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Arbeit ist nicht unser Leben

INHALT

Prolog

I. Karriere macht dumm

II. Arbeit macht arm

III. Ehrgeiz macht krank

IV. Moral hält uns klein

V. Der freie Markt macht unfrei

VI. Die Renten sind viel zu sicher

VII. Wachstum macht unglücklich

VIII. Ohne Fleiß kein Verschleiß

IX. Zusammen sind wir weniger allein

X. Denn wir wissen, was wir tun

Epilog

Dank

PROLOG

Der Sauerstoff wird immer weniger hier drin. Es ist verdammt eng. Jede Station verteilt den Raum neu, doch viel Platz hat keiner. Diese U-Bahn-Fahrten von der Arbeit nach Hause saugen immer die letzte Kraft aus mir. Ich blicke in die dunkle Scheibe, hinter der schon wieder der Abend eines Tages vorbeizieht, den ich als vergangenes Leben abhaken kann. Nur mein Spiegelbild bleibt haften. Ich sehe müde aus und irgendwie verbraucht. Dabei bin ich noch nicht mal 30.

Kennen Sie dieses diffuse Gefühl, nie fertig zu werden? Fühlen Sie sich auch oft so verdammt lahmarschig? Werden Sie den Schnupfen manchmal auch einfach nicht los? Oder können Sie Stunden mit Tiervideos auf YouTube verbringen, anstatt mit Ihrer Arbeit weiterzumachen – was natürlich dazu führt, dass Sie abends zu lange im Büro sitzen? Dann wissen Sie, wie ich mich fühle.

Nach der Arbeit falle ich bestenfalls ins Bett, manchmal in eine Bar. Gucke dann zu tief ins Glas und am nächsten Morgen blöd aus der Wäsche. Natürlich ist noch nicht Wochenende, und ich schleppe mich wieder an meinen Arbeitsplatz.

Vielleicht arbeiten Sie nicht wie ich in einem Büro, sondern anderswo. Oder Sie haben gar keine Arbeit. Egal. Zu viele von uns, in Arbeit oder in Erwartung von Arbeit, betäuben sich und ihren Kater mit Kaffee und Tabletten, um ein Leben auszuhalten, das sich über den Job definiert.

Verdammt traurig klingt das? Scheiße, ja. Doch Sie wollen kein Mitleid. Nicht von sich, und nicht von den anderen. Sie schaffen das. Alle sagen, Sie können es schaffen, wenn Sie nur die richtigen Chancen ergreifen. Machen Sie was draus! Sie wissen, was zu tun ist: Der Aufstieg, das Wirtschaftswachstum – es gibt nur eine Richtung, nach oben.

Und: Sie sind ja noch jung oder noch nah dran. Zwar verdienen Sie zu wenig für ein gutes Leben. Aber dafür ist ja eh nicht genug Zeit. Wer sich lebendig fühlen will, muss in den Urlaub fliegen oder krasse Partys feiern, Achterbahn fahren oder shoppen gehen. Sie haben dafür nicht genug Geld? Egal. Dann machen Sie eben Schulden. Sie haben ziemlich oft irgendwo Schmerzen. Sie haben Ihre Karriere voll im Griff. Sie sind Eins-a-Humankapital ohne Kapital.

Was für ein Leben. Wir nennen es Arbeit. Aber ist das noch ein Leben?

In diesem Buch geht es um die Ahnung, die viele beschleicht, wenn sie sich fragen: Gehört das so? Ist das richtig und sinnvoll, dass ich Arbeit habe und mich trotzdem immer wieder beschwere? Ist allein die Tatsache, dass ich meine Rechnungen und den Konsum von meinem Gehalt bezahlen kann, all das wert? Und vor allem: Wo soll das denn hinführen? Kommt da noch was?

Diese Fragen sind das Lebensgefühl einer ganzen Generation, vom Akademiker zum Schulabbrecher, vom Studenten zum Azubi, vom Stipendiaten zum BAföG-Empfänger, vom Karrieristen zum Aussteiger. Uns allen kommt es so vor, als seien wir verarscht worden. Denn die alten Versprechen von den Früchten der Arbeit, für die sich all die Plackerei lohnen soll, gelten nicht mehr. Sicherheit und Wohlstand durch Arbeit sind zu hohlen Phrasen verkommen.

Dabei wurde den jungen Leuten nie öfter und eindringlicher erzählt, dass sie sich besonders anstrengen müssten, um im Job Fuß zu fassen. Heute sitzen Kinder mit drei Jahren im Englischunterricht, mit sechs pauken sie Chinesisch. Das Abitur muss man jetzt schneller schaffen, das Studium sowieso. In den Semesterferien wird schon mal Berufserfahrung mit unbezahlten Praktika gesammelt, damit der Übergang in den Verwertungskreislauf möglichst schnell und ohne Brüche verläuft.

Doch wir, die Kids zwischen 15 und 35, gehören zur ersten Generation, der es schlechter gehen wird als der Generation davor. Es kursieren allerlei Gerüchte über uns. Man nennt uns die Generation Y. Wobei das Y wie das englische Wort why (zu Deutsch warum) ausgesprochen wird. Faul sollen wir sein, und anspruchsvoll. Dabei erlauben wir uns nur, die Frage nach dem Sinn von Karrierewahn und Turbo-Kapitalismus zu stellen. Anstatt einer Antwort bekommen wir allerdings nur Floskeln zu hören. Sie demonstrieren einen unerschütterlichen Glauben an Arbeit, unendliches Wachstum und ein sichtbar überholtes System. Echte Antworten auf unsere neuen Fragen scheinen Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und auch die Medien nicht zu haben.

Dabei hat sich längst einiges verändert: Geld bedeutet vielen in der jüngeren Generation heute schon weniger. Maßloser Konsum ist ihnen nicht so wichtig. Stattdessen streben sie nach Sinn, Selbstverwirklichung und Glück. Doch was sie auch versuchen, um diesem anderen, besseren Leben wahrhaftig näher zu kommen: Jeden Ansatz deutet das alte Gefüge wieder für seine Zwecke um, die der Effizienz- und Verwertungslogik folgen.

Eines Tages hielt ich diese unbeantworteten Fragen nicht mehr aus. Es war der Moment, in dem ich mich in ein altes, klappriges Wohnmobil setzte und einfach losfuhr.

Für mich gab es damals keinen Mittelweg. Um die Beschwerde zu beenden, brauchte es die totale Verweigerung. Ich wollte mir endlich einmal ganz genau die Widersprüche anschauen, die uns immer wieder in die Ecke treiben: Selbstverwirklichung und Selbstverwertung, Altersvorsorge und Nachwuchs, Rebellion und Gehorsam, Kreativität und Kontrolle. Und natürlich die vielbeschworene Krise, die uns weitermachen lässt, weil sonst alles den Bach runtergehen soll.

Ich bin abgehauen, um im Nichts eine neue Ordnung für mich und die Welt um mich herum zu finden. Ich brauchte diese Flucht, diese Reise, um neue Antworten zu finden, ohne ständig mit den immer gleichen alten Denkmustern konfrontiert zu werden.

Und was soll ich sagen? Es gelang. Durch das neue Blickfeld lernte ich, wie veraltet diese Denkmuster wirklich sind, wie starr die Glaubenssätze, mit denen wir immer weiter angetrieben werden. Nach einer gewissen Zeit verschwanden die alten Ideen und neue tauchten auf, die sich echter und freier anfühlten.

Dieses Buch ist voller Geschichten, die ich während der Reise erlebt habe. Es ist ein Reisetagebuch. Gleichzeitig ist es ein Anti-Coaching-Seminar. Denn es kann Sie auf dem Weg in ein neues, in ein echtes Leben begleiten. Ein Leben, das Sie wieder spüren. Weil Sie es selbst in der Hand haben.

Es gibt wahrscheinlich – nein, ganz bestimmt – viele Wege dorthin. Der Anfang einer solchen Reise liegt jedoch immer in der Absage an die ewige Beschwerde und in dem Beschluss, der größten Sehnsucht zu folgen. In meinem Fall war es der Schritt, mit Ende zwanzig die Top-Karriere an den Nagel zu hängen und ins Nichts zu taumeln. Die treibende Kraft für meinen Entschluss war der Wunsch, ein Leben zu entwerfen, dessen Zentrum nicht mehr die Arbeit ist. Wunderbar und unwiderruflich.

I.
Karriere macht dumm

»Gott sprach: Es werde Licht! (Doch er fand den Schalter nicht.)«
Alte Weisheit aus Dänemark

Wenn ich an meinen Beruf denke, dann wird mir ganz warm ums Herz. Denn ich kann in meinem Beruf den Versuch unternehmen, meine Neugierde für etwas zu verwenden, das größer ist als ich.

Meine Aufgabe leuchtet. Es ist der Journalismus, dem Selbstverständnis nach der Geburtshelfer der Aufklärung – von Émile Zola über Kurt Tucholsky, von Hannah Arendt zu Günter Wallraff: beobachten, komplexe Zusammenhänge verstehen und in verständliche Sprache bringen. Und, wenn man ein paar Erkenntnisse gesammelt hat und es sich traut: kommentieren.

Als Journalistin darf ich den Fortschritt fordern – und den Rückschritt zurückweisen. Ich soll zur Mündigkeit der Leser beitragen, indem ich sie ins Bild setze. Ich kann recherchieren, mich der Wahrheit annähern und den Leugnern ein paar rostige Nägel zwischen die Kiemen feuern. Das ist mein Beruf. Vom Dunkel ins Licht, vom Unklaren ins Klare, vom Unwissen zum Wissen: die Aufklärung. Selbst wenn es »nur« um die kleinen Dinge geht: die Wasserqualität von Badeseen oder die besten Frittenbuden der Stadt. Ich kann dazu beitragen, dass etwas besser wird.

Ich bin berufen. Aber von wem eigentlich? Von niemandem. Denn am Ende bin ich nur ich selbst. Der Fakt, dass ich mich zu meiner Berufung nur selbst berufen konnte, das ist eine herbe Bürde: Wer bin ich denn schon?

Ich muss mich also immer wieder überprüfen – und überprüfen lassen. Von Kollegen, wissenschaftlichen Diskursen, der öffentlichen Meinung – und im Zweifelsfall von Presserat, Gerichten und nicht zuletzt den Lesern.

Der Journalismus hat eine große Macht, denn er stellt seine Erkenntnisse über die Meinungen anderer Leute und verbreitet sie, so gut es geht. Diese Macht ist immer eine Anmaßung, die nie ganz zu rechtfertigen ist. Deshalb gibt es die Recherche, die Unabhängigkeit der Redaktionen und das Korrektorat. Es gibt in den seltensten Fällen nur eine einzige letztgültige Wahrheit oder nie nur eine einzige Form der Darstellung. Aber es gibt mit Sicherheit Dinge, die richtiger sind als andere. Wenn ich das nicht glaube, kann ich meinen Beruf nicht ausüben.

Das alles nennt man die Pressefreiheit, womöglich das einzig zuverlässig nachweisbare Unterscheidungsmerkmal von »guten« und »schlechten« Gesellschaften. Lehrbücher nennen sie die vierte Gewalt in einer Demokratie. Eine Macht der Kritik an den bestehenden Verhältnissen, die mindestens von Logik geleitet werden soll. Und vom sicheren Empfinden, also dem gesunden Menschenverstand, meistens auch, aber nicht immer.

Mein Gefühl sagt gerade: Ich möchte das alles lieber nicht auf mich nehmen. Ich möchte lieber keine Journalistin mehr sein. Ich möchte nicht mehr für die Politik arbeiten. Ich möchte keine Karriere mehr machen. Ich mache nicht mehr mit.

Warum nicht? Weil Karriere dumm macht.

Ich war Redakteurin einer Berliner Tageszeitung. Und dann bin ich in die Politik gegangen. Eine Volkspartei lockte mich mit Versprechungen in ihre Parteizentrale, die man nicht ignorieren kann, wenn man etwas verändern will: »Wir brauchen Parteilose! Wir brauchen dich! Eine junge Redakteurin, die sich ihren freien Geist bewahrt! Veränderung von innen heraus, wir machen’s wie Obama! Sagt uns, wie ihr die Welt erkennt – und lasst uns, unsere Mitglieder und Wähler daran teilhaben! Bildet unsere Partei ab, so wie ihr sie seht! Seid fair, aber schonungslos! Das ist eine Chance für alle! Das neue die-andere-volkspartei.de!«

»Manni kommt!«
Redewendung in der Parteizentrale, wenn der
Große Vorsitzende im Anmarsch ist

Manfred war der große Vorsitzende der Anderen Volkspartei, und man nannte ihn »Manni«, wenn er es ganz bestimmt nicht hören konnte. Der Manni, der uns schnell erfunden, mit Technik und Büro-Etage ausgerüstet – und dann scheinbar vergessen hatte. Der Start von die-andere-volkspartei.de war sagenumwoben, viel gepriesen, überall groß angekündigt, doch genauso schnell verpufft. Zumindest bestand diese Gefahr. Aber jetzt wollte er gleich vorbeikommen und gucken, was die neue Einheit im Haus so macht.

Das ist doch was, also das ist doch gut, ein Anfang. Jetzt kann es doch noch so richtig losgehen mit der Aufklärungsarbeit. Endlich persönlicher Zuspruch von oben, dachte ich, mach uns Mut!

Doch Lutz, mein Kollege und Redaktionsleiter, lachte angesichts der Ankündigung so schrill wie noch nie. Das machte auch mich nervös.

Als sein Telefon klingelte, hob er mit Blitzhand den Hörer ab, sagte: »Alles klar« und legte wieder auf.

Was war das denn? Das rote Telefon? Der BND?

»Er kommt«, rief Lutz, »er kommt!« Innerhalb dieser vier Wörter war er bereits zur Tür hinaus.

Ich konnte meine Verstörtheit nicht sonderlich gut verbergen. What the fuck! Wer kommt denn da? Obama?

Es dauerte etwa zehn Sekunden, bis die Schritte eines Trupps aus dem Flur zu uns ins Büro hallten. Einen Moment später sah ich Lutz an der Spitze, wie er die Gruppe in Richtung der Bürotür leitete, ehe er an der Schwelle stoppte, um Manni wie eine junge hübsche Dame als Ersten eintreten zu lassen. Hintan folgte ein Tross aus Henry, dem Chef der Kommunikationsabteilung, und ein paar anderen uns allen bekannten Parteigesichtern. Wir saßen alle an unseren Plätzen, taten so, als würden wir gerade in diesem Moment unsere Arbeit für den Besuch unterbrechen, und betrachteten die Gäste.

Henry, Herr über die Parteikommunikation, hatte rote Wangen und zögerte, als Erster das Wort zu ergreifen. Manni bewunderte nämlich gerade den Mega-Flachbildschirm an der Wand und scherzte: »Ist das hier das Fernsehzimmer?«

Als das dumpfe Hö-hö-hö-Raunen verebbte, begann Henry kurz zu erklären, in welchem Teil der Parteizentrale das Komitee nun gerade eingefallen war. Dabei grinste er uns immer wieder verlegen an, als ob er uns die Botschaft senden wollte: »Bitte glaubt mir kein Wort!«

Der Parteivorsitzende hatte offenbar nicht zugehört, denn das Erste, was er fragte, war: »Und was macht ihr hier so den ganzen Tag?« Ich schaute zu Lutz rüber, der sich mittlerweile wieder auf seinen Platz gesetzt hatte, und rechnete mit seiner Antwort, als Henry von der Seite erneut zu sprechen begann und Lutz sich erleichtert zurücklehnte.

Manni hörte scheinbar weiterhin nicht zu, denn ihn beschäftigte nun eine andere Frage: »Wer seid ihr denn alle? Woher kommt ihr?«, fragte er in unsere Runde. Das war keine Stichprobenfrage, sondern die einzige Frage, die ihm einzufallen schien, weshalb er sie entsprechend ausdehnte.

Und wir? Wir hätten sagen müssen: »Großer Vorsitzender dieser Partei! Wir sind die neue unabhängige Abteilung im Haus, das weißt du doch! Wir sind hier, um fair über die Partei zu berichten, sie von innen heraus abzubilden – und sie dabei zu verändern helfen. Aufklärung, Licht, die Wirklichkeit abbilden! So wie du es uns gesagt hast. Damals, als wir eingestellt wurden, als unabhängige Redaktion, das Korrektiv im eigenen Haus, der Beschleuniger und junge Motor einer sich modernisierenden Partei! Es ist keine zwei Monate her, dass du uns als große Hoffnung geschaffen und mit allen Freiheiten, technischer Ausrüstung, Assistenten und guten Gehältern ausgestattet hast!« Hätten wir sagen müssen. Sagte aber keiner.

Lutz scharrte stattdessen mit den Füßen unter seinem Schreibtisch. Statt eines forschen Bekenntnisses der Redaktion zu sich selbst begann ein bedrückendes Spiel von einer Viertelstunde, in der jeder Einzelne von uns immer schön der Reihe nach seinen beruflichen Werdegang umriss. Donald Duck hätte gesagt: »Quaaawk, Quawk, Quawk, Quaaawk – Quawk.« Der Auftritt der Autorität in Form eines dicklichen Mannes in seinen besten Jahren reichte aus, um jedes journalistische Profil in diesem Raum in Hilflosigkeit versickern zu lassen.

Das nennt man vorauseilenden Gehorsam. Den Diener machen, obwohl ihn keiner verlangt. Manni hätte uns die Leviten lesen sollen, uns allen, auch mir: »Was seid ihr für Pfeifen? Ihr seid jetzt seit zwei Monaten hier in der Parteizentrale und habt alle Freiheiten, wenn ihr sie euch nehmt! Legt los, macht was! Ich ertrage keine Duckmäuser, ich will Erkenntnisse, Kritik, Stimmen der Basis, eine lebendige und unabhängige Redaktion! Wo gab es das schon mal? Nirgends auf der Welt hat eine Partei sich das getraut! Aber wir tun das! Jetzt übernehmt die Initiative und nicht nur das Gehalt, verdammt!« Hätte er sagen sollen. Sagte er aber nicht.

Manni bedankte sich stattdessen, wünschte uns was und schritt von dannen. Mit ihm gingen die Entourage und meine Freude, mein Optimismus, meine Lust für diese Arbeit an diesem Tag. Manni hatte uns mit großen Worten eingestellt – und sich dann anderen Dingen zugewandt. In den Mühlsteinen der Routine war die frische Redaktion schon binnen weniger Tage zerrieben. Wir waren alle zu schwach, um das zu tun, wofür wir berufen worden waren. Mit unserem Mut sank die Anerkennung aller anderen. Die Abteilung, die sich »Big Bang« nannte, war nicht mal ein Böllerchen. Sie war von Anfang an eine einzige Fehlzündung. Und das, obwohl wir am Anfang viel und lang arbeiteten. Woran lag’s also?

Lange Wochenarbeitszeiten machen dümmer. Das ergab vor ein paar Jahren die Langzeitstudie eines internationalen Forschungsteams unter der Leitung des finnischen Instituts für Arbeitsmedizin. Über einen Zeitraum von sieben Jahren wurden 2214 Angestellte des öffentlichen Dienstes in London befragt und beobachtet. Die Forscher testeten Kompetenzen wie das Kurzzeitgedächtnis, das logische Denken und den Sprachfluss.

Karrieristen, also alle, die mehr als 55 Stunden pro Woche rackerten, schnitten im Vergleich zu Kollegen, die maximal 40 Wochenstunden arbeiteten, bei einem Wortschatz-Test schlechter ab. Darüber hinaus verschlechterte sich bei den Workaholics im Zeitraum der Erhebung die Fähigkeit des logischen Denkens.

Auch nachdem Faktoren wie Alter, Geschlecht, Einkommen und Bildung berücksichtigt wurden, ließ sich weiterhin ein Zusammenhang zwischen Arbeitsstunden und geistiger Leistungsfähigkeit bestätigen. Zum Grund für die schwächelnde Hirnleistung durch Überstunden konnten die Forscher sich nicht belastbar äußern. Allerdings konnten sie auf eine vorangegangene Studie verweisen, die einen Zusammenhang zwischen Überstunden und ungesunder Lebensweise belegte. Den bestätigten nämlich auch die neuen Erhebungen. Die Workaholics klagten durchweg häufiger darüber, weniger zu schlafen, mehr Alkohol zu trinken und Depressionen zu haben, als ihre Kollegen, die Dienst nach Vorschrift schoben.

Menschen, die arbeiten, sind also nicht automatisch dumm. Jedenfalls nicht sofort. In der Regel sitzt man mit intelligenten Leuten in einem Büro. Die Chefin oder der Chef können auch nicht massiv bräsig sein, sonst wären sie unterwegs auf einer der schmierseifigen Stufen der Karriereleiter ausgerutscht. Doch denen, die es auf dieser Leiter weit nach oben schaffen, gibt der Erfolg immer viel zu schnell recht; irgendwann, meist viel zu früh in ihrer Laufbahn, fragt niemand mehr nach dem intellektuellen Wert ihrer Entscheidungen.

Obwohl unsere Büros in der Regel also keine Horde der Unterbelichteten sind, kennt jeder diese Momente aus dem Arbeitsalltag, wenn sich die Dummheit ihren Weg bahnt. Denn: Intelligenz und Dummheit sind kein Gegensatz, wie beispielsweise Psychologen wie Ina Rösing in zahlreichen Studien belegen. Auch intelligente Menschen tun dumme Dinge. Sie versuchen zum Beispiel immer alles rasend schnell zu machen. Denn wer langsam ist, sei dumm, glaubt man in der westlichen Welt. Für die Bataro und Baganda, zwei Volksstämme aus Uganda, ist Schnelligkeit hingegen ein Zeichen von Dummheit, und Langsamkeit gilt ihnen als intelligent. Erst mal hinhören, abwägen, noch mal nachdenken und in sich gehen statt schnell erledigen, um den Eindruck von Geschäftigkeit zu erwecken und mit Überlastung kokettieren zu können.

Bei der Übertragung dieser Feststellung auf die Arbeitswelt kommt der vom amerikanischen Sozialpsychologen Martin Seligman geprägte Begriff der »gelernten Hilflosigkeit« ins Spiel. Ein Ohnmachtssyndrom, das uns demotiviert, dumm macht oder gar depressiv werden lässt. Wer immer wieder die Erfahrung macht, mit Engagement und Ideen nichts bewirken zu können, der resigniert – früher oder später. Bringt ja eh nix. Den Frust will man sich ersparen.

Der erste Schritt in die Hilflosigkeit ist also Passivität und Desinteresse. Hat sich die Überzeugung, dass man eh nix ändern kann, erst einmal festgesetzt, lässt auch die kreative Fähigkeit, neue Wege zu suchen und zu finden, rasant nach. Aus der sich selbst erfüllenden Prophezeiung entwickelt sich eine Lernbehinderung. Der Hilflose wird dümmer. Er hat keinen Bock mehr und wird immer bräsiger. Wer das Glück hat, einen solchen Kontrollverlust über das Selbstvertrauen wenigstens noch zu spüren, bekommt es erst einmal mit der Angst zu tun. Für eine Weile motiviert dieser Bammel zu dem Versuch, sich wieder reinzuhängen. Doch wenn das erneut scheitert und sich als aussichtslos bestätigt, kann man ja nur noch traurig werden. Seligman nennt das die »Hoffnungslosigkeitsdepression«.

Die reale Folge, die in den letzten Jahren auch immer wieder statistisch erfasst wurde, ist die sogenannte »innere Kündigung«. Laut des Gallup Engagement Index 2012 hat jeder Vierte der Beschäftigten in Deutschland innerlich bereits gekündigt. Weit mehr als die Hälfte machen nur noch Dienst nach Vorschrift. Und dabei geht ihnen nicht nur ihre Freude an der Arbeit flöten, sondern – so die Gallup-Forscher – auch die Motivation, ihren Job besonders gut zu machen.

»Wenn mir hier einer sagt, ich soll die Wand grün streichen,
dann streiche ich sie grün.«
Lutz, Redaktionsleiter der Abteilung Big Bang!

Nach unserem miserablen Auftritt und dem Abgang von Manni waren da keine schlechten Gags, keine Ähs oder Öhms oder derlei übertünchende Versuche, die ich bislang aus der Berufswelt kannte, um sich die Angst mittels gespielter Souveränität nicht anmerken zu lassen. Ich glaube, es war das erste Mal, dass ich sie so schonungslos und nackt in dem Lebenselixier, das wir Arbeit nennen, zur Schau gestellt bekam: die Angst, die mächtigste Kraft der Nullerjahre.

Statt Zeichen der Unbekümmertheit waren da von einer mikrodünnen Talg- und Schweißschicht überzogene Gesichter. Ihr Glanz und ihre rote Wangen erinnerten an Luftballons, die bis an die maximale Grenze ihres Fassungsvolumens aufgeblasen im Wind tänzelten.

Die »kleinen Irritationen« zum Start der »unabhängigen« neuen Internetseite schob ich zunächst auf meine Wahrnehmung. Ich musste mich ja schließlich erst zurechtfinden. So ballerte ich alle Energie in die Inhalte, die es zu schaffen galt: Ich schrieb Reportagen, Blogs, Interviews und drehte Videos. Die anderen arbeiteten auch sehr viel. Scheiß auf die Überstunden, hier geht’s jetzt um was. Und doch war, nachdem es sich etwa drei Monate lang angeschlichen hatte, das Gefühl inzwischen unausweichlich: Hier läuft was schief.

Beim Versuch, die Erwartungen zu erfüllen, produzierten wir einen Haufen Dreck. Denn es gab keinen Manni, der uns sagte: »Jetzt seid mal eigenständig und frei, wofür habe ich einen Haufen echter Journalisten eingestellt? Doch nicht, um hier die üblichen Parteimeldungen abzutippen!« Auch einen mutigen Abteilungsleiter gab es nicht, der uns geschützt hätte mit Sätzen wie: »Nein, unsere Mitarbeiter können Sie bei der 20-Jahr-Feier des parteinahen Geflügelzüchtervereins leider nicht besuchen, auch wenn ein Ortsvorsteher der Partei dort im Beirat sitzen mag. Wir wollen weg von diesem furztrockenen Verständnis von einer Redaktion innerhalb einer Partei. Wir sind unserem Berufsethos als Journalisten verpflichtet, und erst dann der Partei, dafür wurden wir geschaffen!«

Und, um ehrlich zu sein: Das Team, die Journalisten einerseits und die medienerfahrenen Fachkräfte mit Parteilaufbahn andererseits, waren auch alle ziemlich verdruckst. Mich eingeschlossen. Warum eigentlich?

Ich will versuchen, der Erklärung näherzukommen. Und ich bin mir sicher, dass es in dieser Geschichte Momente gibt, die jeder junge Berufstätige wiedererkennen wird.

Eines Abends saß ich noch mit meinem Lieblingskollegen Niels und unserem Chef Lutz im Büro. Lieblingskollege nenne ich Niels deshalb, weil ich ihn bis dahin für einen der Aufrichtigsten und Passioniertesten in unserem Team hielt – und er der gleichen Meinung war wie ich: Wir sind nicht auf Kurs, wir blubbern. Und das, obwohl Niels Parteimitglied war. Daran konnte es also nicht liegen, dass uns Lutz mit großen Augen ansah, als wir ihm an diesem Abend unsere Bedenken erklärten.

Ich sagte Sachen wie: »Wir sollten langsam mal anfangen, wie eine Redaktion zu arbeiten. Wir brauchen eigene Strukturen. Wenn wir immer nur auf die Anfragen von Büroleitern reagieren, die scheinbar keine Ahnung von dem Sinn dieses Projekts haben, kommen wir nicht voran« oder: »Wissen eigentlich die Leute im Haus, wer wir sind und was wir hier machen – und vor allem warum?« Mit jedem Wort, jedem vorsichtigen Argument, jedem kleinen Widerspruch wurde die Luft allmählich dicker und die Stimmung gereizter.

Es ging mir nicht um Streit. Ich hatte ganz grundsätzliche Fragen an das Projekt, für das ich angetreten war, und wollte diese meinem direkten Chef stellen. So macht man das doch im Berufsleben, oder? Man sagt vorsichtig, was man will, was man für richtig hält, und dann kommt man zusammen der Sache näher.

Aber das geschah nicht. Ich unterdrückte meine Zweifel und nahm allen Mut zusammen: »Wir sind eine Redaktion. Es ist unsere Aufgabe, unsere Themen selbst zu setzen. Das ergibt sonst keinen Sinn, das ganze Projekt!«

Dieser Satz war eine Bombe, eine große Frechheit. Lutz wurde sofort rot. Gleichzeitig wirkte er irgendwie wie eine japanische Comic-Figur, deren Ausdrucksmöglichkeiten darauf beschränkt sind, große Augen zu machen. Er sagte einfach gar nichts; es schien ihm alles nur irre unangenehm.

Niels kannte die Partei schon einige Jahre und hatte eine klare, aber konziliantere Ansprache als ich. Ich fand, dass wir die Lage realistisch beschrieben hatten – nämlich dass wir unsere Arbeitsweise grundlegend ändern müssten, wenn wir nicht wollten, dass dieses Projekt in der Nichtigkeit versank. Nachdem Niels ihm meinen Vorstoß ins Erträgliche übersetzt hatte, fasste Lutz sich langsam wieder ein Herz und reagierte einsichtig: »Ja, so verstehe ich das.« Doch das war nur Pädagogik. Denn auf jedes »Ihr habt ja recht …« folgte für den Rest des Gesprächs ein »… aber«.

Und schließlich kam der Satz, den ich wohl niemals vergessen werde. Der Chef hatte im Laufe des Gesprächs immer mehr seiner sonst üblichen Sanftheit abgelegt und sagte plötzlich energisch: »Wenn mir hier jemand sagt, ich soll die Wand grün streichen, dann streiche ich die Wand grün!«

Karriere macht dumm.

Egal, welche Posten in der Hierarchie man genauer betrachtet – überall lauert die Dummheit. Unter den Angestellten ist das Phänomen nicht neu. In einem Experiment testete der amerikanische Psychologe Stanley Milgram Anfang der Sechziger, inwieweit Menschen den Anweisungen einer Autoritätsperson auch dann Folge leisten, wenn die Weisung mit ihrem Gewissen unvereinbar scheint. Es ging um Schmerzen, Angst, gar den Tod. Es war ein bisschen wie beim Improvisationstheater.

»Stellen Sie sich vor, Sie sind Lehrer und haben hier einen Schüler vor sich, der eine Aufgabe auf Ihre Aufforderung hin lösen muss.« Was die »Lehrer« in diesem Versuch nicht wussten: Sie waren die einzig wahren Probanden, alle anderen Schauspieler.

Die »Schüler« sollten Wortpaare richtig zusammensetzen. Machten sie einen Fehler, sollten die »Lehrer« sie mittels eines elektrischen Schlags bestrafen. Der vermeintliche Versuchsleiter gab die Anweisung, mit jedem Fehler die Stärke des Stromschlags zu erhöhen. Wimmern, Schreie, angsterfüllte Mienen, starre Körper, die nur noch zuckten, wenn ein »Lehrer« den Stromknopf drückte. Alles Show, doch das wussten die am Drücker ja nicht.

Drei Viertel der Versuchsteilnehmer taten, was man ihnen befahl – manche sogar trotz Hinweis des »Versuchsleiters«, dass ein »Schüler« bereits dem Tod nahe sei.

Wie Gehorsam zu Intelligenz im Verhältnis steht, zeigten wiederum Peter Burley und John McGuiness einige Jahre später in einer Replikation des Milgram-Experiments mit 24 Studenten. Die ungehorsamen Probanden schnitten bei einem Test zur sozialen Intelligenz weitaus besser ab als die gehorsamen Versuchspersonen. Die Forscher schlussfolgerten also, dass die geistigen Fähigkeiten bei der individuellen Ausprägung des Gehorsams einen Unterschied machen.

Die Folgen dieses Zusammenhangs kann jeder Arbeitnehmer täglich am Arbeitsplatz nachvollziehen: Nicht Intelligenz, sondern Gehorsam ist der Karriere förderlich. Was im Umkehrschluss bedeutet: Wer die Karriereleiter ungehindert hinaufgeklettert ist, hat entweder ein gewisses Maß an Dummheit mitgebracht oder – viel wahrscheinlicher – ein gewisses Maß an Intelligenz bewusst beim Pförtner eingelagert.

»There’s no Business like Show Business.«
Irving Berlin

Tjaja, das ist das Leben. Es ist eine große Show. Aber was, wenn keiner das Spektakel mehr sehen will? Die neuen Spielregeln standen in der Redaktion im Raum. Regel Nummer eins: anders und besser! Dafür waren wir jungen »Profis« ja zusammengetrommelt worden. Aber niemand wollte nach den neuen Regeln spielen. Stattdessen wunderten sich alle, dass man auf dem neuen Spielfeld mit den alten Regeln nicht zu Potte kam.

Und damit waren wir bei die-andere-volkspartei.de nicht allein. Woher rührt der neue Korpsgeist? Das Anpassertum? Die Angst, diese verfluchte Angst vor der eigenen Courage?

In der Nacht nach dem Gespräch mit Lutz und Niels träumte ich schlecht. In meinem Kopf brüllte ein Widerspruch, die totale Empörung über so viel Resignation: »… streiche ich die Wand grün«. In meinem Traum sah ich, wie der Revolutionsanführer Lutz seinen Überstundenzettel ausfüllte und in die Hauspost warf. Er stellte eine Abwesenheitsnotiz ein: »… erreichen Sie mich in dringenden Fällen montags bis samstags von 06:30 Uhr bis 24:00 per Mobiltelefon 0171 …« Dann legte er seinen Hals in die Guillotine und entsicherte selbst das Fallbeil. Sein Kopf fiel, sein Körper aber richtete sich auf und lief Manni nach, doch Manni war schneller. Und dann blubberten mit etwas Blut aus dem abgeschnittenen Kopf seine letzten Worte: »Stets zu Diensten!«

Ein seltsamer Traum, aus dem ich da aufwachte. Mir war heiß. Ich ging auf den Balkon und blickte zu den Sternen. Ja, da funkelte die Aufklärung, die Berufung. Ein jugendliches Gefühl, das ich mir vermutlich abgewöhnen sollte. Alix, du wirst jetzt erwachsen. Veränderungen brauchen Zeit, und in der Welt da draußen, da muss man sich anpassen, weißt du! Man kann nicht mit dem Kopf durch die Wand!

Aber da war gar keine Wand. Diese Wand ist nur eine Einbildung. Da ist einfach kein Kopf. Wir laufen einer Autorität nach, die es gar nicht gibt. Oder nicht geben müsste. Man nennt das: Karriere.

Am nächsten Tag meldete ich mich zum ersten Mal krank.

»Hallo? Sind Sie noch dran?«
Nö.

Der nächste Morgen: Meine Augen rissen auf und mich aus dem Schlaf. Ich blickte in Richtung Fenster. Die Wolken flogen vorbei. Rasant. Auf der Bettkante sitzend schaute ich ihnen eine Weile zu, in der Hoffnung, sie mögen an Fahrt verlieren. Ich war unruhig und deprimiert. Und das nur, weil ich mich am Vorabend per Mail krankgemeldet hatte?

Sei’s drum – ich war nun wach und zum Dasein verdammt. Ich aktivierte mich also, begann aufzuräumen. Und ich machte Kaffee, die leistungssteigernde Droge der betriebsamen Mittelschicht, die in Berlin doch alle zu jeder Tages- und Nachtzeit schlürfen, um wie die Belämmerten an ihren Laptops herumzudrücken. Ob sie dafür bezahlt werden oder nicht.

Es dauerte drei Stunden, bis ich es akzeptieren konnte: Ja, ich war schuldig, ich hatte mich für diesen Tag krankgemeldet – ich würde wirklich nicht auf Arbeit gehen.

Das Diensthandy klingelte. Und ich ging einfach nicht ran.

Es klingelte noch einmal. Und ein drittes Mal. Ich war versucht zurückzurufen. Aber irgendwie schaffte ich es, das nicht zu tun. Stattdessen checkte ich die Mails. Großer Fehler.

Mein Posteingang sagte mir, dass ich an diesem Tag einiges versäumen würde. Zum Beispiel einen Fototermin mit der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden, ein Meeting, bei dem unsinnige Aufgaben an diejenigen verteilt werden konnten, die sich ihrer erbarmten, und eine Grundsatzdiskussion über das Anforderungsformular für Büroartikel.

Glücklicherweise durfte ich an diesen wichtigen Aufgaben nicht teilnehmen. Ich lag auf dem Sofa vorm Fernseher. Schnell schlief ich ein.

»Ein Laufrad ist keine Beschäftigung.«
hamsterforum.de

Offenbar war ich tot. An der Himmelspforte verlangte Petrus meinen Lebenslauf. Er befand sich in meiner Multifunktionstasche, die mir lässig über der Schulter hing.

»Moment«, sagte ich, »kein Problem!«

Ich holte meinen Tablet-PC hervor und fragte: »Kann ich Ihnen das PDF per Mail schicken?«

Petrus schien verzückt: »Wir haben auf das papierlose Büro umgestellt! We’re online!«

Seine Aussage erschien mir etwas altbacken in ihrer Euphorie, nun im Neuland des digitalen Zeitalters angekommen zu sein. Man war also eingeloggt.

Ich drückte auf Senden, Sekunden später ertönte die Nachricht in Petrus’ Gürteltasche. Er zog sein iPhone hervor und scrollte sich durch meinen Lebenslauf.

»Gut … Frau Faßmann, 1983, Hannover … gut … also, wir duzen uns hier im Allgemeinen.«

»Ja, äh, Alix. Mein Name.«

»Petrus.«

»Danke.«

Petrus hob eine Augenbraue und scrollte dann weiter. »Gut …«

»Reicht das fürs Paradies?«

»Gut …« Er schien in seine Aufgabe vertieft zu sein und scrollte weiter. Dann blickte er auf, als habe er an etwas anderes denken müssen. Hinter mir hatte sich schon ein kleiner Stau gebildet. Viele schienen gerade Einlass ins Paradies zu begehren.

Petrus schnippte mit den Fingern und winkte den Nächsten heran: »Kann passieren!«

»Was? Was? Darf ich nicht rein? Darf ich nicht rein? Wo – wo – wo …?«, stotterte ich, aber die Himmelspforte öffnete sich und ein goldgelbes Licht erschien. Ich durfte eintreten, aber ich war noch ganz benommen von dem Schrecken. Eine Stimme, nein, viele Stimmen sprachen zu mir, ganz sanft, ganz sacht, in einer wundervollen Harmonie:

»Liebe Alix, du hast ein Leben lang gearbeitet, du hast deinen Herren gedient, das ist gottgefällig! Du hast dich durch Flexibilität, Erreichbarkeit, Online-Kompetenzen und eine Vielzahl an Überstunden ausgezeichnet. Du hast dein Studium mit einer Eins abgeschlossen. Du hast unbezahlte Praktika gemacht, wie es dein Auftrag war. Du hast dich um Fortbildungen beworben und einen Journalistenpreis bekommen. Du hast zwei Kinder in die Welt gesetzt und damit dein Plansoll abgeleistet, auch wenn es ein bisschen mehr sein könnte, aber okay, die Zeiten waren so …«

Ich errötete und schloss die Augen, denn das göttliche Licht war irre hell.

»… du hast nur dann geflunkert, wenn es deiner Karriere nützlich war, du hast für wohltätige Organisationen gespendet, bist auf Ökostrom umgestiegen und hast deinen Hund gut behandelt. Du hattest ein offenes Ohr für Freunde und Verwandte gehabt, das ist alles gottgefällig.«

Eine gewisse Erleichterung stellte sich ein. Ich würde in den Himmel kommen.

»Aber da war auch eine Menge Hass in dir. Du hast deine Arbeit verteufelt, weil du die Anpasserei verabscheust. Es ging dir alles nicht schnell genug. Und du wolltest sogar die Brocken hinwerfen.«

»Jaja, äh, aber ich habe die Zähne zusammengebissen und einfach immer weitergemacht bis zur Rente!«

»Ja, das ist gottgefällig! Komm rein!«

»Danke! Danke!«

»Amen!«

»Gute Mädchen kommen in den Himmel. Böse überallhin.«
Titel auf einem Buchrücken im Regal meiner Mutter

Als ich wieder aufwachte, war es finster, und die Arbeitsministerin blickte mich an. Frau Dr. Ursula von der Leyen nickte mir und allen Zuschauern an den Empfangsgeräten zu und lächelte ein Fernsehlächeln.

Immerhin: Ich war ausgeschlafen. Die fitnessklubschlanke Ministerin erzählte von ihren sieben Kindern, ihrem Medizinstudium und ihrer Karriere in der Politik. Die Moderation leitete zum Thema Jugendarbeitslosigkeit über: »… in Spanien sind fast 60 Prozent der unter 25-Jährigen arbeitslos, in Griechenland noch mehr, in Portugal um die 40 Prozent ohne Job, in Frankreich 30 Prozent, in Schweden 25 Prozent, in Großbritannien 20 Prozent, in Finnland und sogar im reichen Luxemburg haben 20 Prozent kein eigenes Einkommen …«

Die Ministerin erwiderte, dass in Deutschland »Riesenerfolge« erzielt wurden. Hierzulande seien nur so um die 8 Prozent arbeitslos, viele bereits »in Arbeit« gebracht. Und wer nicht arbeite, nicht »in Arbeit« sei, der werde durch »Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen«, »Ausbildungspakte«, »Wiedereingliederungen«, »Fortbildungen«, »Trainings« und »Sofortmaßnahmen« vom Staat schon »auf den Weg gebracht«; wenn nicht gar zur Strecke, dachte ich still bei mir. Die Arbeitsministerin stellte sich und der Regierung, der sie angehörte, ein hübsches Zeugnis aus: »Die Bundesregierung hat einen guten Job gemacht! Das müssen auch Sie anerkennen!«

Arbeit, das Zentrum der Welt. Alles hat Arbeit zu sein. Was nicht Arbeit ist, ist schlecht. Wer gerade mal nicht arbeitet, säuft zumindest literweise Kaffee, damit er schneller denken kann an die Arbeit, die er jetzt gleich machen wird, die Mails, die er checken muss, oder zumindest – das kann doch nun wirklich erwartet werden! – die 30 Bewerbungen, die er pro Monat zu schreiben hat, wenn er keine Arbeit hat.

Von der Leyen betonte die schrecklichen Auswirkungen der Nicht-Arbeit. Menschen, irgendwoher wusste sie das, litten ganz fürchterlich darunter, wenn sie nicht arbeiteten. »Arbeitslosigkeit macht krank!«

Ich spürte: Ich war so ausgeschlafen, ich hätte feiern gehen können und tanzen.

Während die Moderatorin soziale Unruhen in London, Madrid, Paris usw. aufzählte, erinnerte ich mich an ein Bewerbungsseminar in der elften Klasse meines Gymnasiums. Bezeichnenderweise wurde es von einem Mitarbeiter der Krankenkasse für Angestellte durchgeführt, warum auch immer. Er kam für einen Tag an unsere Schule, um zwei Jahre vor dem Schulabschluss schon mal Bewerbungstrainings zu machen. Rot-Grün war wiedergewählt an der Regierung und hatte gerade Hartz IV eingeführt, also die Sozialhilfe für arme Leute halbiert. Der Bewerbungscoach von der Krankenkasse ging zunächst auf das Erscheinungsbild der jungen BewerberInnen ein.

Piercings und Tattoos senken die Aussichten auf Einstellung!, sagte er (das war vor der tätowierten Bundespräsidentengattin Bettina Wulff). Saubere Schuhe seien die Eintrittskarte in die Arbeitswelt! Und so weiter. Opas Kino halt.

Dann brachte der arme Mann uns bei, wie man einen Brief aufsetzt. Dafür legte er Folien auf den Projektor: »Brigitte Mustermann, Musterstraße 11, 1234 Musterstadt. Krankenkasse der Angestellten AG, Personalabteilung, zu Händen Herrn Mustermann.«

Ich glaube, ich blätterte die meiste Zeit unter dem Tisch in irgendeinem Modeheft rum und sah mir »sportlich-dynamische Looks für Indie-Boys und Indie-Girls« an. Am Rande bekam ich mit, wie der Coach immer wieder repetierte, dass man mit dieser oder jener Maßnahme »bei seinem künftigen Arbeitgeber einen guten Eindruck hinterlassen« würde.

– »Wie kann ich mich besonders gut in die Hierarchie einbringen?«

– »Wo sehe ich mich in 5, 10, 15 Jahren?«

– »Welche Aufstiegschancen habe ich?«

Um sich als zukünftiger Mitarbeiter zu empfehlen sollte man sagen, man sei

– »leistungsbereit«

– ein »Teamplayer«

– allenfalls »manchmal zu ehrgeizig«

– »top motiviert«

– undsoweiterundsofort.

Im Wesentlichen ging es also darum, wie man seinem künftigen Chef kräftig in den Arsch kriecht.

Da sich niemand meldete, um dem bärtigen Coach von der Krankenkasse eine Frage zu stellen, entschloss ich mich, das zu übernehmen.

Das fand er prima: »Ja, bitte!«

»Ich wollte fragen, ob Sie dieses Bewerbungsseminar auch an anderen Schulen machen.«

»Ja, dann fragen Sie es doch einfach!«, sagte er.

Ein ganz schlauer Fuchs, der Bär mit der Folie, aber ein paar kratzige Lacher der pickeligen Jungs konnte er damals tatsächlich damit ernten.

»Also vielen Dank für Ihren Vortrag, Herr, äh …«

»Brandstätter.« Kein Mustermann also.

»Brandstätter, vielen Dank. Also bringen Sie das, was Sie jetzt uns gezeigt haben, auch anderen Schülern bei?«

»Ja, allen Schülerinnen und Schülern der elften Klassen an Ihrer Schule und allen elften Klassen an den Gymnasien und Technischen Gymnasien im Norden der Stadt und des Umlandes.« Er schien einen gewissen Stolz dabei zu empfinden: Arbeit! Warum auch nicht.

»Und was ist mit den Schulen im Süden?«

»Da macht das ein anderer Kollege.«

»Und der hat auch diese Folien.«

»Äh – ja.«

»Dann sind jetzt alle Schüler der elften Klasse auf dem gleichen Stand und können sich so richtig gut bewerben?«

»Nun, es kommt natürlich darauf an, was der Einzelne daraus macht, aber wir sind bemüht, Ihnen allen das Handwerkszeug mitzugeben, um Ihren Berufseinstieg zu begünstigen.« Seine verschwurbelte Antwort ließ darauf schließen, dass er Lunte roch, dass ich ihm ein bisschen an den Kragen wollte.

»Wenn sich jetzt alle gleich gut bewerben können, und wir jetzt alle richtig toppe Briefe schreiben an unsere künftigen Arbeitgeber, also alle gleichmäßig besser sind und die Adresse genau gleich gut an Herrn Mustermann bei der Krankenkasse adressieren können, keine Piercings, kluge Fragen und so weiter – wo ist dann noch der Unterschied?«

Darauf hatte er keine Antwort. Es gibt ja auch keine.

»Also, verstehen Sie mich nicht falsch. Vielen Dank noch mal für diese Unterrichtsstunde, und ich glaube, es läutet auch gleich, und ich will Sie gar nicht nerven. Aber ich frage mich wirklich, was das bringt, wenn jetzt alle alles genau gleich machen, die gleichen Sachen sagen wie ›Meine Stärken sind, dass ich ein Teamplayer bin und manchmal zu ehrgeizig‹ und so weiter.«

Darauf hatte er noch immer keine Antwort, warum auch, und er erzählte irgendwas von »Top-Chancen« im Berufsleben.

Seltsam trotzig, dass ich dann noch einmal nachsetzte: »Aber es gibt doch nicht mehr Arbeitsplätze, nur weil sich alle besser bewerben? Und wenn sich alle besser bewerben, dann bringt das doch auch keine Vorteile für die Bewerber, denn alle bekommen ja das gleiche Bewerbungstraining. Und die Chefs haben ja auch keine Vorteile, denn wenn sie alle gleich gut anlügen, dann sind das ja immer noch dieselben Leute … oder entstehen vielleicht doch neue Arbeitsplätze, wenn sich die Bewerber besonders gut bewerben?«

»Nein.«

Das war dann der Moment, in dem meine Klassenlehrerin aufsprang, die bis zu meiner Frage selig in der Ecke gedöst hatte, und ganz glücklich war, dass der Bärtige von der Krankenkasse die Stunde schmiss, also die Arbeit machte. Endlich konnte sie mal in der Brigitte blättern, die sie über ihrem Schoß aufgeschlagen hatte, auf einer Doppelseite über die tote Lady Diana und ihren letzten Liebhaber Dodi. Lehrer gehören zu den wahnsinnig überarbeiteten Berufsgruppen und brauchen auch mal Entspannung.

Frau Waldspecht bat mich, »diese nickelige Fragerei jetzt zu lassen«. Kein Wunder, denn wie mir später auffiel, hatte ich ja indirekt auch ihren Beruf angegriffen: Was bringt es, den Lehrplan durchzuziehen, damit »alle auf gleichem Stand sind«, »Teamplayer« und »manchmal zu ehrgeizig«, wenn es letztlich nur darum geht, dass sie irgendwo gut in den Job kommen. Heute kann ich verstehen, dass meine Klassenlehrerin meine Fragerei nicht so gut fand, denn damit war der ganze Sinn der Ausbildung für die Ausbildung, für »Chancen, Chancen, Chancen!«, ja infrage gestellt.

Und darauf, auf den Chancen beziehungsweise dem Mangel daran, beruht schließlich das ganze System, das uns nach dem Schulabschluss in die Mangel nimmt: Arbeit ist nicht für alle da. Wer sie bekommt, hat Glück gehabt. Nein, mehr noch, wer keine Arbeit hat, ist ein bedauerlicher Pechvogel. Gelernt ist gelernt. Oder salopp in der Fachsprache der Pennäler ausgedrückt: »Lernen, lernen, popernen.«

»Fortschritt ist tot! Es lebe Neuer Fortschritt!«
Fortschrittlicher Slogan

Arbeit ist heute untrennbar verbunden mit der Angst, sie wieder zu verlieren. Dabei spielt die Arbeit mit dem guten Gefühl, etwas geschafft zu haben, etwas wert zu sein. Gleichzeitig droht sie aber damit, bei ihrem Verlust alles mitzunehmen, was einen zum Teil der Gesellschaft macht: Geld, Anerkennung, Kollegen, Erfolg, Selbstverwirklichung.

Derjenige, der heute keine Arbeit hat, gehört nicht mehr zur produktiven, leistungsstarken Gesellschaft. Er wird ausgeschlossen, er verliert seinen Wert. Da können Politiker und Werbeunternehmen noch so sehr von »Chancen, Chancen, Chancen« schwadronieren. Wer arbeitet, ob nun als Angestellter oder sogenannter Freelancer, begibt sich immer auf dieses seltsame Terrain, bei dem die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes stets mitschwingt.

Den Mann von der Krankenkasse mit der Musterfolie mögen die meisten, wie ich damals, noch nicht so ernst genommen haben. Aber spätestens ab dem dritten Semester spricht irgendeine Stimme zum Studenten, er möge sich immer strebend bemühen. Denn nur dann, so wird ihm eingebläut, klappt es am Ende auch mit dem Arbeitsplatz, dem Geld, der Sicherheit und überhaupt, dem ganzen Leben.

In Berufsausbildungen fängt das noch früher an. Da muss man ja schon ein paar Jahre vorher eine Bewerbung an Herrn Mustermann schreiben, oder Dutzende, Hunderte davon. Monate-, teils jahrelang, bis man in einem Betrieb mitmachen darf für ein unbezahltes Praktikum oder eine Ausbildung auf Probe. Für circa 300 Euro monatlich im ersten Lehrjahr. Das reicht gerade mal für Kippen und Alcopops, nicht zum Leben.

Nun, ich hatte es geschafft. Ich bin weiblich, 28, Journalistin, hatte bei dem Folienmann von der Krankenkasse nicht richtig zugehört und mich trotzdem irgendwie durchgeschleimt. Oder sogar vergleichsweise wenig geschleimt, aber vielleicht die richtige sportlich-dynamische Kleidung getragen. Keine Ahnung, es hatte halt geklappt. Ich war eine der wenigen Auserwählten im Top-Job, umworben, abgeworben, aufgestiegen – und relativ gut bezahlt. Nach ein paar Praktika und einem Zeitvertrag sogar in Festanstellung, wenn auch ohne Weihnachtsgeld und mit unbezahlten Überstunden.

Das ist für die meisten meiner Generation schon absolut im oberen Drittel, wenn nicht noch besser. Dazu ein Job mit Renommee und allen Aussichten, durch einen weiteren Wechsel, beispielsweise »in die freie Wirtschaft«, noch einmal mein Gehalt zu verdoppeln und so richtig schön Karriere zu machen, mit Aktenkoffer, Kostüm, womöglich eines Tages sogar mit Fahrdienst. Und was es dann noch so gibt, wenn man erst mal so richtig kräftig drinsteckt, im Arsch der Macht, also der Arbeit, beziehungsweise deren Organisationszentralen, den Chefetagen, Aufsichtsräten, Personalabteilungen, dem Management, der Leitung.

Aber bei aller Coolness und dem zur Schau getragenen Zynismus – die Angst schwang bei mir und meiner Generation schon immer mit. Das ist ja auch kein Wunder. Die Beschäftigungsverhältnisse sind unsicher wie nie, und der Abstieg kann schneller kommen als noch bei unseren Eltern. Deswegen kommt es immer häufiger vor, dass wir den Kopf ausschalten. Nicht nur der Wunsch nach Karriere, auch die Angst davor, sie zu versäumen und ins Bodenlose zu fallen, macht uns zu Dummköpfen. Leidtragende sind paradoxerweise nicht nur wir selbst, sondern in letzter Konsequenz auch die Unternehmen und der »Wirtschaftsstandort« Deutschland. Denn woher sollen die Ideen kommen, wenn uns schon in der Schule beigebracht wird, das Denken abzustellen.

»Ist es ein Fortschritt, wenn ein Kannibale
Messer und Gabel benutzt?«
Stanislaw Jerzy Lec

Ob es nun am Bewerbungstraining in der elften Klasse gelegen hat, an meiner tadellosen Einstellung oder womöglich doch an einem gewissen Talent für meinen Beruf – jedenfalls hatte ich Karriere gemacht. Und nach meiner Krankmeldung musste ich – als verantwortungsbewusste Karrieristin – wohl oder übel wieder hin ins Büro. Am nächsten Tag war ich also zurück in der Zentrale, wieder in Arbeit, wieder auf Arbeit, mittendrin in der Karrieremaschine. Karriere leitet sich tatsächlich etymologisch von der »Karre« ab, dem Vehikel, la carrière, der Fortschritt, das Weiterkommen, aufsteigen. Ranklotzen. Sie verstehen.

Mein Kollege Konrad hatte das zweifellos auch verstanden. Er stand sozusagen mit beiden Füßen auf dem Gas und war durch und durch »kompetent«.

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