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Arno – Kaufmann in Leipzig

Über jemand schreiben, das ergibt nicht ihn selbst.

Alter Mann, deine Jahre haben dich gekrümmt
wie Äste im Wind.

Du trägst deine Wahrheit tief in dir, unberührt
von deinen alternden Gliedern.

Dee Dickinson

…keiner von den Blauäugigen,
die Geist nicht nötig haben.

Thomas Mann

Inhalt

Kleine Vorrede

Der alte Mann und der Marktplatz

Tausend Taler Miete / Augenkrankheit / Der Krieg / Die Familie

Die Zwanzigerjahre

Das FestDie HeiratDie Pfarrerstochter

Die Dreißigerjahre

Die RedeNoch ein FestDie Liste

Kriegsende

EnteignungenDDR

Im Thüringer Wald

Die WasserleitungDer GärtnerDer Schnee

Altersbriefe

Der BriefwechselDie drei EinsamkeitenErnaDie MärchenstundeErika I

Geschäftshaus und Hausarbeit

Der AbrissMartha

Familiengeschichten

Das ErinnernOst/WestErika IIDoraArnoDer VaterIlse

Literatur

TräumeThomas MannChrista Wolf

Alterswege

WegeZensorenKämpfenWeiterkämpfen

Herbstmessezeit

HerbstKrankheitenSchreibenLetzte Tage

Ausklang

Arnos Familie

Arno:

Vater: Emil

 

Mutter: Anna

Arnos

erste Frau: Hanna

Arnos

zweite Frau: Erna

Arnos

Geschwister:

 

Dora verheiratet mit Fred

 

Ilse

 

Linda verheiratet mit Max

 

Hertha verheiratet mit Fritz

 

Erika

Kleine Vorrede

Ich will vom Kaufmann Arno schreiben. Wie er sich bemühte, das Leben bis ins Alter hinein zu bestehen. Von der hohen Zahl der Jahre aus soll es betrachtet werden, weil er es selbst von daher betrachtet hat. Er versuchte, es in Worten festzuhalten.

Arno wusste von den Gefahren der Ungenauigkeit beim Schreiben und dass die Wahrheit nicht leicht, nein, überhaupt nicht zu haben ist. Auch ich werde sie nicht finden, obwohl ich Briefe und andere Texte von Arno, Fotos und Dokumente zu Hilfe nehme. Ich bekenne mich zur Unvollkommenheit, wage trotzdem von ihm zu schreiben, weil es Arnos Wunsch war, einiges von seinem Leben weiterzugeben und zugleich ein Stück Geschichte seiner Heimatstadt Leipzig zu vermitteln.

Als Zeitzeuge hat Arno vorwiegend persönlich, familienbezogen erzählt. Hätte er sich auf die Stadtgeschichte konzentriert, hätte er von alten Handelswegen von West nach Ost, von Nord nach Süd berichtet, die sich in Leipzig trafen. Die Zahl 1165 als etwaiges Datum der Stadtgründung durch den Markgrafen von Meißen hätte er genannt und St. Nikolai als erste Stadtkirche erwähnt, St. Nikolai, deren Rolle bei dem Fall der Mauer im Jahre 1989 Arno nicht mehr erleben konnte. Die Gründung der Universität 1409 hätte er hervorgehoben und die Urkunde von Kaiser Maximillian, in der er 1497 der Stadt Leipzig drei Messen jährlich erlaubte, Jahrmärkte zu Ostern und zu Michaelis, die dritte zu Neujahr als Warenmesse.

Arno wird all das im Kopf gehabt, doch nicht für nötig befunden haben, dies weiterzuleiten. Er fühlte sich dafür nicht zuständig. Nein, Arno hat seine schriftlichen Gedanken nicht vor allem auf die Stadt ausgerichtet, hat nicht all die Berühmtheiten gerühmt, die dort gelebt oder sie besucht hatten. Er hat von seiner Kindheit erzählt, vom Vater, der eine Kaffeemaschine neben seinem Bett stehen hatte, vom Geruch nach dem Spiritusflämmchen, wenn sie in Gang gesetzt wurde – ein Geruch, der ihm später immer noch in der Nase steckte, wie er behauptete. Er hat aufgeschrieben, dass sein Vater begeisterter Radfahrer war, Mitbegründer des „Bicycle-Clubs“ und außerdem Kneipianer. Sonntags früh fuhr er mit seinen fünf schönen Töchtern mit den Rädern in die Umgebung von Leipzig, eine Gruppe, die bekannt war und freundlich belächelt wurde.

Arno hat seine fünf Schwestern lebendig werden lassen und seine Verantwortung für Geschäft und Familie betont, in der Zeit von zwei Weltkriegen, Inflation und zwei Diktaturen.

Bestürzt bemerke ich, wie viel Zeit seit seinem Tod (1985) vergangen ist. Es ist, als ob seitdem eine neue Welt entstanden ist. Mauern sind gefallen, Grenzen werden in Europa geöffnet, es gibt eine andere Währung und immer wieder Kriege. Eine neue Sprache entsteht. Arno wüsste mit Begriffen wie Handy, Homepage, Online, E-mail, Fax nichts anzufangen. Aber Zeit und Zeitgeschehen sind nicht das Entscheidende. Es geht um den Menschen Arno.

Sigrid Lichtenberger

Der alte Mann und der Marktplatz

 

Tausend Taler Miete

Der alte Mann, der den Marktplatz überquert, fühlt, wie ihm seine Beine plötzlich den Respekt versagen. So nennt er das. Mitten auf dem Platz zwingen sie ihn, stehen zu bleiben. Er kennt das schon, er bleibt ganz ruhig, er steht, steht da wie ein alter Baum, den der Wind noch nicht umgeworfen hat, aber er fühlt sich zerzaust und angeschlagen.

Wie er so steht, fällt sein Blick fast beiläufig auf den breitgestreckten Renaissancebau an der linken Seite des Platzes. Es ist das Alte Rathaus, das ihm von Kindheit an vertraut ist. Er liebt die Bögen der Arkaden und die große Uhr am Turm, der nicht in der Mitte des Gebäudes sitzt, sondern ein wenig nach links verschoben. Oben auf dem Balkon, über den Arkaden, da wo der Turm aufsteigt, haben früher die Stadtbläser Krummhorn und Posaunen gespielt. Das waren gut ausgebildete Spielleute, hat er irgendwo gelesen, nicht etwa Dahergelaufene. Im Mittelalter wurden sie von der Stadt fest angestellt und bekamen Wohnraum. Sie durften allerdings nicht verehelicht sein und kein Weib angerührt haben.

Der alte Mann lacht trotz seiner misslichen Lage in sich hinein. Menschen laufen geschäftig an ihm vorbei. Auch ihr werdet nicht immer so schnell sein, denkt er. Doch er spürt wieder, hier auf dem Marktplatz schlägt das Herz der Stadt. Auch sein Vater Emil muss das so gesehen haben, der das Optikergeschäft, das sein Vater gegründet hatte, aus dem engen Handwerkerhof, der den Markt mit dem Barfußgässchen verband, herausgeholt hat in einen Laden am Marktplatz. Der Großvater war entsetzt gewesen, er hatte Emil ermahnt und ihn beschworen, er solle bescheiden bleiben. Auch sein Freund, der Koffermacher Mädler, hätte doch seine Werkstatt hier im Hof.

„Tausend Taler Miete!“, hatte der Großvater gestöhnt. Er saß ganz zusammengesunken am schweren Eichentisch der bürgerlich behaglichen Wohnung und sah alles zerrinnen, was er aufgebaut hatte. „Im Handwerkerhof bezahlen wir nur 70 Taler! Tausend, das ist ja das Gehalt eines Ministers! Das muss ja schief gehen!“

Doch Emil weiß, was er will. Er erklärt, er müsse mit seinem Geschäft sichtbar sein für die Käufer. Nicht in einem engen Hof verkrochen bleiben. Nicht aus lauter Bescheidenheit im letzten Winkel sitzen. Nein, das ist nicht seine Sache.

Da wurde ein Laden gegenüber vom Rathaus frei.

Der alte Mann, Arno wollen wir ihn nennen, der da auf dem Markt steht, kneift jetzt die Augen zusammen. Da verschwindet der banale eckige Kasten, wie er das Haus auf der gegenüberliegenden Seite vom Rathaus bezeichnet, das nach der Zerstörung der alten Häuser durch die Bomben des Zweiten Weltkrieges in den 50er Jahren gebaut wurde. Es verwandelt sich für ihn in ein schmales, fünfstöckiges Bürgerhaus mit leichten Verzierungen über den Fenstern, einem breiten Eingang mit angedeuteten Säulen, zu beiden Seiten ein Laden. Und das Dach, von einer Balustrade umsäumt, trägt noch mal ein Dach mit gerade aufragenden Fenstern. Er spürt einen stechenden Schmerz im Bein, dieses Haus existiert nicht mehr. Die Zeit ist darüber hinweggegangen, so wie sie im Begriff ist, über ihn hinwegzugehen.

Für Vater Emil aber war der Marktplatz absolute Gegenwart, denkt Arno. Er wusste einfach, ein Laden gegenüber vom Alten Rathaus, da musste doch die Kundschaft ins Geschäft finden. Von den Arkaden würde man hinüberschauen: Seht, ein Optiker, Brillen. Er zweifelte keinesfalls, denn wer zweifelt, verliert schon.

Vielleicht hätte Arno das Wagnis seines Vaters unterschätzt, in der Entfernung vieler Jahre sieht vieles anders aus, wird abgeschwächt oder aufgebauscht. Arno konnte nicht abschwächen, denn da war der Haken.

Als im Jahre 1943 durch Bomben das Haus am Markt den Flammentod erlitt, blieb sichtbar an einem Mauerstück: dieser Haken, an dem sich ein Posamentenhändler – er hatte den Laden damals gemietet, ein Mann, solide, ohne Phantasie – sicher tun wir ihm unrecht –, der seine Borden und Zierknöpfe verkaufen wollte, ein Mann, dessen Schulden wuchsen, der keinen Vergleich schließen konnte, weil es so etwas zu seiner Zeit nicht gab; ein Mann, dem seine Gläubiger zusetzten, dem es ehrenhafter schien – kurzum, der den Haken entdeckte – den Messefuhrwerken hatte er zum Hochhieven der Pferde gedient, damit sie sich erholten, denn am Markt waren überall Pferdeställe gewesen, und die Pferde hatten weite Wege hinter sich –, dieser Deckenhaken war im Jahre 1877 schon alt, der Posamentenhändler hängte sich dran auf.

Bei Emil bewirkte dieses Ereignis keine Bedenken und kein Zaudern, sondern er sah ganz einfach und nüchtern seine Chance. Emil dachte nicht in Niederlagen, er setzte auf Werbung.

„Werbung!“ rief der Großvater entsetzt. „Für einen Fetzen Papier willst du zwei Monatsverdienste zum Drucker tragen!“ Aber Emil, jugendlicher Liebhaber im Theater und mit Elan fürs Leben ausgestattet, lässt sich nicht irre machen. Er mietet den Laden am besten Platz der Stadt.

Arno hat das alles aufgeschrieben. Niemand wüsste sonst noch von der Tatkraft und Zielstrebigkeit von Vater Emil.

Arno, er geht schon auf die neunzig zu, spürt jetzt, wie er so auf dem Marktplatz steht, den Mut seines Vaters in sich, es gelingt ihm, seine Beine wieder zum Gehorsam zu zwingen. Wie anders hatte er sich das Alter erhofft. Er hatte von Rentnerruhe geträumt, er wollte sich mit Philosophie befassen und Schreiben. Erna, seine zweite Frau, hätte für ihn sorgen sollen, sie, zehn Jahre jünger als er. Aber immer wieder ist es Arno, der mühsam, bis zum Schluss, Schlange steht, Taschen schleppt, mit sozialistischen Behörden verhandelt, für Erna und sich selbst. Die Beine müssen ihn tragen. Er will es.

Während es ihm tatsächlich gelingt, weiterzugehen, denkt er: „Eigentlich wollte ich ja gar nicht auf diese Welt.“ Er lächelt ein bisschen dabei. Sie haben ihm erzählt, dass er den ersten Schrei verweigert hat. Sie haben ihn schließlich verhauen – „verbleut“, nannten sie es – damit er sich bequemte, brüllend ein- und auszuatmen.

Noch im gleichen Jahr wollte er sich bei brütender Hitze dennoch wieder aus dieser Welt davonschleichen. Aber sie umstellten sein Bett mit Eisblöcken, er sollte bleiben. Diese Blöcke wurden mit einem Pferdewagen durch die Straßen transportiert. Wenn dieser anhielt, kamen die Leute aus den Häusern gelaufen und holten in Eimern die eisigen Barren in ihre Wohnungen, in denen sie Eisschränke besaßen. Diese hatten einen Ablauf, um das Wasser des langsam schmelzenden Eises in Schüsseln aufzufangen. Wenn man nicht achtgab, flossen die Gefäße über, und das große Aufwischen begann.

Arno blieb mit Hilfe dieser Eisbarren vor Hitze geschützt und damit einer der damals vierhunderttausend Einwohner dieser Stadt, er wurde sogar ein angesehener Bürger. Dem Vater blieb der Sohn erhalten. Nach vier Schwestern hochwillkommen und sofort zum Erben bestimmt, obwohl er eine Enttäuschung war, für den Vater.

Arno war kein Held. Er war hässlich, schielte (zunächst glaubte man das jedenfalls), und er war weinerlich.

Augenkrankheit

Immer wieder finden sich in seinen Berichten Bemerkungen über seine Augen. Was war los?

Arno erzählt seine Kindheitsgeschichte.

Er fühlt sich wieder wie damals, im Märchenhaus. Er liegt tagelang auf einer Couch im Kinderzimmer, umgeben von vier Schwestern. Brüder sind ja nicht gewesen, zumindest nicht dauerhaft. Der einzige hatte nach wenigen Tagen diese Welt wieder verlassen, das war lange vor Arnos Geburt.

Arno liegt da mit einem feuchten Lappen auf den Augen, liegt im Dunkeln, ein penetranter Geruch um seine Nase. Er weiß nicht mehr, was für ein Geruch. Später erst hat man ihm erklärt, was er jetzt als Erinnerung ausgibt: er hatte die ägyptische Augenkrankheit. Damals, vor der Jahrhundertwende, grassierte die in Deutschland, auch in der Messestadt, in der er geboren war. Diese Krankheit entwickelte eitrige Pocken auf den Augen; doch nur wenn sich eine dieser Pocken in den Mittelpunkt der Pupille festsetzte, konnte die entstehende Narbe Blindheit bewirken – und genau das geschah bei Arno. Ob das schmerzhaft war, weiß Arno nicht zu berichten, er erinnert sich nur an den Geruch. Und dies soll der Fenchelgeruch von Umschlägen gewesen sein, die sein rechtes Auge nicht retteten, vielleicht das linke.

Wenn man Arno nicht genauer ansah, nannte man seinen Augenzustand Schielen. Arno hat aufgeschrieben, dass man zunächst für dieses Fehlsehen ein Licht beschuldigte, das auf dem Nachttisch der Mutter gestanden hatte. Ein Wasserglas, 2/3 mit Wasser, 1/3 mit Brennöl gefüllt, diese Flüssigkeit trug einen Schwimmer mit einem Docht, der die ganze Nacht ein schwaches Licht ins Zimmer warf, auch auf den kleinen Arno, dessen Bett direkt neben dem der Mutter stand.

Die Erwachsenen – Arno spricht dieses Wort nicht abwertend aus –, wozu auch der Augenarzt gehörte, die Erwachsenen verhandelten über sein Auge, als sei es ihr Auge, wobei die entstellende Wirkung durch den Fehlblick sie mehr gestört haben mag, als das eingeschränkte Sehen selbst. Litt Arno darunter oder hatte er sich daran gewöhnt? Nichts hat er davon geschrieben, auch nicht ob er sich wehrte, als sie die wahre Ursache der Krankheit feststellten und eine Operation wagten, wonach das Auge gänzlich blind blieb oder erst wurde.

Arno kann auch darüber nichts sagen oder schreiben, er hat nie Rechenschaft darüber von Vater oder Mutter oder dem Arzt verlangt, und freiwillig hat man sie ihm nicht gegeben. Das Auge war blind, die Tatsache wurde nicht diskutiert. Man nahm ihn ja beim Militär, als man ihn zwang – nein, als er sich willig und frei dem Bürgersinn beugte. Es war ihm genug, dass er in der Familie an den Rand gedrückt war, ein hässlicher Junge zwischen fünf schönen Mädchen, er wollte nicht auch noch in der Stadt unter den Kaufleuten verachtet werden. Sein Vater hatte das Geschäft zu beträchtlichem Ansehen gebracht, Arno wollte nicht in der Gesellschaft als Feigling angesehen werden.

Jetzt steht er auf dem Platz mitten in der Stadt und müht sich. Ganz gleich, ob hässlich oder schwach und alt, das interessiert niemanden mehr.

Nicht Tod oder Mord sind die eigentlichen Dramen des Lebens, denkt sein Kopf, während er sich vorwärts schiebt, sondern der Kampf ums Nichtaufgeben mit versagenden Beinen, bei stechendem Schmerz, ohne Hilfe. Ich übertreibe, tadelt er sich gleich darauf. Der Mensch muss nüchtern bleiben.

Als Kind gelang es ihm nicht.

Der Krieg

Aber die Zeit ging dahin, und eines Tages musste er Soldat werden. Schon als Schüler und ausgerechnet auf der Insel Borkum hatte man ihn militärisch gedrillt. „Man“, das war ein Reeder aus Hamburg, der die jungen Leute dort um sich versammelte und sie marschieren ließ. Arno, weil er groß gewachsen war, musste die Fahne tragen. Das verdarb ihm den Spaß an Strand und Wasser, und von da an hasste er alles Militärische.

1913, bei der Jahrhundertfeier der Völkerschlacht bei Leipzig, hat er nicht eine Minute teilgenommen und an das Gemetzel damals gedacht. Er erinnert sich beinah stolz.

Aber 1914 konnte er nicht daheim bleiben. Heute sieht er es als eine Verbeugung vor dem Standesbewusstsein an, denn es galt als Deklassierung, sich dieser Massensuggestion – wie er die Begeisterung vieler Menschen bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges nennt – nicht zu unterwerfen. Er wollte in seinem bürgerlichen Status anerkannt bleiben. Er meldete sich als Einjährig-Freiwilliger, weil er dann bei Übernahme der Kosten für Bekleidung und Verpflegung nur ein Jahr zu dienen brauchte. Er wollte so schnell wie möglich die Uniform wieder loswerden.

Während Arno sich langsam weiter durch die Straßen schleppt, werden die Bilder deutlicher. Er wurde im Krieg verschüttet, sein Gehör wurde für immer geschädigt. Niemand hat mit ihm je wirklich darüber geredet. Auch ihm wird erst im Alter richtig klar, was das für ihn bedeutete. Wer nicht alles hört, hört nicht immer, was alle hören. Befehlsempfänger müssen gut hören. Sein Gehör wurde immer schlechter im Lauf der Jahre.

Immerhin, er lebt! Er hatte ein Gespräch belauscht, in dem der Vater äußerte, dass er damit rechnete, dass Arno aus dem Krieg nicht zurückkommen werde. Der ist zu untüchtig, um zu überleben. Schon war Linda als Nachfolgerin fürs Geschäft genannt worden. Doch Arno lebt! Zwar leidet er an einer „Hemmung der linken Körperseite“, die linke Hand funktioniert nicht ganz normal, aber er lebt!

Er beschreibt sich als einen schlaksigen jungen Mann, der aus dem Krieg heimkehrt und tief in Unsicherheiten steckt. Ein Freund ist es, der ihm hilft, seine Kindheit zu durchschauen. Er stellt das jetzt im Alter fest, einfach so, da braucht’s keinen Psychologen, ein Freund genügte, um ihm die Augen zu öffnen. Bewusstwerden hat ihn vom Kindheitsschock befreit, so schreibt er.

Jetzt, nach Beendigung des Ersten Weltkrieges, steht Arno also an einem neuen Anfang seines Lebensweges. Eine Zukunft steht ihm offen und ist zugleich so festgelegt, als sei sie versperrt. Er galt ja längst als der Erbe, wenn der Vater auch oft verächtlich den Handrücken nach unten drehte, den Daumen abspreizte, um auf ihn zu zeigen, seinen Blick dabei auf die Mutter geheftet: „Da, dein Sohn! Das ist deine Erziehung!“

Der Erbe war er trotzdem. Linda, die Drittälteste der Schwestern, hätte es ihm gern abgenommen, doch nun wurde sie nicht mehr in Betracht gezogen, war ja nur ein Mädchen. Das ließ sie den Bruder fühlen. Ein Leben lang.

Von den Schwestern war es nur die Jüngste, die nach ihm gekommen war, Erika, das Nesthäkchen für immer und alle Zeit, die zu ihm hielt. Erika war die Einzige, die ihn nicht „Brillenschlange“ oder „Hans Stecklenbein“ rief. Erika hat ihm viel bedeutet.

Der alte Arno mit seinen bedachten, unsicheren Schritten erreicht sein Haus im Süden der Stadt. Er vermeidet dabei, einen Blick aufs Völkerschlachtdenkmal zu werfen, das riesig als Kulisse in der Nähe der Siedlung vor sich hinprotzt.

Obwohl er erschöpft ist, setzt er sich sofort an die Schreibmaschine. Erna ist beim Friseur, er muss die Zeit nutzen, um aufzuschreiben. Es ist über ihn gekommen, er will festhalten, was er gelebt hat. Bisher hat er nur Reiseberichte geschrieben, nun geht es um Erinnerungen an die Jugend, um eine lange Lebenszeit, von zwei Kriegen durchkreuzt, und es geht ums Altwerden. Er glaubt, dass er das Alter besser bewältigen kann, wenn er sich und andere beobachtet, wenn er bewusst die Schritte einordnet, die er noch tun kann, wenn er darüber nachdenkt, woher er kommt und wohin er geht. Und Erna, wie wird er Erna helfen können? Er mit seinen schwachen Beinen, obwohl er doch alles getan hat, um auf den Beinen zu bleiben. Seine Gymnastik! Er muss auch von dieser schreiben, sie weiterempfehlen. Aber erst einmal ist er noch jung in seinen Gedanken. Der Krieg, der Erste Weltkrieg, wird ihm plötzlich deutlich, obwohl er doch glaubte, alle Gedanken daran für immer hinter sich zu haben. Ist denn nichts für immer vorbei?

Im Ersten Weltkrieg gab es noch keine zerstörten Städte in der Mitte des Landes, in dem Arno und seine Familie wohnten, der Krieg spielte sich in den Grenzgebieten ab.

Arno ist noch an der Front, als Dora, seine älteste Schwester, verkündet, dass sie heiraten will. Trotz des Todes der Schwester, der noch unverdaut nicht allzu lange zurückliegt und der gerade Dora schockiert haben müsste.

Viele junge Leute, auch Freunde der Familie, kehren nicht zurück von der Front, aber Dora gibt ihr Ja-Wort für eine gemeinsame Zukunft mit Fred, für Fred, der an ...

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