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Arztroman Sammelband 3 Romane: Zärtlichkeit stillt meine Tränen und andere Romane

Arztroman Sammelband 3 Romane: Zärtlichkeit stillt meine Tränen und andere Romane

Glenn Stirling

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

Inhaltsverzeichnis

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Arztroman Sammelband 3 Romane: Zärtlichkeit stillt meine Tränen und andere Romane

Ein Schritt vom Wege ab

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Das neue Leben der Ärztin

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Also By Glenn Stirling

About the Publisher

Arztroman Sammelband 3 Romane: Zärtlichkeit stillt meine Tränen und andere Romane

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Glenn Stirling: Ein Schritt vom Wege

Glenn Stirling: Das neue Leben der Ärztin

Glenn Stirling: Zärtlichkeit stillt meine TRänen

Die Ärztin Inge Stoll möchte am spanischen Strand einfach nur ausspannen. Doch dann spricht der Engländer George Hartford, Neurologe, sie an, und ab diesem Moment ist nichts mehr wie vorher. Inges Künste als Gynäkologin sind gefragt. Sie und George treffen sich öfter und kommen sich näher, aber plötzlich tauchend düstere Wolken am strahlend blauen Himmel Spaniens auf ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Ein Schritt vom Wege ab

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Arztroman von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 175 Taschenbuchseiten.

Isolde von Bredow hatte sich von ihrem Mann getrennt und wohnt nun bei ihrem Bruder auf Gut Hartmannsdorf. Im Januar soll ihr Sohn zur Welt kommen und sie will bei Professor Winter in der Paul-Ehrlich-Klinik in Bonn entbinden. Als die Geburt am Heiligen Abend viel zu früh einsetzt, herrscht ein furchtbarer Schneesturm, sodass ein Durchkommen zu einer Klinik unmöglich ist. So ist es ein Segen, dass Thomas Brückner, ein Freund ihres Bruders, der einmal ein ausgezeichneter Arzt gewesen war, auch auf dem Gut wohnt. Unglückliche Umstände hatten vor Jahren dazu geführt, dass er zu Unrecht seine Zulassung als Arzt verlor und keine Patienten mehr behandeln durfte, er sich sogar strafbar machen würde. Doch kann er seine geliebte Isolde und ihr ungeborenes Kind einfach ihrem Schicksal überlassen ...?

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Wollen Sie wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird?“, fragte Professor Winter und blickte die junge, dunkelhaarige Frau an, die auf der Liege lag und von ihm mit dem Ultraschallgerät untersucht wurde. Und während Professor Winter mit dem Schallkopf weiter über den Leib der Mutter glitt, wurden ganz deutlich die Konturen dieses kleinen Wesens auf dem Bildschirm sichtbar, das die junge Frau in ihrem Bauch trug.

„Ich möchte es gern wissen. Ist das wirklich möglich?“

Professor Winter nickte. „Es wird ein Junge. Man kann alles ganz deutlich sehen. Da“, er zeigte auf den Bildschirm, „sehen Sie die Genitalien des Kindes ...“

Die junge Frau schaute verzückt auf den Bildschirm. Es war ein erhebendes Gefühl, schon etwas von dem zu sehen, was sie da im Leib trug. „Wie funktioniert das denn, Herr Professor Winter?“, fragte sie.

„Die ganze Sache funktioniert wie das Echolot bei den Schiffen, mit denen sie feststellen, wie tief sich der Meeresgrund befindet. Es werden Schallwellen in ihren Bauch geschickt, und die reflektieren an Haut, Fettgewebe, Knochen und Organen ihres Körpers, aber auch von dem des Kindes. Durch die Reflexion entsteht ein Echo. Dieses Echo kommt wieder zurück, wird von dem Schallknopf, den ich hier in meiner rechten Hand halte, wieder aufgenommen, und der leitet die Schallwellen weiter an den Apparat drüben, wo der Bildschirm ist, und dann wird das alles gespeichert und auf dem Bildschirm sichtbar gemacht. So können Sie, je nach Lage des Kindes, Kopf, den Körper mit der Wirbelsäule, den Armen und den Beinen, auch die Plazenta, das Verbindungsorgan zwischen Ihnen und Ihrem Kind, deutlich sehen. Und wenn ich will, kann ich mit Hilfe einer Polaroidkamera Fotos machen.“

„Aber ich sehe gar nicht, wo die Geschlechtsorgane sind? Ich habe es nicht richtig erkannt.“

„Hier ist es ganz deutlich zu sehen“, erklärte er ihr. „Da, diese Linien, das ist der Penis, und dahinter sehen Sie die Hoden. Es ist ein Junge.“

„Das ist ja wunderbar. Oh, ich bin so glücklich!“

„Es ist auch ein Glücksgefühl für eine junge Frau. Alle diese werdenden Mütter, die zu mir kommen, empfinden das als etwas Wunderbares. Nicht nur Sie, Frau von Rottwitz.“

Ihr eben noch so fröhliches Gesicht wurde ernst. „Herr Professor Winter, ich habe meinen alten Namen wieder angenommen.“

Er blickte sie überrascht an. „Wie soll ich das verstehen?“

„Meinen Mädchennamen. Als Mädchen hieß ich Isolde von Bredow. Ich lasse mich von Herrn von Rottwitz scheiden.“

„Sie lassen sich scheiden? Heißt das, dass Sie wieder zurück zu Ihrer Familie gegangen sind?“

Sie nickte. „Ich gehe wieder zurück zu meinem Bruder, zu meiner Schwester, zurück nach Gut Hartmannsdorf. Es ist aus und vorbei.“ Sie starrte vor sich hin, machte einen Augenblick lang einen deprimierten, ja sehr verstörten Eindruck. Jedenfalls hatte Professor Winter diesen Eindruck.

„Das habe ich nicht gewusst. Das tut mir leid“, erklärte er, und es kam ihm selbst dumm vor, dies zu sagen. Aber was sollte er auf so eine Erklärung antworten?

Er hatte Isolde von Bredow schon gekannt, als die noch ein Schulmädchen gewesen war. Damals war ihr Vater mit ihr gekommen, hatte sie untersuchen lassen. Harmlose Menstruationsstörungen waren das gewesen. Danach war sie jahrelang nicht mehr gekommen. Erst später, kurz nach ihrer Verheiratung mit dem Baron von Rottwitz, einem Mann, der Winter eigentlich nie sonderlich sympathisch gewesen war. Im Gegenteil. So insgeheim war ihm dieser Mann wie ein Windhund vorgekommen; ein Maulheld auf alle Fälle, großspurig. Aber wenn er sich um jeden Ehemann seiner Patientinnen derart den Kopf zerbrechen wollte, wäre er sicher schon in seiner Praxis verrückt geworden.

„Ich habe mich in ihm getäuscht“, erklärte sie jetzt und sah Professor Winter an. „Ich habe mich sehr getäuscht. Eigentlich hatte ich ihn gar nicht heiraten wollen, aber meine Familie ...“

„Es sollte ja Ihr Mann sein und nicht der Ihrer Familie“, meinte Winter.

Sie nickte. „Stimmt schon, Herr Professor. Aber Sie wissen ja, wie das oft so ist. Der Einzige, der mich nicht gedrängt hat, war mein Bruder. Aber meine Mutter, ja, und auch mein Vater. Kurz darauf ist mein Vater gestorben. Er braucht jedenfalls nicht mitzuerleben, wie schlecht sein Ratschlag war.“

„Und was sagt Ihre Frau Mutter jetzt?“ Professor Winter kannte auch die. Sie war ebenfalls eine Patientin von ihm, kam zweimal im Jahr zur Vorsorgeuntersuchung und ließ sich nur von ihm, und sonst von niemandem, untersuchen.

„Die ist jetzt auch der Meinung, dass er der Falsche für mich gewesen ist. Wissen Sie, es ist eine üble Geschichte, über die ich nicht reden möchte, aber ...“ Ihr Gesicht hellte sich auf, „... ich freue mich auf mein Kind. Ich habe mir vorgenommen, nur für mein Kind zu leben. Es wird mein ganzer Lebensinhalt sein. Sie glauben gar nicht, wie glücklich ich bin. Am Anfang, das wissen Sie ja, da hatte ich noch Beschwerden. Aber jetzt, im fünften Monat, geht es mir sehr gut.“

„Na, hoffentlich bleibt das so. Ich würde mich sehr freuen. Sie müssen nur regelmäßig kommen.“

„Es ist natürlich schrecklich weit. Kann ich die Zwischenuntersuchungen nicht bei unserem Hausarzt machen?“

„Natürlich können Sie das bei ihm machen lassen. Aber einmal möchte ich Sie noch sehen, und das ist, kurz bevor Sie hierher zur Entbindung kommen. Oder wollen Sie nicht hier entbinden?“

„Doch, ich habe es vor. Nach meiner Berechnung ist da Winter. Hoffentlich sind die Straßen frei. Sie wissen ja“, sie lächelte, „wir wohnen ja ein Stück abseits, ein gutes Stück. Das ist der Nachteil, wenn man so weit draußen wohnt.“

„Dann machen wir Folgendes“, schlug Professor Winter vor. „Sprechen Sie in jedem Fall mit der für Sie erreichbaren Klinik. Da ist doch irgendetwas in der Nähe, oder nicht?“

Sie nickte. „Oh ja, Herr Professor. Es sind zwölf Kilometer bis Monschau.“

„Monschau“, sagte Professor Winter nachdenklich. „Eigentlich eine wunderbare Gegend, nicht wahr? Herrliche Landschaft.“

Sie nickte. „Das stimmt schon. Ich liebe sie auch und die Wälder da. Aber im Winter? Ist manchmal ganz schön was los bei uns.“

„Hoffentlich nicht, verehrte Frau von Bredow. Wenn es bei Ihnen so weit ist, wir haben gesagt ...“ er sah auf seine Kladde, „dass es am 17. Januar ist, nicht wahr?“

„Ja, das hatten Sie ausgerechnet, Herr Professor.“

„17. Januar. Na, ich drücke Ihnen jetzt schon die Daumen. Kommen Sie nur früh genug.“

„Ich habe mir schon überlegt, dass es vielleicht am besten ist, wenn ich die letzte Woche zu einer Bekannten hier in Bonn gehe. Dann könnte ich jederzeit rechtzeitig bei Ihnen sein.“ Winter nickte zustimmend. „Das ist eine gute Idee. Aber wir sehen uns dann noch Ende Dezember, nicht wahr? Und zwischendurch gehen Sie zu Ihrem Hausarzt.“

„Das mache ich, Herr Professor.“ Sie lachte. „So, wie ich mich jetzt fühle, ich glaube, da geht alles gut. Sie machen sich kein Bild, wie sehr ich mich auf mein Kind freue.“

Winter lächelte. „Das ist schön so. Sie sollen sich auch freuen. Und vergessen Sie bitte nicht, morgen Mittag mal anzurufen, wegen der Ergebnisse Ihrer Blutuntersuchung. Vor morgen hat das Labor diese Sachen nicht fertig.“

„Ich weiß. Ihre Sprechstundenhilfe hat es mir schon gesagt.“

„Na dann, alles Gute, Frau von Bredow.“ Er hätte fast wieder Frau von Rottwitz gesagt.

Als Isolde von Bredow gegangen war, beschäftigte sich Professor Winter in seinen Gedanken schon mit der nächsten Patientin. Renate Angern, seine Sprechstundenhilfe, meldete sie schon an ...

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Es hat aufgehört zu regnen“, sagte Thomas Brückner und starrte durch die tropfnassen Scheiben. Er sah, wie die Kerze hinter ihm in den Regentropfen reflektierte.

Langsam wandte er sich um, blickte auf die Szene, die sich seinen Augen bot. Links drüben im Ohrensessel saß Isolde, man sah jetzt deutlich, dass sie schwanger war. In der königlichen Haltung einer Frau in Hoffnung saß sie da, hatte ihr Häkelzeug sinken lassen und blickte zu Thomas Brückner hinüber.

Der große breitschultrige Mann am Fenster sah jetzt von Isolde auf deren Schwester Marion, die ein Stück entfernt im Schaukelstuhl saß und sich heftig wiegte. Eine schlanke, dunkelhaarige Frau, ein wenig älter als Isolde, und sie gab sich auch keine Mühe, ihre fünfunddreißig Jahre zu vertuschen.

„Ich glaube, wenn es aufhört zu regnen, dann wird es über Nacht kalt. Und wenn es friert, haben wir morgen früh Glatteis. Glaubst du nicht auch, Fried?“ Sie wandte sich ihrem Bruder zu, der hinter ihr am Kamin lehnte.

Der Kamin war kalt. Er war zugemauert. Kaminfeuer, hatte Friedhelm von Bredow immer behauptet, mögen zwar romantisch sein, aber sie sind reine Energieverschwendung. Die wohlige Wärme im Zimmer stammte von der Zentralheizung. Und auf diese Heizung war der hagere Landwirt Friedhelm von Bredow stolz. Er hatte sie selbst entwickelt und betrieb sie mit Biogas, das er durch den Dung von Kuh- und Schweinestall erzeugte.

„Ich glaube, dass du recht hast. Das Barometer steigt. Morgen haben wir sicher Frost. Immerhin ist es Anfang Dezember.“

Isolde blickte auf den Adventskranz. Eine Kerze hatte schon gebrannt. Nächsten Sonntag würde man zwei anzünden. Die Adventszeit liebte sie. Es ist die schönste Zeit des Winters, dachte sie gerade. Alle sitzen zusammen, wenn es draußen ungemütlich ist. Sonst sind wir nie beieinander.

Sie spürte wieder ihr Kind. Immer lebhafter wurde es. Letzte Woche hatte der Kleine sie auf den Ischiasnerv getreten. Da war sie kaum imstande gewesen, richtig zu laufen. Jetzt schien sich das Kind gedreht zu haben.

Ein Junge ist es. Ich habe alles gesehen. Ich bin so glücklich. Mein Kind! Ich habe ein kleines Leben in meinem Leib. Es ist einfach wunderbar. Ich hab ihn schon gesehen. Nicht so richtig, auf diesem Bildschirm ist alles unscharf, nur die Konturen, aber es war fantastisch, das zu sehen, was ich in meinem Leib trage. Und das war einfach wunderbar.

„Du siehst glücklich aus. Denkst du wieder an dein Kind?“, fragte Marion, die ihre Schwester beobachtet hatte und jetzt leicht vorgebeugt im Schaukelstuhl saß. Ihr dunkles Haar glänzte im flackernden Licht der Kerze.

„Hm. Ich habe wieder daran gedacht“, entgegnete Isolde.

„Ein Glück, dass dieser Kerl weg ist, auch wenn es sein Kind ist“, meinte Friedhelm von Bredow. „Der Bursche hat, weiß Gott, nichts getaugt Um ein Haar hätte er uns noch saftige Schulden bereitet. Einen Kredit auf meinen Namen zu nehmen, das ist schon ein starkes Stück. Aber es hat nicht geklappt. Er hätte sich das besser überlegen sollen, dann wäre er gar nicht erst zu diesem Wahnsinn gelangt.“ Er blickte auf Thomas Brückner, der noch immer am Fenster lehnte und auf die Runde schaute.

„Na ja, so schlecht war er nun wieder nicht. Ihr wisst alle, dass er nicht mein Freund ist, aber wir brauchen ihn nicht jeden Tag zu verteufeln. Ich glaube nicht, dass ihr Isolde damit eine Freude macht. Nicht wahr, Isolde?“

Die Schwangere hob den Kopf, sah auf Thomas Brückner und lächelte. „Danken, Thomas, du gibst dir solche Mühe.“

„Ich mache mir Sorgen um dich. Du solltest jetzt schon nach Bonn fahren. Wenn so ein Tag kommt mit Glatteis, und bei dir ist es so weit ...“

„Aber, lieber Thomas, ich habe noch einen ganzen Monat, reichlich sogar“, widersprach sie ihm und lachte. „Du brauchst dir doch wirklich keine Sorgen zu machen. Es ist eigenartig. Du bist doch Arzt gewesen, du müsstest doch wissen, dass ...“

Er nickte nachdenklich. „Gerade weil ich Arzt gewesen bin, deshalb weiß ich ja, dass es nicht ganz so glatt zu gehen braucht, wie du dir das erhoffst und wie ich’s dir wünsche. Es wird bei dir glatt gehen, in Ordnung, aber gewisse Vorkehrungen sollte man treffen. Wir sind hier so weitab vom Schuss.“

„Du bist doch da. Du könntest mir doch helfen. Das würdest du doch für mich tun?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich könnte dir nicht helfen. Und du weißt auch sehr gut warum.“

„So genau weiß ich es nicht. Ich habe mich nie erkundigt", erklärte Isolde. „Weißt du’s denn, Fried?“ Sie wandte sich ihrem Bruder zu.

Er war zwölf Jahre älter als sie, und für Isolde war Fried immer derjenige gewesen, bei dem sie sich Ratschläge einholte, wenn sie die Eltern nicht fragen wollte.

„Ja, ich weiß es, aber ich glaube nicht, dass es Thomas recht gewesen wäre, wenn ich einfach drauflos geplaudert hätte.“

„Ach was“, meinte Thomas Brückner, „die Geschichte ist jetzt acht Jahre her. Eine lange Zeit. Ich denke schon selbst nicht mehr daran.“ Marion kannte einen großen Teil von dem, was damals passiert war. Aber so richtig wusste sie es auch nicht. Neugierig war niemand in der Familie der von Bredows. Neugier galt als unfein. So waren sie alle drei von den Eltern erzogen worden.

„Ich hätte es euch erzählt“, sagte Thomas Brückner, „irgendwann einmal bei einer Gelegenheit. Mein Gott, damals hat es sogar in der Zeitung gestanden.“

„Aber du bist unschuldig“, erklärte Friedhelm von Bredow.

Thomas Brückner zuckte die Schultern. „Unschuldig hin, unschuldig her. Das Gericht ist anderer Meinung gewesen, und der Ehrenrat des Standesgerichtes war es auch. Man muss seine Unschuld beweisen können.“

„Irrtum!“, widersprach Friedhelm. „Die Schuld muss dir bewiesen werden, wenn du einer strafbaren Handlung angeklagt wirst. Und das war ja nun mal ein Strafprozess. Dass die Burschen vom Ehrenrat sich diesen Dingen anschließen, lag irgendwie auf der Hand. Das sind ja nun wirklich keine Richter. Wie sollen die schlauer sein als das Gericht!“

„Ich weiß. Ich glaube nicht, dass das für den heutigen Abend ein Thema ist.“

„Wollen wir kein Licht anmachen?“, schlug Marion vor.

„Nein!“, rief Isolde. „Bitte, lass doch das Licht aus. Die Kerze ist hell genug. Es ist so schön. Thomas, setz dich doch zu mir! Erzähl es uns! Aber nur, wenn du es willst“, fügte sie leiser und bittend hinzu. „Wirklich nur, wenn du es willst!“

„Also gut, ich will. Vielleicht habt ihr es längst wissen wollen, und euch nur nicht getraut zu fragen. Mein Gott, ich bin mir ja keiner Schuld bewusst, aber der Makel lastet doch auf mir.“ Er lächelte unfroh. „Hauptgrund dafür, dass ich mich in diese Einöde verkrochen habe.“

„Einöde sagst du?“, meinte Friedhelm aufgebracht. „Wir haben aus dem Gut ganz schön was gemacht, nicht wahr? Früher, da war das ja eine richtige Klitsche. Aber jetzt ist es ein Betrieb, der seinen Mann ernährt und nicht nur den. Immerhin geht es uns allen recht gut. Das ist der Betrieb, der das abwirft. Und dass er das abwirft, mein lieber Thomas, ist nicht nur mein Verdienst. Daran hast du ganz wesentlich Anteil. All die Dinge, die du hier verwirklicht hast ...“

Thomas winkte ab. „Hör auf, hör auf! Es ist nicht der Rede wert. Der Motor hier bist du, das Herz der ganzen Sache. Ich bin vielleicht ein Finger in diesem Spiel. Nun denn“, er zog sich den Kamelsattel heran, der in der Ecke stand, und setzte sich vor Isolde darauf. Er schaute zu ihr empor, sah sie ein wenig verträumt an und sagte dann: „Sie war so alt wie du. Eine Frau voller Hoffnung, voller Glück, jung verheiratet und absolut ahnungslos.“

„Ahnungslos?“, fragte Marion. „Wieso ahnungslos?“

„Weil sie nicht wusste, was in ihr schlummerte, was in ihr arbeitete, was sie zu zerstören drohte.“

„Krebs?“, fragte Marion.

Er nickte. „Aber in einem sehr frühen Stadium. Daran ist sie auch nicht gestorben. Aber ich habe darauf bestanden, dass sie sich operieren lässt. Sie wollte erst nicht; sie hatte Angst. Vielleicht hat sie etwas geahnt. Früher hätte ich darüber gelacht. Heute lache ich nicht mehr. Es scheint solche Ahnungen wirklich zu geben, auch wenn die Schulmedizin das als etwas Utopisches hinstellt, als Irrsinn, als Wunderglaube. Es muss so etwas geben. Sie wollte nicht. Ich habe auf sie eingeredet, und endlich war sie so weit. Sie ließ es zu; sie unterschrieb. Aber sie bestand darauf, dass ein Arzt, den ich auch sehr gut kannte, bei der Operation mitwirkte. Sie glaubte, dass er ein guter Anästhesist war. Sie glaubte es, und ich habe es geglaubt. Wir alle zweifelten nicht daran. Mein Gott, man lässt sich nicht von jedem Kollegen Referenzen zeigen. Sie hatte ihn von frühster Jugend an gekannt. Er war so alt wie sie. Und damals bin ich auch nur fünf oder sechs Jahre älter gewesen. Wie gesagt, eines Tages, eine Woche nach unserem letzten Gespräch, wobei ich sie überzeugt hatte und sie sich von mir weichklopfen ließ und unterschrieb, eine Woche später also, da war es so weit ...“

Er schloss die Augen, und mit einem Mal stand dieses Bild wieder vor ihm. Die Jahre, die inzwischen vergangen waren, schien es gar nicht zu geben. Alles das von damals war wieder gegenwärtig. Alles war da.

Er sah sich am Waschbecken stehen, sah sich selbst die Hände schrubben, die Unterarme. Und er tat es mit soviel Sorgfalt, als träte er die Operation seines Lebens an. Dabei war es für ihn, den erfahrenen gynäkologischen Chirurgen, eine Routinesache. Ein winziges Karzinom am Gebärmutterhals, eine Kleinigkeit. Sie wollte keine Kinder. Hatte nie welche gewollt. Es gab überhaupt keine Überlegung, was zu tun war. Hysterektomie natürlich.

Aber der Anästhesist, den er auch nur aus dessen Medizinalassistentenzeit kannte, der hatte in der Paul-Ehrlich-Klinik dieses Medizinalassistenjahr verbracht. Aber seine Facharztausbildung, wo er die gemacht hatte, darüber hatte Thomas nie mit ihm gesprochen. Überhaupt waren sie selten dazu gekommen, miteinander zu reden. Wenn dieser Dr. Hack da war, hatte er sich meist mit dieser jungen Frau unterhalten, mit dieser Sieglinde Pammig.

Ein Name, den er in seinem ganzen Leben nicht vergessen wird. Sigi hatten sie Sieglinde genannt. Und Sigi war eigentlich so etwas wie ein Idol von ihnen allen gewesen. Sie hatte nachher einen Hans geheiratet, einen Rechtsanwalt. Thomas kannte ihn von der Uni her. Sie alle waren so eine Clique gewesen, keine Verbindung. Einfach eine Gruppe von Freunden, und Sigi hatte dazugehört. Und dann war das gekommen mit diesem Zervixkarzinom. Operation, das einzig Mögliche, und zwar rasch, nicht lange warten. Die Gebärmutter musste raus, und damit hatte sie ein langes Leben vor sich. Er hatte es sofort eingesehen, und sie nun schließlich auch.

Aber da war der Anästhesist. Ein schmaler hagerer Bursche. Thomas hatte gleich den Eindruck, dass dieser Kerl unsicher wirkte, fahrig. Im Grunde war der ihm nie sympathisch gewesen. Aber Sigi schwor auf ihn. Sie hielt ihn für einen fantastischen Kerl. Und sie schien auch an ihn zu glauben. Er arbeitete allerdings irgendwo als praktischer Arzt, doch er behauptete, Anästhesist zu sein.

Thomas tauchte seine Hände viermal hintereinander in die aseptische Lösung, dann ging er mit erhobenen, in den Ellenbogengelenken gewinkelten Armen, in den OP hinüber. Jetzt war der Augenblick gekommen, da er alle Gefühle abstreifte. Jetzt war er nur noch Chirurg. Es war für ihn nicht Sigi, die da auf dem Tisch lag, es war ganz einfach ein Fall. Ein Fall, den er mit Präzision, mit einer absoluten Exaktheit, behandeln würde. Dem Zufall durfte nichts überlassen werden. Er, der Operateur, wusste, was zu tun war.

Er blickte in den OP, sah die Frau auf dem Tisch, sah diesen Dr. Hack, der gerade dabei war, die Narkose anzulegen. Drüben die Instrumentenschwestern, alle schon im grünen OP-Zeug mit Masken und Kappen, hatten auf den sterilen Unterlagen die Instrumente schon sortiert. Die beiden Assistenten standen bereit. Der eine war Schulz, der andere Bertelmann. Schulz gab der OP-Schwester ein Zeichen, die den Leib der Patientin jetzt freigelegt hatte. Schulz reinigte die Bauchdecke mit äthergetränkten, von Zangen gehaltenen Schwämmen.

Thomas ging zum Tisch mit den Handschuhen. Er ließ sich die Hände pudern und ein Paar sterile Handschuhe überziehen.

Ein merkwürdiger Ton vom OP Tisch her ließ ihn sich umdrehen.

Merkwürdige Töne, die Sigi ausstieß. Sigi? Es war eine Patientin. Im Augenblick hatte er Sigi völlig verdrängt. Es war die Patientin, die diese merkwürdigen Töne ausstieß und die nicht aufhörten.

Thomas warf Dr. Hack einen Blick zu. Der große schlanke Mann mit dem Milchbartgesicht schien völlig ruhig zu sein. Die merkwürdigen Töne der Patientin irritierten ihn offensichtlich überhaupt nicht. Schulz und die Instrumentenschwester waren noch immer mit der Bauchdecke der Patientin beschäftigt, während die anderen mehr oder weniger gelangweilt auf ihren Einsatz warteten. Bertelmann, der ältere der beiden Assistenten, lehnte an einer der Säulen und betrachtete seine Schuhspitzen.

Thomas ging zum Operationstisch und fragte leise: „Herr Hack, das mit der Hautfarbe sieht nicht gut aus. Halten Sie das für normal? Ich glaube, Sie sollten das Cyclo absetzen und reines Oxygen geben.“

Die eben noch so gelangweilt herumstehenden Leute schienen aufgeschreckt. Aller Augen richteten sich plötzlich auf den Anästhesisten, der jedoch völlig unbeteiligt erwiderte: „Was denn? Ist doch alles in Ordnung. Warum machen Sie sich Sorgen? Es besteht kein Grund dazu.“

Die Fingernägel von Sigi schienen eine dunklere Färbung anzunehmen.

„Menschenskind, sind Sie blind? Die Verfärbung der Haut wird schlimmer. Schalten sie auf Oxygen um, und vertun Sie nicht die Zeit mit Reden!“

Die Unruhe der anderen hatte zugenommen. Alle starrten mit unverhohlenem Interesse auf die Gestalt am Kopfende des OP-Tisches, bei der sie offensichtlich keine Spur von Unruhe entdeckten. Es war, als sähe dieser Mann einfach nicht, was mit der Patientin los war.

„Mein Gott, was wollen Sie bloß? Sie kommt schon durch. Keine Aufregung. In einer Minute ist alles in bester Ordnung. Was wollen Sie nur?“, fragte Dr. Hack.

Thomas ahnte in diesem Augenblick, wie es um die fachliche Qualifikation dieses Dr. Hack stand. Er fuhr herum und rief einer der Schwestern zu: „Holen Sie einen anderen Anästhesisten, aber rasch!“

Die Schwester erbleichte, blieb stehen, wie zur Salzsäure erstarrt und sah Thomas aus großen Augen erschrocken an.

„Um Himmels willen, nun lauf, Mädchen! Lauf und hole den Anästhesisten!“, brüllte er sie an. Da rannte sie los.

In diesem Augenblick war sich Hack wohl klar darüber, was mit der Patientin passiert war. Er riss ihr die Narkosemaske vom Gesicht und schrie mit überschnappender Stimme, voller Verzweiflung: „Schwester, einen Tubus, schnell!“

Der Anblick von Sigis blau verfärbten Gesicht, der in Strängen hervortretenden Halsmuskeln, hervorquellenden Augen und der aufeinandergepressten Kinnladen brachten Thomas um den letzten Rest seiner Beherrschung. Wütend schrie er: „Nun, verdammt noch mal, legen Sie die Maske wieder auf und pumpen Sie sie voll Oxygen!“ Dann, während dieser Dr. Hack noch verwirrt mit der Maske herumfuhrwerkte, wandte sich Thomas an Bertelmann und brüllte: „Coramin, zum Teufel. Wo bin ich denn hier? Ist das ein OP mit Ärzten oder was ist das?“

Es war, als hätten sie dieses Aufschreis bedurft. Mit einem Male arbeiteten sie alle fieberhaft mit vereinten Kräften. Bertelmann injizierte das Coramin in den Gummischlauch, durch den bereits Salzlösung in Sigis Vene tropfte. Das war sowieso das Schnellste und besser, als eine neue Vene zu suchen. Dr. Hack, der mit einer Hand der Patientin die Maske wieder aufs Gesicht presste, suchte mit der anderen nervös nach dem Ventil, das den wiederbelebenden Sauerstoff freigeben würde. Dieses Ventil war grün. Grün für Sicherheit. Das Cyclo-Ventil war orangefarben; orange für die Gefahr. Und in seiner Hast drehte dieser Dr. Hack nun abermals wieder orange auf.

Thomas sah nicht, was Dr. Hack tat. Er hoffte nur, dass Sigi genug Oxygen bekam. So lief er um den OP-Tisch herum zum Beatmungsgerät, und während er mit rhythmischen Bewegungen den Gummisack zusammenpresste, um das Oxygen in Sigis Lunge hineinzuzwängen, trug er in Wirklichkeit mit dazu bei, ihr gesamtes System mit dem Gift vollzupumpen.

Sigi schien wieder normal zu atmen. Sie gab jedenfalls keine solchen Krächzgeräusche mehr von sich. Und Thomas war voller Hoffnung. Aber da erkannte er, dass ihre Hautfarbe immer dunkler wurde.

Oh Himmel, was ist das?, dachte er.

In diesem Augenblick kam die Schwester mit Dr. Braun an. Ein wunderbarer Anästhesist war das. Einer der erfahrensten Narkotiseure, die Thomas Brückner kannte. Er trat sofort an das Narkosegerät, und Thomas schöpfte wieder Hoffnung.

Immer noch pumpte er mit dem Beatmungssack.

Dr. Hack, der froh war, dass er entlastet worden war, merkte nicht einmal, dass Dr. Braun als erstes das Ventil mit der orangefarbenen Kappe zudrehte und das grüne öffnete. Auch sonst bemerkte es keiner. Alle konzentrierten sich voll und ganz auf die keuchende Brust im Zentrum des OP-Saals.

Schulz, der den Blutdruck der Patientin und deren Puls kontrollierte, verkündete traurig: „Der Blutdruck ist unter fünfzig. Kammerflimmern.“

Thomas brüllte in die Richtung von Bertelmann: „Digoxyn, eine Ampulle intravenös!“ Seine Stirn war schweißbedeckt, sein Atem ging heftig. Aber er gab nicht auf.

Plötzlich nahm er etwas wahr, das ihn wieder mit Optimismus erfüllte. Sigis Haut hatte eine hellere Färbung angenommen. Ihr Ohr war nicht mehr schwarz, sondern grau wie Glaserkitt.

Energischer bearbeiteten seine Hände in gleichbleibendem Rhythmus den Beatmungssack. Der Schweiß rann ihm in Bächen die Schläfen hinunter. Lieber Gott, betete er insgeheim, lass alles zu, bloß das nicht! Lass sie durchkommen!

Schulz sagte mit der gleichen traurigen Stimme wie eben: „Immer noch Kammerflimmern!“

Thomas fuhr es eisig den Rücken hinauf. Aber es war nicht das, was er eben gehört hatte, vielmehr war es der Anblick von Sigis Ohr. Es hatte sich wieder kohlrabenschwarz verfärbt. Und plötzlich bewegte sie die Beine. Sie machte so eigenartige, unkontrollierte, konvulsivische Bewegungen. Und dann hörten diese Bewegungen auf; alles hörte auf. Nur Thomas wollte sich nicht geschlagen geben und pumpte weiter. Er ignorierte die Bemerkung von Schulz, der da sagte: „Kein Puls mehr!“

„Adrenalin!“, brüllte Thomas.

Eine der Schwestern zog die Spritze auf. Schulz stieß die Nadel zwischen die Rippen der Patientin. Er zog dabei etwas dunkles Blut mit an. Er hatte das Adrenalin direkt ins Herz von Sigi injiziert, ein Medikament, das oft schon Wunder gewirkt hatte. Aber heute gab es keine Wunder; nicht für Sigi und nicht für das Team im OP.

„Ich glaube, sie ist weggeblieben“, verkündete Schulz und blickte auf den Anästhesisten.

Braun nickte nur.

Schulz setzte das Stethoskop auf Sigis Brust, sah dabei Thomas an und nickte.

Thomas, der noch immer Luft in Sigis tote Lungen pumpte, sah dann auf, ließ den Balg los und wischte sich in einer apathischen Geste den Schweiß von der Stirn. Sein Blick wanderte zu Sigis gebrochenen Augen, die immer noch wie in einem schmerzlichen Vorwurf zur Decke emporgerichtet waren.

In diesem Augenblick befand sich Thomas in einem Stadium absoluter Kälte. Er hatte das Gefühl zu schweben, gar nicht mehr in sich zu sein. Jedes Mal, wenn auf dem Tisch jemand gestorben war, hatte er dieses Gefühl gehabt. Ein Patient war gestorben, ohne dass es überhaupt zur Operation gekommen war. Ein niederschmetternder Gedanke höhlte ihn in seinem Innersten aus. Er spürte, wie seine Knie schlapp wurden, wie die Schwäche ihn am ganzen Körper zittern ließ. Ein Gefühl, das er jedes Mal empfand, wenn so etwas passierte, wenn so etwas hier im OP geschah. Es war schlimmer als eine verlorene Schlacht.

Er lehnte sich gegen den Tisch, wartete, bis dieses eigenartige Schwindelgefühl nachließ. Dann wurde er sich erst der anderen bewusst, die sich mit im Saale befanden. Er ging zwischen den Schwestern hindurch in den Vorbereitungsraum, und während er an Schulz vorbeiging, sagte er: „Veranlassen Sie das Notwendige.“

„Augenblick noch, bitte, Herr Brückner!“, sagte Schulz. „Wir sollten uns über die Geschichte einig werden.“

„Was für eine Geschichte?“, fragte Thomas und wandte sich langsam zu Schulz um.

Auf einmal war dieser Dr. Hack wieder da. Er wirkte wie ein Schüler, der sein Aufgabenheft vergessen hatte. Überhaupt hatte er viel von einem Pennäler. Jedenfalls kam es Thomas so vor. Dieser lang aufgeschossene dürre Kerl mit der Brille, durch die er so seltsam einfältig dreinschaute. Hilflosigkeit, das war das Wort, das zu ihm passte. Der ganze Kerl war die personifizierte Hilflosigkeit. Mein Gott, was hat Sigi nur an ihm gefunden?

„Ich glaube nicht“, sagte Thomas, „dass ich dafür zuständig bin, die Todesursache festzustellen.“

„Mein Gott, wie sollen wir denn das verstehen?“, sagte Hack plötzlich.

In diesem Moment fuhr Thomas herum. Er sah Hack an, er musste zu ihm aufsehen, Hack war größer als er, eine Bohnenstange. So hatten sie ihn früher genannt, als er noch Medizinalassistent gewesen war, damals, als auch Thomas in der Paul-Ehrlich-Klinik seine Facharztausbildung bekommen hatte, unter dem damaligen Chefarzt Professor Frenzel und dem Oberarzt Dr. Winter.

„Hören Sie, mein Freund. Ich mache mir die schlimmsten Vorwürfe deshalb.“

„Sie?“, wunderte sich Hack, und er sah einfältig auf sein Gegenüber. „Wieso Sie? Was haben Sie damit zu tun?“

„Ich mache mir Vorwürfe, weil ich nicht darauf bestanden habe nachzuprüfen, ob Sie ein Anästhesist sind. Ich hätte einen wirklichen Anästhesisten zuziehen müssen. Hier, Herrn Braun.“

Die Finger von Hack krampften sich in den Kittel. „Ich habe eine abgeschlossene Ausbildung“, keuchte er. „Eine abgeschlossene Ausbildung als Narkosefacharzt. Ich habe ...“

„Umso schlimmer. Lieber Freund, Sie haben sie umgebracht. Haben Sie mich verstanden?“

„Um Gottes willen“, mischte sich Schulz ein, „Herr Brückner, sagen Sie das nicht. Wir sind unter Kollegen. Die Schwestern sind auch noch da. Um Himmels willen, ich beschwöre Sie, sagen Sie nicht, dass ...“

„Weiß einer von Ihnen die Todesursache?“, fragte Thomas.

„Meiner Ansicht nach ist der Exitus auf einen Kehlkopfspasmus zurückzuführen“, meinte Schulz.

„Wir müssen ein Protokoll schreiben“, erklärte Bertelmann. „Am besten holen wir ...“

„Ich möchte“, sagte Schulz, „dass wir uns zuerst einig werden. Sind Sie nicht auch dieser Meinung?“ Er sah Thomas an. „Wir müssen eine gemeinsame Erklärung unterschreiben.“

„Ich stehe jedenfalls auf dem Standpunkt“, erklärte Thomas, „dass der Tod der Patientin mit der Narkose in absolutem Zusammenhang steht. Das ist die einzige Ursache. Auf etwas anderes lasse ich mich nicht ein.“

„Also gut“, sagte Bertelmann, „ich schreibe das auf. Es ist also Ihrer Meinung die Todesursache. Und was meinen Sie, Herr Hack?“ Er wandte sich an den großen dürren Mann, der sich jetzt umdrehte und mit einer Überzeugungskraft sagte, die Thomas regelrecht verblüffte:

„Ich bin der Überzeugung, dass der Tod der Patientin auf ein Herzversagen zurückzuführen ist. Alle Wiederbelebungsversuche waren ohne Erfolg. Es war eben nichts mehr zu machen.“

Bevor Thomas etwas sagen konnte, meinte Bertelmann: „Na ja, dann brauchten wir keine Autopsie durchzuführen, nicht wahr? Oder sind Sie nicht dieser Ansicht, Herr Brückner?“

Er überlegte noch. Eine Autopsie war der absolute Beweis. Dann stellte sich ganz schnell heraus, dass sie nicht an Herzversagen gestorben war und schon gar nicht an einer Coronar-Thrombose. Und das sagte er auch.

Bertelmann zuckte die Schulter. „Na ja, vermutlich haben Sie recht. Aber es wird nicht ohne Späne abgehen.“

Thomas wandte sich an Dr. Braun. „Was sagen Sie dazu?“

Braun zuckte die Schultern. „Ich war ja selbst bei einer Operation. Ich habe in OP III eine Narkose gemacht. Da kam die Schwester hereingestürzt und hat mich hierher geholt. Der Operateur ließ mich gehen. Ich habe sie an den Internisten abgegeben und bin hierhergekommen. Was soll ich sonst sagen?“

„Na ja, was sollen Sie sonst sagen? Sagen Sie doch einfach alles, als sie hierherkamen, wie sah die Patientin aus?“, sagte Bertelmann, als führte er ein Verhör durch, aber er war bereit ein Protokoll zu schreiben und nahm seine Aufgabe ernst.

„Natürlich war es dringend, das habe ich sofort gesehen. Sie war stark cyanotisch, das hat ja jeder hier gesehen. Das weiß die jüngste Schwester. Und sie hat Sauerstoff bekommen. Na ja, wir haben alles getan, um die Patientin zu retten. Mehr nicht. Es war eben zu spät.“

„Hat sie die ganze Zeit Sauerstoff bekommen?“, fragte Thomas zweifelnd.

Braun tauschte einen kurzen Blick mit Hack. Dann sah er wieder auf Thomas. „Natürlich. Was denn sonst?“

„Und was ist dann die Todesursache?“, wollte Bertelmann wissen. „Was glauben Sie?“, wandte er sich an Braun.

Der zuckte wieder die Schultern. „Ich vermute ebenfalls eine Coronar-Thrombose oder akutes Herzversagen. Wir alle wissen doch, wie oft so etwas passieren kann.“

„So oft? Mein Gott! Als wenn das so oft vorkäme“, meinte Thomas. „Das ist doch nun wirklich selten genug.“

„Na ja, Sie haben schon recht“, gab Braun zu. „Selten ist es schon, aber es kommt vor. Und das können wir doch nicht abstreiten.“

„Der Tod ist sehr schnell eingetreten“, meinte Schulz. „Ist das nicht ein Hinweis auf Herzversagen?“

Braun bewegte sich unbehaglich zum Fenster hin. Dort lehnte er sich dagegen und betrachtete die Runde aus Distanz.

„Also, einigen wir uns doch auf eine Coronar-Thrombose, mein Gott“, schlug Bertelmann vor.

„Ich einige mich nicht“, widersprach Thomas. „Ich bin fest davon überzeugt, dass es mit der Narkose zusammenhing. Eine Coronar-Thrombose sieht auch ganz anders aus. Und sie alle müssten das wissen. Die Patientin hätte einen Schock bekommen, die Haut wäre weiß geworden, der Puls hätte sofort ausgesetzt. Hier war der Puls bis zuletzt gut. Die Patientin hatte nur Atembeschwerden. Der Tod ist nach meiner Meinung durch Asphyxie eingetreten.“

„Oh Gott! Wollen Sie über keine Brücke gehen?“, knurrte Bertelmann, und Braun sagte:

„Das ist eben ein etwas schwieriger Fall hier. Ich weiß ja, was Sie denken, zumal Sie die Patientin kennen. Sie waren mit ihr befreundet. Ich kann mir alles vorstellen. Sie nehmen sich alles so zu Herzen. Aber es ist doch auch für Hack keine Kleinigkeit. Das müssen Sie einsehen, Herr Brückner.“

„Keine Kleinigkeit?“ Thomas spürte, wie die Wut in ihm hochkam. Eine mörderische Wut, ein Zorn, in dem er zu allem fähig war. Er hatte das schon einmal als Junge erlebt. Da wäre er anschließend fast von der Schule geflogen. Da war er in seiner Wut auf den Lehrer losgegangen.

Ich muss mich beherrschen, dachte er. Wenn ich das Gesicht von diesem Hack sehe; ich könnte den Kerl nehmen und aus dem Fenster schmeißen. Natürlich hat er sie umgebracht aus Dusseligkeit. Er ist sonst etwas, bloß kein Anästhesist, und wenn er zehnmal eine Facharztausbildung abgeschlossen hat. Wer weiß, wie er sich durchmogeln konnte. Er ist eine Niete, ja, eine Niete, eine absolute Null! Er hat sie umgebracht, dieser verdammte Bursche.

Nein, dachte Thomas, ich bin nicht gewillt, die Fehler anderer Leute einfach zu dulden, nicht, wenn es um Menschenleben geht, und hier ist es um ein Menschenleben gegangen. Ich denke nicht im Traume daran, das zu schlucken.

Schließlich sagte er: „Wir wollen das vom Chef entscheiden lassen. Der Chef soll feststellen, ob eine Autopsie durchgeführt wird oder nicht.“

„Na ja“, meinte Bertelmann, „das mag schon richtig sein. Aber wir können die Dinge doch in Ruhe bereden, bevor wir ihn holen. Wir wollen doch nicht die schmutzige Wäsche vor allen anderen waschen.“

„Mein Gott, es ist doch jedem mal etwas passiert“, sagte Braun plötzlich. „Schluss, Punktum, Coronar-Thrombose, und wir sind fertig. Menschenskind, schließen Sie sich doch der Ansicht an. Oder haben Sie noch nie einen Fehler gemacht?“

„Macht, was ihr wollt. Beschließt, ob eine Autopsie vorgenommen wird oder nicht, holt den Chef oder lasst ihn, wo er ist. Mir ist es egal. Ich persönlich habe eine andere Meinung.“

Mit einem Mal war es ganz still. Schließlich sagte Bertelmann mit einem Blick auf Thomas: „Menschenskind, seien Sie doch einsichtig! Wissen Sie nicht, was das heißt?“

„Natürlich weiß ich es.“

„Alles wäre gutgegangen“, sagte Hack plötzlich, „wenn er nicht verrückt gespielt hätte mit seiner Brüllerei nach einem anderen Anästhesisten und dem Coramin. Natürlich hatte sie gewisse Atmungsschwierigkeiten, aber die waren überhaupt nicht gefährlich. Ich hätte sie spielend durchgebracht. Aber er musste sich einmischen. Ich habe noch nie erlebt, dass ein Mann derartig die Nerven verliert am OP-Tisch. Aber das kann ja jedem mal passieren. Ich bin ja auch nachsichtig.“

In diesem Augenblick verlor Thomas die Beherrschung. Er machte einen Satz auf diesen hageren, milchgesichtigen Kerl zu, und dann fuhr seine Faust voll ins Gesicht dieses Mannes. Sie traf ihn wie ein Hammer. Hack flog zurück, knallte mit dem Hinterkopf an den Infusionsapparat, stürzte zu Boden, wälzte sich herum, wollte auf die Knie, aber da war Thomas schon bei ihm. Und Thomas war ein durchtrainierter, äußerst sportlicher Bursche. Viel zu durchtrainiert und viel zu sportlich für das Milchgesicht Hack.

Thomas riss Hack hoch, und während der noch mit verwirrtem Blick auf sein Gegenüber blickte, bekam er den zweiten Schlag. Der traf die Nase. Blut schoss heraus. Und die Wucht des Schlages trieb Hack noch einmal zurück, und diesmal bis an die geflieste Wand. Dort knallte er dagegen, rutschte herunter und blieb besinnungslos in der Hocke.

„Menschenskind, sind Sie wahnsinnig? Was machen Sie? Hören Sie auf! Herr Brückner! Herr Brückner!“, schrie Schulz, und Bertelmann hatte seinen Notizblock weggeworfen, stürzte mit Schulz zusammen auf Brückner zu, der ganz ruhig stand und gar keine Anstalten machte, noch ein zweites Mal seinem Gegner nachzusetzen. Die beiden packten Thomas, aber der schüttelte sie einfach ab und sagte in eisiger Kälte: „Dieses Schwein! Dieses verdammte Schwein hat sie umgebracht, und jetzt will er mir das noch in die Schuhe schieben! Dieser Schurke! Dieser Scharlatan! Ein Lügner ist er. Ich möchte wissen, wo er die Facharztausbildung gemacht hat? Der hat nie eine gemacht. Der hat überhaupt keine Ahnung von einem Narkotiseur. Der nicht, verdammt noch mal.“

„Menschenskind, nun regen Sie sich doch nicht auf! Kommen Sie zu sich!“

Braun kümmerte sich um den noch immer besinnungslosen und reglos hockenden Hack.

Hack kam nach etwa drei Minuten wieder zu sich. Braun und Schulz bemühten sich um ihn, halfen ihm auf, er schwankte noch, brauchte noch einmal fünf Minuten, um völlig klar zu sein, und dann war er klar. Wie klar, das sollte Thomas ganz schnell feststellen.

,,Das müssen Sie mir ... das müssen Sie mir büßen“, lallte er. „Das müssen Sie mir büßen!“

Mehr sagte er nicht. Dann sackte er wieder in die Knie. Braun und Schulz halfen ihm, auf den Beinen zu bleiben, schleppten ihn bis zu einer Liege, und dort, das war jedenfalls Thomas’ Meinung, zog dieser Hack seine Show ab und das bis zur Neige. Er begann plötzlich zu zittern, tat so, als hätte er eine schwere Nervenverletzung. Am Kopf war eine blutende Wunde. Auch seine Nase blutete noch immer. Aber das alles war nicht schlimm. Hack machte aus dem allen etwas, und schließlich war er doch Arzt genug, um zu wissen, wie sich bestimmte Symptome bemerkbar machen. Braun, ein Pfleger und Schulz brachte ihn jedenfalls zur Ambulanz.

Thomas bekam das alles nicht mehr mit. Der ging einfach nach Hause. Er hatte die Nase gestrichen voll von allem. Aber noch als er ging, hörte er, wie ihm Bertelmann nachrief: „Was Sie da gemacht haben, war ein Fehler. Menschenskind, gehen Sie hin zu diesem Kerl, entschuldigen Sie sich! Gehen Sie hin! Es war ein verdammter Fehler, Brückner. Ein wirklicher Fehler.“

Thomas ging nicht, um sich zu entschuldigen. Im Gegenteil. Er hätte diesen Kerl am liebsten noch einmal zusammengeschlagen. So eine Show abzuziehen! Dem Burschen fehlte ganz sicher nichts. Aber der wollte sich rächen, das war es. Rächen wollte er sich.

Und er rächte sich ...

Die Gedanken von Thomas verschwammen. Auf einmal lagen wieder Jahre zwischen diesem Vorfall und dem Jetzt. Er nahm seine Gegenwart wieder wahr, die beiden jungen Frauen, die eine im Ohrensessel, die andere im Schaukelstuhl, ein Stück weiter Fried, der ihn ernst anblickte.

„Und was war dann?“, fragte Marion. „Was ist passiert? Haben die noch irgendwas gemacht?“

Thomas nickte grimmig. „Ja, natürlich. Er hat sich sage und schreibe fünf Wochen lang im Krankenhaus herumgedrückt. Indessen lief das Strafverfahren gegen mich. Die Autopsie war auch gemacht worden. Ich durfte beiwohnen, aber mein Chef hatte mich vom Dienst suspendiert. Es war ein großzügiges Entgegenkommen des Oberarztes, dass ich bei der Autopsie dabei sein durfte. Die Autopsie war eindeutig. Kein Anzeichen einer Coronar-Thrombose, die Arterien in gutem Zustand. Stattdessen wies alles auf eine Asphyxie hin. Dann konnte man sehen, dass die Lungenflügel mit Blut gefüllt waren und cyanotisch aussahen. Dieses, als wären sie mit Tinte gefüllte Bild, das gar keinen Zweifel daran ließ, was die wirkliche Todesursache war. Es war ein grauenhafter Gedanke, zu begreifen, dass diese Frau, unsere geliebte Sigi, noch hätte leben können, wenn sie nicht an diesen idiotischen Pfuscher geraten wäre.“

„Und wie ging es weiter? Wieso bist du kein Arzt mehr?“, fragte Marion.

„Das Gericht hat es mir nicht verboten. Vom Gericht bin ich bestraft worden, Geldstrafe. Man hat mir meinen Zorn zugute gehalten, die Tatsache, dass ich Sigi gekannt habe. Aber Braun hat Hack sehr entlastet. Und aus diesem Grund habe ich viel zu spät erfahren von einer Schwester, wie das mit den Ventilen gewesen ist, dass Braun das orangefarbene zugedreht und das grüne aufgedreht hatte, kaum dass er gekommen war. Die Schwester war zufällig darauf aufmerksam geworden. Eine Schwester allerdings, die nicht zu unserem Team gehörte; eine Schwester vom OP III, die eigentlich nur etwas hatte holen wollen und an der Tür stand und das sah. Mein Gott, wenn sie vor Gericht hätte aussagen können, wäre vielleicht manches anders gelaufen. Später habe ich mit meinem Anwalt darüber beraten, ob es Sinn hat, die Sache noch einmal in Bewegung zu setzen. Aber an dem Urteil wegen Körperverletzung hätte das nichts geändert.

Heute weiß ich auch, dass es ein Fehler war, diesen Kerl zusammenzuschlagen. Im Grunde habe ich dem nur einen Gefallen getan. Alle haben ihn bemitleidet, den 'armen Jungen'. Seine Nase hat wochenlang ausgesehen, als hätte er damit eine Lokomotive zum Stehen bringen wollen. Aber wie es so geht, entscheidend war das Standesgericht. Man hat mir auf Grund des Vorfalles Auflagen gemacht, hat mich sehr getadelt, und ich hab’ mich noch einmal hinreißen lassen, diesen Leuten meine ganze Wut entgegenzuschleudern. Die saßen da, als wären sie Götter, als hätten sie wirklich ein Recht, jemanden zu verdammen. Keiner von ihnen war dabei gewesen. Und keiner war imstande zu begreifen, was in mir vorgegangen ist. Ich habe ihnen jedenfalls gesagt, dass sie für mich nie im Leben ein kompetentes Gericht sind, weil sie viel zu sehr auf Berufsethos, Standesehre und dergleichen Dinge achten, als vielmehr darauf, dass es um ein Menschenleben gegangen ist. Das hat merkwürdigerweise schon den Strafrichter kaum beeindruckt. Für ihn war es am wichtigsten, wie schlimm ich diesen Hack erwischt habe. Und mit dem Standesgericht war es nicht anders. Aufgrund meiner Worte hat man mir die charakterliche Eignung, Arzt zu sein und Menschen zu behandeln, abgesprochen. Ich konnte dieses Urteil anfechten und habe es angefochten. Das Gericht, das darüber zu entscheiden hatte, war ganz einfach überwältigt von der Tatsache, dass sieben Ärzte über mich geurteilt hatten, und so geschah, was ich eigentlich hätte erwarten müssen, die Richter schlossen sich dem Urteil des Ehrenrates an. Das Ehrengericht hat mich also in die Wüste geschickt. Und deshalb bin ich hier.“

„Aber hier ist keine Wüste“, rief Isolde lachend. „Hier sind wir, deine Freunde.“

Er lächelte schmerzlich. „Die einzigen auf der Welt, die ich habe.“

„Lieber wenige und gute“, sagte Friedhelm von Bredow, „als viele, die gar keine Freunde sind. Ich glaube, es ist der Augenblick, wo wir eine von den sechsundzwanzig Flaschen köpfen sollten, die wir beide vor vier Jahren in den Keller geschleppt haben, Thomas, nachdem es uns gelungen war, sie sogar unerkannt durch den Zoll zu bringen.“ Er lachte wie ein Lausejunge.

„Gut, wenn du meinst, dann hol’ ich eine Flasche.“

„Aber schön vorsichtig. Nur nicht schütteln. Ich glaube, das ist ein Abend, zu dem eine solche Flasche passt ...“

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Isolde stand am Fenster und blickte hinaus auf den ersten Schnee, der über das Land gefallen war. Drüben, hinter dem lang gestreckten, großen Hühnerstall, gackerten die Hühner in ihrem Auslauf herum. Auf Gut Hartmannsdorf gab es nur Freilandhühner, die auch im Winter Auslauf hatten. Sollte es ihnen zu kalt sein oder der Regen sie stören, konnten sie immer noch durch ihre Schlupflöcher in den Stall hinein, auch um Eier zu legen. Aber sonst waren sie meist draußen am Tag über, viertausend Hühner. Und für die Eier bekam das Gut mehr, als hätte es sie in Legebatterien produziert.

Der ganze Betrieb war auf biologischen Anbau, aber auch auf biologische Tierzucht eingerichtet. Das war die Idee von Thomas gewesen, als er damals zu ihnen gekommen war. Anfangs hatte es viele Schwierigkeiten gegeben. Die Erträge waren geringer als vorher. Und auch mit den Freilandhühnern war anfangs eine Schlappe nach der anderen über den Betrieb gekommen, und fast hatte Friedhelm von Bredow schon den Mut verloren. Isolde erinnerte sich noch sehr gut daran.

Aber dann war eines Tages Frans van Welkenraedt aufgetaucht, der Flame. Er war gekommen, nur um sich den Betrieb einmal anzusehen, dessen Felder von Wald umgeben an keinem anderen Nachbarn stießen. Frans van Welkenraedt besaß einen kleinen Betrieb im nahen Belgien und belieferte mehrere Geschäfte mit seinen Waren, Geschäfte, die gerne biologisch angebaute landwirtschaftliche Produkte kauften und mehr dafür zahlten, viel mehr als für normale Produkte. Denn Frans van Welkenraedt baute ebenfalls biologisch an, dynamisch biologisch, wie er es nannte. Und er wusste noch mehr Kunden, mehr, als er selbst je beliefern konnte. Von diesem Augenblick an lieferten die von Bredows ihre Produkte fast ausschließlich nach Belgien, in ein Land, das sonst landwirtschaftliche Erzeugnisse exportierte. Aber es waren normal angebaute Sachen, die chemisch behandelt worden waren, wie es zum gegenwärtigen Stand der Landwirtschaft üblich ist.

Das Bewusstsein der Menschen in den Städten war erwacht. Immer mehr wollten Eier von Hühnern, die normal aufwuchsen. Immer mehr Leute aßen lieber Brot, das von Getreide gemacht war, bei dem keine chemischen Mittel angewendet werden mussten. Und sie aßen auch lieber Fleisch von Schweinen, die nicht eingepfercht waren, sondern frei herumliefen auf großen Koppeln, die Friedhelm von Bredow und Thomas Brückner in den gewaltigen Waldungen angelegt hatten. In diesen Eichen und Buchenwäldern hatten die Schweine sogar im Herbst eine natürliche Nahrung, die von den Bäumen fiel und nichts kostete. Eine Nahrung, bei der das Fleisch einen ganz besonders guten Geschmack bekam, wie jeder Feinschmecker weiß.

An das alles musste Isolde im Augenblick denken, während hinter ihr am Schreibtisch Marion saß und schrieb. Und sie musste auch daran denken, dass Marion und Frans van Welkenraedt ein Liebespaar waren, ein Liebespaar, das zu gerne Weihnachten geheiratet hätte. Aber Weihnachten zu heiraten, nachdem vor zwei Monaten Marions, Friedhelms und Isoldes Mutter gestorben war, daran wagte jetzt niemand zu denken. Der Tod der Mutter und die eigene Scheidung, das waren Dinge, die Isolde stark belasteten. Kraft gab ihr das Gefühl dieses kleinen Wesens in ihrem Bauch, Kraft und Hoffnung.

„Sag mal, Isolde, merkst du eigentlich nichts?“, fragte Marion.

Isolde drehte sich um und betrachtete aufmerksam die Schwester und fragte: „Etwas an dir? Warst du beim Friseur?“

„Nein, das siehst du doch. Ich müsste aber mal hin, du hast recht. Nein, ich meine etwas anderes. Ist dir nichts an Thomas aufgefallen?“

Isolde wandte sich wieder um, sah hinaus und drehte damit der Schwester den Rücken zu. Sie wusste ganz genau, was Marion meinte. Es war auch nicht das erste Mal, dass sie in dieser Richtung Andeutungen machte. Das brauchte sie gar nicht. Aber jetzt wollte sie daran nicht denken. Er tut es aus Mitleid. Und sie sagte: „Ich weiß, was du sagen willst. Natürlich hab ich es gemerkt, schon lange, noch bevor ich Winfried kennengelernt hatte, lange davor.“

„Mein Gott, die Eltern sind tot. Es ist schlimm, dass sie tot sind“, sagte Marion. „Aber ein Gutes hat jede schlimme Sache. Ein kleines Gutes. Das kleine Gute ist, dass dich hier niemand mehr zu beeinflussen versucht. Thomas liebt dich doch. Er hat dich schon geliebt, lange bevor du dich mit Winfried verheiratet hast. Warum hast du ihm nie eine Chance gegeben?“

„Weil ich mich nicht getraut habe. Weil ich Angst hatte. Weil mein Vater uns immer wieder erklärt hat, dass man nur standesgemäß heiratet, wenn man eine von Bredow ist. Weil wir ganz alter Adel sind, hat er gesagt. Weil ich geglaubt hab’, dass wir etwas Besonderes sein müssen.“

„Es ist Unsinn. Wir sind nichts Besonderes“, widersprach Marion. „Wenn wir etwas Besonderes sind, dann nur durch das, was wir erlernen konnten. In diesem Punkt hatten wir eine Chance. Ich konnte Veterinärmedizin studieren und unserem Bruder jetzt sehr nützlich sein. Und du könntest es auch. Du hast eine kaufmännische Ausbildung.“ Sie lachte. „Eigentlich hättest du viel besser zu Frans gepasst. Frans ist ein richtiger Kaufmann. Der kann rechnen. Es verblüfft mich oft, wie der mit Geld umgehen kann. Der macht aus einer Mark im Handumdrehen zehn, ohne dass er geizig ist. Wenn er geizig wäre, hätte ich ihn nicht haben wollen.“

„Ich hab Frans sehr gern. Er passt nicht besser zu mir. Zu dir passt er. Er ist ein feiner Kerl. Ich mag ihn sehr. Er passt sehr gut zu dir, wirklich.“

„Und Thomas passt zu dir. Er mag dich, und du magst ihn, gib es zu!“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe das Kind. Ich will nur für das Kind da sein; nur für meinen Jungen ...“

„Und du selbst gibst dich dabei auf. Das ist doch Wahnsinn. Rede doch nicht solchen Stuss!“

Isolde hob trotzig den Kopf und sah die Schwester fanatisch an. „Stuss? Das ist kein Stuss. Ich werde nur für mein Kind leben, nur für mein Kind!“

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In der darauffolgenden Woche war es warm geworden. Ein milder Südwestwind, gepaart mit Regen, machte diesem Hauch von Schnee und dem Frost den Garaus.

Isolde saß über ihren Büchern. Ihr kleiner Sohn machte ihr überhaupt nicht mehr zu schaffen, das Kind hatte sich gesenkt. Gestern noch war sie zusammen mit Fried beim Hausarzt gewesen, der nur wenige Kilometer entfernt wohnte. Alles schien absolut normal zu sein. Der Doktor hatte noch abschließend bemerkt, er sei über die Weihnachtstage bis zu Drei Könige in Urlaub. In die Schweiz wollte er zum Skifahren. Weihnachten zu Hause, hatte er gesagt, sei ihm ein Gräuel, seit die Kinder nicht mehr da wären und er mit seiner Frau allein dort säße. Aber, hatte er schließlich versichert, es sei ja eine Vertreterin da, eine junge Ärztin, die schon im vorigen Jahr die Vertretung für ihn gemacht habe.

Isolde machte sich keine Gedanken darüber, denn ihr Termin lag ja weit über Drei Könige, also gab es keinen Grund, sich zu beunruhigen. Und außerdem wollte sie ungefähr am 5. Januar nach Bonn fahren zu ihren Bekannten, damit sie es nicht so weit zur Paul-Ehrlich-Klinik haben würde.

Der Regen prallte wieder an die Scheiben, dennoch konnte sie draußen auf dem Hof Thomas sehen, der, mit einer gelben Jacke und den Gummistiefeln angetan, den Unimog bestieg, mit dem er den Schweinen, die auch jetzt im Winter in ihren Koppeln im Walde waren, Futter brachte. Die Idee, die Schweine das ganze Jahr über im Freien zu halten und ihnen nur Schutzhütten zu bieten, in denen sie es allerdings warm hatten, wenn sie sie aufsuchen wollten - war von Thomas gekommen. Eine Idee, die sich als hervorragend erwiesen hatte.

Seit die Schweine im Freien gehalten wurden, Auslauf hatten, eine Suhle besaßen und trotzdem bei Bedarf ein schützendes Dach über dem Kopf fanden und wohlige Wärme, waren die Tiere viel gesünder, kräftiger. Obgleich die Aufzucht nicht mehr so schnell ging, die Mast dauerte länger, dafür war das Fleisch so begehrt, dass Metzger bis aus dem Ruhrgebiet zu ihnen kamen, um Schweine zu kaufen. Es war genau das Fleisch, wofür auch die Kunden dieser Metzger bereit waren, mehr auszugeben. Fleisch, bei denen keine Drogen, keine prophylaktischen Medikamente oder gar Hormone angewendet wurden. Natürliche Schweine, die so aufgezogen worden waren wie vor hundert Jahren. Der Profit war am Ende derselbe, weil das Fleisch einfach mehr wert war. Und diese Idee von Thomas, gegen die sich Friedhelm lange gewehrt hatte, war so gut, dass andere Bauern in der Nähe nun ebenfalls die ersten Versuche in dieser Richtung machten.

Thomas fuhr mit dem Unimog aus dem Hof. Er war es, um den sich jetzt Isoldes Gedanken drehten. Sie hatte ihn gern, sie hatte ihn sehr gern. Am liebsten hätte sie ihn geheiratet, und sie erinnerte sich eines Gesprächs, von dem niemand mehr außer ihr etwas wusste, ein Gespräch unter vier Augen mit ihrem Vater damals. Da hatte sie ihrem Vater von Thomas erzählt, dass sie ihn heimlich liebte, aber nicht wüsste, ob er diese Liebe erwidert.

Mein Gott, dachte sie, wie lange ist das her! Aber ihr Vater war dagegen gewesen. Er wollte nicht, dass sie einen Bürgerlichen heiratet und schon gar nicht einen verkrachten Arzt, wie er Thomas nannte. Für ihn war Thomas stets ein Mann gewesen, dem eine Straftat zur Last gelegt worden war und der Schiffbruch erlitten hatte. Mit Wehmut erinnerte sie sich daran, dass Vater Menschen in Pech nie geachtet hatte.

Diese Erkenntnis ihres Vaters konnte sie nie teilen. Und nun, wenn sie im Nachhinein darüber nachdachte, grauste es sie bei dem Gedanken, dass es ihr Vater war, durch den sie Winfried von Rottwitz kennengelernt hatte, ein Mann, dem es dann tatsächlich gelungen war, ihre Zuneigung zu erwerben.

Heute wusste sie ganz genau, dass es im Grunde nichts als Leidenschaft gewesen war. Eine Leidenschaft, das musste sie zugeben, die hochgelodert war wie eine Stichflamme, aber ebenso schnell war sie in sich zusammengesunken, diese Lohe. Und geblieben war eigentlich nur Asche, die Asche einer Leidenschaft. Liebe konnte es zu keiner Sekunde gewesen sein.

Aber sie trug sein Kind unter dem Herzen. Sein Kind, das vielleicht Eigenschaften hatte wie er. Nein, dachte sie, die Jungen werden wie die Mütter. Ich hoffe nicht, dass er so ist wie er. Und wenn schon, er hatte auch gute Seiten, nicht nur schlechte. Dass er ein Windhund war, hatte eigentlich ihr Vater nicht mehr so recht wahrgenommen, vielleicht auch nie wahrnehmen wollen. Ein Glück, dachte sie, dass die Scheidung nach Vaters Tod war. Mutter hingegen hat Winfried besser erkannt. Aber warum soll ich darum trauern, er ist weg, die Sache ist ausgestanden.

Ich weiß, dachte sie, dass Thomas mich liebt. Ich weiß es seit jenem Tag, als wir beide uns bei Dämmerung zufällig im Stall getroffen hatten. Es lag von mir aus keine Absicht darin, aber vielleicht ist er mir gefolgt, wollte mit mir sprechen. Er ist immer sehr rücksichtsvoll gewesen, sehr anständig. Eigentlich war er für mich immer der Freund, ein Mann, mit dem ich über alles reden konnte. Mit ihm hatte ich auch über Winfried gesprochen und dessen Eigenschaften. Merkwürdig, dass ich das einfach so gekonnt habe. Es muss ihn sehr verletzt haben oder vielleicht nicht? Wenn es für ihn ein Triumph war, dass ich doch den Falschen erwischt hatte, dann ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken.

Das junge Leben in ihrem Bauch machte sich wieder bemerkbar. Manchmal war es recht schmerzhaft, vom Herrn Sohn Kenntnis zu nehmen.

Aber das waren Beschwerden, die sie gern ertrug. Der Termin rückte immer näher, sie war glücklich. Längst hatte sie ihr Köfferchen gepackt, viel zu früh eigentlich. Aber alles sollte bereit sein.

Die Tür ging auf, ihr Bruder Friedhelm kam herein. Er suchte irgendetwas im Rollschrank dieses Bürozimmers, und sie sah ihn fragend an.

„Was suchst du denn?“, wollte sie wissen.

Er hatte den Rollschrank geöffnet, zog die einzelnen Schubladen heraus. „Einen Beleg, über den Betrag, den wir letztens für die Pferde berechnet hatten, die bei uns im Sommer über in Pension gewesen sind. Ich kann ihn einfach nicht finden.“ Er richtete sich auf, blickte Isolde an, aber die konnte ihm auch nicht helfen.

„Tut mir leid, aber ich habe nicht die mindeste Ahnung, wo du ihn hingetan haben könntest. Oder ist es womöglich noch nicht abgebucht? Dann wäre es hier bei diesen Dingen.“

Friedhelm stützte die Hände auf die Schreibtischkante, beugte sich ein wenig vor und blickte seine Schwester forschend an. „Bist du glücklich?“, fragte er.

Sie war so überrascht über diese Frage, mit der sie nicht gerechnet hatte, und dennoch antwortete sie spontan: „Oh ja, warum fragst du das?“

„Weil ich glaube, dass du ein Mensch bist, der nicht sagt, was er empfindet. Wir sind ja alle so erzogen worden, verklemmt erzogen, möchte ich sagen. Mein Gott, wenn die Menschen mehr miteinander reden würden! Vieles könnte besser sein. Denk an Thomas, der machte aus seinem Herzen nie eine Mördergrube. Aber in einem Punkt tut er es doch.“

Sie wurde ernst. „In welchem Punkt denn?“, erkundigte sie sich, obgleich sie durchaus ahnte, was er damit meinte.

Er zögerte keine Sekunde, ihr zu antworten. „Der Punkt bist du. Er hätte dir längst sagen sollen, dass er dich liebt.“

„Du knüpfst an das Gespräch zwischen Marion und mir an, nicht wahr?“

„Hat sie mit dir darüber gesprochen? Und wenn schon. Mein Gott, er und ich, wir sind Freunde geworden, richtige gute Freunde. Er ist ein Mann, wie ich ihn mir besser nicht vorstellen kann. Seit einer Woche kennst du seine Gesichte.“

„Es ist eine traurige Geschichte“, sagte sie, „aber nicht hoffnungslos. Er könnte, wenn er wollte, vielleicht doch etwas dagegen tun. Charakterlich nicht geeignet! So ein Blödsinn, wenn ich das schon höre. Wenn jemand dazu geeignet ist, Arzt zu sein, dann er.“

„Du irrst dich, wenn du glaubst, dass er diesem Beruf nachtrauert. Er hat sich inzwischen damit abgefunden und will gar kein Arzt mehr sein, dürfte er auch gar nicht. Und du kannst glauben, dass sie auf ihn aufpassen. Im Grunde hat er nichts anderes gelernt, als Arzt zu sein. Sie haben ihm seine Existenz zerstört. Dieser Pfuscher Hack, der im Übrigen noch immer praktiziert. Wer weiß, wie viele Menschen er durch seine Unfähigkeit inzwischen umgebracht hat. Dass so ein Mensch die Berechtigung behält, Arzt zu sein, und derjenige, der absolut der bessere Arzt war, durch falsche Aussagen, durch Unterlassungen und dergleichen, derart in die Ecke gestellt wird. Er hätte aus der Aussage dieser Schwester etwas machen können, die gesehen hat, was nun wirklich mit den Stellungen der Ventile los war, und die beobachten konnte, dass Braun das alles erst geändert hat, als er gekommen war. Aber sie hat keine Möglichkeit, das auszusagen, denn Thomas will es nicht. Er nimmt ganz einfach an, dass Braun es abstreiten würde, aus welchem Grund auch immer. Standesehre, Solidarität mit jenem Hack, nur weil der auch Anästhesist gewesen ist, ich weiß es nicht, was dahinter steckt. Tatsache ist, dass eine ganze Portion von Fehlverhalten auch bei Thomas zu suchen ist, und er weiß es, gibt es zu, hat es längst erkannt, möchte sich da auch nicht herausreden. Dass ihm die Pferde durchgegangen sind, war schlimm. Noch schlimmer aber war nachher sein Auftreten vor dem Standesgericht, dort hätte er die Faust in der Tasche machen können, aber sich beherrschen müssen. Er hat es nicht getan, und auf Grund dessen ist er nachher zu diesem vernichtendem Urteil gekommen.“

„Vernichtend? Er ist doch bei dir, hier bei uns ist es doch schön. Und ich habe das Gefühl, er ist gerne da.“

Friedhelm lächelte. „Ja, ist er, besonders seit du wieder hier bist. Er hat dich sehr gern, wirklich sehr gern. Wenn ich Marion wäre, würde ich sagen, er liebt dich. Es ist auch richtig, er liebt dich wirklich. Aber er tut es auf eine ganz andere Art als Winfried damals. Winfried, da hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass er dich nur zu erobern suchte und nachher den Geschmack an dir verlieren würde. Genauso ist es gewesen.“

„Will Thomas denn sein ganzes Leben hierbleiben?“

Friedhelm zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht. Wir haben nie darüber gesprochen.“

„Und was ist mit dir, mein Bruder? Du bist immer noch allein. Damals mit Renate, das ist lange vorbei, nicht wahr? Sie hat nie wieder von sich hören lassen, oder?“

„Nein, sie ist nach Neuseeland geflogen, und ich habe nichts mehr von ihr gehört. Sie könnte tot sein, einen anderen geheiratet haben, Tausende von Möglichkeiten gibt es. Ich habe über alles schon nachgedacht.“

„Ich weiß, dass du dorthin geschrieben hast, sogar an die Behörden, aber niemand weiß etwas von ihr, nicht wahr?“

„Vielleicht ist sie nie dahin geflogen“, sagte er.

„Aber es gibt doch Tausende von Mädchen, viele, die zu dir passen würden. Du bist ein umgänglicher Mensch. Ich weiß auch, dass allein hier aus der Gegend sehr viele sind, die sich glücklich preisen würden, von dir eingeladen zu werden. Aber du willst es nicht, Fried, du kapselst dich richtig ab. Und über die Freundschaft mit Thomas reden die Leute, weißt du das?“

„Niemand weiß, was mit Thomas früher gewesen ist, keiner kennt ihn. Er hat nichts Schlechtes getan.“

„Darum geht es doch gar nicht, begreifst du nicht?“

Er sah sie verständnislos an. „Was soll ich begreifen?“

„Du bist nicht verheiratet, sie reden darüber, weil ihr oft zusammen seid, weil ihr eigentlich immer beieinander seid. Sie sagen, ihr hättet etwas miteinander.“

Friedhelm war heute begriffsstutzig, so kam es ihr jedenfalls vor. Er hatte noch immer nicht verstanden. „Wir miteinander? Was soll das heißen?“

„Na, du weißt doch, was es heißt, wenn zwei Männer ...“

Sein Gesicht war den Anblick wert. Er war so perplex, so fassungslos, dass ihr fast zum Lachen zumute war.

„Thomas und ich? Menschenskind, und darüber reden die Leute? Wie kommst du denn darauf? Wir sind Freunde, richtige Freunde und keine Homosexuellen! Und wenn schon, ginge das andere nichts an. Aber wir sind es nicht. Mein Gott, was die Leute für Zeit haben, auf solchen Mist zu kommen. Das ist doch Mist!“

„Errege dich doch nicht, Fried. Du weißt doch, wie die Menschen sind, sie dichten den anderen immer gern etwas an und gerade in solchen Dingen. Ich weiß auch, dass das nicht so ist.

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