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7 Arztromane November 2019 - Schicksale, Patienten und eine Ärztin mit Herz, Arztroman Sammelband 7012

Thomas West

7 Arztromane November 2019 - Schicksale, Patienten und eine Ärztin mit Herz, Arztroman Sammelband 7012

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Inhaltsverzeichnis

  • 7 Arztromane November 2019 - Schicksale, Patienten und eine Ärztin mit Herz, Arztroman Sammelband 7012
  • Copyright
  • Hoffnung ist stärker als der Tod
  • Jans Vater Ärztin Alexandra Heinze
  • Ärztin mit Herz für Gangster
  • Die falsche Ärztin
  • Drei Schicksale und eine Ärztin mit Herz
  • Ein Schutzengel für Dr. Heinze
  • Mobbing und Mord im Krankenhaus

7 Arztromane November 2019 - Schicksale, Patienten und eine Ärztin mit Herz, Arztroman Sammelband 7012

Thomas West

Dieses Buch enthält folgende Arztromane:

Thomas West: Hoffnung ist stärker als der Tod

Thomas West: Jans Vater

Thomas West: Ärztin mit Herz für Gangster

Thomas West: Die falsche Ärztin

Thomas West: Drei Schicksale und eine Ärztin

Thomas West: Ein Schutzengel für Dr. Heinze

Thomas West: Mobbing und Mord im Krankenhaus

Oft sind es unerhebliche Nebensächlichkeiten, von denen Leben und Tod abhängen, denkt Dr. Alexandra Heinze. Doch in ihrem Fall ist es wohl eher ein Schutzengel, der ihr zu Hilfe eilt. Pit Baumleitner sucht nach seinem Vater und übernachtet in einem Park, weil sein Motorrad streikt. Obwohl ihm dort Schlimmes widerfährt, wartet zum Ende das Glück auf ihn …

Hoffnung ist stärker als der Tod

Ärztin Alexandra Heinze

Arztroman von Thomas West

Der Umfang dieses Buchs entspricht 150 Taschenbuchseiten.

Auf dem Weg nach Mannheim erfährt Felix Söhnker von dem Verhältnis seiner Frau. Es kommt zum Streit, und auf der regennassen Straße verliert Edith die Gewalt über den Wagen. Im Krankenhaus kommen die beiden wieder zu sich. Während Edith mit ihren schweren Verletzungen hadert, wird Felix von Schwester Marianne betreut, die selbst noch nicht über den Tod ihres Verlobten hinweggekommen ist.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Es war immer das gleiche Bild: Der Rettungswagen mit blinkenden Blaulichtern mitten auf der Kreuzung, die den Verkehr umleitenden Polizisten, die Harley Davidson, nur halb zu sehen unter dem zertrümmerten Kühlergrill des LKW, daneben am Straßenrand der leblose, in Ledermontur gehüllte Körper, die drei weißgekleideten Gestalten, die um ihn knieten und sich hektisch an ihm zu schaffen machten, das blonde, blutverschmierte Langhaar auf dem Asphalt.

Und dann der Augenblick, den sie wohl ihr Leben lang nicht mehr vergessen würde: Eine der weißgekleideten Gestalten erhob sich und kam langsam mit hängenden Schultern auf sie zu, Alexandra Heinze, die Notärztin.

„Schwester Marianne“, presste sie mit belegter Stimme hervor, „Sie müssen jetzt ganz stark sein.“ Ein feuchter Schleier lag auf ihren graugrünen Augen. „Michael ist tot.“

Und dann zerbrach das Bild in tausend schmerzende Scherben. Und immer wachte sie mit dem Gefühl auf, als würden diese Scherben ihre Brust ausfüllen, sodass sie kaum zu atmen wagte.

Marianne Debras konnte nicht sagen, wie oft sie in dieser Nacht mit jenem Bild aufgewacht war. Ihre nackten Füße tasteten nach den Pantoffeln.

Sie griff nach dem kleinen Tablettenröhrchen auf dem Nachttisch. Mit der zitternden rechten Hand schüttelte sie das Röhrchen, bis zwei Tabletten in ihre linke Hand fielen. Sie stellte das Tablettenröhrchen zurück auf den Nachttisch, steckte sich die Tabletten in den trockenen Mund und spülte sie mit einem Schluck aus der Wasserflasche herunter.

Seufzend stand sie vom Bett auf und zog ihr schweißnasses Nachthemd aus. So heftig wie heute Nacht hatte sie der Albtraum lange nicht mehr gequält.

Doch sie kam nicht mehr dazu, über den Grund nachzudenken. Ihr Blick fiel auf den Wecker: 6.02 Uhr! Vor zwei Minuten hatte ihr Dienst begonnen!

Einen Augenblick kämpfte Schwester Marianne mit der Versuchung, auf der Intensivstation anzurufen, um sich krank zu melden. Doch der Gedanke an die fast voll belegte Station und vor allem an den frisch operierten Beatmungspatienten in der chirurgischen Einheit ließ ihr Pflichtgefühl die Oberhand gewinnen.

Sie war immerhin stellvertretende Stationsschwester. Sie hatte die Verantwortung für die Frühschicht. Sie hatte den Patienten gestern übernommen.

Auf keinen Fall durfte sie bei der Visite fehlen. Zumal der Oberarzt der Chirurgie seit einigen Wochen ein kritisches Auge auf sie hatte. Mit Dr. Höper war nicht zu spaßen.

Sie griff nach dem Hörer und wählte die Nummer, die ihr auch im Schlaf einfallen würde. Ihr Kollege Bert war am Apparat. „Hier Schwester Marianne, ich komme in zehn Minuten. Ich habe verschlafen.“

Duschen, Anziehen, noch schnell eine Tablette. Einmal mit der Bürste durch das kurzgeschnittene, schwarze Haar. Dann der Weg durch den Park vom Schwesternwohnheim in das Marien-Krankenhaus.

Es war noch dunkel, und es regnete in Strömen. Auf der Station, kurz vor dem Betreten des Personalraums, schnell ein Blick in die chirurgische Einheit. Dr. Höper studierte schon die Laborbefunde! Die Visite würde jeden Augenblick beginnen!

Beim Umziehen im Personalraum fiel Schwester Mariannes Blick auf den Kalender über dem Tisch mit der Kaffeemaschine. 11. November!

Ein kalter Schauer ließ ihren ganzen Körper erstarren. Deshalb waren die Albträume heute Nacht wieder so heftig gewesen. Auf den Tag genau vor einem Jahr war Michael tödlich verunglückt!

2

Als Schwester Marianne das Zimmer mit dem frisch operierten Beatmungspatienten betrat, hatte die Visite bereits begonnen. „Schön, dass Sie auch schon kommen, Schwester Marianne!“ Dr. Höpers Stimme klang kalt und gefährlich leise.

„Sie werden hoffentlich nicht böse sein, wenn wir schon mal angefangen haben!“ Spöttisch musterten seine blauen Augen Mariannes kleine, hagere Gestalt. Etwas verlegen stand sie im Türrahmen und mühte sich nervös mit dem obersten Knopf ihrer blauen Schutzkleidung ab.

„Guten Morgen, Schwester Marianne“, grüßte Dr. Lars Remmers, chirurgischer Stationsarzt der Intensivstation. Er versuchte seiner Stimme einen lockeren Unterton zu geben, um die angespannte Situation zu entkrampfen.

Die Assistenzärztin, Dr. Karin Döring, zog die Augenbrauen zusammen. Ihre Mimik zeigte eine Mischung aus Besorgnis und Missbilligung. Unwillkürlich fühlte sich Marianne an die gestrige Visite erinnert, bei der die Ärztin ihr einen Fehler vorgehalten hatte: Der Herzpatient aus Bett zwei bekam immer noch ein bereits seit drei Tagen abgesetztes Medikament.

Die Krankenschwester trat zum Kopfende des Bettes neben das Beatmungsgerät und nahm die Patienten-Verlaufskurve entgegen, die Bert ihr reichte. Auf dem Gesicht ihres Kollegen lag ein Ausdruck, als wollte er sie fragen, wann sie mal wieder pünktlich zum Dienst kommen würde.

„Wir überlegen gerade, ob wir Herrn Simons heute Mittag vom Beatmungsgerät nehmen“, sagte Dr. Remmers, immer noch an Marianne gewandt, „die Spontanatmung während der Nacht brachte ganz erfreuliche Sauerstoffwerte.“

Marianne nickte und warf dem Stationsarzt einen dankbaren Blick zu. Es war nicht das erste Mal, dass er ihr in einer peinlichen Situation beistand.

Während die Ärzte die Laborwerte des Frischoperierten diskutierten, versuchte Marianne sich einen Überblick über den nächtlichen Verlauf zu verschaffen.

Herr Simons hatte eine Rektumresektion hinter sich. Durch einen großen, bösartigen Tumor des Dickdarms war dieser schwerwiegende Eingriff nötig geworden. Über neun Stunden hatte die Totaloperation des Enddarmes gedauert. Vergeblich hatten Dr. Höper und sein Operationsteam versucht, dem Zweiundfünfzigjährigen einen Anus praeter zu ersparen.

Für einen Augenblick vergaß Schwester Marianne ihre Kopfschmerzen, den Kloß im Hals und das wunde Gefühl in ihrer Brust.

Mitfühlend betrachtete sie den bewusstlosen Patienten. Ein grünlich schimmernder Schlauch ragte aus seinem Mund, die daran angeschlossenen Spiralschläuche des Beatmungsgerätes lagen auf seiner Brust, die sich synchron zum rhythmischen Zischen des Beatmungsgeräts hob und senkte.

Die junge Krankenschwester seufzte. Der Mann tat ihr leid. Nun würde er doch lernen müssen, mit einem künstlichen Darmausgang zu leben.

Der Verlaufskurve entnahm Marianne, dass Herrn Simons Zustand sich während der Nacht stabilisiert hatte. Temperaturwerte, Blutdruck, Puls und Venendruck hielten sich im Normbereich. Die Flüssigkeitsbilanz war ausgeglichen. Der Mann schien ein gesundes Herz zu haben. Allerdings hatte er seit gestern Nachmittag drei Blutkonserven benötigt. Marianne erschrak. Eine Ahnung sagte ihr, dass irgendetwas nicht stimmte.

„Die Blutwerte sind ja gar nicht so schlecht.“ Dr. Höper sah vom Kurvenblatt mit den Laborwerten auf und musterte das bleiche Gesicht des Patienten. „Nur die Gerinnungswerte gefallen mir nicht.“

Der Oberarzt beugte sich herab und betrachtete die vier, an der Bettkante hängenden Vakuumflaschen. Sie waren gefüllt mit dem Blut, das seit dem Eingriff in die große Operationswunde nachgeblutet war. „Hat kräftig Saft gelassen, was?“

„Ja, er hat viel Blut verloren“, bestätigte Lars Remmers. Der Stationsarzt hatte seine eigene Art, dem Oberarzt der Chirurgie zu zeigen, wie wenig er dessen Redensarten schätzte.

„Wie viel Blutkonserven hat er während der Operation bekommen?“, wandte sich Dr. Höper an Schwester Marianne. „Drei“, antwortete sie. Ihr Mund war trocken. Die Ahnung begann sich zur beängstigenden Gewissheit zu verdichten.

„Und der letzte Hb-Wert?“

„Vier Komma acht“, sagte Dr. Döring, „erst zwei Stunden alt.“

„Gut“, der Oberarzt richtete sich auf, „dann geben Sie ihm im Verlauf des Vormittags die anderen drei Konserven, Schwester Marianne. Danach können Sie ihn langsam vom Beatmungsgerät entwöhnen.“

„Die drei anderen Konserven?“ Mariannes Stimme klang heiser. In ihrem schmerzenden Kopf vermischten sich das blasende Geräusch des Beatmungsgeräts, die Anweisung des Oberarztes, das Piepsen des Monitors und die Erinnerung an die Albträume dieser Nacht zu einem grellen Chaos.

Mühsam versuchte sie, sich auf die Verlaufskurve in ihrer Hand zu konzentrieren. Ihr Blick verkrallte sich am Tagesdatum: >11. 11.<. Heute war der elfte November. Heute war Michaels Todestag!

„Ja!“, bellte Dr. Höper ungeduldig. „Es sind doch sechs Konserven ausgekreuzt!“

Neben dem magischen Datum stand es in roter Schrift: Nach Anordnung von Dr. Höper drei weitere Blutkonserven bestellt. Ma. Ihr Namenskürzel.

Sie hatte das Kurvenblatt gestern Abend angelegt. Sie hatte die Anordnung des Oberarztes entgegengenommen. Und sie hatte vergessen, den Auftrag an das Labor weiterzuleiten!

„Es tut mir leid, Herr Dr. Höper …“, stammelte Marianne. Nicht nur dem kalten Blick des Oberarztes begegnete sie, alle starrten sie vorwurfsvoll an. Eine unerträgliche Beklemmung erfüllte das Krankenzimmer. Dr. Remmers wandte sich resigniert dem Beatmungsgerät zu.

„Soll das heißen, dass für diesen Patienten kein weiteres Blut bestellt wurde?“, stieß Dr. Höper scharf hervor. Er straffte seinen sportlichen Körper und stemmte die Fäuste in seine Hüften. „Soll das heißen, dass Sie meine Anordnung nicht ausgeführt haben, Schwester Marianne?“ Seine Stimme wurde bedrohlich laut.

Marianne senkte den Kopf. Ihre Schläfen hämmerten. Wieder spürte sie die zahllosen Scherben in ihrer Brust.

„Von einer leitenden Schwester erwarte ich eine fehlerlose Betreuung meiner Frischoperierten!“ Dr. Höper schrie jetzt ungeniert drauflos. „Sie aber schaffen es nicht einmal, pünktlich zur Visite zu erscheinen!“

Er tat einen energischen Schritt auf Marianne zu. Es konnte ihm einfach nicht entgehen, wie sich ihre Augen langsam mit Tränen füllten. Dennoch beherrschte sich der Oberarzt nicht. Er schrie sogar noch lauter. „Was Sie in den letzten Monaten an Leistung bieten, ist unter aller Sau! Auf jede Schwesternschülerin im ersten Jahr kann man sich mehr verlassen!“

„Ich bitte Sie, Herr Kollege!“, platzte Lars Remmers heraus. In diesem Moment drehte sich Marianne um und stürzte schluchzend zur Tür hinaus.

3

Felix Söhnker ging ans Fenster seiner Kölner Villa, als müsste er den strömenden Regen mit eigenen Augen sehen, um dem Wetterbericht glauben zu können.

„Wir hätten doch mit dem Zug fahren sollen“, brummte er missmutig. Die Aussicht, bei diesem Wetter drei Stunden oder länger auf der Autobahn unterwegs zu sein, dämpfte seine Laune beträchtlich.

„An einem Freitag im Intercity nach Mannheim fahren!“, rief seine Frau aus. „Das sähe dir ähnlich!“ Edith Söhnker saß noch am Frühstückstisch. „Du weißt doch genau, wie sehr ich überfüllte Züge hasse!“

Felix zog es vor zu schweigen. In den letzten Jahren hatten weit geringere Anlässe als dieser zu aggressiven Auseinandersetzungen zwischen Edith und ihm geführt.

Und nach dem heftigen Streit gestern Abend wollte er einen erneuten Zusammenstoß vermeiden. Obwohl er der Realität nicht länger ausweichen konnte: Heute Nacht war zum ersten Mal das Wort gefallen, das sie beide bisher sorgsam vermieden hatten, obwohl es jeder von ihnen dachte – Scheidung!

Er hatte es ausgesprochen. Ediths Reaktion blieb erstaunlich sachlich. Sie war verstummt. Kein Schreien mehr, keine Vorwürfe, schweigend hatte sie ihn mit ihren braunen Augen angeschaut.

Und ihr Gesicht erschien ihm nicht wie das Gesicht der Frau, die er vor dreizehn Jahren geheiratet hatte, sondern wie das Gesicht einer Fremden.

Dann hatte sie langsam genickt: „Gut, Felix. Vielleicht ist es tatsächlich das Beste für uns beide.“

Er wandte sich von der regennassen Fensterscheibe ab und ging zu Edith an den Tisch. Während er sich noch eine Tasse Kaffee einschenkte, fragte er, ohne sie dabei anzuschauen: „Willst du überhaupt noch mitfahren?“

„Wenn es nur um deine Vorstellung ginge, würde ich liebend gerne hier bleiben. Dein exaltierter Theaterhaufen interessiert mich schon lange nicht mehr!“

Sie stand auf, um ins Bad zu gehen. „Die Welt durch Kunst zu verändern, das überlasse ich weiterhin dir!“ An der Tür drehte sie sich noch einmal zu ihm um. „Vielleicht ist es dir entgangen, dass meine Studienkollegin Laura ihren vierzigsten Geburtstag feiert. Darum fahre ich nach Mannheim. Nicht deinetwegen!“ Sie ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen.

Felix Söhnker stützte seufzend seinen Kopf in die großen Hände. Eine Locke seines blonden, langen Haares fiel ihm in sein schmales Gesicht. Heute morgen sah man diesem Gesicht seine achtunddreißig Jahre an.

Edith hatte seinen Beruf von Anfang an mit Argwohn betrachtet. Für ihren Geschmack hatte er schon immer zu leidenschaftlich am Theater gehangen. Als sie sich kennenlernten, war sie noch fasziniert gewesen von dem künstlerischen Milieu, in dem er sich bewegte.

Er seinerseits hatte ihre nüchterne Art, die Welt zu sehen, geschätzt und sie in ihrem Beruf als Mathematiklehrerin bewundert.

Felix stieß ein bitteres Lachen aus und erhob sich. „Gegensätze ziehen sich an.“ Hatte das nicht irgendjemand auf eine Hochzeitskarte geschrieben? Damals, vor dreizehn Jahren?

Im Laufe ihrer Ehe hatte sich ihre Gegensätzlichkeit zu einer trennenden Mauer aufgeschichtet. Zu einer Mauer, die zwei Menschen voneinander trennte, die nur noch eines gemeinsam hatten: Das Gefühl gegenseitiger Fremdheit.

Seitdem Felix eine Festanstellung als Theaterregisseur erhalten hatte, war er zeitlich so beansprucht, dass sich ihre Wege auch äußerlich mehr und mehr getrennt hatten.

Heute Abend würde sein Ensemble ein Gastspiel am Mannheimer Nationaltheater geben. Seine Inszenierung des Stückes hatte in der Presse ein breites Echo gefunden. Mannheim würde nicht die einzige Stadt bleiben, aus der eine Einladung zu erwarten war.

Ein halbe Stunde später fuhr Edith den Wagen aus der Garage. Der Morgen graute bereits.

Felix stand mit dem Schirm neben der Hofeinfahrt. Als er den großen, roten Honda auf sich zurollen sah, beschlich ihn eine unbestimmte Wehmut. Er ließ seinen Blick über die Villa, den Garten und die Terrasse wandern. Gemeinsam hatten sie sich das aufgebaut.

Ein Hupen riss ihn aus seinen Gedanken. Er öffnete die Beifahrertür. „Worauf wartest du noch“, sagte sie ungeduldig, „es ist bereits halb sieben.“

„Soll ich nicht fahren?“, fragte er, bevor er einstieg.

Sie schüttelte energisch den Kopf. „Ich möchte das Steuer heute gern selbst in der Hand halten“, sagte sie und ließ den Wagen auf die Straße rollen. „Nach unserem Gespräch heute Nacht könnte das ja unsere letzte gemeinsame Fahrt sein.“

Noch ahnten beide nicht, wie recht sie damit behalten sollte.

4

„Guten Morgen, Frau Kollegin.“ Dr. Clemens Stellmacher stand bereits mit Aktentasche und im Mantel an der Tür zum Bereitschaftszimmer des Notarztteams.

„Guten Morgen, Herr Stellmacher“, grüßte Alexandra Heinze zurück und drückte ihrem Kollegen die Hand. „Und? Wie war die Nacht?“

„Todlangweilig. Den Abend mit einer inoffiziellen Pizzafahrt verbracht, danach die halbe Nacht Skat gespielt, dann eine Fehlfahrt und ab ein Uhr geschlafen wie die Murmeltiere.“

Er grinste zu Karl Miller, dem Fahrer seines Notarztteams, hinüber. „Wünsche Ihnen einen ähnlich faulen Tag, Frau Kollegin. Tschüs.“

Zehn Minuten später, kurz nach halb sieben, waren auch die Sanitäter Ewald Zühlke und Jupp Friederichs zum Dienstantritt erschienen. Dr. Heinzes Notarztteam war komplett.

„Ach so“, meinte Karl Miller, bevor er die Tür hinter sich schloss. „Die Betten auf der Intensivstation sind knapp geworden. Schaut lieber nochmal rein da oben. Nicht, dass ihr mit einem Notfall auf der Matte steht, und die haben gar keinen Platz.“

„Mach ich am besten sofort“, meinte Jupp Friederichs und stand auf.

„Einen Augenblick, Herr Friederichs“, hielt ihn Dr. Heinze auf, „würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich das erledige? Ich wollte sowieso auf der Intensivstation vorbeischauen.“

„Aber bitte, Frau Doktor“, mit einer Kavaliersgeste hielt Friederichs der Ärztin die Tür auf.

Während Alexandra Heinze mit dem Fahrstuhl in den zweiten Stock fuhr, fühlte sie einen leichten Druck in der Magengegend. Der Anlass, der sie heute morgen sowieso auf die Intensivstation geführt hätte, war nicht besonders erfreulich.

Als sie während des Frühstücks den Nachrichtensprecher das Datum des heutigen Tages sagen hörte, wusste sie, wen sie im Laufe dieses Vormittages sehen musste: Marianne Debras, die stellvertretende Stationsschwester der Intensivstation.

Genau heute vor einem Jahr war die junge Schwester gemeinsam mit ihrem Freund verunglückt. Auf regennasser Fahrbahn war das Motorrad der beiden ins Schleudern geraten und gegen einen LKW geprallt.

Mariannes Freund war nicht mehr zu retten gewesen. Vor dem Aufprall war die junge Frau in die bepflanzte Straßenböschung geschleudert worden und hatte den Unfall wie durch ein Wunder mit ein paar Prellungen überlebt.

Dr. Heinze versuchte den Schauer abzuschütteln, der sie bei der Erinnerung an diesen tragischen Unglücksfall erfasste. Friederichs hatte damals bereits mit der künstlichen Beatmung begonnen, als Alexandra ihm sagen musste: „Hören Sie auf damit. Der Mann ist nicht mehr zu retten. Genickbruch.“

Die Aufzugtür öffnete sich, und Dr. Heinze ging langsam auf den Eingang der Intensivstation zu. Nie würde sie den Augenblick vergessen, in dem sie Marianne Debras den Tod ihres Freundes mitteilte.

Im Verlauf des zurückliegenden Jahres hatte sie versucht, Marianne in ihrer Trauer zu begleiten. Manches Gespräch hatten sie geführt. Doch Alexandra Heinze erkannte nur zu deutlich, dass die junge Frau den Verlust ihres Partners nicht verkraften konnte.

In letzter Zeit hatten sogar ärztliche Kollegen über die nachlassende Leistungsfähigkeit der Krankenschwester geklagt. Und zwar nicht nur solche, die auf der Intensivstation arbeiteten. Alexandra Heinze dachte an den Oberarzt der Chirurgie, Dr. Höper. Der tat sich immer besonders hervor, wenn es darum ging, seinen Kollegen das Leben schwer zu machen.

Neulich hatte er sich sogar beim Chef, Professor Streithuber, über die stellvertretende Stationsschwester der Intensivstation beklagt.

Mit diesen sorgenvollen Gedanken betrat Alexandra Heinze an diesem Morgen die Intensivstation. Die Uhr über dem Stationsgang zeigte 6.40 Uhr.

Am Ende des Ganges, auf der chirurgischen Einheit öffnete sich eine Tür. Schwester Marianne stürzte heraus, rannte schluchzend den Gang hinunter und verschwand im Personalraum.

Einen Moment nur blieb die Notärztin überrascht stehen. Dann ging sie rasch auf den Personalraum zu. Sie ahnte nichts Gutes.

Schwester Marianne lag schluchzend über den Tisch gebeugt, das Gesicht in ihren Händen vergraben. Ihr Körper bebte wie im Schmerz.

Dieser Anblick übertraf Alexandra Heinzes schlimmste Befürchtungen bei Weitem. Einen Moment blieb sie im Türrahmen stehen. Doch schnell hatte sie sich wieder gefasst und zog die Tür hinter sich zu.

„Schwester Marianne, was ist geschehen?“ Teilnahmsvoll streichelte sie der jungen Frau über das kurzgeschnittene schwarze Haar.

Alexandra Heinze wusste, dass echter Schmerz nicht gleich in Worte zu fassen ist. Schwester Marianne brauchte Zeit. Nach einigen Minuten fand sie die Worte wieder.

Und nicht nur die Enttäuschung über die demütigende Kritik des Oberarztes, sondern die ganze zurückgehaltene Verzweiflung des vergangenen Jahres brach aus ihr heraus.

„Frau Dr. Heinze, es hat keinen Sinn mehr. Ein Mensch, der nur noch Fehler macht, ist in diesem Beruf nicht zu gebrauchen. Ich kann keine Krankenschwester mehr sein! Ich werde kündigen.“

Dr. Alexandra Heinze sah das verhängnisvolle Datum auf dem Kalender. Wie sollte sie der jungen Frau Mut zusprechen?

„Marianne“, ihre Stimme klang sanft und einfühlsam, „dass Sie an einem Tag wie diesem so unglücklich sind, wer wollte das nicht verstehen. Sie haben ein Recht darauf, verzweifelt zu sein, denn Sie haben den Menschen, den Sie liebten, von einer Sekunde auf die andere verloren. Sie müssen Geduld mit sich selbst haben. Gehen Sie jetzt nach Hause. Ich rede mit der Oberschwester. Bleiben Sie aber nicht allein. Gehen Sie zu Ihren Eltern oder zu Ihren Freunden aus der Laienspielgruppe.“

„Theater spiele ich schon seit Michaels Tod nicht mehr.“ Sie richtete sich auf und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

„Ich habe alle Kontakte abgebrochen, seit …“ Sie warf einen verzweifelten Blick auf den Kalender. „Seit jenem elften November …“

„Marianne, hören Sie zu“, die graugrünen Augen der Ärztin ruhten mitfühlend auf der jungen Schwester, „gerade ein Mensch wie Sie, der die bittere Seite des Lebens kennt, kann leidenden Menschen eine wirkliche Hilfe sein.“

Dr. Heinze legte ihre Hand auf Mariannes Schulter. „Geben Sie nicht auf, Marianne, das Marien-Krankenhaus braucht Sie.“

5

Hilde Heinze mochte den Monat November nicht. Sie konnte sich an Zeiten in ihrem Leben erinnern, in denen sie zu dieser Jahreszeit regelmäßig in eine tiefe Schwermut gefallen war.

Das hatte sich mit dem Älterwerden zwar gegeben, aber die kahlen Bäume, der laubbedeckte Asphalt und die grauen Nebelschwaden des Novembers hatten für sie immer noch mit Tod und Traurigkeit zu tun.

Heute kam noch der seit Tagen nicht enden wollende Regen hinzu. Trotz ihres humorvollen Naturells beschlich sie wieder eine Spur der alten Wehmut.

„Nicht so schnell, Anuschka, ich bin keine vierzig mehr wie dein Herrchen!“

Die schwarze Dogge war den wesentlich schnelleren Schritt des Sohnes von Hilde Heinze gewöhnt. Doch Dr. Werner Heinze war seit zwei Tagen auf einem Ärztekongress für Kinderheilkunde in Köln.

Normalerweise ließ er sich seine Lieblingsbeschäftigung vor Praxisbeginn von niemandem nehmen. Wenn er aber auf einer seiner Dienstreisen war, übernahm seine Mutter gern den morgendlichen Spaziergang mit dem vierbeinigen Liebling der Familie Heinze.

„Ist ja gut“, beruhigte Hilde Heinze das aufgeregte Tier, „wir sind ja gleich am Waldrand.“

Sie bog aus der Beethovenstraße in einen schmalen Weg, der aus dem Villenviertel heraus in ein Waldstück führte. Dort angekommen löste sie das Hundehalsband von der Leine. „So, Anuschka, jetzt kannst du dich richtig austoben.“

Der Hund stob davon. „Aber lauf nicht so weit weg!“, rief sie ihm hinterher. Das hätte sie dem treuen Tier nicht sagen müssen. Anuschka liebte es zwar, den einen oder anderen Abstecher ins Gebüsch zu unternehmen, entfernte sich aber nie aus der Rufweite ihres Begleiters.

Der Regen prasselte auf den gelben Regenschirm über der alten Dame. Hilde Heinze hatte sich trotz der Verwunderung der Verkäuferin für die knallige Farbe entschieden. Das war ihre Art, den düsteren Novembertagen zu trotzen.

Anuschka war etwa hundert Meter vorausgelaufen. Sie stand jetzt kurz vor der Brücke, die über den kleinen Bach führte. Hilde Heinze sah, dass der Hund neugierig am Bachlauf entlang in den Wald hineinspähte. Seine Ohren waren steil aufgerichtet. Irgendetwas schien seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Plötzlich setzte er mit großen Sprüngen in den Wald hinein.

Hilde Heinze beunruhigte das nicht weiter. Anuschka machte öfter mal einen Abstecher in den Wald hinein. Besonders gern tat sie das am Bachufer, weil sich dort ab und zu eine Ratte zeigte.

Ihre Gedanken wanderten zu Werner. Wie ruhig und erfüllt sein Leben verlief, seit er mit Alexandra verheiratet war.

Frau Heinze seufzte. Was für ein Glück doch mit der jungen Ärztin in die schöne Jugendstilvilla eingekehrt war! Wenn sie nur nicht so viel arbeiten würde.

Heute morgen beim Frühstück hatte ihre Schwiegertochter kaum ein Wort mit ihr gesprochen. So sehr war sie mit ihren Gedanken schon bei ihren Patienten in der Marien-Krankenhaus. Wenn Werner in ein paar Tagen von seinem Kongress zurückkehren würde, hatte sie schon eine Überraschung geplant: Ein Schlemmer-Abendessen im Hubertushof.

Ein zärtliches Lächeln huschte über ihr faltiges Gesicht. Hilde Heinze liebte es, ihren Kindern eine Freude zu machen. Insgeheim war sie stolz auf die beiden. Nicht nur ihres beruflichen Erfolges wegen, nein: Weil sie es verstanden hatten, trotz großer, beruflicher Herausforderungen eine glückliche Ehe zu führen. Und dennoch lag ein Schatten über diesem Glück.

Wieder musste Hilde Heinze seufzen. Sie konnte sich nur schwer mit dem Gedanken abfinden, nie ein Enkelkind in ihren Armen zu halten. Seit jener verhängnisvollen Operation vor vielen Jahren …

Frau Heinze schüttelte die Erinnerung ab. Es war vorbei, und alle hatten sich mit der Realität arrangiert. Und immerhin gab es Anuschka!

Das schwarze Riesentier brauchte mindestens so viel Zuwendung und Zärtlichkeit wie ein Kind. Ach was, wie zwei Kinder! Wieder huschte ein Lächeln über Hilde Heinzes Züge.

„Anuschka!“ Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie den Hund schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen hatte. „Anuschka!“ Normalerweise sprang die Dogge beim Klang ihres Namens sofort herbei.

Unruhe erfasste die alte Dame. „Anuschka!“ Immer wieder und immer lauter rief sie nach dem Hund. Kein freudig erregtes Bellen, kein Tapsen durch Pfützen und Schlamm, kein Rascheln im Unterholz des Waldrandes.

Irgend etwas stimmte nicht. Angst breitete sich in Frau Heinzes Brust aus. Was war mit Anuschka geschehen? Sie klappte den Schirm zu und drang in das Gehölz des Waldes ein.

6

„Soll ich die Frau auf die Straße setzen? Ist das Ihre Meinung, Herr Kollege?“ Prof. Walter Streithuber runzelte seine buschigen Augenbrauen.

Er wandte den Kopf nach rechts und musterte überrascht das unbewegte Gesicht seines Oberarztes Dr. Höper. Sie standen beide im Waschraum der chirurgischen Operationsabteilung vor den Waschbecken und rieben sich die Hände mit Desinfektionsmittel ein.

In wenigen Minuten, um 7.15 Uhr, würden beide mit ihren Operationen beginnen. Dr. Höper mit einem unklaren Oberbauch, Prof. Streithuber, Chef der Chirurgie, mit einer Hauttransplantation nach schwerer Verbrennung.

Auch Alexandra Heinze befand sich an einem der Waschbecken, um sich die Hände zu desinfizieren. Sie hatte Höpers Operationskandidatin gestern mit dem Notarztwagen eingeliefert. Ein sechzehnjähriges Mädchen mit starken Bauchschmerzen. Das Mädchen hieß Linda und war geistig behindert. Alles sprach für eine Blinddarmentzündung, auch der Oberarzt war von dieser Diagnose überzeugt. Dennoch hegte Alexandra Heinze leise Zweifel an der Richtigkeit der Diagnose. Das Blutbild wollte einfach nicht zu einer Blinddarmentzündung passen. Deswegen wollte sie an der Operation teilnehmen.

„Auf die Straße nicht unbedingt, doch auf der Intensivstation ist sie fehl am Platz.“ Dr. Höper schüttelte das Desinfektionsmittel von seinen leicht gebräunten Händen.

Mit routinierter Geste streifte er sich einen sterilen Handschuh über die Linke. „Suchen wir nicht Personal für die Computer-Tomographie? Da kann man nicht viel falsch machen.“

Prof. Streithuber ließ sich von Alexandra Heinze die sterilen Handschuhe überstreifen. „Sie wissen genau, wie schwer es ist, qualifiziertes Personal für die Intensivstation zu finden. Der menschlichen Belastung, die diese Arbeit mit sich bringt, ist nicht jeder gewachsen, Herr Kollege. Ich war immer froh, Schwester Marianne dort oben zu wissen.“

Unverwandt richtete Dr. Höper seine blauen Augen auf das Gesicht seines Chefs. „Bei allem Respekt vor ihrer Menschenkenntnis, Herr Streithuber, aber Schwester Marianne ist nicht mehr die alte.“

Er hielt die mit den sterilen Handschuhen überzogenen Hände vor sich, als würde es sich um wertvolle Instrumente handeln. Breitbeinig stand er in seinem grünen Kittel vor Alexandra Heinze und seinem Chef. Einen Augenblick schwieg er, um den überraschten Ausdruck in den Augen des Professors auszukosten. Der skeptische Blick seiner Kollegin vom Notarztteam war ihm nicht entgangen.

Er räusperte sich: „Seit einigen Monaten beklagen sich ihre Kollegen über ihre Unpünktlichkeit. Immer wieder macht sie fachliche Fehler. Heute morgen erst hat sie meine Anordnung wegen des frisch operierten Dickdarms nicht ausgeführt. Sie ist schlicht unzuverlässig geworden, und das können wir uns auf so einer sensiblen Abteilung nicht leisten. Mit einem Wort, Schwester Marianne ist untragbar geworden.“

Er warf einen Blick in den OP, in dem die Schwestern mit den Vorbereitungen für die Operation beschäftigt waren. Zwei Pfleger lagerten die junge Patientin auf den OP-Tisch.

Dr. Höper senkte seine Stimme: „Übrigens munkelt man, dass Schwester Marianne tablettensüchtig ist.“

„Man munkelt, Herr Höper“, Alexandra Heinze hatte sich während Dr. Höpers Worten nur mit Mühe zurückhalten können, „auch über uns munkelt man allerhand. Aus Gerüchten sollte man niemandem einen Strick drehen.“

Ungehalten blitzte Dr. Höper die Notärztin an. „Und die Unzuverlässigkeit, die unsere Patienten in Lebensgefahr bringt, sind das auch nur Gerüchte?“

Erstaunt sah Prof. Streithuber in die erregten Gesichter seiner beiden Mitarbeiter.

Alexandra Heinze wandte sich direkt an ihren Chef. „Herr Streithuber“, ihre Stimme klang beschwörend, „Marianne Debras hat ihren Lebenspartner verloren. Heute vor einem Jahr bei einem Motorradunfall. Ich habe den Einsatz gefahren. Natürlich ist die Frau in einer Krise.“ Alexandra richtete ihre großen Augen auf die verhärteten Züge des chirurgischen Oberarztes. „Wer von uns wäre das in dieser Situation nicht?“, fragte sie wie an seine Adresse gerichtet.

Sie drehte sich wieder zum Professor um. „Heute morgen habe ich erst wieder mit ihr gesprochen. Es ist wahr, sie ist nicht auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit. Aber ich bin davon überzeugt, dass sie sich fangen wird, wenn wir ihr eine Chance geben.“

Einen Augenblick herrschte Schweigen. Dr. Höper war verärgert über dieses unerwartete Plädoyer für Schwester Marianne.

„Und ich bin überzeugt davon, dass mein Frischoperierter drei Blutkonserven braucht, die er erst heute Mittag erhalten wird.“ Zornig bohrte sich sein Blick in Alexandra Heinzes Augen. „Durch einen Fehler Ihrer Schwester Marianne, Frau Kollegin!“

Auf der Schwelle der Tür zum Operationssaal 1 erschien ein Pfleger: „Wir sind soweit, beide Patienten schlafen.“

Prof. Streithuber strebte auf den OP zu. „Lassen Sie uns später noch einmal darüber reden. Jetzt ruft die Arbeit.“

Alexandra Heinze wollte gerade Dr. Höper in den benachbarten Operationssaal folgen, da öffnete sich die Tür zum Waschraum. Das bärtige Gesicht Jupp Friederichs erschien. „Ihre Schwiegermutter hat angerufen, Frau Doktor. Schien ein bisschen aufgeregt. Ruft in zehn Minuten noch mal im Bereitschaftszimmer an.“

7

Der Regen prasselte auf die Windschutzscheibe. Edith hatte den Scheibenwischer auf Höchstgeschwindigkeit gestellt.

„Fahr doch nicht so dicht auf, siehst du nicht die Bremslichter da vorne“, durchbrach Felix Söhnker das Schweigen.

Edith presste unwillig die Lippen zusammen. Sie ließ sich nicht gerne etwas von ihrem Mann sagen, aber auch sie merkte, dass der Verkehr immer dichter wurde.

Sie schaltete zurück in den dritten Gang. „Diese schreckliche Kriecherei! Es ist halb acht, und wir sind noch nicht mal in Bonn.“

Felix Söhnker zog die Augenbrauen hoch und sah auf den Tacho: Immerhin fuhr sie noch 60 km/h. Diese Geschwindigkeit als Kriecherei zu bezeichnen war typisch Edith. Aber heute hielt er sich zurück. Viel zu oft schon waren sie wegen ihres offensiven Fahrstils aneinander geraten.

Bald konnten sie tatsächlich nur noch im Schritttempo fahren. „Mach doch mal das Radio an“, forderte Edith ihren Mann mit genervter Stimme auf.

Der Verkehrsservice sagte einen 6 Kilometer langen Stau in ihrer Fahrtrichtung an. Ein Schwertransport war Richtung Bonn unterwegs.

Edith schlug mit der flachen Hand aufs Lenkrad. „So ein Mist“, stieß sie hervor.

Felix kannte die Unruhe seiner Frau, aber ihre jetzige Nervosität schien ihm doch ein wenig unangemessen zu sein.

„Du hörst doch, der Schwertransporter verlässt hinter Bonn die Autobahn. Wir haben Zeit genug. Du wirst schon noch rechtzeitig zu Lauras Sektempfang kommen. Und wenn nicht, wird Laura einer alten Freundin wie dir nicht den Kopf abreißen.“

Edith warf den Kopf zurück und zog scharf die Luft durch die Nase ein.

Der Stau schien unendlich. Stellenweise kam der Verkehr völlig zum Erliegen. Um acht Uhr waren sie erst kurz vor Bonn.

„Der Stau müsste sich doch jetzt auflösen“, schimpfte Edith aufgebracht. „Über eine Stunde für nicht mal dreißig Kilometer.“

„Beruhige dich. Du weißt doch, in Bonn verlässt der Schwertransporter die Autobahn. Dann kannst du wieder Gas geben.“

Nach einer Viertelstunde fuhren sie immer noch Schritttempo. Fluchend bog Edith in die nächste Auffahrt zu einer Raststätte ein.

„Was hast du vor, Edith? Müssen wir tanken?“

„Wenn es so weiter geht, bin ich um Mitternacht noch nicht in Mannheim. Ich muss Laura anrufen.“

Nah am Treppenaufgang zur Raststätte fanden sie einen freien Parkplatz. Edith hatte schon zwei Stufen genommen, da drehte sie sich nach Felix um, der Mühe hatte, ihr zu folgen.

„Verdammt, ich habe das Licht brennen lassen“, rief sie. Sie zog die Autoschlüssel aus der Handtasche und warf sie Felix zu. „Ich bin schon mal in der Telefonzelle.“

Während Felix zurück zum Auto ging, verschwand Edith bereits in der Drehtür des Gebäudes.

Was war nur los mit ihr? Warum war sie so nervös? Hatte sie das Gespräch von gestern Abend noch nicht verdaut? Felix schaltete die Scheinwerfer des Wagens aus und folgte Edith in die Raststätte.

Er sah sie in der Zelle stehen und mit merkwürdig hastigen Bewegungen in den Telefonhörer sprechen. Nervös wandte sie sich hin und her und entdeckte ihn. Etwas Ängstliches schien in ihrem Blick aufzuflackern, und sie drehte ihm abrupt wieder den Rücken zu.

Felix wunderte sich ein wenig. Doch dann schob er es auf ihre Nervosität, auf den Stau, die Verspätung und ihr Gespräch von gestern Abend.

Er ging ins Restaurant und holte sich einen Kaffee. Als er zur Telefonzelle zurückkehrte, telefonierte Edith immer noch.

Felix stellte seine Tasse auf die Heizung, lehnte sich an die Wand und zündete sich eine Zigarette an.

Vermutlich würde Edith ihrer Freundin von ihrem nächtlichen Streit berichten. Felix wusste, dass die beiden Frauen sehr vertraut miteinander waren.

Seine Gedanken wanderten zu der heute Abend bevorstehenden Premiere im Mannheimer Nationaltheater. Ihm fiel ein, dass der Kulturredakteur des >Mannheimer Morgens< gestern eine Bitte um Rückruf auf seinem Anrufbeantworter hinterlassen hatte. Jetzt wäre die Gelegenheit, den Mann anzurufen.

Felix ging zur Telefonzelle und klopfte an die Scheibe. Edith drehte sich um und funkelte ihn unwillig an. Er zuckte entschuldigend mit den Schultern und bedeute ihr, die Karte steckenzulassen.

Endlich hängte Edith ein und kam aus der Zelle. Das Piepsen des Automaten erinnerte schrill an die zurückgelassene Telefonkarte. „Beeil dich“, bellte Edith, drückte ihm den Hörer in die Hand und steuerte die Tür des Restaurants an.

„Hast du Laura von mir gegrüßt?“, rief Felix ihr nach. Aber sie hörte ihn schon nicht mehr.

Während er die Telefonnummer des Redakteurs heraussuchte, dachte er an Laura. Wie alt wurde sie heute? Hatte sie ihm nicht im vergangenen Jahr eine Flasche Champagner zu seinem Geburtstag geschickt? Sie war zwar Ediths Freundin …

Kurzentschlossen drückte er die Wiederholungstaste. Gerade in solchen Situationen, in denen man in persönlichen Schwierigkeiten steckte, sollte man alte Kontakte nicht ganz erkalten lassen. Laura würde sich sicher freuen, wenn er ihr persönlich zum Geburtstag gratulierte.

Das Freizeichen ertönte. Dann knackte es in der Leitung und eine sonore, ihm unbekannte Männerstimme meldete sich: „Nideggen.“

Felix stutzte kurz, vielleicht hatte Laura einen neuen Freund? „Ich möchte gerne Laura sprechen.“

„Ich kenne keine Laura“, die Männerstimme am anderen Ende der Leitung klang irritiert, „mit wem spreche ich bitte?“

Felix hatte vor Verwirrung vergessen, sich mit seinem Namen zu melden. „Pardon, Söhnker hier, Felix Söhnker. Sie kennen keine Laura?“

Schweigen. Dann: „Sie sind falsch verbunden.“ Die Stimme klang jetzt merkwürdig belegt, fast heiser.

„Aber meine Frau hat doch eben …“, wollte Felix protestieren, aber der Mann am anderen Ende der Leitung hatte schon eingehängt.

Felix starrte den Hörer in seiner Hand an. Dann nahm er einen tiefen Zug aus der Zigarette und legte auf. Er steckte sein Notizbuch ein. Nein, er war jetzt nicht in der Stimmung, mit dem Redakteur zu sprechen.

Er nahm seine Kaffeetasse von der Heizung und ging mit schweren Schritten auf das Restaurant zu.

Edith saß an einem der Tische vor einem Glas Tee. Er setzte sich zu ihr. Sie wich seinem Blick aus. Felix zündete sich noch eine Zigarette an. Durch die Fensterfront des Restaurants nahm er wahr, dass der Verkehr wieder flüssiger geworden war.

Nideggen! Laura, so erinnerte er sich plötzlich, war Löwe im Sternbild. Jetzt hatten sie November. Der Monat stand im Zeichen des Skorpions.

Er drückte seine Zigarette aus und stand auf. „Komm, der Stau hat sich aufgelöst.“

Als sie kurz darauf in die Autobahn einbogen, zitterten seine Hände.

Edith gab Gas. „Endlich freie Bahn!“

„Ich habe Laura angerufen, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren“, sagte er mit tonloser Stimme.

Edith fuhr herum und starrte ihn an. Ein jäher Schrecken weitete ihre braunen Augen. Schnell fasste sie sich wieder und konzentrierte sich auf den Verkehr.

Felix beugte sich zu ihr herüber: „Wer ist Nideggen?“

8

„Das Marien-Krankenhaus braucht Sie“, diese Worte Alexandra Heinzes klangen Schwester Marianne noch im Ohr. Sie wählte die Nummer des Labors. Ilse Taubert meldete sich.

„Marianne, Intensivstation, wir brauchen noch drei Blutkonserven für Herrn Simons.“

Nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte, machte sie sich auf den Weg ins Beatmungszimmer zu dem Frischoperierten.

Nein, sie würde nicht nach Hause gehen. Irgendwie würde sie diesen Tag schon überstehen. Marianne seufzte, das Gespräch mit der Ärztin hatte ihr gutgetan. Sie spürte jetzt neue Kraft.

„Das Marien-Krankenhaus braucht Sie“, die Ärztin hatte recht. „Und ich brauche das Marien-Krankenhaus“, seufzte Marianne, als sie vor Herrn Simons Bett stand.

Sie kontrollierte den Blutdruck des Patienten und trug den Wert in die Verlaufskurve ein. Dabei fiel ihr Blick auf die linke obere Ecke des Bogens: 11. November!

Ein jäher Schmerz durchzuckte sie. Michael! Sie hielt die Tränen zurück und wandte sich dem Frischoperierten zu. Reiß dich zusammen, Marianne, der Kranke hier braucht eine Schwester, die einen klaren Kopf hat!

Beherrscht nahm sie die stündlichen Routineaufgaben auf: Temperatur messen, Venendruck kontrollieren, Beatmungsgerät überprüfen, intravenöse Medikamente spritzen, Infusionen wechseln. Doch so konzentriert sie auch zu arbeiten versuchte, ihre Gedanken gingen andere Wege.

Michael! Sie sah sein Gesicht, seine wasserblauen Augen mit liebevollem Blick auf sich gerichtet. Jane hatte er sie immer genannt. Was würde er wohl zu ihr sagen, in dieser schwierigen Situation? Wie würde er sie jetzt wohl trösten?

„Jane“, würde er sagen, „ich liebe dich.“ Seine Stimme klang in ihrer Erinnerung, als würde er jetzt mit ihr sprechen. So nah, so vertraut.

„Aber weil ich dich liebe, möchte ich, dass du glücklich bist. Du musst neu anfangen, das Leben geht weiter, auch ohne mich.“

„Nein!“, schrie es in ihr auf. „Ich kann ohne dich nicht glücklich sein. Und ich will es auch nicht!“

Ein lauter Knall schreckte sie aus ihren Gedanken. Erschrocken hielt sie den Atem an. Zu ihren Füßen lagen die Scherben der Infusionsflasche, die sie gerade auswechseln wollte.

„Auf jede Schwesternschülerin im ersten Lehrjahr kann man sich mehr verlassen!“ Das gehässige Schimpfen des Oberarztes dröhnte in ihrem Kopf.

Hatte er nicht recht? Jetzt konnte sie noch nicht einmal mehr eine Infusionsflasche wechseln!

Während sie die Scherben zusammenlas und die klebrige Flüssigkeit vom Boden aufwischte, schluchzte sie verzweifelt. Ja, es mochte sein, dass das Marien-Krankenhaus sie brauchte. Aber nicht hier!

„Ich gebe auf“, seufzte sie.

Sie richtete sich auf und sah zum Fenster der Klinik in den Regen hinaus.

Ihr Entschluss stand fest. Gleich nach Dienstschluss würde sie zur Oberschwester gehen und ihre Versetzung beantragen. Auf die HNO-Station oder in die Computer-Tomographie, ganz egal. Hauptsache irgendwohin, wo ein Fehler nicht so weitreichende Folgen hatte wie hier. Und irgendwohin, wo sie nicht ständig Angst haben musste, mit Unfallopfern konfrontiert zu werden.

Eine halbe Stunde später brachte Schwester Marianne die Urinproben der Intensiv-Patienten ins Labor. Die Blutkonserven für Herrn Simons waren noch nicht fertig. Auf dem Rückweg zu ihrer Station schaute sie im Notarzt-Zimmer vorbei.

Alexandra Heinze saß an ihrem Schreibtisch, das Telefon in Reichweite, direkt neben ihr.

Erstaunt blickte sie auf: „Schwester Marianne, was machen Sie denn hier?“

„Ich habe es nicht fertig gebracht, nach Hause zu gehen. Ich werde den Tag schon überstehen.“ Sie schwieg einen Augenblick.

Der fragende Blick der Notärztin entging ihr nicht. „Und Sie haben recht, Frau Dr. Heinze, ich darf nicht aufgeben. Aber die Intensivstation verkrafte ich im Augenblick nicht. Nach Dienstschluss gehe ich zu Frau Eilers und bitte um meine Versetzung.“

Die Notärztin stand auf und kam auf die junge Frau zu. Sie legte ihr sanft die Hand auf die Schulter. „Wohin wollen Sie sich versetzen lassen?“

„Irgendwohin, wo ich nichts falsch machen kann.“

„Haben Sie sich das auch gut überlegt?“

Schwester Marianne nickte und griff zur Türklinke. „Danke, Frau Doktor.“

In diesem Moment klingelte das Telefon. Alexandra Heinze ging zum Schreibtisch und nahm den Hörer ab. „Heinze.“

Marianne sah, wie sich die Ärztin auf die Lippen biss und blass wurde. Sie ließ sich auf ihren Drehstuhl sinken. Erschöpft sah sie plötzlich aus.

„Jetzt beruhige dich, Mutter. Schau erst mal zu Hause nach, ob sie nicht schon da ist. Vielleicht wartet sie ja an der Wohnungstür bereits auf dich. Ruf mich dann noch mal an. Es gibt jetzt noch keinen Grund, sich Sorgen zu machen.“

Nachdem Alexandra Heinze aufgelegt hatte, stützte sie ihren Kopf in beide Hände auf den Schreibtisch. Irgendetwas schien sie zu bedrücken.

„Schlechte Nachrichten, Frau Doktor?“

Alexandra Heinze drehte sich seufzend zu Schwester Marianne um. „Na ja, jedenfalls keine guten. Anuschka, unser Hund, ist verschwunden.“

9

Hilde Heinze eilte durch den strömenden Regen nach Hause. Von einer Telefonzelle aus hatte sie ihre Schwiegertochter angerufen.

Fast eine Stunde lang hatte sie nach Anuschka gesucht. Von ganzem Herzen hoffte sie, ihre Schwiegertochter würde recht behalten, und Anuschka würde vor dem Haus auf sie warten.

An der Beethovenstraße 25 angekommen, blickte sie ängstlich über die Hecke.

„Anuschka!“ Mit einem lauten Schrei machte sich ihre Erleichterung Luft. Sie klappte den grellgelben Regenschirm zu und eilte den Gartenweg entlang.

„Anuschka! Da bist du ja!“ Vor der eichenen Haustür der Jugendstilvilla lag die schwarze Dogge.

Hilde Heinze hastete die fünf Treppenstufen zur Haustür hinauf und beugte sich zu dem Tier herunter.

„Meine Anuschka, einfach weglaufen. Was sind denn das für neue Sitten?“

Sie kraulte den Hund am Nackenfell. Aber was war das? Kein freudiges Bellen. Keine zärtlichen Nasenstüber. Kein aufgeregtes Schwanzwedeln. Die Dogge hob nicht einmal den Kopf. Aus blutunterlaufenen Augen starrte sie Hilde Heinze an.

Beunruhigt kramte Hilde Heinze den Schlüssel aus der Manteltasche, schloss auf und stellte den Schirm in den Schirmständer.

„Auf, Anuschka, komm rein.“

Langsam trottete die Dogge in den Hausflur. Sie schien erschöpft zu sein.

„Sag mal“, lachte Hilde Heinze, „bist du so wild hinter einer Ratte hergehetzt, dass du jetzt schon müde bist?“

Mit steifen Beinen stand Anuschka schließlich im Flur. Sorgenvoll beobachtete Frau Heinze den großen Hund. „Was ist los mit dir?“

Wieder beugte sie sich zu Anuschka herab. Zärtlich streichelte sie den Kopf ihres Lieblings.

„Deine Schnauze ist ja ganz trocken und heiß. Bist du etwa krank?“

Anuschka knickte mit den Hinterläufen ein und ließ sich schwer auf den Teppichboden des Hausflurs fallen. Normalerweise wäre sie jetzt die Treppe hoch gesprungen, um ihren Lieblingsplatz am Kamin aufzusuchen.

Kopfschüttelnd kniete Frau Heinze neben ihr und betrachtete beunruhigt das zitternde Tier. Sie hatte doch vor einer Stunde mit einem quietschfidelen Hund das Haus verlassen. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Sollte Anuschka etwa …

Entschlossen stand Frau Heinze auf und wählte die Nummer des Marien-Krankenhauses. Im Notarzt-Zimmer konnte sie ihre Schwiegertochter nicht erreichen. Sie rief die Pforte an.

Paul Ahlers war am Telefon. Er versprach, Alexandra Heinze über den Piepser zu suchen und sie um Rückruf zu bitten.

Hilde Heinze versuchte die aufkommende innere Unruhe zu beherrschen. Aus der Küche holte sie einen Napf mit frischem Wasser und stellte ihn der regungslosen Dogge direkt vor die Schnauze.

„Komm, Anuschka, trink was, bitte.“

Anuschka rührte das Wasser nicht an. Apathisch lag sie da, den Kopf auf die ausgestreckten Vorderläufe gelegt.

Hilde Heinze eilte ins Wohnzimmer und kehrte mit einer Wolldecke zurück. Sorgsam umhüllte sie das zitternde Tier. Die folgenden Minuten, während sie auf den Rückruf ihrer Schwiegertochter wartete, wich Frau Heinze nicht von Anuschkas Seite. Unablässig streichelte sie den Kopf des Tieres und redete Anuschka zärtlich zu.

Endlich klingelte das Telefon. Alexandra Heinze meldete sich.

Mutter Heinze schilderte ihrer Schwiegertochter den Zustand des Hundes. Eine Zeitlang schwieg die Notärztin am anderen Ende der Leitung.

„Hört sich ganz nach einer Vergiftung an“, ließ sie sich schließlich mit heiserer Stimme vernehmen. „Versuch ihr soviel Wasser wie möglich zu geben. Sie muss trinken, hörst du, trinken, trinken.“

„Sie rührt keinen Tropfen an.“

Wieder ein kurzes Schweigen am anderen Ende der Leitung. „Ob du sie zum Erbrechen bringen kannst?“

„Oh weh, Alexandra, ich weiß nicht, ob ich das schaffe.“

„Dann rufe ich Frau Dr. Kayser, unsere Tierärztin an.“

„Alexandra, du glaubst nicht, wie apathisch Anuschka plötzlich ist. Ich fürchte, ich müsste sie zur Tierärztin tragen. Und die Kraft hab ich einfach nicht.“

„Vielleicht kann Frau Kayser ins Haus kommen.“

Hilde Heinze schwieg einen Augenblick. „Gut, ich danke dir“, seufzte sie schließlich.

„Und halte mich auf dem Laufenden, ja?“

10

Etwa zur gleichen Zeit legte in Mannheim Stefan Nideggen sein Handy auf den Beifahrersitz seines BMW. Nachdenklich schaute er durch die Windschutzscheibe in die halbdunkle Tiefgarage.

Was, zum Teufel, war jetzt geschehen? Warum ruft direkt nach Edith ihr Mann an? Woher hatte er seine Nummer? Und warum fragte er nach Laura? Ein Trick? Offensichtlich war ihr Alibi geplatzt.

Nideggen schlug sich mit den Händen auf die Schenkel. „Verdammter Mist“, stieß er hervor. Irgendetwas war schief gelaufen.

Sollte Edith ihrem Mann ihr Verhältnis gebeichtet haben? Nein, das hätte sie ihm gesagt. Warum aber rief er dann so kurz nach ihr an? Hatte er ihr Notizbuch ausspioniert und seine Nummer entdeckt? „Das hat mir gerade noch gefehlt!“

Stefan Nideggen war ein Mann, der sein Leben im Griff hatte. Vollständig im Griff. Unvorhergesehene Komplikationen gab es für ihn nicht. Und wenn sie doch einmal vorkamen, ärgerte ihn das.

Er drehte den Rückspiegel zu sich herunter. Ein markantes, gebräuntes Gesicht erschien darin. Glatte Stirn, eine teure Brille über kühlen, grauen Augen, eine scharf geschnittene Nase, ein schmallippiger Mund. Er strich sich über das sorgfältig frisierte braune Haar und rückte die silbergraue Fliege zurecht.

Aus dem Jackett seines dunkelblauen Nadelstreifen-Anzugs zog er ein Brusttuch in der gleichen Farbe der Fliege und drapierte es in der Brusttasche.

Nun gut, irgendwann musste Ediths Mann ja mal drauf kommen. Selbst einen Träumer wie Söhnker konnte eine Frau nicht beliebig lange unentdeckt betrügen.

Nideggen startete den Wagen. Insgeheim rechnete er schon seit ein paar Wochen damit, dass Edith ihr Verhältnis aufdecken würde. Seitdem sie davon gesprochen hatte, zu ihm zu ziehen.

Bisher hatte er den Gedanken an ein Zusammenleben mit Edith zurückgedrängt. In den letzten Monaten hatte er Edith fast jede zweite Woche gesehen. Gemeinsame Wochenenden, sogar einen kurzen Urlaub hatten sie miteinander verbracht.

Ja, sie passten gut zusammen. Ihre nüchterne Art, ihre Attraktivität, ihre liberalen Ansichten. Ja, vielleicht liebte er sie sogar. Aber zusammenleben? Doch jetzt schien es ernst zu werden.

Nideggen steuerte den BMW aus der Tiefgarage und fädelte sich in den morgendlichen Berufsverkehr ein. Bevor er sich mit Edith in ihrem Lieblingsrestaurant traf, musste er noch mal zur Bank. Die Direktorensitzung hatte er nicht auf einen anderen Termin verlegen können. Nun gut, jetzt, wo Edith sich mindestens um eine Stunde verspäten würde, konnte er sich Zeit lassen.

An der nächsten roten Ampel griff er zum Handy und wählte die Nummer des französischen Restaurants, in dem sie verabredet waren. „Pierre, ich möchte meine Tischreservierung um eine Stunde verschieben.“

Eigentlich hatte er sich auf das Essen mit Edith gefreut. Er dachte an ihren schönen, elastischen Körper, ihre sinnlichen Lippen … „Wie ich sie begehre!“, brach es aus ihm hervor.

Wenn er aber jetzt an die bevorstehenden Gespräche mit Edith dachte, beschlich ihn ein ungutes Gefühl. Ein gehörnter Ehemann im Hintergrund. „Nun gut, Nideggen, du hast schon anderen Trouble gemanagt.“

11

Felix stockte der Atem. „Was sagst du da?“

Ediths Gesicht war blass, sie presste ihre Lippen aufeinander und starrte durch die regennasse Windschutzscheibe auf die Fahrbahn.

„Zwei Jahre!“ Felix lockerte den Sicherheitsgurt und beugte sich ganz nah zu ihr herüber, als wollte er seiner Frau direkt in die Augen blicken. Empörung raubte ihm die Selbstbeherrschung.

Er schrie laut auf: „Seit zwei Jahren geht das schon so?“ Er schlug mit der flachen Hand auf das Armaturenbrett. „Seit zwei Jahren betrügst du mich mit diesem Nideggen? Das glaube ich nicht! Das glaube ich nicht!“

Edith schwieg und starrte weiterhin mit ausdruckslosem Gesicht durch die Windschutzscheibe.

Vor ihr scherte ein BMW auf die linke Fahrbahn. Sie betätigte die Lichthupe und bremste ab. Eine Wasserfontäne klatschte auf die Frontscheibe.

Felix ließ sich fassungslos auf seinen Sitz zurückfallen und schlug beide Hände vor das Gesicht. Er nahm einen tiefen Atemzug und ließ die Luft aus den aufgeblasenen Wangen in seine Hand zischen.

Nein, es war keine Eifersucht, was er spürte. Es war Enttäuschung, maßlose Enttäuschung.

„Ich habe dir vertraut.“ Er schloss die Augen und ließ seinen Kopf auf die Nackenstütze fallen. „In all den Jahren habe ich dir vertraut.“

Edith trommelte nervös mit den Fingern ihrer rechten Hand auf das Lenkrad. Gefährlich dicht fuhr sie auf den vorausfahrenden BMW auf. Unablässig blendete sie auf.

„Ich habe dir vertraut, ich habe dir vertraut“, äffte sie ihn nach. „Jetzt mach bloß kein Drama daraus, als wären wir das unzertrennliche Traumpaar gewesen!“

„Darum geht es nicht“, schrie Felix, „du hast mein Vertrauen missbraucht, darum geht es!“

„Schrei mich nicht so an! Und du, was hast du denn getan, du hast meine Geduld missbraucht.“ Auch Edith wurde jetzt laut. „Ich wollte einen Mann und keinen Theaterbesessenen. Deine Welt ist nicht meine Welt. Von Anfang an war sie es nicht. Sie war ein Irrtum, unsere Ehe, ein gewaltiger Irrtum!“

Die Autobahn war jetzt fast leer. Trotz des stärker werdenden Regens gab Edith noch mehr Gas. Die Tachonadel zitterte bei 180 km/h.

„Fahr nicht so schnell. Du kommst noch früh genug zu ihm“, stieß Felix bitter hervor.

„Du brauchst mir nicht zu sagen, was ich zu tun habe“, zischte Edith.

Eine Zeitlang schwiegen beide. Das Brummen des Motors und das zischende Geräusch der die regennasse Fahrbahn pflügenden Reifen erfüllte das Innere des Hondas.

„Wer hat denn heute Nacht von Scheidung gesprochen“, nahm Edith von Neuem das Gespräch auf. „Für dich war es doch genauso vorbei wie für mich, lange bevor du dieses Wort ausgesprochen hast. Was hat uns denn noch verbunden in den letzten Jahren?“

Felix schüttelte den Kopf. Der Schock war einer traurigen Nachdenklichkeit gewichen.

„Mir hat deine ehrliche Art immer imponiert. Die Klarheit und Selbständigkeit, mit der du die Welt und die Menschen beurteilt hast. Und nun“, seine Stimme wurde heiser, „sehe ich nichts mehr als Lügen. Zwei Jahre eine einzige Lüge!“

„Felix, verdammt noch mal, spiel dich hier nicht als Moralapostel auf!“ Sie schlug mit beiden Fäusten aufs Lenkrad. „Ja, verdammt noch mal, ich habe dir Stefan verschwiegen. Ich weiß selber nicht, warum. Es hat mir einfach Spaß gemacht!“

Felix warf einen besorgten Blick auf das Tachometer. Immer noch fuhr sie 180 km/h. Er verkniff sich eine kritische Bemerkung.

„Was ist besonderes an Nideggen?“, fragte er stattdessen.

Edith scherte auf die linke Fahrbahn aus, um einen Sattelschlepper zu überholen.

„Besonderes? Nichts, zum Teufel! Weder liebt er Theater, noch malt er Bilder, noch schreibt er Bücher, noch besteigt er Achttausender! Er hat keinen von diesen Spleens, die ihr sogenannten Künstler euch meint leisten zu müssen.“

Ihre Heftigkeit überraschte ihn.

„Stefan ist ein ganz normaler Mann, der mit beiden Beinen auf der Erde steht und deswegen mit fünfunddreißig schon zweihunderttausend im Jahr verdient!“ Die letzten Worte hatte sie herausgeschrien.

Für einen Moment starrte Felix sie entgeistert an. Dann verzog sich sein Mund zu einem zynischen Grinsen. „Dein liebevolles Verhältnis zu Zahlen habe ich schon immer an dir bewundert.“ Wieder fiel sein Blick auf das Tacho. Das Wasser von den Reifen des LKW schlug auf die Windschutzscheibe. „Und fahr nicht so schnell, verdammt noch mal!“

Edith geriet außer sich. „Oh, wie ich deine Ironie hasse. Und zum letzten Mal, sag mir nie mehr, was ich zu tun habe! Es ist aus zwischen uns. Aus und vorbei!“

Im Rückspiegel seines Lastzuges sah Erwin Merkel ein rotes Fahrzeug heranrasen. „Der spinnt doch“, murmelte er.

Als er auf gleicher Höhe mit ihm war, erkannte er die Automarke: ein roter Honda. Auf dem Beifahrersitz sah er einen Mann mit langem Blondhaar gestikulieren. Dass eine dunkelhaarige Frau den Wagen steuerte, hatte er schon im Rückspiegel erkannt.

„Haben wohl Streit“, brummte Merkel.

Der rote Honda zog an ihm vorbei und blinkte nach rechts. Um ihn herum spritzten Wasserfontänen auf.

„Was macht der denn jetzt?“, rief Merkel überrascht aus.

Statt sich vor ihm auf der rechten Fahrbahn einzuordnen, behielt der Honda seine schräge Fahrtrichtung bei. Trotz aufleuchtender Bremslichter raste er mit unverminderter Geschwindigkeit auf den Seitenstreifen zu.

Entsetzt trat Merkel auf die Bremse.

12

„Frau Dr. Kayser, ich bin ja so dankbar, dass Sie gekommen sind!“

Die Tierärztin Sophie Kayser betrat die ihr seit Langem vertraute Arztvilla in der Beethovenstraße. Sie betreute den Hund der Heinzes, seitdem er als Welpe in den Arzthaushalt gekommen war.

„Wo ist denn unsere Patientin?“

Der telefonische Bericht Hilde Heinzes hatte sie alarmiert. So sehr alarmiert, dass sie diesen Hausbesuch zwischen zwei Operationen eingeschoben hatte.

Hilde Heinze ging der Ärztin voraus die Treppe hinauf. In eine Decke gehüllt lag Anuschka regungslos vor dem Kamin des Wohnzimmers und starrte apathisch vor sich hin.

„Na, du großes Mädchen, was höre ich da von dir?“ Sophie Kayser ging vor dem Hund in die Hocke und fuhr ihm mit der Hand kräftig durchs Nackenfell. Die Dogge blinzelte lediglich kurz zu der Tierärztin hinauf.

„Nanu?“, wunderte sich Frau Dr. Kayser, „sonst bekomme ich doch mindestens ein höfliches Schwanzwedeln?“

Eine skeptische Falte erschien zwischen den Augenbrauen der Frau. Sie wandte sich an Hilde Heinze, die hinter ihr stand.

„Bitte berichten sie noch einmal der Reihe nach – was genau ist geschehen, und was haben Sie beobachtet?“

Hilde Heinze schilderte den Morgenspaziergang mit der Hündin, ihr ungewöhnliches Verschwinden und die merkwürdige Veränderung ihres Verhaltens seitdem. Auch die gelegentlichen Rattenjagden erwähnte sie.

Die Tierärztin horchte auf. „Es gibt dort also Ratten?“ Sie wirkte auf einmal beunruhigt. „Zweimal im Jahr führt die Stadtverwaltung Rattenbekämpfungsmaßnahmen durch und legt an allen verseuchten Stellen Giftköder aus.“

Sie deckte Anuschka auf und begann ihren großen, schwarzen Körper nach Bisswunden abzusuchen. „Ich meine, ich habe vor ein paar Tagen in der Zeitung gelesen, dass zur Zeit gerade wieder Giftköder ausgelegt werden.“

Besonders aufmerksam untersuchte die Ärztin die Maulschleimhaut der Dogge. Offenbar fand sie nichts Auffälliges.

Sie stand auf und sah Hilde Heinze an. „Haben Sie das nicht gelesen? Besonders Haustierbesitzer sind gewarnt worden.“

Hilde Heinze spürte einen Kloß im Hals. Wortlos schüttelte sie den Kopf. Nur sporadisch las sie die Tageszeitung. Alexandra musste den Artikel wohl überlesen haben, und Werner war ja in Köln.

Sophie Kayser verabschiedete sich von dem teilnahmslosen Hund und nahm ihre Tasche.

„Ich kann im Moment noch nichts Konkretes finden, außer einer warmen, trockenen Schnauze und dieser für Anuschka ungewöhnlichen Schlaffheit. Wir müssen abwarten.“ Sie wich dem Blick Hilde Heinzes aus, bevor sie weitersprach. „Allerdings spricht einiges dafür, dass sie einen Giftköder gefressen hat.“

Hilde Heinze brachte Dr. Kayser zur Tür.

„Ich schau nach Praxisschluss noch einmal vorbei, gegen Abend irgendwann.“ Sie reichte der verstört wirkenden Hilde Heinze die Hand. „Sie können mich aber jederzeit anrufen.“

Als sie die Tür hinter Sophie Kayser geschlossen hatte, ging Hilde Heinze schweren Herzens zum Telefon. Sie wählte die Nummer des Marien-Krankenhauses.

„Herr Ahlers, könnte ich noch einmal meine Schwiegertochter sprechen?“

„Tut mir leid, Frau Dr. Heinze ist zu einem Notfall unterwegs.“

13

„Na los, mach schon Platz!“ Ungeduldig schaltete Jupp Friederichs in den dritten Gang herunter. Der Reisebus vor ihm schien ihn zu spät bemerkt zu haben. Endlich scherte er auf den Seitenstreifen aus. Friederichs gab Gas und schaltete hoch. Vor ihm wichen die Fahrzeuge links und rechts an den Fahrbahnrand aus, um dem Rettungswagen den Weg durch den Stau freizumachen. Die Presslufthörner des Wagens brüllten, die Blaulichter blinkten. Trotzdem kamen sie nur langsam voran.

Ewald Zühlke sah in den rechten Seitenspiegel. „Dort hinten kommt schon die Feuerwehr. Scheint gewaltig gekracht zu haben.“

„Bei so ’nem Scheißwetter ’n Einsatz auf der Autobahn“, brummte Friederichs, „wär’ ich doch bloß im Bett geblieben!“

Der Regen dämpfte seine Stimmung.

„Sind sie alle so verweichlicht bei der Feuerwehr?“, stichelte Zühlke halb scherzend. „Bist doch nicht aus Zucker, Mann! Stell dich nicht so an. Vielleicht is’ ja ’n Regenschirm im Unfallwagen.“

Alexandra Heinze saß schweigend zwischen den beiden Männern. Zehn Minuten zuvor war sie noch unruhig im Bereitschaftszimmer auf und abgegangen und hatte ungeduldig auf einen Anruf ihrer Schwiegermutter gewartet. Stattdessen war ein Notruf eingegangen: Unfall auf der Autobahn. Jetzt hatte die Anspannung, die Dr. Heinze trotz aller Routine bei fast jedem Einsatz befiel, die Sorge um Anuschka in den Hintergrund gedrängt.

Der Regen schlug auf die Frontscheibe, die Scheibenwischer schrammten mit monotonem Scharren auf und ab, die Wagen vor ihnen fuhren links und rechts an die Seiten- und Mittelstreifen der Autobahn. Der Stau öffnete sich dem Notarztteam wie ein überdimensionaler Reißverschluss. Dr. Heinze warf einen Blick auf die Borduhr: 9.45 Uhr.

„Dort scheint es zu sein“, rief Zühlke und deutete nach vorne. Durch den Wasserschleier auf der Windschutzscheibe erkannten sie etwa zweihundert Meter weiter einen Sattelschlepper. Schräg, fast quer stand er auf der Fahrbahn.

Die Autos am Staubeginn hatten schon die Rettungsgasse für die Rettungsfahrzeuge gebildet. So konnte Friederichs das letzte Stück bis zum Unfallort schnell zurücklegen.

„Wenn’s was zu gaffen gibt, lassen die sich sogar duschen!“, schimpfte er.

Tatsächlich hatte sich trotz des starken Regens eine beträchtliche Menschenmenge vor dem schräg stehenden Sattelschlepper versammelt. Erwartungsvoll starrte sie dem heranrasenden Rettungswagen entgegen.

Noch bevor Friederichs sein Fahrzeug zum Stehen brachte, löste sich ein Mann in dunkler, abgetragener Lederjacke aus der Gruppe der Schaulustigen und eilte auf den Einsatzwagen zu. Er trug einen Hammer bei sich.

Alexandra Heinze und ihre beiden Sanitäter sprangen aus dem Rettungswagen. Zühlke holte den großen Aluminium-Koffer aus dem Heck des Wagens. Der Mann mit der Lederjacke erreichte das Team.

„Schnell“, rief er, „sie leben!“ Neben der Ärztin her lief er auf die Menge der Schaulustigen zu. „Sie sind mir direkt vor dem Kühlergrill durch die Leitplanken gebrochen! Aquaplaning!“ Seine Stimme überschlug sich keuchend.

Alexandra Heinze erkannte Blut an seinen Händen. „Wie viele Verletzte?“

„Zwei, glaub ich.“

Sie drängten sich durch die Menge.

„Auf die Seite, Leute!“, schimpfte Jupp Friederichs, der die Ärztin und Merkel überholt hatte. „Ist keine Peepshow hier!“

„Und sie leben?“ Dr. Heinze setzte voraus, dass der Mann als LKW-Fahrer etwas von Erster Hilfe verstand.

„Ja“, keuchte er, als sie über die zertrümmerte Leitplanke stiegen, „die Türen klemmen. Mit dem Hammer hab ich die Seitenscheiben eingeschlagen. Jedenfalls rechts, die linke war schon kaputt. Puls ist deutlich zu tasten, und atmen tun sie auch. Aber bluten wie die Säue!“

Hinter Friederichs her kletterten sie eine Böschung hinab. Zwischen einigen Birkenstämmen hing ein rotes Auto. Die rechte Seite leicht erhöht mit freischwebenden Rädern. Die Kühlerhaube lag zerknittert rechts daneben in den Büschen. Das Dach war eingedrückt, fast platt.

„Hat sich überschlagen!“, schrie Friederichs, der schon unten war. „Hoffentlich kriegen wir die Türen auf!“

„Hab ich schon probiert, keine Chance!“, keuchte Merkel. „Hab schon die Feuerwehr gerufen. Über Bordfunk!“

Anerkennend nickte Friederichs ihm zu.

Dr. Heinze kletterte über Gestrüpp und abgeknickte Äste zur rechten Seite des zertrümmerten Wagens. Ein bewusstloser Mann mittleren Alters hing seltsam verkrümmt im Sicherheitsgurt. Das eingedrückte Wagendach berührte seinen Kopf. Seine blonden, langen Haare waren blutverschmiert.

Wie erwartet fand die Notärztin die Angaben des LKW-Fahrers bestätigt: Der Mann lebte. Auch wenn sein Puls flach und seine Atmung unnatürlich tief war.

„Wahrscheinlich ein schweres Schädel-Hirn-Trauma“, rief sie Ewald Zühlke zu, der auf der Fahrerseite die Vitalzeichen einer dunkelhaarigen Frau kontrollierte, deren Gesicht einen furchtbaren Anblick bot.

„Verdammt schneller Puls!“, sagte er, und: „Scheint mit dem Kopf gegen das Seitenfenster geprallt zu sein. Bewusstlos.“

Er beugte sich mit gerunzelter Stirn ein wenig ins Wageninnere. „Scheiße! Das Bein ist Matsch!“

„Blutdruck?“, fragte Alexandra Heinze, während sie dem verunglückten Beifahrer schon die Blutdruckmanschette umlegte. Beide Unfallopfer hatten erwartungsgemäß kritisch niedrige Blutdruckwerte.

„Infusionen!“, rief die Notärztin ihrem Fahrer Jupp Friederichs zu. Er kniete am Heck des Wagens vor dem geöffneten Notfallkoffer.

„Wir müssen ihnen wenigstens Flüssigkeit geben, um den Kreislauf einigermaßen aufrecht zu erhalten, bis die Feuerwehr das Dach abgeschnitten hat.“

Friederichs bereitete zwei Infusionen vor, während Zühlke der Ärztin dabei assistierte, venöse Zugänge bei den Verletzten zu legen.

Als Alexandra Heinze die Infusion bei dem Beifahrer anlegte, flüsterte sie: „Der Mann hat nur eine Chance, wenn wir ihn beatmen. Hoffentlich kommt die Feuerwehr rechtzeitig.“

„Ich glaube nicht, dass wir zu dritt alle beide hinkriegen. Sollen wir nicht noch einen Hubschrauber anfordern? Die Frau verliert eine Menge Blut mit dem zerquetschten Bein.“

Die Notärztin nickte nur kurz, ohne von ihrer konzentrierten Arbeit aufzusehen. Zühlke kletterte die Böschung zum Rettungswagen hinauf.

Jetzt erschienen auch die Feuerwehrleute. Mit großen Blechscheren machten sie sich an die Arbeit. In weniger als fünf Minuten war das Dach des Wagens abgehoben und die beiden Verletzten geborgen.

Als die Notärztin die Pupillen des blonden Beifahrers untersuchte, bestätigte sich ihr Verdacht: Sie waren geweitet und reagierten nicht auf Licht.

„Schädel-Hirn-Trauma“, sagte sie wie halb zu sich selbst.

„Wenn die kein Blut kriegt, war das ihre letzte Reise“, rief Zühlke, der bei der Frau kniete und versuchte das zerfetzte Bein abzubinden, um die Blutung zu stillen.

Das Dröhnen des Hubschraubers näherte sich.

„Schauen Sie doch mal, ob sie nicht einen Blutgruppenpass bei sich haben“, rief Alexandra Heinze, während sie den Verletzten für die künstliche Beatmung vorbereitete.

„Kann ich nicht finden. Guck mal bei dem Mann, Jupp!“

Aus der Innentasche der blutverschmierten Lederjacke zog Friederichs eine Brieftasche. Während er mit der rechten Hand über einen Blasebalg Luft in die Lungen des Mannes pumpte, fingerte seine linke durch die Fächer der Mappe. Schließlich zog er einen roten Schein heraus.

„Hier ist nur seiner: A positiv. Felix Söhnker heißt der Mann.“

14

Seitdem Marianne der Notärztin ihren Entschluss, sich versetzen zu lassen, mitgeteilt hatte, fühlte sie sich erleichtert. Die Arbeit ging ihr flotter von der Hand. Das bleierne Gefühl in Brust und Beinen war zwar nicht gewichen, aber lange nicht mehr so quälend wie heute morgen nach der demütigenden Visite mit Dr. Höper.

Sie stand im Computerraum der Chirurgischen Einheit und war mit der Vorbereitung der Zwölf-Uhr-Medikamente für ihre Patienten beschäftigt: Spritzen aufziehen, Tropfen abzählen, Antibiotika auflösen, kleinere Infusionen richten.

Immer wieder warf sie einen prüfenden Blick auf den Zentralcomputer hinter sich, auf dem einige kleine Monitore die Herztätigkeit der Patienten aufzeichneten.

Direkt über dem Computer, sowie links und rechts der Zentrale gaben große Fenster den Blick auf die Patienten der Chirurgischen Einheit frei.

Im rechten Zimmer lag Herr Simon. Er war wach und atmete bereits ohne maschinelle Hilfe. Marianne warf ihm einen aufmunternden Blick durch die Glasscheibe zu. Er versuchte seinen Mund zu einem Grinsen zu verziehen. Das Bett neben ihm war frei.

Ja, der Kontakt zu den Schwerkranken würde ihr fehlen, sicher. Marianne seufzte.

Während sie die Kochsalzlösung in das Fläschchen mit dem Antibiotikum-Pulver spritzte, dachte sie an die Zeit vor Michaels Tod: Wie freudig war sie Tag für Tag an ihre Arbeit gegangen, wie zufrieden hatte sie die Station nach dem Dienst verlassen, wie ansteckend hatte ihre energische, zuversichtliche Art auf die Patienten und Mitarbeiter gewirkt.

Davon war kaum etwas übrig geblieben. Ein Schatten ihrer selbst war sie geworden.

Auch wenn Marianne es lange nicht wahr haben wollte, sie konnte den Tatsachen nicht länger ausweichen: Seit jenem schrecklichen Tag vor einem Jahr, seit Michaels Unfall, war etwas in ihr zerbrochen. Würde diese Wunde je wieder heilen können?

Das Telefon klingelte. „Intensivstation, Schwester Marianne“, meldete sie sich. Herr Ahlers von der Pforte war am Apparat.

„Die Rettungsleitstelle hat angerufen. Zwei Zugänge für die Intensivstation, Verkehrsunfall, Dr. Remmers weiß Bescheid.“

Da war es wieder, das bleierne Gefühl, in den Gliedern, in der Brust. Sogar die Kehle fühlte sich hart und geschwollen an. Kein Wort brachte Marianne heraus.

„Schwester Marianne? Sind Sie noch dran?“

Marianne versuchte, den schweren Kloß im Hals herunterzuschlucken. „Ja, Herr Ahlers, ich bin noch am Apparat.“

„Also, zwei Zugänge, ja?“ Eine Spur Hilflosigkeit lag in Ahlers Frage.

„Ja, zwei Zugänge, ich habe verstanden.“ Mariannes Stimme klang belegt, ihre Hand zitterte leicht, als sie den Hörer auflegte. Sie versuchte sich zusammenzureißen und klare Gedanken zu fassen.

Das Bett neben Herrn Simon war frei. Aber der zweite Zugang, wohin mit dem?

Sie blickte durch die Glasscheibe über dem Computer. Die Patientin mit der Schilddrüsenoperation konnte vielleicht verlegt werden. Sie hatte nicht mehr geblutet.

Schritte auf dem Gang wurden laut, Dr. Remmers stürmte in den Stationsraum.

„Haben Sie schon gehört? Wir kriegen zwei Zugänge! Verkehrsunfall auf der Autobahn, Ehepaar. Die Frau hat der Hubschrauber schon gebracht. Sie wird bereits für die Operation vorbereitet.“

„Schwer verletzt?“ Mühsam rang Marianne um Fassung.

„Üble Gesichtsverletzungen. Das rechte Bein ist wohl nicht mehr zu retten.“

„Und der Mann?“

„Mit dem ist Dr. Heinze noch unterwegs. Der Notarztwagen muss jeden Augenblick hier eintreffen.“

„Weiß man Genaueres?“

„Schweres Schädel-Hirn-Trauma hat sie über Funk durchgegeben. Und Verdacht auf innere Blutungen. Muss wahrscheinlich auch operiert werden.“

Der Arzt wandte sich den Glasscheiben vor den Patientenzimmern zu.

„Ein Bett haben wir ja noch. Und wen können wir verlegen?“, fragte er Marianne.

„Die Patientin mit der Schilddrüsenoperation hat nicht mehr geblutet“, erwiderte Marianne. „Ich glaube, sie ist über den Berg.“

„Also gut, veranlassen Sie alles Nötige.“ Dr. Remmers stürzte wieder heraus. „Ich bin im OP“, rief er, bevor er die Station verließ.

Marianne ließ sich in einen der Bürosessel fallen. Sie schlug beide Hände vor ihr Gesicht und atmete tief durch. Nur nicht der Schwäche, der Angst nachgeben. „Reiß dich zusammen, Marianne!“ Ausgerechnet ein Verkehrsunfall. Ausgerechnet heute!

Panik überfiel sie. Sie spürte den starken Wunsch, im Sessel zu Stein zu erstarren, gar nichts mehr zu tun. Und dann wieder den Impuls, wegzulaufen, alles hinter sich zu lassen.

Das schrille Läuten des Telefons nahm ihr die Entscheidung ab.

„Intensivstation, Schwester Marianne.“

„Sonja, Notaufnahme. Haben Sie schon gehört, der Notarztwagen bringt gleich einen Schwerverletzten. Wir haben nicht mehr genügend Humanalbumin. Können Sie uns ein paar Flaschen runterbringen?“

Humanalbumin, demnach musste der Schwerverletzte sich in einer schweren, akuten Kreislaufkrise befinden. Solange noch keine Bluttransfusion zur Verfügung stand, musste diese Eiweißlösung über Infusionen dem Körper zugeführt werden. Sonst drohte der Blutkreislauf zusammenzubrechen.

„Ja, ich komme sofort.“ Mariannes Stimme zitterte leicht.

15

Beladen mit etlichen Infusionsflaschen und mit weichen Knien betrat Schwester Marianne den Notaufnahmeraum in der Ambulanz.

Dr. Krug und Schwester Sonja hatten Dienst. Der Arzt stand nervös auf und ab wippend am Fenster und beobachtete die Zufahrt für die Krankenwagen. Die Schwester bereitete Instrumente und Geräte für die Versorgung des erwarteten Schwerverletzten vor.

Wortlos legte Marianne die Infusionspackungen auf den weißen Schrank neben der Tür.

„Sie kommen!“, rief der Arzt in das angespannte Schweigen hinein.

Die Warnsignale des Notarztwagens näherten sich. Unwillkürlich lief Marianne zum Fenster. Mit blinkenden Blaulichtern verschwand das Fahrzeug gerade hinter den elektrischen Schiebetüren der Einfahrt zur Ambulanz.

„Der Mann muss wahrscheinlich beatmet werden“, wandte sich Dr. Krug an Marianne. „Ihr habt noch ein Gerät frei?“

Marianne nickte stumm.

„Wahrscheinlich wird es noch ein paar Stunden dauern, bis er bei euch landet.“

Der Arzt zog sich seinen weißen Mantel aus und band sich eine Plastikschürze um. „Dr. Heinze glaubt, dass er innere Blutungen hat. Er muss also erst mal in den OP.“

Marianne wandte sich zum Gehen.

„Haben Sie das Humanalbumin mitgebracht?“, rief Schwester Sonja, ohne von ihrer hektischen Arbeit aufzusehen.

Marianne wies auf die Infusionsflaschen auf dem Schrank und öffnete die Tür der Notaufnahme.

In diesem Augenblick schob sich langsam die gegenüberliegende Aufzugtür auseinander. Zwei Männer in roten Jacken und eine dunkelblonde Frau in weißem Arztkittel eilten im Laufschritt aus dem Aufzug, zwischen sich eine Trage, auf der ein lebloser Körper unter weißem Tuch lag. In dem Mann, der die Trage am Fußende schob, erkannte Marianne Jupp Friederichs. Ewald Zühlke lief an der vorderen rechten Seite der Trage, mit der Linken das Gefährt steuernd, mit der Rechten eine Infusionsflasche in die Höhe haltend. Von links beugte sich Dr. Alexandra Heinze über den Kopf des Verletzten, unablässig mit beiden Händen einen schwarzen, eiförmigen Plastikball zusammenpressend, und ohne ihren Laufschritt zu unterbrechen. Der Plastikball war an einem starren Schlauch befestigt, der aus dem Mund des Unfallopfers ragte, und durch den die Ärztin Luft in dessen Lungen pumpte. Das Gesicht des Verletzten, besonders seine Augenpartie, war geschwollen und rotblau verfärbt, seine langen, blonden Haare blutverkrustet.

Starr vor Entsetzen hefteten sich Mariannes Augen auf diese Haare, auf diese blonden, langen und blutverkrusteten Haare. Es war ihr unmöglich, sich zu rühren. Bewegungslos stand sie vor dem Eingang zur Notaufnahme und versperrte dem Notarztteam den Weg.

„Machen Sie Platz Schwester, hier hat’s einer eilig!“, schnarrte Friederichs. Er musste mit der Trage vor Marianne stehenbleiben.

Verwundert hob Dr. Heinze den Blick, ohne die künstliche Beatmung des Verletzten zu unterbrechen.

„Schwester Marianne?“, entfuhr es der Ärztin überrascht.

Dr. Heinze sah die weit aufgerissenen Augen der jungen Frau, sah, dass alle Farbe aus ihrem schmalen Gesicht gewichen war, sah, was diese erschrockenen und schmerzerfüllten Augen in den Bann zog: Das blonde, blutverschmierte Langhaar des Schwerverletzten. Sie sah das alles und begriff augenblicklich, dass Marianne Debras nicht mehr anwesend war, sich nicht mehr hier vor der Tür der Notaufnahme befand.

Nein, diese junge Frau stand jetzt auf einer großen Kreuzung der Innenstadt, diese junge Frau sah jetzt einen LKW mit zertrümmertem Kühlergrill, sah jetzt einen in Ledermontur gehüllten Körper neben einem Motorrad liegen, sah jetzt das blutverkrustete Langhaar eines ganz anderen Menschen, hörte jetzt die Stimme der Notärztin Heinze sagen: „Michael ist tot.“

Alexandra Heinze erfasste das im selben Moment, als sie Schwester Marianne erblickte: Marianne Debras konnte nicht reagieren, sie befand sich ja in der Vergangenheit, genau ein Jahr in der Vergangenheit.

„Schwester Marianne“, mit weicher, mitfühlender Stimme sprach die Ärztin Marianne noch einmal an.

Als würde sie geweckt, zuckte diese zusammen. Im gleichen Augenblick legten sich zwei Männerhände in Gummihandschuhen auf Mariannes Schultern und schoben sie energisch zur Seite. „Machen Sie doch endlich den Weg frei!“, schimpfte der ungeduldige Ambulanzarzt, Dr. Krug.

Das Notarztteam lief, die Trage zwischen sich, in den Aufnahmeraum.

Marianne konnte ihren Blick nicht vom Gesicht des Verletzten lösen, ging sogar einen Schritt hinter der Trage her, wieder in den Raum hinein.

Alexandra Heinze schaute zurück. Die Blicke der beiden Frauen trafen sich. Die Ärztin spürte nur zu deutlich, dass in diesem Augenblick zwei Menschen in diesem Raum dringend Hilfe brauchten. Und es wollte sie schier zerreißen, dass sie nur einem der beiden ihre Hilfe geben konnte. Jenem ihr unbekannten Unfallopfer, hier, neben ihr auf der Trage, von dem sie nur den Namen wusste: Felix Söhnker. Schwester Marianne musste allein bleiben, ohne Hilfe.

„Schwester Marianne!“ Fast flehend sprach Alexandra Heinze den Namen der Schwester aus.

Plötzlich straffte sich die Gestalt der jungen Frau. Ruckartig drehte sie sich um und rannte den Gang hinunter, in Richtung Pforte.

Erstaunt erhob sich Paul Ahlers von seinem Stuhl und beugte sich an die Blendscheibe, um der Schwester nachzuschauen, die eben im Laufschritt an der Pforte vorbeigehastet war. Er sah nur noch die gläserne Eingangstür sich langsam wieder schließen. „Das war doch Schwester Marianne“, sagte er kopfschüttelnd zu sich selbst.

16

„Entscheiden Sie selber, meine Herren.“ Professor Walter Streithuber wandte sich von der grell leuchtenden Milchglasfront mit gut einem Dutzend Röntgenbildern ab und drehte sich zu den beiden Ärzten um, die hinter ihm standen.

„Das Röntgenbild zeigt mir nur drei komplizierte Frakturen. Die Weichteilverletzungen kann ich von hier aus nicht beurteilen.“

Er trug Mundschutz, OP-Mütze und den langen, moosgrünen OP-Mantel. Die Hände hielt er mit angewinkelten Ellenbogen in Schulterhöhe, um die sterilen Handschuhe vor Berührungen zu schützen.

„Massive Quetschwunden und eine unbeschreibliche Schnittwunde im Unterschenkelbereich. Die Leitplanke muss sich beim Überschlag durch die Wagentür gebohrt haben“, antwortete Lars Remmers.

Da die meisten Chirurgen des Marien-Krankenhaus mit dem Routine-Operationsprogramm des Tages beschäftigt waren, sollte er einspringen und Edith Söhnker operieren. Er trug noch seinen weißen Arztkittel.

„Meiner Ansicht nach ist das Bein nicht mehr zu retten“, meldete sich der Oberarzt zu Wort.

Dr. Höper, wie sein Chef in sterilem Chirurgengrün, hatte die Operation des jungen Mädchens bereits beendet und wartete nun auf den Notfall aus der Ambulanz.

„Wie alt ist die Frau?“, wollte der Professor wissen.

„Sechsunddreißig“, erwiderte Dr. Remmers. „Sie hat auch mehrfache Frakturen im Gesichtsschädel mit zahlreichen Schnittwunden. Sie wird wohl ihr Leben lang entstellt bleiben.“

Der junge Arzt wandte sich ernst an seinen Oberarzt. „Wir sollten wenigstens versuchen, ihr das Bein zu erhalten.“

Höper streckte die behandschuhten Hände noch höher und schüttelte ungeduldig den Kopf. „Zu gefährlich, Mann! Wie wollen Sie denn verhindert, dass derart zerfetztes Gewebe zumindest teilweise abstirbt!?“

Deutlich sah Professor Streithuber, dass Remmers Mund sich zu einem schmalen Strich zusammenpresste. Niemand fand es sympathisch, wenn der chirurgische Oberarzt laut wurde. Auch Streithuber nicht.

Doch Höper, der das genau wusste, ließ sich davon nicht beeindrucken. „Der Eiter wird den ganzen Organismus überschwemmen!“, schnauzte er. „Haben Sie schon mal jemanden an einer Blutvergiftung krepieren sehen?“ Herausfordernd blitzte er den schweigenden Remmers an.

„Genug, meine Herren“, unterbrach Streithuber energisch, „ich kann mir die Patientin nicht ansehen. Ich will das Risiko vermeiden, Erreger von der Unfallpatientin zu meiner Hauttransplantation zu schleppen.“

Er wandte sich zum Gehen. „Außerdem befindet sich meine Operation in einer kritischen Phase. Sie entschuldigen mich.“

An der Tür zum OP drehte er sich noch einmal um. „Entscheiden Sie selber. Zum Wohle der Patientin!“

Damit ließ der die beiden Männer allein.

Schweigend starrten sie die Röntgenbilder an. Nach einer Weile drehte sich Remmers abrupt um und ging mit entschlossenen Schritten zur Tür. Im Gehen zog er seinen weißen Mantel aus.

„Überlegen Sie gut, was Sie tun, Herr Kollege!“, rief ihm Höper nach.

Als der Oberarzt kurz darauf durch den Gang des OP-Traktes zur Eingangsschleuse schritt, sah er den jungen Arzt im Waschraum stehen. Mit angespannten Gesichtszügen beugte er sich über eines der Waschbecken, um Arme und Hände mit Bürste und Desinfektionsmittel zu scheuern.

Höper blieb stehen. „Gehen Sie auf Nummer sicher und amputieren Sie!“

Lars Remmers würdigte ihn keines Blickes.

„Dr. Heinze mit dem Verkehrsunfall!“, rief eine Schwester an der Schleuse.

Die Schleusentür öffnete sich. Dr. Krug und Alexandra Heinze schoben eine Trage hinein. Felix Söhnker lag in tiefer Bewusstlosigkeit. Die Schnitt- und Schürfwunden an seinem Kopf waren versorgt worden. Die Notärztin beatmete ihn mit dem Ambubeutel. Ein Anästhesist und ein Pfleger übernahmen den Schwerverletzten und schlossen ihn an ein Beatmungsgerät an.

„Verdacht auf innere Blutungen. Wahrscheinlich die Milz“, erklärte Dr. Krug atemlos.

Dr. Höper nickte. „Ich werd ihn aufmachen, dann wissen wir’s genau. Sonst noch was?“

„Schweres Schädel-Hirn-Trauma und Rippenserienfraktur“, sagte Alexandra Heinze ruhig, „wenn er die Operation übersteht, werden wir ihn sicher noch einige Zeit beatmen müssen!“

Höper nickte wieder. „Zu schnell gefahren, was?“

Er warf einen flüchtigen Blick auf den Bewusstlosen. Zwei Pfleger schoben die Trage in den Operationssaal. „Den Tag hatte ich mir gemütlicher vorgestellt.“

Er wandte sich dem Eingang des Operationssaales zu, wo sich die Pfleger gerade anschickten, Felix Söhnker auf den OP-Tisch zu tragen. „Wollen mal sehen, ob wir den Kerl zusammengeflickt kriegen“, brummte Höper.

Alexandra Heinze sah ihm besorgt hinterher. „Was war übrigens mit dem Mädchen“, rief sie ihm plötzlich nach, „hat sich Ihre Diagnose bestätigt?“

Doch der Oberarzt tat so, als würde er ihre Frage gar nicht mehr hören. Ohne Antwort verschwand er im Saal.

„Es war kein Blinddarm“, antwortete eine Schwester, die Dr. Heinzes Frage gehört hatte.

„Was dann?“

„Eine Eileiterschwangerschaft.“

Kopfschüttelnd verließ die Notärztin den OP-Trakt. Vor der Tür atmete sie erst einmal tief durch. Was jetzt? Zuhause anrufen oder auf die Intensivstation? Anuschka oder Marianne? Nur einen Augenblick zögerte sie. Eine Minute später betrat sie die Intensivstation.

„Wo ist Schwester Marianne?“

„Das frage ich mich auch!“ Bert lief mit einigen Infusionsflaschen hektisch über den Gang.

Seiner Stimme war der Ärger deutlich anzumerken. Mit hochgezogenen Augenbrauen schaute er auf die große Stationsuhr. Es war kurz nach elf. „Man braucht doch keine halbe Stunde, um ein paar Medikamente in die Ambulanz zu bringen!“

Dr. Heinze erschrak. Einen Moment verdeckte sie ihre Augen mit der rechten Hand. Dann lief sie zum Telefon und wählte die Nummer der Pforte. „Hier Heinze, haben Sie Schwester Marianne gesehen, Herr Ahlers?“

„Vor ’ner halben Stunden rannte jemand in blauen Intensivkleidern aus der Klinik, wie zu ’nem Notfall, so schnell. Wenn mich nicht alles täuscht, war’s Marianne.“

Sehr langsam und ohne ein weiteres Wort ließ Alexandra Heinze den Hörer sinken. Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie sah das Bild der entsetzten Schwester im Türrahmen der Ambulanz. Sie sah diese starren Augen, völlig gebannt von dem Anblick des blutigen Haars.

Was ist mit Marianne? Aus der Klinik gelaufen? In Schutzkleidung? Sie wird doch nicht etwa … Wohin könnte sie geflüchtet sein?

Rasch nahm die Ärztin den Hörer wieder ans Ohr und wählte die Nummer des Notarztzimmers.

„Ja? Friederichs?“

„Hier Heinze, wir haben eine Fahrt. Machen Sie den Wagen fertig und melden Sie uns an der Pforte ab. Ich bin gleich unten!“

17

Die Direktorensitzung war gut gelaufen, verdammt gut! Nideggen zündete sich eine Zigarette an und nickte dem Kellner hinter der Theke einen flüchtigen Gruß zu.

Die Immobiliengeschäfte in Fernost standen blendend. Er sog den Rauch tief in seine Lungen. Und vor allem: Er hatte diesen glücklichen Umstand den Direktoren gut verkauft – als seinen Verdienst!

Sein braungebranntes Gesicht verzog sich zu einem befriedigten Lächeln. „Gratuliere, Stefan“, sagte er in Gedanken zu sich selbst, „du bist einfach gut.“

Der Kellner kam zu seinem Tisch. „Einen Gin, Pierre, und bringen Sie ruhig schon die Karte, mein Gast muss jeden Moment kommen.“

Er sah auf die Uhr: 11.25 Uhr. Gegen halb zwölf spätestens wollte Edith hier sein. Nun, das war großzügig kalkuliert. Edith hatte doch von einer Raststätte bei Koblenz aus angerufen. War das nicht gegen neun Uhr gewesen? Selbst bei dichtestem Verkehr fährt man in drei Stunden locker von Koblenz nach Mannheim. Edith allemal, mit ihrem Fahrstil. Sie fährt, wie sie lebt, energisch und schnell.

Der Kellner unterbrach seine Gedanken und Ediths Bild wich dem Ginglas und der Speisekarte. Er stellte das Getränk auf den Tisch und reichte Nideggen die Karte.

„Danke, Pierre“, sagte Nideggen gönnerhaft, „wir bestellen später.“

Wieder ein Blick auf die Uhr: 11.30 Uhr. Seine Gedanken wanderten zur Sitzung. Die Partner aus Hongkong wollten noch drei Tage in Mannheim bleiben. Sie hatten ihn zum Tennis eingeladen. Er war froh, ein Alibi zu haben, denn in der Halle Tennis zu spielen, lag ihm nicht. Und das würde sich bei diesem Regen nicht vermeiden lassen. Andererseits: Gute Beziehungen mussten gepflegt werden. Nun, vielleicht würde Edith ja nur eine Nacht bleiben. Sie hatte sich nicht festlegen wollen.

Aber darin, dass sie zu ihm ziehen wollte, darin hatte sie sich festgelegt. Nur er selbst noch nicht. Das ahnte sie natürlich nicht. Sollte ihr Mann tatsächlich dahinter gekommen sein? Der mysteriöse Anruf heute morgen, gleich nach Edith, legte den Verdacht nahe. Sollte er wirklich dahinter gekommen sein, dann ließ sich eine Entscheidung wohl nicht länger hinausschieben. Er nahm einen Schluck Gin.

Nideggens Gedanken waren jetzt wieder ganz bei Edith. Deutlich sah er sie vor sich. Sie war eine der attraktivsten Frauen, die er je geliebt hatte. Er kniff die Augen zusammen und schnalzte mit der Zunge. Nur zu gern dachte er an das Abendessen mit seinem Chef, hier in diesem Restaurant. Edith war dabei gewesen, und der Chef hatte sich fast überschlagen vor Bewunderung. Am nächsten Tag hatte er ihm anerkennend auf die Schulter geklopft: „Gute Wahl, Nideggen!“

Er lächelte und drückte die Zigarette aus. Ja, Edith war eine gute Wahl, ohne Zweifel: Intelligent, gebildet und schön – seltene Kombination. Eine Frau, mit der man sich zeigen konnte. Ein nicht zu unterschätzender Vorzug in seiner Stellung.

„Eine gute Wahl, Stefan!“, murmelte er.

Er nippte an seinem Glas. Vielleicht war es doch Zeit, sich endlich festzulegen? Ob er den Kellner bitten sollte, einen Sekt kaltzustellen? Aber zum Feiern musste sie erst einmal da sein!

Unwillig blickte er auf die Uhr: 11.43 Uhr. Wo, zum Teufel, blieb sie denn? Fast vier Stunden her seit ihrem Anruf. Solange steht man doch nicht im Stau! Obwohl … Ihm fiel ein, dass er vor drei Wochen bei Wiesbaden im Stau gestanden hatte und über zwei Stunden nach Mannheim unterwegs gewesen war.

Stefan Nideggen zündete sich noch eine Zigarette an und begann unruhig mit den Fingern auf die Tischplatte zu trommeln. Er hasste Unpünktlichkeit, und das wusste sie auch.

Ob das mit dem mysteriösen Anruf zusammenhängen sollte? Wenn Söhnker erst heute morgen von ihrem Verhältnis erfahren hatte … Vielleicht hatte er ihr eine Szene gemacht?

„Aber das hätte sie mir doch am Telefon gesagt!“

Und wenn er es erst nach dem Anruf erfahren hatte? Womöglich hatte er sich geweigert, weiter zu fahren. Womöglich standen sie jetzt auf irgendeinem Parkplatz und stritten …

„Was weiß denn ich, verdammt noch mal!“, stieß Nideggen halblaut hervor. Nach zwölf war es schon.

Er bestellte noch einen Gin und wartete bis gegen dreizehn Uhr.

„Gut, dann nicht!“ Er knallte sein Glas auf den Tisch und zahlte. Der Appetit war ihm gründlich verdorben. Wenn Edith irgendeine plausible Erklärung für diese Versetzung bieten wollte, musste sie eben versuchen, ihn zu erreichen!

Er rief in der Tennishalle an und erkundigte sich nach seinen chinesischen Geschäftspartnern. Sie hatten gerade die Anlage betreten. Kurz darauf eilte Stefan Nideggen durch den Regen zu seinem Wagen.

18

„Was ist denn los, Frau Doktor, sonst fahren Sie doch nicht mal zu ’ner Pizza raus?“ Ewald Zühlke sah die Notärztin fragend von der Seite an. Ihre Gesichtszüge wirkten angespannt.

Jupp Friederichs, am Steuer, war gespannt auf Dr. Heinzes Antwort. Auch er konnte sich keinen Reim machen auf die plötzliche Ausfahrt ohne Notruf. Er kannte seine Chefin und wusste, wie gewissenhaft sie in solchen Dingen zu sein pflegte.

„Meine Herren, ich weiß, dass es unnötig ist.“ Alexandra Heinze wandte ihren Blick nicht von der Straße ab. „Ich bitte Sie aber dennoch darum: Versprechen Sie, mir über alles, was Sie auf dieser Fahrt zu sehen und zu hören bekommen, eisern zu schweigen.“

Der Regen hatte nachgelassen. Sie fuhren stadtauswärts. Alexandra Heinze glaubte zu wissen, wo Marianne hingeflüchtet war.

„Am nächsten Dienstwochenende lade ich Sie dafür zu einer Pizza ein.“

Jetzt erst wandte die Ärztin sich nach links und rechts, um ihre beiden Sanitäter anzuschauen. „Versprochen?“

Friederichs warf Zühlke einen fragenden Blick zu, ohne den Verkehr aus den Augen zu lassen. Der grinste die Notärztin mit gespieltem Erstaunen an: „Wieso, Frau Doktor! Seit wann verschweigen wir es, wenn wir zum Tanken fahren?“

Alexandra Heinze antwortete mit einem dankbaren Lächeln. Sie wusste, dass sie sich auf ihre beiden Kollegen verlassen konnte. Sie waren ein eingeschworenes Team.

„Jetzt müssen Sie uns nur noch verraten, wo genau wir hinfahren“, sagte Friederichs.

„Sie kennen doch die erste große Kreuzung am Stadteingang, wo die Bundesstraße über die Bonner Straße führt?“

„Kenn’ ich.“

„Fahren Sie bitte dort hin, Herr Friederichs.“

„Ist das nicht die Kreuzung, auf der wir letztes Jahr zu dem Motorradunfall kamen?“, schaltete Zühlke sich ein.

„Richtig.“ Auf Dr. Heinzes Stirn legten sich Sorgenfalten.

„Da ging doch der Freund von der kleinen, schwarzen Intensivschwester hops.“

Die Ärztin überhörte die derbe Ausdrucksweise ihres Fahrers und nickte.

„Schwester Marianne Debras – genau die suche ich. Nachdem sie uns vorhin in der Ambulanz begegnete, ist sie aus der Klinik gerannt. Sie muss völlig kopflos gewesen sein.“

Die Männer schwiegen betroffen. Alexandra Heinze sah wieder das Gesicht der jungen Frau vor sich. Wie gelähmt hatte sie vor dem Eingang der Notaufnahme gestanden. Es war der Ärztin keineswegs entgangen, woran die großen Augen der Schwester starr vor Schreck geklebt hatten. Nur zu deutlich erinnerte sie sich an das blutige, lange Blondhaar Michaels, damals, auf jener Kreuzung, die sie jetzt ansteuerten. Intuitiv war Dr. Heinze überzeugt davon, dass Schwester Marianne sich jetzt in einer schwierigen psychischen Verfassung befand. Wenn nicht sogar in einer gefährlichen. Sie musste sie finden!

„Sie meinen, die Frau hat einen Schock gekriegt, als sie vorhin das Unfallopfer sah?“, brach Zühlke das Schweigen.

Dr. Heinze sah ihn ernst an. „Es war genau heute vor einem Jahr.“

Zühlke nickte verstehend.

„Da vorne ist es“, sagte Friederichs. Er fuhr den Rettungswagen an den Straßenrand, parkte ihn kurz vor der Ampel und stellte den Motor ab. Durch die nasse Windschutzscheibe suchten sie mit den Augen die Kreuzung ab. Der dichte Verkehr der Bundesstraße brauste vorbei. Kaum ein Fußgänger war unterwegs.

„Dort drüben war’s.“ Friederichs deutete auf die Stelle, an der Michael unter dem LKW gestorben war. „Aber die Frau ist nirgends zu sehen.“

„Lassen Sie mich mal raus, Herr Zühlke.“ Alexandra Heinze kletterte aus dem Fahrzeug und ging ohne Regenschutz am Fahrbahnrand auf die Kreuzung zu. Aufmerksam beobachtete sie den Straßenrand, die Tankstelle rechts, die Einfahrt zum Einkaufszentrum links, und den großen Parkplatz davor. Nirgends konnte sie eine weibliche Gestalt in blauer Kleidung entdecken.

Immer wieder um sich blickend, kehrte sie zum Wagen zurück. Ewald Zühlke öffnete ihr die Tür. Fieberhaft überlegte die Ärztin: Wo könnte Marianne sein? Was ist mit ihr? Was würde sie selbst tun, wenn sie in einer ähnlichen Lage wäre, wie Marianne Debras? Dr. Heinze beschlich plötzlich ein furchtbarer Verdacht.

„Hoffentlich macht sie keine Dummheiten“, sagte Zühlke mit tonloser Stimme, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

19

„Chirurgische Klemme.“ Schwester Betty reichte Dr. Remmers das gewünschte Instrument. „Stumpfe Schere.“ Abgesehen von kurzen Anweisungen an seine Assistenten arbeitete Dr. Remmers schweigend. Die konzentrierte Atmosphäre im Operationssaal war mit Händen zu greifen.

„Und jetzt das Skalpell.“ Ohne seine wachsamen Augen von Edith Söhnkers zertrümmertem Bein zu wenden, nahm Lars Remmers das Skalpell entgegen.

„Wir müssen jetzt die Wundränder von dem zerstörten Gewebe reinigen“, sagte der Arzt leise.

Ingeborg Mahler wusste, dass ihr diese Erklärung galt. Sie hatte an diesem Vormittag eigentlich Stationsdienst und musste nun überraschend bei dieser Notoperation assistieren. Dr. Mahler war nervös – eine solch komplizierte Beinverletzung hatte die junge Ärztin noch nie gesehen; geschweige denn operiert.

„Geben Sie Frau Mahler eine chirurgische Pinzette, Schwester Betty.“ Jetzt sah Remmers kurz zu seiner Kollegin auf. „Sie heben die Wundlappen hoch und entfernen die Gewebefetzen, die ich abschneide.“

„O.k.“, antwortete Ingeborg Mahler mit belegter Stimme. Schweigend arbeiteten sie weiter.

Am Kopfende des OP-Tisches hörte man das rhythmische Blasen des Beatmungsgerätes. Ab und zu wurde es durch das zischende Geräusch des Blutdruckapparates unterbrochen, mit dem der Anästhesist, Dr. Alfons Böhm, den Kreislauf Edith Söhnkers überwachte. Am Monitor im Wandregal blinkte in kurzen regelmäßigen Abständen ein grünes Lämpchen, synchron zum Herzschlag der Patientin.

Am Fußende wartete Heinrich Kollman, der alte OP-Pfleger, auf Anweisungen. Als Springer arbeitete er weder direkt an der Patientin, noch mit sterilen Instrumenten. Er war für die Beschaffung plötzlich nötig werdender Geräte, Instrumente oder Medikamente zuständig und bediente die technischen Geräte.

„Ist Herr Meurer schon fertig?“, wandte sich Lars Remmers an ihn.

„Er wäscht sich gerade“, antwortete Kollmann und sah durch die Glasfront in den Waschraum, wo Dr. Kurt Meurer, der Knochenspezialist des Marien-Krankenhauses, sich gerade die Hände desinfizierte.

„Haben Sie die Säge bereitgelegt, Herr Kollmann?“

Der Pfleger brummte eine kurze Bestätigung. Dr. Remmers und die junge Assistenzärztin hatten sich inzwischen so weit durch durch das zerstörte Gewebe gearbeitet, dass die Freilegung der Unterschenkelknochen kurz bevorstand.

„Tupfer“, verlangte Remmers, „und klemmen Sie mal dieses Gefäß hier ab.“

Schwester Betty befolgte seine Anweisungen. Lars Remmers richtete sich kurz auf und sagte zu Heinrich Kollman: „Und jetzt die Blutleere.“

Der Pfleger betätigte einen Apparat, durch den eine Manschette um den Oberschenkel Edith Söhnkers aufgeblasen wurde. Die Blutzufuhr in das Bein war nun weitgehend unterbrochen. Dadurch konnte die weitere Operation, zumindest vorübergehend, relativ blutfrei durchgeführt werden.

Dr. Kurt Meurer betrat den Operations-Saal. Aufmerksam studierte er die an erleuchteten Milchglasscheiben befestigten Röntgenbilder der Patientin. Zwischendurch trat er an den OP-Tisch und betrachtete den noch blutenden und seltsam verdrehten Unterschenkel.

„Nun, Herr Kollege, was meinen Sie?“ Lars Remmers wollte die endgültige Entscheidung für oder gegen eine Amputation vom Urteil des Knochenspezialisten abhängig machen.

„Den Schienbeinschaft kriegen wir mit einem großen Nagel hin“, murmelte Meurer, „das Wadenbein lässt sich sicher verschrauben“. Er sprach, als würde er laut denken. „Das ist zwar ein ziemlich aufwendiges Puzzlespiel, aber wir schaffen es, denk ich.“

Seine Blicke wanderten zwischen den Röntgenbildern und dem in grüne OP-Tücher gebetteten Bein hin und her.

„Bauchschmerzen macht mir nur der zertrümmerte Schienbeinkopf“, seine Stirn unter der OP-Mütze legte sich in Falten.

„Die Gelenkfläche zum Knie wieder aufzubauen ist eine Präzisionsarbeit. Die Gelenkkapsel ist hinüber, und sollte sich das Gewebe des Unterschenkels entzünden, können wir einige Stunden Kunsthandwerk wieder vergessen und unsere schöne Arbeit unterhalb des Knies abschneiden.“

Nun sah er seinem Kollegen Remmers voll ins Gesicht. „Der Oberarzt sagte mir, er habe Ihnen dringend zur Amputation geraten?“

„Stimmt“, antwortete Remmers, „und was raten Sie?“

Seufzend und mit gerunzelter Stirn sah Meurer in Edith Söhnkers Gesicht. Die grünen Tücher, die es teilweise abdeckten, umrahmten etliche tiefe Schnittwunden, Schwellungen und blaue Flecken.

„Bestenfalls wird diese Frau ein steifes Knie behalten.“ Jetzt traf sein besorgter Blick wieder seinen Kollegen. „Das ist zwar immer noch besser als eine Prothese“, er zog die Augenbrauen hoch, „aber dazu brauchen Sie und wir unverschämt viel Glück.“

Seine Stimme wurde leiser und sehr ernst. „Und wenn es schief geht, Herr Kollege, könnte es tödlich ausgehen, und dann hätten Sie gegen den ausdrücklichen Rat eines Vorgesetzten gehandelt.“

Unentwegt sah er Lars Remmers an. Der kniff seine Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.

Ingeborg Mahler seufzte tief. Mit der Pinzette wies sie auf den Kopf der Patientin. „Die Gesichtswunden werden sie für immer entstellen. Sollten wir nicht wenigstens versuchen, ihr das Bein zu retten?“

Die beiden Chirurgen schwiegen. Immer noch blickten sie sich an. Meurer mit fragend hochgezogenen Brauen, Remmers mit schmalen Augen. Hinter seiner Stirn arbeitete es fieberhaft.

Dr. Böhm hielt unwillkürlich den Atem an, Schwester Betty biss sich auf die Unterlippe. Bleischwer lag die Spannung in der Luft des Operationssaales. Für Augenblicke vermischten sich das Blasen des Narkosegerätes und das Ticken des Monitors zu einem anschwellenden, rhythmischen Warnsignal, als wollten sie jeden Moment in einem letzten, schicksalshaften Aufschrei endgültig verstummen.

Der alte Kollmann war es, der endlich das Schweigen brach. „Herr Dr. Meurer, entsinnen Sie sich an den Jungen, der vor ein paar Jahren von einem LKW überfahren wurde?“

Jetzt erst wandte sich der Knochenspezialist von Lars Remmers ab, um dem OP-Pfleger zuzunicken.

„Dessen Bein sah noch schlimmer aus“, fuhr Heinrich Kollmann fort, „heute spielt er Fußball in der Landesliga.“

Lars Remmers atmete tief durch, als wollte er den furchtbaren Druck in seiner Brust herausblasen. „Ich danke Ihnen, Herr Kollege Meurer. Wie wäre es, wenn Sie sich mit Frau Mahler an die Knochen machen? Ich versorge unterdessen die Gesichtswunden und helfe Ihnen dann.“

Kurt Meurer nickte. Bewegung kam in die grün verhüllten Gestalten. Plötzlich war der OP-Saal von hektischer Betriebsamkeit erfüllt. Remmers blickte auf die große Wanduhr. „Es ist gleich dreizehn Uhr. Vielleicht schaffen wir es bis zum Abendessen.“

Er wandte sich Edith Söhnkers Gesicht zu. „Ziehen Sie sich ein paar sterile Handschuhe an, Herr Kollmann, und assistieren Sie mir mal eben. Aber vorher packen Sie die Knochensäge wieder weg.“

20

Der Regen hatte ihre blaue Dienstkleidung schon bis auf die Haut durchnässt. Marianne Debras spürte es überhaupt nicht. Auch dass sie fror und am ganzen Körper zitterte, war ihr nicht bewusst.

Die Welt, das Leben, die Zeit – alles hatte sich für sie verengt auf diesen trostlosen Augenblick, auf ihre Bitterkeit, auf den Schmerz in ihrer Brust, und auf den Grabstein, vor dem sie jetzt mit fest an den Körper gepressten Armen stand.

„Michael“, flüsterte sie immer wieder, „Michael.“

Kein Mensch ging um diese Zeit über einen der unzähligen, wie mit dem Lineal gezogenen Wege des großen Friedhofs. Und kaum jemand verweilte bei diesem Regen vor einem Grab. Allein war Schwester Marianne. Allein mit dem von Immergrün überzogenen Hügel. Allein mit dem weißen Grabstein, von dem sie ihre Augen nicht lösen konnte.

„Michael.“

Sie sah seine große, schlanke Gestalt vor sich, seine weichen Gesichtszüge, seine blauen Augen, die manchmal so spöttisch funkeln konnten, und sein langes, blondes Haar. Sie sah ihn in der vordersten Reihe des kleinen Theaters, sah ihn aufspringen, ihr auf die Bühne zujubeln, hörte ihn >Bravo< rufen, und die anderen Zuschauer mitreißen. Sie sah ihn mit seiner Harley Davidson die Einfahrt zum Personalwohnheim einfahren, sah ihn mit einem Rosenstrauß die Treppe hinaufkommen, hörte seine Stimme: „Willst du mich heiraten?“

„Michael“, flüsterte sie.

Der Regen vermischte sich mit ihren Tränen. Verschwommen nur nahm sie die schwarz eingekerbten Zeichen im weißen Marmor wahr: >11. November 1994<. Verschwommen, und dennoch bohrten sich diese Zeichen stechend in ihr Herz.

Und plötzlich sah sie ihn wieder unter dem LKW liegen, sah das Notarztteam um ihn knien, sah sein blondes, blutiges Haar – und sah das blonde, blutige Langhaar jenes fremden Mannes, vorhin, in der Notaufnahme.

„Michael“, ihre Stimme bebte, „lass mich zu dir kommen.“

Kalt und hart glänzte der weiße Stein im Regen. Und gab keine Antwort. Stumm blieb er. Stumm und verschlossen schien ihr der grau verhangene Himmel. Zukunft? Nur ein Wort. Hatte es für sie überhaupt noch eine Bedeutung? Nur der Schmerz in ihrer Brust war nicht stumm, der schrie nach Linderung.

„Ich komme zu dir, Michael …“

Marianne Debras wusste nicht, wie lange sie schon so gestanden hatte, als sich ihr plötzlich ein Arm um die Schulter legte. Jemand zog sie vorsichtig an sich, und als hätte sie nur darauf gewartet, sich endlich fallen lassen zu können, senkte sie ihren Kopf auf eine fremde Schulter und begann ihren Schmerz, hemmungslos herauszuweinen.

„Weinen Sie nur“, Alexandra Heinze drückte die junge Frau an sich und strich ihr über das nasse, kurze Haar, „nur heraus mit den Tränen.“

Lange standen sie so. Die Ärztin schweigend und die junge Frau umarmend, Schwester Marianne schluchzend und das Gesicht im weißen Stoff des Arztmantels bergend.

Irgendwann richtete Marianne sich auf und sah die Ärztin an. „Danke“, sagte sie und wischte sich den Regen und die Tränen aus dem Gesicht.

Gemeinsam betrachteten sie das Grab. Auch Dr. Heinzes Kleider trieften jetzt vor Nässe. Noch immer hatte sie ihren rechten Arm um die Schulter der Schwester gelegt.

Schließlich brach die Ärztin das Schweigen.

„Wenn Sie jetzt Ihr Leben wegwerfen wollen, Marianne“, sagte sie leise, „was, glauben Sie, würde Michael dazu sagen?“

Marianne Debras war nicht überrascht, dass Dr. Heinze ihre Gedanken erraten hatte. Nachdenklich schaute sie auf den weißen Grabstein mit den schwarzen Zeichen. Dann atmete sie tief durch.

„Ich will, dass du lebst.“ Es fiel ihr nicht leicht zu sprechen. „Ich will, dass du lebst, und dass du glücklich wirst, würde er sagen.“

Ernst sah ihr die Ärztin in die verweinten Augen. Sie nickte langsam.

„Dann wissen Sie, was Sie zu tun haben, Marianne.“ Sie nahm Mariannes Hand. „Kommen Sie.“

Gemeinsam gingen sie über die Kieswege zum großen, schmiedeeisernen Friedhofsportal. Dort warteten Friederichs und Zühlke im Notarztwagen.

Ewald Zühlke stieg aus und öffnete die Tür zum hinteren Teil des Fahrzeugs. Er reichte Schwester Marianne zwei Decken, in die sie sich einhüllte. Sie setzte sich hinten in den Stuhl für Begleitpersonen.

„Nach dem Tanken fahren wir erst mal zum Personalwohnheim“, sagte Dr. Heinze zu ihrem Fahrer.

Sie drehte sich zu Marianne um. „Nehmen Sie gleich ein warmes Bad, und legen Sie sich ein Weilchen ins Bett. Nach Dienstschluss werde ich bei Ihnen vorbeischauen, wenn ich darf.“

Marianne nickte, und ein dankbares Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Die Notärztin griff nach dem Funkgerät und rief die Pforte des Marien-Krankenhauses.

„Bitte rufen Sie auf der Intensivstation an, Herr Ahlers. Schwester Marianne hatte einen Kreislaufkollaps.“ Bevor sie weitersprach, drehte sie sich zu Marianne Debras um. „Sie wird aber morgen früh wieder zum Dienst kommen.“

21

Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben des Wohnzimmers. Hilde Heinze saß auf dem Sessel neben dem Kamin. Zu ihren Füßen schlief Anuschka. Schon seit zwei Stunden. Dabei war es noch früh am Abend. Normalerweise saß die Dogge um diese Zeit aufgeregt bellend im Flur vor der Haustür und verlangte nach ihrem Abendspaziergang. Doch heute war nichts mehr normal am Verhalten der Hündin. Sie lag nur apathisch auf ihrer Decke neben dem Kamin und zeigte nicht einmal Interesse für ihren Fressnapf.

Hilde Heinze hatte die Tierärztin über diese Entwicklung informiert. Frau Dr. Kayser hatte noch einmal versprochen, gleich nach dem Ende ihrer Sprechstunde vorbeizuschauen.

Seufzend betrachtete Hilde Heinze die Dogge. Ihr kurzhaariges Fell glänzte nicht seidig wie sonst, sondern schien stumpf und matt. Ab und zu winselte sie im Schlaf auf, und ein Beben durchfuhr den schwarzen Hundekörper.

Unten im Erdgeschoss wurde die Haustür geöffnet. Unwillkürlich sah Hilde Heinze auf die Standuhr: Es war fast halb sieben. Schritte näherten sich auf der Treppe, und ihre Schwiegertochter öffnete die Tür.

„Alexandra, endlich!“ Hilde Heinze erhob sich, ging auf sie zu und umarmte sie erleichtert. „Du kommst spät.“

„Ach ja“, seufzte Alexandra Heinze, „ich hatte einen vollen Tag.“

Sie löste sich von ihrer Schwiegermutter und ging vor der unruhig schlafenden Dogge in die Hocke.

„Und nach Dienstschluss musste ich noch eine Schwester besuchen, die Probleme hat.“ Vorsichtig streichelte sie den Hund. „Das war auch nicht ohne.“

Sie setzten sich, und Hilde Heinze berichtete von Anuschkas Symptomen. Alexandra Heinze biss sich erschrocken auf die Unterlippe. Ihre Stirn legte sich in sorgenvolle Falten.

„O weh, hoffentlich ist es kein Rattengift!“

Sie beugte sich zu dem Hund herab und streichelte ihn zärtlich am Hals. „Das könnte sogar für so ein Schwergewicht gefährlich werden.“

Als hätte das Tier gespürt, dass es angesprochen wurde, öffnete es die Augen und blinzelte Alexandra Heinze müde an.

Es klingelte, Hilde Heinze ging zur Haustür. Kurz darauf betrat sie mit der Tierärztin das Wohnzimmer. Die begrüßte Alexandra Heinze mit Handschlag und hockte sich sofort neben Anuschka auf den Teppich.

Sie nahm sich viel Zeit für die Untersuchung. Vor allem die Maulschleimhaut betrachtete Frau Dr. Kayser sehr aufmerksam.

„Ja, kein Zweifel – sie hat Rattengift gefressen“, sie drehte sich zu den beiden Frauen um, „und zwar eins von der übelsten Sorte. Schauen Sie, hier!“

Alexandra und Hilde Heinze traten näher und beugten sich zu der Tierärztin herunter, die das Maul der Dogge mit beiden Händen offenhielt. Der Hund ließ sich das widerstandslos gefallen.

„Sehen sie diese kleinen, roten Pünktchen in der Maulschleimhaut?“

Alexandra nickte. Sie wusste genau, was jetzt kommen würde.

„Das sind winzige Blutungen“, erklärte die Tierärztin weiter, „ein deutliches Zeichen dafür, dass Anuschka ein äußerst wirksames Rattengift gefressen hat.“

Sie legte den Kopf des Hundes auf die Decke und erhob sich.

„Dieses Gift setzt die Blutgerinnung außer Kraft. Der Höhepunkt seiner Wirkung ist erst wenige Tage nach der Einnahme erreicht. Dann verbluten die Tiere innerlich. Bei Ratten geht das meist sehr schnell.“

Die beiden Frauen wurden blass. „Und was kann man dagegen tun?“, flüsterte Hilde Heinze.

„Vitamin K spritzen“, erklärte Dr. Kayser, „das fördert die Blutgerinnung.“

Sie ging zu ihrer Arzttasche. „Und hoffen, dass Anuschka nicht zu viel von dem Gift gefressen hat.“

Sie kramte Päckchen mit Ampullen aus der Tasche.

„Das wissen wir aber erst in drei oder vier Tagen.“ Sie zog eine Spritze auf. „Davon geben wir zunächst zweimal am Tag vier Ampullen. Wollen Sie selber spritzen, Frau Heinze?“

Alexandra nickte, nahm die Spritze entgegen und beugte sich damit zu Anuschka herab. Der Hund winselte nur kurz auf.

„Mehr können wir im Augenblick nicht tun“, sagte die Tierärztin, während sie ihre Tasche zusammenpackte, „rufen Sie mich bitte morgen früh an, damit ich weiß, wie die Nacht war.“

Als Frau Dr. Kayser gegangen war, knieten die beiden Frauen Seite an Seite neben dem Hund und streichelten ihn.

„Wir werden das schon schaffen, Anuschkalein“, murmelte Hilde Heinze.

Alexandra schwieg. Nur zu gut wusste sie über die Wirkungsweise dieses heimtückischen Giftes Bescheid. Wurde es doch auch in der Medizin eingesetzt. Natürlich in geringer und streng kontrollierter Dosis. Die Folgen einer Überdosierung gehörten zur Palette der Schrecklichkeiten, die jeder Notarzt irgendwann einmal zu Gesicht bekommt. Und wenn Anuschka zu viel von dem Gift in sich hatte …

Doch Alexandra Heinze behielt ihre Sorgen für sich. Sie wollte ihre Schwiegermutter nicht unnötig belasten.

„Wir müssen abwarten“, sagte sie nur. Sie stand auf und wandte sich zur Tür. „Ich werde jetzt Werner anrufen.“

22

Der Regen hatte aufgehört. Über dem Marien-Krankenhaus lag ein dämmriger Streifen Morgenlicht. Marianne Debras blieb einen Augenblick stehen und tauchte ihren Blick in den ersten Glanz des neuen Tages.

Sie hatte es nicht eilig heute morgen. Es war erst 5.50 Uhr. Sie war früh aufgestanden. Nach dem langen Gespräch mit Dr. Heinze gestern Nachmittag hatte sie tief und gut geschlafen. Wie wohltuend war das gewesen! Einem verständnisvollen Menschen sein ganzes Herz auszuschütten. Ganz anders sah die Welt jetzt aus! Warum hatte sie das nicht schon längst einmal getan?

Marianne Debras setzte ihren Weg durch den Park fort. Vom Personalwohnheim zum Marien-Krankenhaus lief man nicht länger als zwei Minuten.

Als sie vor der Tür zum Parkeingang der Klinik stand, legte sich ihr ein Druck auf die Brust, und ihr Herz begann schneller zu klopfen. Wieder blieb sie stehen und schloss die Augen. Das Schreckensbild des schwerverletzten Mannes gestern in der Notaufnahme war plötzlich gegenwärtig. Seine langen blonden Haare voller Blut, wie damals bei Michael … Aber dann Michaels Gesicht, lächelnd, liebevoll: „Ich will, dass du lebst und glücklich bist!“

Sie öffnete die Augen, atmete tief durch und griff nach der Türklinke. Frau Dr. Heinze hatte recht: Sie musste sich dem Leben stellen, auch dem Leben in seiner harten, schmerzlichen Seite. Nur dann würde sie wieder glücklich werden können.

„Danke Michael“, flüsterte sie, „danke Frau Dr. Heinze.“ Sie öffnete die Tür und ging zum Fahrstuhl.

Wenig später, auf der Intensivstation, betrat Schwester Marianne das Beatmungszimmer. Da lag er. Sie trat an sein Bett. Vorsichtig beugte sie sich über den Bewusstlosen. Das Haar war unter einem Kopfverband verborgen. Das Gesicht war geschwollen und mit Schnittwunden und blauen Flecken bedeckt. Die Mundpartie wurde von den Schläuchen des Beatmungsgerätes verdeckt. Dennoch nahm sie die weichen Züge dieses Gesichtes wahr und fühlte eine unerklärliche Erleichterung: Es war nicht Michaels Gesicht, hier lag ein anderer, ein fremder Mann, der mit dem Auto und nicht mit dem Motorrad verunglückt war. Ein Mann, dessen Frau zwei Zimmer weiter lag. Und ein Mann, der ihre Hilfe brauchte.

Marianne wandte sich vom Bett zur Schreibplattform unter dem Monitor und knipste das Leselämpchen an. Sie las die Verlaufskurve des Patienten. Felix Söhnker hieß er. Achtunddreißig Jahre alt.

Sie verglich die Einstellungen des Beatmungsgerätes mit den Angaben des Nachtprotokolls und prüfte den Blutdruck. Eine lange nicht mehr gespürte Sicherheit und etwas wie Lust an der Arbeit begannen sich in ihr zu regen.

23

„Ihr Bein ist mehrfach gebrochen.“ Lars Remmers hatte sich zu dem verbundenen Gesicht seiner Patientin herabgebeugt, um näher an ihrem Ohr zu sein.

„Wir haben Sie bis in den Abend hinein operiert, Sie sind außer Lebensgefahr.“

Edith Söhnker nickte schwach. Nur verschwommen nahm sie die Gestalten um ihr Bett wahr. Ihr Kopf tat weh, die trockene Kehle brannte vor Durst, und in ihrem linken Bein spürte sie dumpf einen drückenden Schmerz.

„Sie sind hier auf der Intensivstation“, schaltete Dr. Karin Döring sich ein, „wir werden Sie ein paar Tage überwachen, bis sich Ihr Kreislauf stabilisiert hat.“

Der Oberarzt schwieg. Mit gerunzelter Stirn studierte Dr. Höper den Operationsbericht und die Verlaufskurve der vergangenen Nacht.

Bert, der Pfleger, überprüfte die zahllosen Infusionen, die über eine ganze Batterie von Tropfenzählern in den Venenkatheder Edith Söhnkers tropften.

„Ihr Mann lebt, er liegt zwei Zimmer weiter.“ Lars Remmers war froh, das sagen zu können. Er hatte schon andere Situationen erlebt.

„Er wird es wohl auch schaffen“, sagte er, als die Frau ihn fragend anschaute. Sicher war er da keineswegs, aber er durfte seine Patientin nicht mit zusätzlichen Sorgen belasten.

Sie verließen das Zimmer. Bert, hinter den drei Ärzten, schloss die Tür. In der Monitorzentrale blieben sie stehen. Dr. Höper sah mit kritisch zusammengezogenen Brauen durch die Glasfront auf die Frau zurück. Ihr linkes Bein war auf eine Metallschiene gelagert. Mehrere Plastikschläuche ragten aus dem weißen Verband und führten zu teilweise mit roter Flüssigkeit gefüllten Flaschen, die am Bettrand befestigt waren. Durch sie wurde die Wundflüssigkeit abgesaugt und so einer Entzündung vorgebeugt.

„Warum, zum Teufel, haben Sie nicht amputiert?“ Vorwurfsvoll wandte sich Dr. Höper an Lars Remmers.

Der versuchte so sachlich wie möglich zu bleiben. „Herr Meurer und ich haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht, Herr Höper.“

Dr. Remmers wusste, dass alle ihn jetzt anschauten, und er hatte die wachsende Spannung schon im Zimmer seiner Patientin gespürt.

„Wir sahen eine gute Chance, das Bein zu retten.“ Unwillkürlich musste er schlucken. Der Druck der Verantwortung hatte ihm bereits eine schlaflose Nacht bereitet.

„Verdammt noch mal!“ Dr. Höper hieb sich mit der Faust in die linke Handfläche. „Eine gute Chance, den Löffel abzugeben, hat Sie! Und das habe ich Ihnen bereits vor der Operation gesagt!“

Abrupt wandte er sich ab, verschränkte die Arme auf dem Rücken und ging unruhig im Computerraum auf und ab.

„Die Suppe, die Sie sich da eingebrockt haben, die ist so heiß, die können Sie gar nicht auslöffeln!“, schnauzte er.

Dann riss er Bert förmlich die Kurve aus der Hand. „Stündliche Temperaturkontrollen, drei Blutsenkungen am Tag, heute Abend wird eine Blutkultur abgenommen!“

Er schnarrte seine Verordnungen herunter, dass der Pfleger Mühe hatte, alles korrekt mitzuschreiben. Sämtliche Anweisungen hatten den Zweck, eine eventuelle Entzündung der Operationswunde möglichst schnell zu diagnostizieren

„Und denken Sie dran, die Fußpulse stündlich zu kontrollieren!“, wandte er sich wieder an Lars Remmers.

Eine völlig überflüssige Anordnung. Dr. Remmers erste Arbeit an diesem Morgen war es gewesen, sich davon zu überzeugen, dass Edith Söhnkers operiertes Bein bis in den Fuß hinunter durchblutet war. Er hatte sämtliche Fußpulse abgetastet.

Dr. Höper ging zu der breiten, offenen Tür zum Stationsflur. Auf der Schwelle drehte er sich noch einmal zu dem Stationsarzt um.

„Und eines sage ich Ihnen, Herr Remmers, bei den geringsten Entzündungszeichen kommt das Bein weg, haben wir uns verstanden?“

Karin Döring und Lars Remmers sahen sich betreten an. Sie wussten, dass Dr. Höper eben eine oberärztliche Anordnung gegeben hatte, an der es kein Vorbei gab. Sie folgten Höper durch den Gang.

Der Oberarzt öffnete energisch die Tür zum hinteren Beatmungszimmer und blieb überrascht stehen. Zwei mit blauer Schutzkleidung und Mundschutz verhüllte Gestalten standen am Bett seines Patienten. Marianne und Alexandra Heinze.

Dr. Höper fing sich rasch. Er ging zum Monitor und nahm die Verlaufskurve Felix Söhnkers von der Schreibplattform.

„Was machen Sie denn hier, Frau Kollegin?“, brummte er mürrisch, ohne vom Kurvenblatt aufzusehen. „Es ist doch noch nicht mal sieben Uhr?“

„Ich wollte sehen, wie er die Nacht überstanden hat“, antwortete Alexandra Heinze, „immerhin habe ich ihn gestern von der Autobahn geholt.“

Ihr Blick traf sich kurz mit dem Schwester Mariannes. Niemand brauchte zu wissen, dass sie in erster Linie wegen der jungen Frau so früh gekommen war. Es war der Notärztin klar, dass diese Visite keine leichte Hürde für die Schwester sein würde.

„So, so“, brummte Höper schlecht gelaunt und immer noch, ohne von den Kurvenblättern aufzusehen, „Sie wissen doch, dass ich es nicht liebe, wenn Personal von fremden Abteilungen meinen Frischoperierten zu nahe kommt!“

Jetzt schaute er der Ärztin voll ins Gesicht. „Die Infektionsgefahr ist einfach zu groß!“

Alexandra Heinze wich seinem Blick keinen Moment aus. Sie wies mit einer Geste auf ihre sterile Schutzkleidung hin. Jede Anspielung auf den Umstand, dass der Oberarzt selber ohne Schutzkleidung im Zimmer war, vermied sie. Stattdessen versuchte sie, das Thema zu wechseln.

„Wie verlief die Operation?“

Höper ging darauf ein und berichtete. „Leberriss, aber nicht die Welt. Ein paar kleinere Arterien musste ich zusammenflicken. Hat Glück gehabt.“

Er reichte ihr die Kurve, trat ans Bett und leuchtete mit einer in seinen Kugelschreiber integrierten Taschenlampe in Felix Söhnkers Augen.

„Allerdings eine Schädelfraktur, und was das Hirn abbekommen hat, ist schwer zu beurteilen. Die Pupillen sind verdammt groß und reagieren kaum.“

Mit einem missmutigen Seitenblick auf Schwester Marianne berichtete er weiter. „Vier Rippen gebrochen. Natürlich Luft im Pleuraspalt.“

Er zeigte auf einen fingerdicken, durchsichtigen Schlauch, der mit einem großen Pflasterverband an der rechten Brustseite Felix Söhnkers befestigt war. Der Schlauch war mit einer mit Wasser gefüllten, blubbernden Pumpe verbunden, die unter dem Bett stand. Mit ihr wurde ein Sog auf den Spalt zwischen Lunge und Rippenfell ausgeübt, damit der Lungenflügel sich wieder entfalten konnte.

„Die Vakuumpumpe wird er wohl länger brauchen als das Beatmungsgerät.“ Wieder beobachtete er Marianne. „Wenn wir ihn überhaupt über den Berg bringen.“

Marianne war damit beschäftigt, den Patienten abzusaugen. Halbstündlich musste der Bronchialschleim auf diese Weise entfernt werden, um einer Lungenentzündung vorzubeugen.

„Wer wird für die Pflege verantwortlich sein?“

Wie ein Pfeil schoss Höper diese Frage auf Marianne ab. Jeder im Raum hatte sie erwartet. Niemandem war entgangen, wie misstrauisch der Arzt die Schwester beobachtet hatte.

Auch Marianne Debras hatte auf diese Frage gewartet. Sie stellte das Absauggerät aus, befestigte die Beatmungsschläuche am Tubus, dem weichen Kunststoffröhrchen, das in der Luftröhre des Bewusstlosen lag. Sie zog sich die Einmalhandschuhe aus, ständig bemüht, das Zittern ihrer Hände zu verbergen. Erst dann sah sie den Oberarzt an.

„Ich.“

Höper fixierte sie mit lauerndem Blick. „Sie?“, rief er mit gespielter Überraschung aus. Er bemerkte, dass Alexandra Heinze die junge Schwester nicht aus den Augen ließ. Das stille Einverständnis zwischen den beiden Frauen entging ihm nicht.

„Wenn ich mich recht entsinne, gehört die Pflege von Unfallopfern seit einem Jahr nicht mehr zu ihren Spezialitäten.“

Marianne musste schlucken. Der Seitenhieb gab ihr einen Stich ins Herz. Sie wich dem Blick des Arztes aus und sah, dass Dr. Heinze beschwichtigend mit den Kopf schüttelte. Als wollte sie sagen: „Gar nicht darauf eingehen.“

Jetzt platzte Lars Remmers der Kragen.

„Schwester Marianne ist eine erfahrene Schwester!“ Nur mühsam gelang es ihm, die Lautstärke seiner Stimme zu kontrollieren. „Außerdem hat sie die Schichtleitung. Es ist doch klar, Herr Höper, dass sie den Patienten übernimmt!“

Höper schaute seine Kollegen nacheinander an. Seine Augen funkelten feindselig. Deutlich empfand er die Ablehnung, die ihm entgegenschlug.

„Darüber ist wohl das letzte Wort noch nicht gesprochen“, schnarrte er kühl.

Er nahm Alexandra Heinze die Kurven aus der Hand und blätterte nervös darin herum. Ohne Marianne anzusehen, sagte er: „Ich erwarte eine engmaschige Überwachung des Patienten. Peinlich genaue Dokumentation aller Veränderungen ist absolutes Muss!“

Jetzt erst sah er auf. Sein kühler Blick traf Marianne. „Jeder noch so kleine Fehler wird Konsequenzen nach sich ziehen, habe ich mich deutlich genug ausgedrückt, Schwester Marianne?“

24

Der dumpfe Druck in ihrem linken Bein verwandelte sich zunehmend in ein einziges Stechen und Brennen. Auch ihr Kopf, und vor allem die linke Gesichtshälfte schmerzten. Vorsichtig tastete Edith Söhnker ihr Gesicht ab.

„Wo bin ich? Auf der Intensivstation?“

Unter Schmerzen versuchte sie den Kopf zu drehen, um sich zu orientieren. Links neben ihrem Bett sah sie mehrere grüne und blaue Apparate, die die Größe und Form von Starenkästen hatten. Grüne Lämpchen blinkten an ihrer Vorderfront auf. Alle in einem unterschiedlichen Rhythmus. Feine, transparente Kabel führten aus diesen Kästen zu ihrer linken Schulter. Oder waren es Schläuche? Natürlich, Infusionsschläuche! Jetzt sah sie, dass an den Spitzen der Chromstangen, an denen die blinkenden Kästen befestigt waren, sich etwas wie Garderobenhaken ausspreizte. An den Haken hingen unzählige Flaschen. Einige aus Glas, manche aus Plastik.

Edith versuchte nach links zu schauen. Ein Bett! Aber es schien niemand darin zu liegen! Irgendwo über ihr blinkte es rhythmisch und schnell – ein Monitor?

Nur kurz gelang es ihr, den Kopf ein wenig anzuheben. Eine Glasfront um eine weiße, große Tür trennte ihr Zimmer von einem nur gedämpft erleuchteten Raum, in dem sie undeutlich Schränke, Ständer und eine weitere Tür wahrnehmen konnte. Diese Tür schien auf einen hellerleuchteten Gang zu führen.

Ihr Kopf sank schon zurück ins Kissen, da erschrak sie. Was war das? Ihr Bein lag auf einer Schiene, weiß eingebunden, und …

Noch einmal versuchte sie kurz den Kopf zu heben. Rötlich gefüllte, kleine Schläuche ragten aus dem Verband und führten irgendwo nach unten, aus dem Bett heraus.

„Mit meinem Bein stimmt was nicht …“

Was war geschehen? Sie erinnerte sich dunkel an den Streit mit Felix. Sie hatten geschrien. Und dann ließ sich der Wagen nicht mehr lenken. Ja, als sie nach dem Überholen wieder vor dem LKW einscheren wollte. Der jähe Schrecken, der sie wie ein Eiszapfen durchbohrt hatte, als sie auf die Leitplanke zugerast waren, dieser atemberaubende Schrecken zuckte wieder in ihrer Brust auf.

Sie holte tief Luft. Der Rücken tat ihr weh. Vielleicht vom langen Liegen auf dem Operationstisch? O Gott, wie verzweifelt sie versucht hatte, den Wagen zu steuern! Ob das Aquaplaning gewesen war?

Die Kehle brannte ihr. Den Speichel herunterzuschlucken war eine Qual. Sie hatte Durst.

„Gibt es hier eine Klingel?“

Stefan – genau! – Felix war dahintergekommen, darum der Streit. Ach ja, Laura, er hatte Laura angerufen.

„Felix – was ist mit ihm?“

„Er wird es wohl auch schaffen“, hatte der Arzt vorhin gesagt; wie tief und warm seine Stimme geklungen hatte. Demnach geht es ihm schlecht. Und wenn er stirbt?

„Fahr nicht so schnell, du kommst noch früh genug zu ihm!“ Felix Stimme. Wenn er stirbt, bin ich schuld! O Gott dieser Schmerz im Bein, o Gott dieser Durst!

Edith entdeckte nun ein weißes Kabel, das von irgendwoher zu der galgenartigen Metallstange führte, die am Kopfende ihres Bettes befestigt war. Von dort ragte die Stange schräg in ihr Blickfeld. Das Kabel war daran befestigt und lief in einem kleinen Kästchen mit mehreren Schaltern aus. Das Schaltkästchen hing in Griffweite über ihr.

Ob das die Klingel ist? O Gott, wie mein Bein schmerzt, was ist nur damit? Wer weiß, was ich wieder anstelle, wenn ich auf einen der Knöpfe drücke …

Stefan – sie waren doch verabredet gewesen! Sicher hatte er im Restaurant gewartet. Gott, was habe ich nur getan! Wenn Felix nun stirbt … Wenn ich nun sterbe … o dieser Schmerz im Bein …

Stefan wird versuchen in Köln anzurufen. Wie soll er nur erfahren, wo ich bin?

Felix liegt zwei Zimmer weiter. Er weiß es ja jetzt. Stefan muss kommen. O dieser Durst, dieser Schmerz! Stefan muss zu mir kommen!

Edith streckte ihren rechten Arm vorsichtig hoch. Sie umgriff das Schaltkästchen und drehte die Schaltfläche zu sich hin. Einer der Schalter war rot. Das musste wohl die Klingel sein. Sie presste ihren Daumen auf den Schalter, der sofort rot aufleuchtete.

25

„Sie ist ziemlich schläfrig und rührt sich kaum von der Stelle.“ Hilde Heinzes Stimme klang besorgt.

„Hat sie denn etwas gefressen?“ Alexandra Heinze telefonierte vom Aufwachraum des chirurgischen Operationstraktes aus. Es war kurz vor acht.

„Ich habe ihr einen Napf mit Hackfleisch hingestellt“, erzählte Hilde Heinze, „aber Anuschka hat es noch nicht angerührt.“

Die Ärztin seufzte. „Nun gut, mach dir nicht so viele Sorgen, Mutter. Wir müssen abwarten.“

Sie verabschiedete sich von ihrer Schwiegermutter und hängte den Hörer ein. Alles was man für Anuschka tun konnte, war getan. Sie hatten tatsächlich keine andere Wahl, als abzuwarten. Die Ärztin hoffte inbrünstig, die Hündin würde stark genug sein, mit der unbekannten Giftdosis fertig zu werden.

Alexandra Heinze wandte sich dem aktuellen Operationsplan zu. Keine besonders komplizierten Sachen standen auf dem Programm. Der Chef und der Oberarzt würden um acht Uhr mit ihren ersten Operationen beginnen.

Sie trat auf den langen Flur des Traktes. Überall huschten grün gekleidete Gestalten geschäftig hin und her. Gegenüber, im Waschraum, sah Alexandra Heinze Professor Streithuber und Dr. Höper beim Händewaschen. Offenbar hatten sie eine Auseinandersetzung, denn Höpers Stimme klang ziemlich erregt. Alexandra Heinze ahnte nichts Gutes. Sie gab sich einen Ruck und betrat den Waschraum.

„Ich brauche Personal, auf das ich mich verlassen kann!“, hörte sie Dr. Höper sagen. „Bei diesem Patienten können wir uns keinen Fehler …“ Er verstummte, als er bemerkte, dass Alexandra Heinze im Türrahmen stand.

Ihr war sofort klar, worum es ging.

„Guten Morgen Frau Heinze“, begrüßte sie der Professor, „der Herr Kollege will partout, dass ich mit einer chefärztlichen Anweisung Schwester Marianne vom Bett seines Beatmungspatienten verbanne.“

Schwester Betty, die neugierig die Ohren spitzte, reichte ihm ein Paar sterile Handschuhe an.

„Was sagen Sie dazu?“

„Ich glaube kaum, dass Frau Heinze das beurteilen kann und will“, schnauzte Höper.

„Da bin ich nicht so sicher“, antwortete Professor Streithuber und wandte sich an die Ärztin. Seine weißen, buschigen Augenbrauen waren fragend hochgezogen.

Wieder unterbrach Höper. „Herr Streithuber, ich bitte Sie! Die Schwester konnte gestern die Dienstschicht wegen eines Kreislaufkollapses nicht zu Ende führen!“ Der Oberarzt hob beschwörend die Hände. „Stellen Sie sich das vor! Und jetzt will sie meinen problematischsten Patienten versorgen!“

„Ach – haben Sie davon gehört Frau Heinze?“ Der Professor ließ sich den grünen Chirurgenkittel von Betty zubinden und hielt dabei die Hände in Schulterhöhe von sich gestreckt.

„Ja, Herr Professor, gestern Vormittag. Ich habe sie sogar behandelt und nach Hause geschickt.“

„Na, sehen Sie!“, unterbrach Höper und erntete dafür einen unwilligen Blick seines Chefs.

„Eine kleine Schwäche, nichts Ernstes“, fuhr Alexandra Heinze fort, „am Nachmittag habe ich sie noch einmal besucht. Es ging ihr wieder gut. Sie ist heute morgen voll arbeitsfähig.“

„Davon konnte sich im Laufe des letzten Jahres jeder ein Bild machen, wie arbeitsfähig sie ist!“ Höpers Stimme klang höhnisch.

„Herr Höper, ich muss doch sehr bitten!“ Peinlich berührt sah der Chefarzt um sich. „Wenn Frau Heinze Schwester Marianne für einsatzfähig hält, sollten wir uns darauf verlassen.“

Jetzt griff der Oberarzt Dr. Heinze an. „Das ist doch wieder so ein sozialpädagogischer Sondereinsatz von Ihnen, Frau Kollegin!“

Höper fuchtelte ärgerlich mit den Händen, und Betty hatte Mühe, ihm die Handschuhe überzustreifen.

„Wir sind hier aber kein Sozialamt, sondern eine Klinik! Und ich muss die Verantwortung für den Mann da oben tragen! Der ist Regisseur, Theaterregisseur, was glauben Sie, was die Presse …“

„Herr Dr. Höper!“, unterbrach Streithuber streng. „Meine chefärztliche Anweisung lautet: Kein weiteres Wort mehr in dieser Sache!“

Die ungehaltene Miene des Chefs machte allen Anwesenden deutlich, dass er keinen Widerspruch mehr dulden würde. „Schwester Marianne ist arbeitsfähig und wird Ihren Patienten betreuen!“

Energisch schritt er auf die Schwelle des Operationssaales zu. Bevor er eintrat, drehte er sich noch einmal zu Alexandra Heinze um. „Und Sie, Frau Doktor, stehen mir dafür gerade, dass die Schwester ihre Sache gut macht!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er im Saal.

Alexandra Heinze hatte keine Lust auf weitere Auseinandersetzungen mit dem Oberarzt. Ohne sich zu verabschieden, verließ sie den Operationstrakt. Als sich die Tür hinter ihr schloss, musste sie erst einmal tief durchatmen. Der Oberarzt konnte verdammt unangenehm werden. Doch diesmal hatte sie gewonnen.

Sie hatte schon den Fuß auf der Treppe, um hinunter in das Notarztzimmer zu gehen. Einen Augenblick verharrte sie, drehte sich dann um und sprang die Treppe hinauf. Sie musste noch einmal nach Schwester Marianne sehen.

Nach diesem Streit fühlte sie sich erst recht verantwortlich für die Schwester und ihren Beatmungspatienten. Zweifel stiegen in ihr auf, als sie die Tür zur Intensivstation aufstieß.

Ob es richtig war, Marianne zur Übernahme dieser heiklen Pflege zu ermutigen? Gestern Abend hatte Werner am Telefon große Bedenken geäußert. Eine Psychotherapie würde der jungen Frau seiner Meinung nach eher helfen. Aber Alexandra war bei ihrer Einschätzung geblieben: Marianne Debras musste mitten hinein in die Situation, die sie seit einem Jahr nicht wahrhaben wollte. Sie musste sich so hautnah wie möglich mit ihrem Schicksal und dem Tod ihres Partners auseinandersetzen. Und was war besser dazu geeignet als die Pflege eines Menschen in einer ähnlichen Situation?

„Hoffentlich habe ich sie nicht überfordert“, murmelte die Ärztin leise, als sie über den Gang der Intensivstation eilte. Ganz ließ sich der leise Zweifel doch nicht zum Schweigen bringen.

Aber der Blick in die offenstehende Tür des Beatmungszimmers beruhigte sie: Schwester Marianne war damit beschäftigt, die Gesichtswunden des Bewusstlosen zu versorgen. Sie wirkte ruhig und ausgeglichen.

Dr. Heinze betrat das Zimmer. „Wie geht es?“

Die Schwester trug einen Mundschutz. Sie sah die Ärztin mit ihren großen, braunen Augen an.

„Der Kreislauf ist stabil, doch er liegt tief im Koma …“

„Ich meine Sie, Marianne, wie geht es Ihnen?“

Überraschung spiegelte sich im Blick Mariannes. Dann lächelte sie. „Danke, Frau Dr. Heinze, mir ist ein bisschen flau, aber ich glaube, ich schaffe es.“

26

„Guten Morgen, Herr Nideggen!“ Freundlich, wie immer begrüßte ihn seine Sekretärin.

Charmant erwiderte Stefan Nideggen ihren Gruß. Anerkennend glitt sein Blick über ihr rotes Minikleid.

„Oha, ein neues Kleid, Frau Sachs? Steht Ihnen hervorragend.“

„Danke“, zirpte sie mit einem Augenaufschlag und machte sogar die Andeutung eines Knicks. „Soll ich Kaffee kochen?“

„Ich bitte darum, Frau Sachs.“ Stefan Nideggen ging auf sein Büro zu. „Ist die Zeitung schon da?“

„Liegt bereits auf Ihrem Schreibtisch“, flötete sie aus dem Vorzimmer.

„Na, ist ja wieder ein vorzüglicher Service hier, danke!“, erwiderte er, bevor er die Tür schloss.

„Verdammt, die Frau hat ihre Reize“, murmelte er, während er den Mantel in den Schrank hängte. Aber an Edith kam sie nicht heran, auch wenn sie zehn Jahre jünger war.

Edith – sie hatte sich bis heute morgen noch nicht gemeldet. Kein Anruf, kein Telegramm, kein Fax – nichts. Er ließ sich in seinen Schreibtischsessel fallen. Seine Stimmung schwankte zwischen Ärger und wachsender Unruhe.

Warum hatte sie sich nicht gemeldet? Ob irgendetwas passiert war? Quatsch! Was sollte schon passiert sein. Ob Söhnker sie unter Druck gesetzt, vielleicht sogar ein Ultimatum gestellt hat? Nein! Das würde Edith sich nicht bieten lassen. Außerdem findet man immer einen Augenblick Zeit, um unbeobachtet telefonieren zu können.

Er, Nideggen, hatte unzählige Male versucht anzurufen. Vergeblich natürlich, also waren sie nicht nach Köln zurückgekehrt. Einmal hätte er fast im Theater angerufen. Aber dort hätte er allenfalls Söhnker erreicht, und was sollte er mit dem sprechen? Falls Edith sich nicht im Laufe des Vormittags meldete, würde er es dennoch wagen und im Mannheimer Nationaltheater anrufen. Sei’s drum!

Er griff nach der Zeitung, überflog kurz die Schlagzeilen und arbeitete sich durch die Politik rasch zum Wirtschaftsteil durch. Den las er sehr aufmerksam. Zwischendurch brachte die Sekretärin den Kaffee. Stefan Nideggen zündete sich seine Morgenzigarette an.

Sein übliches Morgenritual – Wirtschaftsteil der Tageszeitung, Kaffee und zwei Zigaretten – dauerte niemals länger als eine halbe Stunde. Bis zehn Uhr waren meistens einige Briefe zu diktieren, dann war es Zeit für die ersten Termine.

Es war nach neun Uhr, als Stefan Nideggen sich anschickte, die Zeitung zusammenzufalten. Zuvor überflog er noch die restlichen Seiten. Im Kulturteil entdeckte er dann die Nachricht, die ihn buchstäblich aus seinem Sessel riss:

Theaterregisseur Felix Söhnker bei Verkehrsunfall schwer verletzt

Atemlos las er den kleinen Artikel: Auf dem Weg zur Premiere … Mannheimer Staatstheater … Ensemble erschüttert … Aquaplaning … seine Frau, Edith Söhnker, steuerte den Wagen … ebenfalls schwer verletzt … außer Lebensgefahr …

Ohne die Zeitung loszulassen, sank Nideggen zurück in den Sessel.

„Das gibt’s doch nicht“, stöhnte er. Er ließ den Kopf zurück auf die Sessellehne fallen und schloss die Augen. „Das gibt es einfach nicht!“

Wieder nahm er die Zeitung auf, wieder las er die Nachricht, wieder und wieder. Zwischendurch stand er auf, lief wie ein gehetztes Tier vom Schreibtisch zum Fenster und zurück zum Schreibtisch, um erneut nach der Zeitung zu greifen, um sich erneut die Bestätigung zu holen, dass er sich doch nicht geirrt hatte.

„Edith hat einen Unfall gehabt, einen Unfall. So ein Mist, warum muss so ein Mist passieren?“

Irgendwann ließ er sich wieder in den Sessel sinken und zündete sich eine Zigarette an.

„O.k. Nideggen, Edith hat einen Unfall gehabt. Das ist nicht schön, aber so etwas passiert.“

Er zwang sich zu einem kühlen Kopf und sah auf die Uhr. In einer halben Stunde musste er eine wichtige Verhandlung mit den Leuten aus Fernost führen. Und die musste unbedingt zu einem weiteren Abschluss führen.

„Unbedingt“, flüsterte er und stieß den Rauch aus den Lungen. „Du bleibst jetzt vollkommen cool, Nideggen“, wieder sprach er mit sich selbst, „nach der Verhandlung wirst du herausfinden, in welcher Klinik sie liegt.“

Wieder griff er zur Zeitung, um den Artikel noch einmal zu lesen. Aufmerksam betrachtete er jetzt zum ersten Mal das Bild Söhnkers. Es war ein Schwarz-Weiß-Porträt. Ein Mann mit hellen, langen Haaren und weichen Gesichtszügen lächelte ihm entgegen.

„Genau wie ich ihn mir vorgestellt habe“, murmelte Nideggen, „ein Softy, nichts für Edith.“

Er nahm den Telefonhörer. „Frau Sachs, ich habe einen Spezialauftrag für Sie.“

„Ja-a?“, hauchte sie erwartungsvoll.

„Suchen Sie mir bis zum Ende der Sitzung die Telefonnummern und Adressen sämtlicher Kliniken zwischen Bonn und Koblenz mit einer chirurgischen Abteilung heraus.“

27

Schwester Marianne ließ sich auf einen der Stühle um den Tisch des Personalraums fallen. Müde und ausgepumpt fühlte sie sich. Aber sie hatte es geschafft: Einen ganzen Vormittag lang hatte sie das Opfer eines Verkehrsunfalls gepflegt. Das erste Mal seit fast einem Jahr. Sieben Stunden lang hatte sie bei dem bewusstlosen Patienten im Beatmungszimmer gearbeitet, von einigen kurzen Pausen abgesehen. Sieben Stunden lang hatte sie immer wieder das Bild ihres toten Freundes vor Augen gehabt. Sie war nicht weggelaufen. Und sie hatte nicht eine einzige Beruhigungstablette genommen.

Marianne atmete tief ein und blies geräuschvoll die Luft aus. Bert blickte von seiner Zeitung auf.

„Na, bist geschafft, was?“

Marianne nickte wortlos.

Gemeinsam hatten sie dem Pflegepersonal der Nachmittagsschicht die Patienten übergeben. Jetzt saßen sie hier im Personalraum. Die meisten Kollegen der Frühschicht waren schon nach Hause gegangen. Bert war immer der letzte, der ging. Und sie, Marianne, immer die erste. Jedenfalls seit einem Jahr. Heute war alles anders.

Es war Marianne nicht entgangen, dass ihre Kolleginnen sich verwundert angeschaut hatten, als sie über ihren Patienten berichtete. Schwester Marianne versorgt einen Patienten nach einem Verkehrsunfall? Noch dazu einen so schwer verletzten? Das war lange nicht dagewesen, und die meisten hatten sich daran gewöhnt.

Marianne selbst hatte sich gewundert, wie ruhig und sachlich sie den Verlauf des Vormittags darstellen konnte.

Sie blickte auf die Wanduhr über der Tür. Es war schon nach halb zwei. Zeit, in ihr Zimmer zu gehen. Bert hatte sich wieder in die Zeitung vertieft. Raschelnd blätterte er um. Marianne schenkte sich eine Tasse Kaffee ein.

Der Gedanke an ihr Zimmer, an den einsamen Nachmittag machte ihr Angst. Sie würde allein sein mit ihren Gedanken, allein mit den Eindrücken dieses Vormittags. Was, wenn die Hoffnungslosigkeit und der Schmerz sie wieder überfielen? Was, wenn sie doch noch zusammenbrach?

„He!“, rief Bert plötzlich aus. „Weißt du eigentlich, was für einen prominenten Patienten du hast?“

Verständnislos sah sie ihn an.

„Der ist ein bekannter Regisseur.“ Er reichte ihr die Zeitung und deutete auf einen kleinen Artikel im Kulturteil.

Theaterregisseur Felix Söhnker bei Verkehrsunfall schwer verletzt

lautete die Schlagzeile. Sprachlos starrte Marianne Debras die Schlagzeile an. Sie nahm Bert die Zeitung aus der Hand.

„Theaterregisseur“, murmelte sie und las den Artikel. Zum ersten Mal erfuhr sie etwas über den bewusstlosen Mann, das über die bloßen Personaldaten hinausging. In Köln lebte er, er war unterwegs gewesen zur Gastspielpremiere eines von ihm inszenierten Stückes. Seine Frau hieß Edith mit Vornamen, eine Mathematiklehrerin, und der Unfall war wohl durch Aquaplaning verursacht worden.

Und dann das Foto. Fasziniert hingen die großen, braunen Augen der jungen Frau an dem Gesicht des Mannes. Sie hatte Mühe, es mit dem aufgeschürften und geschwollenen Gesicht des Patienten zu identifizieren, den sie heute Vormittag gepflegt hatte. Doch die weichen Gesichtszüge waren ihr auch an dem Bewusstlosen schon aufgefallen. Ganz anders als Michael. Aber die langen Haare und die Art, wie sie das Gesicht umrahmten, waren ähnlich. Dass sie blond waren, wusste sie aus dieser schrecklichen Begegnung gestern, in der Notaufnahme.

„Theaterregisseur“, murmelte sie wieder.

Auf dem Stationsgang näherten sich Schritte. Dr. Höper und Professor Streithuber gingen an der offenen Tür vorbei. Als der Chefarzt sie im Personalraum sitzen sah, kam er herein.

„Guten Tag, Schwester Marianne, wie geht es Ihnen?“ Er reichte ihr die Hand.

Marianne wusste gar nicht, wie ihr geschah.

„Ich weiß, dass Sie bereits Feierabend haben“, sagte der Professor, „dürfte ich Sie trotzdem bitten, uns zu dem Patienten im Beatmungszimmer zu begleiten?“

Jetzt erst bemerkte er Bert und begrüßte auch ihn mit Handschlag. Marianne nahm aber deutlich wahr, dass der Chef vor allem an ihr interessiert war. Einerseits schmeichelte ihr das, andererseits empfand sie eine ängstliche Unsicherheit. Wollte er sie kontrollieren?

„Ich möchte mir den Mann anschauen“, sagte Walter Streithuber, „und Sie haben ihn den ganzen Tag versorgt und können am besten Auskunft geben.“

Auf dem Weg zum Beatmungszimmer entschuldigte er sich sogar, dass er so spät kam. Das OP-Programm hatte doch länger gedauert, als erwartet.

Der Oberarzt stand bereits am Beatmungsgerät und studierte das Überwachungsprotokoll. Er sah nicht einmal auf, als Marianne mit dem Chef das Zimmer betrat.

Professor Streithuber vertiefte sich in die Verlaufskurve, tastete die Umgebung der Operationswunde am Bauch des Patienten ab und ließ sich von Marianne die Laborwerte und den Verlauf des Vormittags berichten.

Marianne musste beim Anblick des teilweise verbundenen und aufgeschürften Gesichtes an das Bild aus der Zeitung denken. Und sie merkte, dass der Bewusstlose für sie plötzlich nicht mehr nur ein Unfallopfer war, nicht mehr nur irgendein Patient. Er wohnte in Köln, er war Theaterregisseur, seine Frau hieß Edith …

Während der Chefarzt Felix Söhnker untersuchte und seine Fragen an Marianne stellte, sagte Dr. Höper kein Wort. Mit verschränkten Armen stand er dabei. Ab und zu bedachte er die Schwester mit einem misstrauischen Blick.

„Was meinen Sie, Herr Kollege“, wandte sich der Chef schließlich an den Oberarzt, „sollten wir nicht versuchen, morgen die Muskelrelaxantien und Beruhigungsmittel abzusetzen?“

Um eine wirkungsvolle Beatmung zu gewährleisten, wurden Beatmungspatienten stündlich Medikamente gespritzt, die betäubend und muskellähmend wirkten. Auch Felix Söhnker.

„Sonst wird es schwer zu beurteilen, inwieweit die Bewusstlosigkeit von der Schädelverletzung herrührt.“

Dr. Höper schlug vor, noch einen Tag damit zu warten, und der Professor ließ sich überzeugen.

„Danke, Schwester Marianne“, wieder reichte Walter Streithuber der Schwester die Hand, „und einen schönen Feierabend.“

Als Marianne schon den Stationsgang betreten hatte, rief er ihr noch nach: „Übrigens, Marianne, Sie scheinen ja Ihre Sache sehr gut zu machen – vielen Dank.“

Beflügelt verschwand die junge Frau im Personalraum. Plötzlich hatte sie es sehr eilig, sich umzuziehen. Sie wusste mit einem Mal, dass sie heute Nachmittag etwas vorhatte. Sie würde jemanden besuchen, zu dem sie lange keinen Kontakt gepflegt hatte: Eine alte Freundin aus der Laienspielgruppe.

28

Am späten Vormittag des nächsten Tages sah Edith Söhnker durch die Glasfront ihres Zimmers einen diffusen roten Fleck im Computerraum auftauchen. Dahinter die Gestalt eines Mannes. Bert sprach mit ihm, und kurz darauf klopfte es an ihre Tür. Bert steckte seinen Kopf ins Zimmer.

„Frau Söhnker, Sie haben Besuch.“

Hinter einem gewaltigen Rosenstrauß betrat Stefan Nideggen den Raum.

„Stefan, endlich“, flüsterte Edith.

Mühsam hob sie den Kopf ein wenig. Die vielen Schmerzmittel, die sie wegen ihres Beines gespritzt bekam, machten sie ganz benommen.

„Hat die Schwester dich erreicht?“

Stefan Nideggen blieb zunächst zögernd an der Tür stehen. Um seine Unterkiefermuskulatur zuckte es. Der Versuch, weder Ediths verbundenes Gesicht, noch ihr mit Schläuchen gespicktes Bein allzu erschrocken anzustarren, gab seinem Blick etwas Unruhiges.

„Ja“, sagte er schließlich mit belegter Stimme und trat fast ein wenig ruckartig an das Bett heran, „aber ich hatte die Klinik zuvor schon ausfindig gemacht.“

Jetzt beugte er sich herab und gab Edith einen Kuss auf die rechte, unverbundene Schläfe. „Ich hab’s aus der Zeitung erfahren.“

„Es ist so furchtbar“, flüsterte Edith.

Sie spürte die Tränen in sich hochsteigen. Er schwieg. Die Muskeln seines Kiefers arbeiteten.

„Ich habe dir ein paar Rosen mitgebracht …“

Edith nickte nur leicht, die aus der Brust drängenden Tränen schnürten ihr den Hals zu.

„Ich werde mal eben schauen, ob die Schwestern eine Vase haben.“

Nideggen verließ das Zimmer und kehrte zwei Minuten später zurück. Den Rosenstrauß trug er in einer Vase vor sich her.

„Was meinst du, wo soll ich ihn hinstellen?“

Edith antwortete nicht, und so stellte er die Vase auf dem Nachttisch des freien Bettes ab.

Er zog sich einen Stuhl ans Bett. Verstohlen ließ er dabei seinen Blick über Ediths verbundenes Bein gleiten. Als er am Bettrand saß, nahm er vorsichtig ihre Hand.

„Wie konnte das passieren?“ Seine Stimme klang heiser.

Edith konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. Ihr rechtes, unverbundenes Auge wurde feucht.

„Schon gut.“ Nideggen tätschelte ihre Hand. Noch nie hatte er sie weinen gesehen. „Was ist mit deinem Bein?“ Jetzt betrachtete er unverhohlen das verletzte Bein.

„Gebrochen“, flüsterte Edith.

„Schlimm?“

„Es tut furchtbar weh.“

Er kramte in der Tasche seiner Anzugjacke und zog ein kleines Päckchen heraus. „Ich habe dir noch etwas mitgebracht.“

Ihre Augen flackerten zwischen dem in gelbes Geschenkpapier gewickelten Päckchen und seinem Gesicht hin und her.

Da sie keine Anstalten machte, das Geschenk zu nehmen, begann Nideggen, es auszupacken. Schließlich hielt er ihr ein Fläschchen vors Gesicht.

„Dein Lieblingsparfum.“

Sie sah ihn fragend an, als würde sie irgendetwas suchen in den kühlen grauen Augen hinter den Brillengläsern.

„Danke“, flüsterte sie endlich, „lieb von dir.“

Eine Zeitlang schwiegen sie.

„Felix weiß Bescheid“, sagte Edith irgendwann, „wir hatten einen furchtbaren Streit im Auto und …“ Wieder begann sie zu weinen. Sie presste die Lippen zusammen und versuchte vergeblich, ihr Schluchzen zu unterdrücken.

„Schon gut.“ Nideggen drückte ihre Hand, kalt und feucht fühlte sie sich an. „Nicht daran denken.“

Wieder schwiegen sie. Ab und zu bebte Ediths Oberkörper unter gequältem Schluchzen. Ihr Blick war unverwandt auf Nideggen gerichtet. Doch seine Augen wichen ihr aus.

Ein Arzt betrat das Zimmer.

„Remmers“, stellte er sich vor. „Sind Sie ein Verwandter?“, fragte er Nideggen, während er den Puls an Ediths verletztem Fuß prüfte.

„Ein Freund“, antwortete Nideggen.

Der Arzt schrieb etwas in die Verlaufskurve und wandte sich dann an Edith.

„Ihr Kreislauf hat sich erholt. Wenn sich Ihr Bein nicht verschlechtert, können wir Sie morgen auf die Normalstation verlegen.“

Er verabschiedete sich und verließ das Zimmer.

Wieder Schweigen. Ediths Tränen liefen ihr über die Wangen. Still weinte sie vor sich hin. Stefan Nideggen holte ein Taschentuch heraus und trocknete ihr das Gesicht.

„Wird schon wieder“, sagte er, und: „Kopf hoch.“

Irgendwann erhob er sich. „Ich muss jetzt gehen.“ Er rückte den Stuhl zurück unter das leere Bett. „Ich melde mich.“

Seine Augen suchten ihren Nachttisch vergeblich nach einem Telefonapparat ab. „Ich werde den Schwestern sagen, dass du ein Telefon brauchst.“

Sie schwieg. Er beugte sich zu ihr herab um sie zum Abschied auf die rechte Schläfe zu küssen. Stumm und fragend sah Edith ihn an.

Er drehte sich um und ging zur Tür. Als er schon die Klinke in der Hand hatte, flüsterte sie: „Stefan …“ Er drehte den Kopf zurück. Sie hatte sich leicht aufgerichtet. „Stefan, ich brauch dich.“

29

Am nächsten Morgen war Alexandra Heinze eine halbe Stunde früher als sonst in der Klinik. Sie wollte an der Visite bei Felix Söhnker teilnehmen.

Sein Zustand hatte sich zunehmend stabilisiert, und Dr. Höper hatte angeordnet, die Betäubungsmittel doch heute schon abzusetzen. So früh wie möglich sollte der Patient wieder aus eigener Kraft atmen.

Viel wichtiger für die Notärztin aber war die Beobachtung, dass Schwester Marianne die schwierige Pflege des Mannes gut bewältigte. Völlig sicher stand sie während der Visite am Bett und berichtete über ihren Patienten.

Alexandra Heinze war erleichtert. Bevor sie den Ärzten und Schwestern aus dem Beatmungszimmer folgte, strich sie Schwester Marianne über die Schulter: „Sie werden es schaffen, Marianne, ich freu’ mich für Sie.“

Marianne lächelte dankbar. Als die Ärztin schon die Türklinke in der Hand hatte, sagte sie: „Wissen Sie, wo ich heute Abend hingehen werde?“

Alexandra Heinze drehte sich um und sah sie fragend an. „Na?“

„Zur Laienspielgruppe. Ich mache wieder mit und habe gleich eine Rolle bekommen.“

„Toll!“ Alexandra Heinze staunte. „Das wird Ihnen gut tun.“

Als nächstes ging die Visite zu Edith Söhnker. Da ihr Team erst in zehn Minuten seinen Dienst antreten würde, ging die Notärztin mit in das Zimmer der Frau.

„Wir werden Sie heute verlegen“, sagte der Oberarzt, ohne seinen Blick von den Kurven zu nehmen, „keine nennenswerte Temperatur, die Blutwerte sind im Rahmen – Ihr Bein scheint besser zu heilen als erwartet.“

„Ist die Verletzung denn so schwer?“, fragte Edith Söhnker zögernd und mit leiser Stimme.

Alexandra Heinze konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Frau noch immer unter einem Schock stand.

Dr. Höper antwortete nicht. Mit einem kurzen Blick gab er Lars Remmers zu verstehen, dass er sich für diese Frage nicht zuständig fühlte.

„Ehrlich gesagt“, ergriff Dr. Remmers das Wort, „wir waren nicht sicher, ob wir es retten können.“

Alexandra Heinze sah den Schreck in dem unverbundenen Auge der Frau.

„Wird es denn wieder vollständig heilen?“

Wieder ein Blick Höpers zu Remmers. Diesmal antwortete der Oberarzt.

„Schwer zu sagen“, er reichte die Kurve an Bert, „ich werde heute Mittag nach dem OP-Programm mal mit dem Chef bei Ihnen vorbeikommen, dann reden wir in Ruhe. Jetzt ist die Zeit etwas knapp.“ Er wandte sich zum Gehen.

„Bekomme ich denn ein Einzelzimmer?“ Edith Söhnker hob den Kopf.

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