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Ari heißt Löwe

Ari Rath

Ari heißt Löwe

Erinnerungen

Aufgezeichnet von Stefanie Oswalt

Paul Zsolnay Verlag

Inhalt

Prolog: Die Kreise schließen sich

Eine Kindheit in Wien

Abschied von Österreich

Im Jugendheim der Ahawah

Der junge Kibbuznik

Erste Schritte in der Politik

Im Dienst der Jugendbewegung

Neue Aufgaben, neue Wege

Journalist bei der Jerusalem Post

Chef vom Dienst in spannenden Zeiten

Persönlicher Sekretär des großen alten Mannes

Zwischen Front und Schreibtisch

Der Jom-Kippur-Krieg und seine Folgen

Hoffnungen und Rückschläge

Epilog: Zwischen Jerusalem und Wien

Danksagung

Editorische Notiz

Namensregister

Bildnachweis

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Brief Ari Raths an seine Freunde in Wien, geschrieben auf der Galilea auf dem Weg von Triest nach Haifa am 2. November 1938

Prolog: Die Kreise schließen sich

Im November 1938, acht Monate nach dem »Anschluss«, hat mich die Stadt Wien im Alter von fast vierzehn Jahren aus der Heimat meiner Kindheit vertrieben. Alles, was mir lieb und wichtig war, wurde mir nach dem 11. März 1938 genommen, weil ich Jude bin. Die Erde, in der meine viel zu früh verstorbene Mutter Laura am Zentralfriedhof begraben ist, wurde zum fremden Boden für mich. Der Zutritt zu unserem geliebten Spielplatz im Liechtensteinpark bei der Porzellangasse im 9. Bezirk, wo sich mein Leben als Kind abspielte, war sofort für Juden verboten. Die gutgehende Firma meines Vaters Josef übernahm von heute auf morgen ein Nazikommissar. Über Nacht waren wir vogelfrei.

Gerade rechtzeitig gelang es mir, gemeinsam mit meinem drei Jahre älteren Bruder Maximilian/Meshulam nach Palästina, in das Land Israel, auszuwandern. Mit erheblichen Mühen und starken seelischen Kräften habe ich mir dort ein neues Leben aufgebaut. Nicht auszudenken, wie es verlaufen wäre, hätte ich damals, am 1. November, unseren Zug von Wien nach Triest versäumt. Das hätte leicht geschehen können, denn tags zuvor war ich den Nazis nur knapp entwischt: Wir hatten in der jüdischen Schule in der Schiffamtsgasse gerade tränenreich Abschied gefeiert, und ich lief mit meinen beiden besten Freunden schnellen Schritts durch die schon dunklen Gassen nach Hause. Plötzlich umzingelte uns eine Horde von Hitlerjungen auf Fahrrädern. Sie schrien »Judenbuben, Judenbuben« und zwangen uns, auf einen Lastwagen zu klettern, dessen Fahrerkabine mit einem großen Transparent »Hermann-Göring-Alteisensammlung« bedeckt war. Die Fahrt ging in einen großen Hof im Prater, wo wir umgeladen werden sollten, um uns zur Zwangsarbeit in die Lobau, ein Gewerbegebiet auf der gegenüberliegenden Donauseite, zu transportieren. Am nächsten Morgen hätten wir dort mit der Sortierung von Alteisen beginnen sollen. Während die SA-Männer »runter, rauf« schrien, rief ich Paul und Herbert geistesgegenwärtig zu: »Wir laufen weg!« So schnell wir konnten, rannten wir in der Finsternis durch das große offene Tor auf die Ausstellungsstraße und weiter zum Praterstern. Zu unserem Glück brüllten die Nazis damals nur hinter uns her und schossen nicht. Wir waren gerettet.

Im Februar 2011 hat das Allgemeine Krankenhaus der Stadt Wien, in der besten Tradition der öffentlichen Universitätsmedizin, mein Leben gerettet. Am Ende einer Vortragsreise quälte ich mich mit großen Schmerzen, die, wie sich bald herausstellte, von einem Blinddarmdurchbruch herrührten. Zu diesem Übel gesellte sich nach der Notoperation eine Lungenentzündung. 36 Stunden lang schwebte ich völlig ahnungslos in Lebensgefahr – ein sehr sonderbares Gefühl, auch im Nachhinein. Später erklärten mir die guten Ärzte des AKH, es sei mein starker Lebenswille, der geholfen habe, die kritischen Stunden zu überwinden.

Während der zwölf Wochen meiner Genesung im neuen Maimonides-Zentrum an der Donau blickte ich jeden Tag von meinem Zimmer im fünften Stock über die Praterbrücke auf die Lobau. Bis heute hat dieser Name einen bedrohlichen Klang für mich. Selbst in meinen wildesten Träumen hätte ich mir niemals vorstellen können, eine so lange Zeit in Wien zu verbringen.

73 Jahre lang habe ich Österreich höchstens für kurze Zeit besucht. Längst fühle ich mich auf drei Kontinenten zu Hause. Wien mit seiner klassischen, mitteleuropäischen Kultur war immer mit mir und in mir, obwohl ich nach den fürchterlichen Erlebnissen von 1938 viele Jahre die Verbindung mit der Stadt meiner Geburt und meine Muttersprache Deutsch verdrängt habe. Bis heute spreche ich mit meinem Bruder Hebräisch. Nach unserer Ankunft in Palästina haben wir uns das feierlich versprochen, obwohl unsere Sprachkenntnisse damals noch sehr rudimentär waren. Keine meiner Nichten und ihrer Nachkommen hat übrigens Deutsch gelernt.

Mit der Waldheim-Affäre von 1986 begann eine intensive Auseinandersetzung der Österreicher mit ihrer Vergangenheit, in deren Folge ich mich Wien wieder annähern konnte. Ich lernte zahlreiche Politiker, Schriftsteller und Künstler einer neuen Generation kennen, die sich an den wöchentlichen Protesten gegen Waldheim beteiligten. Viele von ihnen sind noch heute meine Freunde.

Auch in den Vereinigten Staaten fühle ich mich zu Hause, seit mich die Kibbuz-Bewegung im November 1946 vom jüdischen Palästina nach New York schickte. Ich war 22 Jahre alt und sollte junge jüdische Amerikaner und Amerikanerinnen für ein Leben in Palästina werben. Die 21 Monate, die ich in den USA verbrachte, eröffneten mir die vielseitige, mir bis dahin völlig unbekannte englischsprachige Welt. Englisch war in Palästina die Sprache der Polizisten, Soldaten und Kolonialbeamten der britischen Mandatsregierung, die man ablehnte und sogar hasste. Während der dreiwöchigen Schiffspassage von Haifa nach New York las ich jeden Tag Artikel in alten Ausgaben der Palestine Post (1950 in Jerusalem Post umbenannt), die bis in die 1990er Jahre hinein die einzige englischsprachige Zeitung des Landes war. Da es im Leben keine Zufälle gibt, ist es wahrscheinlich wenig verwunderlich, dass ich zwölf Jahre später meine journalistische Karriere bei der Jerusalem Post begann. Als deren Chefredakteur war ich sicherlich der einzige einer englischsprachigen Zeitung, der nie Englisch-Unterricht hatte.

Trotz meiner Wurzeln in Europa und der Neuen Welt ist der Stamm meines Lebensbaums aber zweifellos in Israel. Dort liegt der Mittelpunkt meiner persönlichen, politischen und kulturellen Interessen und Verbindungen. Dort lebt meine Familie, und seit 1957 ist Jerusalem meine Heimatstadt. Die Jugendjahre in der Ahawah-Schule in Haifa, der Aufbau unseres Kibbuz Chamadiya, mein Reservedienst in der israelischen Armee und vor allem die langen Jahre bei der Jerusalem Post – all dies bindet mich unauflösbar an Israel, dessen wechselvolle Geschichte ich oft hautnah miterleben konnte: wie der Traum von einem eigenen jüdischen Staat 1948 wahr wurde und wie er in den folgenden Jahrzehnten immer wieder verteidigt werden musste. Ich erinnere mich an meine Arbeit im Dienste von David Ben-Gurion und Teddy Kollek und an intensive Begegnungen mit führenden Politikern wie Yitzhak Rabin, Moshe Dayan, Golda Meir und Shimon Peres.

Rückblickend scheinen mir die 31 Jahre bei der Jerusalem Post meine wichtigsten und produktivsten. Zeitungen besaßen in der vordigitalen Zeit eine andere Bedeutung als heute. Wir informierten unsere Leser über das Geschehen in der Welt, zugleich aber lieferte die Jerusalem Post als einzige englischsprachige und damals auch liberal gesinnte israelische Zeitung für Außenstehende einen Blick in die Gesellschaft des jungen Staates. Zu den Sternstunden meines Journalistenlebens zählen persönliche Gespräche mit führenden internationalen Politikern wie Indira Gandhi, Olof Palme, Henry Kissinger, Konrad Adenauer und Bruno Kreisky.

Es ist meine tiefe Überzeugung, dass die Zukunft Israels von einem dauerhaften und gerechten Frieden mit den Palästinensern abhängt. Mit großer Euphorie haben wir bei der Jerusalem Post im November 1977 den historischen Besuch des ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat in Jerusalem begrüßt. Bis zu meinem Abschied 1989 unterstützte das Blatt so weit wie möglich die verschiedenen Friedensinitiativen. Während dieser Jahre lernte ich führende ägyptische und palästinensische Politiker kennen, mit denen ich zum Teil bis heute in Kontakt stehe. Leider scheint mir aber der Frieden heute so fern wie nie: Der Niedergang der einst mächtigen Arbeiterbewegung, die bei der Staatsgründung eine Schlüsselrolle gespielt hat, erfüllt mich mit Trauer. Der zunehmende Einfluss der religiösen Siedlerbewegung auf das Militär und der Rechtsruck der israelischen Gesellschaft bereiten mir große Sorge. Die Aussichten sind düster, doch möchte ich am Abend meines Lebens die Hoffnung nicht aufgeben, den Aufbruch in eine friedliche Zukunft noch zu erleben.

Ich empfinde es als ein großes Geschenk, dass mich meine natürliche Neugier, mein gutes Gedächtnis und mein Optimismus nie verlassen haben. Dankbar blicke ich heute auf den Schatz meiner Erinnerungen zurück, und ich wundere mich selbst, wie viele von ihnen im Zusammenhang mit prägenden politischen Momenten des 20. Jahrhunderts stehen. Es ist Zeit, sie endlich aufzuschreiben.

Eine Kindheit in Wien

Meine Eltern stammen aus Galizien; meine Mutter Laura, geborene Gross, wurde 1889 in Stryj südlich von Lemberg geboren, mein Vater, Josef Rath, kam 1893 in Kolomiya zur Welt, einem Ort in der Nähe von Czernowitz, an der galizischen Grenze zur Bukowina. Stryj und Kolomiya gehörten damals zur kaiserlich-königlichen Habsburgermonarchie, heute liegen sie in der Ukraine.

Trotz jahrzehntelanger kommunistischer Herrschaft ist der österreichische Ursprung in den Städten Lwiw/Lemberg und Tscherniwzi/Czernowitz immer noch deutlich fühlbar. Als ich im September 2008 zum ersten Mal nach Lwiw kam, um die verlorene Welt meiner Eltern zu suchen, erinnerte es mich sehr an Wien. Altmodische Straßenbahnen fahren durch die kopfsteingepflasterten Straßen, viele der historischen Stadtpaläste haben überdauert, und hier und da gibt es auch wieder traditionelle Kaffeehäuser.

Mein Vater meldete sich am Anfang des Ersten Weltkriegs zum österreichischen Militär. Er hatte gerade seine Matura an einem deutschsprachigen Gymnasium in Kolomiya abgelegt und landete, da er körperlich eher schmächtig war, als Beamter im Kriegsministerium in Wien. Warum meine Mutter von Stryj nach Wien ging, weiß ich nicht. Beide Familien kannten sich schon in Galizien, doch lernten die Eltern einander erst während des Weltkriegs in Wien näher kennen und heirateten nach Kriegsende. Im November 1921 kam mein Bruder Maximilian (»Maxi«) zur Welt, ich gut drei Jahre später, am 6. Jänner 1925, dem Tag der Heiligen Drei Könige, sodass mein Geburtstag im katholischen Österreich immer ein schulfreier Tag war. Nach dem hebräischen (jüdischen) Mondkalender fiel mein Geburtstag auf den zehnten Tag des Monats Tewet, ein Fasttag für streng Religiöse, da an diesem Tag die erste Stadtmauer Jerusalems an die Römer gefallen ist.

Wir wohnten zunächst im 8. Bezirk in der Piaristengasse 46, um die Ecke des Theaters in der Josefstadt. Mein Bruder behauptet sich erinnern zu können, wie unser Vater im Taxi mit einem kleinen Bündel nach Hause kam, in dem ich mich befand. Einige Monate nach meiner Geburt zogen wir in die Porzellangasse 50 im 9. Bezirk in der Nähe des Franz-Josefs-Bahnhofs. Mein Vater und sein zehn Jahre älterer Bruder Jakob Fried (obwohl sie leibliche Brüder waren, trugen sie wegen eines Irrtums der österreichischen Magistratsbehörden in Kolomiya verschiedene Familiennamen) hatten zusammen eine Papiergroßhandelsfirma, Fried & Rath, gegründet, die sich vorerst in einem kleinen Geschäft in der Innenstadt befand. Nach einigen Jahren übersiedelten sie in größere Geschäftsräume gegenüber dem Kriegsministerium in der Wiesingerstraße. Ich erinnere mich, wie ich als Kind auf dem Warenaufzug gespielt habe, der große Papierballen von den Lieferwagen auf der Straße zu den Lagerräumen im Keller brachte. Als Belohnung für meine »Hilfe« in den Lagerräumen durfte ich im Kaffeehaus gegenüber eine Linzertorte oder ein Baiser mit Schlagobers bestellen.

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Ari 1929

Das Geschäft scheint ziemlich gutgegangen zu sein, da mein Vater und mein Onkel in den späteren zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre von ihren Gewinnen in Berlin investieren konnten. Sie kauften fünf Mietshäuser. Allerdings stritten sie häufig, mein Vater war anscheinend der ungeduldigere und manchmal jähzornige jüngere Bruder. Schon als Kind fühlte ich mich meinem gütigen »Onkel Jakub« sehr verbunden. Der wiederholte Streit führte Anfang der dreißiger Jahre auch zur geschäftlichen Trennung der beiden, obwohl die Firma ihren Namen Fried & Rath bis zum Ende, nach dem »Anschluss« im März 1938, beibehielt. Von seinem Anteil an der Papiergroßhandelsfirma kaufte Jakob Fried Anfang der dreißiger Jahre eine große Pelzgerberei namens Schlammerdinger in der Muthgasse im 19. Bezirk. Dieses Geschäft hielt sich aber nicht lange; 1935, als Hitler in Deutschland bereits an der Macht war, zogen Onkel Jakob und seine Frau Bassia mit ihren Töchtern Dolly und Lore nach Berlin, um dort die Häuser der Familie zu verwalten. Das Haus in der Muthgasse blieb in seinem Besitz und wurde 1939 von den Nazis zwangsversteigert. Bis heute ist es nicht in den Besitz seiner Familie zurückgelangt, obwohl alle Urkunden dieses Zwangsverkaufs vorhanden sind. So wissen wir, dass ein Architekt namens Pichler 17 100 Reichsmark für das Haus gezahlt hat, zuzüglich eines »Entjudungszuschlags« von 1800 Reichsmark an die Gestapo. In Österreich aber kann ein Grundstück an die ursprünglichen jüdischen Inhaber und ihre Erben nur dann zurückerstattet werden, wenn es im Besitz der Stadt oder des Landes Wien oder des Bundes ist. Bis heute profitieren also die Nachkommen der Ariseure von damals.

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Ari mit seinem Vater (links), Onkel Jakob (rechts) und der Gouvernante 1931 auf dem Hermannskogel bei Wien

Meine erste konkrete Kindheitserinnerung ist zugleich eine der traurigsten meines Lebens: Während der Pessachfeiertage im April 1929 starb meine Mutter. Trotz meines guten Gedächtnisses habe ich überhaupt keine Erinnerung an sie und kann mir ihre Gestalt nicht vorstellen. Das einzige Bild, das ich von ihr habe, stammt aus dem schwarz gebundenen Traueralbum, das die jüdische »Chewra Kadischa«, die Beerdigungsgesellschaft, nach ihrem Tod der Familie übergeben hat. Es muss eines der letzten Fotos meiner Mutter sein, denn es zeigt ziemlich deutlich ihr geschwollenes Gesicht und ihren dicken Hals, die charakteristischen Symptome der Basedowschen Krankheit. Die damit verbundene Störung der Schilddrüse und des Stoffwechsels kann zu tiefer Depression führen und war damals noch nicht wirksam zu behandeln. Doch erinnere ich mich gut an den Tag, an dem das Unglück geschah: Wir beiden Kinder, mein siebeneinhalbjähriger Bruder Maxi und ich mit meinen vier Jahren und bald vier Monaten, waren mit unserer Gouvernante im sogenannten Beserlpark am Franz-Josefs-Bahnhof unterwegs, weil die Familie ein feierliches Mittagessen zum achtzehnten Geburtstags unserer Cousine Dolly vorbereitete. Plötzlich kam unsere Köchin ganz aufgeregt zu uns und flüsterte unserer Gouvernante etwas ins Ohr. Beide begannen fürchterlich zu weinen; darauf fuhren wir mit der Gouvernante mit der Straßenbahn zur Wohnung unseres Onkels Jakob in der Kaiserstraße im 7. Bezirk, wo wir einige Wochen blieben. Wir Buben hatten natürlich keine Ahnung, warum wir jetzt bei unserem Onkel Jakob und seiner Familie wohnen sollten. Erst vierzig Jahre später, bei Dollys erstem Besuch in Israel, erzählte sie mir die dramatischen Ereignisse an diesem fürchterlichsten Tag meines Lebens. Dolly war mit der Straßenbahn zu unserem Haus gefahren und hatte schon beim Aussteigen den Rettungswagen und viel Polizei gesehen, die den Eingang zu unserem Haus sperrten. Als sie darauf bestand, als enge Verwandte der Familie Rath Zutritt in das Haus zu erhalten, erfuhr sie, was Schreckliches geschehen war. Kurz vor dem geplanten Geburtstagsessen war unsere Mutter plötzlich in den dritten Stock hinaufgerannt und hatte sich durch ein Fenster in den Hof des Hauses gestürzt. Sie war sofort tot. Für uns Kinder hieß es damals, unsere Mutter Laura sei an Lungenentzündung erkrankt und im Krankenhaus, wo wir sie nicht besuchen dürften. Ein ganzes Jahr lang hat man mich belogen, was man einem aufgeweckten Kind, wie ich eines war, nicht antun sollte.

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Die Brüder Max (links) und Ari, 1929

Am ersten Todestag meiner Mutter durfte ich mit der Familie zur Enthüllung des Grabsteins auf dem jüdischen Friedhof am vierten Tor des Zentralfriedhofs mitkommen. Es ist ein riesiger Friedhof mit vielen tausend jüdischen Gräbern, die die Nazizeit und den Krieg überdauert haben. Ich habe nie verstanden, wieso die Nazis Millionen von jüdischen Menschen grausam ermordeten, jüdische Friedhöfe aber verschonten. Der ursprüngliche Grabstein meiner Mutter war eine runde, weißgraue Marmorsäule, in der Mitte schräg abgesägt, ein Symbol für ein frühzeitig abgeschnittenes Leben. Während der letzten Kämpfe um die Befreiung Wiens wurde dieser Grabstein von einem Kanonenschuss schwer beschädigt. Mein Bruder ließ ihn bei seinem ersten Besuch in Wien nach dem Krieg im Dezember 1947 durch einen einfachen, rechteckigen grauen Grabstein ersetzen. Wann immer ich in Wien bin, besuche ich das Grab meiner Mutter. Ich lege einen kleinen Stein auf ihr Grab und stelle einen Blumentopf hin, den ich am zweiten Tor kaufen muss, denn am Eingang zum jüdischen Friedhof gibt es keine Blumenläden – es kommen zu wenige Besucher hin. Ich trage dann immer mein kleines schwarzes Trauergebetbuch bei mir und spreche das traditionelle hebräisch-aramäische Trauergebet, das Kaddisch. Es beginnt mit den Worten »Jit’gadal wejitkadasch sch’me rabba« (Erhoben und geheiligt sei Sein großer Name). Eigentlich handelt es sich um ein Ruhmgebet: Gott, der Allmächtige wird hier in herrlichen Adjektiven angerufen und als derjenige gerühmt, der »Frieden in seinen Höhen macht und Frieden auf uns und auf ganz Israel bringen wird«. Das Kaddisch bringt keine persönliche Trauer zum Ausdruck. Deshalb bete ich auch immer »El male rachamim«, ein Gebet, das an den Gott voller Barmherzigkeit gerichtet ist und den Namen der oder des Verstorbenen nennt, für dessen ewige Ruhe im Himmelreich Gottes wir bitten.

Der frühe Tod meiner Mutter Laura, der den Verlust der wichtigsten Person in meinem Leben bedeutete, hat mich sehr geprägt und zweifellos mein Verhältnis zu Frauen bestimmt. Unmittelbar nach der Beerdigung zog Omama Frimtsche bei uns ein, meine Großmutter mütterlicherseits. Sie war eine liebevolle, großherzige Frau, aber die Mutterliebe konnte sie nicht ersetzen. Ich war ein Kind, das nie »Mama« sagen konnte. Der Begriff »Mutter« war für mich ein düsteres Grab. Überhaupt fehlte mir neben Omama Frimtsche eine ständige weibliche Bezugsperson, denn auch die Gouvernanten wechselten ständig. Kaum hatte ich mich an eine ein wenig gewöhnt, musste sie schon wieder weggehen. Mein eher verwöhnter und jedem Sport abgeneigter Bruder beschwerte sich bei unserem Vater so eindringlich über die Gouvernanten, die ihn in der Sommerfrische zum Bergsteigen oder Schwimmen gezwungen hätten, dass mein Vater immer nachgab. Ungeduldig, wie er war, wollte er wohl einfach seine Ruhe haben und kündigte die Gouvernante, bis die nächste kam. In sieben Jahren hatten wir mindestens sieben. Schon als Kind musste ich mich daran gewöhnen, mich nicht zu fest an Frauen zu binden, da ich immer fürchtete, sie würden mich bald wieder verlassen.

Wir waren eine typische moderne jüdische Familie der dreißiger Jahre in Mitteleuropa. Mein Vater hatte sich bereits vollständig an die westeuropäischen Werte und Gebräuche angepasst, obwohl er ursprünglich aus einer angesehenen Rabbiner-Familie stammte. Zu seinen Vorfahren zählte ein weiser Thora-Gelehrter namens Meshulam Rath, der Namensgeber für unseren Rabbiner-Onkel und auch für meinen Bruder Meshulam (Maximilian). Rabbiner Meshulam Rath, eigentlich ein Cousin unseres Vaters, lebte vor dem Zweiten Weltkrieg in zwei kleinen Städten in Galizien und der Bukowina, Tschortkow und Chorsokow. Den Krieg überlebte er als Rabbiner in Czernowitz. Im Sommer 1946 kam er mit seiner Familie mit der Bahn aus Rumänien über die Türkei, Syrien und den Libanon nach Palästina. Seine Tochter Surka kannte ich aus meiner Kindheit, da sie uns einige Male in Wien besucht hatte und mir immer kleine Geschenke brachte. Gemeinsam mit vielen seiner chassidischen Anhänger, die lange schwarze Kaftane und breite Hüte trugen, erwartete ich in Rosch Hanikra, der Grenzstation zwischen dem Libanon und Palästina, mit großer Neugier die Familie meines Onkels. Ich war der Einzige ohne Kopfbedeckung in der Menge, die den angesehenen Rabbiner bei seiner Ankunft im Land Israel begrüßen wollten. Obwohl sein langer weißer Bart sein schmales Gesicht prägte, konnte ich die Gesichtszüge der Rath-Fried-Familie deutlich erkennen. Ich begleitete meinen neu gefundenen Onkel und seine Familie im Zug die kurze Strecke nach Haifa, wo ihre Station in Palästina war.

Rabbiner Meshulam Rath war streng religiös-orthodox, in seiner Weltanschauung jedoch fortschrittlich. So versuchte er auch strenge religiöse Bräuche der modernen Lebenswirklichkeit anzupassen. Seine pro-zionistische Einstellung machte ihn sehr unbeliebt in den Kreisen der ultraorthodoxen Partei Agudat Jisra’el, die damals in Polen sehr stark war, und behinderte seine rabbinische Karriere. Doch im jüdischen Palästina und nachher in Israel beantwortete er öfters schwierige talmudische Fragen für den langjährigen Oberrabbiner Yitzhak Halevy Herzog, den Vater von Israels Staatpräsidenten Chaim Herzog. Die jüdischen Rechtssprüche von Rabbiner Meshulam Rath sind in einem großen Sammelband unter dem Titel »Kol Hamewasser« (Die Stimme des Verkünders) erschienen. Einer der Brüder des Rabbiners, Moses Rath, der während des Ersten Weltkriegs ebenfalls aus Kolomiya nach Wien kam, hat das erste große hebräisch-deutsche Lehrbuch »Sfat Amenu« (Die Sprache unseres Volkes) verfasst und herausgegeben.

Für unser Wiener Alltagsleben aber spielte der Einfluss der Omama Frimtsche eine deutlich größere Rolle. Sie vermittelte uns die religiösen Traditionen. Freitagabend zündete sie die Schabbatkerzen an. Unser Vater sprach mehrmals den Segensspruch über den Wein und das traditionelle geflochtene Weißbrot, die »Challes«. Es gab natürlich auch »Gefilte Fisch« als Vorspeise und Hühnersuppe mit Nudeln. An den jüdischen Pessach-Feiertagen wechselte unsere treue Köchin und Haushälterin Mizzi mit der Großmutter das gesamte Geschirr aus. In den großen Kredenzen im Speisezimmer bewahrten wir das Jahr über Porzellan und Besteck für Pessach auf. Die Alltagstöpfe und Pfannen wurden mit siedendem Wasser koscher gemacht. Unser Vater hielt die Pessach-Feiertage jedes Jahr streng ein: Wie in der Diaspora üblich, feierten wir zwei Seder-Abende. Es wurde meist die ganze Hagadah gelesen – die Geschichte des Auszugs der Kinder Israel aus Ägypten – und ich, als der jüngste Bub, musste schon mit sechs Jahren die vier »Ma-Nischtana«-Fragen stellen: »Warum ist diese Nacht anders als alle Nächte?« Der zweite Teil des Seder-Abends, nach der üppigen Mahlzeit mit zwei Gläsern Wein oder Traubensaft für die Kinder, war dann lockerer und meist den traditionellen Liedern aus der Hagadah gewidmet.

Freitagabend und an den Feiertagen besuchten wir in der Regel den Müllnertempel in der Grünentorgasse, Ecke Müllnergasse, der in der Pogromnacht 1938 vollständig zerstört wurde. Dort wirkte Rabbiner Arthur Zacharias Schwarz, der Schwiegervater von Teddy Kollek, dem späteren Bürgermeister Jerusalems. Der Müllnertempel galt als konservativ und modern zugleich. Freitagabend wurde der erste Teil des Schabbatgebets, in dem die »Schabbatbraut« empfangen wird, mit Orgel und Chor begleitet. Die Gebetssprache war prononciert aschkenasisch, im Gegensatz zur sephardischen Aussprache, die wir im modernen, gesprochenen Hebräisch benutzen. Unsere streng fromme Omama Frimtsche betete mit meinem Bruder öfters in der kleinen »Schil« (jiddisch für Schule, ein kleines Gebetshaus) in der Stroheckgasse. Aus lauter Frömmigkeit band sie sich den Hausschlüssel am Schabbat mit einem Taschentuch an den Arm, damit nur ja alle Taschen leer blieben. Womöglich hätte sie sonst vielleicht einen Groschen in einer Tasche behalten und wäre in Versuchung geraten, etwas einzukaufen. Man sollte am Schabbat auch nichts tragen.

Omama Frimtsche legte Wert auf eine streng koschere Küche. Außerhalb des Hauses allerdings aßen wir öfters in gewöhnlichen Kaffeehäusern und Restaurants und durften auch am Schabbat mit der Straßenbahn fahren. Allerdings hatte mein Bruder Maxi unter dem Einfluss von Omama Frimtsche einige Jahre lang eine strengere fromme Phase und bestand darauf, nur koscheres Fleisch zu essen. Bei der Wahl eines Ortes für unsere alljährliche zweimonatige Sommerfrische war es ausschlaggebend, ob und von wo man koscheres Fleisch beziehen konnte. Ich hingegen machte mir keine Sorgen darüber und mokierte mich öfter über meinen Bruder, den ich »kuscheren Moische« nannte.

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Mit Omama Frimtsche (Mitte) und der Gouvernante auf dem Semmering, 1930

Von 1930 bis 1934 besuchte ich die Schubertschule in der Grünentorgasse, eine Volksschule, an der schon Franz Schubert unterrichtet hatte. Da ich vor dem 15. Januar geboren war, mussten wir beim Bezirksschulrat um Genehmigung ansuchen, dass ich schon vier Monate vor meinem sechsten Geburtstag in die Schule gehen konnte. Unsere Klassenlehrerin in den vier Volksschulklassen war Marie Blesson. Sie arbeitete nach Pestalozzi-Methoden und hatte mit ihrer gütigen und kenntnisreichen Persönlichkeit eine sehr positive Wirkung auf alle Schulkinder in den prägenden ersten Schuljahren. Für mich wurde sie zu einer Art Mutterersatz. Ich war sehr überrascht, als 2006 eine Rundfunkjournalistin, deren Kind ebenfalls in der Schubertschule in der Grünentorgasse gelernt hatte, mir sehr persönliche Zeugnisse von mir und von meinem Bruder überreichte; sie hatte im Archiv des Bezirksamts Alsergrund die alten Fragebogen gefunden, mittels denen mein Vater und die Klassenlehrerin Marie Blesson in allen vier Volksschuljahren gegenüber dem Schulamt über unseren Entwicklungsstand berichteten. Zunächst war ich etwas schockiert, welch tiefen Einblick sie in die Gefühle und Gedankenwelt meiner Kinderjahre geben, heute schätze ich dieses Dokument allerdings aus zweierlei Gründen: Zum einen belegt es, wie fortschrittlich die damalige Wiener Grundschulpädagogik ausgerichtet war, zum anderen zeigt es mir, dass etliche Eigenschaften, die ich als sehr charakteristisch für mich empfinde, schon in frühester Kindheit angelegt waren. So attestiert mir der Fragebogen etwa ein »vorzügliches Gedächtnis«. Weiter heißt es: »(Das Kind) behält das Gelernte dauernd, beobachtet sehr genau, bemerkt jedes Detail, arbeitet ausdauernd, bringt häufig eigene Gedanken, verbessert seine Klassenkameraden […] ist schlagfertig.« Außerdem sah Marie Blesson in mir ein heiteres Kind – allerdings »liebesbedürftig« und »sehr zugänglich für Lob«. Und über die häusliche Lage nach dem Tod meiner Mutter schreibt sie: »Das Kind wird von der Großmutter, die seit dem Tode der Mutter mit einem ›Fräulein‹ die Erziehung leitet, sehr verwöhnt.« Es mag an dieser großmütterlichen Verwöhnung gelegen haben, dass ich ein besonders dicker Bub war. Zwei- bis dreimal wöchentlich bereitete die Gouvernante in der häuslichen Badewanne einen höllischen Schwefelsud, in dem ich zum Abnehmen eine gute halbe Stunde schmoren musste – er hat seine Wirkung nicht verfehlt.

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Schubertschule in der Grünentorgasse, Wien IX, Ari ganz links

Bis Anfang der dreißiger Jahre musste unsere Familie die polnische Staatsbürgerschaft behalten, da unsere Eltern beide im polnisch-galizischen Teil der Monarchie geboren waren. Auch in den zitierten Schulfragebogen findet sich in der Rubrik »Staatsbürgerschaft und Heimatberechtigung« für meine Person der Eintrag: »Kolomea, Polen«. Obwohl mein Vater im Ersten Weltkrieg in der k.u.k. Armee auch in Wien gedient und sich in Wien niedergelassen hatte, wurde das von der Ersten Republik nicht als Berechtigung für die österreichische Staatsbürgerschaft anerkannt. Das bedeutete auch, dass er für uns ein sehr hohes Schulgeld zahlen musste, bis wir im Jahr 1931 österreichische Staatsbürger werden konnten.

An das Jahr 1931 erinnere ich mich aber aus einem anderen Grund: Im Sommer jenes Jahres fuhren wir für zwei Monate in die Sommerfrische nach Spital am Semmering, wo unser Vater ein Haus in der Nähe der Eisenbahn gemietet hatte. Ich liebte es, die Waggons der Güterzüge zu zählen, die in beiden Richtungen von der Steiermark nach Wien und zurück langsam über den Berg fuhren, und führte Strichlisten darüber, welche Züge die längsten waren. Die Gouvernante des Sommers 1931 war Laura Griffel, die ich schon deshalb besonders mochte, weil sie denselben Vornamen trug wie meine verstorbene Mutter. An den Wochenenden besuchte uns auch ihr Freund Bruno Völkel, ein begeisterter Wanderer. Gemeinsam gingen wir sonntags zur Jause in eines der Gasthäuser in der Nähe. Bis heute steht mir Bruno mit seiner damals seltenen Brille ohne Rahmen, seinen hohen Wanderschuhen, kurzen Lederhosen und langen weißen oder grünen Stutzen vor Augen.

An einem dieser Sonntage, an dem unser Vater nicht zu Besuch war, sagte Bruno zu meinem Bruder und zu mir: »Heute werden wir zur Jause nach Steinhaus wandern.« Das kleine Dorf lag etwa fünf Kilometer entfernt. Dieser Ausflug von Spital am Semmering nach Steinhaus hat mich tief geprägt. Zum ersten Mal ging ich von einem Ort zum anderen – und auf einmal erschloss sich mir die unglaubliche Freiheit des Menschen, zu bleiben oder zu gehen. Jederzeit, an jeden Ort. Bis dahin wusste ich, dass man von einem Ort zu einem anderen fährt und dabei abhängig ist von anderen Menschen oder von Transportmitteln, von der Bahn, der Kutsche, dem Auto oder dem Autobus. Noch Wochen später berichtete ich meinen Freunden und Verwandten begeistert: »Wir sind von einem Ort zum anderen gegangen.« Mein Leben lang habe ich diese Freiheit ausgiebig ausgekostet, über Tausende von Kilometern bin ich in meinem Erwachsenenleben allein im Auto gereist, frei und selbstbestimmt.

Schon als Kind interessierte ich mich auch für Politik. Seit meinem achten Lebensjahr las ich die Zeitungen, die der Vater mittags nach Hause brachte, die Neue Freie Presse, Der Tag, Die Stunde und andere. Bis heute steht mir die Zeitungsschlagzeile vom Januar 1933 vor Augen: »Adolf Hitler – deutscher Reichskanzler«. Auch wenn ich jeden Abend spätestens um zehn Uhr im Bett sein musste, hörte ich fast immer um halb elf die deutschen Nachrichten des französischen Senders Radio Straßburg, um zu erfahren, was man im »Westen« sagte und was wirklich in der Welt und in Österreich vorging.

Der Bürgerkrieg, der am 12. Februar 1934 ausbrach, ist eine dramatische Erinnerung für mich. Gleich in der Früh schickte unsere Lehrerin Marie Blesson die Schüler wieder nach Hause, weil es wegen des Generalstreiks keine Elektrizität und Heizung gab. Zur selben Zeit marschierten schon die Heimwehr und das Militär mit von Pferden gezogenen Kanonen auf der Porzellangasse Richtung Franz-Josefs-Bahnhof und Heiligenstadt auf. Die Bilder der schwerbeschädigten Gemeindebauten, etwa des Karl-Marx-Hofes, sind mir bis heute im Gedächtnis. Wie viele jüdische Familien, die nicht bei den Christlichsozialen tätig sein konnten, sympathisierte unsere Familie mit den Sozialdemokraten. Anders als von der antisemitischen Propaganda verbreitet, gab es im damaligen Wien nicht nur wohlhabende jüdische Patrizierfamilien, im Gegenteil: Jüdische Kleinhändler, Beamte, Handwerker und jüdisches Proletariat bildeten den weit größeren Anteil der jüdischen Bevölkerung.

Nach dem Abschluss der Grundschule im September 1934 folgte ich Maxi und wechselte auf das Wasagymnasium, ein humanistisches Bundesgymnasium in der Wasagasse im 9. Bezirk. Bis zum Sommer 1938 absolvierte ich die vier Klassen der Unterstufe, mit vier Jahren Latein und zwei Jahren Griechisch. Wieder war ich mit nur neun Jahren und acht Monaten der jüngste Schüler in meiner Klasse, was mich wenig tangierte. Umso mehr störte mich aber, dass ich am Wasagymnasium erstmals mit der antisemitischen Schulpolitik Österreichs in Berührung kam. Ich wurde nämlich der Klasse 1b zugeteilt, die als »Judenklasse« geführt wurde, während die 1a die »Christenklasse« war. Als formellen Grund für diese Klassentrennung, die es bis zu unserem Jahrgang nicht gegeben hatte, wurde der Religionsunterricht angegeben. Eine weitere – allerdings inoffizielle – Begründung lautete, dass die »Christenklasse« sich ohne die öfters »vorlauten« jüdischen Schüler besser entwickeln könne. Diese Klasseneinteilung war die Folge eines Erlasses vom 4. Juli 1934 des damaligen Unterrichtsministers Kurt von Schuschnigg. (Drei Wochen später übernahm Schuschnigg nach dem Putschversuch der Nazis und der Ermordung von Engelbert Dollfuß am 25. Juli das Amt des Bundeskanzlers.) Im Detail forderte der Erlass, dass in allen Gymnasien und Lehrerseminaren, in denen es genug Schüler und Schülerinnen für Parallelklassen gab, eine A-Klasse für Katholiken und eine B-Klasse für alle anderen eingerichtet werden sollte. De facto blieben für die B-Klasse alle jüdischen Schüler übrig, denn die wenigen evangelischen Schüler gingen in die »Christenklasse«. Bis heute gehört diese Episode, die viel über den österreichischen Alltags-Antisemitismus vor dem »Anschluss« im März 1938 und dem Machtantritt der Nationalsozialisten aussagt, zu den vielen verdrängten Themen der österreichischen Gesellschaft. Auch gutgesinnte und liberal denkende Österreicher sind vollkommen überrascht, wenn sie hören, dass es schon vier Jahre vor dem »Anschluss« separate »Judenklassen« gab. Renate Mercsanits, eine Lehrerin des Wasagymnasiums, hat diesen Teil der österreichischen Schulgeschichte erforscht, und dank ihr sind die betreffenden Akten und Erlässe heute im Archiv der Schule jedem zugänglich, der sich für das Thema interessiert.

Seit März 2006 erinnert im Wasagymnasium eine Tafel im imposanten Haupteingang an die Namen aller jüdischen Schüler, Schülerinnen und Lehrer, die 1938 vertrieben wurden. Auch der Name unseres beliebten Deutsch-Professors Otto Spranger ist darauf zu finden; er war selbst nicht jüdisch, weigerte sich aber, seine jüdische Frau zu verlassen, und musste deswegen seine Stelle aufgeben. Spranger flüchtete auf Skiern über die Alpen in die Schweiz und von dort nach New York, wohin ihm seine Frau folgte. Nach einer gründlichen Umschulung arbeitete er dort noch etliche Jahre als Psychotherapeut. 1947 trafen Meshulam und ich ihn in New York wieder. Alle konnten wir kaum glauben, dass nur neun Jahre vergangen waren, seit sich unsere Wege unter solch traurigen und dramatischen Umständen getrennt hatten. Das herrliche Gefühl, dass wir überlebt hatten, war unser Leitmotiv. Zur feierlichen Enthüllung der Tafel trafen sich im März 2006 etwa zwanzig überlebende und noch reisefähige ehemalige »Wasagassler«. Mir war die schwierige Aufgabe zugedacht, die Festrede im Namen aller ehemaligen jüdischen Schüler zu halten. Dabei verglich ich uns mit kleinen Setzlingen, die aus ihren Beeten in fremde Erde umgepflanzt wurden.

Den Nazi-Putschversuch im Juli 1934 erlebten wir aus der Ferne, denn wir waren wie immer mit unserer Gouvernante in der Sommerfrische, dieses Mal am Semmering, in der Villa Mary, einer Dependance des Südbahnhotels. Die Ermordung von Dollfuß und die sympathisch wirkende Persönlichkeit des neuen Bundeskanzlers Kurt von Schuschnigg machten nun auch viele jüdische Familien in Wien in gewissem Sinn »vaterlandstreu«.

Am 1. Mai 1935 mussten sämtliche Haupt- und Mittelschüler Wiens, auch die der »Judenklassen«, im großen Stadion im Prater zu einer riesigen Solidaritätskundgebung antreten. Etliche Wochen vorher übten wir in jeder Klasse das neue Dollfußlied ein, das dann aus vielen tausend Kehlen im Stadion erklang. »Ihr Jungen schließt die Reihen gut, ein Toter führt uns an. Er gab für Österreich sein Blut, ein wahrer deutscher Mann. Die Mörderkugel, die ihn traf, die riss das Volk aus Zank und Schlaf. Wir Jungen stehn bereit, mit Dollfuß in die neue Zeit.« Zur gleichen Zeit gab es Aufmärsche der verschiedenen »Stände« des neuen österreichischen Ständestaats, sie ersetzten die traditionellen Umzüge der Sozialisten am 1. Mai, die seit 1933 verboten waren.

An einem düsteren Herbstabend im November 1935 versammelte sich unsere gesamte Familie im klassischen Gebäude des alten Südbahnhofs, um von unserem Onkel Chaskel, Tante Adele, Omama Frimtsche und den Cousinen Mira und Lalla Abschied zu nehmen. Sie hatten beschlossen, nach Palästina auszuwandern, auch Adeles Brüder reisten mit. Schon damals fuhr jeden Abend um neun Uhr der Remus- oder Romulus-Zug von Wien nach Bologna und Rom, mit Kurswagen Richtung Venedig und Triest. Es war ein trauriger Abschied, denn ich wusste nicht, wann und ob wir uns wiedersehen würden. Palästina war damals sehr weit weg und fremd für mich. Außerdem herrschte eine äußerst angespannte Stimmung zwischen meinem Vater und Onkel Chaskel, die in schlimmem Streit voneinander schieden und sich auch nicht mehr versöhnen sollten. Chaskel nämlich hatte seine Mutter zunächst nicht nach Palästina mitnehmen wollen. Mein Vater stand kurz vor seiner Verlobung mit Rita Liebermann; obwohl Omama Frimtsche Rita schon kannte und sich gut mit ihr verstand, wollte unser Vater die neue Familie aber lieber ohne die Mutter seiner verstorbenen Frau gründen.

Zehn Monate nach seiner Ankunft in Tel Aviv nahm sich Onkel Chaskel in der Nacht nach Jom Kippur das Leben. (Wäre ich nicht so lebensfroh, müsste ich mir Sorgen machen, denn in meiner Familie mütterlicherseits gab es in drei Generationen etliche Selbstmorde. Meine Cousine Mira wurde Anfang der 1980er Jahre tot in ihrer Wohnung in Ramat Gan aufgefunden, und einige Jahre später nahm sich auch ihre Tochter Dina das Leben.) Nach Chaskels tragischem Ende veranlasste unser Vater die sofortige Rückkehr von Omama Frimtsche nach Wien. Er wollte sie nicht allein ihrer Schwiegertochter Adele und der ganzen Familie Friedberg aussetzen. Omama Frimtsche zog im Herbst 1936 allerdings nicht wieder bei uns zu Hause ein, sondern bezog ein Zimmer in der Wohnung meiner Großmutter väterlicherseits. Omama Malcia wohnte in einem Biedermeierhaus in der Kochgasse im 8. Bezirk. Dort verwöhnten uns beide mit guten Torten und anderen Süßigkeiten.

In der Porzellangasse hatten inzwischen wichtige familiäre Veränderungen stattgefunden. Nach dem Tod meiner Mutter war mein Vater eine enge Beziehung mit seiner Prokuristin Maria Hauer eingegangen. Ich mochte sie, da sie mich öfters am Sonntag zu Fußballspielen ins Wiener Stadion mitnahm und mich verwöhnte. Mein Vater wollte Maria heiraten, und sie wäre auch gerne bereit gewesen, für meinen Vater zum Judentum überzutreten; meine Cousine Surka überzeugte ihren Vater, den Rabbiner-Onkel Meshulam Rath, Maria zu konvertieren und die Trauung vorzunehmen. Doch Maxi stellte sich quer: Er tobte so sehr, dass es für Maria unmöglich gewesen wäre, in unsere Familie einzuheiraten. Die vollkommene Ablehnung meines Bruders ihr gegenüber erreichte ihren Höhepunkt, als er sich weigerte, sie im November 1934 zu seiner Bar Mitzwa einzuladen. Zwar gab Maxi nach dramatischen Szenen mit dem Papa schließlich doch nach, aber Maria zog es vor, nicht zu kommen. Im Sommer 1935 resignierte mein Vater und sah ein, dass er auf Maria verzichten musste, wollte er das Verhältnis zu seinem ältesten Sohn nicht vollständig ruinieren. Sein Leben aber wollte er dennoch mit einer Frau teilen. Nach seinem wöchentlichen Besuch in unserer Sommerfrische, die in diesem Jahr in einer Dependance des Schlosshotels in Velden am Wörthersee war, fuhr er für eine Woche zum Millstätter See, wo sich seine Freunde und Freundinnen aus dem Café Viktoria am Schottentor trafen. Neben Maria gehörte auch Rita Liebermann zu dieser Gruppe. Einige Wochen nach den Sommerferien besuchte uns Rita zum ersten Mal in der Porzellangasse. Mein Vater und sie blieben längere Zeit allein im Wohnzimmer, und ich beobachtete sie durch das Schlüsselloch von unserem Kinderzimmer aus. Erschrocken sah ich, dass sie sich umarmten und küssten. Jetzt wusste ich zu meinem großen Bedauern, dass es mit Maria aus war. Im November, nach der Abreise von Omama Frimtsche nach Palästina, gab es ein feierliches Essen im Speisezimmer, das wir, außer zu den täglichen Klavierübungen auf unserem Bechstein-Flügel, meist nur an Feiertagen benutzten. Onkel Jakob, Tante Bassia, Dolly und Lore und einige vertraute Freunde und Freundinnen der Familie saßen um den großen, runden, festlich gedeckten Tisch, erhoben die Gläser und tranken Bruderschaft mit Rita. Das war quasi die Verlobung. Alle schwelgten im neu eingeführten »Du«, nur ich wollte mich nicht anschließen, denn mein Herz schlug noch für Maria. Als ich die Aufgabe hatte, den Gästen auf einem Silbertablett Kekse und Petits Fours anzubieten, fragte ich jedes Mal ganz natürlich: »Was möchtest du?« Doch als Rita an der Reihe war, wollte ich sie nicht duzen, aber auch nicht mit einem »Sie« beleidigen, und so entschloss ich mich, sie in der dritten Person anzusprechen: »Was möchte man hier?« Damit war das Eis gebrochen; alle lachten, Rita umarmte mich, und fortan waren wir alle per Du.

Am 6. März 1936 heiratete unser Vater Rita, eigentlich Henriette, Liebermann. Sie war 31 Jahre alt und stammte wie unsere Mutter aus Galizien, genauer gesagt aus Sambor, einer fünfzig Kilometer nordwestlich von Stryj gelegenen Kleinstadt. Rita wurde meine zweite Mutter, gütig und verständnisvoll. Gab es Ärger mit Papa, nahm sie uns in Schutz. Die Trauung feierten die beiden nur mit den erforderlichen Trauzeugen. Mein Bruder und ich durften dem neuen Ehepaar erst beim Air-France-Büro am Ring gratulieren, von wo es zum Flughafen ging. Noch am gleichen Tag flogen sie, was damals als sehr vornehm galt, nach Genua, um dort eine Mittelmeer-Rundreise anzutreten. Auf einen Besuch in Ägypten verzichteten Vater und Rita, sie blieben lieber einige Tage in Palästina, in Haifa, wo Ritas zwei Jahre ältere Schwester Tamara, eine begeisterte Pionierin, seit mehr als einem Jahr lebte. Sie besuchten auch Omama Frimtsche und reisten mit Tamara ein wenig durch das Land. Palästina erschien ihnen interessanter und moderner, als sie es erwartet hatten, aber auf keinen Fall wollten sie jemals dort leben. An dieser Einstellung hielten sie auch fest, als unser gutes Leben nach dem »Anschluss« im März 1938 zusammenbrach. Mein Vater, der gelegentlich durchaus für zionistische Zwecke spendete, wollte im März 1936 nicht einmal aus symbolischen Gründen ein ihm angebotenes Grundstück in Tel Aviv kaufen, obwohl es im Zentrum der Stadt lag und der Preis sehr günstig war. Schon wenige Jahre später wäre das eine ausgezeichnete Investition für die Zukunft gewesen.

Eine Widmung von Omama Frimtsche in einem Hagadah-Gebetbuch für die Pessach-Feiertage, das die Eltern aus Palästina mitbrachten und in der sie den innigen Wunsch aussprach, dass wir beiden Enkelkinder Ari und Maxi eines Tages in »Eretz Israel« leben würden, hatte für mich wenig Bedeutung. Überhaupt stand ich dem Zionismus noch sehr fern. Zwar erhielten wir zu Hause neben dem Klavierunterricht auch Hebräisch-Stunden, doch war das hauptsächlich als Vorbereitung für meine Bar Mitzwa. An Auswanderung dachte in unserer Familie damals niemand. Trotz aller besorgniserregenden Ereignisse richteten sich unsere Zukunftsgedanken und Pläne weiterhin auf Wien. Wir fühlten uns als gebürtige Wiener, auch wenn wir ab und zu von länger Ansässigen und eher assimilierten Wiener Juden abfällig als »polnische Juden« verspottet wurden. Ich war begeisterter Anhänger der Austria und nicht des jüdischen Fußballteams Hakoah, den berühmten Mittelstürmer Matthias Sindelar verehrte ich als einen meiner Helden. Wichtig erschien mir in jenen Tagen eher die Frage, wie ich weiter geheim Bridge mit drei meiner Schulkameraden spielen könnte, zu denen Eduard (Edi) Stern, der Sohn des damaligen Bridge-Europameisters, zählte, wie man sich in nicht jugendfreie Filme schwindeln konnte und wohin es in der nächsten Sommerfrische gehen würde.

Kurz nach der Rückkehr von seiner Hochzeitsreise kaufte mein Vater ein Auto, einen gebrauchten amerikanischen Wagen der Marke Nash. Es war zwar nur eine alte, schwarz lackierte, eigentlich hässliche Klapperkiste, doch ich war sehr stolz auf sie. Mit unserem Fahrer Alfred freundete ich mich sofort an. Der schlanke, immer gutgelaunte Alfred mit seinem schmalen Gesicht, dem kleinen Schnurrbart, Brille und Schiebermütze wurde für fast zwei Jahre zu einer wichtigen Figur in unserem Leben. Am Wochenende und während der Sommerfrische unternahmen wir lange Ausflüge mit unserem Auto und lernten viele schöne Landschaften entlang der Donau und in der Nähe des Semmerings kennen. Wir Buben saßen meist auf kleinen Hockern, die vor dem bequemen hinteren Sitz hineingestellt wurden. Zu Alfreds wichtigen Aufgaben gehörte es, meinen Bruder und mich, chronische Spätaufsteher, morgens rechtzeitig zum Wasagymnasium zu bringen, das kaum einen Kilometer von unserem Haus entfernt war. Natürlich schämten wir uns, mit Auto und Chauffeur zur Schule gebracht zu werden, und hielten Franzl dazu an, uns in der Türkenstraße aussteigen zu lassen. Kurz vor acht schlichen wir in unsere Klassen, oft kamen wir aber dennoch zu spät, was unser Mathematik-Professor Josef Sabbath, der später in Theresienstadt umgekommen ist, sarkastisch kommentierte: »Kommt Zeit, kommt Rath.«

Zur selben Zeit sprachen mein Vater und Rita auch von einem möglichen Umzug aus der Porzellangasse in eine schöne Villa im Cottage-Viertel in Döbling. Maxi absolvierte im Herbst 1937 die Tanzschule Elmayer, und ich hoffte sehr, in wenigen Jahren selbst dieses vornehme Wiener Institut in der Nähe der Hofburg besuchen zu können.

Im Dezember 1937 feierte ich meine Bar Mitzwa. Mein größtes Geschenk bestand darin, während den Weihnachtsferien für eine Woche nach Berlin fahren und dort meine Cousinen Dolly und Lore und unseren Onkel Jakob und Tante Bassia besuchen zu dürfen. Mit dem Nachtzug über Prag und Dresden reiste ich ganz allein, ich hatte nur einen fast leeren kleinen Koffer dabei und trug meinen ältesten und kleinsten Anzug, denn ich sollte ja in Berlin alles einkaufen, was ich brauchte. Die fünf Häuser, die mein Vater und unser Onkel in Berlin besaßen, warfen zwar gute Mieteinnahmen ab, aber wegen der Devisenkontrollen durch die Nazis konnte das Geld nicht nach Österreich überwiesen werden. Also fuhren meine Eltern drei-, viermal im Jahr zu Einkaufsreisen nach Deutschland. Nun also war ich an der Reihe. Dolly und Lore, damals 27 und 23 Jahre alt, beide fesche Damen mit vielen Verehrern, begleiteten mich schon am ersten Tag ins große Warenhaus Tietz. Als Erstes kaufte ich mir einen kleinen Tengo-Fotoapparat, mit dem ich in unbeobachteten Momenten die Aushängekästen mit dem Stürmer, die Schilder »Juden ist der Eintritt verboten« und die »Judenbänke«, die überall in Berlin zu sehen waren, aufnahm. Ich wollte damit meinem damals schon als Nazi bekannten Turnlehrer Franz Stefan beweisen, dass diese Kennzeichen des aktiven Antisemitismus in Hitler-Deutschland keine Greuelpropaganda des Westens waren, wie oft behauptet wurde. Den Film ließ ich erst in Wien entwickeln und brachte ihn mit Stolz in die Klasse. Professor Stefan schaute die Bilder aus Berlin an und musste zugeben, dass sie der Wirklichkeit entsprachen.

Am 31. Dezember 1937 feierte ich in der großen Wohnung meiner Verwandten in der Charlottenburger Meinekestraße mein erstes Silvester. Es gab ein rauschendes Tanzfest mit vielen jungen Freunden und Freundinnen von Dolly und Lore; beim riesigen Feuerwerk zu Mitternacht umarmten und küssten mich einige der jungen Damen im halbdunklen Tanzzimmer … Im Rückblick erscheint es mir unglaublich, wie unbeschwert man auch in jüdischen Milieus in Berlin damals noch Feste feiern konnte, obwohl Hitler bereits seit fünf Jahren an der Macht war und die Katastrophe vor der Tür stand.

Abschied von Österreich

Im Februar 1938 fuhr auch die ganze »Judenklasse« 4b unter der Leitung unseres Turnlehrers Franz Stefan zu einer Skiwoche in die Tauern. Ich war damals ziemlich gut auf den Skiern und gewann die Bronzemedaille bei den Skiläufern der Unterstufe, worauf Professor Stefan sehr stolz war.

Auf vielen Bauernhäusern wehten damals schon Hakenkreuzfahnen. Die künftigen Ereignisse warfen ihre Schatten voraus.

Am 12. Februar lud Adolf Hitler Bundeskanzler Schuschnigg nach Berchtesgaden vor. In Gegenwart des Führungsstabes der Wehrmacht zwang er den österreichischen Bundeskanzler, Österreichs Naziführer Arthur Seyß-Inquart als Innen- und Sicherheitsminister in seine Regierung zu berufen. Wegen seiner Greueltaten als Statthalter in den Niederlanden wurde Seyß-Inquart später bei den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt. Am 9. März verkündete Bundeskanzler Schuschnigg überraschend eine Volksbefragung für Sonntag, den 13. März, an, die Österreichs Unabhängigkeit gegen den drohenden »Anschluss« an Nazi-Deutschland bekräftigen sollte. Zugleich hob er das seit vier Jahren bestehende Verbot der Sozialdemokratischen Partei auf. Das Bewusstsein, dass die Arbeiterbewegung Schuschnigg in seinem Kampf gegen den »Anschluss« und für Österreichs Unabhängigkeit unterstützen werde, weckte neue Hoffnungen.

Am Freitag, dem 11. März, erreichte der Machtkampf seinen Höhepunkt. Schon auf dem Schulweg zum Wasagymnasium standen einander fast an jeder Ecke gestiefelte Nazi-Funktionäre mit dem schon erlaubten Hakenkreuzabzeichen und neu legalisierte Anhänger der Sozialisten mit dem wieder gestatteten Abzeichen mit den drei Pfeilen gegenüber. Beim Studentenheim Porzellangasse, Ecke Grünentorgasse, kam es bereits zu Schlägereien. Beide Seiten betrieben heftige Propaganda für und gegen den »Anschluss«. Auf einmal wurden Heimwehrler der »Vaterländischen Front« und frühere sozialdemokratische Schutzbündler zu Verbündeten, denn in den Nationalsozialisten erkannten diese beiden Erzgegner von gestern den gemeinsamen Feind. Nur wenige wussten, dass in diesen Stunden Schuschnigg unter dem Druck Hitlers die Volksbefragung für unbestimmte Zeit verschieben musste.

In der Zehn-Uhr-Pause schlug ich meinen beiden besten Freunden, Herbert Steiner und Pauli Singer, vor, den Rest des Unterrichts zu schwänzen, um zur »Vaterländischen Front« in der Innenstadt zu gehen und Flugblätter gegen den »Anschluss« zu verteilen. Ich hatte nicht bemerkt, dass unser Klassenvorstand, Lateinprofessor Hans Pollak, einer der wenigen jüdischen Lehrer im Wasagymnasium, hinter mir stand und alles gehört hatte. Ohne zu zögern und zu meinem Entsetzen sprach er eine harte Strafe aus: Ich sollte die kommenden zwei Stunden in den kleinen Raum in der Bibliothek eingesperrt werden. Tatsächlich findet sich im Semesterzeugnis und im Jahreszeugnis meines letzten Schuljahrs in Wien Pollaks Vermerk, auf den ich mit gewissem Stolz blicke: »Arnold Rath – zwei Stunden Karzer wegen Disziplinwidrigkeit.« Herbert, Pauli und ich mussten unser Vorhaben also für zwei Stunden verschieben. Dann gingen wir in die Innenstadt, holten uns bei der »Vaterländischen Front« Flugblätter ab und verteilten sie auf der Straße. Kurz nach sechs Uhr abends eilten wir nach Hause. Ein ehemaliger Gewerkschaftsführer, der nach dem Februar 1934 nach Prag geflüchtet war, sollte um halb sieben in Radio Wien eine Ansprache für ein unabhängiges Österreich halten. Ich saß mit meinem Bruder, meinem Stiefonkel Josi Liebermann und unserer Haushälterin im Kinderzimmer und wartete ungeduldig vor dem Radioapparat, doch statt der erwarteten Rede sendete man Marschmusik. Gegen halb acht ertönte die Stimme von Bundeskanzler Schuschnigg. Mit leicht zittriger Stimme verlas er seine erzwungene Abdankungserklärung: »So verabschiede ich mich in dieser Stunde von dem österreichischen Volke mit einem deutschen Wort und einem Herzenswunsch: Gott schütze Österreich.« Mir traten die Tränen in die Augen. Gleich darauf ergriff der neu eingesetzte Bundeskanzler Arthur Seyß-Inquart das Wort. Er forderte seine Landsleute auf, die deutschen Truppen, die in der Nacht einmarschierten, freundlich zu empfangen. Wenig später spielte Radio Wien zum ersten Mal das Horst-Wessel-Lied, die heimliche Hymne der NSDAP.

Bald darauf gelang es meinem Vater, aus Berlin anzurufen. Rita und er befanden sich wieder einmal auf einer Einkaufsreise in Berlin, wo sie von den dramatischen Ereignissen erfuhren. Ihr Plan, am Samstag zurückzukehren, um an dem Plebiszit teilnehmen zu können, war gescheitert, weil die Grenzen geschlossen waren. Als Letzter in der Familie durfte ich kurz mit Papa sprechen und riet ihm, erst einmal in Prag abzuwarten, wie die Lage sich entwickeln würde. Sie kamen aber natürlich bei erster Gelegenheit nach ein paar Tagen zurück, um bei uns Kindern zu sein.

Samstagfrüh machten Maxi und ich uns auf den Weg zu unseren Großmüttern in die Kochgasse. Überall wehten große Hakenkreuzfahnen von den öffentlichen Gebäuden, aber auch von vielen Privathäusern und Wohnungen. Das imposante Gebäude der Tabakregie war mit riesigen Hakenkreuzfahnen bedeckt, auch die so beliebte Aida-Konditorei direkt gegenüber der Porzellangasse 50, wo ich so oft für wenig Taschengeld gute Tortenreste gekauft hatte, machte keine Ausnahme. Besonders schockierte uns, dass sämtliche Polizisten der Wiener Polizei bereits Samstagfrüh Hakenkreuzarmbinden trugen. Bald sahen wir junge und ältere Juden auf den Straßen knien, die unter Spott und Misshandlungen der Wiener Bevölkerung gezwungen wurden, die Wahllosungen gegen den »Anschluss« mit Zahnbürsten zu entfernen.

Am 22. März wurde der Unterricht wiederaufgenommen. Unsere jüdischen Lehrer kamen nicht mehr in die Schule. Der Deutschlehrer Otto Spranger betrat die Klasse und entschuldigte sich, dass er jetzt ein Hakenkreuzabzeichen tragen musste. Der Wiener Stadtschulrat deklarierte das Wasagymnasium als eine der Sammelschulen für jüdische Schüler. Im April mussten wir in die Kalvarienberggasse im 17. Bezirk übersiedeln, weil die NSDAP unser großes, gegenüber der Votivkirche günstig gelegenes Schulgebäude für sich beanspruchte, um dort ihre Parteizentrale einzurichten. Meine »Judenklasse« erhielt nun interessanten Zuwachs: Zu unseren 27 Schülern »mosaischen Glaubens« kamen noch einige jüdische Schüler aus anderen Gymnasien dazu, diese Schulen sollten »judenrein« werden. Außerdem stießen auch einige christliche Schüler aus »Mischehen« zu uns, die nach den Nürnberger Gesetzen als »Halbjuden« galten. So kam es, dass auch christliche Schüler im Juni 1938 Endzeugnisse der Klasse 4b erhielten. Mit solchen Zeugnissen wollte mir Hofrat Gump, der ehemalige Direktor des Wasagymnasiums, im März 1988 beweisen, dass es eben doch keine separaten »Judenklassen« gegeben habe. Er kam damals zu einem Vortrag, den ich in Wien als Zeitzeuge zum 50. Jahrestag des »Anschlusses« hielt, trug unter dem Arm zwei dicke Aktenordner aller Zeugnisse des Jahres 1938 und zeigte mir triumphierend die Abschlusszeugnisse unserer Klasse. Doch das Semesterzeugnis mit nur 27 Schülern mosaischen Glaubens war der überzeugende Beweis.

Auch zu Hause gab es schwerwiegende Veränderungen: Unsere treue Köchin Mizzi, die viele Jahre wie ein Mitglied der Familie bei uns gelebt hatte, und Anni, die Kinderpflegerin meiner kleinen, 1937 geborenen Halbschwester Henny, verließen uns bald, denn christliche Angestellte durften nicht mehr in jüdischen Haushalten arbeiten. An ihrer Stelle kam Berta, eine jüdische Beamtin, die ihren Posten verloren hatte und sich jetzt an Haushaltsarbeiten gewöhnen musste. Berta und ich waren öfters allein zu Hause, besonders nachdem unser Vater Anfang Mai verhaftet worden war. Jeden Abend saß ich am Radio und versuchte Auslandsnachrichten zu hören. Berta setzte sich mit ihrer Strickerei neben mich und begann langsam meine Oberschenkel zu streicheln. Nach einer Weile wollte sie auch einen Gutenachtkuss. Ich hauchte ihr einen unschuldigen Kuss auf die Wange, aber sie bestand auf einem Zungenkuss. Diese Szenen wiederholten sich immer öfter, und eines Tages, als sie sicher war, längere Zeit mit mir allein zu Hause zu sein, lockte mich Berta in ihr kleines Dienstmädchenzimmer. So verlor ich mit dreizehneinhalb Jahren meine Unschuld. Zwischen Berta und mir entwickelte sich ein regelrechtes Verhältnis, das einige Wochen andauerte und mir zunehmend gefiel, bis Berta ging, weil sie auswandern konnte. Diese prägende Episode meines jungen Lebens kommt mir im Rückblick wie eine Geschichte im »Reigen« von Arthur Schnitzler vor. Zugleich sehe ich sie heute als frühzeitige Vorbereitung auf meine Jahre als Erwachsener, die mir die Anpassung an das Leben in Palästina in einer gemeinsamen Gruppe von Jungen und Mädchen wesentlich erleichtert hat. Ich hatte öfter das Gefühl, dass meine engeren Beziehungen mit Mädchen unserer Gruppe ein Ersatz für die fehlende Wärme und Liebe einer Mutter und meiner Familie sein könnten.

Mein Vater führte mit mir und Maxi nun ein ernstes Gespräch, in dem er erklärte, dass wir zwar die Zukunftspläne ändern müssten und nicht ins Cottage-Viertel umziehen würden, generell aber bestehe kein Grund zur unmittelbaren Sorge. Er wies mich darauf hin, dass ich ja im Winter in Berlin erlebt hätte, wie das Leben ohne große Einschränkungen weiterging, obwohl die Nazis dort bereits seit 1933 an der Macht waren. Niemand ahnte, dass das dramatische Zusammentreffen des tief verwurzelten österreichischen Antisemitismus mit dem politischen deutschen Nationalsozialismus den Prozess der Judenverfolgung beschleunigen und extrem verschärfen würde.

Schon in den ersten Tagen nach dem »Anschluss« wurde klar, dass den jüdischen Einwohnern Wiens krasse Veränderungen bevorstanden. Nur wenige jüdische Familien wanderten sofort aus, wie die befreundete Familie Goldberger, die viel Geld ausgab, um in der Verwirrung der ersten Tage mit Autos über die tschechische Grenze zu entkommen. Nicht vielen dieser Flüchtlinge gelang es wie den Goldbergers, später nach Amerika zu fliehen. Wenige Tage nach dem »Anschluss« wurde Maxi auf der Straße, nicht weit von unserer Wohnung, zu einer »Reibpartie« gezwungen. Glücklicherweise konnte ihn die blonde Kinderschwester Anni, die damals noch im Haus war, bald befreien. Als einige Tage später unser Fahrer Alfred das Auto holen wollte, um, wie gewöhnlich, unseren Vater ins Geschäft am Stubenring zu bringen, hielt ihn der junge Mann aus der Garage gegenüber unserem Haus an und verlangte die Schlüssel. »Das Auto gehört uns«, sagte er eindringlich, wie es uns Alfred nachher berichtete. Wie so viele Tausende Wiener, die skrupellos die Wohnungen ihrer jüdischen Nachbarn ausräumten und die Möbel und Wertgegenstände raubten, wollte auch der Garagen-Mitarbeiter unseren Nash-Wagen auf eigene Initiative für sich in Beschlag nehmen. Doch die formellen »Arisierungen« jüdischer Geschäfte, die systematisch durchgeführt wurden, machten ihm einen Strich durch die Rechnung. SA-Sturmführer Boris Zeilinger, der mittlerweile als Nazi-Kommissar in die Papiergroßhandelsfirma Fried & Rath eingesetzt war, stellte sofort fest, dass ein Nash-Auto zum Inventar des Geschäfts gehörte. Er machte die illegale Enteignung unverzüglich rückgängig; in den nächsten Wochen holte Herr Zeilinger jeden Tag unseren Vater von zu Hause ab, um mit ihm gemeinsam ins Geschäft zu fahren. Alfred wurde nun im Büro beschäftigt, und für Maxi und mich war das schöne verwöhnte Leben im Wien der dreißiger Jahre zu Ende.

Auch wenn meine Eltern keinerlei Gedanken an Auswanderung hegten und uns Brüdern die zionistische Idee bislang gleichgültig gewesen war: Unter den neuen Umständen rückte diese nun doch in den Mittelpunkt unseres Interesses. Instinktiv wollten wir nur in ein Land auswandern, von wo wir nie wieder vertrieben werden würden. Der Begriff »Palästina« war zu dieser Zeit gleichbedeutend mit Zionismus, das Palästina-Amt in der Marc-Aurel-Straße war die Hauptstelle zionistischer Auswanderungstätigkeit. Auf einmal klangen die zwei Jahre zuvor an uns gerichteten Worte von Omama Frimtsche ganz anders. Ihr sehnlicher Wunsch, dass Maxi und ich eines Tages in Eretz Israel leben sollten, erschien plötzlich als reales Zukunftsbild. Der Schock über die enorme Begeisterung der österreichischen Bevölkerung für Hitler und den »Umbruch« hatte jede Basis für ein Weiterleben in Wien zerstört.

Der erste praktische Schritt in dieser neuen Lebensepoche bestand im Beitritt zur zionistischen Jugendbewegung »Makkabi Hazair« (Der junge Makkabäer). Bereits früher hatten Bekannte vergeblich versucht, mich für die revisionistische Jugendbewegung »Betar« (der Name einer Festung in Palästina) zu werben, die in einem Club gegenüber dem Heimat-Kino in der Porzellangasse ihre Marschübungen durchführte. Der militaristische Stil mit den blau-braunen Uniformen und Schulterriemen stieß mich ab, auch wenn er in zionistischer Form auftrat. Unser Vater allerdings konnte sich an den zionistischen Gedanken nur sehr langsam gewöhnen. Eines Tages kam Maxi mit einer illustrierten Broschüre der in Palästina bekannten landwirtschaftlichen Schule Mikwe Israel in der Nähe von Tel Aviv nach Hause. Er wollte sich dort als Schüler bewerben, um eine Einreisegenehmigung nach Palästina zu bekommen. Papa blätterte das Heft schweigend durch. Dann sagte er, mit Tränen in den Augen: »Mein Sohn wird nicht Mist führen.« Er konnte nicht wissen, dass sein jüngerer Sohn später fünf Jahre lang im Kuhstall arbeiten würde.

Anfang Mai verhaftete die Polizei dreitausend jüdische Kaufleute, darunter auch meinen Vater. Morgens um halb sieben klopfte es laut an unserer Wohnungstür: »Polizei, aufmachen!« Unser Kinderzimmer lag gegenüber der Eingangstür zu unserer Wohnung. Mein Bruder und ich sprangen in unseren Nachthemden auf und schauten ängstlich durch den Türspion. Zwei Männer in Zivil standen im Hausflur. Vorsichtig öffneten wir die Tür gerade so weit, wie die Kette es zuließ. Zu unserem Entsetzen sagten sie, dass sie unseren Vater mitnehmen wollten. Wir liefen ins Schlafzimmer von Papa und Rita im hinteren Teil unserer Wohnung und sagten ihm, dass er sich sofort anziehen müsse, weil die Polizei ihn abholen wolle. Mein Vater reagierte erstaunlich gefasst. Er zog sich an, unterschrieb noch einige Blankoschecks für Rita, beruhigte uns, dass er bald wieder da sein werde; dann verabschiedete er sich von uns und ging mit den beiden Polizisten. Erst im Dezember 1946 sollte ich ihn in New York wiedersehen.

Gleich am nächsten Tag machten sich Rita und Maxi auf die Suche nach meinem Vater. Sie fanden ihn in einer Schule in der Karajangasse im 20. Bezirk, wohin man die Verhafteten gebracht hatte; die Gefängnisse waren völlig überfüllt. Von der Straße aus sahen sie ihn am Fenster. Als ich einen Tag später hinging, war die Schule leer. Später errichtete die Gestapo in dem Gebäude eine Sammelstelle für Transporte nach Auschwitz und Theresienstadt. Es hieß, man könne im Hauptquartier der Gestapo im Hotel Metropol Nachricht über das Schicksal der Häftlinge bekommen. Als den Frauen der Verhafteten in typisch deutscher Ordnung mitgeteilt wurde, dass alle ihre Männer in Dachau seien, hielt man das anfangs für unmöglich. Doch der Beweis lag einige Wochen später in Form eines kleinen blauen Briefs bei uns im Briefkasten: Mit Datum vom 16. Juli 1938 schickte uns mein Vater ein Lebenszeichen. Auf den wenigen abgezählten Zeilen schrieb er kein einziges persönliches Wort, er ermächtigte lediglich Rita, in seinem Namen »fristgemäß« seine Vermögenserklärung abzugeben, die alle Juden auf Anordnung der Gestapo einzureichen hatten. Juden durften kein Vermögen besitzen. Seit der Verhaftung unseres Vaters übernahm die Leitung der Papiergroßhandlung Fried & Rath sowie die Verwaltung unserer Häuser in Berlin der bereits erwähnte SA-Sturmführer Boris Zeilinger.

Rita bemühte sich sehr, unseren Vater aus Dachau und später aus Buchenwald zu befreien, und sie traf Vorbereitungen für die Auswanderung der ganzen Familie. Entfernte Verwandte in den Vereinigten Staaten hatten uns ein Affidavit zugesagt. Zudem verfügten wir über eine Einreisebewilligung nach Kuba, um dort die amerikanische Einreisequote für aus Polen stammende Einwanderer abzuwarten. Maxi und ich hätten auch Children’s Permits für einen Kindertransport nach England bekommen können, doch wir beide waren entschlossen, nur nach Palästina auszuwandern. Paradoxerweise war das wohl nur möglich, weil unser Vater in Dachau inhaftiert war, denn sonst hätte er sicherlich darauf bestanden, dass wir warten sollten, um gemeinsam mit der ganzen Familie zu flüchten. In Dachau unterschrieb mein Vater dann auch eine notariell beglaubigte Genehmigung zur Auswanderung seiner beiden minderjährigen Söhne nach Palästina. Die deutsche Ordnung musste auch im KZ sein.

Wir liefen nun von Pontius zu Pilatus, um einen gültigen deutschen Reisepass zu bekommen. Alle Ansuchen liefen über die zuständige Bezirkspolizeidirektion und mussten mit verschiedenen Amtsbestätigungen versehen sein, für die man sich jeweils separat anstellen musste: Finanzamt, Reichsfluchtsteuerstelle, Gesundheitsamt, Bezirks- und Stadtschulrat und so weiter. Um diesen komplizierten bürokratischen Prozess zu vereinfachen, wurde im August im Rothschild-Palais an der Prinz-Eugen-Straße, gegenüber dem Belvedere, die »Zentralstelle für jüdische Auswanderung« eröffnet. Stellte man sich am Abend vorher an, konnte man am nächsten Tag dort abgefertigt werden und einen gültigen deutschen Reisepass mit einem roten »J« für »Jude« erhalten. Die Deutschen hatten das auf Verlangen der Schweizer Behörden eingeführt, die einen besonderen Sichtvermerk für jüdische Emigranten forderten. Mein geschickter Bruder, der erst im November 1938 siebzehn Jahre alt wurde, konnte sich mittlerweile einen Ausweis als zionistischer Funktionär des Keren Kayemet, des Jüdischen Nationalfonds, beschaffen. Das ermöglichte uns den Eintritt in die Auswanderungsstelle ohne langes Anstehen. Es war eine geniale Erfindung: In einem großen Saal stand eine lange Reihe von Tischen, an denen Beamte der verschiedenen Ämter saßen, die unsere Ausreisebewilligung wie am Fließband mit einem Stempel beglaubigten. Am Ende dieses Prozesses mussten wir unseren deutschen Reisepass mit allen Unterlagen für eine letzte Bestätigung einem SS-Offizier vorweisen. Das war Adolf Eichmann, dessen erste größere Aufgabe darin bestand, so viele Juden so schnell wie möglich aus Wien und der Ostmark wegzuschaffen. In diesem Sinn kooperierte Eichmann auch mit Ehud Überall, einem wichtigen Funktionär im Palästina-Amt in der Marc-Aurel-Straße. Gemeinsam organisierten sie illegale Schiffstransporte über die Donau und das Schwarze Meer nach Palästina. Ehud Überall, ein enger Freund von Teddy Kollek und Mitarbeiter von David Ben-Gurion, wurde 1948 unter seinem hebraisierten Namen Avriel als erster israelischer Botschafter in Prag bekannt. Zuvor hatte er mit Genehmigung der Sowjetunion wichtige Waffentransporte aus der Tschechoslowakei in das jüdische Palästina organisiert.

Die von Eichmann organisierte beschleunigte Auswanderung der österreichischen Juden führte dazu, dass von allen Ländern unter der Nazi-Herrschaft die größte Anzahl von Juden aus Österreich die Shoah überlebte. Von den 195 000 Juden, die im März 1938 in Österreich lebten – allein in Wien waren es 180 000, zehn Prozent aller Einwohner der Hauptstadt –, konnten 130 000 noch rechtzeitig auswandern, sogar noch 1940, nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. Ein Drittel, 65 000, ist in Vernichtungslagern umgekommen.

Maxi konnte ein Jugend-Alijah-Zertifikat nach Palästina bekommen, um sich dort im Kibbuz Gvat in der Nähe von Haifa einer Gruppe aus Wien anzuschließen. Ich gehörte zu der ersten Gruppe von fünfzig jüdischen Kindern aus Wien, Graz, Linz und Wiener Neustadt, die aus über tausend Auswanderungskandidaten in einem mehrstufigen Auswahlverfahren ermittelt wurden. So besuchte ich im September mit zweihundert Kindern für vier Wochen ein Vorbereitungsseminar in einer Schule in der Schiffamtsgasse im 2. Bezirk. Es war ein schwieriges Zusammensein, denn wir standen in harter Konkurrenz. Jeder wusste, dass nur einer von vier Teilnehmern nach Palästina fahren durfte. Sinai Ucko, ein Lehrer aus der Ahawah-Schule bei Haifa, und Aron Menczer, ein jüdischer Führer der Jugendbewegung Gordoniah aus Wien, trafen die Auswahl. Menczer war beliebt bei allen Kindern, die sehr an ihm hingen. Er erhielt Erlaubnis von der Gestapo, die Gruppe bis nach Triest zu begleiten, unter der Bedingung, dass er sofort zu seinen Kindern in der Gordoniah zurückkehren würde. Menczer hielt sein Versprechen und kam nach Wien zurück.

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