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Arschwurz

Buch

Der 9-jährige Hruza lebt 367 v. Chr. in einem kleinen Dorf in der Nähe des Hallstätter Sees in Österreich. Seine keltische Familie ist aus dem Norden hierher eingewandert und seßhaft geworden. Hruza streift täglich durch seinen Wald und kennt dort jeden Baum und auch die Tiere des Waldes, mit denen er spricht. Er ist fasziniert vom Dorfdruiden Segari und wird tatsächlich auserwählt, mit 11 Jahren als Novize in die Ausbildung zum Druiden zu gehen. Viele Prüfungen und gefahrvolle Aufgaben muss er meistern, bis er als erwachsener junger Mann die Weihe erhalten kann.

Er merkt im Laufe dieser Jahre, dass er Begabungen hat, die er nie für möglich gehalten hätte. Er lernt, sich selber zu trauen und selbstbewusst seinen Weg zu gehen. Und er lernt den Wald, aber auch die anderen Naturgewalten kennen und nutzen. So wird er zum Naturmediziner, der sich bestens auskennt mit den Heilkräften aus der Natur, die er als „Apotheke“ nutzt. Rituale und Beschwörungen helfen ihm dabei. Dass er dabei auch noch seine Seelenpartnerin findet, ist das höchste Glück, das ihm passieren kann.

Autorin

Marion Lichtenauer ist Heilpraktikerin und lebt und arbeitet in Hilden bei Düsseldorf.

Marion Lichtenauer

Arschwurz

Roman

„Die wirksamste Medizin ist die natürliche Heilkraft, die im Inneren eines jeden von uns liegt.“

Hippokrates von Kos

Hippokrates lebte von 460 bis etwa 377 vor Chr., in der gleichen Zeit, in der diese Geschichte spielt. Er war griechischer Arzt und gilt als
»Vater der Heilkunde«

367 v. Chr.

„Wo sind denn hier nur die Arschwurzn… immer sitz ich am falschen Ort…“, grummelte Hruza vor sich hin und sah sich suchend um. Doch nirgends ließ sich ein Blatt finden. Hruza hockte im Wald, verrichtete sein großes Geschäft und fluchte leise vor sich hin. Die begehrten Blätter des „Arschwurzn“ waren nicht in der Nähe. In seiner Not rupfte er ein paar andere Blätter ab, die in der Nähe standen und machte sich damit sauber. „Hmm“, dachte er. „Ob ich Guiwa ein paar Arschwurzblätter suchen soll? Sie hat immer gerne einen Vorrat, ich kann ja mal suchen gehen.“

Tatsächlich fand er unterwegs ein paar Blätter der Pestwurz. Hruza wusste genau, dass die Pflanze mit den großen Blättern eigentlich Pestwurz hieß. Aber alle im Dorf nannten sie Arschwurz, weil sie halt besonders gut für diesen einen Zweck geeignet war. Er suchte während des weiteren Weges aufmerksam nach einem Arschwurzfeld. Heute hatte er einen anderen Weg eingeschlagen als sonst und wunderte sich darüber, wie anders der Wald hier aussah. An einer großen Lichtung am Rand des Waldes erkannte er den Weg wieder und nun wusste er auch, wo er die gesuchten Blätter finden konnte. Er wählte ein paar besonders große Exemplare aus und rupfte sie ab. Dann nahm er sie wie einen Blumenstrauß zusammen und sah sich das Geschenk für seine Mutter an. Er musste grinsen. Seine Mutter dekorierte den Wohnraum gerne mit ein paar Blumen aus dem Garten. Ob sie sich auch über einen Strauß Arschwurz freute?

Hruza machte sich auf seinen Weg nach Hause. Er lebte in einem kleinen Dorf nahe des großen Sees und hatte gerade im Wald, den er sehr liebte, nach Kräutern gesucht. Seine Mutter Guiwa hatte ihn geschickt. Hruza war 9 Jahre alt und das älteste Kind seiner Eltern Tanor und Guiwa. Sein Vater und die anderen Männer aus dem Dorf arbeiteten täglich im Salzbergwerk. Es war harte Arbeit. Das Salzbergwerk war eine gute Stunde vom Dorf entfernt und wurde von den Lehnsherren der Bergregionen verwaltet. Als die keltischen Stämme hier sesshaft wurden, waren sie als starke und fleißige Arbeiter willkommen.

Hruza hatte noch zwei jüngere Geschwister. Seine Schwester Kina war schon fast genauso groß wie er und hatte die gleichen wilden dunkelroten Haare wie ihr großer Bruder. Der kleine Bruder Fran hatte gerade laufen gelernt und war strohblond. Die Haare hatten Hruza und Kina von ihrer Mutter geerbt, Fran von Tanor.

Guiwa kümmerte sich um die Kinder, wenn Tanor im Salzbergwerk Salzblöcke abbaute. Nur manchmal ließ sie die Kinder mit Tanor und ihrem Vater Melcho zusammen in den Berg gehen. Wenn sich genug abgebautes Salz an den Eingängen der Salzhöhlen angesammelt hatten, durften die Kinder unter Gejohle helfen, dieses an die Erdoberfläche zu ziehen!

Das Dorf, in dem die Familie wohnte, klebte regelrecht am Steilufer des großen Sees. Das war ungewöhnlich für eine Ansiedlung eines keltischen Stammes. Normalerweise wurden für eine Ansiedlung Bergplateaus bevorzugt, weil man von einem Berg aus eine bessere Rundumsicht hatte. Früher wäre dies auch überlebensnotwendig gewesen, heutzutage führten die verschiedenen Stämme keine Kriege mehr gegeneinander. Die einzelnen Clans waren zwar unter sich geblieben, lebten aber friedlich in ihren eigenen Dörfern neben der Ansiedlung eines anderen Clans. So hatte sich der Clan von Hruzas Familie in dem Dorf direkt über dem See angesiedelt. Da Hruzas Familie Selbstversorger war, also alles Gemüse und Obst zum Eigenverbrauch selbst anbaute, hatte sie sich oberhalb des Dorfes ihren Platz zum Leben gesucht. Hier gab es angrenzend an das Haus einen kleinen Acker, den sie bewirtschafteten. So lebten sie einerseits außerhalb des Dorfkerns, andererseits waren sie bestens im Dorfleben integriert.

Das Haus der Familie war aus grob gehauenen Holzstämmen und Balkenverbindungen zusammengesetzt, die auf einem massiven Steinkorpus saßen. Das Dach wurde mit Reisig gedeckt, mit Lehm abgedichtet und zog sich bis dicht über den Boden. Es gab nur kleine Öffnungen, die ein bißchen Licht in das Haus ließen. Diese Bauweise des Daches hielt sowohl Wind, Regen und Schnee als auch große Hitze im Sommer aus dem Haus fern. In einem geräumigen Anbau des Hauses, das nur aus einem einzigen großen Raum bestand, befand sich die Feuerstelle mit einem großen nach oben offenen Abzug. Auf der Feuerstelle stand immer ein großer eiserner Topf. Darin wurden sämtliche warme Speisen zubereitet. Meist kochte Guiwa einen Hirsebrei, der mit Bohnen und Wurzelgemüse langsam gegart wurde. Hruza liebte es, wenn der Duft dieses einfachen Gerichtes durch das Haus zog. Vor allem, wenn es „Geselchtes“ gab! Dieses geräucherte Fleisch gab dem „Ritschert“, so hieß (und heißt) das Gericht im Volksmund, erst einen ordentlich würzigen Geschmack.

Hruza saß gerne bei Guiwa und sah ihr beim Kochen zu. Während sie kochte, erzählte Guiwa gern Geschichten von ihren Vorfahren: „Meine Großeltern haben in einem fernen Land im Norden gewohnt. Sie hatten von dort aus eine lange Fahrt mit einem Boot…“, begann sie die nächste Geschichte. „Und warum sind sie von dort weggegangen?“, fragte Hruza. „Weil sie ungefähr so neugierig waren wie Du“, lachte Guiwa, „Sie sind aufgebrochen, weil es im Norden am großen Meer immer öfter heftige Sturmfluten gab. Viele Dörfer sind einfach weggespült worden. Ihre Felder wurden unterspült und sie wussten nicht mehr, wovon sie leben sollten. Andere sind weggegangen, weil sie Krieger waren und neues Land erobern wollten. Wir waren ein Volk, das immer unterwegs war. Und wir haben uns unser Land immer erkämpfen müssen. Deshalb sind wir hier gelandet, in den Bergen.“ „Ja aber wir gehen doch nicht hier weg, oder? Wir sind doch schon lange hier und wir bleiben doch…“, fragte Hruza. „Wir haben hier alles, was wir zum Leben brauchen. Wir haben das Haus, die Arbeit im Berg und vor allem Wasser. Der See wird von den vielen Bächlein und Flüsschen aus den Bergen gespeist, das ist wichtig… wir können Fische fangen und natürlich können wir im Wald jagen gehen…“, meinte Guiwa und wurde nachdenklich. „Aber das dürfen wir nicht, stimmt’s?“, fragte Hruza. „Genau“, meinte Guiwa, „das dürfen wir nicht!“, sie lächelte verschmitzt, „aber, wenn wir uns vom Gutsherrn nicht erwischen lassen, kann uns keiner anklagen, oder?“ Jetzt grinste sie.

„Was haben Deine Großeltern hier gemacht?“, fragte Hruza neugierig. Er hatte die Geschichte schon zig mal gehört, aber jedesmal, wenn Guiwa sie erzählte, kam noch ein Detail dazu und Hruza fand es spannend, wie die Geschichte immer wieder erweitert wurde. „Oh, es war ein weiter Weg von der Küste, an der sie landeten. Sie haben viele Winter gebraucht, um mit ihren Familien in primitiven Wagen hier anzukommen. Ich sagte ja schon, dass sie große Krieger waren. Sie mussten überall kämpfen, um irgendwo bleiben zu können. Die Menschen, die vorher hier waren, hatten große Angst vor unserem Volk. Sie sagten, dass unsere Krieger von unglaublich großer Gestalt seien und furchterregend bunte und grelle Kleidung trügen. Und dass sie helles, dickes, manchmal sogar rotes Haar hätten, das ihnen wild und wirr vom Kopf abstand! Genau wie Deines übrigens! Das Schrecklichste und Furchterregendste aber war wohl ihr Kampfstil! Sie hatten nämlich eigentlich gar keinen! Vor einem bevorstehenden Kampf zogen sie sich einfach nackt aus und kämpften nackt! Einige rieben ihren ganzen Körper mit einer Mischung aus Kalk und Wasser ein und malten sich aus Ruß und Moor Zeichen ins Gesicht und auf die Brust. Wenn sie sich zum Angriff in die geordneten Reihen der Feinde stürzten, bliesen sie laut in große Hörner, auf denen oben drauf ein Eberkopf aus Eisen saß. Dadurch wirkten die Angreifer noch bedrohlicher. Das sollte den Gegner erschrecken und war auch ein großer Schock für die Armeen der Länder, in denen sie ankamen und kämpften! Diese Armeen hatten Kettenhemden und nachher Rüstungen. Aber sie hatten keine guten Schmiede, so wie wir. Ihre Rüstungen konnten den guten Schwertern und Kurzdolchen unserer Vorfahren nicht standhalten! Und weil unsere Vorfahren so wild und ungeordnet kämpften, kamen die Krieger der Gegenseite nicht zu ihrer gelernten Kampfordnung. Das hat sich bis heute nicht geändert. Es war für die Feinde wohl auch bedrohlich, dass unser Volk keine Angst vor dem Tod hat. Mein Vater Melcho hat mir erzählt, dass seine Eltern und deren Vorfahren gar nicht tot seien. Sie machten lediglich Pause während eines ewigen Lebens. Irgendwann kämen sie wieder und würden ihr altes Leben wieder aufnehmen, oder in ein neues Leben eintreten.“ Hruza wurde nachdenklich. „Aber dann würden wir ja gar nicht wirklich sterben!“ „Genau, wir machen im Tod einfach nur Pause. Deshalb geben wir den Toten auch zu Essen und zu Trinken mit ins Grab. Und ein bißchen Gold und Silber, damit sie einen guten Start in ihr neues Leben haben“, meinte Guiwa. „Woher hatten die Leute denn früher schon Gold und Silber? Waren sie denn reich?“, fragte Hruza. „Nein, reich kann man das nicht nennen. Aber sie hatten schon früh die Schmiedekunst aus Eisen gelernt. Das war das Metall der normalen Leute. Wer reicher war, etwa Händler oder Gutsherren, konnte es sich leisten, seine Waffen mit Gold und Silber zu veredeln. Oder auch den Schmuck der edlen Damen. Die einfachen Leute waren stolz, wenn sie ein Schmuckstück aus Eisen besaßen und es mit Gold oder Silber überziehen lassen konnten. Meine Großmutter hatte eine goldene Spange, um den Winterumhang zusammen zu halten. Aber ich weiß nicht, ob sie wertvoll ist…, jedenfalls war sie sehr stolz darauf und hütete sie wie einen Schatz!“

Das Essen war fertig und Guiwa beauftragte Hruza, die Familie zusammenzurufen. Alle zusammen machten sie sich über den großen Topf mit Hirsebrei und Geselchtem her.

Guiwas Eltern waren beide sehr alt geworden. Hruzas Großvater war vor ein paar Monaten mit 35 Jahren gestorben, seine Großmutter mit 34 Jahren. Beide hatten, genau wie ihre Kinder und Enkel ihr Leben lang im Salzbergwerk gearbeitet. Die Arbeit dort war auch gefährlich. Wer zur Arbeit kam, rutschte über lange, enge Rutschbahnen in den Berg, das war praktischer und schneller, als sich einen mühsamen Abstieg durch die Schluchten zu suchen und dann in den Berg abzuseilen. Bis zu 160 Meter tief kamen die Arbeiter und Arbeiterinnen in den Stollen, in denen sich die Salzsalinen quer durch eine Schicht des Berges zogen. Alle hatten unterschiedliche Aufgaben im Berg. Die Männer trieben mit Werkzeugen aus Horn und Eisen immer tiefere Gänge in den Berg. Für einen Meter benötigen sie ungefähr einen Monat! Andere Männer bauten die Salzplatten innerhalb des Stollens ab und transportierten diese in eine der großen Höhlen. Dort wurden die großen Salzplatten zerkleinert und in wollene Säcke gepackt, die sie dann schulterten und durch die engen unterirdischen Gänge zu den Treppen trugen. Innerhalb des Berges zogen sich große Höhlen unterirdisch quer durch ganze Landstriche. Teilweise waren die Höhlen bis zu 150 m lang und hatten eine Raumhöhe von bis zu 12 Metern! Hier wurde das Salz in großen Blöcken am Stück gewonnen und über große, breite Holztreppen den „Salzförderern“ zugeschoben, die es dann über andere Rampen ans Tageslicht beförderten. Das war dann die Arbeit für Hruza, Kina und andere größere Kinder aus dem Dorf. Sie arbeiteten dann an einer der großen Treppen in 140 m Tiefe. Die Kinder waren dafür verantwortlich, dass die Salzsäcke auf den Rutschen gut verankert waren und während des Transportes nicht verrutschen konnten. Eines der Kinder begleitete immer johlend eine Fuhre nach oben und war stolz, mit dem Salzblock nach oben gezogen zu werden und nicht laufen zu müssen.

Dieser Arbeitsplatz hatte noch einen Vorteil. In diesen Höhlen roch es immer gut! Das lag daran, dass hoch oben unter der Decke dieser Riesenhöhlen Schweinehälften aufgehängt wurden. Das war ein wichtiges Zusatzeinkommen für die Betreiber des Salzbergwerkes. Sie nutzten die salzige Luft, um in großen Mengen Schweinefleisch zu räuchern und es damit haltbar zu machen. Bis weit in den Süden lieferten sie es dann aus und verkauften das Fleisch an ihre Kunden.

Innerhalb der riesigen Höhlen standen Wannen, in denen die Schweine gepökelt und dann zum Trocknen an die Decke gehängt wurden. Diese räucherten dann automatisch durch die salzige Luft in den Höhlen. Diese Schweine wurden vorher bis zu zwei Jahre durchgefüttert, was die Aufgabe der Arbeiter des Salzbergwerks war. Da Tanor und Melcho im Dorf auch Schweine hielten, die sie für das Bergwerk mästeten, konnten sie ab und zu ein Stück „Geselchtes“ ergattern, was den Eintopf zu Hause gewaltig aufwertete! Damit gehörte Hruzas Familie schon zu den etwas privilegierteren Familien.

Als Hruza an einem Tag im Salzbergwerk helfen durfte und gerade einen Sack mit Salzstücken von einer der Treppenrampen schleifte, rief ihm ein Mann zu, dass er schnell zum Eingang laufen sollte. Sein Großvater Melcho würde dort auf ihn warten. Dies war sehr ungewöhnlich. Hruza lief so schnell er konnte an die Oberfläche. Dort saß sein Großvater mit schmerzverzerrtem Gesicht. Er war beim Arbeiten an der großen Treppe abgerutscht und hatte sich den Unterschenkel aufgeschlagen. Er blutete stark und andere Arbeiter hatten ihn die engen Stiegen im Berg bis an die Oberfläche getragen, wo sie ihn sitzend an einen Stein lehnten. Dann mussten die Kollegen schnell wieder zurück in den Stollen rutschen, da die Betreiber des Stollens streng auf die Arbeiter aufpassten.

Melcho hatte Glück im Unglück: er saß mitten in einem Meer von Arschwurzn! Als Hruza ihn erblickte, rupfte er sofort ein paar Blätter ab und säuberte damit notdürftig die Wunde. Hruza sah sich die Wunde an und war sehr erschrocken. Das sah nicht gut aus, die Blutung musste schnell gestoppt werden.

Er knickte je ein Blatt in der Mitte, so daß der Pflanzensaft hervor kam und legte mehrere Blätter sorgsam auf die Wunde. Dabei murmelte Hruza leise einige Formeln, die die guten Geister, die man zum Heilen brauchte, zu Hilfe rufen sollten. Dann nahm Melcho seinen gewebten Stoffgurt von der Taille und Hruza wickelte ihn fein säuberlich um die Blätter wie einen Verband. Die Wunde war tief und Melcho konnte mit dem Bein nicht auftreten. Der Weg zurück nach Hause war weit, auch ohne Verletzung hätte er eine gute Stunde gebraucht. So saß er mit Hruza wartend an einen Stein gelehnt. „Woher weißt Du die Formeln, wenn Du eine Wunde versorgst?“, fragte Melcho seinen Enkel. Hruza musste grinsen: „Och, ich weiß sie eigentlich nicht genau. Aber Segari, unser Druide, macht das doch auch so. Ich habe ihn genau beobachtet!“ „Und du bist sicher, dass die Arschwurzblätter die Wunde heilen?“, hakte Melcho nach. „Melcho, Arschwurz sind für alles immer gut! Wenn Du nichts anderes hast, ist Arschwurz immer richtig. Und den gibt es ja auch überall!“

Als die anderen Männer aus dem Dorf aus dem Berg kamen, kümmerten sie sich besorgt um Melcho. „Na, was machen wir denn mit Dir? Wir müssen Dich irgendwie nach Hause kriegen! Kommt, wir bauen ihm eine Trage!“ „Kommt nicht in Frage, wenn ihr mich stützt, laufen wir!“, sagte Melcho rigoros. Sie brauchten Stunden für den Weg nach Hause. Melcho war schneeweiß im Gesicht, fast so weiß wie das Salz, das er sein Leben lang abgebaut hatte. Im Dorf trugen sie ihn in das Haus des Druiden Segari, der sich gut mit solchen Verletzungen auskannte. Segari war oft lange auf Wanderschaften durch die Wälder, um „Häuptlingsbäume“ aufzusuchen und deren Blätter, Äste, Beeren usw. zu sammeln. Daraus bereitete er in seiner „Druidenküche“ Tinkturen, Heiltränke und Salben zu. Segari war der Dorfälteste und als Druide ein hochangesehener Mann. Wenn etwas im Dorf oder mit einem Dorfbewohner passierte, wurde Segari sofort informiert. Von Segari ging eine Art Zauber aus…

Segari war ein großer Mann, uralt, wie Hruza fand. Tanor hatte ihm mal erzählt, dass Segari schon mindestens vierzig Mal das Sonnenwendfest zelebriert hatte. Seine blonden langen Haare waren inzwischen schneeweiß geworden und er hielt sie mit einem kunstvoll bestickten Stoffband, dass er sich um den Kopf gebunden hatte, im Zaum. Zu Feierlichkeiten oder Zeremonien schmückte er sich mit Tierfellen, Hörnern oder Federn oder der geschnitzten Maske eines Seeadlerkopfes. Manchmal war er einfach ein paar Tage aus dem Dorf verschwunden und dann plötzlich wieder da. Nach diesen Tagen umwehte ihn ein ganz besonderer Zauber, fand Hruza. Er bewunderte den alten Mann sehr!

Sie legten Melcho auf den großen Tisch und Segari wickelte den provisorischen Verband um den verletzten Unterschenkel ab. Besorgt wiegte er seinen Kopf hin und her. Er reinigte die Wunde sorgfältig mit einem Auszug der Holunderbeere und strich um die Wundränder eine Paste aus Eichenblättern, da Eichenrindenextrakt eine zusammenziehende Wirkung hat. So können offene Wunden schneller heilen. Dann verband der Druide die Wunde wieder mit Melchos Stoffgurt.

Die Nacht sollte Melcho im Haus des Druiden verbringen. Um dieses Haus herum wuchs nämlich ein große Weißdornhecke. Nach keltischem Glauben sorgte der Weißdorn, auch Schlafdorn genannt, für Schutz und friedlichen Schlaf. Wilde Tiere, aber auch Dämonen, böse Geister und Krankheiten sollten durch die Stacheln der Weißdornhecke ferngehalten werden und an den langen Stacheln hängen bleiben. Die weißen Blüten und die roten Früchte wurden als Zeichen des Lebens für das Innerste, also das Herz angesehen.

Auch ein Haselstrauch befand sich auf dem Grundstück von Segaris Haus. Dieser Strauch bot nach dem keltischen Glauben Schutz vor negativen Kräften und sollte störende, krankmachende Strahlungen abhalten. Die Familie war nun sicher, dass Melcho eine gute Nacht haben würde.

Aber am nächsten Morgen war Melcho tot. Die Umgebung der Wunde hatte sich blaulila verfärbt, die Verfärbung zog sich über das gesamte Bein. Segari hatte in der Nacht immer wieder versucht, Melchos Fieber zu senken, indem er kalte Wickel anlegte und seine Formeln sprach. Melcho hatte sich unruhig auf seinem Nachtlager hin und her gewälzt und laut fantasiert. Schließlich hatte Melcho Ruhe gefunden und war in einen fiebrigen, aber ruhigen Schlaf gesunken, aus dem er nicht mehr erwachte. Owisa, seine Frau war sehr traurig. Aber in ihrer Trauer war sie auch sicher, dass es Melcho in seiner neuen Welt gut gehen würde. Er war ohne Angst in den Tod gegangen, dessen war sie sich sicher.

Die Vorbereitungen für das Bestattungszeremoniell waren bereits in vollem Gange. Auf dem Thingplatz wurde trockenes Holz für ein wärmendes Lagerfeuer aufgeschichtet. Der Thingplatz war eine Lichtung außerhalb des Dorfes, der von großen alten Eichen und einer alten Buche umstanden war. Die heilige Buche war der Thingbaum und machte dadurch den Platz zu einem heiligen Ort. Auf diesem Platz wurden Versammlungen abgehalten, Gerichtsverfahren und Geschäftsverhandlungen geführt und auch Begräbniszeremonien für die Bewohner des Dorfes zelebriert.

Nun war Melcho doch sehr plötzlich gestorben. Bis zu seinem Tod war er gesund und stark. Jetzt musste die Familie überlegen, wie und wo Melcho bestattet werden sollte. Es gab da mehrere Möglichkeiten. Melchos Eltern waren in einer großen Grabkammer bestattet, die von einem großen Erdhügel verdeckt wurde. Die Stätte lag am Ortsrand, dort türmten sich mehrere Grabhügel, alle von den etwas wohlhabenderen Einwohnern des Dorfes angelegt. Durch die Nähe zum Dorf sollte den Ruhenden die Wiederkehr in ihre gewohnte Umgebung erleichtert werden. Die einfache Dorfbevölkerung hatte bescheidenere Grabstätten außerhalb des Dorfendes, die meisten wurden am Fuß des nächsten Gebirges angelegt.

Guiwa und Tanor entschieden, dass Melcho in der großen Grabkammer seiner Eltern bestattet werden sollte. Ansonsten müssten sie eine neue Grabkammer ausheben, was Wochen in Anspruch genommen hätte. Den beiden waren zwar Möglichkeiten der Einbalsamierung mit Hilfe von Honig bekannt, aber auch das hätte wieder viel Zeit in Anspruch genommen. Sie überlegten hin und her. Ein Kammerschachtgrab erschien beiden noch viel aufwändiger als eine Hügelgrabbestattung in der Grabkammer seiner Eltern. Für ein Kammerschachtgrab würde ein riesiges Loch gegraben werden müssen und der Leichnam in einer Art Sarg aus massiven Steinplatten im Erdboden versenkt. Diese Art Begräbnis war auch ein sehr teures Unterfangen. Sie waren sich also einig!

Die Männer des Dorfes würden den Eingang zum Grabhügel freilegen. Das war harte Arbeit, die einen ganzen Tag in Anspruch nahm.

Die Zeremonie für Melcho sollte am Abend stattfinden. Er wurde in sein prachtvollstes Gewand gekleidet und auf eine hölzerne Bahre gelegt. Nun konnte jeder Dorfbewohner, allen voran aber seine Familie, ihm eine Gabe mitgeben, die er in seinem neuen Leben vielleicht gut gebrauchen könnte.

Owisa trat als Erste an seine Bahre heran. Sie schloss einen vergoldeten, vorne offenen eisernen Halsring, den er immer um den Hals trug mit einer reich verzierten goldenen Spange. Dann nahm sie ihre eigene schwere eiserne Halskette mit einem runden Anhänger, auf dem ein Runenkreuz eingehämmert war und legte ihm auch diese um den Hals. Diese Kette hatte er ihr zur Hochzeit geschenkt und es war Brauch und Sitte, sie dem Ehegatten im Tod zurück zu geben und ihm damit im Totenreich die Gelegenheit zu ermöglichen, wieder ein Geschenk machen zu können. Tanor, Guiwa, Hruza, Kina und Fran legten Salz, Brot und je einen Krug Bier und einen Krug Öl an den Rand der Bahre. Melcho hatte trotz der schweren Arbeit „sein“ Salzbergwerk sehr geliebt. Alle anderen Anwesenden brachten nun kleinere Gaben.

Melcho wurde feierlich aus dem Dorf getragen, alle hatten ihre buntesten und verziertesten Gewänder, Mäntel, Gürtel und Haarbänder angelegt und so bot die Gesellschaft ein buntes Bild. Der Druide Segari hatte seinen Seeadlerkopfschmuck angelegt ging singend und sich im Rhythmus des Liedes wiegend vor der Bahre her, damit Melcho sein Lied mitnehmen konnte…

Als die Träger die Bahre in den Eingang des Grabhügels trugen, fielen alle in den Gesang des Druiden ein und verabschiedeten Melcho feierlich.

Hruza hatte die Begräbnisrituale schon öfter erlebt, aber er war immer wieder aufs Neue fasziniert von dem Vorgang. Wie gerne wäre er mit den Trägern in die Begräbnishöhle gegangen! Wie würde es darin wohl aussehen? Dunkel? Was war mit seinen Urgroßeltern geschehen, die ja schon vor langer Zeit dort bestattet worden waren. Waren sie vielleicht schon aufgebrochen in ihr neues Leben? Haben sie die Beigaben ihrer Familie und die der anderen Dorfbewohner gebrauchen können? Er nahm sich fest vor, auch einmal zu den Begräbnisträgern zu gehören, wenn er größer war.

Im Haus des Druiden wurde ein Festmahl für das ganze Dorf aufgetischt. Es wurde ein lautes Fest, wie Melcho es geliebt hätte! Mit voranschreitender Stunde und einer gehörigen Menge selbstgebrauten Bieres wurden die Gäste lauter und fröhlicher und stimmten wilde Kriegsgesänge an, wie sie sie von ihren Vorfahren kannten. Hruza fiel spät abends todmüde auf sein Schlaflager und schlief sofort und traumlos ein.

Nur drei Wochen später fand Kina ihre Großmutter Owisa morgens tot auf ihrem Lager in der Nähe der Kochstelle vor. Sie war einfach eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht. In den letzten Tagen hatte sie oft davon geredet, dass sie Melcho unendlich vermisse und sie ihm fast schon ein bißchen böse war, dass er sie nicht in sein neues Leben mitgenommen hatte. Owisa sah sehr friedlich aus, ja man hatte schon fast den Eindruck, als lächele sie!

Wieder wurde die Grabkammer geöffnet, damit Owisa und Melcho nun gemeinsam in ihr neues Leben starten konnten…

Segari machte sich nach der Totenfeier wieder einmal auf den Weg in den Wald. Hruza beobachtete den Aufbruch des alten Druiden. „Segari, wohin gehst Du?“, fragte der Junge neugierig. Segari lächelte ihn an und sagte: „In den Wald. Ich muss neue Kräuter sammeln und den Wald um Erlaubnis bitten. Heute Nacht wird der Mond sich ändern und die Sterne werden sich neu ausrichten, dann werde ich wissen, wo ich suchen muss, um die besten Kräuter zu finden.“ Hruza fand das total spannend und ließ nicht locker: „Segari, nimmst Du mich mit? Ich kann Dir helfen und suche mit Dir. Ich kenne mich gut aus im Wald. Und ich habe keine Angst, auch im Dunkeln nicht!“ „Nein Hruza, das geht nicht“, sagte Segari ernst, der innerlich über den Eifer des Jungen schmunzeln musste, „nur Druiden und ihre Novizen dürfen die heiligen Bäume um Erlaubnis fragen. Du weißt doch, dass ich jetzt erstmal ein paar Tage nicht da sein werde und ich darf Dir nicht sagen, wohin ich gehe…!"

Das befriedigte Hruzas Neugierde natürlich überhaupt nicht! Im Gegenteil, jetzt wollte er es erst Recht wissen und beschloss, Segari heimlich zu folgen, wenn dieser spätabends aufbrach.

Als Hruza am nächsten Morgen aufwachte und zum Haus des Druiden lief, ärgerte er sich sehr. Er hatte den Aufbruch seines großen Freundes verschlafen. So nahm er sich fest vor, bei dem nächsten Aufbruch Segaris in den Wald besser aufzupassen!

Aber heute musste er auch mit seinem Vater und den anderen Männern aus dem Dorf aufbrechen, um im Salzbergwerk zu arbeiten. Auch Guiwa und Kina gingen heute mit, um noch ein paar Kräuter im Wald zu sammeln. Sie wanderten erst ein Stück durch den Wald in Richtung Berg, bis sie vor einer dunklen hohen glatten Felswand standen, die eine Art Halbkreis bildete und eine Öffnung hatte wie einen Höhleneingang. Hruza war schon oft heimlich hier gewesen. Eigentlich durfte er nicht allein so tief in den Wald gehen und die Felswand erhob sich wirklich drohend wie aus dem Nichts. Er hatte sich auch schon vorsichtig dem vermeintlichen Höhleneingang genähert. Aber je näher er dem Felsspalt gekommen war, desto kleiner erschien er ihm, bis er kaum mehr zu sehen war. Das lag daran, dass der Höhleneingang zur Seite abknickte, so dass man ihn im Vorbeigehen nicht sehen konnte. Der Boden vor dem Halbkreis des Felsens war mit Sand bedeckt, auf dem man hervorragend Tierspuren studieren konnte. Hruza wusste, dass sich hier oft Rehe und Hirsche trafen. Auch Hasen-, Fuchs- und Vogelspuren gab es hier reichlich. Er konnte jede Tierspur deuten. Er konnte auch sehen, ob ein Tier verletzt war und hinkte.

Aber etwas war hier heute völlig anders! Der Boden war übersät von frischen Blättern. Die Bäume hatten gerade wieder frisch ausgeschlagen und begannen, in sattem Grün zu erstrahlen, der Winter war vorbei! Zwischen den Blättern waren menschliche Fußspuren zu sehen, eindeutig! Hruza lief von Fußabdruck zu Fußabdruck und untersuchte die Spuren im Sand ganz genau. Guiwa rief ihn zurück: „Hruza, komm weiter, der Platz ist nichts für Kinder, wir müssen uns beeilen!“ „Aber hier stimmt was nicht“, rief Hruza aufgeregt, „hier ist irgend etwas passiert!“ „Das geht uns nichts an!“, sagte Tanor streng und zog Hruza am Arm wieder auf den Weg, der sich jetzt links am Felsen vorbeischlängelte um nach ein paar hundert Metern wieder geradeaus im Wald zu verschwinden. Hruza lief unwillig mit, ärgerte sich aber sehr. So etwas Interessantes und er durfte dem Geheimnis nicht auf die Spur kommen. Was war da passiert? Die Blätter waren eindeutig frisch von den Bäumen gefallen. Aber stop! Waren sie wirklich heruntergefallen? Wenn er sich recht erinnerte, waren die Blätter doch teilweise an kleinen Ästen vom Baum gefa… nein! Sie waren eindeutig abgeschnitten und auf den Boden fallen gelassen worden! Und viele Menschen waren dort gewesen, das hatte Hruza an den vielen verschieden großen Fußabdrücken genau gesehen! Wieso waren in der Nacht so viele Menschen hier gewesen und hatten den Boden mit Blättern bedeckt? Und warum war dieser Ort nichts für Kinder, wie Guiwa sagte? „Mama, sag schon, was hier passiert ist, Du weißt es doch! Warum erzählst Du mir nicht, was Du weißt!“, forderte Hruza mit Nachdruck. Guiwa schüttelte vehement den Kopf, dass die langen Haare nur so flogen und verzog das Gesicht, als hätte sie große Schmerzen. Dann ging, nein rannte sie wie panisch an den anderen vorbei und lief dann schnell voraus. Tanor bedeutete Hruza, jetzt nichts mehr zu sagen und ging mit ihnen in großem Abstand zu Guiwa zum Salzbergwerk.

Hruza nahm sich fest vor, am Abend noch einmal zum Berg zu gehen und den Ort genau zu untersuchen.

Am Nachmittag wurden im Bergwerk die Kinder mit ihren Müttern nach Hause geschickt, nur die Männer mussten noch arbeiten. Guiwa ging heute einen anderen Weg nach Hause als sonst und wirkte fröhlich und ausgeglichen. Sie wollte noch die Kräuter sammeln, damit der Eintopf heute Abend besonders würzig schmeckte. Heute hatte es kein Fleisch im Salzbergwerk gegeben und so mussten Kräuter die Mahlzeit schmackhaft machen. Die Kinder sammelten unterwegs fleißig mit und so fiel es auch Hruza gar nicht auf, dass sie den Platz vor dem Berg großräumig umgangen hatten.

Zu Hause halfen die Kinder beim Zubereiten der Mahlzeit, damit sie fertig war, wenn die Männer hungrig heim kamen. Als sie sich alle wieder um den Tisch versammelt hatten und sich fröhlich unterhielten fiel Hruza plötzlich wieder der Platz mit den Blättern ein! Er sprang auf und rief in die überraschte Runde: „Ich muss nochmal weg!“, und flitzte um den Tisch herum Richtung Ausgang, wo Tanor ihn erwischte und aufhielt. „Na, wohin so eilig? Es ist gleich dunkel und ich finde nicht, dass es etwas so Eiliges gibt, das nicht auch morgen erledigt werden kann! Außerdem wird es gleich regnen, das rieche ich…“, und wie zum Beweis schnupperte Tanor wie ein Hund in die Luft. Alle lachten und schnupperten auch mit ihren Nasen in die Luft, auch Hruza musste mitlachen. „Ach, ist nicht so wichtig…“, murmelte er. Wie gerne wäre er noch einmal zum Berg gelaufen und hätte nachgesehen, ob er noch etwas herausbekommen könnte über den mysteriösen Blätterteppich. Tanor war in der Beziehung unerbittlich und wenn er entschieden hatte, wagte niemand, sich zu widersetzen. Also fügte Hruza sich und die Familie zog sich zum Schlafen in die jeweiligen Schlafbereiche zurück.

Hruza, Kina und Fran teilten sich eine Ecke des Hauses als Schlafplatz. Oft krochen sie zusammen unter eine Decke, wenn die Eltern schon schliefen. Dann flüsterten sie noch zusammen. Hruza erzählte seinen Geschwistern von seiner Entdeckung. „Ja, das habe ich auch gesehen“, flüsterte Kina aufgeregt und fast zu laut! „Psst!“, machte Fran und spähte unter der Decke her in Richtung Schlafplatz der Eltern, um sicher zu gehen, dass sie nichts mit bekommen hatten. „Segari ist doch im Wald. Ob er sich mit den Geistern des Waldes trifft?“, überlegte Hruza halblaut, „oder vielleicht mit anderen Druiden?“, meldete sich Fran zu Wort. Fran war der jüngste der Familie und eigentlich fand Hruza, dass sein kleiner Bruder noch nicht so viel von Druiden und Ritualen und der Natur wusste. Aber vielleicht irrte er sich auch und der Kleine hatte vielmehr Ahnung als Hruza dachte. Aber auch Kina spürte oft, wenn sich z.B. das Wetter änderte oder sie konnte sehr zielsicher sagen, wo im See eine gute Stelle zum Fischen war. Dort fingen sie immer mindestens einen großen Fisch! „Meint ihr, es ist gefährlich, wenn wir uns jetzt herausschleichen und zum Halbrundplatz laufen? Dann würden wir vielleicht herausbekommen, was da nachts los ist“, raunte Kina mit leuchtenden Augen ihren Brüdern zu. „Stell Dir vor, Segari und die anderen heiligen Männer erwischen uns dort!“, flüsterte Hruza beschwörend, „die jagen uns aus dem Dorf…!“ Sie überlegten noch eine Weile schweigend jeder für sich. Auf einmal mussten Hruza und Kina unter der Decke kichern und hatten alle Mühe, dabei still zu sein. Fran war eingeschlafen und hatte auf dem Rücken liegend Arme und Beine von sich gestreckt, der Kopf war zur Seite gerollt und er atmete laut mit offenem Mund. Dabei schnarchte er so laut, dass seine Geschwister ruhig laut hätten sein können. Wenn von Fran‘s Krach niemand wach wurde, dann konnten sie auch kichern. Die beiden beschlossen aber, dass es wohl besser wäre, heute Nacht nicht nach Segari zu suchen und jetzt auch zu schlafen.

Aber Hruza fand keine Ruhe. Was hatte das alles zu bedeuten? Wen konnte er fragen? In Kina hatte er eine Verbündete, das wusste er. Aber Kina war auch noch ein Kind und genauso neugierig wie er. Sie war oft draufgängerischer als er, brachte sich aber damit auch in brenzlige Situationen. Andererseits hatte seine Schwester manchmal Vorahnungen, die ihn staunen ließen. Wenn sie allein im Wald oder auch auf dem Feld hinter dem Haus waren, sagte sie oft: „Lass uns nach Hause gehen, es wird gleich Gewitter geben.“ Hruza hatte sich abgewöhnt, dagegen zu protestieren, auch wenn den Himmel kein Wölkchen trübte. Sobald sie zu Hause waren, brach das Gewitter los … !

Auch Tanor hatte Recht behalten mit seinem Instinkt für Wetter, es hatte in der Nacht ordentlich geregnet. Die Luft war feucht, aber frisch, als am nächsten Morgen alle wieder unterwegs waren ins Salzbergwerk. Als sie aus dem Wald heraus auf den sandigen halbrunden Platz vor der schwarzen Felswand traten, blieb Hruza wie angewurzelt stehen! Kina und Fran hinter ihm bekamen das zu spät mit und liefen von hinten aufeinander. Das konnte doch nicht wahr sein! Hruza traute seinen Augen nicht! Der Platz lag vor ihnen wie immer! Kein einziges Blatt, kein kleiner Ast war zu sehen, nur Sandboden! Und darauf im nassen weichen Boden zahlreiche Abdrücke von Tierpfoten, Vogelkrallen oder Hufen! Nichts deutete darauf hin, dass hier in der letzten Nacht etwas Ungewöhnliches passiert sein konnte. Hruza fragte Guiwa noch einmal, warum sie gestern gesagt hatte, dass dieser Ort nichts für Kinder sei und warum der Ort heute so anders aussah als gestern früh. Guiwa zögerte mit ihrer Antwort, das spürte Hruza. „Unsere Ahnen erzählten, dass halbrunde Lichtungen und Plätze kein Ort sind, an dem man sich lange aufhalten sollte. Sie bergen immer ein Geheimnis und verändern ihre Form oder ihre Beschaffenheit. Diese Orte sind den Bewohnern des Waldes vorbehalten, hier haben wir nichts zu suchen!“ „Aber wir wohnen doch auch im Wald!“, sagte Hruza. Aber Guiwa sagte nichts mehr, blickte richtig ehrfürchtig in Richtung Berg und schien plötzlich viel kleiner zu sein, als sie wirklich war. Sie schlich förmlich am Felsen entlang, um wieder auf den Weg durch den Wald zu gelangen. Hruza ging nachdenklich weiter. Das wurde ja immer spannender. Er beschloss, Segari danach zu fragen, wenn dieser wieder ins Dorf zurück kam.

Aber Segari kam nicht wieder ins Dorf zurück. Aus den zwei oder drei Tagen, die er schonmal weg war, wurden Wochen und Monate, in denen Hruza sehnsüchtig auf den alten Druiden wartete. Die Tage wurden länger und der Sommer wurde sehr heiß. Der Platz vor dem Berg hatte sich nicht mehr verändert, seit Hruza ihn im Frühling mit Blättern übersät vorgefunden hatte. Der Weißdorn in Segaris Garten wucherte und Tanor stutze ihn hin und wieder. Auch der Haselstrauch hatte seine Früchte abgeworfen. Guiwa schickte die Kinder in Segaris Garten, um die Nüsse aufzusammeln, damit sie sie essen konnten.

Tanor und Guiwa kümmerten sich gern um das Haus des Druiden, wenn dieser wiedermal länger weg war. Aufgrund seines Alters hatte er schon seit längerer Zeit keine längeren Ausflüge mehr unternommen und auch Tanor und Guiwa begannen sich zu wundern, dass Segari so lange weg war. Aber Sorgen machten sie sich nicht. Wenn Segari etwas zugestoßen sein sollte, würden sie es schon erfahren. Dann käme ein anderer Druide zum Thingplatz und würde den Dorfbewohnern seine Geschichte erzählen. Dies passierte nur, wenn der eigentliche Druide des Dorfes nicht persönlich kommen konnte.

Irgendwann im Spätsommer kam Hruza aus dem Wald nach Hause und sah eine Bewegung in Segaris Garten. Hruza duckte sich schnell hinter der Weißdornhecke und schlich sich vorsichtig und sehr leise in Richtung der Bewegung an. Am Ende der Hecke streckte er den Hals vorsichtig vor um um die Ecke schauen zu können. Aber bevor er irgendwie reagieren konnte, hing er zappelnd und schreiend in der Luft und japste, weil ihm etwas den Atem abdrückte. Er konnte nicht sehen, was ihn da am Bauchgurt gepackt und mit großer Kraft von den Füßen gehoben hatte!

Schließlich fand er sich auf allen Vieren auf dem Boden wieder und er brauchte eine kleine Zeit, um sich vom Schrecken zu erholen. Als er, immer noch auf dem Boden sitzend langsam an den vor ihm stehenden Beinen hochsah, fühlte er sich klein wie eine Ameise. So hoch ragte Segari über ihm auf, der alte Druide wirkte doppelt so groß wie er er eigentlich war! Und er hatte einen unheimlichen Ausdruck im Gesicht, wirkte um Jahre gealtert, aber doch so kraftvoll, ja würdevoll, dass Hruza sich nicht traute, ihn freudestrahlend zu begrüßen. Konnte es sein, dass Segari ihn so hochgehoben hatte? Segari war ein alter Mann, er war schon alt, als Melcho in seinem Haus gestorben war! Verstohlen sah Hruza sich um, ob vielleicht noch jemand in der Nähe war. Aber die beiden waren allein und blickten sich ernst an. Einem unerklärlichen Instinkt folgend rappelte Hruza sich auf und verbeugte sich schweigend und tief vor Segari. Als er wieder aufrecht stand und nicht recht wußte, wie er sich jetzt verhalten sollte, tat Segari es dem Jungen gleich und verbeugte sich schweigend und tief vor ihm. Dann drehte sich der Druide bedächtig um und ging langsam in sein Haus.

Hruza hatte dieses Erlebnis tief beeindruckt. Und er fühlte sich stark und mutig. Segari hatte sich vor ihm verbeugt! Vor einem Jungen, der sich hinter der Weißdornhecke angeschlichen hatte!

Aber Moment! Segari? Segari war seit Monaten weg gewesen! Er hatte keinem gesagt, dass er ging, und jetzt war er wieder da und nahm das Kind am Bauchgurt hoch und schwieg und verbeugte sich vor ihm? Hruza setzte sich wieder auf den Boden und lehnte an einem Holzpfosten, der einen Teil des Zaunes um das Druidenhaus darstellte. Was sollte er jetzt tun? Erwartete Segari, dass Hruza jetzt zu ihm ging und ihn willkommen hieß? Oder bedeutete diese unerwartete Begrüßung, dass er genau dies nicht tun sollte?

Er hörte ein kleines Rascheln neben sich und suchte mit den Augen nach einer Bewegung im Gras. Da hüpfte ein Rotkehlchen neben ihm aufgeregt hin und her und trippelte schnell in Richtung Ortsausgang. Es sah sich immer wieder um und lief zu Hruza zurück, um in einem kleinen Abstand zu dem Jungen wieder loszulaufen. Dabei piepste der kleine Vogel unaufhörlich, als wollte er Hruza etwas erzählen. Hruza kannte und liebte die Tiere aus dem Wald und freute sich über den kleinen Vogel. Doch dann war ihm, als könnte er verstehen, was der Vogel ihm sagen wollte! Fasziniert stand Hruza auf und folgte dem Rotkehlchen. Es sah sich immer wieder um, ob er ihm auch folgte. Das Rotkehlchen führte Hruza zum Thingplatz des Dorfes. Als sie angekommen waren, blieb Hruza erstaunt stehen. Der Platz war bedeckt von den Blättern der großen Buche und ein Windstoß wirbelte die Blätter durcheinander und Hruza befand sich plötzlich mitten in einem Strudel um ihn herum aufsteigender Blätter! Als hätte jemand „Stop!“ gerufen, fielen alle Blätter wieder auf den Boden und um Hruza herum. Das Rotkehlchen hüpfte eifrig um den Blätterberg und den mittendrin stehenden Hruza und nahm immer wieder mit dem Schnabel ein Blatt auf, trug es ein Stück weiter in Richtung Dorf, ließ es dann fallen und blickte sich zu Hruza um. Er verstand und bückte sich, um eine Handvoll Blätter vom Boden aufzuheben. Er betrachtete den kleinen Ast mit drei Blättern genau und stellte überrascht fest, dass der Ast nicht abgefallen, sondern eindeutig auch abgeschnitten worden war. Er bückte sich noch einmal, um den nächsten Ast zu prüfen und zuckte plötzlich mit einem kleinen Schmerzensschrei mit der Hand zurück. Irgendetwas hatte ihm in die Hand geschnitten. Eine lange blutende Wunde zog sich vom Daumen aus einmal quer durch seine Handinnenfläche. Hruza hielt sich die Hand fest, von der das Blut auf den Boden tropfte. Er ärgerte sich. Das konnte doch nicht sein, da lagen doch nur Blätter! Mit dem Fuß schob er vorsichtig die Blätter zur Seite um zu sehen, was darunter lag. Da kam eine kleine goldfarbene Sichel mit einem Horngriff zum Vorschein, die Hruza unter dem Blätterberg nicht gesehen hatte. Er hatte mit der Hand voll in die scharfe Klinge gegriffen.

Hruzas Herz machte einen Sprung! Er hatte eine goldene Sichel gefunden. Das war ein wertvoller Fund und er war sicher, eine Druidensichel gefunden zu haben. Er wurde plötzlich ganz aufgeregt. Wem mochte diese Sichel gehören? Segari? Waren andere Druiden hier gewesen? Sollte er die Sichel einfach behalten? Er überlegte nur einen kurzen Moment und dann wurde ihm klar, dass er das heilige Werkzeug wieder dahin zurück bringen musste, wo es hingehörte. Und dabei konnte ihm nur sein Freund Segari helfen!

Er nahm die Sichel, legte instinktiv ein Thingbaumblatt in die blutende Hand und packte eine Handvoll Blätter in seinen Beutel. Er traute sich nicht, die Sichel noch einmal zu berühren und trug sie trotz der blutenden Hand auf einem Blätterbett feierlich vor sich her ins Dorf. Andere Bewohner kamen aus ihren Häusern, zogen sich aber staunend und wispernd wieder zurück, als sie sahen, was Hruza da vor sich her trug. „Er hat eine heilige Sichel…“, raunte es ehrfürchtig durch das Dorf. „Sie hat ihn geschnitten, das ist ein Zeichen…“, flüsterten die Leute sich zu.

An Segaris Haus angekommen waren Hruza eine Menge Dorfbewohner in respektvollem Abstand gefolgt. Sie wollten mitbekommen, was Hruza vorhatte. Der ging etwas unsicher, ob er das Richtige tat, durch den Garten des Druiden zur Haustür und blieb dort unschlüssig stehen. Er wusste, wie wütend Segari werden konnte, wenn jemand an seine Sicheln und Messer ging. Vor allem Hruza wusste das, er war ja schon öfter der Versuchung erlegen und hatte mehr als einmal ordentlich Ärger bekommen.

Er nahm allen Mut zusammen und klopfte zaghaft an die Tür. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er schwere Schritte im Haus vernahm und sich die Tür ruckhaft öffnete. Hruza sog die Luft ein und zog den Kopf zwischen die Schultern, als würde ihn das schützen. Segari stand groß und respekteinflößend im Rahmen und sah auf den klein wirkenden Jungen herunter. „Hruza“, sagte Segari sanft und freundlich, „Du blutest ja. Und Du hast die richtigen Blätter gefunden, um die Blutung zu stoppen, zeig mal her.“ Damit beugte er sich herunter, nahm Hruzas verletzte Hand, entfernte vorsichtig die Blätter des Thingbaumes und entdeckte dann die Sichel in ihnen. Er schien weder überrascht noch ungehalten. Er kümmerte sich nicht mehr um den Jungen, sondern nahm die Sichel in beide Hände und ging an Hruza vorbei in seinen Garten. Dort blieb er an der Weißdornhecke stehen, die inzwischen ein Meer von orangeroten Beeren trug. Segari schnitt mit der Sichel ein paar Äste ab, entfernte geschickt die langen Dornen und kam zu Hruza zurück, der wie versteinert immer noch vor der offenen Haustür stand, die blutende Hand mit der Innenfläche nach oben von sich streckend. Segari kam zu ihm zurück, legte ihm die Weißdornzweige in die verletzte Hand und drückte mit seinen großen Händen Hruzas kleine Hand zusammen. Es tat gar nicht weh, wunderte sich Hruza. Er sah zu Segari auf und bemerkte, dass Segari seine Lippen bewegte, wie als würde er stumm Formeln sprechen. Dazu rollte er zwischendurch die Augen und sah fast komisch dabei aus, aber Hruza „spürte“ die Kraft des Rituals!

Als Segari die kleine Hand wieder öffnete, war die Blutung gestillt und ein roter feuchter Streifen zog sich einmal quer durch Hruzas Hand. Segari wickelte ein Leinentuch darum, drehte Hruza an den Schultern herum und wies mit dem Finger in Richtung des Hauses, in dem Hruza wohnte. Segari sprach kein einziges Wort.

Schweigend nickte Hruza und ging wie in Trance auf sein Elternhaus zu, aus dem in diesem Moment Guiwa stürzte um ihren Sohn in Empfang zu nehmen. „Was ist passiert?“, rief sie im Laufen und nahm Hruza in die Arme. „Deine Hand! Wie ist das passiert? Hast Du Dich geschnitten?“ Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus. Auch Kina und Fran liefen aus dem Haus, um zu sehen, warum so viele Menschen auf den Beinen waren und ihre Mutter so aufgeregt war. Alle redeten plötzlich durcheinander: „Hruza hat eine Sichel von Segari gestohlen!“ „Nein, er hat sie gefunden und Segari hat sich bei ihm bedankt, dass er sie zurück gebracht hat!“ „Ach was, Segari hat ihm die Sichel geschenkt!“ „Unsinn, ein Druide verschenkt seine Sicheln nicht!“ Und so weiter …

Hruza blieb auf halbem Weg nach Hause stehen und wehrte sich dagegen, dass Guiwa ihn ins Haus ziehen wollte. Laut sagte er: „Segari hat mir ein Zeichen geschickt, damit ich seine Sichel finde! Dabei habe ich mich geschnitten und Segari hat meine Hand wieder gesund gemacht!“ Guiwa, die großen Respekt vor allem hatte, das irgendwie an Zauberei grenzte, war ganz aufgeregt.

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