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Artgerechte Haltung von Pferden

Artgerechte Haltung
von Pferden

Sachverständige Empfehlungen
zur Pferdehaltung aus Sicht
des Tierschutzes

Jutta und Maximilian Pick, Antje Rahn
Hanns Ullstein jun., Norbert Wolff

Anschrift der Verfasser

Jutta und Maximilian Pick, Holzen 1a, D-82057 Icking

Telefon: +49 8178 3670, E-Mail: pick@gut-holzen.de

Antje Rahn, Wittwien 3, D-16831 Rheinsberg

Telefon: +49 33931 2407, E-Mail: dr.antje.rahn@gmx.de

Hanns Ullstein jun., Ferstlstr. 15a, D-85445 Oberding

Telefon: +49 811 3612, E-Mail: hanns@ullsteinjun.de

Norbert Wolff, Warnbergstr. 1, D-81479 München

Telefon: +49 89 74443072, E-Mail: info@pferdepraxis-wolff.de

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Layout und Satz, Umschlaggestaltung:

Florian Pick, wonders and sign, München
Foto Umschlag: Rita Kochmarjova, Fotolia

978-3-7345-4535-1 (Paperback)

978-3-7345-4536-8 (Hardcover)
978-3-7345-4537-5 (e-Book)

© 2016 Jutta und Maximilian Pick, Antje Rahn, Hanns Ullstein jun., Norbert Wolff

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autoren unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Mit freundlicher Unterstützung der Dermapharm AG

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www.dermapharm.de

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Vom Wildpferd zum Hauspferd

2. Verhalten, Psychologie und Physiologie

2.1. Sozialverhalten

2.2. Bewegungsverhalten

2.3. Ruheverhalten

2.4. Ernährung und Ausscheidung

2.5. Anforderungen an Haltung und Umgang

2.6. Zusammenfassung: Verhalten, Psychologie und Physiologie

3. Rechtliche Grundlagen

4. Pferdehaltung

4.1. Haltungsformen und -systeme

4.2. Weidehaltung

4.3. Stallhaltung

4.4. Gruppenhaltung

4.5. Einstreu

4.6. Klimagestaltung und Lichtanforderungen

4.7. Haltungsbedingte Krankheiten

4.8. Zusammenfassung: Pferdehaltung

5. Bewegungseinrichtungen

5.1. Mechanische Bewegungseinrichtungen

5.2. Schwimmbäder

5.3. Zusammenfassung: Bewegungseinrichtungen

6. Pferdefütterung und Tränken

6.1. Gras, Heu, Heulage und Stroh

6.2. Kraftfutter

6.3. Futterrationen

6.4. Fütterungseinrichtungen

6.5. Tränken

6.6. Zusammenfassung: Pferdefütterung und Tränken

7. Pferdepflege

7.1. Pflege der Haut und des Haarkleides

7.2. Pflege der Hufe

7.3. Gesundheitspflege, Krankheitsvorsorge

7.4. Zusammenfassung: Pferdepflege

8. Weidemanagement

8.1. Pflege der Weiden

8.2. Einzäunung

8.3. Witterungsschutz, Unterstand und Weidehütte

8.4. Zusammenfassung: Weidemanagement

9. Management eines Betriebes

9.1. Personal und Management

9.2. Tierschutz und Wohlbefinden der Pferde

9.3. Zu den Kosten

9.4. Zusammenfassung: Management eines Betriebes

Autoren

Gerichtsurteile

Verwendete und weiterführende Literatur

Vorwort

Die Stellung des Tieres hat in unserer westeuropäischen Kultur in den letzten Jahrzehnten eine deutliche Veränderung erfahren. Vom Arbeitsund Militärgehilfen hat sich das Pferd zum Mitgeschöpf gewandelt, vom Sportgerät ist es zum Partner geworden. Die heute noch übliche Bezeichnung des Pferdes als „Nutztier“ erscheint unter diesen Gesichtspunkten obsolet.

Diese tierfreundliche Wandlung spiegelt sich in der Pferdehaltung und in der Einstellung zum Pferdesport wider. Die Pferdehaltung, die zunächst durch das Tierschutzgesetz geregelt wurde, erfährt 1995 und 2009 durch die Leitlinien des Bundesministeriums (BMELV) präzisere Regelungen. Auch in der Rechtsprechung kann man eine positive Veränderung zugunsten des Pferdes erkennen. Verstöße gegen die Leitlinien werden zum Teil mit empfindlichen Strafen belegt. Zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen zeigen die Sünden in der Pferdehaltung der vergangenen Zeit auf, die zum Teil im Pferdesport bis heute noch anzutreffen sind. Man kann darüber diskutieren, ob und wie weit man mit Tieren Sport treiben darf, man kann sich aber den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft zur artgerechter Pferdehaltung nicht verschließen. Die Umsetzung der Leitlinien in die Praxis scheint ein zentrales Problem zu sein, da man hierbei gegen traditionelle und konservative Gewohnheiten ankämpfen muss. In diesem Buch versuchen wir, die tierfreundliche Pferdehaltung aus den vorhandenen wissenschaftlichen und praktischen Erkenntnissen heraus zu begründen und aufzuzeigen, wie sie in die Tat umgesetzt werden kann. Eine der umfangreichsten und inhaltlich anspruchsvollsten Veröffentlichungen wurde 2011 vom Johann Heinrich von Thünen-Institut (vTI) herausgegeben: „Pferdezucht, -haltung und -fütterung. Empfehlungen für die Praxis.“ von Wilfried Brade, Ottmar Distl, Harald Sieme und Anette Zeyner. Diese bahnbrechende Veröffentlichung wird im Folgenden immer wieder zu Grunde gelegt.

Nach einer kurzen Zusammenfassung der Domestikation des Pferdes, werden die psychologischen und physiologischen Eigenschaften des Pferdes beschrieben, die bei der Haltung zu berücksichtigen sind. So gehört der tägliche Weidegang zu den Grundrechten des Pferdes und muss daher bei jeder artgerechten Haltung an erster Stelle stehen. Eine Gruppenhaltung erfordert große Erfahrung in der Zusammenstellung einer harmonisierenden Herde und entsprechend große Weideflächen. Die Größe der Weideflächen wird an Hand von Literaturvorschlägen und Empfehlungen diskutiert. Eine Stallhaltung, als vorübergehende Unterbringung, wird sich bei sportlich genutzten Pferd nicht vermeiden lassen. Die Ausgestaltung von Boxen und Stallungen müssen den physischen wie psychischen Anforderungen des Pferdes genügen. Das tägliche Training kann nur teilweise durch mechanische Einrichtungen ersetzt werden und den Weidegang nicht ersetzen. Die Fütterung und Pflege erfordern ein sachkundiges Management, wobei konservative Vorstellungen hierüber sich oft als hinderlich erweisen können. Eine entscheidende Bedeutung in der Pferdehaltung hat die Fachkunde des Personals und ein sachkundiges Management des Stallbetreibers.

1. Vom Wildpferd zum Hauspferd

Die Fossilien des frühesten Vorfahren des Pferdes, dem Hyracotherium (frühere Bezeichnung Eohippus), wurden im nordamerikanischen Raum und in Europa gefunden. Hierbei handelt es sich um ein Foxterrier-großes Tier. Es hatte vier Zehen an den Vorder- und drei Zehen an den Hinterextremitäten. Sie lebten vor circa 50 Millionen Jahren und vor allem Regenwälder tropischen Charakters sowie Sümpfe dienten ihnen als Lebensraum. Durch sich verändernde klimatische Bedingungen entwickelte sich die Vegetation weiter. Die Erdoberfläche wurde teilweise kühler und trockener, sodass offene Ebenen und Grasflächen entstanden. Die ersten Pferdearten passten sich den Bedingungen an. Sie entwickelten immer längere Beine und wurden dadurch schneller, besaßen einen Zehenspitzengang und an allen vier Beinen nur noch drei Zehen. In der Steppe und Savanne hatten die Reduktion der Seitenzehen Vorteile für die Kraftübertragung bei der Vorwärtsbewegung.

„Die anschließende stammesgeschichtliche Entwicklung war hauptsächlich durch folgende Tendenzen gekennzeichnet:

Zunahme der Körpergröße: Im Verlauf von ca. 55 Millionen Jahren steigerte sich die Körpergröße von etwa Hasengröße bis zu den Pferden heutiger Tage.

Reduktion der Seitenzehen bis hin zu den einzigen Einhufern unserer Zeit.

Umwandlung von ursprünglich niederkronigen Höckerzähnen in extrem hochkronige, mit einem komplizierten Kauflächenmuster versehene Backenzähne, wie sie für die heutigen Pferde charakteristisch sind.“ (Franzen 2011a)

Während der letzten Eiszeit besiedelten Wildpferde die Kaltsteppen von Spanien über Mitteleuropa und Osteuropa bis Ostasien. Die klimaund vegetationsabhängigen Größenunterschiede der damaligen Wildpferde werden heute als lokale Ausprägungen einer einzigen Wildpferdeart, des Equus ferus angesehen (Claude 1998a, Claude 1998b). In Westeuropa starb das Wildpferd bereits circa 50 v. Chr. aus, in Mitteleuropa um 1200 n. Chr. In Nordostpolen lebten Waldtarpane (Equus ferus sylvestris) bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Der Steppentarpan (Equus ferus ferus) lebte noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1881 beschrieb der russische Zoologe Poljakow eine neue Wildpferdeart, das mongolische Wildpferd, welches Equus ferus przewalskis genannt wurde (Claude 1998c). Przewalski war Major in der russischen Armee und erforschte unbekannte Gebiete in der Mongolei, in Nordchina und Tibet. Er entdeckte diese bisher unbekannte Wildpferdeart. Die Grassteppe der Mongolei war demzufolge die letzte Zufluchtsstätte der Vorfahren unserer Hauspferde. Das Przewalskipferd lebte in den Wüsten und Halbwüsten Zentralasiens mit spärlicher Vegetation an der Grenze der ökologischen Möglichkeiten. Für eine Wiederansiedelung von Wildpferden wurde dann im Jahre 1992 ein 600 Quadratkilometer großes Gebiet in der Zentralmongolei ausgesucht. Ziel war es hier 300 bis 400 Pferde anzusiedeln. Für eine zweite Wiederansiedelung wurde 1992 am Rand des Reservats Gobi B ein Auswilderungsgehege eingerichtet. Bis zum Jahr 1997 wurden 40 Przewalskipferde dorthin verfrachtet (Isenbügel 1998).

Das Pferd gilt als unser jüngstes Haustier, es ist etwa 5.000 bis 6.000 Jahre alt. Als Domestikationszentrum vermutet man die Steppengebiete der Ukraine, Ostrusslands, Kasachstans und die westasiatischen Steppen um den Aralsee (Zeuner 1967). Mit der Domestikation von Wildpferden wurde jedoch keine neue Art erschaffen. Die Tatsache, dass unsere heutigen domestizierten Reit- und Fahrpferde jederzeit, aus welchen Gründen auch immer, in die Wildnis ausgesetzt, wieder verwildern sowie überlebens- und fortpflanzungsfähig bleiben, zeigt, dass sich die genetische Veränderung nur auf unwesentliche Eigenschaften, vorwiegend phänotypischer Art, beschränkt hat. Klaus Zeeb beschrieb in seiner Dissertation 1959, dass im Wildpark in Dülmen auf 200 ha 180 „Primitivpferde“ unter Naturverhältnissen sich selbst überlassen lebten. Heute leben dort auf 360 ha (3,6 km²) etwa 360 Wildpferde. Eine Umkehr vom Hauspferd zum Wildpferd ist also jederzeit möglich. Aber auch anderswo hat diese Umkehr stattgefunden. Sowohl die wilden Mustangs in den USA, die verwilderten New Forest Ponys in England, die australischen Wildpferde, die Wildpferde in Rumänien und in der Wüste Namibias, oder das Sable Island Pony beweisen, dass das heutige Hauspferd in kürzester Zeit wieder ohne Unterstützung durch den Menschen zur Natur zurückfinden kann. Bei unseren heutigen Hauspferden sind die von ihren Vorfahren, den Wildpferden, ererbten Eigenschaften und deren natürliche Bedürfnisse weitgehend erhalten geblieben (Bachmann 1998). Nach seiner Domestikation wurde das Pferd für verschiedenste Zwecke genutzt. Auch heute kann das Pferd in unterschiedlichen Sparten eingesetzt werden.

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Abbildung: Völkerwanderung der Pferdezüchter.

2. Verhalten, Psychologie und Physiologie

Trotz der Domestikation der Pferde, die sich vor ungefähr 5.000 bis 6.000 Jahren vollzog, haben sich ihre seit Millionen von Jahren genetisch verankerten physiologischen und psychologischen Beschaffenheiten, ihr Verhalten sowie ihre Ansprüche an die Lebensumstände kaum verändert.

In der Ethologie wird das tierische Verhalten in „Funktionskreise“ eingeteilt. Als Funktionskreis bezeichnet man die Art und Weise der Interaktion mit der Umwelt (Uexküll). Dies trifft auch für Pferden zu: Es gibt Wechselbeziehungen zwischen der Aufnahme von Umwelteindrücken durch die Sinnesorgane und einer entsprechenden Reaktion. Das Verhalten des Pferdes richtet sich nach seiner Bedarfsdeckung wie z. B. Bedarf an Raufutter, Bedürfnisbefriedigung wie z. B. Befriedigung des Kaubedürfnisses oder Schadensvermeidung wie z. B. Vermeidung von Energiedefiziten. „Unter dem Begriff ‚Funktionskreise‘ fasst man Verhaltenselemente des Normalverhaltens in Gruppen zusammen, die sich nach Zweck, Motivation und Bezugsobjekten gleichen“ (vTI 2011). Eine allgemeingültige systematische Einteilung liegt bisher nicht vor, dennoch sind die Funktionskreise Ernährung, Ausscheiden, Ruhen, Komfort, Bewegung, Erkunden, Spielen, Sexualität, Fortpflanzung und Sozialverhalten zur Beschreibung tierischen Gesamtverhaltens allgemein anerkannt. Da die einzelnen Funktionskreise mit ihren Verhaltensmustern und Verhaltenselementen auch übergreifend in anderen Funktionskreisen wirken (z. B. dient das Ausscheiden von Kot nicht nur dem Absetzen von Stoffwechselendprodukten und unverdaulichen Nahrungsresten, sondern ebenfalls der Kommunikation zwischen den Individuen), werden im Folgenden die vier übergeordneten Bereiche Sozial-, Bewegungs-, Ruhe- sowie Futter- und Wasseraufnahmeverhalten beschrieben und die jeweils zugehörigen Funktionskreise darunter näher erläutert.

2.1. Sozialverhalten

Unter Sozialverhalten versteht man alle Verhaltensweisen, die auf einen artgleichen Partner gerichtet sind oder von diesem ausgelöst werden.

Gruppenbildung

Pferde sind von Natur aus in Gruppen lebende Tiere, für die der soziale Kontakt zu Artgenossen unerlässlich ist. Unsere domestizierten Hauspferde leben, sofern es die Umstände erlauben, in mehr oder weniger festen Verbänden zusammen. Meist bestehen diese aus Stuten und Wallachen. In der freien Natur setzen sich Familienverbände aus maximal 20 Tieren zusammen. Die Kerngruppe bildet meist ein Althengst mit zwei bis sechs Altstuten und die dazugehörigen Fohlen und Jährlingen. Wenn sich mehrere Familienverbände zusammenschließen, können daraus Herden mit bis zu 100 Pferden entstehen.

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