrieden geben, obwohl es so wunderschön lag. Nicht weit von hier entfernt lagen Kitzbühel und St. Johann, Wörgl und viele andere bekannte Orte, mit denen es nun einmal nicht konkurrieren konnte. Zwar war es Stefan recht, dass hier noch die alte, friedliche Ruhe herrschte. Die Dörfler dachten freilich anders, denn sie blickten neidisch auf die Nachbarn, die durch Stubenvermieten viel leichter und schneller zu Geld kamen - und das auch noch regelmäßig. Man fuhr durch Scheffau - gewiss, es gab auch hier in diesem kleinen Ort ein paar Übernachtungen - aber so wenige, dass sie nicht des Erwähnens wert waren.

Stefan hielt seinen Wagen neben der kleinen, buntbemalten Kirche und sah sich um. So schnell würden ihn die Dörfler nicht wiedererkennen, obwohl er einer der ihren war. Aber die Zeit ... Und wenn er mal heimgekommen war, dann nur kurz. Er hatte sich kaum im Dorf oder im »Krug« sehen lassen.

Jetzt würde alles anders sein. Alles! Er war heimgekommen, und wollte wieder einer der ihren werden.

Sein Blick schweifte jetzt nach Osten ab. Dort oben, hoch über dem Dorf, da lag ein Hof, prachtvoll und schön, einer Trutzburg gleich, mit vielen blanken Fenstern und geschnitzten Laubengängen. An die achtzehn Zimmer beherbergte das tief herunterhängende Dach. Uralt war das Haus, hatte schon viel Leid und Freud gesehen. Mächtig und stolz war es einst gewesen, als es noch hieß: Du bist der Herr, und ich bin dein Diener. Ich muss tun, was du mir sagst und darf nicht aufmucken.

Bis weit nach dem zweiten Weltkrieg war ihre Macht noch ungebrochen gewesen. Aus diesem Geschlecht waren große Männer gekommen. Einer war Landrat geworden, dann Pastoren, Lehrer. Ja, sie hatten immer einen klugen Kopf gehabt, die Kaingrubers. So war es damals gewesen. Die alten, vergilbten Urkunden gaben Auskunft darüber - und so hatte es auch die jüngste Zeit wieder gezeigt. Man hatte es als normal angesehen, wenn der Großbauer seine Kinder auf die höhere Schule schickte und sie was lernen ließ, besonders wenn mehr als ein Bub vorhanden war. Sie brauchten sich nicht - wie so viele andere Bauernsöhne - anderswo zu verdingen. Sie hatten dann ihr eigenes gutes Einkommen und waren auch angesehen. In Tirol gab es noch das Gesetz, dass der Hof niemals geteilt wurde. Der erste Sohn bekam den Hof und alles dazu. Die anderen Kinder, ob Söhne oder Töchter, eine reiche Mitgift, mehr aber nicht. Darum konnten sich hier viele alte Geschlechter lange halten. Und man war stolz darauf.

Stefan fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Alles war gut und richtig gewesen. Walter war der Erstgeborene gewesen, und nach den hiesigen Gesetzen würde er eines Tages das stolze Anwesen der Urväter übernehmen und es noch weiter vergrößern, so wie der Vater es vorher auch getan hatte. Die Tiroler waren ein stolzes und sparsames Geschlecht.

Er, der zweitgeborene Sohn sollte studieren, so wie die Onkel vor ihm. Nichts war zu teuer, dafür sorgte der Vater. Und Stefan hielt es für gut. Er liebte die Bücher, und er hatte sich auf die Zeit gefreut, da er nach Innsbruck ins Internat ging, um viel zu lernen. Ja, der Vater war mächtig stolz auf seinen Zweiten gewesen. Er hatte als Bester das Abitur bestanden; und als er dann dem Vater sagte: »Ich will Arzt werden«, da hatten die Augen des Alten geleuchtet. Er hatte die wetterharte Hand auf seine Schulter gelegt und gesagt: »Du hast das Zeug dazu, Bub. Wir alle werden sehr stolz auf dich sein. Du wirst unserem Namen viel Ehre machen, Bub.«

Er hatte das erste Semester gerade angefangen, als das Unglück passierte. Stefan hatte es zuerst nicht glauben wollen. Er war wie gelähmt gewesen, als er das Telegramm gelesen hatte. Da stand es aber schwarz auf weiß: »Komm heim! Walter ist tot. Vater.«

Walter, sein kraftstrotzender Bruder sollte tot sein? Unmöglich! Das musste ein Irrtum sein, das konnte nicht angehen. Nein, nein, nein, doch nicht Walter!

Mit dem nächsten Zug war er heimgefahren. Als er niemanden am Bus stehen sah, und als die Dörfler mit scheuen Blicken ihm auswichen, da wusste er: Es stimmte. Walter war tot!

Oben in der guten Stube mit den Silberbeschlägen an der Tür und den wertvollen Schränken aus dem siebzehnten Jahrhundert lag der Bruder in einem Blumenmeer aufgebahrt. Auch jetzt, im Tode, war seine Haut noch braungebrannt von der Sonne. Die Mutter lag schluchzend und wehklagend auf den Knien und weinte bitterlich. Der Vater stand erstarrt daneben. Er konnte es noch immer nicht fassen. Das Unglück, das große, böse Unglück.

Stefan hatte sich dann an Christiane wenden müssen, um alles zu erfahren. Sie hatte mit bleichen Wangen an der Wand gestanden und ihn mit ihren dunklen Augen angeschaut.

»Wegen einer dummen Wette ist er ums Leben gekommen«, hatte sie geflüstert. »Mit trunkenem Kopf hatte er unten geprahlt. Mit seinen Kräften. Du hast ihn doch auch gekannt, den Walter. Er konnte schier alles. Ja, und da hat er denn gesagt, ohne Seil wollte er den trutzigen Wilden Kaiser bezwingen. Er hätte keine Angst vor dem Berg. Er allein würde es schaffen.«

Stefan war es kalt den Rücken hinuntergelaufen.

»Vater hat das geduldet?«

»Wir haben doch von nichts gewusst. Erst als sie ihn uns brachten, tot, auf der Bahre liegend, stumm für immer, da haben sie denn gesprochen, die Burschen, diese ...«

Stefan konnte den Vater nicht trösten. Er fühlte, dass der seinen Kummer allein verkraften musste. Und dann hatte der Vater ja noch seine Frau. Sie war seine zweite Mutter. Und Christiane war auch nicht seine richtige Schwester. Mutter hatte sie damals mit in die Ehe gebracht. Sie war Witwe gewesen. Aber sie hatten sie immer wie eine wirkliche Schwester geliebt, sie nie merken lassen, dass ihr von dem Erbteil einmal nichts zustehen würde. Stefan hatte damals dem Vater sogar gesagt: »Der Christiane musst du aber auch was mitgeben. Da will ich gern auf einen Teil verzichten. Der Hof darf ja nicht geteilt werden, das weiß ich.«

Der Vater hatte gelächelt und gemeint: »Meine Kassen sind nicht leer. Für das Dirndl wird noch eine Aussteuer abfallen, wie es sich gehört - als wär sie mein eigen Fleisch und Blut. Dafür brauchst keine Sorge zu tragen. dass bin ich schon der Marie schuldig, die mir all die Jahre ein gutes und liebes Weib gewesen ist.«

Walter war tot! Alle kamen, zum Begräbnis, und danach verschwand das Lachen aus dem trutzigen, stolzen Haus. Man schlich herum, und Stefan wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Er musste nach Wien zurück, durfte sein Studium nicht versäumen. Aber konnte er denn jetzt seine Familie im Stich lassen? Er war neben Christiane der einzige, der noch klar denken konnte.

Als eine Woche vorbei war, wusste er, dass er jetzt seine Sachen packen musste. Die lähmende Stille machte ihn außerdem langsam flügellahm. Es wurde Zeit, er musste hinaus. So schrecklich das auch alles war. Er musste fort!

Und wie er so mitten im Packen war, da öffnete sich die Tür, und der Vater stand auf der Schwelle. Seine Augen waren rot - ein Zeichen, dass er viel geweint hatte. Der stolze, starke Bauer!

»Was machst du?«

»Packen, Vater. Es wird höchste Zeit, dass ich geh. Sonst versäum ich sehr viel, Vater.«

»Du willst fort?«, hatte der Vater gefragt.

»Aber ich muss! Ich bin mitten im Semester, Vater. Ich möcht doch schnell fertigwerden.«

»Du bleibst. Du brauchst nicht mehr fortzugehen, Stefan. Welch ein Unsinn! Pack die Sachen wieder aus! Du schreibst morgen einen Brief, und man wird dir die Sachen aus Wien nachschicken. Das können sie, ohne dass du erst hinfahren musst.«

»Ich soll bleiben? Aber die Ferien fangen doch erst in zwei Monaten an, Vater.«

»Willst du mich nicht verstehen, oder bist du so dumm? Du bleibst jetzt hier, Bub. Sohn, du nimmst jetzt Walters Platz ein, das ist doch selbstverständlich.«

Bis zu dieser Sekunde hatte Stefan noch gar nicht an die Zukunft des Hofes gedacht. Der Bruder war ja tot! Es gab jetzt nur noch einen Erben.

»Vater, ich will Arzt werden. Du hast es gutgeheißen. Ich tauge nicht zum Bauern, hab mein Lebtag hinter den Büchern gesessen. Ich kann nicht anders. Verzeih!«

Der Vater war blass geworden.

»Was? Und an den Hof, an mich denkst du überhaupt nicht? Was soll denn aus dem Hof werden? Du bist mein Sohn, und jetzt wirst du tun, was ich dir sage! Du wirst gehorchen!«

Stefan hatte den Kopf zurückgeworfen. Auch er hatte einen Dickschädel, wenn es sein musste. Und - er war mit Leib und Seele seinem neuen Beruf verschrieben. Er fühlte in sich so etwas wie eine Berufung, er musste diesen Weg gehen.

»Vater, ich bin kein Kind mehr. Ich bin schon lange volljährig, hast du das vergessen?«

Oh, ein böses Wort gab das andere. Sie schrien sich bald an, Vater und Sohn. Es war ein schrecklicher Kampf, und die beiden Frauen saßen unten in der Küche und blickten mit entsetzten Augen nach oben.

»Und was soll deiner Meinung nach aus dem Hof werden?«, hatte der Vater gerufen.

»Die Christiane ist doch auch noch da. Sie ist ein Mädchen und wird wohl bald heiraten. Dann kann sie mit ihrem Mann die Wirtschaft übernehmen. Zur Hälfte will ich ihr gern den Hof schenken. Sie können mir ja eine kleine Pacht zahlen. Vater, so begreif doch endlich! Ich muss fertig studieren. Du selbst hast es doch auch immer gewollt! «

»Walter ist tot. Ich brauche einen Sohn, einen Erben! Die Christiane ist nicht mein eigen Fleisch und Blut. Mit mir würde dann der stolze Name aussterben. Sag, kannst du das wirklich wollen?«

»So viele stolze Fürstengeschlechter sind schon ausgestorben, Vater.«

»Du wirst nicht fortgehen, ich verbiete es dir!«, sagte da der Vater mit kalter Stimme. »Wenn du doch fortgehst, dann bist du nicht mehr mein Sohn. Dann darfst du diese Schwelle nicht mehr übertreten. Hast du mich verstanden?!«

»Vater, so lass uns doch nicht im Zorn auseinandergehen! Ich bitt dich herzlich. Dein Herz tut jetzt weh. Wart doch noch eine Weile, dann wirst du auch mich verstehen. Was hast du denn davon, wenn ein schlechter Bauer dein Erbe übernimmt? Da wird dann nichts Rechtes draus. Ich tauge nun mal nicht dafür, das weißt du doch. Der Walter und ich, wir waren immer so verschieden. Wie froh war ich all die Zeit, dass er der Ältere war.«

»Sprich seinen Namen nicht aus! Er war mir ein rechter Sohn. Er hat stets getan, was ich von ihm verlangt habe. Und ich sage es noch einmal: Wenn du nicht bleibst, dann kannst du deine Sachen für immer packen.«

Stefan hatte eine schreckliche Nacht erlebt. Er war auf und ab gegangen und hatte sich das Hirn zermartert. Als aber dann am Morgen das Rot der Sonne über den Gratspitzen auftauchte, war sein Entschluss gefasst. Er konnte nicht bleiben. Todunglücklich würde er werden, und die anderen auch noch unglücklich machen. Wenn erst einmal eine Weile vergangen war, würde der Vater wohl einsehen, wie richtig sein Handeln war. Da hatte er denn seinen kleinen Koffer genommen und war fortgegangen. Christiane hatte mit verweinten Augen in der Küche gestanden und geflüstert: »Er ist starrköpfig wie ihr alle. Er wird nicht nachgeben, Stefan. So glaub es mir doch!«

Er hatte nur noch einmal ihre Hand gedrückt. Sprechen konnte er jetzt nicht, ein dicker Kloß saß in seiner Kehle.

Die Schwester hatte recht behalten, der Vater hatte nicht nachgegeben. Und jetzt kam auch kein monatlicher Wechsel mehr. Er musste für sich selbst aufkommen und sein Studium selbst bezahlen. Das war wirklich bitter gewesen, wo er doch bisher recht großzügig mit Geld bedacht worden war. O ja, sein Studium war recht hart gewesen. Aber er hatte die Zähne zusammengebissen. Der Vater hatte wohl gehofft, er würde es bald aufgeben und demütig heimkommen. O nein, diesen Triumph wollte er ihm nicht gönnen! Schwere Jahre hatte er durchstanden. Aber am Ende stand der Doktor, und er erhielt auch gleich eine Anstellung bei Professor Sondberg.

Aber das alles hatte ihn nie so richtig gefreut. Wäre Walter noch am Leben gewesen, wie hätten da die Eltern sich über den Erfolg ihres Buben gefreut! Ein großes Fest hätten sie seinetwegen gegeben - aber so? Er hatte ihnen einen Brief geschrieben, hatte immer wieder die Hand ausgestreckt, aber der Vater ergriff sie nicht. Stumm! Keiner durfte ihm ein Wörtlein schreiben.

Er war gerade ein paar Monate Arzt, als er doch einen Brief von daheim erhielt. Die Mutter hatte ihn geschrieben. Vater war gestorben. Jetzt brauchten sie ihn. Er reiste heim und kümmerte sich um alles. Dass er den Vater erst im Sarg wiedersehen durfte, das traf ihn hart.

Die beiden Frauen konnten den Hof nicht allein bewirtschaften, er war zu groß. So suchte er einen Verwalter und fand ihn auch sehr schnell. Andere Höfe hatten ja oft mehrere Söhne, und die suchten sich dann Verwalterstellen. Stefan fand einen besonnenen und aufrichtigen Mann und überließ ihm die Wirtschaft. Dann war ja auch noch Christiane da, die sich um alles kümmern konnte. Sie hatte Buchhaltung gelernt, und so war das nicht neu für sie. Ein halbes Jahr später starb dann auch ihre Mutter. So waren sie nun beide allein.

Stefan hatte seinen Urlaub genommen und war vier Wochen daheim geblieben. Nach dem Testament des Vaters war er der Alleinerbe. Der alte Mann hatte es doch nicht übers Herz bringen können, ihn zu enterben. Vielleicht hatte er auch gehofft, dass Stefan sich anders besinnen würde, wenn er erst einmal Herr über den stolzen Hof war.

Stefan war längst mit seinem Beruf verwachsen. Er sah es als seine Aufgabe an, anderen zu helfen, besonders den Kindern.

»Christiane, ich gebe dir die Hälfte. Wenn du heiratest, dann können du und dein Mann diesen Hof allein bewirtschaften. So hab ich es seinerzeit auch dem Vater gesagt, aber er hat es nicht gewollt. Ich brauche den Hof nicht, das weißt du. Ich kann gut allein zurechtkommen. Aber du hast nun schon so lange für diesen - unseren Hof gearbeitet - und ich will, dass du hierbleibst.«

Sie hatte ihn mit eigenartigen Augen angesehen, aber nichts gesagt. Damals war sie schon dreiundzwanzig Jahre alt gewesen und er an die dreißig. Wenn man Arzt werden wollte, musste man ja recht lange studieren. Sie waren im Alter etwa zehn Jahre auseinander. Sie war genau zehn Jahre alt gewesen, als die Mutter hier eingeheiratet hatte. Schon damals, als der Vater gestorben war, hatte Stefan sich ein wenig gewundert, warum Christiane noch nicht verheiratet war. Aber dann hatte er es damit abgetan, sie musste sich ja um die Mutter kümmern. Aber hätte sie das nicht auch grad so gut als junge Frau tun können? In diesem Augenblick merkte er erst, wie wenig er doch von Christiane wusste.

Er ließ den Motor wieder an. Merkwürdig, warum hatte er jetzt an die Vergangenheit denken müssen? Vielleicht, weil sein Blick auf die Gräber hinter der Kirche gefallen war? Stefan wusste es nicht. Doch jetzt wollte er heim. Er hatte der Schwester gar nicht geschrieben. Im Trubel hatte er das einfach vergessen. Und jetzt tat es ihm ein wenig leid, dass er ihr kein Geschenk mitgebracht hatte.

Der schmale Weg war jetzt gut angelegt, und Stefan sah, dass man ihn auch im Winter würde fahren können. Das war sehr wichtig, denn bald würden fremde Menschen hierherfahren, und da war es wichtig, ob sie gut vorwärts kamen im Gebirge.

Der große, stattliche Hof lag in einer Senke. Stefan stellte seinen Wagen unter der alten Kastanie ab und schloss ihn ab. Dann drehte er sich um und nahm das Haus voll in sich auf. Es waren schon wieder zwei Jahre vergangen, seit er das letzte Mal hier gewesen war. Es hatte sich aber nichts verändert. Wie immer blühten prachtvolle Blumen in den Kästen vor den vielen Fenstern. Alles war blitzblank und sauber, und der Mann dachte noch: Wie muss sie sich angestrengt haben. Eigentlich ist es doch Unsinn, denn die vielen Stuben werden ja gar nicht bewohnt. Doch jetzt wird sich alles ändern.

Das kleine Häuschen nebenan - früher hatte man es Austraghäusl genannt. Dort hatte man die alten Eltern untergebracht, wenn sie nicht mehr arbeiten konnten und der neue Bauer alle Stuben für die große Kinderschar benötigte. In diesem Häuschen blieben sie dann so lange, bis sie starben - daher der Name. Zu Lebzeiten seines Vaters hatte nie jemand da drinnen gewohnt. Mit der Zeit hatten sie eine Art Rumpelkammer daraus gemacht. Aber jetzt sah er zu seiner Verwunderung, dass auch dieses Häusle blitzblank war und auch vor diesen kleinen Fenstern Blumenkästen standen.

Stefan wollte schon rufen: »Ist denn niemand daheim?«, da sah er Christiane um die Hausecke biegen. Sie trug einen großen Strohhut wegen der Sonne. Zuerst flimmerte ihr alles vor den Augen, denn sie kam von den Heuwiesen. Sie erkannte den Halbbruder nicht sofort.

»Ich bin es . Stefan!«, rief er fröhlich. »Grüß Gott, Christiane. Entschuldige, dass ich dich so überfalle.«

Christiane, mit ihrem Blondhaar, war eine imponierende Erscheinung - groß und stattlich. Stefan staunte jetzt noch mehr darüber, dass sie noch nicht verheiratet war, denn inzwischen war sie doch schon sechsundzwanzig.

Christiane freute sich.

»Das ist wirklich lieb, dass du dich auch mal wieder sehen lässt, Stefan. Komm, ich hab sogar einen Kuchen! Als hätte ich geahnt, dass ich heute noch Besuch bekomme.«

»Nicht Besuch, Christiane. Ich bleibe jetzt für immer daheim.«

Die Schwester blieb abrupt stehen und starrte ihn groß an.

»Soll das heißen, du willst endlich den Hof übernehmen? So wie der Vater es immer gewollt hat?«

»Komm, gehen wir erst mal in die Stube! Hier draußen ist es arg heiß. Dann erzähl ich dir alles.«

Sie machte sich gleich in der Küche zu schaffen und war recht flink. Stefan ging auf und ab und sah jetzt sein Elternhaus mit anderen Augen an. Da sie immer eine große Familie gewesen waren, so war alles auf dem Kaingruberhof großzügig und breit angelegt - nicht wie in den anderen Höfen, wo es viele kleine, enge Stuben gab. Auch die Küche hatte sehr große Ausmaße. Stefan freute das, denn so brauchte er nicht sehr vieles zu verändern.

»Komm, setz dich! Der Kaffee ist fertig.«

Stefan lächelte.

»Bist du mir sehr böse, dass ich mich so lange nicht hab sehen lassen?«

Ihr Gesicht wirkte irgendwie verschlossen. Früher, als Kinder waren sie sich sehr nahe gewesen, und sie hatten viel Spaß miteinander gehabt.

»Ich will gleich mit der Tür ins Haus fallen, Christiane, und ich hoffe, dass du mir zustimmst. Ja, ich bin jetzt für immer nach Hause gekommen. Ich habe meine Stelle in Wien aufgegeben. Aber ich bin nicht gekommen, um Landwirt zu werden. Ich bin Arzt - und das mit Leib und Seele, Christiane. Ich bin heimgekommen, weil ich aus diesem Haus ein kleines Sanatorium machen werde. Ein Sanatorium für Kinder, weißt du? Ich werde es mit eigenen Mitteln aufbauen. Und wenn es dann soweit ist, wird mein Freund kommen und mir dabei helfen. Allein kann ich ja die Kinder nicht operieren.«

Christiane hob ruckartig den Kopf.

»Was willst du?«, keuchte sie und wurde aschfahl. »Unser Haus für Fremde herrichten? Niemals, niemals lass ich das zu! Wenn das der Vater gehört hätte! Stefan begreifst du eigentlich, was du das sagst? Wir sind ein altes Bauerngeschlecht, und du willst ... Was hast du gesagt, fremde Kinder hier operieren?« Sie lachte grell auf. »Du bist wohl ganz närrisch, wie? Und du glaubst, die Scheffauer lassen sich das so einfach gefallen?«

Dr. Stefan Kaingruber starrte seine Schwester an. Mit diesem Ausbruch hatte er in der Tat nicht gerechnet. Weshalb war sie so aufgebracht?

»Christiane«, sagte er eindringlich, »ich hatte gehofft, dass du mir helfen würdest. Es ist meine Lebensaufgabe. Denn sieh, die Kinder brauchen mich - begreife das doch! Es sind Künder mit schweren Gesichtsverletzungen, durch alle möglichen Arten verursacht. Sie liegen da in Wien in dem Krankenhaus. Und weil sie so entstellt sind, verkriechen sie sich in die Zimmer. Es gibt Kinder darunter, die schon gar nicht mehr wissen, wie Blumen und Bäume aussehen. Es sind die unglücklichsten Kinder dieser Welt. Und ich habe mir vorgenommen, ihnen zu helfen. Ich kann ihr Leid nicht mit ansehen. Wenn ich sie hierherbringe, in diese reine Bergluft, hierher in dieses Haus, dann können sie vom Fenster aus die Berge und Almen und Wiesen sehen. Hier in Scheffau gibt es auch nicht so viele Menschen wie in Wien. Sie können sich frei bewegen. Mein Traumziel ist: Solange sie hier in der Klinik die vielen Gesichtsoperationen über sich ergehen lassen müssen, solange sollen sie auch so normal wie irgend möglich leben, auch am Unterricht teilnehmen. Ich werde mit dem hiesigen Lehrer darüber reden. Ach, Christiane, wenn du erst einmal diese kleinen Menschenwesen siehst, wie schwer sie leiden, dann wirst du anders denken, ganz anders.«

»Wir sind ein altes Bauerngeschlecht, wie stellst du dir das vor? Du hast dich ja nie um den Hof gekümmert, alles durfte ich tun. Vielleicht ist dir nicht entgangen, dass die Einnahmen nicht so gewaltig sind, wie du denkst. Wir müssen ja auch noch den Verwalter bezahlen.«

Stefan sagte ruhig: »Natürlich weiß ich das alles. Ich habe hin und her gerechnet und weiß, dass ich für den Anfang sehr viel Geld benötige. Denn sieh, die vielen Zimmer sind ja vorhanden und die große Küche und das Waschhaus. Mehr als zwanzig Kinder will ich nicht auf einmal aufnehmen, weil man sich sonst nicht richtig um sie kümmern kann. Und den hinteren Gebäudeteil, wo bis jetzt die Vorräte lagerten, den muss ich natürlich umbauen - als Operationsraum und Labor, und was man noch alles dazu braucht. Die Apparate kosten furchtbar viel Geld, ich weiß das sehr wohl, Christiane. Ich werde Hypotheken aufnehmen. Wir haben ja Grundbesitz genug, und vielleicht muss ich auch den Wald verkaufen. Ich weiß es noch nicht. Ich muss erst mal mit einer Bank sprechen.«

»Du willst den schuldenfreien Hof belasten?«, rief sie aus. »Das darfst du nicht! Das dulde ich nicht, Stefan! Nein, ich habe die ganzen Jahre geschuftet, und alles soll so bleiben, wie es schon immer war. Ich dulde nicht, dass hier auch nur ein Stein verändert wird!«

Stefan war wie vor den Kopf geschlagen. Er hatte nicht eine Sekunde daran gedacht, dass er auf Widerstand stoßen könnte. Nein, alles hatte er sich in der Ferne ganz anders ausgedacht. Und nun kam der wilde Ausbruch der Schwester. Er verstand sie einfach nicht. Im Augenblick war sie ihm ein Rätsel. Wieso klammerte sie sich nur so verzweifelt an den Hof? Sie hatte doch vorhin selbst gesagt, wie sehr sie schuften musste, um ihn einigermaßen in Ordnung zu halten. Früher hatte es Gesinde gegeben oder die vielen Kinder, die mithelfen mussten. Und jetzt war sie mit dem Verwalter ganz allein. Zwar hatten sie jetzt viele Maschinen. Aber trotzdem er verstand die Schwester einfach nicht.

Er schüttelte traurig den Kopf und sagte leise: »Seltsam, grad in dir hab ich eine Verbündete gesehen, eine Helferin, die mir zur Seite steht. Oh, Christiane, warum willst du nicht - ich verstehe dich nicht. Sag mir, warum du es nicht willst!«

»Nichts wird verändert!«, sagte sie kalt. »Der Hof bleibt so, stolz und groß; und er wird immer das Wahrzeichen von Scheffau bleiben.«

»Herrgott!«, brauste jetzt auch der Arzt auf. »Ich hab doch nicht gesagt, dass ich ihn abreißen lassen will. Im Gegenteil, es soll endlich wieder Leben reinkommen. Nichts wird von außen verändert. Dafür werde ich schon sorgen. Nur innen muss einiges verändert werden. Die Landwirtschaft soll ja nebenher bestehen bleiben, denn ich muss die Kinder ja auch verköstigen. Da ist es schon ganz gut, wenn man selbst Fleisch, Eier, Butter und Milch hat. Da wird es nicht so teuer. Und vor allen Dingen weiß man dann auch, dass die Dinge gut sind. Vielleicht könnten wir aus der Wiese am Haus auch noch einen großen Nutzgarten machen. Denn die erste Zeit, bis alles wirklich läuft, muss an allen Ecken und Enden gespart werden. Es wird sehr schwierig werden, aber um der Kinder willen nehme ich alles auf mich. Ich werde es tun.«

»Nein«, sagte sie abermals starrköpfig. »Ich dulde nicht, dass aus diesem Haus ein Sanatorium gemacht wird!«

Für Minuten war es todstill in der Küche. Stefan saß da und sah die zornige Schwester an. Es tat ihm weh, sie so reagieren zu sehen. Sehr weh sogar. Sollte er sich in Christiane so sehr getäuscht haben? War sie vielleicht kalt und gefühllos? Hatte sie statt eines Herzens nur einen Stein in der Brust? Und wussten das vielleicht auch die Burschen aus dem Dorf? War sie deswegen vielleicht noch nicht verheiratet? Aber früher war sie doch so anschmiegsam gewesen, so weich und zärtlich!

Langsam hob der den Kopf und sagte mit ruhiger Stimme: »Willst du mir bitteschön vielleicht auch sagen, wie du das verhindern willst?«

Christiane hob abrupt den Kopf und starrte ihn an.

»Wie meinst du das?«, stammelte sie.

»Der Hof gehört mir, Christiane. Mir allein! Nie hab ich das ausgespielt, nie - und das weißt du auch. Aber jetzt, wo du so sehr auf den Tisch des Hauses pochst und mir verbieten willst, mit meinem Eigentum das zu tun, wozu ich mich berufen fühle - verzeih, Christiane, da muss ich dich halt darauf aufmerksam machen.«

Sie wurde totenblass und schwankte ein wenig. In der Tat, das hatte sie im Streit ganz vergessen. Sie war ja nur geduldet, sie gehörte ja eigentlich gar nicht hierher. Der alte Bauer hatte ihr zwar seinen Namen gegeben, aber sie war keine wirkliche Kaingruberin. Dann färbten sich plötzlich ihre Wangen blutrot, und in der gleichen Sekunde fühlte sie auch die Ohnmacht in sich hochsteigen.

»So nimm ihn!«, sagte sie spröde. »Nimm und lass ihn verkommen! Wenn du es wünscht, so packe ich gleich meinen Koffer und geh fort. Bestimmt brauchst du jetzt auch meine Kammer. Du kannst auch aufpassen und zusehen, dass ich auch ja nichts einpacke, was mir nicht gehört.“

Stefan stand auf und umfasste die Schwester: »Christiane, Kindskopf du! Nie und nimmer würde ich dich gehen lassen. So sei doch nicht so störrisch! Ich habe das doch nur gesagt, weil ich es tun muss. So begreif doch endlich!«

Sie schluchzte auf: »All die Jahre durfte ich wie eine Magd hier schuften, mein eigenes Leben aufgeben, am Ende des Jahres dir dann die Bücher zeigen. Du hast nur immer das Geld genommen, dich aber nie um den Hof gekümmert.«

Das stimmte tatsächlich. Aber Stefan wusste auch, was er einstmals der Halbschwester vorgeschlagen hatte.

»Warum hast du nicht geheiratet«, gab er jetzt zurück. »Ich habe dir immer gesagt: Wenn du heiratest, dann vermache ich dir die Hälfte des Anwesens. Du weißt das grad so gut wie ich. Es lag an dir, warum hast du es nicht getan? Längst hättest du hier schon Bäuerin sein können. Es lag nicht an mir. Und glaube mir, ein anderer hätte nicht so großzügig gehandelt.«

»Jetzt bist du wohl froh, dass ich es nicht getan habe, nicht wahr?«

»Nein, Christiane, wenn du mir jetzt und hier sagst, dass du einen Mann hast, den du liebst und den du heiraten willst, dann gehen wir gleich morgen zum Anwalt. Dann werde ich eben mit meiner Hälfte anfangen. Aber du bekommst, was ich dir versprochen habe.«

Christiane machte sich vom Bruder los und ging auf und ab. Dann sagte sie leise: »Ich habe keinen.« Und nach einer Weile. »Wenn das hier also ein Sanatorium wird, dann habe ich wohl nichts mehr zu sagen. Ein zweites Mal muss ich dann mein Leben aufgeben, Stefan. Das ist bitter, sehr bitter sogar.«

»Verzeih, Christiane, ich verstehe dich nicht. Wieso musst du ein zweites Mal dein Leben aufgeben? Ich versteh nicht, was ist denn los?«

Sie drehte sich herum und sah ihn mit brennenden Augen an.

»Hast du wirklich alles vergessen? Damals? Auch ich hatte einen Berufswunsch, denn ich so liebte wie du den deinen. Auch ich war fort, in Innsbruck auf der Schwesternschule. Auch ich wollte einstmals Menschen helfen. Ich war glücklich in Innsbruck, Stefan.«

»Richtig!« Er schlug sich vor den Kopf. »Das hab ich wirklich nicht mehr gewusst, Christiane. Du bist ja ausgebildete Krankenschwester! Aber dann könntest du mir ja erst recht zur Seite stehen! Doch, warum hast du mir das nie gesagt?«

»Du bist ja störrisch wie ein Maulesel fortgegangen, damals, als Walter tot war. Weil er so leichtsinnig war, musste ich daheim bleiben. Du kanntest ja deinen Vater. So hab ich dann zuerst die Mutter pflegen müssen und dann den Hof verwahren.«

»Warum hast du mir nie geschrieben, Christiane? Wir hätten eine Lösung gefunden, wirklich. Dieses Opfer wollte ich doch nicht von dir.«

»Ach«, sagte sie müde, »alles war ja schon so lange her. Und ich weiß auch gar nicht, ob ich dann wieder so schnell eine Stelle gefunden hätte. Ich war so lange aus dem Beruf. Aber dann sah ich die Aufgabe in diesem Hof, und ich habe mich für ihn eingesetzt. Du kannst überall nachschauen. Er ist so, wie zu Lebzeiten deiner Eltern. Es war schön, das gebe ich zu, hier allein walten und schalten zu können. Und die Leute im Dorf haben mich auch anerkannt und respektiert. Für sie bin ich eine Kaingruber und wohne auf diesem Hof. Aber wenn du ihn mir jetzt fortnimmst, dann habe ich nichts mehr. Dann bin ich am Ende.«

»Warum hast du denn nicht geheiratet, Christiane? Dann hätte er wirklich zur Hälfte dir gehört.«

Zuerst machte sie ein abwehrendes Gesicht. Er merkte, wie es in ihr zu arbeiten begann. Stefan wartete geduldig. Er wusste, man konnte niemanden drängen, aus sich herauszugehen. Langsam, sehr zögernd begann sie dann.

»Ich hatte wohl Freier, wie man so schön sagt. Im Dorf wussten sie ja, dass ich die Hälfte von dir bekommen sollte; und du kannst dir denken, wie sich die Burschen da die Beine ausgerissen haben. Ich hätte sogar wählen können, wenn ich gewollt hätte. Die Auswahl war groß genug, und es gab auch einen darunter, den ich sehr lieb hatte, dem ich gern mein Ja-Wort gegeben hätte. Aber dann hab ich es doch nicht getan ...«

»Warum nicht, Christiane, warum nicht? Die ganze Zeit hättest du jetzt schon glücklich sein können. Du bist doch die geborene Mutter ...«

Sie schaute auf ihre gefalteten Hände.

»Das ist ja der Grund«, flüsterte sie.

»Christiane?«, sagte Stefan verwirrt.

»Als ich in Innsbruck war, bekam ich eines Tages furchtbare Schmerzen im Unterleib. Man musste mich operieren, und ... und ... und jetzt bin ich keine ganze Frau mehr, Stefan. Dir kann ich es ja sagen, du bist Arzt und musst darüber schweigen. Niemand weiß davon. Ich kann keine Kinder mehr bekommen ...« Schwer fielen die Worte in den Raum.

In diesem Augenblick begriff der Bruder die ganze Tragweite. Christiane war zu stolz, um es je einem Menschen anzuvertrauen. Sie kannte die Menschen in den Bergen so gut wie er. Sie wollten Kinder in der Ehe; und besonders, wenn so ein Hof vorhanden war - wegen der Erbfolge. Eine Frau, die keine Kinder bekam, die war nichts wert in ihren Augen. Die war ein halbes Geschöpf, und man ließ es sie auch wissen - nicht nur der eigene Mann, sondern auch das ganze Dorf. O ja, sie konnten so bös sein. Furchtbare spitze Zungen konnten einem Menschen das Leben schwer machen. Lieber ließ sie alle glauben, sie wäre kalt, stolz und unnahbar. Aber weil sie hier auf dem schönen Hof lebte, eine Kaingruberin war, darum achtete man sie und lächelte nicht, weil sie keinen Mann hatte. Und jetzt war Stefan gekommen und wollte ihr grad das nehmen, was sie so dringend als Rückgrat brauchte. Nun verstand er ihre verbitterte Reaktion, als er gesagt hatte: Der Hof gehört mir, und ich kann tun und lassen, was ich damit will.

Er fühlte sich elend. Aber zugleich sah er auch die Kinder vor sich. Durfte er, konnte er überhaupt Rücksicht darauf nehmen?

»Christiane, bitte, lass mich nicht im Stich! Bleibe bei mir, ich brauche dich doch!«

Ihre Augen leuchteten auf. Zum ersten Mal sagte ein Mensch zu ihr: Ich brauche dich. Beinahe hätte sie losgeweint. All die Jahre hatte es auf ihrem Herzen gelegen, all die Jahre hatte sie nie mit einem Menschen über ihren großen Kummer sprechen können.

»Wir beide werden es schaffen, Christiane. Ich brauche dich wirklich, denn sieh: Ich habe keine Frau, und wenn ich jetzt die kleine Klinik aufmache - ach, Christiane, du bist die Frau, die ich bitter nötig brauche. Bleibe bei mir, geh jetzt nicht fort! Und ich verspreche dir: Wenn du willst, dann gehen wir gleich morgen zum Anwalt, und ich vermache dir die Hälfte des Hofes. Darüber darfst du allein walten, und er wird auch nicht belastet, das schwöre ich dir.«

In ihrem Gesicht zuckte es ein paarmal auf, dann aber wurden die Züge weich.

»Das brauchst du nicht, Stefan. Dein Wort genügt mir. Und wenn du mich wirklich brauchen kannst, wenn ich dir nicht im Wege bin, dann kannst du über mich verfügen.«

Er ergriff ihre verarbeiteten Hände.

»Ich danke dir, Christiane. Ich danke dir von Herzen. Und ich versprech dir hier und jetzt: Du wirst es nie zu bereuen haben.«



3

»Der Kaingruber Stefan ist wieder da!« Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht durch den kleinen Ort. »Er ist jetzt ein Doktor und will immer daheim bleiben, hat er gesagt.«

»Das ist doch nicht möglich!«, staunten die einen. »Der will doch jetzt nicht etwa Bauer werden? Welch ein Unsinn, wozu dann erst so lange studiert! Nein, nein, da wirst du dich verhört haben. Der ist nur auf Urlaub daheim. Ich kenn den Stefan doch. Oder aber, er will jetzt endlich den schönen Hof verkaufen. Was soll er denn auch damit, da er ja noch nicht mal eine Frau hat, und dann lebt er doch immer in Wien. Jetzt will er sich in Wien ein Haus kaufen, und dazu braucht er das viele Geld.«

Mit Klatsch und Tratsch war man schon immer sehr schnell bei der Hand. Und man hatte schon so manches zerredet und böses Blut geschaffen. So manchem hat das Herz grausam wehgetan. Aber darum kümmerten sich die Dörfler in der Regel nicht. Sie waren froh, dass es mal wieder etwas Neues gab, auf das sie ihre Blicke richten konnten.

Wer das Gerede aufbrachte, Stefan wolle seinen Hof verkaufen, das wusste später natürlich keiner mehr zu sagen. Die einen waren wütend, weil sie weiterhin behaupteten, er bliebe - und man sie als Lügner verschrie. Und die anderen sonnten sich an der Vorfreude.

»Dann muss die Christiane in Stellung gehen. Recht geschieht ihr, warum trägt sie auch den Kopf so stolz. Und dabei ist sie noch nicht mal eine echte Kaingruberin. Das wird ihr wohl arg werden. Jetzt kann sie keinen so stolzen Hof mehr bewirtschaften, die alte Schachtel, die!«

Als die Ehemänner von den Frauen hörten, der Stefan wolle verkaufen, da war jeder gern bereit, Land zu kaufen, zumal man es dem Nachbarn nicht gönnte. Das Land der Kaingrubers war wirklich das beste weit und breit.

»Der schöne Hof! Aber für das Haus, da muss einer arg in die Tasche greifen.«

So schwirrten die Stimmen durcheinander. Stefan war noch keine achtundvierzig Stunden in Scheffau. Nachdem er sich mit der Schwester ausgesprochen hatte - sie war jetzt auch endlich für seinen Plan - war er von der Reise so müde gewesen, dass er sich in seine alte Kammer zurückgezogen hatte. Dort schlief er noch immer.

Christiane war wie an jedem Morgen sehr früh aufgestanden und kümmerte sich um alles, obwohl im Sommer die Kühe alle auf der Alm waren und sie eigentlich hätte später anfangen können. Aber es war nun einmal ihre Art. Wenn andere sich aus den Betten erhoben, dann blitzte bei Christiane schon alles. Als sie jetzt in der Küche stand und das Frühstück für den Verwalter vorbereitete, fühlte sie ein seltsames Zittern in ihrer Brust. Der Bruder war wieder daheim! Nun konnte sie wieder für einen Menschen sorgen, war nicht mehr so allein. Der Bruder brauchte sie! Vielleicht würde alles gutgehen, obwohl sie auch ein seltsames Gefühl bei diesem Gedanken hatte. Sie war intelligent genug, um zu wissen, wieviel Geld das alles kosten würde. Reich konnte man dabei wirklich nicht werden. Aber Stefan hatte recht, man musste diesen Kindern helfen. Und sie würde ihren alten Beruf wieder ausüben können.

Richtig rote Backen bekam sie und ganz glänzende Augen.

Johannes Beule betrat die weitläufige Küche und grüßte freundlich. Dann bemerkte er die Veränderung in ihrem Gesicht und meinte fröhlich: »Ja, jetzt ist wohl alles wieder so wie früher. Da ist der Bruder also zu Besuch, und da hat man bestimmt bis tief in die Nacht hinein geplaudert.«

Der Verwalter kam aus Deutschland, aus Bayern. Er war in Christianes Alter und hatte auch einmal still um sie geworben. Aber die junge Frau hatte ihn gar nicht beachtet. Sie hatte sein Werben wohl bemerkt, aber sie sagte sich: Er will mich doch nur des Hofes wegen. Wie kann ich wissen, ob er es wirklich ehrlich mit mir meint? Aber sie hätte ihn wie die anderen ohnehin nicht genommen.

Johannes wurde von Christiane versorgt. Sie kochte und versorgte auch seine Wäsche. Aber seine Stuben hielt er selbst rein. Man konnte recht gut mit ihm umgehen. Er war ein stiller und besonnener Mensch, und Christiane arbeitete sehr gern mit ihm. Anfangs hatte es in Scheffau böses Blut gegeben. Da waren sie nun allein auf dem Hof: ein junger Mann und ein junges Mädchen. Das gehörte sich doch nicht! O ja, damals hatten sie schon ihre Zungen am Hof gewetzt, in der Hoffnung, dass Christiane kopfscheu werden und fortlaufen würde. Dann wäre der Hof frei. Alle waren sie neidisch auf diesen prachtvollen Hof. Viele hätten ihn gern selbst besessen. Dort oben zu wohnen, mit den Fenstern zum Wilden Kaiser hin - ach ja, da konnte man dann so stolz werden, so hochfahrend.

Aber beide hatten sich nicht darum gekümmert. Christiane war weiterhin ins Dorf und in die Kirche gegangen. Sie hatte auch nicht die Augen niedergeschlagen. Ruhig und stolz ging sie und hörte auch nicht die geflüsterten, hämischen Worte. Da hatte man denn schließlich aufgehört, und es als Selbstverständlichkeit hingenommen.

Während sie nun dem Verwalter den Kaffee einschenkte, fühlte sie sich verpflichtet, ihm jetzt alles zu sagen. Sie setzte sich zu ihm an den Tisch und erzählte ihm von den Plänen des Bruders. Der junge Mann hörte sich das ruhig an. Einmal hob er den Kopf und sah sie aufmerksam an.

»Und das ist auch Ihr Wunsch?«

Sie nickte. »Ja. Und der Hof gehört dem Stefan. Er kann damit machen, was er will.«

»Wenn Sie es wollen, dann will ich gern bleiben und mich auch weiterhin um alles kümmern. An der Wirtschaft soll es nicht liegen, darauf kann er sich verlassen.«

»Ich danke Ihnen, Johannes. Sie sind ein wundervoller Mensch. Ich wusste ja, dass ich mich auf Sie verlassen kann.«

Er lächelte fein. Sonst konnten sie stundenlang zusammen auf einem Abhang stehen und das Heu wenden, ohne ein Wort miteinander zu reden. Und jetzt hatte sie so viel mit ihm gesprochen. Es ehrte ihn, dass sie ihn ins Vertrauen gezogen hatte.

Schon lange hatte Christiane etwas auf dem Herzen, bis jetzt hatte sie aber nie darüber reden mögen. Aber jetzt war der Bruder da, und alles war merkwürdigerweise leichter.

»Johannes«, begann sie vorsichtig. »Ich wollte es Ihnen schon einmal sagen: Also, das Austraghäusle - es hat ja nur die zwei Stuben und das Bad, das wir nachträglich haben einbauen lassen - es steht ja auf der freien Wiese, und es wäre leicht, dort anzubauen. Ich wollte es Ihnen nur mal gesagt haben. Also, wenn Sie mal mehr Stuben brauchen, dann sind wir gern bereit.« Sie sprach schon in der Mehrzahl. Früher hatte sie nur immer ,ich‘ gesagt, wenn es etwas zu bestimmen gab.

Johannes stellte die Tasse ab und sah das Mädchen erstaunt an.

»Ja mei, warum soll ich denn einen Palast haben? Die zwei Stuben reichen mir vollkommen, und da brauch ich auch dann nicht so viel reinzuhalten, Christiane.«

Ein schwaches Rot färbte ihre Wangen.

»Ich denke, Johannes, Sie wollen nicht immer allein Ihr Leben verbringen. Ich mein ja auch nur - wenn Sie heiraten wollen, für diesen Zweck. Ich wollte Ihnen damit nur sagen, dass Sie sich dann nicht anderweitig eine Wohnung suchen müssen. Wir würden uns dann darum kümmern.«

»Ach so«, sagte er ruhig, »jetzt verstehe ich! Ach, wissen Sie, Christiane, ich weiß noch gar nicht, ob ich heiraten will, wirklich. Mir gefällt es so ganz gut.«

Sie erhob sich hastig. Nun betraten sie ein Gebiet, das sie unbedingt meiden wollte.

»Sie müssen das mit sich selbst abmachen. Ich habe es Ihnen gesagt, damit Sie Bescheid wissen. Alles andere geht mich nichts an.«

Er hatte das Frühstück beendet und musste jetzt wieder an die Arbeit gehen, obwohl er völlig selbständig arbeiten konnte. Man konnte sich wirklich auf ihn verlassen, zudem war er grundehrlich. Er handhabte den Hof, als wäre er der Besitzer. Aus diesem Grunde bekam er auch ein fürstliches Gehalt.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Arztroman Trio September 2018: Sammelband 3 Romane" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen