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Arztroman Exklusiv Edition - Der Traum eines Arztes

Arztroman Exklusiv Edition - Der Traum eines Arztes

Glenn Stirling

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

Inhaltsverzeichnis

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Der Traum eines Arztes

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Der Traum eines Arztes

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Arztroman von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 128 Taschenbuchseiten.

Professor Dr. Florian Winter hat so seine Probleme. Da kommt ihm die neue kaufmännische Direktorin der Klinik, Frau Melzer, immer wieder in die Quere und beschwert sich über die Kosten. Seine Frau beschwert sich, dass er zu wenig Zeit mit der Familie verbringt, sich dafür mehr der Klinik und seinen Patienten verpflichtet fühlt. Zu gern würde Winter eine Privatklinik leiten, doch dieser Wunsch liegt in weiter Ferne. Jetzt muss er sich erst einmal der mittellosen Kunstmalerin Elise Hafermann und der an Krebs erkrankten Rosi von Finkenstedt widmen ...

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Professor Winter hatte die ambulante Sprechstunde beendet und freute sich aufs Mittagessen. Als er die Praxis verließ und auf den Flur trat, sah er ein Stück entfernt seine Oberärztin, die attraktive Dr. Nina Hegner, zusammen mit der kaufmännischen Direktorin der Klinik, Frau Melzer, im Gespräch stehen. Er musste an den beiden vorbei und hoffte, dass er mit einem Gruß davonkam und nicht in ein Gespräch verwickelt wurde. Aber als er sich den beiden näherte, blickten sie ihn an. Seine Oberärztin hatte er schon am Morgen begrüßt, aber Frau Melzer machte ein Gesicht, als habe sie auf niemanden mehr gewartet als ausgerechnet auf ihn.

Sie war eine Frau Mitte Fünfzig, sah aber noch sehr gut aus, und ihr blondes Haar war stets erstklassig frisiert. Die dunkelblaue lange Strickjacke und die bordeauxfarbene Bluse zum längs gestreiften Rock machten sie schlanker, als sie tatsächlich war. Obgleich sie attraktiv wirkte, konnte Winter sie nicht ausstehen. Seit etwa einem Dreivierteljahr war sie kaufmännische Direktorin, und er hatte schon einige Zusammenstöße mit ihr gehabt. Das Thema war immer das gleiche, und er hoffte, dass sie nicht wieder mit so etwas anfing, denn er hatte Hunger und brauchte nach diesem langen Vormittag eine kleine Pause. Also grüßte er nur und wollte schon weitergehen, da hörte er Frau Melzer nicht nur den Gruß erwidern, sondern sagen: „Oh, Herr Chefarzt, es ist gut, dass ich Sie treffe ...“

Du lieber Gott, jetzt hat sie wieder was!, dachte Winter, blieb aber stehen und sah nur über die Schulter missmutig zurück. „Ist das wirklich so eilig?“

„Es geht um die Patientin Hafermann.“

Winter musste erst einen Augenblick überlegen. Ihm waren nicht alle Namen der Patientinnen auf seiner Abteilung geläufig. Aber er sah seiner Oberärztin an, dass sie bereit war, ihm das näher zu erläutern.

„Das ist die Salpingitis“, hörte er sie sagen und wandte sich wieder Frau Melzer zu.

„O ja, ich weiß jetzt Bescheid. Und was ist damit?“, fragte Winter, schon leicht gereizt.

Frau Melzer hatte in der rechten Hand einen Hefter mit Unterlagen, nahm den jetzt hoch und klappte ihn auf.

„Die Patientin konnte schon keine Vorauszahlung leisten. Sie hat zudem eine Kasse angegeben, von der wir aber nun erfahren haben, dass Frau Hafermann total unterversichert ist und keinesfalls imstande wäre, die Aufenthaltskosten im Hause inklusive der Operation zu bezahlen.“

„Irgendwann wird sie es bezahlen“, meinte Winter, der es hasste, sich über die finanziellen Probleme der Patienten mit der kaufmännischen Leitung unterhalten zu müssen. Für ihn war es eine Art Notfall gewesen, und es war wichtiger, der Frau erst einmal zu helfen, als im Vorhinein womöglich die finanziellen Dinge klären zu wollen. Erst kam die Gesundheit, dann das Geld.

„Mich interessiert das nicht, darüber können wir ein andermal sprechen.“

„O nein, Herr Chefarzt“, widersprach Frau Melzer, die, wie er wusste, sehr penetrant sein konnte, wenn es um solche Dinge ging. „Wir sind schließlich kein Wohlfahrtsinstitut. Wir erhalten das Haus mit dem, was wir dafür bekommen. Die Zuschüsse vom Staat sind gekürzt worden, wie Sie wissen. Also können wir nur arbeiten, wenn die Patienten auch bezahlen oder ihre Kassen. Die Frau hat aber nichts. Eine Kunstmalerin!“

Die letzte Feststellung zum Beruf von Frau Hafermann hatte Frau Melzer ziemlich geringschätzig geäußert. Winter brachte so etwas in Wut. Überheblichkeit konnte er auf den Tod nicht ausstehen. Und jetzt spürte er, dass er seinen Zorn bremsen musste.

„Na wenn schon. Jetzt ist die Frau jedenfalls bei uns und wird so lange behandelt, wie ich es für richtig halte.“

„Und die Kosten, Herr Chefarzt?“, fragte Frau Melzer empört.

„Wie ich Sie kenne, Frau Melzer, werden Sie das Problem schon lösen. Im Augenblick jedenfalls habe ich andere Sorgen, als das Geld einzutreiben, das Sie von den Patienten haben wollen. Und ich warne Sie: Töten Sie der Patientin mit Ihrer Forderung ja nicht den Nerv, solange sie hier ist! Ich habe Ihnen das schon einmal gesagt, dass ich es unverschämt finde, wenn Leute von der Verwaltung bei den Patienten aufkreuzen und diese nervtötenden Sprüche aufsagen. Die Patienten sind hier hilflos. Wenden Sie sich an die Verwandten oder an sonst wen, aber im Augenblick, wo der Patient bei uns ist, braucht er seine Ruhe und kann sich nicht mit solchen Fragen belasten. Und schon gar nicht Frau Hafermann, der es im Augenblick so sehr gut noch nicht geht. Im Gegenteil, sie macht uns sogar Kummer.“

„Ein wenig besser geht es ihr allerdings. Ich bin vorhin bei ihr gewesen“, sagte Oberärztin Dr. Nina Hegner.

„Aber nicht so gut, dass sie sich solche Sachen anhören sollte“, erklärte Winter. „Und damit haben wir wohl das Thema erschöpfend erledigt.“

„Aber Herr Professor, so geht das nicht!“, widersprach Frau Melzer. „Schließlich muss ich auch meine Dinge in Ordnung halten. Ich schreibe ja bloß noch rote Zahlen, und ganz besonders in Ihrer Abteilung, Herr Chefarzt. Da ist ...“

„Das verbitte ich mir! Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, kommen Sie heute Nachmittag in mein Büro. Und jetzt gehe ich essen.“

„In der Kantine?“, fragte seine Oberärztin.

„Ja, in der Kantine. Meine Frau ist heute nicht da. Kommen Sie mit?“

Dr. Nina Hegner lächelte erleichtert. „O ja“, antwortete sie, „wir sind ja auch hier soweit fertig.“ Und dann murmelte sie noch einen Gruß in Frau Melzers Richtung und schloss sich Winter an. Sie fuhren im Fahrstuhl nach unten, und Winter machte ein verbissen wirkendes Gesicht. Er war wütend. Dr. Nina Hegner wagte nicht, ihn anzusprechen. Sie wusste, dass der sonst sehr liebenswürdige Winter mitunter auch jähzornig aufbrausen konnte, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Sie hatte gelernt, abzuwarten.

Als sie dann im Casino einander gegenübersaßen und jeder sich mit seinem Essen beschäftigte, legte Winter plötzlich Messer und Gabel beiseite, blickte die hübsche junge Oberärztin an und sagte: „Es ist doch eigentlich unvorstellbar, dass in der heutigen Zeit, wo jedem das Wort sozial über die Lippen kommt wie etwas Selbstverständliches, Geld solche Macht genießt, dass wir diese Frau Hafermann eigentlich hätten abweisen müssen, weil sie nicht in der Lage war, ihren Aufenthalt in der Klinik zu bezahlen. Ist das nicht ungeheuerlich?“

Nina Hegner nickte. „Ja, das stimmt“, gab sie zu. „Was mich aber am meisten erregt, ist die Penetranz, wie diese Leute die Patienten traktieren, zu ihnen ins Zimmer laufen und dann mit ihren Formularen herumwedeln. Ich hatte deshalb schon gestern mit Frau Melzer eine Auseinandersetzung. Nun ist sie heute wiedergekommen. Frau Hafermann hat noch gar nichts bezahlt, verstehen Sie? Und die wollen wenigstens eine Anzahlung. Die Kasse, die sie hat, bezahlt im Grunde nur ein Bruchteil dessen, was es hier kostet. Von der Operation ganz zu schweigen. Sie ist eben völlig unterversichert. Aber das hat man oft bei Freiberuflern. Sie ist Malerin, verdient nicht viel. Aber sie malt hübsche Sachen. Ich habe mir ein paar Bilder angesehen, wirklich gut und ...“ Sie machte ein verlegenes Gesicht und blickte auf ihren Teller. „Ich habe auch ein Bild gekauft. Sie wollte nur hundert Mark dafür, ich habe ihr das Doppelte gegeben. Es ist ein sehr schönes Bild, ein Aquarell.“

„Landschaft, Stilleben, Porträt?“, fragte Winter.

Sie sah ihn wieder an. „Es ist eine Heidelandschaft, aber wirklich schön, so viel Stimmung“, schwärmte sie.

„Dann möchte ich die Bilder auch mal sehen. Vielleicht kaufe ich auch eines.“ Er lächelte, und Nina Hegner lachte leise.

„Ein Glück“, meinte sie. „Jetzt sind Sie Ihre Wut los, nicht wahr?“

Winter schwieg und aß weiter. Nach dem Essen ging Nina Hegner wieder auf die Station, er aber hatte sich vor genommen, mit seinem Freund Albert Rose zu sprechen, dem Primarius der Klinik und Chef der Chirurgie.

Er traf den brünetten, sympathisch wirkenden etwa Vierundvierzigjährigen in dessen Praxis. Professor Dr. Albert Rose stand gerade vor dem Lichtschirm und sah sich Röntgenaufnahmen an. Er wandte sich gar nicht um, als er den grüßenden Freund an der Stimme erkannte.

„Setz dich, Florian, ich bin gleich soweit.“

Winter trat neben ihn, statt sich zu setzen, blickte auf die Röntgenaufnahme einer Hüftgelenksluxation und meinte: „Sieht aus wie angeboren.“

„Ist es auch“, bestätigte Rose. „Aber um eine Prothese kommen wir nicht herum. Ich hatte gehofft, das ließe sich vermeiden. Die Frau ist erst achtunddreißig.“ Rose wandte sich Winter zu, lächelte und fragte: „Hast du was auf dem Herzen?“

Winter wurde ernst. „Und ob ich das habe.“

„In Ordnung, setzen wir uns. Soll dir meine Sekretärin einen Kaffee machen?“

Winter schüttelte den Kopf. „Nein, nein.“

„Ich habe Helga vorhin mit den Kindern gesehen. Sie ist in die Stadt gefahren, nicht wahr?“, meinte Rose.

Winter nickte. „Es geht nicht um Helga. Es geht um das System in dieser Klinik. Die Verwaltung geht mir allmählich immer mehr auf den Geist.“

Rose lachte. „Ist dir das auch schon aufgefallen? Wir haben eine sehr tüchtige kaufmännische Direktorin. Die hält die Kröten beisammen. Ich habe das letztens miterlebt, als wir eine neue Anschaffung zu machen hatten. Geiz ist fast kein Ausdruck mehr.“

Winter erzählte seinem Freund den Vorfall um die Frau Hafermann. Schließlich lehnte er sich zurück und sagte gedankenverloren: „Manchmal habe ich es so satt, Albert. Ich könnte den ganzen Krempel hier hinschmeißen. Mein Traum ist schon lange eine Privatklinik.“

„Weiß ich, das hast du mir schon so oft erzählt. Aber Träume sind Schäume.“ Albert Rose lächelte amüsiert. „Wir haben alle irgendeinen Traum, verwirklichen lässt er sich nur sehr selten.“

Ohne auf Roses Bemerkungen einzugehen, fuhr Winter fort: „Eine Klinik, wo man sehr vermögende Patienten hat, die es erlauben, auch Leute zu behandeln, die genau derselben Hilfe bedürfen, aber die Mittel nicht haben. Und dass es in unserem sozialen Netz eben noch immer Löcher gibt, beweist doch dieser Fall Hafermann. Eine Künstlerin, achtunddreißig Jahre alt, so wie diese Patientin mit der Hüftluxation.“ Winter machte eine Handbewegung in Richtung auf den Lichtschirm, in dem noch immer die Röntgenaufnahme steckte. „Eine relativ junge Frau. Wir haben sie operiert, die Sache ist in Ordnung, und irgendwann wird sie wohl die Kosten abbezahlt haben. Vielleicht bedeutet das für diese Frau, jahrelang sehr eingeschränkt leben zu müssen, vielleicht bedeutet es sogar Hunger. Aber immerhin ist ihr geholfen worden. Dass sie jetzt schon gelöchert wird, regelrecht traktiert von der Verwaltung, ist schon ein dicker Hund. Und dass es in unserem Staat Menschen gibt, die keinen Versicherungsschutz, nicht mal den einfachsten haben, ist auch ein Skandal für sich.“

„Es liegt aber an ihr, sie hätte sich besser versichern können“, meinte Rose.

„Was du nicht sagst!“, brauste Winter auf. „Wovon sollte sie denn die Versicherungsprämien zahlen? Eine private Versicherung wäre das gewesen, vielleicht auch eine freiwillige Versicherung. Aber dazu musst du vorher erst einmal angestellt gewesen sein. Vielleicht war sie das nie. Bleibt also nur die private Versicherung. Und wie die zuschlagen mit ihren Prämien, das weißt du doch. Sie hat also nicht die Mittel gehabt, sich so gut zu versichern. Soll sie nun deshalb ihr Talent begraben und irgendwo in einem Büro oder sonst wo arbeiten, nur weil sie dann eine gesetzliche Versicherung hat? Es gibt sehr viele Menschen, denen es so geht. Wir erfahren es ja immer wieder. Früher, mit unserem alten kaufmännischen Direktor, hatte ich keine Probleme. Und dieses Haus besteht immer noch, trotz mancher Verluste in dieser Richtung. Geldverluste meine ich. Dafür haben wir menschliche, medizinische Siege errungen. Aber jetzt, mit dieser Frau Melzer, geht mir das wirklich auf den Nerv.“

„Du wirst sie nicht wegbringen“, meinte Rose. „Sie genießt das Vertrauen der Gesellschafter. Und da die Stadt auch mit einem ordentlichen Batzen Anteile diese Klinik hält, findet sie da immer offene Ohren für ihre Anliegen. Es sind eben immer alles Krämerseelen. Was machst du dagegen?“ „Manchmal möchte ich das Handtuch werfen, einfach aufgeben, mich draußen als Frauenarzt niederlassen, damit ich mich mit diesem Krempel nicht mehr rumzuschlagen brauche.“

„Womit du das Problem als solches aber nicht gelöst hast“, ergänzte Rose.

Winter nickte deprimiert. „Stimmt. Ein Beispiel könnte man nur setzen mit einer Privatklinik. Abgesehen davon ist es hier sehr hektisch geworden. Und es wird immer schlimmer. Na ja, das sind so Träume, in denen ich mich übrigens mit Helga sehr einig sehe. Die denkt da genau wie ich.“

„Ich weiß“, bestätigte Rose. „Sie hat mir einmal gesagt, sie möchte am liebsten von Bonn weg. Es gefällt ihr hier nicht. Aber das ist eine reine Geschmacksache. Irgendwas ist immer. Eine Welt ohne Makel gibt es nicht.“

„Und ich muss wieder an meine Arbeit. Ich möchte aber doch die Gelegenheit nutzen, um ganz formell meinen Protest gegen die Praktiken der Frau Melzer dir als unserem Primarius unter die Weste zu schieben. Ich hoffe, das ist angekommen.“

Rose lachte. „Voll angekommen. Du findest sogar meinen Beistand. Bei der nächsten Sitzung werde ich denen das unterjubeln.“

„Dann tu das, mein Freund!“

Sie verabschiedeten sich mit Händedruck, und Winter wollte gerade das Zimmer verlassen, da schellte das Telefon. Rose, der direkt am Apparat stand, nahm den Hörer ab, meldete sich und rief dann Winter zu, als der die Tür schon geöffnet hatte: „Das ist für dich! Irgendwer hat schon wieder spitz gekriegt, dass du bei mir bist.“

Professor Winter kehrte zurück, nahm den Hörer und meldete sich. Es war Renate Angern, seine Sprechstundenhilfe.

„Herr Chefarzt, haben Sie Ihren Termin mit Herrn von Finkenstedt vergessen?“

„O ja, du lieber Gott!“, rief Winter und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Total untergegangen, tut mir leid. Ist es schon so spät?“

„Er wartet bereits seit zehn Minuten.Ich habe Sie überall gesucht.“

„In Ordnung, ich komme sofort.“ Er legte auf, sah Rose an, und der hatte wohl begriffen, was geschehen war.

„Ja, siehst du“, meinte der Chirurg, „allmählich fängt auch bei dir die Verkalkung an.“ Er lachte spöttisch. Winter nahm die Haltung eines kampfbereiten Boxers ein. „Soll ich dich verprügeln?“, fragte er launig.

„Du würdest sowieso verlieren“, hetzte Rose und tat ebenfalls, als stünde er im Boxring, hatte die Fäuste erhoben, und beide machten grimmige Gesichter. In dem Augenblick klingelte wieder das Telefon.

„Ende der ersten Runde“, scherzte Rose und nahm den Hörer. Winter winkte seinem Freund zu und verließ das Zimmer nun endgültig. Ein paar Minuten später begrüßte er in seinen Räumen im dritten Stock einen Mann von etwa Mitte Vierzig mit schon relativ dünnem dunkelblondem Haar und grauen Schläfen. Der Mann hatte blaue Augen, sein Gesicht war schmal und wirkte auf Winter sehr sympathisch.

„Nehmen Sie doch Platz, Herr von Finkenstedt. Sie hatten mich um diese Unterredung ersucht und, wie ich weiß, lange darauf warten müssen, diesen Termin zu bekommen.“ Er deutete wieder auf den freien Stuhl dem Tisch gegenüber, und von Finkenstedt setzte sich. Winter tat es auch und blickte sein Gegenüber gespannt an.

„Es geht um meine Frau“, sagte von Finkenstedt. „ Die Ärzte haben sie aufgegeben; die Ärzte, bei denen sie bisher behandelt wurde ...“

Professor Dr. Winter wusste nichts von seinem Besucher, außer der Tatsache, dass er den Namen eines Adligen trug. Aber das besagte für Winter nicht viel. Es gab eine Menge Leute, die adlig waren und keinesfalls über ein großes Vermögen verfügten. Einer der Notarztwagenfahrer, der oft hier in die Klinik kam, war ebenfalls ein Adliger, und dabei nur ein einfacher Sanitäter. Winter machte auch keine Unterschiede, was diese Dinge anging.

Was er nun von seinem Besucher hörte, war für ihn nur im medizinischen Sinne interessant. Aber ob alles so stimmte, wie von Finkenstedt sagte, ließ Winter für sich völlig offen. Erst eine Einsicht in die Untersuchungsunterlagen und die eigene Erkenntnis würden ein fest umrissenes Bild ergeben. Im Augenblick hörte Winter nur zu.

Er hörte die Geschichte einer Zweiundvierzigjährigen, die er noch nie gesehen hatte. Aber wie ihr Mann jetzt erzählte, hatte seine Frau die ersten Beschwerden bereits vor zwei Jahren gespürt, war dann zum Arzt gegangen und, wie von Finkenstedt behauptete, offenbar falsch behandelt worden. Als die Beschwerden zunahmen, wechselte von Finkenstedts Frau den Arzt, und der schickte sie zur stationären Beobachtung in eine Münchner Klinik. Bei dieser Gelegenheit erfuhr Winter auch, dass die von Finkenstedts in München zu Hause waren.Aber bevor er sich darüber wundern konnte, wieso von Finkenstedt hier zu ihm nach Bonn gekommen war, erzählte der schon weiter: „In der Klinik stellten sie nach langen Untersuchungen eine bösartige Geschwulst nahe der Gebärmutter fest. Nicht direkt an der Gebärmutter, wie Sie aus den Unterlagen, verehrter Herr Professor, die ich Ihnen mitgebracht habe, ersehen können. Also kein typisches Cervix oder Uteruskarzinom. Und das Untypische daran hat ja den wahren Befund lange verschleiert“, fuhr von Finkenstedt fort, und die Besorgnis war seinem Gesicht abzulesen wie Wörter aus einem Buch.

„Und was wurde gemacht, eine Operation?“

Von Finkenstedt schüttelte den Kopf. „Man behauptete, die Geschwulst säße bedrohlich nah an ausgeprägten Blutgefäßen. Man könne hier, ohne den Krebs sofort im ganzen Körper zu streuen, nur mit Bestrahlung arbeiten. Eine Operation fand zwar statt, aber eigentlich nur zur Besichtigung und zur Erhärtung des Befundes. Eine Inspektion sozusagen; man wagte nicht einzugreifen. Die Bestrahlung wurde eingeleitet, brachte vorübergehende Besserung. Gleichzeitig wurden starke pharmazeutische Mittel angewandt. Meiner Frau fielen die Haare aus. Es war grässlich. Sie ist eine so hübsche Frau. Sie wurde regelrecht verstümmelt auf diese Weise. Aber das alles war in den Nebenwirkungen stärker als in der Bekämpfung der eigentlichen Krankheit. Sie konnte nichts mehr essen, übergab sich dauernd, bekam schlimme Durchfälle, die kaum zu stoppen waren, auch nicht mit Medikamenten. Und schließlich habe ich sie dort weggenommen und nach Hause gebracht. Seither fühlt sie sich wenigstens etwas besser, obgleich die Beschwerden natürlich nach wie vor da sind. Im Grunde sogar schlimmer. Aber ihr Haar wächst nach. Wir haben die Chemotherapeutika völlig abgesetzt.

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