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Arnulf

Alles hat seine bestimmte Stunde,

jedes Ding unter dem Himmel hat seine Zeit.

Töten hat seine Zeit, und Heilen hat seine Zeit.

Weinen hat seine Zeit, und Lachen hat seine Zeit.

Schweigen hat seine Zeit, und Reden hat seine Zeit.

Lieben hat seine Zeit, und Hassen hat seine Zeit.

Der Krieg hat seine Zeit, und der Friede hat seine Zeit.

(Altes Testament, Prediger, Kap. 3; Sprüche Salomos)

 

Sprachliches Zeitkolorit: Althochdeutsch

Nicht jeder Orts- und Flussname ist für das achte Jahrhundert belegt. Damals sprach man im deutschen Sprachraum das sogenannte Althochdeutsch, das sich noch einmal in fränkische und sächsische Unterformen bzw. Dialekte gliederte. Ich habe mich bemüht, die historisch korrekten Bezeichnungen zu verwenden. Diesem Gedanken folgen auch einige Begriffe aus der Alltagssprache wie gilerito (der Gelehrte), ahta (die Achtung bzw. der Status) oder samantwist (das intime Zusammensein). Die Bedeutung dieser kursiven Wörter ergibt sich jeweils aus dem Textzusammenhang, dies ist zumindest die Hoffnung des Autors.

Städte, Flüsse, Gaue

Heutige Bezeichnung

Adrana

Eder

Amanaburg

Amöneburg

Aquisgranum

Aachen

Aroldis

Bad Arolsen

Babenberg

Bamberg

Curbeki

Korbach

Dimella

Diemel

Eresburg

Obermarsberg

Franconofurt

Frankfurt

Friedeslar

Fritzlar

Fulda

Fulda

Haerulfisfeld

Bad Hersfeld

Ingilinheim

Ingelheim

Kolna

Köln

Loganagau

Lahngau

Mariburg

Marburg

Milisunge

Melsungen

Moyn

Main

Mulinheim

Seligenstadt

Paderburni

Paderborn

Ratisbon

Regensburg

Rinah

Rhein

Sanctos

Xanten

Spiragau

Speyergau

Warmatia

Worms

Wetereiba

Wetterau

Wisera

Weser

Wisabada

Wiesbaden

Die Personen des Romans

Arnulf

Holzhauer und Krieger, genannt sax hamar

Ansgar

Krieger der königlichen Leibwache (Scara)

Bernhard

Fränkischer Waisenjunge

Blutmund

Händler und Eulenjäger

Boso

Priester in Friedeslar, Vertrauter Childerichs

Buddo

Sippenältester im sächsischen Dorf Aroldis

Childerich

Graf des Hessengaus

Dietmar

Arnulfs Onkel väterlicherseits und Stiefvater

Dodo

Heerbannkrieger aus dem Rinahgau

Dudo

Mönch des Klosters Haerulfisfeld

Einhard

Königlicher Berater (Consiliarius) und Gelehrter

Erika

Halbschwester Herzog Widukinds

Esiko

Hauptmann der königlichen Leibwache (Scara), genannt harto

Fulrad von Metz

Bischof und Hofkapellan, Leiter der königlichen Amtsgeschäfte

Gero

Bogenschütze in der Leibwache Childerichs

Grimbald

Heerbannkrieger aus dem Rinahgau

Gunther

Bogenschütze aus Friedeslar

Hilde

Tochter des Friedeslarer Baumeisters

Idorich

Berater Herzog Widukinds

Liudger

Bannerführer im Rinahgau-Heerbann

Karl

König der Franken, Sohn des Königs Pippin

Konrad

Bruder von Arnulf, Prior des Klosters Haerulfisfeld

Lothar

Jugendfreund Arnulfs

Mildred

Childerichs Ehefrau

Notker

Baumeister in Friedeslar

Ragla

Mädchen in Blutmunds Diensten

Rato

Sächsischer Kriegsführer aus Ostfalen

Rogan

Sächsischer Krieger

Rudolf

Waffenmeister des Hessengrafen Childerich

Ruodbert

Graf, Befehlshaber der königlichen Leibwache (Scara)

Samo

Sächsischer Krieger

Skerva

Sächsischer Edling

Thegan

Gefolgsmann des Hessengrafen Childerich, Paladin

Tristan

Schreiber und Diener Einhards

Widukind

Herzog der Sachsen

Witigo

Widukinds Bruder

Wulfram

Schankwirt aus Franconofurt

Weitere Begriffe

 

Scara

Leibwache des Königs, unterteilt in Hundertschaften, genannt unfortha = die Furchtlosen

Prolog

So wie ein Pflug den Boden aufreißt, so brachen die sächsischen Krieger in die Schlachtreihe der Franken ein. Hass, Angst und Wut entluden sich in einem Gebrüll, das Arnulfs Blut gerinnen ließ. Er sah Widukinds Haupt aus dem Angriffskeil hervorragen, unbehelmt, nicht einmal einen Schild hatte er – aber eine Langaxt, die mit fürchterlicher Gewalt in die ersten Reihen der Franken fuhr.

Arnulf riss seinen Schild hoch. Er sah das Rot eines geöffneten Rachens, Klingen zischten durch die Luft, Schwerthiebe ließen den Schildbuckel dröhnen. Sein Unterarm sandte Blitze des Schmerzes aus. Keuchend wich er zurück.

„Wooodaan!“ Immer lauter dröhnte der heidnische Schlachtruf über die Ebene. Wenn es den Sachsen jetzt gelang, den skaron der Franken auseinanderzusprengen, dann waren sie verloren: dann wären die Heidengötter stärker als der Allmächtige, dann würde Arnulf, dann würden die Hessen hier mit den anderen fränkischen Gautruppen sterben.

„Bleibt stehen, bei Gott! Kämpft!“ Er selbst rief das. Dann musste er den Schild hochreißen, um einen Schwerthieb abzuwehren. Die Klinge des Sachsen ließ das Rund aus Lindenholz erdröhnen, Arnulf starrte für einen Moment in ein bärtiges Gesicht mit blutunterlaufenen Augen. Mitten hinein schmetterte er seine Streitaxt, sah den anderen zusammenbrechen und riss sofort wieder den Schild vor seinen Körper, um die Stöße der nachdrängenden Krieger abzuwehren. Blutspritzer trafen ihn von links, ein Schwertstreich trennte die Hand seines Nebenmannes ab – aber Arnulf hatte nicht einmal Zeit hinzuschauen, wollte er nicht in Stücke gehauen werden. Für einen Augenblick waren beide Heere ineinander verkeilt wie Wisentbullen. Doch unaufhaltsam begann der rechte Abschnitt der Sachsen die fränkischen Krieger zurückzudrängen. Und dann verspürte Arnulf einen Gluthauch zwischen Nacken und Ohr. Widukinds Langaxt war nicht mehr im Getümmel zu sehen! Wenn der Herzog wirklich den magischen Rabenstein hatte, konnte er überall auftauchen – auch in ihrem Rücken. Der Hesse wehrte einen Speerstoß ab, machte einen schnellen Schritt nach vorne und rammte seine Schildkante in den Kiefer eines Angreifers. Schwer atmend warf er einen Blick über die Schulter – und konnte sich im letzten Augenblick zur Seite drehen. Der Axtkopf schwang an seiner Schulter vorbei und grub sich in den Boden. Arnulfs Blick kreuzte den Widukinds – einer von ihnen würde das Blutfeld nicht lebend verlassen!

Kapitel I

Friedeslar im Hessengau, 752 nach Christus

Der Hessengau war die Grenzmark im Norden. Dahinter kamen nur noch endlose Wälder, bewohnt von Wolfsrudeln und Heiden. Sie beteten Wodan und Donar an und nannten sich Falen oder Engern; die Hessen sprachen von ihnen schlicht als Sachsen, dabei spuckten sie aus oder bekreuzigten sich. Wenn die Krieger dieser Heidenstämme in das Frankenreich einfielen, wanderten Rauchwolken durch die Täler der Adrana und der Fulda. Dann blieb nur die Flucht in befestigte Städte wie Friedeslar, wo der Graf des Hessengaus residierte: Etwa zweihundert strohgedeckte Häuser mit winzigen Fensterluken drängten sich auf einem Hügel über der Adrana, umringt von einem zwölf Fuß hohen Palisadenwall. In ihrer Mitte erhob sich das hölzerne Gotteshaus, das nur vom steinernen Palas des Gaugrafen auf der Hügelkuppe überragt wurde.

In einer gewitterschwülen Sommernacht stieß ein weißer Finger aus dem Himmel und entzündete das Schindeldach der Kirche. Der Bau brannte bereits lichterloh, als die ersten Menschen mit Eimern vom Brunnen herbeieilten. Am nächsten Morgen glommen nur noch schwarze Trümmer, wo die Kirche gestanden hatte. Es war eine doppelte Katastrophe: Das Holz jener Kirche war nicht irgendein Holz gewesen, es stammte vom Kultbaum des Heidengottes Donar. Diese Eiche war einst vom großen Missionar Bonifatius gefällt worden, Bonifatius dem Heiligen – er hatte Hessen für das Christentum gewonnen.

Später sprach sich herum, dass in der Nacht des Kirchenbrandes ein Kind geboren worden war. Die Eltern nannten den Jungen Arnulf: Adler und Wolf, beides klang in dem Namen an. Arnulf reichte seiner Mutter bis zur Hüfte, als er sie fragte, ob er in die Hölle müsse. Andere Kinder sagten, er sei nicht getauft.

„Du bist getauft. Wer etwas anderes sagt, der lügt.“

Wenn sie an warmen Tagen am Flussufer nach Krebsen suchten und die nassen Haare an der Kopfhaut klebten, konnten die anderen ein großes Muttermal hinter seinem rechten Ohr erkennen. Harmknabo riefen sie ihn dann, Unglücksbringer; manchmal schlug er sich mit denen, die das sagten.

„Es sieht aus wie ein Fünfeck“, erklärte ihm schließlich sein älterer Bruder Konrad. „Bete so oft wie möglich zum Herrn, damit er dich davon befreit.“

Arnulf wusste nie so recht, ob er auf Konrad neidisch sein sollte. Bei Raufereien – Arnulf schien sie anzuziehen – drückte sich der Ältere. Früh aber konnte er ausrechnen, wieviel Scheffel Korn für den Zehnt anfielen, der von der Ernte an die Kirche gegeben wurde. Die Geistlichen schickten ihn schließlich an die Schule des Haerulfisfelder Klosters, was seine Mutter sehr stolz machte. Arnulf dagegen schauderte: In der Schule, hörte er, saß man den ganzen Tag in einer Kammer und kritzelte winzige Zeichen auf Pergament. Lieber ließ er sich von seinem Vater den Umgang mit Pfeil und Bogen beibringen. Arnulf war gerade vierzehn geworden, also volljährig, als der Vater sich an einem frostigen Herbstmorgen für eine Wolfshatz fertig machte. Mit Sorgfalt stopfte der Jäger Streifen von dichtgesponnener Schafwolle unter die Beinriemen, die die Franken zwischen Knöchel und Knie trugen, denn der Schnee war in diesem Jahr früh gefallen.

„Lass mich mitkommen, Vater! Du hast es versprochen!“

„Du bleibst hier“, sagte der kräftig gebaute Mann nur. Er griff zu seinem Jagdspeer und warf einen Umhang aus Bärenfell über, der ihn noch größer erscheinen ließ.

„Ich schieße fast so gut wie du!“

„Wölfe bewegen sich, eine Zielscheibe nicht. Hilf deiner Mutter, die Hasen zu häuten!“

Von einem hariskild, einem Geplänkel, sprach man später. Die Wolfsjäger stießen auf Sachsen; vielleicht waren sie ebenfalls auf der Jagd. Abends erreichte die erschöpfte Truppe der Jäger wieder die Stadt und legte einen Schwerverletzten in der Vorhalle des Palas ab. Der Waffenmeister des Gaugrafen war betrunken, aber er erkannte den Sterbenden und ließ nach dessen Familie schicken. Als Arnulf und seine Mutter endlich erschienen, fanden sie den Vater im zuckenden Fackellicht reglos auf einem Tisch liegen. Auch der Priester kam zu spät: Arthur von Friedeslar trat Gott gegenüber, ohne seine Sünden gebeichtet zu haben.

Das Schluchzen von Arnulfs Mutter steigerte sich zu einem verzweifelten Schreien, bis Dietmar erschien, der Bruder des Toten. Er stützte die Gebrochene. Auch als man Tage später den Leichnam im weißen Totentuch in eine drei Fuß tiefe Grube senkte, hielt Dietmar die Hand der Witwe. Der Priester bat den Allmächtigen um Gnade und nannte den Toten eine treue Christenseele. Nicht jeder empfand das so, denn Arnulfs Vater war zu Lebzeiten nur selten beim Gottesdienst erschienen. Sogar sonntags war er in den Wald verschwunden, um zu jagen, murmelte man hinter vorgehaltener Hand. Kein Wunder, dass ausgerechnet dieser Mann – hatte er nicht gar die alten Götter angebetet? – von den Heiden getötet worden war …

Auch Arnulfs Bruder Konrad war aus Haerulfisfeld herbeigekommen. Er hatte einen beachtlichen Bartflaum und trug eine raue, sackartige Kutte, die unter den wollenen Manteldecken der Friedeslarer hervorstach.

„Ich muss mit dir über Gott sprechen, Arnulf.“

„Wozu? Bist du ihm begegnet?“

„Narr! Vater war ein aufrechter Mann, aber er hat dir nicht immer die nötige Klarheit des Glaubens vermittelt …“

„Aber er hatte gute Waffen! Ich nehme den Bogen, hörst du?“

Noch vor dem Frühjahr war Dietmar bei ihnen eingezogen. Bei Sonnenaufgang weckte er sie mit einem Psalm, dann stand Arbeit auf ihrem Acker vor der Stadt an. Dietmars Streifen grenzte an das Feld von Arnulfs Familie, aber auf den Äckern des Onkels wuchs viel weniger Unkraut: Arnulfs Vater hatte den Jagdbogen der Sichel vorgezogen. Auch der Junge verdrückte sich lieber in den Forst, anstatt auf dem Feld zu schuften. „Feldarbeit ist für Frauen und Knechte!“, ließ er seinen Onkel bei solchen Gelegenheiten wissen. Knechte freilich hatten sie nicht.

Wohin mit dem Jungen? Die Antwort auf diese Frage erschien in Form eines Händlers namens Blutmund. Er belieferte die Siedlungen im Adranatal mit Wein, Stoffen, Gewürzen und anderen Dingen, die er weiter im Süden einkaufte. Arnulf sträubte sich nicht, als Dietmar vorschlug, ihn Blutmund als Dienstjungen zu überlassen. Arnulf konnte mit diesem Onkel nicht auf Dauer unter einem Dach leben, ja, er hasste die Geräusche, die nachts vom Bett der Erwachsenen ausgingen. Mit dem Händler herumzuziehen, verhieß dagegen Aussicht auf Abenteuer ohne sinnlose Ackerfron … Weder Dietmar noch Arnulf ahnten, dass Blutmund so gut wie ruiniert war. Im Trunk hatte der grobschlächtige Mann den Hörigen eines Lieferanten erschlagen. Um wieder freizukommen, musste er ein schmerzhaftes Wergeld zahlen. Wenig später wurde eine seiner Ladungen von Wegelagerern geraubt. Kurz nachdem Arnulf sich bei ihm für zwei Mahlzeiten täglich verdingt hatte, verkaufte Blutmund seinen Ochsenwagen, um Schulden zu begleichen. Seine Helfer verließen ihn, denn er konnte sie nicht mehr bezahlen. Arnulf aber blieb zurück, ihm stand noch kein Lohn zu; und wohin hätte er auch gehen sollen? Weder Dietmar noch seine Mutter machten Anstalten, ihn nach Hause zu holen.

Neben Arnulf gab es in Blutmunds schäbigem Lager noch ein Mädchen mit rötlichem Haar und einem schiefen Schneidezahn. Sie hieß Ragla und galt als Blutmunds Eigentum. Niemand wusste, ob sie getauft war oder nicht. Sie kochte für Blutmund und schlief bei ihm. Das sorgte für Gerede. Als der Händler im Herbst des Unglücksjahres mit einem Eselkarren in Friedeslar Station machte und sich abends der Schenke näherte, trat ihm der Diakon in den Weg.

„Woher kommt das Mädchen, Blutmund?“

Er kratzte sich zwischen den Beinen, einfach, weil es dort juckte. „Ich hab‘ sie als Tochter angenommen, Priester.“

„Stimmt es, dass du sie für ein Silbergeschmeide gekauft hast?“

„Ja, losgekauft von Heiden! Seid mir dankbar!“

„Dann schick sie in die Kirche! Kennst du das Vaterunser?“

Aber dann brach der Tod über das Adranatal herein. Für einen verwilderten Händler interessierte sich niemand mehr: Tagein, tagaus erteilte der Priester Menschen die Sterbesakramente, wenn sie mit blutigen Beulen am ganzen Körper vom Leben zum Tod hinübergingen. Freilich, einige Familien wurden nicht von der Heimsuchung berührt; sie hatten Eulenflügel über die Tür genagelt oder Euleneier unter ihren Betten vergraben. Das war ein altes Mittel gegen Unheil. Es hatte schon in Zeiten gewirkt, als noch niemand im Hessenland den Namen Jesus Christus vernommen hatte. Die Priester wetterten gegen diese Bräuche, denn sie wussten: Wer mit Eulenzauber der strafenden Hand Gottes entkam, der würde heimlich wieder die alten Götter anbeten, die man längst nach Norden vertrieben wähnte. Blutmund aber witterte ein neues Geschäft. Bald zog er mit seinen Helfern immer wieder in den Forst, wo Ragla und Arnulf in dreißig oder vierzig Fuß Höhe Eulengelege leerten. Manchmal trafen ihre Pfeilschüsse das Muttertier. Dann tauschte Blutmund die Beute meist rasch in Bier ein. Arnulf und Ragla ernährten sich von Weizengrütze und dem, was der Wald hergab. Immer häufiger schlug Blutmund nach Arnulf, wenn er betrunken war, oder fiel über seine angebliche Tochter her.

Eines Tages – Arnulf war in seinem fünfzehnten Jahr und nur noch wenige Zoll kleiner als Blutmund – überkam den Jungen die Verzweiflung. Blutmund war zu einem Tauschhandel zu einem Ort am Oberlauf der Adrana aufgebrochen, und Ragla saß vor ihrer Erdhütte am Waldrand und pulte Bucheckern aus der Schale.

„Ich will fliehen, Ragla. Komm mit!“

Ohne ein Wort zu sagen, richtete sie sich auf und sah sich um, als könnte ihr Herr sie hören; mager war sie, das hemdartige Kleid hing wie ein Segel an ihr herab. Ihre Gesichtszüge hatten kaum noch etwas Mädchenhaftes. „Wohin denn? Er wird uns überall finden. Und dann …“

„Nach Haerulfisfeld, zu meinem Bruder.“

„Aber wie willst du da hinkommen? Blutmund holt uns doch ein!“

Arnulf rückte seinen Gürtel über der löchrigen, harzverschmierten Tunika zurecht und seine Hand umfasste die Scheide mit dem Messer; der Griff war aus dem Geweih eines Hirsches gefertigt, den sein Vater einst geschossen hatte. „Heute Abend, wenn er wieder da ist und schlafen geht, dann ramme ich ihm das Messer ins Bein, dann haben wir Vorsprung …“

Ungläubig sah sie ihn an. „Das wagst du nicht. Er bringt dich um!“

Doch zunächst ergab sich keine Gelegenheit für den wildentschlossenen Jungen, diesen Plan umzusetzen. Ahnte Blutmund etwas? Als Arnulf sich Tage später mit einem in einer Schlinge gefangenen Hasen ihrer Erdhütte aus Stecken und Grassoden näherte, kam Blutmund ohne ein Wort aus der Türöffnung hervor. Er hatte blutunterlaufene Augen. Der erste Schlag traf den Jungen unerwartet, er fiel in einen Korb, in dem sie die Eier ablegten.

„Satan!“

Blutmund schlug erneut nach ihm. Arnulf rappelte sich wieder hoch und lief panisch in die Richtung, aus der er gekommen war. Aber sein Peiniger folgte ihm mit einem Knüppel in der Hand. Arnulf spürte, dass dieser Mann ihn totschlagen würde, dass er endgültig dem Leibhaftigen verfallen war.

Blutmund war nur noch wenige Schritte hinter ihm, als sie eine Lichtung mit frischen Baumstümpfen erreichten. Männer mit langen Äxten schlugen dicke Kerben in eine Ulme. Arnulf stürzte dem Erstbesten zu Füßen. Er trug Stiefel. Ihr Leder war dick und sauber gegerbt und kündete vom Wohlstand ihres Besitzers.

„Herr …“, keuchte Arnulf, „helft mir!“

Hinter ihm kam sein Verfolger schnaufend zum Stehen.

„Gebt ihn raus!“

Blutmunds Kopf war rot wie ein Kürbis. Schwer atmend stand er den drei Männern gegenüber, die sich um Arnulf herum aufgestellt hatten. „Er ist mein Dienstjunge! Er hat alles verhext!“

„Er lügt, Herr!“ So schnell er konnte erzählte Arnulf von Blutmunds Gewalttätigkeit, von dem Mädchen Ragla und dass sie kaum noch zu essen bekamen. Dann hob der Gestiefelte eine Hand, als hätte er genug gehört. Er hatte durchdringende Augen, einen sauber geschnittenen Schnurrbart und seine Tunika war makellos.

„Unser Priester hat mir von dir erzählt“, sagte er mit bedrohlicher Ruhe zu dem Wüterich. „Von dir und diesem Mädchen. Und dem Eulenzauber … Wir sollten dich durchprügeln, bis du nicht mehr weißt, wo unten und oben ist.“

Blutmunds Kiefer klappte nach unten. Plötzlich wirkte er gar nicht mehr so wütend. Hier stand einer, der ihn verachtete. Der wahrscheinlich auf gutem Fuß mit dem Priester und dem Gaugrafen stand. Und der kräftige Helfer hatte …

„Du wirst deinen Dienstjungen an mich abtreten, Blutmund. Und ich bin bereit zu vergessen, was du hier treibst …“

Blutmund sah in die kühlen Augen des Gestiefelten, betrachtete die schweren Fälläxte der Arbeiter und beschloss, dass nachzugeben hier das Beste war.

„Das ist nicht recht, Herr. Aber wenn Ihr mich zwingt …“ Der Knüppel in seiner Hand sank zu Boden.

Arnulf spürte eine riesige Erleichterung. Langsam richtete er sich auf, geradezu vorsichtig, als könnte eine unbedachte Bewegung Blutmund noch einmal herausfordern. Umso überraschter war er, als sein Retter von Blutmund noch etwas anderes forderte: Blutmund sollte ihm zwei Eulen liefern, ohne Entgelt!

„Du bringst sie zu meinem Haus unterhalb des Palas. Frag nach dem Baumeister Notker! Wenn du bis Sonntag nicht da warst, kommen wir und schneiden dir den faz ab, du Vieh!“

Arnulf klopfte sich den Schmutz des Waldbodens von seiner Tunika. Er wusste nicht, was Notker mit den Eulen vorhatte und in diesem Augenblick war es ihm auch gleichgültig; mochte er auch ein Mensch sein, der in jeder Lage seinen Vorteil suchte, er hatte Arnulf zunächst einmal gerettet: die Gesundheit und vielleicht sogar das Leben. So bedankte er sich mit einem Wortschwall beim Baumeister, während Blutmund sich grollend auf den Weg machte.

Nun endlich blickte Notker freundlicher. „Du hast was in den Armen, das sehe ich dir an … Erstmal müssen wir dich aufpäppeln! Meine Leute bekommen jeden Tag Fleisch. Wirst sehen, in ein, zwei Jahren bist du einer meiner besten Hauer!“

Kapitel II

Friedeslar, Mai 772

„Du magst sie, oder?“

„Kann sein.“

Mit lautem Schnaufen ließ Arnulf den zugehauenen Balken auf den fertigen Unterbau des Speichers krachen. Er wischte sich den Schweiß mit dem Handrücken von der Stirn und fuhr sich durch das über die Ohren hängende, fransige Haar, das in der Mittagssonne hellbraun leuchtete und fast schwarze, nasse Strähnen im Nacken bildete. Aus den Augenwinkeln heraus hatte er das Mädchen längst wahrgenommen: Hilde, die hochgewachsene Tochter Notkers, näherte sich mit zwei Körben der Baustelle.

Lothar fuhr sich mit einer langen, spitzen Zunge über die Lippen. Sein Adamsapfel zuckte, als er die junge Frau musterte, so wie die Männer manchmal ein besonders schnelles, feingliederiges Pferd betrachteten. „Was für ein hübsches Ding … Die hat was zu bieten, beim Bonifaz!“

Arnulf machte einen knurrigen Ton, denn er wusste, dass Lothar ihn reizen wollte. Beide Männer hatten stachlige Bartstoppeln am Kinn, beide trugen einen kurzen Schnurrbart, doch sonst schienen sie grundverschieden: neben der massiven Statur Arnulfs mit den muskulösen Oberarmen und dem kräftigen Hals sah Lothar schmal und fast hager aus. Seine Augen aber waren lebhaft und immer in Bewegung, und häufig ging ein Mundwinkel leicht nach oben, wenn ein Scherz bevorstand.

Tatsächlich strafften sich die schmalen Lippen zu einem Grinsen: „Ich kannte mal eine aus Haerulfisfeld, die war genauso blond, trug ebenfalls solche Zöpfe und die hatte untenrum …“

„Und ihr hattet samantwist bis zum Morgengrauen, was? Du alter Schwätzer!“ Er stieß dem anderen eine Zuhau-Axt vor die Brust, mit der flachen Seite. Lothar schaffte es, gerade stehenzubleiben. Arnulfs graublaue Augen funkelten ihn unter dicken Brauen an, die hochstehenden Wangenknochen glänzten schweißnass. „Du siehst ein bisschen wie eine Bestie aus, wenn du so guckst“, sagte Lothar ohne zu blinzeln. „Kühl dich ab, ja? Hol dir einen Schluck Wasser …“

Am Vormittag hatten sie ein halbes Dutzend Tannen in den Wäldern gefällt und mit Ochsengespannen in die Stadt geschafft. Mit Äxten und Sägen wurden sie zu Bauholz verarbeitet, aus dem ein neuer Speicher für das Getreide von den gräflichen Feldern entstand. Notker zahlte nur wenige Denare für eine Woche voll Fron; doch um seine Leute bei Laune zu halten, versorgte er sie einmal am Tag mit gegartem Fleisch und Grütze, manchmal sogar mit Brot.

Wie zufällig kreuzte Hilde Arnulfs Weg zum Wassereimer, der im Schatten einer Hauswand stand. „Bringst du was Leckeres?“

„Tu‘ ich das nicht immer, Mann?“ Ihre Augen funkelten vor Lebenslust.

„Heute Abend am Fluss?“ Das war so gedämpft gesprochen, dass das halbe Dutzend schwitzender Kerle beim Gebäudefundament ihn nicht hören konnte.

„Nein, besser morgen. Oder übermorgen …“ Da war ein Anflug von Röte in ihren Wangen.

„Also, morgen Abend. Aber lass mich nicht wieder warten!“

Ohne Anstrengung hob er den fast vollen Kübel hoch und ließ sich das lauwarme Nass in den geöffneten Mund rinnen. Das meiste lief am Kinn hinab, über die vorgewölbte Brust und die Wellenlinie der Muskelstränge über dem Hosenbund. Fünf Jahre, nachdem er Blutmund entkommen war, war er zu einem der kräftigsten Arbeiter Notkers herangewachsen. Kaum jemand ging geschickter mit dem Beil um als Arnulf.

Als er den Eimer absetzte, sah er Hilde von den anderen Hauern umringt. Sie lachte über irgendetwas und warf den Kopf in den Nacken. Arnulf liebte dieses Lachen.

Später jedoch, als die Arbeiter auf zähen Rindfleischstreifen herumkauten und über heiratsfähige Mägde sprachen, bot sich ihnen ein unheimliches Schauspiel: Dutzende fremder, abgerissener Gestalten trafen auf dem Platz zwischen Brunnen und Kirche ein. Sie führten ihre kümmerliche Habe auf zweirädrigen Karren mit sich und zogen ein paar Kühe am Strick hinter sich her. Manche trugen blutgetränkte Verbände.

Die halbe Einwohnerschaft Friedeslars strömte herbei, um Näheres zu hören, die Holzhauer mittendrin. Um einen dürren, kahlköpfigen Mann mit weißem Nackenhaar bildete sich ein Kreis: Den Zeigefinger anklagend in den Himmel reckend, schilderte er mit krächzender Stimme, wie sein Fronhof am Unterlauf der Adrana heimgesucht worden war. Sächsische Streifscharen hatten die Siedlungen im Norden überfallen!

„Sie haben die Männer gemordet und die Frauen geschändet, der Herr ist mein Zeuge!“

Da drängte sich Childerichs Paladin hoch zu Pferde durch die Menge. Dieser Mann namens Thegan war der erste Gefolgsmann des Gaugrafen Childerich und führte dessen Amtsgeschäfte. Er hatte einen herrischen Gesichtsausdruck, zu dem die schmale, hervorstechende Nase nicht ganz passen wollte; das glatte, schwarze Haar lief als sorgfältig gestutzter Rahmen um das Gesicht. Ein schwarzgrauer Rock, Lederpanzer mit Eisenbeschlägen und Reiterstiefel unterstrichen seine Autorität.

„Wie willst du denn davongekommen sein, Alter, heh? Warum haben sie dich nicht aufgeschlitzt?“

„Ich habe mich im Backhaus versteckt, Herr“, rief der Alte.

„Wo genau liegt eure Siedlung? Wo haben die Heiden sonst noch angegriffen?“

Verschiedene Stimmen aus der Flüchtlingsgruppe antworteten, jeder erzählte etwas anderes. Die Augen des Paladins wurden schmal, sein Blick streifte Arnulf, der einem der Flüchtlinge den Wassereimer der Hauer reichte. „Du arbeitest doch für Notker? Er soll in den Palas kommen.“ Dabei wendete er bereits seinen Rappen, die um ihn Stehenden beiseite drängend.

Arnulf fand seinen Brotherrn am Stadttor, wo er eine Fuhre frisch gehauener Stämme begutachtete. Er nickte stirnrunzelnd, als er von Thegans Botschaft hörte und fuhr sich mit der Hand durch das kurze, borstige Haar.

„Ich muss etwas mit dir besprechen.“ Sein Blick vermied Arnulfs Augen, er schien unschlüssig. „Aber nicht hier … Bring das Holz erstmal zur Baustelle. Und nehmt die Werkzeuge wieder auf, hörst du? Der Speicher soll nächste Woche fertig sein, so ist es mit dem Paladin abgemacht.“

Wollte Notker mit ihm über Hilde sprechen? Der Gedanke sorgte bei ihm für ein Kribbeln im Bauch. Sie war fünfzehn, die meisten Mädchen in ihrem Alter waren verheiratet. Und er war sich sicher, dass Notker insgeheim von ihren Treffen wusste …

Abends rumpelte erstmals seit langer Zeit ein Ochsenkarren mit Getreidesäcken zur steinernen Fluchtburg auf dem Nachbarhügel hinauf; auf dem Wall wurden die Wachen verstärkt. Mit den anderen Holzhauern drängelte sich Arnulf in die Schenke. Viele mussten stehen, so voll war der niedrige Raum. Der Geruch von trockenem Holz und schalem Bier wurde vom Schweißdunst Dutzender Männer überlagert.

Ein vom Rinah eingetroffener Händler posaunte, die Sachsen hätten auch im Westen angegriffen, mit zehnfacher Stärke: „Der König bietet den Heerbann auf, Leute, glaubt mir! Ich bin Königsboten begegnet, sie fordern Truppen von jedem Gau!“

Was folgte, war eine Art Tumult. Jeder überschrie jeden.

„Zur Hölle! Ein Heerbann gegen die Sachsen, das wird böse enden!“

„Drei Monate mit dem Bann unterwegs und hier verrottet die Ernte!? Wer passt auf meinen Hof auf?“

„Dein Weib, Mann! Bei welchem Feldzug warst du überhaupt dabei?“

„Sein Schwert hat weniger Blut gesehen als meine blinde Ziege!“

Ein älterer Mann versuchte das Getöse zu übertönen. „Was schreit ihr so? Die meisten von euch besitzen weniger als eine Hufe1 Land! Also müsst ihr auch keinen Kriegsdienst leisten.“

So ging es hin und her. Gebannt lauschten die Holzhauer denen, die schon Feldzüge gegen die Sachsenstämme mitgemacht hatten – oder die so taten. Schließlich stand Lothar auf und entriss dem Wirt noch einen Tonkrug mit Bier, für den er seine letzte Münze opferte. „Ich gehe nicht in den Krieg!“

„Woher weißt du das?“

„Wir mussten unser Land verkaufen, weil mein Vater nach der großen Missernte kein Geld mehr für Saatkorn hatte.“

„Gut, dann bist du bei meiner Hochzeit dabei“, grinste Arnulf. Bier flutete wie eine Welle der Zuversicht durch seine Adern. „Ich werde Notker um Hildes Hand bitten.“

Das abermals einsetzende Gebrüll in der Schänke übertönte Lothars Reaktion.

1  Mittelalterliches Ackermaß: etwa zehn Hektar

Kapitel III

Am Rinah, Juno 772

So prahlerisch der Händler vom Rinah geklungen hatte, die Wirklichkeit war schlimmer: Wochen zuvor war eine tausend Kopf starke Sachsenhorde von ihren westfälischen Grenzfestungen aus am Rinah stromaufwärts marschiert. Sie mordeten was sich ihnen in den Weg stellte, sie raubten Pferde und Frauen und plünderten die Altargefäße der Kirchen. Was brennen konnte, zündeten sie an. Als der Frankenkönig Karl endlich den langen Weg von Burgund nach Kolna am Rinahufer zurückgelegt hatte, war der Feind längst abgezogen. Zunächst blieb dem zornigen Herrscher nichts, als einige Tage Fasten anzuordnen und Zwiesprache mit Gott im Gebet zu suchen. Dann nahm er mit seinem Gefolge im nahegelegenen Edelhof eines Vasallen Quartier, um das weitere Vorgehen zu beraten. Zunächst galt es, sich ein Bild von den angerichteten Verwüstungen zu verschaffen.

Einer der Gefolgsleute, die dabei mittaten, war ein schmächtiger, nicht mehr ganz junger Mann mit ernstem Gesichtsausdruck, gekleidet in graue und blaue Stoffe, die feiner waren als das fränkische Leinen. Er sprach ein Fränkisch fast ohne Akzent, und nur die Hofleute, die selbst am Moyn aufgewachsen waren, ahnten, dass Einhards Familie in jener Region beheimatet war.

„Einhard von …?“

„Einhard. Nichts weiter.“

Der Schreiber stutzte. Die Spitze des Federkiels schwebte über dem dicken Pergament, auf dem bereits das Zeichen des Königs mit seinem Siegel angebracht war.

„Soll ich Euren Vater dazusetzen, Herr?“

„Nein.“

Durch die geöffneten Fenster sah Einhard die Krieger im Hof auf die Pferde steigen. Aber der Schreiber gab noch nicht auf.

„Manche Consiliari lassen noch ihre Familie …“

„Werdet endlich fertig!“

Ein letztes Zögern, dann fuhr die Feder des Kanzleisekretärs abermals über das Schriftstück, das bei Amtleuten, Äbten und Grafen Einhards Zugehörigkeit zum königlichen Gefolge bestätigen würde.

„Schert Euch nicht um das Pergament, Consiliarius!“ Es war die scheppernde Stimme Graf Ruodberts, die vom Hof durchs offene Fenster drang. „Beim Bart von Petrus, Ihr braucht keinen Pass, wenn Ihr mit dem Befehlshaber der Scara reitet!“

Einhard verstaute beim Hinauseilen den Freibrief in seiner Schultertasche und stieg eilig in den Sattel seiner Stute.

„Ich hätte Euch rasch eingeholt, Graf!“

Ein Knurren kam aus Ruodberts Kehle; der dicke, grausilberne Haarbusch gab dem Führer der königlichen Leibwache etwas von einem alternden Löwen.

Neidisch verglich Einhard die Mähne mit seinem eigenen, immer dünner werdenden Haar: verdorrtes Gras im Spätsommer.

„Wer hat Euch überhaupt angewiesen mitzureiten? Bischof Fulrad?“

„Der König“, sagte Einhard schnell. Tatsächlich hatte der Herrscher ihn nach Einhards Rückkehr aus dem Süden einoder zweimal angehört, zwischen Bad und Jagd, mit halbem Ohr; viele vermeintlich kluge Ratgeber drängten sich um den Herrscher, und längst nicht jedem mochte der Herrscher zuhören. Wie weit man dem Papst entgegenkommen durfte oder musste, darum ging es immer wieder. Und als hätte Karl keine sonstige Verwendung für den so schmächtigen Diplomaten, ließ er ihm irgendwann den Auftrag geben, Ruodberts Erkundung am Rinah zu begleiten.

„Und warum glaubt der König, dass wir zum Zählen zerstörter Städte einen Ratgeber brauchen? Was?“ Das Wort, nichts anderes als die Übersetzung von ‚Consiliarius‘, klang in Ruodberts Mund wie ‚Hofnarr‘.

„Da sind einige Königshöfe zwischen Kolna und Sanctos, die mit ihren Abgaben im Rückstand sind. Der König will, dass sie Zaumzeug und Waffen herstellen und Reitpferde liefern. Das wird meine Botschaft an die Amtleute sein.“

„Falls sie noch am Leben sind!“ Ruodbert spuckte aus. „Die Sachsen haben alles abgefackelt.“

Schon setzte sich die Gruppe von einem halben Dutzend Offizieren in Bewegung, gefolgt von einer langen Doppelkette von Kriegern. Das erste Stück Weg war mit Steinen gepflastert, weithin war das Getrappel der Hufe zu hören. Doch schon am Ufer des Rinah endete die Römerstraße. Felder dehnten sich um sie herum, die sanft zum Fluss hin abfielen. Die Sonne hatte sich zwischen den Wolken hervorgearbeitet und beschien eine fast schon liebliche Landschaft – ein milder Frühsommertag stand bevor.

„Was habt Ihr da zwischen den Beinen, Consiliarius?“

„Wie?“

„Das Tier da.“ Unterdrücktes Gelächter kam von hinten; die Hauptleute schätzten den Humor ihres Anführers.

„Meine Stute? Sie hat mir über die Jahre treu gedient.“

„Das Fell ist stumpf wie bei einem toten Hund. Ihr braucht ein Ross, das zwölf Stunden Ritt durchhält ohne zu lahmen! Wir ziehen schließlich in den Krieg.“

„Nicht so schnell, Graf! Der König hat noch nicht über einen Feldzug entschieden.“

„Macht Eure Augen auf“, schnaubte Ruodbert unwillig, denn Einhards prompte Antwort gefiel ihm nicht. „Der Sachsenherzog Widukind hat die Engern- und Falenstämme geeint! Sie waren uns tributpflichtig. Ihr wisst, was das bedeutet!?“ Der Heerführer ritt jetzt schneller, fast schon im Galopp.

Einhard trieb sein Pferd an, um auf derselben Höhe zu bleiben. „Wenn wir nach Norden ziehen und Krieg gegen Widukind führen – wie schützt Ihr gleichzeitig Rom? Der König hat dem Papst Schutz versprochen gegen die Langobarden …“

„Hört auf mit Rom! Wir sind Franken, und dies ist fränkische Erde!“ Misstrauisch starrten Einhard graublaue Augen unter drahtig wuchernden Brauen an. „Wo kommt Ihr überhaupt her? Warum habe ich Euch noch nie im Gefolge gesehen?“

„Ich war lange in Italien. Mein Herr leitete die Gesandtschaft beim Heiligen Vater.“

Eine Art Grunzen entwich Ruodberts Kehle, ein Geräusch von urwüchsigem Zorn. „Ihr habt Euch das ausgedacht, dass wir dem alten Sack unsere Schwerter leihen sollen? Der Papst kann sich noch nicht mal gegen seine Römer wehren, bei allen Heiligen! Weil diese Stadt ein einziges Loch von Heuchlern und Meuchlern ist!“

„Drückt Ihr Euch gegenüber dem König auch so freimütig aus!?“

„Seid Ihr der König? Ihr seid nur ein Consiliarius mit zu viel Ehrgeiz …“ Ruodberts Reitpeitsche klatschte auf die Kruppe des Apfelschimmels, der in Galopp überging. Verunsichert drückte Einhard seiner Stute die Hacken in die Seite.

„Was habt Ihr da gesagt?“

„Gilerito nennen sie Euch, richtig? Ihr seid dieser Bücherleser!“

„Man wird nicht dümmer von Büchern.“

„Pah! Könnt Ihr Widukind mit Pergamenten Angst machen, ja? Habt Ihr jemals ein Schwert geführt?“

Schuldbewusst berührte Einhard das Kurzschwert an seiner Seite, das eigentlich nur ein langes Messer war. Keiner der Krieger hinter ihm, der nicht ein Langschwert am Gürtel hatte; niemand, der nicht schon das Blut eines Feindes vergossen hatte.

Der Gegenwind hatte Ruodberts Umhang zurückgeweht, und nun sah Einhard den goldenen Armreif am linken Oberarm. Der Kriegsmann tippte mit der rechten Hand auf eine zwei Zoll lange Verdickung auf dem Reif. „In dieser Kapsel ist eine Locke von Chlodwig dem Heiligen! Einer meiner Vorväter rettete ihm in der großen Alemannenschlacht das Leben. Chlodwigs Kinder haben Frauen meines Geschlechts zum Weib genommen. Aus welcher Familie seid Ihr?“

„Mein Vater war Amtmann eines Königsguts, am oberen Moyn.“

„Amtmann …?! Und dessen Vater?“

„Hufschmied“, sagte Einhard tonlos.

Ruodbert warf ihm einen ungläubigen Blick zu, wie ein Pferdehirt, der eine Ziege unter seinen Rössern entdeckt. Plötzlich ritt er nur noch im Trab, denn Fahrrillen von Wagenrädern zwangen sie zu langsamerer Gangart.

„Bei Gott, Ihr habt es weit gebracht, Einhard vom Moyn“, lachte der Heerführer krächzend.

„Was ist daran komisch?“, fragte Einhard eisig.

„Gar nichts.“ Ruodbert fuhr sich mit einer Hand über das kantige, graustopplige Kinn. „Aber Ihr werdet wenig Freude am Hof haben.“

„Was soll das heißen?“

„Wegen Bischof Fulrad. Der fette Vorbeter hat Karl mit seinen König-David-Geschichten so beeindruckt, dass er ihn zum Leiter der Hofkapelle und der Kanzlei gemacht hat.“ Er blickte Einhard spöttisch – oder mitleidig? – an. „Fulrads Gunst ist für Euch Consiliari wichtiger als der Allmächtige selbst, gilerito!“

„Ach ja? Ein kluger Mann kann mit jedem auskommen.“

„Ziegendreck!“, gab der Kriegsmann zurück. „Es gibt zwei Arten von Gefolgsleuten, die der Hofkapellan nicht duldet: Menschen, die klüger sind als er selbst, und Leute ohne Abstammung. Gehört Ihr zu einer dieser Gruppen?“

+ + + + +

Als die Scara-Hundertschaft unter Führung Graf Ruodberts schließlich wieder nach Kolna zurückkehrte, erfuhren sie, dass der König mit dem Gefolge nach Aquisgranum weitergezogen war; die Pfalz konnte mit warmen Bädern und anderen Annehmlichkeiten aufwarten.Diese letzte, in militärischem Tempo gerittene Etappe war noch einmal eine brutale Probe für Einhards Wirbelsäule. Er murmelte Dankgebete, als sie am Nachmittag endlich das gut gesicherte Tor der Pfalzanlage erreichten.

Um die Königshalle wucherten Baugerüste in die Höhe, und der Beginn eines mächtigen Runds wuchs einen Steinwurf weit von der Halle empor, wo eine Kapelle aus Sandsteinquadern entstand. Das lärmende Durcheinander von Steinmetzen und Mörtelmischern, von Lasten- und Wasserträgern verdrängte die Bilder von Trümmern und Toten, die sie mitbrachten. Die Pfalz wuchs!

Der Herrscher war nicht auf der Jagd, und er war auch nicht in der neu errichteten Badeanlage, sondern in seinen Gemächern. Doch dort prallte Einhard ab. Ein Empfangszimmer – das hatte es früher gar nicht gegeben!

„Zum König? Das will jeder … Haltet Euch an die Audienzstunden.“

Der Sekretär hinter dem Eichentisch hatte eine Mönchstonsur und Tinte an den Fingern – einer der Schriftkundigen der Hofkapelle also, die den Regierungsapparat des Königs bildete. Zwei breitschultrige Scarakrieger im Lederpanzer lehnten links und rechts des Tisches auf ihren Speeren. Der eine kaute stoisch auf einem Grashalm, wie ein Rind.

Einhard räusperte sich. „Hört zu, ich komme gerade vom Oberlauf des Rinah zurück. Wir sind bis Sanctos geritten! Der Herrscher selbst hat mich beauftragt …“

„Der König ist beschäftigt.“

„Dann bringt mich zum Bischof!“

Der Sekretär prüfte seine tintigen Fingernägel. „Das geht nicht.“

„Und warum nicht?“

„Weil er beim König ist.“

Einer von Fulrads Leuten reichte aus, Einhard den Zugang zur Macht zu verwehren. Schließlich war Einhard nur ein Consiliarius mit zu viel Ehrgeiz … dass selbst der Befehlshaber der Scara von diesem Prädikat gehört hatte war ein Warnzeichen: Einhard musste sich demütiger geben. Doch Ehrgeiz glomm in ihm wie ein Wurzelbrand. Er konnte nicht sagen, woher dieses Streben nach Höherem kam. Wenn es von Gott kam, warum hatte er ihn nicht in ein altehrwürdiges Geschlecht hineingeboren? Kam der Drang hingegen vom Leibhaftigen, dann … er dachte den Gedanken nicht zu Ende.

Vor seiner Kammer, die er im Unterkunftsgebäude der Kanzlisten bezogen hatte, wartete ein schlaksiger Kerl mit tief in die Stirn fallenden schwarzen Haarsträhnen. Die Daumen hatte der Jüngling lässig hinter den Gürtel gehakt. Er hatte lange Wimpern und schöne Augen, fand Einhard – sofern ein Mann schöne Augen haben kann.

„Mein Name ist Tristan, Herr. Der Leiter der Kanzlei hat mir erzählt, dass Ihr einen Schreiber braucht.“

„Einen schreibkundigen Diener, richtig …“ Er musterte den Empfohlenen mit einem kritischen Blick. „Nimm die Hände aus dem Gürtel, das sieht respektlos aus!“

„Der Gürtel war am Rutschen, Herr.“

„Ein loses Mundwerk hast du jedenfalls …“ Einhard zog einen Mundwinkel hoch. „Lass mich raten – du kommst aus Kolna?“

„Ja“, grinste der Jüngere. „Mein Vater ist Bierbrauer. Aber ich hab’ drei ältere Brüder.“

„Und dich haben sie auf eine Schule geschickt … Kennst du die Namen der dreißig wichtigsten Familien des Reiches?“

„Der wichtigsten fünfzig, Herr! Ich hab’ dem Erzbischof gedient.“

„Der hat dich wegen deiner Zottelhaare verjagt, was? Schneid’ sie ab, du siehst nichts mehr!“

„Ich sehe gut“, sagte Tristan unbeeindruckt. „Vorhin, da war zum Beispiel ein Offizier hier. Der hat nach Euch gefragt.“

„Wirklich?“ Einhard spürte wieder seine Rückenwirbel. „Was wollte er? Wissen, wie man das Wort ‚Wein‘ buchstabiert?“

„Er hat gesagt, Ihr sollt zum König kommen.“

Einhard schnappte nach Luft. „Das erzählst du jetzt erst?“

+ + + + +

Es war hell in der Königshalle, doch spürte Einhard keinen Luftzug. Glas – die Fensteröffnungen hatten Glaseinsätze! Was Einhard so oft in Rom und Ravenna gesehen hatte, breitete sich nun auch in den ersten Königspfalzen aus. Er fühlte frischen Mut.

Der Herrscher stand am Fuß seines mit blauem Tuch ausgeschlagenen Steinthrons und spielte mit einem großen Hund. Karl trug die einfache Tunika fränkischer Männer, frischer Dreck klebte an Schuhen und Beinriemen. Mit einem Kopfnicken nahm er von Einhard Kenntnis. Am Tisch stand der Befehlshaber der Scara und fuhrwerkte mit einem Stück Kohle auf einer gespannten Tierhaut herum. Die schwarzen Linien sahen in Einhards Augen wie eine Skizze von Rhina, Moyn und dem Verlauf der Sachsengrenze im Norden aus. Einhards Herz schlug schneller.

„Warum lasst Ihr mich warten, Einhard?“

„Heil, mein König! Ich bin vorhin abgewiesen worden. Einer von Fulrads Geistlichen …“

„Schon gut. Der Kapellan passt besser auf mich auf als meine Mutter.“ Ein Lächeln überflog die Züge des Königs. Das Gesicht wirkte voller, männlicher, fand Einhard – vielleicht lag es an dem sichelartigen Schnurrbart, der sich neuerdings breit die Wangen hinab zog. Karl richtete sich zu seiner ganzen hünenhaften Größe auf und stieß einen Knochen in den Rachen des Hundes. Der wollte mit der Beute verschwinden – doch der Herrscher ließ nicht los.

„Die Heidenstämme haben sich verbündet. Was nun, Einhard? Wollt Ihr immer noch die Scara nach Italien schicken? Meine besten Krieger?“

Einhard räusperte sich. „Nun, einerseits müssen wir dem Heiligen Vater …“

„Ha!“ Ruodbert lachte auf.

Der König entlockte dem Hund ein tiefes Knurren, als er am Knochen zog. „Graf Ruodbert hatte gewettet, dass Ihr mit einerseits-andererseits anfangt.“

„Ach ja?“ Einhard lächelte mühsam. „Soweit ich weiß, kann das Abwägen von Handlungsmöglichkeiten das Ergebnis positiv beeinflussen.“

„Also gut, weiter!“ Mit einer Hand hielt der König immer noch den Jagdhund hin, der nicht ohne Beute gehen wollte. Irritiert musterte Einhard das fließende Spiel der Muskeln unter dem kurzen Fell des Tieres. Warum jagt er den Köter nicht weg?

„Herr, Ihr werdet den Heerbann im nördlichen Reichsteil aufbieten und den Sachsenherzog zur Unterwerfung zwingen. Der Heilige Vater wird zunächst eigene Truppen aufstellen müssen.“

Der Blick des Königs erschien Einhard wohlwollend. „Wir werden die Frage heute Abend im Kronrat entscheiden.“ Karl machte eine kurze Pause und als er wieder anhob, war seine Stimme kalt. „Eine Sache noch … Ihr habt Widukinds Zerstörungen mit eigenen Augen gesehen. Was haben seine Leute in meiner Pfalz in Sanctos angestellt? Ihr seid in das Bad hinabgestiegen, sagte Graf Ruodbert …?“

„Ja, es war voll Blut.“

Die Erinnerung an die dunkelbraune Kruste, die die Marmorfliesen bedeckte, ließ Einhard schaudern. Die wackeren Krieger der Scara hatten heidnischen Zauber gefürchtet und sich nicht mit hinabgewagt.

„Was habt Ihr gesehen?“

„Sie haben einem Pferd die Kehle durchtrennt. An den Schweif des Rosses war ein Priester gebunden.“

„Die Bastarde! Hat er noch gelebt?“

„Nein … Sie hatten ihm ein Holzkreuz durch den Leib getrieben, Herr.“

Der König schloss die Augen, wie für einen Moment der Konzentration. „Dafür werden sie bezahlen.“ Er ließ den Knochen los und bekreuzigte sich. Der Hund blieb stehen, verwundert, dass das Spiel vorbei sein sollte.

„Da war noch etwas anderes, mein König. Das Pferd …“

„Was war damit?“ Zwei schräge Falten waren auf Karls Stirn erschienen, die in der Nasenwurzel zusammenliefen.

Einhard zweifelte plötzlich, ob er die brutale Wahrheit wirklich aussprechen sollte.

„Auf dem Pferdekopf steckte ein Reif aus Eisen. Es sah aus wie eine Krone.“

„Horkind!“

Ein Fuß Karls traf den Brustkorb des Hundes so kräftig, dass das Tier jaulend vor Einhards Füßen landete. „Dieser Hurensohn soll ans Kreuz geschlagen werden! Seine Krieger werden daran vorbeiziehen, gefesselt, gedemütigt und gebrochen … Wir werden diesen Heidenglauben ausbrennen, bei Gott!“

„Amen! Das wäre ein frommes Werk, das dem Allmächtigen gefallen würde!“

Ein untersetzter Mann von beachtlichem Umfang hatte den Raum betreten. Riesige, vorgewölbte Lippen dominierten sein Gesicht. Er trug eine helle Robe, die mit goldenen Borten besetzt war, und an seinen fleischigen Fingern glänzten Edelsteine.

„Gott mit Euch, Bischof!“, sagte Einhard höflich.

„Und mit Euch … Darf ich den Consiliarius für einen Augenblick entführen, Carolus Rex?“

Der König machte eine gleichgültige Handbewegung. „Ich nehme ein Bad. Der Kronrat soll eine Stunde vor Sonnenuntergang zusammenkommen. Denkt an die Landkarten!“

Der König und Ruodbert verließen die Halle. Zurück blieben nur zwei Diener an der Tür, die den Bischof und den Consiliarius respektvoll beobachteten.

Wie konnte Fulrad bleiben, wenn der König selbst ging?

„Ihr geltet als Mann mit politischer Fantasie, gilerito.“

Der mächtige Mund mit den nach unten zeigenden Mundwinkeln erinnerte Einhard an einen Fisch, den sein Vater einst aus dem Moyn gezogen hatte. Ein schwerer Leib hatte da am Ufer gezappelt …

„Ich diene dem König, so gut ich kann.“

„Irrtum, Einhard. Ihr dient mir. Ich bin der Hofkapellan des Reiches, ich berufe den Kronrat ein und mir untersteht die Hofkanzlei mit den Schreibern. Ihr habt dem Leiter der Gesandtschaft in Rom klug gedient, wie ich höre – auf dem Platz, der Euch zustand. Aber macht nicht den Fehler, Euch hier einen Platz neben dem König suchen zu wollen. Ihr entstammt einer Familie ohne Namen und ohne Besitz. Ihr lauft herum wie ein Nackter unter Bekleideten, also macht dabei bloß nicht so viel Lärm, verstanden?“

Einhard atmete tief ein und aus. Er hatte diesen Mann unterschätzt – diesen Wels. „Euer Gnaden, ich bin mir Eurer Stellung bei Hofe bewusst. Aber der König hatte nach mir geschickt …“

„Wenn Ihr von einer Mission zurückkehrt, gilerito, meldet Ihr Euch bei mir. Der König ist gutmütig, ich weiß, er spielt mit Hunden und hat noch für den letzten Schweinehirten ein freundliches Wort. Aber wenn Carolus Rex direkt nach Euch schickt, dann zieht Ihr mich hinzu, ist das klar?“

Einhard nickte. Sein Gesicht war wie steifgefroren.

„Gut!“ Plötzlich gingen die Winkel des Fischmauls nach oben. „Wir werden Euch als Königsboten losschicken. Ihr werdet Truppen für den Kriegszug sammeln, und zwar in den Gebieten nördlich von Franconofurt. Kennt Ihr den Hessengau?“

„Ein wenig.“ Er hatte sich wieder unter Kontrolle. „Wölfe im Herbst, Schnee im Winter, sagt man …“

„Und Sachsen im Sommer“, ergänzte Fulrad mit boshaftem Lächeln. „Die Hessen sind rau, für einerseits-andererseits haben die so wenig Sinn wie der Heilige Bonifatius mit seiner Axt: Der hat den Heiden nicht lange die Dreifaltigkeit erklärt, sondern einfach ihren Kultbaum umgeschlagen! Also zitiert dort oben keine alten Schriftsteller, gilerito, sonst landet Ihr in der Jauchegrube!“

Glucksend lachte der Bischof auf, die Vorstellung schien ihm zu gefallen; seine Edelsteinflosse berührte Einhards Schulter. Von Ferne hätte man sie für Freunde halten können.

Kapitel IV

Friedeslar, Juno 772

Wilde Gerüchte flogen durch Friedeslar. Stand ein Feldzug bevor? Dann war die Ernte in Gefahr!? Die Freien strömten zum Palas und trugen bei Childerich vor, wie viele Heerzüge ihre Sippen in der Vergangenheit schon mitgemacht, wie viele Verletzungen man davongetragen hatte. Schon sahen sich die Wohlhabenden nach ärmeren, nicht dienstpflichtigen Männern um, die für ein Pfund Silber oder einige Rinder an ihrer statt Schild und Schwert nähmen …

Arnulf und Lothar verzehrten nach einem schweißtreibenden Vormittag ihr Brot, als der Baumeister erschien und erzählte – er klang ungewöhnlich freundlich –, dass der Gaugraf am darauffolgenden Tag eine Erkundertruppe am Fluss entlang schicken wollte. „Thegan sucht noch Leute, die mit einem Bogen umgehen können.“

„Warum nimmt er nicht seine Leibwache?“ Lothar hatte nicht nur ein loses Maul, er hatte auch eine Art, alles erst zu hinterfragen.

„Die Bogner der Leibwache sind auf dem Wall verteilt“, erklärte Notker. „Falls es einen Überraschungsangriff gibt.“

„Das leuchtet ein“, sagte Arnulf und wischte sich Brotkrümel aus dem Gesicht. „Aber der Speicher hier …“

Doch von Eile bei der Fertigstellung war nun keine Rede mehr.

„Wenn ihr mitgeht, werdet ihr als mutige Kerle gelten. Wahrscheinlich bekommt ihr sogar Silber dafür.“

Selten hatten sie Notker so verbindlich erlebt.

Lothar sah Arnulf an: Ohne ihn würde er nicht mitgehen, vielleicht, weil Arnulf der bessere Schütze war.

Mit einem ersten Anflug von Ungeduld fügte Notker hinzu, dass sie auf Pferden der Leibwache reiten würden.

Den Fluss entlang reiten, statt in der Hitze zu schuften?! Sie stimmten zu.

Seine Mutter aber erschrak, als er am späten Nachmittag die Bogensehne und die Befiederung der Pfeile überprüfte. Zwölf Pfeile würden reichen; mit weniger Pfeilen hätte der Köcher schlicht zu leer ausgesehen.

„Schwöre, dass du vorsichtig sein wirst, Junge!“

Die Angst seiner Mutter klang so aufrichtig aus ihren Worten, dass Arnulf einer seltenen Regung nachgab und sie umarmte. Dass sie und Dietmar ihn Blutmund ausgeliefert hatten, hatte er ihr längst verziehen – es war nicht seine Art, lange über Vergangenes nachzudenken.

„Mach dir keine Sorgen! Die Bogenschützen bleiben hinten. Vorne sind die mit Schwert, Schild und Lanze.“ Als er die Tür hinter sich schloss, hörte er sie für seine Heimkehr beten. So wie damals für seinen Vater, als der zur Wolfsjagd gezogen war.

Die Turtelstelle war etwa tausend Schritt vom Stadttor entfernt, am Waldrand oberhalb des Wäscheplatzes. Hilde kam später als sonst, ohne ihre natürliche Unbeschwertheit. Sie kniete neben ihm nieder und sagte ohne Einleitung: „Meine Eltern wollen mich verheiraten.“ Mit einer Mischung aus Ratlosigkeit und Verlegenheit guckte sie ihn an. Ein Zopf glitt langsam durch ihre Finger. „Sie dürfen nicht wissen, dass ich hier bin.“

„Müssen sie auch nicht …“ Er wollte seine Hand in ihre Tunika stecken, doch sie schob seine Finger zurück. Arnulf räusperte sich verlegen. „Dein Vater hat etwas angedeutet. Ich will morgen zu ihm gehen und mit ihm sprechen. Ich … ich bitte ihn um deine Hand.“

Sie wirkte überrascht. „Liebst du mich?“

Diese Frage aus Hildes Mund klang unerwartet ernst. Ernster als die Fantasien, die er von ihrem Zusammensein oder gar Zusammenleben hatte. „Ich bin dir lieb, ja! Sonst würde ich nicht hier sitzen …“

Sie seufzte. „Meine Mutter sagt, dass es auf Gefühle nicht ankommt.“

„Worauf denn?“, fragte er gelinde verwirrt.

„Darauf, dass man zusammenpasst.“

„Das tun wir.“

„Ahta ist wichtig, sagen meine Eltern.“ Ihre Wangen hatten Farbe bekommen. „Land und Vermögen. Und Herkunft …“

„Wär ich ein besserer Kerl, wenn wir zwanzig Hufen hätten? Wenn ich Knechte hätte? Ich bin ein Freier, Hilde! Ich schulde niemandem Gefolgschaft.“ Dies kam aus tiefstem Herzen.

Doch sie blickte nur zu Boden und flocht schweigend einen langen Grashalm zu einer Schlinge.

Er setzte nach: „Ich gehe mit der Leibwache auf Erkundung gegen die Sachsen. Dein Vater selbst hat mich gefragt! Hätte er das getan, wenn er niedrig von mir denken würde?“

„Wieso du? Was hast du mit der Leibwache zu schaffen?“

Sie sah besorgt aus, das machte ihm Mut. Er hatte häufiger gehört, dass Frauen ihre Männer zwar nicht kämpfen sehen wollten, den fertigen Helden aber bewunderten. Er wollte ihre Wange streicheln, doch sie wich aus. Schlimmer noch, sie stand auf.

„Was hast du?“

„Lass mir besser ein Stück Vorsprung.“ Dann nestelte sie an ihrem Hals und zog eine etwa zweieinhalb Zoll breite, fein geschnitzte Knochenscheibe an einer Schnur hervor, mit ineinander verwobenen Mustern.

„Hier. Es wird dich beschützen.“

Sie drehte sich nicht noch einmal um.

+ + + + +

Thegan sollte den Trupp anführen. Mit Neid und Bewunderung betrachteten die Freiwilligen am nächsten Morgen vor dem Palas Thegans Kettenhemd und den Helm mit Wangenschutz, der unter dem Kinn zusammengebunden war.

„Für so einen Helm zahlst du ein paar Kühe“, raunte Lothar.

Als die etwa dreißig Mann starke Truppe schließlich an den Schaulustigen vorbeiritt, sah Arnulf Hildes Gesicht in der Menge. Zögerlich hob sie eine Hand zum Gruß. Er lächelte und umfasste das Amulett unter dem Hemd; auf der Rückseite der Scheibe spürte sein Daumen die Form eines eingeritzten Jesus-Kreuzes. Ein Teil von ihr begleitete ihn.

Sein Pferd hatte stumpfes, gelbbraunes Fell und eine filzige Mähne. Es war das langsamste in der Kavalkade, doch irgendwie schaffte Arnulf es, mit den anderen Schritt zu halten. Immer weiter ging es ostwärts am Fluss entlang, vorbei an Fischerkaten vor denen Aale an Holzgestellen trockneten. Bis zur Straße reichte der Geruch. Die Straße war eigentlich nichts als ein Weg, ein Nebeneinander von Wagenspuren, die in den Frühjahrsregen regelmäßig zu tiefen Furchen wurden, bevor sie sich im Sommer allmählich wieder mit Dreck, Steinen und dem Dung von Pferden und Ochsen füllten. Nach ein paar Meilen schreckten sie die Feldarbeiter eines Fronhofs auf, die sofort zum Waldrand liefen.

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als Thegan den Trupp hinunter ans Wasser führte. An dieser Stelle machte das Tal einen Schwenk nach Nordosten. Mittels einer flachen Furt konnte man das andere Ufer erreichen, wenn man nach Süden, nach Haerulfisfeld oder Richtung Franconofurt unterwegs war. Als die Pferde anfingen zu saufen, ertönte ein Ruf von vorn: Weiter im Osten hing eine Rauchfahne über den Hügeln. Irgendwo dahinten lag eine fränkische Siedlung namens Milisunge …

Arnulf fühlte ein Kribbeln in seiner Körpermitte. Fliegen umschwirrten die Pferde, Schweiß rann ihnen in die Augen. Arnulf sah Lothars Kehlkopf auf- und niedergehen.

„Wenn die Heiden Milisunge gestürmt haben, dann war mehr als nur eine Streifschar unterwegs …“ Gunther, ein anderer Freiwilliger, nickte düster und zog die Sehne auf den Bogenstock auf. Die anderen taten es ihm nach.

Thegan beriet sich halblaut mit seinem Waffenmeister Rudolf, dem stärksten Kämpfer der Leibwache. Dann teilten sie die Männer auf: Der Paladin selbst ritt mit etwa zwanzig Mann durch das knietiefe Wasser ans andere Ufer, wo sie zwischen den Bäumen verschwanden. Rudolf aber blieb mit dem halben Dutzend Bogenschützen und ein paar Speerträgern zurück. „Beobachtet die Straße!“, rief er ihnen zu. „Wenn Sachsen kommen, dann von dort!“ Etwa zweihundert Schritt weit konnte man die Straße flussabwärts einsehen, bevor die Biegung des Flusses und herabhängende Zweige die Sicht verdeckten.

„Warum reiten die anderen weiter, Waffenmeister?“

Der Angesprochene musterte Arnulf ohne Gesichtsregung vom Pferderücken aus. Rudolfs tiefliegende Augen waren von Narben umgeben und sein Schnurrbart wuchs wild die Wangen hinab – niemand fing freiwillig mit ihm Streit an. „Der Gaugraf wartet auf eine Frachtlieferung. Kann sein, dass die Sachsen den Transport überfallen haben.“ Er spuckte aus. „Kann sein, dass die Fuhrwerke noch unterwegs sind. Vor Einbruch der Dunkelheit wissen wir’s.“

Er selbst schien sich zu langweilen, denn wenig später ritt er ein Stück flussaufwärts zu einer kleinen Insel, die das Wasser des Flusses teilte. Dort lag das angespülte Skelett eines mächtigen Wisents, in dem Rudolf herumzustochern begann. Arnulfs Schar ließ sich unterdessen auf der flachen Böschung nieder. Der Wald wich hier bis auf knapp hundert Schritt vom Ufer zurück; Reste einer Hütte und eine Feuerstelle mit verkohlten Aststümpfen kündeten von besseren Zeiten. Sie schlugen nach Mücken und fluchten auf die Schwüle.

„Die Sachsen fressen Pferdefleisch, wusstet ihr das?“, fragte Gunther. „Und wenn sie mit dem Schwert in der Hand sterben, gehen die direkt zu ihrem Wodan auf!“

„Ruhig Blut, Leute“, sagte einer von Thegans Leuten, dem hellblonde, schweißverklebte Strähnen ins Gesicht hingen. „Euch passiert schon nichts!“ Er zupfte die Bogensehne mit den Fingern, als wäre er ein Spielmann. „Hundert Schritt, zielsicher – wie weit kommt ihr?“

„Nur Jesus trifft auf hundert Schritt“, murmelte Arnulf.

„Und ich, Gero“, grinste der Blonde. „Skizan, was ist das?“

Ein reiterloser Gaul trottete die Straße entlang auf sie zu. Nervös warf er den Kopf zur Seite, als der Blonde nach dem herunterhängenden Zügel griff. Verkrustetes Blut klebte an einer Wunde in der Schulter, Fliegen umkrabbelten die Wundränder. Gero legte die Hände an den Mund und rief Rudolf, den Waffenmeister, herbei. Beklommen musterte Arnulf das Halbdunkel zwischen den Buchenstämmen hinter der Hüttenruine; hoher Farn wucherte in den Wald hinein. Stand dort jemand?

„Ein Sachsengaul?“ Rudolf sprang vom Pferd. Misstrauisch schritt er um das zugelaufene Tier herum. Mit verkniffenen Zügen musterte er die Umgebung, dann wieder seine Männer.

„Steht hier nicht rum wie auf dem Markt, verdammt!“

In diesem Augenblick nahm Arnulf Schemen zwischen Farnen und der Hütte wahr. Er hörte noch das Schlagen der Sehnen, das Zischen des Pfeils. Doch da war es zu spät: Gunthers Kopf wurde nach hinten gerissen, er fiel auf den Rücken wie ein Betrunkener, reglos: Ein zwei Fuß langer Pfeilschaft steckte in einer Augenhöhle.

Almahtigan!“

Kapitel V

Friedeslar, Juno 772

Warum musste es ausgerechnet heute so heiß sein?

Einhards Gedanken kreisten um eine Kanne mit kühlem Wasser, als er sich schließlich mit der drei Dutzend Mann starken Eskorte dem Stadttor von Friedeslar näherte. Er zügelte sein Pferd und schirmte die Augen mit einer Hand gegen die Sonne ab. Auf der Hügelkuppe westlich der Stadt ragte eine alte Steinfestung auf, die Büraburg. Ihre Mauern, wusste Einhard, hatten manchen Sachsensturm überstanden und einst dem großen Bonifatius selbst als Herberge gedient.

„Könnt Ihr da oben jemand erkennen, Esiko?“

Der Offizier kniff die Augen zusammen. „Vielleicht zwei oder drei Mann.“

„Mehr nicht?“ Einhard schüttelte den Kopf. „Fühlen sie sich so sicher?“

„Die sind einfach faul“, knurrte Esiko und kratzte sich mit dem Stumpf des linken Zeigefingers am Kinn. Es sah unheimlich aus, als bohre sich der Finger in den Kiefer. „Ihr werdet dem Gaugrafen einen guten Arschtritt geben, ich spür’s!“

„Sicher nicht“, sagte Einhard nüchtern und fing einen herausfordernd-angriffslustigen Blick des Offiziers auf, ganz so, als hätte Einhard ihm ein Leid getan. Aber Esiko guckte oft so, hatte der Consiliarius festgestellt. „Mit Tritten, Hauptmann, treibt man vielleicht Soldaten in den Kampf, aber man gewinnt nicht die Fürsten für sich. Oder besser gesagt, für den König.“

Esiko zuckte grinsend die Achseln. „Wisst Ihr, wie ich mir den Himmel vorstelle? Weiche Wolken, in denen lauter liebe Menschen wie Ihr sitzen!“

Einhard zog es vor, nichts auf diese Respektlosigkeit zu entgegnen.

Königsbote – das Wort lief ihnen voraus wie die Bugwelle einem Schiff. Die Stadt quoll über von Menschen: Halbnackte Kinder liefen um ihre Pferde, und überall folgten ihnen die Blicke von Männern und Frauen, die vor den Häusern und auf dem Brunnenplatz zusammenstanden. An der Innenseite des Stadtwalls waren Flüchtlingsunterkünfte errichtet, primitive Verschläge aus Zeltbahnen und einigen Stangen, zwischen denen Schafe und Ziegen herumliefen.

Schließlich erreichten sie die Kuppe der Anhöhe mit dem durchaus imposanten, zweistöckigen Palas aus Stein. Vor dem Eingang hieß sie ein hagerer Mann mit erdfarbener, knöchellanger Kutte willkommen, dessen kahler Kopf wie ein polierter Rundstein glänzte. Ein Kreuz aus Eisenblech vor der Brust wies ihn als Geistlichen aus.

„Mein Name ist Boso. Willkommen im christlichen Hessengau, Consiliarius!“ Wimpernlose Augen hefteten sich auf Einhard und schienen ihm bis in die Seele zu schauen.

„Gott mit Euch, Priester. Wo finden wir den Gaugrafen?“

„Childerich ruht, er wird Euch bei Zeiten begrüßen.“

Esiko machte ein Geräusch, als huste er eine Fliege aus. Ja, es klang lächerlich, aber es war Einhard recht: Er lechzte nach einer Erholung. Ein Bediensteter führte sie in eine kühle Stube im Erdgeschoss, wo der Königsbote seine Glieder auf einem erstaunlich weichen Bett ausstreckte. Esiko machte sich unterdessen mit ein paar Scarakriegern zur Büraburg auf, um dort die Verteidigungsvorbereitungen zu prüfen.

Irgendwann am späten Nachmittag klopfte es an der Tür. Gleich darauf stand der Priester im Raum. „Verzeiht die Störung, Consiliarius. Darf ich Euch in einer persönlichen Sache sprechen?“

„Ihr sprecht bereits“, bemerkte Einhard trocken. Bosos Stimme war zu laut, um angenehm zu sein. Sie hatte etwas Harsches, das irgendwie zu dem starren Blick passte. „Also?“

„Ihr kommt vom Königshof, nicht wahr? Habt Ihr einen Brief vom Hofkapellan für mich?“

Einhards Blick streifte die Tasche aus Wachstuch am Fuß des Bettes, in der tatsächlich eine Sendung an Boso steckte. Doch irgendetwas ließ ihn zaudern.

„Weshalb sollte der Hof einem Priester in der Grenzmark einen Brief schicken?“

Der Geistliche legte eine Hand auf sein Eisenkreuz und ein Lächeln ging über seine Züge. „Der Herr ist mir erschienen, im Traum … die Apostelkirche des Bonifatius in Fulda hat keinen Hirten mehr, seitdem Abt Sturmius nach Jumieges verbannt wurde. Das darf nicht von Dauer sein!“ Boso bekreuzigte sich, als müsste er seinen persönlichen Ehrgeiz tarnen.

Einhard stand vom Lager auf und strich seine Tunika glatt. Boso wollte Abt von Fulda werden! Hatte er Verbündete bei Hofe …? „Helft meiner Erinnerung, Boso: Warum hatte der König Sturmi abgelöst? Ich hatte von ihm und dem ganzen Kloster nur Gutes gehört!“

Der Priester knetete seine knochigen Hände und starrte durch Einhard hindurch. „Bischof Fulrad, der Hofkapellan, hat mir noch an Weihnachten Hoffnung gemacht, dass der Hof eine gerechte Wahl treffen wird.“

Einhard war überrascht, dass der Geistliche seine Frage nicht beantwortete; dieser Mann war ihm nicht geheuer. „Warum war Sturmi damals abgesetzt worden? Er war der größte Schüler des Bonifatius!“

„Am Ende hielt er sich wohl für Bonifatius selbst …“, antwortete Boso mit etwas weniger lauter Stimme, in der nun Häme durchklang. „Er hat den Erzbischof Lul von Moguntia und damit die ganze Kirche herausgefordert, nicht wahr? Er wollte sich Lul nicht beugen. Er beharrte auf seiner Eigenständigkeit in Fulda und gebärdete sich wie …“

„Die Abtei Fulda ist eigenständig“, sagte Einhard mit plötzlicher Schärfe. Die verzerrte Darstellung und die Scheinheiligkeit Bosos ärgerten ihn. Natürlich kannte er den Hintergrund: Der Machtmensch Lul hatte nach Bonifatius’ Tod dessen gesamtes Missionsgebiet an sich gerissen und dem Bistum Moguntia unterstellt. Nur Sturmi in Fulda – ein Mann, der das Edelste des Christentums in sich trug – hatte ihm nicht weichen wollen. Intrigen des Erzbischofs sorgten schließlich für Sturmis Entmachtung und Verbannung. Und niemand anderes als der Hofkapellan Fulrad von Metz, der mit Lul verwandt war, hatte an dieser Intrige mitgewirkt – und ihr am Ende zum Durchbruch verholfen.

Einhard merkte, dass ihm Blut in die Wangen geschossen war. Aber er durfte sich hier nicht zu sehr mit diesem Manne einlassen, daraus konnte nichts Gutes entspringen. Ruhig fuhr er fort: „Ohne Zweifel wird der König bei Zeiten eine weise Entscheidung treffen. Der König, wohlgemerkt! Auch wenn Bischof Fulrad gerne so tut, als hätte er selbst die Krone auf.“

„Ich vertraue auf die Weisheit des Herrschers“, brachte Boso krächzend hervor, als sei er ein fremder Fürst aus dem Morgenland.

„Wenn ich’s recht überlege: Der König sprach mit mir über Fulda.“

„Also doch!?“ Bosos Augen bekamen einen leichten Glanz.

„Tja …“ Einhard strich sich über den Bart. „Wie viel Mann wird Childerich für den Heerbann abstellen?“

„Was hat das mit dem Abtstuhl zu tun?“

„Viel“, log Einhard. „Wann gedenkt Childerich, uns zu empfangen?“

Bevor Boso antworten konnte, hörten sie eine weibliche Stimme, irgendwo von oben, aus Richtung des Schlafgemachs Childerichs. Der nur schwach hörbare Laut wiederholte sich. Das Gesicht des Priesters nahm noch mehr Farbe an.

„Er ist jetzt bald fertig, oder?“, sagte Einhard, ohne den anderen anzusehen. „Das trifft sich gut, wir haben nämlich Hunger.“

+ + + + +

„Zurück!“, schrie Rudolf. Sie drängten, stolperten die Böschung entlang zu ein paar Weiden, die weiter flussaufwärts auf Höhe der Insel standen. Ein halbes Dutzend Gestalten am Waldrand schickte ihnen Pfeil um Pfeil hinterher. Die Geschosse schlugen vor ihnen und neben ihnen ein, bohrten sich in die Baumstämme und zischten vorbei, um weit hinten im Wasser zu landen.

„Wir müssen weg!“, keuchte Lothar und riss Arnulf am Arm. „Zu den Pferden!“

Arnulf stieß Lothars Hand zurück. „Nimm deinen Bogen, Mann!“

Er selbst fingerte endlich einen Pfeil aus dem Köcher, brachte ihn auf die Sehne und schoss. Harmlos verschwand er zwischen den Farnkräutern – zu hoch! Der nächste Pfeil zwang einen der Sachsen in Deckung, immerhin. Aber sie selbst waren weiterhin Ziele: Rudolf krümmte sich mit einem Schmerzensschrei zusammen, ein weiß befiederter Sachsenpfeil hatte die Schulter des Waffenmeisters durchbohrt.

„Achtung, Reiter!“

Geros Bogensehne erzeugte ein hartes Klatschen, als sein Geschoss in Richtung der Straße davonschwirrte. Arnulf sah ein sich aufbäumendes Pferd, das den Reiter abwarf. Eine ganze Horde preschte nun heran, direkt auf sie zu: Männer mit bärtigen Gesichtern und fliegenden Haaren, die wilde Kriegsschreie ausstießen. Die Bogenschützen hatten ihnen lediglich den Weg gebahnt: Umso schneller würden sie nun die kleine Schar der Hessen in den Boden reiten …

Der Anführer, ein brüllender Kerl mit einem Wurfspeer, war auf zehn Schritt herangekommen. Noch während der Speer in der Luft war, ließ Arnulf die Sehne los – und sah die Pfeilspitze im Oberschenkel des Angreifers steckenbleiben. Hastig griff er abermals in den Köcher, da stieß ein mutiger Mann der Leibwache den Sachsen mit einer Lanze aus dem Sattel. Arnulfs Herz hämmerte, schon wieder hatte er die Sehne bis zur Wange zurückgezogen, als er Lothars Hilferuf hörte.

Arnulfs Kamerad starrte fassungslos auf ein Loch in der Tunika, über dem Gürtel trat Blut hervor. „Lauf zu den Pferden!“, schrie Arnulf, doch Lothar war wie gelähmt.

„Schießt!“, bellte Gero. „Schneller!“ Tatsächlich lenkten einige Sachsen nun ihre Pferde rechts von ihnen ins seichte Wasser, um von mehreren Seiten anzugreifen. Dann ertönte ein tiefer Hornstoß.

Schreie und der Lärm von Pferden drangen vom anderen Ufer herüber. Reiter donnerten durch den Fluss, Thegan an der Spitze. Dahinter polterte ein schwerer Wagen ins Wasser, wie wahnsinnig peitschte der Fuhrmann auf die Pferde ein. Der Transport! Die Sachsen ließen prompt von den Bogenschützen ab und stürzten sich auf den Wagen. Arnulf sah den Paladin mit wuchtigem Schwertstreich einen Krieger vom Pferd hauen, einem anderen die Hand abschlagen. Das alles spielte sich nur zwanzig, dreißig Schritt von den Bognern entfernt im flachen Wasser ab.

Für einen Augenblick hatten Arnulf und Gero leichte Beute: Sie zielten auf die Pferde der Sachsen, vorbeischießen war nicht möglich. Arnulf traf einen Falben in den Hals, die Vorderläufe knickten ein, der Reiter landete im Wasser. Kaltblütig schoss Gero einen Sachsen vom Wagen, der mit einem Kurzschwert über den Fuhrmann herfallen wollte.

„Sie hauen ab“, grunzte Gero. Arnulf hörte ihn, ohne ihn zu verstehen. Tatsächlich fuhr der Wagenlenker schräg durch die Furt, passierte die Flussmitte knapp unterhalb der Insel mit dem Skelett: Thegan und seine Männer wichen den von rechts andrängenden Angreifern aus. Sie hatten die Fracht und scheuten nun das Gefecht. Arnulf ließ einen weiteren Pfeil fliegen, das getroffene Pferd ging durch und schleifte den Reiter im Steigbügel durchs Wasser.

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