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Apple zum Frühstück

Impressum

ISBN 978-3-8412-0657-2

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Oktober 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Blumenbar, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Einbandgestaltung und Illustration Tim Jockel, Berlin

unter Verwendung eines Fotos von Jackie A.

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH,

www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

www.blumenbar.de

0. Vor dem Aufstehen

Apple zum Frühstück? Nie habe ich einen Apfel zum Frühstück gegessen, auch gleichnamiger Computerhersteller bedeutet mir nichts. Seit Wochen diskutiere ich über diesen Buchtitel, den mein Verlag so passend findet und der rein gar nichts mit mir und meinem Leben zu tun hat – oder etwa doch? Okay, mein Handy hat dieses Apple-Logo. Und ja, es stimmt schon, es liegt immer gleich neben dem Bett und ist das Erste, wonach ich morgens greife. Und das nicht nur, um den Wecker auszuschalten, sondern auch um gleich mal zu schauen, was es auf Facebook, Twitter, Instagram, Timehop, Nerdcore, Spiegelonline, Berlinonline und Google Plus gerade so gibt.

Aber ich bin verdammt noch mal keiner von diesen Apple-Freaks! Ich telefoniere mit einem billigen Discotel-Tarif, kaufe meine Marmelade bei Aldi und bin bereit, alles zu nutzen, was mich nur schnell genug ins Internet bringt. Und sollte auf dem Buchcover wirklich Apple zum Frühstück stehen, werde ich diese Stadt verlassen und auswandern in ein Land, durchzogen von W-Lan-Flüssen, wo Smartphones auf Wiesen und an Bäumen wachsen, bereit, von mittellosen oder gelangweilten Eingeborenen gepflückt zu werden.

Mein Name ist Jackie A., ich lebe in Berlin und gehöre zu einer aussterbenden Spezies. Geboren und aufgewachsen bin ich in der analogen Zeit, erwachsen und zu Hause im digitalen Jetzt. Leute wie mich wird es bald nicht mehr geben, und in naher Zukunft werden sich die Menschen über eine Briefmarke nur noch wundern. Als Teenager habe ich mit Tintenfüller in mein Schulheft geschrieben, und wenn ich telefonieren musste, zog ich den Parka an und schlappte an die Straßenecke zum nächsten Münzfernsprecher. Ich stand auf Jungs mit toupierten Haaren und mein intimster Ansprechpartner war mein spinatgrünes Tagebuch. Inzwischen bin ich erwachsen geworden, und so wie es aussieht, die ganze Welt gleich mit. Statt mit Münztelefon und Tagebuch habe ich es mit Smartphone, kaputten Ladekabeln und Laptops zu tun, mit W-Lan, mobilem Internet und Männern mit Haarwuchsproblemen. Ich bin komplett vernetzt, selbst auf dem WC verschafft mein Handy mir Weltanschluss. Schalte ich es am Morgen ein, tobt auf Facebook schon das Leben. Aufrufe zur Demo,Wow-Kommentare unter Fotos von Partys der letzten Nacht, Bilder von morgendlichen Latte Macchiatos und Katzen in allen Variationen, Postings zum Wetter und zur politischen Lage, Bekanntgaben von Ist wieder Single oder Unser Baby ist da. Ein Club im Humboldthain eröffnet mit dem nicht ganz ernst gemeinten Hinweis, man könne dort vorbeischauen und LSD nehmen, aber auch gerne anderen Leuten dabei zugucken. Schon aus beruflichen Gründen möchte ich zugucken und klicke auf teilnehmen. Bei Twitter aktualisiert sich die Timeline sekündlich, während ich Tweets durchforste, darunter Perlen wie jene von Sibylle Berg: »Unsere Form des gelebten Wiederstandes: Entfaven und Entliken«. Oder Herr Haekelschweins Bemerkung »Wandteller sind die Altersflecken der Wohnung« Twitter ist meine Poesie- und Informationsmaschine. Meine Stammkneipe allerdings ist Facebook.

Wie, schon elf Uhr? – Rein in den Bademantel, ran an den Schreibtisch. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass ich Kolumnistin bin. Ich schreibe über meinen Alltag hier in Berlin, und die häufigste Frage, die mir auf einer Party gestellt wird, lautet: Kann man davon leben? Doch, klar, antworte ich dann, in stiller Erwartung der zweithäufigsten Frage, die meist wenig später folgt: Wie wird man das eigentlich, Kolumnistin? Und ernsthaft, ich weiß es nicht. Ich habe keine abgeschlossene Ausbildung, nicht einmal Abitur. Mein größter Berufswunsch war es, Pantomime zu werden, und wenn ich heute einen weiß geschminkten Mann auf einem Kasten vor einem U-Bahn-Eingang performen sehe, bin ich eigentlich ganz froh, dass ich es mir nach einem Beratungsgespräch in der Artistenschule Etage Ende der achtziger Jahre doch noch anders überlegt habe. Geschrieben habe ich immer schon, wenn auch selten nach der aktuellen Rechtschreibung. Noch lieber habe ich getanzt, manchmal auf Bühnen, häufiger auf Lautsprecherboxen. Lange Zeit besaß ich nichts, nur einige Exemplare fragwürdiger Literatur lagen auf dem Boden meines spärlich eingerichteten Zimmers. Darunter Bücher mit vielsagenden Titeln wieNeurose und menschliches Wachstum. Noch faszinierender als Pantomime fand ich nämlich die menschliche Psychologie, und ich wollte alles über sie erfahren. Nach einem Dutzend Exemplaren von C.G. Jung hatte ich dann erst mal genug gelernt – auch über besorgniserregende Gemütszustände berühmter Psychoanalytiker. Im einzigen Schrank, einem Stück aus dem Sperrmüll, lagerten, neben brisanter Disco-Garderobe, auch schwarze, rote und blonde Perücken für eine wallende Mähne oder einen strengen Garçonschnitt im Handumdrehen. Das übliche Equipment für Jobs als Gogotänzerin oder als Neunziger-Jahre-Technoprinzessin, die sich auf Wagen der ersten Loveparade-Umzüge in absurden Outfits abmühte, die Aufmerksamkeit der Weltbevölkerung auf sich zu ziehen – vorerst vergeblich.

Hier schreibt also eine improvisationsbereite Person auf der Suche nach ein bisschen Aufmerksamkeit, nach Antworten und irgendeinem tieferen Sinn, getrieben von einer großen und unkaputtbaren Gier nach Leben. Es beginnt 1989 mit der Flucht in den Westen. In einem blauen Trabant. Raus aus dem Osten, aus den grauen Plattenbauvierteln am Rande Potsdams, rüber in die ČSSR. Nachts mit Mutter und Schwester über einen dunklen, menschenleeren Platz im Prager Zentrum rennen, vorbei an ringsum stationierten Panzern zur Botschaft der BRD. Dann ohne Pässe mit dem Zug weiter inmitten schreiender Kleinkinder und vollkommen überwältigter und vor Glück weinender Menschen in den Westen, den hoffentlich goldenen …

Im Auffanglager im bayerischen Dingolfing startete mein neues Leben dann eher unglamourös in karierter Bettwäsche, in der Hand eine Haarbürste und das Bravo Magazin – meine erste Anschaffung im örtlichen Supermarkt. Mit dem Flugzeug reisten wir weiter nach Westberlin, und die Ereignisse überschlugen sich.

Berliner Mauerfall, Nacht um Nacht in Clubs, Acid House und Raves, Planet, E-Werk, Walfisch, Tresor, Bunker, Cartier, Gay Tea Dance. Tagelange Partys in Kellern ohne Namen oder leerstehenden Fabrikhallen. Knutschen im Stroboskop. Im Planet auf dem Boden vor der Toilette im Dreck liegen und unter das Shirt eines Jungen greifen, gierig, nach Körper und Leben. Drogen nehmen, auch Menschen sterben sehen. Türsteherin in ehemaligem Nazibunker nachts. KaDeWe-Süßwarenabteilung tagsüber. Dann der Liebe wegen nach Israel. Hochzeit planen und kurz vorher weglaufen. Wieder zurück nach Berlin – Mensch, Berlin!

Dann lernte ich diese Frau kennen. Gudrun Gut sah dem Namen entsprechend ziemlich gut aus. Allerdings hatte ich keine Ahnung, dass ich es mit einer Ikone zu tun hatte. Sie spielte einst Schlagzeug bei der Punkfrauenband Malaria! und hatte mit »Kaltes, klares Wasser« in England einen Riesenhit gelandet. In den Achtzigern hing sie mit all den genialen Typen ab: Einstürzende Neubauten, Nick Cave, Martin Gore. Sie war die Geheimnisvolle mit den langen dunklen Haaren und den ebenmäßigen Gesichtszügen. Ich war die mit dem Mops-Gesicht und den abstehenden Zöpfen. Ich jobbte auf einer ihrer Partys im Tresorkeller, und sie fand mich wohl amüsant. Im Rahmen einer Fördermaßnahme für schwer vermittelbare Jugendliche kam ich dann bei ihrem Independentlabel mit dem lustigen Namen Monika unter. Meine schöne, kettenrauchende Chefin nahm prinzipiell nur Frauen unter Vertrag und konnte hin und wieder echt anstrengend werden, wie das ja häufiger der Fall ist bei interessanten Menschen. Ich kümmerte mich um die Pressearbeit, beklebte zusammen mit unseren Musikern Singlehüllen mit Blümchentapete oder trieb mich offiziell als Tourbegleitung backstage auf Konzerten herum. Nebenbei lernte ich, wie man unabhängig von der Meinung anderer sein eigenes Ding durchzieht und dass Strukturen im Leben nicht zwingend ein Indiz für Spießigkeit sein müssen.

Mit dem neuen Kenntnisstand entwickelten sich die Dinge ganz gut. Ich ging zum Casting für diesen Job beim TV. Sie suchten ein Gesicht für ein junges Format beim SFB, dem heutigen RBB. Mancher sagt ja, das allein wäre schon ein Widerspruch in sich. Kurz darauf war ich Moderatorin der Sendung Berlin Beat, wurde zu Filmpreisverleihungen und zu Harald Schmidt eingeladen, bekam gesponserte Klamotten, Werbe-Jobs und Autogrammanfragen. Als die Sendung nach nur einem Jahr wieder eingestellt wurde, hatte ich meine erste große Schlagzeile ganzseitig im Berliner Kurier: »Berlin Beat ist tot – Jackie A. auf Stütze?« Die Medienkarriere war Knall auf Fall vorüber und meine Antwort lautete klein und kursiv: ja.

Ich fasste den Entschluss, wieder zur Schule zu gehen, diesmal ans Theaterinstitut. Bei der Aufnahmeprüfung überzeugte ich in der zu großen Teilen brüllend vorgetragenen Rolle eines geistesgestörten Kindes, bei der ich genau genommen gar nicht viel spielen musste. Mit dreißig Jahren war ich mit Abstand die Älteste in meiner Klasse, und es gab mir auch nie zu denken, dass der französische Schauspiellehrer meinen Stil mit dem von Louis de Funès verglich. Ich fand das sogar schmeichelhaft und träumte davon, mit eigenem Comedyprogramm auf Tour zu gehen. Allerdings war ich zunehmend unkonzentriert im Unterricht und ständig übermüdet, weil ich mein Geld nebenbei nachts inzwischen als Nightlife-Reporterin für den Tip oder die Berliner Zeitung verdiente. Der chronische Schlafentzug forderte seinen Preis. Ich schmiss wieder hin. Die Veränderung blieb Konstante.

Tagesjobs, Nachtjobs, in wechselnden Rollen mit schwarzem, blondem oder rotem Haar unterwegs. Es gibt da die unterschiedlichsten Versionen von Jackie. Und klar bin ich eine von denen, die ihr Profilfoto täglich wechseln. Bei Facebook führe ich weiter, was ich in den Clubs schon betrieb. Den ständigen Wechsel, der sich übrigens nicht allein auf Äußerlichkeiten beschränkt. Sie sind nur das Erste, was man wahrnimmt.

Ich glaube, jeder ist ja verschiedene Persönlichkeiten gleichzeitig. Aber nur die wenigsten sind bereit oder in der Lage, sie auch zu leben. Eine meiner liebsten Persönlichkeiten trägt Fischflosse und rotes langes Haar – eine dichtende Meerjungfrau. Die Rolle war mir von meiner Zeit bei Gudrun Guts Plattenlabel geblieben. Mit dem Oceanclub, einem mehrköpfigen Musikprojekt mit eigener Radiosendung, tourten wir durch Clubs und Kulturhäuser. Eine Kostümschneiderin entwarf mir für wenig Geld dieses großartige Kostüm, ein schillerndes Kleid mit violetter Fischflosse als Schleppe. Darin trug ich meine selbstgeschriebenen Texte aus der Unterwasserwelt vor. Ich stand voll auf diese Nummer, ging nachts auf der Bühne ganz in ihr auf. Ich trug meine Geschichten vor, und die Leute in der ersten Reihe strahlten, als wären sie zu Gast in Atlantis. Schleichend, mit fortschreitender Uhrzeit, stellte sich dann das Meerjungfrauen-Dilemma ein. Der eine oder andere angetrunkene Gast interessierte sich nämlich morgens um drei weniger für meine Texte dafür zunehmend für meine Brüste, die sich unter dem transparenten Stoff abzeichneten. Auf Nervige-Typen-in-Clubs-Abwimmeln war ich jedoch schon länger spezialisiert, und so überwogen eindeutig die guten Momente. Einige Fotos der Meerjungfrauen-Episode habe ich auf Facebook gestellt. Jeder kann sie dort sehen, auch wenn ich von den über tausend Freunden nicht einmal die Hälfte kenne. Aus dem Nachtleben weiß ich, dass man sich nicht persönlich kennen muss, um gute Momente zu teilen. Ob dein Gegenüber mit dir auf einer Wellenlänge liegt oder nicht, zeigt sich im Social Network ganz ähnlich wie an einer Bar. Wirken die Gesten gestellt und ist die Uhr am Handgelenk zu protzig, gleicht das einer mit Pathos formulierten Statusmeldung ohne jede Selbstironie. An der Bar verabschiedet man sich dann mit »Ich bin mal auf Toilette«, bei Facebook wird blockiert oder einfach ignoriert. Dass die meisten Profile frisiert sind, stört mich nicht. Identitäten erahnen ist doch ein schöner Zeitvertreib. Zudem sind die selbstgeschneiderten Welten entlarvender als man vermuten würde. Da fantasiert sich jemand eine Spitzen-Kunstfigur zusammen, mit Namen und Profilfoto aus einem Science-Fiction-Roman, wähnt sich in Anonymität und verrät allein schon durch diese Auswahl jede Menge über sich.

Meine Facebook-Identität trägt einen echten Namen und stets wechselnde Perücken. Die Augenringe werden wegretuschiert und Meldungen gepostet, die regelmäßig an der Realität vorbeischrammen. Ich halte mein Facebook-Ich dennoch für authentisch. Aber in meiner Welt sind auch Plüschbroiler, ein videopostendes Stoffhähnchen oder das philosophierende Haekelschwein real. Dennoch käme ich nicht auf die Idee, private Telefonnummern oder Adressen ins Netz zu stellen. Beim Glück und in der Liebe allerdings bin ich spendabel. Da ist mir nichts zu banal oder zu privat, um es zu teilen: die neuen Sponge-Bob-Hausschuhe, das Lieblingszitat oder eine Momentaufnahme der Oma mit Schlapphut. Viele meiner Freunde halten es ähnlich, und so ist es ein einziges Geben und Nehmen. Hier überließ mir jemand sein altes Handy, als ich postete, dass meines kaputt war, hier wird die Gästeliste klar gemacht, hier finden sich die neuen Freunde, schnelle Likes und ja, auch große Liebesgeschichten. Ich habe hier eine erlebt, allein schon deshalb kann meine Facebook-Bilanz nur positiv sein. Dabei stört mich in letzter Zeit häufiger die Belanglosigkeit, die da zwangsläufig durch die Kürze der Kommentare entsteht, oder ich bin genervt von den Wiederholungen scheinbar endlos geteilter Bilder in der Timeline. Das sind dann diese Momente, in denen ich mich frage, wie mein Leben eigentlich ohne Smartphone und Laptop aussehen würde. Ich versuche mich zu erinnern, wie das so war, unvernetzt und analog. Auf eine Antwort stieß ich zufällig, beim Aufräumen im Keller.

Verschnürt in einer Tüte fand ich einige zerfledderte Büchlein. Die Tüte war hinter ein Regal gerutscht und hatte dort im Staub gelegen. Ich erkannte sie sofort. Sie wurden mir vor Jahren aus der DDR nachgesendet. Nur einen Tag nach der Flucht hatten Fremde unsere Wohnung aufgebrochen und die meisten Sachen mitgehen lassen. Solche Plünderungen passierten während der großen Fluchtwelle andauernd. Ein paar (vermeintlich) wertlose Habseligkeiten, darunter meine Tagebücher, ließen sie zurück. Freunde schickten sie uns nach. Ich weiß noch, wie ich das Paket öffnete und die Tüte mit den Büchern darin sah. Es war aufregend und fühlte sich ähnlich an wie bei einem dieser gelben Westpakete, die wir zu Feiertagen geschickt bekamen. Dieses hier war allerdings kleiner und roch auch nicht nach Fa-Seife oder so. Auf jeden Fall grenzt es an ein Wunder, dass es die Bücher überhaupt noch gibt. Die Jahre von zwölf bis vierzehn sind dort ausführlich festgehalten. Berichte aus einer Zeit, in der sperrige Kofferradios anstelle von MP3-Playern durch Straßen getragen wurden, und als in Ermangelung von E-Mails und SMS noch zerknüllte Zettel mit Nachrichten über Sitzbänke geworfen wurden. Mir wurde klar, dass ich einen Schatz in den Händen hielt: Ein Leben zum Anfassen – ohne Touchscreen! Und weil ich, wie gesagt, andauernd Sachen auf Facebook teile, erfuhr ich, dass auch andere über solche Schätze verfügten. Darunter ganze Koffer voller Liebesbriefe, selbstgeschriebener Gedichte und Tagebücher aus unterschiedlichen Jahrzehnten.

Inzwischen verabreden wir uns zu Lesesalons und lesen uns gegenseitig aus alten Tagebüchern vor. Wir hören gespannt zu, fahren die pubertäre Emotionsachterbahn noch mal gemeinsam rauf und runter – das verbindet, und es gibt immer viel zu lachen. Vor einiger Zeit begann ich, Passagen aus den Tagebüchern abzufotografieren, um sie bei Facebook auf einer eigenen Seite zu posten. Das mag vielleicht etwas merkwürdig klingen, aber ich halte das für wichtig. Auf diese Art möchte ich Dinge bewahren, die mir etwas bedeuten und die es in ein paar Jahrzehnten wahrscheinlich nicht mehr geben wird. Dieses Buch hier bringt die Welten zusammen. Analoge Tagebuchschnipsel treffen auf Blogs aus dem Netz, alte DDR-Briefe auf den aktuellen Facebook-Status. Entstanden sind sechs Kapitel, in denen sich die analoge und digitale Welt direkt gegenüberstehen und so einen ungewohnten Blickwinkel eröffnen. Nebenbei ist es auch noch die Geschichte von Jackie A., einer in die Jahre gekommenen Nachtlebenreporterin.

1
Party!
Feiern auf Facebook, mit Gott und David Hasselhoff

Du weißt, dass du zu lange feiern bist, wenn dir ein Unbekannter vor der Clubtoilette im Vorbeigehen zehn Euro in die Hand drückt und sagt: »Danke. Stimmt so.« Dann ist es an der Zeit, den ewigen Partykreislauf zu unterbrechen und ein bisschen kürzer zu treten, sich einen festen Partner zu suchen oder einen Yogakurs zu belegen. Bis es so weit ist, liegt vor dir ein mehr oder weniger beschwerlicher Weg, dessen Pflaster von leeren Moët-Flaschen, Zigarettenstummeln, benutzten Kondomen, kaputten Sonnenbrillen, Strohhalmen, Konfetti und Kronkorken übersät ist. Ich wanderte Jahrzehnte auf Berliner Partypfaden. Das Feiern war mir ein echtes Anliegen, ich betrachtete es als Auftrag und habe es daher irgendwann zum Beruf gemacht. Und wie in vielen öffentlichen Berufen, die man lange genug ausübt, wird man irgendwann verbeamtet. Ich begann, als Partyreporterin für Magazine zu schreiben und gefiel mir gleich ziemlich gut in der Rolle. Ich trug schwarze Trenchcoats und positionierte mich in den dunklen Ecken der Clubs. Dort errichtete ich meinen Wachposten, was nicht heißt, dass ich auch immer wach blieb. Aber auch in ungünstigen Situationen, wie auf einer schlecht beleuchteten Tanzfläche, machte ich mit versteinerter Miene zwischen Tanzenden meine Notizen. Auf dem Block standen dann Stichworte, wie »Einrichtung schlimm, viel Kunstleder, DJ XY unzumutbar, Barmann twittert, statt vernünftige Drinks zu mixen.«

Als Partybeamtin im Sturm der Nacht hielt ich mich auch dann noch am Tresen aufrecht, wenn andere schon betrunken und desolat aus der Clubtüre wankten oder herausgetragen wurden. Ein paar Stunden später formulierte ich dann den Text für die Zeitung.

Man kann sich vielleicht vorstellen, dass dies nicht immer problemlos funktionierte. Es gibt daher nur sehr wenige hauptberufliche Partybeamte in Berlin und es braucht Jahrzehnte des Trainings, bis das Unmögliche möglich wird: In der Lage sein, dem Taxifahrer nach der Party klar und deutlich den Weg nach Hause beschreiben zu können und dann am nächsten Morgen, verkatert und noch das verschmierte Make-up im Gesicht, einen griffigen Text formulieren.

Darüber hinaus wird der Partyalltag ganz allgemein unterschätzt, denn selbst das schnöde Feiern will gekonnt sein, und nicht jeder in Deutschland hat das Zeug dazu, ein tauglicher Partygast zu sein.

Wie man unschwer aus meinen Tagebucheinträgen herauslesen kann, wurde auch ich nicht als Partyexpertin geboren. Auf frühen Faschingsevents und Geburtstagspartys hatte ich meine Emotionen oft nicht im Griff. Ich war ein launischer und unberechenbarer Gast, der darauf bestand, nur im Kostüm einer Prinzessin – und in keinem anderen! – teilzunehmen. Als ich in der vierten Klasse war, hatte meine Mutter, entgegen der Abmachung, für eine Faschingsparty ein Bauchtanzkostüm genäht. Es bestand aus ineinanderfließenden bunten Stoffen und einer improvisierten Stirnkette mit kleinen Münzen daran. Mit dem Outfit konfrontiert, rannte ich heulend in mein Zimmer und schloss mich ein. Meiner Mutter gelang es, mich zu überreden, das Kostüm doch noch anzuziehen, und sie fuhr mich mit zweistündiger Verspätung mit dem Auto zur Party. Die war in vollem Gange. Zwischen tanzenden Rotkäppchen, Piraten und Königinnen sah man eine deprimierte Bauchtänzerin mit Złoty-Münzen auf der Stirn, die sich abseits in einer Ecke mit Fassbrause betrank.

Inzwischen bin ich für meine Garderobe eigenverantwortlich und trage auf Partys statt Złoty-Münzen lieber wechselnde Perücken in Kupfer, Schwarz oder Blond auf dem Haupt. Manchmal fragen mich Leute, warum ich das tue, ob ich vielleicht eine schlimme Krankheit habe oder einfach nicht erkannt werden möchte. Dann seufze ich, gehe an die Bar und bestelle abseits vom Gedränge einen bis fünfhundert Drinks.

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Digital

Tschüssikowski, Bar 25

Publikum: aufgeregt, verschallert

Lokalität: improvisierte Westernranch/charmante Sperrmüllhalde am Wasser

Atmosphäre: Zwischen Dschungelbuch, geschlossener Psychiatrie und Kindergeburtstag

Besondere Kennzeichen: Schaukel im Baum

Eine Partybeamtin bricht nicht in Tränen aus, nur weil ein Club schließen muss. Sie verfasst auch keine gefühlsduseligen Gedichte oder hinterlässt zig pathetische Statusmeldungen zum Thema bei Facebook, und niemals würde sie sich eine »25« auf den Innenarm tätowieren lassen, wie ein berühmter DJ das mal getan hat. Sie ist ein Mensch der Fakten und lässt diese für sich sprechen.

Ich werde Ihnen nun meinen ersten Besuch in der Bar 25 schildern. Es war vor Jahren, als ich mich mit einer Kollegin zur Inspektion des schon damals berüchtigten Clubs verabredete. Wir waren beeindruckt von den Gerüchten rund um Personen, die hier angeblich mit Handys auf der Tanzfläche masturbieren, von hyperaktiven Hippies mit Unterhosen voller Konfetti und von GHB-Drogenopfern, die im Minutentakt auf Krankentragen abtransportiert würden – beim Eintreten waren wir dementsprechend ziemlich nervös. Das Erste, was mir dann auffiel, war die Herzlichkeit der Anwesenden. Die Bar war, wie sich herausstellte, eine in sich geschlossene Welt, ein Ferienlager mit Wasserblick, mit Schaukeln an Bäumen und buntem Publikum. Kostümierte Realitätsflüchtlinge; energiegeladene, abgewrackte, alte und jüngere Suchende, die im Wurmloch 25 auf jede erdenkliche Art Zeit und Raum verplemperten – nur masturbiert hatte niemand.

Eine Frau in Samtmäntelchen und mit Königinnenkrone versah unseren Weg mit rot gestreiften Verkehrshüten, daneben stolperte eine Gruppe Matrosen aus einem Fotoautomaten – etwas mit Elfenflügeln hing matt, aber glücklich in einer Schaukel unter einem Baum. Der Club war von beinahe allen Seiten offen, Sonnenstrahlen glitzerten auf der Spree, die Tanzfläche war berstend voll. Beim Durchdrängeln kam ich mit diversen Leuten ins Gespräch, Getränke und ein Strohhut wurden angeboten, nach Zigaretten wurde gefragt, jemand verdrehte auf lustige Art die Augen – ich machte ein komisches Gesicht zurück. Stunden süßen Nichtstuns vergingen, und die Kollegin war lange schon verschwunden. Ich fand sie später im benachbarten Areal des Circus im Sand unter einem Raver vergraben, es ging wohl um Erotik. Weil die Kollegin sonst eher sachlich unterwegs war, habe ich mich natürlich für sie gefreut. In Feierlaune bestellte ich Sekt an der Bar, die Tresenkraft gab dazu noch Schnäpse aus. Gegenüber tanzte extrovertiert ein Tourist aus L.A., der nach weiteren Getränken für mich wie Jesus Luz aussah – dieser Liebhaber von Madonna – nur in interessant. Tatsächlich tanzten wir bald zusammen sehr engagiert und unterhielten uns auch stundenlang, es hagelte Konfetti, irgendwann dann knutschten wir wie verrückt und verabredeten uns bei ihm in L.A. Dass ich einen Job hatte und in einer Beziehung steckte, hatte ich in diesem Moment total vergessen. Tags darauf beichtete ich meinem Partner die Geschichte und die ohnehin schon stark angeschlagene Beziehung war nach kurzer Schreierei beendet. Ich nahm mir frei und buchte einen Flug nach L.A. Es sollte der schlechteste Urlaub meines Lebens werden, die Party in der Bar war allerdings, mal rein faktenmäßig betrachtet, ganz gut.

Party mit Siegfried und Roy – zu Gast bei der Türkischen Community

Einrichtung: Harald-Glööckleresk – Gold und Glanz

Publikum: Clubschiff-Aida-Passagier trifft Michael-Jackson-Double

Waschräume: exzentrisch (pinkes und schwarzes Toilettenpapier)

Atmosphäre: Party mit Außerirdischen auf Kampfstern Galactica

Männer in Glanzanzügen stehen handytelefonierend vor dem futuristischen Unterbau des Berliner Fernsehturms. Die Nummernschilder parkender Luxuslimousinen sind mit Leuchtbuchstaben MIO gekennzeichnet. Üppige Blumengestecke der Sponsoren ADA Tower oder Rechtsanwalt Sami Caki schmücken den Eingang, der rote Teppich ist ausgerollt.

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