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Arme Kirche – Kirche für die Armen: ein Widerspruch?

Jahrbuch der Akademie CPH
Anregungen und Antworten

Arme Kirche – Kirche für die Armen:
ein Widerspruch?

Jörg Alt · Klaus Väthröder (Hg.)

Arme Kirche –
Kirche für die Armen:
ein Widerspruch?

Band 10 der Reihe
Veröffentlichungen der Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus
www.cph-nuernberg.de

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Für die Übersetzung der im Original
spanischsprachig eingesandten Buchbeiträge
möchten die Herausgeber Frau Karla Leitz herzlich danken.

Inhalt

Jörg Alt, Klaus Väthröder: Was will das Buch „Arme Kirche – Kirche für die Armen: ein Widerspruch?“

Jörg Alt: Lesehinweise

Einführung

Adolfo Nicolas: Geistliche Einführung – Den Armen ihren Platz in der Kirche zurückgeben

Martha Zechmeister: Theologische Einführung: Jorge Mario Bergoglio – der Papst der Befreiungstheologie?

Sichtweisen aus Deutschland

Solidarität mit Armen in der Welt und in Deutschland

Ludwig Schick: Konkretion des Ideals für Deutschland – Der „Katakombenpakt“ und die „Solidarwerke“

Heidemarie Wieczorek-Zeul: Partnerschaft von Kirche und Politik für eine gerechte Globalisierung

Kurt Gerhardt: Armutsbekämpfung ist nicht Umverteilung, sondern Entwicklung eigener Potenziale

Thilo Hoppe: Für eine Kirche, die teilt und zum Teilen aufruft

Joachim Rock, Joß Steinke: Für eine Zukunft kirchlicher Wohlfahrtspflege – aber nicht um jeden Preis

Angelika: Beweisen, dass es anders geht

Business und Social Media

Richard Böger: Armut als Problem, als Berufung oder als Auftrag? Gedanken eines „Bankers“

Dirk Trapp: Ein Unternehmensberater empfiehlt: Weg von der Institution – hin zu den Menschen

Ulrich Schlenker: Bits und Bytes und etwas zum Beißen – Kann Social Media eine Rolle bei der Armutsbekämpfung übernehmen?

Werte und Glaubwürdigkeit

Mechthild Schrooten: Kirche, Armut und Ökonomie

Karlheinz Ruckriegel: Glaube und Glücksforschung – was folgt daraus für die Kirchen?

Wolfgang Kessler: Jenseits von Macht, Reichtum und Zerstörung

Patrick Zoll: Was wir aus der Missbrauchskrise für eine Kirche der Armen lernen könn(t)en

Leben zwischen den Welten

Volker Riehl: Eine entwicklungspolitische Farce zum Ausgleich von Arm und Reich

Holger Haibach: Mittelmaß ist nicht spektakulär, aber erfolgversprechend

Magdalena Dumbeck: Von Bildung, Zeit und anderen Reichtümern

Robert: Besitz ist gut, wenn er den Armen dient

Sichtweisen aus armen Ländern

Afrika

Fratern Masawe: Zerbrich Armutsstrukturen – fördere Mitleid

Peter Balleis: Unser Auftrag ist, zu bleiben, wenn andere gehen

Elias Omondi Opongo: Empowerment der Armen setzt intellektuelle und strategische Investitionen voraus

Cecilia M. Simaluba: Wir sind arme Kirche und brauchen eure Hilfe

Lateinamerika

Jorge Cela: Vielleicht arm, aber reich an Würde

Friedrich Wilhelm Graf: Theologie des Reichtums statt Option für die Armen – Die Ökonomie der Pfingstkirchen

Lisbeth Mora: Die Welt mit Jesu Augen sehen heißt die Armen sehen

Asien

Hector D’Souza: Vom Stallgeruch der Schafe und vom Wohlgeruch der Wohltätigkeit

Lourdunathan Yesumarian: Immer noch weniger als Menschen – Dalits in der Kirche

Amalraj Chinnappan: Die Macht der leeren Hände und die Eucharistische Herausforderung

Zum Schluss

Jörg Alt/Klaus Väthröder: Antwort(en) auf die Frage des Buches

Siegfried Grillmeyer: Die „Option für die Armen“ als eine immerwährende Frage der Zeit

Wir stellen uns vor: Die Jesuitenmission

Jörg Alt / Klaus Väthröder

Was will das Buch „Arme Kirche – Kirche für die Armen: ein Widerspruch?“

Klaus Väthröder SJ ist Leiter, Dr. Jörg Alt SJ stellvertretender Leiter der „Jesuitenmission“ in Nürnberg

Ach, wie möchte ich eine arme Kirche für die Armen!“ Dieser Ausruf von Papst Franziskus bei seiner ersten Pressekonferenz vor Tausenden Journalisten am 16. März 2013 begeisterte uns. Stand dieser Aufruf doch in einer Reihe mit symbolischen Zeichen, die Papst Franziskus seit seiner Wahl gegen das vatikanische Zeremoniell durchsetzte: keine teuren roten Kalbslederschuhe mehr, Verzicht auf die Staatskarosse, Begleichung der Hotelrechnung. Dieser Papst, so scheint es, will auf Seiten der Armen stehen und man kann ahnen, dass er mehr in die Wege leiten wird, um es nicht beim Symbolischen zu belassen.

Fragestellung des Buchs

„Prima!“, denken wir uns, „genau die Art Rückenwind, die wir in unserem Geschäft benötigen!“ Steht doch die Hilfe für Arme in der Welt im Zentrum unserer Projektarbeit und unseres Freiwilligenprogramms und die Auseinandersetzung mit den Strukturen von Armut (die im Übrigen auch dazu beiträgt, dass die Schere zwischen Reich und Arm in den reichen Ländern immer weiter auseinandergeht) im Zentrum unserer Publikationen, Forschung und Kampagnenarbeit. Beim näheren Hinschauen fragt man sich aber: „Arme Kirche – Kirche für die Armen“: Wie passt beides denn zusammen? Ist das nicht ein Widerspruch?

Einfach ist die Frage ganz und gar nicht zu beantworten: Ist eine Kirche arm, kann sie einerseits zwar glaubwürdig mit den Armen gemeinsam arm leben und ist erkennbarer in der Nachfolge Jesu und seiner ersten Jünger. Aber: Die Kirche würde andererseits zugleich viel „institutionellen Muskel“ verlieren, mit dem sie Armen in Deutschland und weltweit wirksam hilft und einen Unterschied in deren Leben machen kann. Nur ein Beispiel anhand eines der stärksten Symptome dafür, dass mit unserer Welt etwas nicht in Ordnung ist: illegale Migration und Menschenhandel. Ohne Geld, das beispielsweise von der „Jesuitenmission“ gesammelt und weitergeleitet wird, könnten die Kirchen in den Herkunftsländern keine Präventions- und Aufklärungsprogramme durchführen, ohne Geld in den Zielländern keine Sozialdienste unterhalten oder Advocacy betreiben, etwa indem durch das „Katholische Forum Leben in der Illegalität“ sehr erfolgreich Verbesserungen in der Gesundheitsversorgung und beim Schulbesuch von Kindern „Illegaler“ erreicht werden konnten.

Zugegeben: Jesus und seine Jünger lebten sehr einfach. Aber: Jesus und seine Jünger hatten eine Kasse, aus welcher Armen geholfen wurde (Joh 12,5 f.), und es gab in ihrem Umfeld Frauen, die sie begleiteten und mit dem unterstützten, was sie besaßen (Lk 8,3). Sicher: Jesus beauftragt seine Jünger, auf dem Weg der Verkündigung weder Proviant noch Geld mitzunehmen. Beim letzten Abendmahl deutet er jedoch an, dass es nach seinem Tod anders werden würde, und mahnt, ab sofort einen Geldbeutel einzustecken (Lk 22,36).

Ähnlich vieldeutig sind die Erzählungen der urchristlichen Gemeinde. In der Apostelgeschichte steht: „Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam“ (Apg 4,32). Aber das trifft auch auf die prachtvollen Benediktinerabteien zu, die während der Barockzeit entstanden und uns bis heute mit Staunen erfüllen: Die darin wohnenden Mönche leben arm und einfach – wenngleich das Kloster reich ist. Oder: Die frühen Christen verkauften ihren Besitz, „brachten den Erlös und legten ihn den Aposteln zu Füßen. Jedem wurde davon so viel zugeteilt, wie er nötig hatte“ (Apg 4,34 f.). Nur: Wir erfahren wenig später, dass die Apostel sich durch diese Verteilung überfordert sahen. Sie beriefen „Männer von gutem Ruf“, denen ab sofort dieser Dienst der alltäglichen Versorgung der Witwen und Armen übertragen war (Apg 6,1–6). Aus dieser professionellen Bedarfsprüfung und Zuteilung seitens bestellter Experten entwickelte sich die institutionelle Caritas. Was aber geschah mit dem Geld, das den Aposteln zu Füßen gelegt, aber nicht sofort gebraucht wurde? Vermutlich wurde es bis auf weiteres zurückgelegt und wurde zur Rücklage. Aus Rücklagen entstehen wiederum Banken, die Geld verwalten, mehren und für den Moment bereithalten, wenn es benötigt wird.

Und überhaupt: Was kennzeichnet eine „arme Kirche“ und wer sind die „Armen“, für die sich die Kirche einsetzen soll? Gibt man das Stichwort „Armut“ in Google ein, kommen über 12 000 000 Treffer. Gibt man das Stichwort „Armut“ bei Wikipedia ein, findet man eine Fülle verschiedener Definitionen: Es gibt absolute und relative Armut, materielle, geistige und geistliche Armut, freiwillige und erzwungene, individuelle und strukturelle Armut, Chancen-, Bildungs- und Verteilungsarmut … Eine Antwort auf den Ausruf von Papst Franziskus und entsprechend auf die Frage dieses Buchs ist also alles andere als einfach zu finden.

Suche einer Antwort bei Papst Franziskus selbst

Papst Franziskus selbst hilft einem bislang nicht besonders bei der Interpretation, was denn nun die „arme Kirche – Kirche für die Armen“ konkret bedeutet. In seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ vom 24. November 2013 kommt dieser Aufruf in Nummer 198 vor: Dort heißt es aber zuvor, dass „für die Kirche … die Option für die Armen in erster Linie eine theologische Kategorie und erst an zweiter Stelle eine kulturelle, soziologische, politische oder philosophische Frage“ sei. Die Tatsache, dass Gott den Armen „seine erste Barmherzigkeit“ gewährt hat, habe „Konsequenzen im Glaubensleben aller Christen, die ja dazu berufen sind, so gesinnt zu sein wie Jesus“. Und in Nummer 199 sagt Franziskus hinsichtlich des Umgangs mit den Armen: „Unser Einsatz besteht nicht ausschließlich in Taten oder in Förderungs- und Hilfsprogrammen …, sondern vor allem (in einer) aufmerksamen Zuwendung zum anderen.“ Wenn Franziskus aber „nicht ausschließlich“ schreibt, dann heißt dies aber doch wohl, dass er diese Taten, Förderungs- und Hilfsprogramme dennoch befürwortet?!

Dabei geht er mit gutem persönlichen Beispiel voran: Die Päpstliche Almosenvergabe hat sich unter Franziskus von einer Million Euro auf zwei Millionen verdoppelt. Der Päpstliche Almosenier, Erzbischof Krajewski, berichtet, dass Franziskus ihm gesagt habe: „Dein Konto steht gut, wenn es leer ist. Dann kann man es auffüllen.“1 Freilich: Auch Franziskus wird trotz seiner „Kapitalismuskritik“ wissen, dass jemand zunächst Geld verdienen und besitzen muss, bevor das Almosenkonto wieder aufgefüllt werden kann.

Persönliche Einfachheit und Großzügigkeit den Armen gegenüber anstelle von Prunk scheint er auch von anderen zu erwarten, wie sein Umgang mit dem Fall des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst zeigte: Franziskus beurlaubte ihn und verordnete ihm Abstand zu seiner Diözese, bis die Untersuchungskommission die Fakten aufbereitet hat – nicht gerade ein Vertrauens- und Gunstbeweis.

Aber sonst? Weder ‚versilbert‘ er die Reichtümer der Vatikanischen Museen noch hat er die skandalträchtige Vatikanbank aufgelöst, die im Jahr 2012 laut ihrem ersten Geschäftsbericht fast 87 Millionen Euro erwirtschaftet und damit ihren Gewinn vervierfacht hat. Stattdessen will er die unter seinem Vorgänger Benedikt XVI. begonnenen Reformen der Bank durch die Berufung einer siebenköpfigen, kompetent besetzten Expertenkommission beschleunigen und absichern. Erste Früchte sind Abkommen des Vatikanstaates mit anderen Ländern zur Zusammenarbeit bei Geldwäsche, darunter am 4. Dezember 2013 mit Deutschland. Eine weitere Kommission soll sich mit den vatikanischen Finanzen insgesamt befassen, diese sind auch Thema in der achtköpfigen Kardinalskommission, die den Papst bei der Kurienreform beraten sollen. Ein Mitglied der letzteren ließ inzwischen durchsickern, es könne zur Bündelung der vatikanischen Finanzgeschäfte in einer Art Finanzministerium kommen – vermutlich ein Transparenzgewinn zum Jetztzustand, wo die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Vatikans auf mehrere Behörden verteilt sind.

All dies legt zwei mögliche Schlussfolgerungen nahe: Entweder geht es Papst Franziskus doch eher um einen Appell an das persönliche Verhalten sowie die Vermeidung von Exzessen als um die ganz radikale Kirchenreform hin zu einer materiell armen Kirche. Oder die Frage ist auch aus seiner Sicht zu komplex und zu kompliziert, als dass sie mit päpstlicher Autorität für die gesamte Weltkirche geklärt und beantwortet werden kann.

Damit gilt unverändert: Eine Antwort auf den Ausruf von Papst Franziskus und entsprechend auf die Frage dieses Buchs, wie nämlich der Wunsch nach einer „armen Kirche“ mit einer „Kirche für die Armen“ zusammenpasst, ist alles andere als einfach zu finden.

Die Antwortgeber

Aus diesem Grund möchten wir diese schwierige Frage an eine Reihe von Personen weitergeben und sie bitten, uns Kriterien zur Beantwortung der Leitfrage dieses Buchs zu geben.

Eine erste Gruppe von Autoren kennen wir aus unserer Arbeit in Deutschland. Darunter befinden sich Katholiken und Protestanten, glaubende und nicht glaubende Menschen, Akademiker, Mandatsund Verantwortungsträger in Kirche, Politik, Unternehmen, Medien und Verbänden sowie Engagierte in Vereinen und Nichtregierungsorganisationen.

Eine zweite Gruppe sind Menschen, die sowohl in Deutschland als auch armen Ländern leben und die die Frage dieses Buchs mit dem Blick auf die Lebensrealität beider Kontexte beantworten können.

Eine dritte Gruppe sind die Armen selbst: Allzu viel wird über sie geschrieben – wir wollten auch sie selbst im O-Ton zu Wort kommen lassen, aus Deutschland, Madagaskar, Venezuela und Sambia.

Eine vierte Gruppe haben wir schließlich aus der Gruppe unserer Projektpartner in den armen Ländern ausgesucht, Jesuiten also, die dort verantwortliche Positionen bekleiden oder mit armen Menschen direkt zusammenleben und -arbeiten – zum Teil unter Einsatz und Gefährdung ihres eigenen Lebens, wie etwa die Patres D’Souza oder Yesumarian.

Dabei kamen natürlich auch Antworten, die mit den Meinungen und Einstellungen der Herausgeber nicht übereinstimmen und von ihnen nicht geteilt werden. Diese Beiträge haben wir dennoch in das Buch aufgenommen, da sie das Spektrum vertretbarer und de facto vertretener Positionen repräsentieren, und wir gehen davon aus, dass sich die Leserinnen und Leser angesichts dieses Spektrums ihre eigene Meinung besser und differenzierter bilden können.

Da die deutsche Kirche eine der reichsten Ortskirchen der Welt ist, haben wir uns schließlich gedacht, dass unsere Fragestellung und die Antworten darauf nicht nur uns, sondern auch viele andere in Deutschland interessieren könnten. Aus diesem Grund geben wir dieses Buch heraus. Wir wünschen Ihnen viel Spaß und Freude beim Lesen sowie viele interessante Einblicke und Einsichten.

Jörg Alt

Lesehinweise

Zunächst ein Wort zur Auswahl der Beitragenden zu diesem Buch: Man mag sich fragen, warum wir eher diese statt jene AutorInnen gebeten haben, einen Beitrag zum Buch beizusteuern. Dies liegt vor allem daran, dass wir diesen Personen oder ihrer Arbeit und den damit verbundenen Positionen im Laufe unseres Lebens begegnet sind und den Eindruck hatten, dass diese einen interessanten Aspekt, eine interessante Perspektive zu diesem Thema beisteuern können. Die Auswahl ist also sehr subjektiv und beansprucht keine darüber hinausgehende objektive Bedeutung.

Zweitens ein Hinweis an jene Leser, denen diese oder jene Beiträge zu grundsätzlich und unkonkret, andere zu detailliert, zu einseitig, zu pointiert, zu (un)ausgewogen, zu politisch unkorrekt, nicht ‚gegendert‘ usw. sind. Zunächst hatten alle Beitragende eine strenge Vorgabe hinsichtlich des Umfangs, den der Beitrag haben durfte. Wurde dieser Umfang überschritten, wurde gnadenlos gekürzt. Dies engt Gestaltungsspielräume sehr ein. Bei der herausgeberischen Bearbeitung war es sodann das Ziel, individuelle Schreibstile möglichst wenig zu verändern, um dadurch zugleich das Individuelle der Sichtweisen verstärkt deutlich werden zu lassen. Deshalb die Bandbreite zwischen poetischem und polemischem, lehrhaftem und tagebuchartigem usw. Stil. Und: Es wurde versucht, aus Beiträgen das zu entfernen, was an anderer Stelle des Buchs bereits besser/ausführlicher/thematisch passender behandelt wurde. Anders gesagt: Insgesamt wurde versucht, charakteristische Sicht-, Schreib- und Argumentationsweisen ebenso herauszuarbeiten wie spezifisch-profilierende Themen, um dabei zugleich ermüdende Doppelungen und Wiederholungen zu vermeiden. Der kritische Leser kann also davon ausgehen, dass die Beiträge in aller Regel differenzierter und ausgewogener waren, als sie es nach der herausgeberischen Arbeit geblieben sind. Daraus folgt die Bitte, keinen Beitrag isoliert zu sehen, sondern zusammen mit allen anderen als je einen Repräsentanten eines breiten Spektrums von Sichtweisen, die eines vereint: den kritisch-nachdenklichen Blick auf das Thema des Buches.

Noch zwei Hinweise für alle, die bestimmte Zitate oder deren Kontext nachlesen wollen:

Für die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils sowie Reden und Enzykliken der Päpste, auf die in diesem Buch Bezug genommen werden, empfehle ich die Website des Vatikans mit den deutschsprachigen Verzeichnissen: https://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_
council/index_ge.htm
sowie https://www.vatican.va/holy_ father/index_ge.htm

Bibelzitate erfolgen nach der Einheitsübersetzung, Texte können (im Kontext) nachgelesen werden auf https://www.bibleserver.com/index.php

Einführung

Adolfo Nicolas

Geistliche Einführung – Den Armen ihren Platz in der Kirche zurückgeben

Adolfo Nicolas SJ ist Generaloberer der Jesuiten2

Papst Franziskus hat vom Anfang seines Pontifikats auf einen Schwerpunkt gesetzt: die Armen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht über die Armen und über Armut spricht, Zeichen der Einfachheit setzt, die Gewissen der Menschen aufrüttelt, um die Herzen den Armen und der Armut zu öffnen. Er scheut sich nicht, sichtbare Zeichen zu setzen, die nicht unbeachtet bleiben können, wie sein Besuch auf der Insel Lampedusa am 8. Juli 2013. Lampedusa ist zum Symbol für die Migrationsproblematik, zum Symbol für den tragischen Tod vieler im Mittelmeer geworden, die dem Elend und der materiellen Not entfliehen wollen. Lampedusa ist auch zur Chiffre für ein Europa geworden, das mit der globalen ökonomischen Ungerechtigkeit nichts anzufangen weiß. „Es kann nicht sein, dass sich Europa von einer immer größer werdenden Schuld gegenüber Müttern, Kindern, Jugendlichen und Männern, die auf dem Meeresgrund landen, befreit fühlt.“

Die Einstellung der Kirche zum Reichtum war nie eindeutig. Sie umfasste alles, vom naiven und (vorgeblich) ‚unschuldigen‘ Anhäufen von Geld und Gütern bis zu kritischer Distanz von allem, von der Einsicht in die Notwendigkeit von Mitteln für den Selbsterhalt und für den Einsatz für die gute Sache bis hin zur kritischen Reflexion der Spielregeln von Markt und Kapital. Armut war immer ein Thema, weil es immer Ungleichheit, Reiche und Arme gab und weil der Reichtum der Reichen etwas mit der Armut der Armen zu tun hat. Hinter dem Haben oder dem Nicht(s)-Haben steht die Frage nach der Gerechtigkeit und Gleichheit der Menschen untereinander.

Zeugnis der Heiligen Schrift

In manchen Perioden des Alten Testaments waren Reichtum, Wohlergehen und Macht Zeichen des Segens und der Zuwendung Gottes. Umgekehrt aber wurden Armut, Leiden und Machtlosigkeit nicht automatisch als Zeichen des Fluches Gottes gedeutet, wohl aber als Strafe Gottes für den Abfall des Volkes von Gott (bei den Propheten). Dagegen genossen die Armen, die Waisen, Witwen und Fremden immer einen besonderen Schutz Gottes und der Glaubenden (Ex 22,6; 25,35 und oft in den Psalmen). An der Achtung und Hilfsbereitschaft gegenüber den Armen erwies sich die Aufrichtigkeit des Glaubens. Gerechtigkeit und Menschenfreundlichkeit waren wichtiger als Fasten (Jes 58,3–6). Eine besondere Deutung bekommen das Leiden und die Armut durch die vier Lieder vom Gottesknecht bei Jesaia (ab Jes 42). Die geheimnisvolle Gestalt des leidenden Gottesknechtes wird meist als die Personifizierung des Volkes Israel gedeutet, das mit Gott auch in seinem Leid und seiner Erniedrigung im Dialog steht, ja mit dem sich Gott tief identifiziert. Das vierte Lied (Jes 52,13–53,12) geht noch weiter: Der Knecht leidet für die Menschen, stellvertretend für alle. So wird er zur Botschaft, dass Gott den Menschen, den Armen und Leidenden, treu bleibt und sie in ihm einen Erlöser haben. Gott ist den Armen und Leidenden nicht fern, er ist ihnen nahe. Er folgt den Menschen auch in die Fremde (in die Deportation, ins Exil) und bleibt bei ihnen.

Die Zuwendung Gottes zu den Armen findet in der Botschaft der Evangelien ihren Höhepunkt. Matthäus und Lukas beginnen das Auftreten von Jesus in Galiläa mit der Ankündigung des Reiches Gottes für die Armen. „Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie. Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5,1–3). Die folgenden Seligpreisungen bezeichnen alle Leidenden und Gequälten als „selig“. Ihnen wendet sich Jesus in besonderer Weise zu. Lukas beginnt die Beschreibung des öffentlichen Wirkens Jesu in Galiläa mit seinem programmatischen Auftritt in Nazareth: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“ Eine ähnliche vorbehaltlose Bevorzugung der Armen und Leidenden beobachten wir im Evangelium nach Markus und bei Johannes. Besonders in der Gerichtsrede bei Mt 25 findet sich die Gleichsetzung von den Armen mit Jesus selbst: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,31 ff.). Wie ist diese Gleichsetzung zu verstehen? Die Identifikation Jesu ist nicht im Sinne eines „als ob“ zu verstehen (als ob ihr es mir getan hättet), sondern er identifiziert sich mit den Armen und Verfolgten, gleichsam lückenlos. In ihnen begegnen wir ihm direkt. Diese wiederholte Identifizierung Jesu mit den Armen in den synoptischen Evangelien ist auffällig und darf uns nicht unberührt lassen.

Paulus verankert die Zuwendung der Kirche zu den Armen in der Inkarnation Jesu selbst: „Denn ihr wisst, was Jesus Christus, unser Herr, in seiner Liebe getan hat: Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen“ (2 Kor 8,9). Im Hymnus des Briefes an die Philipper legt Paulus das christologische Fundament für die Einstellung der Glaubenden: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,5–11). Im Jakobusbrief finden wir eine Anwendung dieser theologischen Aussagen auf das Leben in der Gemeinde. „Wenn in eure Versammlung ein Mann mit goldenen Ringen und prächtiger Kleidung kommt, und zugleich kommt ein Armer in schmutziger Kleidung, und ihr blickt auf den Mann in der prächtigen Kleidung und sagt: Setz dich hier auf den guten Platz! und zu dem Armen sagt ihr: du kannst dort stehen! oder: Setz dich zu meinen Füßen! – macht ihr dann nicht untereinander Unterschiede und fällt Urteile aufgrund verwerflicher Überlegungen? Hört, meine geliebten Brüder: Hat Gott nicht die Armen in der Welt auserwählt, um sie durch den Glauben reich und zu Erben des Königreiches zu machen, das er denen verheißen hat, die ihn lieben?“ (Jak 2,2–5). Die Botschaft der Evangelien und der Apostel sind Ausdruck für Jesu Liebe zu den Armen und seine Aufforderung an die Jünger, dasselbe zu tun.

Erneuerungsbewegungen

In der Geschichte der katholischen Kirche gab es im Mittelalter und in der Neuzeit zahlreiche Erneuerungsbewegungen. Sie begannen meist mit der Hinwendung zur Armut und mit der Identifizierung mit den Armen, mit dem Teilen der Güter und mit der Praxis eines einfachen Lebensstils. Im Mittelalter galten die Armen als die Vikare Christi auf Erden. Erst im 12. Jahrhundert hat Innozenz III. den Titel „Vicarius Christi“ auf das Papsttum übertragen. Die Inspiration zur Armut hat sich in bestimmten Personen und in bestimmten Formen konkretisiert. Im Blick auf den Gekreuzigten und Auferstandenen fanden sie Hoffnung und Erlösung in ihrem Leid und ihrer Armut. Franziskus von Assisi, Ignatius von Loyola, Luise Marillac, Vinzenz von Paul, Johannes von Gott, Charles de Foucault und Mutter Teresa von Kalkutta und viele andere. Das findet eine starke Bestätigung in der Tatsache, dass in den geistlichen Traditionen Asiens die persönliche Armut der sogenannten Religiösen Menschen als eine Garantie für die Echtheit ihrer religiösen Tiefe erscheint, die nicht durch persönliches Erwerbsstreben verdunkelt und unglaubwürdig wird.

„Kirche für die Armen“ – „Arme Kirche“

Papst Franziskus fordert uns mit dem Ausruf heraus: „Wie sehr möchte ich eine Kirche für die Armen und eine arme Kirche!“ Er schickt die Kirche auf den Weg, neu zu entdecken, was es bedeutet, eine arme Kirche und eine Kirche für die Armen zu werden. Wir wollen über diese Frage nachdenken und uns von den Gestalten helfen lassen, zu denen Papst Franziskus in besonderer Beziehung steht: dem hl. Franziskus von Assisi, dessen Namen er gewählt hat, und dem hl. Ignatius, von dessen Spiritualität er kommt und dessen Geist sein Tun atmet.

Eine Kirche, die sich an den Armen orientiert – an den wirklich Armen und nicht an den nur Nicht-Reichen (wie der Dichter Rainer Maria Rilke unterscheidet) – ist geprägt von der Grundhaltung, auf der alle anderen beruhen, nämlich vom Vertrauen auf Gott allein. Dieses Vertrauen hat Ignatius von Loyola eingeübt und es den Brüdern mitgegeben, die er zum apostolischen Dienst in verschiedene Länder sandte. Das Vertrauen gibt Freiheit und lässt kreativ neue Wege suchen. Das größte Hindernis für eine Kirche der Armen und für das Bild einer armen Kirche ist die Angst vor Ausgesetztheit, Ungesichertheit, Machtlosigkeit und Verwundbarkeit. Vielleicht sind wir noch zu sehr „mit Netzen und Ketten“ an das „Haben“, an Reichtum (Geistliche Übungen Nr. 142) gebunden. Vom Reichtum geht Sicherheit aus, von der Sicherheit Macht und von der Macht alle Gefahren ungerechter Beziehungen zu Dingen und Menschen. Das lässt sich leider auch in der Kirche beobachten. Wie soll dem anders abgeholfen werden als dadurch, dass die Kirche selbst wieder arm und einfach wird?

Eine Kirche für die Armen ist eine Kirche, die aus dem Bewusstsein lebt, dass ihr Reichtum nicht Geld, politische oder wirtschaftliche Position und nicht Beziehungen sind. Ihr Reichtum ist Gott und der Glaube an Christus. Sie hat mit dem arm gewordenen Herrn nichts zu verlieren, sondern mit ihm nur zu gewinnen.

Eine arme Kirche ist eine frohe Kirche, eine, die Freude ausstrahlt, die staunen und die – wie der hl. Franziskus – auf zwei Hölzern Geige spielen kann. Sie ist eine Kirche, die in ihrem Vertrauen auf Gott lachen und feiern kann, weil der Reichtum im Herzen und nicht im Geld liegt. Die Kirche ist sehr ernst geworden. Dafür gibt es auch Gründe. Viele Instanzen der Kirche wachen über die Geschicke und Vorgänge der Welt und der Kirche selbst. Aufmerksamkeit ist nötig. Die Aufmerksamkeit auf die gute Entwicklung in die Zukunft darf nicht mit Angst um Position und Macht verwechselt werden. Freude an der guten Sache ist stärker als die Angst vor bösen Entwicklungen. Die Angst vor Bösem führt das Böse mitunter erst herbei. Die Kirche wird Kirche der Armen, wenn sie die Haltung des Staunens und der Fröhlichkeit der Armen lebt und teilt.

Im Sonnengesang hat Franziskus alle Geschöpfe – sogar den Tod – seine Geschwister genannt. Welche Gelassenheit, welche Offenheit und Freiheit sich da ausdrückt! Dieses Lied soll Franziskus im Augenblick des Todes angestimmt haben, in der Situation letzter Gott- und Weltoffenheit. Ist nicht das das tiefste Zeugnis, das ein Armer zu geben hat?

In der asiatischen wie auch in der christlichen Tradition wird Armut als eine Quelle innerer Freiheit gesehen, die nötig ist, um den Willen Gottes überall und in allen Dingen zu finden. So gibt es in diesen Traditionen viele inspirierende Geschichten, die oft mit einem Guru, einem geistlichen Lehrer zu tun haben. Etwa: Ein Räuber bestahl den geistlichen Meister. Der Dieb aber ist beeindruckt und beschämt von der Armut des Bestohlenen. Dieser überlässt dem Räuber willig seinen ganzen Besitz. Der Räuber aber merkt, dass ihm der geistliche Meister viel mehr geschenkt hat, als er selbst zuerst sah. Der Arme übergibt mit seiner Armut seinen ganzen Reichtum (vgl. Lk 21,1–4).

Eine Kirche der Armen setzt nicht Interessen jeglicher Art ins Zentrum, sondern im Zentrum, als Anfang und Ende, steht Gott. „Primo Deum“ („Zuerst Gott“) hat Ignatius von Loyola gesagt. An Gott orientiert sie sich. Ihn sieht sie im „Mensch gewordenen“ Herrn, im „armen Christus“. Dieser aber fordert die Kirche auf, sich ihm anzugleichen, ein „alter Christus“ (ein anderer Christus) zu werden. Das fordert von der Kirche, die wie er werden will, Mut zu einer Freiheit, die nicht an Äußeres gebunden ist, an Dinge und Traditionen, sondern offen ist für Neues und für Überraschungen.

Eine Kirche für die Armen muss selbst arm und bescheiden werden. Die Exerzitien des hl. Ignatius lehren, dass Gott in allem sich gibt, in allem wirkt und lebt, in allem von oben herabsteigt wie das Wasser von der Quelle und die Strahlen von der Sonne (Geistliche Übungen Nr. 340 f.): Gott ist in allem zu finden. Das gilt nicht nur innerhalb der Grenzen des katholischen Glaubens, sondern universell. Die Kirche hat gelernt, dass der Dialog mit den Religionen und Kulturen nicht mehr aus dem Bewusstsein der abendländischen Superiorität geführt werden kann. Die Kirche kann in ihrem Dialog den anderen Kulturen und Religionen nur auf Augenhöhe begegnen. Sie muss das Evangelium verkündigen, aber im dialogischen Ringen um die Wahrheit. Sie wird den Reichtum der Kulturen respektieren und bereit sein, auch von der Wahrheit und von den Werten, von den menschlichen Haltungen und vom Geist Gottes, der auch in anderen Religionen und Kulturen waltet, zu lernen. Sie ist nicht mehr das „signum elevatum inter populos“, wie das Erste Vatikanische Konzil sagte, ein herausragendes Zeichen unter den Völkern, sondern die Dienerin der Wahrheit und die Zeugin der Liebe.

Eine solche Kirche kann schließlich vor der modernen Gesellschaft glaubwürdig bezeugen, dass ein menschliches, liebevolles und in großer Freude gelebtes Leben auch mitten in der Armut möglich ist, ohne alle die guten Dinge zu haben, die für ein frohes Leben so wesentlich erscheinen. Es gibt in dieser Hinsicht zahllose Zeugnisse christlicher und nicht-christlicher Heiliger.

Die Rede von der Kirche für die Armen als einer armen Kirche löst Angst und Unsicherheit aus. Auf theoretischer Ebene und mit Argumenten kann man Ängsten kaum begegnen. Wir werden uns in immer neuen Begriffsklärungen und endlosen Definitionen verfangen. Die Sprache von Gleichnissen und Zeichen, wie sie Papst Franziskus in großer Zahl setzt, führt weiter, rüttelt auf und schafft Raum zum Denken – und Beten.

Martha Zechmeister

Theologische Einführung: Jorge Mario Bergoglio – der Papst der Befreiungstheologie?

Dr. Martha Zechmeister CJ ist Professorin für Theologie an der Universidad Centroamericana in San Salvador3

Seit ich den Beitrag zu diesem Buch zugesagt habe, habe ich mich tausende Male deshalb verwünscht. Denn von einem Moment zum anderen kam ich nicht damit nach, die widersprüchlichsten Emotionen zu verarbeiten, die dieser neue Papst seit seiner Wahl am 13. März 2013 in mir auslöste. Mein Beitrag soll redlich sein – und so kann ich nichts anderes anbieten als eine Chronik dieses Wechselbades der Gefühle. Sicher ist eines: Der Rhythmus, in dem dieser Papst zum Umdenken zwingt, ist atemberaubend.

Ich arbeite an jener Universität, an der 1989 am Ende des zwölfjährigen Bürgerkriegs sechs Jesuiten und zwei Frauen von den Militärs und der faschistoiden Regierung umgebracht wurden. El Salvador gehört weltweit zu den Spitzenreitern in Sachen Ungleichverteilung und Gewalt: die Schere zwischen extrem Armen und extrem Reichen klafft dramatischer auseinander denn je – und gerade die Armen werden von gewalttätigen Jugendbanden terrorisiert. Diese sind selbst Opfer der hohen Jugendarbeitslosigkeit, der Perspektivenlosigkeit und des organisierten Verbrechens großen Stils, das sich ihrer als billige Handlanger und Tarnung bedient. Aus dieser Perspektive habe ich bis jetzt dieses Pontifikat wahrgenommen.

Die Schatten der Vergangenheit

Es war ein scharfer Kontrast. Als der neue Papst in Rom auf die Loggia trat, saß ich mit meinen Hausgenossinnen – Studentinnen, die aus Situationen extremer Armut kommen – beim Mittagessen und verfolgte die Ereignisse im lokalen Fernsehen. Als der Kardinaldekan den Namen Bergoglio aussprach, erstarrte ich zur Salzsäule. Denen um mich herum sagte der Name zunächst nichts, doch als ihnen klar wurde, dass es sich um einen Lateinamerikaner handelt, erschallte euphorischer Jubel: im Esszimmer, aus dem Fernsehgerät, aus den Fenstern der Nachbarn – und es wurde um die Wette geböllert, ganz so, als ob die Nationalmannschaft gerade ein wichtiges Tor geschossen hätte.

Ich jedoch fühlte in diesem Augenblick alles bedroht, was ich mir vom Weg meiner Kirche in die Zukunft erhoffe und ersehne, gerade und vor allem die Vision einer „Kirche der Armen“, deren glaubwürdigste Repräsentanten für mich Oscar Romero und Ignacio Ellacuría sind. Denn das Einzige, was ich in diesem Moment mit dem Namen Bergoglio verband, war, dass er unter Verdacht stand, als Provinzial der Jesuiten in Argentinien seine eigenen Mitbrüder während der Zeit der brutalen Militärdiktatur verraten zu haben. Als junge Ordensfrau hatte ich bei Exerzitien von dem gehört, was die beiden Jesuiten Franz Jalics und Orlando Yorio durchgemacht hatten. Sie lebten als Seelsorger in einem Elendsviertel, wurden als Terroristen verdächtigt und haben die fünf Monate Folter, Haft und Todesangst nur durch das Jesus-Gebet überlebt. In mir weckte damals diese Erzählung die Sehnsucht, wie sie die Nähe zu Jesus in den Armen zu suchen – und sie konfrontierte mich damit, wohin konsequente Nachfolge führen kann. Der Name Bergoglio fiel in diesen Exerzitien nicht, ebenso wenig wie in dem Buch von Jalics,4 das mir ein Jahrzehnt danach half, mich wieder auf meine „erste Liebe“ zurückzubesinnen. Doch später hörte ich von argentinischen Freunden, dass mit der „Person“, von der Jalics schreibt, dass sie mit ihrem Leben spielte und es unterließ, sich für sie einzusetzen, sein damaliger Provinzial Jorge Mario Bergoglio, der spätere Erzbischof von Buenos Aires, gemeint war.

Wenn ich etwas von der lateinamerikanischen Befreiungstheologie gelernt habe, dann dies: Die Opfer haben ein unbedingtes Recht auf Wahrheit und Gerechtigkeit. Sosehr der Ausruf des neuen Papstes bei seiner ersten Pressekonferenz „Ach, wie sehr möchte ich eine arme Kirche und eine Kirche für die Armen!“ mich faszinierte und Hoffnung in mir weckte, so unerträglich war für mich der Gedanke, dass dieses Programm mit einem solchen Schatten belastet sein könnte. Seitdem habe ich viel gelesen, von verbissenen Enthüllungsjournalisten und voreiligen Apologeten – und von glaubwürdigen Zeugen, die dennoch dieselben Ereignisse in ganz verschiedenen Versionen beschreiben. Klar wurde mir vor allem eines: Wie wenig aufgearbeitet die Zeit der Diktatur ist und wie offen die Wunden heute noch sind.

Aufatmen ließ mich schließlich das Zeugnis des argentinischen Friedensnobelpreisträgers Adolfo Pérez Esquivel. Ihn konnte ich als unbestechliche Autorität anerkennen, weil er selbst die Gräueltaten der Militärs, die insgesamt 30 000 Menschen „verschwinden“ ließen, mutig angeklagt hatte und deshalb durch die Hölle der Folter gegangen war. Seine knappe Aussage im Interview mit der BBC lautet: „Es gab Bischöfe, die Komplizen der Diktatur waren, Bergoglio nicht.“ Er fügt hinzu, dass Bergoglio, der in dieser Zeit noch gar kein Bischof war, vielleicht „der Mut fehlte, um sich in den schwierigen Momenten dem Kampf für die Menschenrechte anzuschließen“, doch „ein Komplize der Diktatur“ sei er nicht gewesen.5 Damit stimmt überein, wenn Franz Jalics heute sagt, dass ihm seit Ende der 1990er-Jahre in zahlreichen Gesprächen klargeworden sei, dass Orlando Yorio und er nicht von Bergoglio angezeigt wurden.6

Die Aussagen von Pérez Esquivel und Jalics machen für mich auch glaubwürdig, wie Bergoglio in seiner Autobiographie von 2010 die Dinge selbst sieht: „Ich habe getan, was ich konnte, um mich für die Entführten einzusetzen, mit dem Alter, das ich hatte, und den wenigen Verbindungen, auf die ich zählen konnte.“7 Bergoglio intervenierte persönlich beim Diktator Jorge Videla und bei Admiral Emilio Massera, dem führenden Vertreter des „schmutzigen Krieges“ – ein Vorgehen, das ihn ins Zwielicht brachte und ihm den Vorwurf der Nähe zur Junta eintrug. Die Liste derer, die angeben, dass ihnen Bergoglio damals entscheidend zum Überleben geholfen hat, wird immer länger,8 doch das, was mir wirklich hilft, diesem Papst zu vertrauen, ist, dass er sich selbst nicht zum Helden hochstilisiert. Er gesteht ein, dass er Fehler gemacht hat und dass sein autoritärer und schroffer Leitungsstil viele Probleme verursachte.9

Der Erzbischof von Buenos Aires

Das Erste, was mich aufhorchen und vermuten ließ, dass Jorge Mario Bergoglio seit seinen Jahren als Provinzial einen weiten Weg gegangen ist und inzwischen ein ganz anderes Persönlichkeitsprofil entwickelt hat, war eine E-Mail eines meiner Schüler, eines kritischen, linken argentinischen Theologiestudenten in El Salvador. Er verkündete über die digitalen Medien: „Bergoglio ist nicht die schlechteste Nachricht“ – und sprach begeistert von dessen Zeit als Erzbischof von Buenos Aires seit 1998. Es zeichne ihn vor allem seine Empathie und Nähe mit den Opfern und Marginalisierten aus. Als 2004 in Buenos Aires fast 200 Jugendliche wegen völlig unzureichender Sicherheitsmaßnahmen durch einen Brand bei einem überfüllten Rockkonzert starben, war Bergoglio der Mann der ersten Stunde in den Krankenhäusern an der Seite der Verbrannten und begleitete die Familien in ihrer Trauer und in ihrer Anklage der für diese Tragödie Verantwortlichen. Am 7. August 2009 gründete er in seiner Diözese ein eigenes Vikariat „de los curas villeros“, „der Priester in den Elendsvierteln“, genau in dem Moment, als diese Todesdrohungen erhielten, weil sie die tödlichen Machenschaften der Drogenmafia publik machten. Die Elendsviertel („villas“) sind heute in Argentinien nach der Wirtschaftskrise von 2001 eine noch dramatischere Realität als in der Zeit der Militärdiktatur. Auch klagte Erzbischof Bergoglio den modernen Menschenhandel immer wieder mit harten und klaren Worten an. In Argentinien werden vor allem Migranten aus Bolivien und Peru in illegalen Werkstätten und unter unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen ausgebeutet. Bergoglio spricht Klartext nach der Art der biblischen Propheten: „Sie sagen, das Parlament hätte 1813 die Sklaverei abgeschafft. Doch das ist Rotz von Truthähnen. In diesem eitlen und stolzen Buenos Aires gibt es noch immer Sklaven und Sklaverei, das Produkt der Kaine und Herodesse von heute.“10

Zeitungsberichte, Videos, persönliche Zeugnisse über den Erzbischof Bergoglio machten mir immer klarer: Das, was jetzt mit Papst Franziskus ans Licht der Weltöffentlichkeit tritt – wenn er jungen Strafgefangenen die Füße wäscht und in Lampedusa die Gleichgültigkeit der Europäer gegenüber dem Flüchtlingselend anprangert –, sind keine Augenblickseingebungen, sondern die konsequente Weiterführung einer in Buenos Aires lange eingeübten Praxis. Dieser Mann vereint in idealer Weise zwei Elemente: Auf der einen Seite ist er selbst der „Hirte, der nach Schafen riecht“11. Seine Herzlichkeit, Empathie, Aufmerksamkeit gegenüber den Opfern, den Ausgegrenzten und den von der Gesellschaft Getretenen, das ist keine Mache für die Medien. Da ist er zutiefst er selbst. Und auf der anderen Seite ist jede seiner Gesten hochpolitisch, konfrontiert er die Gesellschaft mit ihrem Spiegelbild und deckt ihre menschenverachtenden Machenschaften auf.

In meinem Prozess der persönlichen Annäherung an Bergoglio befahl ich mir selbst, kritisch und nüchtern zu bleiben – und es drängten sich mir doch zwei Analogien auf. Ich konnte nicht anders, als mir einzugestehen: Dieser Mann hat etwas von Oscar Romero, der als konservativ und reaktionär galt und sich dann gegen alle in ihn gesetzten Erwartungen bedingungslos mit dem „gekreuzigten Volk“ identifizierte. Ich begann zu vermuten, dass Bergoglio wie Romero durch einen echten Prozess der „Bekehrung“ gegangen ist, dass seine Selbstdefinition („Ich bin ein Sünder, den der Herr anschaut“) keine fromme Phrase ist, sondern dass sein heutiges Sein und Tun nicht ohne die „Sünden“ in seiner Lebensgeschichte zu verstehen sind.

Und dieser Mann hat etwas Jesuanisches. Wie in den Wundern Jesu wird die ganz und gar echte persönliche Begegnung, die genau diesem konkreten Menschen zärtliche Nähe schenkt, zugleich zur prophetischen Zeichenhandlung, die schonungslos „die Sünde der Welt aufdeckt“. Wenn Franziskus seine erste „Auslandsreise“ ins Auffanglager von Lampedusa macht, so hat sich das nicht ein „Publicitystratege“ ausgedacht, sondern es entspringt seinem natürlichen Bedürfnis. Und wenn er den Menschen dort die Hände schüttelt, dann instrumentalisiert er sie nicht für „übergeordnete Ziele“, dann ist er mit ungeteilter Aufmerksamkeit und Zuwendung ganz bei ihnen. Doch genau dies wird zur scharfen Anklage eines narzisstischen Europa, das gleichgültig die Tragödie an seiner Südgrenze ignoriert und höchstens darüber nachdenkt, wie es sich noch wirksamer abschotten kann.

Franziskus und die Frauen

Meine Achterbahn der Gefühle ist damit jedoch noch nicht an ihr Ende gekommen. Anfang Mai 2013 war ich von der internationalen Generaloberinnenkonferenz (UISG) als Referentin zu ihrer Vollversammlung eingeladen. Diese stand unter dem Motto: „Bei euch soll es nicht so sein (Mt 20,26). Leitungsdienst im Lichte des Evangeliums“. Mein eigener Beitrag hatte die „Autorität der Leidenden“ zum Thema, und ich schloss ihn mit Bergoglios inzwischen berühmt gewordenem Appell aus seiner Rede im Vorkonklave, mit dem ich mich voll identifiziere: gegen eine Kirche, die um sich selbst kreist – für eine Kirche, die aus sich selbst herausgeht, an die Ränder der menschlichen Existenz, die Ränder der Sünde, des Schmerzes, der Ungerechtigkeit, jeglichen Elends.

Zum Abschluss der Konferenz konnte ich an der Audienz teilnehmen, zu der der Papst die 800 Generaloberinnen in der „Aula Paul VI“ empfing. Ich ging mit hohen Erwartungen hin – und wurde herb ernüchtert. Oben auf der „Bühne“ die agierenden Männer, der Präfekt und der Sekretär der Religiosenkongregation, die im Namen von 800 Generaloberinnen, tief unter ihnen, den Papst um sein Wort bitten. Und dieser hält dann eine Katechese. Zuvor wurde uns Frauen eingeschärft, uns nicht von den Plätzen zu erheben und nicht ungefragt das Wort zu ergreifen. Dies alles unter dem Motto „Bei euch soll es nicht so sein“. Kierkegaard hätte wohl gesagt: „Und keiner lacht …“

Dass die Katechese mit dem Aufruf zum „Fühlen mit der Kirche“ und zur „Treue zum Lehramt“ endete, hatte offensichtlich die Spannung mit der Vereinigung der US-amerikanischen Ordensfrauen (LCWR) zum Hintergrund. Im Rahmen einer Untersuchung hatte die Glaubenskongregation im April 2012 bei ihnen „lehrmäßige Defizite“ bei Themen wie Abtreibung und Frauenordination festgestellt. Danach wurden sie unter bischöfliche Aufsicht gestellt. Bei einem Treffen mit dem Präfekten der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Müller, teilte dieser den Vertreterinnen des LCWR mit, dass ihm Papst Franziskus bestätigt habe, hinter dem „Reformprogramm“ seines Vorgängers für das US-amerikanische Ordensleben zu stehen.

Nach der Audienz fragte ich mich hilflos: Warum ist dieser Papst, der mit solch souveräner Freiheit das Protokoll zu durchbrechen weiß und so ausdrucksstarker Gesten fähig ist, nicht einfach hinuntergestiegen und hat auf Augenhöhe das Gespräch und den ...

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