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Armageddon Zone: Weltenwächter

Antje Ippensen

Armageddon Zone: Weltenwächter

Band 5 der Endzeit-Saga





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Die ARMAGEDDON ZONE Saga

Band 5

Welten-Wächter

von Antje Ippensen, Lukas Vering und Marten Munsonius

Jäh wird die Reise zum Turm ERDSTERN unterbrochen, und John Iceheart muss sich neuen Herausforderungen stellen: in der DRITTEN ZONE, dem Land der Kambyss.

Marsmond Phobos: Herzog Artus verzweifelt angesichts einer Aufgabe, die schier übermenschliche Kraft erfordert – doch im letzten Moment keimt Hoffnung auf. Oder ist das nur eine Illusion?

Und welche Rolle spielen die künstlich geschaffene WEISSWELT im Erdorbit und deren Abgesandte Ras-Na in diesem kosmischen Spiel um Leben und Tod? Während mächtige KIs im Hintergrund weiter ihre Intrigen spinnen, oszilliert am Rande der Wirklichkeit die Phantom-Station des STAHLGEBIETERS.

Die Zeit läuft ab. Mit irrwitziger Geschwindigkeit.

Armageddon erstreckt sich aus der Vergangenheit über die Gegenwart bis in eine weit entfernte Zukunft.

Copyright © 2013 ARMAGEDDON ZONE, created by Marten Munsonius, Treatments by Antje Ippensen & Marten Munsonius

Copyright © 2013 – Welten-Wächter- by Antje Ippensen, Lukas Vering und Marten Munsonius

Copyright © 2013 der Coverillustration by Steve Mayer

Die Website des Illustrators Steve Mayer: stevemayer.magix.net

Vertrieb im Internet

Ein CassiopeiaPress E-Book

© der Digitalausgabe 2013 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

WAS BISHER GESCHAH

Eines Tages ist alles anders.

Der letzte Tropfen Öl wurde gefördert und verbraucht, die Technik der Kalten Kernfusion, die der Menschheit die Rettung bringen sollte, versagt. Massensterben, Mutationen, gescheiterte Mars-Missionen. Gefällte Windräder, Klimakatastrophen wie die Staubflut und Raumzeit-Verzerrungen, die das menschliche Begriffsvermögen übersteigen, läuten das Ende ein: Armageddon beginnt.

Das Sonnensystem birgt keinerlei Trost. Doch hinter der Oortschen Wolke ist nicht das Ende.

Und aus den Tiefen des Alls, aus dem Bereich des Termination Shock, kehrt Voyager 1 zurück, aber mit einer Schreckensbotschaft anstelle der Golden Record …

Gibt es noch Rettung? Wer sind die Krieger der Hoffnung?

John Iceheart stürzt in einen Abgrund aus Raum und Zeit. Wer ist Freund, wer Feind?

Während er auf seiner Odyssee bizarre Kämpfe und extreme Gefahren zu bestehen hat, scheint das kosmische Dunkel um ihn herum dichter und dichter zu werden …

In dieser postzivilisatorischen Welt wächst John Iceheart auf, als Findelkind entdeckt in den Höhlen von KALINIKEN. Er ist Mitte 30 jetzt, geachtetes Mitglied seines Stammes, Jäger und Späher, Familienvater. Doch dann zieht es ihn zurück nach KALINIKEN, Visionen plagen ihn und die Frage, wer er wirklich ist und woher er kommt.

Icehearts Visionen und die mächtige KI KYOKO DATE machen ihn zum ruhelos Getriebenen, der am Ende der Straße der gefrorenen Tränen der drohenden Vernichtung ins Auge sehen muss.

Den Feuersturm im Rücken, entscheidet sich John Iceheart, das Geheimnis am Grund des Hafenbeckens zu lüften. Doch ohne die Hilfe des Abenteurers Butch Vic wird das kaum möglich sein. Die einzige Chance zur Befreiung birgt großes Unheil, wenn sie sie nutzen: Schuldlos schuldig geworden, liegt eine unwägbare Zukunft vor ihnen, jenseits der BRÜCKE INS NICHTS …

Die Irrfahrt des Leo Faust und des ewig getriebenen John Iceheart endet vorerst in den bizarren Gassen des DUNKLEN DORFES. Die KI „FM“ liefert Bruchstücke von Informationen, die neue Rätsel aufgeben.

Und auf der Erde: Die Temporalseuche breitet sich aus wie ein Flächenbrand, und um sie zu bekämpfen, sucht John Iceheart den Turm ERDSTERN. Wieder einmal zieht es ihn in den Strudel unabwendbarer Ereignisse. Dieses Mal wird der Sphärenwechselpunkt zu einem schier unüberwindbaren Hindernis für Scarlett und John, das letztlich ein großes Opfer fordert.

Neue bedrohliche Rätsel empfangen sie, und erstmals kommt es zu einer Konfrontation mit dem nahen Weltraum – Marsmond PHOBOS sendet einen blutigen Gruß. Armageddon geht weiter!

Stahl-Häutungen

Ich las an der Wand

“Ein Planet und tausend Knochen”

Sternen-Asche

bestäubte mir die Stirn

Marsmond-Mythen

betäubten mir das Hirn

Kanäle furchten mein Gesicht

Kometen-Flüche regneten

auf mich herab

gedankenscharf.

Nachtatemzüge

Morgendlicher Himmelsfrost

südost

wie das Perlmutt von Nägeln.

Unwegsames Gelände im All

Es bleibt

ewig alt

da es seine Jugend

nie vergessen kann.

ERSTER TEIL: Spiegelmonde

I.

Gefährlich … die gefahrvollste und grausamste Stunde ist die vor der Morgendämmerung. Sie scheint endlos zu sein, zieht sich lähmend in die Länge wie ein graues Gummiband.

Auch auf Phobos galt diese alte Regel. Selbst hier, wo die ferne bleiche Sonne nur gelegentlich flackerte und so klein schien wie ein Kirschkern.

 

Artus hatte einen Ort im DRAUSSEN aufgesucht, zu dem er nur höchst selten kam. Ein beschwerlicher Weg führte zu einem gefährlich aussehenden Grat – und dahinter waren es nur noch wenige Schritte zu einem zerklüfteten Krater. Eigenartig, dachte er, als er davor stand. Der Mond hat doch so gut wie keine Atmosphäre … und doch muss hier ein Wind wehen … Nicht der Sonnenwind!

Er blickte auf das mannsgroße Oval aus schwarzem Stein – Hämatitkristall –, das zu seinen Füßen in die Schwärze ragte und jetzt ganz und gar mit rötlichgelbem Marsmondstaub bedeckt war. Staub, den jener rätselhafte Wind hergeweht haben musste.

Schwerfällig ging der Herzog in die Knie in seinem dick gepolsterten Druckanzug und begann, diesen Staub abzuwischen mit seinen Handschuhen, und danach polierte er fast liebevoll die spiegelglatte Oberfläche, bis sie in matten, silbrig-schwarzen Tönen schimmerte.

Artus schätzte dieses Mineral sehr, weil es auch auf der Erde vorkam, wo er dort aber noch nie eine so große und glatte Scheibe gesehen hatte. Lange Jahre hatte er sich als Hobby mit Geologie und Mineralogie beschäftigt, und auch wenn ihn sein Gedächtnis in letzter Zeit manchmal ein wenig im Stich ließ – auf seine Kenntnisse, sein Wissen in Bezug auf Steine und Mineralien konnte er sich meist verlassen. Der Hämatit wurde auch „Blutstein“ genannt, weil auf der Erde sich sein Schleifwasser stets rot färbte. Noch die alten Griechen hatten geglaubt, der Stein würde starke Blutungen stillen und Mut verleihen.

 

Nachdenklich blickte Artus in den nun wieder blanken Hämatitspiegel. Mut, ja, das wäre etwas, was er jetzt gut gebrauchen könnte. Den Mut des Durchhaltens, des Aushaltens.

Er war einfach nur alt – er war sehr geschwächt.

Und verzweifelt!

War kaum noch in der Lage, nach unruhigen oberflächlichen Schlafperioden – die diesen Namen kaum verdienten – aufzustehen und einen weiteren dieser quälend zähen Warte-Tage zu bestehen.

Aber wartete er denn überhaupt noch?

Oder vielmehr: Hatte es noch Sinn, auf eine Botschaft von Forlan zu warten? Oder auf eine Botschaft von jenen anderen Mächten? Von IHNEN? Den Ur-Wesen aus Weltenferner Zeit?

Am Ende war vielleicht alles egal: Denn selbst diese Wesen mussten sich fügen – wenn auch einem, der engelsgleich war: dem HÜTER DES SEINS. (Wenn es ihn wirklich gab)

Es war für Herzog Artus unglaublich bitter, solche zweifelnden Gedanken hegen zu müssen. Und die Gleichgültigkeit der anderen Marsmondbewohner, gepaart mit ihrem ätzenden Spott ihm gegenüber, machte es ihm alles andere als leicht, hier auszuharren. Zwar hatte sich die alte Station Arkmouth (zumindest in ihren weitverzweigten unterirdischen Teilen; jene Türme, in denen er sich mit Forlan hauptsächlich aufgehalten hatte, waren verwaist) als ähnlich dicht bevölkert erwiesen wie die andere Seite des Mondes (deren Kolonie nannte sich NAMELESS); es war ein Irrtum gewesen zu glauben, dies sei nicht der Fall. Die zwar nur sehr langsam, aber doch stetig wachsende Zahl der Kolonisten erlaubte es nicht, irgendeinen Teil der Anlagen gänzlich ungenutzt zu lassen. Lediglich ein paar sehr tief gelegene Areale waren unbewohnt und nicht zugänglich, wie es hieß.

Vielleicht lebten dort die Engerlinge.

Seitdem sein Vasall ihn verlassen hatte, war der Fürst ohne Reich, der Sohn der Wahren Herzogin, wieder in die vom Kunstlicht regierte unterirdische Labyrinth-Stadt hinabgestiegen. Ohne mehr Kontakt zu diesen Leuten zu finden als zu den übrigen, auf der anderen Seite – und das, obwohl sie ihn alle kannten. Ob sie wohl in regelmäßiger Verbindung, in Austausch standen mit den „Jenseitigen“, wie er sie die anderen Kolonisten schon hatte nennen hören? Er glaubte es eigentlich nicht, traute es ihnen nicht zu. Es war ihm auch relativ gleichgültig.

Hier waren die Sicherheits- und Entseuchungsmaßnahmen beim Verlassen der Tunnelsysteme weniger streng, was es ihm etwas leichter machte, seine Mondspaziergänge zu absolvieren; aber selbst das kümmerte ihn kaum. Er hatte sich an die viel umständlicheren Prozeduren auf der „anderen Seite“ gewöhnt.

Artus I., der letzte Herzog im Exil, schaute in den natürlichen Spiegel zu seinen Füßen und versuchte, daraus Kraft zu schöpfen. Er sah seine alternden Gesichtszüge, die traurig herabhängenden Mundwinkel … unwillkürlich straffte er diese wieder … und er war sich sicher: Nur hier draußen konnte er die Kraft finden, die Energie, um weiterhin auszuhalten und zu widerstehen. Allen bösen Ahnungen zum Trotz.

Um das Blutsteinoval herum gab es sonst nur kohlenstoffreiche Felsen und Eisflecken aus Methan und Kohlendioxid. Dadurch funkelte das schwarz-metallische Mineral wie ein dunkler Diamant – wann immer die Lichtverhältnisse dies zuließen, hieß das.

Immer wenn Artus I. in den letzten Tagen vor dem Computer gesessen hatte, waren nur verstümmelte Fetzen eines ihm unbekannten Codes über den Bildschirm geflackert. Bei Gott und England – zum Verrücktwerden! Jeder einzelne Versuch, eine wirklich funktionierende Verbindung mit Forlan aufzubauen, war fehlgeschlagen und hatte letztlich, ihn gleichsam verhöhnend nach immer wieder aufflammender Hoffnung, nichts als Datenmüll geliefert.

Nun konnte das natürlich auch an den marsianischen Strahlungslöchern liegen oder an Verzerrungen, Überlappungen durch die Asteroidenschwingungen.

Aber Artus glaubte nicht daran. Denn gleichzeitig wurden auch die Stimmen der Ur-Wesen, die ihn so lange geführt und begleitet hatten, gedämpfter, bruchstückhaft … bis er sie kaum noch hörte. Es war nur noch ein ganz leises blasses Flüstern in seinem Schädel, als würde es fast farblos aus den Tiefen eines nachtdunklen Ozeans an die Oberfläche kommen.

Es wurde kryptisch, fremdartig, wie Chinesisch oder die Sprache der Insekten … und verstummte dann vollends.

Noch nie hatte sich Artus so einsam gefühlt.

Die Einsamkeit umschloss sein ganzes Sein wie mit einem schwarzen eisernen Ring, der seine Brust fest einschnürte und ihn zu ersticken drohte.

 

Und da war noch etwas, was ihn quälte. Bedingt durch den Schlafmangel, der auf Dauer bekanntermaßen Halluzinationen hervorrief, oder auch durch seine immer mehr zunehmende Resignation, die an ihm zehrende Verzweiflung … durch all dies war er seiner Sinne nicht mehr mächtig, wusste kaum noch, was real war und was bizarre Traumwelt.

Würde er eine Botschaft überhaupt noch wahrnehmen können, wenn sie kam, war er zurechnungsfähig genug, um damit umzugehen, um noch etwas zu lenken und seinem Dasein einen Sinn zu geben?

Weshalb tat er sich das an?

Wozu noch leben?

 

II.

 

Sabryna saß vor dem Garderobenspiegel und prüfte ihr Make-up. Leider konnte auch eine dicke Schicht Schminke nicht verhindern, dass man die dunklen Balken unter ihren Augen sah. Ansonsten war ihr Aussehen aber ganz passabel: große braune Augen, lange Wimpern, Stupsnase, glänzendes rötlichbraunes Haar, das in langen Kaskaden die Schultern herabwallte, heller Teint. Sabryna spitzte kurz ihr Kirschmündchen, richtete sich dann auf und öffnete ihr halb transparentes Negligé, um nachzuschauen, ob ihre Haut etwa glänzte. Mist. Rasch nahm sie die Puderquaste zur Hand und wedelte damit ausgiebig über ihr Dekolleté und die festen jungen Brüste.

Es klopfte, und die rauchig-kratzige Stimme einer älteren Frau erklang. „Sabryna, biste bald fertig? Es geht gleich los, das weißte doch!“

„Ja, ja!“, rief die junge Frau unwirsch. „Natürlich weiß ich das. Ich komm sofort. Nur eine Minute.“

Sie griff nach einem paillettenbesetzten Nichts von einem BH und zog ihn an, bevor sie das Negligé wieder zuknöpfte.

Fertig.

Sie seufzte, und ihr Blick wurde leer.

Sabryna war der Star der einzigen Striptease-Show von Arkmouth, seit ein paar Wochen erst, aber schon jetzt ödete sie der ganze Rummel an. Im Gegensatz zu dem, was Artus I. (genannt „der alte Spinner“) von ihnen glaubte, waren nicht alle Bewohner der alten Station vollkommen abgestumpft. Nein, keineswegs. Gerade in letzter Zeit gab es gar nicht wenige, die es satt hatten, ewig nur vor den Actionsimulationen der übergroßen miteinander vernetzten Computerbildschirme zu sitzen. Außerdem hatte die VERSAMMLUNG beschlossen, Energie zu sparen, und dazu gehörte auch, „Rechner-freie“ Zeiten einzuführen, in denen so wenig Stromquellen wie möglich angezapft werden durften. Striptease-Shows fanden bei gedimmtem, schummrigem Licht statt und waren sofort genehmigt worden.

Aber vor allem lag es an Langeweile und Überdruss; mehrere Kolonisten hielten beides einfach nicht mehr aus. Sie sehnten sich nach etwas ECHTEM. Sehr einfallsreich waren sie dabei nicht, auf fast sämtlichen Wunschzetteln stand nur: „Striptease“, aber genau das verschaffte Sabryna immerhin die Möglichkeit, der quälenden Ödnis ihres Lebens stundenweise zu entrinnen. Sie tanzte gern und zog sich auch gern vor anderen aus. Scheu oder Hemmungen kannte sie überhaupt nicht; war vielleicht ein genetischer Defekt. Oder auch nicht.

Sie war auch deshalb ausgewählt worden, weil die Zahl attraktiver weiblicher Wesen in Arkmouth nicht gerade groß war. Überhaupt gab es nur wenige Frauen unter den Marsmondkolonisten und ihren spärlichen Nachkömmlingen. Das harte, öde und unnatürliche Leben hier hatte bei den meisten von ihnen Spuren hinterlassen. Viele Frauen waren fett, aufgedunsen, andere sahen dürr und knochig aus, wie ausgemergelt. Neben ihnen wirkte Sabryna fast wie eine Prinzessin.

Doch sie war schon nach kurzer Zeit dermaßen angeödet gewesen von der Show, deren Star sie war, dass sie sich auf etwas anderes eingelassen hatte. Etwas Geheimes. Etwas, das sehr viel Mut erforderte – und insgeheim war sie recht stolz auf sich, dass sie diesen Mut aufgebracht hatte.

Sie war vor kurzem den „Black Moon Robs“ beigetreten, einem Underground Club, der von seinen Mitgliedern einiges forderte, dafür aber auch eine Menge bot. Es war aufregend. Sabryna wusste zwar nicht genau, was alles auf sie zukommen würde … aber genau das machte ja auch den Reiz dieses Geheimbundes aus. Ganz nebulös hieß es bei den „Robs“, es ginge um die tiefsten und verborgensten Rätsel des Sonnensystems, außerdem um KI und eine neue Gesellschaftsform – und bei ihrem Eintritt hatte die junge Frau bedingungslosen Gehorsam schwören müssen. Allein das war prickelnd, denn das gab es nicht innerhalb der routiniert durchorganisierten, bürokratischen, leidenschaftslosen Kolonistengesellschaft von Arkmouth: eine klare, scharfe Hierarchie, Befehle, Gehorsam, Strafen, Lob.

Ihre erste Prüfung bei den Black Moon Robs hatte Sabryna auch schon hinter sich … Ihr Blick wurde wieder lebhafter, und sie starrte abermals in den leicht zerkratzten Spiegel. War die Narbe etwa zu sehen? Nein, ihre Ponyfrisur verbarg sie gut genug.

Sabryna schauerte leicht zusammen, als sie sich an den zeitlosen und eiskalten Moment erinnerte, da das Laserskalpell in ihr Hirn eingedrungen war … sie hatte dies völlig wach miterleben müssen, bei klarem Bewusstsein. Nur die Stelle, wo das Instrument ihre Schädeldecke haarfein geöffnet hatte, um das Mikroimplantat einzusetzen, hatten die zwei schwarzgewandeten Operateure des Geheimbundes lokal betäubt.

Man hatte sie gelobt dafür, dass sie die Prozedur so ruhig hingenommen und auch davor kaum oder gar nicht protestiert hatte.

Das Implantat würde sie fortan kontrollieren, sie würde Befehle erhalten und diese sogleich ausführen, andernfalls hätte das sofortige unangenehme Konsequenzen.

„Die erste Anordnung wird schon bald kommen. Deine zweite Prüfung.“

„Wann genau?“, hatte sich Sabryna erkundigt, daraufhin aber als Antwort nur ein ironisches Lächeln von ihrem Mentor Jonathan X erhalten.

Natürlich, die Überraschung war Teil der Probe, so wie es das Wachbleiben-Müssen bei der Operation gewesen war.

Und jetzt saß sie also da und wartete gespannt auf das, was kommen würde … und sie wünschte sich, der Befehl würde jetzt sofort in ihrem Hirn erklingen.

Jetzt, ehe sie zu ihrem tödlich langweiligen Auszieh-Auftritt auf die billige Plastikbühne da draußen musste.

Jetzt, bitte …

 

III.

 

Für diesen wirklich verzweifelten Moment trug er zwei stahlblaue Pillen, die ihm seine Mutter vermacht hatte, immer bei sich. Sie boten eine sanftere Möglichkeit, aus dem Leben zu scheiden, als die „gängigen Methoden“: So hätte er nur den Sauerstoffhelm abnehmen müssen, um dann – langsam und qualvoll zu ersticken in der giftigen, fadendünnen Atmosphäre des Marsmondes.

Nein, danke. Wenn das Leben schon so bitter war, dann sollte der Tod wenigstens süß sein.

Artus I. streifte zwar einen Handschuh und den Helm doch ab, aber nur ganz kurz, um sich die Tabletten in den Mund schieben zu können. Er hielt dabei sorgsam die Luft an und achtete auch darauf, die Pillen erst dann zu schlucken, als der schützende Helm wieder fest seinen Kopf umschloss und auch die Hand wieder im Handschuh steckte (seine Haut hatte schon jetzt zu jucken begonnen).

Die glatten daumennagelgroßen Pillen glitten problemlos durch seine Kehle.

Metallmoleküle für die lange Haltbarkeit, um das tödlich hochkonzentrierte Megamorphium von Umwelteinflüssen abzuschirmen: Platin und Titanium, auch Stahl war wohl dabei.

Artus war gespannt, wie lange es dauern würde.

Er spürte, wie er ruhig wurde und beinahe heiter.

Gelassen ließ er seine Blicke umherwandern – ein letztes Mal, wie er glaubte. Sah die Felsen und Krater überall, die herbe Schönheit von Phobos, die nur ihm etwas bedeutete, und drehte den Kopf so lange, bis er die etwa 25.000 Kilometer entfernte Scheibe des Roten Planeten sehen konnte. Wie ein blutiges Zyklopenauge hing sie tief im Süden.

Dann schaute der Herzog wieder auf den Hämatitspiegel. Bestimmt ging es schnell … in der alten Zeit, wenn sich ein Fürst oder Herrscher da entleibte, dann wollte er auch nicht, dass es sich länger hinzog, damit er nicht mehr Zeit als nötig in der Hand seiner Feinde verbringen musste …

Artus runzelte die Stirn. Gerade hatte er den flüchtigen Eindruck gehabt, die glatte Oberfläche des dunklen ovalen Steines verändere sich auf schwer beschreibbare Weise …

Und die Minuten verstrichen.

Er spürte überhaupt nichts. Morphium war ein Nervengift, es lähmte das Zentralnervensystem, und Megamorphium wirkte noch viel schneller als sein antiquierter Bruder …

In dem Hämatitrund erschien ein hämisch grinsendes Gesicht mit zwei schielenden Augen und einem breiten Mund.

Artus schrie erstickt auf.

Es dauerte aber noch Sekunden, bis er begriff, was mit ihm geschah.

Oh Mum, du hast mich reingelegt! Oder bist du selbst hereingelegt worden, als du diese Medizin bekamst?

Genau das war sein letzter klarer Gedanke. Blind vor Wut und außer sich vor hilfloser Angst sprang der Herzog auf den Hämatitspiegel und begann, darauf herumzutrampeln. Er wollte die Fratze zertreten, auslöschen, vernichten.

Da …! WAS … WAS GESCHAH MIT IHM? Mit einem schrecklichen saugenden Geräusch packte ihn da der Mundschlitz, der in dem Stein entstanden war, und fing an, seinen Fuß in sich hineinzuschlürfen, gierig, unersättlich, und ein dunkles Lachen hallte in Artus‘ Ohren wider.

Die beiden Pillen schenkten nicht den Tod.

Sie brachten Wahnsinn, lieferten den Geist des Herzogs vollständig der bizarren Traumwelt aus. Und gerade ihr hatte er doch um jeden Preis entkommen wollen!

Artus kämpfte wie ein Verrückter, versuchte sich zu wehren, sich zu befreien – aber sehr bald schon brach er zusammen und die wahnhaften, schrillen und wilden Bildsequenzen brandeten über ihn hinweg wie Wellen und begruben ihn unter sich.

 

IV.

 

Sabryna erschrak.

Die Stimme in ihrem Kopf, diese knisternde, raschelnde Stimme, erklang mit einer absoluten Plötzlichkeit, ohne die geringste Vorwarnung. Eine Gänsehaut überzog augenblicklich ihren nur spärlich bekleideten Körper, als sie die Stimme hörte.

So lief das also ab …

Die Stimme hatte nichts Menschliches, war aber zwingend, intensiv, unentrinnbar. Sabryna gehorchte auf der Stelle, als sie ihr befahl, aufzustehen und zur Tür zu gehen.

Hinter der erklang im selben Moment wieder die raue Stimme von Margenta, ihrer Betreuerin, jetzt aber unverkennbar wütend, nicht nur ungeduldig.

„Sag mal, spinnst du? Was fällt dir denn ein, unser Publikum so lange warten zu lassen? Auf der Stelle kommste da raus …“

Publikum, dachte Sabryna verächtlich; der Gedanke schmeckte seltsam metallisch auf ihrer Zunge. Sie riss die Tür auf. Normalerweise klemmte die, denn die Automatik war defekt, aber eigenartigerweise gelang es ihr jetzt auf Anhieb, sie zu öffnen.

Dann hatte sie einen kleinen Aussetzer.

Filmriss, hätte man es früher auf der guten alten Erde genannt.

 

Erst später sollte sie erfahren, was sie fremdgesteuert getan hatte.

Sie wollte an Margenta vorbeistürmen, aber diese hielt sie am Negligé fest – mit einem krachenden Geräusch riss der hauchdünne Stoff ein. „Nun reichts aber, Sabryna! Kannste mir mal sagen, was mit dir los i…“

Weiter kam die ältere Frau nicht. Wie im Reflex wirbelte Sabryna herum, ihre Augäpfel glühten plötzlich rot, und sie verpasste der Betreuerin einen sauberen Kinnhaken. Der Schlag riss Margenta von den Beinen und schmetterte sie bewusstlos in eine Ecke. Sie bekam nicht mehr mit, dass Sabryna in Richtung Druckschleuse, also Ausgang, davonrannte.

Auch Sabryna selbst realisierte das erst, als sie vor dem Schrank mit den Schutzanzügen stand. Verwirrt sah sie sich um.

Du ziehst einen Schutzanzug an und gehst hinaus, befahl ihr die nicht-menschliche Implantatstimme in ihrem Kopf. Da zögerte Sabryna zum ersten Mal, denn in ihr begann eine Alarmglocke zu schrillen. Nach draußen gehen? Nicht um alles in der Welt! Bloß das nicht! Nur der verrückte alte Spinner geht da raus …

Wie die meisten Bewohner von Arkmouth hegte Sabryna großen Abscheu vor dem „Draußen“, und bei ihr als Frau kam noch ein gutes Stück Angst, wenn nicht gar Panik, hinzu.

Sie hatte nie darüber nachgedacht, weshalb sie so empfand.

Nun aber blieb ihr gar keine andere Wahl, als es auf die harte Tour herauszufinden oder sich der Sache zumindest zu stellen.

S

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