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Arthritis heilen

Dr. Susan Blum
mit Michele Bender

Arthritis heilen

Gesunder Darm – gesunde Gelenke:
Das individuelle 3-Schritte-Programm
zur natürlichen Behandlung
rheumatischer Erkrankungen

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VAK Verlags GmbH
Kirchzarten bei Freiburg

Für all meine wunderbaren Patientinnen und Patienten,
die mir geholfen haben,
dieses Konzept zu erarbeiten.
Und für alle Leserinnen und Leser,
die nun davon profitieren können.

Hinweise des Verlags

Dieses Buch dient der Information über Möglichkeiten der Gesundheitsvorsorge. Wer sie anwendet, tut dies in eigener Verantwortung. Autorin und Verlag beabsichtigen nicht, Diagnosen zu stellen oder Therapieempfehlungen zu geben. Ziel des Buches ist es, ernährungsphysiologisch bedeutsame Informationen zu beleuchten sowie Vorschläge zur ernährungsbedingten Unterstützung sowie zur Erhaltung der Gesundheit anzubieten. Die vorgestellten Vorgehensweisen sind nicht als Ersatz für professionelle Behandlung bei ernsthaften Beschwerden zu verstehen.

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Teil 1: Welche Arthritis haben Sie?

Kapitel 1: Rheumatoide Arthritis

Kapitel 2: Spondyloarthritis

Kapitel 3: Arthrose

Kapitel 4: Weitere arthritische Krankheitsbilder

Teil 2: Heilung für den Darm, Heilung für die Gelenke

Kapitel 5: Die Verbindung zwischen Darm und Gelenken

Kapitel 6: Den Darm heilen

Teil 3: Den Boden bestellen

Kapitel 7: Ernährung und Entzündungsbereitschaft

Kapitel 8: Stress und Trauma als Entzündungsfaktoren

Teil 4: Das Drei-Stufen-Konzept zur Arthritisbehandlung

Kapitel 9: Meine Geschichte: Wie alle Elemente zusammenfanden

Kapitel 10: Das Drei-Stufen-Konzept gegen Arthritis

Kapitel 11: Rezepte

Schlusswort

Danksagung

Anhang

Anmerkungen und Quellen

Stichwortverzeichnis

Über die Autorin

VORWORT

Warum ist die Darmgesundheit so entscheidend?

In Bezug auf gesundheitliche Fragen steht der Darm im 21. Jahrhundert im Mittelpunkt des Interesses. Ein Übermaß an unerwünschten Bakterien und sonstigen Mikroorganismen im Darm wird inzwischen mit zahlreichen medizinischen Diagnosen in Verbindung gebracht, darunter Autismus, Adipositas, Diabetes, Allergien, Arthritis, Autoimmunerkrankungen, Depressionen sowie bestimmte Krebsformen, Herzprobleme, Fibromyalgie, Ekzeme und Asthma. Fast täglich werden neue Zusammenhänge zwischen chronischen Erkrankungen und einem entgleisten Mikrobiom (auch als Darmflora bezeichnet) bekannt, und die diversen Formen der entzündlich bedingten Gelenkveränderungen sind hier keine Ausnahme.

Die westliche Medizin hat bei der Behandlung akuter Erkrankungen große Fortschritte erzielt, besonders wenn diese durch Verabreichung eines passenden Medikaments heilbar sind. Doch bei chronischen Erkrankungen, die auf Faktoren der Lebensweise beruhen, zum Beispiel Ernährung oder Stress, versagen wir kläglich. Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte der französische Mikrobiologe und Chemiker Louis Pasteur (bekannt durch den nach ihm benannten Pasteurisierungsprozess) die Mikroorganismen, die Infektionen hervorrufen. Rund 75 Jahre später entwickelte der schottische Biologe Alexander Fleming Antibiotika dagegen. Dieser schlichte Ursache-Wirkung-Ansatz – ein Erreger, eine Krankheit, ein Gegenmittel – mag für Infektionen zutreffen, hilft bei chronischen Erkrankungen jedoch nicht weiter.

Wir suchen nach wie vor vergeblich nach Heilmitteln gegen chronische Erkrankungen einschließlich kardiovaskulärer Krankheiten, Immunkrankheiten und Demenz. Die Medizingeschichte wurde zur Suche nach dem Heiligen Gral: gegen jede Krankheit eine Pille. Dieser gescheiterte Ansatz wird weiterhin scheitern, weil chronische Erkrankungen aus dem komplexen Zusammenspiel von Erbanlage, Lebensweise und Umwelt erwachsen. Ein Wundermittel gibt es nicht. Erforderlich ist eine ausgewogene und dauerhafte Lebensstiländerung.

Viele Wissenschaftler bezeichnen den Darm mittlerweile als unser „zweites Gehirn“. Hierzu gibt es ganz hervorragende Veröffentlichungen wie Der gute Darm von Justin und Erica Sonnenburg, Scheißschlau von David Perlmutter, Das Mikrobiom – Heilung für den Darm von Robynne Chutkan und The Gut Balance Revolution von Gerard E. Mullin. Der Darm spielt für die Gesundheit insgesamt eine entscheidende Rolle und steht mit allem in Verbindung, was im Körper geschieht. Deshalb beginne ich wie Dr. Blum und ganz ähnlich wie in ihrem Behandlungsansatz, den sie in diesem Buch darstellt, bei Patienten mit chronischen Gesundheitsproblemen praktisch immer mit einer Darmbehandlung.

Wie wichtig ein gesunder Darm ist, versteht man eigentlich erst, wenn man sich klar macht, dass der Darm viele Billionen Bakterien enthält – mehr als ein Kilo und rund 1 000 verschiedene Arten. Unser Körper besitzt etwa 22 000 menschliche Gene und dazu zwei Millionen (oder mehr) Bakteriengene.

Alles in allem ist der Darm eine gewaltige Chemiefabrik, die an der Verdauung unserer Nahrung beteiligt ist, aber auch Vitamine erzeugt, Hormone reguliert, Giftstoffe ausscheidet, heilsame Substanzen produziert und vieles mehr. Ein gesunder Darm müsste definitionsgemäß für optimale Verdauung, Nährstoffaufnahme und Verwertung der Nahrung sorgen. Diese umfassende Aufgabe wird jedoch von vielen anderen Faktoren beeinflusst. Die Mikroorganismen im Darm bilden ein artenreiches Ökosystem mit wechselseitigen Abhängigkeiten wie in einem Regenwald. Damit wir gesund bleiben, muss das passende Gleichgewicht herrschen. Zu viel von der falschen Art (ob Parasiten, Hefepilze oder unerwünschte Bakterien) oder zu wenig von den erwünschten Arten (Lactobacillus oder Bifidobacteria) können der Gesundheit großen Schaden zufügen.

Dr. Susan Blums bahnbrechendes Werk ist eine hervorragende Anleitung zur Selbstheilung, mit deren Hilfe man Krankheitsursachen angehen und Entzündungen eindämmen kann, damit die Gelenkschmerzen heilen. Sie präsentiert Millionen Menschen, die unnötigerweise unter Arthritis leiden, einen klaren Fahrplan zur Gesundung und stellt Lösungen zur Sanierung des Darms sowie eine Ernährungsumstellung, Ergänzungsmittel und Lebensstiländerungen vor, um diese Probleme zu bewältigen oder gar rückgängig zu machen. Dr. Blums Antrieb, diese Ansätze zu entwickeln, stammt aus ihrem persönlichen Kampf gegen ihre Arthritis, die sie mithilfe des hier dargestellten Programms erfolgreich behandeln und heilen konnte.

Das optimale Gleichgewicht im Darm beruht auf einer ballaststoffreichen Ernährung mit gesunden Proteinen und Fetten. Gute Fette und Öle wie Omega-3-Fettsäuren und einfach ungesättigte Fettsäuren zum Beispiel aus kalt gepresstem Olivenöl (extra vergine) oder Mandeln stärken eine gesunde Darmflora, wohingegen entzündungsfördernde Fette wie Omega-6-Fettsäuren aus pflanzlichen Ölen eine ungünstige Keimbesiedelung fördern, die dick und krank macht. Auch Schlafmangel fördert ein unausgewogenes Mikrobiom. Sieben bis acht Stunden ungestörter Schlaf gelten als erstrebenswert. Da unsere Mitbewohner im Darm tatsächlich auf unsere geistige und psychische Verfassung reagieren, ist es zudem wichtig, jeden Tag bewusst für Entspannung und Stressabbau zu sorgen. In diesem Buch finden Sie ein leicht umsetzbares Ernährungskonzept und Anregungen für Entspannungsmethoden. Falls Sie unter Arthritis oder einer hohen Entzündungsbereitschaft leiden und einen Behandlungsansatz suchen, der das Problem bei der Wurzel packt, anstatt es nur medikamentös anzugehen, werden Sie hier fündig.

Mark Hyman, M.D.,
Medical Director am Cleveland Clinic’s Center
for Functional Medicine,
Gründer des UltraWellness Centers und
New York Times-Bestsellerautor

Einleitung

Die Statistik ist ernüchternd: In den Vereinigten Staaten ist etwa jeder Vierte von Arthritis oder Arthrose betroffen. Schätzungen gehen von mehr als 54 Millionen Erwachsenen aus, also über 22 Prozent der US-Bürger. Das ist jedoch nur ein Teil der Betroffenen. Hochrechnungen zufolge müssen wir bis zum Jahr 2030 weltweit mit 580 Millionen Betroffenen ab 18 Jahren rechnen. (Ich weiß, das ist schwer zu glauben, weil „Arthritis“ nach wie vor oft als Alterskrankheit gilt.) Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen. Bei Arthritis kommt es für gewöhnlich zu so starken Gelenkschmerzen und Entzündungen, dass fast die Hälfte der diagnostizierten Patienten deshalb körperliche Einschränkungen angibt. Bedauerlicherweise betrifft dies auch die körperliche Leistungsfähigkeit, wodurch das Risiko für weitere Gesundheitsrisiken wie Diabetes, Adipositas und Herzkrankheit ansteigt.

Solche Zahlen sind natürlich erschreckend, doch wenn Sie selbst mit Arthritis leben, wird die Statistik nebensächlich. Dann tritt die persönliche Lebensqualität in den Vordergrund. Als Ärztin arbeite ich seit fast 20 Jahren auf der Basis der funktionellen Medizin, wo ich inzwischen als Expertin gelte. Ich habe viele Hundert Menschen mit schwerer Arthritis gesehen, bei denen chronische Schmerzen mit Schwellungen an einem oder mehreren Gelenken gepaart waren. Schon in meiner eigenen Praxis kam dies häufig vor, und seit ich das Blum Center for Health in Rye Brook, New York, gegründet habe, sehe ich noch mehr solcher Patienten.

Aufgrund meiner Erfahrung aus der tausendfachen Behandlung von Patienten mit entzündlich bedingten Erkrankungen – einschließlich Arthritis in diversen Erscheinungsformen – bin ich davon überzeugt, dass die funktionelle Medizin diese potenziell verkrüppelnden Gelenkprobleme besser heilen kann als die Schulmedizin. Funktionelle Medizin ist ein ganzheitlicher Behandlungsansatz, der nicht nur die Symptome betrachtet, sondern den ganzen Menschen einbezieht. Ich betrachte die funktionelle Medizin als Spezialgebiet in der Fachrichtung der integrativen Medizin, die komplementäre und alternative Heilverfahren in das individuelle Behandlungsschema einbezieht. Hierzu zählen beispielsweise auch Akupunktur, Homöopathie, Psychosomatik oder Craniosacral-Therapie. In meinen Augen gleicht ein guter funktioneller Arzt einem medizinischen Detektiv, der alle Hinweise aus der Vergangenheit (wo jemand aufgewachsen ist, Familiensituation, traumatische Ereignisse, Vorerkrankungen und so weiter) und der Gegenwart (Umwelt, soziale Faktoren, Stress, Beziehungen, Ernährung – nicht nur, was Sie essen, sondern auch die Qualität –, körperliche Aktivität, Schlaf, die Symptome und andere wichtige Faktoren) ermittelt. Anhand dieser Informationen wird dann überlegt, inwiefern und aus welchem Grund der Körper nicht gut funktioniert (daher der Begriff „funktionelle“ Medizin). Krankheit wird somit anders betrachtet und auch anders angegangen als in der klinischen Medizin.

Umgekehrt konzentriert sich die konventionelle Medizin üblicherweise auf die Symptome einer Arthritis und setzt auf starke Schmerzmittel und Immunsuppressiva, um diese Symptome zu bekämpfen. Solche Medikamente können die persönlichen Beschwerden tatsächlich vorübergehend eindämmen. Bei starken Schmerzepisoden sind sie ebenso hilfreich wie notwendig. Die Grunderkrankung wird damit jedoch nicht angegangen. Am liebsten erkläre ich diese Zusammenhänge über eine Analogie von Sidney Baker, einem bekannten Präventionsmediziner, der gern als Vater der funktionellen Medizin bezeichnet wird. Er sagte: „Wenn Sie auf einem Reißnagel sitzen, brauchen Sie kein Schmerzmittel. Sie brauchen jemanden, der den Reißnagel findet und entfernt.“

In Bezug auf Arthritis müssen wir also den jeweiligen „Reißnagel“ finden, der für die schmerzhaften, einschränkenden Symptome verantwortlich ist, und ihn entfernen. In diesem Buch lernen Sie, welche Ursachen in Frage kommen und wie man sie angeht.

Ein weiterer Nachteil an Medikamenten ist, dass sie den Magen-Darm-Trakt schädigen. Der Magen-Darm-Trakt ist ein langer innerer Schlauch, der vom Mund zum Magen verläuft und anschließend in Dünn- und Dickdarm mündet. Seine Oberfläche ist so groß wie ein Tennisplatz. Da in diesem Bereich 70 Prozent unseres Immunsystems angesiedelt sind, kann jede Schädigung die Gesundheit erheblich beeinträchtigen und so zum Beispiel eine Arthritis verschlimmern, die Entzündungsbereitschaft erhöhen und Autoimmunerkrankungen auslösen. Der Magen-Darm-Trakt ist ein gutes Beispiel für solch einen „Reißnagel“, der behandelt werden muss, damit eine Arthritis besser wird.

2013 erschien mein erstes Buch, Autoimmunerkrankungen erfolgreich behandeln (2014 auf Deutsch bei VAK erschienen). Danach bin ich wiederholt in der Dr. Oz Show und anderen Sendungen im US-Fernsehen aufgetreten, um zu erläutern, wie ich entzündliche Erkrankungen behandele. Daraufhin suchten immer mehr Patienten mit derartigen Erkrankungen meinen ärztlichen Rat. Erstaunlicherweise hatte die breite Mehrheit darunter Arthritis! Viele hatten rheumatoide Arthritis (RA), etliche Psoriasisarthritis (PsA), andere kämpften mit verschiedenen Autoimmunkrankheiten wie Lupus erythematodes (Kurzform: Lupus) oder dem Sjögren-Syndrom, das mit entzündlichen Gelenkveränderungen einhergeht. Hinzu kamen Patienten mit Gelenkschmerzen und -schwellungen, bei denen keine dieser Erkrankungen eindeutig diagnostiziert werden konnte, sowie viele mit Arthrose (OA, von englisch: Osteoarthritis), deren Schmerzen auf Entzündungsprozesse zurückzuführen waren.

Als ich mit diesen Patienten intensiv an ihrer Gesundung und einer verbesserten Lebensqualität arbeitete, schälte sich für die Arthritispatienten ein eigenständiger Behandlungsansatz heraus, bei dem es in erster Linie um die Gelenke und – aufgrund neuester Forschungsergebnisse – die Darmsanierung ging. Zudem erkannte ich, dass Menschen mit chronisch entzündlichen Erkrankungen ein Konzept benötigen, dass dauerhafte Heilung und Gesundheit verspricht und sie dabei unterstützt, das Begonnene zu Ende zu führen. Seit meinem ersten Buch haben neue Untersuchungen bestätigt, was die funktionelle Medizin ihren Patienten seit Jahren anbietet: Arthritis und Entzündungsprozesse gehen vom Darm aus und müssen dort behandelt werden. Parallel dazu erwarb ich in diesem Zeitraum kostbares Wissen, wie man Rückfälle verhindern kann. Auch wenn ich Autoimmunerkrankungen erfolgreich behandeln nach wie vor als Goldstandard für die Behandlung von Autoimmun- und entzündlich bedingten Erkrankungen betrachte, habe ich ein spezielles, innovatives Behandlungskonzept für Arthritis entwickelt, das ich in diesem Buch vorstelle. Ich weiß, dass dieses Programm hilft, denn ich habe es bei allen betroffenen Patienten in meiner Praxis eingesetzt. Ich weiß es aber auch, weil ich damit meine eigene Arthritis geheilt habe.

In meinem letzten Buch habe ich berichtet, wie ich meine Hashimoto-Thyreoiditis, eine Autoimmunstörung der Schilddrüse, erfolgreich behandeln konnte. Dadurch verschwanden dank des funktionellen Ansatzes auch meine Probleme mit einer hohen Quecksilberbelastung sowie die Blähungen und die Verstopfung, die mir seit meiner Kindheit zu schaffen machten. Dieser Weg zur Heilung hatte entscheidenden Anteil an der Entstehung des Behandlungsansatzes, den ich in Autoimmunerkrankungen erfolgreich behandeln näher erläutert habe. Dank passender Ernährung, Sport und Stressbewältigungsmethoden bin ich seit fünf Jahren gesundheitlich stabil. Mein Leben ist ausgewogen. Ich fühle mich im Gleichgewicht. Doch wie John Lennon schon in Beautiful Boy sang: „Leben ist das, was passiert, während du andere Pläne schmiedest.“ Und somit präsentierte mir das Leben nicht nur einen, sondern gleich zwei erschütternde Ereignisse.

Zuerst hatte mein 19-jähriger Sohn einen schlimmen Skateboard-Unfall, bei dem er ein massives Schädel-Hirn-Trauma erlitt. In der Klinik lange Nächte voller Panik an seinem Bett zu wachen, zählt zu meinen schlimmsten Lebenserfahrungen. Es folgten angsterfüllte Wochen, Monate und Jahre, in denen er um einen voll funktionierenden Körper rang. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich gerade mein Blum Center for Health eröffnet, wo meine Patienten unter demselben Dach nicht nur nach aktuellsten Erkenntnissen der funktionellen Medizin behandelt werden konnten, sondern auch die erforderlichen Lebensstilveränderungen für ihre Genesung lernen sollten. Wir hatten ein Komplettangebot von der Kochschule bis hin zu Angeboten für Körper, Geist und Seele entwickelt. Obendrein schrieb ich gleichzeitig an meinem ersten Buch. Die Eröffnung des Gesundheitszentrums und die Arbeit als Autorin beflügelten mich, doch beides waren umfangreiche Projekte, und am Ende ist auch positiver Stress eben doch nur Stress.

Ich war derart ausgelastet, dass ich nicht mehr regelmäßig meditierte, obwohl mir das seit Jahren gutgetan hatte. Bald achtete ich auch weniger konsequent auf meine Ernährung, aß kleine Mengen Milcherzeugnisse und glutenhaltige Speisen und trank mehr Alkohol und mehr Kaffee. Hinzu kam, dass ich immer seltener Gelegenheit zu Sport, Yoga und langen Spaziergängen in der Natur fand, mit denen ich zuvor regelmäßig für Ausgleich gesorgt hatte. Kurzum: Ich kümmerte mich nicht mehr um mein eigenes Wohl.

Wenn nun der Unfall meines Sohnes das einzige schlimme Ereignis geblieben wäre, wäre ich sicher wieder zur Vernunft gekommen und hätte zu der ausgezeichneten Selbstfürsorge zurückgefunden, die ich so lange schon praktizierte. Dann jedoch erlag mein Vater unerwartet einem schweren Schlaganfall. Der Schock, ihn so plötzlich im Alter von 77 Jahren zu verlieren, sowie der nachfolgende Konflikt zwischen meiner Mutter und einigen Geschwistern waren äußerst schmerzlich. Es folgte ein sehr anstrengendes Jahr. Wie viele andere Frauen wusste auch ich, dass meine Familie mich brauchte. Also riss ich mich zusammen, um allen anderen beizustehen. Ich arbeitete weiter, behandelte Patienten und führte das Blum Center for Health. Ich beherrschte meine Gefühle, tröstete meine Kinder, die ihren geliebten Großvater verloren hatten, und bemühte mich, mit dem Rest der Familie all die Dinge zu klären, die nach dem Tod eines Angehörigen aufkommen.

Nachdem jedoch die akuten Ereignisse bewältigt waren und sich alles wieder beruhigte, zeigten sich die Nachwehen dieser Belastung. Die Symptome enthüllten, dass ich auch körperlich gelitten hatte. Meine Verstopfung und die Blähungen kehrten zurück, und mir fiel auf, dass drei meiner Finger zeitweise schmerzten, wenn ich sie krümmte oder zusammendrückte. Manchmal wirkten sie auch geschwollen. Ich achtete nicht weiter darauf. Eines Morgens jedoch war mein linkes Auge beim Erwachen knallrot und schmerzte. Das erschreckte mich sehr. Der Augenarzt stellte eine Episkleritis fest, eine Entzündung einer dünnen Bindegewebsschicht (Episklera), die zum weißen Teil des Auges gehört. Als ich mich näher damit befasste, zeigte sich, dass diese Erkrankung mit Gelenkentzündungen in Verbindung stehen kann, insbesondere mit rheumatoider Arthritis.

Ich gehe davon aus, dass meine Episkleritis durch den traumatischen Stress ausgelöst wurde, dem ich damals ausgesetzt war. Seelische Verletzungen und Stress gehören zum Leben. Wir verlieren Eltern und Geschwister. Manche Menschen verlieren Kinder, viele machen eine Scheidung durch oder werden arbeitslos. Dass traumatische Ereignisse und Krankheit zusammenhängen, ist keine große Überraschung.

Wie ich letztlich meine Gelenkentzündungen in den Griff bekam, erfahren Sie in Kapitel 8, „Stress und Trauma als Entzündungsfaktoren“, und in Kapitel 9, „Meine Geschichte: Wie alle Elemente zusammenfanden.“ Die Kurzfassung lautet, dass ich meinen Darm sanieren und das psychische Trauma angehen musste. Ich musste an meinem emotionalen Wohlbefinden arbeiten, nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig, denn es sollte mir auf Dauer gut gehen. Anfangs konzentrierte ich mich auf meine Ernährung und nahm bestimmte Nahrungsergänzungsmittel zu mir. Außerdem achtete ich auf meine Psyche und meinen Umgang mit Stress.

Dass ich Ärztin bin, bedeutet nicht, dass ich im Handumdrehen wieder gesund wurde. Ganz und gar nicht. Doch diese Erfahrung und alles, was ich von meinen Patienten gelernt hatte, halfen mir, ein Behandlungskonzept für Arthritis zu entwickeln. Das Konzept ist so wirkungsvoll, dass sich meine Symptome schon in den ersten zwei Wochen deutlich besserten. Ich fühlte mich wieder deutlich gesünder, womöglich fitter denn je, und dies wiederum trug dazu bei, dass ich dieses Wohlbefinden langfristig erhalten wollte. Heute flackern meine Symptome nicht mehr auf, und ich kann mein Leben genießen (auch das gelegentliche Glas Wein) und Rückfällen vorbeugen. Das wünsche ich Ihnen ebenfalls.

Ehe ich die Arthritisbehandlung genauer erläutere, sollten wir klären, was Arthritis überhaupt ist. Über diese Erkrankung herrscht selbst unter den Betroffenen großes Unwissen. Die größte Fehleinschätzung ist, dass nur alte Menschen an Arthritis erkranken. Das stimmt leider nicht. 2010 bis 2012 gaben bei einer Umfrage in den USA 7,3 Prozent der 18- bis 44-Jährigen an, ein Arzt hätte bei ihnen Arthrose oder Arthritis diagnostiziert. In der Altersgruppe zwischen 45 und 64 Jahren erhöhte sich diese Zahl laut Angaben der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control und Prevention) auf 30,3 Prozent. Das sind knapp ein Drittel aller Erwachsenen mittleren Alters. Die zahlreichen Arthritisformen lassen sich grob den folgenden Hauptkategorien zuordnen.

1. Rheumatische Gelenkerkrankungen: Diese Kategorie umfasst diverse Autoimmunkrankheiten, von denen die rheumatoide Arthritis („Rheuma“) mit weltweit etwa 68 Millionen Betroffenen am bekanntesten ist. Rheumatoide Arthritis ist die häufigste Autoimmunerkrankung, von der im Laufe ihres Lebens etwa ein Prozent der Bevölkerung betroffen ist. Frauen erkranken etwa zwei- bis dreimal so häufig wie Männer. Innerhalb von zehn Jahren nach der Erstdiagnose einer rheumatoiden Arthritis können laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mindestens die Hälfte der Erkrankten keiner Vollzeittätigkeit mehr nachgehen. In diese Kategorie fallen auch andere autoimmunbedingte Gelenkentzündungen wie Psoriasisarthritis und ankylosierende Spondyloarthritis sowie Autoimmunerkrankungen wie Lupus, das Sjögren-Syndrom, Sklerodermie und Fibromyalgie, bei denen Arthritis häufig zum Symptomenkomplex gehört.
Hinzu kommen zunehmend undifferenzierte (oder nicht diagnostizierte) Gelenkentzündungen, bei denen die Testergebnisse keine klare Diagnose erlauben und die Ärzte nicht wissen, welche Form von Arthritis vorliegt. Die undifferenzierte Arthritis gilt somit als entzündlich bedingte Arthritis in einem sehr frühen Stadium. 30 Prozent der Betroffenen aus dieser Kategorie entwickeln langfristig eine rheumatoide Arthritis. Das unterstreicht, wie wichtig es ist, diese Beschwerden rechtzeitig mit einem Konzept wie meinem zu behandeln – ehe sie weiter fortschreiten. (Viele Patienten, die mich mit nicht diagnostizierter Arthritis aufsuchen, sagen, ihre Rheumatologen würden bei ihnen auf rheumatoide Arthritis im Frühstadium tippen und hätten ihnen daher starke Antirheumatika verordnet, obwohl noch keine eindeutige Diagnose vorläge.)

2. Arthrose (Osteoarthritis): Diese sehr häufige Arthritisform wird auch als degenerative Gelenkerkrankung bezeichnet und vielfach von Gelenkschäden infolge einer Verletzung oder wiederholten Belastungen (Verschleiß) ausgelöst. Solche Belastungen können auf Sport zurückgehen (zum Beispiel jahrelanges Laufen oder Tennisspielen), auf berufliche Überbeanspruchung (Tastaturschreiben, Knien als Fliesenleger) oder auf einen Unfall (ein gebrochenes Handgelenk bei einem Sturz). Doch nicht nur Verletzungen und Überlastung sind Risikofaktoren für Arthrose. Neuesten Untersuchungen zufolge haben starkes Übergewicht, Diabetes und eine Ernährung mit einem hohen Anteil an Zucker und entzündungsfördernden Fetten (gesättigte tierische Fette und stark verarbeitete, gehärtete Öle) einen noch größeren Einfluss auf die Entstehung dieser Erkrankung sowie auf die Schmerzintensität. Bei Arthrose sind normalerweise bestimmte Gelenkveränderungen auf dem Röntgenbild erkennbar.

3. Infektionsbedingte Arthritis: Solche Gelenkentzündungen gehen auf eine Entzündung durch Bakterien (z. B. Borreliose), Viren oder die Reaktion auf einen sonstigen Infektionsherd im Körper zurück (reaktive Arthritis). Behandelt wird die Grunderkrankung. Diese Form der Arthritis spreche ich in diesem Buch nicht an, möchte sie jedoch kurz erwähnen, wenn es um die Frage der richtigen Diagnose geht.

Mein Behandlungskonzept für Arthritis bezieht sich auf entzündlich bedingte Arthritis und Arthrose und erklärt, woran man erkennt, dass keine infektionsbedingte Arthritis vorliegt. Meiner Erfahrung nach kommen mitunter unterschiedliche Arthritisformen an einem Gelenk zusammen. So kann eine Arthrose zu rheumatoider Arthritis fortschreiten, wenn im Körper weitere Entzündungsprozesse in Gang kommen. Das Fazit lautet: Entzündungen im Körper verschlimmern Gelenksymptome. Daher erhöht mein Programm bei jeglicher Form von Arthritis das Allgemeinbefinden und senkt den Arzneimittelbedarf.

Wie lässt sich Arthritis heilen?

Aus jahrelanger Erfahrung in der Behandlung und Nachbetreuung meiner Patienten, aber auch im Umgang mit meiner eigenen Autoimmunerkrankung weiß ich, dass die akuten Maßnahmen normalerweise kurzfristig umsetzbar sind. Wenn es den Betroffenen nach dem anfänglichen Ruck etwas besser geht, brauchen sie jedoch ein Konzept, das ihre Widerstandsfähigkeit stärkt, damit sie nicht erneut erkranken, wenn weitere Belastungen hinzukommen. Arthritis heilen erklärt, wie man den Teufelskreis der Entzündungsbereitschaft durchbricht und aus der Endlosschleife „Stress-Darm-Arthritis“ aussteigt. Das geht nur, indem man sich aktiv auf Selbsterkenntnis, Selbstfürsorge und einen heilsamen Umgang mit sich selbst einlässt. In diesem Buch werden wahre Geschichten erzählt – auch meine eigene –, anhand derer ich die verschiedenen Arten der Arthritis und meine Behandlungsansätze erläutere. Die jeweilige Krankengeschichte, die Schwierigkeiten und Erfolge sowie die individuellen Verordnungen werden detailliert dargestellt. Es geht mir darum, dass meine Leserinnen und Leser sich in diesen Patientengeschichten wiedererkennen und daraus die Hoffnung schöpfen, dass es auch ihnen besser gehen kann.

Teil 1 – „Welche Arthritis haben Sie?“ – befasst sich mit den unterschiedlichen Erscheinungsformen einer Arthritis: Worum handelt es sich, von welchen Ursachen geht die Wissenschaft aus, was wissen wir über die Therapiemöglichkeiten? Es werden alle Formen der Arthritis dargestellt, weil ich es für maßgeblich halte, dass Sie wissen, warum Sie Arthritis haben. Selbst wenn Ihr Arzt die aktuellsten Forschungsarbeiten nicht kennen mag, wissen wir doch eine Menge über die Ursachen von Entzündungen und Gelenkschmerzen. Dieses Buch präsentiert ein Behandlungskonzept, das die wahren Ursachen Ihrer Arthritis beseitigt. Nur so lässt sie sich dauerhaft heilen. Daher ist es wichtig, dass Sie sich mit den wissenschaftlichen Hintergründen dieses Konzepts auseinandersetzen oder sich zumindest bewusst machen, dass es wissenschaftlich fundiert ist. Die verschiedenen Arthritisformen stelle ich unter anderem vor, weil Sie wissen müssen, was Sie selbst haben. Zum Beispiel gehen rheumatische Gelenkerkrankungen und Arthrose zwar in vielerlei Hinsicht auf ähnliche Ursachen zurück und werden ähnlich behandelt, aber es gibt auch entscheidende Unterschiede.

Mein Vorschlag zur Nutzung von Teil 1 lautet: Wenn Sie Ihre Diagnose kennen, dürfen Sie direkt zu diesem Kapitel weiterblättern und den Rest überspringen. In Ihrem Kapitel finden Sie die nötigen Informationen zur Ursache Ihrer Arthritisform und zu den Tests und Symptomen, an denen Sie Ihre Fortschritte erkennen können. Schließlich geht es in erster Linie darum, dass Sie symptomfrei leben können. Besonders bei Menschen mit rheumatoider Arthritis geht es jedoch beispielsweise auch um eine Normalisierung der Blutwerte. Wenn Sie wissen, von welcher Arthritisform Sie betroffen sind, wissen Sie, wo Sie diese Informationen finden und können auch die Fallgeschichten der Betroffenen nachlesen.

In meine Praxis kommen jedoch auch viele Menschen, bei denen die Ursache unklar ist. Hier herrscht große Verwirrung über die unterschiedlichen Formen. Wenn Sie Ihre Diagnose nicht kennen, lässt sich auch nichts zur Prognose sagen, also zu der Frage, welche Aussichten Sie haben, wieder ein gesundes, aktives Leben zu führen. Wer Arthritis ohne genauere Diagnose hat, sollte alle Kapitel in Teil 1 lesen, um mit meiner Hilfe Näheres herauszufinden und klarer zu sehen. Unabhängig von der individuellen Diagnose wird das von mir präsentierte Rezept dazu beitragen, dass es Ihnen besser geht.

Teil 2 – „Heilung für den Darm, Heilung für die Gelenke“ – untersucht die Verbindung zwischen der Darmgesundheit und allen Arthritisformen. Ich erkläre, warum die eigentliche Ursache Ihrer Arthritis mit hoher Wahrscheinlichkeit in Ihrem Verdauungssystem zu suchen ist, und dass die Darmsanierung daher der erste Schritt zur Heilung Ihrer Gelenke ist. Hier werden auch existierende Darmbehandlungen vorgestellt, die Patienten tatsächlich verordnet werden. Anhand von sechs Fallbeispielen und mir selbst erläutere ich detailliert die zweimonatige Intensivkur für den Darm einschließlich Ergänzungsmitteln und Zeitintervallen, damit Sie dieses Programm (nach Rücksprache mit Ihrem Arzt!) problemlos umsetzen können. Die Geschichten machen wirklich Mut!

Teil 3 – „Den Boden bestellen“ – widmet sich den Einflüssen von Ernährung, Stressfaktoren und Traumen auf die Gesundheit des Mikrobioms. Der Begriff „Mikrobiom“ bezieht sich dabei auf alle erwünschten Organismen im Körper, die auch als „gesunde Darmflora“ bezeichnet werden. Wenn ich im Verlauf des Buches von „Darmbakterien“ spreche, meine ich damit dieses Mikrobiom. Diese drei Faktoren – Ernährung, Stress und Traumata – beeinflussen auch das Ausmaß der Entzündungen in Körper und Gelenken. Ich liefere Ihnen eine einfache, aber gründliche Darstellung des Stands der Forschung zu unterschiedlichen Ernährungskonzepten und präsentiere dann zusammenfassend den optimalen Ansatz, um sich lebenslang gelenkfreundlich und entzündungshemmend zu ernähren. Unsere Nahrung beeinflusst den „Boden“, unter dem ich sozusagen den Mutterboden des Körpers verstehe, in dem all Ihre Zellen entweder gedeihen oder darben. Dieser Boden ist auch stressabhängig. Neben solchen Zusammenhängen erfahren Sie hier auch, inwiefern Stress und Trauma die Genesung meiner Patienten beeinflusst haben. Außerdem stelle ich die Stressabbaumethoden meiner Patienten vor und erkläre, wie man so isst und lebt, dass es allen Zellen gut geht.

Am Schluss setzen wir alles in Teil 4 – „Das Drei-Stufen-Konzept zur Arthritisbehandlung“ – noch einmal zusammen. Dort wird das Behandlungskonzept in allen Einzelheiten dargestellt. Schritt 1 umfasst den zweiwöchigen Einstieg in eine darmfreundliche Ernährung bei Arthritis. Darin geht es ausschließlich um die Ernährungsumstellung und die Grundversorgung mit bestimmten entzündungshemmenden Nahrungsergänzungsmitteln. Da eine Ernährungsumstellung für viele Menschen eine große Herausforderung darstellt, ist dieser Teil einfach gehalten, und die neuen Aufgaben werden Schritt für Schritt eingeführt. So übersteht man die zwei Wochen mit Leichtigkeit.

In Schritt 2 setzen Sie während der zweimonatigen Intensivkur zur Darmregeneration das Ernährungskonzept gegen Arthritis fort und nehmen zusätzlich Ergänzungsmittel für den Darm ein. In diesen zwei Monaten sollten sich Ihre Symptome spürbar verbessern. Viele Studien belegen, dass Arthritissymptome bei einer Einnahme von Probiotika zurückgehen, doch mein Behandlungsansatz der Darmreparatur ist umfassender und beruht nicht nur auf solchen Ergänzungsmitteln mit lebenden Mikroorganismen zur Anreicherung oder Erhaltung der erwünschten Bakterien im Verdauungstrakt. Seit 2013 biete ich die Schritte 1 und 2 auf meiner Website www.blumhealthmd.com (in englischer Sprache) als Begleitmaterial zu meinem ersten Buch an. (Ein ähnliches Protokoll zur Arthritisbehandlung findet sich auf: www.blumhealthmd.com/arthritis) Dort konnten meine Mitarbeiter und ich online mit mehr als 2 500 Patienten mit unterschiedlichen Autoimmunerkrankungen zusammenarbeiten. Die meisten E-Mail-Anfragen, die bei uns eingehen, stammen von Menschen, bei denen Entzündungen, insbesondere Arthritis, auftreten und die diese ersten beiden Schritte bereits bewältigt haben. Es geht ihnen besser, aber sie sind noch nicht vollständig geheilt. Die zentrale Frage lautet daher: „Wie geht es jetzt weiter?“ Die Antwort darauf liefert Schritt 3, mit dem sechsmonatigen Stabilisierungsprogramm.

Da der Darm auf die Ängste und Sorgen des Alltags und auf emotionale Traumata äußerst empfindlich reagiert, sind Arthritispatienten besonders anfällig für Rückfälle aufgrund von gegenwärtigen oder länger zurückliegenden, stressbeladenen Ereignissen. Das habe ich bei vielen Patienten, die ich über Jahre begleitet habe, immer wieder beobachtet. Kaum jemandem ist bewusst, dass Stressphasen dem Körper nicht nur psychisch, sondern auch physisch viel abverlangen, was sich insbesondere im Darm niederschlägt, wo die gesunde Darmflora aus dem Gleichgewicht gerät. Entscheidend während der sechsmonatigen Stabilisierungsphase ist daher, dass Sie lernen, solche Belastungen ganzheitlich anzugehen. Für die dauerhafte Heilung von Darm und Gelenken ist das unverzichtbar, und es beugt zugleich Rückfällen vor, damit Sie auf Dauer symptomfrei leben können.

Auch wenn mehr Verständnis für den Einfluss von Stress und Trauma auf die eigene Erkrankung und ein besserer Umgang damit für die Behandlung von grundlegender Bedeutung sind, wird der psychosomatische Anteil erst in Schritt 3 einbezogen, damit Sie sich ganz darauf konzentrieren und Ihre Lebensweise dauerhaft umstellen können – weil es wirklich so wichtig ist. Die sechsmonatige Stabilisierungsphase ist auch der richtige Zeitpunkt, um in Abstimmung mit Ihrem Arzt eventuell einzelne Medikamente zu reduzieren oder abzusetzen. Hierauf kommen wir später noch zu sprechen.

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Wie ich bereits erwähnte, sind seit der Veröffentlichung von Autoimmunerkrankungen erfolgreich behandeln zahlreiche neue Untersuchungen zu den Zusammenhängen zwischen Darm und Gelenken erschienen. Und das ist erst der Anfang. Es gibt auch neue, aussagekräftige Studien über die gesunden Bakterien, die in und auf unserem Körper leben. Auf der Haut, in der Lunge und im Verdauungstrakt schützen uns diese Bakterien vor Umwelteinflüssen und beeinflussen ihrerseits jeden Aspekt unserer Gesundheit. Hierzu erscheinen immer mehr Studienergebnisse. Die Darmbakterien, deren Anzahl die Menge unserer eigenen Körperzellen Schätzungen zufolge um hundert Billionen übersteigt, leben im Verdauungstrakt und haben bei der Stärkung des Immunsystems eine Schlüsselrolle inne. Fast täglich bestätigen neue Studien oder Fallgeschichten, was wir Funktionsmediziner bereits über die Darmbakterien wissen: Ein Ungleichgewicht bei diesen Bakterien ist ein direkter Antrieb für Arthritis, und man kann umgekehrt Arthritis heilen, indem man die Darmflora repariert. Ein Ungleichgewicht kann auf einem übermäßigen Wachstum unerwünschter Bakterien oder aber auf zu wenig hilfreichen Bakterien beruhen. Uns muss bewusst sein, dass eine Entzündung im Darm beginnen, aber sich an völlig anderen Orten wie den Gelenken, Muskeln, dem Gehirn oder den Fettzellen bemerkbar machen kann.

Angesichts zunehmender Verdauungsprobleme ist es kein Wunder, dass auch entzündlich bedingte Arthritisformen im Anstieg begriffen sind, denn beides geht Hand in Hand. Diesen Zusammenhang zwischen Darm und Arthritis müssen wir genau beobachten und zur wirkungsvollen Arthritisbehandlung zunächst den Darm reparieren. Praktisch jeder neue Patient, der mich aufsucht, leidet unter Verstopfung, Aufstoßen, gastroösophagealem Reflux (GERD) – dabei steigt Magensaft in der Speiseröhre auf und erzeugt ein brennendes Gefühl, das sogenannte Sodbrennen – oder Reizdarmsymptome. In den letzten Jahren wurden auch neue Krankheitsbilder identifiziert, darunter eine Sonderform des Reizdarmsyndroms, bei der Bakterien sich im Dünndarm ausbreiten, wo sie gar nicht hingehören. Diese chronische Darmerkrankung wird als SIBO bezeichnet (englisch: small intestinal bacterial overgrowth). Viele Experten glauben, dass die zunehmende Verbreitung von SIBO auf den massiven Einsatz von Säurehemmern (Antazida) und Protonenpumpenhemmern (PPI) zurückgehen. Diese Arzneimittel sollen die Magensäure eindämmen, um Sodbrennen und Reflux zu lindern, haben aber unerwünschte Nebenwirkungen. Viele Erkenntnisse aus diesen neuen Forschungen wurden von der Standardmedizin und den Medien aufgegriffen. Bis zum Nachweis, dass der Darm letztlich mit jedem Teil des Körpers in Verbindung steht, dauert es sicher nicht mehr lange. Gegenwärtig bin ich bereits damit zufrieden, dass die Verbindung zwischen Darm und entzündlich bedingter Arthritis sehr stark und auch schon relativ bekannt ist.

Im Behandlungsprotokoll für Arthritis hebe ich solche neuen Erkenntnisse hervor und erkläre ihre Relevanz mit verständlichen Worten. Diese Fortschritte in den wenigen Jahren seit der Veröffentlichung meines ersten Buches eröffnen neue Wege für verbesserte funktionelle Behandlungen und natürlich für bessere Behandlungsergebnisse. Im Behandlungskonzept für Arthritis kombiniere ich meine Analyse aktueller Forschungsarbeiten und Behandlungsansätze mit meiner ausgiebigen Erfahrung in der Darmsanierung. Die ausgezeichneten gesundheitlichen Fortschritte meiner Patienten belegen erkennbar, dass diese Behandlung hilft, und zwar gut.

Bei meinen Arthritispatienten beginnt die Behandlung immer mit einem Plan wie diesem. Nach den ersten drei Monaten jedoch wird das weitere Vorgehen individuell festgelegt. An diesem Punkt brauchen die Patienten Hilfe, um festzustellen, wie die Darmbehandlung weitergehen sollte und wie sie trotz aller Unwägbarkeiten des Lebens nicht wieder aus dem Gleichgewicht geraten und erneut erkranken. Schließlich leben wir nicht im luftleeren Raum. Unser Leben ist temporeich, wir schlafen nicht immer genug, vieles ist stressig, und natürlich möchten wir auch Urlaub machen und Geburtstag feiern. Der Behandlungsplan ist ein guter Wegbegleiter, wenn Sie solche Klippen umschiffen müssen. Einen Anhaltspunkt liefern die Geschichten von elf meiner Patienten mit Arthritis. Da das Leben den Darm so stark beeinflusst und der Darm wiederum so starken Einfluss auf unsere Entzündungsbereitschaft hat, müssen wir dieses Gleichgewicht durchschauen, um widerstandsfähiger zu werden. Am besten erkennt man dies aus der Sicht anderer Arthritispatienten, bei denen jeweils individuelle, aber überlappende Begleitumstände und Auslöser für den Teufelskreis Stress-Darm-Arthritis vorliegen. Jede und jeder von ihnen setzt auf dem Weg zur Gesundung etwas andere Schwerpunkte. In diesen Geschichten finden Sie hoffentlich Elemente, die in Ihnen etwas zum Klingen bringen und Ihnen bei Ihrer persönlichen Suche weiterhelfen. Zusätzlich setze ich darauf, dass es Sie beflügelt, wenn Sie hören, wie reale Menschen mithilfe dieses Behandlungskonzepts stärker und gesünder wurden. Und das Fazit? Sie können Ihre Arthritis dauerhaft verbessern, und Sie dürfen sich eine erhöhte Lebensqualität erhoffen. Fangen wir also an!

Teil 1

Welche Arthritis haben Sie?

Es gibt mehr als ein Dutzend verschiedene Arthritisformen. Um die individuell beste Vorgehensweise zu ermitteln, kommt es auf die richtige Diagnose an. In der Praxis sehe ich zumeist drei Hauptkategorien, die unterschiedlich zu behandeln sind. Die rheumatischen Gelenkerkrankungen umfassen insbesondere rheumatoide Arthritis („Gelenkrheuma“) und Spondyloarthritis (Psoriasisarthritis und ankylosierende Spondyloarthritis) sowie Arthritis im Zusammenhang mit anderen Autoimmunkrankheiten, zum Beispiel dem Sjögren-Syndrom oder Lupus. Bei einer Autoimmunerkrankung greifen die Immunzellen körpereigenes Gewebe an, schädigen es und rufen Entzündungsprozesse hervor. Es gibt mehr als 100 verschiedene Autoimmunerkrankungen, auf die ich in meinem ersten Buch näher eingegangen bin.

Die zweite Gruppe ist die Arthrose oder Osteoarthritis. Sie ist besonders verbreitet und zählt zu den führenden Ursachen für körperliche Behinderung. Eine dritte, sehr große Kategorie beinhaltet Infektionen aller Art, die eine Gelenkentzündung auslösen können, darunter Borreliose oder Viruserkrankungen wie Parvovirose und Hepatitis B. In diesem Buch gehe ich zwar nicht näher auf die Behandlung der Grundinfektion ein, doch da solche Infektionen dem Arzt eine klare Diagnose erschweren können, sollte man zumindest davon gehört haben, um korrekte Hinweise geben zu können.

In der Standardmedizin wird bei einer entzündlich bedingten Arthritis zuerst untersucht, ob eine rheumatoide Arthritis vorliegt, welche das aggressivste und potenziell schädlichste Erscheinungsbild darstellt. Es geht darum, die Diagnose so früh wie möglich zu stellen, um eine rheumatoide Arthritis sehr rechtzeitig zu behandeln. Bei Entzündungen in den Händen, Handgelenken, Füßen oder Zehen sollte jeder Patient auf diese Krankheit hin untersucht werden. Ich beginne daher mit der rheumatoiden Arthritis. Danach befassen wir uns mit weiteren möglichen Diagnosen.

KAPITEL 1

Rheumatoide Arthritis

Als ich June kennenlernte, war sie 68 Jahre alt. Zwei Jahre zuvor hatte man bei ihr rheumatoide Arthritis diagnostiziert. Sie war am Ende ihrer Leidensfähigkeit. Obwohl ihr Arzt drei starke, häufig verordnete Antirheumatika verschrieben hatte – Prednison, Methotrexat und kurz zuvor auch Hydroxychloroquin – und sie ergänzend täglich frei verkäufliches Naproxen einnahm, waren die Schmerzen in ihren Händen so heftig, dass die verheiratete, berufstätige vierfache Mutter weder eine Wasserflasche öffnen noch ein Buch tragen oder sich die Haare bürsten konnte. Schon das morgendliche Schließen des Büstenhalters war so schmerzhaft, dass sie dabei auf die Hilfe ihres Mannes zurückgreifen musste. Für eine unabhängige, viel beschäftigte Frau war das niederschmetternd. Auch ihre sonstigen Symptome, wie starke Abgeschlagenheit und Knieschmerzen, waren mit der konventionellen Therapie nicht zurückgegangen.

Junes Geschichte ist leider keine Ausnahme, und deshalb suchen enttäuschte Patienten mit rheumatoider Arthritis Experten wie mich auf – als letzten Hoffnungsschimmer. Mithilfe der Ansätze der funktionellen Medizin konnte ich Tausenden helfen, ihre Schmerzen durch entzündlich bedingte Krankheiten einzudämmen, bis sie wieder uneingeschränkt am Leben teilnehmen konnten. Das gelang auch bei June.

Innerhalb von drei Monaten nach unserem ersten Termin konnte sie Wasserflaschen leichter öffnen, ihr Haar bürsten und sich mit erträglichen Schmerzen selbstständig anziehen. Ihre Knieprobleme besserten sich, und sie hatte mehr Energie als seit Monaten oder gar Jahren. Die Prednisondosis konnte sie halbieren, und sie nahm nicht mehr jeden Tag Naproxen ein, sondern nur noch an drei bis vier Tagen pro Woche. Doch das war nur der Anfang. Als sie den Behandlungsplan für Arthritis befolgte, den ich später erläutern werde, besserte sich Junes Gesundheit noch weiter. Ich erzähle ihre Geschichte, weil sie demonstriert, dass mit der nötigen Geduld und Ausdauer alle Betroffenen hoffen dürfen. Sie dürfen auf Symptomfreiheit hoffen. Und auf ein erfülltes, aktives Leben, bei dem Sie nicht nur Zuschauer sind.

Ich betrachte die rheumatoide Arthritis als „Königin der Arthritis“. Wie die Dame im Schach ist die rheumatoide Arthritis in der Lage, den größten Schaden anzurichten. Und wie die Dame im Schach, die sich als einzige Spielfigur in alle Richtungen bewegen kann, ist die rheumatoide Arthritis unberechenbar und kann diverse Symptome hervorrufen. Diese Erkrankung zeichnet sich durch chronische Gelenkentzündungen mit starken Schmerzen und Schwellungen, Gelenkschäden und Behinderung aus. Sie kann auch mit Muskelschmerzen und allgemeinen Schmerzen einhergehen. Daran ist gut erkennbar, dass es sich um eine körperweite Krankheit handelt, die im ganzen Körper Entzündungsreaktionen auslöst. Typisch für die rheumatoide Arthritis ist, dass sie diverse Gelenke in den Händen, Füßen und Handgelenken befällt, was auch als Polyarthritis bezeichnet wird. Unbehandelt kommt es zum Abbau von Knorpel- und Knochengewebe bis hin zur Gelenkzerstörung. Außerdem können die Sehnen und Bänder sich dehnen, was zu ihrer Deformierung führt. Schlimmstenfalls kann die Gelenkfunktion völlig verloren gehen. Dieses rasche Fortschreiten und die Schwere der Symptome macht Ärzten und Patienten gleichermaßen Angst, sodass häufig schon frühzeitig starke Medikamente verordnet werden.

Ein weiteres großes Problem für viele Betroffene ist eine starke Abgeschlagenheit (Fatigue). Nicht selten wachen sie zerschlagen auf, obwohl sie eigentlich gut geschlafen haben, und haben dann Schwierigkeiten, ihren Tag zu bewältigen. Das äußert sich beispielsweise in Konzentrationsproblemen bei der Arbeit, sie gehen nicht mehr zum Yoga, obwohl es ihnen guttut, oder sie spielen vor lauter Erschöpfung nicht mehr mit den Kindern. Wenn solche schlichten, aber wichtigen Freuden des Lebens wegfallen, leidet auch die Psyche. Und mit der Zeit vergisst man ganz, wie es sich anfühlt, wenn man nicht so müde ist. So teilte June mir sechs Monate nach Behandlungsbeginn mit, dass sie deutlich mehr Energie hätte – und dass sie bis dahin gar nicht bemerkt hätte, wie müde sie seit Jahren gewesen war. Nach einer Metaanalyse vieler Studien zu rheumatoider Arthritis und Fatigue kam ein Forscherteam von der niederländischen Universität Twente zu dem Schluss, dass Schmerzen das Symptom sind, das am häufigsten mit starker Fatigue verknüpft ist. Es überrascht wenig, dass der Verlust körperlicher Funktionen sowie jegliche Form der Behinderung, aber auch Depressionen, ebenfalls mit Fatigue in Verbindung stehen. In Bezug auf Schlaf waren die Ergebnisse gemischt: Manche Studien belegen einen Zusammenhang, andere nicht. Das wundert mich, weil ich häufig feststelle, dass Menschen mit Arthritisschmerzen schlecht schlafen und deswegen erschöpft sind. Interessanterweise meldeten Patienten mit rheumatoider Arthritis, die ihrer Ansicht nach unzureichende Unterstützung durch Freunde und Familie erfuhren oder mehr Stress hatten, auch eine stärkere Fatigue.1 (Wie Entzündungen am besten zu behandeln sind, darüber lässt sich streiten, aber die Unterstützung von Angehörigen, denen es nicht gut geht, ist etwas, das wir alle füreinander tun können.) Mitunter sind Schmerzen, Fatigue und andere Symptome so schlimm, dass man – wie bei June – nicht mehr alleine zurechtkommt, manchmal sind sie leichter, und man kann besser damit leben. Meistens liegt man irgendwo dazwischen.

Was verursacht rheumatoide Arthritis?

Die Ursache dieser Erkrankung ist erstaunlicherweise unbekannt. Allgemein anerkannt ist lediglich, dass bestimmte Infektionserreger bei entsprechender Anfälligkeit eine solche Autoimmunkrankheit auslösen können. Einer dieser Erreger ist das Bakterium Proteus mirabilis – wenn diese Bakterien den Magen-Darm-Trakt oder die Harnwege besiedeln, kann in der Folge offenbar eine rheumatoide Arthritis entstehen. Australische Forscher von der Griffith University in Queensland kamen zu dem Ergebnis, dass wir rheumatoider Arthritis am besten vorbeugen, indem wir den Anteil dieser Bakterienart im Verdauungstrakt gering halten und entsprechende Harnwegsinfektionen behandeln. Wenn P. mirabilis sich im Darm einnisten und dort mit dem Immunsystem interagieren, setzen sie die Produktion von Antikörpern in Gang und können so eine Immunkaskade auslösen, die mit rheumatoider Arthritis in Verbindung steht. Ich vergleiche Antikörper gern mit Lenkraketen, die unsere Immunzellen freisetzen, um einen Gegner anzugreifen, der im Körper eine Alarmreaktion verursacht hat. Untersuchungen ergaben, dass beim Einsatz von Heilkräuterzubereitungen gegen diese Darmbakterien deutlich weniger Antikörper gegen Proteus-Bakterien erzeugt werden.2 Gleichzeitig besserten sich auch die arthritischen Symptome der Probanden. Diese Studie belegt, dass die Behandlung der Darmflora eine valide Strategie zur Eindämmung entzündlich bedingter Arthritis ist und sie zählt zu den wissenschaftlichen Grundlagen für die Darmsanierung im Rahmen meines Behandlungskonzepts bei Arthritis.

Als potenzielle Erreger rheumatoider Arthritis wurden verschiedene Bakterien, Pilze und Viren näher untersucht. Neben Proteus kommen auch bakterielle Pathogene wie Coxiella burnetii, anaerobe Bakterien im Mundraum sowie die Spezies Staphylococcus, Streptococcus, Neisseria, Haemophilus und Mycoplasma als Erreger einer rheumatoiden Arthritis in Betracht, wobei die Ergebnisse hier bisher nicht eindeutig sind.

Ein iranisches Team der Baqiyatallah Universität für Medizin in Teheran untersuchte die Gelenkflüssigkeit von Patienten mit rheumatoider Arthritis auf bestimmte Mycoplasma-Arten. Bei 23 Prozent fand man eine bestimmte Spezies, bei 17,5 Prozent eine andere und bei zehn Prozent wieder eine andere. Somit finden sich diese Erreger nicht bei allen Patienten, könnten aber bei einigen als Ursache in Betracht kommen. Dies wiederum stützt die These, dass Infektionen an sich zu den Auslösern einer rheumatoiden Arthritis zählen könnten. Dann wäre die Behandlung der Infektionen oder eine Unterstützung der körpereigenen Infektabwehr durch die Reparatur und Stärkung der Darmbakterien eine sinnvolle Strategie im Rahmen eines ganzheitlichen Ansatzes zur Behandlung und Prävention dieser Erkrankung.3

Die Gene erklären individuell nur zu etwa 20 Prozent, warum jemand eine rheumatoide Arthritis entwickelt. Die übrigen 80 Prozent gehen auf externe Auslöser zurück. Abgesehen von Infektionen zählen hierzu: Rauchen, eine Ernährung mit einem hohen Anteil an Lebensmitteln, die Entzündungen Vorschub leisten (zum Beispiel Zucker, Frittiertes, rotes Fleisch, Milchprodukte und Alkohol), hoher und anhaltender chronischer Stress, ein unerwartetes traumatisches Ereignis (ein enormer Stressfaktor, der den Körper urplötzlich überfällt), eine körperliche Verletzung sowie Umweltbelastungen wie Quecksilber als Fisch oder sonstige Gifte (Pestizide) und Kunststoffe.4 Wie bei den meisten chronisch entzündlichen Erkrankungen dürfte auch hier ein Zusammenhang zwischen solchen potenziellen Auslösern und einer genetischen Veranlagung bestehen.

Ein Team an der Universität Rom arbeitet an der Ermittlung bestimmter genetischer Voraussetzungen für eine rheumatoide Arthritis. So könnte man herausfinden, wer individuell eine höhere Anfälligkeit aufweist.5 Je weiter die Medizin fortschreitet, desto eher kann man nach der Identifizierung solcher Gene Behandlungen entwickeln, die genau diese Gene ansprechen. Bis dahin jedoch müssen wir die externen Auslöser bekämpfen. Dabei sollten Sie bedenken, dass wir zwar noch nicht alle beteiligten Gene kennen, dass diese aber dennoch Ihre persönliche Erkrankung beeinflussen. Der eine kann eine hässliche Scheidung durchstehen, ohne dabei krank zu werden, wohingegen dasselbe schwere Ereignis bei der besten Freundin eine rheumatoide Arthritis in Gang setzen kann, weil sie entsprechend veranlagt ist. Oder eine Scheidung kann bei Ihnen leichte Arthritissymptome auslösen, bei Ihrer Freundin hingegen schwerere. Deshalb müssen die potenziellen Auslöser individuell ermittelt werden. Sobald das gelingt, lässt sich das eigentliche Problem beheben und Symptomfreiheit erreichen. An diesem Ziel arbeiten wir in meinem Behandlungskonzept.

Autoimmunprozesse und oxidativer Stress

Rheumatoide Arthritis ist eine Autoimmunkrankheit, bei der die Immunzellen körpereigenes Gewebe in den Gelenken angreifen und so Entzündungsprozesse erzeugen. Ein niederländisches Team am medizinischen Zentrum der Universität Utrecht wollte herausfinden, was in den Gelenken abläuft, wenn diese Entzündungen entstehen. Beim gesunden Menschen bildet das weiche Gewebe zwischen Gelenkkapsel und Gelenkhöhle, die sogenannte Synovialmembran, eine Flüssigkeit, die das Gelenk schmiert. Bei rheumatoider Arthritis entzündet sich diese Membran, was dazu führen kann, dass die Zellen in diesem Bereich übermäßig wachsen und dicker werden. Das bezeichnet man als Hyperplasie. Auf die Dauer kann diese Reaktion Knorpel und Knochen zerstören. Man geht davon aus, dass dieser Prozess beginnt, wenn bestimmte Immunzellen in die Gelenke wandern und sich dort ansammeln. Manche dieser Zellen erzeugen Antikörper, welche im Rahmen des Autoimmunprozesses die Gelenke angreifen und anhaltende Entzündungen hervorrufen. Außerdem werden sowohl in den Gelenken als auch im ganzen Körper entzündungsfördernde Botenstoffe (Zytokine) freigesetzt. In einem gesunden, ausgewogenen Immunsystem sorgen die regulatorischen T-Zellen (TReg) dafür, dass diese Reaktion irgendwann abebbt. Bei Patienten mit rheumatoider Arthritis scheinen diese T-Zellen jedoch nur eingeschränkt zu funktionieren, was Schmerzen, Entzündungen und andere Symptome verstärkt.6

Diese Immunattacke verursacht auch oxidativen Stress, der eigentlich ein ganz normaler Vorgang im Rahmen der Zellfunktion ist. Während ihrer regulären Tätigkeit erzeugen die Zellen freie Radikale. Das sind bestimmte Moleküle, die mit „Funken“ oder „Brandherden“ vergleichbar sind. Deshalb werden diese freien Radikale über antioxidierende Abwehrsysteme umgehend „gelöscht“. Für die Routineaufgaben des Körpers ist es besser, wenn der oxidative Stress sich in Grenzen hält. Da der Körper unablässig freie Radikale unschädlich macht, versorgt uns die Natur über unsere Nahrung mit Antioxidanzien. Diese Substanzen stecken vor allem in Obst und Gemüse, wo kräftige Farben auf einen hohen Gehalt an Antioxidanzien hindeuten. Zu den Antioxidanzien zählen die Vitamine A, C und E, aber auch farbintensive pflanzliche Nährstoffe (Phytonährstoffe) – vielleicht haben Sie schon einmal von dem Nährstoff Resveratrol aus blauen Trauben gehört. Deshalb sollte man täglich Lebensmittel mit einem hohen Anteil an Antioxidanzien verzehren, um dem Körper die nötigen Wirkstoffe zum Feuerlöschen zu verschaffen. Nimmt man nicht ausreichend Antioxidanzien auf, um alle Funken zu ersticken, so können die freien Radikale siegen und einen Brand in Gang setzen, der Entzündungen vorantreibt, Gewebe schädigt und letztlich krank macht. Oxidativer Stress kann vor allem den Immunzellen zusetzen, die besonders aktiv sind und im Rahmen ihrer täglichen Arbeit zu unserem Schutz freie Radikale produzieren. Das ist vermutlich der Grund, warum rheumatoide Arthritis und andere entzündliche Gelenkerkrankungen sich festsetzen und fortschreiten.

Zahllose Studien belegen, dass Menschen mit rheumatoider Arthritis erhöhte Werte an reaktiven Sauerstoffradikalen (auch ROS für engl. reactive oxygen species) aufweisen. Diese Form der freien Radikale kann im Gelenkgewebe Lipidverbindungen angreifen (Lipide sind Fette, die in jeder Zelle vorkommen, auch im Cholesterin, mit dem der Körper Fett von einer Zelle zur anderen transportiert), aber auch Proteine (unverzichtbare Bausteine aller Gewebearten, auch der Gelenke) und die Erbinformation DNA (den genetischen Code in jeder Zelle). Unter normalen Bedingungen werden die ROS durch eine Vielzahl antioxidativer Mechanismen im Körper in Schach gehalten. Bei Menschen mit rheumatoider Arthritis können die Antioxidanzien jedoch nicht mehr mithalten. Die freien Radikale laufen Amok, und das Gewebe nimmt Schaden. In Kombination mit der Dauerattacke des Immunsystems auf die Gelenke hält dieser hohe Pegel an oxidativem Stress das Entzündungsgeschehen in Gang, was letztlich die Zerstörung von Knochen, Gelenken und Gelenkknorpel nach sich ziehen kann.

Forscher von der Aligarh Muslim University in Indien verglichen den oxidativen Stress bei Patienten mit rheumatoider Arthritis und bei gesunden Menschen. Dabei stellten sie bei Menschen mit rheumatoider Arthritis ein hohes Ausmaß an oxidativem Stress fest, darunter eine erhöhte Produktion freier Radikale und entsprechende Schäden an Fetten (Lipidperoxidation), Proteinen (Proteinoxidation) und DNA im Gewebe. Zusätzlich waren bei Menschen mit rheumatoider Arthritis ein geschädigtes antioxidatives Abwehrsystem und niedrige Spiegel von zwei spezifischen Antioxidanzien, nämlich Glutathion und Vitamin C, nachweisbar. Glutathion ist eine stark antioxidative Substanz, die der Körper selbst produziert. Da es in allen Zellen vor ROS-Schäden schützt, ist es womöglich unser wichtigstes Antioxidans. Interessanterweise waren bei den Menschen, die am längsten an rheumatoider Arthritis erkrankt waren, der stärkste oxidative Stress und niedrigere Antioxidanzienspiegel nachweisbar. Und je höher der oxidative Stress lag, desto schlimmer waren ihre Schmerzen und ihr Grad der Behinderung.7

Auch weitere Studien stützen die These, dass rheumatoide Arthritis durch oxidativen Stress gekennzeichnet wird. Laut Experten der Autonomen Universität Chihuahua in Mexiko schädigen freie Radikale offenbar unmittelbar den Gelenkknorpel, was beweist, dass auch in der Synovia des Gelenks selbst oxidativer Stress vorliegt.8 Sie stellten auch fest, dass freie Radikale daran Anteil haben, dass die Entzündungs- und Immunreaktionen im Körper anlaufen, und dass Menschen, bei denen dies geschieht, wenig Antioxidanzien wie Glutathion, Vitamin E, Betakarotin und Vitamin A im Blut hatten. Unklar ist, ob der geringe Spiegel der Antioxidanzien auf die Arthritis zurückzuführen ist oder schon vorher vorlag und so vielleicht wie bei einem Zug, der sich selbstständig macht, eine Verschlimmerung der oxidativen Belastung zugelassen hat. In beiden Fällen ist eine Ernährung mit ausreichend Antioxidanzien, die anfänglich vielleicht noch ergänzt werden, letztlich der Schlüssel zur Eindämmung der Entzündungen und Schmerzen bei dieser Erkrankung.

Ihr antioxidatives System kann auf viele verschiedene Enzyme (Proteine, die als Katalysator für chemische Reaktionen im Körper dienen), Vitamine, Mineralstoffe und Aminosäuren (die Bausteine der Proteine in unserer Nahrung) zurückgreifen, um oxidativen Stress zu bewältigen. Deshalb ist die Ernährung so wichtig, und deshalb kann ein Nährstoffmangel zum Beginn einer Arthritis beitragen. (Wie man das antioxidative System des Körpers durch die passende Ernährung stärkt, wird später in Kapitel 7, „Ernährung und Entzündungsbereitschaft“, erläutert.) Umweltbelastungen und andere Einflüsse können den oxidativen Stress erhöhen. Manche Menschen reagieren darauf empfindlicher als andere und entwickeln größere Brandherde, die noch mehr Antioxidanzien benötigen. Wenn daraus ein Flächenbrand wird, läuft die Entzündungsreaktion Amok und schädigt das Gewebe.

Umweltbedingter oxidativer Stress geht auf dieselben Ursachen zurück, die das Immunsystem beeinträchtigen: Fehlernährung (oder nicht ausreichend geeignete Nahrung), emotionaler Stress und Traumata, geschädigter Darm sowie Umweltgifte und Infektionen. All dies vermehrt die freien Radikale, wie ich in meinem ersten Buch Autoimmunerkrankungen erfolgreich behandeln ausführlich dargestellt habe. Dort gehe ich darauf ein, wie man solche Auslöser angeht und beseitigt, damit das Immunsystem wieder ungehindert funktionieren kann. Dabei reduzieren wir automatisch auch den oxidativen Stress. Der Behandlungsplan für Arthritis konzentriert sich zunächst auf die Darmheilung, stellt die Ernährung um und erhöht das Verständnis für den Einfluss von Stress und Trauma. So können Sie oxidativen Stress und Entzündungen in den Griff bekommen und dauerhaft gesünder leben.

Umweltgifte erzeugen ebenfalls hohe Mengen freier Radikale und somit oxidativen Stress im Körper. Im Hinblick auf Autoimmunreaktionen wurden Schwermetalle, Pestizide und Rauchen bisher am intensivsten erforscht. Ob jemand aufgrund dieser Gifte Symptome oder eine Krankheit entwickelt, beruht auf dem Gleichgewicht zwischen genetischer Anfälligkeit, dem Ausmaß der Vergiftung und der Frage, wie gut man seinen hohen Bedarf an Antioxidanzien über Ernährung und Lebensweise decken kann.9 Wenn Sie also von rheumatoider Arthritis oder anderen entzündlich bedingten Arthritisformen betroffen sind, haben Sie zu viel oxidativen Stress und müssen im Rahmen der Behandlung somit auch auf die Toxinbelastung achten. Das in Kapitel 10 vorgestellte darmfreundliche Ernährungskonzept bei Arthritis trägt dazu bei, nicht nur Entzündungen und Schmerzen zu lindern, sondern auch die Belastung durch Umweltgifte zu senken. Da Toxine bei Autoimmunerkrankungen generell ein wichtiger Auslöser sind, stelle ich in Autoimmunerkrankungen erfolgreich behandeln ein ausführliches Entgiftungsprogramm vor. In diesem Buch konzentrieren wir uns stattdessen auf die Verbindung zwischen Darm und Arthritis, weil jüngste Forschungsarbeiten belegen, dass hier der wichtigste Auslösefaktor für diese Erkrankung liegt. Auf die genauen Zusammenhänge gehen wir in Kapitel 5, „Die Verbindung zwischen Darm und Gelenken“, und Kapitel 6, „Den Darm heilen“, näher ein.

An dieser Stelle möchte ich eines betonen: Wenn Sie rheumatoide Arthritis haben und rauchen, müssen Sie das Rauchen aufgeben, damit es Ihnen besser geht. Es besteht ein klarer Zusammenhang zwischen Tabakgenuss und rheumatoider Arthritis, der sich so deutlich bei keiner anderen Arthritisform und keinem anderen Toxin nachweisen lässt. Rauchen gilt als Hauptrisikofaktor für rheumatoide Arthritis, weil es viele Schadstoffe (wie das Schwermetall Kadmium) in den Körper schleust und den oxidativen Stress vermehrt. Zudem haben Studien gezeigt, dass das Rauchen von Zigaretten die Produktion eines der Antikörper anstößt, die mit rheumatoider Arthritis in Zusammenhang stehen.10 Rauchen erhöht aber nicht nur das persönliche Erkrankungsrisiko, sondern auch die Aussicht auf einen schwerwiegenderen Erkrankungsverlauf, der schlechter auf eine Behandlung anspricht.11

In der funktionellen Medizin setzt sich der behandelnde Arzt gründlich mit Ihrer Vergangenheit und Gegenwart auseinander, um die wahrscheinlichen Auslöser Ihrer Arthritis zu finden und dann einen maßgeschneiderten Therapieplan zu erstellen. Als ich dies bei June tat, erkannte ich, dass bei ihr offenbar ein geschädigter Darm, Umweltbelastungen und Stress zusammenkamen, der wiederum die Darmbakterien und die Darmschleimhaut beeinträchtigen kann. In ihrer Kindheit hatte sie zwar keine besonderen Belastungen durchgemacht, als Erwachsene jedoch durchaus. Ihr ältestes Kind hatte besondere Bedürfnisse, und ihr mittleres Kind hatte vor Jahren einen größeren operativen Eingriff benötigt. Zudem war sie als Lehrerin Stress ausgesetzt, der ihre Arthritis spürbar beeinflusste, denn die Symptome schwankten mit dem Verlauf des Schuljahrs. Als wir mit der Behandlung begannen, war das Schuljahr fast zu Ende. Im Laufe des Sommers trat eine rasche Besserung ein. Dann kam der September, und innerhalb weniger Monate flackerte die Erkrankung wieder auf. Die gute Nachricht war, dass die Krankheit nach weiteren zehn Monaten im darauffolgenden Herbst bei Schuljahresbeginn nicht wiederkehrte.

„Zwei Jahre zuvor war ich ins Klassenzimmer gehumpelt und konnte nicht einmal mehr einen Stift halten“, sagte June. „Heute kann ich laufen, meine Bücher und Vorbereitungen tragen und schmerzfrei Dinge im Klassenraum umherschieben. Das kommt mir so ungewohnt vor, dass ich immer noch auf das böse Ende warte.“ Doch das blieb aus.

Die individuellen Umstände, die zu Arthritis führen, sind immer unterschiedlich. Dennoch wissen wir, dass das wichtigste Grundproblem bei Arthritis im Darm zu suchen ist. Ein Ungleichgewicht der Darmbakterien kann zum sogenannten „Leaky-Gut-Syndrom“ führen, bei dem die Darmwand übermäßig durchlässig wird. Dies wiederum kann Autoimmunreaktionen, Entzündungsreaktionen im ganzen Körper und oxidativen Stress hervorrufen und ist für die meisten meiner Patienten ein zentrales Problem. Teil 2, „Heilung für den Darm, Heilung für die Gelenke“, befasst sich mit unserem Wissen über die Zusammenhänge zwischen Darmproblemen und Gelenkproblemen. Dort geht die Auseinandersetzung mit den Ursachen der rheumatoiden Arthritis weiter.

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